Suprabheda Agama 108 Verse und Mantras

Aus Yogawiki

Suprabheda Agama – 108 Verse und Mantras ist ein Lesetext für die tägliche Sadhana, für Meditation und die vertiefte Hinwendung zu Shiva. Die ausgewählten Verse führen von der Untrennbarkeit Shivas und Shaktis über Guru, Mantra und Yoga zur Erkenntnis des Selbst und zur Befreiung.

Das Suprabheda spricht von einer Klarheit, die durch Unwissenheit verhüllt ist. Wie eine Lampe nach dem Entfernen ihrer Hülle aufleuchtet, kann das reine Wesen der Seele offenbar werden. Diese Sicht ermutigt zu beständiger Übung: Hingabe öffnet das Herz, Japa sammelt den Geist, und Erkenntnis verändert das Verständnis des eigenen Daseins.

Die Verse verbinden diese hohe Ausrichtung mit einfachen Aufgaben des Lebens: wahrhaftig sprechen, Zufriedenheit pflegen, Freude und Leid mit Gleichmut begegnen und einem bedrängten Wesen helfen. So erhält die spirituelle Betrachtung eine konkrete Richtung. Sie kann die Frage wecken, wie das Gelesene heute im eigenen Denken, Sprechen und Handeln Gestalt gewinnt.

Für die Lektüre genügt zunächst ein kurzer zusammenhängender Abschnitt. Lies ihn langsam, verweile bei einem Gedanken und lasse anschließend Raum für Stille. Manche Verse führen einen Satz oder ein Bild über mehrere Nummern hinweg fort. Die Mantras im zweiten Teil können die Sammlung begleiten; ihr jeweiliger Zusammenhang wird dort erläutert.

Die Originalstellen der 108 Verse stehen gesammelt in der Konkordanz am Ende. Den größeren Zusammenhang erschließt der Hauptartikel mit der vollständigen Übersetzung. IAST und Devanagari ermöglichen die begleitende Sanskrit-Lektüre.

Shiva und Shakti – Gegenwart und göttliche Gestalt

1 Die gestaltbezogene Erscheinung wird weiter gegliedert. Ihre Merkmale werden nun erklärt. Jenseits von Richtung, Ort und Zeit, jenseits dessen, was Sprache und Denken erreichen,

2 ist jener Herr der Götter. Aus eigenem Willen nimmt er einen Leib an, wobei er in seinem höchsten Wesen und in Eigenschaften wie Allwissenheit gegründet bleibt.

3 Damit die Yogis ihn erkennen, damit die Schriften offenbar werden und zum Wohl der Lebewesen nimmt Shiva eine sichtbare Gestalt an.

4 Durch Brahma wird alles hervorgebracht, durch Vishnu alles erhalten; die Auflösung aller Welten gehört dem höchsten Shiva.

5 Wie eine Erscheinung aus Shambhu hervorgeht, so geht ihr Gegenstück aus Shakti hervor. Ist er gestaltlos, ist auch sie gestaltlos; besitzt er Gestalt, besitzt auch sie Gestalt.

6 Wie dem Feuer seine Hitze ist Shakti dem allgegenwärtigen Herrn untrennbar verbunden. Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Sadashiva

7 sind Savitri, Shri, Uma Devi, Ishvari und Manonmani zugeordnet. Im Linga ist Sadashiva gegenwärtig, im Sockel Manonmani.

8 So werden den fünf Gestalten fünf weitere Gestalten zugeordnet. Weil die Welt aus ihnen hervorgeht, ist sie von Shakti und Shambhu erfüllt.

9 Er ist jenseits des Raumes, höher und feiner als alles, ewig und ohne Ursache. Weil er alles durchdringt, heißt er allgegenwärtig; weil er Herr ist, heißt er der Mächtige.

10 Um zu schöpfen, die Welt zu bewahren und ihr Entstehen zu ermöglichen, nimmt er aus freiem Willen eine Gestalt an, zum Heil der Übenden.

11 Seine Gestalt ist dreifach zu verstehen: ungeteilt und gestaltlos, zugleich gegliedert und ungegliedert sowie gegliedert und gestaltet.

12 Aus der Willenskraft entsteht ein Lotus mit tausend Blütenblättern, Fruchtboden und Staubfäden. Darauf befindet sich Sadashiva.

13 Er hat fünf Scheitel, vier Gesichter und zwölf Augen, vier Münder, vier Nasen, acht Ohren und vier Hälse.

14 Er hat zehn Arme, einen Rumpf und zwei Füße und sitzt auf dem Lotus. Er gleicht reinem Bergkristall und strahlt wie Millionen Sonnen.

15 Zugleich ist er kühl wie Mondlicht, mild und mit allem Schmuck versehen. Der Gott trägt ein weißes Gewand und eine weiße heilige Schnur.

16 Rechts zeigt er die Geste der Furchtlosigkeit und hält Dreizack, Axt, Donnerkeil und Schwert; links Schild, Elefantenhaken, Schlinge und Glocke sowie die Geste der Gewährung.

17 Mit diesen Kennzeichen wird Sadashiva beschrieben. An seiner linken Seite befindet sich die ursprüngliche Shakti, Manonmani.

18 Wie die Wärme zum Feuer gehört, so ist Shakti vom allgegenwärtigen Herrn untrennbar. Ohne Shakti gibt es keinen Shiva; ohne Shiva keine Shakti.

19 Alle diese Gottheiten gelten als von Shakti und Shambhu erfüllt. Darum wird diese ganze bewegliche und unbewegliche Welt als von Shiva erfüllt bezeichnet.

20 Manonmani hat ein Gesicht und vier Hände, ist mit allem Schmuck versehen, besitzt breite Hüften, eine schmale Taille und volle Brüste.

21 Sie ist von den Shaktis, beginnend mit Vama, umgeben und mit ihren Kennzeichen ausgestattet. Der Verständige meditiert über sie und verehrt sie zum Wohlergehen der Welt.

Guru, Einweihung und der Weg der Erkenntnis

22 Dies ist das tägliche Pranagnihotra, das Opfer im Feuer des Lebensatems. In der Gestalt des Acharya zerschneidet der Herr die Fesseln.

23 Im Lingam empfängt er die Verehrung, im Feuer die Opfergabe. Das Feuerritual ist damit erklärt. Höre nun die Merkmale der Feuergrube.

24 Im Kriyapada ist er kundig, den Caryapada befolgt er, die Übungen des Yogapada praktiziert er und dem Jnanapada ist er zugewandt.

25 Er kennt den Grund der körperlichen Bindung, wurde ordnungsgemäß eingeweiht, erfreut sich am Nektar der Shiva-Erkenntnis und versteht prüfendes Erwägen und Unterscheiden.

26 Damit ist der Sakala-Zustand beschrieben. Höre nun vom reinen Zustand: Zur Vernichtung der Verunreinigungen erfolgt ein anderes Geschehen, das Herabkommen der Kraft.

27 Bis zum Herabkommen der Kraft besteht die Erfahrung der Unwissenheit. Wenn die früheren karmischen Wirkungen ins Gleichgewicht kommen, ereignet sich Shaktipata.

28 Im Verlangen nach dem Zustand Sadashivas entsteht Hingabe an Shiva. Dann empfängt man die Einweihung und vollzieht voller Hingabe die Verehrung.

29 Danach übt man Yoga und vertieft sich in die Erkenntnislehre der Tantras. So vertreibt man die Dunkelheit der Unwissenheit mit der Lampe der Erkenntnis.

30 Wer den Sinn dieses göttlichen Shaiva-Juwels durchdrungen hat, gilt als bewegliche Verkörperung Shivas.

31 Er ist der sprachliche Ausdruck; das durch ihn Ausgedrückte ist Shiva. Seine Wiederholung verleiht Kraft; das Eingehen in mich gilt als Befreiung.

Mitgefühl, Wahrhaftigkeit und verantwortliches Leben

32 Er badet dreimal täglich, beherrscht Zorn und Sinne, spricht wahr, lebt von einmal täglich erbettelter Speise und wohnt ständig im Haus des Gurus.

33 Er nimmt nach ordnungsgemäßer Hochzeit eine Ehefrau zu sich und ehrt ankommende Gäste nach Vermögen.

34 Täglich verehrt er Gottheit, Feuer und Guru und erfüllt die Pflichten des Hauses. Die sechs im Shiva-Agama gelehrten Aufgaben pflegt er mit Vertrauen und Hingabe.

35 Man bleibt gleichmütig in Freude und Leid und verzichtet auf neue Unternehmungen. Gold betrachte man wie einen Erdklumpen; Angenehmem und Unangenehmem begegne man gleich.

36 Man wahrt äußere und innere Reinheit und wohnt am Rand der Ortschaften. So ist die entsagende Lebensweise beschrieben. Höre nun die besonderen Gelübde.

37 Sieht man ein Tier im Schlamm versunken, helfe man ihm heraus, bevor man weitergeht. Man lasse Verleumdung hinter sich und widme sich dem Mitgefühl für alle Lebewesen.

38 Wahrhaftigkeit, Erkenntnis, Askese, Schweigen, Gedächtnis, Einsicht, Standhaftigkeit, Geduld, Tatkraft, Entschlossenheit und Mut kennzeichnen Sattva.

39 Hochmut, starkes Ichbewusstsein, Niedergeschlagenheit, gefällige Rede, rastloses Bemühen und Missgunst werden als Eigenschaften des Rajas bezeichnet.

40 Trägheit, Verblendung, Schlafsucht, Unbeständigkeit, niedrige Lebensführung, Neigung zum Unrecht und Verleumdung anderer kennzeichnen Tamas.

41 Das Gleichgewicht der Gunas heißt Mulaprakriti, die ursprüngliche Natur. Die drei Gunas sind damit kurz erklärt; höre nun von den drei Doshas.

42 Wer frei von Zorn ist, Reinheit und rechte Lebensführung pflegt, Geduld und Besonnenheit besitzt, aus Hingabe an Shiva verdienstvoll handelt und allen Lebewesen Mitgefühl entgegenbringt,

43 der gelangt nicht in die Hölle. Höre nun aufmerksam, mein Kind, von der Ausdehnung der Höllen.

44 Man sorge für unverminderte Versorgung und reine Speise. Die Beteiligten sollen ohne Not leben, ausreichende Kleidung besitzen und regelmäßig Duftstoffe erhalten.

45 Man setze geeignete Haushälter ein, stelle alle Geräte bereit und sichere reichlichen, dauerhaften Unterhalt durch eine verbindliche Urkunde.

46 Wer nur geringe Mittel gewährt und dadurch die Dienenden bedrängt, den werde der im festen Bild gegenwärtige Herr selbst bedrängen.

Mantra und innere Rezitation

47 Weil der Pranava bei allen Mantras ausgesprochen wird, erkläre ich ihn in Kürze, nicht ausführlich.

48 Er umfasst A, U, M und die Bindu-Gestalt. A ist Brahma zugeordnet, U Vishnu.

49 M ist Rudra zugeordnet, Bindu Ishvara und Nada Sadashiva. Dies sind die entsprechenden Gottheiten.

50 Der Ort von A ist das Herz, von U die Ohrengegend, von M die Gaumenmitte und von Bindu die Stirn.

51 Darüber liegt der Ort von Nada. Die drei Laute von A an werden mit Anusvara und Visarga verbunden.

52 Der Pranava umfasst alle Laute und ist von allen Gottheiten erfüllt. Sein Seher ist Sanatkumara, seine Farbe weiß.

53 Damit ist der Pranava kurz erklärt. Höre nun den fünfsilbigen Mantra: »Namah Shivaya« besteht aus fünf Silben und heißt deshalb Panchakshara.

54 Für diejenigen, die Japa üben möchten, werden vier Arten genannt: geistiges Japa, Japa in der Kehle, flüsterndes und deutlich hörbares Japa.

55 Das flüsternde gilt als zehnmal wirksamer als das hörbare, das in der Kehle als hundertfach, das geistige als tausendfach. Höre nun vom Zählen an Fingern und anderen Hilfsmitteln.

56 Nun werden Zeit und Ort des Japa kurz erklärt: vormittags, mittags, nachmittags und um Mitternacht,

57 also zu vier oder zu drei Zeiten. Höre nun die Orte: am Ufer eines Flusses oder Teiches, bei einer Rinderherde oder in einem Tempel,

58 im Wald, in den Bergen, an einem heiligen Ort oder im eigenen Haus. Damit sind die Orte genannt. Höre nun die Zahl der Wiederholungen.

59 Täglich soll der Yogi tausendmal, halb so oft, ein Viertel so oft oder hundertachtmal rezitieren. Dies gilt als Beseitigung aller Verfehlungen.

60 Allein durch Japa gelangt er in die unvergängliche Welt Shivas. Damit ist die Zahl der Wiederholungen erklärt. Höre nun vom Bambusstab.

61 Damit ist das Gelübdeopfer erläutert. Höre nun die Praxisordnung. Der Pranava umfasst alle Laute; Shiva ist allumfassend und alldurchdringend.

62 Sein Rishi ist Sanatkumara, seine Farbe weiß und sein Metrum Gayatri. Er entspringt dem Shiva-Prinzip.

63 Alle Yogis nennen Om das einsilbige Brahman. So ist der Pranava kurz erläutert. Höre nun vom fünfsilbigen Mantra.

64 Nachdem ich meine Augen tausend göttliche Jahre lang offengehalten hatte, vergossen sie Tränen. Was daraus hervorging, heißt Rudraksha.

Yoga und innere Sammlung

65 Mit Sattva wird Befreiung verbunden; deshalb wird Sattva empfohlen. Alle Handlungen sollen in Sattva geschehen; die auf eines gesammelte Aufmerksamkeit ist sattvig.

66 Darum soll man mit aller Anstrengung die Eigenschaft Sattva pflegen. Die fünfundzwanzig Tattvas sind damit in Kürze genannt.

67 Nun erkläre ich die Kennzeichen der Grundlage und des darauf Beruhenden. Die Grundlage ist der Ort; das darauf Beruhende ist die ihm zugeordnete Gottheit.

68 Die Verbindung von Grundlage und darauf Beruhendem wird Yoga genannt. Weil es viele Grundlagen gibt, mein Kind, gibt es viele Arten des Yoga.

69 Für die Yogis heißt dies Yoga, für die Erkennenden Erkenntnis. Nun werde ich den Yoga kurz, nicht ausführlich, erklären.

70 Damit sind die fünf Hilfsmittel der Shiva-Verehrer genannt. Ich erkläre nun die acht Glieder des Yoga. Höre mit gesammeltem Geist.

71 Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dhyana, Dharana und Samadhi:

72 Diese acht Glieder sind die Mittel der Yogaübung. Nichtverletzen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, sexuelle Selbstbeherrschung und Nichtanhäufen

73 bilden die fünf Yamas. Höre nun die Niyamas: Reinheit, Zufriedenheit, Askese, Studium und Rezitation der heiligen Lehre,

74 sowie Hingabe an den Herrn bilden die fünf Niyamas. Als Sitzhaltungen werden Gomukha, Svastika, Padma, Ardhachandra,

75 Vira und Yoga genannt: sechs Arten des Sitzens. Für Gomukha legt man das rechte Knie über das linke,

76 und die beiden Fußsohlen werden seitlich nach hinten abgelegt. So erhält die ruhig eingenommene Haltung die Gestalt eines Kuhgesichts.

77 Bei Svastika legt man die Sohlen seitlich an die Oberschenkel und verschränkt die Unterschenkel. Liegen die Sohlen auf den Oberschenkeln, heißt dies Padmasana.

78 Nachdem man eine dieser Haltungen eingenommen hat, übt man Yoga. Vor der Yogaübung vollzieht man die drei Formen der Atemregelung.

79 Man übt Ausatmen, Einatmen und Atemhalten. Vor der Yogaübung vollzieht man diese dreifache Atemregelung.

80 Wenn die Sinne hinsichtlich ihrer Gegenstände an ihrem eigenen Ort gesammelt bleiben, so lange dieser Zustand anhält, heißt dies Pratyahara.

81 In den inneren Grundlagen vergegenwärtigt man die eigene beziehungsweise göttliche Gestalt an ihrem entsprechenden Sitz. Dies sollst du als Dhyana verstehen, das alles Leiden behebt.

82 Die große Nadi namens Kundali wird in der Nabelmitte verortet. Sie besitzt acht Windungen und liegt gleichsam schlafend da.

83 Über dem Nabel befindet sich ein Lotus, einer im Teich erblühten Lotusblume gleich. In seiner Mitte ruht die Seele, strahlend wie Millionen Sonnen.

84 In seinem Innern werden die Kreise von Sonne, Mond und Feuer beschrieben. In ihrer Mitte befindet sich der Gott, leuchtend wie zehntausend Sonnen.

85 Meditiert er am Kopf über Sadashiva, erfährt er dessen Zustand. Dann geht er in die Mitte des Herzlotus ein und vergegenwärtigt Bindu, Nada und Shakti.

86 In einem Bereich von vier Fingerbreiten stellt er sich eine Lichtflamme vor. An den vier Orten verehrt er die jeweils dort gegenwärtige Gestalt.

87 Über dem Kopf vergegenwärtigt er das unvergängliche, ungeteilte Brahman. So mit Yoga verbunden, erlangt der Yogi die Frucht des Yoga.

88 Im Tiefschlaf ruht es im Herzen; im vierten Zustand gilt es als alldurchdringend. So ist es im Körper gegenwärtig. Höre nun von den Nadis.

Selbsterkenntnis, Gleichmut und Befreiung

89 Das Selbst ist makellos und rein, wird aber durch Maya gebunden. Wegen seiner anfangslosen Verbindung mit der Verunreinigung nennen die Weisen es Pashu, die gebundene Seele.

90 Diese Erkenntnis ist ihrer Natur nach rein; ihr eigentliches Wesen ist makellos. Sie gleicht einem Kristall, der durch die Nähe dunkler oder blauer Gegenstände entsprechend gefärbt erscheint.

91 Durch ernsthafte Hinwendung zur Wirklichkeit wird sie wie reiner Bergkristall. Wie eine Lampe, die unter einem Gefäß verborgen ist, beim Entfernen des Gefäßes aufleuchtet,

92 und wie die verhüllte Sonne nach ihrer Befreiung wieder strahlt, so werden Bindung und Befreiung des Selbst beschrieben. [Die Bezeichnung der Sonnenverhüllung ist beschädigt.]

93 Das von Verunreinigungen umhüllte Selbst nennen die Weisen Pashu. Das von Verunreinigungen freie Selbst nennen sie rein.

94 Wer nachts ein Seil irrtümlich für eine Schlange hält, bleibt in dieser Täuschung befangen. Wenn der Irrtum vergeht, sieht er dort keine Schlange mehr.

95 So verhält es sich mit Bindung und Befreiung des Selbst, dessen Natur rein ist. Durch Erkenntnis seiner eigenen Natur geschieht Befreiung; ein solcher Mensch ist ein Jivanmukta, schon im Leben Befreiter.

96 Alle Wirklichkeitsebenen und Wesen werden als das Selbst gesehen. Freude und Leid, Angenehmes und Unangenehmes werden mit Gleichmut betrachtet.

97 Die karmischen Wirkungen, die den gegenwärtigen Körper hervorgebracht haben, werden noch von selbst erfahren. Auch wenn Asafoetida aus einem Gefäß entfernt ist, verschwindet sein Geruch darin nicht sofort.

98 Wie die Töpferscheibe sich nach dem Ende der Arbeit weiterdreht, so wirken sie noch nach. Beim Ende des Körpers vergehen die verbliebenen karmischen Wirkungen des Wirklichkeitskenners.

99 Erkenntnis entfaltet sich, mein Kind, um die Verirrung zu zerstören, die bindende Folge der Weltwege aufzulösen und Shiva offenbar werden zu lassen.

100 Unwissenheit gleicht der Dunkelheit, Erkenntnis einer Lampe. Das zu Erkennende gleicht der Sonne; wenn es offenbar ist, tritt auch die vermittelnde Erkenntnis zurück.

101 Weil sie das Netz der Fesseln durchschneidet, wird die Erkenntnis als scharf beschrieben. Durch sie versteht der Weise die gebundene Seele, ihre Bindungen und den Herrn.

102 Der Yogi erlangt insbesondere die acht Vollkommenheiten, beginnend mit Anima. Ebenso erreicht er die vier Zustände, beginnend mit Salokya.

103 Es sind Salokya, Samipya, Sarupya und Sayujya. Das Erreichen der Welt der meditierten Gottheit heißt Salokya.

104 Die Nähe zu dieser Gottheit heißt Samipya. Das Erlangen ihrer jeweiligen Gestalt heißt Sarupya.

105 Wenn das eigene Sein mit Shiva verbunden wird, heißt dies Sayujya. Damit ist Yoga kurz erklärt. Höre nun den Jnanapada.

106 Alle sollen Shiva für ihr eigenes Heil mit Gaben verehren. Daher bringe der Kundige Blätter, Früchte, Blumen, Wasser oder auch geistige Gaben dar.

107 Erfülle den Geist mit Shiva und verehre ihn stets. Die Lehre erklärt: Einen höheren Dharma als Shivas Dharma hat es nicht gegeben und wird es nicht geben.

108 Wisse: Dies ist das Land des Handelns; die anderen sind himmlische Erfahrungsorte. Hier können die Früchte der Befreiung und der Welterfahrung erlangt werden, indem man zu Shiva gelangt.

Mantras und Rezitationsformeln

Der Mantra verbindet Laut und Hinwendung. Das Suprabheda beschreibt Shiva als das durch den Mantra Bezeichnete. Die Rezitation kann hörbar, leise oder rein geistig geschehen. Für die persönliche Betrachtung sind besonders der Pranava und der fünfsilbige Shiva-Mantra zugänglich. Die weiteren Formeln stehen im Werk in bestimmten Ritualzusammenhängen, die jeweils genannt werden.

Die Schreibweise folgt dem belegten Wortlaut. Eine rituelle Einweihung oder Befähigung wird durch das Lesen einer Formel nicht ersetzt. Unvollständige Lautlisten, bloße Mantra-Anfänge und verschlüsselte Keimsilbenanweisungen werden hier nicht zu vollständigen Mantras ergänzt.

Om – der Pranava

oṃ ॐ

Bedeutung und Betrachtung: Om ist der heilige Urlaut. Der Text verbindet ihn mit der Gesamtheit der Laute und nennt ihn das einsilbige Brahman. Er kann die Aufmerksamkeit sammeln und eine Phase stiller Meditation eröffnen. Seine Zuordnungen zu A, U, M, Bindu und Nada beschreiben die Entfaltung und Sammlung des Klanges.

Namah Shivaya – der fünfsilbige Mantra

namaḥ śivāya
नमः शिवाय

Bedeutung: »Verehrung sei Shiva.«

Die fünf Silben sind na–maḥ–śi–vā–ya. Das Suprabheda nennt diese Formel ausdrücklich Panchakshara. Beim Japa kann ihre Bedeutung als innere Hinwendung gegenwärtig bleiben: Das eigene Denken und Handeln wird Shiva dargebracht.

Om Namah Shivaya – die ausdrücklich gelehrte Verbindung

oṃ namaḥ śivāya
ॐ नमः शिवाय

Bedeutung: »Om. Verehrung sei Shiva.«

Der Yogapada lehrt ausdrücklich, den zuvor ausgeschriebenen fünfsilbigen Mantra bei der Rezitation mit dem Pranava zu verbinden, und nennt ihn dann sechssilbig. Diese Form beruht somit auf einer vollständigen Formel und einer eindeutigen Anweisung des Textes. Die dort ebenfalls genannte historische Beschränkung ihrer Verwendung gehört zur damaligen Zulassungsordnung; die heutige Yoga-Vidya-Praxis verwendet Om Namah Shivaya als Shiva-Mantra.

Die Gauri-Gayatri

gaṇāṃbikāyai vidmahe
mahātapāyai dhīmahī
tanno gaurī pracodayet

Bedeutung: »Wir erkennen die Mutter der Ganas. Wir meditieren über die von großer geistiger Glut Erfüllte. Möge Gauri uns anregen und erleuchten.«

Diese Formel wird im Kapitel über die Weihe der Shakti ausdrücklich als Gauri-Gayatri bezeichnet. Sie eignet sich zur hingebungsvollen Betrachtung Gauris; ihr ursprünglicher Ort ist das Weiheritual. Die Formen dhīmahī und pracodayet stehen so in der Textgrundlage und werden hier nicht stillschweigend durch geläufigere Varianten ersetzt.

Die Gayatri an Ganesha

ākhudhvajāya vidmahe
dantihastāya dhīmahe
tanno dantiḥ pracodayāt

Bedeutung: »Wir erkennen den, dessen Banner die Maus trägt. Wir meditieren über den mit dem Elefantenrüssel. Möge der Elefantengesichtige uns anregen und erleuchten.«

Die Formel steht im Kapitel über die Aufstellung Ganeshas. Die Maus und der Elefantenrüssel machen den angerufenen Gott anschaulich. Die überlieferte Form dhīmahe bleibt erhalten. Ein Om wird hier nicht ergänzt, da es an dieser Stelle nicht ausgeschrieben ist.

Die Vrishabha-Gayatri

tīkṣṇaśṛṅgāya vidmahe
vedapādāya dhīmahi
tanno vṛṣabhaḥ pracodayāt

Bedeutung: »Wir erkennen den mit den scharfen Hörnern. Wir meditieren über den, dessen Füße die Veden sind. Möge der Stier uns anregen und erleuchten.«

Diese vollständige dreigliedrige Formel steht im Zusammenhang mit Shivas Fest und der rituellen Trommel. Sie richtet sich an Vrishabha, den Stier Shivas. Nach ihrem vollständigen Schlusssatz folgt in der Vorlage eine Textlücke; aus dieser Lücke werden keine zusätzlichen Worte ergänzt. Für die Betrachtung erschließt die Formel den Stier als Träger heiliger Ordnung und Ausrichtung.

Shambhu als Herr der Träume

oṃ śaṃbhave triṇetrāya piṅgalāya mahātmane
vāmāya viśvarūpāya svapnādhipataye namaḥ

Bedeutung: »Om. Verehrung sei Shambhu, dem Dreiäugigen, dem Goldbraunen, dem großen Selbst, dem Lieblichen, dem Allgestaltigen, dem Herrn der Träume.«

Der Caryapada überliefert diese Formel vollständig im Vorbereitungsritual der Einweihung. Sie begleitet die Nacht des Schülers vor dem weiteren Vollzug. Als Gebet kann sie eine Hinwendung zu Shambhu ausdrücken; der Textzusammenhang macht sie jedoch nicht zu einer allgemeinen Methode für Traumdeutung oder Zukunftsschau. Die ungewöhnliche Schreibung triṇetrāya ist die Lesung der Vorlage.

Shivoham und Soham – Formeln der Vergegenwärtigung

śivo ’ham
शिवोऽहम्

Bedeutung: »Ich bin Shiva.«

Die Formel wird bei der Linga-Weihe als innere Vergegenwärtigung vorgeschrieben. Sie gehört zur Ausrichtung des rituell Handelnden auf Shiva. Hier ist sie eine Aussage der Identifikation, kein aus einer Lautliste rekonstruierter Mantra.

so ’ham
सोऽहम्

Bedeutung: »Ich bin Er.«

Der Jnanapada nennt diese Erkenntnis im Zusammenhang mit Befreiung. Ihr Sinn liegt nicht in der Überhöhung der persönlichen Eigenwilligkeit, sondern in der Überwindung begrenzter Selbstvorstellungen. Eine besondere atemgebundene Soham-Technik wird an dieser Stelle nicht beschrieben.

Die Verse im Alltag lebendig werden lassen

Eine kurze tägliche Lektüre kann genügen: einen zusammenhängenden Abschnitt lesen, einige Augenblicke schweigen und die Aussage im eigenen Herzen bewegen. Ein Mantra kann diese Sammlung begleiten. Es ist ebenso möglich, bei einem einzigen Gedanken zu bleiben – etwa bei Gleichmut, Dankbarkeit oder dem Mitgefühl mit einem leidenden Wesen.

Der Maßstab der Vertiefung liegt auch im Leben außerhalb der Übungszeit. Wird die Sprache wahrhaftiger? Werden andere Wesen aufmerksamer wahrgenommen? Entsteht mehr Freiheit gegenüber dem ständigen Wechsel von Angenehmem und Unangenehmem? Solche Fragen verbinden die hohe Lehre des Suprabheda mit einer schlichten, beständigen Sadhana.

Quellen und Hinweise

Die 108 nummerierten Stücke sind vollständige Übersetzungen ausgewählter nummerierter Originalverse, keine neu verfassten Sinnsprüche. Satzübergreifende Verse stehen möglichst im Zusammenhang. Vereinzelte überlieferungsbedingte Hinweise bleiben sichtbar. Die Konkordanz ermöglicht das Auffinden in der vollständigen deutschen Übersetzung und in den beiden Sanskritartikeln.

Belegstellen der Formeln: Om – Caryapada 6.55–57 und Yogapada 3.15–23; Namah Shivaya – Yogapada 3.24; Verbindung mit Om – Yogapada 3.30; Gauri-Gayatri – Kriyapada 38.12–14; Ganesha-Gayatri – Kriyapada 43.7–8; Vrishabha-Gayatri – Kriyapada 14.46–47; Traumgebet an Shambhu – Caryapada 3.35–36; Shivoham – Kriyapada 36.81; Soham – Jnanapada 2.25. Die kurze Trennung von Wörtern und Avagraha-Zeichen in den beiden Schlussformeln dient der Lesbarkeit und verändert ihre Laute nicht.

Textgrundlage: Suprabhedāgama, Śivāgama Siddhānta Paripālana Saṅgham, Devakottai 1931; digitale Überlieferung M00090 des Muktabodha Indological Research Institute, Transkription unter Leitung von Mark S. G. Dyczkowski, Neuformatierung vom 13. April 2007. Die digitale Vorlage steht unter CC BY-NC 4.0. Diese Ausgabe bietet eine deutsche Übersetzung und thematische Auswahl auf dieser Grundlage.


Konkordanz der 108 Verse

K = Kriyapada; C = Caryapada; Y = Yogapada; J = Jnanapada. Die Zahlen nach dem Teilkürzel bezeichnen Kapitel und Vers.

Auswahl Originalstelle Auswahl Originalstelle Auswahl Originalstelle
1 K 33.3 37 C 6.84 73 Y 3.56
2 K 33.4 38 Y 1.35 74 Y 3.57
3 K 33.5 39 Y 1.36 75 Y 3.58
4 K 33.15 40 Y 1.37 76 Y 3.59
5 K 33.16 41 Y 1.38 77 Y 3.60
6 K 33.17 42 J 3.26 78 Y 3.64
7 K 33.18 43 J 3.27 79 Y 3.65
8 K 33.19 44 K 24.23 80 Y 3.72
9 J 1.11 45 K 24.24 81 Y 3.73
10 J 1.19 46 K 24.25 82 Y 1.142
11 J 1.20 47 Y 3.15 83 Y 1.143
12 J 1.40 48 Y 3.16 84 Y 1.144
13 J 1.41 49 Y 3.17 85 Y 3.89
14 J 1.42 50 Y 3.18 86 Y 3.90
15 J 1.43 51 Y 3.19 87 Y 3.91
16 J 1.44 52 Y 3.22 88 Y 1.115
17 J 1.45 53 Y 3.24 89 J 2.3
18 J 1.46 54 Y 3.31 90 J 2.18
19 J 1.47 55 Y 3.32 91 J 2.19
20 J 1.48 56 Y 3.44 92 J 2.20
21 J 1.49 57 Y 3.45 93 J 2.21
22 K 11.64 58 Y 3.46 94 J 2.23
23 K 11.65 59 Y 3.47 95 J 2.24
24 K 21.7 60 Y 3.48 96 J 2.26
25 K 21.9 61 C 6.55 97 J 2.27
26 J 2.14 62 C 6.56 98 J 2.28
27 J 2.15 63 C 6.57 99 J 1.2
28 J 2.16 64 Y 3.36 100 J 1.3
29 J 2.17 65 Y 1.93 101 J 1.4
30 K 24.8 66 Y 1.94 102 Y 3.97
31 Y 3.25 67 Y 3.1 103 Y 3.98
32 C 6.6 68 Y 3.2 104 Y 3.99
33 C 6.9 69 Y 3.3 105 Y 3.100
34 C 6.10 70 Y 3.53 106 K 20.41
35 C 6.20 71 Y 3.54 107 K 20.42
36 C 6.21 72 Y 3.55 108 J 3.124