Kama Kala Vilasa: Unterschied zwischen den Versionen
Die Seite wurde neu angelegt: „'''Kama Kala Vilasa''' (Sanskrit: कामकलाविलास, IAST: ''Kāmakalāvilāsa'') ist eine in 55 Versen überlieferte Schrift des Shri-Vidya-Tantra, die Punyānanda zugeschrieben wird. Sie beschreibt, wie die eine göttliche Wirklichkeit als Shiva und Shakti, als Klang und Welt, als Mantra und Shri Yantra erscheint. Im Mittelpunkt steht Tripura Sundari: die Göttin, deren Schönheit nicht nur eine äu…“ |
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'''Das Leuchten des Ursprungs – Verse 1–5''' | '''Das Leuchten des Ursprungs – Verse 1–5''' | ||
Möge uns der große Herr schützen, dessen Wesen reines Bewusstseinslicht ist. In ihm ruht das Gewahrsein seiner selbst. Das Entstehen, Bestehen und Vergehen aller Welten ist sein freudiges Spiel. In ewiger, unvergleichlicher Glückseligkeit erstrahlt die ursprüngliche Shakti. Alles, was sich bewegt, und alles, was stillsteht, liegt keimhaft in ihr. Sie ist der klare Spiegel, in dem Shiva sich selbst erkennt. | Möge uns der große Herr schützen, dessen Wesen reines Bewusstseinslicht ist. In ihm ruht das Gewahrsein seiner selbst. Das Entstehen, Bestehen und Vergehen aller Welten ist sein freudiges Spiel. In ewiger, unvergleichlicher Glückseligkeit erstrahlt die ursprüngliche Shakti. Alles, was sich bewegt, und alles, was stillsteht, liegt keimhaft in ihr. Sie ist der klare Spiegel, in dem Shiva sich selbst erkennt. | ||
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'''Drei Bindus, eine Wirklichkeit – Verse 6–10''' | '''Drei Bindus, eine Wirklichkeit – Verse 6–10''' | ||
Weißer und roter Bindu durchdringen einander. Shiva und Shakti sind in ihnen unterscheidbar; ihre schöpferische Entfaltung zieht sich zugleich in den Ursprung zusammen. Aus diesem Paar entstehen Wort und Bedeutung. Ihre vollkommene Einheit ist der Sonnen-Bindu, dessen Wesen das umfassende Ich ist. Weil er liebenswert ist, heißt er Kama; die beiden als Feuer und Mond erscheinenden Bindus sind Kala. | Weißer und roter Bindu durchdringen einander. Shiva und Shakti sind in ihnen unterscheidbar; ihre schöpferische Entfaltung zieht sich zugleich in den Ursprung zusammen. Aus diesem Paar entstehen Wort und Bedeutung. Ihre vollkommene Einheit ist der Sonnen-Bindu, dessen Wesen das umfassende Ich ist. Weil er liebenswert ist, heißt er Kama; die beiden als Feuer und Mond erscheinenden Bindus sind Kala. | ||
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'''Wissen und Gottheit gehören zusammen – Verse 11–14''' | '''Wissen und Gottheit gehören zusammen – Verse 11–14''' | ||
Die beiden Bindus sind ungetrennt. Ebenso sind der heilige Mantra und seine Gottheit ungetrennt: das, wodurch erkannt wird, und das, was sich darin erschließt. Wort und Bedeutung gehören immer zusammen, wie Shakti und Shiva. Als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung nehmen sie die Gestalt dreier Keime an. | Die beiden Bindus sind ungetrennt. Ebenso sind der heilige Mantra und seine Gottheit ungetrennt: das, wodurch erkannt wird, und das, was sich darin erschließt. Wort und Bedeutung gehören immer zusammen, wie Shakti und Shiva. Als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung nehmen sie die Gestalt dreier Keime an. | ||
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'''Elemente, Zeit und heilige Laute – Verse 15–19''' | '''Elemente, Zeit und heilige Laute – Verse 15–19''' | ||
Klang, Berührung, sichtbare Gestalt, Geschmack und Geruch sind die feinen Grundlagen der Elemente. Das Frühere durchdringt das Spätere; im stufenweisen Zusammenkommen ergeben sich fünfzehn. Dem entspricht die fünfzehnsilbige Gestalt der ewigen Vidya. Sie durchdringt die nach ihren Eigenschaften unterschiedenen Nitya-Göttinnen. | Klang, Berührung, sichtbare Gestalt, Geschmack und Geruch sind die feinen Grundlagen der Elemente. Das Frühere durchdringt das Spätere; im stufenweisen Zusammenkommen ergeben sich fünfzehn. Dem entspricht die fünfzehnsilbige Gestalt der ewigen Vidya. Sie durchdringt die nach ihren Eigenschaften unterschiedenen Nitya-Göttinnen. | ||
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'''Vom inneren Ursprung zur Gestalt – Verse 20–25''' | '''Vom inneren Ursprung zur Gestalt – Verse 20–25''' | ||
Die höchste Herrin wird innerlich erfasst und bleibt doch jeder festen begrifflichen Eingrenzung entzogen. Sie entfaltet sich dreifach. Als Pashyanti und die weiteren Lautmütter wird sie offenbar und nimmt die Form des Chakras an. Zwischen ihr und dem Chakra besteht keine Trennung: Die eine höchste Kraft ist ihre gemeinsame feine Wirklichkeit und bleibt auch in den ausgeformten Gestalten gegenwärtig. | Die höchste Herrin wird innerlich erfasst und bleibt doch jeder festen begrifflichen Eingrenzung entzogen. Sie entfaltet sich dreifach. Als Pashyanti und die weiteren Lautmütter wird sie offenbar und nimmt die Form des Chakras an. Zwischen ihr und dem Chakra besteht keine Trennung: Die eine höchste Kraft ist ihre gemeinsame feine Wirklichkeit und bleibt auch in den ausgeformten Gestalten gegenwärtig. | ||
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'''Die Kraft der inneren und äußeren Sprache – Verse 26–28''' | '''Die Kraft der inneren und äußeren Sprache – Verse 26–28''' | ||
Die eine höchste Sprachkraft ist Para. In ihrer weiteren Erscheinung entfalten sich die einzelnen Mutterkräfte, beginnend mit Vama. Die Mutter wird neunfach und steht dabei im Zusammenhang mit Madhyama, der mittleren Sprache. Die genaue Benennung am Ende dieses Verses bleibt sprachlich schwierig. | Die eine höchste Sprachkraft ist Para. In ihrer weiteren Erscheinung entfalten sich die einzelnen Mutterkräfte, beginnend mit Vama. Die Mutter wird neunfach und steht dabei im Zusammenhang mit Madhyama, der mittleren Sprache. Die genaue Benennung am Ende dieses Verses bleibt sprachlich schwierig. | ||
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'''Das Chakra entfaltet seine Ordnung – Verse 29–34''' | '''Das Chakra entfaltet seine Ordnung – Verse 29–34''' | ||
Aus dem mittleren Dreieck entfaltet sich der achtwinklige Bereich. Die drei Zischlaute und die fünf Laute der pa-Gruppe entsprechen ihm. Neun Winkel und das Zentrum bilden zusammen eine vom Bewusstsein erhellte Zehnheit. Ihr zweifacher Widerschein entfaltet die beiden zehnwinkligen Bereiche, die den vier Konsonantengruppen ta, ṭa, ca und ka entsprechen. | Aus dem mittleren Dreieck entfaltet sich der achtwinklige Bereich. Die drei Zischlaute und die fünf Laute der pa-Gruppe entsprechen ihm. Neun Winkel und das Zentrum bilden zusammen eine vom Bewusstsein erhellte Zehnheit. Ihr zweifacher Widerschein entfaltet die beiden zehnwinkligen Bereiche, die den vier Konsonantengruppen ta, ṭa, ca und ka entsprechen. | ||
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'''Die Mutter und die Kräfte ihres Körpers – Verse 35–39''' | '''Die Mutter und die Kräfte ihres Körpers – Verse 35–39''' | ||
Wie ein Fuß einen Schritt setzt, entfaltet sich eine geordnete Folge. Diese Entfaltung erscheint als die Kreise der Gottheiten und als die Reihe der Gurus. Beide breiten sich aus den Lotusfüßen der Mutter aus. Wenn die höchste Herrin Chakragestalt annimmt, werden ihre eigenen Körperglieder zu den Gottheiten der umgebenden Kreise. | Wie ein Fuß einen Schritt setzt, entfaltet sich eine geordnete Folge. Diese Entfaltung erscheint als die Kreise der Gottheiten und als die Reihe der Gurus. Beide breiten sich aus den Lotusfüßen der Mutter aus. Wenn die höchste Herrin Chakragestalt annimmt, werden ihre eigenen Körperglieder zu den Gottheiten der umgebenden Kreise. | ||
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'''Wahrnehmung als Ausdruck der Göttin – Verse 40–45''' | '''Wahrnehmung als Ausdruck der Göttin – Verse 40–45''' | ||
Im achtwinkligen Bereich wohnen Vashini und die weiteren Göttinnen, rot wie die Dämmerung. Sie sind der achtgliedrige subtile Leib der Göttin. Ihr Körper ist das Chakra, ihr Wesen ist Bewusstsein. Die auf seine Gegenstände bezogenen Regungen nehmen die Gestalten Sarvajnas und der weiteren Kräfte an. Im inneren zehnwinkligen Bereich leuchten sie wie der Herbstmond. | Im achtwinkligen Bereich wohnen Vashini und die weiteren Göttinnen, rot wie die Dämmerung. Sie sind der achtgliedrige subtile Leib der Göttin. Ihr Körper ist das Chakra, ihr Wesen ist Bewusstsein. Die auf seine Gegenstände bezogenen Regungen nehmen die Gestalten Sarvajnas und der weiteren Kräfte an. Im inneren zehnwinkligen Bereich leuchten sie wie der Herbstmond. | ||
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'''Die Weitergabe der Erkenntnis – Verse 50–53''' | '''Die Weitergabe der Erkenntnis – Verse 50–53''' | ||
Die höchste Glückseligkeit wird als Bindu erfahren, der vom höchsten Guru ungetrennt ist. In der Entfaltungsfolge nimmt er, ohne diese Einheit zu verlieren, die Gestalt Kameshas an, das Selbstgewahrsein des Bewusstseins. In der heiligen Ursprungserzählung sitzt Shiva im Krita-Yuga als Guru auf dem heiligen Sitz und übergibt die Vidya seiner eigenen Shakti, Kameshvari. | Die höchste Glückseligkeit wird als Bindu erfahren, der vom höchsten Guru ungetrennt ist. In der Entfaltungsfolge nimmt er, ohne diese Einheit zu verlieren, die Gestalt Kameshas an, das Selbstgewahrsein des Bewusstseins. In der heiligen Ursprungserzählung sitzt Shiva im Krita-Yuga als Guru auf dem heiligen Sitz und übergibt die Vidya seiner eigenen Shakti, Kameshvari. | ||
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'''Spiel der Liebe und Dank an den Fährmann – Verse 54–55''' | '''Spiel der Liebe und Dank an den Fährmann – Verse 54–55''' | ||
So ist aus Punyānanda dieses Spiel der Kamakala hervorgegangen. Wie die anmutige Bewegung der Geliebten ihren Liebhaber erfreut, möge es im höchsten Shiva das liebende Empfinden und die Freude wecken. | So ist aus Punyānanda dieses Spiel der Kamakala hervorgegangen. Wie die anmutige Bewegung der Geliebten ihren Liebhaber erfreut, möge es im höchsten Shiva das liebende Empfinden und die Freude wecken. | ||
Aktuelle Version vom 16. September 2026, 19:31 Uhr
Kama Kala Vilasa (Sanskrit: कामकलाविलास, IAST: Kāmakalāvilāsa) ist eine in 55 Versen überlieferte Schrift des Shri-Vidya-Tantra, die Punyānanda zugeschrieben wird. Sie beschreibt, wie die eine göttliche Wirklichkeit als Shiva und Shakti, als Klang und Welt, als Mantra und Shri Yantra erscheint. Im Mittelpunkt steht Tripura Sundari: die Göttin, deren Schönheit nicht nur eine äußere Gestalt bezeichnet, sondern die untrennbare Einheit von Bewusstsein, schöpferischer Kraft und Glückseligkeit. Der Weg des Werkes führt vom leuchtenden Ursprung der Welt zur Erkenntnis, dass die suchende Seele von diesem Ursprung nicht abgeschnitten ist.

Ein einziger Punkt, aus dem eine ganze Welt hervortritt; ein Spiegel, in dem das Bewusstsein sich selbst erkennt; ein Fährmann, der über den Ozean des Verlangens führt: Mit solchen Bildern verbindet der Kama Kala Vilasa philosophische Tiefe und Hingabe. Für spirituelle Aspiranten liegt darin eine ermutigende Botschaft. Die heilige Wirklichkeit, nach der sie suchen, ist nach dieser Lehre auch im eigenen Erkennen gegenwärtig. Mantra, Yantra und Meditation dienen dazu, diese Gegenwart bewusster zu erfahren.
Die Schrift erschließt sich am besten in kleinen Schritten. Hinter ihren Zahlen, Lauten und Göttinnennamen kehrt ein Gedanke wieder: Die Vielfalt des Lebens entfaltet sich aus einer Einheit, die durch ihre Entfaltung ganz bleibt. Dieses Verständnis kann der täglichen Sadhana eine klare Richtung geben – von der Zerstreuung zur Sammlung, von der Sammlung zur Einsicht und von der Einsicht zu vertiefter Verehrung.
Ein guter Einstieg
Für eine erste Begegnung eignet sich die deutsche Lesefassung. Wer einen kurzen Abschnitt meditativ betrachten möchte, kann mit Vers 2 über Shakti als Spiegel, Vers 8 über befreiende Erkenntnis oder Vers 55 über die Gnade des Gurus beginnen. Die Versauswahl lädt zur wiederholten Lektüre ein. Für das genauere Studium bietet der Hauptteil zu jedem Vers Sanskrit, Übersetzung und Worterklärungen.
Bedeutung, Überlieferung und Aufbau
Kāma bedeutet Begehren, Liebe oder das Liebenswerte; kalā bezeichnet einen Teil, eine Teilkraft oder einen schöpferischen Aspekt; vilāsa ist Spiel, anmutige Bewegung oder Entfaltung. Der Titel lässt sich als „Das Spiel der schöpferischen Liebeskraft“ wiedergeben. Im engeren Sinn bezeichnet er die Entfaltung der Kāmakalā, einer in drei Bindus versinnbildlichten Einheit. Vers 7 erläutert diese durch Sonne, Feuer und Mond. Im Folgenden bleibt „Kamakala“ als Fachbegriff erhalten, damit diese besondere Bedeutung erkennbar bleibt.
Der Autor nennt sich in Vers 54 Punyānanda. Eine genaue Lebenszeit lässt sich aus dem Grundtext nicht gewinnen. Das Werk gehört zur tantrischen Tradition der Verehrung Tripura Sundaris. Seine Liebessprache beschreibt die wechselseitige Durchdringung von Shiva und Shakti und die Freude ihrer Einheit. Der Kommentar Cidvallī des Naṭanānanda erschließt viele seiner knappen Entsprechungen. Eine Ausgabe erschien 1918 als Band 12 der Kashmir Series of Texts and Studies. Der Druck von 1918 dokumentiert die Überlieferung des Textes; die Entstehungszeit und der Entstehungsort des Werkes bleiben damit offen.
Der Grundtext hat keine Kapitelüberschriften. Inhaltlich lassen sich vier Bewegungen unterscheiden:
- Verse 1–14: Shiva, Shakti, universales Ich und die drei Bindus.
- Verse 15–34: Elemente, Mantralaute, Sprachstufen und Entfaltung des Shri-Chakras.
- Verse 35–49: Göttinnenkreise, innere Vermögen, Mudras und besondere Kräfte.
- Verse 50–55: Guru-Überlieferung, göttliche Unterweisung und abschließender Dank.
Inhaltlich steht das Werk besonders Yogini Hridaya, Vamakeshvara Tantra und Nitya Shodashikarnava nahe. Die Frage nach Bewusstsein und seinem Selbstgewahrsein bietet außerdem einen Zugang zu Pratyabhijnahridaya und Paratrimsika. Das vergleichende Studium macht sowohl gemeinsame Fragen als auch die jeweiligen Besonderheiten ihrer Lehren und Ritualordnungen sichtbar.
Shiva, Shakti und das Geheimnis der Kamakala
Licht, das sich selbst erkennt
Shiva erscheint als prakāśa, das Leuchten des Bewusstseins. Shakti ist vimarśa, dessen lebendiges Selbstgewahrsein. Es handelt sich um zwei unterscheidbare Seiten einer untrennbaren Wirklichkeit. Ein Licht, das etwas sichtbar macht, und das Wissen „ich erfahre“ dienen hier als Annäherungen. Der Text spricht jedoch von einem Bewusstsein, in dem auch die Unterscheidung zwischen Erkennendem und Erkanntem ihren Ursprung hat.
Vers 4 entfaltet ein eindrückliches Bild: Die Sonne Shivas spiegelt sich im klaren Spiegel Shaktis; auf einer Wand aus Bewusstsein erscheint der große Bindu. Die Welt entsteht in diesem Bild innerhalb des Bewusstseins. Sie fällt nicht aus dem Göttlichen heraus. Der weiße, der rote und der beide vereinende Bindu stehen für Aspekte dieses schöpferischen Geschehens. Kamakala ist deshalb mehr als ein einzelner Punkt: Sie ist die verdichtete Einheit, aus der sich die Vielheit entfaltet.
Das umfassende Ich
Das ahaṃkāra von Vers 5 meint im Zusammenhang dieses Verses das allumfassende „Ich“, in dem der Weltkreis aufgehoben ist. Damit unterscheidet sich dieses Ich vom begrenzten Ichbewusstsein der einzelnen Person. Gemeint ist jener Bewusstseinsgrund, der die eigene Person und die Welt umfasst. In meditativer Betrachtung verschiebt sich so die Aufmerksamkeit vom Inhalt des Selbstbildes zu der Fähigkeit, sich seiner überhaupt gewahr zu sein. Vers 8 verbindet die Erkenntnis der Kamakala mit Befreiung und mit dem Wesen der großen Tripura Sundari.
Die Göttin in ihren vielen Gestalten
Tripura Sundari sitzt im Zentrum auf dem Schoß Kameshvaras. Ihre Hände tragen Schlinge, Stachel, Zuckerrohrbogen und Blumenpfeile; ihre Augen sind Mond, Sonne und Feuer. Diese sinnliche Bildsprache verbindet Hingabe mit Erkenntnis. Die Göttinnen der äußeren Kreise bleiben Entfaltungen ihres einen Wesens. Der Text verbindet sie mit Sinnesqualitäten, Erkenntnisorganen, Handlungsorganen und Denken. Auch das gewöhnliche Wahrnehmen erhält dadurch einen Platz im heiligen Ganzen.
Mantra, Yantra und Meditation

Vier Stufen der Sprache
Die Schrift entfaltet die Beziehung zwischen Parā, Paśyantī, Madhyamā und Vaikharī. Zum Verständnis lassen sie sich als höchste, noch ungeteilte Sprachkraft; schauende, keimhafte Sprachkraft; innere oder mittlere Sprache; und artikulierte Sprache erläutern. Diese Annäherungen sind keine starre Zuordnung zu heutigen psychologischen Kategorien. Im Werk sind sie zugleich göttliche Kräfte und Stufen der Manifestation des Chakras.
Laute, Elemente und Erkenntnisvermögen werden als zusammengehörige Entfaltungen der einen Kraft betrachtet. Die Buchstaben erhalten dadurch eine schöpferische und zugleich meditative Bedeutung. Die fünfzehn Silben der Vidya, die Mondtage und die Nitya-Göttinnen gehören in dieses Netz von Entsprechungen. Vers 11 erklärt die Einheit von Vidya und Gottheit, Vers 21 die Einheit von Chakra und Göttin.
Das Shri-Chakra als Gegenwart der Göttin
Das Shri-Chakra umfasst Zentrum, Dreiecksbereiche, Lotuskränze und Umfriedung. Der Text führt vom Bindu nach außen und beschreibt das Sichtbarwerden der Einheit als geordnete Vielheit. Im betrachtenden Nachvollzug kann dieses Bild den Geist sammeln: Viele Kräfte und Wahrnehmungen besitzen einen gemeinsamen Grund. Die formelle Puja der einzelnen Umhüllungen gehört dagegen in eine überlieferte Praxis mit entsprechender Unterweisung.
Die Bereiche des Shri-Chakras auf einen Blick
Die folgende Übersicht folgt der Bewegung des Textes von innen nach außen. Die „acht“, „zehn“ oder „vierzehn Winkel“ bezeichnen dabei Gruppen dreieckiger Teilflächen. Eine Āvaraṇa, eine Umhüllung oder ein Verehrungsbereich, kann auch aus einem Lotuskranz oder der äußeren Umfriedung bestehen.
| Bereich von innen nach außen | Bedeutung im Kama Kala Vilasa | Verse |
|---|---|---|
| Bindu, der Mittelpunkt | Höchste Shakti; Sitz Tripura Sundaris mit Kameshvara | 22, 37–38 |
| Mittleres Dreieck | Drei Bindus, drei Keime und göttliche Polarität | 22–25, 39 |
| Acht Dreiecke | Lautkräfte; Vashini und die weiteren Göttinnen als subtiler Leib | 29, 40 |
| Innere zehn Dreiecke | Sarvajna und die weiteren Kräfte; Regungen in Bezug auf die Erfahrungsgegenstände | 30, 41 |
| Äußere zehn Dreiecke | Gegenstände der Erkenntnis- und Handlungsorgane | 30, 42 |
| Vierzehn Dreiecke | Vokale und die vierzehn Wahrnehmungs-, Handlungs- und inneren Vermögen | 31, 43 |
| Achtblättriger Lotus | Lautgruppen; Urnatur, Erkenntniskraft, Ich-Bildung und fünf feine Sinnesqualitäten | 33, 44 |
| Sechzehnblättriger Lotus | Vokalreihe; fünf Elemente, zehn Organe und Denken | 33, 45 |
| Dreifache quadratische Umfriedung | Mudra-Kräfte, Muttergöttinnen und besondere Fähigkeiten | 34, 46–49 |
Die Dreiecksbereiche umfassen zusammen 1 + 8 + 10 + 10 + 14 = 43 Teilflächen. Die umgebenden Kreise werden in Vers 34 zusätzlich genannt. Für das Verständnis ist der Zusammenhang entscheidend: Jede Ebene entfaltet dieselbe Göttin. So lässt sich auch die Verbindung zwischen Kosmos und innerer Erfahrung erfassen – das Diagramm veranschaulicht zugleich Weltentstehung und die Kräfte, durch die wir Welt erfahren.
Bedeutung für Yoga-Aspiranten
Für Yoga und Meditation liegt die unmittelbare Anregung in der Verbindung von Sammlung, Verehrung und Selbsterkenntnis. Dharana kann sich an einem Bild oder einem Vers sammeln; Dhyana vertieft das stille Verweilen bei dessen Bedeutung. Solche heutigen Anwendungen sind Anregungen aus dem Text, keine darin ausgeschriebene Übungsfolge.
Der Schwerpunkt des Grundtextes liegt auf Erkenntnis und heiliger Betrachtung. Der Kommentar verbindet die Sprachkräfte außerdem mit Kundalini, innerem Klang und Samadhi und erläutert die neun Stützpunkte von Vers 47. Dieses besondere Neunerschema ist von den verbreiteten Darstellungen der sieben Chakras zu unterscheiden. Konkrete Verfahren des Pranayama oder der Kundalini-Praxis setzen eine weiterführende Unterweisung voraus.
Kama Kala Vilasa – Sanskrit, Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung
Die folgenden 55 Verse bilden den Grundtext. Die Worterklärungen lösen wichtige Komposita auf und erläutern Fachbegriffe. Wo eine Erläuterung dem Cidvallī folgt, ist dies angegeben. Schwierige Lesungen werden unmittelbar beim betreffenden Vers knapp bezeichnet; Einzelheiten zur Textgrundlage stehen am Ende.
1 sakalabhuvanodayasthitilayamayalīlāvinodanodyuktaḥ |
antarlīnavimarśaḥ pātu maheśaḥ prakāśamātratanuḥ ||
Übersetzung: Möge Mahesha uns schützen: Sein Leib ist reines Leuchten; das Gewahrsein seiner selbst ruht in ihm verborgen. Mit Freude widmet er sich dem Spiel, in dem alle Welten entstehen, bestehen und vergehen.
Wort-für-Wort: sakala – alle; bhuvana – Welt; udaya – Entstehen; sthiti – Bestehen; laya – Auflösung; līlā – Spiel; vinodana – freudiger Zeitvertreib; udyuktaḥ – beschäftigt mit; antarlīna – im Inneren aufgegangen; vimarśa – Selbstgewahrsein; pātu – möge er schützen; maheśaḥ – der große Herr; prakāśa-mātra-tanuḥ – dessen Leib allein Licht/Bewusstseinsleuchten ist.
2 sā jayati śaktirādyā nijasukhamayanityanirupamākārā |
bhāvicarācarabījaṃ śivarūpavimarśanirmalādarśaḥ ||
Übersetzung: Sie triumphiert, die ursprüngliche Shakti: Ihre ewige, unvergleichliche Gestalt besteht aus ihrer eigenen Glückseligkeit. Sie ist der Same alles künftig Beweglichen und Unbeweglichen, der makellose Spiegel, in dem Shivas Wesen sich selbst gewahr wird.
Wort-für-Wort: sā – sie; jayati – sie siegt, erstrahlt über allem; śaktiḥ ādyā – ursprüngliche Kraft; nija-sukha-maya – aus eigener Freude bestehend; nitya – ewig; nirupama – unvergleichlich; bhāvi – künftig werdend; cara-acara – beweglich und unbeweglich; bīja – Same, Ursprung; nirmala-ādarśa – makelloser Spiegel.
3 sphuṭaśivaśaktisamāgamabījāṅkurarūpiṇī parāśaktiḥ |
aṇutararūpānuttaravimarśalipilakṣyavigrahā bhāti ||
Übersetzung: Die höchste Shakti leuchtet auf. In der offenbaren Vereinigung von Shiva und Shakti nimmt sie die Gestalt von Same und Spross an. Ihr Wesen ist überaus subtil und wird durch die Schriftzeichen für das Unübertreffliche und für das Selbstgewahrsein bezeichnet.
Wort-für-Wort: sphuṭa – deutlich, offenbar; samāgama – Vereinigung; bīja-aṅkura-rūpiṇī – die die Gestalt von Same und Spross besitzt; parāśaktiḥ – höchste Kraft; aṇutara-rūpā – von äußerst feiner Gestalt; anuttara – unübertrefflich; vimarśa – Selbstgewahrsein; lipi – Schriftzeichen; lakṣya – bezeichnet, angedeutet; vigraha – Gestalt; bhāti – leuchtet. Der Kommentar bezieht die beiden Zeichen auf a und ha.
4 paraśivaravikaranikare pratiphalati vimarśadarpaṇe viśade |
pratirucirucire kuḍye cittamaye niviśate mahābinduḥ ||
Übersetzung: Wenn die Strahlenschar der Sonne des höchsten Shiva sich im klaren Spiegel des Selbstgewahrseins spiegelt, erscheint der große Bindu auf der aus Bewusstsein bestehenden Wand, die im widergespiegelten Licht erstrahlt.
Wort-für-Wort: paraśiva – höchster Shiva; ravi – Sonne; kara-nikara – Schar von Strahlen; pratiphalati – wenn sich spiegelt; vimarśa-darpaṇa – Spiegel des Selbstgewahrseins; viśada – klar; pratiruci – Widerschein; rucira – leuchtend, schön; kuḍya – Wand; cittamaya – aus Bewusstsein bestehend; niviśate – lässt sich nieder, tritt ein; mahābinduḥ – großer Punkt. Das Spiegelbild ist eine Analogie, keine Aussage über ein materielles Lichtphänomen.
5 cittamayo'haṃkāraḥ suvyaktāhārṇasamarasākāraḥ |
śivaśaktimithunapiṇḍaḥ kavalīkṛtabhuvanamaṇḍalo jayati ||
Übersetzung: Es triumphiert das aus Bewusstsein bestehende Ich: Seine Gestalt ist die vollkommene Einheit der deutlich hervorgetretenen Laute a und ha. Es ist die verdichtete Vereinigung von Shiva und Shakti und hat den gesamten Weltkreis in sich aufgenommen.
Wort-für-Wort: cittamaya – aus Bewusstsein bestehend; ahaṃkāra – Ich-Bildung, hier das universale Ich; suvyakta – deutlich entfaltet; a-ha-arṇa – die Laute a und ha; samarasa – von einem Geschmack, vollkommen geeint; mithuna – Paar; piṇḍa – verdichtete Einheit; kavalīkṛta – verschlungen, ganz aufgenommen; bhuvana-maṇḍala – Weltkreis. Gemeint ist hier nicht die Selbstbehauptung des persönlichen Ego.
6 sitaśoṇabinduyugalaṃ viviktaśivaśaktisaṃkucatprasaram |
vāgarthasṛṣṭihetuḥ parasparānupraviṣṭavispaṣṭam ||
Übersetzung: Das Paar des weißen und des roten Bindu ist Ursache der Entstehung von Wort und Bedeutung. In ihm sind Shiva und Shakti unterscheidbar; ihre Entfaltung zieht sich zusammen. Indem die beiden einander durchdringen, treten sie deutlich hervor.
Wort-für-Wort: sita – weiß; śoṇa – rot; bindu-yugala – Bindu-Paar; vivikta – unterschieden; saṃkucat-prasara – dessen Entfaltung sich zusammenzieht; vāk-artha – Wort und Bedeutung beziehungsweise sprachliche und gegenständliche Welt; sṛṣṭi-hetu – Ursache der Schöpfung; paraspara – gegenseitig; anupraviṣṭa – ineinander eingegangen; vispaṣṭa – deutlich. Das dichte Kompositum beschreibt Unterscheidung innerhalb untrennbarer Einheit.
7 bindurahaṃkārātmā raviretanmithunasamarasākāraḥ |
kāmaḥ kamanīyatayā kalā ca dahanenduvigrahau bindū ||
Übersetzung: Der Bindu, dessen Wesen das Ich ist, ist die Sonne: Er ist die vollkommen geeinte Gestalt dieses Paares. Wegen seiner Liebenswürdigkeit heißt er Kama. Kala sind die beiden Bindus in der Gestalt von Feuer und Mond.
Wort-für-Wort: ahaṃkāra-ātmā – dessen Wesen das Ich ist; raviḥ – Sonne; etan-mithuna – dieses Paar; samarasa-ākāra – Gestalt vollkommener Einheit; kāmaḥ – das Begehrte, der Liebenswerte; kamanīyatayā – aufgrund seiner Liebenswürdigkeit; kalā – Teilkraft, schöpferischer Aspekt; dahana – Feuer; indu – Mond; bindū – die beiden Bindus, Dual.
8 iti kāmakalāvidyā devīcakrakramātmikā seyam |
viditā yena sa mukto bhavati mahātripurasundarīrūpaḥ ||
Übersetzung: Dies ist die Erkenntnis der Kamakala, deren Wesen die Entfaltungsordnung des Chakras der Göttin ist. Wer sie erkannt hat, wird frei und wird zur Gestalt der großen Tripura Sundari.
Wort-für-Wort: kāmakalā-vidyā – Wissen um Kamakala, zugleich ihre heilige Mantra-Weisheit; devī-cakra-krama-ātmikā – deren Wesen die Ordnung des Göttinnenchakras ist; viditā yena – von wem sie erkannt worden ist; saḥ muktaḥ bhavati – der wird befreit; mahātripurasundarī-rūpaḥ – von der Gestalt der großen Tripura Sundari. Die Aussage betrifft verwirklichte Erkenntnis, nicht bloß das Auswendiglernen einer Formel.
9 sphuritādaruṇādbindornādabrahmāṅkurāravo vyaktaḥ |
tasmādgaganasamīraṇadahanodakabhūmivarṇasaṃbhūtiḥ ||
Übersetzung: Aus dem aufleuchtenden roten Bindu wird der Klang offenbar, der Spross des Klang-Brahman. Aus ihm entstehen Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde und die Sprachlaute.
Wort-für-Wort: sphurita – aufgeblitzt, pulsierend hervorgetreten; aruṇa – rötlich; bindoḥ – aus dem Bindu; nāda-brahman – das Absolute als Klang; aṅkura – Spross; ārava – Klang; vyakta – offenbar; gagana – Raum; samīraṇa – Luft; dahana – Feuer; udaka – Wasser; bhūmi – Erde; varṇa – Laut, Buchstabe; saṃbhūti – Entstehung.
10 atha viśadādapi bindorgaganānilavahnivāribhūmijaniḥ |
etatpañcakavikṛti jagadidamaṇvādyajāṇḍaparyantam ||
Übersetzung: Ebenso entstehen aus dem hellen Bindu Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Die ganze Welt, vom kleinsten Teilchen bis zum Weltenei, ist eine Umgestaltung dieser fünf.
Wort-für-Wort: viśada – hell, klar; api – auch; anila – Luft; vahni – Feuer; vāri – Wasser; jani – Geburt; etat-pañcaka – diese Fünfheit; vikṛti – Umgestaltung, Hervorbringung; jagat – Welt; aṇu – kleinstes Teilchen; aja-aṇḍa – Ei des Ungeborenen/Brahmas, Weltenei; paryanta – bis hin zu. „Teilchen“ ist hier keine naturwissenschaftliche Atomtheorie.
11 bindudvitayaṃ yadvad bhedavihīnaṃ parasparaṃ tadvat |
vidyādevatayorapi na bhedaleśo'sti vedyavedakayoḥ ||
Übersetzung: Wie die beiden Bindus voneinander nicht verschieden sind, so gibt es auch zwischen der Vidya und der Gottheit nicht die geringste Trennung: zwischen dem, wodurch erkannt wird, und dem, was erkannt wird.
Wort-für-Wort: bindu-dvitaya – Bindu-Zweizahl; yadvat … tadvat – wie … so; bheda-vihīna – ohne Trennung; vidyā – Wissen, hier auch Mantra; devatā – Gottheit; bheda-leśaḥ – geringste Spur von Unterschied; na asti – ist nicht vorhanden; vedya – zu Erkennendes; vedaka – erkennend, Erkenntnis vermittelnd; vedyavedakayoḥ – der beiden, des Erkannten und des Erkennenden.
12 vāgarthau nityayuktau parasparaṃ śaktiśivamayāvetau |
sṛṣṭisthitilayabhedau tridhā vibhaktau tribījarūpeṇa ||
Übersetzung: Wort und Bedeutung sind ewig miteinander verbunden; sie bestehen aus Shakti und Shiva. Gemäß Schöpfung, Erhaltung und Auflösung entfalten sie sich dreifach in der Gestalt dreier Keime.
Wort-für-Wort: vāk-arthau – Wort und Bedeutung, Dual; nitya-yuktau – ewig verbunden; śakti-śiva-mayau – aus Shakti und Shiva bestehend; sṛṣṭi – Schöpfung; sthiti – Erhaltung; laya – Auflösung; tridhā – dreifach; vibhaktau – gegliedert; tri-bīja-rūpeṇa – in der Gestalt dreier Keime. Der Kommentar verbindet diese mit den drei Teilen der Shri-Vidya-Mantraform.
13 mātā mānaṃ meyaṃ bindutrayaṃ bhinnabījarūpāṇi |
dhāmatrayapīṭhatrayaśaktitrayabhedabhāvitānyapi ca ||
Übersetzung: Erkennender, Erkenntnismittel und Erkanntes sind die drei Bindus in unterschiedlichen Keimgestalten. Sie werden auch in der Unterscheidung dreier Wohnstätten, dreier heiliger Sitze und dreier Kräfte betrachtet.
Wort-für-Wort: mātā – der Erkennende, Nominativ von mātṛ, hier nicht „Mutter“; māna – Maß beziehungsweise Erkenntnismittel; meya – zu Erkennendes; bindu-traya – drei Bindus; bhinna-bīja-rūpa – unterschiedliche Keimgestalten; dhāma – Wohnstätte, Strahlungsbereich; pīṭha – heiliger Sitz; śakti – Kraft; bheda-bhāvita – in Unterschieden betrachtet.
14 teṣu krameṇa liṅgatrayaṃ tadvacca mātṛkātritayam |
itthaṃ tritayapurīyā turīyapīṭhā ca bhedinī vidyā ||
Übersetzung: In ihnen befinden sich der Reihe nach drei Lingas und ebenso drei Matrikas. So besitzt die Vidya eine dreifache Stadtgestalt; sie ist auch der Sitz des Vierten und entfaltet sich in Unterscheidungen.
Wort-für-Wort: teṣu – in ihnen; krameṇa – der Reihe nach; liṅga-traya – drei Zeichen/Lingas; mātṛkā-tritaya – drei Lautmütter beziehungsweise Lautmatrizen; tritaya-purī – dreifache Stadt; turīya-pīṭhā – Sitz des Vierten; bhedinī – sich unterscheidend, gliedernd; vidyā – heilige Erkenntnis/Mantra-Weisheit. Das „Vierte“ ist der die Dreiheit tragende Grund, nicht bloß ein zusätzliches Objekt.
15 śabdasparśau rūpaṃ rasagandhau ceti bhūtasūkṣmāṇi |
vyāpakamādyaṃ vyāpyaṃ tūttarameva krameṇa pañcadaśa ||
Übersetzung: Klang, Berührung, Gestalt, Geschmack und Geruch sind die feinen Grundlagen der Elemente. Das jeweils Frühere durchdringt, das jeweils Folgende wird durchdrungen. In dieser Reihenfolge ergeben sich fünfzehn.
Wort-für-Wort: śabda – Klang; sparśa – Berührung; rūpa – Gestalt, Farbe; rasa – Geschmack; gandha – Geruch; bhūta-sūkṣma – feine Grundlage der Elemente; vyāpaka – durchdringend; ādya – früher, zuerst; vyāpya – durchdrungen; uttara – folgend; pañcadaśa – fünfzehn. Der Kommentar erläutert die kumulative Zählung 1 + 2 + 3 + 4 + 5 = 15.
16 pañcadaśākṣararūpā nityā caiṣā hi bhautikābhimatā |
nityāḥ śabdādiguṇaprabhedabhinnāstathānayā vyāptāḥ ||
Übersetzung: Diese ewige Vidya hat die Gestalt von fünfzehn Silben und wird als mit den Elementen verbunden verstanden. Auch die Nityas, die sich nach den Eigenschaften wie Klang unterscheiden, werden von ihr durchdrungen.
Wort-für-Wort: pañcadaśa-akṣara-rūpā – von fünfzehnsilbiger Gestalt; nityā – die Ewige; bhautika – auf die Elemente bezogen; abhimatā – verstanden als; nityāḥ – die ewigen Göttinnen; śabda-ādi-guṇa – Eigenschaften wie Klang; prabheda-bhinna – durch Unterteilungen unterschieden; anayā vyāptāḥ – von ihr durchdrungen. Ein vollständiger fünfzehnsilbiger Mantra wird hier nicht ausgeschrieben.
17 nityāstithyākārāstithayaśca śivaśaktisamarasākārāḥ |
divasaniśāmayyastāḥ śrīvarṇāste'pi taddvayīrūpāḥ ||
Übersetzung: Die Nityas haben die Gestalt der Mondtage; die Mondtage verkörpern die vollkommene Vereinigung von Shiva und Shakti. Sie bestehen aus Tag und Nacht; auch die heiligen Laute der Shri-Vidya tragen diese zweifache Gestalt.
Wort-für-Wort: nityāḥ – ewige Göttinnen; tithi – Mondtag; ākāra – Gestalt; śiva-śakti-samarasa – Einheit von Shiva und Shakti; divasa-niśā-maya – aus Tag und Nacht bestehend; śrī-varṇa – heilige Laute der Shri-Vidya; tad-dvayī-rūpa – von der Gestalt dieses Paares. Ein Tithi ist eine lunare Zeiteinheit und nicht stets ein bürgerlicher Kalendertag.
18 svaravyañjanabindutrayasamaṣṭibhedairvibhāvitākārā |
ṣaṭtriṃśattattvātmā tattvātītā ca kevalā vidyā ||
Übersetzung: Ihre Gestalt wird in der Gesamtheit und den Unterscheidungen von Vokalen, Konsonanten und drei Bindus betrachtet. Die reine Vidya ist die Gesamtheit der sechsunddreißig Tattvas und geht zugleich über diese hinaus.
Wort-für-Wort: svara – Vokal; vyañjana – Konsonant; bindu-traya – drei Bindus; samaṣṭi – Gesamtheit; bheda – Gliederung; vibhāvita-ākārā – deren Gestalt so betrachtet wird; ṣaṭtriṃśat – sechsunddreißig; tattva-ātmā – deren Wesen die Wirklichkeitsprinzipien sind; tattva-atītā – die Prinzipien überschreitend; kevalā – rein, allein in sich bestehend.
19 vidyāpi tādṛgātmā sūkṣmā sā tripurasundarī devī |
vidyāvedyātmakayoratyantābhedamāmanantyāryāḥ ||
Übersetzung: Auch die Vidya hat dieses Wesen: In ihrer feinen Gestalt ist sie die Göttin Tripura Sundari. Die Ehrwürdigen lehren die völlige Einheit der Vidya und dessen, was durch sie erkannt wird.
Wort-für-Wort: tādṛk-ātmā – von solchem Wesen; sūkṣmā – subtil; tripurasundarī devī – Göttin, die Schönheit der drei Städte; vidyā-vedya-ātmakayoḥ – der als Vidya und als ihr Erkenntnisgegenstand bestehenden beiden; atyanta-abheda – vollständige Nichtverschiedenheit; āmananti – sie überliefern, lehren; āryāḥ – die Ehrwürdigen.
20 yā sāntaroharūpā parā maheśī tribhāvitā saiva |
spaṣṭā paśyantyāditrimātṛkātmā cakratāṃ yātā ||
Übersetzung: Die höchste Herrin, die innerlich erfasst wird, ohne sich begrifflich eingrenzen zu lassen, entfaltet sich dreifach. Als die drei Lautmütter, beginnend mit Pashyanti, tritt sie deutlich hervor und nimmt die Gestalt des Chakras an.
Wort-für-Wort: sāntaroha-rūpā – schwierige Lesung; der Kommentar deutet sie durch antara, das innere Erkenntnisorgan, und ūha, inneres Erwägen ohne feste begriffliche Eingrenzung; parā maheśī – höchste Herrin; tribhāvitā – dreifach betrachtet/entfaltet; spaṣṭā – offenbar; paśyantī-ādi – mit Pashyanti beginnend; tri-mātṛkā-ātmā – die drei Lautmütter als Wesen habend; cakratāṃ yātā – zur Chakragestalt gelangt. Die Übersetzung dieses Kompositums folgt der Kommentardeutung; seine genaue Wortgestalt bleibt unsicher.

21 cakrasyāpi maheśyā na bhedaleśo'pi bhāvyate vibudhaiḥ |
anayoḥ sūkṣmākārā paraiva sthūlayośca na kāpi bhidā ||
Übersetzung: Die Weisen betrachten auch zwischen dem Chakra und der großen Herrin nicht die geringste Trennung. Ihre feine Gestalt ist die höchste Shakti selbst; auch in ihren ausgeformten Gestalten besteht keine Trennung.
Wort-für-Wort: cakrasya – des Chakras; maheśyāḥ – der großen Herrin; bheda-leśa – geringste Trennung; na … api – nicht einmal; bhāvyate – wird betrachtet; vibudhaiḥ – von den Weisen; anayoḥ – dieser beiden; sūkṣma-ākārā – feine Gestalt; sthūlayoḥ – der beiden ausgeformten Erscheinungen; na kāpi bhidā – keinerlei Trennung.
22 madhyaṃ cakrasya syāt parāmayaṃ bindutattvamevedam |
ucchūnaṃ tacca yadā trikoṇarūpeṇa pariṇataṃ spaṣṭam ||
Übersetzung: Das Zentrum des Chakras ist dieses Bindu-Prinzip, das ganz aus der höchsten Shakti besteht. Wenn es sich entfaltet, tritt es deutlich in der Gestalt eines Dreiecks hervor.
Wort-für-Wort: madhya – Mitte; cakra – Rad, heiliges Diagramm; parāmaya – aus der höchsten Shakti bestehend; bindu-tattva – Bindu-Prinzip; ucchūna – angeschwollen, entfaltet; yadā – wenn; trikoṇa-rūpeṇa – in Dreiecksgestalt; pariṇata – umgewandelt, entfaltet; spaṣṭa – sichtbar, deutlich.
23 etatpaśyantyādi tritayanidānaṃ tribījarūpaṃ ca |
vāmā jyeṣṭhā raudrī cāmbikā cānuttarāṃśabhūtāḥ syuḥ ||
Übersetzung: Dies ist der Ursprung der Dreiheit, die mit Pashyanti beginnt, und besitzt die Gestalt dreier Keime. Vama, Jyeshtha und Raudri sowie Ambika sind Aspekte des Unübertrefflichen.
Wort-für-Wort: etat – dies; paśyantī-ādi-tritaya – Dreiheit Pashyanti, Madhyama, Vaikhari; nidāna – Ursprung; tri-bīja-rūpa – dreikeimige Gestalt; vāmā, jyeṣṭhā, raudrī, ambikā – Namen der Kräfte; anuttara-aṃśa-bhūta – als Aspekte des Unübertrefflichen bestehend; syuḥ – sie seien/sind zu verstehen als. Die beiden Vershälften stehen in der Textüberlieferung durch Kommentar voneinander getrennt.
24 icchājñānakriyāśāntāścaitāstathottarāvayavāḥ |
vyastāvyastaṃ tadarṇadvayamidamekādaśātma paśyantī ||
Übersetzung: Wille, Erkenntnis, Handeln und die stille Kraft sind entsprechend die weiteren, oberen Glieder. Das Lautpaar wird in seinen Einzelaspekten und in seiner Einheit als elffach betrachtet und als Pashyanti verstanden.
Wort-für-Wort: icchā – Wille; jñāna – Erkenntnis; kriyā – Handeln; śāntā – die Ruhige; uttara-avayava – weitere/obere Glieder; vyasta-avyasta – getrennt und ungetrennt; arṇa-dvaya – Lautpaar; ekādaśa-ātma – von elffachem Wesen; paśyantī – „die Schauende“, Sprachkraft. Der Kommentar verbindet die Glieder mit den Dreiecken des Shri-Chakras; seine Zählung der elf Aspekte ist nicht völlig transparent.
25 evaṃ kāmakalātmā tribindutattvasvarūpavarṇamayī |
seyaṃ trikoṇarūpaṃ yātā triguṇasvarūpiṇī mātā ||
Übersetzung: So ist die Mutter ihrem Wesen nach Kamakala. Sie besteht aus den Lauten, die das Wesen der drei Bindus ausdrücken; sie nimmt Dreiecksgestalt an und besitzt eine dreifache Beschaffenheit.
Wort-für-Wort: kāmakalā-ātmā – Kamakala als Wesen habend; tri-bindu-tattva – Prinzip der drei Bindus; svarūpa-varṇa-mayī – aus den das Wesen ausdrückenden Lauten bestehend; trikoṇa-rūpaṃ yātā – in Dreiecksgestalt getreten; tri-guṇa-svarūpiṇī – von dreifacher Beschaffenheit; mātā – Mutter. Anders als in Vers 13 ist hier die göttliche Mutter gemeint; der Kommentar erläutert die Dreiheit durch Wille, Erkenntnis und Handeln.
26 ekā parā tadanyā vāmādivyaṣṭi mātṛsṛṣṭyātmā |
tena navātmā jātā mātā sā madhyamābhidhānābhyām ||
Übersetzung: Die eine ist Para; ihre weitere Erscheinung ist die Entstehung der einzelnen Mutterkräfte, beginnend mit Vama. Dadurch ist die Mutter neunfach geworden; sie wird im Zusammenhang mit Madhyama benannt.
Wort-für-Wort: ekā – die eine; parā – höchste Sprachkraft; tad-anyā – die andere beziehungsweise ihre weitere Erscheinung; vyaṣṭi – Einzelgliederung; mātṛ-sṛṣṭi – Entstehung der Mutterkräfte; navātmā – neunfach; jātā – geworden; madhyamā – mittlere Sprachkraft; abhidhānābhyām – durch zwei Benennungen, Instrumental Dual. Der Schluss ist sprachlich schwierig; die Übersetzung gibt den Zusammenhang wieder, ohne die unklare Doppelbenennung zu ergänzen.
27 dvividhā madhyamā sā sūkṣmasthūlākṛtiḥ sthitā sūkṣmā |
navanādamayī sthūlā navavarṇātmā ca bhūtalipyākhyā ||
Übersetzung: Madhyama besteht in zweierlei Gestalt, einer feinen und einer ausgeformten. Fein besteht sie aus neun Klängen; ausgeformt besteht sie aus neun Lauten und heißt Bhutalipi.
Wort-für-Wort: dvividhā – zweifach; madhyamā – mittlere Sprachkraft; sūkṣma – fein; sthūla-ākṛti – ausgeformte Gestalt; nava-nāda-mayī – aus neun Klängen bestehend; nava-varṇa-ātmā – aus neun Lauten bestehend; bhūta-lipi-ākhyā – Bhutalipi genannt, Schrift der Elemente. M00282 liest „neun Lautgruppen“; die ritualsprachliche Bedeutung ist nicht auf eine gewöhnliche Schriftart zu reduzieren.
28 ādyā kāraṇamanyā kāryaṃ tvanayoryatastato hetoḥ |
saiveyaṃ nahi bhedastādātmyaṃ hetuhetumadabhīṣṭam ||
Übersetzung: Die erste ist Ursache, die andere Wirkung. Deshalb sind beide ein und dieselbe; zwischen ihnen besteht keine Trennung. Ursache und Verursachtes werden als wesenseins verstanden.
Wort-für-Wort: ādyā – die erste; kāraṇa – Ursache; anyā – die andere; kārya – Wirkung; yataḥ … tataḥ – weil … deshalb; sā eva iyam – eben jene ist diese; na hi bhedaḥ – wahrlich keine Trennung; tādātmya – Wesenseinheit; hetu – Ursache; hetumat – durch eine Ursache bedingt; abhīṣṭa – angenommen, anerkannt.
29 śaṣasapavargamayaṃ tadvasukoṇaṃ madhyakoṇavistāraḥ |
navakoṇaṃ madhyaṃ cetyasmiṃściddīpadīpike daśake ||
Übersetzung: Der achtwinklige Bereich besteht aus den Lauten śa, ṣa, sa und der pa-Gruppe; er ist die Entfaltung des mittleren Dreiecks. Die neun Winkel und die Mitte bilden diese Zehnheit, erhellt vom Licht des Bewusstseins.
Wort-für-Wort: śa-ṣa-sa – die drei Zischlaute; pa-varga – die fünf Laute pa, pha, ba, bha, ma; vasu-koṇa – achtwinkliger Bereich, vasu als Zahlwort acht; madhya-koṇa – mittleres Dreieck; vistāra – Entfaltung; nava-koṇa – neun Winkel; madhya – Mitte; cit-dīpa – Bewusstseinslampe; daśaka – Zehnheit. Die Zählung bezieht sich auf mittleres Dreieck, acht angrenzende Dreiecke und Zentrum, nicht auf die Gesamtzahl aller Teilflächen.
30 tacchāyā dvitayamidaṃ daśāracakradvayātmanā vitatam |
taṭacakavarga catuṣṭayavilasana vispaṣṭakoṇa vistāram ||
Übersetzung: Ihr zweifacher Widerschein entfaltet sich als die beiden zehnwinkligen Chakras. Deren deutlich hervortretende Winkel entfalten das Spiel der vier Lautgruppen ta, ṭa, ca und ka.
Wort-für-Wort: tat-chāyā – deren Schatten/Widerschein; dvitaya – Zweiheit; daśāra-cakra-dvaya – zwei zehnwinklige Chakras; vitata – ausgebreitet; ta-ṭa-ca-ka-varga-catuṣṭaya – vier Gruppen zu je fünf Konsonanten; vilasana – Aufleuchten, Spiel; vispaṣṭa – deutlich; koṇa-vistāra – Ausbreitung der Winkel. Die zwanzig Konsonanten entsprechen den zweimal zehn Winkeln.
31 etaccakracatuṣkaprabhāsametaṃ daśārapariṇāmaḥ |
ādisvaragaṇagata caturdaśavarṇamayaṃ caturdaśāramidam ||
Übersetzung: Mit dem Glanz dieser vier Chakras verbunden, entfaltet sich aus dem zehnwinkligen Bereich der vierzehnwinklige. Er besteht aus den vierzehn Lauten der anfänglichen Vokalreihe.
Wort-für-Wort: etat-cakra-catuṣka – diese vier Chakras; prabhā-sameta – mit ihrem Glanz vereint; daśāra-pariṇāma – Entfaltung des Zehnwinkligen; ādi-svara-gaṇa – anfängliche Vokalreihe; caturdaśa-varṇa-maya – aus vierzehn Lauten bestehend; caturdaśāra – vierzehnwinklig. Die vier vorausgehenden Bereiche sind Dreieck, Achtwinkliges und die beiden Zehnwinkligen.
32 parayā paśyantyāpi ca madhyamayā sthūlavarṇarūpiṇyā |
ābhirekonapañcāśadakṣarātmā vaikharī jātā ||
Übersetzung: Aus Para, Pashyanti und Madhyama in ausgeformter Lautgestalt entsteht Vaikhari, deren Wesen neunundvierzig Laute umfasst.
Wort-für-Wort: parayā, paśyantyā, madhyamayā – durch Para, Pashyanti, Madhyama, Instrumental; sthūla-varṇa-rūpiṇī – von ausgeformter Lautgestalt; ekona-pañcāśat – fünfzig weniger eins, neunundvierzig; akṣara-ātmā – Laute als Wesen habend; vaikharī – artikulierte Sprache; jātā – entstanden. Zur unterschiedlichen Überlieferung dieser Zahl siehe die Hinweise zur Textgrundlage.
33 kādibhiraṣṭabhirupacitamaṣṭadalābjaṃ ca vaikharīvargaiḥ |
svaragaṇasamuditametad dvyaṣṭadalāmbhoruhaṃ ca saṃcintyam ||
Übersetzung: Der achtblättrige Lotus ist als erfüllt von den acht Lautgruppen der Vaikhari, beginnend mit ka, zu betrachten. Der sechzehnblättrige Lotus ist als von der Vokalreihe erfüllt zu betrachten.
Wort-für-Wort: ka-ādibhiḥ aṣṭabhiḥ – mit den acht, beginnend mit ka; upacita – angefüllt; aṣṭa-dala-abja – achtblättriger Lotus; vaikharī-varga – Gruppen der artikulierten Sprache; svara-gaṇa – Vokalreihe; samudita – zusammengekommen, erfüllt; dvi-aṣṭa – zweimal acht; ambhoruha – Lotus, „im Wasser gewachsen“; saṃcintya – zu betrachten.
34 bindutrayamayatejastritayavikāraṃ ca tāni vṛttāni |
bhūbimbatrayametat paśyantyāditrimātṛviśrānti ||
Übersetzung: Die Kreise sind eine Entfaltung der drei Lichtkräfte, die aus den drei Bindus bestehen. Die drei Umfriedungslinien bilden die Ruhestätte der drei Mutterkräfte, beginnend mit Pashyanti.
Wort-für-Wort: bindu-traya-maya – aus den drei Bindus bestehend; tejas-tritaya – drei Lichtkräfte; vikāra – Entfaltung; vṛtta – Kreis; bhū-bimba-traya – drei Erd-/Umfriedungsfiguren; tri-mātṛ – drei Mutterkräfte; viśrānti – Ruhe, endgültiges Sich-Niederlassen. Gemeint sind die umschließenden Kreise und die dreifache quadratische Umfriedung des Shri-Chakras.
35 kramaṇaṃ padavikṣepaḥ kramodayastena kathyate dvedhā |
āvaraṇaṃ gurupaṅktidvayamidamambāpadāmbujaprasaram ||
Übersetzung: Schreiten bedeutet das Setzen eines Schrittes; daran anknüpfend wird die geordnete Entfaltung zweifach beschrieben: Die umgebenden Gottheitenkreise und die Reihe der Gurus gehen aus den Lotusfüßen der Mutter hervor.
Wort-für-Wort: kramaṇa – Schreiten; pada-vikṣepa – Aussetzen des Fußes; krama-udaya – Entstehen einer Folge/Ordnung; dvedhā – zweifach; āvaraṇa – Umhüllung, Kreis der umgebenden Gottheiten; guru-paṅkti – Reihe der Gurus; dvaya – die beiden; ambā – Mutter; pada-ambuja – Lotusfuß; prasara – Ausbreitung. Das Wortspiel verbindet Schrittfolge, Ritualordnung und Überlieferungsfolge.
36 seyaṃ parā maheśī cakrākāreṇa pariṇameta yadā |
taddehāvayavānāṃ pariṇatirāvaraṇadevatāḥ sarvāḥ ||
Übersetzung: Wenn diese höchste Herrin die Gestalt des Chakras annimmt, sind alle Gottheiten seiner Umhüllungen Entfaltungen ihrer eigenen Körperglieder.
Wort-für-Wort: parā maheśī – höchste Herrin; cakra-ākāreṇa – in Chakragestalt; pariṇameta – sich entfaltet, sich verwandelt; yadā – wenn; tad-deha-avayava – Glieder ihres Körpers; pariṇati – Entfaltung; āvaraṇa-devatāḥ – Gottheiten der umgebenden Kreise; sarvāḥ – alle. Die Vielheit der Göttinnen wird als Ausdruck einer einzigen Devi verstanden.
37 āsīnā bindumaye cakre sā tripurasundarī devī |
kāmeśvarāṅkanilayā kalayā candrasya kalpitottaṃsā ||
Übersetzung: Die Göttin Tripura Sundari sitzt im Chakra, das aus dem Bindu besteht. Ihr Sitz ist der Schoß Kameshvaras; eine Sichel des Mondes bildet ihren Kopfschmuck.
Wort-für-Wort: āsīnā – sitzend; bindu-maya – aus dem Bindu bestehend; kāmeśvara – Herr des schöpferischen Begehrens; aṅka – Schoß; nilaya – Wohnsitz; kalā candrasya – Sichel/Teil des Mondes; kalpita – gestaltet; uttaṃsa – Kopfschmuck.
38 pāśāṅkuśekṣucāpaprasūnaśarapañcakāñcitasvakarā |
bālāruṇāruṇāṅgī śaśibhānukṛśānulocanatritayā ||
Übersetzung: Ihre Hände sind mit Schlinge, Stachel, Zuckerrohrbogen und fünf Blumenpfeilen geschmückt. Ihr Leib ist rot wie die junge Morgenröte; ihre drei Augen sind Mond, Sonne und Feuer.
Wort-für-Wort: pāśa – Schlinge; aṅkuśa – Treibstachel; ikṣu-cāpa – Zuckerrohrbogen; prasūna-śara-pañcaka – fünf Blumenpfeile; añcita-sva-karā – deren Hände geschmückt sind; bāla-aruṇa – frühe Morgenröte; aruṇa-aṅgī – mit rotem Leib; śaśin – Mond; bhānu – Sonne; kṛśānu – Feuer; locana-tritaya – drei Augen.
39 tanmithunaṃ guṇabhedād āste bindutrayātmake tryaśre |
kāmeśvarimitreśvaripramukhadvandvatrayātmanā vitatam ||
Übersetzung: Dieses Paar besteht, nach seinen Eigenschaften unterschieden, im Dreieck aus drei Bindus. Es entfaltet sich in drei Paaren, an deren Spitze Kameshvari und Mitreshvari stehen.
Wort-für-Wort: tat-mithuna – dieses Paar; guṇa-bhedāt – aufgrund unterschiedlicher Eigenschaften; bindu-traya-ātmaka – aus drei Bindus bestehend; tryaśra – Dreieck; kāmeśvari-mitreśvari-pramukha – Kameshvari und Mitreshvari an der Spitze habend; dvandva-traya – drei Paare; vitata – ausgebreitet. Die Namen und ihre Zuordnung zur Guru-Überlieferung weichen in den Fassungen voneinander ab; keine ergänzte Namensliste wird als Versinhalt ausgegeben.

40 vasukoṇanivāsinyo yāstāḥ saṃdhyāruṇā vaśinyādyāḥ |
puryaṣṭakamevedaṃ cakratanoḥ saṃvidātmano devyāḥ ||
Übersetzung: Die im achtwinkligen Bereich wohnenden Göttinnen, beginnend mit Vashini, sind rot wie die Dämmerung. Sie sind der achtgliedrige subtile Leib der Göttin, deren Körper das Chakra und deren Wesen Bewusstsein ist.
Wort-für-Wort: vasu-koṇa-nivāsinī – Bewohnerin des achtwinkligen Bereichs; saṃdhyā-aruṇa – dämmerungsrot; vaśinī-ādyāḥ – Vashini und die folgenden; puryaṣṭaka – achtgliedrige „Stadt“, subtiler Leib; cakra-tanu – deren Leib das Chakra ist; saṃvid-ātman – deren Wesen Bewusstsein ist; devyāḥ – der Göttin.
41 tadviṣayavṛttayastāḥ sarvajñādisvarūpamāpannāḥ |
antardaśāranilayā lasanti śaradindusundarākārāḥ ||
Übersetzung: Die auf dessen Gegenstände gerichteten Regungen nehmen die Gestalten Sarvajnas und der weiteren Göttinnen an. Im inneren zehnwinkligen Bereich leuchten sie in der Schönheit des Herbstmondes.
Wort-für-Wort: tad-viṣaya-vṛtti – auf dessen Gegenstände bezogene Regung; sarvajñā – die Allwissende, Göttinnenname; svarūpam āpanna – eine Gestalt angenommen habend; antar-daśāra – innerer zehnwinkliger Bereich; nilaya – Wohnsitz; lasanti – sie leuchten; śarad-indu – Herbstmond; sundara-ākāra – schöne Gestalt.
42 tadbāhyapaṅktikoṇeṣu yoginyaḥ sarvasiddhidāḥ pūrvāḥ |
devīdhīkarmendriyaviṣayamayyo viśadaveśabhūṣāḍhyāḥ ||
Übersetzung: In den Winkeln der äußeren Reihe wohnen die Yoginis, beginnend mit Sarvasiddhida. Sie bestehen aus den Gegenständen der Erkenntnis- und Handlungsorgane der Göttin und tragen helle Gewänder und reichen Schmuck.
Wort-für-Wort: bāhya-paṅkti-koṇa – Winkel der äußeren Reihe; yoginī – göttliche Kraftgestalt; sarva-siddhi-dā – alle Vollkommenheiten verleihend, hier Name; dhī-indriya – Erkenntnisorgan; karma-indriya – Handlungsorgan; viṣaya-mayī – aus deren Gegenständen bestehend; viśada-veśa – helle Gewandung; bhūṣā-āḍhya – reich an Schmuck.
43 bhuvanāracakrabhavanā devīmanukaraṇavivaraṇasphuraṇāḥ |
saṃdhyāsavarṇavasanāḥ saṃcintyāḥ saṃpradāyayoginyaḥ ||
Übersetzung: Die Yoginis der Überlieferung sind in Gewändern von der Farbe der Dämmerung zu betrachten. Sie wohnen im vierzehnwinkligen Chakra und sind das Aufleuchten der Entfaltung der vierzehn Vermögen der Göttin.
Wort-für-Wort: bhuvana-āra – vierzehnwinklig, bhuvana als Zahlwort nach den vierzehn Welten; cakra-bhavana – das Chakra als Wohnstätte; manu-karaṇa – vierzehn Vermögen/Organe, manu als Zahlwort vierzehn; vivaraṇa – Entfaltung; sphuraṇa – Aufleuchten; saṃdhyā-savarṇa-vasana – Gewänder von Dämmerungsfarbe; saṃcintya – zu betrachten; saṃpradāya-yoginī – Yogini der Überlieferung. Der Kommentar zählt die vierzehn Vermögen als fünf Erkenntnisorgane, fünf Handlungsorgane sowie Manas, Buddhi, Ahamkara und Chitta.
44 avyaktamahadahaṃkṛtitanmātrābhīṣṭavikṛtāṅganākārāḥ |
dviradacchadanasaroje jayanti guptatarayoginīsaṃjñāḥ ||
Übersetzung: Im achtblättrigen Lotus erstrahlen die „noch verborgeneren Yoginis“. Sie haben die Gestalten von Frauen angenommen, in denen sich das Unentfaltete, die große Erkenntniskraft, die Ich-Bildung und die feinen Sinnesqualitäten in erwünschter Weise verkörpern.
Wort-für-Wort: avyakta – unentfaltet, Urnatur; mahat – das Große, kosmische Erkenntniskraft; ahaṃkṛti – Ich-Bildung; tanmātra – feine Sinnesqualität; abhīṣṭa – erwünscht; vikṛta – umgestaltet; aṅganā-ākāra – Frauengestalt; dvirada – Elefant, hier Zahlwort acht; chadana – Blatt; saroja – Lotus; guptatara – noch verborgener; saṃjñā – Bezeichnung. Eins plus eins plus eins plus fünf ergibt acht.
45 bhūtānīndriyadaśakaṃ manaśca devyā vikāraṣoḍaśakam |
kāmākarṣiṇyādisvarūpataḥ ṣoḍaśāramadhyāste ||
Übersetzung: Die Elemente, die zehn Sinnes- und Handlungsorgane und das Denken bilden die sechzehn Entfaltungen der Göttin. Als Kamakarshini und die weiteren Göttinnen bewohnen sie den sechzehnteiligen Bereich.
Wort-für-Wort: bhūtāni – die fünf Elemente; indriya-daśaka – zehn Organe: fünf der Erkenntnis und fünf des Handelns; manas – Denken, innerer Sinn; devyāḥ – der Göttin; vikāra-ṣoḍaśaka – sechzehn Entfaltungen; kāmākarṣiṇī – die das Begehren Anziehende, Göttinnenname; ṣoḍaśāra – sechzehnteiliger Bereich, hier Lotus; adhyāste – bewohnt. Die Zählung lautet 5 + 10 + 1 = 16.
46 mudrāstrikhaṇḍayā saha saṃvinmayyaḥ samucchritāḥ sarvāḥ |
ādimahīgṛhavāsā bhāsā bālārkakāntibhiḥ sadṛśāḥ ||
Übersetzung: Alle Mudras, zusammen mit Trikhanda, erheben sich als Gestalten reinen Bewusstseins. Sie wohnen in der ersten Erdumfriedung und gleichen im Glanz den Strahlen der jungen Sonne.
Wort-für-Wort: mudrāḥ – Siegel, hier auch personifizierte Siegelkräfte; trikhaṇḍayā saha – zusammen mit Trikhanda, der Dreigeteilten; saṃvinmayī – aus Bewusstsein bestehend; samucchrita – erhoben, hervorragend; ādi-mahī-gṛha – erste Erdumfriedung; vāsa – Wohnsitz; bhās – Leuchten; bāla-arka – junge Sonne; kānti – Glanz; sadṛśa – ähnlich.
47 ādhāranavakasthā navacakratvena pariṇatiṃ yātāḥ |
navanāthaśaktayo'pi ca mudrākāreṇa tāścakre ||
Übersetzung: Die in den neun Stützpunkten bestehenden Kräfte haben sich zu den neun Chakras entfaltet. Auch die Kräfte der neun Nathas erscheinen dort in Mudragestalt.
Wort-für-Wort: ādhāra-navaka-stha – in neun Stützpunkten bestehend; nava-cakratvena – als neun Chakras; pariṇatiṃ yāta – zur Entfaltung gelangt; nava-nātha-śakti – Kräfte der neun Nathas; mudrā-ākāreṇa – in Siegelgestalt; cakra – Chakra. Der zweite Halbvers ist syntaktisch gestört; die Übersetzung folgt seinem durch den Kommentar gestützten Sinn.
48 asyāstvagādisaptakamākāraścaivamaṣṭakaṃ spaṣṭam |
brāhmyādimātṛrūpaṃ madhyamabhūbimbametadadhyāste ||
Übersetzung: Ihre sieben Bestandteile, beginnend mit der Haut, und ihre Gestalt bilden eine Achtzahl. Als Brahmi und die weiteren Muttergöttinnen bewohnen sie die mittlere Erdumfriedung.
Wort-für-Wort: asyāḥ – ihre, der Göttin; tvak-ādi-saptaka – sieben Bestandteile, mit der Haut beginnend; ākāra – Gestalt; aṣṭaka – Achtzahl; brāhmī-ādi-mātṛ-rūpa – Gestalt Brahmis und der weiteren Mütter; madhyama-bhū-bimba – mittlere Erdumfriedung; adhyāste – bewohnt. Der Kommentar versteht die sieben Bestandteile als Körpergewebe; der Vers zählt sie nicht einzeln auf.
49 aṇimādibhūtayo'syāḥ svīkṛtakamanīyakāminīrūpāḥ |
vidyāntaraguṇabhāvena phalabhūtā bhūniketanagāḥ ||
Übersetzung: Ihre Kräfte, beginnend mit Anima, haben anmutige Frauengestalten angenommen und wohnen in der Erdumfriedung. Was in anderen Vidyas als Frucht gilt, erscheint hier in untergeordneter Stellung.
Wort-für-Wort: aṇimā – Kleinheit, Fähigkeit des Winzigwerdens; bhūti – besondere Macht, Vollkommenheit; svīkṛta – angenommen; kamanīya-kāminī-rūpa – liebliche Frauengestalt; vidyā-antara – andere heilige Wissens-/Praxiswege; guṇa-bhāvena – als Nebenbestandteil, in untergeordneter Rolle; phala-bhūta – zur Frucht geworden; bhū-niketana-ga – in der Erdumfriedung befindlich.
50 paramānandānubhavaḥ paramagurunirviśeṣabindvātmā |
sa punaḥ krameṇābhinnaḥ kāmeśatvaṃ yayau cidvimarśarūpam ||
Übersetzung: Derjenige, dessen Erfahrung höchste Glückseligkeit ist und dessen Wesen der vom höchsten Guru unverschiedene Bindu ist, nimmt in der Entfaltungsfolge, ohne getrennt zu sein, das Kamesha-Sein an: die Gestalt des Selbstgewahrseins des Bewusstseins.
Wort-für-Wort: parama-ānanda-anubhava – Erfahrung höchster Glückseligkeit; parama-guru – höchster Guru; nirviśeṣa – unterschiedslos, nicht verschieden; bindu-ātmā – Bindu als Wesen habend; krameṇa – in der Folge; abhinna – ungetrennt; kāmeśatva – Kamesha-Sein; yayau – ging ein in; cit-vimarśa-rūpa – Gestalt des Selbstgewahrseins des Bewusstseins. M00282 betont mit bhinna die Gliederung; hier folgt die Übersetzung M00025.
51 āsīnaḥ śrīpīṭhe kṛtayugakāle guruḥ śivo vidyām |
tasyai dadau svaśaktyai kāmeśvaryai vimarśarūpiṇyai ||
Übersetzung: Im Krita-Yuga saß Shiva als Guru auf dem heiligen Sitz. Er gab die Vidya seiner eigenen Shakti, Kameshvari, deren Wesen Selbstgewahrsein ist.
Wort-für-Wort: āsīna – sitzend; śrī-pīṭha – heiliger, herrlicher Sitz; kṛta-yuga-kāle – zur Zeit des Krita-Yuga; guruḥ śivaḥ – Shiva als Guru; vidyām dadau – er gab die Vidya; tasyai – ihr; sva-śaktyai – seiner eigenen Shakti; kāmeśvaryai – Kameshvari; vimarśa-rūpiṇyai – der das Selbstgewahrsein verkörpernden. Dies ist eine heilige Ursprungserzählung, keine historische Datierung.
52 sāpīśā mitreśamukhyānsvāṃśāñjyeṣṭhamadhyabālākhyān |
citprāṇaviṣayarūpāṃs tretādiyugādikāraṇatrigurūn ||
Übersetzung: Auch sie, die Herrin, wandte sich den drei ursprünglichen Gurus der Zeitalter seit dem Treta-Yuga zu: ihren eigenen Teilgestalten, mit Mitresha an der Spitze, als Ältester, Mittlerer und Jüngster bezeichnet und als Bewusstsein, Lebenshauch und Erfahrungsgegenstand bestehend.
Wort-für-Wort: sā api īśā – auch sie, die Herrin; mitreśa-mukhya – mit Mitresha an der Spitze; sva-aṃśān – eigene Teilgestalten, Akkusativ Plural; jyeṣṭha-madhya-bāla – ältester, mittlerer, jüngster; cit-prāṇa-viṣaya – Bewusstsein, Lebenshauch, Erfahrungsgegenstand; tretā-ādi-yuga – Zeitalter seit Treta; ādi-kāraṇa-tri-gurūn – drei Gurus als ursprüngliche Ursachen. Der Satz wird erst im nächsten Vers mit dem Übermitteln der Vidya abgeschlossen.
53 bījatritayādhipatīn parīkṣya vidyāṃ prakāśayāmāsa |
etairoghatritayam anugrahītuṃ gurukramo gaditaḥ ||
Übersetzung: Nachdem sie diese Herren der drei Keime geprüft hatte, offenbarte sie ihnen die Vidya. Die Guru-Folge wurde gelehrt, damit durch sie die drei Überlieferungsströme Gnade empfangen.
Wort-für-Wort: bīja-tritaya-adhipati – Herren der drei Keime; parīkṣya – geprüft habend; vidyāṃ prakāśayāmāsa – sie offenbarte die Vidya; etaiḥ – durch diese; ogha-tritaya – drei Ströme; anugrahītum – um Gnade zu erweisen; guru-krama – Guru-Folge; gadita – ausgesprochen, gelehrt. Der Kommentar versteht die drei Ströme als göttliche, vollendete und menschliche Überlieferung.
54 uditaḥ puṇyānandāditi kāmakalāṅganāvilāso'yam |
paraśivabhujaṅga bhāvākarṣaṇaharṣāya kalpate nityam ||
Übersetzung: So ist dieses Spiel der Kamakala, der göttlichen Frau, aus Punyānanda hervorgegangen. Es dient stets dazu, im höchsten Shiva, ihrem Liebhaber, liebendes Empfinden und Freude zu wecken.
Wort-für-Wort: uditaḥ – hervorgegangen, ausgesprochen; puṇyānandāt – aus/von Punyānanda; kāmakalā-aṅganā – Kamakala als Frau; vilāsa – anmutiges Spiel, Entfaltung; paraśiva – höchster Shiva; bhujaṅga – hier Liebhaber, nicht wörtlich Schlange; bhāva-ākarṣaṇa – Anziehen/Erwecken des Empfindens; harṣa – Freude; kalpate – dient, ist geeignet; nityam – stets. Der Vers spielt zugleich auf die kosmische Entfaltung und auf den Titel des Werkes an.
55 cittāntaraṅgacapalatṛṣṇāsalilaprapañcavārāśeḥ |
yadanugraheṇa tīrṇastasmai śrīnāthanāvikāya namaḥ ||
Übersetzung: Verehrung jenem Shri Natha, dem Fährmann, durch dessen Gnade ich den Ozean der Erscheinungswelt überquert habe: Seine Wogen sind die unruhigen Bewegungen des Geistes, sein Wasser ist das Verlangen.
Wort-für-Wort: citta – Geist; antaraṅga – innerlich, zum Inneren gehörig; capala – unruhig; cittāntaraṅga-capala – hier eine gedrängte, nicht eindeutig auflösbare Beschreibung innerer Unruhe; tṛṣṇā – Durst, Verlangen; salila – Wasser; prapañca-vārāśi – Ozean der entfalteten Welt; yat-anugraheṇa – durch dessen Gnade; tīrṇa – überquert; tasmai – jenem; śrīnātha – ehrwürdiger Herr, Guru-Bezeichnung; nāvika – Fährmann; namaḥ – Verehrung.
Kama Kala Vilasa – flüssige deutsche Lesefassung
Diese Lesefassung folgt allen 55 Versen in ihrer Reihenfolge. Sie erläutert den Gedankengang in einfacherer Sprache. Die Versgruppen dienen der Orientierung; bei sprachlich unsicheren Stellen gelten die Hinweise der versweisen Übersetzung.
Das Leuchten des Ursprungs – Verse 1–5
Möge uns der große Herr schützen, dessen Wesen reines Bewusstseinslicht ist. In ihm ruht das Gewahrsein seiner selbst. Das Entstehen, Bestehen und Vergehen aller Welten ist sein freudiges Spiel. In ewiger, unvergleichlicher Glückseligkeit erstrahlt die ursprüngliche Shakti. Alles, was sich bewegt, und alles, was stillsteht, liegt keimhaft in ihr. Sie ist der klare Spiegel, in dem Shiva sich selbst erkennt.
Aus ihrer Vereinigung gehen Same und Spross hervor: Die höchste Kraft entfaltet sich und bleibt dabei von äußerster Feinheit. Die Zeichen für das Unübertreffliche und sein Selbstgewahrsein weisen auf ihr Wesen. Wie Sonnenlicht sich im Spiegel sammelt und auf einer Wand als leuchtender Punkt erscheint, so tritt aus dem Sich-Erkennen Shivas der große Bindu auf der Wand des Bewusstseins hervor. Hier erstrahlt das umfassende Ich. In der Einheit von a und ha, von Shiva und Shakti, trägt es den ganzen Weltkreis in sich.
Drei Bindus, eine Wirklichkeit – Verse 6–10
Weißer und roter Bindu durchdringen einander. Shiva und Shakti sind in ihnen unterscheidbar; ihre schöpferische Entfaltung zieht sich zugleich in den Ursprung zusammen. Aus diesem Paar entstehen Wort und Bedeutung. Ihre vollkommene Einheit ist der Sonnen-Bindu, dessen Wesen das umfassende Ich ist. Weil er liebenswert ist, heißt er Kama; die beiden als Feuer und Mond erscheinenden Bindus sind Kala.
Wer diese Kamakala und die in ihr liegende Ordnung des Göttinnenchakras wirklich erkennt, wird frei und verwirklicht das Wesen der großen Tripura Sundari. Aus dem aufleuchtenden roten Bindu entsteht der Klang als Spross des Klang-Brahman. Aus ihm gehen Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde und die Laute hervor. Auch der helle Bindu ist Ursprung dieser fünf Elemente. Vom kleinsten Teilchen bis zum Weltenei entfaltet sich die Welt aus ihnen.
Wissen und Gottheit gehören zusammen – Verse 11–14
Die beiden Bindus sind ungetrennt. Ebenso sind der heilige Mantra und seine Gottheit ungetrennt: das, wodurch erkannt wird, und das, was sich darin erschließt. Wort und Bedeutung gehören immer zusammen, wie Shakti und Shiva. Als Schöpfung, Erhaltung und Auflösung nehmen sie die Gestalt dreier Keime an.
Drei Bindus erscheinen als Erkennender, Erkenntnismittel und Erkanntes. Ihnen entsprechen drei Wohnstätten, drei heilige Sitze und drei Kräfte. Auch drei Lingas und drei Lautmütter sind ihnen zugeordnet. So ist die Vidya dreifache Stadt und zugleich Sitz des Vierten: des Grundes, der die Dreiheit trägt.
Elemente, Zeit und heilige Laute – Verse 15–19
Klang, Berührung, sichtbare Gestalt, Geschmack und Geruch sind die feinen Grundlagen der Elemente. Das Frühere durchdringt das Spätere; im stufenweisen Zusammenkommen ergeben sich fünfzehn. Dem entspricht die fünfzehnsilbige Gestalt der ewigen Vidya. Sie durchdringt die nach ihren Eigenschaften unterschiedenen Nitya-Göttinnen.
Die Nityas verkörpern die Mondtage. Diese tragen die Einheit von Shiva und Shakti und bestehen aus Tag und Nacht. Auch die heiligen Laute tragen diese zweifache Gestalt. Vokale, Konsonanten und die drei Bindus zeigen die Vidya als gegliederte Gesamtheit. Sie ist in allen sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien gegenwärtig und reicht zugleich über sie hinaus. In ihrer feinen Gestalt ist sie Tripura Sundari selbst. Die Wissenden lehren die vollständige Einheit von Vidya und dem durch sie Erkannten.
Vom inneren Ursprung zur Gestalt – Verse 20–25
Die höchste Herrin wird innerlich erfasst und bleibt doch jeder festen begrifflichen Eingrenzung entzogen. Sie entfaltet sich dreifach. Als Pashyanti und die weiteren Lautmütter wird sie offenbar und nimmt die Form des Chakras an. Zwischen ihr und dem Chakra besteht keine Trennung: Die eine höchste Kraft ist ihre gemeinsame feine Wirklichkeit und bleibt auch in den ausgeformten Gestalten gegenwärtig.
In der Mitte ist der Bindu. Wenn er sich entfaltet, wird das Dreieck sichtbar. In ihm liegen die drei Keime und der Ursprung der drei Sprachkräfte. Vama, Jyeshtha, Raudri und Ambika sind Kräfte des Unübertrefflichen. Wille, Erkenntnis, Handeln und Stille entsprechen den weiteren, oberen Gliedern. Das Lautpaar wird als getrennt und vereint sowie als elffach betrachtet und mit Pashyanti verbunden. Die Mutter ist Kamakala: Sie besteht aus den Lauten der drei Bindus, wird zum Dreieck und besitzt dreifache Beschaffenheit.
Die Kraft der inneren und äußeren Sprache – Verse 26–28
Die eine höchste Sprachkraft ist Para. In ihrer weiteren Erscheinung entfalten sich die einzelnen Mutterkräfte, beginnend mit Vama. Die Mutter wird neunfach und steht dabei im Zusammenhang mit Madhyama, der mittleren Sprache. Die genaue Benennung am Ende dieses Verses bleibt sprachlich schwierig.
Madhyama hat eine feine und eine ausgeformte Gestalt. Fein besteht sie aus neun inneren Klängen; ausgeformt erscheint sie als neun Laute und heißt Bhutalipi. Die feine Gestalt ist Ursache, die ausgeformte ihre Wirkung. Beide sind im Wesen eins: Das Hervorgebrachte ist nicht von seinem Ursprung getrennt.

Das Chakra entfaltet seine Ordnung – Verse 29–34
Aus dem mittleren Dreieck entfaltet sich der achtwinklige Bereich. Die drei Zischlaute und die fünf Laute der pa-Gruppe entsprechen ihm. Neun Winkel und das Zentrum bilden zusammen eine vom Bewusstsein erhellte Zehnheit. Ihr zweifacher Widerschein entfaltet die beiden zehnwinkligen Bereiche, die den vier Konsonantengruppen ta, ṭa, ca und ka entsprechen.
Mit dem Glanz der vier vorausgehenden Bereiche verbunden, entsteht der vierzehnwinklige Bereich aus der Entfaltung des Zehnwinkligen. Seine Laute sind die vierzehn der anfänglichen Vokalreihe. Durch Para, Pashyanti und Madhyama entsteht schließlich Vaikhari, die ausgesprochene Sprache mit neunundvierzig Lauten.
Der achtblättrige Lotus ist mit den acht Lautgruppen zu betrachten, die mit ka beginnen. Im sechzehnblättrigen Lotus ist die Vokalreihe gegenwärtig. Die umgebenden Kreise entfalten die drei Lichtkräfte der Bindus. In den drei Linien der Erdumfriedung finden die drei Mutterkräfte Pashyanti, Madhyama und Vaikhari ihre Ruhestätte.
Die Mutter und die Kräfte ihres Körpers – Verse 35–39
Wie ein Fuß einen Schritt setzt, entfaltet sich eine geordnete Folge. Diese Entfaltung erscheint als die Kreise der Gottheiten und als die Reihe der Gurus. Beide breiten sich aus den Lotusfüßen der Mutter aus. Wenn die höchste Herrin Chakragestalt annimmt, werden ihre eigenen Körperglieder zu den Gottheiten der umgebenden Kreise.
Im Bindu sitzt Tripura Sundari auf dem Schoß Kameshvaras, mit einer Mondsichel als Kopfschmuck. Sie hält Schlinge und Stachel, Zuckerrohrbogen und fünf Blumenpfeile. Ihr Leib leuchtet wie die junge Morgenröte; ihre drei Augen sind Mond, Sonne und Feuer. Dieses göttliche Paar entfaltet sich gemäß seinen Eigenschaften im Dreieck der drei Bindus zu drei Paaren, deren Benennung mit Kameshvari und Mitreshvari beginnt.
Wahrnehmung als Ausdruck der Göttin – Verse 40–45
Im achtwinkligen Bereich wohnen Vashini und die weiteren Göttinnen, rot wie die Dämmerung. Sie sind der achtgliedrige subtile Leib der Göttin. Ihr Körper ist das Chakra, ihr Wesen ist Bewusstsein. Die auf seine Gegenstände bezogenen Regungen nehmen die Gestalten Sarvajnas und der weiteren Kräfte an. Im inneren zehnwinkligen Bereich leuchten sie wie der Herbstmond.
Die Yoginis der äußeren zehn Winkel, beginnend mit Sarvasiddhida, bestehen aus den Gegenständen der Erkenntnis- und Handlungsorgane der Göttin. Sie tragen helle Gewänder und reichen Schmuck. Im vierzehnwinkligen Bereich sind die Yoginis der Überlieferung zu betrachten. Dämmerungsfarbene Gewänder umgeben sie; in ihnen entfalten sich die vierzehn Vermögen der Göttin.
Im achtblättrigen Lotus erstrahlen die noch verborgeneren Yoginis. In Frauengestalt verkörpern sie das Unentfaltete, die große Erkenntniskraft, die Ich-Bildung und die fünf feinen Sinnesqualitäten. Die fünf Elemente, die zehn Erkenntnis- und Handlungsorgane und das Denken sind sechzehn weitere Entfaltungen der Göttin. Als Kamakarshini und die anderen Göttinnen bewohnen sie den sechzehnblättrigen Bereich.
Siegelkräfte und besondere Fähigkeiten – Verse 46–49
Die Mudras erscheinen gemeinsam mit Trikhanda als leuchtende Kräfte des Bewusstseins. Sie wohnen in der ersten Erdumfriedung und glänzen wie die junge Sonne. Die Kräfte der neun inneren Stützpunkte entfalten sich zu neun Chakras; auch die Kräfte der neun Nathas erscheinen als Mudras. Die genaue Satzgestalt dieses zweiten Gedankens ist unsicher, sein Zusammenhang wird durch den Kommentar gestützt.
Die sieben Körperbestandteile, beginnend mit der Haut, und die Gestalt der Göttin bilden eine Achtzahl. Als Brahmi und die weiteren Muttergöttinnen bewohnen sie die mittlere Umfriedung. Besondere Kräfte wie Anima nehmen liebliche Frauengestalten an und wohnen ebenfalls in der Umfriedung. Was in anderen Wissens- und Praxiswegen als Ertrag gesucht wird, besitzt hier eine untergeordnete Stellung.
Die Weitergabe der Erkenntnis – Verse 50–53
Die höchste Glückseligkeit wird als Bindu erfahren, der vom höchsten Guru ungetrennt ist. In der Entfaltungsfolge nimmt er, ohne diese Einheit zu verlieren, die Gestalt Kameshas an, das Selbstgewahrsein des Bewusstseins. In der heiligen Ursprungserzählung sitzt Shiva im Krita-Yuga als Guru auf dem heiligen Sitz und übergibt die Vidya seiner eigenen Shakti, Kameshvari.
Die Göttin wendet sich den drei ursprünglichen Gurus der späteren Zeitalter zu. Sie sind ihre eigenen Teilgestalten, mit Mitresha an der Spitze, als ältester, mittlerer und jüngster bezeichnet und mit Bewusstsein, Lebenshauch und Erfahrungsgegenstand verbunden. Sie prüft diese Herren der drei Keime und offenbart ihnen die Vidya. Die Guru-Folge wird gelehrt, damit die drei Überlieferungsströme Gnade empfangen.
Spiel der Liebe und Dank an den Fährmann – Verse 54–55
So ist aus Punyānanda dieses Spiel der Kamakala hervorgegangen. Wie die anmutige Bewegung der Geliebten ihren Liebhaber erfreut, möge es im höchsten Shiva das liebende Empfinden und die Freude wecken.
Verehrung dem ehrwürdigen Natha, dem Fährmann! Durch seine Gnade ist der Ozean der Erscheinungswelt überquert, dessen Wasser das Verlangen ist und dessen Wogen die Unruhe des Geistes sind.
Kama Kala Vilasa – vollständiger Sanskrittext in Devanagari
सकलभुवनोदयस्थितिलयमयलीलाविनोदनोद्युक्तः ।
अन्तर्लीनविमर्शः पातु महेशः प्रकाशमात्रतनुः ॥ १ ॥
सा जयति शक्तिराद्या निजसुखमयनित्यनिरुपमाकारा ।
भाविचराचरबीजं शिवरूपविमर्शनिर्मलादर्शः ॥ २ ॥
स्फुटशिवशक्तिसमागमबीजाङ्कुररूपिणी पराशक्तिः ।
अणुतररूपानुत्तरविमर्शलिपिलक्ष्यविग्रहा भाति ॥ ३ ॥
परशिवरविकरनिकरे प्रतिफलति विमर्शदर्पणे विशदे ।
प्रतिरुचिरुचिरे कुड्ये चित्तमये निविशते महाबिन्दुः ॥ ४ ॥
चित्तमयोऽहंकारः सुव्यक्ताहार्णसमरसाकारः ।
शिवशक्तिमिथुनपिण्डः कवलीकृतभुवनमण्डलो जयति ॥ ५ ॥
सितशोणबिन्दुयुगलं विविक्तशिवशक्तिसंकुचत्प्रसरम् ।
वागर्थसृष्टिहेतुः परस्परानुप्रविष्टविस्पष्टम् ॥ ६ ॥
बिन्दुरहंकारात्मा रविरेतन्मिथुनसमरसाकारः ।
कामः कमनीयतया कला च दहनेन्दुविग्रहौ बिन्दू ॥ ७ ॥
इति कामकलाविद्या देवीचक्रक्रमात्मिका सेयम् ।
विदिता येन स मुक्तो भवति महात्रिपुरसुन्दरीरूपः ॥ ८ ॥
स्फुरितादरुणाद्बिन्दोर्नादब्रह्माङ्कुरारवो व्यक्तः ।
तस्माद्गगनसमीरणदहनोदकभूमिवर्णसंभूतिः ॥ ९ ॥
अथ विशदादपि बिन्दोर्गगनानिलवह्निवारिभूमिजनिः ।
एतत्पञ्चकविकृति जगदिदमण्वाद्यजाण्डपर्यन्तम् ॥ १० ॥
बिन्दुद्वितयं यद्वद् भेदविहीनं परस्परं तद्वत् ।
विद्यादेवतयोरपि न भेदलेशोऽस्ति वेद्यवेदकयोः ॥ ११ ॥
वागर्थौ नित्ययुक्तौ परस्परं शक्तिशिवमयावेतौ ।
सृष्टिस्थितिलयभेदौ त्रिधा विभक्तौ त्रिबीजरूपेण ॥ १२ ॥
माता मानं मेयं बिन्दुत्रयं भिन्नबीजरूपाणि ।
धामत्रयपीठत्रयशक्तित्रयभेदभावितान्यपि च ॥ १३ ॥
तेषु क्रमेण लिङ्गत्रयं तद्वच्च मातृकात्रितयम् ।
इत्थं त्रितयपुरीया तुरीयपीठा च भेदिनी विद्या ॥ १४ ॥
शब्दस्पर्शौ रूपं रसगन्धौ चेति भूतसूक्ष्माणि ।
व्यापकमाद्यं व्याप्यं तूत्तरमेव क्रमेण पञ्चदश ॥ १५ ॥
पञ्चदशाक्षररूपा नित्या चैषा हि भौतिकाभिमता ।
नित्याः शब्दादिगुणप्रभेदभिन्नास्तथानया व्याप्ताः ॥ १६ ॥
नित्यास्तिथ्याकारास्तिथयश्च शिवशक्तिसमरसाकाराः ।
दिवसनिशामय्यस्ताः श्रीवर्णास्तेऽपि तद्द्वयीरूपाः ॥ १७ ॥
स्वरव्यञ्जनबिन्दुत्रयसमष्टिभेदैर्विभाविताकारा ।
षट्त्रिंशत्तत्त्वात्मा तत्त्वातीता च केवला विद्या ॥ १८ ॥
विद्यापि तादृगात्मा सूक्ष्मा सा त्रिपुरसुन्दरी देवी ।
विद्यावेद्यात्मकयोरत्यन्ताभेदमामनन्त्यार्याः ॥ १९ ॥
या सान्तरोहरूपा परा महेशी त्रिभाविता सैव ।
स्पष्टा पश्यन्त्यादित्रिमातृकात्मा चक्रतां याता ॥ २० ॥
चक्रस्यापि महेश्या न भेदलेशोऽपि भाव्यते विबुधैः ।
अनयोः सूक्ष्माकारा परैव स्थूलयोश्च न कापि भिदा ॥ २१ ॥
मध्यं चक्रस्य स्यात् परामयं बिन्दुतत्त्वमेवेदम् ।
उच्छूनं तच्च यदा त्रिकोणरूपेण परिणतं स्पष्टम् ॥ २२ ॥
एतत्पश्यन्त्यादि त्रितयनिदानं त्रिबीजरूपं च ।
वामा ज्येष्ठा रौद्री चाम्बिका चानुत्तरांशभूताः स्युः ॥ २३ ॥
इच्छाज्ञानक्रियाशान्ताश्चैतास्तथोत्तरावयवाः ।
व्यस्ताव्यस्तं तदर्णद्वयमिदमेकादशात्म पश्यन्ती ॥ २४ ॥
एवं कामकलात्मा त्रिबिन्दुतत्त्वस्वरूपवर्णमयी ।
सेयं त्रिकोणरूपं याता त्रिगुणस्वरूपिणी माता ॥ २५ ॥
एका परा तदन्या वामादिव्यष्टि मातृसृष्ट्यात्मा ।
तेन नवात्मा जाता माता सा मध्यमाभिधानाभ्याम् ॥ २६ ॥
द्विविधा मध्यमा सा सूक्ष्मस्थूलाकृतिः स्थिता सूक्ष्मा ।
नवनादमयी स्थूला नववर्णात्मा च भूतलिप्याख्या ॥ २७ ॥
आद्या कारणमन्या कार्यं त्वनयोर्यतस्ततो हेतोः ।
सैवेयं नहि भेदस्तादात्म्यं हेतुहेतुमदभीष्टम् ॥ २८ ॥
शषसपवर्गमयं तद्वसुकोणं मध्यकोणविस्तारः ।
नवकोणं मध्यं चेत्यस्मिंश्चिद्दीपदीपिके दशके ॥ २९ ॥
तच्छाया द्वितयमिदं दशारचक्रद्वयात्मना विततम् ।
तटचकवर्ग चतुष्टयविलसन विस्पष्टकोण विस्तारम् ॥ ३० ॥
एतच्चक्रचतुष्कप्रभासमेतं दशारपरिणामः ।
आदिस्वरगणगत चतुर्दशवर्णमयं चतुर्दशारमिदम् ॥ ३१ ॥
परया पश्यन्त्यापि च मध्यमया स्थूलवर्णरूपिण्या ।
आभिरेकोनपञ्चाशदक्षरात्मा वैखरी जाता ॥ ३२ ॥
कादिभिरष्टभिरुपचितमष्टदलाब्जं च वैखरीवर्गैः ।
स्वरगणसमुदितमेतद् द्व्यष्टदलाम्भोरुहं च संचिन्त्यम् ॥ ३३ ॥
बिन्दुत्रयमयतेजस्त्रितयविकारं च तानि वृत्तानि ।
भूबिम्बत्रयमेतत् पश्यन्त्यादित्रिमातृविश्रान्ति ॥ ३४ ॥
क्रमणं पदविक्षेपः क्रमोदयस्तेन कथ्यते द्वेधा ।
आवरणं गुरुपङ्क्तिद्वयमिदमम्बापदाम्बुजप्रसरम् ॥ ३५ ॥
सेयं परा महेशी चक्राकारेण परिणमेत यदा ।
तद्देहावयवानां परिणतिरावरणदेवताः सर्वाः ॥ ३६ ॥
आसीना बिन्दुमये चक्रे सा त्रिपुरसुन्दरी देवी ।
कामेश्वराङ्कनिलया कलया चन्द्रस्य कल्पितोत्तंसा ॥ ३७ ॥
पाशाङ्कुशेक्षुचापप्रसूनशरपञ्चकाञ्चितस्वकरा ।
बालारुणारुणाङ्गी शशिभानुकृशानुलोचनत्रितया ॥ ३८ ॥
तन्मिथुनं गुणभेदाद् आस्ते बिन्दुत्रयात्मके त्र्यश्रे ।
कामेश्वरिमित्रेश्वरिप्रमुखद्वन्द्वत्रयात्मना विततम् ॥ ३९ ॥
वसुकोणनिवासिन्यो यास्ताः संध्यारुणा वशिन्याद्याः ।
पुर्यष्टकमेवेदं चक्रतनोः संविदात्मनो देव्याः ॥ ४० ॥
तद्विषयवृत्तयस्ताः सर्वज्ञादिस्वरूपमापन्नाः ।
अन्तर्दशारनिलया लसन्ति शरदिन्दुसुन्दराकाराः ॥ ४१ ॥
तद्बाह्यपङ्क्तिकोणेषु योगिन्यः सर्वसिद्धिदाः पूर्वाः ।
देवीधीकर्मेन्द्रियविषयमय्यो विशदवेशभूषाढ्याः ॥ ४२ ॥
भुवनारचक्रभवना देवीमनुकरणविवरणस्फुरणाः ।
संध्यासवर्णवसनाः संचिन्त्याः संप्रदाययोगिन्यः ॥ ४३ ॥
अव्यक्तमहदहंकृतितन्मात्राभीष्टविकृताङ्गनाकाराः ।
द्विरदच्छदनसरोजे जयन्ति गुप्ततरयोगिनीसंज्ञाः ॥ ४४ ॥
भूतानीन्द्रियदशकं मनश्च देव्या विकारषोडशकम् ।
कामाकर्षिण्यादिस्वरूपतः षोडशारमध्यास्ते ॥ ४५ ॥
मुद्रास्त्रिखण्डया सह संविन्मय्यः समुच्छ्रिताः सर्वाः ।
आदिमहीगृहवासा भासा बालार्ककान्तिभिः सदृशाः ॥ ४६ ॥
आधारनवकस्था नवचक्रत्वेन परिणतिं याताः ।
नवनाथशक्तयोऽपि च मुद्राकारेण ताश्चक्रे ॥ ४७ ॥
अस्यास्त्वगादिसप्तकमाकारश्चैवमष्टकं स्पष्टम् ।
ब्राह्म्यादिमातृरूपं मध्यमभूबिम्बमेतदध्यास्ते ॥ ४८ ॥
अणिमादिभूतयोऽस्याः स्वीकृतकमनीयकामिनीरूपाः ।
विद्यान्तरगुणभावेन फलभूता भूनिकेतनगाः ॥ ४९ ॥
परमानन्दानुभवः परमगुरुनिर्विशेषबिन्द्वात्मा ।
स पुनः क्रमेणाभिन्नः कामेशत्वं ययौ चिद्विमर्शरूपम् ॥ ५० ॥
आसीनः श्रीपीठे कृतयुगकाले गुरुः शिवो विद्याम् ।
तस्यै ददौ स्वशक्त्यै कामेश्वर्यै विमर्शरूपिण्यै ॥ ५१ ॥
सापीशा मित्रेशमुख्यान्स्वांशाञ्ज्येष्ठमध्यबालाख्यान् ।
चित्प्राणविषयरूपांस् त्रेतादियुगादिकारणत्रिगुरून् ॥ ५२ ॥
बीजत्रितयाधिपतीन् परीक्ष्य विद्यां प्रकाशयामास ।
एतैरोघत्रितयम् अनुग्रहीतुं गुरुक्रमो गदितः ॥ ५३ ॥
उदितः पुण्यानन्दादिति कामकलाङ्गनाविलासोऽयम् ।
परशिवभुजङ्ग भावाकर्षणहर्षाय कल्पते नित्यम् ॥ ५४ ॥
चित्तान्तरङ्गचपलतृष्णासलिलप्रपञ्चवाराशेः ।
यदनुग्रहेण तीर्णस्तस्मै श्रीनाथनाविकाय नमः ॥ ५५ ॥
Die wichtigsten Mantras des Kama Kala Vilasa
Der Grundtext behandelt die fünfzehnsilbige Vidya und ihre drei Teile, schreibt aber keinen vollständigen fünfzehnsilbigen Mantra aus. Auch die Erwähnung von a und ha sowie der drei Keime ergibt für sich keine vollständig überlieferte Initiationsformel. Daher wird hier keine solche Formel rekonstruiert.
Eröffnende Shiva-Anrufung aus dem Vorspann
ॐ नमः शिवाय क्रमाक्रमात्मसंविन्मूर्तये ।
oṃ namaḥ śivāya kramākramātmasaṃvinmūrtaye |
Bedeutung: Om. Verehrung Shiva, der Verkörperung des Bewusstseins, dessen Wesen geordnete Folge und Freiheit von Folge ist.
Die Anrufung steht vor dem Grundtext in M00025. Sie ist kein zusätzlicher nummerierter Vers und kein ausgeschriebener Shri-Vidya-Initiationsmantra. Sie verbindet die Shiva-Verehrung mit dem Thema des Werkes: Bewusstsein umfasst Entfaltung und Ungeteiltheit. Die Wortglieder krama, akrama, saṃvid und mūrti bedeuten Folge, Nichtfolge, Bewusstsein und Verkörperung.
Vollständiger Segensvers an Mahesha – Vers 1
सकलभुवनोदयस्थितिलयमयलीलाविनोदनोद्युक्तः ।
अन्तर्लीनविमर्शः पातु महेशः प्रकाशमात्रतनुः ॥ १ ॥
sakalabhuvanodayasthitilayamayalīlāvinodanodyuktaḥ |
antarlīnavimarśaḥ pātu maheśaḥ prakāśamātratanuḥ || 1 ||
Möge Mahesha uns schützen: Sein Leib ist reines Leuchten; das Gewahrsein seiner selbst ruht in ihm verborgen. Mit Freude widmet er sich dem Spiel, in dem alle Welten entstehen, bestehen und vergehen.
Dieser vollständige Vers kann als lesendes Gebet betrachtet werden. Die Bitte um Schutz verbindet sich mit dem Verständnis Shivas als reinem Bewusstseinsleuchten.
Vollständige Guru-Verehrung – Vers 55
चित्तान्तरङ्गचपलतृष्णासलिलप्रपञ्चवाराशेः ।
यदनुग्रहेण तीर्णस्तस्मै श्रीनाथनाविकाय नमः ॥ ५५ ॥
cittāntaraṅgacapalatṛṣṇāsalilaprapañcavārāśeḥ |
yadanugraheṇa tīrṇastasmai śrīnāthanāvikāya namaḥ || 55 ||
Verehrung jenem Shri Natha, dem Fährmann, durch dessen Gnade ich den Ozean der Erscheinungswelt überquert habe: Seine Wogen sind die unruhigen Bewegungen des Geistes, sein Wasser ist das Verlangen.
Der Abschlussvers ist ein Gebetsvers, kein kurzer Bija-Mantra. Sein Bild des Fährmanns verbindet Guru Bhakti mit dem Ziel der Befreiung.
22 besonders inspirierende Verse des Kama Kala Vilasa
Der Grundtext umfasst insgesamt 55 Verse, viele davon mit sehr dichten Laut- und Diagrammzuordnungen. Für die besinnliche Lektüre sind hier 22 besonders geeignete Verse ausgewählt. Eine Erweiterung auf 64 würde zusätzliche oder künstlich geteilte Verse erfordern. Die Nummern dieser Auswahl dienen nur der Orientierung; ihre Zuordnung zum Grundtext steht in der Konkordanz.
Shiva, Shakti und das Bewusstsein
1. Möge Mahesha uns schützen: Sein Leib ist reines Leuchten; das Gewahrsein seiner selbst ruht in ihm verborgen. Mit Freude widmet er sich dem Spiel, in dem alle Welten entstehen, bestehen und vergehen.
2. Sie triumphiert, die ursprüngliche Shakti: Ihre ewige, unvergleichliche Gestalt besteht aus ihrer eigenen Glückseligkeit. Sie ist der Same alles künftig Beweglichen und Unbeweglichen, der makellose Spiegel, in dem Shivas Wesen sich selbst gewahr wird.
3. Die höchste Shakti leuchtet auf. In der offenbaren Vereinigung von Shiva und Shakti nimmt sie die Gestalt von Same und Spross an. Ihr Wesen ist überaus subtil und wird durch die Schriftzeichen für das Unübertreffliche und für das Selbstgewahrsein bezeichnet.
4. Wenn die Strahlenschar der Sonne des höchsten Shiva sich im klaren Spiegel des Selbstgewahrseins spiegelt, erscheint der große Bindu auf der aus Bewusstsein bestehenden Wand, die im widergespiegelten Licht erstrahlt.
5. Es triumphiert das aus Bewusstsein bestehende Ich: Seine Gestalt ist die vollkommene Einheit der deutlich hervorgetretenen Laute a und ha. Es ist die verdichtete Vereinigung von Shiva und Shakti und hat den gesamten Weltkreis in sich aufgenommen.
6. Der Bindu, dessen Wesen das Ich ist, ist die Sonne: Er ist die vollkommen geeinte Gestalt dieses Paares. Wegen seiner Liebenswürdigkeit heißt er Kama. Kala sind die beiden Bindus in der Gestalt von Feuer und Mond.
7. Dies ist die Erkenntnis der Kamakala, deren Wesen die Entfaltungsordnung des Chakras der Göttin ist. Wer sie erkannt hat, wird frei und wird zur Gestalt der großen Tripura Sundari.
Einheit von Erkenntnis, Mantra und Yantra
8. Wie die beiden Bindus voneinander nicht verschieden sind, so gibt es auch zwischen der Vidya und der Gottheit nicht die geringste Trennung: zwischen dem, wodurch erkannt wird, und dem, was erkannt wird.
9. Wort und Bedeutung sind ewig miteinander verbunden; sie bestehen aus Shakti und Shiva. Gemäß Schöpfung, Erhaltung und Auflösung entfalten sie sich dreifach in der Gestalt dreier Keime.
10. Ihre Gestalt wird in der Gesamtheit und den Unterscheidungen von Vokalen, Konsonanten und drei Bindus betrachtet. Die reine Vidya ist die Gesamtheit der sechsunddreißig Tattvas und geht zugleich über diese hinaus.
11. Auch die Vidya hat dieses Wesen: In ihrer feinen Gestalt ist sie die Göttin Tripura Sundari. Die Ehrwürdigen lehren die völlige Einheit der Vidya und dessen, was durch sie erkannt wird.
12. Die Weisen betrachten auch zwischen dem Chakra und der großen Herrin nicht die geringste Trennung. Ihre feine Gestalt ist die höchste Shakti selbst; auch in ihren ausgeformten Gestalten besteht keine Trennung.
13. Das Zentrum des Chakras ist dieses Bindu-Prinzip, das ganz aus der höchsten Shakti besteht. Wenn es sich entfaltet, tritt es deutlich in der Gestalt eines Dreiecks hervor.
14. So ist die Mutter ihrem Wesen nach Kamakala. Sie besteht aus den Lauten, die das Wesen der drei Bindus ausdrücken; sie nimmt Dreiecksgestalt an und besitzt eine dreifache Beschaffenheit.
15. Die erste ist Ursache, die andere Wirkung. Deshalb sind beide ein und dieselbe; zwischen ihnen besteht keine Trennung. Ursache und Verursachtes werden als wesenseins verstanden.
Göttliche Gegenwart, Überlieferung und Freiheit
16. Schreiten bedeutet das Setzen eines Schrittes; daran anknüpfend wird die geordnete Entfaltung zweifach beschrieben: Die umgebenden Gottheitenkreise und die Reihe der Gurus gehen aus den Lotusfüßen der Mutter hervor.
17. Wenn diese höchste Herrin die Gestalt des Chakras annimmt, sind alle Gottheiten seiner Umhüllungen Entfaltungen ihrer eigenen Körperglieder.
18. Die Göttin Tripura Sundari sitzt im Chakra, das aus dem Bindu besteht. Ihr Sitz ist der Schoß Kameshvaras; eine Sichel des Mondes bildet ihren Kopfschmuck.
19. Ihre Hände sind mit Schlinge, Stachel, Zuckerrohrbogen und fünf Blumenpfeilen geschmückt. Ihr Leib ist rot wie die junge Morgenröte; ihre drei Augen sind Mond, Sonne und Feuer.
20. Ihre Kräfte, beginnend mit Anima, haben anmutige Frauengestalten angenommen und wohnen in der Erdumfriedung. Was in anderen Vidyas als Frucht gilt, erscheint hier in untergeordneter Stellung.
21. Im Krita-Yuga saß Shiva als Guru auf dem heiligen Sitz. Er gab die Vidya seiner eigenen Shakti, Kameshvari, deren Wesen Selbstgewahrsein ist.
22. Verehrung jenem Shri Natha, dem Fährmann, durch dessen Gnade ich den Ozean der Erscheinungswelt überquert habe: Seine Wogen sind die unruhigen Bewegungen des Geistes, sein Wasser ist das Verlangen.
Konkordanz der 22 Verse
Auswahl → Originalvers: 1 → 1; 2 → 2; 3 → 3; 4 → 4; 5 → 5; 6 → 7; 7 → 8; 8 → 11; 9 → 12; 10 → 18; 11 → 19; 12 → 21; 13 → 22; 14 → 25; 15 → 28; 16 → 35; 17 → 36; 18 → 37; 19 → 38; 20 → 49; 21 → 51; 22 → 55.
Fünf Lehren des Kama Kala Vilasa für Aspiranten
1. Die Einheit bleibt in jeder Entfaltung gegenwärtig
Die Verse 1–7 beschreiben Shiva und Shakti als untrennbar. Bewusstsein und seine schöpferische Kraft gehören zusammen. Für die eigene Sadhana eröffnet das eine weite Perspektive: In der Stille der Meditation und in der Lebendigkeit einer Wahrnehmung kann dieselbe Frage wach werden – wodurch wird diese Erfahrung erkannt? Die Lehre lenkt die Aufmerksamkeit auf den gemeinsamen Grund der Erfahrungen. Darin liegt ihre Einladung zu innerer Sammlung.
2. Hingabe und Erkenntnis vertiefen einander
Die Einheit von Mantra und Gottheit in den Versen 11 und 19 sowie von Yantra und Göttin in Vers 21 gibt der Puja ihre innere Richtung. Beim Rezitieren kann die Aufmerksamkeit zugleich dem Klang und seiner heiligen Bedeutung gelten. Beim Betrachten eines Yantras kann die sichtbare Form zur Sammlung auf die göttliche Gegenwart führen. So gewinnt Bhakti durch Verstehen an Tiefe, und Jnana erhält durch Verehrung Wärme und Lebendigkeit.
3. Das eigene Erleben gehört in den Raum der Verehrung
Die Verse 40–45 deuten Wahrnehmung, Denken und Handeln als Kräfte der Göttin. Diese Sicht lädt zu einem achtsamen Umgang mit dem verkörperten Leben ein. Hören, Sehen und Denken werden zu Gelegenheiten, den Zusammenhang zwischen Erfahrung und Bewusstsein zu betrachten. Als heutige Anwendung lässt sich daraus eine Haltung der Wertschätzung entwickeln: den Körper aufmerksam wahrnehmen, klar zuhören und mit den eigenen Fähigkeiten sorgsam umgehen.
4. Befreiende Erkenntnis gibt der Praxis ihre Richtung
Vers 8 verbindet die Erkenntnis der Kamakala mit Befreiung. Vers 49 ordnet besondere Fähigkeiten wie Anima den äußeren Bereichen des Chakras zu. Der Schwerpunkt liegt damit auf der Erkenntnis der göttlichen Wirklichkeit. Für Aspiranten kann diese Gewichtung entlastend sein: Ein stilles, vertieftes Verständnis verdient Aufmerksamkeit, auch wenn die Praxis unspektakulär verläuft. Geduldiges Studium und hingebungsvolle Sammlung haben ihren eigenen Wert.
5. Unterweisung und Dankbarkeit tragen den Weg
Die Verse 50–53 schildern die Weitergabe der Vidya; der Schlussvers dankt dem Guru als Fährmann. Erkenntnis wächst hier in einer lebendigen Beziehung zu Unterweisung und Gnade. Für das eigene Lernen bedeutet das, eine Lehre sorgfältig zu hören, Unverstandenes zu klären und das Erkannte im Leben zu prüfen. Dankbarkeit erinnert daran, wie viel wir auf diesem Weg empfangen haben, und lässt die Praxis zu einer Antwort des Herzens werden.
Fünf Tipps für die Praxis mit dem Kama Kala Vilasa
Diese einfachen Übungen sind heutige Anregungen aus den Motiven des Werkes. Beginne mit einer Übung, die dich anspricht. Für die traditionelle Shri-Vidya-Mantrapraxis und die formelle Verehrung der Chakrakreise sind die entsprechende Unterweisung und Diksha maßgebend.
1. Einen Vers lesen, verstehen und nachklingen lassen
Lies Vers 2 oder Vers 8 zunächst auf Deutsch, anschließend auf Wunsch in Sanskrit. Kläre einen zentralen Begriff mithilfe der Worterklärung. Schließe dann für zwei bis drei Minuten die Augen und lass einen Satz nachklingen, etwa die Aussage von Shakti als klarem Spiegel. Notiere zum Abschluss einen Gedanken, den du genauer verstanden hast. So verbindet Schriftenstudium Lernen, Nachdenken und stille Betrachtung.
2. Vom Gedanken zum Gewahrsein finden
Sitze bequem und erinnere dich an das Spiegelbild in Vers 4. Bemerke einen Gedanken, einen Klang oder eine Körperempfindung. Nimm anschließend wahr, dass du um diese Erfahrung weißt. Verweile einige Atemzüge bei diesem schlichten Gewahrsein; der Atem darf natürlich fließen. Wenn neue Gedanken kommen, können auch sie zum Anlass werden, diese Fähigkeit des Erkennens zu bemerken. Das ist eine meditative Annäherung an das Bild des Textes.
3. Das Shri-Yantra mit ruhigem Blick betrachten
Betrachte ein klares Bild des Shri Yantra bei entspanntem Blick. Orientiere dich mithilfe der Übersicht: Mittelpunkt, Dreiecksbereiche, Lotuskränze und Umfriedung. Lass den Blick nach einer Weile sanft zur Mitte zurückkehren. Erinnere dich an Vers 21: Alle diese Formen sind im Verständnis der Schrift Ausdruck der einen Göttin. Schließe die Betrachtung mit einem Augenblick stiller Verehrung ab. Diese einfache Bildbetrachtung ist eine Anregung zur Sammlung.
4. Dem vertrauten Mantra volle Aufmerksamkeit schenken
Erinnere dich vor deinem Japa an Vers 11. Rezitiere deinen vertrauten oder durch deinen Lehrer vermittelten Mantra einige Minuten aufmerksam. Verbinde den Klang mit seiner Bedeutung und der Verehrung seiner Gottheit. Wenn die Aufmerksamkeit abschweift, kehre freundlich zum Klang zurück. Wer noch keine eigene Mantrapraxis hat, kann den vollständigen Segensvers an Mahesha langsam lesen und bei seiner Schutzbitte verweilen.
5. Den Tag in Dankbarkeit abschließen
Lies Vers 55 über den Guru als Fährmann. Benenne still eine Sorge oder einen Wunsch, die heute deinen Geist bewegt haben. Erinnere dich anschließend an eine Unterweisung, einen Menschen oder eine Erfahrung, durch die du Orientierung gefunden hast. Verweile kurz in Dankbarkeit und überlege, welche Einsicht du morgen beherzigen möchtest. So erhält das Bild der Überfahrt eine konkrete Bedeutung für den eigenen Weg.

Spirituelle Bedeutung des Kama Kala Vilasa
Der Kama Kala Vilasa beginnt mit einer Bitte um Schutz und endet mit Dank. Zwischen diesen beiden Gesten entfaltet sich eine Lehre, in der Bewusstsein, Welt und Verehrung zusammengehören. Der Ursprung wird angerufen, in seinen Ausdrucksformen betrachtet und als befreiende Wirklichkeit erkannt. Damit verbindet die Schrift philosophisches Verstehen mit einer persönlichen Hinwendung zum Göttlichen.
Der Bindu steht für die gesammelte Einheit; Kala für ihre schöpferischen Aspekte. Shiva und Shakti bezeichnen Bewusstseinsleuchten und Selbstgewahrsein. Als Tripura Sundari wird diese Einheit verehrbar, als Mantra hörbar und als Shri Yantra in geordneter Form betrachtbar. Die vielen Kräfte des Chakras verdeutlichen, wie sich aus demselben Grund die Welt und unsere Fähigkeit entfalten, sie zu erfahren.
Darin liegt die besondere Nähe des Werkes zur inneren Praxis. Was zunächst als vielschichtige kosmische Ordnung erscheint, berührt das eigene Sehen, Hören, Denken und Erkennen. Die Schrift lädt dazu ein, diese Erfahrungen in ihrem göttlichen Zusammenhang zu verstehen. Bhakti, Meditation und Jnana können sich so gegenseitig vertiefen: Hingabe sammelt den Geist, Betrachtung erschließt Bedeutung, und Erkenntnis verleiht der Verehrung eine umfassendere Perspektive.
Das Schlussbild bleibt dabei lebensnah. Der Ozean des Verlangens und die Unruhe des Geistes sind dem Suchenden vertraut. Ihm begegnet der Guru als Fährmann – ein Bild für Unterweisung, Gnade und das Vertrauen, dass eine Überfahrt möglich ist. Die Hoffnung der Schrift findet ihren deutlichsten Ausdruck in Vers 8: Die Erkenntnis der Kamakala führt zur Freiheit und zum Wesen der großen Tripura Sundari. Für Aspiranten wird daraus eine Einladung, mit Hingabe weiterzuüben und dem Verständnis Zeit zur Reifung zu geben.
Siehe auch
- Yogini Hridaya
- Vamakeshvara Tantra
- Nitya Shodashikarnava
- Kulacudamani Tantra
- Kularnava Tantra
- Niruttara Tantra
- Paratrimsika
- Pratyabhijnahridaya
- Ishvara Pratyabhijna Karika
- Shiva Sutra
- Spandakarika
- Vijnana Bhairava Tantra
- Tantraloka
- Tantrasara
- Sri Vidya, Kamakala, Tripura Sundari, Shri Yantra, Matrika
Literatur und Weblinks
- Punyānanda: Kāmakalāvilāsa, mit dem Kommentar Cidvallī des Naṭanānanda. Herausgegeben unter der Leitung von Mukunda Rāma Śāstrī. Kashmir Series of Texts and Studies, Band 12, 1918.
- Muktabodha Indological Research Institute: Kāmakalāvilāsa, elektronische Textfassungen M00025 und M00282, jeweils in lateinischer Umschrift und Devanagari. M00282 beruht laut Katalog auf elektronischem Devanagari-Satz einer von Sudhakar Malaviya bearbeiteten Ausgabe; diese Fassung ist von der Ausgabe von 1918 zu unterscheiden.
- Yoga – Grundlagen und Praxis
- Meditation – Einführung und Vertiefung
- Upanishaden zum vergleichenden Studium von Bewusstsein und Befreiung
Seminare
Seminare zu Kundalini Yoga, Meditation und Mantra können Schriftenstudium und eigene Erfahrung miteinander verbinden. Die folgenden allgemeinen Angebote ermöglichen eine Vertiefung dieser Themen.
Kundalini Yoga Mittelstufe
- 30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Arjuna Wingen
- 13.11.2026 - 15.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe
Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…- Manuel Hirning
Weitere Yoga-Vidya-Seminare zu Meditation, Mantra und spiritueller Praxis
Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Umfang und Abgrenzung
Die Ausgabe umfasst den Grundtext des Kāmakalāvilāsa mit allen 55 nummerierten Versen. Der umfangreiche Sanskritkommentar Cidvallī, darin enthaltene Zitate anderer Werke, zusätzliche Vorreden und Herausgeberverse gehören nicht zu diesen 55 Versen und sind hier nicht vollständig abgedruckt oder übersetzt. Der Kommentar wird zur Erklärung herangezogen. Die separat bezeichnete eröffnende Anrufung stammt aus dem Vorspann von M00025.
Lesungen
Grundlage ist überwiegend M00025; M00282 dient zur Ergänzung und zum gezielten Vergleich. In M00025 sind mehrere Verse durch dazwischenstehenden Kommentar auseinandergerückt. Die beiden Hälften von Vers 23 sind zusammengeführt; Vers 26 wird nach M00282 wiedergegeben. Für die Verse 30–31 und 54 folgt die Ausgabe ebenfalls M00282. Vers 55 folgt M00025. Beide Fassungen überliefern denselben Grundtext mit dem Kommentar Cidvallī; sie werden hier nicht als nachweislich voneinander unabhängige Textzeugen behandelt.
Offensichtliche Schreibfehler sind behutsam berichtigt: in Vers 18 samaṃṣṭi zu samaṣṭi, in Vers 27 navanādayamī zu navanādamayī, in Vers 51 śvaśaktyai zu svaśaktyai. In Vers 52 sind die Bezeichnungen des ältesten, mittleren und jüngsten Gurus zu jyeṣṭha-madhya-bāla berichtigt und rūpāṃs tretā entsprechend dem Satzanschluss getrennt. Die Schreibungen in Devanagari und IAST sind aufeinander abgestimmt; offensichtliche Konversionsfehler wie mayayo statt mayyo sind nicht übernommen.
Vers 20 enthält die unsichere Lesung sāntaroha. Die Übersetzung folgt dem Kommentar, der das Wort durch inneres Erwägen beziehungsweise Erfassen ohne feste begriffliche Eingrenzung erklärt (antaram antaḥkaraṇaṃ … ūhaḥ vitarkaḥ … paricchedarahitaḥ). Die Verse 24 und 26 bleiben in Einzelheiten ihrer Zählung beziehungsweise Satzfügung schwierig. In Vers 27 hat M00025 navavarṇa („neun Laute“), M00282 navavarga („neun Lautgruppen“). Vers 32 folgt der klaren Zahl 49 in M00025. Bei den Namen in Vers 39 bleibt die Fassung von M00025 maßgebend, ohne eine vollständige Namensordnung aus dem Kommentar in den Vers einzusetzen.
In Vers 47 ist das in eckigen Klammern in den Vers eingeschobene Zitat über die Bedeutung von mudrā ausgeschieden. Der übrige Wortlaut bleibt erhalten; der zweite Halbvers ist weiterhin syntaktisch unsicher und wird sinngemäß nach dem Kommentar übersetzt. Vers 50 folgt abhinna („ungetrennt“) in M00025 gegenüber bhinna („unterschieden“) in M00282. Die freiere Darstellung des Geistes als Wogen und des Verlangens als Wasser in Vers 55 erschließt das gedrängte Ozeanbild; sie ist keine wortgetreue Auflösung jedes Kompositumgliedes.
Übersetzung und Anwendung
Vidyā kann je nach Zusammenhang Erkenntnis, heilige Mantra-Weisheit oder die konkrete Mantraform bedeuten. Cakra bezeichnet überwiegend das Shri-Chakra und seine Bereiche; es darf nicht überall mit einem Körperchakra gleichgesetzt werden. Die Wort-für-Wort-Erklärungen geben die bedeutungstragenden Wörter und Komposita wieder, nicht in jedem Fall jede kleine Partikel. Die Lesefassung ist eine vereinfachende Neuformulierung der versweisen deutschen Übersetzung. Die fünf Praxistipps sind heutige, aus den Textmotiven entwickelte Anregungen.
Herkunft und Lizenz der elektronischen Sanskrittexte
Die elektronischen Sanskritvorlagen stammen vom Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummern M00025 und M00282. Ihre Dateiköpfe nennen die Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0. Die hier vorgenommene Auswahl des Grundtextes, die genannten Berichtigungen und die Aufbereitung sind Änderungen gegenüber diesen elektronischen Vorlagen. Die Lizenzangabe der Sanskritvorlagen bleibt zu beachten; sie ist keine pauschale Lizenzangabe für die eigene deutsche Übersetzung oder für die getrennt eingebundenen Bilder und Videos.