Kausalität

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Dominosteine veranschaulichen das Prinzip von Ursache und Wirkung unmittelbar.

Der Kausalititsbegriff

Artikel aus dem Buch „Das System des Vedanta“ von Paul Deussen, Elibron Classics, 2. Auflage, 1906, S. 275-280.

Die im vorigen Kapitel aufgeworfenen Probleme finden ihre Lösung in der metaphysischen Naturlehre des Vedanta, der zufolge die Welt nicht etwas von Brahman Verschiedenes und außer ihm Vorhandenes, sondern als mit Brahman identisch, als das in der Daseinsform der Natur auftretende Brahman selbst erkannt wird. Die Identität beider bedeutet dabei nicht, dass Brahman gleich der Welt, sondern nur, dass die Welt gleich dem Brahman ist (S. 431,13). Näher betrachtet verhalten sich Brahman und Welt wie Ursache und Wirkung. Ursache und Wirkung aber sind ihrem innern Wesen nach identisch. So gründet sich die Identitätslehre unserer Autoren auf eine Untersuchung des Kausalitätsbegriffes, und es ändert an diesem Verhältnisse nichts, dass in dem uns vorliegenden Werke zuerst 2,1,14 die Lehre der Identität von Brahman und Welt mit vorwiegend theologischer Begründung, und sodann 2,1,15-20 gleichsam als ein Korollarium derselben der Beweis der innern Identität von Ursache und Wirkung auftritt.

Die logische Ordnung ist vielmehr umgekehrt: Aus der Identität der Ursache und der Wirkung folgt die Identität des Brahman und der Welt, wie dies nicht nur in der Natur der Sache liegt, sondern auch am Schlusse des ganzen Abschnittes ausdrücklich ausgesprochen wird; S. 471,2: „Somit ist die Wirkung mit der Ursache identisch, und folglich (Atash Ca), da die ganze Welt eine Wirkung des Brahman ist, sind auch sie identisch." Demgemäß lassen wir zuerst die Untersuchung über den Kausalitätsbegriff und dann die auf sie sich gründende Identitätslehre folgen. Vorher aber haben wir noch folgendes zu bemerken.

So natürlich es dem Menschen ist, das Verhältnis des Ansichseienden und der Erscheinungswelt unter dem Gesichtspunkte der Kausalität aufzufassen und demgemäß Gott als Ursache, die Welt als Wirkung zu betrachten, - so irrig ist doch diese Meinung. Denn die Kausalität, welche nirgendwo anders ihre Wurzel hat, als in der Organisation unseres Erkenntnisvermögens, ist das Band, welches alle Phänomene der Erscheinungswelt untereinander verbindet, nicht aber die Erscheinungswelt mit dem, was durch sie erscheint. Denn zwischen Ansichseiendem und Erscheinungswelt besteht nicht Kausalität, sondern Identität:

Die Welt ist das „Ding an sich", wie es sich in den Formen unserer Erkenntnis abzeichnet. Diese Wahrheit hat der Vedanta richtig ergriffen, kann sich aber von dem alten Irrtume, Gott als Ursache der Welt zu betrachten, nicht losmachen und sucht nun beides dadurch zu versöhnen, dass er den Begriff der Kausalität zu dem der Identität umdeutet. Zu diesem Zwecke fasst er den Begriff der Kausalität zu weit, indem er in ihr nicht nur das Band der Veränderungen, welche allein die Qualitäten, Formen und Zustände der Substanz betreffen, sondern auch das Band zwischen Substanz und Qualitäten, sowie zwischen Substanz und Substanz erkennt. Das Beharren der Substanz bildet das Hauptargument bei seinen Erörterungen, die wir jetzt in der Reihenfolge, wie wir sie S. 456-471 vorfinden, dem Leser vor Augen führen wollen.

Die Ursache besteht in der Wirkung fort.

Nur indem die Ursache fortbesteht, wird die Wirkung wahrgenommen, nicht, wenn jene nicht fortbesteht. So besteht der Ton fort im Gefäße, die Fäden im Gewebe. Bei Dingen, welche verschieden sind, ist die Wahrnehmbarkeit des einen nicht durch das Bestehen des andern bedingt: ein Pferd z. B. kann wahrgenommen werden auch ohne dass eine Kuh vorhanden ist. Folglich sind Ursache und Wirkung nicht verschieden (S. 456,12).

Die Wirkung besteht schon vor ihrem Entstehen, nämlich als Ursache

Wenn es heißt: „Dieses war zu Anfang seiend" (S. 248), so liegt darin, dass dieses, nämlich die Welt, schon vor ihrem Ursprunge da war und zwar in der Gestalt der Ursache, des Seienden. Da, wo etwas nicht seinem Wesen nach schon vorhanden ist, kann es auch nicht entstehen: Aus Sand kann kein Öl gepresst werden. Wenn aber die Wirkung schon vor ihrem Entstehen mit der Ursache identisch war, so bleibt sie es auch nach demselben. Wie Brahman nie etwas anderes ist als das Seiende, so ist auch die Welt nie etwas anderes als das Seiende. Das Seiende aber ist sich selbst gleich (S. 459).

Worin sich die Wirkung vor und nach ihrem Ursprunge unterscheidet?

Zwar sagt die Schrift auch: „Dieses war zu Anfang nicht-seiend" (S. 139). Aber dieses Nichtsein ist kein absolutes, sondern bedeutet nur eine Verschiedenheit der Eigenschaften (Dharma). Wie die Wirkung jetzt besteht in ihrer Eigenschaft als entfaltet in Namen und Gestalten, so bestand sie vor ihrem Ursprunge in ihrer Eigenschaft als nicht entfaltet in Namen und Gestalten. ie existierte, als die nämliche, in Gestalt ihrer Ursache (S. 460,2).

Die Wirkung liegt in der Ursache präformiert

Nur aus Milch, nicht aus Ton, entsteht die sauere Milch, nur aus Ton, nicht aus Milch, das Gefäß. Dies könnte nicht sein, wenn die Wirkung vor dem Ursprunge nichts wäre; vielmehr müsste dann aus allem alles entstehen können. Jetzt aber liegt in der Ursache ein gewisses Über-sich-hinaus-Weisen (Kashcid Atishayah) auf die bestimmte Wirkung hin, so der Milch auf die sauere Milch, des Tones auf die Gefäße; und dieses verbietet, die Wirkung vor dem Ursprunge als nichtseiend zu betrachten. Jede Ursache nämlich hat ihre eigentümliche Kraft (Shakti), und diese Kraft bringt die bestimmte Wirkung und keine andere hervor; somit darf man Ursache und Wirkung, Substanz und Qualitäten nicht als verschieden, etwa wie Pferd und Ochs, sondern man muss sie als wesensgleich betrachten (S. 461,3-462,5).

Hieran schließt sich zunächst S. 462,5-464,8 eine, wohl gegen Kanada gerichtete, Kritik der Auffassung der Kausalität als eines Inhärenzverhältnisses, welche, wie die meisten polemischen Auslassungen des Werkes, mehr von Interesse für die bekämpften Lehren als für das Vedantasystem ist.

Die Tätigkeit des Entstehens muss ein Subjekt haben

Wäre die Wirkung vor ihrem Entstehen nicht, so würde die Tätigkeit des Entstehens ohne Täter und also ohne Subjekt (Niratmaka) sein. Jede Tätigkeit aber muss notwendig einen Täter haben. Wenn nun das Gefäß entsteht, wer ist bei dieser Handlung der Täter, wenn nicht das Gefäß selbst? Etwa der Töpfer? Dann würde eben der Töpfer bei ihr entstehen und nicht das Gefäß. Oder meint ihr, die Wirkung entstehe und empfange ein Selbst, nachdem sie vorher mit dem Sein der Ursache verbunden gewesen? Aber Verbindung kann nur zwischen zwei Seienden, nicht zwischen einem Seienden und einem Nichtseienden stattfinden. Und ebenso undenkbar ist die Grenze, die ihr dem Nichtsein der Wirkung durch den Moment des Entstehens setzt: Denn nur ein Seiendes, nicht ein Nichtseiendes kann eine Grenze haben. Und durch keine Tätigkeit kann das Nichtsein der Wirkung seiend gemacht werden, so wenig wie der Sohn der Unfruchtbaren durch irgend ein Bemühen seiend werden kann (S. 464,8-466,7).

Die Tätigkeit des Bewirkers ist nicht überflüssig

Aber wenn die Wirkung schon vor ihrem Ursprunge ebenso gut wie die Ursache seiend und mit ihr identisch war, so bedarf sie doch, zu ihrem Entstehen, ebenso wenig wie die Ursache selbst eines Bewirkers? Doch nicht! Seine Aufgabe ist, die Ursache zur Gestalt der Wirkung umzustellen; wiewohl festzuhalten ist, dass auch die Gestalt der Wirkung schon im Wesen der Ursache liegt, denn was kein Selbst hat, das kann, wie wir sahen, auch kein solches erlangen. Übrigens wird ein Ding durch Verschiedenheit des Aussehens nicht anders: Devadatta bleibt der nämliche wenn er die Arme ausstreckt und wenn er sie zusammenschlägt (S. 466,7-467,7).

Allgemeinheit der Identität von Ursache und Wirkung

Wollt ihr die Identität von Ursache und Wirkung nur von dem gelten lassen, was durch Entstehen und Vergehen nicht alteriert wird, so bestreiten wir das, denn auch die Milch geht vor unsern Augen in sauere Milch über. Auch ist das Entstehen, wie bei dem Hervorgehen der Pflanze aus dem Samen, nur ein durch Anhäufung gleichartiger Partikeln bedingtes Sichtbarwerden eines schon vorher Vorhandenen, und ebenso das Vergehen ein bloßes Unsichtbarwerden durch Schwinden eben dieser Partikeln. Wäre hierin ein Übergehen vom Nichtsein zum Sein, vom Sein zum Nichtsein zu erkennen, so würde der Embryo ein anderer sein als der nachherige Mensch, der Jüngling ein anderer als der Greis, zu dem er wird, und der Vater von jenem brauchte nicht auch der Vater von diesem zu sein (S. 467,7-468,4).

Die Tätigkeit des Bewirkers muss ein Objekt haben

Wäre die Wirkung vor dem Ursprunge nichtseiend, so würde die auf sie bezügliche Tätigkeit des Bewirkers ohne Objekt sein, wie Schwerthiebe in die Luft geführt. Oder soll ihr Objekt nicht die Wirkung, sondern die sie inhärierend habende Ursache sein? Dann wäre das Objekt ein anderes und somit würde auch das Resultat ein anderes sein. Oder soll die Wirkung ein Hinausreichen der Ursache, der sie inhäriert, über sich selbst sein? Dann wäre die Wirkung schon da und brauchte nicht erst bewirkt zu werden (S. 468,4-9).

Resultat

„Es steht also so, dafs die Substanzen selbst, z. B. die Milch, durch das Dasein als sauere Milch usw. fortbestehen und dabei den Namen der Wirkung annehmen, und dass man sich nicht denken kann, dass die Wirkung von der Ursache verschieden sei, auch nicht, wenn man hundert Jahre darüber grübelte. Und da es die Wurzelursache ist, welche bis zur letzten Wirkung hin in Gestalt dieser und jener Wirkung wie ein Schauspieler in allen möglichen Rollen auftritt, so ist damit logisch erwiesen, dass die Wirkung vor ihrem Ursprunge seiend und mit der Ursache identisch ist." (S. 468,10-469,1) Hieran schließen sich, S. 469, noch andere, theologische Argumente an.

Erläuternde Beispiele

1) Solange ein Tuch zusammengerollt ist, sieht man ihm nicht an, ob es ein Tuch oder sonst etwas ist, und wenn man es ihm auch ansieht, so erkennt man doch nicht seine bestimmte Länge und Breite; wird es aber aufgerollt, so sieht man, was es ist und wie lang und breit es ist: Wie hier das zusammengerollte und das aufgerollte Tuch identisch sind, so ist es auch die Ursache und die Wirkung (S. 470,1-10; die Worte 470,7-9 scheinen eine Interpolation zu sein).

2) Wie das Einatmen und Ausatmen, wenn man den Atem anhält, nur in der Gestalt der Ursache (des Prana, Leben, Odem) fortexistieren und als Wirkung nur das Leben, nicht aber die Muskelbewegungen des Atmens hervorbringen, lässt man aber dem Atmen wieder freien Lauf, außer dem Leben auch die Muskelbewegungen, und wie die genannten Lebenshauche von dem Leben (Prana), dessen Verzweigungen sie sind, nicht verschieden sind, indem das WeseLink-Textn beider in der Animierung (Samiranam) besteht, so ist auch die Wirkung nicht verschieden von der Ursache (S. 470,12-471,2).

Siehe auch

Literatur

Weblinks

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