Kontemplation: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
|||
| Zeile 63: | Zeile 63: | ||
Kontemplation braucht Zeiten der Sammlung. Schon wenige Minuten bewusster [[Meditation]], Atembeobachtung oder stillen Sitzens können helfen, den Geist zu beruhigen und die Aufmerksamkeit wieder nach innen zu richten. | Kontemplation braucht Zeiten der Sammlung. Schon wenige Minuten bewusster [[Meditation]], Atembeobachtung oder stillen Sitzens können helfen, den Geist zu beruhigen und die Aufmerksamkeit wieder nach innen zu richten. | ||
Ebenso hilfreich ist es, den eigenen Alltag regelmäßig zu reflektieren. Dabei kann beobachtet werden, welche Erfahrungen zu mehr Klarheit führen und welche lediglich Unruhe oder Identifikation verstärken. | Ebenso hilfreich ist es, den eigenen Alltag regelmäßig zu reflektieren. Dabei kann beobachtet werden, welche Erfahrungen zu mehr Klarheit führen und welche lediglich Unruhe oder [[Identifikation]] verstärken. | ||
==== Kontemplation als Lebenshaltung ==== | ==== Kontemplation als Lebenshaltung ==== | ||
Aktuelle Version vom 14. Juli 2026, 17:07 Uhr
Kontemplation bedeutet: "etwas bewundernd betrachten und darüber nachsinnen." Das Wort wird abgeleitet aus dem Lateinischen von "Contemplatio" und hat seine Wurzeln in dem lateinischen Wort "Templum", was soviel bedeutet wie: ein Stück Land oder ein Gebäude, welches dem Gottesdienst geweiht ist.

Es ließe sich auch herleiten aus zwei Wortstämmen der indogermanischen Ursprache: einmal "tem-" - "schneiden, herausschneiden" und könnte so als "Platz, der herausgeschnitten, herausgetrennt oder reserviert ist", übersetzt werden, zum anderen von dem Wortstamm: "temp-" - "sich ausdehnen, sich erstrecken" und würde sich so auf "eine abgeholzte Fläche, einen geräumten Bereich vor einem Altar" beziehen. Im religiösen Sinne bedeutet Kontemplation allgemein so etwas wie Gebet oder Meditation.
Kontemplation in Philosophie und Religion
Griechische Philosophie
Kontemplation war ein wichtiger Bestandteil der Philosophie Platos. Plato war der Ansicht, dass die Seele durch Kontemplation zu dem höheren Wissen aufsteigen würde, das Gute (Erkenntnistheorie - Erkenntnis der Idee des Guten) zu erkennen, und dass sie die Erkennbarkeit anderer göttlicher Prinzipien fördern würde. Der neoplatonische Philosoph Plotin beschrieb die Kontemplation als entscheidenste Komponente, um Einheit, Einswerdung (Henosis) zu erreichen. Für Plotin bestand höchste Kontemplation darin, eine Gottesvision als ein Gefühl von "Verschmelzung mit dem Einen" zu erfahren. Plotin beschreibt diese Erfahrung in seinem Werk, das als die Enneaden bekannt ist ["Neuner(gruppen)"]. Plotins Schülers Porphyrios soll verlauten lassen haben, Plotin habe diese Einswerdung mit Gott viermal in seinem Leben erfahren. Genaueres ist in den Enneaden unter 6.9. nachzulesen.
Christentum - Die christliche Kontemplation
Im Christentum des Ostens bedeutet Kontemplation, "eine Gottesvision haben" oder "Gott schauen". Der Zustand der "Gottesschau" oder der "Einheit mit Gott" ist auch bekannt als "Theoria" (Schau, Erkenntnis). In der asketischen Tradition des Hesychasmus wird die Theosis (Vergöttlichung, göttlich Machung) praktiziert, ein Vorgang, der in einen Zustand der Einswerdung mit Gott führt. Ziel des Hesychasmus ist es, Herz und Verstand in Übereinstimmung zu bringen.
Kontemplation wird im östlichen orthodoxischen Kirchentum in Graden, Stufen oder Sprossen ausgedrückt, wie beschrieben im Werk des Heiligen Johannes Climacus: "Die Leiter des göttlichen Aufstiegs". Theosie wird hier als Veränderungsprozess angesehen, als Verwandlung von einem alten sündigen Menschen in ein neugeborenes Gotteskind, in ein göttliches Wesen, unsere eigentliche wahre Natur.
Erst wenn jemand in der Gegenwart Gottes sei, sozusagen selbst göttlich, verschmolzen mit ihm sei, könne er eine wahre Erkenntnis von ihm bekommen und echte Kontemplation - "Gottesschau" erfahren. Bei dieser Art der Kontemplation geht es mehr um die praktische Erfahrung als um vernunftbetontes, intellektuell-theoretisches Verständnis (siehe Gnosis). Rationales Denken benutze die Logik als Mittel zum Verständnis - genau das Gegenteil sei angebracht, wenn es darum geht, Gott zu erfahren (siehe Apophatische Theologie).
Im Christentum des Westens wird der Begriff Kontemplation oft in Verbindung gebracht mit der Art von Mystik, wie sie in den Werken der Theologen Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz sowie in den Schriften von Margery Kempe, Augustine Baker und Thomas Merton ihren Ausdruck findet.
Islam
In der Tradition des Islam wird überliefert, dass der Prophet Mohammed in die Wüste ging und einen Berg mit Namen Hira bestieg, um allem Weltlichen zu entsagen und sich ganz aus dem Diesseits zurückzuziehen. In dieser Abgeschiedenheit auf dem Berg "betrachtete er mit Bewunderung" das Dasein - "schaute" er in Kontemplation auf das Leben und seine Bedeutung.
Kontemplation und Meditation
Im Christentum bezieht sich der Begriff Kontemplation auf einen seelischen Zustand, in dem der ruhende Geist ohne zu denken Gott als lebende Realität wahrnimmt. Dieser Zustand entspricht gewissermaßen dem Samadhi und ist als Beschreibung dieses Zustandes in den Religionen des Fernen Osten gebräuchlich.
Die Meditation dagegen, wie sie seit vielen Jahrhunderten in der westlichen Kirche verstanden wurde, bezog sich eher auf eine kognitiv-aktive heilige Handlung, in der vor dem geistigen Auge biblische Szenen visualisiert wurden oder die Lectio Divina (lat. wörtl.:"göttliche Lesung"), welches eine Methode der betenden Meditation ist, in der langsames, andächtiges, "heilbringendes" Lesen biblischer Verse praktiziert wurde.
Kontemplation als Praxis und Methode stößt heutzutage in der westlichen Welt sowohl in der Geschäftswelt (z. B. als Literatur in Peter Senges Buch "Die fünfte Disziplin - Kunst und Praxis der lernenden Organisation") als auch an Universitäten in den verschiedensten Bereichen (wie z. B. der Architektur, der Physik und der freien Künste) auf eine breite Resonanz.
In der katholischen Kirche wird der Kontemplation größte Bedeutung zugemessen. Der katholische Vorbild-Theologe Thomas von Aquin schrieb einmal: "Es ist unerlässlich für das Gute in einer menschlichen Gesellschaft, dass es Menschen gibt, die sich hingebungsvoll einem Leben in Kontemplation widmen." Einer seiner Schüler, Josef Pieper, fügte noch hinzu: "Es ist gerade die Kontemplation, die inmitten der menschlichen Gesellschaft die Wahrheit bewahrt, eine Wahrheit, die vielleicht nutzlos erscheint, zugleich aber doch der Maßstab allen erdenklichen Handelns ist. Durch sie behalten wir das wahre Ende im Blick, sie erst gibt jedem Tun und jeder Handlung im Alltag ihren Sinn."
Kontemplation als spirituelle Praxis
Während Kontemplation in den verschiedenen Religionen unterschiedliche Formen angenommen hat, spielt sie auch im Yoga und insbesondere im Vedanta eine zentrale Rolle. Kontemplation ist hier nicht nur eine Zeit der stillen Einkehr, sondern eine Haltung, die den gesamten Alltag durchdringen kann. Ziel ist es, mit wacher Aufmerksamkeit wahrzunehmen, ohne sich mit Gedanken, Gefühlen oder äußeren Umständen zu identifizieren.
Den inneren Beobachter entwickeln
Eine wirkungsvolle Form der Kontemplation besteht darin, immer wieder bewusst die Rolle des inneren Beobachters einzunehmen. Im Vedanta wird diese Haltung als Sakshi, der Zeuge, beschrieben. Der Übende richtet seine Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf das Erlebte, sondern auf das Bewusstsein, das alle Erfahrungen wahrnimmt.
Hilfreiche Fragen können sein:
- Wer nimmt diese Situation wahr?
- Wer erlebt diesen Gedanken?
- Wer bin ich jenseits aller Erfahrungen?
Diese Form der Selbsterforschung, im Englischen häufig als Inquiry bezeichnet führt schrittweise zu größerer innerer Freiheit und Gelassenheit.
Präsenz ohne Identifikation
Kontemplation bedeutet nicht, sich von der Welt zurückzuziehen. Vielmehr geht es darum, mitten im Leben achtsam, offen und freundlich zu bleiben, ohne sich von äußeren Meinungen, Erwartungen oder Stimmungen bestimmen zu lassen.
Im Alltag kann dies bedeuten, aufmerksam zuzuhören, bewusst zu handeln und gleichzeitig innerlich frei zu bleiben. An die Stelle von Anpassung oder Widerstand tritt eine Haltung ruhiger Präsenz.
Raum für Stille schaffen
Kontemplation braucht Zeiten der Sammlung. Schon wenige Minuten bewusster Meditation, Atembeobachtung oder stillen Sitzens können helfen, den Geist zu beruhigen und die Aufmerksamkeit wieder nach innen zu richten.
Ebenso hilfreich ist es, den eigenen Alltag regelmäßig zu reflektieren. Dabei kann beobachtet werden, welche Erfahrungen zu mehr Klarheit führen und welche lediglich Unruhe oder Identifikation verstärken.
Kontemplation als Lebenshaltung
Mit regelmäßiger Übung wird Kontemplation mehr als eine Meditationstechnik. Sie entwickelt sich zu einer inneren Haltung, die alle Lebensbereiche durchdringt. Der Mensch lernt, Erfahrungen bewusst wahrzunehmen, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen. Dadurch entstehen innere Ruhe, Gelassenheit, Selbsterkenntnis und die Fähigkeit, aus einem tieferen Bewusstsein heraus zu handeln.
Im Sinne des Vedanta wird Kontemplation so zu einem Weg, die eigene wahre Natur als Atman, das unveränderliche Bewusstsein, immer klarer zu erkennen. Sie führt von der äußeren Betrachtung zur unmittelbaren Erfahrung des eigenen Wesens und verbindet Erkenntnis mit gelebter innerer Freiheit.
Siehe auch
- Innenschau
- Meditation
- Versenkung
- Jnana Yoga
- Wer bin ich
- Brahma Jnanavali Mala
- Erkenntnis
- Satchidananda
- Glückseligkeit
- Selbstverwirklichung
- Erfahrung
- Mumukshu
- Moksha
- Samadhi
- Ramana Maharshi
- Adyashanti
- HYP Jahresgruppe
- Sanskrit Kurs Lektion 1
Literatur
- Swami Sivananda, Die Kraft der Gedanken (2012)
- Swami Sivananda, Göttliche Erkenntnis (2001)
- Swami Sivananda, Gedanken zur Kontemplation (1996)
Weblinks
- Meditation & Yoga
- Swami Sivananda
- Artikel von Swami Sivananda
- Swami Sivanandas Integraler Yoga
- Der ganzheitliche Yoga in der Tradition von Swami Sivananda
- Die sechs Yoga-Wege
- Swami Sivananda: Was ist Jnana Yoga?
- Internetseiten von Yoga Vidya
Seminare
Meditation
- 16.08.2026 - 21.08.2026 Meditation meets Dance - Bewusstsein trifft Wildheit
Kleine, große, schnelle, langsame Bewegungen und innehaltende Pausen können den Raum erfüllen
Dynamische Phasen münden in achtsam-bewegte, meditativ…- Kim Thevarajah
- 16.08.2026 - 21.08.2026 Kriya Yoga Intensiv
Einführung ins Kriya Yoga - Meditationspraxis eines höheren Zeitalters. Erfahre die Theorie, Tradition und Praxis von Kriya Yoga. Swami Bodhichitanand…- Swami Bodhichitananda
Jnana Yoga und Philosophie
- 14.08.2026 - 23.08.2026 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv F8 - Tattva Bodha
Interessante und vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga, Vedanta und den spirituellen Weg anhand des „Tattva Bodha“ (Die Erken…- Maheshwara Mario Illgen, Patrick Vopel
- 14.08.2026 - 23.08.2026 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A8 - Tattva Bodha
Interessante und vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga, Vedanta und den spirituellen Weg anhand des „Tattva Bodha“ (Die Erken…- Maheshwara Mario Illgen, Patrick Vopel, Ravi Ott
Spirituelles Retreat
- 30.08.2026 - 04.09.2026 Meditationsretreat mit Swami Saradananda
Unsere spirituellen Retreats sind eine einzigartige Gelegenheit, am geistigen Reichtum und der spirituellen Tiefe international bekannter Yogameister/in…- Swami Saradananda
- 18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat
Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…- Swami Nirgunananda, Rukmini Keilbar
Tsa Lung - Tibetischer Yoga
- In diesem Workshop erlernen und praktizieren wir eine Serie von fünf energetisierenden Übungen, die mit Körper, Aufmerksamkeit und Atmung arbeiten …
- Dr phil Oliver Hahn
Bewusstseinstechniken aus dem Vijnana Bhairava Tantra
01.10.25 - 03.10.25 - Bewusstseinstechniken aus dem Vijnana Bhairava Tantra
- Tantra benutzt alle Sinne, um durch Achtsamkeits- und Meditationstechniken den Schleier der materiellen Welt zu lüften und hinter allen Erscheinungen reines Bewusstsein - unser wahres Selbst - zu entdecken …
- Dr phil Oliver Hahn
Multimedia
Wer bin ich? Was ist die Welt?
Vedanta Meditation – Alles ist Brahman
Vedanta Tiefenentspannung: Wer bin ich?