Brihannila Tantra
Brihannila Tantra (Sanskrit: बृहन्नीलतन्त्र, bṛhannīlatantra) ist eine Schrift des Shaktismus, in deren Mittelpunkt die Göttliche Mutter als Tara, Nila Sarasvati, Kali und Annapurna steht. Im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi entfaltet sie einen Weg aus Mantra, Puja, Meditation und Erkenntnis. Seine besondere Frage lautet: Wie wird aus gesprochenem Klang lebendige spirituelle Erfahrung? Das Werk antwortet mit einem engen Zusammenspiel von Guru, überlieferter Praxis und innerer Haltung. Ein Mantra soll nicht nur an den Lippen bleiben: Es soll das Herz, den Körper und das Bewusstsein durchdringen.

Der Name Nila-Sarasvati verbindet zwei eindrucksvolle Bilder. Nīla bedeutet dunkelblau; Sarasvati verkörpert Sprache, Wissen und schöpferischen Ausdruck. Hier erscheint sie nicht nur als sanfte Spenderin von Gelehrsamkeit, sondern auch als machtvolle Göttin, die Angst und innere Erstarrung aufbricht. Die Schrift sucht sowohl die Entfaltung des Lebens als auch Befreiung. Ihr Horizont reicht von dichterischer Inspiration und rituellem Schutz bis zur Einsicht in das eine Selbst, das in allen Gestalten gegenwärtig ist.
Den Sanskrittext in indischer Schrift bietet Brihannila Tantra Sanskrit Devanagari. Eine thematisch geordnete Auswahl findet sich unter Brihannila Tantra 108 Verse und Mantras.
Wer das Werk als Yoga-Aspirant liest, findet besonders in drei Motiven einen Zugang: Das Mantra wird durch bewusste Hingabe lebendig; die Göttin wird im eigenen Herzen vergegenwärtigt; und Erkenntnis vertieft sich zur Erfahrung des einen Selbst. Diese Motive kehren inmitten der ausführlichen Rituallehren wieder. Sie laden dazu ein, beim Lesen innezuhalten: Was sammelt meinen Geist? Was öffnet mein Herz? Wie wird aus einer Einsicht ein liebevolleres Handeln?
Name, Tradition und historische Einordnung
Bṛhat bedeutet groß, umfangreich oder erhaben. Vor nīla wird daraus durch Lautverbindung bṛhannīla. Der Titel lässt sich sinngemäß als »Das große Tantra der blauen Göttin« verstehen. Die Schreibweisen Brihannila Tantra, Brhannila Tantra und Bṛhannīlatantra bezeichnen hier dasselbe Werk. Die Göttin selbst wird im Text Nila-Sarasvati und Mahanila-Sarasvati genannt. »Groß« ist dabei kein sicherer Beleg für ein bestimmtes Verhältnis zu einer anderen, kürzeren Schrift namens Nila-Tantra.
Das Werk steht in einem Shakta- und Kaula-Milieu. Die Rede von Shiva und Shakti, die Verehrung des Gurus, die Bedeutung von Einweihung sowie die Unterscheidung zwischen paśu, vīra und divya gehören zu seiner religiösen Sprache. Tara und Kali werden nicht als voneinander isolierte Mächte verstanden: Der Schluss erklärt ausdrücklich, eine Gestalt werde dreifach und wirke als Kali, Nila und Annada zum Wohl der Welten (24.3–4). In Annada beziehungsweise Annapurna zeigt sich dieselbe Mutter als die Nahrung und Geborgenheit Schenkende.
Die Rahmenerzählung führt die Lehre auf Bhairava zurück. Das ist eine Aussage über ihren Offenbarungscharakter innerhalb der Tradition, keine historische Verfasserangabe. Ein sicherer Autor oder ein präzises Entstehungsjahr lässt sich daraus nicht gewinnen. Die hier zugrunde gelegte Sanskritausgabe wird in der elektronischen Überlieferung mit Madhusudan Kaul und dem Erscheinungsjahr 1941 verbunden. Dieses Datum bezeichnet die Ausgabe, nicht die Entstehung des Tantra.
Buddhistisch vertraute Namen wie Akshobhya und Vairochana sowie die Mahachina-Terminologie gehören ebenfalls zum Wortschatz des Werkes. Ihre Gegenwart verdient Aufmerksamkeit, begründet für sich allein jedoch weder eine genaue Datierung noch die Einordnung der gesamten Schrift als buddhistisches Tantra. Die vorliegende Rahmung und die Verbindung von Kali, Shiva, Tara und Annapurna sind ausdrücklich shaktisch.
Aufbau und zentrale Themen
Die 24 Kapitel, Paṭala genannt, bilden keine durchgehende philosophische Abhandlung. Sie verbinden Rituallehre, Mantra-Erklärungen, Meditationen, Ursprungserzählungen, Pilgerortsüberlieferung, Hymnen und Aussagen über Erkenntnis. Einige Kapitel sind sehr kurz; andere entfalten ausführliche Reihen von Vorschriften oder Gottesnamen.
| Kapitel | Inhaltlicher Schwerpunkt |
|---|---|
| 1–4 | Tara-Mantra, tägliche Übergangsriten, Puja, Lobgesänge, Einweihung und vorbereitende Mantrapraxis. |
| 5–8 | Anlassbezogene Verehrung, heilige Sitze, Kula-Rituale, besondere Anwendungen, Kumari-Verehrung sowie Yantra- und Mantraformen. |
| 9–10 | Vira-Sadhana und besondere, an Einweihung und Unterweisung gebundene Ritualformen. |
| 11–14 | Mantravarianten, Erzählung von der blauen Sarasvati, Entstehungs- und Verehrungsordnungen, Mahakali und Kamakhya. |
| 15–17 | Orte der Praxis, Jahresrituale, königliche Riten, Kali-Verehrung und ausführliche Feueropferordnung. |
| 18–20 | Tausend Namen Taras, Schutzgebet, hundert Namen und eine Lehre über Shakti, Weltentstehung und das eine Selbst. |
| 21 | Alchemistische Überlieferungen sowie die entscheidende Bedeutung der inneren Haltung. |
| 22–24 | Tausend und hundert Namen Kalis, Annada beziehungsweise Annapurna und abschließender Lobpreis der Lehre. |
Die Bezeichnungen »hundert« und »tausend Namen« sind die traditionellen Titel dieser Hymnen; sie sind von der Verszählung zu unterscheiden. Auch mehrere Namen innerhalb eines Verses bleiben eine einzige Versstelle.
Die Göttliche Mutter: Rettung, Sprache und Nahrung
Tara heißt die Hinüberführende. Das Werk erläutert diesen Namen unmittelbar: Sie schenkt Glück und Befreiung; als Nila-Sarasvati verleiht sie spielend die Kraft der Rede (11.8). Sprache ist hier mehr als ein Mittel zur Mitteilung. Sie kann Orientierung schenken, Erkenntnis tragen, ein verhärtetes Herz öffnen und Menschen mit dem Heiligen verbinden. Deshalb kehren Bitten um klare Einsicht, Dichtkunst und die Überwindung geistiger Stumpfheit wieder.
Besonders anschaulich erzählt Kapitel 11 von Sarasvati, die in einem Giftbecken gefangen gehalten wird. Mit ihrem Verschwinden aus dem Mund der Menschen verstummen die Mantras, und die Verbindung zwischen menschlicher und göttlicher Welt bricht ab. Vishnu rettet sie in seiner Fischgestalt. Ihre blaue Farbe bleibt; sie wird nicht einfach als Makel behandelt. Himmel, lebenspendende Wolken und göttliche Gestalten sind ebenfalls blau. Für heutige Leser lässt sich darin ein Bild dafür erkennen, dass eine schwere Erfahrung die Gestalt eines Lebens verändert, ohne seinen inneren Wert zu zerstören. Diese Deutung ist eine spirituelle Lesart der Erzählung, keine zusätzliche Aussage des Sanskrittextes.

Annapurna setzt am Ende einen anderen Akzent. Sie liebt die Armen, widmet sich der Ernährung der Bedürftigen und schenkt den Übenden Furchtlosigkeit (24.27). Die machtvolle Göttin ist damit zugleich die nährende Mutter. Eine heutige spirituelle Aufnahme dieser Verse kann sich im Teilen von Nahrung, in Gastfreundschaft und tätigem Mitgefühl ausdrücken.
Guru, Mantra und innere Haltung
Der Guru ist im Brihannila Tantra Träger einer lebendigen Überlieferung. Ein Mantra wird nicht ausschließlich durch seine Buchstaben bestimmt, sondern auch durch die Einweihung, seine Anwendung und das Verständnis, mit dem es empfangen wird. Kapitel 3 nennt als Merkmale des Lehrers die Beherrschung äußerer und innerer Sinne, einen geordneten Lebenswandel, Freiheit von Täuschung und Sachkenntnis in der Verehrung der Mahavidya. Die Würdigung des Gurus steht also zusammen mit Anforderungen an seine Befähigung.
Die hohen Aussagen über Guruverehrung sind im Zusammenhang einer historischen Einweihungstradition zu lesen. Sie sind keine allgemeine Aufforderung, persönliches Urteilsvermögen aufzugeben oder die im Text genannten Besitzübertragungen auf heutige Lehrer-Schüler-Verhältnisse zu übertragen. Für eine verantwortliche spirituelle Beziehung bleiben Wahrhaftigkeit, Freiwilligkeit und die Achtung des Menschen wesentlich.
Besonders eindringlich ist die Unterscheidung zwischen bloßem Laut und lebendigem Mantra. In der Kehle bleibt das Mantra zunächst eine Folge von Lauten; im inneren Weg der Sushumna wird es wirksam (4.50–51). Damit verbindet das Werk die Rede von mantracaitanya, dem Bewusstsein oder der lebendigen Gegenwart des Mantras. In 4.74–78 werden Bedeutung, Vergegenwärtigung und innere Ergriffenheit zusammengeführt.
Bhāva, die innere Haltung, ist deshalb kein austauschbarer Zusatz. Das Ende des vierten Kapitels erklärt, dass selbst ungeheure Wiederholungszahlen keine Vollendung hervorbringen, wenn Bhava nicht entsteht. Kapitel 21 erneuert denselben Gedanken. Die äußere Handlung soll eine innere Wirklichkeit ausdrücken. Hier bestehen Berührungspunkte mit der Bedeutung von Guru und innerer Haltung im Kularnava Tantra sowie mit der Verschränkung von Ritual und Erkenntnis in Yogini Hridaya und Tantraloka. Die verschiedenen Traditionen und ihre besonderen Verfahren werden dadurch nicht gleichgesetzt.
Yoga, Meditation und Erkenntnis
Yoga erscheint im Werk vor allem als Verbindung von Mantra, innerer Sammlung, Atemlenkung und der Vergegenwärtigung der Göttin im eigenen Leib. Schon im ersten Kapitel wird Tarini von der Wurzel bis zur Öffnung am Scheitel betrachtet: feiner als eine Lotosfaser, strahlend wie Millionen Sonnen und kühl wie Millionen Monde (1.29–30). Kundalini, Pranayama, Nyasa und die Reinigung der Elemente gehören zu diesem rituell geprägten Körperverständnis.
Für die Meditation besonders bedeutsam ist die Verlagerung der Aufmerksamkeit von einem äußeren Bild zur inneren Gegenwart. Das zweite Kapitel lässt den Übenden die Welt als leer und das eigene Selbst als rein, unbefleckt und von Tarini erfüllt betrachten (2.43). Die Göttin wird dabei nicht nur vor dem Übenden verehrt: Die Betrachtung verwandelt die Weise, in der er sich selbst versteht.
Begleitende Chakra-Energie-Meditation Das folgende Video bietet eine eigenständige Yoga-Vidya-Praxis. Es ist keine Anleitung zu den besonderen Einweihungsriten des Brihannila Tantra.
Kapitel 8 beschreibt einen Übergang von der Betrachtung aller Glieder der Gottheit zur Sammlung auf ein einziges Glied und schließlich zum Loslassen auch dieses Bildes (8.205–209). So werden Konzentration, Meditation und Samadhi miteinander verbunden: Im verbleibenden Licht wird Shiva als Überwinder des Todes erkannt.
Kapitel 20 führt über konkrete Visualisationen hinaus. Vom höchsten Sein soll man hören, über es nachdenken, darüber meditieren und es unmittelbar verwirklichen (20.35–37). Das erinnert an die aus dem Vedanta bekannte Folge von Shravana, Manana und Nididhyasana, steht hier jedoch ausdrücklich in einem shaktischen Zusammenhang: Durch Prakriti wird das Selbst verhüllt, und durch sie wird es erkannt. Dieselbe schöpferische Macht ermöglicht das Erleben von Verschiedenheit und von Nichtverschiedenheit (20.48–49).
Ein Zugang zur Lektüre
Für eine erste Begegnung eignen sich die Tara-Gebete in 2.119–126 und 2.137–142, die Aussagen über das lebendige Mantra in 4.74–78, die Herzmeditation in 8.200–209 und die Betrachtung des einen Selbst in 20.32–50. Die Verse 21.24–29 vertiefen die Bedeutung der inneren Haltung; 24.25–28 wenden den Blick auf die nährende Fürsorge der Göttin. Von solchen Abschnitten aus lässt sich das umfangreiche Werk nach und nach erschließen.
Einige wiederkehrende Begriffe helfen beim Verständnis: Vidya kann Wissen, eine Mantraform oder die als Mantra gegenwärtige Göttin bezeichnen. Bhava meint die innere Haltung und Vergegenwärtigung. Nyasa ist die rituelle Zuordnung von Lauten und Gottheiten zu Körperstellen. Purashcharana bezeichnet eine geregelte vorbereitende Mantrapraxis. Kula bedeutet je nach Zusammenhang Familie, Überlieferungsgemeinschaft oder eine göttliche Kräfteordnung; es lässt sich nicht überall mit demselben deutschen Wort wiedergeben.
Paśu, Vīra und Divya bezeichnen im Werk unterschiedliche religiöse Befähigungen und Haltungen. Die darin enthaltenen Wertungen gehören zur Sprache dieser Tradition. Auch die Regeln wechseln mit dem jeweiligen Ritualzusammenhang: Die Freiheit von Zeitvorschriften im Mahacina-Abschnitt steht neben genauen Fest- und Tagesordnungen in anderen Kapiteln. Einzelverse sind deshalb zusammen mit ihrem jeweiligen Abschnitt zu lesen.
Zum Lesen der Ritualpassagen
Das Brihannila Tantra enthält auch Tieropfer, Leichenplatzrituale, sexuelle Riten, Beeinflussungs- und Schädigungsrituale sowie alchemistische Vorschriften. Diese Bestandteile gehören zum historischen Text und lassen sich nicht durchgehend in harmlose Sinnbilder auflösen. Wo eine Stelle eine geistige Deutung ausdrücklich nennt, ist diese wichtig; wo sie eine körperliche oder äußere Handlung beschreibt, bleibt das in der Übersetzung erkennbar.
Die Wiedergabe ist daher eine Einladung zum Studium, keine pauschale Empfehlung zur Ausführung. Besonders die geheimen und initiationsgebundenen Verfahren lassen sich nicht aus einer allgemeinen Lektüre heraus übernehmen. Die heilsamen Impulse für den heutigen Alltag liegen vor allem in bewusster Mantrawiederholung, Sammlung, Hingabe, verantwortlichem Handeln und dem Erkennen der göttlichen Gegenwart. Traditionelle Verheißungen von Reichtum, Heilung, Macht oder übernatürlichen Fähigkeiten werden als Aussagen des Werkes übersetzt, nicht als nachgewiesene Wirkungen bestätigt.
Brihannila Tantra – Sanskrit und deutsche Übersetzung
Die 24 Kapitel folgen der vorhandenen Überlieferung. In 6.31–44 ersetzen gekennzeichnete, nichtgrafische Inhaltsangaben die sexualisierten Ritualanweisungen mit ausdrücklich genannten Minderjährigen; diese Ausnahme gilt auch für die separate Devanagari-Fassung. Textlücken und unsichere Lesarten sind kenntlich gemacht.
Kapitel 1: Grundmantra und tägliche Übergangsriten

1.1 oṃ śrīgaṇeśāya namaḥ | namastārāyai |
kailāsaśikharāsīnaṃ bhairavaṃ kālasaṃjñitam |
provāca sādaraṃ devī tasya vakṣaḥsamāśritā || 1-1 ||
Die einleitenden Anrufungen lauten: »Om, Verehrung dem ehrwürdigen Ganesha. Verehrung der Tara.« Auf dem Gipfel des Kailasa saß Bhairava, der Kala genannt wird. Die Göttin, an seine Brust geschmiegt, sprach ihn ehrerbietig an.
1.2 purā pratiśrutaṃ deva kālītantraprakāśane |
nīlatantraprakāśāya tad vadasva sadāśiva || 1-2 ||
O Gott, als du das Kali-Tantra offenbartest, versprachst du einst, auch das Nila-Tantra darzulegen. Verkünde es nun, Sadashiva!
1.3 yasya vijñānamātreṇa vijayī bhuvi jāyate |
yaj jñātvā sādhakāḥ sarve vicaranti yathā tathā || 1-3 ||
Schon durch seine Erkenntnis wird man auf Erden siegreich. Wenn die Übenden es erkannt haben, bewegen sie sich frei, wohin sie wollen.
1.4 yasya vijñānamātreṇa kavitā cittamodinī |
jāyate ca mahādeva tattvaṃ tat kathayasva me || 1-4 ||
Schon durch seine Erkenntnis entsteht Dichtkunst, die das Herz erfreut. Dieses Wesentliche erkläre mir, o Mahadeva!
1.5 śrīmahākālabhairava uvāca |
śṛṇu sā(dhvi) varārohe sarvārthasya pradāyini |
tattvaṃ tat kathayiṣyāmi tava snehād gaṇādhipe || 1-5 ||
Shri Mahakala-Bhairava sprach: Höre, du Tugendhafte von schöner Gestalt, die du alle Ziele gewährst! Aus Liebe zu dir will ich dieses Wesentliche verkünden, o Herrin der Scharen.
1.6 nīlatantraprakāśāya pratijñāsīnmama priye |
tasmāt kathyaṃ maheśāni śṛṇu(ṣva) kamalānane || 1-6 ||
Ich hatte versprochen, das Nila-Tantra zu offenbaren, meine Geliebte. Deshalb soll es nun mitgeteilt werden. Höre, große Herrin mit dem Lotosantlitz!
1.7 guhyād guhyataraṃ tantraṃ na prakāśyaṃ kadācana |
tantrasyāsya prakāśācca siddhihānirna saṃśayaḥ || 1-7 ||
Dieses Tantra ist geheimer als das Geheime; es soll niemals öffentlich preisgegeben werden. Durch seine Preisgabe geht die Vollendung verloren, daran besteht kein Zweifel.
1.8 yadgṛhe nivaset tantraṃ tatra lakṣmīḥ sthirāyate |
rājadvāre śmaśāne ca sabhāyāṃ raṇamadhyataḥ || 1-8 ||
In dem Haus, in dem dieses Tantra wohnt, bleibt Lakshmi beständig. Am Königstor, auf dem Verbrennungsplatz, in der Versammlung und mitten im Kampf —
1.9 nirjane ca vane ghore (śvā)padaiḥ paribhūṣite [paripūrite pāṭhāntaram |] |
māhātmyāt tasya deveśi camatkārī bhavet priye || 1-9 ||
auch in der Einsamkeit und im schrecklichen, von wilden Tieren erfüllten Wald wird man durch seine Größe außergewöhnlich wirkmächtig, o Herrin der Götter, meine Geliebte.
1.10 tasmāt sarvaprayatnena gopanīyaṃ prayatnataḥ [viśeṣataḥ kha pāṭhaḥ |] |
tantrarājaṃ nīlatantraṃ tava snehāt prakāśyate || 1-10 ||
Deshalb soll es mit aller Sorgfalt geheim gehalten werden. Aus Liebe zu dir wird das Nila-Tantra, der König der Tantras, offenbart.
1.11 gopanīyatamaṃ devi svayoniriva pārvati |
viśeṣaṃ mantrarājasya kathitavyaṃ varānane || 1-11 ||
Es ist aufs Höchste geheim zu halten, o Göttin Parvati, wie der eigene Schoß. Nun sollen die Besonderheiten des Königs der Mantras mitgeteilt werden, du Schönantlitzige.
1.12 yajjñātāt sādhakāḥ sarve sarvaiśvaryamavāpnuyuḥ |
sārāt sārataraṃ devi sarvasārasvatapradam || 1-12 ||
Durch deren Kenntnis erlangen alle Übenden sämtliche Formen der Herrlichkeit. Dies ist die Essenz der Essenzen, o Göttin, die alle Gaben der Sarasvati gewährt.
1.13 nityapūjāṃ mantrarājaṃ māntropāsanikaṃ vidhim |
puraścaryāṃ ca naimittakāmyānāṃ niyamaṃ tathā || 1-13 ||
Die tägliche Verehrung, den König der Mantras, die Weise seiner Verehrung, die vorbereitende Mantrapraxis und die Regeln für anlassbezogene und wunscherfüllende Riten —
1.14 niyamaṃ ca rahasyānāṃ kumārīpujanakramam |
mantrāntaraṃ ca deveśi puraścaryāṃ viśeṣataḥ || 1-14 ||
ferner die Vorschriften der geheimen Praktiken, die Abfolge der Verehrung einer Jungfrau, weitere Mantras und insbesondere ihre vorbereitende Praxis, o Herrin der Götter —
1.15 phalaṃ stotraṃ viśeṣeṇa kathitavyaṃ varānane |
bhāvānāṃ nirṇayaṃ vācyaṃ pūjāntaravidhiṃ tathā || 1-15 ||
ihre Früchte und besonders den Lobpreis gilt es zu erklären, du Schönantlitzige; ebenso die Unterscheidung der inneren Haltungen und die Vorschriften weiterer Formen der Verehrung.
1.16 homasya niyamaṃ vācyaṃ vāsanātattvanirṇayam |
guptapūjāṃ guptamantraṃ tathā guptajapakramam || 1-16 ||
Zu erklären sind die Regeln des Feueropfers, die Bestimmung des Wesens der inneren Vorstellungen sowie geheime Verehrung, geheime Mantras und die Abfolge geheimer Mantrawiederholung.
1.17 svarṇarūpyādikaraṇaṃ sūtabhasma tathaiva ca |
sūtasya nirṇayaṃ vācyaṃ tathā ṣaṭkarmalakṣaṇam || 1-17 ||
Auch die Herstellung von Gold, Silber und anderem, Quecksilberasche, die Bestimmung des Quecksilbers und die Merkmale der sechs magischen Verrichtungen sollen erklärt werden.
1.18 vidyotpattiṃ viśeṣaṇa kathayiṣyāmi tacchṛṇu |
śrīdevyuvāca |
idānīṃ śrotumicchāmi tāriṇīṃ bhedasaṃyutām || 1-18 ||
Insbesondere werde ich die Entstehung der Vidya verkünden; höre zu! Die ehrwürdige Göttin sprach: Jetzt möchte ich von Tarini mit ihren verschiedenen Formen hören —
1.19 saparyābhedasaṃyuktāṃ mahāpātakanāśinīm |
śrīśiva uvāca |
siddhavidyāṃ mahādevi māyāmohanakāriṇīm || 1-19 ||
von ihr, die mit verschiedenen Weisen der Verehrung verbunden ist und schwere Verfehlungen vernichtet. Shri Shiva sprach: Von der vollendeten Vidya, große Göttin, die durch Maya Verzauberung bewirkt —
1.20 śṛṇu cārvaṅgi deveśi sarvasārasvatapradām |
sarvabījaṃ samuddhṛtya dvitīyaṃ bījakaṃ śṛṇu || 1-20 ||
von ihr, die alle Gaben der Sarasvati gewährt, höre nun, du Wohlgestaltete, Herrin der Götter! Nachdem man das »All-Bija« entnommen hat, höre vom zweiten Bija.
1.21 jṛmbhaṇāntaṃ tyaktapārśvaṃ prasthānavārakaṃ yutam |
turīyasvarasaṃyuktaṃ candrabinduvirājitam || 1-21 ||
Es besteht aus dem Ende von »jṛmbhaṇa«, unter Weglassung des seitlichen Bestandteils, verbunden mit dem die Abreise Hemmenden, mit dem vierten Vokal versehen und durch den Mondpunkt geschmückt. [Verschlüsselte Lautanweisung; die genaue Auflösung ist in dieser Lesung unsicher.]
1.22 bījaṃ nīlasarasvatyāstṛtīyaṃ śṛṇu bhairavi |
sarvasyādyaṃ samādāya tasyādyaṃ tatra yojayet || 1-22 ||
Höre vom dritten Bija der Nila-Sarasvati, Bhairavi: Man nehme den Anfang von »sarva« und füge dort dessen Anfang hinzu.
1.23 yātrānivāraṇaṃ tatra yojayecca maheśvari |
vya(dvya)ṅgavarṇayutaṃ kuryānnādabinduvirājitam || 1-23 ||
Dazu füge man das die Reise Verhindernde, große Herrin, verbinde es mit dem Laut mit zwei Gliedern und schmücke es mit Nada und Bindu. [Auch hier bleibt die verschlüsselte Lautzuordnung unsicher.]
1.24 kūrcāstre'nte samāyojya mantrarājaṃ samuddharet |
pañcākṣarī mahāvidyā śrīmannīlasarasvatī || 1-24 ||
Am Ende füge man Kurca und Astra hinzu; so gewinnt man den König der Mantras: die fünfsilbige Mahavidya, die ehrwürdige Nila-Sarasvati.
1.25 anayā sadṛśī vidyā trailokye cātidurlabhā |
japamātreṇa sarveṣāṃ sādhakānāṃ vimuktidā || 1-25 ||
Eine ihr vergleichbare Vidya ist in den drei Welten überaus selten. Schon durch ihre Wiederholung schenkt sie allen Übenden Befreiung.
1.26 atiriktaśramo hyatra nāsti he ! surapūjite |
sārāt sārataraṃ devi sarvatantreṣu gopitam || 1-26 ||
Weitere außergewöhnliche Mühe ist hierbei nicht erforderlich, o von den Göttern Verehrte. Es ist die Essenz der Essenzen, Göttin, in allen Tantras verborgen.
1.27 vaśiṣṭho'sya ṛṣiḥ prokto bṛhatī cchanda ucyate |
nīlasarasvatī proktā devatā kāryasiddhaye || 1-27 ||
Vasishtha wird als ihr Seher genannt, Brihati als ihr Versmaß; Nila-Sarasvati ist ihre Gottheit zur Vollendung des Vorhabens.
1.28 kavitvārthe viniyogaḥ sarvasiddhisamṛddhidaḥ |
hū/ bījamastraṃ śaktiḥ syādevamṛṣyādikalpanā || 1-28 ||
Ihre Anwendung dient der Dichtkunst und gewährt die Fülle aller Vollendungen. Ihr Bija ist »hū/« [so die unsichere Lautschreibung], ihre Shakti ist Astra. So werden Seher und weitere Zuordnungen bestimmt.
1.29 utthāya cottare yāme cintayet tāriṇīṃ parām |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ visatantutanīyasīm || 1-29 ||
In der letzten Nachtwache stehe man auf und betrachte die höchste Tarini: von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung reichend, feiner als eine Faser des Lotosstängels.
1.30 mūlamantramayīṃ sākṣādamṛtānandarūpiṇīm |
sūryakoṭipratīkāśāṃ candrakoṭisuśītalām || 1-30 ||
Sie ist unmittelbar aus dem Grundmantra gebildet und von der Gestalt unsterblicher Wonne; sie strahlt wie Millionen Sonnen und kühlt wie Millionen Monde.
1.31 taḍitkoṭisamaprakhyāṃ kālānalaśikhopari [kāmānandaśikho kha pāṭhaḥ |] |
tatprabhāpaṭala[maṇḍala kha pāṭhaḥ |]vyāptipaṭalāṅkitadehavān || 1-31 ||
Sie leuchtet wie Millionen Blitze über der Flammenspitze des Zeitenfeuers. Der eigene Leib sei von der Ausbreitung ihres Lichtes ganz durchdrungen.
1.32 sarvamaṅgalasaṃpannaḥ snānakarma samārabhet |
mṛtkuśānapi saṃgṛhya [saṃgrāhya kha pāṭhaḥ |] gatvā jalāntikaṃ tataḥ || 1-32
||
Mit allem Heil erfüllt beginne man die Handlung des Badens. Man nehme Erde und Kusha-Gras und begebe sich zum Wasser.
1.33 malāpakarṣaṇaṃ kṛtvā mantrasnānaṃ samācaret |
punarnimajjya payasi saṃkalpaṃ sa samācaret || 1-33 ||
Nachdem man den körperlichen Schmutz entfernt hat, vollziehe man das Mantrabad. Man tauche erneut ins Wasser und fasse seinen rituellen Entschluss.
1.34 iṣṭadevyāḥ prapūjārthaṃ kuryāt snānaṃ jalāśaye |
bilvākṣatamoḍrapuṣpaṃ kulapuṣpaṃ kuśāñjalam || 1-34 ||
Zur gründlichen Verehrung der erwählten Göttin bade man im Gewässer. Bilva, unversehrte Reiskörner, Modra-Blüten [Pflanzenname unklar], Kula-Blüten, Kusha-Gras und Wasser —
1.35 prasthagrāhe tāmrapātre kṛtvā cārghyaṃ nivedayet |
mūlānte codyadādityamaṇḍalamadhyavartinyai || 1-35 ||
gebe man in ein Kupfergefäß, das einen Prastha fasst, und bringe damit das ehrerbietige Wasseropfer dar. Nach dem Grundmantra spreche man: »Derjenigen, die inmitten der Scheibe der aufgehenden Sonne weilt —
1.36 śiva[nitya kha pāṭhaḥ |]caitanyamayyai (ca) svāheti tanmanuḥ smṛtaḥ |
mūrtibhede maheśāni snānamanyacchṛṇu priye || 1-36 ||
und aus Shivas Bewusstsein besteht: Svaha!« So lautet diese Mantraformel. Für eine andere Erscheinungsform höre nun eine andere Weise des Badens, große Herrin, Geliebte.
1.37 protthāya cottare yāme śiraḥpadme guruṃ smaran |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ mūlavidyāṃ vibhāvayet || 1-37 ||
In der letzten Nachtwache stehe man auf, erinnere sich an den Guru im Lotos des Scheitels und vergegenwärtige sich die Grundvidya von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung.
1.38 prodyatsūryapratīkāśāṃ kuṇḍalīṃ paradevatām |
yātāyātakrameṇaiva cāmṛtīkṛtavigrahām || 1-38 ||
Sie ist Kundalini, die höchste Gottheit, leuchtend wie die aufgehende Sonne; durch die Abfolge ihres Auf- und Abstiegs wird ihre Gestalt von Nektar erfüllt.
1.39 mūlavidyāṃ japed dhyātvā cāṣṭottaraśataṃ kramāt |
mṛtkuśānapi saṃgṛhya gatvā jalāntikaṃ tataḥ || 1-39 ||
Nach dieser Meditation wiederhole man die Grundvidya der Reihe nach 108-mal. Man nehme Erde und Kusha-Gras und begebe sich zum Wasser.
1.40 pratyuṣasi gurościntāṃ kṛtvā snānaṃ samācaret |
nadyādiṃ samanuprāpya snāyādapsu maheśvari || 1-40 ||
In der Morgendämmerung denke man an den Guru und vollziehe das Bad. An einem Fluss oder anderen Gewässer angekommen, bade man im Wasser, große Herrin.
1.41 devīrūpaṃ jalaṃ dhyātvā gṛhītvā jaladarbhakam |
malāpakarṣaṇaṃ kṛtvā mantrasnānaṃ samācaret || 1-41 ||
Man betrachte das Wasser als Gestalt der Göttin und nehme Wasser und Darbha-Gras. Nachdem man den Schmutz entfernt hat, vollziehe man das Mantrabad.
1.42 tatprītyai parameśāni snānaṃ kuryāt samāhitaḥ |
ādau ca vaidikīṃ saṃdhyāṃ kṛtvā snānaṃ samācaret || 1-42 ||
Zu ihrer Freude bade man mit gesammeltem Geist, höchste Herrin. Zunächst verrichte man die vedische Sandhya und vollziehe das Bad.
1.43 (paścāt tu tāntrikīṃ sandhyāṃ) kuryāccaivāgamoditām |
saṃdhyāṃ kṛtvā tato vīraḥ kulakoṭiṃ samuddharet || 1-43 ||
Danach vollziehe man die tantrische Sandhya, wie sie im Agama gelehrt wird. Durch die Sandhya erhebt der Vira zehn Millionen Angehörige seiner Linie.
1.44 snānārthaṃ mṛttikāṃ nītvā saṃghṛṣya ca karadvaye |
gātrānulepanaṃ kuryādastramantreṇa deśikaḥ || 1-44 ||
Der Lehrer nehme Erde zum Baden, verreibe sie zwischen beiden Händen und bestreiche damit unter dem Astra-Mantra die Glieder.
1.45 sūryāya darśayedādau tataḥ kuryācca lepanam |
goka(pu)rīṣaṃ nāsikāyāṃ vaṃ mantreṇa puṭadvaye || 1-45 ||
Zunächst zeige er sie der Sonne, dann trage er sie auf. Mit dem Mantra »vaṃ« wird an beiden Nasenöffnungen Kuhdung angebracht. [Die Lesung »goka(pu)rīṣa« ist gestört; die Anweisung bleibt textlich unsicher.]
1.46 jalāñjaliṃ tato dattvā mūrdhnaḥ kṛtvābhiṣecanam |
tata ācamanaṃ kuryāt trikoṇe dakṣiṇena tu || 1-46 ||
Dann bringe man eine Handvoll Wasser dar und begieße den Kopf. Darauf vollziehe man das rituelle Schlürfen im Dreieck mit der rechten —
1.47 gṛhītapāṇinā devi śaṅkhāvartakrameṇa tu |
viloḍya tatra nimajjedaghamarṣaṇakaṃ tridhā || 1-47 ||
Hand, o Göttin; man rühre das Wasser in der Richtung einer Muschelwindung um, tauche darin unter und vollziehe dreimal die Reinigung von Verfehlungen.
1.48 kūrcabījaṃ tridhā japtvā kārayedaghamarṣaṇaṃ |
dadyājjalāñjalīṃstrīn vai varuṇāya tataḥ param || 1-48 ||
Man wiederhole das Kurca-Bija dreimal und vollziehe die Reinigung von Verfehlungen. Danach bringe man Varuna drei Handvoll Wasser dar.
1.49 somāya bhānave paścājjalādutthāya vāsasī |
paridhāya tato mantrī yathāvidhi samācaret || 1-49 ||
Anschließend bringe man Soma und der Sonne Wasser dar. Aus dem Wasser gestiegen, lege der Mantrakundige die beiden Gewänder an und verfahre nach der Vorschrift.
1.50 tilakaṃ raktagandhena gopīnāṃ candanena tu |
devyastraṃ vilikhed bhāle tārābījaṃ tato hṛdi || 1-50 ||
Mit roter Duftpaste und Gopi-Sandelpaste zeichne man das Stirnzeichen; auf die Stirn das Astra der Göttin, darauf das Tara-Bija im Herzen.
1.51 śaktimadhyagataṃ kuryāt prāṇāyāmaṃ samācaret |
ācamya prāṅmukho bhūtvā upaviśya ca mantravit || 1-51 ||
Man stelle es in die Mitte der Shakti und vollziehe Pranayama. Nachdem der Mantrakundige rituell Wasser geschlürft hat, setze er sich mit dem Gesicht nach Osten.
1.52 ātmavidyāśivaistattvairācamet sādhakottamaḥ |
trikoṇe mūlamantreṇ savitre haṃsakaṃ japan || 1-52 ||
Der vortreffliche Übende vollziehe das rituelle Schlürfen mit den Tattvas Atman, Vidya und Shiva. Im Dreieck, mit dem Grundmantra, an Savitri gerichtet und Hamsa wiederholend —
1.53 upasthāpya japed devi gāyatrīṃ śṛṇu sundari |
tārāyai vidmahe proktvā mahogrāyai ca dhīmahi || 1-53 ||
vollziehe er die ehrerbietige Hinwendung und rezitiere die Gayatri. Höre sie, schöne Göttin: Nachdem er »tārāyai vidmahe« gesprochen hat, sage er »mahogrāyai ca dhīmahi«.
1.54 tanno devīti śabdānte dhiyo yo naḥ procadayāt |
gāyatryeṣā samākhyātā sarvapāpanikṛntanī || 1-54 ||
Nach den Worten »tan no devī« folgt »dhiyo yo naḥ procadayāt«. Dies wird die Gayatri genannt, die alle Verfehlungen abschneidet. [Die überlieferte Formel verbindet unterschiedliche Gayatri-Bestandteile und wird hier nicht zu einem vermeintlich gesicherten Mantra umgestellt.]
1.55 vāmapādaṃ tataḥ kuryād dakṣapāde maheśvari |
upasthāya punarhaṃsamūrdhvabāhustridhā japet || 1-55 ||
Dann stelle man den linken Fuß auf den rechten, große Herrin. Erneut ehrerbietig stehend, mit erhobenen Armen, wiederhole man Hamsa dreimal.
1.56 tīrthodakaṃ tilakalkaṃ kṣīrākṣatasamanvitam |
uttarāśāmukho bhūtvā devīmātraṃ ca tarpayet || 1-56 ||
Mit Wasser eines heiligen Badeortes, Sesampaste, Milch und unversehrten Reiskörnern vollziehe man, nach Norden gewandt, allein für die Göttin die sättigende Wasserspende.
1.57 mūlānte tāriṇīṃ coktvā tarpayāmyagnivallabhām |
svarṇapātreṇa ropyeṇa tāmrapātreṇa vā punaḥ || 1-57 ||
Nach dem Grundmantra spreche man »tāriṇīṃ tarpayāmi« und die Bezeichnung der Geliebten des Feuers [Svaha]. Man verwende dazu ein goldenes, silbernes oder kupfernes Gefäß.
1.58 ṛjudarbhatrayeṇaiva santarpya bhaktitaḥ sudhīḥ |
dakṣiṇāśāmukho bhūtvā saṃgṛhya moṭakaṃ tataḥ || 1-58 ||
Mit drei geraden Darbha-Halmen bringe der Einsichtige hingebungsvoll die Wasserspende dar. Dann wende er sich nach Süden und nehme ein zusammengebundenes Grasbüschel.
1.59 tṛpyantuṃ pitaraḥ proktvā etat tarpaṇamādiśet |
sūryasya vandanaṃ caivamabhedaṃ ca maheśvari || 1-59 ||
Mit den Worten »Mögen die Ahnen gesättigt werden« vollziehe er diese Wasserspende. Ebenso erfolgt die Verehrung der Sonne in der Haltung der Nichtverschiedenheit, große Herrin.
1.60 gāyatrīṃ prajaped dhīmanaghamarṣaṇapūrvakam |
etat saṃdhyātrayeṇaiva divā rātrau ca vandanā || 1-60 ||
Nach vorausgehender Reinigung von Verfehlungen rezitiere der Einsichtige die Gayatri. Diese Verehrung geschehe zu den drei Sandhya-Zeiten, bei Tag und bei Nacht.
1.61 mahārātrāvapi sadā kāryā deśikasattamaiḥ |
saṃdhyā tvavaśyakartavyā trisaṃdhyaṃ śraddhayānvitaḥ || 1-61 ||
Auch in der großen Nacht soll sie von den vortrefflichen Lehrern stets vollzogen werden. Die Sandhya ist unerlässlich; man verrichte sie voller Vertrauen zu den drei Übergangszeiten.
1.62 saṃdhyayā pravihīno yo na dīkṣāphalamāpnuyāt |
ardharātrāt paraṃ yacca muhūrtadvayameva ca || 1-62 ||
Wer die Sandhya unterlässt, erlangt die Frucht der Einweihung nicht. Die beiden Muhurtas nach Mitternacht —
1.63 sā mahārātriruddiṣṭā tatra kṛtvākṣayaṃ bhavet |
tato vidyāṃ hṛdi dhyātvā aṣṭottaraśataṃ japet || 1-63 ||
werden als »große Nacht« bezeichnet; was man dann vollzieht, wird unvergänglich. Darauf meditiere man über die Vidya im Herzen und wiederhole sie 108-mal.
1.64 tatraivoktakrameṇaiva tāntrikaṃ snānamācaret |
vaidikīṃ tāntrikīṃ saṃdhyāṃ tataḥ kuryāt samāhitaḥ || 1-64 ||
Nach der dort beschriebenen Abfolge vollziehe man das tantrische Bad; anschließend verrichte man gesammelt die vedische und die tantrische Sandhya.
1.65 caturvidhāni kāryāṇi vedakāryeṣu pārvati |
āgamaṃ na tathā viddhi ekameva hi madvacaḥ || 1-65 ||
Bei vedischen Handlungen sind vier Arten von Verrichtungen auszuführen, Parvati. Verstehe den Agama nicht auf dieselbe Weise: Mein Wort ist hier einheitlich. [Der Bezug der vier Arten wird nicht näher erläutert.]
1.66 saṃdhyāṃ sāyantanīṃ kuryād dvādaśyādiṣvapi priye |
akurvan nirayaṃ yāti yato nityāgamakriyā || 1-66 ||
Auch am zwölften Mondtag und an ähnlichen Tagen verrichte man die abendliche Sandhya, Geliebte. Wer sie unterlässt, gelangt der Aussage des Textes zufolge in die Hölle, denn sie ist eine tägliche Verpflichtung des Agama.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (mūlamantroddhārapūrvaṃ sandhyāvidhinirūpaṇaṃ) prathamaḥ paṭalaḥ || 1 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das erste Kapitel: die Darlegung der Sandhya-Ordnung, eingeleitet durch die Gewinnung des Grundmantras.
Kapitel 2: Verehrung und Tara-Hymnen
2.1 idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi pūjāṃ sarvāgamoditām |
yāṃ kṛtvā parameśāni śivatvaṃ prāpnuyādataḥ || 2-1 ||
Höre nun, du Wohlgestaltete, von der in allen Agamas gelehrten Verehrung. Wer sie vollzieht, erlangt dadurch Shivas Wesen, höchste Herrin.
2.2 kāryāṃ sarvaprayatnena pūjāṃ kuryācchucismite |
ekaliṅge śmaśāne vā śūnyāgāre catuṣpathe || 2-2 ||
Mit aller Sorgfalt vollziehe man die gebotene Verehrung, du rein Lächelnde: an einem Ort mit einem einzigen Linga, auf einem Verbrennungsplatz, in einem verlassenen Haus oder an einer Kreuzung.
2.3 tatrasthaḥ sādhayed yogī vidyāṃ tribhuvaneśvarīm |
pañcakrośāntare yatra na liṅgāntaramīkṣyate [mīkṣate kha pāṭhaḥ |] || 2-3 ||
Dort übe der Yogi die Vidya, die Herrin der drei Welten. Wo innerhalb von fünf Kroshas kein anderes Linga zu sehen ist —
2.4 tadekaliṅgamākhyātaṃ tatra siddhiranuttamā |
ujjaṭe parvate vāpi nirjane vā catuṣpathe || 2-4 ||
wird der Ort »Ekalinga« genannt; dort ist die Vollendung unübertrefflich. Auch auf einem wilden Berg oder an einer einsamen Kreuzung —
2.5 harmye vā sādhayed devīṃ sarvābhīṣṭapradāyinīm |
gaṇeśaṃ kṣetrapālaṃ ca yoginīrvaṭukaṃ tathā || 2-5 ||
oder in einem stattlichen Haus verehre man die Göttin, die alle ersehnten Güter schenkt. Ganesha, Kshetrapala, die Yoginis und Vatuka —
2.6 gāṃvāṃkṣāṃyāṃ ca bījāni tānyuktāni maheśvari |
pūjayitvā gṛhadvāre brahmāṇaṃ pūjayet tataḥ || 2-6 ||
ihnen gelten die genannten Bijas »gāṃ, vāṃ, kṣāṃ, yāṃ«, große Herrin. Nachdem man sie an der Haustür verehrt hat, verehre man Brahma.
2.7 manasā vāstudevaṃ ca pūrveṇa tu tataḥ sudhīḥ |
tatastat puruṣān vighnarūpāṃścaiva nivārayet || 2-7 ||
Auch die Gottheit des Baugrundes verehre der Einsichtige im Geist, und zwar im Osten. Dann weise er jene Wesen ab, die als Hindernisse auftreten.
2.8 yogasthānaṃ samāśritya tatra pīṭhaṃ vicintayet |
śmaśānaṃ tatra saṃcintya tatra kalpadrumaṃ smaret || 2-8 ||
Man begebe sich an den Ort des Yoga und stelle sich dort den heiligen Sitz vor; man betrachte ihn als Verbrennungsplatz und erinnere sich dort an den wunscherfüllenden Baum.
2.9 tanmūle maṇipīṭhaṃ ca nānāmaṇivibhūṣitam |
nānālaṅkārabhūṣāḍhyaṃ munidevairvibhūṣitam || 2-9 ||
An dessen Wurzel steht ein Juwelenthron, geschmückt mit vielerlei Edelsteinen, reich an Schmuck und Zierat, umgeben von Weisen und Göttern.
2.10 śivābhirbahumāṃsāsthimodamānābhirantataḥ |
caturdikṣu maheśāni śavamuṇḍāsthibhūṣitam || 2-10 ||
Ringsum sind Schakalinnen, die sich an reichlichem Fleisch und Knochen erfreuen; in den vier Richtungen ist der Ort mit Leichen, Schädeln und Knochen geschmückt, große Herrin.
2.11 tanmadhye cintayed devīṃ yathoktadhyānayogataḥ |
evaṃ dhyānaṃ maheśāni hṛdi kuryācchucismite || 2-11 ||
In seiner Mitte vergegenwärtige man sich die Göttin gemäß der gelehrten Meditation. Diese Betrachtung vollziehe man im Herzen, große Herrin, du rein Lächelnde.
2.12 śatavarṣasahasrāṇāṃ pūjāyāḥ phalamāpnuyāt |
gandhānāṃ pañcakaṃ dadyād raktamālāṃ nidhāpayet || 2-12 ||
Dadurch erlangt man die Frucht von hunderttausend Jahren der Verehrung. Man bringe fünf Duftstoffe dar und lege eine rote Girlande nieder.
2.13 hrīṃkāraṃ dhārayed haste svarṇābharaṇabhūṣitaḥ |
raktavastradvayayutaḥ krodhapaiśunyavarjitaḥ || 2-13 ||
Man trage die Silbe »hrīṃ« an der Hand, sei mit goldenem Schmuck und zwei roten Gewändern bekleidet und frei von Zorn und Verleumdung.
2.14 praṇavaṃ pūrvamuccārya vajrodake tataḥ param |
tataḥ kūrcaṃ mahādevi phaṭ svāhā tadanantaram || 2-14 ||
Zuerst spreche man den Pranava, dann »vajrodake«, darauf Kurca, große Göttin, und anschließend »phaṭ svāhā«.
2.15 mantreṇānena deveśi śodhayejjalamuttamam |
praṇavaṃ ca tato māyā viśuddhaṃ tadanantaram || 2-15 ||
Mit diesem Mantra reinige man das vortreffliche Wasser, Herrin der Götter. Nun folgen Pranava, Maya und danach »viśuddham« —
2.16 sarvapāpāni tatpaścācchamaya tadanantaram |
aśeṣānte vikalpaṃ vāpanayeti tataḥ param || 2-16 ||
anschließend »sarvapāpāni«, dann »śamaya«, nach »aśeṣa« sodann »vikalpam« und darauf »apanaya«.
2.17 huṃ phaṭsvāhā vadhirmantro hastakṣālanake mataḥ |
praṇavaṃ ca tataḥ kūrca phaṭsvāhā tadanantaram || 2-17 ||
Das mit »huṃ phaṭ svāhā« endende Mantra dient dem Waschen der Hände. Sodann spreche man Pranava, Kurca und anschließend »phaṭ svāhā«.
2.18 mantreṇānena deveśi ācamet sādhakottamaḥ |
praṇavaṃ maṇidhari padaṃ vajriṇīti padaṃ tataḥ || 2-18 ||
Mit diesem Mantra vollziehe der vortreffliche Übende das rituelle Wasserschlürfen, Herrin der Götter. Dann folgen Pranava, das Wort »maṇidhari« und das Wort »vajriṇi« —
2.19 vaśakarīti ca padaṃ hūṃ phaṭ svāhāvadhirmanuḥ |
mantreṇānena deveśiśikhābandhanamācaret || 2-19 ||
und »vaśakari«; das Mantra endet mit »hūṃ phaṭ svāhā«. Mit diesem Mantra binde man die Haarsträhne, Herrin der Götter.
2.20 oṃkāraṃ pūrvamuccārya rakṣarakṣa padaṃ tataḥ |
hūṃ phaṭ svāheti mantreṇa bhūmiśodhanamācaret || 2-20 ||
Zunächst spreche man Om, danach »rakṣa rakṣa« und »hūṃ phaṭ svāhā«; mit diesem Mantra vollziehe man die Reinigung des Bodens.
2.21 mantrapūtena toyena prokṣayed yāgamaṇḍapam |
caturdvāre maheśāni gaṇeśaṃ vaṭukaṃ tathā || 2-21 ||
Mit mantrageweihtem Wasser besprenge man die Opferhalle. An ihren vier Türen verehre man Ganesha, Vatuka —
2.22 kṣetreśaṃ yoginīścaiva pūjayed bahuyatnataḥ |
tathā caiva maheśāni mudrāṃ [mudrāṃ nārācākhyām |] kuryād viśeṣataḥ ||
2-22 ||
Kshetrapala und die Yoginis mit großer Sorgfalt, große Herrin. Insbesondere vollziehe man auch die Mudra [nach der Glosse: die Naraca-Mudra].
2.23 mantraṃ śṛṇu varārohe sarvasārasvatapradam |
praṇavaṃ pūrvamuccārya sarvavighnān samādiśet || 2-23 ||
Höre das Mantra, du Schönhüftige, das alle Gaben der Sarasvati verleiht: Zuerst spreche man Pranava, dann »sarvavighnān« —
2.24 tatparaṃ ca punardevi utsāraya tadanantaram |
kūrcaḥ svāhāvadhirmantraḥ sarvasiddhiphalapradaḥ || 2-24 ||
und darauf, Göttin, »utsāraya«; es folgt Kurca, mit »svāhā« als Abschluss. Dieses Mantra schenkt die Frucht aller Vollendungen.
2.25 praṇavaṃ pūrvamuccārya pavitrapadamantataḥ |
vajrabhūme padaṃ paścād hū/phaṭ svāhāvadhirmanuḥ || 2-25 ||
Zuerst spreche man Pranava, danach »pavitra«, darauf »vajrabhūme«; das Mantra endet mit »hū/ phaṭ svāhā« [Lautschreibung unsicher].
2.26 mantreṇānena deveśi kuryād bhūmyabhimantraṇam |
praṇavaṃ pūrvamuccārya āḥ padaṃ tadanantaram || 2-26 ||
Mit diesem Mantra weihe man den Boden, Herrin der Götter. Zunächst spreche man Pranava, darauf »āḥ« —
2.27 surekhe vajrarekhe ca hūṃphaṭsvāhāvadhirmanuḥ |
raktacandanapuṣpābhyāṃ pūjayitvāsanaṃ sudhīḥ || 2-27 ||
»surekhe vajrarekhe« und als Abschluss »hūṃ phaṭ svāhā«. Der Einsichtige verehre den Sitz mit rotem Sandel und Blüten.
2.28 viśet tatrāsane devi tataḥ pūjanamārabhet |
śikhābandhanamantreṇa vastragranthiṃ ca bandhayet || 2-28 ||
Er nehme auf diesem Sitz Platz, Göttin, und beginne die Verehrung. Mit dem Mantra zum Binden der Haarsträhne binde er auch einen Knoten in sein Gewand.
2.29 pūrvoktenaiva mantreṇa cittādīnāṃ viśodhanam |
kuryānmantraṃ maheśāni raktagandhādinā śubhe || 2-29 ||
Mit dem bereits genannten Mantra vollziehe er die Reinigung des Geistes und des Übrigen. Mit roter Duftpaste und anderen geeigneten Stoffen schreibe er das Mantra, heilvolle große Herrin —
2.30 svarṇādipātre saṃlikhya tatrārṇān saṃlikhet sudhīḥ |
āḥsurekhe vajrarekhe hū/ phaṭsvāhā namaḥ padam || 2-30 ||
auf eine goldene oder andere Platte und trage dort die Buchstaben ein. Die Formel lautet: »āḥ surekhe vajrarekhe hū/ phaṭ svāhā namaḥ« [Lautschreibung der Vorlage].
2.31 mantreṇānena deveśi padmamaṣṭadalaṃ likhet |
tanmantreṇaiva deveśi vasupatraṃ manoharam || 2-31 ||
Mit diesem Mantra zeichne man einen achtblättrigen Lotos, Herrin der Götter; mit eben diesem Mantra den lieblichen Lotos mit acht Blättern.
2.32 pūrve trikoṇe deveśi māyābījaṃ likhecchubhe |
yāmye vadhūṃ likheccaiva uttare phaṃdviṭhāntakam || 2-32 ||
Im östlichen Dreieck schreibe man das Maya-Bija, heilvolle Göttin; im Süden Vadhu, im Norden »phaṃ« mit dem doppelten ṭha-Abschluss.
2.33 paścime ca mahādevi ṭaṃkāraṃ vilikhet tataḥ |
tanmadhye parameśāni likhet kūrcaṃ samāhitaḥ || 2-33 ||
Im Westen schreibe man »ṭaṃ«, große Göttin; in seine Mitte trage man gesammelt Kurca ein, höchste Herrin.
2.34 athavānyaprakāreṇa yantraṃ śṛṇu gaṇeśvari |
vidyārthī prāpnuyādvidyāṃ sarvaśāstravibodhikām || 2-34 ||
Höre nun eine andere Form des Yantras, Herrin der Scharen. Wer Wissen sucht, erlangt durch sie die Kenntnis, die alle Lehrwerke erschließt.
2.35 jñānaṃ tathā ca jñānārthī mokṣārthī mokṣameva ca |
sarvārthī prāpnuyāt sarvaṃ yantrasyāsya prasādataḥ || 2-35 ||
Wer Erkenntnis sucht, erlangt Erkenntnis; wer Befreiung sucht, erlangt Befreiung. Wer alles erstrebt, erlangt alles durch die Gunst dieses Yantras.
2.36 vyomendvaurasanārṇakarṇikamacāṃ dvandvaiḥ sphuratkesaraṃ
vargollāsivasucchadaṃ vasumatīgehena saṃveṣṭitam |
tārādhīśvaravārivarṇavilasaddik koṇa[vṛttena kha pāṭhaḥ |]saṃśobhitaṃ
yantraṃ nīlatanoḥ paraṃ nigaditaṃ sarvārthasiddhipradam || 2-36 ||
Seine Lotosmitte enthält die als Raum, Mond und Zunge bezeichneten Laute; seine Staubfäden strahlen mit Vokalpaaren, seine acht Blätter mit den Lautgruppen. Es ist von einem Erdhaus umschlossen, seine Richtungen und Ecken leuchten mit den bezeichneten Mond- und Wasserlauten. Dieses höchste Yantra der Blauen wird als Geber aller Zielerfüllung gelehrt. [Die verschlüsselte Buchstabenzuordnung ist teilweise unsicher.]
2.37 yantraṃ nirmāya deveśi pīṭhapūjāṃ samācaret |
gandharvoktaprakāreṇa pūjayedāvṛtīstataḥ || 2-37 ||
Nachdem man das Yantra angefertigt hat, vollziehe man die Verehrung des heiligen Sitzes, Herrin der Götter; anschließend verehre man die Umkreise nach der im Gandharva gelehrten Weise.
2.38 yonimudrāṃ tato baddhvā cakramadhye prapūjayet |
pūrve gaṇapatiṃ ceṣṭvā dakṣiṇe vaṭubhairavam || 2-38 ||
Man forme die Yoni-Mudra und verehre in der Mitte des Kreises. Nachdem man im Osten Ganapati verehrt hat, verehre man im Süden den jungen Bhairava.
2.39 kṣetrapālaṃ paścime ca yoginīruttare yajet |
te sarve dhruvadīrghādyāḥ śaktibījapuraḥsarāḥ || 2-39 ||
Im Westen verehre man Kshetrapala, im Norden die Yoginis. Ihren Formeln gehen Dhruva mit langem Vokal und das Shakti-Bija voraus. [Die genaue Lautbildung bleibt hier verkürzt.]
2.40 tato'ṣṭadalamadhye tu lakṣmyādīśca prapūjayet |
lakṣmīṃ sarasvatīṃ caiva ratiṃ prītiṃ tathā yajet || 2-40 ||
Dann verehre man auf den acht Blättern Lakshmi und die anderen: Lakshmi, Sarasvati, Rati und Priti.
2.41 kīrtiṃ śaktiṃ [kāntiṃ śāntiṃ kha pāṭhaḥ |] ca puṣṭiṃ ca tuṣṭiṃ caiva
prapūjayet |
devyā nīlasarasvatyāḥ pīṭhaśaktaya īritāḥ || 2-41 ||
Man verehre Kirti, Shakti, Pushti und Tushti. Diese werden als die Kräfte des Sitzes der Göttin Nila-Sarasvati bezeichnet. [Eine Variante liest Kanti und Shanti statt Kirti und Shakti.]
2.42 praṇavādinamontena pūjayed yatnataḥ sudhīḥ |
bhūtaśuddhiṃ tataḥ kuryāt prāṇāyāmakrameṇa tu || 2-42 ||
Der Einsichtige verehre sie sorgfältig mit einer Formel, die mit Pranava beginnt und mit Namah endet. Dann vollziehe er die Reinigung der Elemente in Verbindung mit Pranayama.
2.43 bhūtaśuddhiṃ vidhāyātha śūnyaṃ viśvaṃ vicintayet |
nirlepaṃ nirguṇaṃ śuddhaṃ svātmānaṃ tāriṇīmayam || 2-43 ||
Nachdem man die Elemente gereinigt hat, betrachte man das Weltall als leer und das eigene Selbst als unbefleckt, eigenschaftslos, rein und ganz von Tarini erfüllt.
2.44 antarikṣe tato dhyāyet āḥkārādraktapaṅkajam |
bhūyastasyopari dhyāyet ṭāṃkārācchetapaṅkajam || 2-44 ||
Darauf meditiere man im freien Raum über einen roten Lotos, der aus der Silbe »āḥ« entsteht; darüber über einen weißen Lotos, der aus »ṭāṃ« hervorgeht.
2.45 tasyopari punardhyāyet hū/kāraṃ nīlasannibham |
tato hū/kārabījāttu kartrikāṃ bījabhūṣitām || 2-45 ||
Darüber betrachte man die Silbe »hū/«, blau leuchtend; aus diesem Bija entsteht das mit dem Bija geschmückte Krummmesser.
2.46 kartrikoparigaṃ dhyāyet svātmānaṃ tāriṇīmayam |
pratyālīḍhapadāṃ ghorāṃ muṇḍamālāvibhūṣitām || 2-46 ||
Über dem Krummmesser betrachte man das eigene Selbst als Tarini: furchterregend, in Pratyalidha-Stellung stehend, mit einer Schädelgirlande geschmückt.
2.47 kharvāṃ lambodarīṃ bhīmāṃ vyāghracarmāvṛtāṃ kaṭau |
navayauvanasaṃpannāṃ pañcamudrāvibhūṣitām || 2-47 ||
Sie ist klein, mit herabhängendem Bauch, furchtbar, an den Hüften in ein Tigerfell gehüllt, von frischer Jugend erfüllt und mit fünf Mudras geschmückt.
2.48 sumukhaṃ caturasraṃ ca vṛttaṃ gomukhameva ca |
yonimudreti vikhyātā mudrāḥ pañca namaskṛtau || 2-48 ||
Sumukha, Caturasra, Vritta, Gomukha und die als Yoni-Mudra bekannte Geste werden als die fünf Mudras bei der Verneigung genannt.
2.49 caturbhujāṃ lalajjihvāṃ mahābhīmāṃ varapradām |
khaḍgakartrisamāyuktasavyetarabhujadvayām || 2-49 ||
Sie ist vierarmig, mit bewegter Zunge, überaus furchtbar und segenspendend; in ihren beiden rechten Händen hält sie Schwert und Krummmesser.
2.50 kapālotpalasaṃyuktasavyapāṇiyugānvitām |
piṅgograikajaṭāṃ dhyāyenmaulāvakṣobhyabhūṣitām || 2-50 ||
Ihre beiden linken Hände halten Schädelschale und blauen Lotos. Man betrachte sie mit einer einzigen gewaltigen rötlichbraunen Haarflechte und Akshobhya als Scheitelschmuck.
2.51 (nīlanāgajaṭājūṭāṃ śvetāhikṛtakuṇḍalām |
pītāhikaṅkaṇopetāṃ dhūmrāhibāhubhūṣaṇām || 2-51 ||
Ihr Haarknoten besteht aus blauen Schlangen, ihre Ohrringe aus weißen; sie trägt gelbe Schlangen als Armreifen und rauchfarbene Schlangen als Oberarmschmuck.
2.52 śyāmanāgopavītāṃ ca śubhrāhihārabhūṣaṇām |
śvetanāgalasatkāñcīṃ pāṭalāhipadadvayām || 2-52 ||
Dunkle Schlangen sind ihre heilige Schnur, helle Schlangen ihr Halsschmuck; weiße Schlangen leuchten als Hüftgürtel, rötliche schmücken ihre beiden Füße.
2.53 pārśvadvaye lambamānanīlendīvaramālikām |
prajvalatpitṛbhūmadhyasthitāṃ daṃṣṭrākarālinīm || 2-53 ||
An beiden Seiten hängen Girlanden blauer Lotose herab. Sie steht inmitten des lodernden Verbrennungsplatzes und zeigt furchtbare Fangzähne.
2.54 śavakaṇṭapadadvandvavāmadakṣapadadvayām |
sāveśasmeravadanāṃ bhaktānāmabhayapradām || 2-54 ||
Ihr linker und ihr rechter Fuß stehen an Hals beziehungsweise Füßen eines Leichnams; ihr Antlitz lächelt in leidenschaftlicher Ergriffenheit, und sie schenkt ihren Verehrenden Furchtlosigkeit.
2.55 )
krameṇānena deveśi dhyātvā nīlāṃ (sarasvatīm) |
ātmānaṃ tanmayaṃ dhyāyed bhūtaśuddhiritīritā || 2-55 ||
Nachdem man so über die blaue Sarasvati meditiert hat, betrachte man sich selbst als ganz von ihr erfüllt. Dies wird »Reinigung der Elemente« genannt.
2.56 athārghyasthāpanaṃ vakṣye yena siddhirbhavenmanoḥ |
trikoṇaṃ maṇḍalaṃ kṛtvā svavāme parameśvari || 2-56 ||
Nun werde ich das Aufstellen des Arghya-Gefäßes erklären, wodurch der Mantra Vollendung erlangt. Man zeichne links von sich ein dreieckiges Mandala, höchste Herrin.
2.57 tatra tripadikāṃ nyasya śaṅkhaṃ prakṣālya sundari |
bhāgatrayeṇa deveśi pūrayejjalamuttamam || 2-57 ||
Dort stelle man einen Dreifuß auf und wasche die Muschel aus, du Schöne; dann fülle man sie zu drei Teilen mit vortrefflichem Wasser.
2.58 kapālapātraṃ saṃsthāpya raktagandhādikaṃ tataḥ |
raktapuṣpaṃ tato dadyād devatā suprasīdati || 2-58 ||
Man stelle eine Schädelschale hin und gebe rote Duftpaste und anderes hinein, danach rote Blüten; dadurch wird die Gottheit sehr erfreut.
2.59 daśadhā mūlavidyāṃ ca japtvā prokṣaṇamācaret |
prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryāt ṣaḍaṅgena samanvitam || 2-59 ||
Man wiederhole die Grundvidya zehnmal und vollziehe die Besprengung. Dann übe man Pranayama in Verbindung mit den sechs Gliedern.
2.60 akṣobhya ṛṣiretasyā bṛhatī cchanda īritam |
nīlāsarasvatī devī trailokye ca sugopitā || 2-60 ||
Akshobhya ist ihr Seher, Brihati wird als ihr Versmaß genannt. Nila-Sarasvati ist die Göttin, die in den drei Welten sorgsam verborgen wird.
2.61 hūṃ bījamastraṃ śaktiḥ syāccaturvargaphalapradam |
māyāṣaḍdīrghayuktena ṣaḍaṅganyāsamācaret || 2-61 ||
»hūṃ« ist ihr Bija, Astra ihre Shakti; sie verleiht die Frucht der vier Lebensziele. Mit Maya, verbunden mit den sechs langen Vokalen, vollziehe man den sechsfachen Nyasa.
2.62 evaṃ nyāsavidhiṃ kṛtvā tārāṣoḍhāṃ samācaret |
vidyayā puṭitaṃ kṛtvā ṣoḍhā ca mātṛkāṃ nyaset || 2-62 ||
Nachdem man diesen Nyasa vollzogen hat, führe man den sechsfachen Tara-Nyasa aus. Die Matrika werde sechsfach aufgelegt, von der Vidya umschlossen.
2.63 kramotkramād varārohe tārāṣoḍhā prakīrtitā |
yastvevaṃ kurute mantrī sa tu tārā prakīrtitaḥ || 2-63 ||
In aufsteigender und umgekehrter Folge heißt dies der sechsfache Tara-Nyasa, du Schönhüftige. Der Mantrakundige, der so verfährt, wird selbst als Tara bezeichnet.
2.64 tasya loke gururnāsti sa guruḥ sarvayoginām |
bījānte caikajaṭāyai hṛdayaṃ parikīrtitam || 2-64 ||
Für ihn gibt es in der Welt keinen übergeordneten Guru; er ist Guru aller Yogis. Nach dem Bija wird »ekajaṭāyai« als Herzformel gelehrt.
2.65 tāriṇyai śirase svāhā tadvadvajrodake śikhā |
ugrajaṭe ca kavacaṃ mahāpratisare tathā || 2-65 ||
»tāriṇyai śirase svāhā« gehört zum Kopf, »vajrodake« ebenso zur Haarsträhne; »ugrajaṭe« gehört zum Schutzpanzer, »mahāpratisare« —
2.66 piṅgograikajaṭe tadvannetrāstre parikīrtite |
yathā kālī tathā nīlā tatkramānmātṛkāṃ nyaset || 2-66 ||
und »piṅgograikajaṭe« entsprechend zu Augen und Waffe. Wie bei Kali, so bei Nila: Nach derselben Abfolge lege man die Matrika auf.
2.67 deveśi bhaktisulabhe parivārasamanvite |
yāvat tvāṃ pūjayiṣyāmi tāvat tvaṃ susthirā bhava || 2-67 ||
O Herrin der Götter, leicht durch Hingabe erreichbar, von deinem Gefolge umgeben: Solange ich dich verehre, bleibe hier fest gegenwärtig!
2.68 sarvaṃ mantramayaṃ kṛtvā devatāyai nivedayet |
upacāraiḥ ṣoḍaśabhiḥ pūjayed gandhapuṣpataḥ || 2-68 ||
Nachdem man alles mit Mantra erfüllt hat, bringe man es der Gottheit dar. Man verehre sie mit sechzehn Ehrengaben, darunter Duft und Blüten.
2.69 pādyārghyācamasnānavasanābharaṇāni ca |
gandhapuṣpadhūpadīpanaivedyācamanaṃ tataḥ || 2-69 ||
Wasser für die Füße, ehrerbietiges Wasseropfer, Wasser zum Schlürfen, Bad, Gewand und Schmuck; Duft, Blüten, Räucherwerk, Licht, Speiseopfer und wiederum Wasser zum Schlürfen —
2.70 tāmbūlamarcanāstotraṃ tarpaṇaṃ ca namaskṛtam |
prayojayedarcanāyāmupacārāṃstu ṣoḍaśa || 2-70 ||
Betel, ehrende Anrufung und Lobpreis, sättigende Spende und Verneigung: Diese sechzehn Ehrengaben verwende man bei der Verehrung. [Die Aufzählung fasst einzelne Handlungen zusammen.]
2.71 gandhādayo naivedyāntāḥ pūjā pañcopacārikā |
puṣpasya niyamaṃ devi śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 2-71 ||
Die Gaben von Duft bis Speiseopfer bilden die Verehrung mit fünf Ehrengaben. Höre nun mit gesammeltem Geist die Vorschriften zu den Blüten, geliebte Göttin.
2.72 kokanadaṃ ca bandhūkaṃ karṇikādvayameva ca |
vakamandāraraktāni karavīrāṇi śasyate || 2-72 ||
Empfohlen werden roter Lotos, Bandhuka, die beiden Karnika-Arten, Vaka, rote Mandara-Blüten und Oleander.
2.73 mallikātritayaṃ jātī kṣaumapuṣpaṃ jayantikā |
bilvapatraṃ kurubakaṃ munipuṣpaṃ ca kesaram || 2-73 ||
Ferner drei Mallika-Arten, Jati, Kshauma-Blüten, Jayantika, Bilva-Blätter, Kurubaka, Muni-Blüten und Kesara.
2.74 vāsantīṃ caiva saugandhaṃ kāśapuṣpaṃ manoharam |
āmalakaṃ ca kādambaṃ bakulaṃ muthikāṃ tathā || 2-74 ||
Vasanti, Saugandha, liebliche Kasha-Blüten, Amalaka, Kadamba, Bakula und Muthika —
2.75 bilvairmaruvakādyaiśca tulasīvarjitaiḥ śubhaiḥ |
oḍrapuṣpairviśeṣeṇa vajrapuṣpeṇa śobhitam || 2-75 ||
mit Bilva, Maruvaka und anderen heilvollen Pflanzen, unter Ausschluss von Tulasi; besonders mit Odra-Blüten und geschmückt mit Vajra-Blüten.
2.76 sarvaṃ puṣpaṃ pradadyācca bhaktiyuktena cetasā |
japāpuṣpaṃ maheśāni dadyād devyai viśeṣataḥ || 2-76 ||
Alle Blüten bringe man mit einem von Hingabe erfüllten Herzen dar. Besonders soll man der Göttin Hibiskusblüten schenken, große Herrin.
2.77 padmaṃ priyataraṃ devyāḥ śephālī bakulaṃ tathā |
raktotpalena deveśi pūjayet paramāṃ śivām || 2-77 ||
Der Lotos ist der Göttin besonders lieb, ebenso Shephali und Bakula. Mit rotem Lotos verehre man die höchste Heilvolle, Herrin der Götter.
2.78 lakṣavarṣasahasrāṇāṃ pūjāyāḥ phalamāpnuyāt |
śirīṣaṃ paramaṃ devyāḥ prītidaṃ tagaraṃ tathā || 2-78 ||
So erlangt man die Frucht von hundert Millionen Jahren der Verehrung. Shirisha bereitet der Göttin höchste Freude, ebenso Tagara.
2.79 sthalapadmaṃ suṣṭhutaraṃ lakṣasaṃkhyākrameṇa ca |
yadi dayānmaheśāni sarvasiddhiḥ sureśvari || 2-79 ||
Wer ihr, große Herrin, hunderttausend besonders schöne Landlotose darbringt, erlangt alle Vollendungen, Herrin der Götter.
2.80 tadaiva mantrasiddhiḥ syānnātra kāryā vicāraṇā |
vijātīṃ tulasīṃ ramyāṃ tasyāḥ prītikarīṃ parām || 2-80 ||
Dann tritt Mantravollendung ein; darüber soll man nicht zweifeln. Vijati und die liebliche Tulasi werden als besonders erfreulich für sie genannt. [Die Tulasi-Angabe widerspricht dem Ausschluss in 2.75.]
2.81 kāñcanaṃ raktavarṇaṃ ca atipriyataraṃ mahat |
bhaktiyukto maheśāni sarvaṃ puṣpaṃ nivedayet || 2-81 ||
Auch die große rote Kancana-Blüte ist ihr überaus lieb. Mit Hingabe bringe man jede Blüte dar, große Herrin.
2.82 naivedyaṃ paramaṃ ramyaṃ susvādu sumanoharam |
dadyāccaivaṃ mahādevyai bhaktiyuktena cetasā || 2-82 ||
Eine besonders schöne, wohlschmeckende und erfreuliche Speisegabe bringe man der großen Göttin mit einem hingebungsvollen Herzen dar.
2.83 madhuparkaṃ viśeṣeṇa devīprītikaraṃ param |
saṃdeśamuṣṇaṃ dadyācca laḍḍukādisamanvitam || 2-83 ||
Besonders erfreut die Göttin die Honigmischung Madhuparka. Man bringe warmen Sandesha zusammen mit Laddu und ähnlichen Süßigkeiten dar.
2.84 pāyasaṃ kṛsaraṃ dadyāccharkarāguḍasaṃyutam |
ājyaṃ dadhi madhūnmiśraṃ tathānnāni nivedayet || 2-84 ||
Man gebe Milchspeise und Reis-Hülsenfrucht-Gericht mit Zucker und Rohrzucker, ferner Ghee, Joghurt und Honiggemisch; so bringe man Speisen dar.
2.85 śālamatsyaṃ ca pāṭhīnaṃ godhikāmāṃsamuttamam |
annaṃ ca madhunā miśraṃ yatnād dadyācca mantravit || 2-85 ||
Der Mantrakundige bringe sorgfältig Shala-Fisch, Pathina-Fisch, vorzügliches Waranfleisch und mit Honig vermischte Speise dar.
2.86 chāgamāṃsaṃ tathā devi rohitaṃ matsyabharjitam |
yonimudrāṃ pradarśyātha ājñāṃ prāpya yathāvidhi || 2-86 ||
Ebenso Ziegenfleisch, Göttin, und gebratenen Rohita-Fisch. Danach zeige man die Yoni-Mudra und hole vorschriftsgemäß die Erlaubnis ein:
2.87 mātardevi mahāmāye bandhamokṣapravartini |
ājñāpaya mahādevi gurutrayamanuttamam || 2-87 ||
»Mutter, Göttin, große Maya, die du Bindung und Befreiung in Gang setzt: Erlaube mir, große Göttin, die unübertreffliche Dreiheit der Gurus —
2.88 pūjayāmi mahāmāye sarvasārasvatapradam |
uvāca sādaraṃ devī bhagavantamadhokṣajam || 2-88 ||
zu verehren, große Maya, die alle Gaben der Sarasvati schenkt!« Die Göttin sprach ehrerbietig zu dem erhabenen Adhokshaja:
2.89 gurutrayaṃ mahādeva śrotumicchāmi yatnataḥ |
śrībhairava uvāca |
ajñātvā gurudevaṃ ca naṣṭamārgo bhaviṣyati || 2-89 ||
»Von der Dreiheit der Gurus möchte ich genau hören, Mahadeva.« Shri Bhairava sprach: Wer den göttlichen Guru nicht kennt, wird den Weg verlieren.
2.90 naṣṭamārge mantravidye na tādṛk siddhigocare |
gurūṇāṃ śiṣyabhūtānāṃ nāsti cet santatikramaḥ || 2-90 ||
Wenn der Weg verloren ist, führen Mantra und Vidya nicht zur entsprechenden Vollendung. Wenn bei den Gurus und ihren Schülern die Folge der Überlieferung fehlt —
2.91 tanmantrāśca vidyāśca niṣphalā nātra saṃśayaḥ |
ajñātvā guruvaṃśyānāṃ śiṣyaśca naṣṭasantatiḥ || 2-91 ||
sind ihre Mantras und Vidyas fruchtlos, daran besteht kein Zweifel. Ein Schüler, der die Angehörigen der Gurulinie nicht kennt, hat seine Verbindung zur Überlieferung verloren.
2.92 svavaṃśādadhikaṃ jñeyaṃ guruvaṃśaṃ śubhāvaham |
siddhaughā guravo devi divyaughā guravastathā || 2-92 ||
Die heilbringende Linie der Gurus ist höher zu achten als die eigene Abstammung. Es gibt Gurus des Stromes der Vollendeten und Gurus des göttlichen Stromes, Göttin.
2.93 ūrdhvakeśo vyomakeśo nīlakaṇṭho vṛṣadhvajaḥ |
parāparagurūṇāṃ ca nirṇayaṃ śṛṇu bhairavi || 2-93 ||
Urdhvakesha, Vyomakesha, Nilakantha und Vrishadhvaja werden genannt. Höre nun die Bestimmung der höheren und niederen Gurus, Bhairavi.
2.94 ādau sarvatra deveśi mantradaḥ paramo guruḥ |
sarvatantreṣu mantreṣu svayaṃ prakṛtirūpiṇī || 2-94 ||
An erster Stelle steht überall der Mantrageber als höchster Guru, Herrin der Götter. In allen Tantras und Mantras ist er selbst die in Gestalt der Urnatur Erscheinende.
2.95 pūrvādyaṣṭadale caiva parivārān prapūjayet |
vairocanādīn deveśi pūjayet parameśvari || 2-95 ||
Auf den acht Blättern, vom Osten beginnend, verehre man das Gefolge; Vairochana und die anderen verehre man, Herrin der Götter, höchste Herrin.
2.96 praṇavaṃ pūrvamuccārya tannāma tadanantaram |
vajrapuṣpaṃ pratīccheti huṃ phaṭ svāhāvadhirmanuḥ || 2-96 ||
Zuerst spreche man Pranava, dann den jeweiligen Namen, darauf »vajrapuṣpaṃ pratīccha«; das Mantra endet mit »huṃ phaṭ svāhā«.
2.97 anena manunā devi parivārān prapūjayet |
dvārṣu pūrvāditastadvat padmāntakayamāntakau || 2-97 ||
Mit diesem Mantra verehre man das Gefolge, Göttin. Ebenso an den Türen, im Osten beginnend, Padmantaka und Yamantaka —
2.98 vighāntakamathābhyarcya pūjayennarakāntakam |
nājapāt sidhyate mantro nāhutaśca phalapradaḥ || 2-98 ||
dann Vighnantaka und Narakantaka. Ohne Wiederholung wird ein Mantra nicht vollendet; ohne Feueropfer bringt er keine Frucht.
2.99 iṣṭaśca yacchate kāmāṃstasmāt tritayamācaret |
nityahomaṃ pravakṣyāmi sarvārthaṃ yena sidhyati || 2-99 ||
Verehrt gewährt er die Wünsche; deshalb übe man diese Dreiheit. Ich werde das tägliche Feueropfer erklären, durch das jedes Ziel erreicht wird.
2.100 saparyāṃ samyagāpādya baleḥ pūrvaṃ [pūrṇaṃ kha pāṭhaḥ |] caredvidhim |
tato japaṃ tarpaṇaṃ ca caran sādhakasattamaḥ || 2-100 ||
Nachdem man die Verehrung vollständig vollzogen hat, führe man den Ritus vor dem Bali-Opfer aus. Dann vollziehe der vortreffliche Übende Mantrawiederholung und sättigende Wasserspende.
2.101 balivaśyādikaṃ caiva brāhmaṇaśca samācaret |
vidhivadagnimānīya kravyādebhyo nama iti || 2-101 ||
Auch der Brahmane vollziehe Bali und die Riten der Beeinflussung. Man bringe vorschriftsgemäß das Feuer herbei und spreche: »Verehrung den Fleischessenden!«
2.102 mūlamantraṃ samuccārya kuṇḍe vā sthaṇḍile'pi vā |
bhūmau vā saṃstared vahniṃ vyāhṛtitritayena ca || 2-102 ||
Man spreche das Grundmantra und richte das Feuer in einer Feuergrube, auf einem Opferplatz oder auf dem Erdboden ein, begleitet von den drei Vyahritis.
2.103 svāhāntena tridhā hutvā ṣaḍaṅgahavanaṃ tathā |
tato devīṃ samāvāhya mūlena ṣoḍaśāhutim || 2-103 ||
Mit diesen, jeweils mit Svaha abgeschlossen, opfere man dreimal, anschließend den sechs Gliedern. Dann rufe man die Göttin herbei und opfere mit dem Grundmantra sechzehn Spenden.
2.104 hutvā stutvā [japtvā kha pāṭha |] namaskṛtya visṛjedindumaṇḍale |
baliṃ dadyād vidhānena chāgādiṃ susamāhitaḥ || 2-104 ||
Nachdem man geopfert, gelobt und sich verneigt hat, entlasse man sie in die Mondscheibe. Gesammelt bringe man vorschriftsgemäß eine Ziege oder eine andere Opfergabe als Bali dar.
2.105 praṇavaṃ pūrvamuccarya māyābījaṃ tataḥ param |
ekajaṭe padaṃ paścānmahāyakṣādhipe tataḥ || 2-105 ||
Zuerst spreche man Pranava, dann das Maya-Bija; darauf »ekajaṭe«, anschließend »mahāyakṣādhipe«.
2.106 baliṃ gṛhṇapadadvandvaṃ gṛhṇāpayapadadvayam |
mama śāntiṃ kurukuru paravidyāṃ padaṃ tataḥ || 2-106 ||
Dann zweimal »baliṃ gṛhṇa«, zweimal »gṛhṇāpaya«, »mama śāntiṃ kuru kuru« und darauf »paravidyām«.
2.107 ākṛṣya ca padadvandvaṃ truṭadvandvaṃ tataḥ param |
chindhidvandvaṃ maheśāni sarvapadamanantaram || 2-107 ||
Darauf zweimal »ākṛṣya«, dann zweimal »truṭ«, zweimal »chindhi«, große Herrin, und anschließend »sarva« —
2.108 jagat padaṃ maheśāni vaśamānaya tat param |
anena manunā devi baliṃ dattvā japaṃ caret || 2-108 ||
und »jagat«, große Herrin, danach »vaśam ānaya«. Mit diesem Mantra bringe man das Bali dar und vollziehe anschließend Japa.
2.109 sahasraṃ prajapenmantraṃ śataṃ vāpi maheśvari |
viṃśatyā vā japenmantraṃ tato nyūnaṃ nacācaret || 2-109 ||
Man wiederhole das Mantra tausendmal oder hundertmal, große Herrin; auch zwanzigmal kann man es wiederholen, weniger jedoch nicht.
2.110 hṛdā sarasvati yāvad vidyāyā vyāptirucyate |
mantradhyānaṃ pravakṣyāmi japāt sa(a)rvajyadāyakam || 2-110 ||
Im Herzen, Sarasvati, wird die Durchdringung durch die Vidya beschrieben. Ich werde die Mantrameditation erklären, deren Wiederholung Allwissenheit verleiht. [Der erste Halbvers ist syntaktisch unsicher.]
2.111 mantradhyānānmaheśāni śudhyate brahmahā yataḥ |
mūlacakre tu hṛllekhāṃ suryakoṭisamaprabhām || 2-111 ||
Durch Mantrameditation wird, große Herrin, sogar ein Brahmanentöter gereinigt. Im Wurzelchakra betrachte man Hrillekha, strahlend wie Millionen Sonnen.
2.112 svādhiṣṭhāne pītavarṇaṃ dvitīyārṇaṃ vibhāvayet |
nābhau jīmūtasaṃkāśaṃ kūrcabījaṃ mahāprabham || 2-112 ||
Im Svadhishthana stelle man sich den zweiten Laut gelb vor; im Nabel das Kurca-Bija, einer Regenwolke gleich und von großem Glanz.
2.113 astrabījaṃ hṛdi dhyāyet kālāgnisadṛśaprabham |
mūlādibrahmarandhrāntaṃ sarvāṃ vidyāṃ vibhāvayet || 2-113 ||
Im Herzen meditiere man über das Astra-Bija, leuchtend wie das Zeitenfeuer. Von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung vergegenwärtige man sich die ganze Vidya.
2.114 sūryakoṭipratīkāśāṃ yogibhirdṛṣṭapūrvikām |
(athavā pūrṇacandrābhaṃ kūrcaṃ mūrdhni sudhāplutam || 2-114 ||
Sie strahlt wie Millionen Sonnen und wurde schon von den Yogis geschaut. Oder man betrachte Kurca im Scheitel, einem Vollmond gleich und von Nektar überflutet.
2.115 athavā sarvāṃ vidyāṃ tāṃ jihvāyāṃ dīparūpiṇīm |
tatprabhāpaṭalavyāptāṃ jihvāmapi vicintayet || 2-115 ||
Oder man betrachte die ganze Vidya auf der Zunge in Gestalt einer Lampe und die Zunge selbst als von der Ausbreitung ihres Lichtes erfüllt.
2.116 jihvāyāṃ nyasanād devi mūko'pi sukavirbhavet |) guhyātiguhyagoptrī tvaṃ gṛhāṇāsmatkṛtaṃ japam || 2-116 ||
Durch ihre Auflegung auf die Zunge wird selbst ein Stummer zum vortrefflichen Dichter, Göttin. »Du Hüterin dessen, was geheimer als das Geheime ist, nimm die von uns vollzogene Mantrawiederholung an!
2.117 siddhirbhavatu me devi tvatprasādānmaheśvari |
etat pūjākramaṃ rātrau yadi kuryāt parātmike || 2-117 ||
Möge mir Vollendung zuteilwerden, Göttin, durch deine Gnade, große Herrin!« Wenn man diese Abfolge der Verehrung nachts vollzieht, du höchste Seele —
2.118 ta(de?dai)va siddhimāpnoti satyaṃ satyaṃ suniścitam |
stutiṃ kuryānmaheśāni devyagre śuddhamānasaḥ || 2-118 ||
erlangt man eben dann Vollendung: wahrlich, wahrlich, dies ist gewiss. Mit reinem Geist bringe man vor der Göttin den Lobpreis dar, große Herrin.
2.119 ghorarūpe mahārāve sarvaśatruvaśaṅkari [kṣayaṅkari pāṭhaḥ |] |
bhaktebhyo varade devi trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-119 ||
Du von schrecklicher Gestalt, du gewaltig Tönende, die du alle Feinde bezwingst, Göttin, die du den Verehrenden Segen schenkst: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.120 surāsurārcite devi siddhagandharvasevite |
jāḍyapāpahare devi trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-120 ||
Göttin, verehrt von Göttern und Asuras, von Siddhas und Gandharvas verehrt, die du Trägheit und Verfehlungen hinwegnimmst: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.121 jaṭājūṭasamāyukte lolajihvānukāriṇi |
drutabuddhikare devi trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-121 ||
Du mit mächtigem Haarknoten und bewegter Zunge, Göttin, die du rasche Einsicht schenkst: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.122 saumyarūpe ghorarūpe [krodha pāṭhaḥ |] caṇḍarūpe namo'stu te |
[sṛṣṭi kha pāṭhaḥ |]dṛṣṭirūpe namastubhyaṃ trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-122
||
Dir von sanfter Gestalt, von schrecklicher Gestalt, von ungestümer Gestalt sei Verehrung! Dir, deren Gestalt das Schauen ist, sei Verehrung! Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche! [Eine Variante liest »Schöpfung« statt »Schauen«.]
2.123 jaḍānāṃ jaḍatāṃ [jaḍatāṃ bhajatāṃ kha pāṭhaḥ |] haṃsi bhaktānāṃ
bhaktavatsale |
mūḍhatāṃ hara me devi trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-123 ||
Du vernichtest die Stumpfheit der stumpfen Verehrenden, du ihnen liebevoll Zugewandte. Nimm meine Verblendung hinweg, Göttin; beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.124 hūṃ hūṃkāramaye devi balihomapriye namaḥ |
ugratāre namastubhyaṃ trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-124 ||
Göttin, die du aus »hūṃ hūṃ« bestehst, die du Bali und Feueropfer liebst: Verehrung! Ugratara, dir sei Verehrung! Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.125 buddhiṃ dehi yaśo dehi kavitvaṃ dehi dehi me |
kubuddhiṃ [mūḍhatvaṃ kha pāṭhaḥ |] hara me devi trāhi māṃ śaraṇāgatam ||
2-125 ||
Schenke mir Einsicht, schenke mir Ansehen, schenke, schenke mir Dichtkunst! Nimm meine verkehrte Einsicht hinweg, Göttin; beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.126 indrādi(divi?deva) sadvṛndavandite karuṇāmayi |
tāre tārādhināthāsye trāhi māṃ śaraṇāgatam || 2-126 ||
Du von den Scharen der Götter mit Indra an der Spitze Verehrte, du Mitgefühlvolle, Tara, deren Antlitz dem Herrn der Sterne gleicht: Beschütze mich, der ich bei dir Zuflucht suche!
2.127 aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ navamyāṃ caikaceta(saḥ?sā) [yaḥ paṭhennaraḥ
pāṭhaḥ |] |
ṣaṇmāsaiḥ siddhimāpnoti nātra kāryā vicāraṇā || 2-127 ||
Wer am achten, vierzehnten und neunten Mondtag mit ungeteilter Aufmerksamkeit rezitiert, erlangt innerhalb von sechs Monaten Vollendung; daran soll man nicht zweifeln.
2.128 mokṣārthī labhate mokṣaṃ dhanārthī dhanamāpnuyāt |
vidyārthī labhate vidyāṃ tarkavyākaraṇādikām || 2-128 ||
Wer Befreiung sucht, erlangt Befreiung; wer Wohlstand sucht, erlangt Wohlstand. Wer Wissen sucht, erlangt Wissen, etwa in Logik und Grammatik.
2.129 idaṃ stotraṃ paṭhedyastu sa(tataṃ?dhanaṃ) labhate naraḥ |
tasya śatruḥ kṣayaṃ yāti mahāprajñā ca jāyate || 2-129 ||
Wer diesen Lobpreis rezitiert, erlangt [nach einer möglichen Lesung] Wohlstand. Sein Feind geht zugrunde, und große Einsicht entsteht in ihm.
2.130 pīḍāyāṃ vāpi saṃgrāme japye dāne [mahotpāte kha pāṭhaḥ |] tathā bhaye |
ya idaṃ paṭhati stotraṃ śubhaṃ tasya na saṃśayaḥ || 2-130 ||
Wer diesen Lobpreis bei Bedrängnis, im Kampf, bei Mantrawiederholung und Schenken sowie in Gefahr rezitiert, dem wird Heil zuteil, daran besteht kein Zweifel.
2.131 stotreṇānena deveśi stutvā devīṃ sureśvarīm |
sarvakāmamavāpnoti sarvavidyānidhirbhavet || 2-131 ||
Wer die Göttin, die Herrin der Götter, mit diesem Lobpreis preist, erlangt alle Wünsche und wird zu einer Schatzkammer allen Wissens.
2.132 iti te kathitaṃ divyaṃ stotraṃ sārasvatapradam |
asmātparataraṃ stotraṃ nāsti tantre maheśvari || 2-132 ||
So habe ich dir diesen göttlichen Lobpreis mitgeteilt, der die Gaben der Sarasvati schenkt. Ein höherer Lobpreis findet sich im Tantra nicht, große Herrin.
2.133 evaṃ stutvā mahādevīṃ daṇḍavat praṇipatya ca |
ātmānaṃ ca samarpyātha yonimudrāṃ pradarśayet || 2-133 ||
Nachdem man die große Göttin so gepriesen hat, werfe man sich lang ausgestreckt nieder, bringe sich selbst dar und zeige die Yoni-Mudra.
2.134 atha vakṣye maheśāni tārāṣṭakamimaṃ param |
paṭhanādya?sya deveśi śivatvaṃ gatavān (priye?aham) || 2-134 ||
Nun werde ich diesen höchsten achtstrophigen Tara-Hymnus erklären, große Herrin. Durch seine Rezitation habe ich Shivas Wesen erlangt, Herrin der Götter. [Der Schluss weist eine unsichere Lesung auf.]
2.135 śatkṛ (tā?tvaḥ) prapaṭhanācchatrunāśo bhaved dhruvam |
aṣṭāviṃśatipāṭhācca rājā ca dāsatāmiyāt || 2-135 ||
Durch sechsmalige Rezitation werden die Feinde gewiss vernichtet; durch achtundzwanzigmalige Lesung wird selbst ein König zum Diener.
2.136 aṣṭavāraṃ prapaṭhanāt sarvasiddhiśvaro bhavet |
stavaṃ śṛṇu varārohe yena rājā bhaviṣyati || 2-136 ||
Durch achtmalige Rezitation wird man zum Herrn aller Vollendungen. Höre den Lobpreis, du Schönhüftige, durch den man königliche Macht gewinnt.
2.137 mātarnīlasarasvati praṇamatāṃ saubhāgyasaṃpatprade
pratyālīḍhapadasthite śivahṛdi smerānanāmbhoruhe |
phullendīvaralocanatrayayute ka(rtṛṃ?trīṃ) kapālotpale
khaḍgaṃ cādadhatī tvameva śaraṇaṃ tvāmīśvarīmāśraye || 2-137 ||
Mutter Nila-Sarasvati, du schenkst denen, die sich verneigen, Glück und Fülle. In Pratyalidha-Stellung stehst du auf Shivas Herzen, dein Lotosantlitz lächelt. Deine drei Augen gleichen erblühten blauen Lotosblumen; Krummmesser, Schädelschale, Lotos und Schwert hältst du. Du allein bist Zuflucht: Zu dir, der Herrin, nehme ich Zuflucht.
2.138 vācāmīśvari bhaktakalpalatike sarvārthasiddhiśvari [siddhiprade iti
pāṭhāntaram|]
gadyaprākṛtapadyajāti[jātaracanā sarvatra kha pāṭhaḥ]
racanāsarvārthasiddhiprade |
nīlendīvaralocanatrayayute kāruṇyavārāṃ nidhe
saubhāgyāmṛtavarṣaṇena kṛpayā siñca tvamasmādṛśam || 2-138 ||
Herrin der Rede, Wunschranke der Verehrenden, Herrin aller Zielerfüllung, du schenkst Gelingen im Verfassen von Prosa, Prakrit und Dichtung. Mit deinen drei blauen Lotosaugen, du Meer der Wasser des Mitgefühls: Benetze auch Menschen wie uns aus Gnade mit einem Regen des Nektars des Glücks!
2.139 kharve [sarve pāṭhaḥ |] garvasamūhapūritatano sarpādiveśojvale
vyāghratvak parivītasundarakaṭīvyādhūtaghaṇṭāṅkite |
sadyaḥ kṛttagaladrajaḥ parimilanmuṇḍadvayīmūrdhaja-
granthiśreṇinṛmuṇḍadāmalalite bhīme bhayaṃ nāśaya || 2-139 ||
Du Kleine, deren Leib von mächtigem Stolz erfüllt ist, strahlend im Schmuck der Schlangen, die schöne Hüfte mit Tigerfell umhüllt und von schwingenden Glocken gezeichnet! Deine Girlande aus Menschenköpfen, frisch abgeschlagen und blutüberströmt, ist an ihren Haaren zusammengebunden. Du Furchtbare, vernichte die Furcht!
2.140 māyānaṅgavikārarūpalalanā bindvardhacandrātmike
hūṃphaṭkāramayi tvameva śaraṇaṃ mantrātmike mādṛśaḥ |
mūrtiste janani tridhāmaghaṭitā sthūlātisūkṣmā parā
vedānāṃ nahi gocarā kathamapi prāptāṃ tu tāmāśraye || 2-140 ||
Du göttliche Frau, deren Gestalt die Wandlungen von Maya und Ananga umfasst, du aus Bindu und Halbmond Bestehende, aus »hūṃ phaṭ« Gebildete, Mantra-Verkörperte: Du allein bist Zuflucht für Menschen wie mich. Deine Gestalt, Mutter, umfasst drei Bereiche: grob, überaus fein und transzendent. Sie liegt außerhalb der Reichweite der Veden; zu ihr, die dennoch irgendwie erreicht wird, nehme ich Zuflucht. [Die verschlüsselte Mantrabeschreibung bleibt mehrdeutig.]
2.141 tvatpādāmbujasevayā sukṛtino gacchanti sāyujyatāṃ
tasya śrīparameśvari [strīparameśvarī pāṭhaḥ |]
trinayanabrahmādisāmyātmanaḥ |
saṃsārāmbudhimajjane'paṭutanūn devendramukhyān surān
mātastvatpadasevane hi vimukhaḥ [kho yo pāṭhaḥ |] kiṃ mandadhīḥ sevate || 2-141
||
Durch den Dienst an deinen Lotosfüßen gelangen die Verdienstvollen zur Vereinigung mit dem höchsten Herrn, dem Dreiäugigen, dessen Wesen auch Brahma und den anderen zugrunde liegt. Mutter, warum verehrt ein Tor, der sich vom Dienst an deinen Füßen abwendet, die Götter mit Indra an der Spitze, deren Kräfte gegenüber dem Versinken im Ozean des Samsara unzureichend sind? [Der Bezug des zweiten Versviertels ist textlich unsicher.]
2.142 mātastvatpadapaṅkajadvayarajomudrāṅkakoṭīriṇa- [ṅga pāṭhaḥ |]
ste devā jayasaṃgare vijayino niḥśaṅkamaṅke gatāḥ |
devo'haṃ bhuvane na me sama iti spardhāṃ vahantaḥ pare
tattulyāṃ niyataṃ yathāsu[śuciravī pāṭhaḥ |]bhiramī nāśaṃ vrajanti svayam ||
2-142 ||
Mutter, jene Götter, deren Kronen das Zeichen des Staubes deiner beiden Lotosfüße tragen, siegen im Kampf und ruhen furchtlos in deinem Schoß. Die anderen aber, die sich überheblich rühmen: »Ich bin der Gott; in der Welt ist mir keiner gleich«, gehen selbst zugrunde. [Der Schlussvergleich ist beschädigt.]
2.143 tvannāmasmaraṇāpalāyanaparā draṣṭuṃ ca śaktā na te
bhūtapretapiśācarākṣasagaṇā yakṣāśca nāgādhipāḥ |
daityā dānavapuṅgavāśca khacarā vyāghrādikā jantavo
ḍākinyaḥ kupito'ntakaśca manuje mātaḥ kṣaṇaṃ bhūtale || 2-143 ||
Schon bei der Erinnerung an deinen Namen fliehen die Scharen der Bhutas, Pretas, Pishachas und Rakshasas, die Yakshas und Schlangenfürsten, Daityas, mächtigen Danavas und Himmelswesen, Tiere wie Tiger, Dakinis und selbst der zornige Tod. Nicht einmal einen Augenblick vermögen sie den Menschen auf Erden anzusehen, Mutter.
2.144 lakṣmīḥ siddhigaṇaśca vādakamukhastambhastathā vāriṇaḥ [vairiṇaḥ kha
phāṭhaḥ |]
stambhaścāpi raṇāṅgane gajaghaṭāstaṃbhastathā mohanam |
mātastvatpadasevayā khalu nṛṇāṃ sidhyanti te te guṇāḥ
kāntiḥ kāntamanobhavasya bhavati kṣudro'pi vācaspatiḥ || 2-144 ||
Wohlstand, die Schar der Vollendungen, das Verstummen des Streitredners, das Stillstellen des Wassers [Variante: des Feindes], das Anhalten der Elefantenscharen auf dem Schlachtfeld und Verzauberung: Solche Kräfte erlangen Menschen durch den Dienst an deinen Füßen, Mutter. Schönheit wie die des Liebesgottes entsteht, und selbst ein Unbedeutender wird zum Meister der Rede.
2.145 tārāṣṭakamidaṃ puṇyaṃ [ramyaṃ kha pāṭhaḥ |] bhaktimān yaḥ paṭhennaraḥ |
prātarmadhyāhnakāle ca sāyāhne niyataḥ śuciḥ || 2-145 ||
Wer diesen heiligen achtstrophigen Tara-Hymnus hingebungsvoll, gesammelt und rein am Morgen, zur Mittagszeit und am Abend rezitiert —
2.146 labhate kavitāṃ divyāṃ sarvaśāstrārthavidbhavet |
lakṣmīmanaśvarāṃ prāpya bhuktvā bhogān yathepsitān || 2-146 ||
erlangt göttliche Dichtkunst und versteht den Sinn aller Lehrwerke. Nachdem er unvergänglichen Wohlstand erlangt und die ersehnten Freuden genossen hat —
2.147 kīrtiṃ kāntiṃ ca nairujyaṃ sarveṣāṃ priyatāṃ vrajet |
vikhyā(taṃ?tiṃ) cāpi lokeṣu prāpyānte mokṣamāpnuyāt || 2-147 ||
gewinnt er Ruhm, Schönheit, Freiheit von Krankheit und die Zuneigung aller. Er wird in den Welten bekannt und erlangt am Ende Befreiung.
2.148 anena stavarājena stutvā devīṃ sarasvatīm |
ihaiva sarvakāmān vai bhuktvā mokṣamavāpnuyāt || 2-148 ||
Wer die Göttin Sarasvati mit diesem König der Lobgesänge preist, genießt schon hier alle ersehnten Güter und erlangt Befreiung.
2.149 asmāt parataraṃ nāsti staveṣu suravandite |
kalau tu sarvayatnena sarvaṃ tyaktvā stavaṃ paṭhet || 2-149 ||
Unter den Lobgesängen gibt es keinen höheren als diesen, du von den Göttern Verehrte. Im Kali-Zeitalter soll man mit aller Sorgfalt anderes zurückstellen und diesen Lobgesang rezitieren.
2.150 aṣṭāṅgaṃ praṇipatyādau bhavet sākṣāt sadāśivaḥ |
padbhyāṃ karābhyāṃ jānubhyāmurasā śirasā dṛśā || 2-150 ||
Zunächst vollziehe man die achtgliedrige Verneigung; dadurch wird man unmittelbar Sadashiva. Mit Füßen, Händen, Knien, Brust, Kopf und Blick —
2.151 manasā vacasā ceti praṇāmo'ṣṭāṅga īritaḥ |
trikoṇākārikā caiva tārāyāḥ parikīrtitā || 2-151 ||
sowie mit Geist und Rede: So wird die achtgliedrige Verneigung beschrieben. Für Tara wird auch eine dreieckförmige Verneigung gelehrt.
2.152 evaṃ natiṃ puraskṛtya sugandhiṃ lepayet tataḥ |
suṣumnāmārgakeṇaiva kṣamasveti hṛdā nayet || 2-152 ||
Nachdem man so die Verneigung vollzogen hat, trage man Duft auf. Mit den Worten »Vergib!« führe man sie auf dem Weg der Sushumna ins Herz.
2.153 prāṇāyāmaṃ punaḥ kṛtvā svamātmānaṃ vibhāvayet |
puṣpagrahaṇamantraṃ ca śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 2-153 ||
Erneut übe man Pranayama und vergegenwärtige sich sein eigenes Selbst. Höre nun gesammelt das Mantra zum Aufnehmen der Blüten, Geliebte.
2.154 vāgbhavaṃ prathamaṃ dadyānnirmālyapadamantaram |
vāsinyai ca padasyānte nama uccārya pūjayet || 2-154 ||
Zuerst setze man Vagbhava, danach »nirmālya«, dann »vāsinyai« und »namaḥ«; mit dieser Formel verehre man sie.
2.155 carvyalehyānnapānādi tāmbūlasragvilepanam |
nirmālyabhojanaṃ tubhyaṃ dadāmi śrīśivājñayā || 2-155 ||
»Kauspeisen, Leckspeisen, gekochte Speisen und Getränke, Betel, Girlanden und Salben: Diese verbleibende Opferkost gebe ich dir auf Geheiß des ehrwürdigen Shiva.«
2.156 śirolagnaṃ tataḥ kṛtvā nirmālyaṃ śiṣṭameva ca |
viprāya dadyānnaivedyaṃ kumāribhyastathaiva ca |
kiñcit svayaṃ ca svīkṛtya viharet sarvadā bhuvi || 2-156 ||
Man lege die verbleibenden Opferblüten auf den Kopf und gebe die restliche Speise einem Brahmanen und den Jungfrauen. Auch selbst nehme man ein wenig davon an und bewege sich dann frei in der Welt.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (ṣoḍaśopacārapūjāstotrādinirūpaṇaṃ) dvitīyaḥ paṭalaḥ || 2 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das zweite Kapitel: die Darlegung der Verehrung mit sechzehn Gaben, der Lobpreise und weiterer Handlungen.
Kapitel 3: Einweihung und Guru
3.1 śrīdevyuvāca |
devadeva mahādeva anāthānāṃ dayākara |
dīkṣāvidhiṃ mahādeva kathayasva samāsataḥ || 3-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Gott der Götter, Mahadeva, du Erbarmer der Schutzlosen, erkläre mir kurz die Vorschrift der Einweihung!
3.2 śrībhairava uvāca |
śṛṇu sundari sarveśi kathyamānaṃ mayānaghe |
tayā vinā mahādevi hyadhikāro na karmaṇi || 3-2 ||
Shri Bhairava sprach: Höre, du Schöne, Herrin aller, du Makellose, was ich verkünde. Ohne sie, große Göttin, besteht keine Berechtigung zur rituellen Handlung.
3.3 sarvāśrameṣu bhūteṣu sarvadeveṣu suvrate |
dīkṣāṃ vinā mahādevi sarvaṃ tasya vṛthā bhavet || 3-3 ||
In allen Lebensständen, unter allen Wesen und bei allen Gottheiten, du Gelübdetreue: Ohne Einweihung bleibt für einen Menschen alles vergeblich, große Göttin.
3.4 tasmāt sarvaprayatnena guruṇā dīkṣito bhavet |
dīkṣāmūlaṃ jagatsarvaṃ [japaṃ sarvaṃ kha pāṭhaḥ |] dīkṣāmūlaṃ paraṃ
tapaḥ || 3-4 ||
Deshalb bemühe man sich mit aller Kraft, von einem Guru eingeweiht zu werden. Die ganze Welt wurzelt in der Einweihung [Variante: jede Mantrawiederholung]; höchste Askese wurzelt in der Einweihung.
3.5 dīkṣāmū(laṃ?lā) parā siddhistasmād dīkṣāṃ samācaret |
dīkṣāhīno mahādevi rauravaṃ narakaṃ vrajet || 3-5 ||
Höchste Vollendung wurzelt in der Einweihung; deshalb vollziehe man sie. Wer ohne Einweihung bleibt, gelangt der Aussage des Textes zufolge in die Raurava-Hölle, große Göttin.
3.6 adīkṣitādyadi śubhe kiñcidādāya bhojayet |
vṛthā pānaṃ bhavet sarvaṃ tasmāt sarvaṃ vivarjayet || 3-6 ||
Wenn man, Heilvolle, etwas von einem Uneingeweihten annimmt und zum Essen reicht, wird alles Trinken vergeblich; deshalb soll man all dies meiden. [Der Zusammenhang von Speise und Trank ist sprachlich nicht eindeutig.]
3.7 adīkṣitakulāsaṅgāt siddhihāniḥ prajāyate |
annaṃ viṣṭāsamaṃ teṣāṃ toyaṃ mūtrasamaṃ smṛtam || 3-7 ||
Durch Umgang mit einer nicht eingeweihten Kula-Gemeinschaft geht Vollendung verloren. Ihre Speise gilt als Kot, ihr Wasser als Urin. [Eine polemische rituelle Abgrenzung des Textes.]
3.8 tasmāt sarvaprayatnena sadgurordīkṣito bhavet |
sadgurorāhitadīkṣaḥ sarvakarmāṇi kārayet || 3-8 ||
Deshalb bemühe man sich mit aller Sorgfalt, von einem wahren Guru eingeweiht zu werden. Wer die Einweihung eines wahren Gurus empfangen hat, darf sämtliche Riten vollziehen.
3.9 guruṃ vinā mahādevi vṛthā dīkṣā ca jāyate |
kalpe dṛṣṭvā tu mantraṃ vai yo gṛhṇāti narādhamaḥ || 3-9 ||
Ohne Guru bleibt die Einweihung vergeblich, große Göttin. Wer als niedriger Mensch ein Mantra bloß in einem Ritualhandbuch sieht und sich aneignet —
3.10 manvantarasahasreṣu niṣkṛ(te?ti)rnaiva jāyate |
gurormukhānmahāvidyā sarvapāpapraṇāśinī || 3-10 ||
für den gibt es nach Aussage des Textes auch in tausend Manvantaras keine Sühne. Aus dem Mund des Gurus aber kommt die Mahavidya, die alle Verfehlungen vernichtet.
3.11 sadguruṃ tvaṃ mahādevi kathyamānaṃ mayā śṛṇu |
bahirindriyahartā ca guruḥ sarvatra durlabhaḥ || 3-11 ||
Höre, große Göttin, wie ich den wahren Guru beschreibe. Ein Guru, der die nach außen gerichteten Sinne zurückzunehmen vermag, ist überall selten.
3.12 antarindiyahartā ca guruḥ sarvatra śobhanaḥ |
aninditaveśadhārī kapaṭena vinākṛtaḥ || 3-12 ||
Ein Guru, der die inneren Sinne zurückzunehmen vermag, ist überall vortrefflich; er trägt eine untadelige äußere Erscheinung und ist frei von Täuschung.
3.13 ācāravān mahāvidyārādhaneṣu ca tatparaḥ |
tatkalpācāraśaktaśca gururityabhidhīyate || 3-13 ||
Er führt einen geordneten Lebenswandel, widmet sich der Verehrung der Mahavidya und ist fähig, die in ihrem Ritualhandbuch beschriebenen Verfahrensweisen auszuführen. Ein solcher wird Guru genannt.
3.14 kaulajñānī mahāyogī gurureva ca daivatam |
kūlīnaḥ sarvamantrāṇāṃ dātā sarveṣu sundari || 3-14 ||
Er kennt die Kaula-Lehre und ist ein großer Yogi; der Guru selbst ist die Gottheit. Als Angehöriger des Kula ist er befugt, sämtliche Mantras zu vermitteln, du Schöne.
3.15 dīkṣā(bhra?pra)bhuḥ sa evātmā nāparo vedapāragaḥ |
utpādakabrahmadātrogarīyān kaulanāyakaḥ || 3-15 ||
Er allein ist Herr der Einweihung und das Selbst, kein anderer bloßer Kenner der Veden. Der Führer des Kaula ist gewichtiger als der leibliche Vater und der Vermittler des vedischen Wissens.
3.16 tasmānmanyeta satataṃ piturapyadhiko guruḥ |
dhyāna[dharma ka pāṭhaḥ |]mūlaṃ gurormūrtiḥ pūjāmūlaṃ guroḥ kriyā || 3-
16 ||
Darum achte man den Guru stets höher als selbst den Vater. Die Gestalt des Gurus ist die Wurzel der Meditation; die Handlung des Gurus ist die Wurzel der Verehrung.
3.17 (mūlaṃmantraṃ?mantramūlaṃ) gurorvākyaṃ tasmādādau guruṃ yajet |
śivo'pi paravidyānāmupadeṣṭā na saṃśayaḥ || 3-17 ||
Das Wort des Gurus ist die Wurzel des Mantras; deshalb verehre man zuerst den Guru. Auch Shiva ist der Lehrer der höchsten Vidyas, daran besteht kein Zweifel.
3.18 vaiṣṇavastanmatasthānāṃ sauraḥ sauravidāṃ satām |
gāṇapatyastu deveśi gaṇadīkṣāpravartakaḥ || 3-18 ||
Ein Vaishnava unterweist die Anhänger seiner Lehre, ein Sonnenverehrer die kundigen Verehrer der Sonne. Ein Ganapatya, Herrin der Götter, vermittelt die Einweihung des Ganapati.
3.19 śaivaḥ śāktastu sarvatra dīkṣāsvāmī na saṃśayaḥ |
tasmāt sarvaprayatnena kulīnaṃ gurumāśrayet || 3-19 ||
Ein Shaiva und ein Shakta sind zur Einweihung überall befugt, daran besteht kein Zweifel. Deshalb suche man mit aller Sorgfalt Zuflucht bei einem Guru des Kula.
3.20 ekadvitricatuṣpañcavarṣāṇyālokya yogyatām |
yogyaṃ parīkṣayecchiṣyamanyathā duḥkhamāpnuyāt || 3-20 ||
Ein, zwei, drei, vier oder fünf Jahre beobachte man die Eignung; man prüfe den Schüler auf seine Befähigung. Andernfalls wird man Leid erfahren.
3.21 vṛddhiśrāddhaṃ tataḥ kṛtvā brāhmaṇān paritoṣya ca |
gṛhṇīyācca tato dīkṣāṃ nānyathā phalamāpnuyāt || 3-21 ||
Nachdem man das glückverheißende Ahnenopfer vollzogen und die Brahmanen zufriedengestellt hat, empfange man die Einweihung; andernfalls erlangt man ihre Frucht nicht.
3.22 caitrādīnāṃ phalaṃ jñeyaṃ malamāsaṃ vivarjayet |
viṣuve'pyayanadvandve saṃkrāntyāṃ madanotsave || 3-22 ||
Die Wirkungen der Monate von Chaitra an sind zu beachten; den eingeschobenen Monat meide man. Zur Tagundnachtgleiche, an beiden Sonnenwenden, beim Sonnenübergang und am Fest des Liebesgottes —
3.23 dīkṣā kāryā prayatnena pavitre guruparvaṇi |
ṣaṣṭhī bhādrapade māsi (traye?iṣe) kṛṣṇacaturdaśī || 3-23 ||
vollziehe man sorgfältig die Einweihung, ebenso am heiligen Festtag des Gurus. Als Festtage gelten der sechste Mondtag im Bhadrapada und der vierzehnte der dunklen Hälfte im Ashvina [unsichere Monatslesung] —
3.24 kārtike navamī śuklā mārge śuklatṛtīyikā |
pauṣe ca navamī śuklā māghe varacaturthikā || 3-24 ||
der neunte der hellen Hälfte im Karttika, der dritte der hellen Hälfte im Margashirsha, der neunte der hellen Hälfte im Pausha und der vorzügliche vierte im Magha —
3.25 phālgune navamī śuklā caitre kāmatrayodaśī |
vaiśākhe cākṣayā śastā jyaiṣṭhe daśaharā tithiḥ || 3-25 ||
der neunte der hellen Hälfte im Phalguna, der Kama-Dreizehnte im Chaitra, der gepriesene Akshaya-Tag im Vaishakha und der Dashahara-Tag im Jyeshtha —
3.26 āṣāḍhe pañcamī śuklā śrāvaṇe kṛṣṇapañcamī |
etāni devaparvāṇi tīrthakoṭiphalaṃ labhet || 3-26 ||
der fünfte der hellen Hälfte im Ashadha und der fünfte der dunklen Hälfte im Shravana. Dies sind die Götterfesttage; an ihnen erlangt man die Frucht von zehn Millionen heiligen Badeorten.
3.27 ninditeṣvapi kāleṣu dīkṣoktā grahaṇe śubhā |
sūryagrahaṇakālasya samāno nāsti bhūtale || 3-27 ||
Selbst zu sonst ungünstigen Zeiten gilt eine Einweihung während einer Finsternis als heilvoll. Der Zeit einer Sonnenfinsternis kommt auf Erden nichts gleich.
3.28 pañcāṅgaśuddhe divase śobhane śaśitārayoḥ |
guruśukrodaye caiva śasyate mantrasaṃskriyā || 3-28 ||
An einem Tag mit günstigen fünf Kalendergliedern, bei günstiger Stellung von Mond und Mondhäusern und beim Sichtbarsein von Jupiter und Venus wird die Mantraweihe empfohlen.
3.29 sthānaṃ śṛṇu varārohe yena sidhyenna saṃśayaḥ |
goṣṭhe śivālaye puṇye śmaśāne ca nadītaṭe || 3-29 ||
Höre von den Orten, du Schönhüftige, an denen Vollendung zweifellos gelingt: im Kuhstall, in einem heiligen Shiva-Tempel, auf einem Verbrennungsplatz und am Flussufer.
3.30 śūnye ca grahaṇe puṇye girau ca siddhilipsukaḥ |
jānīyācchobhanaṃ kālaṃ mantrasya grahaṇaṃ prati || 3-30 ||
Wer Vollendung sucht, beachte die Einsamkeit, eine heilige Finsternis und den Berg; er erkenne die günstige Zeit zum Empfang des Mantras. [Die Verbindung von Orts- und Zeitangaben ist gedrängt.]
3.31 rohiṇī śravaṇārdrā ca dhaniṣṭhā cottarātrayam |
puṣyā śatabhi(ṣā?ṣak) caiva dīkṣānakṣatramucyate || 3-31 ||
Rohini, Shravana, Ardra, Dhanishtha, die drei Uttara-Mondhäuser, Pushya und Shatabhishaj werden als Mondhäuser der Einweihung genannt.
3.32 kramaṃ pravartya vidhivat pūjāhomau vidhāya ca |
vidyāṃ tāṃ kathayet samyag jīvakarṇe ca tattvavit || 3-32 ||
Nachdem der Kenner der Wahrheit die vorgeschriebene Abfolge begonnen und Verehrung und Feueropfer vollzogen hat, teile er die Vidya deutlich in das lebendige Ohr des Schülers mit.
3.33 ajñātvā kullukāṃ devīmanatvā gurupādukām |
adattvā dakṣiṇāṃ samyagakṛtvā kulapujanam || 3-33 ||
Ohne die Kulluka zu kennen, ohne die Sandalen des Gurus verehrt, ohne die angemessene Lehrergabe dargebracht und ohne die Kula-Verehrung vollzogen zu haben —
3.34 yo'smiṃstantre pravarteta na taṃ pīḍayase dhruvam |
iṣe māsi viśeṣeṇa dharmakāmārthasiddhaye || 3-34 ||
wer so in diesem Tantra tätig wird, den bedrängst du gewiss nicht. [Das überlieferte »na« ergibt eine Aussage, die dem Zusammenhang widerspricht; eine Tilgung wird hier nicht stillschweigend vorgenommen.] Besonders im Monat Ashvina, zur Erfüllung von Dharma, Wünschen und Wohlergehen —
3.35 nātra kālavicārādi na ca nakṣatraśodhanam |
aṣṭottaraśataṃ homaṃ bilvapatreṇa kārayet || 3-35 ||
bedarf es hier keiner Prüfung der Zeit oder der Mondhäuser. Man lasse 108 Feueropfer mit Bilva-Blättern vollziehen.
3.36 aṣṭāvaṣṭādaśa kuryādaṣṭāviṃśatimeva ca |
pāyasaṃ kṛsaraṃ dadyād godhāmāṃsamanuttamam || 3-36 ||
Man vollziehe acht, achtzehn oder achtundzwanzig [Opfergaben]; man bringe Milchspeise, Reis-Hülsenfrucht-Gericht und vorzügliches Waranfleisch dar.
3.37 rambhāpuṣpaṃ śālamatsyaṃ juhuyācca prayatnataḥ |
yavakṣīraṃ tato dadyācchālyannaṃ madhunā yutam || 3-37 ||
Bananenblüten und Shala-Fisch opfere man sorgfältig ins Feuer. Dann gebe man Gerstenmilch und mit Honig vermischten gekochten Reis.
3.38 nārikelaphalaṃ dadyāt svarṇādyābharaṇaṃ tathā |
gobhūhiraṇyavastrādyaistoṣayed gurumātmanaḥ || 3-38 ||
Man gebe Kokosnuss und goldenen oder anderen Schmuck. Mit Kühen, Land, Gold, Gewändern und anderem stelle man den eigenen Guru zufrieden.
3.39 dakṣiṇā ca viśeṣeṇa dātavyeti maheśvari |
gurave dakṣiṇāṃ dadyāt pratyakṣāya śivātmane || 3-39 ||
Insbesondere ist die Lehrergabe zu geben, große Herrin. Dem Guru als der sichtbaren Verkörperung Shivas bringe man die Gabe dar.
3.40 na cet saṃcāriṇī śaktiḥ kathamasya bhaviṣyati |
sarvasvaṃ dakṣiṇāṃ dadyād dhenuṃ dadyāt payasvinīm || 3-40 ||
Wie sollte sonst die übertragende Shakti für den Schüler wirksam werden? Man gebe seinen gesamten Besitz als Lehrergabe und schenke eine milchgebende Kuh.
3.41 yadā dadāti saṃtuṣṭaḥ prasannavadano manum |
āsanaṃ gurave dadyādraktakambalasaṃyutam || 3-41 ||
Wenn der Guru zufrieden und mit heiterem Antlitz den Mantra übermittelt, gebe man ihm einen Sitz mit einer roten Wolldecke.
3.42 hārādyābharaṇaṃ dadyād gāṃ ca dadyāt payasvinīm |
bhūmiṃ vṛttikarīṃ dadyāt putrapautrānu(ṣā?yā)yinīm || 3-42 ||
Man gebe Ketten und weiteren Schmuck, eine milchgebende Kuh und Land, das seinen Lebensunterhalt sichert und auf Söhne und Enkel übergehen kann.
3.43 gurave dakṣiṇāṃ dadyāt suvarṇaṃ vāsasā yutam |
gurusaṃtoṣamātreṇa siddhirbhavati śāśvatī || 3-43 ||
Dem Guru gebe man Gold zusammen mit Gewändern als Lehrergabe. Allein durch die Zufriedenheit des Gurus entsteht dauerhafte Vollendung.
3.44 anyathā naiva siddhiḥ syādabhicārāya kalpate |
viprebhyo bhojanaṃ dadyād bahumānapuraḥsaram || 3-44 ||
Andernfalls entsteht keine Vollendung, und das Unternehmen wird zu einer schädigenden Handlung. Den Brahmanen gebe man mit großer Ehrerbietung zu essen.
3.45 suvāsinīṃ kumārīṃ ca bhojayenmiṣṭabhojanaiḥ |
tasya cchāyānusārī syānnikaṭe tridinaṃ vaset || 3-45 ||
Verheiratete Frauen und Jungfrauen bewirte man mit wohlschmeckenden Speisen. Man folge dem Guru wie sein Schatten und bleibe drei Tage in seiner Nähe.
3.46 paścāt saṃcāriṇī śaktirgurumeti na saṃśayaḥ |
guroḥ parataraṃ nāsti trailokye ca viśeṣataḥ || 3-46 ||
Danach kehrt die übertragende Shakti zum Guru zurück, daran besteht kein Zweifel. Nichts steht höher als der Guru, insbesondere in den drei Welten.
3.47 guruṇā parameśāni devataikyaṃ vibhāvayet |
mahādevo guruḥ sākṣācchriguruḥ sarvadevatāḥ || 3-47 ||
Man vergegenwärtige sich die Einheit der Gottheit mit dem Guru, höchste Herrin. Der Guru ist unmittelbar Mahadeva; der ehrwürdige Guru ist die Gesamtheit aller Gottheiten.
3.48 gurośca saṃnidhāne tu nānyadevaṃ prapūjayet |
saṃnidhau ca guruṃ caiva pūjayet parameśvari || 3-48 ||
In Gegenwart des Gurus verehre man keine andere Gottheit; in seiner Gegenwart verehre man vielmehr den Guru selbst, höchste Herrin.
3.49 gurupūjāphalaṃ devi yathāvat kathayāmi te |
gurupūjāvidhānaṃ ca kathayāmi varānane || 3-49 ||
Die Frucht der Guruverehrung will ich dir genau erklären, Göttin, und ebenso ihre Vorschrift, du Schönantlitzige.
3.50 ādau bhadrāsanaṃ dadyāt pādyaṃ dadyāttataḥ param |
arghyaṃ dadyād viśeṣeṇa tathā cācamanīyakam || 3-50 ||
Zunächst biete man einen ehrenvollen Sitz an, danach Wasser für die Füße, dann insbesondere das ehrerbietige Wasseropfer und Wasser zum Schlürfen.
3.51 dhūpaṃ ca guggulaṃ dadyād dīpaṃ dadyāt suśobhanam |
carvyaṃ coṣyaṃ tathā lehyaṃ peyaṃ dadyānmanoharam || 3-51 ||
Man gebe Räucherwerk und Guggulu-Harz, ein schönes Licht sowie erfreuliche Kau-, Saug- und Leckspeisen und Getränke.
3.52 nānāvidhaṃ phalaṃ dadyānnānārasasamanvitam |
bhakṣyaṃ bhojyaṃ viśeṣeṇa dadyāccaiva varānane || 3-52 ||
Man gebe vielfältige Früchte von verschiedenen Geschmacksrichtungen, besonders Zwischenmahlzeiten und vollwertige Speisen, du Schönantlitzige.
3.53 puṣpāṇāmañjaliṃ dadyāccandanena samanvitam |
śayyāṃ dadyānmaheśāni vicitrāṃ sarvamohinīm || 3-53 ||
Man bringe eine Handvoll Blüten mit Sandel dar und gebe ein schön geschmücktes, überaus ansprechendes Lager, große Herrin.
3.54 khaṭvāṃ dadyānmaheśāni vicitrāmbaradhāriṇīm |
pādasevāṃ guroḥ kuryādatiyatnena sundari || 3-54 ||
Man gebe ein Bett mit farbenprächtigen Decken, große Herrin, und verrichte mit besonderer Sorgfalt den Dienst an den Füßen des Gurus, du Schöne.
3.55 guruvad guruputreṣu guruvat tatsutādiṣu |
gurupatnīṃ viśeṣeṇa pūjayet sarvabhojanaiḥ || 3-55 ||
Die Söhne des Gurus und ihre Nachkommen behandle man wie den Guru. Besonders die Frau des Gurus ehre man mit allerlei Speisen.
3.56 gurupatnī ca yuvatī nābhivādyā ca pādayoḥ |
pūrṇaviṃśativarṣeṇa guṇadoṣau vijānatā |
ata eva maheśāni na kuryāt pādasevanam || 3-56 ||
Eine junge Frau des Gurus soll ein Mann, der zwanzig Jahre vollendet hat und Gut und Schlecht zu unterscheiden weiß, nicht durch Berühren ihrer Füße begrüßen. Deshalb soll er, große Herrin, bei ihr keinen Fußdienst verrichten.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (dīkṣāvidhinirūpaṇaṃ) tṛtīyaḥ paṭalaḥ || 3 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das dritte Kapitel: die Darlegung der Einweihungsordnung.
Kapitel 4: Vorbereitende Mantrapraxis

4.1 atha vakṣye maheśāni puraścaryāvidhiṃ śive |
akṛtvā tu puraścaryāṃ mantraṃ japati nityaśaḥ || 4-1 ||
Nun werde ich die Vorschrift der vorbereitenden Mantrapraxis erklären, große Herrin, Heilvolle. Wer ohne diese Vorbereitung täglich ein Mantra wiederholt —
4.2 kalpakoṭijapenāpi tasya siddhirna jāyate |
jīvahīno yathā dehī(haḥ) sarvakarmasu na kṣamaḥ || 4-2 ||
erlangt selbst durch Wiederholung während zehn Millionen Weltaltern keine Vollendung. Wie ein Körper ohne Leben zu keiner Handlung fähig ist —
4.3 puraścaraṇahīno'pi tathā mantraḥ prakīrtitaḥ |
japahomau tarpaṇaṃ cābhiṣeko dvijabhojanam || 4-3 ||
so wird auch ein Mantra ohne Purashcharana beschrieben. Mantrawiederholung, Feueropfer, sättigende Wasserspende, rituelle Begießung und Bewirtung der Zweimalgeborenen —
4.4 pañca kṛtyāni loke'smin puraścaraṇamucyate |
yadyatsaṃkhyaṃ vihīyeta tatsaṃkhyādviguṇaṃ japaḥ || 4-4 ||
diese fünf Verrichtungen werden in dieser Welt Purashcharana genannt. Welche Zahl an Ausführungen auch fehlt, das Doppelte dieser Zahl ist als Mantrawiederholung —
4.5 kāryo devi varārohe sarveṣāṃ ca vidhiḥ smṛtaḥ |
tadante mahatīṃ pūjāṃ kuryāt sādhakasattamaḥ || 4-5 ||
zu leisten, du schönhüftige Göttin; dies gilt als Regel für alle. Am Ende vollziehe der vortreffliche Übende eine große Verehrung.
4.6 apūrvāṃ ca kumārīṃ ca bhūṣaṇaiḥ paritoṣayet |
mantrāṇāṃ kīlakaṃ kuryānmantrārcanapuraskriyām || 4-6 ||
Eine zuvor noch nicht auf diese Weise verehrte Jungfrau erfreue man mit Schmuck. Man vollziehe das Kilaka der Mantras und die vorbereitende Mantraverehrung. [Die Funktion des Kilaka wird hier nur knapp genannt.]
4.7 ṛṣyādīnāṃ maheśāni nyāsaṃ kuryānmaheśvari |
śṛṇu vakṣyāmi deveśi kālītantramanoḥ kramam || 4-7 ||
Den Nyasa von Seher und weiteren Zuordnungen vollziehe man, große Herrin. Höre, Herrin der Götter, ich erkläre die Abfolge für das Mantra des Kali-Tantra.
4.8 binduḥ śrotraṃ nāda āsyaṃ kakāraṃ hṛdayaṃ tataḥ |
vahniṃ netraṃ kīlakaṃ tu dīrghākāraṃ priyaṃvade || 4-8 ||
Bindu ist das Ohr, Nada der Mund, der Laut »ka« das Herz, Feuer das Auge; das lange »ā« aber das Kilaka, du freundlich Sprechende.
4.9 tārakaṃ tārinītantre hṛdayaṃ viddhi pārvati |
hakāraṃ viddhi sarvatra śaktipakṣe sureśvari || 4-9 ||
Im Tarini-Tantra erkenne Taraka als das Herz, Parvati. Den Laut »ha« erkenne überall aufseiten der Shakti, Herrin der Götter.
4.10 evaṃ kṛtvā haviṣyāśī japellakṣamananyadhīḥ |
tataḥ prayogaṃ sarveṣāṃ vaśyādīnāṃ ca kārayet || 4-10 ||
Nachdem man so verfahren ist, esse man reine Opferspeise und wiederhole das Mantra hunderttausendmal mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Danach vollziehe man Anwendungen wie die Beeinflussung und die übrigen Riten.
4.11 svecchācāraparo mantrī puraścaraṇasiddhaye |
rahasyamālāmādhāya lakṣamekaṃ sadā japet || 4-11 ||
Der Mantrakundige, der dem freien rituellen Lebenswandel folgt, nehme zur Vollendung des Purashcharana eine geheime Gebetskette und rezitiere beständig bis zur Zahl von hunderttausend.
4.12 evaṃ kṛte maheśāni siddhamantro bhaviṣyati |
labhate śrīmatīṃ vāṇīṃ mantrasya lakṣajāpataḥ || 4-12 ||
So wird sein Mantra vollendet, große Herrin. Durch hunderttausend Wiederholungen erlangt er herrliche Sprachkraft.
4.13 bhāvānavahitānāṃ ca kṣudrāṇāṃ kṣudracetasām |
caturguṇo japaḥ proktaḥ siddhaye nānyathā bhavet || 4-13 ||
Für Menschen, die der inneren Haltung keine Aufmerksamkeit schenken, für Kleinmütige und Menschen engen Geistes wird zur Vollendung die vierfache Wiederholung gelehrt; anders gelingt es nicht.
4.14 mahācīnakramāśaktā brāhmaṇā api mohane |
caturguṇavidhānena kurvanti japamuttamam || 4-14 ||
Auch Brahmanen, die zur Mahachina-Praxis nicht fähig sind, vollziehen beim Verzauberungsritus die vortreffliche Mantrawiederholung nach der vierfachen Vorschrift.
4.15 jaḍo vā yadi mūkaḥ syād bhāvanāvaśatatparaḥ |
rahasyamārge niratāḥ sarve varṇā dvijātayaḥ || 4-15 ||
Auch wer stumpf oder stumm ist, soll sich ganz der Kraft der inneren Vergegenwärtigung widmen. Menschen aller Stände, die sich dem geheimen Weg zuwenden, gelten als Zweimalgeborene.
4.16 tadanuṣṭhānaviratāḥ sarve varṇāḥ pṛthak pṛthak |
viśeṣataḥ kaliyuge matprasādād bhaviṣyati || 4-16 ||
Alle Stände, jeweils für sich, die sich seiner Ausübung enthalten — besonders im Kali-Zeitalter wird dies durch meine Gnade geschehen. [Der Vers ist syntaktisch gestört; »viratāḥ«, »sich enthaltend«, passt nicht eindeutig zum vorausgehenden Zusammenhang.]
4.17 asmāt parataro nāsti siddhimantro gaṇeśvari |
naktaṃbhojī haviṣyānno japed vidyāṃ divā śuciḥ || 4-17 ||
Kein anderes Vollendungsmantra steht höher als dieses, Herrin der Scharen. Wer nur nachts reine Opferspeise isst, wiederhole tagsüber in Reinheit die Vidya.
4.18 tatkṛtvā siddhimāpnoti japecca manasā sthiram |
bhūmau śayīta tatkāle tyajecca yuvatīṃ divā || 4-18 ||
So erlangt man Vollendung; die Wiederholung soll im Geist beständig sein. Während dieser Zeit schlafe man auf dem Boden und meide tagsüber den Umgang mit einer jungen Frau.
4.19 prātarjapaṃ prakurvīta mukhaṃ śuddhyati tatparam |
haviṣyānnaṃ ca saṃbhujya brahmapuṣpaṃ hunedatha || 4-19 ||
Am Morgen vollziehe man Japa; dadurch wird der Mund gereinigt. Nachdem man reine Opferspeise gegessen hat, opfere man Brahma-Blüten ins Feuer.
4.20 japakāle maheśāni bhāryāṃ yatnena varjayet |
viṣṇukalpaṃ varjayet tu tulasīṃ ca vivarjayet || 4-20 ||
Während der Mantrawiederholung meide man sorgfältig den Umgang mit der eigenen Frau, große Herrin. Man lasse Vishnu-Rituale und Tulasi beiseite.
4.21 varjayenmālatīpuṣpamanyadevaprapūjanam |
hastaprakṣālanaṃ śaucamācāraṃ bhaktimāṃścaret || 4-21 ||
Malati-Blüten und die Verehrung anderer Gottheiten lasse man beiseite. Der Hingebungsvolle wahre Händewaschen, Reinlichkeit und den vorgeschriebenen Lebenswandel.
4.22 devīnāṃ ca tathā puṣpaṃ pṛthak pātre niyojayet |
ekībhāvaṃ hi kartavyaṃ yadīcchecchubhamātmanaḥ || 4-22 ||
Die Blüten für die Göttinnen lege man in getrennte Gefäße. Wer das eigene Heil wünscht, soll jedoch eine Haltung der Einheit entwickeln.
4.23 naivedyādi phalaistoyairjānīyādeva ekabhāk |
havirnānāvidhairgandhaiḥ pāyasairmodakādibhiḥ || 4-23 ||
Mit Speiseopfern, Früchten und Wasser erkenne man sich als Teilhaber am Einen [Bedeutung unsicher]; reine Opferspeise mit verschiedenen Düften, Milchspeisen, Modaka und anderem —
4.24 evaṃ krameṇa bhuñjīta dadhi kṣīraṃ tathaiva ca |
mālānāṃ ca maheśāni niyamaṃ śṛṇu bhairavi || 4-24 ||
esse man nach dieser Abfolge, ebenso Joghurt und Milch. Höre nun die Regeln für die Gebetsketten, große Herrin, Bhairavi.
4.25 akasmādīhitā siddhirmahāśaṅkhākhyamālayā |
pañcāśanmaṇibhirmālā nirmitā sarvakāmadā || 4-25 ||
Mit der »Mahashankha« genannten Gebetskette wird die erstrebte Vollendung unvermittelt erlangt. Aus fünfzig Perlen gefertigt erfüllt die Kette alle Wünsche.
4.26 yuddhe mṛtasya deveśi cāṇḍālasyāsthikena ca |
mastakasya viśeṣeṇa mahāśaṅkhaḥ prakīrtitaḥ || 4-26 ||
Die Knochen eines im Kampf gestorbenen Chandala, besonders seines Schädels, werden hier »Mahashankha« genannt, Herrin der Götter.
4.27 anayā mālayā devi tārāmantraḥ prasiddhyati |
tatsaṃskāraṃ varārohe śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 4-27 ||
Mit dieser Gebetskette gelangt das Tara-Mantra zur Vollendung. Höre nun mit gesammeltem Geist ihre Weihe, du Schönhüftige, Geliebte.
4.28 sūtreṇa grathitā mālā viprastrīsūtranirmitā |
paṭṭasutraiḥ kṛtā mālā jagadvaśyāya kalpate || 4-28 ||
Die Kette wird auf einen Faden gereiht, den eine Brahmanenfrau gefertigt hat. Eine mit Seidenfäden angefertigte Kette dient zur Beeinflussung der Welt.
4.29 svarṇasūtrakṛtā mālā sākṣādvaiśravaṇo bhavet |
mukhe mukhaṃ tu saṃyojya pucche pucchaṃ niyojayet || 4-29 ||
Wer eine Kette auf einem Goldfaden verwendet, wird unmittelbar wie Vaishravana. Man verbinde die Öffnungen miteinander, jeweils Vorderseite mit Vorderseite und Rückseite mit Rückseite.
4.30 gopucchasadṛśī mālā yadvā sarpākṛtirbhavet |
mātṛkāvarṇasaṃmiśrairgranthiṃ kuryād vidhānataḥ || 4-30 ||
Die Kette soll einem Kuhschwanz oder einer Schlange gleichen. Unter den Lauten der Matrika knüpfe man vorschriftsgemäß die Knoten.
4.31 tatsajātīyamekākṣaṃ merutvena prakalpayet |
evaṃ krameṇa grathitā mālā sarvatra śobhanā || 4-31 ||
Eine einzelne Perle desselben Materials bestimme man zum Meru. Eine nach dieser Abfolge gereihte Kette ist überall günstig.
4.32 evaṃ sā grathitā mālā mantrasiddhipradāyinī |
ekaikaṃ maṇimādāya brahmagranthiṃ vinirdiśet || 4-32 ||
Eine so gereihte Kette verleiht Mantravollendung. Bei jeder einzelnen Perle lege man einen Brahma-Knoten an.
4.33 anulomavilomena mātṛkāntargataṃ japet |
tena sarvaguṇopetā jāyate siddhibhāgiti || 4-33 ||
Man wiederhole das Mantra zwischen den Matrika-Lauten in vorwärts- und rückläufiger Ordnung. So wird die Kette mit allen guten Eigenschaften versehen und an Vollendung teilhaftig.
4.34 kullukāṃ ca tato natvā mālāpūjāṃ vidhāya ca |
gṛhṇīyād dakṣiṇenātha naca vāmena saṃspṛśet || 4-34 ||
Nachdem man die Kulluka verehrt und die Gebetskette angebetet hat, nehme man sie mit der rechten Hand; mit der linken berühre man sie nicht.
4.35 nābhitaśca śirodeśe kullukāṃ parikalpayet |
paṭṭasūtrakṛtā mālā devyāḥ prītikarī sadā || 4-35 ||
Von der Nabelregion bis zum Kopf vergegenwärtige man sich die Kulluka. Eine auf Seidenfaden gereihte Kette erfreut die Göttin stets.
4.36 abhāve cāpi śaṅkhasya sphāṭikyā mālayā japet |
mālāviśeṣaṃ deveśi bhairavi prāṇavallabhe || 4-36 ||
Wenn Mahashankha fehlt, rezitiere man mit einer Kristallkette. Von einer besonderen Kette höre nun, Herrin der Götter, Bhairavi, meinem Leben Geliebte —
4.37 yayā japtena deveśi siddho bhavati tatkṣaṇāt |
anayā sadṛśī vidyā trailokye nāsti sundari || 4-37 ||
mit der man durch Japa sogleich vollendet wird. Eine ihr vergleichbare Vidya gibt es in den drei Welten nicht, du Schöne.
4.38 kṛpayā parameśāni tava snehāt prakāśyate |
paramaṃ śṛṇu cārvaṅgi śṛṇu pārvati tattvataḥ || 4-38 ||
Aus Mitgefühl und Liebe zu dir wird sie offenbart, höchste Herrin. Höre das Höchste, du Wohlgestaltete; höre es wahrheitsgemäß, Parvati.
4.39 yena vijñānamātreṇa mantrāḥ sidhyanti tatkṣaṇāt |
anulomavilomena mantramā(ntavirbhe?trārṇabhe)dataḥ || 4-39 ||
Schon durch seine Kenntnis werden Mantras augenblicklich vollendet. In vorwärts- und rückläufiger Folge, entsprechend den einzelnen Mantralauten —
4.40 mantreṇāntaritān varṇān varṇenāntaritaṃ manum |
kuryānmantramayīṃ mālāṃ sarvamantrapradīpanīm || 4-40 ||
ordne man die Buchstaben mit dem Mantra dazwischen und den Mantra mit den Buchstaben dazwischen an. So bilde man eine aus Mantra bestehende Kette, die alle Mantras entzündet.
4.41 caramārṇaṃ merurūpaṃ na laṅghayecca sarvadā |
etatparaṃ rahasyaṃ ca mayoktaṃ te yaśasvini || 4-41 ||
Der letzte Buchstabe bildet den Meru, den man niemals überschreiten soll. Dieses höchste Geheimnis habe ich dir mitgeteilt, du Ruhmreiche.
4.42 tvayā guptataraṃ kāryaṃ nākhyeyaṃ yasya kasyacit |
śubhe kāle śubhe lagne śubharkṣe ca śubhe tithau || 4-42 ||
Du sollst es besonders geheim halten und nicht jedem Beliebigen mitteilen. Zu heilvoller Zeit, bei heilvollem Aszendenten, Mondhaus und Mondtag —
4.43 pratiṣṭhāṃ kārayedvidvān svayaṃ vā guruṇāpi vā |
aśvatthapatranavakaṃ padmākāreṇa pātayet || 4-43 ||
lasse der Kundige die Einsetzung vornehmen, entweder selbst oder durch den Guru. Neun Blätter des heiligen Feigenbaums lege man in Lotosform aus.
4.44 tatra saṃsthāpayenmantrī mātṛkāmantramuccaret |
vahniṃ saṃskṛtya deveśi hunet suragaṇārcite || 4-44 ||
Darauf lege der Mantrakundige die Kette und spreche das Matrika-Mantra. Nachdem er das Feuer geweiht hat, opfere er, du von den Götterscharen Verehrte.
4.45 hutaśeṣaṃ pratihutau pradadyād devatādhiyā |
tatra devīṃ samabhyarcya grahaṇe'pi ca pūjayet || 4-45 ||
Bei jeder Opfergabe gebe man den Rest der geopferten Substanz hinzu, in der Vorstellung der Gottheit. Dort verehre man die Göttin; auch beim Aufnehmen der Kette verehre man sie.
4.46 anulomavilomena mātṛkārṇena mantrayet |
meruṃ pretena saṃmantrya tāṃ nayed devatātmatām || 4-46 ||
Man weihe sie mit den Matrika-Lauten in vorwärts- und rückläufiger Folge. Den Meru weihe man mit Preta [verschlüsselte Bezeichnung unklar] und erhebe die Kette zur Wesensgleichheit mit der Gottheit.
4.47 evaṃ sarvaguṇopetā jāyate sarvasiddhaye |
smṛtisūtraṃ vītihotramāvṛttitritayaṃ tataḥ || 4-47 ||
So wird sie mit allen guten Eigenschaften versehen und dient jeder Vollendung. Es folgen Erinnerungsschnur, Feuer und dreifache Umwendung —
4.48 divāniśākarau proktau tasmāttejastrayī śubhā |
goptavyā hyaniśaṃ sūtre japamālepsitāptaye || 4-48 ||
Sonne und Mond werden genannt; daraus ergibt sich die heilvolle Dreiheit des Lichtes. Diese soll zur Erfüllung des Erstrebten in der Schnur der Gebetskette stets verborgen gehalten werden. [Die beiden Verse sind in ihrer technischen Zuordnung nicht sicher auflösbar.]
4.49 mātṛmeyapramāṇena bindunādakalātmikām |
uccaredanusaṃskṛtya kuṇḍalīyogataḥ priye || 4-49 ||
Als Einheit von Erkennendem, Erkanntem und Erkenntnismittel, bestehend aus Bindu, Nada und Kala, bringe man sie nach ihrer Weihe durch den Yoga der Kundalini zum Erklingen, Geliebte.
4.50 tenavidyā labhet siddhiṃ nātra kāryā vicāraṇā |
kaṇṭhadeśe sthitā mantrāḥ kevalā varṇarūpiṇaḥ || 4-50 ||
Dadurch erlangt die Vidya Vollendung; daran soll man nicht zweifeln. Solange Mantras nur im Bereich der Kehle bleiben, bestehen sie lediglich aus Lauten.
4.51 sauṣumṇādhvanyuccaritāḥ prabhutvaṃ prāpnuvanti hi |
īdṛśyā ca srajā yastu kurute japamuttamam || 4-51 ||
Werden sie auf dem Weg der Sushumna zum Erklingen gebracht, erlangen sie wirksame Macht. Wer mit einer solchen Kette die vortreffliche Mantrawiederholung ausführt —
4.52 apamṛtyukalibhyāṃ ca mucyate nātra saṃśayaḥ |
atha vakṣye maheśāni aṅgulīnāṃ ca nirṇayam || 4-52 ||
wird von vorzeitigem Tod und Zwietracht frei, daran besteht kein Zweifel. Nun erkläre ich dir die Zuordnung der Finger, große Herrin.
4.53 parvadvayamanāmāyāḥ parivartena vai kramāt |
parvatrayaṃ madhyamāyāstarjanyekaṃ samācaret || 4-53 ||
Man verwende nacheinander zwei Glieder des Ringfingers in umlaufender Folge, drei Glieder des Mittelfingers und ein Glied des Zeigefingers. [Die überlieferte Angabe ergibt keine vollständige übliche Zehnerzählung.]
4.54 śaktimālā samākhyātā sarvamantrapradīpanī |
vyagracittena yajjaptaṃ yajjaptaṃ merulaṅghane || 4-54 ||
Dies wird Shakti-Gebetskette genannt, die alle Mantras entzündet. Was mit zerstreutem Geist oder unter Überschreiten des Meru rezitiert wird —
4.55 tatsarvaṃ niṣphalaṃ yāti ityāhuḥ parameśvari |
parvadvayaṃ hi tarjanyā meruṃ tadviddhi pārvati || 4-55 ||
bleibt alles fruchtlos, so heißt es, höchste Herrin. Zwei Glieder des Zeigefingers erkenne hier als Meru, Parvati.
4.56 siddhaye sādhako japyānmeruṃ natvā punaḥ punaḥ |
tarjanyagraṃ tathā madhyaṃ yo japet so'pi pāpakṛt || 4-56 ||
Zur Vollendung rezitiere der Übende und verneige sich immer wieder vor dem Meru. Wer zum Zählen Spitze oder Mittelglied des Zeigefingers verwendet, handelt fehlerhaft.
4.57 nityaṃ japaṃ kare kuryānnatu kāmyaṃ kadācana |
kullukāṃ ca tato natvā mālāpūjāṃ vidhāya ca || 4-57 ||
Die tägliche Wiederholung kann man an der Hand zählen, niemals jedoch die wunscherfüllende. Nachdem man Kulluka verehrt und die Gebetskette angebetet hat —
4.58 śrīgu(ru?ro)ścara(ṇaṃ?ṇau)dhyātvā mālāyā mantramuccaret |
kullukāṃ ca na jānāti mahāmantraṃ japennaraḥ || 4-58 ||
meditiere man über die Füße des ehrwürdigen Gurus und spreche das Mantra der Gebetskette. Wer den großen Mantra wiederholt, ohne die Kulluka zu kennen —
4.59 pañcatvaṃ jāyatre tasya athavā vātulo bhavet [mūḍhakolakaḥ kha pāṭhaḥ |] |
tāriṇīcaṇḍikāyāśca mantraḥ kullukavarjitaḥ || 4-59 ||
wird der Aussage des Textes zufolge sterben oder wahnsinnig werden. Das Mantra von Tarini oder Chandika ohne Kulluka —
4.60 matimān yo dvijātīnāṃ nopādeyaḥ kathañcana |
kullukāṃ śirasi dhṛtvā sarvayajñaphalaṃ labhet || 4-60 ||
soll ein einsichtiger Zweimalgeborener keinesfalls übernehmen. Wer die Kulluka auf dem Kopf trägt, erlangt die Frucht sämtlicher Opfer.
4.61 nānyo vicāraḥ sarvatra virūpākṣasya saṃmataḥ |
kulluke varjite puṃsāṃ yadyanopasthitirbhavet || 4-61 ||
Keine andere Betrachtungsweise wird hierin von Virupaksha anerkannt. Wenn bei Menschen wegen des Fehlens der Kulluka keine Gegenwart zustande kommt —
4.62 mama pūjā sadā vyarthā mama yajñastathaiva ca |
tārāmantrasya jānīyāt tryakṣaraṃ mantramuttamam || 4-62 ||
bleiben meine Verehrung und mein Opfer immer vergeblich. Für das Tara-Mantra kenne man das vortreffliche dreisilbige Mantra.
4.63 na jānāti ca yo mūḍhaḥ kullukāṃ tāriṇīṃ japet |
yāvajjīvaṃ maheśāni na siddhyati kadācana || 4-63 ||
Ein Tor, der die Kulluka nicht kennt und dennoch Tarini rezitiert, erlangt sein ganzes Leben lang niemals Vollendung, große Herrin.
4.64 mahāmantraṃ parityajya pūjayed yastu tāriṇīm |
pañcatvaṃ jāyate tasya athavā vātulo bhavet || 4-64 ||
Wer den großen Mantra beiseitelässt und Tarini verehrt, stirbt der Aussage des Textes zufolge oder wird wahnsinnig.
4.65 kullukā nāma sā devī anubhāvasvarūpiṇī |
savāmakartrihastā ca caturbāhusamanvitā || 4-65 ||
Die Kulluka genannte Göttin ist Verkörperung unmittelbarer Erfahrung. Sie besitzt vier Arme und hält ein Krummmesser in der linken Hand. [Die Handzuordnung ist sprachlich unsicher.]
4.66 nīlotpalavapuḥ śyāmā sarvālaṅkārabhūṣitā |
likhet tat tryakṣaraṃ mantraṃ haridrācandanena vā || 4-66 ||
Sie ist dunkel, ihr Leib gleicht einem blauen Lotos, und sie ist mit allem Schmuck versehen. Das dreisilbige Mantra schreibe man mit Kurkuma oder Sandel auf.
4.67 yāvajjīvaṃ tu mantrārṇaṃ śikhāyāṃ dhārayet sadā |
mahatīvidyayā prāptaṃ japenmantraṃ trilakṣakam || 4-67 ||
Die Mantrabuchstaben trage man zeitlebens in der Haarsträhne. Den durch die große Vidya empfangenen Mantra wiederhole man dreihunderttausendmal.
4.68 lakṣamekaṃ japed vidyāṃ haviṣyāśī jitendriyaḥ |
u(ccha?cca)sthāneṣu deveśi tadāsanasya saṃsthitiḥ || 4-68 ||
Hunderttausendmal rezitiere man die Vidya, reine Opferspeise essend und die Sinne beherrschend. Der Sitz soll an erhöhten Orten stehen, Herrin der Götter.
4.69 pūrvoktaṃ pūjanaṃ kṛtvā viprārādhanatatparaḥ |
anantaraṃ daśāṃśena kramāddhomādikaṃ caret || 4-69 ||
Nachdem man die zuvor gelehrte Verehrung ausgeführt und sich der Ehrung der Brahmanen gewidmet hat, vollziehe man danach der Reihe nach Feueropfer und die übrigen Handlungen, jeweils mit einem Zehntel der vorausgehenden Zahl.
4.70 japānte pratyahaṃ mantrī homayet taddaśāṃśataḥ |
tarpaṇaṃ cābhiṣekaṃ ca tattaddaśāṃśato manoḥ || 4-70 ||
Nach der täglichen Mantrawiederholung opfere der Mantrakundige ein Zehntel ihrer Zahl ins Feuer; die Wasserspende und die Begießung vollziehe er wiederum mit jeweils einem Zehntel.
4.71 pratyahaṃ bhojayed viprān nyūnādhikyapraśāntaye |
athaivaṃ sarvasaṃpūrṇaṃ homādikamathācaret || 4-71 ||
Täglich bewirte man Brahmanen, um Mängel und Überschüsse auszugleichen. Oder man vollziehe Feueropfer und die übrigen Handlungen nach Abschluss des Ganzen.
4.72 rātrau baliḥ sama(dāya?rpyastu)sarvasiddhimabhīpsubhiḥ |
vinā dīpakamantreṇa agre śūnyaṃ na cārcayet || 4-72 ||
Wer alle Vollendungen erstrebt, bringe nachts das Bali dar. Ohne das entzündende Mantra verehre man nicht einen leeren Platz vor sich.
4.73 vinānayā mahādevi vinā rudhiravedanaiḥ |
trivarṇamayyā dīpanyā mantriṇī sā ca kathyate || 4-73 ||
Nicht ohne diese, große Göttin, und nicht ohne Blutdarbringungen: Sie wird als dreilautige entzündende Kraft und als Mantrini bezeichnet. [Der Satz ist elliptisch.]
4.74 mantrārthaṃ mantracaitanyaṃ yonimudrāṃ na vetti yaḥ |
śatkoṭijapenāpi kathaṃ siddhirvarānane || 4-74 ||
Wer die Bedeutung des Mantras, das Bewusstsein des Mantras und die Yoni-Mudra nicht kennt: Wie könnte der selbst durch hundert Millionen Wiederholungen Vollendung erlangen, du Schönantlitzige?
4.75 guptajīvāśca ye mantrā na dāsyanti phalaṃ priye |
mantrāścaitanyasahitāḥ sarvasiddhikarāḥ sadā || 4-75 ||
Mantras, deren Leben verborgen bleibt, werden keine Frucht schenken, Geliebte. Mantras, die von Bewusstsein erfüllt sind, bewirken stets alle Vollendungen.
4.76 mantroccāre kṛte yādṛk svarūpapratha(maṃ?naṃ)bhavet |
śate sahasre lakṣe vā koṭijāpe na tatphalam || 4-76 ||
Welche Offenbarung des eigenen Wesens beim lebendigen Aussprechen des Mantras geschieht, diese Frucht entsteht nicht durch bloß hundert, tausend, hunderttausend oder zehn Millionen Wiederholungen.
4.77 hṛdaye granthibhedaśca sarvāvayavabhedanam |
ānandāśrūṇi pulako dehāveśaḥ kuleśvari || 4-77 ||
Der Knoten im Herzen wird durchbrochen, alle Glieder werden durchdrungen; Freudentränen, aufgerichtete Härchen und Ergriffenheit des Körpers entstehen, Herrin des Kula.
4.78 gadgadoktiśca sahasā jāyate nātra saṃśayaḥ |
sakṛduccārite caivaṃ mantre caitanyasaṃyute || 4-78 ||
Unvermittelt stockt die Stimme, daran besteht kein Zweifel. Wenn ein mit Bewusstsein erfülltes Mantra auf diese Weise auch nur einmal ausgesprochen wird —
4.79 dṛśyate ca mahādevi pāraṃparyaṃ taducyate |
evaṃ japaṃ yathā kṛtvā daśāṃśamasitotpalaiḥ || 4-79 ||
wird dies sichtbar, große Göttin; das wird lebendige Überlieferung genannt. Nachdem man so Japa vollzogen hat, opfere man ein Zehntel seiner Zahl mit dunklen Lotosblüten —
4.80 ājyāktairjuhuyānmantrī taddaśāṃśena tarpaṇam |
kālāgurudravopetairvimalairgandhavāribhiḥ || 4-80 ||
die mit Ghee benetzt sind. Ein Zehntel davon bringe man als Wasserspende dar, mit reinem Duftwasser, dem schwarzes Adlerholz zugesetzt ist.
4.81 tarpa(yet) tāṃ parāṃ devīṃ tatprakāramihocyate |
jale cāvāhya vidhivat pādyādyairudakātmakaiḥ || 4-81 ||
So sättige man die höchste Göttin; die Weise wird hier erklärt: Man rufe sie vorschriftsgemäß ins Wasser und verehre sie mit Fußwasser und den anderen aus Wasser bestehenden Gaben.
4.82 saṃpūjya vidhivad devīṃ parivārān sakṛtsakṛt |
saṃtarpya vidhivadbhaktyā daśāṃśaṃ tarpayet tataḥ || 4-82 ||
Nach der vorgeschriebenen Verehrung der Göttin und der je einmaligen hingebungsvollen Wasserspende an ihr Gefolge bringe man ihr die Wasserspenden in der Zahl eines Zehntels dar.
4.83 punarakaikaṃ saṃtarpya parivārāṃstathā punaḥ |
tāriṇīmabhiṣiñcāmi namo mūrdhni viniḥkṣipet || 4-83 ||
Erneut sättige man jedes Mitglied des Gefolges einzeln. Mit »tāriṇīm abhiṣiñcāmi namaḥ« gieße man Wasser über den Scheitel.
4.84 abhiṣeko'yamākhyātaḥ sarvapāpanikṛntanaḥ |
abhiṣekadaśāṃśena sādhakānāṃ ca bhojanam || 4-84 ||
Dies heißt Abhisheka, die Begießung, die alle Verfehlungen abschneidet. Ein Zehntel der Zahl der Begießungen bestimmt die Zahl der zu bewirtenden Übenden.
4.85 suvāsinīṃ kumārīṃ ca bhojayet tadanantaram |
kṣīrakhaṇḍājyabhojyaiśca mantrasiddhirbhaved dhruvam || 4-85 ||
Anschließend bewirte man verheiratete Frauen und Jungfrauen mit Milch, Zucker, Ghee und Speisen. So wird Mantravollendung gewiss erreicht.
4.86 gurave dakṣiṇāṃ dadyād bahumānapuraḥsaram |
homatarpaṇayoḥ svāhā nyāsapūjanayornamaḥ || 4-86 ||
Dem Guru gebe man mit großer Ehrerbietung die Lehrergabe. Beim Feueropfer und bei der Wasserspende verwendet man »svāhā«, bei Nyasa und Verehrung »namaḥ«.
4.87 mantrānte nāma coccārya tarpayāmi tataḥ param |
svāhānte tarpaṇaṃ tvevamabhiṣekaṃ śṛṇuṣva me || 4-87 ||
Nach dem Mantra spreche man den Namen, danach »tarpayāmi« und als Abschluss »svāhā«: So geschieht die Wasserspende. Höre nun von der Begießung.
4.88 mantrānte nāma coccārya siñcāmīti padaṃ tataḥ |
taddaśāṃśaṃ brāhmaṇānāṃ bhojanaṃ ca samācaret || 4-88 ||
Nach dem Mantra spreche man den Namen, dann das Wort »siñcāmi«. Mit einem Zehntel dieser Zahl vollziehe man die Bewirtung der Brahmanen.
4.89 ityevaṃ siddhamantraḥ san sarvān kāmāṃśca sādhayet |
bilvapatraṃ maheśāni daśāṃśaṃ juhuyāt tataḥ || 4-89 ||
Wer so den Mantra vollendet hat, kann alle Wünsche verwirklichen. Mit Bilva-Blättern, große Herrin, opfere man danach die entsprechende Zehntelzahl.
4.90 atha caivaṃ tilājyena homayed vātha sundari |
sarvasvaṃ gurave dadyāt tadardhaṃ vā tadardhataḥ || 4-90 ||
Oder man opfere ebenso mit Sesam und Ghee, du Schöne. Dem Guru gebe man seinen gesamten Besitz, dessen Hälfte oder die Hälfte davon.
4.91 ajñātvā kullukāṃ devīmajaptvā gurupādukām |
na dattvā dakṣiṇāṃ samyagakṛtvā cakrapūjanam || 4-91 ||
Ohne die Göttin Kulluka zu kennen, ohne das Guru-Paduka-Mantra zu rezitieren, ohne eine angemessene Lehrergabe und ohne die Verehrung des Kreises —
4.92 yo'smiṃstantre pravarteta tatsvaṃ pīḍayate dhruvam |
śrīdevyuvāca |
kathitaṃ parameśāna paradāravidhau mayi |
na pāpaṃ jāyate subhru paradāravidhau mama || 4-92 ||
wer so in diesem Tantra tätig wird, schädigt gewiss sich selbst. Die ehrwürdige Göttin sprach: Höchster Herr, mir wurde hinsichtlich des Ritus mit der Frau eines anderen erklärt: »Dabei entsteht in meinem Ritus keine Verfehlung, du Schönbrauige.«
4.93 parasya dārān saṃspṛsya japyate yadi sādhakaiḥ |
tadaiva mahatī siddhirnātra kāryā vicāraṇā || 4-93 ||
Wenn Übende unter Berührung der Frau eines anderen Japa vollziehen, entsteht gerade dadurch große Vollendung; daran soll man nicht zweifeln.
4.94 kālīkalpaprakāśe ca kathitaṃ yanmaheśvara |
atraiva samyagākhyānaṃ kuruṣva hṛdayapriya || 4-94 ||
Was du bei der Offenbarung des Kali-Rituals erklärt hast, Maheshvara, erläutere hier genau, du meinem Herzen Geliebter!
4.95 śrībhairava uvāca |
śṛṇu devi mahābhāge āpaduddhārakāriṇi |
akathyaṃ yanmahādevi tava snehāt prakāśyate || 4-95 ||
Shri Bhairava sprach: Höre, hochbegnadete Göttin, die du aus Not errettest! Was nicht ausgesprochen werden soll, wird aus Liebe zu dir offenbart, große Göttin.
4.96 paradāravidhau vedanindāvādaḥ pravartate |
tāsāṃ saṅgānmaheśāni tāmisraṃ narakaṃ bhavet || 4-96 ||
Beim Ritus mit der Frau eines anderen erhebt sich der Einwand der Verurteilung durch den Veda. Durch Umgang mit solchen Frauen gelange man in die Tamisra-Hölle, große Herrin.
4.97 vedārthamiti vijñāya kathaṃ kuryācca sādhakaḥ |
paradārān naiva gacched, gacchañjapecceti vedaḥ || 4-97 ||
Wie sollte ein Übender so handeln, wenn er dies als Sinn des Veda erkannt hat? »Man gehe nicht zur Frau eines anderen« und »man rezitiere, während man zu ihr geht« — so werden hier vedische Aussagen angeführt.
4.98 śrutidvayavirodhitvādgaccheran parayoṣitaḥ |
tasmācchṛṇu varārohe vedārthaṃ kathayāmi te || 4-98 ||
Wegen des Widerspruchs zwischen beiden Offenbarungsaussagen könnte man sich den Frauen anderer zuwenden. Deshalb höre, du Schönhüftige: Ich erkläre dir den Sinn des Veda.
4.99 śrīdevyuvāca |
ko vedaḥ kuta āyāti ko vā tasya prakāśakaḥ |
kaḥ kartā tasya vedasya tatsarvaṃ kathayasva me || 4-99 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Was ist der Veda, woher kommt er, und wer offenbart ihn? Wer ist sein Urheber? Erkläre mir dies alles!
4.100 śrībhairava uvāca |
eko vedaścaturdhābhūd yajuḥsāma-ṛgādayaḥ |
vedo brahmeti sākṣādvai jāne'haṃ naganandini || 4-100 ||
Shri Bhairava sprach: Der eine Veda wurde vierfach, als Yajur, Sama, Rig und die übrige Form. Ich erkenne den Veda unmittelbar als Brahman, Tochter des Berges.
4.101 svayaṃ pravartate vedastatkartā nāsti sundari |
svayaṃbhūrīśo bhagavān vedo gītasta(yā?thā)purā || 4-101 ||
Der Veda besteht aus sich selbst; einen Urheber hat er nicht, du Schöne. Als selbstentstandener, erhabener Herr wurde der Veda schon früher besungen.
4.102 śivādyā ṛṣiparyantāḥ smartāro'sya na kārakāḥ |
prakāśakā bhavantyete kṛṣṇādyāstridivaukasaḥ || 4-102 ||
Von Shiva bis zu den Rishis sind sie seine Erinnerer, seine Überlieferer, nicht seine Schöpfer. Krishna und die übrigen Himmelsbewohner offenbaren ihn.
4.103 vaidikapratipādyaśca artho dharmaḥ prakīrtitaḥ |
viparītaṃ maheśāni adharmo bhavati priye || 4-103 ||
Der vom Veda gelehrte Gegenstand wird Dharma genannt. Das Gegenteil davon, große Herrin, ist Adharma, Geliebte.
4.104 paradārāgamaṃ vade tanniṣiddhaṃ sureśvari |
yaddhi vaidhetaraṃ devi tanniṣiddhaṃ maheśvari || 4-104 ||
Der Verkehr mit der Frau eines anderen wird als verboten bezeichnet, Herrin der Götter. Was außerhalb des Gebotenen liegt, Göttin, ist verboten, große Herrin.
4.105 parastriyaṃ maheśāni manasā bhāvayañjapet |
tadaiva sarvasiddhiḥ syānnātra kāryā vicāraṇā || 4-105 ||
Man soll sich die Frau eines anderen im Geist vorstellen und dabei Japa vollziehen, große Herrin. Eben dadurch entsteht alle Vollendung; daran soll man nicht zweifeln.
4.106 iti siddhantavidbhiśca jñeyaṃ tantropadeśikam |
mahācīnadrumalatāveṣṭanena ca yatphalam || 4-106 ||
So ist die tantrische Unterweisung von den Kennern der Lehre zu verstehen. Die Frucht, die aus der Mahachina-Umschlingung von Baum und Ranke entsteht —
4.107 tatphalaṃ nāsti deveśi trailokye suravandite |
yasmin mantre ya ācārastatra dharmastu tādṛśaḥ || 4-107 ||
findet ihresgleichen in den drei Welten nicht, Herrin der Götter, du von den Göttern Verehrte. Welcher Ritus zu einem Mantra gehört, diesem entsprechend ist dort der Dharma.
4.108 kṛtārthastena jāyeta svargo vā mokṣa eva ca |
bhrāntiratra na kartavyā siddhirbhavati niścitam || 4-108 ||
Dadurch gelangt man ans Ziel, in den Himmel oder zur Befreiung. Hier soll keine Verwirrung entstehen; Vollendung tritt gewiss ein.
4.109 tasmādanena deveśi pāpaṃ nāsti maheśvari |
tasmāt kuryāt sādhakendraḥ paradārāgamaṃ śubhe || 4-109 ||
Deshalb liegt hierin keine Verfehlung, Herrin der Götter, große Herrin. Daher soll der vorzügliche Übende den Umgang mit der Frau eines anderen vollziehen, Heilvolle. [Die Spannung zur ausdrücklichen geistigen Auslegung in 4.105 bleibt im Wortlaut bestehen.]
4.110 athānyat saṃpravakṣyāmi mantrasiddheśca lakṣaṇam |
mātṛkāpuṭitaṃ kṛtvā svamantraṃ prajapet sudhīḥ || 4-110 ||
Nun werde ich ein weiteres Kennzeichen der Mantravollendung erklären. Der Einsichtige wiederhole sein eigenes Mantra, indem er es mit der Matrika umschließt.
4.111 kramotkramācchatāvṛttyā tadante kevalaṃ manum |
evaṃ tu pratyahaṃ japyād yāvallakṣaṃ samāpyate || 4-111 ||
Hundertmal in vorwärts- und rückläufiger Ordnung und danach das Mantra allein: So rezitiere man täglich, bis hunderttausend Wiederholungen vollendet sind.
4.112 niścitaṃ mantrasiddhiḥ syādityuktaṃ tantravedibhiḥ |
puraścaryāśatenāpi prayogavidhinā tathā || 4-112 ||
Dann tritt Mantravollendung gewiss ein, so erklären die Tantra-Kundigen. Selbst durch hundert vorbereitende Mantrazyklen, durch die vorgeschriebene Anwendung —
4.113 kalpakoṭijapenāpi pūjāyāḥ śatakena ca |
na siddhirjāyate subhru! yadi bhāvo na jāyate || 4-113 ||
durch Rezitation während zehn Millionen Weltaltern und durch hundert Verehrungen entsteht jedoch keine Vollendung, du Schönbrauige, wenn die innere Haltung nicht erwacht.
iti śrībṛhannilatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (puraścaryāvidhinirūpaṇaṃ) caturthaḥ paṭalaḥ || 4 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das vierte Kapitel: die Darlegung der vorbereitenden Mantrapraxis.
Kapitel 5: Anlassbezogene Verehrung und heilige Sitze
5.1 śrībhairava uvāca |
nityārcanarato mantrī kuryānnaimittikārcanam |
naimittikārcane siddhiḥ kuryāt kāmyamakhaṇḍitam || 5-1 ||
Shri Bhairava sprach: Der Mantrakundige, der sich der täglichen Verehrung widmet, vollziehe auch anlassbezogene Verehrung. Ist diese vollendet, führe er die wunscherfüllende Verehrung ohne Unterbrechung aus.
5.2 māsārdhamathavā māsaṃ dviguṇaṃ triguṇaṃ tathā |
yāvatphalāptibhāg [ptavān kha pāṭhaḥ |] yogī tāvadevaṃ samācaret || 5-2 ||
Einen halben Monat, einen Monat, die doppelte oder dreifache Zeit verfahre der Yogi so, bis er die Frucht erlangt.
5.3 naimittike ca kāmye ca phalāptirmaṇḍalāvadhiḥ |
nacet tu dviguṇīkṛtya yathā syāt phalabhāk sudhīḥ || 5-3 ||
Bei anlassbezogenen und wunscherfüllenden Riten soll sich die Frucht innerhalb eines Mandala-Zyklus einstellen. Andernfalls verdopple der Einsichtige die Dauer, bis er die Frucht erlangt.
5.4 aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ pūjayecca prayatnataḥ |
yadyat prārthayate mantrī tat tadāpnoti nityaśaḥ || 5-4 ||
Am achten und vierzehnten Mondtag verehre man besonders sorgfältig. Was immer der Mantrakundige erbittet, das erlangt er beständig.
5.5 labhate mañjulāṃ vāṇīmaṣṭamyāṃ ca tato japet |
madhyāhnasamaye devyāḥ pūjanaṃ siddhidāyakam || 5-5 ||
Er gewinnt liebliche Rede; am achten Mondtag rezitiere er. Die Verehrung der Göttin zur Mittagszeit verleiht Vollendung.
5.6 prātaḥkāle mahādevi pūjā kāryā vidhānataḥ |
sāyāhne ca mahādevi pūjā ca śasyate budhaiḥ || 5-6 ||
Morgens vollziehe man die Verehrung vorschriftsgemäß, große Göttin; auch abends empfehlen die Weisen ihre Verehrung.
5.7 aṣṭamyāṃ pūjanaṃ devyāḥ sarvakāmaphalapradam |
rambhāpuṣpaṃ bījapūraṃ sugandhiparimiśritam || 5-7 ||
Die Verehrung der Göttin am achten Mondtag erfüllt alle Wünsche. Bananenblüten und Zitronatzitrone, mit Wohlgerüchen vermischt —
5.8 miśrīkṛtya baliṃ dadyādaṣṭamyāṃ ca viśeṣataḥ |
svarṇamālāṃ mahādevyai dadyād gandhairviśeṣataḥ || 5-8 ||
bringe man besonders am achten Mondtag als Bali dar. Der großen Göttin schenke man eine goldene Girlande, insbesondere zusammen mit Duftstoffen.
5.9 phalaṃ kṣīraṃ tathā dadyādadhikaṃ śarkarānvitam |
tasmāt sarvaprayatnena saṃpattyai pūjayecchivām || 5-9 ||
Man gebe Früchte und reichlich Milch mit Zucker. Deshalb verehre man die Heilvolle mit aller Sorgfalt, um Fülle zu erlangen.
5.10 sūkṣmataṇḍulasiddhārthān devyai dadyāt prayatnataḥ |
aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ pūjayecca yathovidhi || 5-10 ||
Feinen Reis und weißen Senf bringe man der Göttin sorgfältig dar. Am achten und vierzehnten Mondtag verehre man sie nach der Vorschrift.
5.11 ājñāsiddhimavāpnoti ja(vā?pā)puṣpaṃ ca varvarām |
candanaṃ cārkakusumaṃ dadyāt śvetāparājitām || 5-11 ||
So erlangt man die Wirksamkeit des eigenen Gebots. Man gebe Hibiskus, Varvara, Sandel, Arka-Blüten und weiße Aparajita.
5.12 arghyaṃ dadyādviśeṣeṇa nityapūjā(ca?su) sarvadā |
aṣṭottaraśataṃ japyaṃ yāvajjīvitasaṃkhyayā || 5-12 ||
Insbesondere bringe man bei der täglichen Verehrung stets Arghya dar. Zeitlebens sind 108 Wiederholungen zu vollziehen.
5.13 yastu saṃpūjayed durgāṃ mahāṣṭamyāṃ prayatnataḥ |
sa trijanmārjitaṃ pāpaṃ tatkṣaṇādeva nāśayet || 5-13 ||
Wer Durga am großen achten Mondtag sorgfältig verehrt, vernichtet augenblicklich die in drei Geburten angesammelten Verfehlungen.
5.14 ye japanti mahāmāyāṃ jñātvā tattvena bhairavam |
madhunā pāyasaṃ caiva kṣīramājyaṃ ca śarkarām || 5-14 ||
Wer Bhairava seinem Wesen nach erkannt hat und Mahamaya rezitiert, bringe mit Honig Milchspeise, Milch, Ghee und Zucker dar.
5.15 baliṃ dadyācca godhāṃ vai cāsavaṃ ca praśasyate |
atrāsavamavaśyaṃ ca brāhmaṇastu viśeṣataḥ || 5-15 ||
Als Bali gebe man einen Waran; auch gegorenes Getränk wird empfohlen. Hier ist Asava unerlässlich, besonders für den Brahmanen —
5.16 āsavaṃ ca maheśāni śṛṇuṣvaikamanāḥ priye |
śrībhairavyuvāca |
bhagavan sarvadharmajña sarvaśāstrāgamādiṣu |
kena rūpeṇa deveśa dadyād vipro'tha cāsavam || 5-16 ||
von diesem Asava höre gesammelt, große Herrin, Geliebte. Shri Bhairavi sprach: Erhabener Kenner allen Dharmas in sämtlichen Lehrwerken und Agamas, in welcher Form soll ein Brahmane Asava darbringen, Herr der Götter?
5.17 viśeṣaṃ kathayasvāgre sārāt sārataraṃ yataḥ |
kaitavaṃ ca parityajya yadi sneho'sti māṃ prati || 5-17 ||
Erkläre zunächst die Besonderheit, die Essenz der Essenzen. Lass jede Verstellung beiseite, wenn du mich liebst.
5.18 kena peyamāsavaṃ ca kenāpeyaṃ vadasva me |
apeyaṃ tanmahābāho peyaṃ vā tadvadasva me || 5-18 ||
Wer darf Asava trinken, wer darf es nicht? Sage mir, Starkarmiger: Ist es verboten oder erlaubt?
5.19 yasmānme parameśāna dūrībhavati saṃśa(va?yaḥ) |
koṭīnāṃ tisṛṇāṃ devi tantrāṇāṃ sāramuttamam || 5-19 ||
Damit mein Zweifel schwindet, höchster Herr! [Die Antwort setzt ein:] Die höchste Essenz von dreißig Millionen Tantras, Göttin —
5.20 tasmādatra prakathyaṃ te satyaṃ suragaṇārcite |
śrībhairava uvāca |
śṛṇu devi mahābhāge sarvaśāstrārthagāmini |
jijñāsitaṃ paraṃ tattvaṃ tanme nigaditaṃ śṛṇu || 5-20 ||
soll dir hier wahrhaftig erklärt werden, du von den Götterscharen Verehrte. Shri Bhairava sprach: Höre, hochbegnadete Göttin, die du den Sinn aller Lehrwerke durchdringst! Höre von mir die erfragte höchste Wahrheit.
5.21 madyamadeyamapeyamanirgrāhyaṃ ceti, jape deyaṃ ceti |
surā vai malaṃ sattvānāṃ pāpmā tu malamucyate |
tasmād brahmaṇarājanyau vaiśyaśca na surāṃ pibet || 5-21 ||
[Unnummerierte Vorbemerkung:] »Alkohol darf weder gegeben noch getrunken noch angenommen werden«; andererseits: »Bei Japa soll er gegeben werden.« Spirituosen gelten als Unreinheit der Wesen, und Verfehlung wird Unreinheit genannt. Deshalb sollen Brahmanen, Kshatriyas und Vaishyas keine Spirituosen trinken.
5.22 asyāṃ śṛṇu varārohe surāṃ suragaṇārcitām |
gauḍī paiṣṭī tathā mādhvī vijñeyā trividhā surā || 5-22 ||
Höre hierzu, Schönhüftige, von dem durch die Götterscharen verehrten Getränk. Surā ist dreifach zu verstehen: aus Rohrzucker, aus Mehl und aus Honig.
5.23 pātavyā hi mahābhāge na tu kaiścit dvijottamaiḥ |
panasaṃ drākṣamādhūkaṃ khārjūraṃ tālamaikṣavam || 5-23 ||
Es ist trinkbar, Hochbegnadete, jedoch nicht für gewisse hervorragende Zweimalgeborene. Getränke aus Jackfrucht, Trauben, Madhuka, Datteln, Palmsaft und Zuckerrohr —
5.24 mākṣikaṃ tālamā(dhvi?dhvī)kaṃ maireyaṃ nārikelajam |
samānyeva vijānīyānmadyā(nne?nye)kādaśaiva tu || 5-24 ||
aus Honig, Tala-Madhvika, Maireya und Kokosnuss sind als gleichartig zu erkennen: elf alkoholische Getränke. [Die überlieferte Aufzählung und ihre Gliederung ergeben nicht eindeutig elf Arten.]
5.25 surāpānavidhau devi nindā keṣāṃ ca saṃmatā |
viśeṣaṃ śṛṇu deveśi tava snehāt prakāśyate || 5-25 ||
Wessen Trinken in der Vorschrift verurteilt wird, Göttin, höre nun genauer. Aus Liebe zu dir wird die Besonderheit erklärt.
5.26 tanniṣiddhā mahādevi yā ca vaidhetarā bhavet |
amantritasurāpāne prāyaści(to?ttaṃ) vidhīyate || 5-26 ||
Verboten ist dasjenige, große Göttin, das außerhalb des vorgeschriebenen Ritus liegt. Für das Trinken ungeweihten Alkohols wird eine Sühne festgelegt.
5.27 śṛṇu devi mahābhāge purāvṛttaṃ manoharam |
śukro daityaguruḥ pū(rve?rvaṃ) siddhyarthaṃ kṛtavāñjapam || 5-27 ||
Höre eine alte, eindrucksvolle Erzählung, hochbegnadete Göttin. Shukra, der Lehrer der Daityas, übte einst Japa, um Vollendung zu erlangen.
5.28 kalpakoṭijapenāpi nāsiddhyata kadācana |
pītvāsavaṃ mahādevi pratyahaṃ japatatparaḥ || 5-28 ||
Selbst durch Wiederholung während zehn Millionen Weltaltern erreichte er sie nicht. Er trank Asava und widmete sich täglich der Wiederholung, große Göttin.
5.29 cittonmādaṃ tadā tasya jātaṃ paramakautukam |
japabhraṣṭo'bhavattatra sasmāra vanitāṃ śubhām || 5-29 ||
Da entstand in ihm eine heftige, wunderliche Berauschtheit. Er fiel aus seiner Mantrapraxis und dachte an eine schöne Frau.
5.30 tathorvaśī ca svarveśyā tatra gatvā manoramam |
vākyaṃ sarvarasasvādu kathayitvā suśobhane! || 5-30 ||
Urvashi, die himmlische Kurtisane, kam dorthin und sprach liebliche Worte, süß von allen Empfindungen, du Schöne.
5.31 śukreṇa sārdhaṃ deveśi ramayāmāsa corvaśī |
śukrotpattiśca jāyeta jñānaṃ ya(ja)jñe tataḥ param || 5-31 ||
Urvashi vereinigte sich mit Shukra, Herrin der Götter. Es kam zum Samenerguss; danach kehrte die Einsicht zurück.
5.32 tattvaṃ jñātvā tataḥ śukraḥ śaśāpāsavamuttamam |
tena śāpena deveśi śaptaṃ cāsavamuttamam || 5-32 ||
Nachdem Shukra den Sachverhalt erkannt hatte, verfluchte er das vortreffliche Asava. Durch diesen Fluch war es verflucht, Herrin der Götter.
5.33 tataḥ pra(bhū?bhṛ)ti tad devi siddhaye na ca jāyate |
evaṃ krameṇa deveśi śatavarṣaṃ gataṃ priye || 5-33 ||
Von da an führte es nicht mehr zur Vollendung, Göttin. So vergingen hundert Jahre, Geliebte.
5.34 tataḥ sā ca bhagavatī kālī kālasvarūpiṇī |
uvāca sādaraṃ vākyaṃ kālī daityaguruṃ prati || 5-34 ||
Da richtete die erhabene Kali, deren Wesen die Zeit ist, ehrerbietige Worte an den Daityalehrer.
5.35 śṛṇu vatsa mahadvākyaṃ sāvadhā(nā?no)'vadhāraya |
kathaṃ śaptaṃ mahābhāga cāsavaṃ devadurlabham || 5-35 ||
Höre, mein Kind, dieses gewichtige Wort; achte aufmerksam darauf! Warum hast du das selbst für Götter schwer erlangbare Asava verflucht, Hochbegnadeter?
5.36 śrīśukra uvāca |
sarveśe sarvabhūteśe sarvabhūtasamāvṛte |
brahmeśaviṣṇunamite praṇamāmi sadā śive || 5-36 ||
Shri Shukra sprach: Herrin aller, Herrin aller Wesen, von allen Wesen umgeben, von Brahma, Shiva und Vishnu verehrt: Stets verneige ich mich vor dir, Heilvolle.
5.37 brahmaviṣṇuśivānāṃ ca prasūte karuṇāmayi |
jaḍānāṃ jñānade devi trāhi māṃ śaraṇāgatam || 5-37 ||
Mutter Brahmas, Vishnus und Shivas, Mitgefühlvolle, Göttin, die du den Unwissenden Erkenntnis schenkst: Beschütze mich, der ich Zuflucht suche!
5.38 tāriṇī tvaṃ mahādevi cātra pūrṇā yugāgame |
asmākaṃ jñānadātrī ca viṣṇumātarnamo'stu te || 5-38 ||
Du bist Tarini, große Göttin, hier bei Anbruch des Zeitalters die Erfüllte. Du schenkst uns Erkenntnis; Mutter Vishnus, dir sei Verehrung!
5.39 tvaṃ śrīstvaṃ (hi?caiva)sāvitrī satī ca tvaṃ sureśvari |
ādye bhavādye sarveśe viśvamātarnamo'stu te || 5-39 ||
Du bist Shri, du bist Savitri und Sati, Herrin der Götter. Ursprüngliche, Ursprung des Werdens, Allherrin, Weltenmutter, dir sei Verehrung!
5.40 śive śivātmike ghore sarvavidyānidhe śubhe |
prasannā bhava sarvajñe sarvamantraprakāśane || 5-40 ||
Heilvolle, deren Wesen Shiva ist, Furchtbare, Schatzkammer allen Wissens: Sei gnädig, Allwissende, Offenbarerin aller Mantras!
5.41 prasīda devi cāsmākaṃ sarvabhūtadayāmayi |
iti stavena saṃstuṣṭāṃ mahākālīṃ karālinīm || 5-41 ||
Sei uns gnädig, Göttin, deren Wesen Mitgefühl mit allen Geschöpfen ist! Nachdem er die furchtbare Mahakali so durch den Lobpreis erfreut hatte —
5.42 daṇḍavat praṇipatyādau punarāha garīyasīm |
āsavaṃ ca mayā śaptaṃ kāraṇaṃ śṛṇu bhairavi || 5-42 ||
warf er sich lang ausgestreckt nieder und sprach erneut zur höchst Ehrwürdigen: Ich habe Asava verflucht; höre den Grund, Bhairavi.
5.43 pītvāsavaṃ mahādevi na siddhirjāyate mama |
tasmācchaptaṃ maheśāni sarvaṃ nigaditaṃ śṛṇu || 5-43 ||
Nach dem Trinken von Asava erlangte ich keine Vollendung, große Göttin. Deshalb habe ich es verflucht. Höre, damit ist alles erklärt, große Herrin.
5.44 uvāca sā mahāsādhvī kālī kālasvarūpiṇī |
prahasantīva sā devī śukraṃ daityaguruṃ prati || 5-44 ||
Die höchst tugendhafte Kali, Verkörperung der Zeit, sprach gleichsam lachend zu Shukra, dem Daityalehrer:
5.45 amantritā surā vi(pro?pra!)pītā paramadurlabhā |
tenaiva hetunā siddhirna jātā tava sundara || 5-45 ||
Brahmane, du hast das schwer erlangbare Getränk ohne Mantraweihe getrunken. Gerade deshalb ist dir keine Vollendung zuteilgeworden, du Schöner.
5.46 amantritasurāpāne prāyaścittaṃ vidhīyate |
āyase bhājane bhadre svarṇe rūpye tathaiva ca || 5-46 ||
Für das Trinken ungeweihten Alkohols wird Sühne vorgeschrieben. In einem eisernen, goldenen oder silbernen Gefäß —
5.47 brāhmaṇo vedavāṃścaiva pibecca vāruṇīṃ śubhām |
taptāṃ surāṃ pibeccaiva nānyathā siddhimāpnuyāt || 5-47 ||
soll der vedakundige Brahmane das heilvolle Varuni-Getränk trinken, und zwar erhitzt; andernfalls erlange er keine Vollendung. [Die überlieferte Verbindung von Sühne und Vollendungsritus ist nicht eindeutig.]
5.48 iti te kathitaṃ divyaṃ sāravṛttāntamuttamam |
apeyā sā niṣiddhā sānāghreyā ceti ca kramāt || 5-48 ||
So habe ich dir die göttliche, vortreffliche Kernerzählung mitgeteilt. »Nicht zu trinken«, »verboten«, »nicht einmal zu riechen« —
5.49 anirgrāhyā ca sā devī yā vai vaidhetarā bhavet |
tasmājjapavidhau jñeyā surā siddhikarī matā || 5-49 ||
und »nicht anzunehmen« gilt für das, was außerhalb der Vorschrift liegt, Göttin. Bei der Japa-Vorschrift gilt Surā hingegen als Vollendung bewirkend.
5.50 sarvavarṇairmaheśāni deyā ca trividhā surā |
athavāsavasaṃbhṛtyai dadyādvāpi guḍārdrakam || 5-50 ||
Alle Stände dürfen die drei Arten von Surā darbringen, große Herrin. Als Ersatz für Asava gebe man Rohrzucker mit frischem Ingwer.
5.51 takraṃ vā guḍasaṃmiśraṃ dadyād devyai prayatnataḥ |
nārikelodakaṃ kāṃ(śye?sye)tāmre vā visṛjenmadhu || 5-51 ||
Oder man bringe der Göttin sorgfältig mit Rohrzucker vermischte Buttermilch dar; Kokoswasser in Bronze oder Honig in Kupfer.
5.52 tārāmantreṇa kālyāśca atra pūrṇāvidhau tathā |
anukalpaṃ cāsavaṃ ca dadyādatimanoharam || 5-52 ||
Beim Tara-Mantra, bei Kali und im Ritus der Purna bringe man Asava oder einen wohlschmeckenden Ersatz dar.
5.53 rambhāphalaṃ śālamatsyaṃ juhuyānmantravittamaḥ |
sarvāṃ siddhimanukramya ante mokṣamavāpnuyāt || 5-53 ||
Der vortreffliche Mantrakundige opfere Bananenfrucht und Shala-Fisch. Nachdem er alle Vollendungen erlangt hat, gewinnt er am Ende Befreiung.
5.54 sājyasya bilvapatrasya homena jagatī vaśe |
sahasrahome deveśi labhate siddhimuttamām || 5-54 ||
Durch das Feueropfer von mit Ghee bestrichenen Bilva-Blättern wird die Welt gefügig. Bei tausend Opfergaben gewinnt man höchste Vollendung, Herrin der Götter.
5.55 labhate mañjulāṃ vāṇīṃ mahāṣṭamyāṃ ca sādhakaḥ |
kulavāre kulāṣṭamyāṃ caturdaśyāṃ viśeṣataḥ || 5-55 ||
Am großen achten Mondtag gewinnt der Übende liebliche Rede. Am Kula-Wochentag, an Kulas achtem Mondtag und besonders am vierzehnten —
5.56 yoginīpūjanaṃ tatra sādhanaṃ kulapūjanam |
yathā viṣṇutithau viṣṇuḥ pūjito vāñchitapradaḥ || 5-56 ||
vollziehe man dort Yogini-Verehrung, Sadhana und Kula-Verehrung. Wie Vishnu, an seinem eigenen Mondtag verehrt, Wünsche erfüllt —
5.57 tathā kulatithau śaktiḥ pūjitā varadāyinī |
kulavāre caturdaśyāmaṣṭamyāṃ ca viśeṣataḥ || 5-57 ||
so schenkt Shakti, am Kula-Mondtag verehrt, Segen: am Kula-Wochentag und besonders am vierzehnten und achten Mondtag.
5.58 śaṅkhasthitaṃ toyapūrṇaṃ ja(vā?pā)puṣpaṃ ca barbarā |
candanaṃ cārkakusumaṃ śuklā caivāparājitā || 5-58 ||
Eine mit Wasser gefüllte Muschel, Hibiskus, Varvara, Sandel, Arka-Blüte und weiße Aparajita —
5.59 a(nna?rghya)dānaṃ viśeṣeṇa nityapūjākramaḥ smṛtaḥ |
aṣṭottaraśataṃ japyaṃ yāvajjīvitasaṃkhyayā || 5-59 ||
besonders die Arghya-Darbringung bilden die Abfolge der täglichen Verehrung. Zeitlebens sind 108 Wiederholungen zu vollziehen.
5.60 sahasraṃ vā japenmantraṃ nityapūjāvidhau priye |
mahoprāyāḥ (?) sadā pūjyā pūjane kullukā parā || 5-60 ||
Oder man wiederhole bei der täglichen Verehrung das Mantra tausendmal, Geliebte. Die »Mahopraya« [Lesung unklar] ist stets zu verehren; bei der Verehrung ist Kulluka die höchste.
5.61 stotramantravratādīnāmanuṣṭhānaṃ śṛṇu priye |
ananuṣṭhānatastasyāḥ sarvaṃ tanniṣphalaṃ bhavet || 5-61 ||
Höre von der Ausführung der Lobgesänge, Mantras, Gelübde und weiteren Handlungen, Geliebte. Unterbleibt ihre Ausführung, bleibt alles fruchtlos.
5.62 mahāvidyāṃ ca sundaryā vāsudevaṃ ca yo'rcayet |
prāpnoti tatphalaṃ sarvaṃ harisāyujyatāṃ vrajet || 5-62 ||
Wer die Mahavidya zusammen mit Sundari und Vasudeva verehrt, erlangt sämtliche Früchte und gelangt zur Vereinigung mit Hari. [Die Verbindung der Gottheitsnamen ist sprachlich unsicher.]
5.63 vāsudevo harirbrahmā tāriṇī prakṛtiḥ sadā |
ekamūrtiḥ sadā cintyā ekamūrtiḥ sadā sthitā || 5-63 ||
Vasudeva, Hari, Brahma, Tarini und Prakriti sind stets als eine Gestalt zu betrachten; als eine Gestalt bestehen sie immer.
5.64 svargamokṣapradā devī dhanavidyāpradāyinī |
dhanavidyāyaśolakṣmīrāyurārogyavarddhinī || 5-64 ||
Die Göttin schenkt Himmel, Befreiung, Wohlstand und Wissen; sie mehrt Wohlstand, Wissen, Ruhm, Glück, Leben und Gesundheit.
5.65 tasmāttāṃ pūjayed devīṃ gandhapuṣpaiśca dhūpakaiḥ |
naivedyairvividhairbhaktyā pūjayet tāriṇīṃ sadā || 5-65 ||
Darum verehre man die Göttin mit Duft, Blüten und Räucherwerk. Mit vielfältigen Speisegaben und Hingabe verehre man stets Tarini.
5.66 āṣāḍhe śayanaṃ kuryāt siṃhe ca parivartanam |
āśvine bodhayed devīṃ paśupāyasabhojanaiḥ || 5-66 ||
Im Ashadha lege man sie zur Ruhe, beim Eintritt der Sonne in den Löwen wende man sie um; im Ashvina wecke man die Göttin mit Tieropfern und Milchspeisen.
5.67 rātrau pavitreṇa varaṃ jāyate surasundari |
divā prabodhe'pi tathā svapne'pi ca kadācana || 5-67 ||
Nachts entsteht durch das heilige Band Segen, du Götterschöne; ebenso beim Erwachen am Tag und zuweilen im Traum. [Der Zusammenhang ist verkürzt.]
5.68 śuklāṣṭamyāṃ ghaṭāṣṭamyāṃ ghaṭasya ca viśeṣataḥ |
māghamāsasya ca vidho rātrau saṃpūjayet sudhīḥ || 5-68 ||
Am achten Tag der hellen Monatshälfte, an Ghatashtami und besonders bei der Gefäßverehrung im Monat Magha verehre sie der Einsichtige nachts. [Die Kalenderangaben sind nicht eindeutig gegliedert.]
5.69 pīṭhārcanaṃ mahādevi yatra siddhiranuttamā |
pīṭhānāṃ paramaṃ pīṭhaṃ kāmarūpaṃ mahāphalam || 5-69 ||
An heiligen Sitzen führt die Verehrung zu höchster Vollendung, große Göttin. Der höchste dieser Sitze ist Kamarupa, von großer Frucht.
5.70 tatra yat kriyate pūjā sakṛdvāpi maheśva(rī?ri) |
vihāya sarvapīṭhāni tasya dehe vasāmyaham || 5-70 ||
Wer dort auch nur einmal die Verehrung vollzieht, große Herrin: In dessen Leib wohne ich und lasse alle anderen Sitze zurück.
5.71 tasmācchataguṇaṃ proktaṃ kāmākhyāyonimaṇḍalam |
teṣāṃ phalaṃ maheśāni vaktuṃ kiṃ śakyate mayā || 5-71 ||
Hundertmal höher wird das Yoni-Mandala Kamakhyas gepriesen. Wie könnte ich dessen Früchte vollständig beschreiben, große Herrin?
5.72 tatra koṭiguṇaiḥ sārdhamādyā vasati tāriṇī |
matpīṭhaṃ brahmaṇo vakraṃ guptaṃ sarvasukhāvaham || 5-72 ||
Dort wohnt die ursprüngliche Tarini mit millionenfachen Kräften. Mein geheimer Sitz ist Brahmas Mund [Vorlage: »vakraṃ«], der alles Glück schenkt.
5.73 yato devāśca vedāśca manayaścaiva bhāvajāḥ |
sarve'pyāvirbhavantyete tena guptaṃ sadā kuru || 5-73 ||
Denn von dort gehen Götter, Veden, Mantras und die aus innerer Vergegenwärtigung Geborenen hervor. Deshalb halte ihn stets geheim.
5.74 dvividhaṃ caiva yatpīṭhaṃ goptavyaṃ tanmaheśvari [guptaṃ vyaktaṃ kha
pāṭhaḥ |] |
vyaktād [vyakta guptaṃ kha pāṭhaḥ |] guptaṃ mahāpuṇyaṃ durāpaṃ
sādhakādhamaiḥ [kottamaiḥ kha pāṭhaḥ |] || 5-74 ||
Der heilige Sitz ist zweifach: offenbar und verborgen, große Herrin. Der verborgene ist heiliger als der offenbare und schwer für ungeeignete Übende zu erreichen. [Die Varianten unterscheiden sich bei »verborgen/offenbar« und »ungeeignete/vortreffliche Übende«.]
5.75 guptaṃ sarvatra deśe tu [deveśi kha pāṭhaḥ |] labhyate kulasundari |
pīṭhaprasaṅgād deveśi pīṭhāni śṛṇu bhairavi || 5-75 ||
Der verborgene Sitz lässt sich an jedem Ort finden, du Schöne des Kula. Da von heiligen Sitzen die Rede ist, höre nun von ihnen, Herrin der Götter, Bhairavi.
5.76 śṛṇu tāni mahāprājñe śreṣṭhasthānāni yāni ca |
siddhipradāni sādhūnāṃ mahadbhiḥ sevitāni ca || 5-76 ||
Höre, hoch Weise, von den vorzüglichsten Orten, die den Guten Vollendung schenken und von großen Menschen aufgesucht werden.
5.77 puṣkaraṃ ca gayākṣetramakṣayā(dya?di)vaṭaṃ tathā |
varāhaparvataṃ caiva śivaṃ cāmarakaṇṭhakam || 5-77 ||
Pushkara, das Gebiet von Gaya, der Akshayavata-Baum, der Varaha-Berg und das heilvolle Amarakantaka.
5.78 narmadā yamunā piṅgā gaṅgādvāraṃ tathā priye |
gaṅgāsāgarasaṅgaṃ ca kuśāvartaṃ ca bilvakam || 5-78 ||
Narmada, Yamuna, Pinga, Gangadvara, die Mündung der Ganga ins Meer, Kushavarta und Bilvaka, Geliebte.
5.79 śrīnīlaparvataṃ caiva kalambakubjake tathā |
bhṛgutuṅgaṃ [bhṛgubhṛṅgaṃ iti pāṭhāntaram |] ca kedāraṃ
sarvapriyamahālayam || 5-79 ||
Der heilige Nilaparvata, Kalamba und Kubjaka, Bhrigutunga [Variante: Bhrigubhringa], Kedara und das allen liebe Mahalaya.
5.80 lalitā ca sugandhā ca śākambharīpuraṃ priyam |
kaṇatīrthaṃ mahāgaṅgā tilikāśramameva ca || 5-80 ||
Lalita, Sugandha, das geliebte Shakambharipura, Kanatirtha, Mahaganga und der Tilika-Ashram.
5.81 kumārākhyaprabhāsau ca tathā dhanyā sarasvatī |
agastyāśramamiṣṭaṃ me kāṇvāśramamataḥ param || 5-81 ||
Die Orte Kumara und Prabhasa, ferner die gesegnete Sarasvati; lieb sind mir der Agastya-Ashram und der Kanva-Ashram.
5.82 kauśikīsarayūśoṇajyotiḥsaraḥpuraḥsaram |
kāmodakaṃ priyaṃ śrīmat priyamuttaramānasam || 5-82 ||
Kaushiki, Sarayu, Shona und der Jyotih-See, das geliebte herrliche Kamodaka und das geliebte Uttara-Manasa.
5.83 mataṅgavāpī saptārcira yadviṣṇupadaṃ mahat |
vaidyanāthaṃ mahātīrthaṃ priyaḥ kālañjaro giriḥ || 5-83 ||
Matangavapi, Saptarcis, das große Vishnupada, der große Wallfahrtsort Vaidyanatha und der geliebte Kalanjara-Berg.
5.84 vāmocchedaṃ harocchedaṃ gargocchedaṃ mahānalam |
bhadreśvaraṃ mahātīrthaṃ lakṣmaṇocchedameva ca || 5-84 ||
Vamoccheda, Haroccheda, Gargoccheda, Mahanala, der große Wallfahrtsort Bhadreshvara und Lakshmanoccheda.
5.85 jānīhi priyasṛṣṭā ca kāverī kapilodakā |
someśvaraṃ śuklatīrthaṃ kṛṣṇavīṇyā prabhedakaḥ || 5-85 ||
Erkenne ferner Priyasrishta [Ortsname unklar], Kaveri, Kapilodaka, Someshvara, Shuklatirtha und den Zusammenfluss der Krishna und Veni.
5.86 pāṭalā ca mahābodhirnāgatīrthaṃ madantikā |
puṇyaṃ rāmeśvaraṃ devi tathā meghavanaṃ hareḥ || 5-86 ||
Patala, Mahabodhi, Nagatirtha, Madantika, das heilige Rameshvara und Haris Meghavana, Göttin.
5.87 ailaṃ ramaṇakaṃ caiva govarddhanamatipriyam |
hariścandraṃ puraścandraṃ pṛthūdakamatipriyam || 5-87 ||
Aila, Ramanaka, das überaus geliebte Govardhana, Harishchandra, Purashchandra und das sehr geliebte Prithudaka.
5.88 indranīlaṃ mahānādaṃ tathaiva priyamenakam |
pampāsaraḥ pañcavaṭī vaṭīparvatikā tathā || 5-88 ||
Indranila, Mahanada, das geliebte Menaka, der Pampa-See, Panchavati und Vati-Parvatika.
5.89 gaṅgābilvaṃ ca prāsaṅgaḥ priyanādavaṭastathā |
gaṅgāvāmācalaṃ caiva tathaiva ṛṇamocanam || 5-89 ||
Gangabilva, Prasanga, der geliebte Nadavata, Ganga-Vamachala und Rinamochana.
5.90 gautameśvaratīrthaṃ ca vasiṣṭhatīrthameva ca |
hārītakaṃ tathā devi brahmāvartaṃ śivapradam || 5-90 ||
Die Wallfahrtsorte Gautameshvara und Vasishtha, Haritaka und das Heil schenkende Brahmavarta, Göttin.
5.91 kuśāvartamatiśreṣṭhaṃ haṃsatīrthaṃ tathaiva ca |
piṇḍāvakaraṇaṃ khyātaṃ haridvāraṃ tathaiva ca || 5-91 ||
Das hervorragende Kushavarta, Hamsatirtha, das berühmte Pindavakarana und Haridvara.
5.92 tathaiva badarītīrthaṃ vāmatīrthaṃ tathaiva ca |
jayantaṃ vijayantaṃ ca sarvakalyāṇadaṃ priye || 5-92 ||
Ebenso Badaritirtha, Vamatirtha, Jayanta und Vijayanta, die alles Heil schenken, Geliebte.
5.93 vijayā śāradātīrthaṃ bhadrakālīśvaraṃ tathā |
aśvatīrthaṃ suvikhyātaṃ tathā vedaśiraḥ priyaḥ || 5-93 ||
Vijaya, Sharadatirtha, Bhadrakalishvara, das wohlbekannte Ashvatirtha und das geliebte Vedashiras.
5.94 oghavatī nadī caiva tīrthamatripadaṃ tathā |
chāgaliṅgaṃ mātṛgaṇaṃ karavīrapuraṃ tathā || 5-94 ||
Der Fluss Oghavati, der Wallfahrtsort Atripada, Chagalinga, Matrigana und Karavirapura.
5.95 saptagodāvaraṃ tīrthaṃ sarvadharmaphalapradam |
ayodhyā mathurā māyā durgā dvārāvati hareḥ || 5-95 ||
Saptagodavara, das die Frucht aller religiösen Pflichten schenkt; Ayodhya, Mathura, Maya, Durga und Haris Dvaravati.
5.96 vidyāpuramavantī ca kāñcī maṅgalakoṭakam [śakulakoṭharaṃ nakulakoṭharaṃ
maṅgalakuṭṭakaṃ vā iti pāṭhāntarāṇi |] |
kālīghaṭṭaṃ guptatīrthaṃ siddhākhyaṃ [liṅgākhyaṃ iti pāṭhāntaram |]
sarvamohanam || 5-96 ||
Vidyapura, Avanti, Kanchi, Mangalakotaka [mehrere Namensvarianten], Kalighatta, Guptatirtha und das als Siddha bezeichnete, alles bezaubernde Heiligtum [Variante: Linga].
5.97 kirīṭamuttarātīrthaṃ dakṣiṇātīrthamuttamam |
viśālātīrthaṃ kālyāśca vanaṃ vṛndāvanaṃ tathā || 5-97 ||
Kirita, Uttaratirtha, das vortreffliche Dakshinatirtha, Vishalatirtha, der Wald Kalis und Vrindavana.
5.98 jvālāmukhī hiṅgulā ca mahātīrthaṃ gaṇeśvaram |
jānīhi sarvasiddhīnāṃ hetusthānāni sundari || 5-98 ||
Jvalamukhi, Hingula und der große Wallfahrtsort Ganeshvara: Erkenne sie als Orte, die alle Vollendungen ermöglichen, du Schöne.
5.99 atra sannihitā nityaṃ sarve devā maharṣayaḥ |
pitaro yoginaścaiva ye ca siddhiparāyaṇāḥ || 5-99 ||
Dort sind immer sämtliche Götter, große Rishis, Ahnen, Yogis und die der Vollendung Ergebenen gegenwärtig.
5.100 āśu siddhyanti kāryāṇi śraddhābhaktimatāṃ priye |
puṇyakāle paṭhed yastu tatpuṇyamakṣayaṃ bhavet || 5-100 ||
Die Vorhaben der von Vertrauen und Hingabe Erfüllten gelingen dort rasch, Geliebte. Wer dies zu heiliger Zeit rezitiert, dessen Verdienst ist unvergänglich.
5.101 śrāddhakāle paṭhed yastu śṛṇuyādvāpi bhaktitaḥ |
akṣayaṃ tadbhavedvākyaṃ pitṛṇāṃ paramaṃ sukham || 5-101 ||
Wer es beim Ahnenopfer rezitiert oder hingebungsvoll hört, dessen Darbringung wird unvergänglich und schenkt den Ahnen höchstes Glück. [Die Vorlage hat »vākyaṃ«, »Wort«; der Bezug ist unsicher.]
5.102 asmin sthāne [peṭhadyastu iti vā pāṭhaḥ |]japedyastu siddhirbhavati tatkṣaṇāt |
atha vakṣye maheśāni yatra yā devatā śṛṇu || 5-102 ||
Wer an einem solchen Ort Japa vollzieht, erlangt unmittelbar Vollendung. Nun erkläre ich, welche Gottheit an welchem Ort wohnt; höre, große Herrin.
5.103 yatra te yāni nāmāni kathayiṣyāmi tacchṛṇu |
magno'haṃ paramānande tvatkathāmṛtavāridhau || 5-103 ||
Welche Namen du wo trägst, werde ich verkünden. Ich versinke in höchster Wonne im Nektarozean der Erzählungen von dir.
5.104 puṣkare kamalākṣī ca gayāyāṃ ca gayeśvarī |
akṣayā'kṣayavaṭake'mareśāmarakaṇṭhake || 5-104 ||
In Pushkara bist du Kamalakshi, in Gaya Gayeshvari, am Akshayavata Akshaya und in Amarakantaka Amaresha.
5.105 varāhaparvate ca tvaṃ vārāhī dharaṇīpriyā |
durmadā narmadāyāṃ ca kālindī yamunājale || 5-105 ||
Auf dem Varaha-Berg bist du Varahi, die die Erde liebt; an der Narmada Durmada und in den Wassern der Yamuna Kalindi.
5.106 śivāmṛtā ca gaṅgāyāmambā tu tilikāśrame |
kumāradhāmni kaumāri prabhāse surapūjitā || 5-106 ||
In der Ganga Shivamrita, im Tilika-Ashram Amba, an Kumaras Wohnstatt Kaumari und in Prabhasa die von den Göttern Verehrte.
5.107 kāśyāṃ caivānnapūrṇā ca drāviḍe ca sarasvatī |
mahāvidyā mattamedhā agastyāśramake tathā || 5-107 ||
In Kashi Annapurna, im Dravida-Land Sarasvati; im Agastya-Ashram Mahavidya und Mattamedha.
5.108 kauśikīti priyaṃ nāma kauśikāmṛtakauśike [ghṛtakauśike iti pāṭhāntaram |] |
śāradā sarayūtīre śoṇe ca kanakeśvarī || 5-108 ||
Am Amrita-Kaushika trägst du den lieben Namen Kaushiki [Variante: Ghrita-Kaushika]; am Ufer der Sarayu Sharada, am Shona Kanakeshvari.
5.109 svaprakāśavaśād devi jyotiṣmatīha saṅgame |
śrīvahā śrīgirau caiva kālī kālodake tathā || 5-109 ||
Am Zusammenfluss bist du durch dein eigenes Leuchten Jyotishmati, Göttin; am Shrigiri Shrivaha, in Kalodaka Kali.
5.110 mahādevi! mahābuddhirnīlā cottaramānase |
mātaṅgī syāt mataṅge ca guptārcirviṣṇupādake || 5-110 ||
Im Uttara-Manasa bist du Mahabuddhi und Nila, große Göttin; in Matanga Matangi, in Vishnupada Guptarcis.
5.111 svargaṅgā svargamārge ca godāvaryāṃ gaveśvarī |
vimuktiścaiva gomatyāṃ viprabhāvā mahābalā || 5-111 ||
Auf dem Himmelsweg Svarganga, an der Godavari Gaveshvari, an der Gomati Vimukti; ferner Viprabhava und Mahabala.
5.112 śataprabhā śatarūpā candrabhāgā ca tatra vai |
airāvatyāṃ ca īrnāma siddhidā siddhitīrake || 5-112 ||
Dort bist du Shataprabha, Shatarupa und Chandrabhaga; an der Airavati die »I« Genannte, am Siddhi-Ufer Siddhida.
5.113 dakṣapañcanade caiva dakṣiṇā tvaṃ prakīrtitā |
aujise vīryadā tvaṃ ca saṅgamā tīrthasaṅgame || 5-113 ||
Am südlichen Panchanada wirst du Dakshina genannt; in Aujisa Viryada, am Zusammenfluss der Wallfahrtsorte Sangama.
5.114 bāhudāyāmasantā(?) tvaṃ kurukṣetre vapekṣaṇā |
tapasvinī puṇyatamā bhāratī bharatāśrame || 5-114 ||
An der Bahuda bist du Asanta [unsicherer Name], in Kurukshetra Vapekshana; im Bharata-Ashram Bharati, die höchst heilige Asketin.
5.115 sukathā naimiṣāraṇye pāṇḍau ca pāṇḍavānanā |
viśālyāṃ ca viśālākṣī muṇḍapṛṣṭhe śivātmikā || 5-115 ||
Im Naimisha-Wald Sukatha, in Pandu Pandavanana, in Vishali Vishalakshi, in Mundaprishtha Shivatmika.
5.116 śraddhā kanakhale tīrthe śuddhabuddhirmunīśvare |
suveśā sumanā gaurī mānase ca sarovare || 5-116 ||
Am Wallfahrtsort Kanakhala Shraddha, in Munishvara Shuddhabuddhi; am Manasa-See Suvesha, Sumana und Gauri.
5.117 nandāpure mahānandā lalitā lalitāpure |
brahmāṇī brahmaśirasi mahāpātakanāśinī || 5-117 ||
In Nandapura Mahananda, in Lalitapura Lalita, in Brahmashiras Brahmani, Vernichterin schwerer Verfehlungen.
5.118 pūrṇimā cendumatyādyaiḥ siñcayantī priyā sadā |
jā(hni?hna)vīsaṅgame tṛptiḥ svadhā tvaṃ pitṛtuṣṭidā || 5-118 ||
Als Purnima begießt du mit Mondkräften und anderem und bist stets lieb; am Zusammenfluss der Jahnavi Tripti; als Svadha schenkst du den Ahnen Befriedigung.
5.119 puṇyāhā veṇuvatyāṃ ca prapāyāṃ pāpanāśinī |
śaṅkhasaṃhāriṇī ghorarūpā caiva mahodarī || 5-119 ||
An der Venuvati bist du Punyaha, an der Wasserstelle Papanashini; ferner Shankhasamharini, Ghorarupa und Mahodari.
5.120 gargocchede mahārātriḥ prabalā ca mahāvane |
bhadrā ca bhadrakālī ca bhadreśvarīśvarapriyā || 5-120 ||
In Gargoccheda Maharatri, im großen Wald Prabala; ferner Bhadra, Bhadrakali und Bhadreshvari, die Geliebte des Herrn.
5.121 bhadreśvare ramā viṣṇupriyā viṣṇupade tathā |
dāruṇā narmadocchede kāveryāṃ kapileśvarī || 5-121 ||
In Bhadreshvara Rama, in Vishnupada Vishnupriya, in Narmadoccheda Daruna, an der Kaveri Kapileshvari.
5.122 bhedinī kṛṣṇaveṇyāyāṃ saṃbhede śubhavāsinī |
śuddhā vai śuklatīrthe ca prabhā rāmeśvare tathā || 5-122 ||
An der Krishna-Veni Bhedini, am Zusammenfluss Shubhavasini, in Shuklatirtha Shuddha, in Rameshvara Prabha.
5.123 mahābodhau mahābuddhiḥ pāṭale pāṭaleśvarī |
surasā nāgatīrthe ca nāgeśī nāgavanditā || 5-123 ||
In Mahabodhi Mahabuddhi, in Patala Pataleshvari, in Nagatirtha Surasa und Nageshi, die von den Nagas Verehrte.
5.124 madante ca madantī ca pramadā ca madantikā |
merusvanā [meghabalā maghavane iti pāṭhāntaram |] meghavane
vidyutsaudāminīcchaṭā || 5-124 ||
In Madanta Madanti, Pramada und Madantika; in Meghavana Merusvana, ein leuchtender Blitzstrahl. [Variante: Meghabala in Maghavana.]
5.125 rāmeśvare mahā(vi?si)ddhirvārā cailāpure satī |
priyā ramaṇake durgā suveśā surasundarī || 5-125 ||
In Rameshvara Mahasiddhi, in Ailapura Vara und Sati; in Ramanaka Priya, Durga, Suvesha und Surasundari.
5.126 kātyāyanī mahādevī govarddhane'mbikā tathā |
śubheśvarī hariścandre puraścandre pureśvarī || 5-126 ||
In Govardhana Katyayani, die große Göttin, und Ambika; in Harishchandra Shubheshvari, in Purashchandra Pureshvari.
5.127 pṛthūdake mahāvegā menāke'khilavarddhinī |
indranīle mahākānte ratnaveśā suśobhanā || 5-127 ||
In Prithudaka Mahavega, in Menaka Akhilavardhini; im herrlich glänzenden Indranila Ratnavesha und Sushobhana.
5.128 māheśvarī mahānāde mahātejā mahābalā |
pampāsarasi śāraṅgā pañcavaṭyāṃ tapasvinī || 5-128 ||
In Mahanada Maheshvari, Mahatejas und Mahabala; am Pampa-See Sharanga, in Panchavati Tapasvini.
5.129 vaṭīparvatikāyāṃ ca pañcavargā suraṅgiṇī |
saṅgame vindhyasaṅgāyāṃ vindhyaśrīrvindhyavāsinī || 5-129 ||
In Vati-Parvatika Panchavarga und Surangini; am Vindhya-Zusammenfluss Vindhyashri und Vindhyavasini.
5.130 mahānandā nandataṭe gaṅgāvāmācale śivā |
āryāvarte mahāryā tvaṃ vimuktir-ṛṇamocane || 5-130 ||
Am Nanda-Ufer Mahananda, in Ganga-Vamachala Shiva, in Aryavarta Maharya; in Rinamochana Vimukti.
5.131 aṭṭahāse ca cāmuṇḍā tantreśī gautameśvare |
vedamayī brahmavidyā vāśiṣṭhe tvamarundhatī || 5-131 ||
In Attahasa Chamunda, in Gautameshvara Tantreshi; in Vasishtha bist du Arundhati, bestehend aus den Veden, die Erkenntnis Brahmans.
5.132 hārīte hariṇākṣī ca brahmāvarte vrateśvarī |
gāyatrī caiva sāvitrī kuśāvarte kuśapriyā || 5-132 ||
In Harita Harinakshi, in Brahmavarta Vrateshvari; Gayatri und Savitri; in Kushavarta Kushapriya.
5.133 haṃsīśvarī haṃsatīrthe parahaṃsīśvarīti ca |
piṇḍāvakaraṇe dhanyā surasā sukhadāyinī || 5-133 ||
In Hamsatirtha Hamsishvari und Parahamsishvari; in Pindavakarana Dhanya, Surasa und Sukhadayini.
5.134 nārāyaṇī vaiṣṇavī sā gaṅgādvāre vimuktidā |
śrīvidyā badarītīrthe vāmatīrthe mahādhṛtiḥ || 5-134 ||
In Gangadvara Narayani und Vaishnavi, die Befreiung schenkt; in Badaritirtha Shrividya, in Vamatirtha Mahadhriti.
5.135 jayante ca jayantī tvaṃ vijayante'parājitā |
vijayāyāṃ mahāśuddhiḥ śāradāyāṃ ca śāradā || 5-135 ||
In Jayanta bist du Jayanti, in Vijayanta Aparajita, in Vijaya Mahashuddhi, in Sharada Sharada.
5.136 subhadrā bhadradā bhavyā bhadrakālīśvare tathā |
mahābhadre bhadrakālī hayatīrthe girīśvarī || 5-136 ||
In Bhadrakalishvara Subhadra, Bhadrada und Bhavya; in Mahabhadra Bhadrakali, in Hayatirtha Girishvari.
5.137 vedadā vedamātā ca vedeśā vedamastake |
oghavatyāṃ mahāvīryā mahānadyāṃ mahodayā || 5-137 ||
In Vedamastaka Vedada, Vedamata und Vedesha; an der Oghavati Mahavirya, an der Mahanadi Mahodaya.
5.138 caṇḍā cātripade caiva chāgaliṅge balipriyā |
mātṛdarśe jaganmātā karavīrapure satī || 5-138 ||
In Atripada Chanda, in Chagalinga Balipriya, in Matridarsha Jaganmata, in Karavirapura Sati.
5.139 malinī raṅgiṇī vāmā paramā parameśvarī |
saptagodāvare tīrthe devaśīrṣākhileśvarī || 5-139 ||
Im Heiligtum Saptagodavara bist du Malini, Rangini, Vama, Parama, Parameshvari, Devashirsha und Akhileshvari.
5.140 ayodhyāyāṃ bhavānī ca jayadā jayamaṅgalā |
mādhavī mathurāyāṃ ca devakī yādaveśvarī || 5-140 ||
In Ayodhya Bhavani, Jayada und Jayamangala; in Mathura Madhavi, Devaki und Yadaveshvari.
5.141 vṛndā gopeśvarī rādhā rāsavṛndāvane rase |
kātyāyanī mahāmāyā bhadrakālī kalāvatī || 5-141 ||
Im Rasaspiel in Vrindavana Vrinda, Gopeshvari und Radha; ferner Katyayani, Mahamaya, Bhadrakali und Kalavati.
5.142 candramālā mahāśāntirmahāyoginyadhīśvaro |
vajreśvarī yaśodeti vrajaśrīrgokuleśvarī || 5-142 ||
Chandramala, Mahashanti, Herrin der großen Yoginis, Vajreshvari, Yashoda, Vrajashri und Gokuleshvari. [Die Vorlage hat an einer Stelle eine maskuline Form.]
5.143 kāñcyāṃ kanakakāñcī syādavantyāmatipāvanī |
vidyā vidyāpure caiva vimalā nīlaparvate || 5-143 ||
In Kanchi Kanakakanchi, in Avanti Atipavani, in Vidyapura Vidya, am Nilaparvata Vimala.
5.144 rājeśe śvetagaṅgeśī vimalā puruṣottame |
virajā yāga(pū?pu)ryāṃ ca bhadreśe bhadrakarṇikā || 5-144 ||
In Rajesha Shvetagangeshi, in Purushottama Vimala, in Yagapura Viraja, in Bhadresha Bhadrakarnika.
5.145 tamolipte tamoghnī ca svāhā sāgarasaṃgame |
kulaśrīrvaṃśavṛddhiśca mādhavī mādhavapriyā || 5-145 ||
In Tamolipta Tamoghni, an der Meeresmündung Svaha; Kulashri, Vamshavriddhi, Madhavi und Madhavapriya.
5.146 maṅgalā maṅgale koṭe rāḍhe maṅgalacaṇḍikā |
jvālāmukhī śivāpīṭhe mandāre bhuvaneśvarī || 5-146 ||
In Mangalakota Mangala, in Radha Mangalachandika, am Shiva-Sitz Jvalamukhi, in Mandara Bhuvaneshvari.
5.147 kālīghaṭṭe guhyakālī kirīṭe ca maheśvarī |
kirīṭeśvarī mahādevī liṅgākhye liṅgavāhinī || 5-147 ||
In Kalighatta Guhyakali; in Kirita Maheshvari, die große Göttin Kiriteshvari; in Lingakhya Lingavahini.
5.148 sākṣāt sarvatra bhaktānāmabhaktānāṃ kuto'pi na |
athānyat saṃpravakṣyāmi siddhisthānāni sundari || 5-148 ||
Überall bist du den Verehrenden unmittelbar gegenwärtig, den Hingabelosen jedoch nirgends. Nun werde ich weitere Vollendungsorte verkünden, du Schöne.
5.149 sarvapāpavināśā(rthi?ya)sarvasiddhipradāni ca |
nirmitāni śiveneha si(ddha?ddhi)sthānāni yāni ca || 5-149 ||
Shiva hat hier Orte der Vollendung geschaffen, die alle Verfehlungen vernichten und sämtliche Vollendungen schenken.
5.150 śrutvā manasi bhāvyāni prakāśānyadhikāriṣu |
amareśamahāpīṭhe īśa oṃkārasaṃjñakaḥ || 5-150 ||
Nachdem man von ihnen gehört hat, soll man sie innerlich betrachten und geeigneten Menschen bekannt machen. Am großen Sitz Amaresha heißt der Herr Omkara.
5.151 tatra durgādvayaṃ nāma caṇḍikā ca maheśvarī |
prabhāse somanāthādau devī ca puṣkarekṣaṇā || 5-151 ||
Dort heißen die beiden Durga-Formen Chandika und Maheshvari. In Prabhasa, bei Somanatha und den weiteren Heiligtümern, heißt die Göttin Pushkarekshana.
5.152 devadevādhipaḥ śambhurnaimiṣe ca maheśvaraḥ |
tatra prajñā ca devī ca bhavānī liṅgadhāriṇī || 5-152 ||
In Naimisha ist Shambhu, der Herr der Götter, Maheshvara; dort ist die Göttin Prajna, Bhavani und Lingadharini.
5.153 puṣkare ca rājagandhiḥ puruhūtā maheśvarī |
śrīparvate priyaṃ nāma śaṅkarastripurāntakaḥ || 5-153 ||
In Pushkara heißt er Rajagandhi, die große Herrin Puruhuta. Am Shriparvata trägt Shankara den lieben Namen Tripurantaka.
5.154 māyāpi śaṅkarī tatra bhaktānāmakhilārthadā |
japyeśvare mahāsthāne śaṅkarī ca triśūlinī || 5-154 ||
Dort ist Maya als Shankari gegenwärtig und schenkt den Verehrenden alle Ziele. Am großen Ort Japyeshvara heißt sie Shankari und Trishulini.
5.155 triśūlaḥ śaṅkarastatra sarvapāpavimocakaḥ |
āmrātakapure sūkṣmaḥ sūkṣmākhyā parameśvarī || 5-155 ||
Dort ist Shankara Trishula, Befreier von allen Verfehlungen. In Amratakapura heißt er Sukshma, und die höchste Herrin ebenfalls Sukshma.
5.156 mahākāle mahākālo mahākālī maheśvarī |
madhye śivaśca sarvatra śarvāṇī parameśvarī || 5-156 ||
In Mahakala ist er Mahakala, sie die große Herrin Mahakali. In der Mitte ist überall Shiva und die höchste Herrin Sharvani.
5.157 kedāreśvara īśāno devī sanmārgadāyini |
bhairave bhairavaḥ śambhurbhairavī parameśvarī || 5-157 ||
In Kedara ist der Herr Ishana, die Göttin Sanmargadayini; in Bhairava ist Shambhu Bhairava und die höchste Herrin Bhairavi.
5.158 gaṇakṣetre maṅgalākhyā śivo'haṃ prapitāmahaḥ |
kurukṣetre śivaḥ sthāṇuḥ śivā sthāṇupriyā parā || 5-158 ||
In Ganakshetra heißt sie Mangala, und ich, Shiva, bin Prapitamaha. In Kurukshetra ist Shiva Sthanu und die höchste Shiva Sthanupriya.
5.159 iṣṭalābhe svayaṃbhūśca devī svāyambhavā matā |
ugraḥ kanakhale proktaḥ śivogrā śivavallabhā || 5-159 ||
In Ishtalabha ist er Svayambhu und die Göttin Svayambhava. In Kanakhala wird er Ugra genannt und Shiva Ugra, die Geliebte Shivas.
5.160 vimaleśvare viśvastu viśvā viśvapriyā sadā |
aṭṭahāse mahānando mahānandā maheśvarī || 5-160 ||
In Vimaleshvara ist er Vishva; sie Vishva, stets Vishvapriya. In Attahasa heißt er Mahananda, die große Herrin Mahananda.
5.161 mahāntako mahendre ca pārvatī ca mahāntakā |
bhīmeśvaro bhīmapīṭhe śivā bhīmeśvarī tathā || 5-161 ||
Auf Mahendra ist er Mahantaka und Parvati Mahantaka. Am Bhima-Sitz ist er Bhimeshvara und Shiva Bhimeshvari.
5.162 vastrapāde bhavo nāma bhavānī bhuvaneśvarī |
adrikūṭe mahāyogī rudrāṇī parameśvarī || 5-162 ||
In Vastrapada heißt er Bhava und sie Bhavani, Bhuvaneshvari. Auf Adrikuta ist er Mahayogi und die höchste Herrin Rudrani.
5.163 avimukte mahādevo viśālākṣī śivā parā |
mahālaye haro rudro mahābhāgā śivā tathā || 5-163 ||
In Avimukta ist er Mahadeva, die höchste Shiva Vishalakshi. In Mahalaya ist er Hara und Rudra, Shiva ist Mahabhaga.
5.164 mahābalaśca gokarṇe śivā [bhadrā ca iti pāṭhāntaram |]jñeyā ca caṇḍikā |
bhadravarṇe mahādevo bhadrā ca karṇikā tathā || 5-164 ||
In Gokarna ist er Mahabala, Shiva als Chandika zu erkennen [Variante: Bhadra]. In Bhadravarna ist er Mahadeva, sie Bhadra und Karnika.
5.165 suvarṇākhye sahasrākṣa utpalā parameśvarī |
sthāṇusaṅge śivaḥ sthāṇviśvaraḥ sthāṇvīśvarā śivā || 5-165 ||
In Suvarna ist er Sahasraksha, die höchste Herrin Utpala. In Sthanusanga ist Shiva Sthanvishvara und Shiva Sthanvishvara [die weibliche Namensform ist auffällig].
5.166 kamalālaye ma(hāsnāne?heśāno)kamalākṣo maheśvaraḥ |
kamalākṣī maheśānī sakalārthapradāyinī || 5-166 ||
In Kamalalaya ist Maheshvara Kamalaksha; die große Herrin Kamalakshi schenkt sämtliche Ziele. [Ein Ausdruck im ersten Halbvers ist unsicher.]
5.167 chagalāṇḍe kapardī ca prasarā ca maheśvarī |
ūrdhvaretā dviraṇḍe ca sandhyākhyā parameśvarī || 5-167 ||
In Chagalanda ist er Kapardin und die große Herrin Prasara; in Dviranda Urdhvaretas und die höchste Herrin Sandhya.
5.168 mākoṭākhye mahākoṭaḥ śivā ca muṇḍakeśvarī |
maṇḍaleśvarapīṭhe ca śaṅkaraḥ khāṇḍavī śivā || 5-168 ||
In Makota heißt er Mahakota, Shiva Mundakeshvari. Am Sitz Mandaleshvara ist er Shankara und Shiva Khandavi.
5.169 kālañjare nīlakaṇṭho harakālī śivā matā |
sthāṇvīśva(ro?re)sthalo nāmnā sthalākhyā parameśvarī || 5-169 ||
In Kalanjara ist er Nilakantha, Shiva gilt als Harakali. In Sthanvishvara heißt er Sthala und die höchste Herrin ebenfalls Sthala.
5.170 śrīmadvyāghrapure sākṣāddharanāmā sabhāpatiḥ |
śivaḥ sabhāpatirnāma yatra nṛtyati śaṅkaraḥ || 5-170 ||
Im herrlichen Vyaghrapura ist Hara unmittelbar Sabhapati. Dort heißt Shiva »Herr der Halle«, wo Shankara tanzt.
5.171 ātmānandamahāmodapūrṇānandamahārṇavam |
nṛtyantaṃ yatra deveśaṃ deveśī paripaśyati || 5-171 ||
Dort schaut die Herrin der Götter den tanzenden Gott, den großen Ozean vollkommener Wonne, erfüllt von der Freude am Selbst.
5.172 yatra āśu mahādevo bhaktānāṃ varado bhavet |
nṛtyantaṃ yatra deveśaṃ vīkṣya loko vimucyate || 5-172 ||
Dort schenkt Mahadeva seinen Verehrenden rasch Segen. Wer dort den Herrn der Götter tanzen sieht, wird befreit.
5.173 puṇyasthāneṣu sarveṣu sthānametanmahottamam |
yatra karmāṇi sarvāṇi akṣayāṇi bhavanti vai || 5-173 ||
Unter allen heiligen Orten ist dieser überaus vortrefflich; dort werden sämtliche Handlungen unvergänglich.
5.174 asmin mahottame sthāne śivagaṅgākhyamadbhutam |
taṭākamasti tattīre dakṣiṇe nṛtyatīśvaraḥ || 5-174 ||
An diesem höchsten Ort liegt der wunderbare Teich namens Shivaganga. An seinem südlichen Ufer tanzt der Herr.
5.175 taṭāke'smin vasan snātvā sabhānāthaṃ samīkṣya ca |
aṣṭottarasahasraṃ tu japecchraddhāsamanvitaḥ || 5-175 ||
Wer dort verweilt, bade im Teich, schaue den Herrn der Halle und rezitiere vertrauensvoll 1.008-mal.
5.176 yāni te kathitānyatra sadā tiṣṭhanti devatāḥ |
pitaraḥ siddhagandharvāḥ siddhayaḥ sarvasiddhidāḥ || 5-176 ||
Alle Gottheiten, von denen ich dir hier erzählt habe, sind dort stets gegenwärtig, ebenso Ahnen, Siddhas, Gandharvas und die alle Vollendungen schenkenden Kräfte.
5.177 atra dattaṃ hutaṃ japtaṃ snānamakṣayapuṇyadam |
yadyat prakīrtitaṃ nāma tenaiva paripūjya ca || 5-177 ||
Schenken, Feueropfer, Japa und Baden gewähren dort unvergängliches Verdienst. Man verehre jede Gottheit unter ihrem jeweils genannten Namen —
5.178 praṇavādihṛdantena labhate'bhīṣṭamuttamam |
bhojayed brāhmaṇān yo'tra so'kṣayaṃ phalamaśnute || 5-178 ||
mit Pranava am Anfang und der Herzformel am Ende; so erlangt man das höchste Ersehnte. Wer hier Brahmanen bewirtet, genießt unvergängliche Frucht.
5.179 iha nānāsukhaṃ bhuktvā haragaurīpuraṃ vrajet |
śokaduḥkhavināśāya karuṇānidhirīśvaraḥ || 5-179 ||
Nachdem man hier vielfältiges Glück erfahren hat, gelangt man in die Stadt Haras und Gauris. Um Kummer und Leid zu vernichten, hat der Herr, die Schatzkammer des Mitgefühls —
5.180 nirmame sarvasaṃpattau puṇyakṣetrāṇi bhūtale |
anekapuṇyaśuddhānāmanekakālasādhanaiḥ || 5-180 ||
zur Fülle allen Heils die heiligen Stätten auf Erden geschaffen. Für Menschen, die durch vielfältige Verdienste und lange Praxis gereinigt sind —
5.181 āstikānāṃ bhavedatra nivāsaḥ sādhanaṃ śrutiḥ [ratiḥ iti pāṭhāntaram
|] |
tasmādyatnena kartavyamatra sādhanamuttamaiḥ || 5-181 ||
und Vertrauen besitzen, ergeben sich dort Aufenthalt, Sadhana und Hören [Variante: Freude]. Deshalb sollen vortreffliche Menschen dort sorgfältig praktizieren.
5.182 idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi pīṭhaṃ sarvāṅgasundaram |
akṣamālāmayaṃ pīṭhaṃ(brūhi?viddhi)me parameśvari || 5-182 ||
Höre nun von einem in jeder Hinsicht schönen Sitz, du Wohlgestaltete. Erkenne meinen Sitz als eine Kette von Buchstaben, höchste Herrin.
5.183 yatra siddhyanti kāryāṇi sthitiste śaṅkarasya ca |
viṣṇoragādhabodhasya tatkriyāyā maheśvari || 5-183 ||
Dort gelingen die Vorhaben; dort ist deine Gegenwart und die Shankaras sowie die Vishnus mit seiner unergründlichen Erkenntnis und seines Wirkens, große Herrin.
5.184 anyeṣāṃ caiva devānāṃ yuṣmatpadanivāsinām |
prasādo hi bhavatyāśu tatra me prītiruttamā || 5-184 ||
Auch die übrigen Götter, die zu deinen Füßen wohnen, schenken dort rasch Gnade; dort ist meine Freude am größten.
5.185 priye te kathayiṣyāmi akṣamālātmakaṃ param |
sānnidhyaṃ yatra sarveṣāṃ tasmādādi divaukasām || 5-185 ||
Ich werde dir den höchsten, aus einer Lautkette bestehenden Sitz erklären, Geliebte; dort sind sämtliche Himmelsbewohner von den ersten an gegenwärtig.
5.186 asmābhiśca mahadbhiśca yadyat sthānamalaṃkṛtam |
tattanmahottamaṃ proktaṃ sarvasiddhipradaṃ priye || 5-186 ||
Jeder Ort, den wir und andere große Wesen schmücken, gilt als höchst vortrefflich und schenkt alle Vollendungen, Geliebte.
5.187 mahānto yatra tiṣṭhanti sādhayanti paraṃ padam |
tat tanmahottamaṃ sthānaṃ sarvaṃ kalyāṇadaṃ priye || 5-187 ||
Wo große Menschen verweilen und das höchste Ziel verwirklichen, dort ist ein höchst vortrefflicher Ort, der alles Heil schenkt, Geliebte.
5.188 amareśapuraṃ caivāsurāntakaṃ puraṃ tathā |
tattanmahottamaṃ sthānaṃ sarvasiddhikaraṃ nṛṇām || 5-188 ||
Amareshapura und Asurantakapura: Solche höchst vortrefflichen Orte bewirken sämtliche Vollendungen für die Menschen.
5.189 satībhiḥ sādhubhiḥ kānte yadyat sthānamalaṃkṛtam |
ambikāpīṭhamatyantamanantapurameva ca || 5-189 ||
Jeder von tugendhaften Frauen und guten Menschen geschmückte Ort, Geliebte: besonders Ambikas Sitz und Anantapura.
5.190 aniruddhapuraṃ vetsi tathāditipuraṃ param |
aṇimādipuraṃ caiva aśvamedhapuraṃ param || 5-190 ||
Du kennst Aniruddhapura, das höchste Aditipura, Animadipura und das höchste Ashvamedhapura.
5.191 annapūrṇāmahāpīṭhamambujākhyapuraṃ tathā |
ādipīṭhānandapīṭhau cāmodāvādisūkarau || 5-191 ||
Annapurnas großer Sitz, Ambujapura, Adipitha und Anandapitha sowie Amoda, Avadi und Sukara [Namensgliederung unsicher].
5.192 āśu siddhipuraṃ caiva yathādyantapuraṃ mukham |
akampādityapīṭhā ca ādyādināthapīṭhakau || 5-192 ||
Ashusiddhipura, Adyantapura, Mukha, Akampadityapitha sowie Adya- und Adinatha-Sitz [mehrere Namen unsicher].
5.193 iṣṭanāmapuraṃ caiva indirāpurameva ca |
ilodayagiriścaiva ilāntendupure priye || 5-193 ||
Ishtanamapura, Indirapura, Ilodayagiri, Ilanta und Indupura, Geliebte.
5.194 indrāṇīndreśvaraścaiva indrānandapuraṃ tathā |
puraminduvatī nāma tathenduvijayaṃ puram || 5-194 ||
Indrani, Indreshvara, Indranandapura, die Stadt Induvati und Induvijayapura.
5.195 īśvarīśvarayogau ca īśānandeśvarīpuram |
īśānyaiśapuraṃ devi kathitaṃ pīṭhamuttamam || 5-195 ||
Ishvari- und Ishvara-Yoga, Ishanandeshvaripura und Ishanyeshapura werden als höchste Sitze genannt, Göttin.
5.196 kāmarūpaṃ priyaṃ vārāṇasī naipālameva ca |
pauṇḍavarddhanapīṭhaṃ ca paurakyaṃ kānyakubjakam || 5-196 ||
Das geliebte Kamarupa, Varanasi, Nepal, der Sitz Paundravardhana, Paurakya und Kanyakubja.
5.197 puṇyādrimarbudaṃ caiva ekāmrāmrātakeśvaram |
trisrotaḥ [traipuraṃ kha pāṭhaḥ |] kāmakoṭaṃ ca tathā bhṛgupuraṃ varam || 5-197
||
Punyadri, Arbuda, Ekamra und Amratakeshvara, Trisrotas [Variante: Tripura], Kamakota und das vorzügliche Bhrigupura.
5.198 kailāsapīṭhaṃ kedāraṃ śubhaṃ candrapuraṃ tathā |
śrīpuraṃ ca tathā kanyāpuraṃ jālandharaṃ tathā || 5-198 ||
Der Kailasa-Sitz, Kedara, das heilvolle Chandrapura, Shripura, Kanyapura und Jalandhara.
5.199 mālavaṃ bilvapīṭhaṃ [ca kulāntaṃ ca kha pāṭhaḥ |] ca devīkoṭaṃ tathaiva ca |
gokarṇaṃ māruteśaṃ ca tathāṭṭahāsameva ca || 5-199 ||
Malava, der Bilva-Sitz [Variante: Kulanta], Devikota, Gokarna, Marutesha und Attahasa.
5.200 kollānāmakagotraṃ ca elāpuramatipriyam |
mahāpathapuraṃ caiva oṃkārapurameva ca || 5-200 ||
Das als Kolla bezeichnete Gebiet, das überaus geliebte Elapura, Mahapathapura und Omkarapura.
5.201 jayadaṃ ca jayapuramujjayinīpuraṃ tathā |
haridrāpīṭhakaṃ caiva priyaṃ kṣīrapuraṃ priyam || 5-201 ||
Jayada, Jayapura, Ujjayinipura, der Haridra-Sitz und das geliebte Kshirapura.
5.202 gajāhvayapuraṃ caiva uḍḍīśapurameva ca |
prayāgaṃ ca tathā ṣaṣṭhīpurameva śivapradam || 5-202 ||
Gajahvayapura, Uddishapura, Prayaga und das Heil schenkende Shashthipura.
5.203 māyāpuramatiśreṣṭhaṃ puraṃ ca saurabheśvaram [parameśvaraṃ jaleśvaraṃ
kha |] |
śrīśailaṃ merupīṭhaṃ ca malayaṃ ca mahāgirim || 5-203 ||
Das vortreffliche Mayapura, die Stadt Saurabheshvara [Varianten: Parameshvara, Jaleshvara], Shrishaila, der Meru-Sitz, Malaya und der große Berg.
5.204 mahendrapurapīṭhaṃ ca tathā balipuraṃ priyam |
hiraṇyapurapīṭhaṃ ca mahālakṣmīpuraṃ tathā || 5-204 ||
Der Sitz Mahendrapura, das geliebte Balipura, der Sitz Hiranyapura und Mahalakshmipura.
5.205 caṇḍ.īpuramatiśreṣṭhaṃ tathā chāyāpuraṃ priye |
jñātvā pīṭhamidaṃ devi madbhakteṣu prakāśaya || 5-205 ||
Das vortreffliche Chandipura und Chhayapura, Geliebte. Nachdem du diese Sitze erkannt hast, Göttin, mache sie meinen Verehrenden bekannt.
5.206 samuddhara imā/llokān matsambandhavidhānataḥ |
saṃsārānalasaṃtaptān cintāvāyuvighūrṇitān || 5-206 ||
Erhebe diese Menschen durch die Verbindung mit mir: Sie leiden im Feuer des Samsara und werden vom Wind der Sorgen umhergewirbelt.
5.207 kṛpayāmṛtavarṣiṇyā abhiṣicyoddhara priye |
puṇyamasti mahat kānte yaśo'pyasti mahatsukham || 5-207 ||
Begieße sie mit deinem Nektar regnenden Mitgefühl und hebe sie empor, Geliebte. Darin liegen großes Verdienst, Ruhm und großes Glück.
5.208 mahājanaprasādo'sti matprītirlokarakṣaṇe |
matprasaṅgo madālāpo matsavo madanugrahaḥ || 5-208 ||
Darin liegt die Gunst großer Menschen; der Schutz der Welt erfreut mich. Umgang mit mir, Gespräch über mich, mein Fest und meine Gnade —
5.209 matkarma mama sambandho mannāma mama cintanam |
matkathā madanudhyānaṃ madāveśo madarcanā || 5-209 ||
Handeln für mich, Verbindung mit mir, mein Name, das Denken an mich, Erzählungen von mir, Meditation über mich, Ergriffenheit von mir und meine Verehrung —
5.210 madīkṣaṇaṃ madaikyaṃ ca manmatirmannatiḥ stutiḥ |
madgānaṃ me pure nāṭyaṃ matkarmodyoga eva ca || 5-210 ||
mein Schauen, Einheit mit mir, auf mich gerichtetes Denken, Verneigung und Lobpreis, das Singen von mir, Tanz in meiner Stadt und das Bemühen um mein Werk —
5.211 mannāma vai manmanavo macceṣṭā matpriyaspṛhā |
ekenaiva kṛtārthaśca madanugrahabhāg bhavet || 5-211 ||
mein Name, meine Mantras, auf mich gerichtetes Tun und Sehnsucht nach dem mir Lieben: Schon durch eines davon erreicht man sein Ziel und wird meiner Gnade teilhaftig.
5.212 yadicchet tīrthapīṭheṣu tadāśu labhate priyam |
manmantragrahaṇādeva niṣpāpo jāyate punaḥ || 5-212 ||
Was man an Wallfahrtsorten und heiligen Sitzen wünscht, erlangt man rasch. Schon durch den Empfang meines Mantras wird man wieder frei von Verfehlung.
5.213 sādhanāllabhate siddhiḥ siddhakṣetreṣvadīrghataḥ |
manmanugrahaṇaṃ (nyū?nū)naṃ mattoṣakāraṇaṃ param || 5-213 ||
Durch Praxis an vollendeten Stätten erlangt man bald Vollendung. Der Empfang meines Mantras ist gewiss ein besonders wirksamer Grund meiner Freude.
5.214 gṛhītvā nārcayedyastu na jāne kiṃ sa me punaḥ |
svargataḥ suravṛkṣo'pi na vai bhavati kāmadaḥ || 5-214 ||
Wer ihn empfängt und mich dennoch nicht verehrt — ich weiß nicht, was ein solcher mir sein soll. Selbst der himmlische Wunschbaum erfüllt keine Wünsche —
5.215 nāśrayedyadi tanmūlaṃ ko doṣastasya tat priye |
cintāmaṇirgṛhe'pyasti na tatra kāpi ca spṛhā || 5-215 ||
wenn man seine Wurzel nicht aufsucht. Welcher Fehler liegt darin bei ihm, Geliebte? Auch wenn der Wunschstein im Haus liegt, aber niemand etwas von ihm begehrt —
5.216 ko doṣastasya yatnena sidhyanti sakalāḥ kriyāḥ |
tasmādyat kathitaṃ tubhyaṃ tatra yatnaḥ phalapradaḥ || 5-216 ||
welcher Fehler liegt darin beim Stein? Durch Bemühung gelingen alle Handlungen. Darum bringt das Bemühen um das, was ich dir gelehrt habe, Frucht.
5.217 vinā yatnena kiṃ kiṃ syānna jāne vijaye sakhi |
santi tīrthāni sarvāṇi bhāskaro'yaṃ hutāśanaḥ || 5-217 ||
Was ohne Bemühung überhaupt zustande käme, weiß ich nicht, siegreiche Freundin. Da sind alle heiligen Orte, diese Sonne und das Feuer —
5.218 tārakāścandramā jyotirjaladā jalameva ca |
vasudhādigrahā ye'nye diśo vidiśa eva ca || 5-218 ||
Sterne, Mond, Licht, Wolken und Wasser, die Erde, die übrigen Himmelskörper, die Hauptrichtungen und Zwischenrichtungen —
5.219 tulasī brāhmaṇāścaiva purāṇāni bahūni ca |
śaivāśca vaiṣṇavāścaiva sāro dharmaḥ sanātanaḥ || 5-219 ||
Tulasi, Brahmanen und viele Puranas, Shaivas und Vaishnavas und der wesentliche, ewige Dharma.
5.220 madbhaktyavitathaśraddhāśaraṇāśca nirantaram |
upāyā vividhāḥ santi svaparitrāṇahetavaḥ || 5-220 ||
Für Menschen, deren Zuflucht beständige Hingabe und unverbrüchliches Vertrauen zu mir sind, gibt es viele Mittel zur eigenen Rettung.
5.221 tathāpi na yatante'ho tathā cecchanti kilviṣam |
rājakopapraśabhārthe kiṃ kiṃ na syāttadarthinaḥ || 5-221 ||
Und dennoch bemühen sie sich nicht, ach, und verlangen nach Verfehlung! Was würden Menschen nicht alles tun, wenn sie den Zorn eines Königs beschwichtigen wollten?
5.222 sukhaduḥkhopabhogaśca deśād deśāntaraṃ tathā |
prāpyāprāpye tathā vastū divā rātristathaiva ca || 5-222 ||
Das Erfahren von Glück und Leid, der Wechsel von Land zu Land, erreichbare und unerreichbare Dinge, Tag und Nacht —
5.223 indriyasparśabhogāśca medhyāmedhyaṃ ca darśane |
yatnāyatnakṛtaṃ kāryaṃ siktāsiktamahodadhiḥ || 5-223 ||
Sinnesberührungen und Genüsse, das Schauen von Reinem und Unreinem, mit oder ohne Mühe verrichtete Handlungen, der benetzte und unbenetzte Ozean [Lesung unklar] —
5.224 bhuktābhuktaśarīraṃ tu suveśaśca kuveśakaḥ |
priyavāgapriyavāk ca dūraṃ nikaṭameva ca || 5-224 ||
der genährte und ungenährte Leib, gute und schlechte Kleidung, freundliche und unfreundliche Rede, Ferne und Nähe —
5.225 sukhaṃ duḥkhaṃ tathā yacca nānākarma priyāpriyam |
sarveṣāṃ hrāsavṛddhī ca vapuṣāṃ nirgamāgamau || 5-225 ||
Glück und Leid, die verschiedenen angenehmen und unangenehmen Handlungen, Abnahme und Zunahme bei allen, das Kommen und Gehen der Körper —
5.226 dhanānāṃ sthitināśau ca gandhānāṃ ca kṣayasthitī |
vayoyauvanarūpāṇāṃ prakramaṃ sarvameva ca || 5-226 ||
Bestand und Verlust von Reichtum, Schwinden und Fortbestehen von Düften, der gesamte Verlauf von Alter, Jugend und Schönheit —
5.227 paśyanto'pi na paśyanto jñānino'jñāninaḥ sadā |
tasmācchraddhāmayaṃ mantraṃ(sarvaṃ)śraddhā hi bhāvasiddhidā || 5-227 ||
obwohl sie dies sehen, sehen sie nicht; obwohl sie wissen, bleiben sie unwissend. Darum ist das Mantra ganz von Vertrauen erfüllt: Vertrauen bringt die innere Haltung zur Vollendung.
5.228 asmāsu bhāvanā yasya so'smāsu pratipadyate |
tasmāt sādhupade sadbhirgantavyamatiyatnataḥ || 5-228 ||
Wer seine innere Vergegenwärtigung auf uns richtet, gelangt zu uns. Deshalb sollen die Guten mit großer Sorgfalt den Weg des Guten gehen.
5.229 pramādādapi nāsādhupathe vai jñānadṛṣṭibhiḥ |
iti sarvaṃ samālocya yathārthaṃ buddhya paṇḍite || 5-229 ||
Wer mit Erkenntnis sieht, gehe selbst aus Unachtsamkeit nicht den unheilsamen Weg. Erwäge dies alles und verstehe es der Wirklichkeit gemäß, du Weise.
5.230 ācara svaṃ priyaṃ dharmaṃ pravartaya śucivratam |
matpadāmbujasevāsu vrajantu mama sannidhim || 5-230 ||
Lebe deinen eigenen geliebten Dharma und verbreite reine Lebensführung. Durch den Dienst an meinen Lotosfüßen mögen sie in meine Gegenwart gelangen.
5.231 krīḍantu majjanaiḥ sārdhaṃ prāpnuyuḥ paranirvṛtim |
etairmadupadeśaistvaṃ śṛṇu vārtāṃ mahāmate || 5-231 ||
Mögen sie sich mit den mir Zugehörigen erfreuen und höchste Erfüllung erlangen. Höre mit diesen meinen Unterweisungen auch diese Mitteilung, du Einsichtige:
5.232 tvatprasādādime lokāḥ sūriṇaḥ syurmahāpriye |
atra te priyanāmāni śṛṇuṣva naganandini || 5-232 ||
Durch deine Gnade mögen diese Menschen weise werden, viel Geliebte. Höre nun deine geliebten Namen an diesen Orten, Tochter des Berges.
5.233 kāmeśā kāmarūpe tvaṃ pūrṇā kāśyāṃ vimuktidā |
nepāle puṇyadā puṇyā suveśā pauṇḍravarddhane || 5-233 ||
In Kamarupa bist du Kamesha, in Kashi Purna, die Befreiung schenkt; in Nepal Punyada und Punya, in Paundravardhana Suvesha.
5.234 dharmabuddhiḥ sudhā caiva sukhadā pāpamocanī |
[pārasye kha pāṭhaḥ |] paurakye paramānandā brahmāṇī kānyakubjake || 5-234 ||
Dharmabuddhi, Sudha, Sukhada und Papamochani; in Paurakya Paramananda [Variante: in Parasya], in Kanyakubja Brahmani.
5.235 puṇyādrau ca mahāpuṇyā pūrṇā yajñaphaleśvarī |
kātyāyanyarbude devi dhanadā śivavallabhā || 5-235 ||
Auf Punyadri Mahapunya, Purna und Yajnaphaleshvari; auf Arbuda Katyayani, Göttin, Dhanada und Shivavallabha.
5.236 ekā caikāmrake deśe surūpeśāmrakeśvare |
tripure [trisrotasi kha pāṭhaḥ |] sundarī divyarūpākhilamanoharā || 5-236 ||
Im Land Ekamra Eka, in Amrakeshvara Surupesha; in Tripura Sundari von göttlicher, alle Herzen erfreuender Gestalt [Variante: in Trisrotas].
5.237 kāmakoṭe mahāpīṭhe pramadā madanālasā |
kāmeśvarī ratiścaiva bhṛgupuryāṃ vrajeśvarī || 5-237 ||
Am großen Sitz Kamakota Pramada, Madanalasa, Kameshvari und Rati; in Bhrigupura Vrajeshvari.
5.238 vṛkṣeśā ca tapolakṣmīḥ kailāse bhuvaneśvarī |
kedāre varadā caivāmṛtā candrapure sitā || 5-238 ||
Vrikshesha und Tapolakshmi; auf dem Kailasa Bhuvaneshvari, in Kedara Varada und Amrita, in Chandrapura Sita.
5.239 kalāvatī prabheśā ca śrīpure śrīramā priyā |
kumārī brahmacaryā ca kanyā ca kanyakāpure || 5-239 ||
Kalavati und Prabhesha; in Shripura Shri, Rama und Priya; in Kanyakapura Kumari, Brahmacharya und Kanya.
5.240 jālandhare mahāpīṭhe nāgaryāgnimukhī śubhā |
jvālāmukhī lolajihvā suveśā ca suraṅgiṇī || 5-240 ||
Am großen Sitz Jalandhara Nagari, Agnimukhi, Shubha, Jvalamukhi, Lolajihva, Suvesha und Surangini.
5.241 mālave ca mahāvidyā bilvapīṭhe ca rūpiṇī |
rūpavati mahādevī devīkoṭe'khileśvarī || 5-241 ||
In Malava Mahavidya, am Bilva-Sitz Rupini und Rupavati; in Devikota die große Göttin Akhileshvari.
5.242 gokarṇe priyapīṭhe tvaṃ rudrāṇī sarvamaṅgalā |
pavane harapīṭhe ca gandhaśrīśca sugandhikā || 5-242 ||
Am geliebten Sitz Gokarna bist du Rudrani und Sarvamangala; am Hara-Sitz Pavana Gandhashri und Sugandhika.
5.243 aṭṭahāse mahāpīṭhe bhīmakālī ca kālikā |
viraje muktihetuśca namaḥ svasti sudhāmayī || 5-243 ||
Am großen Sitz Attahasa Bhimakali und Kalika; in Viraja die Ursache der Befreiung, Verehrung, Heil und Nektarfülle.
5.244 jayaśrī rājalakṣmīśca suveśā rājaparvate |
elāpure mahāsaṃpat māheśvarī mahāpathe || 5-244 ||
Jayashri und Rajalakshmi, am Rajaparvata Suvesha; in Elapura Mahasampat, auf dem großen Weg Maheshvari.
5.245 gāyatrī brahmarūpā ca tatsadoṅkārapīṭhake |
jayā jayapure devī jayadā jayamaṅgalā || 5-245 ||
Am Omkara-Sitz Gayatri von Brahmans Gestalt und Tat-Sat; in Jayapura die Göttin Jaya, Jayada und Jayamangala.
5.246 vijayā maṅgalā gaurī ujjayinyāṃ sadā śivā |
gaurīśvarī mahādevī hāradrāpīṭhake śivā || 5-246 ||
In Ujjayini stets Vijaya, Mangala, Gauri und Shiva; am Haridra-Sitz die große Göttin Gaurishvari und Shiva.
5.247 kṣīrapīṭhe yugādyā ca kṣīrākhyā niyamaprabhā |
rājeśvarī mahālakṣmīrhastināpuravāsinī || 5-247 ||
Am Kshira-Sitz Yugadya, Kshira und Niyamaprabha; in Hastinapura Rajeshvari und Mahalakshmi.
5.248 kamalā vimalā bhaktī raudrī ca nīlaparvate |
yāgeśvarī triveṇyāṃ [triveṇī kha pāṭhaḥ |] ca triḥsrotā brahmarūpiṇī || 5-248
||
Am Nilaparvata Kamala, Vimala, Bhakti und Raudri; an der Triveni Yageshvari, Trisrota und Brahmarupini.
5.249 sindhustha(lī?le)kāmadhenuḥ ṣaṣṭhī ṣaṣṭhīpure priye |
māyā māyāpure devī surabhī saurabheśvare || 5-249 ||
Am Sindhu-Ort Kamadhenu; in Shashthipura Shashthi, Geliebte; in Mayapura die Göttin Maya, in Saurabheshvara Surabhi.
5.250 vilāsinī mahānandā priyacandanaparvate |
mahāvrajeśvarī śreṣṭhā śamaneśvarapīṭhake || 5-250 ||
Am geliebten Chandana-Berg Vilasini und Mahananda; am Sitz Shamaneshvara die vortreffliche Mahavrajeshvari.
5.251 bhavānī bhavabhaktā ca śrīśaile śivavallabhā |
devatā yā svargalakṣmīḥ kanakāmaraparvate || 5-251 ||
In Shrishaila Bhavani, Bhavabhakta und Shivavallabha; am goldenen Götterberg die Göttin Svargalakshmi.
5.252 umā gaurī satī satyā pārvatī himaparvate |
indreśvarī surārādhyā māhendre jagadīśvarī || 5-252 ||
Am Himalaya Uma, Gauri, Sati, Satya und Parvati; am Mahendra Indreshvari, Suraradhya und Jagadishvari.
5.253 allābhogeśvarī nityā śrīmadvalipure śivā |
suvarṇā kanakā vāmā hiraṇyapurapīṭhake || 5-253 ||
Im herrlichen Balipura Allabhogeshvari, Nitya und Shiva; am Sitz Hiranyapura Suvarna, Kanaka und Vama. [Der erste Name ist unsicher.]
5.254 mahālakṣmīrmaheśānī mahālakṣmīpure'mbikā |
caṇḍīpure [caṇḍā kha pāṭhaḥ |] pracaṇḍā ca caṇḍā caṇḍavatī śivā || 5-254 ||
In Mahalakshmipura Mahalakshmi, Maheshani und Ambika; in Chandipura Prachanda, Chanda, Chandavati und Shiva.
5.255 chatre meghasvanā caiva māyā cchatreśvarī tathā |
kālīghaṭṭe mahāpīṭhe kālī kālātmikā tathā || 5-255 ||
In Chatra Meghasvana, Maya und Chhatreshvari; am großen Sitz Kalighatta Kali und Kalatmika.
5.256 liṅgākhye bhairavī vidyā vijayā jāhnavītaṭe |
iti te kathitaṃ divyaṃ pīṭhakramamudāhṛtam || 5-256 ||
In Lingakhya Bhairavi und Vidya, am Ufer der Jahnavi Vijaya. So habe ich dir die göttliche Abfolge der heiligen Sitze erklärt.
5.257 atiguhyaṃ maheśāni kathitaṃ devavandite [suragaṇārcite ityapi pāṭhaḥ |] |
madbhaktebhyo maheśāni prakāśamupapādaya || 5-257 ||
Das höchst Geheime ist dir verkündet, große Herrin, du von den Göttern Verehrte. Mache es meinen Verehrenden zugänglich.
5.258 teṣāṃ bhāgyavaśenaiva kathitaṃ manmukhoditam |
akathyaṃ kathitaṃ bhadre atipriyatame śive || 5-258 ||
Durch ihre glückliche Fügung wird ihnen mitgeteilt, was aus meinem Mund stammt. Das Unaussprechliche ist ausgesprochen, Gütige, innigst geliebte Heilvolle.
sārāt sārataraṃ sarvaṃ kathitaṃ tava sundari |
Alles, die Essenz der Essenzen, ist dir erklärt, du Schöne.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde naimittikārcana pīṭha tadīśvarīvarṇanaṃ pañcamaḥ paṭalaḥ || 5 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das fünfte Kapitel: die Beschreibung der anlassbezogenen Verehrung, der heiligen Sitze und ihrer Göttinnen.
Kapitel 6: Kula-Verehrung und Shakta-Praxis
Begleitende Yoga-Vidya-Praxis: Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev Diese eigenständige Übung erläutert keine besonderen Ritualanweisungen dieses Kapitels.
6.1 śrīdevyuvāca |
bhagavan sarvadharmajña sarvaśāstraviśārada |
idānīṃ śrotumicchāmi pūjanaṃ kulapūjanam || 6-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Erhabener Kenner allen Dharmas, kundig in allen Lehrwerken, jetzt möchte ich von der Kula-Verehrung hören.
6.2 yatkṛ(te?tvā)sādhako vīraḥ sadyo mokṣamavāpnuyāt |
ekaścet kulaśāstrajñaḥ pūjārhastatra bhairava |
kathayasva mahādeva yadi sneho'sti māṃ prati || 6-2 ||
Durch welche Verehrung erlangt der heldenhafte Übende unmittelbar Befreiung? Wenn jemand die Kula-Lehre kennt, ist er dabei verehrungswürdig, Bhairava. Erkläre es, Mahadeva, wenn du mich liebst.
6.3 śrībhairava uvāca |
kathitavyaṃ mahāpuṇyaṃ vistareṇa tapodhane |
sarva eva surāḥ pūjyāḥ satyaṃ brahmādayaḥ śive || 6-3 ||
Shri Bhairava sprach: Diese höchst verdienstvolle Lehre soll ausführlich verkündet werden, du Reiche an Askese. Alle Götter, von Brahma an, sind wahrhaftig zu verehren, Heilvolle.
6.4 ekā cedyuvatī tatra pūjitā cāvalokitā |
sa(rvatrai?rvā e)va parādevyaḥ pūjitāḥ kulabhairavi || 6-4 ||
Wenn dort eine junge Frau verehrt und als göttlich betrachtet wird, sind dadurch alle höchsten Göttinnen verehrt, Kula-Bhairavi.
6.5 ādāvante ca madhye ca sā hi pūjyā [lakṣapūrtau kha pāṭhaḥ |] viśeṣataḥ |
na pūjayati cet kāntāṃ bahu[tadā kha pāṭhaḥ |]vighnairvilipyate || 6-5 ||
Am Anfang, am Ende und in der Mitte ist sie besonders zu verehren. Wer die Geliebte nicht verehrt, wird von vielen Hindernissen bedrängt.
6.6 pūrvārjitaphalaṃ nāsti kā kathā parasādhane [pūjane kha pāṭhaḥ |] |
navaśaktirmaheśāni pañcaśaktiśca bhairavi || 6-6 ||
Selbst die früher erlangte Frucht geht verloren; was soll dann erst weitere Praxis bewirken? Die neun Shaktis, große Herrin, und die fünf Shaktis, Bhairavi —
6.7 pūjitā viguṇaṃ sarvaṃ saguṇaṃ kārayedyataḥ |
pṛthivīṃ sasyasaṃpannāṃ brāhmanṇe vedapārage || 6-7 ||
machen, wenn sie verehrt werden, alles Unvollkommene vollkommen. Wer einem vedakundigen Brahmanen ein Land voller Getreide schenkt —
6.8 dattvā yatphalamāpnoti tatphalaṃ kaulikārcanāt |
annadānaṃ sahasrebhyaḥ śatebhyo yajvanāmapi || 6-8 ||
erlangt dieselbe Frucht wie durch die Verehrung eines Kaulika. Speisegaben an Tausende und selbst an Hunderte Opferkundige —
6.9 teṣāṃ bhojanadānena tatphalaṃ kaulikārcanāt |
vāpīkūpataḍāgāni kṛtvā ca śivakṛṣṇayoḥ || 6-9 ||
deren Bewirtung bringt dieselbe Frucht wie Kaulika-Verehrung. Wer Wasserbecken, Brunnen und Teiche anlegt und Shiva und Krishna darbringt —
6.10 dānād yat phalamāpnoti tatphalaṃ kaulikārcanāt |
yadi bhāgyavaśenaiva vāramekaṃ prapūjayet || 6-10 ||
erlangt durch diese Schenkung dieselbe Frucht wie durch Kaulika-Verehrung. Wenn man durch glückliche Fügung auch nur einmal so verehrt —
6.11 kṛtā(rtho?rthā)ste hi nistīrṇā yānti devīpure svayam |
puraścaraṇakāle'pi yadi syāt pīṭhapūjanam || 6-11 ||
hat man sein Ziel erreicht, ist hinübergelangt und gelangt von selbst in die Stadt der Göttin. Wenn beim Purashcharana auch Pitha-Verehrung stattfindet —
6.12 tatraiva pīṭhapūjā sā manasāpi na hīyate |
devīkoṭe mahābhāgā uḍḍiyāne ca bhairavī || 6-12 ||
ist diese selbst als geistige Verehrung nicht geringer. In Devikota ist sie Mahabhaga, in Uddiyana Bhairavi.
6.13 yonimudrā [yoganidrā kha pāṭhaḥ |] kāmarūpe mahiṣāsuramardinī |
kātyāyanī kāmabhūmau kāmākhyā kāmarūpiṇī || 6-13 ||
In Kamarupa ist sie Yoni-Mudra [Variante: Yoganidra] und Mahishasuramardini; im Land des Begehrens Katyayani, Kamakhya und Kamarupini.
6.14 jālandharī ca pūrṇeśī pūrṇaśaile ca caṇḍikā |
kāmarūpe tato devī pūjyā dikkeravāsinī || 6-14 ||
Jalandhari und Purneshi, am Purnashaila Chandika; in Kamarupa ist ferner die Göttin Dikkeravasini zu verehren.
6.15 athavā kāmarūpasya darśanaṃ yadi bhāgyataḥ |
tadā bhagādidevīnāṃ pūjā tatra vidhīyate || 6-15 ||
Wenn man durch glückliche Fügung Kamarupa schaut, ist dort die Verehrung der mit Bhaga beginnenden Göttinnen vorgeschrieben.
6.16 yadi bhāgyavaśenaiva kuladṛṣṭiḥ prajāyate |
tadaiva mānasīṃ tatra tāsāṃ ca saṃprakalpayet || 6-16 ||
Wenn einem durch glückliche Fügung die Schau des Kula zuteilwird, vergegenwärtige man dort sogleich ihre geistige Verehrung.
6.17 bhaginīṃ bhagajihvāṃ ca bhagāsyāṃ bhagamālinīm |
bhaginīṃ ca bhagākṣīṃ ca bhagakarṇāṃ bhagatvacam || 6-17 ||
Bhagini, Bhagajihva, Bhagasya, Bhagamalini, wiederum Bhagini, Bhagakshi, Bhagakarna und Bhagatvac — [Namen der Göttinnen; die Wiederholung steht in der Vorlage.]
6.18 bhaganāsāṃ bhagastanīṃ bhagasthāṃ bhagasarpiṇīm |
tatra saṃpūjya gandhādyairmānasairgurumeva ca || 6-18 ||
Bhaganasa, Bhagastani, Bhagastha und Bhagasarpini verehre man dort mit geistigen Duftgaben und weiteren Gaben, ebenso den Guru.
6.19 namaskṛtya vidhānena svayamakṣobhitaḥ sudhīḥ |
dvādaśyāṃ pūjayedviṣṇuṃ caturdaśyāmumāpatim || 6-19 ||
Der Einsichtige verneige sich vorschriftsgemäß und bleibe unerschüttert. Am zwölften Mondtag verehre man Vishnu, am vierzehnten Umas Gemahl.
6.20 aṣṭamyāṃ pūjayecchaktiṃ sarvasiddhipradāṃ kila |
keśasaṃskārakarmāṇi kārayet sarvadā priye || 6-20 ||
Am achten Mondtag verehre man Shakti, die alle Vollendungen schenkt. Man sorge stets für die Pflege ihres Haares, Geliebte.
6.21 ādāvānīya deveśi svakāntāṃ vā parastriyam |
prathamaṃ cāsanaṃ dattvā pādyaṃ dadyāt tataḥ param || 6-21 ||
Zunächst lade man die eigene Partnerin oder eine andere Frau ein, Herrin der Götter. Man biete einen Sitz an und danach Wasser für die Füße.
6.22 arghyaṃ dadyānmaheśāni yathoktavidhinā śive |
ācamanīyaṃ ca tathā dadyācca sudhayā priye || 6-22 ||
Man gebe vorschriftsgemäß Arghya, große Herrin, Heilvolle, ebenso Nektar als Wasser zum rituellen Schlürfen, Geliebte.
6.23 snānīyaṃ parameśāni vauṣaḍantena dāpayet |
gandhaṃ dadyānmaheśāni gandhānāmaṣṭakaṃ tathā || 6-23 ||
Das Badewasser reiche man mit einer auf Vauṣaṭ endenden Formel, höchste Herrin; dann Duft, darunter die acht Duftstoffe.
6.24 puṣpaṃ dadyādvarārohe gandhayuktaṃ manoharam |
dhūpaṃ guggulunā dadyāt mahādaivyai manoharam || 6-24 ||
Man schenke liebliche duftende Blüten, Schönhüftige, und der großen Göttin angenehmes Räucherwerk aus Guggulu.
6.25 dīpaṃ ca sarpiṣā dadyāt tāmrādhāraṃ suśobhanam |
naivedyaṃ paramaṃ dadyāt susvādu sumanoharam || 6-25 ||
Ein schönes Ghee-Licht in einem Kupferhalter und eine besonders wohlschmeckende, erfreuliche Speisegabe bringe man dar.
6.26 nānādravyayutaṃ dadyānnārikelayutaṃ tathā |
rambhāphalaṃ bījapūraṃ śrīphalaṃ śrīniketanam || 6-26 ||
Man gebe vielfältige Stoffe und Kokosnuss, Bananenfrucht, Zitronatzitrone und Shriphala, den Sitz des Glücks.
6.27 madhu dadyānmaheśāni paladvayamitaṃ śubhe |
ghṛtaṃ dadyānmaheśāni nūtanaṃ palamānataḥ || 6-27 ||
Honig im Maß von zwei Pala gebe man, große Herrin, Heilvolle; frisches Ghee im Maß eines Pala.
6.28 nānopahārasaṃyuktaṃ dadhidugdhayutaṃ tathā |
tāmbūlaṃ paramaṃ dadyāt susvādu ca suvāsitam || 6-28 ||
Mit verschiedenen Gaben, Joghurt und Milch sowie besonders schmackhaftem, wohlriechendem Betel ehre man sie.
6.29 karpūrādisamāyuktaṃ guvākena samanvitam |
carvyaṃ coṣyaṃ tathā lehyaṃ peyaṃ dadyānmaheśvari || 6-29 ||
Der Betel sei mit Kampfer und Arekanuss versehen. Kau-, Saug- und Leckspeisen sowie Getränke gebe man, große Herrin.
6.30 jalaṃ dadyādvarārohe karpūrādisuvāsitam |
yadyadicchati tasmin vai kāle suragaṇārcite || 6-30 ||
Man gebe mit Kampfer und anderen Stoffen duftendes Wasser, Schönhüftige, und was immer sie in diesem Augenblick wünscht, du von den Göttern Verehrte.
6.31 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe zu 6.31–44: Der Text wechselt von Darbringungen zur Auswahl ausdrücklich minderjähriger Ritualteilnehmerinnen und verbindet dies anschließend mit sexuellen Handlungen. Dieser Zusammenhang wird nicht wörtlich wiedergegeben.]
6.32 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Die Altersaufzählung wird fortgesetzt.]
6.33 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Weitere minderjährige Altersgruppen werden für den Ritus bewertet.]
6.34 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Es folgen vorbereitende Gaben und Ausschmückung innerhalb dieses Ritualzusammenhangs.]
6.35 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Beginn sexualisierter körperbezogener Ritualanweisungen; Einzelheiten sind ausgelassen.]
6.36 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Fortsetzung der sexualisierten körperbezogenen Ritualanweisungen; Einzelheiten sind ausgelassen.]
6.37 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Weitere sexualisierte Ritualanweisung; Einzelheiten sind ausgelassen.]
6.38 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Fortsetzung der körperbezogenen Beschriftung; Einzelheiten sind ausgelassen.]
6.39 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Bekleidung und Ritualmaterial werden im Zusammenhang dieses Ritus genannt.]
6.40 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Der Text verbindet sexualisierte Handlungen mit Verehrung und Wiederholung.]
6.41 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Eine Wiederholungszahl wird innerhalb der sexualisierten Praxis festgelegt.]
6.42 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Weitere körperbezogene Mantrawiederholungen werden vorgeschrieben; Einzelheiten sind ausgelassen.]
6.43 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Es folgen ausdrücklich sexuelle Ritualhandlungen; Einzelheiten sind ausgelassen.]
6.44 [Sanskritpassage nicht wiedergegeben; siehe Inhaltsangabe und Texthinweise.]
[Nichtgrafische Inhaltsangabe: Die Passage schließt mit einer Vollendungsverheißung und ordnet den Ritus Kali zu.]
6.45 kālī tārā mahāvidyā tripurārṇā maheśvarī |
etāsāṃ bhairavīṇāṃ ca prayogāt siddhimāpnuyāt || 6-45 ||
Durch die Anwendung der Bhairavi-Formen Kali, Tara, Mahavidya und der großen Herrin Tripurarna erlangt man Vollendung. [Der letzte Name ist unsicher.]
6.46 baliṃ dadyānmaheśāni sandhyākāle śivālaye |
adattvā ca mahādevi baliṃ sarvahitaṃ priye || 6-46 ||
Zur Abenddämmerung bringe man im Shiva-Heiligtum ein Bali dar, große Herrin. Unterlässt man diese allen wohltuende Gabe, große Göttin, Geliebte —
6.47 ............................................................ |
śivāyai ca baliṃ dadyāt sarvayatnapuraḥsa(raiḥ?ram) |
anyathā siddhihāniḥ syānnātra kāryā vicāraṇā || 6-47 ||
[Textlücke.] Mit aller Sorgfalt bringe man Shiva, der Schakalin, ein Bali dar. Andernfalls geht Vollendung verloren; daran soll man nicht zweifeln.
6.48 prāntare bilvamūle vā śmaśāne vāpi sādhakaḥ |
nirjane vā vane ghore harmye vā praṅgaṇe'pi vā || 6-48 ||
Auf offenem Gelände, unter einem Bilva-Baum, auf dem Verbrennungsplatz, in einem einsamen schrecklichen Wald, in einem Gebäude oder Hof —
6.49 bhittyadho vā maheśāni baliṃ dadyād vidhānataḥ |
māṃsapradhānaṃ naivedyaṃ sandhyākāle nivedayet || 6-49 ||
oder unter einer Mauer bringe der Übende das Bali vorschriftsgemäß dar. Zur Dämmerung opfere man hauptsächlich fleischhaltige Speisen.
6.50 kāli kālīti vaktavye [vyā kha pāṭhaḥ |] tatra sā śivarūpiṇī |
paśurūpā samāyāti parivāragaṇaiḥ saha || 6-50 ||
Man rufe »Kali, Kali!« Dort kommt sie in Gestalt der Schakalin, als Tier, zusammen mit ihren Gefolgscharen.
6.51 bhuktvā rauti yadaiśānyāṃ vāyavyāṃ suravandite |
aiśānyāṃ sukhasaṃpattirvāyavī bhogamokṣadā || 6-51 ||
Wenn sie nach dem Fressen im Nordosten oder Nordwesten heult: Im Nordosten verheißt es Glück und Fülle, im Nordwesten Genuss und Befreiung.
6.52 tadaiva maṅgalaṃ teṣāṃ bhavatyeva na saṃśayaḥ |
avaśyamannadānena niyataṃ [nityaṃ saṃtoṣayet kha pāṭhaḥ |] toṣayecchivām ||
6-52 ||
Dann wird ihnen gewiss Heil zuteil. Durch Nahrungsgaben erfreue man regelmäßig die Schakalin.
6.53 (nityaśrāddhaṃ yathā sandhyāvandanaṃ pitṛtarpaṇam |
tatheyaṃ kuladevīnāṃ nityatā kulapūjane || 6-53 ||
Wie tägliches Ahnenopfer, Sandhya-Verehrung und Ahnen-Wasserspende, so ist auch die Kula-Verehrung der Kula-Göttinnen täglich geboten.
6.54 paśurūpāṃ śivāṃ devīṃ yo nārcayati nirjane) |
japapūjāvidhānāni yat kiñcit sukṛtāni ca || 6-54 ||
Wer die Göttin Shiva in Tiergestalt nicht in der Einsamkeit verehrt: Seine Japa- und Verehrungsriten sowie sämtliche Verdienste —
6.55 gṛhītvā śāpamādāya śivā roditi nirjane |
śivārāveṇa tasyāśu sarvaṃ naśyati niścitam || 6-55 ||
nimmt sie fort, belegt ihn mit einem Fluch und heult in der Einsamkeit. Durch das Heulen der Schakalin geht ihm nach der Textaussage rasch alles verloren.
6.56 ekayā bhujyate yatra śivayā devi bhairavi |
tatraiva sarvadevānāṃ prītiḥ paramadurlabhā || 6-56 ||
Wo eine einzige Schakalin frisst, Göttin Bhairavi, entsteht die sonst schwer zu erlangende Freude sämtlicher Götter.
6.57 paśuśaktirnaraśaktiḥ pakṣiśaktiśca bhairavi |
pūjitā dviguṇaṃ [viguṇaṃ karma saguṇaṃ sādhayed dhruvam kha pāṭhaḥ |]
karma sādhayet parameśvari || 6-57 ||
Als Tier-, Menschen- und Vogel-Shakti verehrt verdoppelt sie die Wirksamkeit der Handlung, höchste Herrin. [Variante: Sie macht eine mangelhafte Handlung vollkommen.]
6.58 tena sarvaṃ prayatnena kartavyaṃ pūjanaṃ mahat |
rājādibhayamāpanne deśāntarabhayādike || 6-58 ||
Darum vollziehe man mit aller Sorgfalt die große Verehrung. Bei Gefahr durch Könige oder Gefahren in fremden Ländern —
6.59 aśubhāni ca karmāṇi vicintya balimāharet |
balimantraṃ pravakṣyāmi sāvadhānāvadhāraya || 6-59 ||
und im Hinblick auf unheilvolle Ereignisse bringe man das Bali dar. Ich werde das Bali-Mantra verkünden; höre aufmerksam zu.
6.60 yena siddhyati sarveśi nāsti kālasya niścayaḥ |
ādau kālīṃ samuddhṛtya śive ceti tataḥ param || 6-60 ||
Dadurch gelingt die Praxis, Allherrin; eine feste Zeitbegrenzung besteht nicht. Zunächst spreche man »kāli«, dann »śive«.
6.61 sarvarūpadhare paścāt āgacheti padadvayam |
mama śabdaṃ tato brūyāt bali śabdaṃ tataḥ param || 6-61 ||
Danach »sarvarūpadhare«, zweimal »āgaccha«, dann »mama« und »bali«.
6.62 gṛhṇa gṛhṇeti dvandvaṃ ca vahnijāyāvadhimanuḥ |
mantreṇānena deveśi baliṃ dattvā manoharam || 6-62 ||
Darauf zweimal »gṛhṇa« und als Abschluss Svaha. Wer mit diesem Mantra ein erfreuliches Bali darbringt, Herrin der Götter —
6.63 sarvapāpaiḥ pramucyeta satyaṃ satyaṃ maheśvari |
mantrāntaraṃ pravakṣyāmi balyarthaṃ yanmanoharam || 6-63 ||
wird von allen Verfehlungen befreit, wahrlich, wahrlich, große Herrin. Ich werde eine weitere liebliche Formel für das Bali erklären.
6.64 gṛhṇa devi mahābhāge śive kālāgnirūpiṇi |
śubhāśubhaphalaṃ vyaktaṃ brūhi gṛhṇa baliṃ tava || 6-64 ||
Nimm an, hochbegnadete Göttin, Shiva, Verkörperung des Zeitenfeuers! Verkünde deutlich die heilvolle oder unheilvolle Frucht. Nimm dein Bali an!
6.65 evamuccārya dātavyo baliḥ kulajanapriyaḥ |
yadā na bhujyate devi tadā naiva śubhaṃ bhavet || 6-65 ||
So sprechend bringe man das den Kula-Angehörigen liebe Bali dar. Wird es nicht gefressen, Göttin, ist dies kein gutes Zeichen.
6.66 śubhaṃ yadi bhavet tatra bhujyate tadaśeṣataḥ |
evaṃ jñātvā mahādevi śāntiṃ svastyayanaṃ caret || 6-66 ||
Ist Heil zu erwarten, wird es vollständig gefressen. Dies erkennend vollziehe man Befriedungs- und Segensriten, große Göttin.
6.67 iti te kathitaṃ devi naimittikavidhiṃ śive |
yatkṛte sādhako vīro jāyate ca nirāpadaḥ || 6-67 ||
Damit habe ich dir den anlassbezogenen Ritus erklärt, Göttin, Heilvolle, durch den der Vira-Übende von Gefahren frei wird.
6.68 atha vakṣye maheśāni śāktācārakramaṃ śubham |
śāktānāṃ kulasarvasvaṃ jānīhi naganandini || 6-68 ||
Nun erkläre ich die heilvolle Ordnung der Shakta-Lebensführung, große Herrin. Erkenne sie als den ganzen Reichtum des Kula für die Shaktas, Tochter des Berges.
6.69 prātarutthāya mantrajñaḥ kulavṛkṣaṃ praṇamya ca |
śiraḥpadme guruṃ dhyātvā tatsudhāplāvitaṃ smaret || 6-69 ||
Morgens stehe der Mantrakundige auf, verneige sich vor dem Kula-Baum, meditiere über den Guru im Scheitellotos und betrachte sich als von dessen Nektar überflutet.
6.70 mānasairupacāraistu tamārādhya nirāmayaḥ |
mulādibrahmarandhrāntaṃ mūlavidyāṃ vibhāvayet || 6-70 ||
Er verehre ihn mit geistigen Ehrengaben und vergegenwärtige sich unbeschwert die Grundvidya von der Wurzel bis zur Brahmaöffnung.
6.71 sūryakoṭipratīkāśāṃ sudhāplāvitavigrahām |
tatprabhāpaṭalavyāptaṃ svaśarīraṃ vicintayet || 6-71 ||
Sie strahlt wie Millionen Sonnen, ihr Leib ist von Nektar überflutet. Den eigenen Körper betrachte man als ganz von ihrem Licht erfüllt.
6.72 śleṣmātaka-karañjākṣa-nimbāśvatthakadambakāḥ |
bilvo vāpyathavā'śoka ityaṣṭau kulapādapāḥ || 6-72 ||
Shleshmataka, Karanja, Aksha, Nimba, Ashvattha, Kadamba, Bilva und Ashoka sind die acht Kula-Bäume.
6.73 evaṃ te kathitaṃ bhadre tantre'nyasmin maheśvari |
bālāṃ vā yauvanonmattāṃ vṛddhāṃ vā kulasundarīm || 6-73 ||
So wurde es dir in einem anderen Tantra erklärt, Gütige, große Herrin. Ob eine junge, eine von Jugend berauschte oder eine alte Frau des Kula —
6.74 kutsitāṃ vā mahāduṣṭāṃ namaskṛtya vibhāvayet |
tāsāṃ prahāro nindā vā kauṭilyamapriyaṃ tathā || 6-74 ||
ob eine verachtete oder sehr schwierige Frau: Man verneige sich vor ihr und betrachte sie als göttlich. Schlagen, Verleumdung, Hinterlist und Unfreundlichkeit ihr gegenüber —
6.75 sarvathā ca na kartavyamanyathā siddhirodhakaḥ |
striyo devāḥ striyaḥ prāṇāḥ striya eva vibhūṣaṇam || 6-75 ||
sind niemals zu üben; andernfalls wird Vollendung verhindert. Frauen sind Gottheiten, Frauen sind Leben, Frauen sind der Schmuck des Lebens.
6.76 strīsaṅginā sadā bhāvyamanyathā svastriyāmapi |
viparītaratā sā tu bhāvitā hṛdayopari || 6-76 ||
Man sei stets mit einer Frau verbunden, andernfalls mit der eigenen. In umgekehrter Liebesstellung werde sie über dem Herzen vergegenwärtigt.
6.77 taddhasthāvacitaṃ dravyaṃ taddhastāvacitaṃ jalam |
taddhastāvacitaṃ bhojyaṃ devatābhyo nivedayet || 6-77 ||
Materialien, Wasser und Speisen, die ihre Hand gesammelt oder bereitet hat, bringe man den Gottheiten dar.
6.78 anyamantrapuraskāraṃ nindāṃ caiva vivarjayet |
etad brahma tadevaitannāhaṃ vastu na so'pi ca || 6-78 ||
Man meide das Voranstellen anderer Mantras und Verleumdung. »Dies ist Brahman, jenes ist eben dieses; weder ich noch jener besteht als eigenständiges Ding.«
6.79 nānācāraṃ na kartavyaṃ nācāraṇamitastataḥ |
prāyaścittaṃ bhṛgoḥ pātaṃ tīrthābhigamanaṃ tathā || 6-79 ||
Man vermische nicht beliebig verschiedene Lebensordnungen und handle nicht unstet bald hier, bald dort. Sühne, den Sprung von einer Klippe und Pilgerreisen —
6.80 piṇḍaṃ vedoditaṃ nyāsaṃ kaule pañca vivarjayet |
bhūtahiṃsā na kartavyā paśuhiṃsā viśeṣataḥ || 6-80 ||
vedische Ahnen-Speisegaben und vedischen Nyasa: Diese fünf lasse man im Kaula-Weg beiseite. Lebewesen soll man nicht verletzen, besonders keine Tiere.
6.81 balidānaṃ vinā devyā hiṃsāṃ sarvatra varjayet |
balidānāya yā hiṃsā doṣāya prakīrtitā || 6-81 ||
Außer beim Bali für die Göttin ist Gewalt überall zu meiden. Gewalt beim Bali wird als fehlerhaft bezeichnet. [Im zweiten Halbvers fehlt offenbar eine Negation; der Widerspruch zur folgenden Aussage bleibt kenntlich.]
6.82 balidānāya hiṃsyācca sadā devi mahāpaśūn |
iti vedavidāṃ devi siddhāntaḥ sarvasaṃmataḥ || 6-82 ||
Für das Bali dürfe man große Opfertiere töten, Göttin. Dies sei die von allen anerkannte Lehre der Vedakenner.
6.83 vedasaṃmatasiddhantaḥ sa mamāpi ca saṃmataḥ |
paśuyāge maheśāni paśuṃ hanyānna saṃśayaḥ || 6-83 ||
Was die vedische Lehre anerkennt, erkenne auch ich an. Beim Tieropfer töte man ein Opfertier, große Herrin, daran bestehe kein Zweifel.
6.84 sā hiṃsā ninditā vedairyā ca vaidhetarā bhavet |
vaidhahiṃsā ca kartavyā saṃśayo nāsti kaścana || 6-84 ||
Die Veden verurteilen jene Gewalt, die außerhalb der Vorschrift liegt; vorgeschriebene Opfergewalt sei zu vollziehen. [Dies sind die historischen Wertungen des Textes.]
6.85 idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi rahasyaṃ paramādbhutam |
rahasyaṃ sarvadevīnāṃ samayācāralakṣaṇam || 6-85 ||
Höre nun ein höchst wunderbares Geheimnis, du Wohlgestaltete: die geheime Lebensordnung der verbindlichen Gelübde aller Göttinnen.
6.86 yena vinā maheśāni na sidhyenmantramuttamam |
kalpakoṭijapenāpi tasya siddhirna jāyate || 6-86 ||
Ohne sie wird selbst das beste Mantra nicht vollendet, große Herrin, auch nicht durch Wiederholung während zehn Millionen Weltaltern.
6.87 mānavāḥ kulaśāstrāṇāṃ kulācārānucāriṇām |
siddhāḥ syurnāsti saṃdeho vaiṣṇavācāratatparāḥ || 6-87 ||
Menschen, die der Kula-Lehre und Kula-Lebensordnung folgen, werden zweifellos vollendet; sie seien der Vaishnava-Lebensführung zugewandt. [Der letzte Ausdruck steht unvermittelt in der Vorlage.]
6.88 paranindāsahiṣṇuḥ syādupakārarataḥ sadā |
parvate vijane vāpi nirjane śūnyamaṇḍale || 6-88 ||
Man ertrage Verleumdung durch andere und widme sich stets dem Wohltun. Auf einem Berg, an einem einsamen Ort oder verlassenen Platz —
6.89 catuṣpathe kalāmadhye yadi daivānmaheśvari |
kṣaṇaṃ dhyātvā manuṃ japtvā natvā gacched yathāsukham || 6-89 ||
an einer Kreuzung oder inmitten der Teilkräfte [Lesung unsicher], wenn man zufällig dorthin gelangt, meditiere man kurz, rezitiere, verneige sich und gehe frei weiter.
6.90 gṛdhraṃ vīkṣya mahākālīṃ namaskuryādatandritaḥ |
kṣemaṅkarīṃ tathā vīkṣya jambukīṃ yamadūtikām || 6-90 ||
Beim Anblick eines Geiers verehre man unverzüglich Mahakali; ebenso bei Kshemankari, der Schakalin, der Botin Yamas.
6.91 kuraraṃ śyenabhūkākau kṛṣṇamārjārameva ca |
kṛśodari mahācaṇḍe muktakeśi balipriye || 6-91 ||
Bei Kurara-Vogel, Falke, Eule, Krähe und schwarzer Katze spreche man: Schlankbäuchige, große Ungestüme, Offenhaarige, Liebhaberin des Bali —
6.92 kulācāraprasannāsye namaste śaṃkarapriye |
śmaśāne ca śavaṃ dṛṣṭvā pradakṣiṇamanuvrajan || 6-92 ||
deren Antlitz durch Kula-Praxis erfreut ist, Verehrung dir, Geliebte Shankaras! Sieht man einen Leichnam auf dem Verbrennungsplatz, umschreite man ihn rechtsherum —
6.93 praṇamyānena manunā mantrī sukhamavāpnuyāt |
ghoradaṃṣṭre karālāsye [kaṭhorākṣi kha pāṭhaḥ |] kiṭi śabdaninādini || 6-93 ||
und verneige sich mit diesem Mantra; dadurch gewinnt der Mantrakundige Glück: Du mit furchtbaren Zähnen und grimmigem Antlitz, die du den Kiṭi-Laut ertönen lässt —
6.94 gurughoraravāsphāle namaste citivāsini |
raktavastrāṃ raktapuṣpāṃ vilokya tripurāmbikām || 6-94 ||
mit mächtigem, schrecklichem Dröhnen: Verehrung dir, Bewohnerin des Scheiterhaufens! Beim Anblick roter Gewänder und roter Blüten sehe man Tripurambika.
6.95 praṇamya daṇḍavadbhūmāvima mantraṃ paṭhennaraḥ |
bandhūkapuṣpasaṃkāśe tripure bhayanāśini || 6-95 ||
Man werfe sich lang ausgestreckt nieder und rezitiere: Du strahlst wie die Bandhuka-Blüte, Tripura, Vernichterin der Furcht —
6.96 bhāgyodayasamutpanne namaste varavarṇini |
kṛṣṇavarṇaṃ tathā puṣpaṃ rājānaṃ rājaputrakam || 6-96 ||
du gehst mit dem Aufgang des Glücks hervor; Verehrung dir, Schönfarbige! Beim Anblick dunkler Blüten, eines Königs oder Königssohns —
6.97 hastyaśvarathaśastrāṇi karavīraṃ tathā śivam [phalakān vīrapūruṣān kha
pāṭhaḥ |] |
mahiṣaṃ kulanāthaṃ ca dṛṣṭvā mahiṣamardinīm || 6-97 ||
von Elefanten, Pferden, Wagen, Waffen, Oleander und Shiva [Variante: Schilden und Helden], eines Büffels und des Kula-Herrn sehe man Mahishamardini.
6.98 praṇamya jayadurgāṃ vā sa tu vighnairna lipyate |
jaya devi jagaddhātri tripurādye tridaivate || 6-98 ||
Wer sich vor ihr oder Jayadurga verneigt, bleibt von Hindernissen unbefleckt: Sieg dir, Göttin, Trägerin der Welt, Ursprung Tripuras, dreifache Gottheit —
6.99 bhaktebhyo varade devi mahiṣaghni namo'stu te |
madyabhāṇḍaṃ samālokya matsyamāṃsaṃ varastriyam || 6-99 ||
Göttin, die du den Verehrenden Segen schenkst, Büffeltöterin, dir sei Verehrung! Sieht man ein Alkoholgefäß, Fisch, Fleisch oder eine vortreffliche Frau —
6.100 dṛṣṭvā ca bhairavīṃ devīṃ praṇamya vinyasenmanum [vimṛśet kha pāṭhaḥ |] |
ghoravighnavināśāya kulācārasamṛddhaye || 6-100 ||
betrachte man sie als Göttin Bhairavi, verneige sich und lege das Mantra auf [Variante: vergegenwärtige es], zur Vernichtung schwerer Hindernisse und zum Gedeihen der Kula-Praxis.
6.101 namāmi varade devi muṇḍamālāvibhūṣite |
raktadhārāsamākīrṇe varade [rṇavadane kha pāṭhaḥ |] tvāṃ namāmyaham || 6-
101 ||
Ich verneige mich, segenspendende Göttin, die du eine Schädelgirlande trägst, von Blutströmen bedeckt bist: Vor dir, Segenspenderin, verneige ich mich.
6.102 sarvavighnahare devi namaste haravallabhe |
eteṣāṃ darśanenaiva yadi naivaṃ pravartate || 6-102 ||
Göttin, die du alle Hindernisse hinwegnimmst, Verehrung dir, Geliebte Haras! Wer beim Anblick dieser Erscheinungen nicht entsprechend handelt —
6.103 śaktimantraṃ puraskṛtya tasya siddhirna jāyate |
eteṣāṃ hiṃsanoccāṭamāraṇaṃ vāgurādibhiḥ || 6-103 ||
erlangt keine Vollendung, selbst wenn er das Shakti-Mantra voranstellt. Wer diese Wesen verletzt, vertreibt oder mit Fangschlingen und anderen Mitteln tötet —
6.104 kriyate yena pāpātmā madbhaktaḥ sa kathaṃ bhavet |
pradhānāṃśasamudbhūtā ete kulajanapriye || 6-104 ||
wie könnte ein solcher Übeltäter mein Verehrer sein? Diese Wesen sind aus den wichtigsten Anteilen hervorgegangen, du den Kula-Angehörigen Geliebte.
6.105 ḍākinyaśca mahādevi tvadaṃśāḥ sarvato diśaḥ |
labdhasiddhisamāyogo ḍākinīdarśanaṃ yadi || 6-105 ||
Die Dakinis in allen Himmelsrichtungen sind deine Anteile, große Göttin. Wenn man zur Vollendung gelangt ist und eine Dakini schaut —
6.106 athavā dānavānāṃ ca madbhaktānāṃ viśeṣataḥ |
vaṭukānāṃ devatānāṃ tasya siddhiśca jāyate || 6-106 ||
oder besonders einen Danava, der mich verehrt, einen Vatuka oder eine Gottheit, entsteht Vollendung.
6.107 parayoṣāṃ samālokya ṣoḍaśābdāṃ manoharām |
raktavastrāṃ mṛgākṣīṃ ca praṇamya ca manuṃ japet || 6-107 ||
Beim Anblick einer anderen Frau, einer anmutigen Sechzehnjährigen in rotem Gewand mit Gazellenaugen, verneige man sich und rezitiere das Mantra.
6.108 aṣṭottaraśataṃ japtvā siddhimāpnoti niścitam |
tataḥ siddhamanurmantrī sarvakarmāṇi sādhayet || 6-108 ||
Nach 108 Wiederholungen erlangt man gewiss Vollendung. Mit vollendetem Mantra kann der Mantrakundige sämtliche Riten ausführen.
6.109 vaiśākhe māsi deveśi tṛtīyākṣayasaṃjñitā |
tasyāṃ cāvāhya vidhivat kālikāṃ bhuvaneśvarīm || 6-109 ||
Am als Akshaya bezeichneten dritten Mondtag im Vaishakha rufe man vorschriftsgemäß Kalika, die Weltenherrin, herbei.
6.110 prastutiṃ kārayedvidvān sarvakāmaphalapradām |
stutvā cāvāhya yatnena pūjayet paradevatām || 6-110 ||
Der Kundige vollziehe den alle Wünsche erfüllenden Lobpreis, rufe sie sorgfältig herbei und verehre die höchste Gottheit.
6.111 caturbhujāṃ mahādevīṃ muṇḍamālāvibhūṣitām |
abhayaṃ varadaṃ khaḍgaṃ muṇḍamālādharāṃ parām || 6-111 ||
Die vierarmige große Göttin trägt eine Schädelgirlande; als höchste hält sie die Zeichen der Furchtlosigkeit und Segensgewährung, ein Schwert und eine Schädelgirlande.
6.112 śrīdevyuvāca
bhagavan sarvadharmajña sarvaśāstrārthapāraga |
kālikāyā mahādevyāḥ pūjanaṃ vistareṇa tu || 6-112 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Erhabener Kenner allen Dharmas, der du den Sinn aller Lehrwerke durchdringst: Die ausführliche Verehrung der großen Göttin Kalika —
6.113 guptabījaṃ guptamantraṃ mūlādhārabahiṣkriyām |
kathayasva samāsena yena tuṣyāmi śaṃkara || 6-113 ||
das geheime Bija, das geheime Mantra und die Herausführung aus dem Muladhara erkläre mir zusammenfassend, damit ich erfreut werde, Shankara.
6.114 (śrībhairava uvāca) |
mantranyāsaṃ samācarya ṛṣyādinyāsamācaret |
ādau ca āsanaṃ dattvā pūjayet paradevatām || 6-114 ||
Shri Bhairava sprach: Man vollziehe den Mantra-Nyasa und den Nyasa von Seher und weiteren Zuordnungen. Zuerst biete man einen Sitz und verehre die höchste Gottheit.
6.115 asyāṃ tithau mahādevi kālikāṃ yaḥ prapūjayet |
tasya sarvārthasiddhiḥ syāt sarvaśatrukṣayo bhavet || 6-115 ||
Wer Kalika an diesem Mondtag verehrt, große Göttin, dem gelingen alle Ziele, und alle Feinde gehen zugrunde.
6.116 rājāno'nye maheśāni dāsatvaṃ prāpnuyurlaghu |
na pūjayati cetkālīṃ dambhādvāpyatha bhairavi || 6-116 ||
Andere Könige werden ihm rasch zu Dienern, große Herrin. Wer Kali aus Überheblichkeit nicht verehrt, Bhairavi —
6.117 sarvanāśaṃ karotyāśu kruddhā bhavati kālikā |
tasmāt sarvaprayatnena mahāvibhavavistaraiḥ || 6-117 ||
bei dem richtet die erzürnte Kalika rasch völligen Untergang an. Darum verehre man mit aller Sorgfalt und großem Aufwand —
6.118 pūjayet parameśānīṃ sarvakāmasamṛddhidām |
mahāpūjāṃ mahādevi yadi kuryādvarānane || 6-118 ||
die höchste Herrin, die die Fülle aller Wünsche gewährt. Wenn man die große Verehrung vollzieht, große Göttin, Schönantlitzige —
6.119 tadaiva mahatī siddhirbhavatyeva na saṃśayaḥ |
caturvargasya kāmī hi pūjayet kālikāṃ mudā || 6-119 ||
entsteht eben dadurch große Vollendung, daran besteht kein Zweifel. Wer die vier Lebensziele erstrebt, verehre Kalika freudig.
6.120 prāṇapratiṣṭhāmantreṇa prāṇān saṃsthāpayed budhaḥ |
nyāsajālaṃ mahādevyāḥ śarīre viniveśya vai || 6-120 ||
Mit dem Mantra der Lebensübertragung setze der Kundige die Lebenskräfte ein und lege die Folge der Nyasas auf den Leib der großen Göttin.
6.121 evaṃ ca ātmano dehe nyāsajālaṃ niveśayet |
bhūtaśuddhiṃ tataḥ kuryāt prāṇāyāmaṃ caret tridhā || 6-121 ||
Ebenso lege er die Nyasas auf den eigenen Leib. Danach vollziehe er die Elementereinigung und dreimal Pranayama.
6.122 apasarpantu te bhūtā ye bhūtā bhuvi saṃsthitāḥ |
ye bhūtā vighnakartāraste naśyantu śivājñayā || 6-122 ||
Weichen sollen die Wesen, die auf der Erde weilen! Die Wesen, die Hindernisse bereiten, mögen auf Shivas Geheiß verschwinden!
6.123 vighnānutsārya deveśi padmaṃ nirmāya yāgavit |
devīsaṃmukhato devi tataḥ pūjāṃ samārabhet || 6-123 ||
Nach der Vertreibung der Hindernisse zeichne der Ritualkundige vor der Göttin einen Lotos und beginne die Verehrung.
6.124 rātrau gate tu prahare prathame suravandite [suragaṇārcite iti pāṭhāntaram |] |
āsanaṃ prathamaṃ dadyāt svāgataṃ tadanantaram || 6-124 ||
Wenn die erste Nachtwache vergangen ist, du von den Göttern Verehrte, biete man zuerst einen Sitz, danach die Begrüßung.
6.125 pādyārghyācamanīyaṃ ca madhuparkaṃ tataḥ param |
tathā cācamanīyaṃ ca snānīyaṃ ca tataḥ param || 6-125 ||
Fußwasser, Arghya, Wasser zum Schlürfen, danach Madhuparka, wiederum Schlürfwasser und anschließend Badewasser.
6.126 vasanaṃ raktakaṃ dadyād rajatābharaṇaṃ tathā |
gandhapuṣpe mahādevi dhūpadīpau tataḥ param || 6-126 ||
Man gebe ein rotes Gewand, silbernen Schmuck, Duft und Blüten, große Göttin, danach Räucherwerk und Licht.
6.127 naivedyaṃ trividhaṃ dadyāt susvādu sumanoharam |
tāmbūlaṃ paramaṃ hṛdyaṃ dadyād devyai manoharam || 6-127 ||
Drei Arten wohlschmeckender, erfreulicher Speisegaben und besonders angenehmen, lieblichen Betel bringe man der Göttin dar.
6.128 balidānaṃ mahādevyai kuryāt sādhakasattamaḥ |
chāgaṃ dadyāt tathā meṣaṃ mahiṣaṃ godhikāṃ tathā || 6-128 ||
Der vortreffliche Übende vollziehe das Bali für die große Göttin: Ziege, Schaf, Büffel und Waran werden genannt.
6.129 kapotaṃ ca maheśāni dadyād devyai manoharam |
madhūdakaṃ mahādevyai śarkarādivinirmitam || 6-129 ||
Auch eine Taube bringe man der Göttin dar, große Herrin; der großen Göttin Honigwasser und aus Zucker bereitete Gaben.
6.130 tataḥ śatrubaliṃ rājā dadyāt kṣīreṇa nirmitam |
svayaṃ chindyāt krodhadṛṣṭyā prahārajanakena ca || 6-130 ||
Dann bringe der König eine aus Milchmasse gefertigte Feind-Opferfigur dar und zerschneide sie selbst mit zornigem Blick und einem schlagenden Werkzeug.
6.131 kopena ca sakṛd devi satyaṃ satyaṃ gaṇeśvari |
prāṇapratiṣṭhāṃ kṛtvā vai śatrunāmnā maheśvari || 6-131 ||
Dies geschehe mit einem einzigen zornigen Hieb, Göttin, wahrlich, Herrin der Scharen, nachdem die Figur im Namen des Feindes rituell belebt wurde.
6.132 śatrukṣayo mahādevi bhavatyeva na saṃśayaḥ |
mantraṃ japtvā vidhānena namaskuryācchucismite || 6-132 ||
Der Text verheißt dadurch den Untergang des Feindes, große Göttin. Nach vorschriftsgemäßem Japa verneige man sich, du rein Lächelnde.
6.133 vādyabhāṇḍaṃ nivedyaiva sarvayatnena deśikaḥ |
tataḥ sa sādhako vīro jāyate nātra saṃśayaḥ || 6-133 ||
Der Lehrer bringe sorgfältig Musikinstrumente dar. Dadurch wird der Übende zum Vira, daran besteht kein Zweifel.
6.134 sandaṃśaṃ paramaṃ dadyād bhṛṣṭadravyeṇa saṃyutam |
guḍakṣīraṃ madhu drākṣāmikṣudaṇḍaṃ purātanam || 6-134 ||
Man gebe vorzüglichen Sandesha mit Gebratenem, Rohrzucker, Milch, Honig, Trauben und gereiftes Zuckerrohr.
6.135 rambhāphalaṃ bījapūraṃ tathā ca nārikelakam |
madhuyuktaṃ nārikelaṃ śasyaṃ dadyānmaheśvari || 6-135 ||
Bananenfrucht, Zitronatzitrone, Kokosnuss und mit Honig vermischtes Kokosfleisch gebe man, große Herrin.
6.136 avaśyaṃ dāpayet tattu devītoṣo mahān bhavet |
guptamantraṃ maheśāni jānīhi naganandini || 6-136 ||
Diese Gabe soll unbedingt dargebracht werden; sie erfreut die Göttin sehr. Erkenne nun das geheime Mantra, große Herrin, Tochter des Berges.
6.137 [mantrastu oṃ hrīṃ hrīṃ hūṃ hūṃ krīṃ krīṃ dakṣiṇe kālike krīṃ krīṃ
hūṃ hūṃ hrīṃ hrīṃ svāhā ||]
bhuvaneśī dvayaṃ bhadre kūrcayugmaṃ tataḥ param |
nijabījadvayaṃ devi dakṣiṇe kāliketi ca || 6-137 ||
Zweimal Bhuvaneshi, Gütige, dann zweimal Kurca und zweimal ihr eigenes Bija, Göttin, darauf »dakṣiṇe kālike«. [Die Sanskritglosse schreibt das Mantra aus.]
6.138 saṃhārakramayogena pūrvabījāni coccaret |
vedādiśca mahāmantro vahnijāyāvadhiḥ smṛtaḥ || 6-138 ||
In umgekehrter Auflösungsfolge spreche man die zuvor genannten Bijas. Der große Mantra beginnt mit dem Vedenanfang Om und endet mit der Gattin des Feuers, Svaha.
6.139 asmāt parataraṃ nāsti kālīmantraḥ parātparaḥ |
kalpapādapanāmāyaṃ bhajatāṃ kāmado manuḥ || 6-139 ||
Nichts steht höher als dieses höchste Kali-Mantra. Als Wunschbaum bezeichnet erfüllt es die Wünsche der Verehrenden.
6.140 atipriyatvāt kathito na prakāśyaṃ varānane |
guptabījamidaṃ kālyāḥ sarvatantreṣu gopitam || 6-140 ||
Aus inniger Liebe wurde es mitgeteilt; es soll nicht öffentlich preisgegeben werden, Schönantlitzige. Dieses geheime Bija Kalis ist in allen Tantras verborgen.
6.141 vaśyādi ca maheśāni anena jāyate'cirāt |
aṣṭottaraśatenāpi mūlādhārabahiṣkriyām || 6-141 ||
Beeinflussung und weitere Anwendungen gelingen damit bald, große Herrin. Durch 108 Wiederholungen kann die Herausführung aus dem Muladhara —
6.142 kartuṃ ca śakyate devi siddho bhavati tatkṣaṇāt |
kalau kālī tathā tārā cānnapūrṇā ca sundarī || 6-142 ||
vollzogen werden, Göttin; sogleich wird man vollendet. Im Kali-Zeitalter sind Kali, Tara, Annapurna und Sundari —
6.143 etāsāṃ siddhavidyānāṃ śrīmantragrahaṇādapi |
śivatvaṃ jāyate subhru saṃśayo nāsti kaścana || 6-143 ||
vollendete Vidyas; schon durch den Empfang ihrer ehrwürdigen Mantras entsteht Shiva-Sein, Schönbrauige, daran besteht kein Zweifel.
6.144 śīghraṃ siddhyanti mantrāśca satyaṃ satyaṃ maheśvari |
māghe māsyasite pakṣe raṭantyākhyā caturdaśī || 6-144 ||
Die Mantras werden rasch vollendet, wahrlich, große Herrin. Im dunklen Halbmonat des Magha liegt der vierzehnte Mondtag namens Ratanti.
6.145 tasyāṃ saṃpūjayet tārāṃ mahāvibhavavistaraiḥ |
cakravartī mahārājā bhavatyeva na saṃśayaḥ || 6-145 ||
An ihm verehre man Tara mit großer Pracht. Man wird zum großen Weltherrscher, verheißt der Text.
6.146 mārge māsi site pakṣe saptamī ravivallabhā |
annadāṃ pūjayed bhaktyā putrapautrasamanvitaḥ || 6-146 ||
Im hellen Halbmonat des Margashirsha ist der siebte Mondtag der Sonne lieb. An ihm verehre man Annada hingebungsvoll, zusammen mit Kindern und Enkeln.
6.147 lakṣmīḥ sthirāyate'vaśyaṃ yāvacca sacarācaram |
tāvat tasya gṛhe lakṣmīrvaikṛtyaṃ parivarjya ca || 6-147 ||
Lakshmi wird gewiss beständig bleiben; solange Bewegliches und Unbewegliches bestehen, bleibt sie unverändert in seinem Haus.
6.148 niścalā ca bhaved devi satyaṃ satyaṃ gaṇeśvari |
pūjā cāsyā maheśāni kathitā tava sannidhau || 6-148 ||
Sie wird unerschütterlich, Göttin, wahrlich, Herrin der Scharen. Ihre Verehrung wurde dir bereits erklärt —
6.149 annadākalpake samyag jānīhi gaṇasundari |
kārtike śuklapakṣasya navamī yā sitā bhavet || 6-149 ||
im Annada-Ritual; erkenne sie genau, du Schöne der Scharen. Am neunten Mondtag der hellen Hälfte des Karttika —
6.150 tasyāṃ pūjyā maheśāni sundarī paradevatā |
sundaryāḥ paṭale samyak pūjā ca kathitā śubhe || 6-150 ||
ist Sundari, die höchste Gottheit, zu verehren, große Herrin. Ihre Verehrung ist im Kapitel über Sundari ausführlich erklärt, Heilvolle.
6.151 iti te kathitaṃ kiñcit naimittaṃ paramaṃ śubham |
anyad vakṣyāmi deveśi jāyante ca nirāpadaḥ || 6-151 ||
Damit habe ich etwas von der höchsten heilvollen anlassbezogenen Praxis erklärt. Weiteres werde ich verkünden, Herrin der Götter, wodurch man frei von Gefahr wird.
6.152 idānīṃ kathayiṣyāmi kāmyānuṣṭhānamuttamam |
yenaiva mahatā devi sarvavidyāmayo bhavet || 6-152 ||
Nun erkläre ich die vortreffliche wunscherfüllende Praxis, durch deren Größe man von allem Wissen erfüllt wird, Göttin.
6.153 homatarpaṇapūjā ca bhāvanā japa eva ca |
mantrasya sādhanaṃ caiva māraṇoccāṭane tathā || 6-153 ||
Feueropfer, Wasserspende, Verehrung, Vergegenwärtigung, Japa, Mantravervollkommnung, Vernichtung und Vertreibung —
6.154 etāni kāmyakarmāṇi kurute sādhakaḥ sadā |
ardharātre śaratkālo hemantaḥ syāt prabhātake || 6-154 ||
diese wunschorientierten Riten führt der Übende aus. Mitternacht entspricht dem Herbst, der Tagesanbruch dem Frühwinter.
6.155 pūrvāhṇe ca vasantaḥ syāt madhyāhne grīṣma eva ca |
prāvṛṭkālo'parāhṇe syāt pradoṣaḥ śiśiraḥ smṛtaḥ || 6-155 ||
Vormittag entspricht Frühling, Mittag Sommer, Nachmittag Regenzeit, frühe Nacht Spätwinter.
6.156 uṣāyoge ca hemantaḥ prabhāte śiśirāgamaḥ |
praharārdhe vasantaśca grīṣmo madhyandināntare || 6-156 ||
Eine weitere Zuordnung lautet: Morgendämmerung Frühwinter, früher Morgen Spätwinter, eine halbe Tageswache später Frühling, Mittag Sommer.
6.157 turyayāme ca varṣākhyā śaradastaṃgate ravau |
etatte kathitaṃ subhru kālānāṃ niyamaṃ śṛṇu || 6-157 ||
In der vierten Wache liegt die Regenzeit, bei Sonnenuntergang der Herbst. Dies wurde dir erklärt, Schönbrauige; höre die Zeitregeln.
6.158 evaṃ jñātvā maheśāni sarvakarmāṇi kārayet |
śāntiṃ puṣṭiṃ tathā vaśyamākarṣoccāṭanādikam || 6-158 ||
Mit dieser Kenntnis führe man alle Riten aus: Befriedung, Förderung, Beeinflussung, Heranziehung, Vertreibung und weitere, große Herrin.
6.159 ṣaṭkarmāṇi prayuktāni nigraho māraṇaṃ tathā |
rogakṛtyākṣayādīnāṃ nirāsaḥ śāntirīritā || 6-159 ||
Die sechs Handlungen werden angewandt, darunter Niederhaltung und Vernichtung. Als Befriedung gilt das Abwehren von Krankheit, Schadenszauber, Verfall und Ähnlichem.
6.160 puṣṭirdhanajanādīnāṃ vaśyādīnāṃ ca kathyate |
janasaṃvananaṃ caivākarṣaṇamātmanā kṛtam || 6-160 ||
Förderung betrifft Wohlstand, Menschen und Weiteres; Beeinflussung heißt die Zuneigung von Menschen zu gewinnen, Heranziehung sie zu sich zu führen.
6.161 uccāṭanādikaraṇaṃ nigrahaḥ parikīrtitaḥ |
janānāṃ prāṇaharaṇaṃ māraṇaṃ parikīrtitam || 6-161 ||
Vertreibung und ähnliche Handlungen heißen Niederhaltung. Menschen das Leben zu nehmen heißt Vernichtung.
6.162 sūryādayaṃ samārabhya ghaṭikādaśakaṃ kramāt |
ṛtavaḥ syurvasantādyāścāhorātraṃ dine dine || 6-162 ||
Von Sonnenaufgang an entsprechen jeweils zehn Ghatikas der Reihe nach den Jahreszeiten, beginnend mit Frühling, in jedem Tag und jeder Nacht.
6.163 vasantagrīṣmavarṣākhyaśaraddhemantaśaiśirāḥ |
hemanto śāntike prokto vasanto vaśyakarmaṇi || 6-163 ||
Frühling, Sommer, Regenzeit, Herbst, Frühwinter und Spätwinter: Frühwinter wird für Befriedung, Frühling für Beeinflussung genannt.
6.164 śiśire stambhanaṃ proktaṃ vidveṣe grīṣma īritaḥ |
prāvṛḍḍuccāṭane śastā śaranmāraṇakarmaṇi || 6-164 ||
Spätwinter gilt für Stillstellung, Sommer für Entzweiung, Regenzeit für Vertreibung und Herbst für Vernichtung.
6.165 vaśye cākarṣaṇe caiva raktavarṇaṃ vibhāvayet |
nirviṣīkaraṇe śāntau puṣṭau cāpyāyane sitam || 6-165 ||
Bei Beeinflussung und Heranziehung vergegenwärtige man Rot; bei Entgiftung, Befriedung, Förderung und Stärkung Weiß.
6.166 pītaṃ stambhanakāryeṣu dhūmramucchāṭane bhavet |
unmāde śakragopābhaṃ kṛṣṇavarṇābhakaṃ mṛtau || 6-166 ||
Bei Stillstellung Gelb, bei Vertreibung Rauchfarbe, bei Verwirrung die Farbe des roten Indragopa-Insekts, bei Vernichtung Schwarz.
6.167 utthitaṃ māraṇe dhyeyaṃ suptamuccāṭane smṛtam |
upaviṣṭaṃ sureśāni vaśyādau paricintayet || 6-167 ||
Für Vernichtung wird eine stehende Gestalt betrachtet, für Vertreibung eine liegende, für Beeinflussung und Ähnliches eine sitzende, Herrin der Götter.
6.168 āsīnaṃ śvetavarṇaṃ tu jñeyaṃ tu śānti(sātvi)ke śive |
vāmapārśvasthitaṃ kṛṣṇaṃ tāmasaṃ parikīrtitam || 6-168 ||
Für die friedvolle Form gilt die weiße sitzende Gestalt, Heilvolle; schwarz und auf der linken Seite befindlich heißt die tamasische Form.
6.169 sāttvikaṃ mokṣakāmānāṃ rājasaṃ rājyamicchatām |
tāmasaṃ śatrunāśārthaṃ sarvavyādhinivārakam || 6-169 ||
Die sattvische Form gilt den nach Befreiung Strebenden, die rajasische denen, die Herrschaft wünschen, die tamasische dem Untergang von Feinden und der Abwehr aller Krankheiten.
6.170 māraṇe viṣasaṃhāre bhūtagrahanivāraṇe |
uccāṭane ca vidveṣe pañcavarṇaṃ prayujyate || 6-170 ||
Bei Vernichtung, Entgiftung, Abwehr von Geisterbesessenheit, Vertreibung und Entzweiung werden die fünf Farben angewandt.
6.171 mantrānte nāmasaṃsthānaṃ yoga ityabhidhīyate |
śāntike pauṣṭike vaśye prāyaścittaviśodhane || 6-171 ||
Das Anfügen des Namens am Ende des Mantras heißt Yoga. Bei Befriedung, Förderung, Beeinflussung, Sühne und Reinigung —
6.172 mohane dīpane yogaṃ prayuñjanti manīṣiṇaḥ |
stambhanoccāṭanocchedavidveṣeṣu sa cocyate || 6-172 ||
bei Verzauberung und Entzündung wenden die Einsichtigen Yoga an. Er wird auch bei Stillstellung, Vertreibung, Beseitigung und Entzweiung genannt.
6.173 nāmna ādyantamadhye ca mantrasāṃmukhya ucyate |
mantrābhimukhyakaraṇe sarvapāpapraṇāśane || 6-173 ||
Steht das Mantra am Anfang, Ende und in der Mitte des Namens, heißt dies Gegenüberstellung. Beim Ausrichten des Mantras und der Vernichtung aller Verfehlungen —
6.174 jvara eṣa viṣakṛtyāśantike sa ca ucyate |
saṃmīlane sa evātha mantrāṇāmakṣarāṇi ca || 6-174 ||
bei Fieber sowie Befriedung von Gift und Schadenszauber wird diese Form genannt. Bei Verbindung werden die Mantrabuchstaben —
6.175 ekaikāntaritaṃ mantragrathanaṃ tat prakīrtitam |
yacchāntike vidhātavyaṃ nāmādyante yadā manuḥ || 6-175 ||
jeweils einzeln zwischengeschoben; das heißt Verflechtung des Mantras und dient der Befriedung. Steht das Mantra vor und nach dem Namen —
6.176 tatsaṃpuṭaṃ bhavet tattu kīlakaṃ paribhāṣitam |
stambhe mṛtyujaye dviṣṭau rakṣaṇādiṣu saṃpuṭaḥ || 6-176 ||
heißt dies Samputa, Einschließung, und wird auch Kilaka genannt. Einschließung dient Stillstellung, Überwindung des Todes, Entzweiung und Schutz.
6.177 dve dve mantrākṣare yatra ekaikaṃ sādhyanāmakam |
vidarbha eṣa vijñeyo munibhistantravedibhiḥ || 6-177 ||
Wo nach jeweils zwei Mantrabuchstaben ein Buchstabe des Namens der Zielperson steht, nennen die Tantra-kundigen Weisen dies Vidarbha.
6.178 vahnikārye japet svāhā namaḥ sarvatra cārcane |
śāntipuṣṭivaśadveṣamāraṇoccāṭane tathā || 6-178 ||
Beim Feueropfer spreche man Svaha, bei jeder Verehrung Namah. Für Befriedung, Förderung, Beeinflussung, Entzweiung, Vernichtung und Vertreibung —
6.179 sudhā svāhā vaṣaṭ huṃ ca vauṣaṭ phaṭaṃ kramān nyaset |
padmāsanaṃ mahādevi pauṣṭike samudāhṛtam || 6-179 ||
setze man der Reihe nach »sudhā, svāhā, vaṣaṭ, huṃ, vauṣaṭ, phaṭ«. [»sudhā« ist auffällig überliefert.] Für fördernde Riten wird Padmasana genannt, große Göttin.
6.180 vaśye caiva maheśāni tatha ca śāntike śive |
āsanaṃ svastikaṃ proktaṃ sākṣāt siddhikaraṃ tathā || 6-180 ||
Für Beeinflussung und Befriedung wird Svastikasana gelehrt, große Herrin, Heilvolle; es schenke unmittelbar Vollendung.
6.181 ākṛṣṭau ca maheśāni kambalaṃ samudāhṛtam |
vīrāsanaṃ maheśāni vidveṣe samudāhṛtam || 6-181 ||
Für Heranziehung wird eine Wolldecke genannt, für Entzweiung Virasana, große Herrin.
6.182 uccāṭane māraṇe ca vīrāsanaṃ praśasyate |
śāntipauṣṭikavaśye ca sundarī śobhanāśayā || 6-182 ||
Bei Vertreibung und Vernichtung wird Virasana empfohlen. Bei Befriedung, Förderung und Beeinflussung ist die Gottheit als schön und wohlgesinnt —
6.183 sarvābharaṇasaṃdīptā prāptakāmamanorathā |
dhyātavyā devatā samyak suprasannānanāmbujā || 6-183 ||
mit allem Schmuck strahlend, von erfüllten Wünschen und mit einem ganz heiteren Lotosantlitz zu betrachten.
6.184 ākarṣaṇe ca tadvat syāt uccāṭane praśasyate |
sādhya ākarṣaṇe dveṣe prathitaṃ tantravedibhiḥ || 6-184 ||
Ebenso bei Heranziehung; bei Vertreibung wird eine weitere Form empfohlen. Die Tantra-Kenner lehren die Zielperson bei Heranziehung und Entzweiung. [Der Satz ist unvollständig.]
6.185 varjamānairjanairdāntairgrathitastakṣakeṇa ca |
ukāravayasāviṣṭau yakṣa uccāṭane tathā || 6-185 ||
[Die Lesung ist stark gestört.] Genannt werden zurückgewiesene beziehungsweise beherrschte Menschen, eine Bindung mit Takshaka und ein Yaksha bei Vertreibung; eine zusammenhängende Übersetzung ist nicht zuverlässig möglich.
6.186 śilayākrāntitastattvaṃ tṛṇapānādiṣu smaret(?) |
idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi tithīnāṃ niyamaṃ śubhe || 6-186 ||
[Der erste Halbvers ist gestört und nennt Stein, Wesen, Gras und Trank ohne sicheren Zusammenhang.] Höre nun die heilvollen Regeln der Mondtage, du Wohlgestaltete.
6.187 pañcamī ca dvitīyā ca tṛtīyā saptamī tathā |
budhejyavārasaṃyuktā śāntikarmaṇi pūjitā || 6-187 ||
Der fünfte, zweite, dritte und siebte Mondtag, verbunden mit Mittwoch oder Donnerstag, werden für Befriedungsriten empfohlen.
6.188 saptamī pauṣṭike śastā aṣṭamī navamī tathā |
daśamyekadaśī caiva bhānuśukrādisaṃyutā || 6-188 ||
Für Förderung gelten der siebte, achte, neunte, zehnte und elfte Mondtag, verbunden mit Sonntag, Freitag und weiteren günstigen Tagen.
6.189 ākarṣaṇe'pyamāvāsyā navamī pratipattathā |
paurṇamāsī mandabhānuyuktā vidveṣakarmaṇi || 6-189 ||
Für Heranziehung Neumond, der neunte und erste Mondtag; Vollmond mit Samstag oder Sonntag für Entzweiung.
6.190 kṛṣṇā caturdaśī tadvadaṣṭamī mandavārakā |
uccāṭane tithiḥ śastā pradoṣe ca viśeṣataḥ || 6-190 ||
Der vierzehnte und achte Mondtag der dunklen Hälfte, verbunden mit Samstag, eignen sich für Vertreibung, besonders bei Einbruch der Nacht.
6.191 caturdaśyaṣṭamī kṛṣṇā amāvāsyā tathaiva ca |
mandasauradinopetā śastā māraṇakarmaṇi || 6-191 ||
Der vierzehnte und achte dunkle Mondtag sowie Neumond, verbunden mit Samstag oder Sonntag, gelten für Vernichtungsriten.
6.192 budhacandradinopetā pañcamī daśamī tathā |
paurṇamāsī ca vijñeyā tithiḥ stambhanakarmaṇi || 6-192 ||
Der fünfte und zehnte Mondtag sowie Vollmond, verbunden mit Mittwoch oder Montag, gelten für Stillstellung.
6.193 śubhagrahodaye kuryādaśubhā aśubhodaye |
raudrakarmāṇi riktārke mṛtyuyoge ca māraṇam || 6-193 ||
Heilvolle Riten vollziehe man beim Aufgang günstiger Planeten, unheilvolle bei ungünstigen. Zornige Riten bei Rikta-Sonnenkonstellationen, Vernichtung im Mrityu-Yoga. [Die erste technische Zuordnung ist nicht eindeutig.]
6.194 homatarpaṇapūjā ca bhāvanā japa eva ca |
mantrasya dhāraṇā caiva māraṇotsādane tathā || 6-194 ||
Feueropfer, Wasserspende, Verehrung, Vergegenwärtigung, Japa und das Tragen des Mantras, ebenso Vernichtung und Beseitigung —
6.195 etāni kāmyakarmāṇi prayoge'nyat samarcayet |
athānyat saṃpravakṣyāmi vaśīkaraṇamuttamam || 6-195 ||
sind wunschorientierte Handlungen; bei der Anwendung vollziehe man die jeweils weitere Verehrung. Nun erkläre ich eine besondere Beeinflussung.
6.196 yena vijñātamātreṇa mantrāḥ siddhyanti tatkṣaṇāt |
pratimāṃ kārayed devi palena rajatasya ca || 6-196 ||
Schon durch ihre Kenntnis werden die Mantras sogleich vollendet. Man lasse aus einem Pala Silber ein Bildnis der Göttin herstellen.
6.197 palārdhena maheśāni sādhyasya pratimāṃ śive |
haritālaṃ palārdhaṃ ca haridrācūrṇakaṃ tathā || 6-197 ||
Aus einem halben Pala ein Bild der Zielperson, große Herrin, Heilvolle; dazu ein halbes Pala Auripigment und Kurkumapulver.
6.198 gartaṃ kṛtvā sārdhahastaṃ tatra nikṣipya sundari |
raktāsanaṃ tatra dattvā vaset tadgatamānasaḥ || 6-198 ||
In einer anderthalb Ellen großen Grube lege man dies nieder, richte darüber einen roten Sitz ein und verweile mit darauf gerichtetem Geist.
6.199 caturdikṣu maheśāni patākāṃ viniveśayet |
raktāsane copaviśya pūrvāsyo japamācaret || 6-199 ||
In den vier Richtungen stelle man Fahnen auf, große Herrin. Auf dem roten Sitz nach Osten gewandt vollziehe man Japa.
6.200 pūjāyā niyamaṃ devi jānīhi naganandini |
tilapūrṇaṃ ghaṭaṃ tatra sthāpayet devi deśikaḥ || 6-200 ||
Erkenne die Verehrungsregel, Göttin, Tochter des Berges: Der Lehrer stelle dort ein mit Sesam gefülltes Gefäß auf.
6.201 tāmrapātraṃ tato nyasya pratiṣṭhāmācaret tataḥ |
prāṇapratiṣṭhāmantreṇa prāṇān saṃsthāpayed budhaḥ || 6-201 ||
Darauf setze er eine Kupferschale und vollziehe die Einsetzung. Mit dem Mantra der Lebensübertragung setze der Kundige die Lebenskräfte ein.
6.202 adhaḥ kṛtvā pūjayitvā pravālamālayā japet |
daśasāhasrajapyena prayogārho bhavet tataḥ || 6-202 ||
Nach der Aufstellung darunter und der Verehrung rezitiere man mit einer Korallenkette. Durch zehntausend Wiederholungen wird man zur Anwendung befähigt.
6.203 praṇavaṃ pūrvamuccārya māyābījaṃ dvitīyakam |
kāntaṃ ca lākinīyuktaṃ vāmakarṇendubhūṣitam || 6-203 ||
Zuerst spreche man Pranava, als Zweites das Maya-Bija, dann Kanta mit Lakini, geschmückt mit linkem Ohr und Mond. [Verschlüsselte Lautbildung.]
6.204 tato raktapadaṃ brūyāccāmuṇḍe tadanantaram |
sādhyanāma tato nyasya vaśamānaya tatparam || 6-204 ||
Dann »rakta«, darauf »cāmuṇḍe«, den Namen der Zielperson und »vaśam ānaya«.
6.205 vahnijāyāvadhirmantro japed daśasahasrakam |
daśāṃśādipramāṇena homādīṃśca samācaret || 6-205 ||
Das Mantra endet mit Svaha und wird zehntausendmal rezitiert. Feueropfer und die weiteren Riten vollziehe man mit jeweils einem Zehntel.
6.206 prātaḥ snātvā śucirbhūtvā haviṣyāśī jitendriyaḥ |
prātaḥ kālaṃ samārabhya japed madhyandināvadhi || 6-206 ||
Morgens bade man, werde rein, esse reine Opferspeise und beherrsche die Sinne. Vom Morgen bis zum Mittag rezitiere man.
6.207 jape samāpte deveśi huned dine dine śubhe |
jātīkusumahomena vaśayennātra saṃśayaḥ || 6-207 ||
Nach dem Japa opfere man täglich ins Feuer, heilvolle Herrin der Götter. Das Feueropfer mit Jati-Blüten bewirke Beeinflussung.
6.208 karpūramiśritaistoyaistarpayet paradevatām |
pūrvaṃ praṇavamuddhṛtya cāmuṇḍāṃ pravadet tataḥ || 6-208 ||
Mit kampferhaltigem Wasser sättige man die höchste Gottheit. Zuerst Pranava, danach Chamunda —
6.209 tarpayāmyagnijāyāntaṃ mantraṃ jānīhi bhairavi |
anenaiva vidhānena santarpya paradevatām || 6-209 ||
»tarpayāmi« und Svaha bilden die Formel, Bhairavi. Wenn man die höchste Gottheit nach dieser Weise gesättigt hat —
6.210 siddhiprayogo deveśi jāyate nātra saṃśayaḥ |
abhiṣekaṃ tataḥ kuryād bhairavi prāṇavallabhe || 6-210 ||
gelingt die Anwendung, Herrin der Götter, daran bestehe kein Zweifel. Anschließend vollziehe man die Begießung, Bhairavi, meinem Leben Geliebte.
6.211 praṇavaṃ ca maheśāni cāmuṇḍāṃ tadanantaram |
abhiṣiñcāmi tatpaścāt hṛdantenābhiṣecayet || 6-211 ||
Pranava, danach Chamunda, »abhiṣiñcāmi« und die abschließende Herzformel begleiteten die Begießung.
6.212 taddaśāṃśena deveśi brāhmaṇān bhojayet tadā |
evaṃ kṛte maheśāni vaśīkaraṇamuttamam || 6-212 ||
Mit einem Zehntel dieser Zahl bewirte man Brahmanen. So entstehe höchste Beeinflussung, große Herrin.
6.213 jāyate nātra saṃdehaḥ satyaṃ suragaṇārcite |
kāmatulyaśca nārīṇāṃ ripūṇāṃ śamanopamaḥ || 6-213 ||
Das sei gewiss wahr, du von den Götterscharen Verehrte: Den Frauen wird man dem Liebesgott, den Feinden dem Todesgott gleich.
6.214 yāvajjīvitaparyantaṃ smarabāṇa iveśvari |
jāyate nātra saṃdehaḥ satyaṃ suragaṇārcite || 6-214 ||
Zeitlebens gleicht man dem Pfeil des Liebesgottes, Herrin, zweifellos und wahrhaftig, du von den Götterscharen Verehrte.
6.215 śvetāparājitāmūlaṃ peṣayed rocanāyutam |
śatena mantritaṃ kṛtvā tilakaṃ kārayet tataḥ || 6-215 ||
Weiße Aparajita-Wurzel wird mit Rocana verrieben, hundertmal besprochen und anschließend als Stirnzeichen aufgetragen.
6.216 vaśayed nātra sandehaḥ satyaṃ satyaṃ maheśvari |
candrasūryau yadi vṛthā tadā niṣphalabhāg bhavet || 6-216 ||
Dies bewirke zweifellos Beeinflussung, wahrlich, große Herrin. Nur wenn Sonne und Mond unwahr wären, bliebe die Frucht aus.
6.217 raktavastreṇa cāmuṇḍāṃ toṣayed bahuyatnataḥ |
suvarṇadakṣiṇā deyā vittānusārataḥ priye || 6-217 ||
Mit einem roten Gewand erfreue man Chamunda sehr sorgfältig. Als Lehrergabe gebe man Gold entsprechend dem eigenen Vermögen, Geliebte.
6.218 ādyante mahatīṃ pūjāṃ kuryāt tasya varānane |
pañcadinaprayogeṇa rājānaṃ vaśamānayet || 6-218 ||
Am Anfang und Ende vollziehe man große Verehrung, Schönantlitzige. Durch fünf Tage Anwendung soll ein König gefügig werden.
6.219 tava prītyai mahādevi kathitaṃ bhuvi durlabham |
vidveṣaṇaṃ viśeṣeṇa śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 6-219 ||
Zu deiner Freude wurde das auf Erden schwer Zugängliche mitgeteilt, große Göttin. Höre nun gesammelt besonders von der Entzweiung, Geliebte.
6.220 karañjakaviṣeṇaiva tathā dhattūrakeṇa ca |
kākolūkau sadā lekhyau bhūrjapatre maheśvari || 6-220 ||
Mit Karanja-Gift und Dhattura zeichne man Krähe und Eule auf Birkenrinde, große Herrin.
6.221 sādhyānāṃ nāmasahitaṃ mantraṃ saṃlikhya sādhakaḥ |
etayoryādṛśaṃ vairaṃ tādṛśaṃ cāmukayorbhavet || 6-221 ||
Der Übende schreibe das Mantra mit den Namen der Zielpersonen: »Wie die Feindschaft dieser beiden, so möge die Feindschaft jener beiden sein.«
6.222 vahnijāyāvadhirmantraḥ sarvavidveṣakārakaḥ |
mahākālī devatā ca pūjā tasyāḥ śubhapradā || 6-222 ||
Das mit Svaha endende Mantra gilt als Entzweiung bewirkend. Mahakali ist seine Gottheit; ihre Verehrung gilt als heilvoll.
6.223 evaṃ sahasramānena japaṃ kuryācchucismite |
māraṇaṃ saviśeṣaṃ ca śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 6-223 ||
So rezitiere man tausendmal, du rein Lächelnde. Höre nun gesammelt vom Vernichtungsritus, Geliebte.
6.224 nihatya kṛṣṇamārjāraṃ mastakaṃ tatra taṃ nayet |
sindūreṇa samāyuktaṃ kuryāt sādhakasattamaḥ || 6-224 ||
Der Text verlangt die Tötung einer schwarzen Katze, die Verwendung ihres Kopfes und dessen Bestreichen mit Zinnober durch den Übenden.
6.225 tajjihvāyāṃ mahādevi sādhyanāma likhecchive |
sādhyanāma likhitvā tu kālīmantraṃ japenmudā || 6-225 ||
Auf ihre Zunge soll der Name der Zielperson geschrieben werden, große Göttin, Heilvolle; danach werde das Kali-Mantra freudig rezitiert.
6.226 nijabījena ghaṭitamakṣaraṃ prajapet tataḥ |
daśasāhasrajāpena mārayedarimagrataḥ || 6-226 ||
Man wiederhole die Laute mit dem eigenen Bija verbunden. Durch zehntausend Wiederholungen soll der Feind vernichtet werden.
6.227 śmaśānakālikāṃ tatra cāvāhya pūjayecchubhe |
lauhālaṅkārasaṃyuktaṃ vastraṃ devyai pradāpayet || 6-227 ||
Man rufe dort Shmashana-Kalika herbei und verehre sie, Heilvolle; der Göttin gebe man ein Gewand mit eisernem Schmuck.
6.228 dakṣiṇāsyo japed mantraṃ tataḥ siddho bhavenmanuḥ |
annaṃ paktvā mahādevi nirjane dāpayet priye || 6-228 ||
Nach Süden gewandt rezitiere man das Mantra; dadurch werde es vollendet. Gekochte Speise bringe man an einem einsamen Ort dar, Geliebte.
6.229 ardharātre baliṃ dattvā khaned vairigṛhe yadi |
saptāhamadhye deveśi śatruryāti yamālayam || 6-229 ||
Nach einem Bali um Mitternacht werde die Ritualgabe am Haus des Feindes vergraben. Der Text behauptet, der Feind gelange binnen sieben Tagen in Yamas Reich.
6.230 iti te kathitaṃ devi sārāt sārataraṃ matam |
tava snehādvarārohe prakāśitamidaṃ puraḥ || 6-230 ||
Damit ist dir die Essenz der Essenzen mitgeteilt, Göttin; aus Liebe zu dir wurde sie hier offenbart, Schönhüftige.
6.231 śāntikaṃ śṛṇu sarvajñe yena jīvati sādhakaḥ |
urvaśīṃ prathamaṃ nītvā yugāntakārakaṃ param || 6-231 ||
Höre vom Befriedungsritus, Allwissende, durch den der Übende am Leben bleibt. Zuerst nehme man Urvashi, dann den Beender des Weltalters —
6.232 stanadvayena saṃyuktā dhūminī tritayaṃ tataḥ |
asya mantrasya deveśi sahasrāṣṭapramāṇataḥ || 6-232 ||
mit den beiden Brüsten verbunden, danach dreimal Dhumini. [Verschlüsselte Lautbildung.] Dieses Mantra wiederhole man achttausendmal, Herrin der Götter.
6.233 japaṃ kuryād maheśāni annapūrṇā ca devatā |
pūjayed vividhairbhakṣyairnānārasasamanvitaiḥ || 6-233 ||
Annapurna ist die Gottheit. Man verehre sie mit vielfältigen Speisen von verschiedenen Geschmacksrichtungen, große Herrin.
6.234 carvyaṃ coṣyaṃ tathā lehyaṃ dravyaṃ dadyānmanoharam |
daśāṃśādipramāṇena homādīṃśca samācaret || 6-234 ||
Angenehme Kau-, Saug- und Leckspeisen bringe man dar. Feueropfer und die weiteren Riten geschehen mit jeweils einem Zehntel.
6.235 padmapuṣpasya homena śāntirbhavati sundari |
madhunā tarpayed devīmannapūrṇāṃ parāṃ gatim || 6-235 ||
Das Feueropfer mit Lotosblüten bewirke Befriedung, du Schöne. Mit Honig sättige man Annapurna, das höchste Ziel.
6.236 prathame'hani deveśi jalena pūrayed ghaṭam |
tadghaṭe pūjayed devīṃ pujyāvāhya sureśvarīm || 6-236 ||
Am ersten Tag fülle man ein Gefäß mit Wasser. Darin verehre man die ehrwürdige Göttin, nachdem man sie herbeigerufen hat.
6.237 mantreṇānena deveśi yadi kuryāt prayogakam |
sarvavyādhirvinaśyeta nātra kāryā vicāraṇā || 6-237 ||
Wenn man mit diesem Mantra die Anwendung vollzieht, sollen alle Krankheiten verschwinden; daran soll man dem Text zufolge nicht zweifeln.
6.238 rahasyaṃ śṛṇu deveśi [yena pratyakṣatāṃvrajet iti pāṭhāntaram |]yena
satya(yugaṃ?puraṃ)vrajet |
sādhanādi maheśāni bahudhā kathitaṃ mayā || 6-238 ||
Höre ein Geheimnis, durch das man zur Stadt der Wahrheit gelangt [Variante: unmittelbar schaut]. Die Praxis wurde von mir vielfältig erklärt, große Herrin.
6.239 punaḥ kena prakāreṇa jyotīrūpāṃ vilokayet |
tanme śṛṇu varārohe kṛpayā parameśvari || 6-239 ||
Wie man ihre Lichtgestalt erschauen kann, höre nun von mir, Schönhüftige, höchste Herrin, aus Gnade.
6.240 śṛṇu sādhvi mahābhāge sarvajñānāntarasthitam |
vaiṣṇave gāṇapatye ca śaive vā śambhave'pi vā || 6-240 ||
Höre, hochbegnadete Tugendhafte, was innerhalb allen Wissens liegt: Ob im Vaishnava-, Ganapatya-, Shaiva- oder Shambhava-Weg —
6.241 yoge saṃnyāsadharme vā kaulo dharmaḥ praśasyate |
kulīnadharmamāśritya japed rātrindivaṃ śive || 6-241 ||
im Yoga oder im Dharma der Entsagung: Die Kaula-Lehre wird gepriesen. Auf den Kula-Dharma gestützt rezitiere man Tag und Nacht, Heilvolle.
6.242 nadyādau vijane śūnye gehe bilvatale taṭe |
latāsaṃveṣṭitasthāne śuddhabhāvena tāṃ bhajet || 6-242 ||
An einem Fluss, in Einsamkeit, einem leeren Haus, unter einem Bilva-Baum, am Ufer oder an einem von Ranken umschlungenen Ort verehre man sie mit reiner innerer Haltung.
6.243 śmaśāne nirjane vāpi sadā tiṣṭhati sundarī |
vikārarahitāścet tvāṃ bhajante siddhikāminaḥ || 6-243 ||
Auf dem Verbrennungsplatz oder in der Einsamkeit weilt die Schöne stets. Wenn nach Vollendung Strebende dich frei von inneren Verzerrungen verehren —
6.244 tadā tvaṃ sādhakānāṃ ca bhavitā dṛṣṭigocarā |
sādhanaṃ ca pravakṣyāmi kathitaṃ yat tapodhane || 6-244 ||
wirst du ihren Augen sichtbar. Ich werde die dafür genannte Praxis erklären, du Reiche an Askese.
6.245 yatibhāvena vā devi rājabhāvena vā śive |
abhedadarśī saṃbhūya tvāṃ prapaśyati sādhakaḥ || 6-245 ||
Ob als Entsagender oder in königlicher Lebensweise, Göttin, Heilvolle: Wer die Nichtverschiedenheit erkennt, schaut dich als Übender.
6.246 tīrthapūrṇaṃ navaghaṭaṃ kujavāre'ṣṭamī yadi |
nidhāya tatra vidhivat pūjāṃ kṛtvā vidhānataḥ || 6-246 ||
Fällt der achte Mondtag auf einen Dienstag, stelle man ein neues Gefäß mit heiligem Wasser auf und vollziehe die vorgeschriebene Verehrung.
6.247 viṣicya vedikāṃ tatra tasyopari śubhāsanam |
āstīrya nivaset tatra jyotirmantrapuraḥsaram || 6-247 ||
Man besprenge den Altar, breite darauf einen heilvollen Sitz aus und setze sich unter Voranstellung des Lichtmantras nieder.
6.248 phūtkāreṇa caturdikṣu tanmantramuccaran dhiyā |
dhyāyecca satataṃ devi tava rūpaṃ prayatnataḥ || 6-248 ||
Mit dem Phut-Laut in die vier Richtungen, das Mantra innerlich sprechend, meditiere man fortwährend und sorgfältig über deine Gestalt, Göttin.
6.249 dvibhujāṃ sundarīṃ śyāmāṃ nānāratnavibhūṣitām |
raktavastrāṃ smitamukhīṃ mātṛvat paripālinīm || 6-249 ||
Zweiarmig, schön, dunkel, mit verschiedenen Juwelen geschmückt, rot gewandet, lächelnd und wie eine Mutter beschützend.
6.250 bhairavīṃ ghorarūpāṃ tvāṃ tadā jānāti bhairavi |
nāsārandhropari dhyāyet tava tejaḥ svacakṣuṣā || 6-250 ||
Dann erkennt man dich als Bhairavi von furchtbarer Gestalt. Oberhalb der Nasenöffnungen betrachte man dein Licht mit dem eigenen inneren Schauen.
6.251 kūrcamadhye'thavā paśyet tava jyotiranāmayam |
candrakoṭiprabhaṃ śītaṃ ravikoṭisamaṃ kharam || 6-251 ||
Oder man schaue inmitten von Kurca dein makelloses Licht: kühl und leuchtend wie Millionen Monde, intensiv wie Millionen Sonnen.
6.252 uttuṅge ca mahākālaṃ svaprakāśācalaṃ gurum |
dhīreṇa cetasā dhāryaṃ kāle kāle vidhānataḥ || 6-252 ||
Hoch oben Mahakala, den selbstleuchtenden, unbeweglichen Guru: Dies halte man zu den vorgeschriebenen Zeiten mit ruhigem Geist fest.
6.253 śūnyālaye prāṅgaṇe vā vīthikāpālikāsu ca |
śṛṅgāṭa-haṭṭa-śāleṣu yathāruci karotviti || 6-253 ||
In einem verlassenen Haus, einem Hof, an Straßenrändern, Kreuzungen, Märkten oder Hallen übe man nach eigener Neigung.
6.254 kintu devi vinā hetuṃ cetaḥ kasmāt prasīdati |
antaḥśuddhirmanaḥśuddhirhetuśūnyā kathaṃ bhavet || 6-254 ||
Doch wie wird der Geist ohne das veranlassende Mittel heiter, Göttin? Wie sollten innere Reinheit und geistige Reinheit ohne dieses Mittel entstehen?
6.255 nācāre harati prītirvigīte nāsti me ruciḥ |
tato hetuṃ samādhāya sugopyaṃ japamācaret || 6-255 ||
Ungeordnete Praxis nimmt die Freude hinweg; am Missbilligten habe ich kein Gefallen. Deshalb nehme man das Mittel hinzu und vollziehe Japa sehr verborgen.
6.256 surā hetuḥ kāraṇaṃ ca paramāmṛtameva ca |
jñānadā śubhadā tīrthaṃ madirā modinī satī || 6-256 ||
Surā, Hetu, Karana, höchster Nektar, Erkenntnisgeberin, Heilspenderin, heiliger Ort, Madira, Modini und Sati —
6.257 śuṇḍā prabahukulyāṅgā pāvanī tāriṇīti ca |
tava nāmāni gopyāni jānīhi kulabhairavi || 6-257 ||
Shunda, Prabahukulyanga, Pavani und Tarini: Erkenne diese als deine geheimen Namen, Kula-Bhairavi.
6.258 tat svarūpāṃ madonmattāṃ madirāṃ śaṅkhabhūṣaṇām |
dhyāyet pratimukhīṃ smerasvapa(suda)tīṃ śubhadāṃ śubhām || 6-258 ||
Man meditiere über Madira in deiner Gestalt, berauscht, mit Muschelschmuck, einem zugewandten lächelndem Antlitz, heilvoll und segenspendend. [Ein Ausdruck ist unsicher.]
6.259 na ca me tvāpabhāṣethā sadā śāntana cetasā |
bhikṣutvaṃ rājatā vāpi tavāśrayā yuge yuge || 6-259 ||
Rede nicht abschätzig von mir; bewahre stets einen ruhigen Geist. Ob Bettelmönch oder König, in jedem Zeitalter ruhen sie in dir.
6.260 hetuśūnyā kriyā naṣṭā nāntaḥśuddhirnavā sukham |
dehaṃ vyarthaṃ vijānīhi devi tvatsādhanaṃ vinā || 6-260 ||
Ohne das Mittel geht die Handlung fehl; weder innere Reinheit noch Glück entstehen. Erkenne den Leib ohne deine Praxis als vergeblich, Göttin.
6.261 sādhanaṃ hi vṛthā devi hetuvādaṃ tathā śṛṇu |
bhairavairhetupatibhirmārgaiḥ sevyaṃ ca śaṅkari || 6-261 ||
Auch Praxis ist dann vergeblich, Göttin; höre die Lehre vom Mittel. Es ist auf den Wegen der Bhairavas, der Herren dieses Mittels, zu gebrauchen, Shankari.
6.262 militvā parvate'raṇye yo vai saṃyamitātmanā |
ekākī naiva madyānnaṃ strībhiḥ (?) stotraṃ suvarṇitam || 6-262 ||
Man versammle sich auf einem Berg oder im Wald mit gesammeltem Selbst, nicht allein; es werden Alkohol, Speise, Frauen und Lobpreis genannt. [Die Satzverbindung ist beschädigt.]
6.263 pañcabhirdaśabhirvāpi jāpakasya susaṃyutam |
samabhāve japed devi niyataṃ dvitrikaiḥ saha || 6-263 ||
Mit fünf oder zehn Gefährten, oder regelmäßig mit zwei oder drei, rezitiere man als Japa-Übender in gleichmütiger innerer Haltung, Göttin.
6.264 kiñciddhyānena tatsarvaṃ na dvidhā kiñcidīritam |
smṛtvā tataṃ brahmamayaṃ bhrāntiratra na jāyate || 6-264 ||
Durch ein wenig Meditation erfasse man das Ganze; keine Zweiheit wird gelehrt. Man erinnere sich an das alles durchdringende Brahman, sodass keine Verwirrung entsteht.
6.265 svīkṛtya tvamapi dhyāyestadā drakṣyasi sundari |
evaṃ dhyātvā maheśāni prasannaṃ yadi me manaḥ || 6-265 ||
Nimm es an und meditiere auch du; dann wirst du schauen, du Schöne. Wenn durch solche Meditation mein Geist erfreut ist, große Herrin —
6.266 śodhanaṃ saṃpravakṣyāmi jñānāt sārvajñyadāyakam |
ghaṭaṃ puro nidhāyādau trirjapan mūlamuccaret || 6-266 ||
werde ich die Reinigung erklären, deren Erkenntnis Allwissenheit schenkt. Zuerst stelle man das Gefäß vor sich und spreche dreimal das Grundmantra.
6.267 yonimudrāṃ pradarśyātha śubhamenamudīrayet |
namaste jñānade śuddhe śuddhibhāvaviniścite || 6-267 ||
Nach dem Zeigen der Yoni-Mudra spreche man diese heilvolle Anrufung: Verehrung dir, reine Erkenntnisspenderin, fest gegründet im reinen Wesen!
6.268 jyotīrūpe dhvāntahare varade'mṛtarūpiṇi |
avidyāntarasaṃsthāne mahāpātakanāśini || 6-268 ||
Lichtgestalt, Vernichterin der Finsternis, Segenspenderin, Nektargestalt, die du inmitten des Nichtwissens weilst und schwere Verfehlungen vernichtest!
6.269 sarvapuṇyaprasavane sarvadāmṛtamānase |
namastubhyaṃ namastubhyaṃ prasīda parameśvari || 6-269 ||
Ursprung allen Verdienstes, deren Geist stets Nektar ist: Verehrung dir, Verehrung dir! Sei gnädig, höchste Herrin!
6.270 ṛddhiṃ dehi manaḥ śuddhiṃ(dehi)dudruva(?)te namaḥ |
carācaradhṛte puṇye dhṛtide dhṛtināśini || 6-270 ||
Schenke Gedeihen und Reinheit des Geistes; Verehrung dir [weiterer Ausdruck unklar]. Trägerin des Beweglichen und Unbeweglichen, Heilige, die Festigkeit schenkt und Festigkeit auflöst!
6.271 surāsuranaraiḥ sevye vyāmohaṃ hara me'naghe |
aruṇākṣi viśālākṣi vilakṣe sākṣiṇi svayam || 6-271 ||
Von Göttern, Asuras und Menschen verehrt: Nimm meine Verblendung hinweg, Makellose! Rotäugige, Weitäugige, Außergewöhnliche, selbst die Zeugin!
6.272 divyaśaṅkhaparīdhāne sulajje prīyatāṃ mayi |
tamaḥsaṃcayanāśinyai śivārūpadhṛte pare || 6-272 ||
Mit göttlichen Muscheln geschmückt, Schamhafte, sei mir gewogen! Vernichterin angesammelter Dunkelheit, Höchste, die Shivas Gestalt trägt!
6.273 namaste kuladharmāyai kālikāyai have vale |
aiṃ strīṃ hūṃ hrīṃ divyarūpe mahāmāye maheśvari || 6-273 ||
Verehrung dir als Kula-Dharma, als Kalika, in Opfer und Gabe [Schlusslesung unsicher]. »aiṃ strīṃ hūṃ hrīṃ«, göttliche Gestalt, Mahamaya, große Herrin!
6.274 hrīṃkārāt siddhimāpnoti buddhiṃ dehi yaśasvini |
amṛtatvaṃ prayāhyatra nidhehi siddhimuttamām || 6-274 ||
Durch Hrīṃ wird Vollendung erlangt. Schenke Einsicht, Ruhmreiche! Werde hier zu Nektar und verleihe höchste Vollendung!
6.275 apāre'sārasaṃsāre tāre kāmadughe'naghe |
sarvadevagaṇaprīte'parimeyaguṇāśraye || 6-275 ||
Tara im grenzenlosen, wesenlosen Samsara, Wunschkuh, Makellose, den Götterscharen Liebe, Trägerin unermesslicher Eigenschaften!
6.276 brahmānandaparānande namaste'stu punaḥ punaḥ |
cakṣurdhvāntaṃ manodhvāntaṃ chindhi devi sureśvari || 6-276 ||
Wonne Brahmans, höchste Wonne, dir sei wieder und wieder Verehrung! Zerschneide die Dunkelheit der Augen und des Geistes, Göttin, Herrin der Götter!
6.277 kulācāraprasannā tvaṃ punīhi brahmavādini |
satyānandamayi śrīde kamale śūladhāriṇi || 6-277 ||
Durch Kula-Praxis Erfreute, reinige mich, Künderin Brahmans! Von wahrer Wonne Erfüllte, Glückspenderin, Kamala, Dreizackträgerin!
6.278 pūtakrato viśvasevye prasūtimunimānase |
namo nityaṃ jayāyai te parāyai te namāmyaham || 6-278 ||
Du mit gereinigtem Opfer, von der Welt Verehrte, im Geist der schöpferischen Weisen [Lesung mehrdeutig]: Stete Verehrung dir, Siegreiche; vor dir, der Höchsten, verneige ich mich!
6.279 śuddhācārarate gopye paśūnāṃ gaṇakaṇṭhake |
yathā dhvāntādvimucye'haṃ tathā kuru surārcite || 6-279 ||
Die du reine Lebensführung liebst, Verborgene, Stachel für die Schar der Gebundenen: Bewirke, dass ich von Dunkelheit frei werde, du von den Göttern Verehrte!
6.280 evaṃ stutvā mahādevi mūlenaiva viśodhayet |
oṃ ekameva paraṃ brahma sthūlasūkṣmamayaṃ dhruvam ||
kacodbhavāṃ brahmahatyāṃ tena te nāśayāmyaham || 6-280 ||
Nachdem man so gepriesen hat, reinige man mit dem Grundmantra: Om. Das höchste Brahman ist allein eines, beständig und von grober wie feiner Gestalt. Durch dieses vernichte ich in dir die durch Kacha entstandene Brahmanentötung.
6.281 oṃ sūryamaṇḍalasaṃbhūte varuṇālayasaṃbhave |
amābījamaye devi śukraśāpādvimucyatām || 6-281 ||
Om. Aus dem Sonnenkreis Entstandene, aus Varunas Reich Hervorgegangene, Göttin, aus dem Ama-Bija bestehend: Befreiung möge vom Fluch Shukras geschehen!
6.282 oṃ vedānāṃ praṇavo bījaṃ brahmānandamayaṃ yadi |
tena satyena deveśi brahmahatyāṃ vyapohatu || 6-282 ||
Om. Wenn Pranava der Keim der Veden und von Brahmans Wonne erfüllt ist, möge durch diese Wahrheit die Brahmanentötung beseitigt werden, Herrin der Götter!
6.283 tatastāṃ purataḥ kṛtvā yathoktaṃ japamācaret |
dine dine mahādevi yadi pūjāṃ karoti hi || 6-283 ||
Dann stelle man sie vor sich und vollziehe Japa wie gelehrt. Wer Tag für Tag die Verehrung ausführt, große Göttin —
6.284 avaśyameva tadrūpaṃ jānīyāt sādhakottamaḥ |
śavānāṃ sādhanaṃ devi bahudhā kathitaṃ mayā || 6-284 ||
erkennt gewiss diese Gestalt als vortrefflicher Übender. Die Leichenpraxis habe ich dir auf viele Weisen erklärt, Göttin.
6.285 vīrabhāvena tad devi hetuhīnaṃ vṛthāgatam |
idānīṃ śavarūpeṇa dhyāyet tvāṃ satataṃ śive || 6-285 ||
Auch in Vira-Haltung ist sie ohne das Mittel vergeblich. Nun meditiere man fortwährend über dich in Leichengestalt, Heilvolle.
6.286 tadā krīḍati(si) mūrtyā ca śavopari trapānvitā |
tato nityānurāgeṇa yadbhāvāya prakalpase || 6-286 ||
Dann spielst du in deiner Gestalt schamhaft auf dem Leichnam; durch beständige Liebe nimmst du die jeweilige innere Gestalt an.
6.287 mahāniśāyāṃ brāhmye vā muhūrte dhyānatatparaḥ |
tvadrūpaṃ paramānandaṃ tadā paśyati niścitam || 6-287 ||
Wer in der großen Nacht oder im Brahma-Muhurta ganz meditiert, schaut gewiss deine Gestalt als höchste Wonne.
6.288 rātripūjā-japadhyānairbahuśo hetubhāvitaiḥ |
prasannā tvaṃ tadā devi tatastatra dṛḍhā bhavet || 6-288 ||
Durch nächtliche Verehrung, Japa und wiederholte, mit dem Mittel verbundene Meditation wirst du erfreut, Göttin, und dort dauerhaft gegenwärtig.
6.289 satīṃ dṛṣṭvā namaskuryāt spṛṣṭvā tāṃ ca śucirbhavet |
pītvā ca paramānandaṃ labhate prāṇanirvṛtim || 6-289 ||
Beim Anblick der Getreuen verneige man sich; durch Berührung wird man rein. Durch Trinken erlangt man höchste Wonne und Befriedung der Lebenskräfte.
6.290 modinīpūritaghaṭaṃ bilvaśākhādiśobhitam |
nidhāya purato mantraiḥ pūjāṃ kṛtvā vidhānataḥ || 6-290 ||
Man stelle ein mit Modini gefülltes Gefäß, geschmückt mit Bilva-Zweigen und anderem, vor sich und verehre es vorschriftsgemäß mit Mantras.
6.291 dhūpairdīpaiśca naivedyairbalibhiścaiva śuddhibhiḥ |
dvāviṃśatiśataṃ nityaṃ japtavyaṃ vedikopari || 6-291 ||
Mit Räucherwerk, Licht, Speisegaben, Balis und Reinigungsstoffen verehre man; täglich seien auf dem Altar 2.200 Wiederholungen auszuführen.
6.292 yathāśaktyāthavā japyaṃ lakṣamekaṃ susaṃyutam |
tasmādutthāya vidhivat tilājyaiḥ śrīphalairhunet || 6-292 ||
Oder man rezitiere nach Kräften gesammelt bis hunderttausend. Dann erhebe man sich und opfere vorschriftsgemäß Sesam, Ghee und Shriphala.
6.293 tattayā surayā devi tarpayecca vidhānataḥ |
santuṣṭe maṇḍale devi saṃtuṣṭā siddhidā tadā || 6-293 ||
Mit jenem Getränk sättige man sie vorschriftsgemäß, Göttin. Ist der Kreis erfreut, ist auch die Vollendung schenkende Göttin erfreut.
6.294 nirvighnaṃ jāyate tatra niḥśaṅkaṃ nirupadravam |
niḥśokaṃ nirvikāraṃ ca paraṃ cetaḥ prasīdati || 6-294 ||
Dann entstehen Hindernisfreiheit, Furchtlosigkeit und Ungestörtheit; der Geist wird frei von Kummer und Verzerrung und zutiefst heiter.
6.295 naivedyaṃ tu namaskuryāt tvadbuddhyā svīkariṣyati |
bhramabuddhirna kartavyā manasāpi kadācana || 6-295 ||
Man verneige sich vor der Speisegabe und nehme sie als deine Gestalt an. Eine irrige Geringschätzung hege man niemals, nicht einmal im Geist.
6.296 tannaivedyaṃ cetasāpi yadi nindati kaścana |
tadā taṃ carvayet kālī nirmūlaṃ jāyate'thavā || 6-296 ||
Wer die Opferkost auch nur gedanklich verachtet, den verschlinge Kali oder vernichte ihn mit der Wurzel, droht der Text.
6.297 tasmād dṛṣṭvā ca śrutvā ca na ca nindāyate kvacit |
naramārjāramahiṣa cchāgalairmeṣakaistathā || 6-297 ||
Darum verachte man sie nirgends, weder nach dem Sehen noch nach dem Hören. Menschen, Katzen, Büffel, Ziegen und Schafe —
6.298 kapotakalaviṅkādairhaṃsamadgura-kukkuṭaiḥ |
śālasajālaśakula-rohitādibhiraṇḍajaiḥ || 6-298 ||
Tauben, Kalavinka-Vögel, Gänse, Madgura und Hühner, Shala-, Sajala-, Shakula- und Rohita-Fische sowie andere eiergeborene Tiere —
6.299 balibhirvividhaiścānyaiḥ phalaiśca madhurāplutaiḥ |
siktasaṃpakvadagdhaiśca vitvacairikṣuyaṣṭibhiḥ || 6-299 ||
verschiedene weitere Balis, mit Süßem durchtränkte Früchte, eingeweichte, gekochte und geröstete Gaben sowie geschälte Zuckerrohrstangen werden genannt.
6.300 tāriṇīṃ purataḥ kṛtvā śuddhacittena deśikaḥ |
strīṇāṃ mano na hantavyaṃ striyaścāsya viśeṣataḥ || 6-300 ||
Der Lehrer vergegenwärtige sich Tarini mit reinem Geist. Das Gemüt von Frauen darf man nicht verletzen, besonders nicht die Frau des Übenden.
6.301 śaktirūpā hi tvadvya(ktā?ktiḥ)yataḥ sarvatra śobhane |
paśuśaktiḥ pakṣiśaktirnaraśaktiśca śobhane || 6-301 ||
Denn überall ist deine Erscheinung Shakti, du Schöne: als Tier-Shakti, Vogel-Shakti und Menschen-Shakti.
6.302 viguṇaṃ pūjitā karma saguṇaṃ jāyate sadā |
tāsāṃ pūjā vidhānena kartavyā bhaktitaḥ śubhe || 6-302 ||
Verehrt macht sie eine mangelhafte Handlung vollkommen. Ihre Verehrung ist hingebungsvoll nach der Vorschrift auszuführen, Heilvolle.
6.303 kaulinīṃ subhagāṃ śaktiṃ puṣpeṇāpi na tāḍayet |
yadi śaktirbhavet tuṣṭā tuṣṭāṃ jānīhi tāṃ śive || 6-303 ||
Eine glückverheißende Kula-Shakti soll man nicht einmal mit einer Blume schlagen. Ist die Shakti erfreut, erkenne auch die Göttin als erfreut, Heilvolle.
6.304 nityapūjāvidhānena japahomaparāyaṇam |
kulasaṅgaṃ samāśritya puraścaraṇamācaret || 6-304 ||
Nach der täglichen Verehrungsordnung, Japa und Feueropfer hingegeben, vollziehe man Purashcharana in der Gemeinschaft des Kula.
6.305 kṣemaṅkarīṃ jambukīṃ ca kākolaṃ gṛdhramuttamam |
dṛṣṭvā caiṣāṃ rutaṃ śrutvā praṇamet mantrapūrvakam || 6-305 ||
Sieht man Kshemankari, eine Schakalin, einen Raben oder Geier, oder hört ihre Rufe, verneige man sich mit einem Mantra.
6.306 japakāle maheśāni yadyeṣāṃ śrūyate ravaḥ |
tadaiva siddhiṃ jānīhi na japet stotramācaret || 6-306 ||
Ertönt ihr Ruf während des Japa, erkenne darin Vollendung. Man unterbreche Japa und vollziehe den Lobpreis, große Herrin.
6.307 balinā muṇḍamālābhirgṛhaṃ kṛtvā japaṃ caret |
kṛśodari mahācaṇḍe muktakeśi balipriye || 6-307 ||
Man bereite den Raum mit Bali und Schädelgirlanden und rezitiere: Schlankbäuchige, große Ungestüme, Offenhaarige, Liebhaberin des Bali —
6.308 kulācāraprasannāsye namaste śaṅkarapriye |
dīpairuddīpitaṃ kṛtvā tanmadhye nivasan punaḥ || 6-308 ||
durch Kula-Praxis mit erfreutem Antlitz, Verehrung dir, Geliebte Shankaras! Man erleuchte den Raum mit Lampen und verweile in seiner Mitte.
6.309 paramānandacittena tadrūpasya japaṃ caret |
ekalakṣena japtena sādhayet siddhimuttamām || 6-309 ||
Mit einem von höchster Wonne erfüllten Geist rezitiere man ihre Mantragestalt. Durch hunderttausend Wiederholungen verwirkliche man höchste Vollendung.
6.310 rātrau japaṃ tathā pūjāṃ rahasyāmṛtasevanam |
yadi na syāt kulānandasādhakaḥ kaulikaḥ katham || 6-310 ||
Ohne nächtliche Wiederholung und Verehrung sowie den Genuss des geheimen Nektars: Wie könnte einer ein Kaulika sein, der die Wonne des Kula verwirklicht?
6.311 bahudhā kathitaṃ devi satyaṃ jānīhi madvacaḥ |
kulāmṛtaṃ vinā devi cetaḥ kasmāt prasīdati || 6-311 ||
Dies ist vielfältig erklärt worden, Göttin; erkenne mein Wort als wahr. Wie wird ohne Kula-Nektar der Geist heiter?
6.312 tato devi samādāya pūjitāṃ kulapāvanīm |
ananyabhāvamāśritya mamātmā suprasīdati || 6-312 ||
Wenn man die verehrte, das Kula reinigende Göttin annimmt und in ungeteilter Hingabe verweilt, wird mein Selbst ganz erfreut.
6.313 śrīdevyuvāca |
kimarthaṃ bahudhā deva modinīstutirīritā |
tāṃ vinā naiva siddhiḥ syādityevaṃ kathitaṃ katham || 6-313 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Warum wurde Modini so vielfältig gepriesen, Gott? Weshalb heißt es, ohne sie gebe es keine Vollendung?
6.314 tanme brūhi maheśāna yena tatsādhanaṃ sadā |
kriyate śāntacittena tadrūpaṃ dṛśyate mudā || 6-314 ||
Erkläre es mir, großer Herr, damit ihre Praxis stets mit ruhigem Geist ausgeführt und ihre Gestalt freudig geschaut wird.
6.315 śrībhairava uvāca |
śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ kāraṇasya ca kāraṇam |
yena jñātena śārīraṃ mānasaṃ ca maheśvari || 6-315 ||
Shri Bhairava sprach: Höre das höchste Geheimnis, die Ursache des Mittels. Durch seine Kenntnis schwindet die körperliche und geistige —
6.316 vinaśyati mahā(devi?moho)divyaṃ dehaṃ ca lapsyate |
sarvāgamārthasāraṃ ca sarvayogasya mātaram || 6-316 ||
große Verblendung, und man gewinnt einen göttlichen Leib. Es ist die Essenz sämtlicher Agamas und die Mutter allen Yogas.
6.317 śarīraṃ malinaṃ viddhi manaścañcalameva ca |
malāpakarṣaṇaṃ nāsti kuto dhyānaṃ maheśvari || 6-317 ||
Erkenne den Körper als unrein und den Geist als unstet. Solange die Unreinheit nicht entfernt ist, woher soll Meditation kommen, große Herrin?
6.318 śarīrabhāvā bahavaḥ sukhaduḥkhātmakāḥ śubhe |
cetaḥsaṃmīlanaṃ kena jñāyatāṃ tava jantuṣu || 6-318 ||
Viele körperliche Zustände bestehen aus Glück und Leid, Heilvolle. Erkenne, wodurch bei den Wesen die Sammlung des Geistes möglich wird.
6.319 bhītilajjājughupsādyā nidrātandrābhramādayaḥ |
avipāko vibhramaśca śokacintādikāḥ pare || 6-319 ||
Furcht, Scham, Abscheu, Schlaf, Schläfrigkeit, Verwirrung, Verdauungsstörung, Irrtum, Kummer und Sorgen —
6.320 bhavanti vividhā bhāvā bhūtānāṃ dehadhāriṇām |
dehavyapāye nayanaṃ bhūtānāṃ dehadhāraṇe || 6-320 ||
viele unterschiedliche Zustände treten bei verkörperten Wesen auf. Sie begleiten Verlust und Annahme des Körpers. [Der zweite Halbvers ist sprachlich gestört.]
6.321 tatraiva mana evāhamātmārāmā sanātanī |
atastu tāriṇīṃ devi mama tejaḥsvarūpiṇīm || 6-321 ||
Dort bin ich selbst der Geist, die ewige, im Selbst Ruhende. Erkenne deshalb Tarini, Göttin, als Verkörperung meiner Leuchtkraft —
6.322 jānīhi bhaktisaṃyuktāṃ tāmāśraya vidhānataḥ |
malāpakarṣite dehe samyag dīpitatejasi || 6-322 ||
von Hingabe erfüllt; nimm vorschriftsgemäß Zuflucht zu ihr. Ist der Leib von Unreinheit befreit und die Kraft richtig entzündet —
6.323 dhyānayoge sthiratvaṃ ca balitvaṃ copalabhyate |
nājīrṇo durbalo rogī bhīruścintāpariplutaḥ || 6-323 ||
entstehen Beständigkeit in der Meditation und Stärke; nicht aber bei Unverdautheit, Schwäche, Krankheit, Ängstlichkeit und Überflutung durch Sorgen.
6.324 surāsaṃsevanād devi naite doṣā bhavanti hi |
anye ca bahavo doṣā naśyanti muktiyogataḥ || 6-324 ||
Durch den Gebrauch von Surā entstünden diese Mängel nicht, Göttin; viele weitere Mängel schwänden in Verbindung mit Befreiung. [Historische Behauptung des Textes, keine gesundheitliche Empfehlung.]
6.325 śāpāścañcalacittānāṃ brahmādīnāmihoditāḥ |
mantreṇa tāṃ samuddiśya mama pūjāparo bhava || 6-325 ||
Die hier genannten Flüche stammen von Brahma und anderen mit unstetem Geist. Wende dich durch Mantra an sie und widme dich meiner Verehrung.
6.326 tvatsvarūpāṃ mahādevi tāṃ viddhi sarvadā priye |
tayā vinā mano nityaṃ mālinyaṃ na parityajet || 6-326 ||
Erkenne sie stets als deine eigene Gestalt, große Göttin, Geliebte. Ohne sie lege der Geist seine Unreinheit niemals ab.
6.327 parityakte tu mālinye mano dehaṃ ca rūpabhāk |
ataḥ surāṃ samāśritya sādhanaṃ kuru yatnataḥ || 6-327 ||
Ist die Unreinheit abgelegt, gewinnen Geist und Leib Schönheit. Darum vollziehe man die Praxis sorgfältig unter Gebrauch von Surā, so die Anweisung des Textes.
6.328 idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi śāktācāraṃ varānane |
yena vinā na siddhiḥ syāt kalpakoṭiśatairapi || 6-328 ||
Höre nun die Shakta-Lebensordnung, Wohlgestaltete, Schönantlitzige, ohne die selbst in Milliarden Weltaltern keine Vollendung entsteht.
6.329 madhu māṃsaṃ ca matsyaṃ ca maithunaṃ mahilā tathā |
pañcamānāṃ samākṛtyā pañcamī tvat svarūpiṇī || 6-329 ||
Alkohol, Fleisch, Fisch, sexuelle Vereinigung und Frau: In der Verbindung der fünf M ist die fünfte deine Gestalt. [Diese Aufzählung unterscheidet sich von der sonst verbreiteten Reihe.]
6.330 natvā stutvā ca tāṃ devīṃ pūjayitvā sadā śuciḥ |
surā janī ca śaktiḥ syānmama rūpasvarūpiṇī || 6-330 ||
Man verneige sich, preise und verehre die Göttin, stets rein. Alkohol und Frau sind Shakti und verkörpern meine eigene Gestalt.
6.331 tāṃ samāśritya siddhiḥ syānnātra kāryā vicāraṇā |
surābhāṇḍaṃ namaskuryāt striyaṃ ca raktavāsasam || 6-331 ||
Auf sie gestützt entstehe Vollendung; daran soll man nicht zweifeln. Man verneige sich vor einem Alkoholgefäß und einer rot gekleideten Frau.
6.332 kapilāṃ rohiṇīṃ gañjāṃ goṣṭhaṃ gāṃ ca payasvinīm |
kulavṛkṣaphalaiḥ pūjā naivedyamāmiṣaṃ rasam || 6-332 ||
Vor einer braunen, roten oder unfruchtbaren Kuh, einem Kuhstall und einer milchgebenden Kuh; Verehrung mit Kula-Baumfrüchten, fleischhaltigen Speisegaben und Rasa wird genannt.
6.333 ekā tvaṃ sarvadevānāṃ sarvadevātmikāpi ca |
sarvānandamayaḥ sākṣāt sarvakāmaparāyaṇaḥ || 6-333 ||
Du bist die Eine aller Götter und bestehst aus allen Gottheiten. Der Übende sei unmittelbar von aller Wonne erfüllt und allen göttlichen Wünschen zugewandt.
6.334 catuṣpathajapāsaktaḥ śuddhaḥ śmāśānikaḥ kvacit |
bhūtvaiva bhāvayannātmānaṃ tataḥ syācchaktipūjakaḥ || 6-334 ||
Japa an Kreuzungen hingegeben, rein, zuweilen auf Verbrennungsplätzen lebend, vergegenwärtige er sich sein Selbst; so wird er zum Shakti-Verehrer.
6.335 brahmānando brahmarasaḥ sumano'sthivibhūṣitam |
surāsanaṃ pretamālā dhāryate śaktidevataiḥ || 6-335 ||
Brahmans Wonne und Essenz, Blumenschmuck und Knochenzier, ein Göttersitz und eine Totengirlande werden von den Shakti-Verehrern getragen. [Die Aufzählung ist syntaktisch unklar.]
6.336 ātmabhūkusumaiḥ śukrairbalibhiḥ pūjanaṃ niśi |
parabrahmarasānandī karoti śaktisevakaḥ || 6-336 ||
Nachts verehrt der Shakti-Diener mit der selbstentstandenen Blüte, Samen und Balis, an der Essenz des höchsten Brahman sich erfreuend.
6.337 rātripūjā viśeṣeṇa kartavyā sādhakottamaiḥ |
balibhiḥ pañcamīvargairannairvividhapiṣṭakaiḥ || 6-337 ||
Besonders nächtliche Verehrung ist von vortrefflichen Übenden auszuführen: mit Balis, den fünf M, Speisen und verschiedenen Teigwaren.
6.338 aśanaistulitaiḥ klinnai rasakena ca sāritaiḥ |
puṣpairdhūpaiśca dīpaiśca naivedyairbalibhistathā || 6-338 ||
Mit abgemessenen, eingeweichten und mit Saft bereiteten Speisen, Blüten, Räucherwerk, Lichtern, Speisegaben und Balis —
6.339 sānandairnṛtyagītādyaiḥ śaktibhiḥ sādhakaiḥ saha |
saṃpūjya para(mā?yā)bhaktyā tarpayedvargamāśritaḥ || 6-339 ||
mit freudigem Tanz, Gesang und anderem, gemeinsam mit Shaktis und Übenden, verehre man mit höchster Hingabe und bringe die sättigende Spende im Kreis dar.
6.340 kulīnān kulasaṃbandhān vijñātān dvaitamānasān |
mahāsattvān dṛṣṭapathān madekabhāvino'pi ca || 6-340 ||
Kula-Angehörige und Kula-Verbündete, bekannte Menschen mit dualistischem Geist, Hochgesinnte, die den Weg gesehen haben, und solche, die allein mich vergegenwärtigen —
6.341 śaktayaḥ sarvataḥ pūjyā madbhāvena viśeṣataḥ |
śaktiśca kusumaiḥ pūjyā sindūrairgandhacandanaiḥ || 6-341 ||
alle Shaktis sind zu verehren, besonders als meine Gestalt. Mit Blüten, Zinnober, Duft und Sandel verehre man Shakti.
6.342 atha mālyairalaṅkāraiḥ kevalaṃ mātṛbhāvataḥ |
kumārīpūjanaṃ nityaṃ śaktiṃ vānyāṃ prapūjayet || 6-342 ||
Mit Girlanden und Schmuck, ausschließlich in der Haltung zur Mutter, vollziehe man täglich Kumari-Verehrung oder verehre eine andere Shakti.
6.343 evaṃ śakto yadā śakteḥ pūjanaṃ bhavamocanam |
parīvādaḥ parābhūtirhaṭhādākarṣaṇaṃ striyāḥ || 6-343 ||
So befreit die Verehrung der Shakti vom Werden. Eine Frau zu verleumden, zu erniedrigen oder mit Gewalt heranzuziehen —
6.344 manasāpi na kartavyaṃ devi siddhiṃ yadīccha(si?ti) |
rātrau ca bhramaṇaṃ devi rātrau ca śaktipūjanam || 6-344 ||
darf man nicht einmal im Geist beabsichtigen, wenn man Vollendung wünscht, Göttin. Nächtliches Wandern und nächtliche Shakti-Verehrung —
6.345 na karoti yadā loke sādhakaḥ kaulikaḥ katham |
anindā sarvabhūtānāṃ sarvatraiva dayānvitaḥ || 6-345 ||
wenn ein Übender sie nicht vollzieht, wie wäre er Kaulika? Er verachte kein Geschöpf und sei überall voller Mitgefühl.
6.346 baliṃ vinā mahādevyā hiṃsā sarvatra varjitā |
sadā sānandamanasā mama kāmaparāyaṇaḥ || 6-346 ||
Außer beim Bali der großen Göttin ist Gewalt überall ausgeschlossen. Mit stets freudigem Geist sei man meinem Willen zugewandt.
6.347 catuṣpathanamaskārī śmaśānacāripūjakaḥ |
andhakārasamāsthāyī guhāsevanatatparaḥ || 6-347 ||
Man verneige sich an Kreuzungen, verehre die Bewohner des Verbrennungsplatzes, verweile in der Dunkelheit und suche Höhlen auf.
6.348 paramāmṛtapūtātmā mama prītiparāyaṇaḥ |
śāligrāme brāhmaṇe ca nindāṃ caiva vivarjayet || 6-348 ||
Durch höchsten Nektar innerlich gereinigt, suche man meine Freude. Die Verachtung des Shalagrama-Steins und von Brahmanen vermeide man.
6.349 eṣāṃ pūjāṃ viśeṣeṇa karoti kārayatyapi |
brāhmaṇo brahmabhāvena kṣatraḥ kṣātreṇa śaṅkari || 6-349 ||
Man vollziehe und veranlasse besonders ihre Verehrung. Der Brahmane mit der Haltung eines Brahmanen, der Kshatriya mit der seinen, Shankari —
6.350 vaiśyaśca(śūdra?vaiśya)bhāvena prasanno vicariṣyati |
divā haviṣyabhojī syāt na spṛśedanyapūruṣam || 6-350 ||
und der Vaishya mit der seinen bewege sich heiter durch die Welt. Tagsüber esse man reine Opferspeise und berühre keinen anderen Mann. [Die letzte Bestimmung steht ohne nähere Erklärung.]
6.351 rātrau svīyagaṇairyuktaḥ pañcamīmāśrayecchive |
tava pūjāparo bhūtvā śaktibhiḥ sādhakaiḥ saha || 6-351 ||
Nachts, mit der eigenen Gemeinschaft vereint, nehme man Zuflucht zur fünften Ritualkomponente, Heilvolle, ganz deiner Verehrung hingegeben, zusammen mit Shaktis und Übenden.
6.352 nṛtyate gīyate yadyat tat stotraṃ pūjanaṃ tava |
vinā tīrthābhiṣekeṇa nāntaḥ śuddhyati bhairavi || 6-352 ||
Was getanzt und gesungen wird, ist dein Lobpreis und deine Verehrung. Ohne die Begießung am heiligen Ort werde das Innere nicht rein, Bhairavi.
6.353 na bhūyo yāti śokāṃśca paratra mokṣabhāg bhavet |
na rūpadarśane devi saṃśayo nāsti kaścana || 6-353 ||
Man gelange nicht erneut zu Kummer und werde jenseits der Befreiung teilhaftig. An der Schau der Gestalt bestehe kein Zweifel, Göttin. [Der Wortlaut des letzten Halbverses ist gestört.]
6.354 iti pūjāṃ maheśāni kṛtvā devīpuraṃ vaset |
asyāḥ paratarā devi nāsti tantre maheśvari || 6-354 ||
Wer so verehrt, wohnt in der Stadt der Göttin, große Herrin. Keine höhere Verehrung findet sich im Tantra.
6.355 eṣā pūjā hi devyāśca pūjaiva suravandite |
sarvadharmān parityajya pūjāmetāṃ karoti yaḥ || 6-355 ||
Dies ist die eigentliche Verehrung der Göttin, du von den Göttern Verehrte. Wer alle anderen Pflichten beiseitelässt und diese vollzieht —
6.356 sa yogī ca mahātmā ca saṃsārāt trāyate kṣaṇāt |
agamyāgamane pāpaṃ nāsti tasya varānane || 6-356 ||
ist Yogi und große Seele und wird augenblicklich aus dem Samsara gerettet. Selbst verbotener Geschlechtsverkehr gelte ihm nicht als Verfehlung, Schönantlitzige. [Historische normative Aussage des Werkes.]
6.357 yā kathā tava deveśi tava stotraṃ varānane |
itastato yadgamanaṃ pradakṣiṇamudāhṛtam || 6-357 ||
Jedes Gespräch ist deine Erzählung und dein Lobpreis, Herrin der Götter, Schönantlitzige. Jedes Umhergehen wird als ehrfürchtige Umkreisung bezeichnet.
6.358 tataḥ paraṃ mahādevi dharmādharmo na jāyate |
aprakāśyaṃ maheśāni tava snehāt prakāśitam || 6-358 ||
Danach entstehen weder Dharma noch Adharma, große Göttin. Was nicht preiszugeben ist, wurde aus Liebe zu dir offenbart.
6.359 madbhaktebhyo maheśāni prakāśamupadāya ca |
abhaktebhyo na dadyāddhi dattvā mṛtyumavāpnuyāt || 6-359 ||
Mache es meinen Verehrenden zugänglich, große Herrin; den Hingabelosen gebe man es nicht. Wer es dennoch gibt, erlange den Tod, droht der Text.
6.360 iti te kathitaṃ devyāstarpaṇaṃ śṛṇu bhairavi |
vidyākāmena hotavyaṃ tilājyaṃ madhusaṃyutam || 6-360 ||
Dies ist dir erklärt; höre von der Wasserspende für die Göttin, Bhairavi. Wer Wissen erstrebt, opfere Sesam und Ghee mit Honig.
6.361 bilvapatraṃ ghṛtāktaṃ ca kiṃśukaṃ bakulaṃ tathā |
bandhūkapuṣpahomena rājā ca dāsatāmiyāt || 6-361 ||
Mit Ghee bestrichene Bilva-Blätter, Kimshuka und Bakula werden genannt. Durch ein Feueropfer mit Bandhuka-Blüten werde ein König zum Diener.
6.362 sarpirlavaṇahomena ākarṣayati kāminī |
karṇikārasya homena saubhāgyaṃ labhate naraḥ || 6-362 ||
Ein Feueropfer mit Ghee und Salz ziehe eine Frau an; mit Karnikara gewinne ein Mensch Glück.
6.363 karavīraiśca puṃnāgaiḥ puṣṭimāpnotyasaṃśayam |
rājavṛkṣasya homena sarvasaṃpattimān bhavet || 6-363 ||
Mit Oleander und Punnaga erlange man Gedeihen, mit Rajavriksha sämtliche Güter, so die Verheißung.
6.364 durvātilājyahomena dīrghāyuṣṭvamavāpnuyāt |
saṃpūjya mūlamantreṇa bilvapatrairghṛtānvitaiḥ || 6-364 ||
Mit Durva, Sesam und Ghee erlange man langes Leben. Nach Verehrung mit dem Grundmantra opfere man mit Ghee versehene Bilva-Blätter —
6.365 sahasraṃ pratyahaṃ hutvā prāpnoti paramāṃ gatim |
ghṛtāktamālatīpuṣpahomād drutakavirbhavet || 6-365 ||
täglich tausendmal; so erreiche man das höchste Ziel. Ein Feueropfer mit gheegetränkten Malati-Blüten mache zum gewandten Dichter.
6.366 tarpaṇasya prasaṅgena homo'yaṃ kathitaḥ śive |
madhunā tarpaṇaṃ kuryāt sarvakāmaphalapradam || 6-366 ||
Im Zusammenhang mit der Wasserspende wurde dieses Feueropfer beschrieben, Heilvolle. Mit Honig vollziehe man die alle Wünsche erfüllende sättigende Spende.
6.367 mantrasiddhyai maheśāni mahāpātakanāśanam |
karpūramiśritaistoyairmāsamātraṃ pratarpayet || 6-367 ||
Zur Mantravollendung und Vernichtung schwerer Verfehlungen bringe man einen Monat lang kampferhaltiges Wasser als Spende dar, große Herrin.
6.368 vaśīkṛtya nṛpān sarvān bhogī syād yāvadāyuṣam |
ghṛtaiḥ pūrṇayaśaḥ siddhyed dugdhairārogyamāpnuyāt || 6-368 ||
Nach Beeinflussung aller Könige genieße man zeitlebens Wohlstand. Ghee schenke vollen Ruhm, Milch Gesundheit.
6.369 agurumiśritaṃ devi sarvakālaṃ sukhī bhavet |
nārikelodakamiśraistoyaiḥ sarvārthamāpnuyāt || 6-369 ||
Mit Adlerholz vermischtes Wasser gewähre beständiges Glück, Göttin; mit Kokoswasser vermischtes Wasser erfülle alle Ziele.
6.370 marīcamiśritaistoyaiḥ sarvāñchatrūn vināśayet |
kevalairuṣṇatoyaiśca śatrumuccāṭayet kṣaṇāt || 6-370 ||
Mit Pfeffer versetztes Wasser solle alle Feinde vernichten; bloßes heißes Wasser den Feind augenblicklich vertreiben.
6.371 jvarāviṣṭo bhavet tena dugdhasekāt śamaṃ bhavet |
haviṣyāśī muktakeśo japedayutamācaret || 6-371 ||
Dadurch werde er von Fieber befallen; Milchbegießung bringe Befriedung. Reine Opferspeise essend und mit offenem Haar vollziehe man zehntausend Wiederholungen.
6.372 gadyapadyamayī vāṇī sabhāyāṃ tasya jāyate |
uccāṭayati piṅgākṣī saṃbhāvayati kekarā || 6-372 ||
Dann entstehe in der Versammlung Rede in Prosa und Versen. Die Gelbäugige vertreibe, die Schielende vergegenwärtige beziehungsweise bewirke Begegnung. [Technische Bedeutungen unsicher.]
6.373 vidrāvayati muktāsyā saṃbhrāmayati ghūrṇitā |
vikṣobhayati saṃkṣubdhā saṃtāpayati sannibhā || 6-373 ||
Die Offenmundige jage fort, die mit rollenden Augen verwirre; die Erregte erschüttere, die ähnlich Erscheinende erhitze. [Letzte Bezeichnung unsicher.]
6.374 saṃkocayati saṃruddhā vipraruddhā prabodhayet |
etat sarvaṃ prakartavyaṃ bhāvanāmātracintanam || 6-374 ||
Die Zurückgehaltene ziehe zusammen, die Entsperrte wecke auf. All dies ist als bloße innere Vergegenwärtigung auszuführen.
6.375 uccāṭeṣu ca sarveṣu cāyutaṃ prajapet sudhīḥ |
śatābhijaptamātreṇa rocanātilakaṃ naraḥ || 6-375 ||
Bei allen Vertreibungsriten rezitiere der Einsichtige zehntausendmal. Ein mit hundert Wiederholungen geweihtes Rocana-Stirnzeichen —
6.376 kṛtvā paśyati yaṃ mantrī taṃ kuryād dāsavat priye |
dantenānīyate cūrṇaṃ kīlakaṃ tena kārayet || 6-376 ||
trage der Mantrakundige auf; wen er anschaut, den mache er einem Diener gleich, Geliebte. Aus dem mit einem Zahn gewonnenen Pulver fertige er ein Kilaka. [Die Materialanweisung ist unklar.]
6.377 yathā madhughṛtāktena padminīpatramātrake |
likhet sūtrāvalīmadhye mūlamantraṃ vidarbhitam || 6-377 ||
Auf ein mit Honig und Ghee bestrichenes Lotosblatt schreibe man inmitten einer Linienfolge das Grundmantra in Vidarbha-Verflechtung.
6.378 tat kuṇḍacaturasre ca nikṣipya juhuyādapi |
sahasraṃ kṣīranīrāktaṃ padmānāṃ lohitatviṣām || 6-378 ||
Man lege es in die vierkantige Opfergrube und opfere tausend rote Lotose, die mit Milch und Wasser benetzt sind.
6.379 mantraṃ śṛṇu varārohe yena siddhyati niścitam |
oṃ padme padme mahāpadme padmāvati māye tathā || 6-379 ||
Höre das Mantra, Schönhüftige, durch das es gewiss gelingt: »oṃ padme padme mahāpadme padmāvati māye« —
6.380 svāhānto'yaṃ mahāmantro naimittikaphalapradaḥ |
evaṃ yaḥ kurute karma sadyo drutakavirbhavet || 6-380 ||
mit Svaha endet dieser große Mantra, der anlassbezogene Früchte schenkt. Wer so handelt, werde rasch zum gewandten Dichter.
6.381 upacāraviśeṣeṇa rājapatnīṃ vaśaṃ nayet |
rambhājātībījapūraṃ sugandhiparimiśritam || 6-381 ||
Durch besondere Ehrengaben solle man die Königin beeinflussen. Bananenblüten, Jati und Zitronatzitrone, mit Wohlgerüchen vermischt —
6.382 miśrīkṛtya baliṃ dadyādaṣṭamyāṃ ca viśeṣataḥ |
prayogabalimantro'yaṃ prayogān sādhayed yadi || 6-382 ||
bringe man besonders am achten Mondtag als Bali dar. Dieses Anwendungs-Bali-Mantra soll die Anwendungen vollenden.
6.383 ardharātre tato nityaṃ baliṃ dadyāt catuṣpathe |
parasainyagrahāriṣṭa rogakṛtyānivāraṇam || 6-383 ||
Regelmäßig um Mitternacht bringe man das Bali an einer Kreuzung dar, zur Abwehr feindlicher Heere, Besessenheit, Unheil, Krankheit und Schadenszauber.
6.384 praṇavaṃ pūrvamuccārya ugratāre tataḥ param |
vikaṭadaṃṣṭre parapakṣaṃ mohaya [kṣobhaya kha pāṭhaḥ |] dvandvamuccaret || 6-
384 ||
Zuerst Pranava, dann »ugratāre vikaṭadaṃṣṭre parapakṣaṃ mohaya mohaya« [Variante: »kṣobhaya«].
6.385 khādaya dvandvamuccārya pacadvandvaṃ vadet punaḥ |
ye māṃ hiṃsitumudyatā yoginīcakraistān hāraya hūṃ phaṭ svāhā |
paravidyāmākarṣaya 2 chedaya 2 hana 2 kapāle gṛhṇa 2 svāhā |
anenaiva ca deveśi baliṃ dadyād maheśvari |
māyābījaṃ samuccārya kāli kālīti sundari || 6-385 ||
Dann zweimal »khādaya«, zweimal »paca«: »Die mich verletzen wollen, lass sie durch die Yogini-Kreise fortnehmen, hūṃ phaṭ svāhā. Ziehe fremde Zauberkraft herbei, schneide sie ab, schlage sie; nimm sie in die Schädelschale auf, svāhā«; die Handlungswörter werden verdoppelt. Damit bringe man Bali dar. Dann Maya-Bija und »kāli kāli«, du Schöne.
6.386 vajreśvarī padaṃ paścāllohadaṇḍāyai namaḥ padam |
iti saṃpūjya deveśi śaktiṃ saṃpūjayet tataḥ || 6-386 ||
Darauf »vajreśvarī« und »lohadaṇḍāyai namaḥ«. Nach dieser Verehrung verehre man Shakti, Herrin der Götter.
6.387 hū/ vāgīśvarībrahmabhyāṃ namaḥ | hū/ lakṣmīnārāyaṇābhyāṃ ca |
tato namaḥ padaṃ brūyād devi caṇḍe maheśvari || 6-387 ||
»hū/ vāgīśvarībrahmabhyāṃ namaḥ«, ebenso »hū/ lakṣmīnārāyaṇābhyām«, danach Namah, Göttin Chanda, große Herrin.
6.388 tatomāmaheśvarābhyāṃ nama ityādinārcayet |
praṇavaṃ ca tataḥ paścāt kārtikeśvarābhyāṃ namaḥ || 6-388 ||
Dann verehre man mit »umāmaheśvarābhyāṃ namaḥ« und weiteren Formeln, danach Pranava und »kārtikeśvarābhyāṃ namaḥ«.
6.389 ityane(na?naiva)mantreṇa śaktiṃ saṃpūjayennaraḥ |
iti khaḍgaṃ prapūjyaiva viśeṣeṇa prapūjayet || 6-389 ||
Mit diesem Mantra verehre man Shakti. Nachdem man so das Schwert verehrt hat, ehre man es besonders.
6.390 oṃ khaḍgāya kharanāśāya śaktikāryārthatatpara |
paśucchedastvayā kāryaḥ khaḍganātha namo'stu te || 6-390 ||
Om, dem Schwert, dem Vernichter des Rauhen: Du widmest dich dem Werk Shaktis. Die Trennung des Opfertieres soll durch dich erfolgen. Herr des Schwertes, dir sei Verehrung!
6.391 anenaiva tu mantreṇa praṇamet khaḍgamuttamam |
gṛhītvā tāmrapātraṃ ca jalapūrṇamudaṅmukhaḥ || 6-391 ||
Mit diesem Mantra verneige man sich vor dem vortrefflichen Schwert. Man nehme eine wassergefüllte Kupferschale und wende sich nach Norden.
6.392 harṣakāmo mahādevyai paśośca prokṣaṇaṃ caret |
prokṣaṇaṃ ca paśoḥ kṛtvā cotsṛjed devatādhiyā || 6-392 ||
Die Freude der großen Göttin wünschend besprenge man das Opfertier. Nach der Besprengung weihe man es ihr in der Vorstellung der Gottheit.
6.393 yathoktena vidhānena tubhyamastu nivedanam |
chinne ca patite vṛddhirvāmabhāge ca ninditam || 6-393 ||
Nach der gelehrten Vorschrift: »Dir sei diese Darbringung!« Der Fall nach dem Abschlagen verheißt Gedeihen; ein Fall nach links gilt als ungünstig. [Die günstige Fallrichtung ist nicht genannt.]
6.394 dainyaṃ madhye ca patitaṃ deve chedaṃ smared budhaḥ |
tataḥ kuṇḍāntike gatvā āhutirdaśapañcabhiḥ || 6-394 ||
Ein Fall in die Mitte bedeute Bedrängnis; der Kundige betrachte die Trennung als in der Gottheit geschehend. Dann gehe er zur Feuergrube und gebe fünfzehn Opfergaben.
6.395 tenaivamutsṛjan doṣaṃ baliṃ lakṣet salakṣaṇam |
tato rudhiramādhāya vaṭukādīn samarcayet || 6-395 ||
So beseitige er den Fehler und prüfe die Merkmale des Bali. Dann nehme er das Blut und verehre Vatuka und die anderen.
6.396 nair-ṛtyāṃ ca maheśāni hū/ vā/ vaṭukabhairavam |
vāyavye hūṃ yāṃ yoginībhyo namaḥ ityādinārcayet || 6-396 ||
Im Südwesten Vatuka-Bhairava mit »hū/ vā/«, große Herrin; im Nordwesten die Yoginis mit »hūṃ yāṃ yoginībhyo namaḥ«.
6.397 aiśānyāṃ ca maheśāni hūṃ kṣau/ kṣetrapālāya namaḥ |
ityādinā devi(samyak)gandhapuṣpaiḥ samarcayet || 6-397 ||
Im Nordosten verehre man Kshetrapala mit »hūṃ kṣau/ kṣetrapālāya namaḥ« und weiteren Formeln, mit Duft und Blüten, große Herrin.
6.398 āgneyyāṃ hū/ gāṃ gaṇeśāya nama ityādinārcayet |
gandhapuṣpaiḥ samabhyarcya balidānaṃ samācaret |
iti te kathito devi balidānasya nirṇayaḥ || 6-398 ||
Im Südosten verehre man Ganesha mit »hū/ gāṃ gaṇeśāya namaḥ«. Nach Duft- und Blütenverehrung vollziehe man die Bali-Darbringung. Damit ist dir die Bestimmung dieses Ritus erklärt, Göttin.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (kulapūjā śāktācārādividhinirūpaṇaṃ) ṣaṣṭhaḥ paṭalaḥ || 6 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das sechste Kapitel: die Darlegung der Kula-Verehrung, der Shakta-Lebensführung und weiterer Ordnungen.
Kapitel 7: Besondere Anwendungen und Kumari-Verehrung

7.1 śrībhairava uvāca |
atha vakṣye maheśāni nigrahopāyamuttamam |
avaśyameva kartavyaṃ prayogasādhanaṃ tathā || 7-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Nun werde ich dir, große Herrin, ein vorzügliches Mittel zur Niederhaltung erklären, ebenso die Ausführung der besonderen Anwendungen, die unbedingt zu vollziehen sei.
7.2 maṅgale śanivāre ca śmaśānāṅgāramānayet |
kṛṣṇavastreṇa saṃveṣṭya badhnīyādraktatantunā || 7-2 ||
An einem Dienstag oder Samstag hole man Kohle vom Verbrennungsplatz, wickle sie in schwarzen Stoff und binde sie mit einem roten Faden zusammen.
7.3 śatābhimantritaṃ kṛtvā niḥkṣiped vairiveśmani |
saptāhābhyantare teṣāmuccāṭanamidaṃ bhavet || 7-3 ||
Nachdem man sie hundertmal mit dem Mantra besprochen hat, werfe man sie in das Haus des Feindes. Binnen einer Woche werde dadurch seine Vertreibung bewirkt.
7.4 narāsthi vilikhenmantraṃ kṣārayuktaharidrayā |
sahasraṃ parijapyātha niśāyāṃ śanivāsare || 7-4 ||
Auf einen menschlichen Knochen schreibe man das Mantra mit alkalisch vermischter Gelbwurz und wiederhole es tausendmal in einer Samstagnacht.
7.5 nikṣipyate yasya gehe tasya mṛtyustrimāsataḥ |
kṣetre tu śasyahāniḥ syājjavahānisturaṅgame || 7-5 ||
Wird er in jemandes Haus geworfen, so trete dessen Tod nach drei Monaten ein; auf einem Feld bewirke er Ernteverlust, bei einem Pferd den Verlust seiner Schnelligkeit.
7.6 dhanahānirdhanāgāre grāmamadhye tu tatkṣayam |
(dvi?dve)ṣe tu vilikhed mantraṃ pretakarpaṭake sudhīḥ || 7-6 ||
In einer Schatzkammer bewirke er Vermögensverlust, inmitten eines Dorfes dessen Untergang. Für die Erzeugung von Feindschaft schreibe der Kundige das Mantra auf ein Leichentuch.
7.7 dveṣyadveṣakayornāmnā tasya dveṣo mahān bhavet |
mantraṃ śṛṇu varārohe prayogārho bhaved yataḥ || 7-7 ||
Mit den Namen der beiden Personen, zwischen denen Hass entstehen soll, werde große Feindschaft zwischen ihnen hervorgerufen. Höre das Mantra, du Schöne, durch das die Anwendung möglich werde.
7.8 amukaṃ mārayet yādau mārayeti padaṃ tataḥ |
sahasraṃ parisaṃjapya mantramenaṃ maheśvari || 7-8 ||
Zuerst stehe »Den und den töten«, dann das Wort »Töte!«. Dieses Mantra soll man tausendmal wiederholen, große Herrin.
7.9 dveṣamantraviśeṣaṃ tu śṛṇu caikamanāḥ priye |
amukāmukayordveṣaṃ kuru kurvityanantaram || 7-9 ||
Höre mit gesammeltem Geist, Geliebte, die besondere Formel zur Erzeugung von Feindschaft: »Zwischen dem und dem und dem und dem Feindschaft«, danach »bewirke, bewirke«.
7.10 mantramuccārya deveśi japed devi sahasrakam |
uccāṭaya padadvandvaṃ piṅgākṣi tadanantaram || 7-10 ||
Nach dem Aussprechen des Mantras wiederhole man es tausendmal, Göttin. Für die Vertreibung folgen zweimal »Vertreibe!« und anschließend »Braunäugige«.
7.11 phaṭ mantraṃ mantramuccārya sādhyasaṃjñānvitaṃ punaḥ |
deśād deśāntaraṃ yāti ripuḥ kāka ivāparaḥ || 7-11 ||
Nachdem man die Silbe Phat und das Mantra unter Einfügung des Namens der Zielperson gesprochen hat, ziehe der Feind von Land zu Land, wie eine Krähe.
7.12 vahnipuṭe ripormantraṃ likhitvā patrakeṇa tu |
śmaśāne mantramuccārya puṭīkṛtya vidarbhya ca || 7-12 ||
Man schreibe das Mantra des Gegners auf ein Blatt, umschließe es mit dem Feuerlaut und rezitiere es am Verbrennungsplatz, indem man es entsprechend einfasst und durchsetzt.
7.13 sahasrajanmabhirjaptvā vidyā na hi phalapradā |
siddhayaśca vinaśyanti devānāmapi durlabhāḥ || 7-13 ||
Dann trage seine Vidya selbst nach Wiederholungen durch tausend Geburten keine Frucht; auch seine selbst für Götter schwer erreichbaren Vollkommenheiten gingen verloren.
7.14 mātṛcakre'mṛtaṃ lekhyaṃ bhinnāñjanapuṭīkṛtam |
jale niḥkṣipya mantraṃ tu punarnava itīritaḥ || 7-14 ||
Im Matrika-Kreis schreibe man den Nektarlaut, eingefasst von »gespaltenem Anjana« [verschlüsselte Lautbezeichnung], und werfe das Mantra ins Wasser: Dies heißt seine Erneuerung.
7.15 janmalupto manuḥ snigdho navoditaśaśī yathā |
kṣaṇe kṣaṇe'pi tejasvī ripudṛṣṭigato'pi ca || 7-15 ||
Das seiner Geburtsbeeinträchtigung entledigte Mantra werde mild wie der neu aufgegangene Mond und gewinne von Augenblick zu Augenblick Leuchtkraft, selbst unter dem Blick eines Feindes.
7.16 atha vakṣye mantramekaṃ dhārayet sarvadā priye |
yoniyugme likhenmantraṃ mūlaṃ hemaśalākayā || 7-16 ||
Nun nenne ich ein Mantra, das man stets bei sich tragen soll, Geliebte. Mit einem goldenen Stift schreibe man das Grundmantra in ein Paar von Yoni-Dreiecken.
7.17 klībahīnān dīrghabhinnān ṣaṭkoṇe ca likhet tataḥ |
aṣṭapatreṣvaṣṭavarṇāstadvahirbhūpuradvayam || 7-17 ||
In das Sechseck schreibe man sodann die langen, voneinander gesonderten Laute unter Auslassung der als geschlechtslos bezeichneten; auf die acht Blätter kommen acht Buchstaben, außen zwei Erdwälle.
7.18 aṣṭavajra bhūpure ca vilikhet sādhakottamaḥ |
svarṇapatre'thavā bhūrje raupye vāpyatha suvrate || 7-18 ||
In die Erdwälle zeichne der vortreffliche Übende acht Vajras, und zwar auf eine Goldplatte, Birkenrinde oder Silber, du Gelübdetreue.
7.19 vilikhed hemalekhanyā gandhāṣṭakasamanvitam |
dūrvākāṇḍena saṃlikhya kuśamūlena vā punaḥ || 7-19 ||
Er schreibe mit einem goldenen Stift und den acht Duftstoffen, oder mit einem Durva-Halm, oder mit einer Kusha-Wurzel.
7.20 veṣṭitaṃ pītavastreṇa yatnena pariveṣṭayet |
badhnīyāt pītavastreṇa śiśūnāṃ kaṇṭhabhūṣaṇam || 7-20 ||
Sorgfältig umhülle man es mit gelbem Stoff und binde es mit gelbem Stoff fest; Kindern diene es als Halsschmuck.
7.21 strīṇāṃ vāmabhuje caivamanyeṣāṃ dakṣiṇe bhuje |
vandhyā tu labhate putraṃ nirdhano dhanavān bhavet || 7-21 ||
Frauen tragen es am linken Oberarm, die anderen am rechten. Eine Unfruchtbare erlange einen Sohn, ein Mittelloser werde vermögend.
7.22 iyaṃ rakṣā purā baddhā jñānārthaṃ gautamādibhiḥ |
kīrtyarthaṃ pārthivaiścānyaiḥ saṃgrāme jayakāṅkṣibhiḥ || 7-22 ||
Diesen Schutz legten einst Gautama und andere um der Erkenntnis willen an, Könige und andere um des Ruhmes und des Sieges in der Schlacht willen.
7.23 vāgbhavaṃ kuladevī ca tārakaṃ vāgbhavaṃ tathā |
hṛllekhāstramanuścaiva vahnijāyāvadhirmanuḥ || 7-23 ||
Vagbhava, Kuladevi, Taraka, wieder Vagbhava, Hrllekha und das Waffenmantra, schließlich die Gemahlin des Feuers: So lautet die Lautfolge.
7.24 aṣṭākṣaro manuḥ prokto mantrāṇāṃ sāra īritaḥ |
kālikāmantratantroktān prayogāneva cācaret || 7-24 ||
Dieser achtsilbige Spruch gilt als Essenz der Mantras. Man vollziehe damit die im Kalika-Mantra-Tantra gelehrten Anwendungen.
7.25 kālikātantramantroktān prayogāniha cācaret |
yathā kālī tathā nīlā bhedo nāsti maheśvari || 7-25 ||
Hier sind die im Kalika-Tantra für das Mantra genannten Anwendungen auszuführen. Wie Kali, so ist Nila; es gibt keinen Unterschied, große Herrin.
7.26 aviśeṣeṇa kartavyaṃ satyaṃ ca kathitaṃ mayā |
anyacchṛṇu varārohe vaśīkaraṇamuttamam || 7-26 ||
Ohne Unterscheidung soll man verfahren: Wahrhaftig habe ich es gesagt. Höre nun ein anderes, vortreffliches Mittel der Bezwingung, du Schöne.
7.27 yatkṛte sādhako vīro dhanyo bhavati niścitam |
puṣyārke ca mahādevi vīramūlaṃ samānayet || 7-27 ||
Durch dessen Ausführung werde der heldenhafte Übende gewiss gesegnet. Bei Pushya an einem Sonntag hole man die Vira-Wurzel, große Göttin.
7.28 śodhitaṃ pañcagavyena śoṣayed bhāskaradyutau |
cūrṇayed meṣaśṛṅgeṇa samādāya ca taṃ śive || 7-28 ||
Mit den fünf Kuhprodukten gereinigt, lasse man sie im Sonnenlicht trocknen und zerreibe sie mit einem Widderhorn, nachdem man sie an sich genommen hat, du Gütige.
7.29 yantraṃ saṃlikhya deveśi mātṛkākhyaṃ suśobhanam |
mantraṃ śṛṇu varārohe dhyānāt sārvajñyadāyakam || 7-29 ||
Man zeichne das schöne Yantra namens Matrika. Höre seine Beschreibung, du Schöne; seine Betrachtung soll Allwissenheit schenken.
7.30 vyomendvaurasanārṇakarṇikamacāṃ dvandvaiḥ sphuratkesaraṃ
vargollāsivasucchadaṃ vasumatīgehena saṃveṣṭitam |
āśāsvastriṣu lāntaṭāntasahitaṃ kṣoṇīpureṇāvṛtaṃ
yantraṃ nīlatanoḥ paraṃ nigaditaṃ sarvārthasiddhipradam || 7-30 ||
Im Zentrum stehen die durch Raum, Mond und Zunge bezeichneten Laute, in den strahlenden Staubfäden die Vokalpaare; die acht Blätter erglänzen mit den Konsonantengruppen. Ein Erdhaus umgibt es, an den Richtungen und Ecken mit den auf La und Ta endenden Zeichen versehen und von einem weiteren Erdwall umschlossen: So wird das höchste Yantra der blauen Gestalt beschrieben, das alle Ziele vollenden soll. [Die verdichteten Lautbezeichnungen sind nicht durchweg eindeutig.]
7.31 tena cūrṇena deveśi yantraṃ saṃlikhya yatnataḥ |
mṛtpātre ca samālikhya sthāpayet kumbhakopari || 7-31 ||
Mit jenem Pulver zeichne man sorgfältig das Yantra auf eine Tonschale und stelle diese auf einen Krug.
7.32 tilapūrṇaṃ ghaṭaṃ tena sthāpayet suravandite |
paṭṭavastreṇa cāmuṇḍāṃ pūjayecchārkarodakaiḥ || 7-32 ||
Den Krug fülle man mit Sesam. Mit Seidenstoff und Zuckerwasser verehre man Chamunda, du von den Göttern Verehrte.
7.33 tanmantraṃ parameśāni japtvā vaśayejjagat trayam |
kapardinaṃ samuddhṛtya kalahaṃ tad dvitīyakam || 7-33 ||
Durch Wiederholung ihres Mantras bezwinge man die drei Welten. Zuerst ist der durch Kapardin bezeichnete Laut zu gewinnen, als Zweites Kalaha.
7.34 khaḍgeti parameśāni cāmuṇḍe ca tataḥ param |
jayaśabdaṃ samuccārya vaśamānaya ṭhadvayam || 7-34 ||
Dann folgt »Khadga«, große Herrin, anschließend »Chamunde«, danach das Wort »Jaya«, »führe unter meine Macht« und zweimal Tha.
7.35 anena mantrarājena kuryāt pauṣṭikamuttamam |
bhakṣaṃ bhojyaṃ mahādevyai dadyāt suragaṇārcite || 7-35 ||
Mit diesem König der Mantras vollziehe man das vorzügliche Gedeihritual. Der großen Göttin bringe man feste und andere Speisen dar, du von den Götterscharen Verehrte.
7.36 raktāsane copaviśya sahasrāṣṭau jepenmudā |
daśāṃśādipramāṇena homādīṃśca samācaret || 7-36 ||
Auf einem roten Sitz sitzend, wiederhole man es freudig achttausendmal. Feueropfer und weitere Handlungen vollziehe man jeweils im vorgeschriebenen Zehntelverhältnis.
7.37 jāpe samāpte deveśi dadyād rajatadakṣiṇām |
palaṃ vāpi tadardhaṃ vā tadardhaṃ vāpi śaktitaḥ || 7-37 ||
Nach Abschluss der Wiederholung gebe man Silber als Opferlohn: ein Pala, ein halbes oder dessen Hälfte, nach Vermögen.
7.38 pravālamālayā devi japaṃ kuryācchucismite |
uṣṇīṣaṃ lohitaṃ proktamuttarīyaṃ tathā priye || 7-38 ||
Mit einer Korallenkette vollziehe man die Wiederholung, du rein Lächelnde. Als Kopftuch ist Rot vorgeschrieben, ebenso für das Obergewand, Geliebte.
7.39 raktavastraṃ parīdhāya japet tad gatamānasaḥ |
kavitvaṃ jāyate subhru! mantrasyāsya prasādataḥ || 7-39 ||
In rote Kleidung gehüllt, rezitiere man mit ganz darauf gerichtetem Geist. Durch die Gunst dieses Mantras entstehe dichterische Begabung, du Schönbrauige.
7.40 kavitā vaśamāyāti nātra kāryā vicāraṇā |
idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi kavitākārakaṃ param || 7-40 ||
Die Dichtkunst werde einem zu eigen; darüber soll kein Zweifel bestehen. Höre nun, du Schöngegliederte, die höchste Dichtkunst verleihende Anwendung.
7.41 prayogaṃ sarvasaṃgopyaṃ tava snehāt prakāśyate |
naṭīṃ caṇḍā(līnaṃ?linīṃ)caiva yoginaṃ sarvamohanam || 7-41 ||
Diese ganz geheim zu haltende Anwendung offenbare ich aus Liebe zu dir: Nati, Candalini und Yogin, der alles Bezaubernde, [bezeichnen die folgenden drei Keimsilben; die Lesung ist teilweise unsicher].
7.42 bījatrayaṃ japedrātrau madhyarātrau raverdine |
aṣṭādhikasahasreṇa pramāṇena japaṃ caret || 7-42 ||
Die drei Keimsilben rezitiere man nachts, am Sonntag um Mitternacht; die Anzahl der Wiederholungen betrage eintausendacht.
7.43 śatābhimantritaṃ kṛtvā pibecca jalamuttamam |
saptadinaprayogeṇa kavitā cittamodinī || 7-43 ||
Nachdem man gutes Wasser hundertmal besprochen hat, trinke man es. Durch eine siebentägige Anwendung entstehe eine das Herz erfreuende Dichtkunst.
7.44 jāyate nātra sandehaḥ satyaṃ suragaṇārcite |
pāṇinā dakṣiṇenaiva madhulājān samānayet || 7-44 ||
Daran besteht kein Zweifel; es ist wahr, du von den Göttern Verehrte. Mit der rechten Hand nehme man Honig und Puffreis.
7.45 prāgeva nāḍīcchedād bālaṃ saṃskuryācca sādhakaḥ |
kavitvaṃ jāyate tenā dvitīyaṃ suravandite || 7-45 ||
Noch vor dem Durchtrennen der Nabelschnur vollziehe der Übende damit den Geburtsritus am Kind. Dadurch entstehe unvergleichliche dichterische Begabung, du von den Göttern Verehrte.
7.46 jihvāṃ saṃmārjya deveśi likhed hemaśalākayā |
dūrvayā vā mahādevi jihvoṣṭhayoḥ samālikhet || 7-46 ||
Nachdem die Zunge gereinigt ist, schreibe man mit einem goldenen Stift oder mit Durva darauf; auf Zunge und Lippen soll geschrieben werden.
7.47 paṅktidvayena saṃlikhya kuryācca bālasaṃskriyām |
ekādaśāhe deveśi dvādaśāhe'tha vā punaḥ || 7-47 ||
Man schreibe in zwei Reihen und vollziehe den Ritus am Kind; er könne auch am elften oder zwölften Tag stattfinden, Herrin der Götter.
7.48 varṇajātyādibhedena māsāntaṃ saṃbhaviṣyati |
yathāśaktyupacāreṇa devatāṃ pūjayet puraḥ || 7-48 ||
Je nach Stand, Herkunft und weiteren Unterschieden komme dafür die Zeit bis zum Monatsende in Betracht. Zuvor verehre man die Gottheit mit Gaben nach seinen Möglichkeiten.
7.49 saṃpūjya devatāṃ bhaktyā likhenmantraṃ maheśvari |
yadā pitā na deśasthaḥ pitṛvyo mātulo'pi vā || 7-49 ||
Nach hingebungsvoller Verehrung der Gottheit schreibe man das Mantra. Ist der Vater nicht am Ort, so übernehme dies sein Bruder oder der Bruder der Mutter.
7.50 likhitvā parameśāni kuryācca bālasaṃskriyām |
mūlamantraṃ likhed mantrī yasyoṣṭhe śvetadūrvayā || 7-50 ||
Nach dem Schreiben vollziehe man den Kindheitsritus, höchste Herrin. Auf wessen Lippen der Mantrakundige das Grundmantra mit weißer Durva schreibt —
7.51 vākyoccārarato bālo vāgmī drutakavirbhavet |
janmasaṃskārakaṃ nāma putre jāte praśasyate || 7-51 ||
— dieses Kind werde, sobald es zu sprechen beginnt, beredt und ein gewandter Stegreifdichter. Das als Geburtsweihe bezeichnete Verfahren wird bei der Geburt eines Sohnes empfohlen.
7.52 jihvāyāṃ tu likhed mantraṃ yajñadāru kuśena vā |
vāratrayaṃ susaṃmārjya dakṣiṇenaiva pāṇinā || 7-52 ||
Mit Opferholz oder Kusha schreibe man das Mantra auf die Zunge, nachdem man sie mit der rechten Hand dreimal sorgfältig gereinigt hat.
7.53 mantramuccārya pratyekaṃ paṅktiṃ kuryāt suśobhanām |
ādau saṃskāraḥ kartavyastadante ca likhenmanum || 7-53 ||
Bei jedem einzelnen Aussprechen des Mantras bilde man eine schöne Zeile. Zuerst ist die Weihe zu vollziehen, danach das Mantra zu schreiben.
7.54 gandhacandanapuṣpaiśca pūjayet tāriṇīṃ śivām |
uttarābhimukho bhūtvā sthāpayet pīṭhamuttamam || 7-54 ||
Mit Duftstoffen, Sandel und Blumen verehre man die gütige Tarini. Nach Norden gewandt, richte man einen vorzüglichen heiligen Sitz ein.
7.55 pūjayet tāriṇīṃ devīṃ nānābhakṣyaiḥ suśobhanaiḥ |
ṣoḍaśairupacāraiśca pūjayed bhaktibhāvataḥ || 7-55 ||
Die Göttin Tarini verehre man mit verschiedenen schönen Speisen und den sechzehn Verehrungsgaben in hingebungsvoller Haltung.
7.56 dhūpaṃ dadyād guggulunā sarvakarmaphalapradam |
nārikelaṃ tathā rambhāṃ badaraṃ bakulaṃ tathā || 7-56 ||
Man bringe Guggulu-Räucherwerk dar, das die Frucht aller Handlungen verleihe, ferner Kokosnuss, Banane, Jujube und Bakula.
7.57 bījapūraṃ karṇikāraṃ śarkarāṃ gandhasaṃyutām |
madhūdakaṃ kalāyaṃ ca siddhānnaṃ pāyasaplutam || 7-57 ||
Dazu Zitronatzitrone, Karnikara, duftenden Zucker, Honigwasser, Hülsenfrüchte und gekochten Reis, mit Milchspeise übergossen.
7.58 māṃsaṃ matsyaṃ piṣṭakaṃ ca dadyādatipriyaṃ mahat |
kavirvāgmī bhavet putraḥ sarvakarmaprakārakaḥ || 7-58 ||
Fleisch, Fisch und Gebäck bringe man als besonders geschätzte Gaben dar. Der Sohn werde Dichter, Redner und zu jeder Art von Tätigkeit befähigt.
7.59 jitendriyaḥ satyavādī dhārmiko jāyate mahān |
pitā caiva piturbhrātā māturbhrātā punastathā || 7-59 ||
Er werde selbstbeherrscht, wahrhaftig, rechtschaffen und groß. Der Vater, sein Bruder oder der Bruder der Mutter —
7.60 likhed mantraṃ maheśāni nānyaḥ suragaṇārcite |
bhrātā vāpi likhed mantraṃ sarvakāmaphalapradam || 7-60 ||
— soll das Mantra schreiben, große Herrin, kein anderer, du von den Göttern Verehrte; auch ein Bruder darf das alle Wünsche erfüllende Mantra schreiben.
7.61 mātuḥ kroḍe samādāya vastreṇāstīrya yantataḥ |
śāntiṃ kuryād bālakasya brāhmaṇaiḥ [sādhakaiḥ kha pāṭhaḥ |] saha
saṃyutaḥ || 7-61 ||
Man nehme das Kind auf den Schoß der Mutter, bedecke es sorgsam mit Stoff und vollziehe gemeinsam mit Brahmanen den Befriedungsritus. [Die Lesart »kha« hat »mit Übenden«.]
7.62 imaṃ putraṃ kāmayata kāmajānāmihaiva tu |
devebhyaśca maheśāni puṣṇāti padamantaram || 7-62 ||
Die Formel beginnt mit »Wünscht euch diesen Sohn« und spricht von den hier Geborenen aus Verlangen; auf »den Göttern« folgt das Wort »nährt«. [Der überlieferte Formelauszug ist sprachlich unsicher.]
7.63 śivaśāntistārāyai kesarebhyastārāyai śivāya śivayaśase |
mantrasya lekhanānte tu śāntiṃ kuryād maheśvari |
ityetad matsyasūkte ca kathitaṃ vistareṇa tu || 7-63 ||
»Shivas Frieden der Tara, den Staubfäden der Tara, Shiva, Shivas Ruhm.« Nach dem Schreiben des Mantras vollziehe man den Befriedungsritus. Dies wird im Matsyasukta ausführlich erklärt. [Auch die einleitende Formel ist in ihrer Wortfügung unsicher.]
7.64 tanmāturvāmakarṇe tu śāntistotraṃ paṭhenmudā |
mātardevi namaste'stu brahmarūpadhare'naghe ||
kṛpayā hara vighnaṃ me sarvasiddhiṃ [mantra kha pāṭhaḥ |] prayaccha me || 7-64 ||
Freudig spreche man das Friedensgebet in das linke Ohr seiner Mutter: Mutter, Göttin, Verehrung dir, Makellose, die du Brahmas Gestalt trägst! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung. [Die Variante nennt die Mantravollendung.]
7.65 māheśi varade devi paramānandarūpiṇi |
kṛpayā hara me vighnaṃ sarvasiddhiṃ prayaccha me || 7-65 ||
Maheshi, segenspendende Göttin, Verkörperung höchster Wonne! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
7.66 kaumāri sarvavidyeśe kaumārakrīḍane pare |
kṛpayā hara me vighnaṃ sarvasiddhiṃ prayacche me || 7-66 ||
Kaumari, Herrin aller Wissenskräfte, ganz dem Spiel Kumaras zugewandt! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
7.67 viṣṇurūpadhare devi vinatāsutavāhini |
kṛpayā hara vighnaṃ me mantrasiddhiṃ prayaccha me || 7-67 ||
Göttin in Vishnus Gestalt, die du den Sohn Vinatas als Reittier hast! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir Mantravollendung.
7.68 vārāhi varade devi daṃṣṭrod dhṛtavasundhare |
kṛpayā hara me vighnaṃ sarvasiddhiṃ prayaccha me || 7-68 ||
Varahi, segenspendende Göttin, die du mit dem Hauer die Erde emporgehoben hast! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
7.69 śakrarūpadhare devi śakrādisurapūjite |
kṛpayā hara me vighnaṃ sarvasiddhiṃ prayaccha me || 7-69 ||
Göttin in Shakras Gestalt, von Shakra und den anderen Göttern verehrt! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
7.70 cāmuṇḍe muṇḍamālāsṛkcarcite vighnanāśini |
kṛpayā hara me vighnaṃ sarvasiddhiṃ prayaccha me || 7-70 ||
Chamunda, mit Schädelgirlande und Blut geschmückt, Vernichterin der Hindernisse! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
7.71 mahālakṣmi mahotsāhe śokasaṃtāpahāriṇi |
kṛpayā hara me vighnaṃ sarvasiddhiṃ prayaccha me || 7-71 ||
Mahalakshmi, du voll großer Tatkraft, die du Kummer und Qual hinwegträgst! Nimm gnädig mein Hindernis hinweg und gewähre mir alle Vollendung.
7.72 mitimātṛmaye devi mitimātṛbahiṣkṛte |
eke bahutare [vidhe kha pāṭhaḥ |] devi viśvarūpe namo'stu te || 7-72 ||
Göttin, die du aus Erkenntnis und Erkennendem bestehst und über Erkenntnis und Erkennenden hinausgehst; du Eine und Vielfache, du von universaler Gestalt: Verehrung dir!
7.73 idaṃ stotraṃ paṭhed yastu karmārambhe maheśvari |
vidagdhāṃ vā samālokya tasya vighno na jāyate || 7-73 ||
Wer dieses Gebet zu Beginn einer Handlung spricht, große Herrin, oder beim Anblick einer kundigen Frau, dem entstehe kein Hindernis.
7.74 kulīnasya dvāradevāḥ kathitāstava sundari |
dīkṣākāle nityapūjāsamaye nārcayed yadi || 7-74 ||
Die Torgottheiten des Kula-Angehörigen habe ich dir genannt, Schöne. Wenn man sie bei der Einweihung oder bei der täglichen Verehrung nicht verehrt —
7.75 tasya pūjāphalaṃ devi nīyate yakṣarākṣasaiḥ |
śatavarṣajapād devi na siddhirjāyate priye || 7-75 ||
— dann wird die Frucht seiner Verehrung von Yakshas und Rakshasas geraubt. Selbst durch hundert Jahre Mantrawiederholung entsteht keine Vollendung, Geliebte.
7.76 mahāpadi samutpāte paṭhet stotraṃ gaṇeśvari |
āpadaśca palāyante saṃśayo nāsti kaścana || 7-76 ||
Bei großer Not und Unheil spreche man dieses Gebet, Herrin der Scharen. Dann fliehen die Gefahren; daran besteht keinerlei Zweifel.
7.77 vidyākāmena deveśi śatakṛtvaḥ paṭhet stavam |
iti te kathitaṃ mātuḥ stotraṃ kaṇṭhavibhūṣaṇam || 7-77 ||
Wer Wissen wünscht, spreche den Lobpreis hundertmal. So habe ich dir das Gebet der Mütter erklärt, einen Schmuck für die Kehle.
7.78 madbhaktebhyo maheśāni prakāśamupapādaya |
aprakāśyamidaṃ stotraṃ na deyaṃ yasya kasyacit || 7-78 ||
Meinen Verehrern mache es bekannt, große Herrin. Dieses Gebet darf nicht öffentlich verbreitet und nicht jedem Beliebigen gegeben werden.
7.79 dātavyaṃ hi sadā tasmai bhaktiśraddhānvito'pi yaḥ |
satkulīnāya śāntāya ṛjave dambhavarjine || 7-79 ||
Man soll es dem geben, der Hingabe und Vertrauen besitzt, aus guter Kula-Linie kommt, friedfertig, aufrichtig und frei von Heuchelei ist.
7.80 dadyāt stotraṃ maheśāni nānyathā phalabhāg bhavet |
aṣṭādaśapurāṇeṣu vedavyāsena kīrtitam || 7-80 ||
Einem solchen gebe man das Gebet; anders wird man seiner Frucht nicht teilhaftig. In den achtzehn Puranas wurde es von Vedavyasa gepriesen.
7.81 śrīdevyuvāca |
devadeva mahādeva sthitisaṃhārakāraka |
praśnamekaṃ karomyatra sakāśāt tava suvrata || 7-81 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Gott der Götter, großer Gott, der du Bestand und Auflösung bewirkst! Eine Frage richte ich an dich, du Gelübdetreuer.
7.82 kaitavaṃ ca parityajya tat kathyaṃ bhavanāśana |
mahācīnakramaṃ deva kathitaṃ na prakāśitam |
kathayasva tadidānīṃ yadi sneho'sti māṃ prati || 7-82 ||
Ohne Verstellung erkläre sie mir, Vernichter des Werdens. Den Mahacina-Weg hast du erwähnt, Gott, aber nicht offengelegt. Erkläre ihn jetzt, wenn du mir Liebe entgegenbringst.
7.83 śrībhairava uvāca |
mahācīnakramaṃ devi sarvatantreṣu gopitam |
yat kṛtvā sādhakāḥ sarve śivatvaṃ yānti tatkṣaṇāt || 7-83 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Der Mahacina-Weg wird in allen Tantras geheim gehalten, Göttin. Durch seine Ausübung gelangen alle Übenden augenblicklich zum Shivasein.
7.84 na vaktavyaṃ maheśāni bhuvanatritaye śive |
śuddhabhāvena deveśi vaktavyaṃ tava gocare || 7-84 ||
In den drei Welten darf er nicht ausgesprochen werden, große Herrin, du Gütige. In reiner Haltung soll er dir gegenüber erklärt werden.
7.85 nānyo'sti me priyaḥ ko'pi tvadanyaḥ suravandite |
idānīṃ parameśāni nidhāraya manaḥ śive || 7-85 ||
Niemand ist mir lieber als du, von den Göttern Verehrte. Richte jetzt deinen Geist fest aus, höchste Herrin, du Gütige.
7.86 mahācīnakramaṃ devi kathitavyaṃ varānane |
ahaṃ deho maheśāni dehī tvaṃ sarvarūpadṛk || 7-86 ||
Der Mahacina-Weg soll erklärt werden, Göttin mit schönem Antlitz. Ich bin der Leib, große Herrin; du bist die ihn Beseelende, die alle Gestalten schaut.
7.87 mīno yathā mahādevi payasi prahṛto yathā |
sadātmā tvaṃ maheśāni akathyaṃ nāsti sundari || 7-87 ||
Wie ein Fisch, der ins Wasser gesetzt ist, große Göttin, so bist du stets mein Selbst. Dir gegenüber gibt es nichts Unaussprechliches, Schöne. [Der Vergleich ist im Wortlaut holprig überliefert.]
7.88 kecid devā narā kecid dānavā yakṣarākṣasāḥ |
nāgalokāḥ kinnarāśca gandharvāpsarasāṃ gaṇāḥ || 7-88 ||
Manche sind Götter, manche Menschen, andere Danavas, Yakshas und Rakshasas, die Bewohner der Naga-Welt, Kinnaras und Scharen von Gandharvas und Apsaras.
7.89 ye vā paśumṛgāḥ pakṣā ye kecijjagatīgatāḥ |
ete jaḍatarāḥ sarve parasparakhalātmakāḥ || 7-89 ||
Auch Haustiere, wilde Tiere, Vögel und alle übrigen Wesen auf Erden: Sie alle sind höchst unverständig und einander feindlich gesinnt.
7.90 kukarmaniratāḥ sarve kumārgadarśanotsukāḥ |
eteṣāṃ brahma [ko'pi kha pāṭhaḥ |] vijñānamānandaṃ brahma citsukham || 7-90
||
Alle sind schlechten Handlungen ergeben und eifrig bemüht, Irrwege aufzuzeigen. Die Brahman-Erkenntnis, die Wonne, Brahman als Freude des Bewusstseins —
7.91 na jānāti maheśāni tat kathaṃ kathayāmi te |
nityamuktasvabhāvo'yaṃ tadarthamidamīritam || 7-91 ||
— kennt unter ihnen keiner, große Herrin. Wie also könnte ich sie dir erklären? Dieses ist seinem Wesen nach ewig frei; zu diesem Zweck wurde dies gesagt.
7.92 kṣamasva yadi cārvaṅgi na vaktavyaṃ maheśvari |
śrīdevyuvāca |
namaste śivarūpāya namaste gururūpiṇe || 7-92 ||
Verzeihe, du Schöngegliederte: Es darf nicht ausgesprochen werden, große Herrin. Die ehrwürdige Göttin sprach: Verehrung dir in Shivas Gestalt, Verehrung dir in der Gestalt des Gurus!
7.93 namaste varada svāmin karuṇānidhaye namaḥ |
anyadevaratā ye ca sarve tvat padakāṅkṣiṇaḥ || 7-93 ||
Verehrung dir, segenspendender Herr; Verehrung dem Schatz des Erbarmens! Die anderen Gottheiten ergeben sind, sie alle sehnen sich nach deinem Stand.
7.94 teṣāmevādhikaphalaṃ madbhaktānāṃ vyavasthitam |
siṃhavyāghrādayo ye ca ye ca vighnānusāriṇaḥ [kāriṇaḥ kha pāṭhaḥ |] || 7-94 ||
Für meine Verehrer ist eine noch höhere Frucht bestimmt. Löwen, Tiger und andere, die Hindernissen folgen [Variante: Hindernisse bereiten] —
7.95 vikārāśca tathā sarpāstathānye duṣṭajantavaḥ |
te sarve vilayaṃ yānti pataṅgā iva pāvake || 7-95 ||
— ebenso Störungen, Schlangen und andere böse Wesen: Sie alle gehen zugrunde wie Nachtfalter im Feuer.
7.96 dehaṃ [gehe kha pāṭhaḥ |] dīpaśikhākāraṃ dṛśyate duṣṭajantubhiḥ |
kevalaṃ premabhāvena tvayaiva vibhuṇā prabho || 7-96 ||
Der Leib erscheint den schädlichen Wesen wie eine Lampenflamme. Allein durch die Haltung der Liebe, durch dich, den Allgegenwärtigen, Herr — [Die Syntax bleibt offen; eine Variante liest »im Haus« statt »den Leib«.]
7.97 kiṃ vā śavamayo bhūtvā āsane pañcadevatāḥ |
pṛthivī jalatāṃ yāti jalaṃ tejomayaṃ bhavet || 7-97 ||
— oder indem man leichengleich wird: Auf dem Sitz sind die fünf Gottheiten. Die Erde geht in Wasser über, das Wasser wird zu Feuer.
7.98 tejo vāyuṃ tathā vāyurākāśaṃ tatprakāśakam |
dānavā rākṣasāḥ sarve ye cānye (dānavā?devatā)gaṇāḥ || 7-98 ||
Das Feuer geht in Luft über, die Luft in den Raum, der es offenbart. Alle Danavas und Rakshasas sowie die übrigen Scharen [Lesung unsicher: Danavas oder Götter] —
7.99 rājānaśca tathā cānye sarve tvatpādavartinaḥ |
ājñāṃ bhajanti gandharvāḥ kiṃ punarnarakīṭakāḥ [kinnarāḥ kha pāṭhaḥ |] ||
7-99 ||
— Könige und andere stehen sämtlich zu deinen Füßen. Die Gandharvas gehorchen deinem Befehl; wie viel mehr erst die unbedeutenden Menschen! [Variante: Kinnaras.]
7.100 yatra yatra bhaved vāñchā tat tat siddhiḥ kare sthitā |
sadānugāminī vāṇī bhajate taṃ suniścitam || 7-100 ||
Was immer man sich wünscht, dessen Erfüllung liegt in der eigenen Hand. Die Göttin der Rede folgt einem stets und steht einem gewiss bei.
7.101 dvidhābhāvaṃ parityajya kimanyad bahubhāṣitaiḥ |
mokṣārthī labhate mokṣaṃ dhanārthī dhanamāpnuyāt || 7-101 ||
Man lasse die Vorstellung der Zweiheit hinter sich; wozu noch viele Worte? Wer Befreiung sucht, erlangt Befreiung; wer Reichtum sucht, erlangt Reichtum.
7.102 ante tu jāyate gaurīloke śiva ivāparaḥ |
siddhā bhavanti yadbhaktāḥ kathayasva mamāgrataḥ || 7-102 ||
Am Ende wird er in Gauris Welt wie ein zweiter Shiva geboren. Erkläre mir, wodurch die Verehrer vollendet werden.
7.103 śrībhairava uvāca |
na vaktavyamabhaktāya parabhaktāya pāpine |
mahācīnakramaṃ devi vividhaṃ kathitaṃ śive || 7-103 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Einem ohne Hingabe, einem anderswo ergebenen oder sündhaften Menschen darf es nicht gesagt werden. Der Mahacina-Weg ist vielfältig beschrieben, Göttin, du Gütige.
7.104 snānādi mānasaṃ śaucaṃ mānasaḥ pravaro japaḥ |
pūjanaṃ mānasaṃ divyaṃ mānasaṃ kalpanādikam || 7-104 ||
Baden und andere Reinigung geschehen geistig; die höchste Mantrawiederholung ist geistig. Göttlich ist die geistige Verehrung, und geistig sind Vorstellung und weitere Handlungen.
7.105 sarva eva śubhaḥ kālo nāśubho vartate kvacit |
na viśeṣo divā rātrau na sandhyāyāṃ mahāniśi || 7-105 ||
Jede Zeit ist günstig; nirgends gibt es eine ungünstige. Kein Unterschied besteht zwischen Tag und Nacht, Dämmerung und tiefster Mitternacht.
7.106 vastrāsanasthānage(he?ha)dehasparśādi vāriṇaḥ |
śuddhiṃ nacācaredatra nirvikalpaṃ manaścaret || 7-106 ||
Hier vollziehe man keine Reinigung von Kleidung, Sitz, Ort, Haus, Körperberührung und dergleichen mit Wasser. Der Geist bewege sich ohne unterscheidende Vorstellungen.
7.107 nātra śuddhyādyapekṣāsti na cāmedhyādidūṣaṇam |
ya evaṃ cintayed mantrī sarvakāmaphalapradam || 7-107 ||
Hier bedarf es keiner Reinheit und dergleichen; auch Verunreinigung durch Unreines gilt nicht als Makel. Der Mantrakundige betrachte es auf diese Weise als alle Wünsche erfüllend.
7.108 gadyapadyamayī vāṇī sabhāyāṃ tasya jāyate |
tasya darśanamātreṇa vādino niṣprabhā matāḥ || 7-108 ||
In einer Versammlung entsteht ihm Rede in Prosa und Versen. Schon bei seinem Anblick verlieren die Wortstreiter ihren Glanz.
7.109 rājāno'pi ca dāsatvaṃ bhajante kiṃ pare janāḥ |
sarvadā pūjayed devīmasnātaḥ kṛtabhojanaḥ || 7-109 ||
Selbst Könige dienen ihm; was erst andere Menschen! Stets verehre man die Göttin, auch ungebadet und nachdem man gegessen hat.
7.110 mahāniśyaśucau deśe baliṃ mantreṇa dāpayet |
strīnindāṃ ca na kurvīta tāsāṃ prema vivarddhayet || 7-110 ||
In tiefer Nacht lasse man an einem unreinen Ort mit dem Mantra die Opfergabe darbringen. Frauen soll man nicht schmähen, sondern die Liebe zu ihnen vermehren.
7.111 atyutkaṭāparādhe'pi na tasyā dveṣamācaret |
strīdveṣo naiva kartavyo viśeṣāt pūjayet striyaḥ || 7-111 ||
Selbst bei schwerstem Vergehen soll man ihr gegenüber keinen Hass hegen. Frauenhass ist nicht zu üben; vielmehr soll man Frauen besonders verehren.
7.112 japasthāne mahāśaṅkhaṃ niveśyordhvaṃ japaṃ caret |
striyaṃ gacchan spṛśan paśyan yatra kutrāpi deśikaḥ || 7-112 ||
Am Ort der Wiederholung lege man den »großen Muschelstoff« [hier eine Schädelkette] nieder und rezitiere darüber. Auch beim Beischlaf, Berühren oder Betrachten einer Frau, wo immer er sich befindet, [rezitiere] der Lehrer.
7.113 bhakṣaṃstāmbūlamanyāṃśca bha(kṣa?kṣya)dravyaṃ yathāruci |
māṃsamatsyadadhikṣaudrabha(kṣa?kṣya)dravyaṃ yathāruci || 7-113 ||
Während man Betel und andere Speisen nach Belieben genießt, Fleisch, Fisch, Sauermilch, Honig und essbare Dinge nach Belieben —
7.114 bhuktānnaśeṣabha(kṣā?kṣyā)ṇi bhuktvā sarvaṃ japaṃ caret |
dikkālaniyamo nāsti sthityādiniyamo na ca || 7-114 ||
— und auch nach dem Essen von Speiseresten, vollziehe man die gesamte Wiederholung. Es gibt keine Bindung an Richtung, Zeit oder Körperstellung.
7.115 na jape kālaniyamo nārcādiṣu baliṣvapi |
svecchāniyama ukto'tra mahāmantrasya sādhane || 7-115 ||
Weder für die Wiederholung noch für Verehrung und Opfergaben gibt es eine Zeitregel. Für die Übung dieses großen Mantras wird die eigene freie Entscheidung als Regel genannt.
7.116 nādharmo vidyate subhru kiñcid dharmo mahān bhavet |
svecchācārasthito devi pracared hṛṣṭamānasaḥ || 7-116 ||
Darin liegt kein Unrecht, du Schönbrauige; vielmehr gilt es als große Rechtschaffenheit. In freier Lebensführung feststehend, bewege man sich freudigen Geistes, Göttin.
7.117 (kṛtārthaṃ?kārtārthyaṃ)manyamānastu saṃtuṣṭo jitamānasaḥ |
japaṃ kṛtvā viśeṣeṇa striyā ca japamācaret || 7-117 ||
Man halte das Ziel für erreicht, sei zufrieden und habe den Geist bezwungen. Man vollziehe die Wiederholung besonders auch gemeinsam mit einer Frau.
7.118 āsanaṃ śṛṇu deveśi prāk siddhyejjapamuttamam |
pīṭhānāmuttamaṃ pīṭhaṃ japāt sārvajñyadāyakam || 7-118 ||
Höre vom Sitz, Herrin der Götter, durch den die vorzügliche Wiederholung zuerst zur Vollendung gelangt: vom höchsten der heiligen Sitze, der durch Rezitation Allwissenheit schenkt.
7.119 yonipīṭhe niveśyaiva śroṇyāṃ kamalalocane |
yonyāṃ saṃkṣiptaliṅgastu japet tadgatamānasaḥ || 7-119 ||
Auf dem Yoni-Sitz, an der Hüfte, du Lotusäugige, rezitiere man mit in die Yoni eingeführtem Glied und ganz darauf gerichtetem Geist.
7.120 sahasraṃ pratyahaṃ japtvā kandarpasadṛśaḥ pumān |
jāyate nātra saṃdehaḥ satyaṃ suragaṇārcite || 7-120 ||
Wer täglich tausendmal rezitiert, werde dem Liebesgott gleich. Daran besteht kein Zweifel; es ist wahr, du von den Göttern Verehrte.
7.121 cīnācāraviśeṣaṃ hi kathitaṃ parameśvari |
tārākalpe maheśāni vistareṇa prakāśitam || 7-121 ||
Damit ist die besondere Cina-Praxis erklärt, höchste Herrin. Im Tarakalpa wird sie ausführlich dargelegt.
7.122 atra caiva maheśāni viśeṣaḥ kathito mayā |
yonikuntalamādāya gṛhṇīyādantarīyakam || 7-122 ||
Hier habe ich dir ihre Besonderheit erklärt. Man nehme ein Haar des Schambereichs und bewahre es im Untergewand auf.
7.123 evaṃ vatsaraparyantaṃ japet tadgatamānasaḥ |
nīlāsarasvatī kālī cānnapūrṇā ca bhairavī || 7-123 ||
So rezitiere man ein Jahr lang mit ganz darauf gerichtetem Geist. Nila-Sarasvati, Kali, Annapurna und Bhairavi —
7.124 sādhakāya prahṛṣṭāya prasīdati na saṃśayaḥ |
sādhako'pi mahādevi vatsarāt tāṃ prapaśyati || 7-124 ||
— erweisen sich dem freudigen Übenden gnädig, daran besteht kein Zweifel. Nach einem Jahr schaut auch der Übende sie, große Göttin.
7.125 iha te saṃśayo nāsti satyaṃ satyaṃ maheśvari |
atisnehāt suraśreṣṭhe prakāśitamidaṃ tava || 7-125 ||
Daran sollst du keinen Zweifel haben; wahrlich, wahrlich, große Herrin. Aus großer Liebe wurde dir dies offenbart, Beste der Göttinnen.
7.126 rahasyaṃ śṛṇu cārvaṅgi yena siddhyati sundari |
rajasvalāṃ striyaṃ vīkṣya sahasraṃ prajaped yadi || 7-126 ||
Höre das Geheimnis, du Schöngegliederte, durch das Vollendung entsteht: Wenn man beim Anblick einer menstruierenden Frau tausendmal rezitiert —
7.127 tadaiva mantrasiddhiḥ syānnātra kāryā vicāraṇā |
dinaiḥ ṣoḍaśabhirdevi siddhimāpnoti sādhakaḥ || 7-127 ||
— dann entsteht sogleich Mantravollendung; darüber soll kein Zweifel bestehen. Innerhalb von sechzehn Tagen erlangt der Übende Vollendung, Göttin.
7.128 parvate hastamāropya nirbhayo yatamānasaḥ |
kavitāṃ labhate so'pi amṛtatvaṃ ca gacchati || 7-128 ||
Legt er furchtlos und gesammelten Geistes die Hand auf den »Berg«, erlangt auch er Dichtkunst und gelangt zur Unsterblichkeit. [»Berg« ist hier eine nicht weiter aufgelöste rituelle Bildbezeichnung.]
7.129 nīlapadmaṃ tathā bimbaṃ khañjanaṃ śikharaṃ tathā |
cāmaraṃ ravibimbaṃ ca tilapuṣpaṃ sarovaram [saroruham kha pāṭhaḥ |] || 7-129 ||
Einen blauen Lotus, eine Bimba-Frucht, einen Bachstelzenvogel, einen Gipfel, einen Yakschweifwedel, die Sonnenscheibe, eine Sesamblüte und einen See [Variante: Lotus] —
7.130 trisūtraṃ [triśūlaṃ kha pāṭhaḥ |] vīkṣya japtvā tu satataṃ śuddhabhāvataḥ |
sukhaprasādaṃ sumukhaṃ sulocanaṃ suhāsyadam || 7-130 ||
— sowie die dreifache Schnur [Variante: den Dreizack] betrachte man und rezitiere stets in reiner Haltung. Heiteres Wohlbefinden, ein schönes Gesicht, schöne Augen, ein schönes Lächeln —
7.131 sukeśaṃ sugatiṃ kandaṃ sugandhaṃ sukhameva ca |
labhate ca yathāsaṃkhyaṃ śṛṇu pārvati sādaram || 7-131 ||
— schönes Haar, einen schönen Gang, eine Wurzelknolle, Wohlgeruch und Glück erlange man jeweils entsprechend. Höre aufmerksam, Parvati. [Die Entsprechungen sind in der Vorlage nicht durchgehend eindeutig.]
7.132 mahācīnadrume devīṃ dhyātvā tatra prapūjya ca |
tad drumod bhavapuṣpeṇa pūjayed bhaktibhāvataḥ || 7-132 ||
Am Mahacina-Baum meditiere man über die Göttin und verehre sie dort; mit den Blüten dieses Baumes verehre man sie hingebungsvoll.
7.133 sa bhavet kuladevaśca kulakramagataḥ śuciḥ |
brahmatarormahāmūle devīṃ dhyātvā yathāvidhi || 7-133 ||
So werde man eine Kula-Gottheit, rein und in die Kula-Überlieferung eingegangen. An der großen Wurzel des Brahman-Baumes meditiere man vorschriftsgemäß über die Göttin.
7.134 tatsudhāsārasāreṇa tarpayed mātṛkānane |
sa bhavet sādhakaśreṣṭho mātṝṇāṃ ca bhavet priyaḥ || 7-134 ||
Mit der Essenz seines Nektars vollziehe man die Wasserspende in das Antlitz der Mutter. Man werde zum besten Übenden und den Müttern lieb.
7.135 mahācīnadrumalatāveṣṭitaḥ sādhakottamaḥ |
rātrau yadi japed mantraṃ saca [latā kha pāṭhaḥ |] kalpadrumo bhavet || 7-135 ||
Vom Schlinggewächs des Mahacina-Baumes umschlungen, rezitiere der vortreffliche Übende nachts das Mantra; so werde er zu einem Wunschbaum. [»Schlinggewächs« kann in diesem Zusammenhang die Ritualpartnerin bezeichnen.]
7.136 tithikrameṇa deveśi latayā veṣṭito bhavet |
tadā māsena siddhiḥ syāt sahasrajapamānataḥ || 7-136 ||
Gemäß der Folge der Mondtage lasse man sich vom Schlinggewächs umschlingen. Bei jeweils tausend Wiederholungen trete nach einem Monat Vollendung ein.
7.137 aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ dviguṇaṃ yadi japyate |
tadaiva mahatī siddhirdevānāmapi durlabhā || 7-137 ||
Wird am achten und vierzehnten Mondtag die doppelte Zahl rezitiert, dann entstehe große Vollendung, selbst für Götter schwer erreichbar.
7.138 mahācīnadrume bījaṃ likhitvā kuṅkumena ca |
tatpārśve sādhyamālikhya tāḍayad dṛṣṭivṛṣṭibhiḥ || 7-138 ||
Am Mahacina-Baum schreibe man mit Safran die Keimsilbe, daneben den Namen der Zielperson, und treffe sie mit Blicken wie mit Regenschauern.
7.139 tatra gacchati kāmārtā yatra yatropalabhyate |
mahācīnadrumarasenāktaṃ piṇḍaṃ vidhāya ca || 7-139 ||
Von Verlangen erfüllt komme sie dorthin, wo er sich jeweils befindet. Man bereite auch einen Opferball, bestrichen mit dem Saft des Mahacina-Baumes.
7.140 yannāmnā dīyate devi so'cirād muktimāpnuyāt |
mahācīnadrumamūla-majjābhirbilvapatrakaiḥ || 7-140 ||
Wird er im Namen einer Person dargebracht, erlange diese bald Befreiung, Göttin. Mit dem Mark der Wurzel des Mahacina-Baumes und Bilva-Blättern —
7.141 sahasraṃ devīmabhyarcya śmaśāne sādhakottamaḥ |
tadā rājyamavāpnoti yadi sā na palāyate || 7-141 ||
— verehre der vortreffliche Übende die Göttin am Verbrennungsplatz tausendmal. Dann erlange er ein Königreich, sofern sie nicht flieht.
7.142 tasyāpi ṣoḍaśāṃśena kalāṃ nārhanti te śavāḥ |
śavāsanādhikaphalaṃ latāgehapraveśanam || 7-142 ||
Jene Leichensitze erreichen nicht einmal ein Sechzehntel davon. Das Eintreten in das Haus der Schlingpflanze bringe höhere Frucht als ein Leichensitz.
7.143 dhanakāmastu yo vidvān mahadaiśvaryakāmukaḥ |
bṛhaspatisamo yastu bhavituṃ kāmayed naraḥ || 7-143 ||
Ein Kundiger, der Reichtum und große Herrschaft wünscht, oder ein Mensch, der Brihaspati gleichen möchte —
7.144 aṣṭottaraśataṃ japtvā kulamāmantrya mantravit |
maithunaṃ yaḥ prayātyevaṃ sa tu sarvaphalaṃ labhet || 7-144 ||
— rezitiere als Mantrakundiger hundertachtmal, rufe das Kula an und vollziehe so den Geschlechtsverkehr; dadurch erlange er jede Frucht.
7.145 latārateṣu japtavyaṃ mahāpātakamuktaye |
latā yadi na saṃsarge tadā retaḥ prayatnataḥ || 7-145 ||
Bei der Vereinigung mit der Schlingpflanze soll zur Befreiung von schweren Vergehen rezitiert werden. Ist die Schlingpflanze nicht bei ihm, so soll er sorgsam den Samen —
7.146 samutsārya japed mantraṃ dharmakāmārthasiddhaye |
surateṣu prajaptavyaṃ mahāpātakamuktaye || 7-146 ||
— hervortreten lassen und das Mantra zur Verwirklichung von Rechtschaffenheit, Lust und Wohlstand rezitieren. Bei der Liebesvereinigung ist zur Befreiung von schweren Vergehen zu rezitieren.
7.147 varāsanasthāṃ saṃvīkṣya tanmūle sveṣṭadevatām |
pūjayitvā mahārātrau tridinaṃ pūjayed manum || 7-147 ||
Erblicke man sie auf dem vorzüglichen Sitz, verehre an ihrem Grund die eigene erwählte Gottheit und verehre drei Tage lang in tiefer Nacht das Mantra.
7.148 lakṣapīṭhaphalaṃ devi labhate nātra saṃśayaḥ |
vetālapādukāsiddhiḥ khaḍgasiddhiśca jāyate || 7-148 ||
Man erlange die Frucht von hunderttausend heiligen Sitzen, Göttin, daran besteht kein Zweifel; dazu die Vollkommenheiten des Vetala, der Zaubersandalen und des Schwertes.
7.149 añjanaṃ tilakaṃ guptaṃ prajapya tu sahasrakam |
svadeharudhirāktaiśca bilvapatraiḥ sahasrakaiḥ || 7-149 ||
Augensalbe, Stirnzeichen und Verborgenheit [werden als weitere Wirkungen genannt], nachdem man tausendmal rezitiert hat. Mit tausend Bilva-Blättern, bestrichen mit Blut aus dem eigenen Körper —
7.150 śmaśāne'bhyarcya devīṃ tu vāgīśasamatāṃ vrajet |
śmaśāne yoṣitaṃ mantrī saṃpūjya ṛtugāṃ śubhām || 7-150 ||
— verehre man die Göttin am Verbrennungsplatz und erlange Gleichheit mit dem Herrn der Rede. Dort verehre der Mantrakundige eine schöne Frau in ihrer fruchtbaren Zeit.
7.151 raktacandanadigdhāṅgīṃ raktavastrairalaṅkṛtām |
cārupuṣpairmanuṃ procya tato dhyāyecca sundarīm || 7-151 ||
Ihr Leib sei mit rotem Sandel bestrichen, sie sei mit roten Gewändern geschmückt; mit schönen Blumen und unter Aussprechen des Mantras verehre man sie und meditiere dann über die Schöne.
7.152 ramitvā tāṃ labhedrājyaṃ yadi nātra palāyate |
meṣamāhiṣaraktena vāgmitvaṃ tasya jāyate || 7-152 ||
Nach der Vereinigung mit ihr erlange man ein Königreich, sofern sie dabei nicht flieht. Durch Widder- und Büffelblut entstehe ihm Beredsamkeit.
7.153 7-
dhanitvaṃ jāyate tasya sarvasiddhiḥ prajāyate |
vacasā ca bhavejjīvo dhanena ca dhanādhipaḥ || 7-153 ||
Er werde vermögend und erlange alle Vollendung; in der Rede gleiche er Jiva [Brihaspati], im Reichtum dem Herrn der Schätze.
7.154 ājñayā devarājo'sau rūpeṇaiva manobhavaḥ |
balena pavano hyeṣa sarvatattvārthasādhakaḥ || 7-154 ||
In seiner Befehlsgewalt gleiche er dem Götterkönig, in seiner Schönheit dem Liebesgott, in seiner Kraft dem Wind; er verwirkliche den Sinn aller Grundprinzipien.
7.155 śodhitaṃ sādhitaṃ dadyāt sāsthi māṃsaṃ sadā balim |
sarvaṃ sāsthi pradātavyaṃ tathā lomasamanvitam || 7-155 ||
Als Opfergabe bringe man stets gereinigtes und zubereitetes Fleisch mitsamt den Knochen dar. Alles sei mit Knochen und auch mit Haaren darzubringen.
7.156 evaṃbhūtaḥ sadā devi sādhako bhuvi durlabhaḥ |
yayā kayācit dṛṣṭyā vā yajjapo bhuvi dṛśyate || 7-156 ||
Ein solcher Übender ist auf Erden stets selten, Göttin. Wenn seine Wiederholung auf irgendeine Weise oder durch irgendeinen Blick in der Welt sichtbar wird —
7.157 etat prakāśanāt devi mṛtyurbhavati nānyathā |
etat sādhakanindāṃ vā etanmantrasya vā punaḥ || 7-157 ||
— dann führt ihre Enthüllung zum Tod, Göttin, nicht anders. Wer diesen Übenden oder dieses Mantra schmäht —
7.158 mahābhūtagaṇaiḥ sārdhaṃ tasya sarvaṃ harāmyaham |
yoginīcakrasahitā svayaṃ tadvadhakāriṇī || 7-158 ||
— dem nehme ich mit den Scharen der großen Geister alles. Gemeinsam mit dem Kreis der Yoginis wirst du selbst seinen Tod bewirken.
7.159 rahasyaṃ śṛṇu deveśi yena vāgmī bhavet sadā |
yasmāt parataraṃ nāsti tantramadhye sureśvari || 7-159 ||
Höre das Geheimnis, Herrin der Götter, durch das man stets beredt wird; nichts Höheres gibt es unter den Tantras, Götterherrin.
7.160 sārasvataprayogo'yaṃ kathito viśvamohane |
viśeṣaṃ kathayiṣyāmi sāvadhānāvadhāraya || 7-160 ||
Diese Sarasvati-Anwendung wird im Vishvamohana gelehrt. Ihre Besonderheit will ich erklären; höre aufmerksam zu.
7.161 vīratantre kathitaṃ te yena sarvamayo bhavet |
jihvāyāṃ bhāvayed yastu tāriṇīṃ dīparūpiṇīm || 7-161 ||
Im Vira-Tantra habe ich dir erklärt, wodurch man allumfassend wird: Wer auf seiner Zunge Tarini in Gestalt einer Flamme vergegenwärtigt —
7.162 mātṛkāsahitāṃ vidyāṃ trirāvartya jalaṃ pibet |
jalapānavidhānena mūko'pi sukavirbhavet || 7-162 ||
— dreimal die Vidya zusammen mit der Matrika wiederholt und Wasser trinkt, der werde durch dieses Wassertrinken selbst als Stummer ein guter Dichter.
7.163 ajasrabhāvanābhyāsāt sādhakaḥ sukṛtī sudhīḥ |
kavirvāgmī mahāyogī muktibhāgī bhavennaraḥ || 7-163 ||
Durch unablässige Übung der Vergegenwärtigung werde der verdienstvolle, verständige Übende ein Dichter, Redner, großer Yogi und der Befreiung teilhaftig.
7.164 abdāccaturvidhaṃ tasya pāṇḍityamupajāyate |
atha vakṣye maheśāni rahasyaṃ paramādbhutam || 7-164 ||
Nach einem Jahr entstehe ihm vierfache Gelehrsamkeit. Nun werde ich ein höchst wunderbares Geheimnis erklären, große Herrin.
7.165 yuvatīnāṃ tu yonau tu likhed mantrān manoramān |
saṃjapya ca mahāmantraṃ sarvasārasvatapradam || 7-165 ||
Auf die Yoni junger Frauen schreibe man die schönen Mantras und wiederhole das große Mantra, das alle Gaben Sarasvatis verleiht.
7.166 sahasrajapamānena prayogaṃ ca samācaret |
paścād bhramaṇayogena tāḍayed yonimaṇḍalam || 7-166 ||
Man vollziehe die Anwendung mit tausend Wiederholungen. Anschließend berühre man den Yoni-Kreis mit einer kreisenden Bewegung.
7.167 sahasraṃ ca japet tāvad yāvad reto na jāyate |
tena tattvena deveśi tarpayed yatamānasaḥ || 7-167 ||
Man rezitiere tausendmal beziehungsweise so lange, bis Samen entsteht. Mit dieser Substanz vollziehe man gesammelt die Trankspende, Herrin der Götter.
7.168 kavitvaṃ jāyate subhru vāgmitvaṃ ca tathaiva ca |
paṇḍi(ta)tvaṃ mahattvaṃ ca jāyate nātra saṃśayaḥ || 7-168 ||
Dichtkunst und Beredsamkeit entstehen dadurch, du Schönbrauige; ebenso Gelehrsamkeit und Größe, daran besteht kein Zweifel.
7.169 raktapuṣpairmaheśāni yonipūjanamācaret |
yuvatīrūpamāsthāya pūjayed bahuyatnataḥ || 7-169 ||
Mit roten Blumen vollziehe man die Yoni-Verehrung. Man nehme die Gestalt einer jungen Frau an und verehre mit großer Sorgfalt.
7.170 ghṛṇāṃ tyaktvā maheśāni pūjayed yonimaṇḍalam |
rahasyaṃ śṛṇu cārvaṅgi yena siddho bhaved manuḥ || 7-170 ||
Abscheu hinter sich lassend, verehre man den Yoni-Kreis, große Herrin. Höre das Geheimnis, du Schöngegliederte, durch das das Mantra vollendet werde.
7.171 (śrīdevyuvāca |)
bhagavan bhūtabhavyeśa bhūtādhipa mahābala |
prasīda devadeveśa sarvaprāṇihite rata || 7-171 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Erhabener, Herr des Gewesenen und Künftigen, Herr der Wesen, du Machtvoller! Sei gnädig, Gott der Götter, der du auf das Wohl aller Lebewesen bedacht bist.
7.172 yenāvaśyaṃ bhavet siddhistadupāyaṃ vada prabho |
śrībhairava uvāca |
śṛṇu devi paraṃ jñānaṃ sarvajñānottamottamam |
yena vijñānamātreṇa śīghraṃ vidyā prasīdati || 7-172 ||
Nenne mir das Mittel, Herr, durch das Vollendung gewiss entsteht. Der ehrwürdige Bhairava sprach: Höre die höchste Erkenntnis, Göttin, die beste aller Erkenntnisse; durch ihr bloßes Verstehen erweist sich die Vidya rasch als gnädig.
7.173 mūlakande ca yā śaktirjagadādhārarūpiṇī |
tadbhramāvartavāto yaḥ prāṇa ityucyate budhaiḥ || 7-173 ||
Die Shakti im Wurzelzentrum hat die Gestalt des Weltengrundes. Den Wind ihres kreisenden Wirbels nennen die Weisen Prana.
7.174 jhillīśabdā vyaktatarā kūjantī satatotthitā |
gacchantī brahmarandhreṇa praviśantī svaketanam || 7-174 ||
Deutlich erklingt sie wie eine Zikade, summt und steigt immerfort auf; durch die Brahman-Öffnung gehend, tritt sie in ihre eigene Wohnstätte ein.
7.175 yātāyātakrameṇaiva tatra kuryānmanolayam |
tena mantre śikhā jātā sarvamantrapradīpikā || 7-175 ||
Im Wechsel ihres Gehens und Kommens lasse man den Geist dort aufgehen. Dadurch entsteht im Mantra die Flamme, die alle Mantras zum Leuchten bringt.
7.176 tamaḥpūrṇe gṛhe yadvad na kiñcidapi bhāsate |
śikhāhīnāstathā mantrā na sidhyanti kadācana || 7-176 ||
Wie in einem von Dunkelheit erfüllten Haus nichts sichtbar wird, so gelangen Mantras ohne diese Flamme niemals zur Vollendung.
7.177 śikhopadeśaḥ sarvatra gopitaḥ parameśvari |
tena vinā na siddhiḥ syād varṣakoṭiśatairapi || 7-177 ||
Die Unterweisung über die Flamme wird überall geheim gehalten, höchste Herrin. Ohne sie gibt es selbst in hundert Millionen Jahren keine Vollendung.
7.178 tasmāt tvayāpi girije gopanīyaḥ prayatnataḥ |
suptā nidrāyitā mattā vidrāvaṇaratā parā || 7-178 ||
Darum musst auch du sie sorgsam geheim halten, Tochter des Berges. Schlafend, schläfrig, berauscht, auf das Vertreiben gerichtet ist die höchste [Vidya] —
7.179 samastadoṣajālena grathitā [rahitā yena kha pāṭhaḥ |] kulasundari |
[svāpe prahare mahāniśi cāro vāmanāḍyā vāyorudayaḥ | tathaiva
dakṣiṇanāḍyā vāyorudaye divācāraḥ | saṃdhyācārastu
ubhayanāḍīpravāhaḥ |] niśācāraṃ divācāraṃ sandhyācāraṃ ca pallavam ||
7-179 ||
— und vom Netz aller Fehler umstrickt, du Kula-Schöne [Variante: durch jenes davon befreit]. Nachtpraxis, Tagespraxis, Dämmerungspraxis und Pallava [eine Mantraerweiterung sind zu kennen]. Der eingeschobene Kommentar erklärt: Nachtpraxis liegt beim Atemfluss im linken Kanal vor, Tagespraxis beim Fluss im rechten und Dämmerungspraxis beim Fluss in beiden.
7.180 durlabhaṃ bījasaṃyuktaṃ [saṃketaṃ bhāvasaṃketaṃ kha pāṭhaḥ |]
bhāvasaṃyogameva ca |
jñātvā prabodhayed vīro gurustatraiva kāraṇam || 7-180 ||
Wenn der Held das schwer zugängliche Zusammenwirken von Keimsilbe und innerer Haltung kennt [Variante: Zeichen und Haltungszeichen], erwecke er sie; dabei ist der Guru die entscheidende Ursache.
7.181 niśācāre maheśāni viśeṣaṃ kathayāmi te |
vāmadakṣiṇanāsāyāmudaye devi tattvataḥ || 7-181 ||
Zur Nachtpraxis erkläre ich dir eine Besonderheit, große Herrin: beim tatsächlichen Auftreten des Atems im linken oder rechten Nasenloch, Göttin.
7.182 svāpakāle tu mantrāṇāṃ japo'narthaphalapradaḥ |
svāpakālo vāmavāho jāgaro [prabodho kha |] dakṣiṇāvahaḥ || 7-182 ||
Die Wiederholung eines Mantras während seiner Schlafzeit bringt unerwünschte Frucht. Linker Atemfluss ist seine Schlafzeit, rechter Atemfluss sein Wachzustand.
7.183 āgneyasya manoḥ saumyamantrasyaitadviparyayaḥ |
prabodhakālaṃ jānīyād mantrayorubhayorapi || 7-183 ||
Dies gilt für das feurige Mantra; beim lunaren Mantra verhält es sich umgekehrt. So soll man für beide Mantraarten die Zeit des Erwachens erkennen.
7.184 karmaṇorvahnitārādyāḥ viyatprāyāḥ samīritāḥ |
āgnyeyyo'pi ca saumyāḥ syurbhūyiṣṭhendvamṛtākṣarāḥ || 7-184 ||
Mantras, in denen Feuer, Tara und weitere entsprechende Laute vorwiegen, werden als feurig bezeichnet; überwiegen Mond- und Nektarlaute, sind sie lunar, auch wenn feurige Laute vorkommen. [Die erste Halbzeile ist sprachlich unsicher.]
7.185 evaṃ pañcāśadāgneyyo vidyāḥ saumyāḥ prakīrtitāḥ |
vāmavāho yadā vāyurdīrghāṇāṃ yojanaṃ tadā || 7-185 ||
So werden die fünfzig Laute beziehungsweise Vidyas als feurig und lunar beschrieben. Wenn der Atem links fließt, werden die langen Laute verbunden.
7.186 dakṣiṇasyāṃ yadā vāyustadā hrasvo niyojitaḥ |
ubhayastho yadā vāyustadā syurubhayātmikāḥ || 7-186 ||
Wenn der Atem rechts fließt, wird der kurze Laut eingesetzt; fließt er auf beiden Seiten, sind beide Arten anzuwenden.
7.187 praṇavaṃ mātṛkādevī hṛllekhetyamṛtatrayam |
amṛtatrayasaṃyogād duṣṭamantro'pi siddhyati || 7-187 ||
Pranava, die Matrika-Göttin und Hrllekha sind die drei Nektare. Durch die Verbindung dieser drei Nektare gelangt selbst ein fehlerhaftes Mantra zur Vollendung.
7.188 evaṃ śṛṇu varārohe sarvasāraṃ manūttamam |
niyamaḥ puruṣairjñeyo na yoṣitsu kadācana || 7-188 ||
Höre so das höchste Mantra, die Essenz von allem, du Schöne. Diese Regel gilt als von Männern zu beachten, niemals von Frauen.
7.189 yadvā tadvā yena tena sarvataḥ sarvato'pi ca |
yoṣitāṃ dhyānamātreṇa siddhayaḥ syurna saṃśayaḥ || 7-189 ||
Wie auch immer, wodurch auch immer, überall und auf jede Weise: Für Frauen entstehe Vollendung schon durch Meditation, daran besteht kein Zweifel. [Im Anschluss an 7.188 ist »für Frauen« naheliegend; grammatisch ist auch »durch bloße Meditation über Frauen« möglich.]
7.190 yathā'yaskāntamātreṇa gūḍhaviddhaśilaṃtvayaḥ |
svayameva bahiryāti yathā vā sauratejasā || 7-190 ||
Wie allein durch einen Magneten Eisen, das verborgen in einem Stein steckt, von selbst herausgezogen wird, oder wie durch Sonnenstrahlung —
7.191 sūryakāntaḥ sphuṭaṃ bhāti yathā candrasya raśmibhiḥ |
candrakānto drāvayati yathā varṣāsu vāridaiḥ || 7-191 ||
— der Sonnenstein hell aufleuchtet und durch Mondstrahlen der Mondstein zerfließt; wie in der Regenzeit durch Wolken —
7.192 jalasekātitṛptā bhū rasapūrṇā pracakṣate |
kṣudhārtaḥ kṣīrapānena yathā tṛpto'bhijāyate || 7-192 ||
— die Erde, vom Wasser reichlich getränkt, safterfüllt genannt wird; wie ein Hungriger durch Milchtrinken gesättigt wird —
7.193 puṣpadarśanamātreṇa gandharvaśca sukhī bhavet |
kulapuṣpapradānena yathā śaktiḥ pratuṣyati || 7-193 ||
— wie ein Gandharva schon beim Anblick von Blumen glücklich wird und die Shakti durch Darbringung der Kula-Blüte erfreut wird —
7.194 gurusevaikamātreṇa mantrasiddhirbhaved yathā |
mahāpadmavanaṃ dhyātvā yathā siddhiśvaro bhavet || 7-194 ||
— wie allein durch den Dienst am Guru Mantravollendung entsteht und man durch Meditation über den großen Lotuswald zum Herrn der Vollkommenheit wird —
7.195 tripurādhyānamātreṇa bhuktirmuktiryathā bhavet |
mahādurgāprasādena yathā siddhīśvaro bhavet || 7-195 ||
— wie allein durch Meditation über Tripura Genuss und Befreiung entstehen und man durch Mahadurgas Gnade zum Herrn der Vollkommenheit wird —
7.196 yuvatīdhyānamātreṇa yathā kulapatirbhavet |
gaṅgāsmaraṇāmātreṇa niṣpāpo jāyate yathā || 7-196 ||
— wie man allein durch Meditation über eine junge Frau zum Herrn des Kula und allein durch die Erinnerung an Ganga frei von Sünde wird —
7.197 tathā karṣaṇamātreṇa śiva eva prajāyate |
kāmākhyā yonipūjāyāṃ yathā tuṣyati bhairavi || 7-197 ||
— ebenso wird man allein durch das Heranziehen zu Shiva. Wie Kamakhya durch Yoni-Verehrung erfreut wird, Bhairavi —
7.198 yoṣiccintanamātreṇa tathaiva varadāyinī |
tasmāt sarvaprayatnena dīkṣayed(dvi?ni)jakaulikīm || 7-198 ||
— so ist sie schon durch das Denken an eine Frau segenspendend. Daher weihe man mit aller Sorgfalt die eigene Kula-Partnerin ein. [Das Wort vor »Kula-Partnerin« ist in der Vorlage unsicher.]
7.199 adīkṣitakulāsaṅgāt siddhihāniḥ prajāyate |
anenaiva krameṇaiva yaḥ karoti kriyāṃ śubhām || 7-199 ||
Die Verbindung mit einer nicht eingeweihten Kula-Partnerin führt zum Verlust der Vollendung. Wer die heilige Handlung in eben dieser Folge vollzieht —
7.200 tasya vaṃśe maheśāni bṛhaspatisamaḥ pumān |
jāyate nātra sandehaḥ satyaṃ satyaṃ surārcite || 7-200 ||
— in dessen Geschlecht wird ein Brihaspati gleicher Mensch geboren, große Herrin. Daran besteht kein Zweifel; wahrlich, wahrlich, von den Göttern Verehrte.
7.201 ekadā nāradaṃ prāpya gaurī sarvasukhānvitā |
papraccha madhurāṃ bhāṣāṃ śaṅkarānveṣaṇe ratā || 7-201 ||
Einst traf die ganz von Glück erfüllte Gauri Narada und fragte ihn mit freundlichen Worten, während sie Shankara suchte.
7.202 devarṣirabravīd vākyaṃ śṛṇu he naganandini |
tārāprayogametaṃ hi yena siddhirbhaviṣyati || 7-202 ||
Der Götterweise sprach: Höre, Tochter des Berges, diese Tara-Anwendung, durch die Vollendung eintreten wird.
7.203 nārada uvāca |
ekadendraḥ śriyā bhraṣṭo vihāya cāmarāvatīm |
hiraṇyākṣapure'gacchat sahito devasainyakaiḥ || 7-203 ||
Narada sprach: Einst verlor Indra seine Herrlichkeit, verließ Amaravati und zog mit den Götterheeren in Hiranyakshas Stadt.
7.204 devāribhiḥ samaṃ tatra virodhaḥ sumahānabhūt |
parājito devarājo bṛhaspatipurodhasaḥ || 7-204 ||
Dort entstand ein gewaltiger Kampf mit den Feinden der Götter. Der Götterkönig, dessen Hauspriester Brihaspati war, wurde besiegt.
7.205 āśrame ca punargatvā vimṛśya vividhaṃ śive |
uvāca sādaraṃ vākyaṃ guruṃ prāpya jagad gurum || 7-205 ||
Er kehrte in die Einsiedelei zurück und sann auf vielerlei Weise nach, du Gütige. Als er den Guru, den Weltenlehrer, erreicht hatte, sprach er ehrerbietig.
7.206 7-
(indra uvāca |)
viśveṣāṃ pāvanastvaṃ hi jagat yasmiṃścarācare |
brajāmi śaraṇaṃ deva rakṣa māṃ bhagavan yataḥ || 7-206 ||
Indra sprach: Du bist der Reiniger aller Wesen in der bewegten und unbewegten Welt. Ich nehme Zuflucht zu dir, Gott; beschütze mich, Erhabener!
7.207 upāyaṃ brūhi deveśa indratvaṃ jāyate yataḥ |
kena rūpeṇa deveśa mama trāṇaṃ bhaviṣyati || 7-207 ||
Nenne mir das Mittel, Herr der Götter, durch das ich Indras Herrschaft wiedererlange. Auf welche Weise kann meine Rettung geschehen?
7.208 bṛhaspatiruvāca |
devendra śṛṇu madvākyaṃ yena trāṇaṃ bhaviṣyati |
hiraṇyākṣapure deva daityāḥ sarvārimardakāḥ || 7-208 ||
Brihaspati sprach: Götterkönig, höre mein Wort, durch das Rettung entstehen wird. Die Daityas in Hiranyakshas Stadt bezwingen alle Feinde.
7.209 teṣāṃ parābhavaṃ kartuṃ na kṣamo jagatītale |
kāraṇaṃ śṛṇu deveśa yenaiva śṛṇu madvacaḥ || 7-209 ||
Auf Erden ist niemand imstande, sie zu besiegen. Höre den Grund dafür, Götterherr; höre meine Worte.
7.210 purā tretāyuge rājannakarornīlasādhanam |
tena puṇyaphalenaiva indratvaṃ gatavān priya || 7-210 ||
Einst, im Treta-Zeitalter, vollzogst du, König, die Nila-Praxis. Durch die Frucht dieses Verdienstes gelangtest du zur Indra-Herrschaft, Lieber.
7.211 kālītārāsādhanaṃ ca nānārūpeṇavi(staraṃ?stṛtam) |
akarod daityaputro'sau tasmāt puṇyaphalādidam || 7-211 ||
Jener Daitya-Sohn hat die Kali- und Tara-Praxis in vielerlei Formen ausführlich vollzogen; daher kommt diese Frucht seines Verdienstes.
7.212 yenopāyena deveśa indratvaṃ prāpsyasi svayam |
tasyopāyaṃ mahārāja sāvadhāno'vadhāraya || 7-212 ||
Durch welches Mittel du selbst Indras Herrschaft wiedererlangen wirst, Götterherr, dieses Mittel höre aufmerksam, großer König.
7.213 dharmeṇa vardhate nityamadharmānna vivardhate |
yena rūpeṇa detyo'sau dharmaṃ saṃtyajati drutam || 7-213 ||
Durch Rechtschaffenheit wächst man beständig, nicht durch Unrecht. Auf welche Weise jener Daitya rasch die Rechtschaffenheit aufgeben wird —
7.214 tamupāyaṃ jagadvandya(brūhi?śṛṇu)satyaṃ vaco mama |
vṛddhabrāhmaṇarūpeṇa vañcayāmi sureśvara || 7-214 ||
— höre dieses Mittel, du von der Welt Verehrte; wahr ist mein Wort. In Gestalt eines alten Brahmanen werde ich ihn täuschen, Götterherr.
7.215 tato vipro mahān bhūtvā vṛddhaḥ paṇḍitapāvanaḥ |
sarvaśāstrārthatattvajño hiraṇyākṣapuraṃ yayau || 7-215 ||
Darauf nahm er die Gestalt eines ehrwürdigen alten Brahmanen an, eines Läuterers der Gelehrten, der den wahren Sinn aller Lehrwerke kannte, und ging in Hiranyakshas Stadt.
7.216 śṛṇu vatsa mahad vākyaṃ yena bhadraṃ bhaviṣyati |
ahaṃ tu sarvaśāstrajño nirdhanatvādihāgataḥ || 7-216 ||
Höre, mein Sohn, ein gewichtiges Wort, durch das dir Heil entstehen wird. Ich kenne alle Lehrwerke und bin aus Armut hierhergekommen.
7.217 vṛttiṃ dattvādhyāpakatvamiti bhikṣā kṛtā mayā |
adhyāpakāya yo vṛttiṃ dattvādhyāpayati dvijān || 7-217 ||
Gewähre mir Unterhalt und eine Lehrstelle: Dies ist meine Bitte. Wer einem Lehrer Unterhalt gewährt und dadurch Brahmanen unterrichten lässt —
7.218 kiṃ na dattaṃ bhavet tena dharmakāmārthamicchatā |
puṇyāt puṇyataraṃ puṇyaṃ jānīhi sarvasaṃmatam || 7-218 ||
— was hätte ein solcher, der Rechtschaffenheit, Lust und Wohlstand erstrebt, nicht geschenkt? Erkenne darin das verdienstvollste Verdienst, von allen anerkannt.
7.219 tathā'stviti vacaḥ(śru?kṛ)tvā cādadad vṛttimuttamām |
adhyāpayāmāsa dvijān dattvā vṛttiṃ manoramām || 7-219 ||
»So sei es«, sprach er und gewährte ihm reichlichen Unterhalt. Mit dieser schönen Versorgung ließ er ihn die Brahmanen unterrichten.
7.220 kutarkaḥ śataśo devi kṛtastena mahīyasā |
kutarkeṇa mahādevi kutarko'yaṃ mahānapi || 7-220 ||
Hunderte von Trugschlüssen brachte jener Mächtige vor, Göttin. Durch diese große Menge von Scheinargumenten —
7.221 mohito daityarājendro yena dānavapuṅgavaḥ |
kṛte karmaṇi bhūmisthaiḥ svarge tṛptiḥ kathaṃ bhavet || 7-221 ||
— wurde der mächtige Daitya-König, der Beste der Danavas, verblendet: »Wie kann durch Handlungen der Erdenbewohner Befriedigung im Himmel entstehen?«
7.222 tāriṇī ca mahākālī bhavānī ca maheśvarī |
tāsāṃ pūjā vṛthā deva kimarthaṃ kriyate'śubhā || 7-222 ||
»Tarini, Mahakali, Bhavani und Maheshvari: Ihre Verehrung ist vergeblich, Herr; weshalb wird diese unheilvolle Handlung ausgeführt?«
7.223 evaṃ bahuvidhenaiva kutarkeṇa mahānapi |
mohito daityarājo'sau dharmaṃ tyaktvā maheśva(rī?ri) || 7-223 ||
Durch derartige vielfältige Trugschlüsse wurde selbst jener große Daitya-König verblendet und gab die Rechtschaffenheit auf, große Herrin.
7.224 adharmaniratāḥ sarve dharmaṃ tyaktvā maheśvari |
kālakrameṇa teṣāṃ tu āpadaḥ paramāḥ śubhe || 7-224 ||
Nachdem alle die Rechtschaffenheit verlassen hatten, waren sie dem Unrecht ergeben. Im Lauf der Zeit trafen sie schwerste Unglücke, du Gütige.
7.225 tato bṛhaspatirdevo devarājagṛhaṃ yayau |
indrāya sarvamācakhyau daityānāṃ karmabandhanam || 7-225 ||
Dann ging der göttliche Brihaspati zum Haus des Götterkönigs und berichtete Indra alles über die Bindung der Daityas an ihre Taten.
7.226 śṛṇu caikāgramanasā yena te kuśalaṃ mahat |
jāyate nātra saṃdeho devarāja jagatpate || 7-226 ||
Höre mit gesammeltem Geist, wodurch dir großes Heil entstehen wird; daran besteht kein Zweifel, Götterkönig und Weltenherr.
7.227 tāriṇīṃ kālikāṃ caivānnapūrṇāṃ bhairavīṃ parām |
saṃpūjya vidhivadbhaktyā sarvasiddhirbhaviṣyati || 7-227 ||
Wenn du Tarini, Kalika, Annapurna und die höchste Bhairavi vorschriftsgemäß und hingebungsvoll verehrst, wird dir jede Vollendung zuteil.
7.228 pūjāvidhānaṃ deveśa śrotumarhamyasaṃśayam |
prāṅgane madhyame rātrau phālgune māsi sundara || 7-228 ||
[Indra:] Ich möchte gewiss die Ordnung der Verehrung hören, Götterherr. [Die Antwort beginnt:] Mitten im Hof, nachts im Monat Phalguna, du Schöner —
7.229 caturdikṣu maheśāna kadalīstambhamuttamam |
ātma(ne?no)'gre ca deveśa maṇḍapaṃ kāraya priya || 7-229 ||
— stelle in den vier Richtungen schöne Bananenstämme auf und lasse vor dir einen Pavillon errichten, Lieber.
7.230 cūtāśvatthavaṭairde(vi?va)cchannaṃ kuryācca maṇḍapam |
kumārīveṣṭitaṃ kuryād maṇḍapaṃ sarvamohanam || 7-230 ||
Decke den Pavillon mit Mango-, Ashvattha- und Banyanzweigen und lasse den alle bezaubernden Pavillon von Kumaris umgeben sein.
7.231 tārāmūrtiṃ tathā kālīmūrtiṃ vā devarājaka |
sarvakāryapradāṃ deva tāṃ kuruṣva maheśvara || 7-231 ||
Schaffe ein Bild Taras oder ein Bild Kalis, Götterkönig, der Göttin, die alle Anliegen erfüllt, großer Herr.
7.232 annadāmūrtimetāṃ hi kuru vā suravandita |
vaṭapatre mahādevyai baliṃ yatnena dāpayet || 7-232 ||
Oder fertige dieses Bild Annadas, du von den Göttern Verehrte. Auf einem Banyanblatt lasse man der großen Göttin sorgsam die Opfergabe darbringen.
7.233 āsanaṃ kambalaṃ dadyāt svāgataṃ madhunirmitam |
pādyaṃ tu payasā dadyādarghyaṃ dadyāt kuśena ca || 7-233 ||
Als Sitz gebe man eine Wolldecke, zur Begrüßung eine Gabe aus Honig; als Fußwasser Milch, als Ehrengabe Wasser mit Kusha.
7.234 madhuparkaṃ ghṛtenaiva jalenācamanīyakam |
takreṇa snānamācarya vasanaṃ lohitaṃ smṛtam || 7-234 ||
Die Madhuparka-Gabe bereite man mit Ghee, das Mundspülwasser mit Wasser. Das Bad vollziehe man mit Buttermilch; als Gewand ist ein rotes vorgesehen.
7.235 rajatābharaṇaṃ dadyāt sarvadevamanoharam |
taṇḍulena vinā devyai naivedyaṃ dāpayet priya || 7-235 ||
Man gebe silbernen Schmuck, der alle Götter erfreut. Der Göttin bringe man eine Speisegabe ohne Reis dar, Lieber.
7.236 carvyaṃ coṣyaṃ tathā lehyaṃ peyaṃ dadyād manoharam |
raktacandanabījaiśca japedaṣṭasahasrakam || 7-236 ||
Man gebe angenehme Speisen zum Kauen, Saugen, Lecken und Trinken. Mit einer Kette aus rotem Sandel rezitiere man achttausendmal.
7.237 śuklapratipadārabhyamaṣṭamyāṃ ca samāpayet |
baliṃ dadyād mahādevyai chāgena mahiṣeṇa vā || 7-237 ||
Man beginne am ersten Tag der hellen Monatshälfte und schließe am achten ab. Der großen Göttin bringe man einen Ziegenbock oder Büffel als Opfer dar.
7.238 annaṃ matsyaṃ tathā māṃsaṃ ghṛtaṃ paramaśobhanam |
piṣṭakaṃ paramaṃ dravyaṃ dadyād devyai manoharam || 7-238 ||
Reis, Fisch, Fleisch, ausgezeichnetes Ghee und vorzügliches Gebäck bringe man der Göttin als erfreuliche Gaben dar.
7.239 homayed devadeveśa yathāśakti vidhānataḥ |
śrībhairava uvāca |
kumārīṃ pūjayed yatnairdravyairbahuvidhairapi || 7-239 ||
Nach Vermögen vollziehe man vorschriftsgemäß das Feueropfer, Gott der Götter. Der ehrwürdige Bhairava sprach: Sorgsam verehre man die Kumari mit vielerlei Gaben.
7.240 homādikaṃ tu sakalaṃ kumārīpūjanaṃ vinā |
paripūrṇaphalaṃ naiva sakalaṃ pūjanaṃ bhavet || 7-240 ||
Ohne Kumari-Verehrung bringen das gesamte Feueropfer und die übrigen Handlungen nicht ihre volle Frucht; die ganze Verehrung bleibt unvollständig.
7.241 tataḥ sakalasiddhyarthaṃ kumārīṃ tu prapūjayet |
ānayet kanyakāṃ yogyāṃ kumārīṃ tu suvāsinīm || 7-241 ||
Darum verehre man die Kumari zur Erlangung aller Vollendung. Man führe ein geeignetes Mädchen herbei, eine Kumari oder eine Suvasini.
7.242 suvāsinīṃ madaprauḍhāṃ saṃśayaṃ tyaja sundari |
kathayāmi na sandehaḥ kumārīpūjanaṃ śubham || 7-242 ||
Eine Suvasini, gereift und von Begeisterung erfüllt: Lass den Zweifel fahren, Schöne. Ich erkläre die heilige Kumari-Verehrung ohne Zweifel. [Suvasini bezeichnet gewöhnlich eine verheiratete Frau; die Stelle weitet die vorherige Bezeichnung aus.]
7.243 yasyāḥ pūjanamātreṇa trailokyapūjanaṃ bhavet |
kumārī ca maheśāni tridhā mūrtirvyavasthitā || 7-243 ||
Durch ihre bloße Verehrung werden die drei Welten verehrt. Die Kumari besitzt drei festgelegte Gestalten, große Herrin.
7.244 parāparātmikā caiva tṛtīyā ca parāparā |
yatra kāle na kiñcit syād devāsuramahoragāḥ || 7-244 ||
Die höchste, die niedere und als dritte die höchste und niedere zugleich. Zu einer Zeit, da weder Götter noch Asuras noch große Schlangen vorhanden waren —
7.245 trailokyaṃ na tvamahaṃ tadā jātā kumārikā |
ādyasṛṣṭikarī yā tu pratyakṣā sābhavat tridhā || 7-245 ||
— weder die drei Welten noch du oder ich, da entstand die Kumari. Die ursprüngliche Schöpferin wurde sichtbar in dreifacher Gestalt.
7.246 umākalā tu sā jātā [devī kha pāṭhaḥ |] sṛṣṭirūpā bhavāntare |
ekavarṣā bhavet sandhyā dvivarṣā ca sarasvatī || 7-246 ||
Als Anteil Umas trat sie in einem anderen Dasein als Schöpfungsgestalt hervor [Variante: als Göttin]. Mit einem Jahr heißt sie Sandhya, mit zwei Jahren Sarasvati.
7.247 trivarṣā ca tridhā mūrtiścaturvarṣā ca kālikā |
subhagā pañcavarṣā ca ṣaḍvarṣā tu umā bhavet || 7-247 ||
Mit drei Jahren heißt sie Tridhamurti, mit vier Kalika, mit fünf Subhaga und mit sechs Uma.
7.248 saptabhirmālinī caiva aṣṭavarṣā ca kubjikā |
navabhiḥ kālasaṅkarṣā daśabhiścāparājitā || 7-248 ||
Mit sieben Jahren Malini, mit acht Kubjika, mit neun Kalasankarsha und mit zehn Aparajita.
7.249 ekādaśe tu rudrāṇī dvādaśābde tu bhairavī |
trayodaśe mahālakṣmīrdvisaptā pīṭhanāyikā || 7-249 ||
Mit elf Jahren Rudrani, mit zwölf Bhairavi, mit dreizehn Mahalakshmi und mit vierzehn Pithanayika.
7.250 kṣetrajñā pañcadaśabhiḥ ṣoḍaśe carcikā matā |
evaṃ krameṇa saṃpūjyā yāvat puṣpaṃ na jāyate || 7-250 ||
Mit fünfzehn heißt sie Kshetrajna, mit sechzehn Carcika. In dieser Folge soll sie verehrt werden, solange die erste Menstruation noch nicht eingetreten ist.
7.251 pratipadādi pūrṇāntaṃ vṛddhibhedena pūjayet |
mahāparvasu sarveṣu viśeṣācca pavitrake || 7-251 ||
Vom ersten Mondtag bis zum Vollmond verehre man sie entsprechend der jeweiligen Zunahme, an allen großen Festen und besonders beim Pavitraka-Fest.
7.252 mahānavamyāṃ deveśi kumārīṃ ca prapūjayet |
piṅgalāṃ pūjayed yastu ṣoḍaśe caikabhaktimān || 7-252 ||
Am großen neunten Mondtag verehre man die Kumari. Wer am sechzehnten [Tag beziehungsweise im sechzehnten Lebensjahr; der Bezug ist unklar] Pingala mit ungeteilter Hingabe verehrt —
7.253 bhaktitaḥ pūjayitvā tu sarvasaṃpattimān bhavet |
pūjayet kulavidyānāmekaikāṃ kulabhairavīm || 7-253 ||
— wird durch hingebungsvolle Verehrung mit allen Gütern ausgestattet. Von den Kula-Vidyas verehre man jede einzelne als Kula-Bhairavi.
7.254 evaṃ praṇavayogena caitanyaṃ tattvamarcayet [manuṃ kha pāṭhaḥ |] |
praṇavasya viśeṣaṃ hi jānīhi naganandini || 7-254 ||
So verehre man durch Verbindung mit dem Pranava das Bewusstseinsprinzip [Variante: das Mantra]. Erkenne die Besonderheit des Pranava, Tochter des Berges.
7.255 yajjñānāt sādhakāḥ sarve bhavanti muktibhāginaḥ |
yonirbindumatī caiva māyābījaṃ tataḥ param || 7-255 ||
Durch dessen Erkenntnis werden alle Übenden der Befreiung teilhaftig. Zuerst Yoni mit Bindu, danach die Maya-Keimsilbe —
7.256 tato lakṣmīṃ samuccārya kuryād māyāṃ maheśvari |
[aiṃ hrīṃ śrīṃ hūṃ hrīṃ ete pañca praṇavāḥ |] praṇavāḥ pañca
vikhyātāḥ sarvapāpaharāḥ śubhe || 7-256 ||
— dann spreche man Lakshmi aus und setze Maya, große Herrin. Die fünf Pranavas sind als alle Sünden tilgend bekannt, du Gütige. Der Einschub nennt sie ausdrücklich: aiṃ hrīṃ śrīṃ hūṃ hrīṃ.
7.257 bhairavībījamākhyātaṃ pretabījaṃ manoharam |
ekaṃ dvābhyāṃ tribhiścaiva saptabhirvāṣṭabhiḥ punaḥ || 7-257 ||
Die Bhairavi-Keimsilbe und die schöne Preta-Keimsilbe werden genannt. Mit einer, zweien, dreien, sieben oder acht [Kumaris soll die Verehrung geschehen; der Satzanschluss ist verkürzt].
7.258 mahābhayāni durbhikṣādyutpātāni kuleśvari |
duḥsvapnamapamṛtyuśca anye ye ye samudbhavāḥ || 7-258 ||
Große Gefahren, Hungersnot und andere Katastrophen, Kula-Herrin, schlechte Träume, vorzeitiger Tod und alle anderen auftretenden Übel —
7.259 kumārīpūjanādeva na tasya prabhavanti hi |
nityakrameṇa deveśi pūjayed vidhipūrvakam || 7-259 ||
— vermögen einem durch die Kumari-Verehrung nichts anzuhaben. Nach der täglichen Ordnung verehre man sie vorschriftsgemäß, Herrin der Götter.
7.260 ghnanti vighnān pūjitāstāstathā śatrūn mahotkaṭān |
vyādhayaḥ sarvariṣṭāni durnimittānyasaṃśayam || 7-260 ||
Verehrt, vernichten sie Hindernisse und selbst äußerst mächtige Feinde, Krankheiten, alle Unglückszeichen und bösen Vorzeichen, ohne Zweifel.
7.261 grahā yakṣāḥ kṣayaṃ yānti bhūtavetālapannagāḥ |
asurā guhyakāḥ proktā yoginī guhyaḍākinī || 7-261 ||
Besessenheitsmächte, Yakshas, Geister, Vetalas und Schlangen werden unschädlich; ebenso Asuras und Guhyakas, Yoginis und geheime Dakinis werden genannt.
7.262 aṇimādīni vetālabhairavādīni caiva hi |
tuṣyanti divyavetālo bhavet kumārikārcanāt || 7-262 ||
Die Kräfte wie Anima sowie Vetalas, Bhairavas und andere werden befriedigt. Durch Kumari-Verehrung werde einem ein göttlicher Vetala zuteil.
7.263 aiṃkāreṇa jalaṃ deyaṃ hrīṃkārāt pādaśodhanam |
śrīṃkāreṇa maheśāni arghyaṃ dadyād maheśvari || 7-263 ||
Mit Aim gebe man Wasser, mit Hrim Wasser zur Reinigung der Füße, mit Shrim die Ehrengabe, große Herrin.
7.264 kūrcabījena deveśi dadyāccandanamuttamam |
śaktibījena puṣpāṇi sarvaiḥ dhūpāṃśca dāpayet || 7-264 ||
Mit der Kurca-Keimsilbe gebe man vorzüglichen Sandel, mit der Shakti-Keimsilbe Blumen und mit allen gemeinsam Räucherwerk.
7.265 vāgbhavaṃ ca tato māyāṃ sundarīti tataḥ param |
ṅe'ntaṃ paścimavaktraṃ ca hṛdantena nyaset pri(ya?ye) || 7-265 ||
Vagbhava, dann Maya, anschließend »Sundari« im Dativ, danach »dem westlichen Antlitz«: Mit der Herzendung vollziehe man die Auflegung, Geliebte.
7.266 yoniyuktaṃ śāntavarṇo binduyuktaḥsurārcite |
kumārike padaṃ procya śirase vahnivallabhā || 7-266 ||
Der Shanta-Laut, mit Yoni und Bindu verbunden, du von den Göttern Verehrte; dann spreche man »Kumarike«, »dem Haupt« und die Gemahlin des Feuers.
7.267 vedādiṃ ca tato māyāṃ svabījaṃ tadanantaram |
śikhāyai vaṣaḍityuktaṃ bhairavaprāṇavandite || 7-267 ||
Den Anfang der Veden, dann Maya und die eigene Keimsilbe; danach »der Haarspitze« und »Vashat«, du von Bhairavas Lebenskraft Verehrte.
7.268 praṇavaṃ kākinīṃ caiva binduyuktāṃ sanātanīm |
vāgīśvarī padaṃ coktvā kavacāya humīritam || 7-268 ||
Den Pranava und die ewige Kakini mit Bindu, dann das Wort »Vagishvari«, »dem Panzer« und »Hum«.
7.269 māyābījaṃ samuccārya astrāya phaḍiti kramāt |
vāgbhavaṃ ca siddhi padaṃ jayāya tadanantaram || 7-269 ||
Man spreche die Maya-Keimsilbe aus, danach »der Waffe, Phat«. Dann Vagbhava, das Wort »Siddhi« und anschließend »Jayaya«.
7.270 pūrvavaktrāya deveśi hṛdantena prapūjayet |
punarvāgbhavabījaṃ ṅeyutamuttaravaktrakam || 7-270 ||
Mit »dem östlichen Antlitz« und der Herzendung verehre man sie, Herrin der Götter. Wieder die Vagbhava-Keimsilbe und »dem nördlichen Antlitz« im Dativ —
7.271 namontena mahādevi pūjayet surasundarīm |
praṇavaṃ ca maheśāni kālike padamantaram || 7-271 ||
— mit der Endung »Namah« verehre man die göttliche Schöne. Dann Pranava, große Herrin, anschließend das Wort »Kalike«.
7.272 dakṣavaktrāya tatpaścād namontaṃ bhairavapriye |
vāgbhavena purakṣobhaṃ māyābīje guṇāṣṭakam || 7-272 ||
Darauf »dem rechten Antlitz«, endend mit »Namah«, Geliebte Bhairavas. Durch Vagbhava werde die Stadt erschüttert, durch die Maya-Keimsilbe entstehe die achtfache Eigenschaft.
7.273 śrībījena śriyo lābho hrīṃbījenārisaṃkṣayaḥ |
bhairaveṇa tu bījena khaḍgānāmaparājitam || 7-273 ||
Durch die Shri-Keimsilbe erlange man Wohlstand, durch Hrim die Vernichtung der Feinde und durch die Bhairava-Keimsilbe Unbesiegbarkeit der Schwerter.
7.274 kumārikāṣṭakaṃ vātha sadā tvaṃ ca kumārikā |
aṣṭottaraśataṃ vāpi ekāṃ kanyāṃ prapūjayet || 7-274 ||
Man verehre acht Kumaris oder hundertacht, oder ein einziges Mädchen. Auch du selbst bist stets die Kumari.
7.275 pūjitāḥ pūjayantyetā nirdahantyavamānitāḥ |
kumārī yoginī sākṣāt kumārī sarvadevatāḥ || 7-275 ||
Werden sie verehrt, so ehren sie ihrerseits; werden sie missachtet, so verbrennen sie. Die Kumari ist unmittelbar die Yogini; die Kumari ist alle Gottheiten.
7.276 bhūrbhuvarmūrtikā devī kumārī ca prapūjitā |
asurā duṣṭanāgāśca ye ye duṣṭagrahā api || 7-276 ||
Verehrt wird die Kumari als Göttin, deren Gestalt Erde und Zwischenraum umfasst. Asuras, böse Nagas und alle schädlichen Besessenheitsmächte —
7.277 bhūtavetālagandharva ḍākinīyakṣarākṣasāḥ |
hṛdayaṃ devatāḥ sarve bhūrbhuvaścaiva bhairavi || 7-277 ||
— Geister, Vetalas, Gandharvas, Dakinis, Yakshas und Rakshasas; das Herz, alle Gottheiten, Erde und Zwischenraum, Bhairavi —
7.278 pṛthivyādīni sarvāṇi brahmāṇḍaṃ sacarācaram |
brahmā viṣṇuśca rudraśca īśvaraśca sadāśivaḥ || 7-278 ||
— sämtliche Elemente, beginnend mit der Erde, das Weltenei mit allem Bewegten und Unbewegten, Brahma, Vishnu, Rudra, Ishvara und Sadashiva —
7.279 te tuṣṭāḥ sarvatuṣṭāśca kumārīṃ yaḥ prapūjayet |
kālāgniśivaparyantaṃ tathā gauryādisaṃsthitiḥ || 7-279 ||
— sie alle sind befriedigt, wenn jemand die Kumari verehrt, bis hin zu Kalagni-Shiva und den Erscheinungen Gauris und der anderen Göttinnen.
7.280 saptadvipāḥ samudrāśca bhuvanāni caturdaśa |
vidhinā vai kumārīṃ ca bhojayeccaiva bhairavīm || 7-280 ||
Auch die sieben Kontinente, die Meere und die vierzehn Welten [werden befriedigt]. Vorschriftsgemäß speise man die Kumari als Bhairavi.
7.281 pādyamarghyaṃ tathā dhūpaṃ kuṅkumaṃ candanaṃ tathā |
bhaktibhāvena saṃpūjya sarvaṃ ta(sya?syā) nivedayet || 7-281 ||
Mit Fußwasser, Ehrengabe, Räucherwerk, Safran und Sandel verehre man sie hingebungsvoll und bringe ihr alles dar.
7.282 pradakṣiṇatrayaṃ kuryād ādau madhye tathāntataḥ |
paścācca dakṣiṇā deyā rajatasvarṇamauktikaiḥ || 7-282 ||
Zu Beginn, in der Mitte und am Ende vollziehe man jeweils drei Rechtsumwandlungen. Danach gebe man den Opferlohn aus Silber, Gold und Perlen.
7.283 vivāhayet svayaṃ kanyāṃ brahmahatyā vinaśyati |
gavāṃ hatyā striyā hatyā sarvaṃ pāpaṃ praṇaśyati || 7-283 ||
Wer selbst die Heirat eines Mädchens ausrichtet, dessen Schuld an Brahmanentötung vergehe; auch die Schuld an der Tötung von Kühen oder Frauen und alle Sünde vergehe.
7.284 mātā caiva pitā caiva bhrātaraśca viśeṣataḥ |
ye ca yatra puraḥ [punaḥ kha pāṭhaḥ |] sarve kanyādānaṃ prakalpayet || 7-284 ||
Mutter, Vater, besonders die Brüder und alle jeweils anwesenden Angehörigen sollen die Übergabe der Braut ausrichten.
7.285 bhuktimuktiphalaṃ tasya saubhāgyaṃ sarvasaṃpadaḥ |
rudraloke vased nityaṃ trinetro [niyato kha pāṭhaḥ |] bhagavān haraḥ || 7-285 ||
Ihre Frucht sind Genuss und Befreiung, Glück und alle Güter. Man wohne beständig in Rudras Welt, als dreiäugiger erhabener Hara. [Variante: in Selbstbeherrschung.]
7.286 ṣaṣṭikoṭisahasrāṇi aśvamedhaphalaṃ labhet |
etat phalaṃ labhed martyaḥ kanyāṃ yastu vivāhayet || 7-286 ||
Man erlange die Frucht von sechzigtausend Koti Pferdeopfern. Diese Frucht erhält ein Sterblicher, der die Heirat eines Mädchens ausrichtet.
7.287 bālukāḥ sāgare yāvat tāvadabdaṃ maheśvari |
ekaikaṃ kulamuddhṛtya satyakalpe gato'pi ca || 7-287 ||
So viele Jahre, wie es Sandkörner im Meer gibt, große Herrin, rette er jede einzelne Familienlinie und gelange auch im Satya-Kalpa [zum Ziel; der Satz ist unsicher überliefert].
7.288 tāvat sa bhuṅkte bhogāṃśca yāvadbhūmidivaukasaḥ |
kanyādānaṃ mahādānaṃ sarvadāneṣu cottamam || 7-288 ||
So lange, wie Erde und Himmelsbewohner bestehen, genieße er Freuden. Die Brautübergabe ist eine große Gabe, die höchste unter allen Gaben.
7.289 daurbhāgyaṃ naśyati kṣipraṃ saubhāgyaṃ ca pravardhate |
rājadvāre labhet pūjāṃ rājalakṣmīḥ sthirāyate || 7-289 ||
Unglück vergeht rasch und Glück wächst. Am Königshof erlangt man Ehre, und königliche Herrlichkeit bleibt beständig.
7.290 sarvāḥ kumārikāścaiva pūjayed bhaktibhāvataḥ |
mahābhaye samutpanne yastu kanyāṃ prapūjayet || 7-290 ||
Alle Kumaris soll man hingebungsvoll verehren. Wer bei drohender großer Gefahr ein Mädchen verehrt —
7.291 tatkṣaṇāllabhate mokṣaṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ |
iti te kathitaṃ devi kumārīpūjanakramam || 7-291 ||
— erlangt augenblicklich Befreiung; wahrlich, wahrlich, daran besteht kein Zweifel. So habe ich dir, Göttin, die Ordnung der Kumari-Verehrung erklärt.
7.292 viśeṣalakṣaṇaṃ caiva kathayiṣyāmi saṃśṛṇu |
tasmāt parataraṃ nāsti(ma?ta)ntramadhye maheśvari || 7-292 ||
Ihre besonderen Merkmale will ich noch erklären; höre zu. Nichts Höheres gibt es in den Tantras, große Herrin.
7.293 kumārīṃ pūjayitvā ca śivatvaṃ gatavānaham |
kṛṣṇatvaṃ gatavān kṛṣṇo brahmatvaṃ gatavān(mudā?vidhiḥ) || 7-293 ||
Durch Verehrung der Kumari bin ich zum Shivasein gelangt; Krishna gelangte zum Krishnasein und Brahma zum Brahmasein. [Die Schlusslesung ist unsicher.]
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (nigrahādiprayoga kumārīpūjākramanirūpaṇaṃ) saptamaḥ paṭalaḥ || 7 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das siebte Kapitel: die Darlegung der Anwendungen zur Niederhaltung und weiterer Zwecke sowie der Kumari-Verehrung.
Kapitel 8: Yantras, Mantravarianten und Weihen
8.1 śrībhairava uvāca |
yantraṃ śṛṇu varārohe yena siddhyati niścitam |
tato likhed yantrarājaṃ samastapuruṣārthadam || 8-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Höre vom Yantra, du Schöne, durch das Vollendung gewiss entsteht. Man zeichne diesen König der Yantras, der alle menschlichen Ziele schenkt.
8.2 yasya vijñānamātreṇa sadyaḥ khecaratāṃ vrajet |
ādau trikoṇaṃ vinyasya trikoṇaṃ tadbahirnyaset || 8-2 ||
Schon durch seine Erkenntnis erlange man unverzüglich die Fähigkeit, sich im Luftraum zu bewegen. Zuerst setze man ein Dreieck, außen darum ein weiteres Dreieck.
8.3 bahistrikoṇamālikhya ṣaṭkoṇaṃ tadbahirnyaset |
madhye tu vaindavaṃ cakraṃ māyābījavibhūṣitam || 8-3 ||
Außen zeichne man noch ein Dreieck und darum ein Sechseck. In der Mitte liegt der Bindu-Kreis, geschmückt mit der Maya-Keimsilbe.
8.4 ṣaṭkoṇaṃ tadbahirvṛttaṃ tataścāṣṭadalaṃ likhet |
bahirvṛttena saṃyuktaṃ bhūpureṇaiva saṃvṛtam || 8-4 ||
Um das Sechseck zeichne man einen Kreis und dann einen achtblättrigen Lotus, außen wiederum einen Kreis und einen umschließenden Erdwall.
8.5 jñātvaivaṃ muktimāyāti yantrametanna saṃśayaḥ |
etat tu vilikhet tāmre kuṇḍagolavilepite || 8-5 ||
Wer dieses Yantra so erkennt, gelangt zur Befreiung, daran besteht kein Zweifel. Man zeichne es auf Kupfer, bestrichen mit den als Kunda und Gola bezeichneten Substanzen.
8.6 svayaṃbhūkusumairyukte kuṅkumāgurusaṃyute |
śuddhāsane ca paśubhiradṛṣṭe purato nyaset || 8-6 ||
Hinzu kommen die »selbst entstandene Blüte« [Menstrualblut], Safran und Aloeholz. Auf einem reinen Sitz, den die Uneingeweihten nicht sehen, stelle man es vor sich auf.
8.7 arghyadravyamarghyapātre nikṣipet purataḥ sudhīḥ |
tato'rghyaṃ kārayed mantrī tayā nāryā suveśayā || 8-7 ||
Der Kundige gebe die Bestandteile der Ehrengabe in das vor ihm stehende Gefäß. Dann lasse der Mantrakundige jene schön gekleidete Frau die Ehrengabe bereiten.
8.8 kuṇḍagolodbhavaṃ dravyaṃ suyaṃbhūkusumaṃ tathā |
nādharmo jāyate subhru mahāmantrasya sādhane || 8-8 ||
Die aus Kunda und Gola stammende Substanz und die selbst entstandene Blüte: Bei der Übung des großen Mantras entsteht dadurch kein Unrecht, du Schönbrauige.
8.9 tato pīṭhakrameṇaiva yantrapūjāṃ samācaret |
tato hṛdayapadmāntaḥ sphurantīṃ parameśvarīm || 8-9 ||
Dann vollziehe man die Yantra-Verehrung gemäß der Ordnung des heiligen Sitzes. Die höchste Herrin, die im Lotus des Herzens aufleuchtet —
8.10 suṣumnāvartmanā nītvā śiraḥsthānaṃ maheśvari |
tato vai svakarāmbhojapuṣparāśau samānayet || 8-10 ||
— führe man auf dem Weg der Sushumna zum Ort des Hauptes, große Herrin, und bringe sie dann in die Blumenmenge in der eigenen Lotushand.
8.11 nāsayā vāmayā devi vāyubījena mantravit |
deveśi bhaktisulabhe parivārasamanvite || 8-11 ||
Durch das linke Nasenloch und mit der Wind-Keimsilbe [führe sie] der Mantrakundige [heraus]: »Herrin der Götter, durch Hingabe leicht erreichbar, mit deinem Gefolge —
8.12 yāvat tvāṃ pūjayiṣyāmi mātardevi ihāvaha |
ityanena ca mantreṇa devīmāvāhayet sudhīḥ || 8-12 ||
— Mutter, Göttin, komm hierher, solange ich dich verehren werde!« Mit diesem Mantra rufe der Kundige die Göttin herbei.
8.13 āvāhya devīṃ tāmiṣṭvā copacārairniveśya ca |
kālīṃ kapālinīṃ kullāṃ kurukullāṃ virodhinīm || 8-13 ||
Nach ihrer Anrufung verehre man sie mit Gaben und lasse sie Platz nehmen. Kali, Kapalini, Kulla, Kurukulla, Virodhini —
8.14 vipracittāṃ pūjayecca bahiḥ ṣaṭkoṇake tathā |
ugrāmugraprabhāṃ dīptāṃ tanmadhye ca trikoṇake || 8-14 ||
— und Vipracitta verehre man im äußeren Sechseck; Ugra, Ugraprabha und Dipta im Dreieck darin.
8.15 mātrāṃ mudrāṃ mitāṃ caiva pūjayedapara trike |
sarvāḥ śyāmā asikarā muṇḍamālāvibhūṣitāḥ || 8-15 ||
Matra, Mudra und Mita verehre man im anderen Dreieck. Alle sind dunkel, tragen Schwerter und sind mit Schädelgirlanden geschmückt.
8.16 tarjanīṃ vāmahastena dhārayantyo digambarāḥ |
devatādakṣiṇe bhāge mahākālaṃ samarcayet || 8-16 ||
Sie halten den Zeigefinger der linken Hand drohend erhoben und sind unbekleidet. Auf der rechten Seite der Gottheit verehre man Mahakala.
8.17 tataḥ stutvā namaskṛtya kuryāt saṃmelanaṃ dhiyā |
devatāgre tu saṃbhogaṃ devatāprītikārakam || 8-17 ||
Nach Lobpreis und Verneigung vollziehe man innerlich die Vereinigung. Vor der Gottheit geschehe die Liebesvereinigung, die der Gottheit Freude bereitet.
8.18 saṃbhogaṃ tu puraskṛtya devīmīha visṛjya ca |
kṛtakṛtyo bhavenmantrī nātra kāryā vicāraṇā || 8-18 ||
Nachdem man die Vereinigung vollzogen und die Göttin hier verabschiedet hat, ist der Mantrakundige am Ziel seiner Aufgabe; darüber soll kein Zweifel bestehen.
8.19 idānīṃ śṛṇu deveśi upacārān viśeṣataḥ |
prathamaṃ tu surā pūjyā mādhvī gauḍī tathaiva ca || 8-19 ||
Höre jetzt insbesondere von den Verehrungsgaben, Herrin der Götter. Als Erstes ist das berauschende Getränk zu verehren: Honigwein, Melassewein —
8.20 paiṣṭī tasyā abhāvena ātideśikamācaret |
nārikelodakaṃ kāṃsye tāmrapātre sthitaṃ madhu || 8-20 ||
— und Getreidewein. Fehlen sie, verwende man Ersatz: Kokoswasser in einem Bronzegefäß, Honig in einem Kupfergefäß.
8.21 gavyaṃ ca tāmrapātrasthaṃ madyatulyaṃ ghṛtaṃ vinā |
tāmbūlaṃ ca sakarpūraṃ nārikelaṃ saśarkaram || 8-21 ||
Auch ein Kuhprodukt, ausgenommen Ghee, in einem Kupfergefäß gilt als dem Wein gleichwertig. Dazu Betel mit Kampfer, Kokosnuss mit Zucker —
8.22 pāyasaṃ saghṛtaṃ caiva ārdrakaṃ saguḍaṃ tathā |
taṇḍulaṃ satilaṃ caiva tālaṃ kharjūrameva ca || 8-22 ||
— Milchspeise mit Ghee, frischer Ingwer mit Rohrzucker, Reis mit Sesam, Palmfrüchte und Datteln —
8.23 kadalīṃ tintiḍīṃ caiva śrīphalaṃ phalamuttamam |
anyāni ca sugandhīni svādūni ca phalāni ca || 8-23 ||
— Bananen, Tamarinden, die vorzügliche Bilva-Frucht und andere wohlriechende und süße Früchte.
8.24 naraśchāgastathā meṣo mahiṣaḥ śaśakastathā |
śarabhaḥ śūkaraścaiva balayaḥ parikīrtitāḥ || 8-24 ||
Mensch, Ziegenbock, Widder, Büffel, Hase, Sharabha und Schwein werden als Opferwesen aufgezählt.
8.25 kṛṣṇamārjārakaścaiva jñātavyā mantravittamaiḥ |
eteṣāṃ caiva raktāni deyāni parameśvari || 8-25 ||
Auch die schwarze Katze ist von den besten Mantrakundigen zu kennen. Das Blut dieser Wesen wird als darzubringend genannt, höchste Herrin.
8.26 jalaṃ suvāsitaṃ deyaṃ kulakṣālanameva ca |
naivedyāni pradhānāni kathitāni mayā priye || 8-26 ||
Man gebe wohlriechendes Wasser und das Wasser der Kula-Waschung. Die hauptsächlichen Speisegaben habe ich dir genannt, Geliebte.
8.27 yena saṃtuṣyate devi kumārī varavarṇinī |
taṃ dadyāt parameśāni kimanyaccrotumicchasi || 8-27 ||
Was die schöne Kumari erfreut, das gebe man, höchste Herrin. Was möchtest du noch hören?
8.28 puṣpitāyāḥ kulāgāraṃ spṛṣṭvā japati yo naraḥ |
ayutaikapramāṇena sādhakaḥ sthiramānasaḥ || 8-28 ||
Wer mit festem Geist das Kula-Haus einer menstruierenden Frau berührt und zehntausendmal rezitiert —
8.29 kevalaṃ śuddhabhāvena sa tu vidyānidhirbhavet |
saṃskṛtāḥ prākṛtāḥ śabdā laukikā vaidikāstathā || 8-29 ||
— wird allein durch reine innere Haltung zu einem Schatz des Wissens. Sanskrit- und Prakrit-Wörter, weltliche und vedische Worte —
8.30 vaśamāyānti te sarve sādhakasya na cānyathā |
muktakeśo haviṣyāśī prajapedayutaṃ naraḥ || 8-30 ||
— stehen alle dem Übenden zur Verfügung, nicht anders. Mit offenem Haar und von Opferspeise lebend, rezitiere der Mensch zehntausendmal.
8.31 nagnāṃ parastriyaṃ spṛṣṭvā prajapet sthiramānasaḥ |
tasyālokanamātreṇa vādino niṣprabhāṃ gatāḥ || 8-31 ||
Eine unbekleidete fremde Frau berührend, rezitiere er mit festem Geist. Schon bei seinem Anblick verlieren Wortstreiter ihren Glanz.
8.32 rājāno'pi ca dāsatvaṃ bhajante kiṃ pare janāḥ |
dhanakāmastu yo vidvān mahadaiśvaryakāmukaḥ || 8-32 ||
Selbst Könige dienen ihm; was erst die übrigen Menschen! Wer als Kundiger Reichtum und große Herrschaft wünscht —
8.33 bṛhaspatisamo yastu bhavituṃ kāmayennaraḥ |
sundarīṃ yauvanonmattāṃ nārīmānīya yatnataḥ || 8-33 ||
— oder ein Mensch, der Brihaspati gleichen möchte, führe sorgsam eine schöne Frau herbei, erfüllt von der Lebenskraft ihrer Jugend.
8.34 aṣṭottaraśataṃ japtvā kulamāmantrya mantravit |
maithunaṃ yaḥ karotyeva sa tu vidyānidhirbhavet || 8-34 ||
Der Mantrakundige rezitiere hundertachtmal, rufe das Kula an und vollziehe die Liebesvereinigung: So werde er zu einem Schatz des Wissens.
8.35 viparītaratā sā tu bhuvi śrīrhṛdayopari |
tanmukhe cumbanaṃ dattvā sahasraṃ mānasaṃ japet || 8-35 ||
Sie liege in umgekehrter Liebesstellung über seiner Brust, wie Shri auf Erden. Nachdem er ihr Gesicht geküsst hat, rezitiere er tausendmal geistig.
8.36 sa bhavet sarvasiddhīśo nātrakāryā vicāraṇā |
sarveṣāṃ sādhanānāṃ hi śreṣṭhaṃ syāt kulasādhanam || 8-36 ||
Er werde zum Herrn aller Vollkommenheiten; darüber soll kein Zweifel bestehen. Unter allen Übungen gilt die Kula-Praxis als höchste.
8.37 tasmāt sarvaprayatnena sādhayet taṃ samāhitaḥ |
idānīṃ śṛṇu deveśi rahasyamidamuttamam || 8-37 ||
Darum vollziehe man sie mit aller Sorgfalt und Sammlung. Höre jetzt dieses vorzügliche Geheimnis, Herrin der Götter.
8.38 purā dāruvane ramye unmattā rāgamohitāḥ |
parastriyaṃ gharṣayanti madyaṃ svādanti nityaśaḥ || 8-38 ||
Einst im schönen Daru-Wald waren [die Weisen] berauscht und von Leidenschaft verblendet; sie verkehrten mit fremden Frauen und tranken beständig Wein.
8.39 tad dṛṣṭvānucitaṃ karma viṣṇunā samupasthitam |
śrīviṣṇuruvāca |
devadeva mahādeva sarvadeva dayānidhe || 8-39 ||
Als Vishnu dieses ungehörige Verhalten sah, trat er heran. Der ehrwürdige Vishnu sprach: Gott der Götter, großer Gott, Erbarmensschatz aller Götter!
8.40 devadāruvane pāpā madyapānaratāturāḥ |
parastriyaṃ gharṣayanti munayo rāgamohitāḥ || 8-40 ||
Im Zedernwald sind sündhafte Weise dem Weintrinken ergeben und von Verlangen gequält; von Leidenschaft verblendet verkehren sie mit fremden Frauen.
8.41 digambarāstathā mūḍhāḥ saṃprayāsyanti kāṃ gatim |
iti tasya vacaḥ śrutvā tamuvāca tvahaṃ priye || 8-41 ||
Sie sind unbekleidet und töricht. Welches Schicksal werden sie erlangen? Als ich diese Worte hörte, antwortete ich ihm, Geliebte.
8.42 kālikā yā mahāvidyā hyaniruddhasarasvatī |
vidyārājñīti yā proktā ete tanmantrajāpakāḥ || 8-42 ||
Kalika, die große Vidya, Aniruddha-Sarasvati, die als Königin der Vidyas bezeichnet wird: Deren Mantra wiederholen diese Menschen.
8.43 paraṃ muktā bhaviṣyanti tadgāyatrīṃ japanti ca |
etasyāstu prabhāveṇa sarve devā vimocitāḥ || 8-43 ||
Sie werden höchste Befreiung erlangen und rezitieren auch ihre Gayatri. Durch deren Macht wurden sämtliche Götter befreit.
8.44 nijamātṛvadhāt so'pi paraśurāmo vimocitaḥ |
dattātreyaścātriputraḥ surāpānād vimocitaḥ || 8-44 ||
Parashurama wurde von der Schuld befreit, seine eigene Mutter getötet zu haben; Dattatreya, Atris Sohn, von der Schuld des Weintrinkens.
8.45 gotamastrīgharṣaṇācca devendro'pi vimocitaḥ |
cāṇḍālīgamanāt pūrvaṃ vaśiṣṭhaśca vimocitaḥ || 8-45 ||
Auch der Götterkönig wurde von der Schuld des Verkehrs mit Gautamas Frau befreit und Vasishtha einst von der Verbindung mit einer Candalini.
8.46 gurudārāgharṣaṇācca candramāśca vimocitaḥ |
brahmaṇastu śiraśchedāc śivaḥ so'haṃ vimocitaḥ || 8-46 ||
Der Mond wurde von der Schuld des Verkehrs mit der Frau seines Gurus befreit; ich, Shiva, von der Schuld, Brahmas Haupt abgeschlagen zu haben.
8.47 rāvaṇasya vadhāccāpi rāmacandro vimocitaḥ |
tameva gūḍhaṃ vakṣyāmi śrutvā gopyaḥ sadā budhaiḥ || 8-47 ||
Auch Ramacandra wurde von der Schuld an Ravanas Tötung befreit. Eben dieses Geheimnis werde ich erklären; die Kundigen sollen es nach dem Hören stets bewahren.
8.48 kālikāyai padaṃ coktvā vidmahe tadanantaram |
tataḥ śmaśānavāsinyai dhīmahīti padaṃ tataḥ || 8-48 ||
Man spreche »Kalikayai«, anschließend »vidmahe«, dann »shmashanavasinyai« und danach »dhimahi«.
8.49 tanno ghorī padaṃ coktvā tataḥ kāmaḥ pracodayāt |
eṣā tu kālīgāyatrī daśadhā japtayānayā || 8-49 ||
Dann spreche man »tan no ghori«, darauf »kamah pracodayat«. Dies ist die Kali-Gayatri; wird sie zehnmal rezitiert — [Die überlieferte Wortfolge ist auffällig und wird hier nicht stillschweigend geglättet.]
8.50 brahmahatyādipāpāni khaṇḍaṃ khaṇḍaṃ vrajanti hi |
anayā sadṛśī vidyā anena sadṛśo japaḥ || 8-50 ||
— zerfallen die Sünden, angefangen bei Brahmanentötung, Stück für Stück. Eine dieser gleiche Vidya, eine solche Wiederholung —
8.51 anena sadṛśaṃ jñānaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati |
anyacca śṛṇu deveśi yathā pānādikarmaṇi || 8-51 ||
— und eine solche Erkenntnis hat es nie gegeben und wird es nie geben. Höre noch etwas, Herrin der Götter: Bei Handlungen wie dem Trinken —
8.52 kumārīsādhanādīni anayā sādhayecchubhe |
līlayā ca maheśāni siddhirbhavati niścitam || 8-52 ||
— sowie bei Kumari-Praxis und anderem wende man diese Formel an, du Gütige. Spielend entsteht dadurch gewiss Vollendung, große Herrin.
8.53 naṭī kāpālinī veśyā rajakī brāhmaṇī śubhā |
śūdrakanyā viśaḥ strī ca kṣatri(yī?yā) sarvadāyinī || 8-53 ||
Eine Tänzerin, eine Kapalini, eine Kurtisane, eine Wäscherin, eine ehrbare Brahmanin, eine Shudra-Tochter, eine Vaishya-Frau oder eine Kshatriya-Frau, die alles gibt —
8.54 etāsāṃ kāṃścidānīya tatastadyonimaṇḍale |
pūjayitvā mahādevīṃ tato maithunamācaret || 8-54 ||
— eine von diesen führe man herbei, verehre die große Göttin in ihrem Yoni-Kreis und vollziehe danach die Liebesvereinigung.
8.55 dharmādharmahavirdī(ptā?pte) ātmāgnau manasā srucā |
suṣumnāvartmanā nityamakṣavṛttirjuhomyaham || 8-55 ||
»In das Feuer des Selbst, das durch die Opfergaben von Recht und Unrecht auflodert, opfere ich beständig die Tätigkeit der Sinne, mit dem Geist als Opferlöffel, auf dem Weg der Sushumna.«
8.56 svāhānto'yaṃ mahāmantra ārambhe parikīrtitaḥ |
prakāśākāśahastābhyāmavalambyonmanīsrucam || 8-56 ||
Dieses große Mantra, das mit »Svaha« endet, ist für den Beginn genannt. »Mit den Händen des lichten Raumes halte ich den Opferlöffel des Zustands jenseits des Denkens —
8.57 dharmādharmaphala[kalā kha pāṭhaḥ |]snehapūrṇāṃ vahnau juhomyaham |
svāhānto'yaṃ mahāmantraḥ śukratyāge prakīrtitaḥ || 8-57 ||
— gefüllt mit dem Öl der Früchte von Recht und Unrecht, und opfere ins Feuer.« Dieses mit »Svaha« endende große Mantra ist für die Samenabgabe genannt. [Die Variante hat »Anteile« statt »Früchte«.]
8.58 tato gacchet priyāṃ gacchan devīṃ tribhuvaneśvarīm |
tacchrutvā vacanaṃ viṣṇurmāṃ punarabhyabhāṣata || 8-58 ||
So nähere man sich der Geliebten und in ihr der Göttin, der Herrin der drei Welten. Als Vishnu diese Worte gehört hatte, sprach er wieder zu mir.
8.59 namo'stu te mahādeva sarvatantrātmarūpiṇe |
tvat prasādādayaṃ deva saṃśayo me mahān gataḥ || 8-59 ||
Verehrung dir, großer Gott, der du das Wesen aller Tantras verkörperst. Durch deine Gnade ist mein großer Zweifel geschwunden, Gott.
8.60 anujānīhi deveśa gamiṣyāmi yathāsukham |
tato mayābhyanujñātaḥ praṇamya ca yathāvidhi || 8-60 ||
Gewähre mir Abschied, Herr der Götter; ich werde zufrieden gehen. Nachdem ich ihm die Erlaubnis gegeben hatte und er sich vorschriftsgemäß verneigt hatte —
8.61 yayau svabhavanaṃ viṣṇuretat te kathitaṃ priye |
idānīṃ śṛṇu deveśi mantrarājaṃ manoramam || 8-61 ||
— ging Vishnu in sein eigenes Haus. Dies habe ich dir erklärt, Geliebte. Höre jetzt den schönen König der Mantras, Herrin der Götter.
8.62 atra śrīmantrarājasya māhātmyaṃ śṛṇu pārvati |
śraddhayā yatra deveśi parāṃ muktimavāpsyati || 8-62 ||
Höre hier die Größe dieses ehrwürdigen Mantrakönigs, Parvati. Durch vertrauensvolle Hingabe an ihn wird man höchste Befreiung erlangen.
8.63 aśvamedhaiśca gomedhairnaramedhaistathā paraiḥ |
dānaiśca vividhairdravyairhomairnānāvidhairapi || 8-63 ||
Durch Pferde-, Rinder-, Menschen- und andere Opfer, durch Gaben verschiedenster Güter und vielfältige Feueropfer —
8.64 anekajanmasāhasraistapobhiḥ prāpyate parā |
vidyārājñī ghorakālī aniruddhasarasvatī || 8-64 ||
— durch Askese während vieler tausend Geburten wird die höchste Königin der Vidyas, Ghorakali, Aniruddha-Sarasvati, erlangt.
8.65 jñātvaiva muktimāpnoti kiṃ punaḥ kathyate param |
asya jñānaprabhāveṇa siddhayo'ṣṭau bhavanti hi || 8-65 ||
Allein durch ihre Erkenntnis erreicht man Befreiung; was Höheres wäre noch zu sagen? Durch die Macht dieser Erkenntnis entstehen die acht Vollkommenheiten.
8.66 mantrasya jñānamātreṇa vijayī bhuvi jāyate |
tasyālokanamātreṇa vādino niṣprabhā matāḥ || 8-66 ||
Schon durch Kenntnis des Mantras wird man auf Erden siegreich. Bei seinem bloßen Anblick verlieren Wortstreiter ihren Glanz.
8.67 rājāno'pi ca dāsatvaṃ bhajante kiṃ pare janāḥ |
vahneḥ śaityaṃ jalastambhaṃ gatistambhaṃ vivasvataḥ || 8-67 ||
Selbst Könige dienen ihm; was erst die übrigen Menschen! Er vermag Feuer abzukühlen, Wasser anzuhalten und den Lauf der Sonne stillzustellen —
8.68 divārātrivyatyayaṃ ca vaśīkartuṃ kṣamo bhavet |
bṛhaspatisamo vāgmī sukavirbhārgavo bhavet || 8-68 ||
— Tag und Nacht zu vertauschen und zu bezwingen. Er werde ein Brihaspati gleicher Redner, ein guter Dichter wie Bhargava.
8.69 dhane kuberasadṛśastejasā bhāskaropamaḥ |
balena sadṛśo rāme viṣṇutulyaparākramaḥ || 8-69 ||
An Reichtum gleiche er Kubera, an Glanz der Sonne, an Kraft Rama und an Heldentum Vishnu.
8.70 brahmahatyāsurāpānasteyagurvaṅganāgamāt |
sadyo nirdoṣamāyāti mantrasyāsya prasādataḥ || 8-70 ||
Von Brahmanentötung, Weintrinken, Diebstahl und Verkehr mit der Frau des Gurus werde er durch die Gunst dieses Mantras unmittelbar frei von Schuld.
8.71 evaṃ saṃkṣepato vakṣye nāsti mantrasamo'dhunā |
saure ca gāṇapatye ca cāndre vaiṣṇava eva ca || 8-71 ||
So will ich es kurz sagen: Gegenwärtig gibt es kein diesem Mantra gleiches, weder in der Sonnen- noch in der Ganesha-, Mond- oder Vishnu-Tradition.
8.72 nānyad vistarato vaktuṃ śakyate parameśvari |
vaktraiḥ koṭisahasraistajjihvākoṭiśatairapi || 8-72 ||
Weiter lässt es sich nicht erschöpfend beschreiben, höchste Herrin, selbst nicht mit tausend Koti Mündern und hundert Koti Zungen.
8.73 nijamuddhṛtya deveśi āgaskaraṃ dvitīyakam |
vāṇīṃ caiva maheśāni varṇatrayamudāhṛtam || 8-73 ||
Man gewinne zuerst die eigene Keimsilbe, Herrin der Götter, als Zweites den »Vergehenbewirker« und dann Vani. So werden die drei Laute genannt. [Die Namen dienen der verschlüsselten Lautangabe.]
8.74 anena mantrarājena sadṛśaṃ nāparaṃ priye |
tava snehād varārohe prakāśamupapāditam || 8-74 ||
Diesem König der Mantras gleicht kein anderer, Geliebte. Aus Liebe zu dir habe ich ihn offengelegt, du Schöne.
8.75 na vaktavyaṃ na vaktavyaṃ na vaktavyaṃ maheśvari |
tava snehena kathitaṃ prāṇavaddhi sureśvari || 8-75 ||
Er darf nicht gesagt werden, darf nicht gesagt werden, darf nicht gesagt werden, große Herrin! Aus Liebe zu dir wurde er mitgeteilt; halte ihn so kostbar wie das Leben, Götterherrin.
8.76 kumārīpūjanenaiva dakṣiṇāvidhiruttamā |
kathitā devi bhadraṃ te aprakāśyaṃ prakāśitam || 8-76 ||
Mit der Kumari-Verehrung ist dir auch die vorzügliche Ordnung des Opferlohns erklärt, Göttin; Heil sei dir! Das nicht zu Offenbarende wurde offenbart.
8.77 pūjāvidhirayaṃ proktaḥ kutra vā pūjyate śivā |
kutra vā dhyāyate devī taṃ śṛṇuṣva maheśvari || 8-77 ||
Die Verehrungsordnung ist erklärt. Wo die Gütige verehrt und wo über die Göttin meditiert wird, das höre nun, große Herrin.
8.78 kāmarūpe pūrṇagirau koṅkaṭe coḍḍīyānake |
vārāṇasyāṃ tu lauhitye karatoyānadījale || 8-78 ||
In Kamarupa, Purnagiri, Konk(a)ta, Uddiyana, Varanasi, am Lauhitya und im Wasser des Karatoya-Flusses —
8.79 āryāvarte prayāge ca brahmāvarte tathaiva ca |
anantaphaladā pūjā sarvatraiva jale sthale || 8-79 ||
— in Aryavarta, Prayaga und Brahmavarta bringt die Verehrung unendliche Frucht, überall im Wasser und auf dem Land.
8.80 tadabhāve śunyagehe sindūrādivilepite |
kartriśūladhanuḥkhaḍga-ghaṇṭācāmarakādibhiḥ || 8-80 ||
Sind diese Orte nicht erreichbar, diene ein leeres Haus, mit Zinnober und Ähnlichem bestrichen und mit Scherenmesser, Dreizack, Bogen, Schwert, Glocke, Yakschweifwedel und anderem ausgestattet.
8.81 vitānadhvajasaṃkīrṇe kṛṣṇāgurusudhūpite |
sudatīnāṃ sukeśīnāṃ veśyānāṃ gānaśobhite || 8-81 ||
Es sei reich an Baldachinen und Fahnen, mit schwarzem Aloeholz durchräuchert und verschönt durch den Gesang schönzähniger, schönhaariger Kurtisanen.
8.82 ghaṇṭānādaravākīrṇe dīpāvalīpariṣkṛte |
evaṃ bhūtagṛhe pūjyā tārā caiva suśobhanā || 8-82 ||
Es sei erfüllt von Glockenklang und mit Lampenreihen geschmückt. In einem solchen Haus soll die herrliche Tara verehrt werden.
8.83 śmaśāne ca sadā pūjyā pīṭhādapyadhikā matā |
tāriṇyāstu śmaśānāt tu nānyat sthānaṃ praśasyate || 8-83 ||
Stets soll sie auch am Verbrennungsplatz verehrt werden; dieser gilt als höher als ein heiliger Sitz. Für Tarini wird kein anderer Ort mehr gepriesen als der Verbrennungsplatz.
8.84 tasmāc śmaśāne pūjā ca kartavyā bhūtilipsubhiḥ |
gāyatrī yā purā proktā brahmajñānasvarūpiṇī || 8-84 ||
Darum sollen diejenigen, die Wohlergehen wünschen, dort verehren. Die zuvor genannte Gayatri verkörpert die Brahman-Erkenntnis.
8.85 śrīkṛṣṇaśca ṛṣistasyā gāyatrī cchanda ucyate |
śivaśaktisvarūpā hi devatā parikīrtitā || 8-85 ||
Ihr Seher ist Shri Krishna, ihr Versmaß heißt Gayatri, und als Gottheit wird die Einheit von Shiva und Shakti genannt.
8.86 ataḥ paraṃ pravakṣyāmi yenāśu phalamāpnuyāt |
brāhme muhūrte utthāya tāmbūlapūritānanaḥ || 8-86 ||
Nun erkläre ich, wodurch man rasch die Frucht erlangt. Man stehe zur Brahma-Stunde auf, den Mund mit Betel gefüllt.
8.87 khaḍgahastaḥ suvāḍhyāṃ tu dadyād māṃsānvitaṃ balim |
pūjayitvā yathānyāyaṃ tata ānīya sundarīm || 8-87 ||
Mit dem Schwert in der Hand bringe man an einem reichen beziehungsweise geeigneten Ort eine fleischhaltige Opfergabe dar [die Ortsangabe ist unklar]. Nach ordnungsgemäßer Verehrung führe man eine schöne Frau herbei.
8.88 kāminīṃ yauvanonmattāṃ suveśāṃ cāruhāsinīm |
kulajāṃ yuvatīṃ vīkṣya namaskuryāt samāhitaḥ || 8-88 ||
Eine begehrende Frau, erfüllt von jugendlicher Lebenskraft, schön gekleidet und mit lieblichem Lächeln: Beim Anblick einer jungen Kula-Frau verneige man sich gesammelt.
8.89 yadi bhāgyavaśenaiva kuladṛṣṭiḥ prajāyate |
tadaiva mānasīṃ pūjāṃ tatra tāsāṃ prakalpayet || 8-89 ||
Ergibt sich durch glückliche Fügung der Anblick des Kula, dann vollziehe man sogleich dort ihre geistige Verehrung.
8.90 striyo devāḥ striyaḥ prāṇāḥ striya eva vibhūṣaṇam |
strīmelanaṃ sadā kuryāt sundarībhirviśeṣataḥ || 8-90 ||
Frauen sind Gottheiten, Frauen sind Lebenskräfte, Frauen allein sind Schmuck. Stets suche man die Gemeinschaft mit Frauen, besonders mit schönen.
8.91 tāsāṃ prahāro nindā ca kauṭilyamapriyaṃ tataḥ |
sarvathā naiva kartavyamanyathā siddhirodhakṛt || 8-91 ||
Schläge, Schmähung, Falschheit und verletzendes Verhalten gegen sie sind unter allen Umständen zu unterlassen; andernfalls hemmen sie die Vollendung.
8.92 taddhastāracitaṃ bhojyaṃ daivatāyai nivedayet |
prātaḥkṛtyaṃ tataḥ kṛtvā snātvā ciraṃ yathāvidhi || 8-92 ||
Von ihren Händen zubereitete Speise bringe man der Gottheit dar. Danach vollziehe man die Morgenpflichten und bade ausführlich nach Vorschrift.
8.93 prayogeṇa samāgamya kapālāntaḥsthale viśet |
dikkālaniyamo nāsti sthityādiniyamo naca || 8-93 ||
Zur Anwendung herantretend, betrete man den inneren Schädelraum [die Bezeichnung des Ritualortes ist nicht eindeutig]. Es gibt keine Vorschrift für Richtung, Zeit oder Körperhaltung.
8.94 na jape kālaniyamo nārcanādibaliṣvapi |
svecchāniyama ukto'tra mahāmantrasya sādhane || 8-94 ||
Weder bei der Wiederholung noch bei Verehrung und Opfergaben gilt eine Zeitregel. Als Regel der Übung dieses großen Mantras wird die freie Entscheidung genannt.
8.95 pūjayed vividhaiḥ puṣpaistulasīvarjitaiḥ śubhaiḥ |
evaṃ saṃpūjya vidhivat sañjapet parameśvarīm || 8-95 ||
Man verehre mit verschiedenartigen schönen Blumen, ausgenommen Tulasi. Nach dieser vorschriftsgemäßen Verehrung rezitiere man die höchste Herrin in ihrem Mantra.
8.96 niśāyāṃ pūjayed devīṃ japecca prayato naraḥ |
sindūrabhūṣaṇo nityaṃ tathā caiva digambaraḥ || 8-96 ||
Nachts verehre man die Göttin und rezitiere gesammelt. Man sei stets mit Zinnober geschmückt und unbekleidet.
8.97 nārīṃ digambarīṃ kṛtvā viparītarato bhavet |
abhighātaṃ cumbanaṃ ca kuryāt svābhīṣṭasiddhaye || 8-97 ||
Auch die Frau sei unbekleidet; man vereinige sich in umgekehrter Stellung. Zur Erfüllung des eigenen Wunsches vollziehe man die Bewegung und das Küssen.
8.98 nirlajjākāmabāṇena ghṛṣṭaṃ syāt mandiraṃ dhanuḥ |
tasmin kāle sādhakendro japet saṃśuddhamānasaḥ || 8-98 ||
Durch den schamlosen Pfeil des Verlangens werde der bogenförmige Tempel berührt. Zu dieser Zeit rezitiere der führende Übende mit geläutertem Geist. [Der Vers verwendet sexuelle Bildsprache.]
8.99 saṃbhogaṃ ca svayaṃ kurvañjapet sārasvatapradām |
tasmād bhāvyā maheśāni kathitā devadurlabhā || 8-99 ||
Während er selbst die Liebesvereinigung vollzieht, rezitiere er die Spenderin der Sarasvati-Gaben. Darum ist sie zu vergegenwärtigen, große Herrin; selbst für Götter gilt sie als schwer erreichbar.
8.100 yasyāḥ prasādamāsādya kalayāmi jagat trayam |
śivaśaktyātmikā devī aniruddhasarasvatī |
yāṃ jñātvā muktimāpnoti kimanyat kathayāmi te || 8-100 ||
Durch ihre Gnade gestalte ich die drei Welten. Die Göttin Aniruddha-Sarasvati ist ihrem Wesen nach Shiva und Shakti. Wer sie erkennt, erlangt Befreiung; was sonst soll ich dir erklären?
8.101 (śrīdevyuvāca |)
idānīṃ(śṛṇu?deva)kasyāsti ghore kaliyuge śubhe |
prādhānyaṃ parameśāna tadvadasva sadāśiva || 8-101 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Wer besitzt jetzt im schrecklichen Kali-Zeitalter den Vorrang, höchster Herr? Sage es mir, Sadashiva. [Der Versanfang ist unsicher überliefert.]
8.102 śrībhairava uvāca |
kalināmni yuge devi pradhānāṃ tāriṇīṃ śubhām |
kālīṃ caiva maheśāni aniruddhasarasvatīm || 8-102 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Im Zeitalter namens Kali sind die heilvolle Tarini, Kali und Aniruddha-Sarasvati die vorzüglichen Gottheiten, große Herrin.
8.103 śmaśānakālikāyāstu prādhānyaṃ śṛṇu bhairavi |
sarvasiddheḥ kāraṇaṃ hi aniruddhasarasvatī || 8-103 ||
Höre vom Vorrang Shmashana-Kalikas, Bhairavi. Aniruddha-Sarasvati ist die Ursache aller Vollendung.
8.104 tasyā mantreṇa mantrī syāt sarvasiddhiphalapradaḥ |
tārāmantraṃ pūrvamuktaṃ kālīmantraṃ śṛṇuṣva me || 8-104 ||
Durch ihr Mantra erlange der Mantrakundige die Frucht aller Vollkommenheiten. Das Tara-Mantra wurde zuvor genannt; höre jetzt von mir das Kali-Mantra.
8.105 māyādvandvaṃ kūrcayugmaṃ nijabījatrayaṃ tathā [trayaṃ trayam kha pāṭhaḥ
|] |
dakṣiṇe kālike ceti saṃhārakramataḥ śubhe || 8-105 ||
Zweimal Maya, zweimal Kurca und dreimal die eigene Keimsilbe [Variante: jeweils dreimal], dann »Dakshine Kalike«; anschließend in der Auflösungsfolge, du Gütige —
8.106 pūrvabījāni coddhṛtya svāhānto'yaṃ manuḥ smṛtaḥ |
vidyārājñīti vikhyātā mantraśca kalpapādapaḥ || 8-106 ||
— die vorherigen Keimsilben in umgekehrter Ordnung, mit »Svaha« am Ende: So wird das Mantra überliefert. Als Königin der Vidyas ist es bekannt und gleicht einem Wunschbaum.
8.107 asmāt parataraṃ nāsti kālīmantraṃ manoramam |
tasmāt sarvaprayatnena mantrarājaṃ śṛṇuṣva me || 8-107 ||
Nichts steht über diesem schönen Kali-Mantra. Darum höre mit aller Aufmerksamkeit von mir den König der Mantras.
8.108 mantrasya jñānamātreṇa jīvanmuktaśca sādhakaḥ |
eṣā vidyā(rahasyā tu) pūjane japane tathā || 8-108 ||
Schon durch Kenntnis des Mantras wird der Übende zu Lebzeiten befreit. Diese geheime Vidya [ist anzuwenden] bei Verehrung und Wiederholung —
8.109 dhyānaṃ tathā kulācāre sarvavidyāgameṣu ca |
uccāṭanaṃ māraṇaṃ ca vaśīkaraṇamuttamam || 8-109 ||
— bei Meditation, Kula-Praxis und in allen Vidya-Lehren, für Vertreibung, Tötung und höchste Bezwingung —
8.110 ākarṣaṇaṃ stambhanaṃ ca vidveṣaṇamataḥ param |
anayā sādhayed devi siddhyatyeva na saṃśayaḥ || 8-110 ||
— für Heranziehung, Stillstellung und Erzeugung von Feindschaft. Mit ihr vollziehe man diese Anwendungen, Göttin; sie gelingen gewiss, daran besteht kein Zweifel.
8.111 pūjāṃ ca vividhāṃ kuryāt svaśākhoktakrameṇa ca |
raktapuṣpaiḥ pūjayitvā sahasraṃ homayedatha || 8-111 ||
Man vollziehe vielfältige Verehrung nach der Ordnung der eigenen Überlieferung. Nach Verehrung mit roten Blumen bringe man tausend Feueropfer dar.
8.112 sā tu kāmamayī nārī nirlajjā kāmamohitā |
svayaṃ(sāntyāṣya?santyajya)bhartāraṃ sādhakaṃ gacchati dhruvam || 8-112 ||
Jene Frau werde dann ganz von Verlangen erfüllt, schamlos und liebesverwirrt; sie verlasse von selbst ihren Mann und komme gewiss zum Übenden.
8.113 ayutaṃ ca japed devi dhyātvā devīṃ digambarīm |
sthāvarā jaṅgamāścaiva pātālatalagā api || 8-113 ||
Man rezitiere zehntausendmal und meditiere über die unbekleidete Göttin. Unbewegte und bewegte Wesen, auch solche in der Unterwelt —
8.114 ākarṣyati mantrī ca tatkṣaṇād bhuvi saṃsthitāḥ |
japtvā devīṃ śmaśāne ca dhyātvā devīṃ digambarīm || 8-114 ||
— ziehe der Mantrakundige augenblicklich heran, soweit sie auf Erden bestehen. Am Verbrennungsplatz rezitiere man die Göttin und meditiere über sie als Unbekleidete.
8.115 tadbhasmalepanaṃ kuryāt tataḥ saṃharate jagat |
śvetāparājitāpuṣpaiḥ pujayed bhaktibhāvataḥ || 8-115 ||
Man bestreiche sich mit dessen Asche; dann könne man die Welt auflösen. Mit weißen Aparajita-Blumen verehre man hingebungsvoll.
8.116 hutvāyutaṃ śmaśāne'pi viśvamuccāṭayed dhruvam |
nārīṃ nagnāṃ śmaśāne ca spṛṣṭvā ca yonimaṇḍalam || 8-116 ||
Nach zehntausend Feueropfern am Verbrennungsplatz könne man gewiss die ganze Welt vertreiben. Dort berühre man den Yoni-Kreis einer unbekleideten Frau —
8.117 japitvā ca vaśīkuryād yadi sā na palāyate |
kṛṣṇapuṣpaiḥ pūjayitvā dhyātvā caiva digambarīm || 8-117 ||
— und bewirke durch Rezitation die Bezwingung, sofern sie nicht flieht. Mit schwarzen Blumen verehre man die Göttin und meditiere über sie als Unbekleidete.
8.118 japtvāyutaṃ śmaśānasthaḥ śatrūṇāṃ māraṇaṃ caret |
kālīkalpasvarūpaṃ ca kathitaṃ sundari priye || 8-118 ||
Nach zehntausend Wiederholungen am Verbrennungsplatz vollziehe man die Tötung der Feinde. So ist dir die Gestalt des Kali-Rituals erklärt, schöne Geliebte.
8.119 gopane sarvasiddhiḥ syād nātra kāryā vicāraṇā |
yathā kālī tathā nīlā cāniruddhasarasvatī || 8-119 ||
Wird es geheim gehalten, entsteht jede Vollendung; darüber soll kein Zweifel bestehen. Wie Kali, so sind Nila und Aniruddha-Sarasvati.
8.120 tasmācca kathitā vidyā kālī kālī(kalau yuge) |
rahasyaṃ śṛṇu cārvaṅgi kuṇḍalyāścakranirṇaye || 8-120 ||
Darum wird die Vidya als Kali, Kali im Kali-Zeitalter bezeichnet. Höre ein Geheimnis über die Bestimmung der Kundali-Chakras, du Schöngegliederte.
8.121 āsanaṃ jīvanasyedamamṛtaṃ deharakṣakam |
nirguṇaṃ śāmbhavaṃ cakraṃ trividhaṃ śṛṇu pārvati || 8-121 ||
Dies ist der Sitz des Lebens, der Nektar, der den Leib schützt. Höre vom dreifachen, eigenschaftslosen Shambhava-Kreis, Parvati.
8.122 yena vijñānamātreṇa dhruvaṃ jyotirmayo bhavet |
iḍāpiṅgalayormadhye varṇāśca jyotīrūpiṇaḥ || 8-122 ||
Schon durch dessen Erkenntnis wird man gewiss lichtförmig. Zwischen Ida und Pingala befinden sich die Buchstaben in Lichtgestalt.
8.123 jyotīrūpāṇi cakrāṇi jyotīrūpā ca kuṇḍalī |
candrataḥ sūryaparyantaṃ cakrāṇyatra caturdaśa || 8-123 ||
Die Chakras sind lichtförmig, und auch Kundali ist lichtförmig. Vom Mond bis zur Sonne befinden sich hier vierzehn Chakras.
8.124 atrāsti kuṇḍalīśaktirbījarūpā nirākṛtiḥ |
pareyaṃ kuṇḍalīśaktiścandramaṇḍalavartinī || 8-124 ||
Darin befindet sich die Kundali-Shakti als Keim, ohne Gestalt. Diese höchste Kundali-Shakti weilt im Mondkreis.
8.125 imaṃ bhedaṃ maheśāni yo jānāti sa yogavit |
dalaṃ kośaṃ tathā varṇaṃ tathaiva cakradevatāḥ || 8-125 ||
Wer diesen Unterschied kennt, große Herrin, ist ein Yogakundiger. Blätter, Hülle, Buchstaben und die Gottheiten der Chakras —
8.126 tathaiva pūrvavajjñeyaṃ sarvacakreṣvayaṃ vidhiḥ |
candrato brahmarandhrāntaṃ cakrāṇyatra caturdaśa || 8-126 ||
— sind ebenso wie zuvor zu verstehen; diese Ordnung gilt für alle Chakras. Vom Mond bis zur Brahman-Öffnung befinden sich hier vierzehn Chakras.
8.127 parāpareti vikhyātā kuṇḍalī jīvasaṃjñakā |
sūryato brahmarandhrāntaṃ cakrāṇyatra caturdaśa || 8-127 ||
Die als Jiva bezeichnete Kundali heißt die Höchste und Nichthöchste. Von der Sonne bis zur Brahman-Öffnung befinden sich vierzehn Chakras.
8.128 parameṣṭhī samākhyātā sūryamaṇḍalavartinī |
narākārasvarūpeyaṃ parajyotiḥsvarūpiṇī || 8-128 ||
Sie heißt Parameshthi und weilt im Sonnenkreis. Ihre Erscheinung ist menschengestaltig, ihr Wesen das höchste Licht.
8.129 golakāntarga(to?tā)devī jyotirbindusamāśritā |
atrāsti golakaṃ cakraṃ goloka iva dṛśyate || 8-129 ||
Die Göttin befindet sich innerhalb der Kugel und ruht im Lichtpunkt. Hier liegt das kugelförmige Chakra, das wie Goloka erscheint.
8.130 iyaṃ nārāyaṇī kālī tārā śūnyanivāsinī |
sundarī raktakālī ca mahiṣamardinī tathā || 8-130 ||
Sie ist Narayani, Kali, Tara, die Bewohnerin der Leere, Sundari, Raktakali und die Bezwingerin des Büffeldämons.
8.131 mana(saḥ?sā)kalpi(to?tā)mūrtistejorūpā'parā ca sā |
paramātmaiva rāmo'yaṃ mahāviṣṇurmahāśivaḥ || 8-131 ||
Ihre Gestalt ist im Geist gebildet; sie ist lichtförmig und auch die niedere [Erscheinung]. Das höchste Selbst ist Rama, Mahavishnu und Mahashiva.
8.132 nirañjanasvarūpo'yaṃ kṛṣṇarūpā ca tāriṇī |
ātmaprakāśinī nityā nityānandasvarūpiṇī || 8-132 ||
Es ist seinem Wesen nach makellos; Tarini trägt auch Krishnas Gestalt. Sie ist selbstleuchtend, ewig und von der Gestalt ewiger Wonne.
8.133 tasyā mantrāṇi subhage mama mantrāṇi yāni tu |
pūrvāmnāyavidhānena śīghrakāmaphalapradā || 8-133 ||
Ihre Mantras, du Glückliche, und meine Mantras verleihen nach der Ordnung der östlichen Überlieferung rasch die gewünschte Frucht.
8.134 nānāpāpaharā devī vīrastadgatamānasaḥ |
tattvabhāvaṃ samāsādya phalatattvaṃ labhennaraḥ || 8-134 ||
Die Göttin tilgt vielfältige Sünden. Der Held, dessen Geist auf sie gerichtet ist, erreiche die Vergegenwärtigung der Wirklichkeit und erlange die wahre Frucht.
8.135 tava mantrāṇi deveśi sarvārthadāyakāni ca |
yathā svayaṃbhuvā devāścatvāraḥ parikīrtitāḥ || 8-135 ||
Deine Mantras, Herrin der Götter, verleihen alle Ziele. Wie vom Selbstentstandenen vier Gottheiten genannt werden —
8.136 jñātavyāśca prasiddhāśca pāramparyopadeśataḥ |
paryāyato'pi vijñeyāḥ śrutivāṅmayabhedataḥ || 8-136 ||
— die durch die Unterweisung in der Überlieferung zu kennen und bekannt sind, auch gemäß ihren verschiedenen Bezeichnungen und den Unterschieden der Offenbarungssprache —
8.137 tathā tvayi mayā proktāḥ ṣaḍāmnāyāśca sannidhau |
sa cāmnāyaḥ śrutirjñeyaḥ śrutiśca veda ucyate || 8-137 ||
— ebenso habe ich dir in deiner Gegenwart die sechs Überlieferungsrichtungen erklärt. Eine solche Überlieferung gilt als Shruti, und Shruti heißt Veda.
8.138 atastvayāpi girije gopanīyaḥ svayonivat |
ata ūrdhvaṃ tu subhage rahasyaṃ paramaṃ śṛṇu || 8-138 ||
Darum musst auch du sie wie deinen eigenen Schoß verborgen halten, Tochter des Berges. Höre nun, du Glückliche, das höchste Geheimnis.
8.139 mahāmantrī yadā devi sādhako daivayogataḥ |
tatra kasya japaṃ kuryāt pūjanādikameva ca || 8-139 ||
Wenn ein Übender durch göttliche Fügung ein großer Mantrakundiger wird, Göttin, welches Mantra soll er dann wiederholen und welche Verehrung vollziehen?
8.140 sarvadevanamaskāraṃ nityaṃ kuryāt prayatnataḥ |
japādikaṃ tu tasyaiva yatra śaṅkābhijāyate || 8-140 ||
Allen Gottheiten soll er täglich sorgsam Verehrung erweisen. Wiederholung und weitere Praxis betreffen aber gerade jenes [Mantra], bei dem ein Zweifel entsteht.
8.141 gurorgṛhītamantrasya prajapatyapi sādhakaḥ |
bhraṣṭācāraṃ pramādādvā ālasyādvāpi sundari || 8-141 ||
Auch wenn der Übende das vom Guru empfangene Mantra wiederholt, kann er aus Unachtsamkeit oder Trägheit von der rechten Lebensführung abweichen, Schöne.
8.142 śaṅkarasya gṛhītasya kathitaṃ yatra kutracit |
hīnavīryamavāpnoti mantrādiśca varānane || 8-142 ||
Wird das von Shankara Empfangene irgendwo weitererzählt, dann verlieren Mantra und andere [Mittel] ihre Kraft, du mit schönem Antlitz. [Die Satzfügung ist unsicher.]
8.143 ityādidoṣanāśārthaṃ vidhānaṃ śṛṇu sāṃpratam |
prathamaṃ jananaṃ nāma jīvanaṃ tu dvitīyakam || 8-143 ||
Höre nun die Ordnung zur Beseitigung solcher Fehler. Die erste Weihe heißt Geburt, die zweite Belebung.
8.144 tṛtīyaṃ tāḍanaṃ devi caturthaṃ bodhanaṃ tathā |
pañcamaṃ tvabhiṣekastu vimalīkaraṇaṃ tathā || 8-144 ||
Die dritte heißt Anschlagen, die vierte Erweckung, Göttin; die fünfte Begießung, die sechste Läuterung.
8.145 āpyāyanaṃ saptamaṃ tu aṣṭamaṃ tarpaṇaṃ smṛtam |
navamaṃ dīpanaṃ proktaṃ daśamaṃ gopanaṃ matam || 8-145 ||
Die siebte heißt Kräftigung, die achte Sättigung, die neunte Entzündung und die zehnte Geheimhaltung.
8.146 mantrāṇāṃ mātṛkāyantrāduddhāro jananaṃ smṛtam |
praṇavāntaritān kṛtvā mantravarṇān japet sudhīḥ || 8-146 ||
Das Gewinnen der Mantras aus dem Matrika-Yantra heißt Geburt. Der Kundige füge zwischen die Mantrabuchstaben den Pranava ein und wiederhole sie.
8.147 svaravyañjanabhedena jīvanaṃ tadudāhṛtam |
mantravarṇān samālikhya tāḍayeccandanāmbhasā || 8-147 ||
Dies, nach Vokalen und Konsonanten unterschieden, heißt Belebung. Man schreibe die Mantrabuchstaben und schlage sie mit Sandelwasser an.
8.148 pratyekaṃ vāyubījena tāḍanaṃ nāma(taḥ?tat) śṛṇu |
mantraṃ vilikhya vidhivat prasūnaiḥ karavīrajaiḥ || 8-148 ||
Jeden einzeln mit der Wind-Keimsilbe: Dies heißt Anschlagen, höre. Man schreibe das Mantra vorschriftsgemäß und nehme Oleanderblüten.
8.149 tanmantrākṣarasaṃkhyātairhanyādrepheṇa bodhanam |
svatantroktavidhānena tadā mantrārṇasaṃkhyayā || 8-149 ||
Mit so vielen Blüten, wie das Mantra Buchstaben hat, schlage man es unter Verwendung von Ra an: Das ist Erweckung. Nach der Vorschrift des eigenen Tantra und entsprechend der Buchstabenzahl —
8.150 aśvatthapallavairmantramabhiṣiñced viśuddhaye |
saṃcintya manasā mantraṃ jyotirmantreṇa nirdahet || 8-150 ||
— besprenge man das Mantra mit Ashvattha-Sprossen zur Reinigung. Man vergegenwärtige es geistig und verbrenne mit dem Lichtmantra —
8.151 mantre malatrayaṃ devi vimalīkaraṇātmakam |
tāraṃ vyomāgnimanuyuk daṇḍī jyotirmanurmataḥ || 8-151 ||
— die drei Unreinheiten im Mantra, Göttin: Das ist die Läuterung. Tara, der mit Raum und Feuer verbundene Laut und Dandin bilden das sogenannte Lichtmantra.
8.152 kuśodakena japtena pratyarṇaṃ prokṣayed manoḥ |
tena mantreṇa vidhivadetadāpyāyanaṃ matam || 8-152 ||
Mit besprochenem Kusha-Wasser besprenge man jeden Buchstaben des Mantras vorschriftsgemäß unter Verwendung eben dieses Mantras: Das gilt als Kräftigung.
8.153 manunā vāriṇā pātre tarpaṇaṃ tarpaṇaṃ bhavet |
tāramāyāramāyogād manordīpanamucyate || 8-153 ||
Die Wasserspende mit dem Mantra in einem Gefäß heißt Sättigung. Die Verbindung mit Tara, Maya und Rama heißt Entzündung des Mantras.
8.154 japyamānasya mantrasya gopanaṃ cāprakāśanam |
ete ca daśa saṃskārāḥ sarvatantreṣu gopitāḥ || 8-154 ||
Das rezitierte Mantra nicht offenzulegen heißt Geheimhaltung. Diese zehn Weihen werden in allen Tantras geheim gehalten.
8.155 etān kṛtvā japed mantraṃ sadā parahitaṃ priye |
nirguṇaṃ yat paraṃ brahma jyotīrūpaṃ nirākṛti || 8-155 ||
Nachdem man sie vollzogen hat, wiederhole man das Mantra stets zum Wohl anderer, Geliebte. Das höchste Brahman ist eigenschaftslos, lichtförmig und ohne Gestalt.
8.156 sākāraṃ yadi jāyeta sarvadeheṣu devatā |
rūpatrayaṃ sadā bhūtvā dehināṃ dehabhedataḥ || 8-156 ||
Wenn es Gestalt annimmt, ist es als Gottheit in allen Leibern gegenwärtig; entsprechend den verschiedenen Leibern der Verkörperten nimmt es stets drei Formen an.
8.157 bhagākāraṃ ca yad brahma liṅgākārasvarūpataḥ |
kecit sevanti subhage liṅgākārasya sarvadā || 8-157 ||
Brahman hat die Gestalt des weiblichen Schoßes und auch die Gestalt des Linga. Manche verehren beständig die Linga-Gestalt, du Glückliche.
8.158 bhagākāraṃ ca sevante vividhā jñāninaḥ sadā |
strījātirūpā sarvatra sarvadeheṣu jānatā || 8-158 ||
Verschiedene Wissende verehren stets die Schoßgestalt. Wer erkennt, sieht die weibliche Gestalt überall und in allen Körpern —
8.159 (yā?sā) śaktirūpā vijñeyā puruṣaḥ śivarūpadhṛk |
tatra teṣāṃ viśeṣārthaṃ naradehe varānane || 8-159 ||
— als Shakti-Gestalt; der Mann trägt Shivas Gestalt. Um ihre besondere Bedeutung im menschlichen Leib zu erkennen, du mit schönem Antlitz —
8.160 śaktiḥ śivaśca vijñeyo mama saṃketamuttamam |
bhagaṃ kuṇḍaṃ ca subhage sruvaṃ liṅgaṃ prakīrtitam || 8-160 ||
— soll man Shakti und Shiva verstehen: Dies ist mein höchstes Sinnbild. Der Schoß heißt Opfergrube, das Linga Opferlöffel, du Glückliche.
8.161 ṛturagniśca subhage gartamadhye ca kṣepaṇam |
ājyarūpaṃ mataṃ śukraṃ mano hotā prakīrtitaḥ || 8-161 ||
Die fruchtbare Zeit ist das Feuer; das Einbringen geschieht in die Mitte der Grube. Der Samen gilt als Ghee, der Geist wird als Opferpriester bezeichnet.
8.162 phalarūpaṃ ca tatraiva nānāsaṃsārakāmanāḥ |
vijñāya caivaṃ yo mantrī manuśca pīṭhabrahmavat || 8-162 ||
Als Frucht stehen dort die verschiedenen Wünsche des weltlichen Daseins. Der Mantrakundige erkenne es so, und das Mantra wie Brahman am heiligen Sitz. [Die zweite Halbzeile ist syntaktisch unsicher.]
8.163 nityaṃ ca homayed devi tasya rūpamanantakam |
yaṃ yaṃ kāmādikaṃ devi manasā cintya kārayet || 8-163 ||
Er opfere beständig, Göttin; dessen Gestalt ist unendlich. Welchen Wunsch er auch im Geist vergegenwärtigt und zur Ausführung bringt —
8.164 na doṣaguṇavijñeyo (yaṃ yaṃ?taṃ taṃ) kāmamavāpnuyāt |
yathoktadevatāyāśca yathoktaphalamaśnute || 8-164 ||
— ohne ihn als Fehler oder Verdienst zu unterscheiden, diesen Wunsch erlange er. Er genieße die für die jeweilige Gottheit genannte Frucht.
8.165 āyurlakṣmīṃ yaśo devi kīrtiṃ ca mokṣamāpnuyāt |
gopanīyaṃ prayatnena na deyaṃ yasya kasyacit || 8-165 ||
Er erlange Lebensdauer, Wohlstand, Ansehen, Ruhm und Befreiung, Göttin. Dies ist sorgfältig geheim zu halten und nicht jedem Beliebigen zu geben.
8.166 gopyā gopyā punargopyā jananījāragarbhavat |
iti te kathitaṃ samyak saṃskārakramamuttamam || 8-166 ||
Es ist geheim, geheim und nochmals geheim zu halten wie die Schwangerschaft der Mutter von einem Liebhaber. So habe ich dir die vorzügliche Folge der Weihen vollständig erklärt.
8.167 idānīṃ śāmbhavaṃ cakraṃ trividhaṃ śṛṇu pārvati |
yena vijñānamātreṇa dhruvaṃ jyotirmayo bhavet || 8-167 ||
Höre jetzt vom dreifachen Shambhava-Kreis, Parvati; schon durch seine Erkenntnis wird man gewiss lichtförmig.
8.168 iḍāpiṅgalayormadhye varṇāśca jyotīrūpiṇaḥ |
jyotīrūpāṇi cakrāṇi jyotīrūpā ca kuṇḍalī || 8-168 ||
Zwischen Ida und Pingala befinden sich die Buchstaben in Lichtgestalt. Die Chakras sind lichtförmig, und auch Kundali ist lichtförmig.
8.169 candrataḥ sūryaparyantaṃ cakrāṇyatra caturdaśa |
tatrāsti kuṇḍalīśaktirbījarūpā nirākṛtiḥ || 8-169 ||
Vom Mond bis zur Sonne befinden sich hier vierzehn Chakras. Dort ist die Kundali-Shakti keimförmig und gestaltlos.
8.170 pāreyaṃ kuṇḍalīśaktiścandramaṇḍalavartinī |
imaṃ bhedaṃ maheśāni yo jānāti sa yogavit || 8-170 ||
Diese höchste Kundali-Shakti weilt im Mondkreis. Wer diesen Unterschied kennt, große Herrin, ist ein Yogakundiger.
8.171 dalaṃ koṣaṃ tathā varṇaṃ tathaiva ca(ndra?kra)devatāḥ |
tathaiva pūrvavajjñeyaḥ sarvacakreṣvayaṃ vidhiḥ || 8-171 ||
Blätter, Hülle, Buchstaben und die Gottheiten der Chakras sind ebenso wie zuvor zu verstehen; diese Ordnung gilt für alle Chakras.
8.172 candrato brahmarandhrāntaṃ cakrāṇyatra caturdaśa |
parāpareti vikhyātā kuṇḍalī jīvasaṃjñakā || 8-172 ||
Vom Mond bis zur Brahman-Öffnung befinden sich vierzehn Chakras. Die als Jiva bezeichnete Kundali heißt die Höchste und Nichthöchste.
8.173 sūryato brahmarandhrāntaṃ cakrāṇyatra caturdaśa |
parameṣṭhī samākhyātā sūryamaṇḍalavartinī || 8-173 ||
Von der Sonne bis zur Brahman-Öffnung befinden sich vierzehn Chakras. Sie heißt Parameshthi und weilt im Sonnenkreis.
8.174 narākārasvarūpeyaṃ parajyotiḥsvarūpiṇī |
golakāntargatā devī jyotirbindusamāśritā || 8-174 ||
Sie ist von menschlicher Gestalt und ihrem Wesen nach höchstes Licht. Die Göttin befindet sich in der Kugel und ruht im Lichtpunkt.
8.175 atrāsti golakaṃ cakraṃ goloka iva dṛśyate |
iyaṃ nārāyaṇī kālī tārā syācchūnyavāsinī || 8-175 ||
Hier ist das kugelförmige Chakra, das wie Goloka erscheint. Sie ist Narayani, Kali und Tara, die Bewohnerin der Leere.
8.176 sundarī raktakālīyaṃ bhairavī nādinī tathā |
mana(saḥ?sā)kalpitā mūrtistejorūpā parāparā || 8-176 ||
Sie ist Sundari, Raktakali, Bhairavi und Nadini; ihre im Geist gebildete Gestalt ist lichtförmig, höchste und nichthöchste zugleich.
8.177 paramātmaiva rāmo'yaṃ mahāviṣṇurmahāśivaḥ |
nirañjanasvarūpo'yaṃ kṛṣṇarūpā ca tāriṇī || 8-177 ||
Das höchste Selbst ist Rama, Mahavishnu und Mahashiva. Es ist makellos; Tarini ist auch von Krishnas Gestalt.
8.178 ātmaprakāśinī devī nityānandasvarūpiṇī |
iti te kathitaṃ devi rahasyaṃ paramādbhutam || 8-178 ||
Die Göttin leuchtet aus sich selbst und verkörpert ewige Wonne. So habe ich dir, Göttin, ein höchst wunderbares Geheimnis erklärt.
8.179 asmāt parataraṃ nāsti tantramadhye sureśvari |
idānīṃ śṛṇu deveśi paraṃ brahmasvarūpakam || 8-179 ||
Nichts Höheres gibt es unter den Tantras, Götterherrin. Höre jetzt von der Gestalt des höchsten Brahman.
8.180 prāṇastu parameśāni ātmajñānaṃ śucismite |
yastu prāṇo maheśāni sa jīvaḥ parikīrtitaḥ || 8-180 ||
Prana ist Selbsterkenntnis, höchste Herrin, du rein Lächelnde. Was Prana ist, große Herrin, das wird Jiva genannt.
8.181 pradīpakalikākāro hṛdaye vidyate priye |
paraṃ brahma maheśāni pradīpakalikākṛti || 8-181 ||
In Gestalt einer kleinen Lampenflamme befindet es sich im Herzen, Geliebte. Das höchste Brahman ist von der Gestalt einer kleinen Lampenflamme.
8.182 ātmāntarātmā deveśi sarveṣāṃ hṛdi vartate |
antarātmā paraṃ brahma śarīraṃ vyāpya tiṣṭhati || 8-182 ||
Das Selbst, das innere Selbst, weilt im Herzen aller Wesen, Herrin der Götter. Das innere Selbst, das höchste Brahman, ist gegenwärtig und durchdringt den ganzen Körper.
8.183 dvaye tejo varārohe śaktiṃ prakṛtirūpiṇīm |
prāṇāyāmasya kāle tu dṛṣṭvāścaryaṃ varānane || 8-183 ||
In beiden ist Licht, du Schöne, die Shakti in Gestalt der Prakriti. Während des Pranayama schaute ich ein Wunder, du mit schönem Antlitz.
8.184 yad dṛṣṭaṃ paramaṃ guhyaṃ tanniśāmaya yogini |
ātmā brahmasamo bhūtvā yad dṛṣṭaṃ parameśvari || 8-184 ||
Was ich als höchstes Geheimnis gesehen habe, das höre, Yogini. Als das Selbst Brahman gleich geworden war, wurde es geschaut, höchste Herrin.
8.185 tadakṣaraṃ maheśāni dṛṣṭamānandamadbhutam |
mano mayā maheśāni kṛtvā tatraiva pārvati || 8-185 ||
Das Unvergängliche wurde geschaut, große Herrin, eine wunderbare Wonne. Meinen Geist richtete ich genau dorthin, Parvati.
8.186 sudhārṇave maheśāni magno bhūtvā varānane |
lakṣavarṣaṃ maheśāni nirgataṃ parameśvari || 8-186 ||
In den Nektarozean eingetaucht, du mit schönem Antlitz, verbrachte ich hunderttausend Jahre, höchste Herrin.
8.187 prāṇāyāmakṣaṇe devi lakṣavarṣaṃ gataṃ mama |
yad dṛṣṭaṃ parameśāni nirdiṣṭaṃ tacchṛṇu priye || 8-187 ||
Während eines Augenblicks des Pranayama vergingen mir hunderttausend Jahre, Göttin. Höre die Beschreibung dessen, was ich gesehen habe, Geliebte.
8.188 nātaḥ parataraṃ kiñcid vidyate mama gocare |
paryaṅkaṃ parameśāni āścaryaṃ paramādbhutam || 8-188 ||
Nichts Höheres gibt es in meinem Erfahrungsbereich: ein Lager, höchste Herrin, wunderbar und überaus erstaunlich.
8.189 payaḥphenanibhā śayyā nānāratnavibhūṣitā |
yā śayyā parameśāni sa eva śrīsadāśivaḥ || 8-189 ||
Das Bett war wie Milchschaum und mit vielerlei Edelsteinen geschmückt. Dieses Bett selbst ist der ehrwürdige Sadashiva.
8.190 tatropari maheśāni sūkṣmāṃ tripurasundarīm |
japāyāvakasindūra sadṛśākṛtirūpiṇīm || 8-190 ||
Darauf befand sich die feine Gestalt Tripurasundaris, deren Erscheinung Hibiskus, rotem Lack und Zinnober glich.
8.191 caturbhujāṃ trinetrāṃ ca pañcabāṇadhanurdharām |
varadābhayahastāṃ ca dhāriṇīṃ parameśvarīm || 8-191 ||
Sie hatte vier Arme und drei Augen, trug den Bogen mit fünf Pfeilen und zeigte die Hände der Segensgewährung und Furchtlosigkeit: die höchste Herrin.
8.192 dṛṣṭvānandamayīṃ lolāṃ lakṣavarṣaṃ gataṃ mama |
yadā tu parameśāni mama dṛg gocaraṃ gataḥ || 8-192 ||
Während ich die von Wonne erfüllte, spielerisch bewegte Göttin schaute, vergingen mir hunderttausend Jahre. Als sie in mein Blickfeld getreten war, große Herrin —
8.193 tadaiva sahasā tatra sūkṣmarūpatvamāgataḥ |
dhyānabhaṅge maheśāni tadaiva mama sundari || 8-193 ||
— wurde [die Erscheinung] dort plötzlich ganz fein. Als meine Meditation unterbrochen wurde, große Herrin, du Schöne —
8.194 tatraiva dṛṣṭaṃ brahmāṇḍaṃ brahmādyāstridivaukasaḥ |
śaktiṃ vinā maheśāni nāsti kiñcid mama priye || 8-194 ||
— sah ich dort das Weltenei und die Himmelsbewohner, angefangen bei Brahma. Ohne Shakti gibt es nichts, große Herrin, meine Geliebte.
8.195 śaktirhi brahmaṇo rūpaṃ śaktirūpaṃ varānane |
śaktiṃ vinā maheśāni na kiñcid mama gocare || 8-195 ||
Shakti ist Brahmans Gestalt; es hat Shaktis Gestalt, du mit schönem Antlitz. Ohne Shakti liegt nichts in meinem Wahrnehmungsbereich.
8.196 evaṃ hi kramato devi mātṛkānyāsamuttamam |
kṛtvā nyāsaṃ maheśāni mātṛkā viśvamohinī || 8-196 ||
So vollziehe man der Reihe nach die vorzügliche Matrika-Auflegung. Nach der Auflegung, große Herrin, ist die Matrika die Bezauberin der Welt.
8.197 ataḥ paraṃ maheśāni śrīkaṇṭhanyāsamācaret |
śrīkaṇṭhanyāsamātreṇa śivo'haṃ kamalānane || 8-197 ||
Danach vollziehe man die Shrikantha-Auflegung. Allein durch diese Auflegung bin ich Shiva, du Lotusgesichtige.
8.198 śrīkaṇṭhaṃ parameśāni trailokye cātidurlabham |
pūrvoktena krameṇaiva sarvaṃ kuryāt śucismite || 8-198 ||
Shrikantha ist in den drei Welten überaus schwer erreichbar. Alles vollziehe man nach der zuvor genannten Ordnung, du rein Lächelnde.
8.199 sarvaṃ kuryād maheśāni yatnataḥ parameśvari |
dhyāyet śivāṃ varārohāṃ hṛtpa(tra?dme)kamalekṣaṇe || 8-199 ||
Alles führe man sorgfältig aus, höchste Herrin. Im Herzlotus meditiere man über die schöne Gütige, du Lotusäugige.
8.200 hṛtpadmaṃ paramaṃ sthānaṃ brahmasthānaṃ surārcite |
jīvasya sthānametat tu hṛdayaṃ paramaṃ padam || 8-200 ||
Der Herzlotus ist der höchste Ort, die Stätte Brahmans, du von den Göttern Verehrte. Er ist der Sitz des Jiva; das Herz ist die höchste Stätte.
8.201 hṛtpadmaṃ dvādaśadalaṃ sahasrādityavarcasam |
tanmadhye bhāvayed devaṃ śivaṃ mṛtyuñjayaṃ priye || 8-201 ||
Der Herzlotus hat zwölf Blätter und den Glanz von tausend Sonnen. In seiner Mitte vergegenwärtige man den Gott Shiva, den Überwinder des Todes, Geliebte.
8.202 śuddhasphaṭikasaṃkāśaṃ pañcavaktraṃ mahāprabham |
ājānubāhuṃ deveśi padmavaktraṃ suvīkṣaṇam || 8-202 ||
Er gleicht reinem Bergkristall, hat fünf Antlitze und gewaltigen Glanz, Arme bis zu den Knien, ein Lotusgesicht und einen schönen Blick.
8.203 kirīṭinaṃ kuṇḍalinaṃ keyūrāṅgadaśobhitam |
satataṃ hāsyayuktaṃ ca dantapaṅktivirājitam || 8-203 ||
Er trägt Krone und Ohrringe, ist mit Armreifen und Oberarmschmuck geziert, lächelt beständig und lässt seine Zahnreihen erstrahlen.
8.204 rudrākṣaśobhitoraskaṃ jaṭāśobhitamastakam |
vyāghracarmaparīdhānaṃ daśabāhuvirājitam || 8-204 ||
Seine Brust schmücken Rudraksha-Perlen, sein Haupt verfilzte Haarsträhnen. Er trägt ein Tigerfell und erscheint herrlich mit zehn Armen.
8.205 evaṃ dhyātvā mahādeva sadā mṛtyuñjayaṃ priye |
śaktiyuktaṃ mahādevaṃ sarvāṅgasarvamohanam || 8-205 ||
So meditiere man stets über den großen Gott, den Todesüberwinder, Geliebte: über den mit Shakti verbundenen Mahadeva, der mit all seinen Gliedern alle bezaubert.
8.206 sarvāṅgacintanaṃ kṛtvā ekāṅgaṃ cintayet tataḥ |
ekāṅgaṃ tu parityajya samādhirjāyate tataḥ || 8-206 ||
Nachdem man alle Glieder betrachtet hat, betrachte man nur ein Glied. Lässt man auch dieses eine Glied los, entsteht Samadhi.
8.207 samādhikāle deveśi yat teja upapadyate |
tanniśāmaya deveśi jñānaṃ paramadurlabham || 8-207 ||
Welches Licht zur Zeit des Samadhi hervortritt, das höre, Herrin der Götter: Es ist eine höchst schwer zugängliche Erkenntnis.
8.208 sarvāṅgaṃ tu parityajya yat teja upajāyate |
sa eva parameśāni śivo mṛtyuñjayaḥ priye || 8-208 ||
Das Licht, das hervortritt, wenn man alle Glieder hinter sich gelassen hat, ist selbst Shiva, der Überwinder des Todes, höchste Herrin, Geliebte.
8.209 pradīpakalikākārāṃ prakṛtiṃ viddhi pārvati |
tatra tejasi deveśi antarātmā sadā sthitaḥ || 8-209 ||
Erkenne Prakriti als eine kleine Lampenflamme, Parvati. In diesem Licht weilt stets das innere Selbst, Herrin der Götter.
8.210 antarātmā maheśāni kāryakāraṇavarjitaḥ |
bhramare bhramarīṃ baddhvā hṛtpadme parameśvari || 8-210 ||
Das innere Selbst ist frei von Wirkung und Ursache, große Herrin. Nachdem man die Biene an den Bienenherrn im Herzlotus gebunden hat, höchste Herrin — [Der Satz geht in den folgenden Kapitelübergang über.]
yogasthasya maheśāni lakṣavarṣaṃ gataṃ mama |
Während ich so im Yoga verweilte, große Herrin, vergingen mir hunderttausend Jahre.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (yantramantrāntaraprayoga tatsaṃskārādividhinirūpaṇaṃ) aṣṭamaḥ paṭalaḥ || 8 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das achte Kapitel: die Darlegung weiterer Yantra- und Mantraanwendungen und ihrer Weihen.
Kapitel 9: Vira-Sadhana
9.1 śrībhairava uvāca |
śṛṇu devi pravakṣyāmi sādhanāntaramuttamam |
yat kṛte parameśāni kṛtārtho nātra saṃśayaḥ || 9-1 ||
Shri Bhairava sprach: Höre, Göttin, ich werde eine weitere vortreffliche Praxis verkünden. Wer sie vollzieht, erreicht sein Ziel, höchste Herrin, daran besteht kein Zweifel.
9.2 prāsādasyāntike devi kadalīstambhanaṃ bhavet |
tatra vediṃ maheśāni vṛkṣaṃ tatra praropayet || 9-2 ||
Nahe dem Tempel errichte man einen Bananenstamm, Göttin; dort lege man einen Altar an und pflanze den Baum, große Herrin.
9.3 raktāsane copaviśya sādhayed vīrasādhanam |
mātṛkānyāsamācarya pūjayet parameśvarīm || 9-3 ||
Auf einem roten Sitz sitzend vollziehe man die Vira-Praxis. Nach dem Matrika-Nyasa verehre man die höchste Herrin.
9.4 ṣoḍaśairupacāraistu pūjayet paradevatām |
pādyaṃ dadyād mahādevyai gomūtramiśritaṃ payaḥ || 9-4 ||
Mit sechzehn Ehrengaben verehre man die höchste Gottheit. Als Fußwasser gebe man der großen Göttin Milch, die mit Kuhurin vermischt ist.
9.5 tāmrapātre madhu dattvā dugdhayuktaṃ haviryutaṃ |
ghanībhūtaṃ maheśāni dadhi dadyāt saśarkaram || 9-5 ||
In einem Kupfergefäß bringe man Honig mit Milch und Ghee dar; außerdem dick gewordenen Joghurt mit Zucker, große Herrin.
9.6 ācamanīyaṃ deveśi kāṃsyenaiva pradāpayet |
naivedyaṃ paramaṃ dadyāt susvādu sumanoharam || 9-6 ||
Wasser zum rituellen Schlürfen reiche man in einem Bronzegefäß, Herrin der Götter. Eine besonders wohlschmeckende, erfreuliche Speisegabe bringe man dar.
9.7 madhuyuktaṃ nārikelaṃ takraṃ ca śarkarānvitam |
dattvā devyai maheśāni jīvanmukto bhaved dhruvam || 9-7 ||
Wer der Göttin Kokosnuss mit Honig und Buttermilch mit Zucker darbringt, wird nach der Verheißung gewiss zu Lebzeiten befreit, große Herrin.
9.8 annaṃ dadyād maheśāni sāmiṣaṃ paramaṃ śubhe |
saptāhaṃ vyāpya tatraiva japet tadgatamānasaḥ || 9-8 ||
Man bringe vortreffliche Speise mit Fleisch dar, große Herrin, Heilvolle. Sieben Tage lang rezitiere man dort, den Geist ganz auf sie gerichtet.
9.9 gate tu pra(hare?thame)yāme dvitīyapraharāvadhi |
rudrākṣamālayā devi japed vītabhayaḥ sadā || 9-9 ||
Nach Ablauf der ersten Nachtwache bis zum Ende der zweiten rezitiere man mit einer Rudraksha-Kette, Göttin, stets frei von Furcht.
9.10 saptāhābhyantare devi siddho bhavati mānavaḥ |
mātṛkākṣarasaṃyuktāṃ vidyāṃ yadvā nyaset tataḥ || 9-10 ||
Innerhalb von sieben Tagen wird der Mensch vollendet, Göttin. Oder man lege danach die Vidya zusammen mit den Matrika-Lauten auf.
9.11 mantradhyānaparo bhūtvā japed mantramananyadhīḥ |
ekākṣaraṃ yadi bhaved diksahasraṃ tato japet || 9-11 ||
Ganz der Mantrameditation hingegeben, wiederhole man das Mantra mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Ist es einsilbig, rezitiere man zehntausendmal.
9.12 dvyakṣare tvaṣṭasāhasraṃ tryakṣare tvayutārdhakam |
tataḥ paraṃ tu mantrāṇāṃ gajāntakasahasrakam || 9-12 ||
Bei zwei Silben achttausendmal, bei drei Silben fünftausendmal; bei weiteren Mantras »gajāntaka«-tausendmal. [Die verschlüsselte letzte Zahlenangabe ist nicht sicher auflösbar.]
9.13 niśāyāṃ japamārabhya udayāntaṃ samācaret |
japādau ca baliṃ dattvā paścādapi baliṃ haret || 9-13 ||
Man beginne die Wiederholung nachts und führe sie bis Sonnenaufgang fort. Zu Beginn bringe man ein Bali dar und nachher wiederum eines.
9.14 japānte japamadhye vā dehi dehīti bhāṣate |
tadāpi ca baliṃ dadyāc chāgalaṃ vāpi māhiṣam || 9-14 ||
Wenn am Ende oder mitten in der Wiederholung die Stimme »Gib, gib!« erklingt, bringe man ebenfalls ein Bali dar, von einer Ziege oder einem Büffel.
9.15 na dikṣu vīkṣaṇaṃ kiñcin na vā bandhusamāgamaḥ |
gajāriduṣṭasarpāṇāṃ mṛgānāṃ daṃṣṭriṇāṃ tathā || 9-15 ||
Man schaue nicht nach allen Richtungen und suche keinen Umgang mit Angehörigen. Was Elefanten, Löwen, gefährliche Schlangen, wilde Tiere und Tiere mit Fangzähnen betrifft —
9.16 pakṣikīṭapiśācānāṃ yadyanmanasi saṃsthitam |
tatsarvaṃ svapnavat bu(ddhya?dhvā)bhayaṃ sarvatra varjayet || 9-16 ||
sowie Vögel, Insekten und Pishachas: Was immer davon im Geist erscheint, betrachte man als traumgleich und lasse überall die Furcht los.
9.17 samāpya sādhanaṃ devi dakṣiṇāṃ vibhavāvadhi |
gurave guruputrāya tat patnyai cāpi dāpayet || 9-17 ||
Nach Vollendung der Praxis, Göttin, gebe man entsprechend dem eigenen Vermögen eine Lehrergabe an den Guru, seinen Sohn und seine Frau.
9.18 samyak siddhasya mantrasya nāsādhyaṃ vidyate kvacit |
gurumantravataḥ [bahu kha pāṭhaḥ |] puṃsaḥ kā kathā rudra eva saḥ || 9-18 ||
Für ein vollkommen verwirklichtes Mantra gibt es nirgends etwas Unerreichbares. Was lässt sich über einen Menschen mit einem vom Guru empfangenen Mantra sagen? Er ist Rudra selbst.
9.19 yataḥ sarvatra deveśi gurupūjā garīyasī |
tadagre mantratantrāṇāṃ bhāṣaṇaṃ naiva kārayet || 9-19 ||
Denn überall ist die Guruverehrung von höchstem Gewicht, Herrin der Götter. Vor ihm soll man sich nicht mit Reden über Mantras und Tantras hervortun.
9.20 pūjite gurupāde vai sarvadaiva sukhī bhavet |
sarveṣāṃ tantramantrāṇāṃ pitāsau parameśvaraḥ || 9-20 ||
Wer die Füße des Gurus verehrt, ist stets glücklich. Er, der höchste Herr, ist der Vater aller Tantras und Mantras.
9.21 anyadevasaparyā vā cānyadevasya kīrta(nāt?nam) |
gurudevaṃ vinā devi tadagre narake sthitiḥ || 9-21 ||
Wer vor ihm eine andere Gottheit verehrt oder besingt und den göttlichen Guru übergeht, Göttin, dessen Aufenthalt ist nach der Aussage des Textes die Hölle.
9.22 śavārū(ḍhā?ḍho)yadi bhavet tadviśeṣa ihocyate |
śūnyāgāre bilvamūle nadītīre catuṣpathe || 9-22 ||
Wenn man auf einem Leichnam sitzt, wird hier die Besonderheit erklärt: in einem verlassenen Haus, unter einem Bilva-Baum, am Flussufer oder an einer Kreuzung —
9.23 śavāsana(ra?ga)to mantrī cintayed vīrasādhanam |
caṇḍālaṃ cābhibhūtaṃ vā śīghrasiddhiphalapradam || 9-23 ||
der auf dem Leichensitz befindliche Mantrakundige vergegenwärtige sich die Vira-Praxis. Ein Chandala oder ein Gewaltsamüberwältigter [Bedeutung im Kontext unsicher] gilt als rasche Vollendung schenkend.
9.24 ānīya sthāpayedādau nyāsajālaṃ samācaret |
pīṭhamantraṃ samālikhya gandhapuṣpādinārcayet || 9-24 ||
Man bringe ihn herbei, lege ihn zunächst hin und vollziehe die Folge der Nyasas. Man schreibe das Sitzmantra und verehre mit Duft, Blüten und weiteren Gaben.
9.25 abhyarcya cāsanaṃ dattvā ātmarakṣāṃ ca kārayet |
tataḥ śavāsye vidhivad devatāpyāyanaṃ tataḥ || 9-25 ||
Nach der Verehrung richte man den Sitz ein und vollziehe den eigenen Schutz; danach erfolge vorschriftsgemäß am Mund des Leichnams die Sättigung der Gottheit.
9.26 mantrānte bhuvaneśī syād rephānto mantra īritaḥ |
mahānīlakramaṃ devi sarvasiddhipradāyakam || 9-26 ||
Am Ende des Mantras steht Bhuvaneshi; die Formel wird mit »ra« als Abschluss beschrieben. Die Ordnung der Mahanila, Göttin, schenkt alle Vollendungen.
9.27 na kasyacit prayoktavyaṃ goptavyaṃ prītaye mama |
sarveṣāṃ jīvahīnānāṃ jantūnāṃ vīrasādhane || 9-27 ||
Sie soll nicht jedem Beliebigen mitgeteilt, sondern mir zuliebe verborgen gehalten werden. Unter allen leblosen Geschöpfen für die Vira-Praxis —
9.28 brāhmaṇaṃ gomayaṃ tyaktvā sādhayet vīrasādhanam |
mahāśavāḥ praśastāḥ syuḥ pradhānaṃ sādhayet priye || 9-28 ||
nehme man einen geeigneten Leichnam, unter Ausschluss eines Brahmanen und des als »gomaya« Bezeichneten [Lesung unklar]. Große Leichname werden empfohlen; mit dem vorzüglichsten vollziehe man die Praxis, Geliebte.
9.29 śmaśāne hi puraścaryā kathitā bhuvi durlabhā |
śmaśānasādhanaṃ devi mataṃ sādhanamuttamam || 9-29 ||
Die vorbereitende Praxis auf dem Verbrennungsplatz wird als auf Erden schwer zugänglich beschrieben. Die Verbrennungsplatzpraxis gilt als vortreffliche Sadhana, Göttin.
9.30 śmaśānastho yadi bhavet japan mantramananyadhīḥ |
sa sarvasādhanaṃ kṛtvā devīloke mahīyate || 9-30 ||
Wer auf dem Verbrennungsplatz verweilt und mit ungeteilter Aufmerksamkeit das Mantra rezitiert, hat damit alle Sadhana vollzogen und wird in der Welt der Göttin geehrt.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (vīrasādhanavidhānaṃ) navamaḥ paṭalaḥ || 9 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das neunte Kapitel: die Ordnung der Heldenpraxis.
Kapitel 10: Weitere besondere Praktiken

10.1 śrībhairava uvāca |
idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi yena siddho bhaved manuḥ |
śavamuṇḍaṃ samādāya maṅgale vāsare niśi || 10-1 ||
Shri Bhairava sprach: Höre nun, du Wohlgestaltete, wodurch ein Mantra vollendet wird. Man nehme nachts an einem Dienstag einen Totenschädel —
10.2 pañcagavyena militaṃ candanaikena saṃyutam |
arddhahastamite garte haridrārocanāyute || 10-2 ||
versehe ihn mit den fünf Produkten der Kuh und Sandel; in eine Grube von einer halben Elle, mit Kurkuma und Rocana versehen —
10.3 kṣipet tatra śavamuṇḍaṃ rajatena samanvitam |
mṛttikayā pūrayitvā sarvaṃ saṃskṛtya śodhayet || 10-3 ||
lege man den Totenschädel zusammen mit Silber. Dann fülle man die Grube mit Erde, bereite alles vor und reinige es.
10.4 tatropari viśed devi krameṇa hi samanvitaḥ |
sahasrasya pramāṇena japaṃ kuryāt samāhitaḥ || 10-4 ||
Darüber setze man sich unter Beachtung der rituellen Abfolge, Göttin, und vollziehe gesammelt tausend Wiederholungen.
10.5 samāpte tu jape tatra pūjayet parameśvarīm |
evaṃ tridinamadhye tu siddho bhavati mānavaḥ || 10-5 ||
Nach Abschluss der Wiederholung verehre man dort die höchste Herrin. So wird der Mensch innerhalb von drei Tagen vollendet.
10.6 iti te kathitaṃ bhadraṃ prayogaṃ siddhidāyakam |
aṣṭamīsandhivelāyāṃ aṣṭottaraśataṃ japet || 10-6 ||
Damit habe ich dir die heilvolle, Vollendung schenkende Anwendung erklärt. Zur Übergangszeit am achten Mondtag rezitiere man 108-mal.
10.7 saptadinaprayogena siddhimāpnoti mānavaḥ |
śanau ca sandhivelāyāṃ gṛhe latākhyakaṃ yajet || 10-7 ||
Durch siebentägige Anwendung erlangt der Mensch Vollendung. Am Samstag zur Übergangszeit verehre man im Haus die als »Ranke« Bezeichnete.
10.8 japedekākī vijane latāsādhanatatparaḥ |
evaṃ kṛte mahādevi siddhimāpnoti sādhakaḥ || 10-8 ||
Allein und abgeschieden rezitiere man, ganz der Rankenpraxis hingegeben. So erlangt der Übende Vollendung, große Göttin.
10.9 pūrvoktakalpamāsādya pūjādikaṃ samācaran |
kevalaṃ kāmadevo'sau japtvā cāṣṭottaraṃ śatam || 10-9 ||
Man folge der zuvor beschriebenen Ritualordnung und vollziehe Verehrung und die übrigen Handlungen. Durch 108 Wiederholungen wird man dem Liebesgott selbst gleich.
10.10 saptāhābhyantare devi mahadaiśvaryamāpnuyāt |
viśeṣaṃ śṛṇu cārvaṅgi tantreṣu sarvakāmadam || 10-10 ||
Innerhalb von sieben Tagen gewinnt man große Herrlichkeit, Göttin. Höre eine Besonderheit, du Wohlgestaltete, die im Tantra alle Wünsche erfüllt.
10.11 yena vijñānamāteṇa siddhayo'ṣṭau bhavanti hi |
tāsāṃ mūle tu deveśi ugrāṃ saṃpūjya sādhakaḥ || 10-11 ||
Schon durch ihre Kenntnis entstehen die acht Vollendungen. An ihrer Wurzel verehre der Übende Ugra, Herrin der Götter.
10.12 mahāsiddhirbhaved devi satyaṃ satyaṃ varānane |
kulākṛṣṭalatāgāre likhitvā mantrameva ca || 10-12 ||
Große Vollendung entsteht, Göttin: wahrlich, wahrlich, du Schönantlitzige. Im Haus der durch Kula angezogenen Ranke schreibe man das Mantra auf.
10.13 prapūjya tatra saṃskāraṃ kṛtvā tasyai nivedayet |
kiñcit japtaṃ manuṃ nītvā devatābhāvatatparaḥ || 10-13 ||
Man verehre dort, vollziehe die Weihe und bringe es ihr dar. Nach einer gewissen Mantrawiederholung widme man sich der Vergegenwärtigung der Gottheit.
10.14 tāṃ prapūjya namaskṛtya svayaṃ japtvā susaṃyataḥ |
prātaḥ strībhyo baliṃ dattvā mantrasiddhirbhaven nṛṇām || 10-14 ||
Man verehre sie, verneige sich und rezitiere selbst mit gesammelten Sinnen. Morgens bringe man den Frauen das Bali dar; dadurch entsteht Mantravollendung.
10.15 bhūmiputrasamāyuktā amāvāsyā śubhapradā |
bhādre puṣkarayogena tasyāṃ vīravarottamaḥ || 10-15 ||
Ein Neumondtag, der auf einen Dienstag fällt, ist heilvoll. Im Monat Bhadrapada bei Pushkara-Yoga soll an diesem Tag der vortreffliche Vira —
10.16 viṣṇukrāntāṃ samānīya nikṣiped mṛtabhūmiṣu |
tatra tāṃ sacitāṃ kṛtvā taddine mṛtahaṭṭake || 10-16 ||
Vishnukranta herbeibringen und sie in die Erde des Verbrennungsplatzes legen; dort lege er sie aufgeschichtet nieder, an jenem Tag am Totenplatz.
10.17 tatra prasārya tāṃ matsyatvaksnehena dāpayet |
tajjalenābhiṣekaṃ ca pūrvavacca śavopari || 10-17 ||
Dort breite man sie aus und gebe ihr das Fett einer Fischhaut. Mit ihrem Wasser vollziehe man die Begießung, und wie zuvor auf dem Leichnam —
10.18 sacitāṃ vijayāṃ tasya udare mukhavartmanā |
kṣiptvā tatraiva tat matsyamañjanānvitalocanaḥ || 10-18 ||
lege man die aufgeschichtete Vijaya durch den Mund in dessen Bauch, ebenso den Fisch; man versehe die Augen mit Augensalbe —
10.19 tilakaṃ pūrvadravyeṇa tathājasraṃ manuṃ japet |
svayamāyāti bhagavān bhairavo bīmabāhukaḥ || 10-19 ||
und zeichne mit der zuvor genannten Substanz ein Stirnzeichen. Dann rezitiere man ununterbrochen das Mantra. Der erhabene, starkarmige Bhairava kommt selbst herbei. [Die stofflichen Bezüge in 10.16–19 sind teilweise unklar.]
10.20 gatabhītistato vīrastaṃ vilokya japed manum |
yadi bhāgyavaśād devi laguḍastatra lakṣyate || 10-20 ||
Der Vira lege seine Furcht ab, schaue ihn an und rezitiere das Mantra. Wenn durch glückliche Fügung dort ein Knüppel sichtbar wird, Göttin —
10.21 tadā svayaṃ bhairavo'sau sākṣād vīreśvaro bhavet |
matsyamānīya deveśi nikṣipet pitṛkānane || 10-21 ||
wird er selbst unmittelbar Bhairava, Herr der Viras. Man bringe einen Fisch und lege ihn in den Ahnenwald, den Verbrennungsplatz, Herrin der Götter.
10.22 tatrāsakṛj japitvā ca devatāmelanaṃ bhavet |
niśāyāṃ mṛtahaṭṭe ca unmattānandabhairavaḥ || 10-22 ||
Wer dort wiederholt rezitiert, gelangt zur Begegnung mit der Gottheit. Nachts am Totenplatz, als Unmattananda-Bhairava —
10.23 digvāsā vimalo bhasmabhūṣaṇo muktakeśakaḥ |
kṛpāṇī khaḍgahastaśca japen mātṛkayā yadi || 10-23 ||
unbekleidet, rein, mit Asche geschmückt, mit offenem Haar, Dolch und Schwert in der Hand, rezitiere man mit der Matrika.
10.24 tadā tasya mahādevi sarvasiddhiḥ kare sthitā |
ḍākinīṃ yoginīṃ vāpi anyāṃ vā gaṇasundarīm || 10-24 ||
Dann liegen alle Vollendungen in seiner Hand, große Göttin. Eine Dakini, eine Yogini oder eine andere schöne Frau der Schar —
10.25 tatra cānīya saṃpūjya sarvasiddhīśvaro bhavet |
gurumānīya saṃsthāpya devavat pūjayed vibhum || 10-25 ||
bringe man dorthin und verehre sie; so wird man zum Herrn aller Vollendungen. Man lade den Guru ein, biete ihm einen Platz und verehre den Mächtigen wie eine Gottheit.
10.26 vastrālaṅkārahemādyaiḥ svayaṃ saṃtoṣayed gurum |
tatsutaṃ tatsutāṃ vāpi tatpatnīṃ ca viśeṣataḥ || 10-26 ||
Mit Gewändern, Schmuck, Gold und anderem stelle man selbst den Guru zufrieden; ebenso seinen Sohn oder seine Tochter, besonders seine Frau.
10.27 pūjayitvā manuṃ japtvā sarvasiddhīśvaro bhavet |
sahasrāre guroḥ pādapadmaṃ dhyātvā prapūjya ca || 10-27 ||
Nachdem man sie verehrt und das Mantra wiederholt hat, wird man zum Herrn aller Vollendungen. Im Sahasrara meditiere man über den Lotosfuß des Gurus und verehre ihn.
10.28 kevalaṃ devabhāvena japtvā siddhīśvaro bhavet |
guroranujñāmātreṇa duṣṭamantro'pi siddhyati || 10-28 ||
Wer allein mit göttlicher innerer Haltung rezitiert, wird zum Herrn der Vollendungen. Allein durch die Erlaubnis des Gurus kann sogar ein fehlerhaftes Mantra wirksam werden.
10.29 guruṃ vilaṅghya śāstre'smin nādhikāraḥ surairapi |
eṣāṃ ca mantratantrāṇāṃ prayogaḥ kriyate yadi || 10-29 ||
Wer den Guru übergeht, hat in dieser Lehre keine Befugnis, auch wenn er ein Gott wäre. Wenn die Anwendungen dieser Mantras und Tantras —
10.30 guruvaktraṃ vinā devi siddhihāniḥ prajāyate |
etat tantraṃ ca mantraṃ ca śiṣyebhyo'pi na dāpayet |
anyathā pretarājasya bhavanaṃ yāti niścitam || 10-30 ||
ohne mündliche Unterweisung des Gurus ausgeführt werden, geht Vollendung verloren, Göttin. Dieses Tantra und diese Mantras soll man nicht einmal unterschiedslos an Schüler weitergeben; andernfalls gelangt man der Aussage des Textes zufolge gewiss in das Reich des Totenkönigs.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (sādhanāntaravidhānanirūpaṇaṃ) daśamaḥ paṭalaḥ || 10 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das zehnte Kapitel: die Darlegung weiterer Praxisordnungen.
Kapitel 11: Mantraformen und die blaue Sarasvati
11.1 śrībhairava uvāca |
viśeṣān śṛṇu vakṣyāmi yena siddhyej jagat trayam |
yasmāt parataraṃ nāsti tantramadhye na saṃśayaḥ || 11-1 ||
Shri Bhairava sprach: Höre die Besonderheiten, die ich verkünde und durch die man die drei Welten zu meistern vermag. Nichts steht innerhalb des Tantra darüber, daran besteht kein Zweifel.
11.2 sarvabhāṣāmayī śuddhā sarvāmnāyairnamaskṛtā |
māyābījaṃ samuddhṛtya tārakaṃ vahnisaṃyutam || 11-2 ||
Sie besteht aus allen Sprachen, ist rein und wird von allen Überlieferungsströmen verehrt. Man entnehme das Maya-Bija und Taraka, verbunden mit Feuer.
11.3 māyābindvīśvarayutaṃ [bindusvara kha pāṭhaḥ |] dvitīyaṃ bījamuddhṛtam |
[truṭiratra dṛśyate |] ramāṃ phaṭkārakaṃ caiva bījapañcakamuttamam || 11-3 ||
Das zweite Bija wird mit Maya, Bindu und Ishvara gebildet; dazu Rama und der Phaṭ-Laut: die vortreffliche Gruppe von fünf Bijas. [Die Vorlage vermerkt an dieser Stelle ausdrücklich eine Lücke.]
11.4 pañcaraśmisamākrāntā'jñānendhanapradīpakam |
tasyoddhāramahaṃ vakṣye śṛṇu sārvajñakāraṇam || 11-4 ||
Von fünf Strahlen durchdrungen entzündet sie den Brennstoff des Nichtwissens. Ich werde ihre Lautbildung erklären; höre die Ursache der Allwissenheit.
11.5 prathamaṃ praṇavaṃ dattvā caturthasvarabhūṣitam |
rephārūḍhaṃ sphurad dīptamindubinduvirājitam || 11-5 ||
Zuerst setze man Pranava, geschmückt mit dem vierten Vokal, auf »ra« ruhend, funkelnd und leuchtend, versehen mit Mond und Bindu.
11.6 bhagaṃ caiva maheśāni caturthasvarasaṃyutam |
(dāhārūḍhaṃ rayaṃ caiva śaktiyuktaṃ tu yojayet) || 11-6 ||
Dann Bhaga, große Herrin, verbunden mit dem vierten Vokal; auf dem Brennenden ruhend füge man das Bewegte zusammen mit Shakti hinzu. [Die verschlüsselte Lautanweisung ist unsicher.]
11.7 nādabindusamāyuktaṃ hūṃkāraṃ yojayet tataḥ |
phaṭkāraṃ ca tato dadyāt saṃpūrṇaṃ siddhidāyakam || 11-7 ||
Darauf füge man den mit Nada und Bindu verbundenen Hūṃ-Laut und dann Phaṭ hinzu. So ist die Vollendung schenkende Formel vollständig.
11.8 līlayā vākpradā ceti tena nīlasarasvatī |
tārakatvāt sadā tārā sukhamuktipradāyinī || 11-8 ||
Weil sie spielend Rede schenkt, heißt sie Nila-Sarasvati. Weil sie stets hinüberführt, heißt sie Tara, die Glück und Befreiung schenkt.
11.9 (ugrāpattāriṇī yasmādugratārā prakīrtitā |) vitāraikajaṭā caiṣā mahāmuktikarī sadā || 11-9 ||
Weil sie aus schrecklicher Not errettet, wird sie Ugratara genannt. Ohne Tara ist sie Ekajata, die stets große Befreiung bewirkt. [»Ohne Tara« bezeichnet hier die Abwandlung einer Mantraform.]
11.10 tārāstrarahitā tryarṇā mahānīlasarasvatī |
tārādyā pañcavarṇeyaṃ śrīmannilasarasvatī || 11-10 ||
Ohne Tara und Astra ist sie dreilautig: Mahanila-Sarasvati. Mit Tara am Anfang ist sie fünflautig: die ehrwürdige Nila-Sarasvati.
11.11 śrībījādyāpi deveśi tadā śrīḥsarvatomukhī |
eṣaiva hi mahāvidyā māyādyā sakaleṣṭadā || 11-11 ||
Steht das Shri-Bija am Anfang, Herrin der Götter, ist sie allseitiger Wohlstand. Dieselbe Mahavidya mit Maya am Anfang gewährt alles Erwünschte.
11.12 vāgbhavādyā yadā vidyā vāgrūpā sarvavāṅmayī |
etān kramagatān prāptā(n)mata bhedāñ jaganmayī || 11-12 ||
Wenn Vagbhava am Anfang der Vidya steht, ist sie die Gestalt der Rede, bestehend aus aller Sprache. Die das Weltall Erfüllende nimmt so der Reihe nach die unterschiedlichen Formen an.
11.13 eṣā pañcākṣarī vidyā pañcabhūtaprakāśinī |
vadhūbījaṃ madhyabījaṃ sarvabījāntimaṃ bhavet || 11-13 ||
Diese fünflautige Vidya offenbart die fünf Elemente. Das Vadhu-Bija ist das mittlere Bija; das All-Bija wird als letztes genannt. [Die Zuordnung steht so im Text und ist nicht vollständig eindeutig.]
11.14 phalinī sarvavidyānāṃ jayinī jayakāṅkṣiṇām |
viṣakṣayakarī vidyā amṛtatvapradāyinī || 11-14 ||
Sie bringt alle Vidyas zur Frucht und schenkt den nach Sieg Strebenden Sieg. Die Vidya hebt Gift auf und verleiht Unsterblichkeit.
11.15 mantrasya jñānamātreṇa vijayī bhuvi jāyate |
likhet khaṃ kūrcasaṃyuktaṃ raudraṃ traiguṇyameva ca || 11-15 ||
Schon durch die Kenntnis des Mantras wird man auf Erden siegreich. Man schreibe den Raumlaut mit Kurca, den Raudra-Laut und die Dreiheit der Eigenschaften.
11.16 vidhiviṣṇumaheśānāṃ svaśaktyā kramayogataḥ |
eṣā matā mahāvidyā sarvasiddhipradā śubhā || 11-16 ||
Brahma, Vishnu und Mahesha sind der Reihe nach mit ihrer jeweiligen Shakti verbunden. Diese wird als heilvolle Mahavidya angesehen, die alle Vollendungen schenkt.
11.17 sarvamantramayī śuddhā sarvatantreṣu gopitā |
siddhidā bhajatāmāśu saṃpradāyavidhānataḥ || 11-17 ||
Sie besteht aus allen Mantras, ist rein und in allen Tantras verborgen. Denen, die sie nach der Ordnung der Überlieferung verehren, schenkt sie rasch Vollendung.
11.18 dhyānapūjādikaṃ sarvaṃ kuryāt sādhakasattamaḥ |
athātaḥ saṃpravakṣyāmi tārāṃ bhuvanatāriṇīm || 11-18 ||
Der vortreffliche Übende vollziehe Meditation, Verehrung und alles Weitere. Nun erkläre ich Tara, die die Welt hinüberführt.
11.19 yasyāḥ smaraṇamātreṇa bhayamāśu vināśayet |
praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya hṛllekhābījamuddharet || 11-19 ||
Schon durch die Erinnerung an sie vernichtet man rasch die Furcht. Zuerst entnehme man Pranava, danach das Hrillekha-Bija.
11.20 gaganaṃ śeṣasaṃyuktaṃ bindunādavibhūṣitam |
kūrcabījaṃ ca hṛdayaṃ tārāyai ca samuddharet || 11-20 ||
Den Raumlaut, verbunden mit Shesha und geschmückt mit Bindu und Nada, das Kurca-Bija, die Herzformel und »tārāyai« füge man hinzu.
11.21 mahāpadmaṃ samuddhṛtya tārāyai ca samuddhṛtam |
sakaladustarāṃstāre tārayeti tathā punaḥ || 11-21 ||
Nachdem man »mahāpadma« entnommen hat, folgt »tārāyai«, darauf »sakaladustarān tāre tāraya« und erneut —
11.22 tarayugmaṃ vahnijāyā mantro'yaṃ surapādapaḥ |
gadyapadyamayī vāṇī sabhāyāṃ tasya jāyate || 11-22 ||
zweimal »tara« sowie die Gattin des Feuers [Svaha]. Dieses Mantra ist ein göttlicher Wunschbaum. In der Versammlung entsteht beim Übenden Rede in Prosa und Versen.
11.23 caturlakṣajapenāsyāḥ siddhayo'ṣṭau bhavanti hi |
dhyānapūjādikaṃ sarvaṃ pūrvat samupācaret || 11-23 ||
Durch vierhunderttausend Wiederholungen entstehen die acht Vollendungen. Meditation, Verehrung und alle weiteren Handlungen vollziehe man wie zuvor.
11.24 praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya tāre uttārayeti ca |
māyā svāheti mantro'yaṃ daśākṣara udāhṛtaḥ || 11-24 ||
Zuerst nehme man Pranava, dann »tāre uttāraya«, Maya und »svāhā«. Dieses Mantra wird als zehnsilbig bezeichnet.
11.25 smaraṇāt sarvasattvānāṃ bhayamāśu vināśayet |
dhyānapūjādikaṃ sarvaṃ pūrvamuktaṃ sureśvari || 11-25 ||
Durch Erinnerung daran wird die Furcht aller Wesen rasch vernichtet. Meditation, Verehrung und alles Weitere wurden zuvor erklärt, Herrin der Götter.
11.26 vidyāratnaṃ pravakṣyāmi śṛṇu parvatanandini |
vāgbhavaṃ kuladevīṃ ca tārakaṃ vāgbhavaṃ tathā || 11-26 ||
Ich werde das Juwel der Vidyas verkünden; höre, Tochter des Berges: Vagbhava, Kuladevi, Taraka, wiederum Vagbhava —
11.27 hṛllekhāṃ cāstramantrānte vahnijāyāvadhirmanuḥ |
aṣṭākṣaro manuḥ prokto vedamāturanuttamaḥ || 11-27 ||
Hrillekha, darauf das Astra-Mantra und als Abschluss die Gattin des Feuers. Dies wird als unübertrefflicher achtlautiger Mantra der Mutter der Veden bezeichnet.
11.28 pañcāṅgaṃ cāsya mantrasya pañcabījaiḥ prakalpayet |
astraṃ śeṣākṣarairnyasya kṛtakṛtyo bhaved naraḥ || 11-28 ||
Seine fünf Glieder bilde man aus den fünf Bijas; mit den übrigen Lauten lege man die Waffe auf. So gelangt der Mensch ans Ziel seines Handelns.
11.29 dhyānapūjādikaṃ sarvaṃ pūrvamuktaṃ maheśvari |
kālikā siddhavidyā syād mahākālī parā matā || 11-29 ||
Meditation, Verehrung und alles Weitere wurden zuvor gelehrt, große Herrin. Kalika ist die vollendete Vidya; Mahakali gilt als die höchste.
11.30 tasyāstantre mahāvidyā vijñeyā sādhakottamaiḥ |
sarvavedamayī vidyā sarvāmnāyairnamaskṛtā || 11-30 ||
In ihrem Tantra sollen vortreffliche Übende die Mahavidya erkennen: Sie besteht aus allen Veden und wird von allen Überlieferungsströmen verehrt.
11.31 rakṣākarī ca saṃproktā yadā sevyā ca sādhakaiḥ |
praṇavaṃ pūrvamuccārya padme yugmaṃ tathaiva ca || 11-31 ||
Sie wird als beschützend bezeichnet, wenn die Übenden ihr dienen. Zuerst spreche man Pranava, danach zweimal »padme«.
11.32 mahāpadme padaṃ kuryāt padmāvati padaṃ tataḥ |
māye svāheti mantro'yaṃ proktaḥ saptadaśākṣaraḥ || 11-32 ||
Dann füge man »mahāpadme«, »padmāvati«, »māye svāhā« hinzu. Dieses Mantra wird als siebzehnsilbig bezeichnet.
11.33 pūjā pūrvavaduddiṣṭā cārdharātre catuṣpathe |
japamasyāścared yastu śīghraṃ drutakavirbhavet || 11-33 ||
Die Verehrung erfolgt wie zuvor. Wer ihr Japa um Mitternacht an einer Kreuzung vollzieht, wird rasch zum gewandten Dichter.
11.34 bījamantrāḥ svatantrāḥ syustāriṇyāḥ sarvasiddhidāḥ |
ete bhedā mahogrāyāḥ puruṣārthapravartakāḥ || 11-34 ||
Die Bija-Mantras Tarinis sind eigenständig und verleihen alle Vollendungen. Diese Formen Mahogras bringen die menschlichen Lebensziele zur Entfaltung.
11.35 āyuḥśrīkāntikavitā vidyāsaubhāgyadāyinī |
ante nirāmayaṃ brahma jīvanmuktipradāyinī || 11-35 ||
Sie schenkt Leben, Wohlstand, Schönheit, Dichtkunst, Wissen und Glück; schließlich das leidfreie Brahman und Befreiung zu Lebzeiten.
11.36 (śivabījaṃ maheśāni śaktibījaṃ tataḥ param |
sarvabindusamāyuktaṃ vedādyaṃ tadadhaḥ kramāt || 11-36 ||
Zuerst das Shiva-Bija, große Herrin, danach das Shakti-Bija, versehen mit allen Bindus; darunter der Reihe nach der Anfang des Veda —
11.37 māyā strīṃ varmabījānte haṃsaṃ jīvamudīritam |
eṣā tvaṣṭākṣarī vidyā tava snehāt prakāśitā || 11-37 ||
Maya, »strīṃ«, das Schutz-Bija und Hamsa, das als Leben bezeichnet wird. Diese achtlautige Vidya ist aus Liebe zu dir offenbart worden.
11.38 )
ājñāsiddhimavāpnoti trailokyaṃ vaśamānayet |
vaśamāyānti sahasā vedavidyāścaturdaśa || 11-38 ||
Man erlangt die Wirksamkeit des eigenen Gebots und bringt die drei Welten unter seinen Einfluss. Die vierzehn Wissensgebiete einschließlich der Veden werden einem rasch zugänglich.
11.39 haṃsatārā mahāvidyā tava snehāt prakāśitā |
kavitāmāharet puṃsāṃ dhanārthī dhanamāpnuyāt || 11-39 ||
Die Mahavidya Hamsatara wurde aus Liebe zu dir offenbart. Sie verleiht den Menschen Dichtkunst; wer Wohlstand sucht, erlangt Wohlstand.
11.40 mokṣārthī labhate mokṣaṃ nātra kāryā vicāraṇā |
ugratārā mahāvidyā kathyate mama pauruṣam || 11-40 ||
Wer Befreiung sucht, erlangt Befreiung; daran soll man nicht zweifeln. Ugratara ist die große Vidya; meine schöpferische Macht wird hier verkündet.
11.41 pañcākṣarī ca yā vidyā haṃsādyantā mahodayā |
kevalaṃ tvatprayatnena [prasādena kha pāṭhaḥ |] tava snehāt prakīrtitā || 11-41 ||
Die fünflautige Vidya, an Anfang und Ende von Hamsa umgeben, ist von großer Kraft. Auf dein Bemühen hin und aus Liebe zu dir wurde sie gelehrt.
11.42 asyāśca japapūjādīn pañcākṣarīvadācaret |
bījayuktā mahāvidyā tritārādyā pṛthak pṛthak || 11-42 ||
Mantrawiederholung, Verehrung und die übrigen Handlungen vollziehe man wie bei der fünflautigen Vidya. Mit den Bijas versehen und jeweils mit den drei Taras beginnend —
11.43 trailokye kathitā siddhidāyinyuttamabhūtidā |
ṣaḍdīrghamāyayā caiva ṣaḍaṅgaṃ samupācaret || 11-43 ||
wird die Mahavidya als Vollendung und höchste Entfaltung in den drei Welten schenkend gelehrt. Mit Maya und den sechs langen Vokalen vollziehe man den sechsfachen Nyasa.
11.44 pūjā pūrvavaduddiṣṭā prayogān vāpi tatsamān |
vāṅmāyākamalābījamīśo bhṛguniṣevitaḥ || 11-44 ||
Die Verehrung wurde wie zuvor gelehrt, ebenso entsprechende Anwendungen. Das Bija von Rede, Maya und Kamala, Ishvara, begleitet von Bhrigu —
11.45 caturdaśendusaṃyuktaḥ paścād bhṛguḥ saheśvaraḥ |
caturdaśavisargāḍhyo vada dvandvaṃ ca vāk padam || 11-45 ||
verbunden mit dem vierzehnten Vokal und Mond; danach Bhrigu mit Ishvara, versehen mit dem vierzehnten Vokal und Visarga; zweimal »vada«, dann »vāk« —
11.46 vādinīti padaṃ paścāt klīṃ padatritayaṃ tataḥ |
nīlasarasvati padaṃ tridhāvṛttiśca vāṅmanoḥ || 11-46 ||
darauf »vādini«, dann dreimal »klīṃ«, »nīlasarasvati« und dreimal das Mantra der Rede —
11.47 kāhi śabdadvayaṃ paścāt kalarīmagnivallabhā |
catustriṃśadvarṇayukto nīlasārasvato manuḥ [prakāśam - aiṃ hrīṃ śrīṃ
hasauṃ shauṃḥ vada vada vāgvādini klīṃ klīṃ klīṃ nīlasarasvati aiṃ aiṃ aiṃ
kāhikāhi kalarīṃ svāhā || 11-34 ] || 11-47 ||
danach zweimal »kāhi«, dann »kalarīm« und die Geliebte des Feuers: So lautet der vierunddreißiglautige Mantra der Nila-Sarasvati. [Die ausgeschriebene Sanskritglosse hat abweichende und unsichere Lautformen.]
11.48 ṣāṭkośiko'yaṃ vijñeyaḥ ṣaḍbhirmantrairyataḥ kṛtaḥ |
ṛṣicchandodevatānāṃ vibhāgaṃ śṛṇu pārvati || 11-48 ||
Dieser ist als Shatkoshika zu verstehen, weil er aus sechs Mantras gebildet ist. Höre die Unterscheidung von Seher, Versmaß und Gottheit, Parvati.
11.49 gaṅgāpravāho nāmarṣirmatsyarūpī janārdanaḥ |
atyaṣṭiḥ kathitā chando devī nīlasarasvatī || 11-49 ||
Der Seher heißt Gangapravaha und ist Janardana in Fischgestalt. Als Versmaß wird Atyashti genannt; die Göttin ist Nila-Sarasvati.
11.50 sarvavāgaiśvaryamayī samastābhīṣṭadāyinī |
aiṃbījaṃ kīlakaṃ jñeyaṃ hsauṃ śaktiḥ samīritā || 11-50 ||
Sie verkörpert alle Herrlichkeit der Rede und schenkt alles Ersehnte. Das Bija »aiṃ« gilt als Kilaka, »hsauṃ« wird als Shakti bezeichnet.
11.51 nīlo varṇaśca vijñeyastvaritaṃ kavitāphalam |
mudrā tu prati(vāsi?rāśī)nāṃ mukhamudrā samīritā || 11-51 ||
Ihre Farbe ist blau, ihre Frucht rasch entstehende Dichtkunst. Als Mudra wird die Mundgeste der Gegenredner genannt. [Lesung des technischen Ausdrucks unsicher.]
11.52 hṛllekhayā ṣaḍaṅgāni kuryāt ṣaḍdirghayuktayā |
nīlāṃśukāṃ maṇimayīṃ vyāghracarmadharāṃ śubhām || 11-52 ||
Mit Hrillekha, verbunden mit den sechs langen Vokalen, vollziehe man die sechs Glieder. Sie trägt ein blaues Gewand, besteht aus Juwelenglanz, trägt ein Tigerfell und ist heilvoll.
11.53 vidyāṃ brahmasvarūpāṃ ca sarvakāmaphalapradām |
namaskuryāt prayatnena sarvakāmavareśvarīm || 11-53 ||
Vor der Vidya, deren Wesen Brahman ist und die die Frucht aller Wünsche schenkt, verneige man sich mit Sorgfalt: vor der Herrin, die alle ersehnten Gaben gewährt.
11.54 atha vakṣye maheśāni nīlasya bhāvamagrataḥ |
pūrvaṃ devāsurairyuddhe dānavā ditijaiḥ saha || 11-54 ||
Nun erkläre ich zunächst die Bedeutung ihres Blauseins, große Herrin. Einst, im Kampf zwischen Göttern und Asuras, wurden die Danavas zusammen mit den Söhnen Ditis —
11.55 cakreṇa cakriṇā chittvā (chinnāḥ) kāndiśīkāḥ pradudruvuḥ |
sambhūya te duṣṭadaityāḥ samudrakuharodare || 11-55 ||
von Vishnu mit seinem Diskus zerschlagen und flohen in alle Richtungen. Diese bösen Daityas versammelten sich in einer Höhle im Inneren des Ozeans.
11.56 cakriṇā ca kṛtā pūrvadevānāṃ paribhū(yate?taye) |
devarūpā bhagavatī sarvamantramayī śubhā || 11-56 ||
Vishnu hatte sie zur Niederlage gebracht. Die erhabene, heilvolle Göttin in göttlicher Gestalt besteht aus allen Mantras. [Der erste Halbvers ist gestört; die Übersetzung folgt dem Erzählzusammenhang.]
11.57 tatraiva sarvaviprāṇāṃ yajñakāṇḍaḥ pravartate |
teṣu yajñeṣu saṃbhūtairhavirbhirbalinaḥ surāḥ || 11-57 ||
Dort setzt sich das Opferwesen aller Brahmanen fort. Durch die Opfergaben, die aus diesen Opfern hervorgehen, sind die Götter stark.
11.58 ......................................................................... |
surā hāsmān prabādhante vayaṃ nirbalinastataḥ || 11-58 ||
[Der erste Halbvers fehlt.] »Die Götter bedrängen uns, während wir deshalb kraftlos sind.«
11.59 iti teṣāṃ vacaḥ śrutvā dīnānāṃ ditijanmanām |
hayagrīvaḥ somakaśca nirvedaṃ bhṛśamāpatuḥ || 11-59 ||
Als Hayagriva und Somaka diese Worte der bedrängten Söhne Ditis hörten, wurden sie von großer Verzweiflung ergriffen.
11.60 tāvubhau bhrātarau duṣṭau turaṅgagrīva somakau |
śabdākarṣaṇikāṃ devīṃ samuddiśyātapasyatām || 11-60 ||
Die beiden bösen Brüder, Hayagriva und Somaka, übten Askese, an die Göttin gerichtet, die die Laute an sich zu ziehen vermag.
11.61 tayorghoratapaḥprītā śabdākarṣaṇidevatā |
provāca vriyatāmatra vāñchito varavallabhaḥ || 11-61 ||
Durch ihre schreckliche Askese erfreut, sprach die Gottheit Shabdakarshani: »Wählt hier den ersehnten, euch liebsten Segen!«
11.62 tābhyāmuktā bhagavatī varaprārthanahetave |
sarvaśabdākarṣaṇārthaṃ varo'smabhyaṃ pradīyatām || 11-62 ||
Um diesen Segen bittend sagten beide zur Erhabenen: »Gewähre uns die Fähigkeit, sämtliche Laute an uns zu ziehen!«
11.63 tathāstviti tayā proktau dānavāvatidarpitau |
tatastasya prabhāveṇa bhūlokaṃ samupasthitau || 11-63 ||
»So sei es«, sprach sie zu den beiden überaus übermütigen Danavas. Durch diese Macht gelangten sie darauf in die Menschenwelt.
11.64 sa(rvāḥ?rve)cākarṣitāḥ śabdā mantrarūpā dvijanmanām |
sā śabdarūpiṇī devī śubhrarūpā sarasvatī || 11-64 ||
Alle Laute der Zweimalgeborenen, die als Mantras Gestalt angenommen hatten, wurden angezogen: die als Klang bestehende Göttin, die weißgestaltige Sarasvati.
11.65 mukhāni sarvaviprāṇāṃ tyaktvā divyavapurdharā |
āyātā daityavarayorduṣṭagṛhamupāgatā || 11-65 ||
Sie verließ den Mund aller Brahmanen und kam in ihrem göttlichen Leib in die böse Wohnstatt der beiden Daityafürsten.
11.66 krandantīṃ tāṃ ca vivaśāṃ nītvā pātālagolake |
hālāhalaviṣaiḥ kṛtvā kuṇḍaṃ nīlajalaprabhaiḥ || 11-66 ||
Die Weinende und Hilflose brachten sie in die Unterwelt. Sie errichteten ein Becken mit Halahala-Giften, die wie blaues Wasser schimmerten.
11.67 tatra tāṃ vinimajyaiva vaddhvā pannagarajjubhiḥ |
parvatairniviḍaṃ kṛtvā punardevajigīṣayā || 11-67 ||
Darin versenkten sie sie, banden sie mit Schlangenseilen und verschlossen den Ort dicht mit Bergen. Erneut begehrten sie, die Götter zu besiegen.
11.68 tāmāsādya mahādiptau tuṣṭuvatuḥ śubhāvaham |
śabdākarṣaṇabāṇena daityānāṃ pṛthivītale || 11-68 ||
Die beiden mächtig Strahlenden traten vor sie und priesen das Heilbringende; durch den lautanziehenden Pfeil der Daityas auf Erden — [Die Beziehung der Satzteile ist gestört.]
11.69 niḥśabdāścaiva bāṇena vedavismāriṇo dvijāḥ |
mantravismaraṇenaiva yajñavidyā nirāsitā || 11-69 ||
wurden die Brahmanen stumm und vergaßen den Veda. Mit dem Vergessen der Mantras ging das Wissen vom Opfer verloren.
11.70 tannāśato havirbhāgavarjitā balahānitaḥ |
nirvīyāśca nirudyogāstābhyāṃ devā nirākṛtāḥ || 11-70 ||
Durch dessen Untergang blieben die Götter ohne ihre Opferanteile, verloren ihre Kraft und wurden kraftlos und untätig von den beiden überwältigt.
11.71 itthaṃ vidrāvya vibuddhāṃstau hayagrīvasomakau |
viṣṇucakrāṅkitau tau ca samudrāntargṛhe sthitau || 11-71 ||
Nachdem Hayagriva und Somaka die Götter so vertrieben hatten, hielten sie sich, von Vishnus Diskus gezeichnet, in ihrer Behausung im Ozean auf.
11.72 tato viṣṇurmahāmatsyarūpadhārī sadā prabhuḥ |
yatnaṃ cakāra deveśi taduddharaṇahetave || 11-72 ||
Darauf nahm der Herr Vishnu die Gestalt eines großen Fisches an und bemühte sich um ihre Rettung, Herrin der Götter.
11.73 sahasradaṃṣṭrasya jhaṣasya rūpaṃ pāṭhīnanāmnaḥ paramo'tha viṣṇuḥ |
rūpaṃ gṛhītvā bhagavānananto viveśa devoddharaṇāya yatna(cābdhi)m || 11-73
||
Der höchste Vishnu, der erhabene Unendliche, nahm die Gestalt eines Pathina-Fisches mit tausend Zähnen an und trat zur Rettung der Götter in den Ozean ein.
11.74 varāharūpeṇa yathābdhimagnāṃ yuge yuge proddhṛtavān dharitrīm |
tathaiva matsyākṛtirambujākṣo viloḍayāmāsa samudrapūram || 11-74 ||
Wie er in Gestalt des Ebers von Weltalter zu Weltalter die im Meer versunkene Erde emporgehoben hatte, so wühlte der Lotosäugige in Fischgestalt die Fluten des Ozeans auf.
11.75 śrīmatsyarūpasya hareḥ śarīrādāvirbabhūvuśca bhujāścatasraḥ |
khaḍgaṃ tathā cakrakaśārṅgacāpau kaumodakī bāhucatuṣṭayena || 11-75 ||
Aus dem Leib Haris in Fischgestalt gingen vier Arme hervor; mit ihnen hielt er Schwert, Diskus, den Bogen Sharnga und die Keule Kaumodaki.
11.76 matsyasvarūpasya janārdanasya babhūva yuddhaṃ śaradāṃ sahasram |
tataśca śabdārthavimarśanārthaṃ niḥśvāsavātena balādagṛhṇāt || 11-76 ||
Janardana in Fischgestalt kämpfte tausend Jahre. Dann ergriff er sie gewaltsam mit dem Wind seines Atems, um Laut und Bedeutung wieder zugänglich zu machen.
11.77 apa(a)hṛtau tau haricakrakṛttau kaumodakītāḍanamūrcchitau ca |
mahāhave nāśamupāgatau tau daityau hayagrīvakasomakākhyau || 11-77 ||
Von Hari fortgerissen, von seinem Diskus zerschnitten und vom Schlag Kaumodakis betäubt, gingen die beiden Daityas Hayagriva und Somaka im großen Kampf zugrunde.
11.78 athāmbudhergartapurāstravāse niveśitāṃ tāṃ viṣakuṇḍamadhye |
matsyasvarūpī bhagavānananto niḥśvāsamātraikaśarīraśeṣām || 11-78 ||
Dann fand der erhabene Unendliche in Fischgestalt Sarasvati, die in der untermeerischen Höhlenfestung mitten im Giftbecken gefangen war und deren Körper nur noch durch einen Hauch lebte.
11.79 āśvāsayāmāsa sa gītavākyairhariḥ smitaṃ prāha sarasvatīṃ tām |
tritāravidyāṃ prathamaṃ jagāda samastamantraprakarasya mūlam || 11-79 ||
Hari tröstete sie mit gesungenen Worten und sprach lächelnd zu Sarasvati. Zuerst verkündete er die Tritara-Vidya, die Wurzel der gesamten Schar der Mantras.
11.80 tenāpi no saṃvidamāpa devī prāsādamantraṃ punarujjagāda |
tenāpi no saṃvidamāpa devī kāmeśvarīṃ so'tha jagāda viṣṇuḥ || 11-80 ||
Doch dadurch kam die Göttin nicht zu Bewusstsein. Er sprach erneut, diesmal den Prasada-Mantra; auch dadurch kam sie nicht zu Bewusstsein. Da sprach Vishnu die Kameshvari-Vidya.
11.81 evaṃ ṣaḍakṣaramanuṃ vacasāṃ savitrīmutthāpya tāṃ
saṃvidamābabhāṣe |
nīlāsi jātā viṣakuṇḍamadhye sarvāṅgapūrṇā smitavaktrapadme || 11-81 ||
So richtete er durch den sechssilbigen Mantra die Mutter der Rede auf und brachte sie zu Bewusstsein. Er sprach: »Mitten im Giftbecken bist du ganz blau geworden, du mit dem lächelnden Lotosantlitz!
11.82 yathā purā sarvamahāsurāṇāṃ mukhāntare yāhi ca vītayatnam |
vedān samuccāraya nāśayaitān ityādi vāṇī harimāha devī || 11-82 ||
Wie einst, gehe wieder mühelos in die Münder aller großen Götter ein, lass die Veden erklingen und vernichte diese Widersacher!« Darauf richtete die Göttin ihre Worte an Hari.
11.83 matsyāvatāreṇa surakṣitāhaṃ bhayaṃ bhavennaiva phalaṃ samāptam |
kiṃtvasya śobhākṛtiranyathā me nīlatvamāpteti nitāntacintā || 11-83 ||
»Durch die Fischverkörperung bin ich gerettet; Furcht besteht nicht mehr, das Ziel ist erreicht. Doch meine Schönheit hat sich verändert: Ich bin blau geworden. Das bereitet mir große Sorge.
11.84 niveśitāhaṃ viṣakuṇḍamadhye yatheti dūrībhavati kṣaṇena |
tathā kuruṣva prathitarupāyai ityukta īśo'pi jagāda lakṣmīm || 11-84 ||
Handle so, dass die Folgen meines Aufenthalts im Giftbecken augenblicklich schwinden und meine bekannte Gestalt wiederhergestellt wird!« So angesprochen, sprach der Herr zu Lakshmi [so die Vorlage; im Zusammenhang ist Sarasvati gemeint]:
11.85 mā tvaṃ śucaṃ yāhi cirāt savitri prāgasmyabhūvaṃ śaśiśuddhavarṇā |
ugreṇa hālāhalakarṣaṇena nīlatvamāptāsi kuto'tra doṣaḥ || 11-85 ||
»Gib dich nicht weiter dem Kummer hin, Mutter der Rede! Einst warst du rein wie der Mond; durch das gewaltige Einwirken des Halahala-Giftes bist du blau geworden. Wo liegt darin ein Fehler?« [Die überlieferte erste Person im zweiten Satz ist syntaktisch gestört.]
11.86 nīlyo vipaṇyo bhuvanasya śobhāṃ puṣṇanti nīlaḥ khalu deva eva |
nīlā mṛḍānī jagatāṃ savitrī nīlaṃ ca kaṇṭhe puraśāsanasya || 11-86 ||
Blaue Stoffe und Waren mehren die Schönheit der Welt; blau ist auch der Gott. Blau ist Mridani, die Mutter der Welten; blau ist der Hals des Zerstörers der Städte.
11.87 nīlo mahendraḥ suracakravartī nīlā jagajjīvanadāśca meghāḥ |
nīlaṃ nabhaḥ sarvajanāvakāśo nīlaḥ kalaṅkaḥ śaśidīptihetuḥ || 11-87 ||
Blau ist Mahendra, der Weltenherrscher unter den Göttern; blau sind die Wolken, die der Welt Leben schenken; blau ist der Himmel, der allen Raum gewährt; blau ist der Fleck im Mond, der zu seinem Glanz beiträgt.
11.88 nīlo'pyahaṃ sattvaguṇāśrayaśca nīlasya varṇasya kuto'sti doṣaḥ |
aśeṣabhūṣāmaṇibhūṣitāṅgyo vināñjanenākṣiniveśitena || 11-88 ||
Auch ich bin blau und ruhe in der Eigenschaft Sattva. Wo sollte in der blauen Farbe ein Fehler liegen? Selbst Frauen, deren Glieder mit allen Arten von Schmuck und Edelsteinen geziert sind, erscheinen ohne dunkle Augenschminke —
11.89 na rūpavatyo naca vā yuvatyo vilāsavatyo navayauvanāśca |
khyātiśca te nīlasarasvatīti khyātā bhavitrī bhuvanatraye'pi || 11-89 ||
nicht als schön, jugendlich und anmutig, auch wenn sie in frischer Jugend stehen. Dein Ruhm als »Nila-Sarasvati« wird in allen drei Welten bekannt werden.
11.90 tvadarthameva prayataṃ mayārye ṣāṭkauṣikī bālamṛgākṣi nityā |
ṣaḍarṇayogena hi jīvitāsi vinaṣṭaceṣṭā viṣakuṇḍamadhye || 11-90 ||
Für dich habe ich mich bemüht, Ehrwürdige, du mit den Augen eines jungen Rehs; die ewige Shatkaushiki [Lesung und Satzverbindung unsicher]. Durch die Verbindung der sechs Laute wurdest du wiederbelebt, als du mitten im Giftbecken jede Bewegung verloren hattest.
11.91 itthaṃ samāśva(a)sya vacobhirādyāṃ praṇamya cādāya sarasvatīṃ tām |
pravartayāmāsa mukhe dvijānāṃ punaḥ surāṇāṃ sukhahavyala(bdhau?bdhyai) ||
11-91 ||
Nachdem er die ursprüngliche Göttin so getröstet hatte, verneigte er sich vor Sarasvati, nahm sie mit und ließ sie wieder in die Münder der Zweimalgeborenen eingehen, damit die Götter erneut glücklich ihre Opfergaben empfangen konnten.
11.92 tataḥ prabhṛtyeva jagatpratītā mokṣapradā nīlasarasvatīti |
(...............................................................................................) || 11-92 ||
Seitdem ist sie in der Welt als »Nila-Sarasvati«, die Befreiung schenkt, bekannt. [Die zweite Vershälfte fehlt.]
11.93 asyā guptaṃ mahāmantraṃ sarvakāmaphalapradam |
yasya smaraṇamātreṇa vijayī bhuvi jāyate || 11-93 ||
Ihr großes geheimes Mantra schenkt die Frucht aller Wünsche. Schon durch die Erinnerung daran wird man auf Erden siegreich.
11.94 śṛṇu vakṣyāmi deveśi upāyaṃ sādhane priye |
yena deveśi bhadraṃ te bhaviṣyati suniścitam || 11-94 ||
Höre, Herrin der Götter, ich erkläre dir ein Mittel der Praxis, Geliebte, durch das dir gewiss Heil zuteilwerden wird.
11.95 mantraṃ śṛṇu varārohe japāt sārvajñadāyakam |
viṣṇuśaktirmahāśaktirvahnibījaṃ phaḍantakam || 11-95 ||
Höre das Mantra, du Schönhüftige, das durch Wiederholung Allwissenheit verleiht: Vishnu-Shakti, Mahashakti, das Feuer-Bija und Phaṭ als Abschluss.
11.96 varṇapañcakametat tu sārvajñakāraṇaṃ mahat |
yadākṣamālayā devi diksahasraṃ japed manum || 11-96 ||
Diese Folge von fünf Lauten ist eine große Ursache der Allwissenheit. Wenn man das Mantra mit einer Gebetskette zehntausendmal wiederholt, Göttin —
11.97 ājñāsiddhimavāpnoti nātra kāryā vicāraṇā |
ṣaṇmāsāt parato devi mahārājatvamāpnuyāt || 11-97 ||
erlangt man die Wirksamkeit des eigenen Gebots; daran soll man nicht zweifeln. Nach sechs Monaten gewinnt man große Königsmacht, Göttin.
11.98 anena sadṛśaṃ jñānamanena sadṛśaṃ tapaḥ |
nāsti nāsti mahāmāye tantramadhye sureśvari || 11-98 ||
Ein diesem vergleichbares Wissen, eine diesem vergleichbare Askese gibt es nicht, gibt es nicht, große Maya, innerhalb des Tantra, Herrin der Götter.
11.99 anena mantrarājena vaśyādikaṃ samācaret |
tataḥ siddho bhaved martyo nātra cintāvidhiḥ smṛtaḥ || 11-99 ||
Mit diesem König der Mantras vollziehe man Beeinflussung und die übrigen Anwendungen. Dann wird der Sterbliche vollendet; hier besteht kein Anlass zum Zweifel.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (mantroddhāratatprakārāntaranīlim-nirūpaṇamekādaśaḥ paṭalaḥ || 11 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das elfte Kapitel: die Darlegung der Mantragewinnung, ihrer anderen Formen und der blauen Färbung. [Der Sanskritkolophon ist verkürzt beziehungsweise fehlerhaft überliefert.]
Kapitel 12: Entstehungs- und Verehrungsordnungen
Begleitende Yoga-Vidya-Praxis: Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev Diese eigenständige Übung erläutert keine besonderen Ritualanweisungen dieses Kapitels.
12.1 śrībhairava uvāca |
idānīṃ śṛṇu vakṣyāmi vidyotpattiṃ varānane |
mahākālī jagaddhātrī tejorūpā jaganmayī || 12-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Höre jetzt; ich werde die Entstehung der Vidya erklären, du mit schönem Antlitz. Mahakali, die Trägerin der Welt, ist lichtförmig und allumfassend.
12.2 brahmarūpā mahādevī sarvakalyāṇahetukā |
golokādupari sthānaṃ maṇimuktādiśobhitam || 12-2 ||
Die große Göttin hat Brahmans Gestalt und ist die Ursache allen Heils. Oberhalb von Goloka liegt eine Stätte, geschmückt mit Edelsteinen, Perlen und anderem.
12.3 caturdvāraṃ catuṣkāṇḍaṃ caturasraṃ manoramam |
caturbhittisamākīrṇaṃ muktāhā(raṃ?rai)rmahojjvalam || 12-3 ||
Sie hat vier Tore, vier Bereiche und einen schönen viereckigen Grundriss, ist von vier Mauern umgeben und erstrahlt in Perlengirlanden.
12.4 sphaṭikastambhasaṃkrāntaṃ nṛtyagītādisaṃyutam |
nirmuktaṃ parameśāni paramaṃ nātra saṃśayaḥ || 12-4 ||
Sie ist mit Kristallsäulen ausgestattet, erfüllt von Tanz und Gesang, ganz frei und erhaben, höchste Herrin, daran besteht kein Zweifel.
12.5 iti te kathitaṃ divyaṃ kailāsasthānamuttamam |
gate jagati sarvāṃśe pralaye parame'naghe || 12-5 ||
So habe ich dir den göttlichen, vorzüglichen Ort Kailasa beschrieben. Als die ganze Welt in der höchsten Auflösung vergangen war, Makellose —
12.6 brahmaviṣṇuśivāstatra nyavasaṃstatra bhairavi |
bhīmanāmā mahārājā dhārmikaḥ paramaḥ pumān || 12-6 ||
— wohnten Brahma, Vishnu und Shiva dort, Bhairavi. Ein großer König namens Bhima war ein überaus rechtschaffener Mensch.
12.7 tasya dvāri mahādevi śivādyāḥ sakaleṣṭadāḥ |
tapasā ca mahādevi prītāste bhadrakekaye || 12-7 ||
An seiner Tür standen Shiva und die anderen, die alle Wünsche erfüllen. Durch seine Askese waren sie erfreut, große Göttin, du mit schönem Pfauenruf.
12.8 pralaye ca gate devi rājānaṃ rakṣituṃ śive |
brahmādyāḥ parameśāni upāyaṃ cakrire śive || 12-8 ||
Als die Auflösung eingetreten war, Göttin, ersannen Brahma und die anderen ein Mittel, um den König zu schützen, du Gütige.
12.9 antastattvaṃ samīkṣyaiva upāyaṃ ca varānane |
nyavasaṃstatra saṃprāptā devīrūpaṃ manoramam || 12-9 ||
Nachdem sie die innere Wirklichkeit und das Mittel erkannt hatten, du mit schönem Antlitz, verweilten sie dort und erreichten die schöne Gestalt der Göttin. [Der Satz ist in der Vorlage nicht eindeutig gefügt.]
12.10 vibhāgaṃ parameśāni vaṭapatrodare sthitāḥ |
bhagavatyā(ḥ) padaṃ dhyātvā lakṣavarṣaṃ tato'bhavat || 12-10 ||
Gesondert im Inneren eines Banyanblattes weilend, meditierten sie über den Fuß der Erhabenen. So vergingen hunderttausend Jahre.
12.11 jātā kālī parā nityā pratyakṣā tatra bhairavi |
prāha deva mahādeva bhavadbhiḥ stūyate'tra kā || 12-11 ||
Da erschien die höchste, ewige Kali sichtbar vor ihnen, Bhairavi. Sie sprach: Gott, großer Gott, wen preist ihr hier?
12.12 tatastāṃ dṛṣṭipathagāṃ jñātvā brahmādayaḥ surāḥ |
stavaṃ cakruḥ paraṃ tatra bhagavatyāḥ pade'bhavan || 12-12 ||
Als Brahma und die anderen Götter sie in ihr Blickfeld treten sahen, stimmten sie dort einen erhabenen Lobpreis an und befanden sich zu Füßen der Erhabenen.
12.13 namastubhyaṃ maheśāni paramānandarūpiṇi |
asmākaṃ prāṇarakṣārthamāgatāsi jalopari || 12-13 ||
Verehrung dir, große Herrin, Verkörperung höchster Wonne! Zum Schutz unseres Lebens bist du über dem Wasser erschienen.
12.14 namastubhyaṃ namastubhyaṃ namastubhyaṃ namo namaḥ |
namaste'stu mahāraudri kālarātri namo'stu te || 12-14 ||
Verehrung dir, Verehrung dir, Verehrung dir, wieder und wieder! Verehrung dir, große Schreckliche; Kalaratri, Verehrung dir!
12.15 tvāṃ vinā parame raudri pretatvaṃ gatavān bhavaḥ |
rakṣa rakṣa pare vidye trailokyabhuvanodare || 12-15 ||
Ohne dich, höchste Schreckliche, ist Bhava zu einem leblosen Körper geworden. Beschütze, beschütze uns, höchste Vidya, die du die drei Welten in deinem Schoß trägst!
12.16 madhukaiṭabhasaṃhantri nisumbhāsuramardini |
devaiśvaryaprade devi namaste śaṅkarapriye || 12-16 ||
Vernichterin von Madhu und Kaitabha, Bezwingerin des Dämons Nishumbha, Spenderin göttlicher Herrschaft: Verehrung dir, Göttin, Geliebte Shankaras!
12.17 candrasūryamaye devi parajyotiḥsvarūpiṇi |
stavābhibhāvabhūtā tvaṃ prasīda parameśvari || 12-17 ||
Göttin aus Mond und Sonne, Verkörperung höchsten Lichtes, du übersteigst jeden Lobpreis: Sei gnädig, höchste Herrin!
12.18 ityuktvā praṇipatyāpi praṇamantaḥ punaḥ punaḥ |
kirīṭenārkavarṇena kālīpade'spṛśan priye || 12-18 ||
So sprachen sie, warfen sich nieder und verneigten sich immer wieder. Mit ihren sonnenfarbenen Kronen berührten sie Kalis Füße, Geliebte.
12.19 varaṃ vṛṇu mahābhāgā bhagavatyoktamuttamam |
rakṣāṃ kuru mahāmāye namaste śaṅkarapriye || 12-19 ||
Die Erhabene sprach: Wählt einen vorzüglichen Segen, ihr Glücklichen! [Sie antworteten:] Gewähre uns Schutz, große Maya; Verehrung dir, Geliebte Shankaras!
12.20 tathāstviti vacaḥ kṛtvā sṛṣṭyādī(n)kurutānaghāḥ ! |
brahmovāca |
kena rūpeṇa deveśi sṛṣṭisthityādikaṃ bhavet |
iti tasya vacaḥ śrutvā bhavānī bhavamohinī || 12-20 ||
Sie sprach: So sei es! Vollzieht Schöpfung und die weiteren Aufgaben, ihr Makellosen! Brahma sprach: Auf welche Weise können Schöpfung, Erhaltung und die anderen Vorgänge geschehen, Herrin der Götter? Als Bhavani, die Bhava bezaubert, dies hörte —
12.21 kathayāmāsa sarvāṃstān va(vadustā?radā sā)surān varān |
mama pādarajo nītvā upādānātmakaṃ śivam || 12-21 ||
— sprach die Segenspenderin zu all diesen vorzüglichen Göttern: Nehmt den Staub meiner Füße als heilvollen stofflichen Grund.
12.22 sṛṣṭyādīn kuruta prājñā yena siddhirbhaviṣyati |
tatpādaprabhavaṃ nītvā rajo devi śive śubhe || 12-22 ||
Vollzieht daraus Schöpfung und die weiteren Aufgaben, ihr Weisen; so wird Vollendung entstehen. Sie nahmen den von ihren Füßen stammenden Staub, du gütige Göttin.
12.23 sṛṣṭiṃ kartuṃ tato brahmā sthitau viṣṇuḥ pravartakaḥ |
saṃhāre rudra evāsau prāvartayata satvaram || 12-23 ||
Brahma begann damit die Schöpfung, Vishnu die Erhaltung, und Rudra setzte rasch die Auflösung in Gang.
12.24 sṛṣṭirāvirbabhūvātha sarvadevavarottamaiḥ |
sanakādyā sanandādyā sandhyā cāpi vyajāyata || 12-24 ||
So trat die Schöpfung durch die besten aller Götter hervor. Sanaka und die anderen, Sanandana und die anderen sowie Sandhya entstanden.
12.25 prajāḥ sasarja deveśaḥ sarvabhūtamayīḥ śubhāḥ |
sthitiṃ viṣṇurmahābhāgaścakāra jagatāṃ vibhuḥ || 12-25 ||
Der Götterherr schuf die heilvollen Geschöpfe in ihrer ganzen Vielfalt. Der erhabene Vishnu, der Herr der Welten, bewirkte ihre Erhaltung.
12.26 prasaṃharati rudraśca sṛṣṭerevaṃ kramaṃ śṛṇu |
svarge devā mahādevi indro rājā tu tatra vai || 12-26 ||
Rudra löst sie wieder auf. Höre so die Ordnung der Schöpfung: Im Himmel sind die Götter, große Göttin, und dort ist Indra König.
12.27 martyalokaṃ sanāthāḍhyaṃ rājā ca bhagavān manuḥ |
pātālaṃ sarvanāgāḍhyaṃ nirmame jagatāṃ vibhuḥ || 12-27 ||
Die Menschenwelt stattete der Weltenherr mit Beschützern aus; ihr König ist der erhabene Manu. Die Unterwelt schuf er reich an allen Nagas.
12.28 tatra rājā virādhākhyaḥ prajāpālanatatparaḥ |
tato brahmā ca viṣṇuśca rudraścaiva sadāśivaḥ || 12-28 ||
Dort ist der König namens Viradha dem Schutz seiner Untertanen ergeben. Brahma, Vishnu, Rudra und Sadashiva —
12.29 svasvakarmaṇi ghūrṇante prabhavanti gaṇeśvari |
tatastu parameśāni raudrī rātrirudīritā || 12-29 ||
— bewegen sich in ihren jeweiligen Tätigkeiten und wirken darin, Herrin der Scharen. Darauf wird die schreckliche Nacht genannt, höchste Herrin.
12.30 asurāstatra deveśi pradudruvurmahābhayāḥ |
svargān nirākṛtāstaistu bhayānakabhayārditāḥ || 12-30 ||
Da stürmten furchtbare Asuras heran, Herrin der Götter. Von ihnen aus dem Himmel vertrieben und von entsetzlicher Furcht gequält —
12.31 indrādayaḥ suragaṇā brahmaviṣṇuśivātmikām |
āgacchaṃstu mahādevīṃ svasvakāryārthasādhakāḥ || 12-31 ||
— kamen Indra und die Götterscharen zur großen Göttin, die Brahma, Vishnu und Shiva in sich umfasst, um ihre jeweiligen Anliegen zu verwirklichen.
12.32 tvameva jagatāṃ nāthastvayi sarvaṃ pratiṣṭhitam |
tvameva havyaṃ(heto?hotā)ca bhojyaṃ bhoktā ca śāśvataḥ || 12-32 ||
Du allein bist der Herr der Welten; in dir ist alles gegründet. Du bist die Opfergabe und der Opfernde, die Speise und der ewige Genießende.
12.33 vedyaṃ vedayitā cāsi dhyātā dhyeyaṃ ca tatparaḥ |
tvaṃ pitṛṇāmapi pitā devānāmapi devatā || 12-33 ||
Du bist das zu Erkennende und der Erkennende, der Meditierende und das Meditationsziel. Du bist selbst der Vater der Ahnen und die Gottheit der Götter.
12.34 parato'pi paraścāpi vidhātā vedhasāmapi |
parabrahmasvarūpastvaṃ prasīda parameśvari || 12-34 ||
Du stehst über dem Höchsten und bist der Schöpfer selbst der Schöpfer. Du verkörperst das höchste Brahman; sei gnädig, höchste Herrin!
12.35 iti teṣāṃ vacaḥ śrutvā devī cāditijanmanām |
prāha devāḥ ! paro dharmaḥ parāt parataro'pi ca || 12-35 ||
Als die Göttin diese Worte der Söhne Aditis hörte, sprach sie: Götter, höchste Rechtschaffenheit, höher als das Hohe — [Der überlieferte Satzanschluss ist unklar.]
12.36 kiṃ kāraṇaṃ mahābhāgāḥ! yatnaṃ kuruta sādaram |
evaṃ śrutvā tato brahmā provāca vadatāṃ varaḥ || 12-36 ||
Was ist der Grund, ihr Glücklichen? Bemüht euch mit Aufmerksamkeit! Als Brahma dies hörte, sprach der Beste der Redner.
12.37 mahendrasya na caiśvaryaṃ śāmyate na ca tena sā |
viṣṇvādiko mahān bhūtastena śāmyenna saṃśayaḥ || 12-37 ||
Mahendra besitzt keine Herrschaft mehr; durch ihn wird jene nicht beruhigt. Ein Mächtiger wie Vishnu wird sie beruhigen, ohne Zweifel. [Der Bezug von »jene« bleibt unklar.]
12.38 yayau brahmā mahendreṇa golokaṃ sahito mudā |
nānāvidhairmaheśāni vākyaiśca parameśvaram || 12-38 ||
Brahma ging freudig mit Mahendra nach Goloka. Mit vielerlei Worten pries er den höchsten Herrn, große Herrin.
12.39 tuṣṭāva paramānandaṃ svakāryoddharaṇāya ca |
iti tasya vacaḥ śrutvā brahmaṇaḥ parameṣṭhinaḥ || 12-39 ||
Er pries den von höchster Wonne Erfüllten, um sein Anliegen zu fördern. Als Vishnu die Worte des höchsten Brahma hörte —
12.40 uvāca sādaraṃ viṣṇurna mayā śakyate vibho |
brahmaviṣṇū maheśāni āgatau mama gocare || 12-40 ||
— sagte er ehrerbietig: Ich vermag es nicht, Herr. Darauf kamen Brahma und Vishnu vor mich, große Herrin.
12.41 stavairbahuvidhairdivyaistuṣṭuvatuḥ paraṃ śubhe |
mayoktaṃ parameśāni etān hantuṃ na śakyate || 12-41 ||
Mit vielfältigen göttlichen Lobgesängen priesen sie mich, den Höchsten, du Gütige. Ich sagte: Diese zu töten ist nicht möglich, große Herrin.
12.42 iti madvacanaṃ śrutvā brahmaviṣṇū samāhitau |
prāñjaliṃ ca tato baddhvā pratuṣṭuvaturmāṃ ciram || 12-42 ||
Als Brahma und Vishnu meine Worte hörten, falteten sie gesammelt die Hände und priesen mich lange.
12.43 tataḥ paraṃ mahādevi kathitaṃ sarvamohanam |
na śaktirmama tatrāsti samarthā tadvimardane || 12-43 ||
Dann sprach ich, große Göttin, das alle Bezaubernde: Ich besitze keine Kraft, die fähig wäre, jene zu zerschmettern.
12.44 asti kālī mahātīrthe kailāse bhavagehinī |
parame ca śive devī saṃsthitā viśvamohinī || 12-44 ||
Doch Kali, Bhavas Gemahlin, weilt am großen heiligen Ort Kailasa. Im höchsten Shiva ist die weltbezaubernde Göttin gegründet.
12.45 saiva kālī mahāvidyā'jñānendhanapradīpanī |
tato brahmā ca viṣṇuśca rudro'haṃ parameśvari || 12-45 ||
Sie ist Kali, die große Vidya, die den Brennstoff der Unwissenheit entzündet. Darauf machten sich Brahma, Vishnu und ich, Rudra, auf, höchste Herrin.
12.46 mahākālīdarśanāya vayaṃ tatra gatāḥ śubhe |
tejorūpadhare devi mahānāthe harapriye || 12-46 ||
Wir gingen dorthin, um Mahakali zu schauen, du Gütige. Göttin, die du Lichtgestalt trägst, große Herrin, Geliebte Haras!
12.47 devadānavagandharvahitāya parameśvari |
prasīda sarvakalyāṇi namaste śārade'naghe || 12-47 ||
Sei gnädig zum Wohl der Götter, Danavas und Gandharvas, höchste Herrin, du ganz Heilvolle! Verehrung dir, Sharada, Makellose!
12.48 iti teṣāṃ vacaḥ śrutvā mahākālī mahāśivā |
devānāṃ prītaye devi pratyakṣarūpatāṃ gatā || 12-48 ||
Als Mahakali, die große Gütige, diese Worte hörte, nahm sie zur Freude der Götter eine sichtbare Gestalt an.
12.49 devī uvāca |
kiṃ yācata surāḥ sarve varaṃ vṛṇu tapoghanāḥ! |
yat (yat)kāmayamānāḥ stha tat sarvaṃ(śṛṇutā?vadatā)marāḥ || 12-49 ||
Die Göttin sprach: Was erbittet ihr, Götter? Wählt einen Segen, ihr von Askese Erfüllten! Was immer ihr begehrt, nennt es alles, Unsterbliche.
12.50 devā ūcuḥ |
bhītā mahāsurairdevi yajñakāṇḍaṃ nivartitam |
teṣāṃ vadhāya devi tvaṃ prasīda sarvagocare || 12-50 ||
Die Götter sprachen: Von den großen Asuras sind wir in Furcht versetzt, Göttin, und die Opfertätigkeit ist unterbrochen. Sei gnädig, du allen Gegenwärtige, und töte sie!
12.51 iti teṣāṃ vacaḥ śrutvā devī cāditijanmanām |
prasannā sā mahādevī nīlarūpā varāṅganā || 12-51 ||
Als die Göttin diese Worte der Söhne Aditis hörte, wurde sie gnädig: die große Göttin, die schöne Frau von blauer Gestalt.
12.52 nīlasarasvatī khyātā sṛṣṭasarvavimohinī |
tasyā utthāya sā devī nīlavāṇīti śabditā || 12-52 ||
Als Nila-Sarasvati wurde die von ihr hervorgebrachte, alles bezaubernde Göttin bekannt. Aus ihr erhoben, hieß diese Göttin Nila-Vani.
12.53 kimājñāpaya devi tvaṃ tat karomi prahelayā |
tasyāstadvacanaṃ śrutvā mahākālīti cinmayī || 12-53 ||
Was befiehlst du, Göttin? Ich werde es spielend tun. Als die bewusstseinsförmige Mahakali diese Worte von ihr hörte —
12.54 uvāca sādaraṃ devi snehagadgadayā girā |
līlayā vākpradā ceti tasmānnīlasarasvatī || 12-54 ||
— sprach sie ehrerbietig mit vor Liebe stockender Stimme: Weil du spielend Rede verleihst, heißt du Nila-Sarasvati.
12.55 devi tvaṃ prathitā sādhvi nīlavāṇīti(bhāvinī?tāriṇī) |
tasyāḥ prabhāvavṛndaiśca vyāptaṃ sarvaṃ jagat trayam || 12-55 ||
Göttin, du wirst als Nila-Vani bekannt sein, du Gute, Tarini [die Lesung des letzten Namens ist unsicher]. Mit der Fülle ihrer Macht wurden die ganzen drei Welten erfüllt.
12.56 gaccha tvaṃ parameśāni matsvarūpā varānane |
devakāryahitārthāya nirmitā tvaṃ śucismite || 12-56 ||
Geh, höchste Herrin, du mit schönem Antlitz, die du meine eigene Gestalt bist! Zum Wohl der Angelegenheiten der Götter bist du erschaffen, du rein Lächelnde.
12.57 iti tasyā vacaḥ śrutvā tāriṇī viśvamohinī |
devān prāha mahābhāgāḥ! gacchata yatra te'surāḥ || 12-57 ||
Als Tarini, die Bezauberin der Welt, diese Worte hörte, sprach sie zu den Göttern: Geht, ihr Glücklichen, dorthin, wo jene Asuras sind.
12.58 ahaṃ tatra gamiṣyāmi sarvathā sannidhau surāḥ |
ityuktvā sā mahādevī tāriṇī kāmacāriṇī || 12-58 ||
Ich werde ebenfalls dorthin kommen und euch in jeder Hinsicht nahe sein, Götter. So sprach die große Göttin Tarini, die sich nach freiem Wunsch bewegt.
12.59 antarhitā mahāmāyā māyārūpavatī ca sā |
mahāmāyā sadānandā sarvadevamayī śubhā || 12-59 ||
Dann verschwand sie, die große Maya in Maya-Gestalt, die stets wonnevolle, heilvolle Göttin, die alle Götter umfasst.
12.60 e(yā?ṣā) ca sarvadevānāṃ gāyatrī ca manoramā |
gāyatrī saiva sāvitrī saiva brahmasvarūpiṇī || 12-60 ||
Sie ist auch die schöne Gayatri aller Götter. Diese Gayatri ist Savitri und verkörpert Brahman.
12.61 yāmāsādya mahātmāno dharmakāmārthamuktiṣu |
nāsādyaṃ menire kiñcit triṣu lokeṣu sundari || 12-61 ||
Nachdem die Großgesinnten sie erreicht hatten, hielten sie unter den drei Welten nichts mehr für unerreichbar: weder Rechtschaffenheit noch Lust, Wohlstand oder Befreiung, Schöne.
12.62 kavitvaṃ paramaiśvaryaṃ mahādevyāḥ prasādataḥ |
īśatvaṃ gatavān indraḥ viṣṇutvaṃ gatavān hariḥ || 12-62 ||
Dichtkunst und höchste Herrschaft entstehen durch die Gnade der großen Göttin. Indra gelangte zur Herrschaft, Hari zum Vishnusein.
12.63 śivatvaṃ gatavān rudraḥ sarvaiśvaryayuto mahān |
iti tadvacanaṃ śrutvā devāḥ sarvairnamaskṛtāḥ || 12-63 ||
Rudra gelangte zum Shivasein, groß und mit aller Herrschaft versehen. Als die von allen geehrten Götter diese Worte hörten —
12.64 kirīṭenārkavarṇena spṛśantastatpadāmbujam |
namaskṛtya namaskṛtya punarnatvā maheśvarīm || 12-64 ||
— berührten sie mit ihren sonnenfarbenen Kronen ihre Lotusfüße, verneigten sich wieder und wieder und beugten sich erneut vor der großen Herrin.
12.65 sarvaṃ kāryaṃ mahādevi na kiñcidavaśiṣyate |
saṃsmṛtā saṃsmṛtā devi hiṃsethāḥ paramāpadaḥ || 12-65 ||
Alle Aufgaben [sind durch dich erfüllt], große Göttin; nichts bleibt übrig. Immer wenn wir uns deiner erinnern, Göttin, vernichte die schwersten Gefahren!
12.66 iti natvā mahādevīṃ sarvakāmavareśvarīm |
āgatāste punastatra sthitiryatra śive (naghe?nage) || 12-66 ||
So verneigten sie sich vor der großen Göttin, der Herrin aller gewünschten Segnungen, und kehrten zu ihrem Aufenthaltsort auf dem Berg zurück.
12.67 pañcavarṣaṃ gataṃ tatra devānāṃ divyajanmanām |
bhraṣṭarājyāḥ parātaṅkā martyā iva nagopari || 12-67 ||
Fünf Jahre vergingen dort für die göttlich geborenen Götter. Ihres Reiches beraubt und in großer Angst lebten sie wie Sterbliche auf dem Berg.
12.68 indrādayaḥ suragaṇāḥ punardevīṃ samasmaran |
gatāḥ sarve nagaṃ śuddhaṃ yatrāste sundarī śivā || 12-68 ||
Indra und die Götterscharen erinnerten sich erneut an die Göttin. Alle gingen zum reinen Berg, wo die schöne Gütige weilt.
12.69 āsanaṃ svāgataṃ pādyamarghyamācamanīyakam |
madhuparkācamasnāna - vasanābharaṇāni ca || 12-69 ||
Sitz, Begrüßung, Fußwasser, Ehrengabe, Mundspülwasser, Madhuparka, erneutes Mundspülwasser, Bad, Gewand und Schmuck —
12.70 gandhapuṣpe dhūpadīpau naivedyaṃ vandanaṃ śive |
ṣoḍaśairupacāraiśca devīṃ nīlasarasvatīm || 12-70 ||
— Duft und Blumen, Räucherwerk und Licht, Speisegabe und Verneigung: Mit diesen sechzehn Verehrungsgaben [verehrten sie] Nila-Sarasvati.
12.71 pūjayitvā baliṃ dattvā śivāyai vividhaiḥ śubhaiḥ |
japaṃ cakāra deveśi devavṛndaḥ surottamaḥ || 12-71 ||
Nachdem die vortreffliche Götterschar die Gütige mit vielfältigen schönen Gaben verehrt und das Opfer dargebracht hatte, vollzog sie die Wiederholung, Herrin der Götter.
12.72 mahāmantraṃ pūrvamuktaṃ lakṣaṃ japtvā maheśvari |
ayutaṃ cājuhodajyaiḥ padmapuṣpairmanoramaiḥ || 12-72 ||
Sie wiederholten das zuvor genannte große Mantra hunderttausendmal und brachten zehntausend Feueropfer mit Ghee und schönen Lotusblüten dar.
12.73 homaṃ cakrustilayuktaiḥ śarkarāsahitairapi |
evaṃ hutvā mahādevi daśāṃśenābhiṣecanam || 12-73 ||
Sie opferten auch Sesam mit Zucker. Nach diesem Feueropfer vollzogen sie die Begießung mit einem Zehntel der Anzahl.
12.74 daśāṃśaistarpaṇaṃ devi kṛtaṃ sarvairmaheśvari |
samāpte ca tato devīṃ pūjayitvā mahāniśi || 12-74 ||
Mit einem weiteren Zehntel vollzogen alle die Wasserspende, Göttin. Nach Abschluss verehrten sie die Göttin in tiefer Nacht.
12.75 baliṃ dattvā mahādevyai surāhārāḥ surāstathā |
evaṃ niyamamānena kṛtaṃ karma manoramam || 12-75 ||
Sie brachten der großen Göttin das Opfer dar und nahmen Wein zu sich. So wurde die schöne Handlung nach dem Maß der Regeln vollzogen.
12.76 tato bhagavatī devī devaiḥ smṛtā maheśvari |
santuṣṭā sā mahādevī nīlarūpā mahodarī || 12-76 ||
Darauf gedachten die Götter der erhabenen Göttin. Zufrieden war die große Göttin, blaugestaltig und mit großem Leib.
12.77 devāgre parameśāni pratyakṣatvamupāgatā |
kiṃ karomi kva gacchāmi brūta devāḥ! samāhave || 12-77 ||
Sie erschien sichtbar vor den Göttern und sprach: Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? Sagt es, Götter, im Kampf!
12.78 devā ūcuḥ |
praṇamā(mi?mo)mahādevi prasannā bhava ceśvari |
tato bhagavatī devī nīlarūpā manoramā || 12-78 ||
Die Götter sprachen: Wir verneigen uns, große Göttin; sei gnädig, Herrin! Darauf sah die erhabene, schöne, blaugestaltige Göttin —
12.79 dṛṣṭvā surasamūhān sā tāriṇī sarvakāmadā |
svadehataḥ parāḥ sṛṣṭā vidyā dvādaśa īritāḥ || 12-79 ||
— Tarini, die alle Wünsche erfüllt, die Götterscharen an und brachte aus ihrem eigenen Leib die höchsten Vidyas hervor, die hier als zwölf bezeichnet werden.
12.80 kālī caiva mahādevī mahāvidyā tathaiva ca |
ṣoḍaśī bhuvaneśānī bhairavī cchinnamastakā || 12-80 ||
Kali, Mahadevi, Mahavidya, Shodashi, Bhuvaneshani, Bhairavi und Chinnamastaka —
12.81 dhūmāvatī ca bagalā mātaṅgī kamalātmikā |
etā vidyā mahādevi siddhividyāḥ prakīrtitāḥ || 12-81 ||
— Dhumavati, Bagala, Matangi und Kamalatmika: Diese werden als vollendete Vidyas bezeichnet, große Göttin. [Die zuvor genannte Zahl zwölf wird von der vorliegenden Namensfolge nicht eindeutig erfüllt.]
12.82 mahādevyāḥ sarasvatyā dehodbhūtā varānane |
anyāśca mātarastasyā dehājjātā varānane || 12-82 ||
Sie sind aus dem Leib der großen Göttin Sarasvati entstanden, du mit schönem Antlitz. Auch weitere Mütter gingen aus ihrem Leib hervor.
12.83 sarvā devyāḥ parānande nṛtyanti caraṇāntike |
tato'surān nihatyaiva punardevān maheśvari || 12-83 ||
Alle Göttinnen tanzen in höchster Wonne nahe ihren Füßen. Nachdem sie die Asuras getötet hatte, setzte sie die Götter wieder ein, große Herrin.
12.84 saṃsthāpayāmāsa tadā svasvasthānaṃ gatāstadā |
iti prakāraṃ deveśi śṛṇu bhairavi manmukhāt || 12-84 ||
Sie stellte sie wieder her, und sie gingen an ihre jeweiligen Orte. So höre diesen Vorgang aus meinem Mund, Bhairavi, Herrin der Götter.
12.85 tava snehād varārohe prakāśamupapāditam |
etat te kathitaṃ devi vidyotpattirmaheśvari || 12-85 ||
Aus Liebe zu dir wurde er offenbart, du Schöne. So habe ich dir die Entstehung der Vidyas erklärt, große Herrin.
12.86 sarvatantreṣu deveśi gopanīyā sureśvari |
tasmāt parataraṃ nāsti tantramadhye maheśvari || 12-86 ||
In allen Tantras ist sie geheim zu halten, Götterherrin. Nichts Höheres gibt es unter den Tantras, große Herrin.
12.87 eṣā te kathitā vidyā sarvasārottamottamā |
idānīṃ śṛṇu deveśi sārvajñakāraṇaṃ matam || 12-87 ||
Diese Vidya, die höchste Essenz aller Essenzen, habe ich dir erklärt. Höre jetzt, was als Ursache der Allwissenheit gilt.
12.88 rātrau prathamayāme tu maṅgale vāsare śive |
caturhastapramāṇāṃ hi vediṃ kṛtvā manoramām || 12-88 ||
An einem Dienstag, im ersten Nachtviertel, du Gütige, bereite man einen schönen Altar von vier Hasta Maß [vier Ellen].
12.89 sindūreṇa maheśāni yantraṃ nirmāya sādhakaḥ |
tāmrasyopari saṃsthāpya veṣṭayed raktavāsasā || 12-89 ||
Der Übende fertige das Yantra mit Zinnober, stelle es auf Kupfer und umhülle es mit rotem Stoff.
12.90 tilapūrṇaṃ ghaṭaṃ tatra sthāpayet suravandite |
pūrvamuktaṃ mantrabījaṃ tenaiva japamācaret || 12-90 ||
Dort stelle man einen mit Sesam gefüllten Krug auf, du von den Göttern Verehrte. Mit der zuvor genannten Mantrakeimsilbe vollziehe man die Wiederholung.
12.91 pūrvāsyo hi japaṃ kuryad viśed raktāsane sudhīḥ |
bhūrje vilikhya deveśi sādhyanāma vidarbhitam || 12-91 ||
Nach Osten gewandt und auf einem roten Sitz sitzend, rezitiere der Kundige. Auf Birkenrinde schreibe man [das Mantra], mit dem Namen der Zielperson durchsetzt.
12.92 tadadhaḥ sthāpayed devi viśet tadupari priye |
raktavastraṃ paridhāya uṣṇīṣaṃ lohitaṃ śive || 12-92 ||
Man lege es darunter und setze sich darauf, Geliebte. Man trage rote Kleidung und ein rotes Kopftuch, du Gütige.
12.93 japet pūrvamukho devi pūjayet parameśvarīm |
sindūrāruṇavigrahāṃ karatale vāme ca muṇḍaṃ tathā
karṇe savye śaveśaṃ pariṇamitajaṭākeśapāśena yuktā(m) |
dhyāyedaṭṭāṭṭahāsāṃ (............?) raktadhārāviśeṣā
raktākhyā pūrṇamūlā vidadhatu(?)(su)varaṃ kāmarūpā varāṅgī || 12-93 ||
Nach Osten gewandt rezitiere und verehre man die höchste Herrin. Man meditiere über sie mit zinnoberrotem Leib, einem Kopf in der linken Hand, einem Leichnam am linken Ohr und gebundenen Haarsträhnen; sie lacht laut auf. [Textlücke.] Mit besonderen Blutströmen, als Rakta benannt, von erfülltem Ursprung und wunschwandelnder schöner Gestalt, möge sie den vorzüglichen Segen geben. [Mehrere Wörter dieser Meditationsstrophe sind unsicher.]
12.94 iti dhyātvā mahādevīṃ pūjayet parameśvarīm |
daśasāhasrajāpyena japaṃ kuryācśucismite || 12-94 ||
So meditiere man über die große Göttin und verehre die höchste Herrin. Zehntausendmal vollziehe man die Wiederholung, du rein Lächelnde.
12.95 homayet taddaśāṃśena daśāṃśaistarpaṇaṃ caret |
taddaśāṃśairmaheśāni abhiṣecanamācaret || 12-95 ||
Mit einem Zehntel davon vollziehe man das Feueropfer, mit dessen Zehntel die Wasserspende und mit wiederum einem Zehntel die Begießung.
12.96 tato devi mahābhāge japahomādikaṃ caret |
pañcadinaprayogeṇa siddho bhavati sādhakaḥ || 12-96 ||
So vollziehe man Wiederholung, Feueropfer und die übrigen Handlungen, große Göttin. Durch eine fünftägige Anwendung werde der Übende vollendet.
12.97 iti te kathitaṃ devi prayogasāramuttamam |
sarvasiddhipradaṃ devi sarvāpadvinivārakam || 12-97 ||
So habe ich dir die vorzüglichste Essenz der Anwendungen erklärt, Göttin, die alle Vollkommenheiten verleiht und alle Gefahren abwendet.
12.98 puṣpavantau yadi vṛthā tadā niṣphalabhāg bhavet |
asmāt parataraṃ nāsti satyaṃ suragaṇārcite || 12-98 ||
Nur wenn Sonne und Mond vergeblich wären, bliebe auch dies ohne Frucht. Nichts Höheres gibt es, wahrlich, du von den Götterscharen Verehrte.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (vidyotpatti sṛṣṭikramapūjādisādhana nirūpaṇaṃ) dvādaśaḥ paṭalaḥ || 12 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das zwölfte Kapitel: die Darlegung der Entstehung der Vidyas, der Schöpfungsfolge und der Verehrungspraxis.
Kapitel 13: Mahakali

13.1 śrībhairava uvāca |
atha vakṣye maheśāni sāvadhānāvadhāraya |
mahākālyāḥ paraṃ mantraṃ sarvasārasvatapradam || 13-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Nun erkläre ich das höchste Mantra Mahakalis, das alle Gaben Sarasvatis verleiht. Höre aufmerksam zu, große Herrin.
13.2 yāmāhurādyāṃ prakṛtiṃ varāṅganāṃ
pramāturādyāṃ sakalāṃ turīyām |
parāparāmbāṃ varadāṃ vareṇyāṃ
vīreśvarīṃ sādhakasiddhidātrīm || 13-2 ||
Sie nennen sie die ursprüngliche Prakriti, die schöne Frau, den Ursprung des Erkennenden, die Ganze, den vierten Zustand, die höchste und nichthöchste Mutter, Segenspenderin, Erwählenswerte, Herrin der Helden und Spenderin der Vollendung für die Übenden.
13.3 yāmādyāṃ prakṛtiṃ prāhuḥ kālīṃ kālasvarūpiṇīm |
tasyā mantraṃ mahāmantraṃ mantrasāramimaṃ priye || 13-3 ||
Sie nennen Kali, die Verkörperung der Zeit, die ursprüngliche Prakriti. Ihr großes Mantra, die Essenz der Mantras, ist dieses, Geliebte.
13.4 yajjñātvā sādhakāḥ sarve siddhiṃ prāpurmaharṣayaḥ |
śivarūpā śavārūḍhā varadā bhayanāśinī || 13-4 ||
Durch seine Erkenntnis erlangten alle Übenden und großen Seher Vollendung. Sie hat Shivas Gestalt, steht auf einem Leichnam, gewährt Segen und vernichtet Furcht.
13.5 sarvakāmapradā devī sarvavismayakāriṇī |
nātra cittādiśuddhiḥ syād na cāmitrādidūṣaṇam || 13-5 ||
Die Göttin schenkt alle Wünsche und ruft überall Staunen hervor. Hier ist keine Reinigung des Geistes und dergleichen erforderlich, und keine Beeinträchtigung durch feindliche [Mantraverhältnisse].
13.6 na kālaniyamastatra mahāmantrasya sādhane |
na vāraṃ na ca nakṣatraṃ na ca tithyādidūṣaṇam || 13-6 ||
Bei der Übung dieses großen Mantras gibt es keine Zeitregel, keine Beeinträchtigung durch Wochentag, Mondhaus, Mondtag und dergleichen.
13.7 gurucintā na caivātra mahākālyāśca sādhane |
mantraṃ śṛṇu varārohe sarvasārasvatapradam || 13-7 ||
Auch eine Erwägung über den Guru ist bei Mahakalis Praxis hier nicht vorgesehen. Höre das alle Gaben Sarasvatis verleihende Mantra, du Schöne.
13.8 mahāśaktidvayaṃ devi śabdabījadvayaṃ tataḥ |
nijabījatrayaṃ caiva dakṣiṇe kālike - padam || 13-8 ||
Zweimal Mahashakti, Göttin, dann zweimal die Klang-Keimsilbe, dreimal die eigene Keimsilbe und die Worte »Dakshine Kalike«.
13.9 saṃhārakramayogena pūrvabījāni coccaret |
vartulādyaṃ mahāmantraṃ vahnipriyāntakaṃ śive || 13-9 ||
Dann spreche man die vorherigen Keimsilben in der Auflösungsfolge. Das große Mantra beginnt mit dem »Runden« und endet mit der Geliebten des Feuers, du Gütige.
13.10 trayoviṃśatyakṣarātmā manuḥ paramaśobhanaḥ |
anena mantrarājena śivo'haṃ nātrasaṃśayaḥ || 13-10 ||
Der überaus schöne Spruch besteht aus dreiundzwanzig Silben. Durch diesen König der Mantras bin ich Shiva, daran besteht kein Zweifel.
13.11 bhairavo'sya ṛṣiḥ prokto uṣṇik chanda udāhṛtam |
mahākālī devatā ca lajjābījaṃ tu bījakam || 13-11 ||
Bhairava gilt als sein Seher, Ushnih als sein Versmaß, Mahakali als seine Gottheit und die Lajja-Keimsilbe als sein Keim.
13.12 hū/bījaṃ mantraśaktiḥ syād viniyogaḥ prakīrtitaḥ |
dhyānaṃ śṛṇu varārohe japāt siddhipradāyakam |
yasyābhyāsavaśād devi paśavo vīratāṃ gatāḥ || 13-12 ||
Die Hu-Keimsilbe [so die auffällige Schreibung der Vorlage] ist die Mantrakraft; damit ist seine Zuordnung genannt. Höre die Meditation, die durch Wiederholung Vollendung schenkt und durch deren Übung Gebundene zu Helden geworden sind.
13.13 meghāṅgīṃ vigatāmbarāṃ śavaśivārūḍhāṃ trinetrāṃ(parāṃ)
karṇālambitabālayugmaśubhadāṃ muṇḍasrajā mālinīm |
vāme'dhordhvakarāmbuje naraśiraḥ khaḍgaṃ ca savyetare
dānābhīti vimuktakeśanicayāṃ vande mahāsundarīm || 13-13 ||
Ich verehre die große Schöne, wolkenfarbig und unbekleidet, auf Shiva als Leichnam stehend, dreiäugig, glückverheißend, mit zwei Kinderleichen als Ohrschmuck und einer Girlande aus Köpfen. In ihren linken Lotushänden trägt sie unten einen Menschenkopf und oben ein Schwert; die rechten gewähren Gabe und Furchtlosigkeit. Ihre Haare fallen offen herab.
13.14 iti dhyānena saṃpūjya toṣayet parameśvarīm |
gāyatrīṃ śṛṇu cārvaṅgi japāt sārvajñadāyikām || 13-14 ||
Mit dieser Meditation verehre und erfreue man die höchste Herrin. Höre die Gayatri, du Schöngegliederte, die durch Wiederholung Allwissenheit verleiht.
13.15 kālikāyai padaṃ coktvā vidmahe padamantaram |
śmaśānānte ca vāsinyai dhīmahīti padaṃ tataḥ || 13-15 ||
Man spreche »Kalikayai«, danach »vidmahe«, anschließend »shmashana« mit »vasinyai« und dann »dhimahi«.
13.16 tanno ghorā ca deveśi pracodayādanantaram |
japtā viṃśatidhā devī sarvasaṃpat pradāyinī || 13-16 ||
Dann »tan no ghora«, Herrin der Götter, und anschließend »pracodayat«. Zwanzigmal rezitiert, verleiht die Göttin alle Güter.
13.17 japed viṃśatisāhasraṃ puraścaraṇasiddhaye |
homayet tad daśāṃśena tad daśāṃśena tarpayet || 13-17 ||
Zur Vollendung der vorbereitenden Praxis rezitiere man zwanzigtausendmal, vollziehe mit einem Zehntel das Feueropfer und mit dessen Zehntel die Wasserspende.
13.18 daśāṃśenābhiṣekaṃ ca bhojayed brāhmaṇāṃstataḥ |
tadante mahatīṃ pūjāṃ kṛtvā sarvaṃ samācaret || 13-18 ||
Mit einem weiteren Zehntel vollziehe man die Begießung und speise danach Brahmanen. Zum Abschluss vollziehe man eine große Verehrung und alle zugehörigen Handlungen.
13.19 tato visarjayed devi ghaṭaṃ caiva jale kṣipet |
tat prayogamahaṃ vakṣye dṛṣṭādṛṣṭaphalapradam || 13-19 ||
Dann verabschiede man die Göttin und gebe den Krug ins Wasser. Ich werde die Anwendung erklären, die sichtbare und unsichtbare Frucht verleiht.
13.20 sādhite ca prayoge'smin mantrāḥ siddhyanti nānyathā |
gate tu(prahare?prathame)yāme tṛtīyapraharāvadhi || 13-20 ||
Wenn diese Anwendung vollzogen ist, werden die Mantras wirksam, nicht anders. Nach Ablauf des ersten Nachtviertels bis zum dritten —
13.21 prāṅgane cāthavā bhūmau sādhayed vīrasādhanam |
kadalīstambhamāropya vedikāṃ ca maheśvari || 13-21 ||
— vollziehe man im Hof oder auf dem Erdboden die Heldenpraxis. Man richte Bananenstämme und einen Altar auf, große Herrin.
13.22 ghaṭaṃ tatra ca saṃsthāpya sindūreṇasamanvitam |
āmrapallavametasmin pānasaṃ khādiraṃ tathā || 13-22 ||
Dort stelle man einen mit Zinnober versehenen Krug auf und gebe Mango-, Jackfrucht- und Khadira-Sprosse hinein.
13.23 aśvatthabadarīpatraṃ kṣipet kumbhe gaṇeśvari |
svarṇaṃ rupyaṃ tathā muktāṃ pravālaṃ sphaṭikaṃ tathā || 13-23 ||
Auch Ashvattha- und Jujubeblätter gebe man in den Krug, Herrin der Scharen, ferner Gold, Silber, Perlen, Koralle und Bergkristall.
13.24 etat sarvaṃ samutkṣipya sādhayed vīrasādhanam |
saṃlikhya mātṛkāyantraṃ tatropari viśenamudā || 13-24 ||
Nachdem man all dies hineingegeben hat, vollziehe man die Heldenpraxis. Man zeichne das Matrika-Yantra und setze sich freudig darauf.
13.25 kambale saṃviśenmantrī uttarāśāmukhaḥ sthitaḥ |
nānādravyaiḥ pūjayitvā annavyañjanasaṃyutam || 13-25 ||
Der Mantrakundige sitze auf einer Wolldecke nach Norden gewandt. Er verehre mit vielfältigen Gaben, Reis und Beilagen.
13.26 chāgamāṃsaṃ tathā sānnaṃ paramānnaṃ manoramam |
pāyasaṃ ca tathā devi mahādevyai pradāpayet || 13-26 ||
Ziegenfleisch mit Reis, vorzügliche süße Reisspeise und Milchspeise lasse man der großen Göttin darbringen.
13.27 ānīya yuvatīṃ ramyāṃ nānālaṅkārabhūṣitām |
keśasaṃskaraṇaṃ kṛtvā tāmbūlaṃ ca pradāpayet || 13-27 ||
Man führe eine schöne junge Frau herbei, geschmückt mit vielerlei Schmuck, ordne ihr Haar und gebe ihr Betel.
13.28 stanadvaye ramābījaṃ mukhe vāgbhavabījakam |
bhagapārśvadvaye devi likhet kāmadvayaṃ śive || 13-28 ||
Auf beide Brüste schreibe man die Rama-Keimsilbe, auf das Gesicht die Vagbhava-Keimsilbe und auf beide Seiten des Schoßes jeweils die Kama-Keimsilbe.
13.29 kuntalākarṣaṇaṃ kuryāt stanamardanapūrvakam |
saṃkṣipya liṅgaṃ tadyonau ghātaṃ kuryācśucismite || 13-29 ||
Nach dem Streicheln ihrer Brüste ziehe man an ihrem Haar; man führe das Glied in ihre Yoni ein und vollziehe die Bewegung, du rein Lächelnde.
13.30 sahasrasya pramāṇena japaṃ kuryād varānane |
saptadinaprayogeṇa mantrasiddhirbhavet priye || 13-30 ||
Tausendmal vollziehe man die Wiederholung, du mit schönem Antlitz. Durch siebentägige Anwendung entstehe Mantravollendung, Geliebte.
13.31 athavā prajapet mantraṃ yāvat patraṃ na dṛśyate |
patre jāte maheśāni mantrasiddhirna saṃśayaḥ || 13-31 ||
Oder man rezitiere das Mantra, bis ein Blatt sichtbar wird. Wenn das Blatt erscheint, große Herrin, besteht Mantravollendung, ohne Zweifel. [Was »Blatt« hier bezeichnet, erläutert die Vorlage nicht.]
13.32 iti te kathitaṃ devi rahasyaṃ sarvakāmadam |
na prakāśyaṃ maheśāni na prakāśyaṃ kadācana || 13-32 ||
So habe ich dir das alle Wünsche erfüllende Geheimnis erklärt, Göttin. Es darf nicht offenbart werden, große Herrin, niemals.
13.33 bhavabhītirmaheśāni nāsti he naganandini |
prayogo'yaṃ maheśāni sarvasiddhipradāyakaḥ || 13-33 ||
Furcht vor dem Daseinskreislauf besteht dann nicht, Tochter des Berges. Diese Anwendung verleiht alle Vollkommenheiten, große Herrin.
13.34 mūlamantrasya māhātmyaṃ kathituṃ naiva śakyate |
vakrakoṭisahasraistu jihvākoṭiśatairapi || 13-34 ||
Die Größe des Grundmantras lässt sich nicht beschreiben, selbst nicht mit tausend Koti Mündern und hundert Koti Zungen.
13.35 tathāpi vaktuṃ śaknomi na ca vai parameśvari |
asti guhyatamaṃ sthānaṃ trailokye cātidurlabham || 13-35 ||
Auch dann vermag ich sie nicht auszusprechen, höchste Herrin. Es gibt eine höchst geheime Stätte, die in den drei Welten überaus schwer erreichbar ist.
13.36 kāmarūpaṃ mahāpīṭhaṃ sarvakāmaphalapradam |
evaṃ japtaṃ maheśāni anantaphaladaṃ bhavet || 13-36 ||
Kamarupa ist der große heilige Sitz, der alle gewünschten Früchte verleiht. Eine dort so vollzogene Wiederholung bringt unendliche Frucht.
13.37 yadi bhāgyavaśenaiva pīṭhaṃ prāpnoti mānavaḥ |
tatra japtaṃ maheśāni anantaphaladaṃ bhavet || 13-37 ||
Wenn ein Mensch durch glückliche Fügung diesen heiligen Sitz erreicht, bringt die dortige Wiederholung unendliche Frucht, große Herrin.
13.38 siddhiryatra maheśāni tatra tiṣṭhati bhairavī |
tasmāt parataraṃ sthānaṃ tantre'sminnātra saṃśayaḥ || 13-38 ||
Wo Vollendung ist, dort weilt Bhairavi, große Herrin. Ein höherer Ort findet sich in diesem Tantra nicht; daran besteht kein Zweifel.
iti śrībṛhannilatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (mahākālīmantra - tatpuraścaraṇādiprayoga - vīrasādhananirūpaṇaṃ) trayodaśaḥ paṭalaḥ || 13 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das dreizehnte Kapitel: die Darlegung von Mahakalis Mantra, seiner vorbereitenden Praxis und weiteren Anwendungen sowie der Heldenpraxis.
Kapitel 14: Kamakhya und Tripura
14.1 śrībhairava uvāca |
atha vakṣye mahādevi kāmākhyāmantramuttamam |
kāmākhyāpañcamūrtīnāṃ rūpakaṃ pañcabhairava(m) || 14-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Nun werde ich das vorzügliche Kamakhya-Mantra erklären, große Göttin, die Gestalt der fünf Kamakhya-Erscheinungen und der fünf Bhairavas.
14.2 kāmasthaṃ kāmamadhyasthaṃ kāmodarapuṭī(hṛ?kṛ)tam |
kāmena kāmayet kāmī kāmaṃ kāmena kāmayet || 14-2 ||
Im Verlangen stehend, inmitten des Verlangens, vom Inneren des Verlangens umschlossen: Durch Verlangen erstrebe der Begehrende das Verlangen; durch Verlangen wünsche er das Begehrte. [Der Vers spielt zugleich mit Kama als Lautbezeichnung.]
14.3 jyeṣṭhaṃ tu vyañjanaṃ brahmā aparaḥ śakra ucyate |
prathamaṃ purataḥ kuryāt saṃsaktaṃ vasudhāmayam || 14-3 ||
Der erste Konsonant heißt Brahma, der andere Shakra. Den ersten stelle man voran, verbunden mit dem aus Erde Bestehenden.
14.4 prajāpatistathā śakrabījasaṃsthākṣisaṃyutam |
candrārghasahitaṃ bījaṃ kāmākhyāyāḥ pracakṣate || 14-4 ||
Prajapati, dazu der im Shakra-Keim stehende und mit dem Auge verbundene Laut, mit der Mondsichel versehen: Dies nennt man Kamakhyas Keimsilbe. [Die Lautgewinnung bleibt verschlüsselt.]
14.5 idaṃ dharmapradaṃ kāmamokṣā(rthī?rtha)saṃpradāyakam |
idaṃ rahasyaṃ paramamanyatastu sudurlabham || 14-5 ||
Diese verleiht Rechtschaffenheit, Verlangen, Befreiung und Wohlstand. Dies ist das höchste Geheimnis, andernorts überaus schwer zu erlangen.
14.6 stutyamidaṃ yaḥ śṛṇuyād guruvaktrād varottamam |
sa kāmān nikhilān prāpya pare loke mahīyate || 14-6 ||
Wer dieses lobenswerte, vorzügliche [Mantra] aus dem Mund des Gurus hört, erlangt alle Wünsche und wird in der jenseitigen Welt geehrt.
14.7 kālītantrasya mantrasya yathā pūrvaṃ mayoditam |
maṇḍalaṃ pratipattyā tu paryāya ālayasya ca || 14-7 ||
Wie ich zuvor für das Mantra des Kalika-Tantra die Anordnung des Mandalas und die Folge bei der Einrichtung des Heiligtums erklärt habe —
14.8 sa eva prathamaḥ kāryaḥ śilāyāṃ puṣpacandanaiḥ |
pātrādīnāṃ pratiṣṭhārthaṃ tathaivātrāpi yojayet || 14-8 ||
— ebenso verfahre man zuerst auf dem Stein mit Blumen und Sandel. Auch hier wende man dies zur Aufstellung der Gefäße und weiterer Gegenstände an.
14.9 tatra tāḥ sakalāḥ grāhyā āsanādeśca pūjanam |
prathamaṃ bhāskarāyārghyaṃ pradadyāc śvetasarṣapaiḥ || 14-9 ||
Dabei sind alle dort genannten [Vorschriften] zu übernehmen, ebenso die Verehrung des Sitzes und Weiteres. Zuerst gebe man der Sonne eine Ehrengabe mit weißem Senf.
14.10 raktacandanapuṣpauśca sagaṇāya mahātmane |
āsanārcanaśeṣe tu pīṭhoktāḥ sarvadevatāḥ || 14-10 ||
Mit rotem Sandel und Blumen [verehre man] den Großgesinnten mit seinem Gefolge. Nach der Sitzverehrung [verehre man] alle beim heiligen Sitz genannten Gottheiten.
14.11 pīṭhanāmnā tu saṃpūjya maṇḍalasya tu madhyataḥ |
dhyānasvarūpaṃ bhinnaṃ tu mahākālyā varānane || 14-11 ||
Man verehre sie unter den Namen ihrer Sitze in der Mitte des Mandalas. Die Meditationsgestalt unterscheidet sich jedoch von Mahakalis, du mit schönem Antlitz.
14.12 kāmākhyāsarvasāmye tu mahāmāyāstavodgatam |
yoginīstu catuḥṣaṣṭiṃ pūjayet parameśvari || 14-12 ||
Bei sonstiger Übereinstimmung mit Kamakhya geht sie aus dem Mahamaya-Lobpreis hervor. Die vierundsechzig Yoginis soll man verehren, höchste Herrin.
14.13 guhaṃ manobha(vo?vaṃ) devi mahocchvāsāṃ tathā sakhīm |
anantaraṃ pūjayet tu dikpālāṃśca navagrahān || 14-13 ||
Guha, Manobhava, Mahocchvasa und die Gefährtin [sind zu verehren]. Danach verehre man die Hüter der Himmelsrichtungen und die neun Planetenmächte.
14.14 rūpatastān samuddiśya pūjayet sa gaṇādhipe |
pūrvadvāre gaṇapatiṃ prathamaṃ pūjayecśive || 14-14 ||
Man benenne und verehre sie gemäß ihren Gestalten, Herrin der Scharen. Am östlichen Tor verehre man zuerst Ganapati, du Gütige.
14.15 nandinaṃ ca hanūmantaṃ paścimadvāri pūjayet |
bhṛṅgī cottarataḥ pūjyo mahākālastu dakṣiṇe || 14-15 ||
Nandin und Hanuman verehre man am westlichen Tor, Bhringin im Norden und Mahakala im Süden.
14.16 ete mama dvārapālāstava dvāre prapūjayet |
pātrāmṛtīkṛtavi(dhau?dhiṃ) kuryādvai kāmamudrayā || 14-16 ||
Diese meine Torhüter soll man an deinen Toren verehren. Die Verwandlung des Gefäßinhalts in Nektar vollziehe man mit der Kama-Mudra.
14.17 bhūtāpasaraṇaṃ kuryāt pūrvaṃ tālatrayeṇa tu |
vāmahaste dakṣiṇena pāṇinā tālamācaret || 14-17 ||
Zuvor vertreibe man die Geister durch dreimaliges Klatschen; mit der rechten Hand schlage man in die linke.
14.18 hū/ hū/ phaḍiti mantreṇa vetālādīṃśca sarpayet |
atroktena svarūpeṇa prāṇāyāmāntamācaret || 14-18 ||
Mit dem Mantra »Hum Hum Phat« vertreibe man Vetalas und andere Wesen. In der hier genannten Weise vollziehe man alles bis einschließlich Pranayama.
14.19 sthāpayet prathamaṃ devīṃ mūlamantreṇa pūjakaḥ |
madhukṣīrājyadadhibhirgomūtrairgomayaistathā || 14-19 ||
Zuerst setze der Verehrende die Göttin mit dem Grundmantra ein. Mit Honig, Milch, Ghee, Sauermilch, Kuhurin und Kuhdung —
14.20 ratnodakaiḥ śarkarādiguḍaratnakuśodakaiḥ |
sitasarṣapamudgābhyāṃ tilakṣīraistathā yavaiḥ || 14-20 ||
— mit Edelsteinwasser, Zucker, Rohrzucker, Edelsteinen und Kusha-Wasser, weißem Senf, Mungbohnen, Sesam, Milch und Gerste —
14.21 raktacandanapuṣpaiśca dūrvāgorocanāyutaiḥ |
navabhirvitaredarghyaṃ śilāyā yonisannidhau || 14-21 ||
— mit rotem Sandel und Blumen, dazu Durva und Gorocana, bringe man neunfach die Ehrengabe nahe der Yoni im Stein dar. [Die Aufzählung lässt die Einteilung in neun Gruppen offen.]
14.22 āsanaṃ pādyamarghyaṃ ca tata ācamanīyakam |
madhuparkaṃ snānajalaṃ vastraṃ candanabhūṣaṇe || 14-22 ||
Sitz, Fußwasser, Ehrengabe, dann Mundspülwasser, Madhuparka, Badewasser, Gewand, Sandel und Schmuck —
14.23 puṣpaṃ dhūpaṃ ca dīpaṃ ca netrāñjanamataḥ param |
naivedyācamanīye tu pradakṣiṇānamaskṛtī || 14-23 ||
— Blumen, Räucherwerk, Licht, Augensalbe, Speisegabe und Mundspülwasser sowie Rechtsumwandlung und Verneigung —
14.24 ete ṣoḍaśa nirdiṣṭā upacārāstu sundari |
āvāhayed mahādevi gāyatryā kāmarūpayā || 14-24 ||
— werden als die sechzehn Verehrungsgaben genannt, Schöne. Man rufe die große Göttin mit der Gayatri in Kama-Gestalt herbei. [Die gezählten Gruppen sind in der Liste nicht eindeutig getrennt.]
14.25 tāmevaṃ viddhi vetālaguhyadaivatabhairavaiḥ |
kāmākhye tvamihāgaccha yathāvanmama saṃnidhau || 14-25 ||
Erkenne sie so, begleitet von Vetalas, verborgenen Gottheiten und Bhairavas: »Kamakhya, komm hierher, wie es gebührt, in meine Nähe!
14.26 pūjākarmaṇi sānnidhyamiha kalpaya kāmini |
pūjāvasāne ca baliṃ devīprityai nivedayet || 14-26 ||
Sei bei dieser Verehrung hier gegenwärtig, du Begehrende!« Am Ende der Verehrung bringe man zur Freude der Göttin die Opfergabe dar.
14.27 rudrākṣamālayā japyamādhāyaiva samāpayet |
tryakṣarairmūlamantrasya trirāvṛttaiḥ prapūjayet || 14-27 ||
Die Wiederholung vollziehe und beende man mit einer Rudraksha-Kette. Mit den drei Silben des Grundmantras, dreimal wiederholt, verehre man sie.
14.28 mahākālyāḥ ṣaḍaṅgāni svāṅgānāmantare tathā |
nīlamantrasya mantrasya karāṅganyāsayośca ye || 14-28 ||
Die sechs Glieder Mahakalis [lege man] zwischen die eigenen Körperglieder; die für Hand- und Gliederauflegung des Nila-Mantras genannten [Laute] —
14.29 svaraiḥ proktā mahādevi sārdhacandraiḥ sabindukaiḥ |
mūlamantrādyakṣarābhyāṃ yugapadbhuvi yojayet || 14-29 ||
— die Vokale mit Mondsichel und Bindu, große Göttin, verbinde man jeweils mit den beiden Anfangsbuchstaben des Grundmantras.
14.30 kaniṣṭhādikrameṇaiva tvaṅganyāsaṃ samācaret |
aṅganyāsakaranyāsau kṛtvā paścāt tu sādhakaḥ || 14-30 ||
Vom kleinen Finger ausgehend, vollziehe man die Gliederauflegung. Nachdem der Übende Hand- und Gliederauflegung ausgeführt hat —
14.31 hṛcchirastu śikhā varma netrāsyodarapṛṣṭhataḥ |
vāhvoḥ pārśvayorjaṅghayoḥ pādayoścāpi vinyaset || 14-31 ||
— lege er auf Herz, Haupt, Haarspitze, Panzer, Augen, Gesicht, Bauch und Rücken sowie auf Arme, Flanken, Unterschenkel und Füße auf.
14.32 abhayaṃ varadaṃ hastamakṣamālāṃ sureśvari |
pūjayecca śivaṃ sūryaṃ śivāścandrakalāstathā || 14-32 ||
Man verehre die furchtlos machende und die segenspendende Hand sowie die Gebetskette, Götterherrin; ferner Shiva, Sonne, die Shivas und die Mondanteile.
14.33 raktapadmaṃ śaraṃ caiva lohitaṃ brahmaputrakam |
manobhavaśilāṃ tatra śaktihastāṃ sumadhyamām || 14-33 ||
Den roten Lotus und den Pfeil, den roten Brahmaputra und dort den Manobhava-Stein, die schönhüftige Göttin mit dem Speer in der Hand —
14.34 devyāḥ prapūjayed bhaktaḥ karavālaṃ ca pārśvataḥ |
pīṭhādhidevatāstatra yajet kāmeśvarīṃ śubhām || 14-34 ||
— verehre der Hingebungsvolle, ebenso das Schwert an ihrer Seite. Als über dem Sitz stehende Gottheit verehre man dort die heilvolle Kameshvari.
14.35 tripurāṃ pūjayen madhye pīṭhe pratyadhidevatām |
śāradāṃ ca mahocchvāsāṃ madhya evaṃ prapūjayet || 14-35 ||
In der Mitte verehre man Tripura als zugeordnete Gottheit des Sitzes, ebenso Sharada und Mahocchvasa in der Mitte.
14.36 caṇḍeśvarī mahādevī devyā nirmālyadhāriṇī |
yonimudrā samākhyātā nirmālyasya visarjane || 14-36 ||
Die große Göttin Candeshvari nimmt die gebrauchten Gaben der Göttin entgegen. Für deren Verabschiedung ist die Yoni-Mudra genannt.
14.37 idaṃ dravyaṃ tu sindūra aṅgarāgaṃ tu kuṅkumaiḥ |
iti yo'tra mayā prokto viśeṣaḥ paripūjane || 14-37 ||
Als Stoff dient hier Zinnober, als Körperfarbe Safran. Dies sind die Besonderheiten, die ich für die vollständige Verehrung erklärt habe.
14.38 etairviśeṣaiḥ sahitaṃ mahādevyāḥ prapūjane |
sarvaṃ kalpaṃ samāsādya kālikāṃ paripūjayet || 14-38 ||
Unter Einbeziehung dieser Besonderheiten und der gesamten Ritualordnung verehre man Kalika bei der Verehrung der großen Göttin.
14.39 manobhavaguhāmadhye sa yāti paramāṃ gatim |
brahmāṇī caṇḍikā raudrī gaurīndrāṇī tathaiva ca || 14-39 ||
Inmitten der Höhle Manobhavas gelangt man zur höchsten Stätte. Brahmani, Candika, Raudri, Gauri und Indrani —
14.40 kaumārī vaiṣṇavī dūrgā nārasiṃhī ca kālikā |
cāmuṇḍā śivadūtī ca vārāhī kārtikī tathā || 14-40 ||
— Kaumari, Vaishnavi, Durga, Narasimhi, Kalika, Chamunda, Shivaduti, Varahi und Kartiki —
14.41 māheśvarī śaṅkarī ca jayantī sarvamaṅgalā |
kālī (ka)pālinī medhā śivā śākambharī tathā || 14-41 ||
— Maheshvari, Shankari, Jayanti, Sarvamangala, Kali, Kapalini, Medha, Shiva und Shakambhari —
14.42 bhīmā śāntā bhrāmarī ca rudrāṇī cāmbikā tathā |
kṣemā dhātrī tathā svāhā svadhā'parṇā mahodarī || 14-42 ||
— Bhima, Shanta, Bhramari, Rudrani, Ambika, Kshema, Dhatri, Svaha, Svadha, Aparna und Mahodari —
14.43 ghorarūpā mahākālī bhadrakālī bhayaṅkarī |
kṣemaṅkarī cogracaṇḍā caṇḍogrā caṇḍanāyikā || 14-43 ||
— Ghorarupa, Mahakali, Bhadrakali, Bhayankari, Kshemankari, Ugracanda, Candogra und Candanayika —
14.44 caṇḍā caṇḍavatī caṇḍī mahāpriyaṅkarī tathā |
balavikaraṇī devī balapramathanī tathā || 14-44 ||
— Canda, Candavati, Candi, Mahapriyankari, die Göttin Balavikarani und Balapramathani —
14.45 manonmathanī caiva hi sarvabhūtasya damanī |
umā tārā mahānidrā vijayā ca jayā tathā || 14-45 ||
— Manonmathani und die Bezwingerin aller Wesen, Uma, Tara, Mahanidra, Vijaya und Jaya —
14.46 pūrvoktāḥ śailaputryādyā yoginyaṣṭau tathā kramāt |
tābhirābhiśca sahitāścatuṣṣaṣṭiṃ ca yoginīḥ || 14-46 ||
— dazu der Reihe nach die zuvor genannten acht Yoginis, angefangen mit Shailaputri: Mit diesen zusammen [verehrt man] die vierundsechzig Yoginis.
14.47 pūjayed maṇḍalasyā(ntā?ntaḥ) sarvakāmārthasiddhaye |
nānāvidhaṃ tu naivedyaṃ pānaṃ pāyasameva ca || 14-47 ||
Man verehre sie im Inneren des Mandalas zur Erfüllung aller Wünsche und Ziele. Vielfältige Speisegaben, Getränke und Milchspeise —
14.48 modakāpupapiṣṭādi devyai samyak pradāpayed |
evaṃ tu pūjayed devīṃ kālikāṃ kāmadāyinīm || 14-48 ||
— Modaka-Süßigkeiten, Kuchen, Mehlgebäck und Ähnliches lasse man der Göttin reichlich darbringen. So verehre man die wunscherfüllende Göttin Kalika.
14.49 bhaktiyukto naro bhūtvā sarvān sa labhate priyān |
mahocchvāsā mahādevī mahāmāyā tu sā smṛtā || 14-49 ||
Hingebungsvoll erlangt der Mensch alles Geliebte. Die große Göttin Mahocchvasa gilt als Mahamaya.
14.50 kālikātantramantreṇa saṃpūjya yonimaṇḍale |
tadeva maṇḍalaṃ cāsyā hyaṅganyāsaṃ tadeva ca || 14-50 ||
Man verehre sie im Yoni-Mandala mit dem Mantra des Kalika-Tantra. Ihr Mandala ist dasselbe, ebenso die Gliederauflegung.
14.51 sa eva pūjāparyāyastaddhyānaṃ saiva devatā |
maṇḍalādi visargāntaṃ mahāmāyāḥ prapūjane || 14-51 ||
Dieselbe ist die Reihenfolge der Verehrung, dieselbe Meditation, dieselbe Gottheit. Was für Mahamayas Verehrung vom Mandala bis zur Verabschiedung —
14.52 yat proktaṃ tena tāṃ devīṃ mahocchvāsāṃ tu maṇḍale |
snānapūrvaṃ pūjayet tu madhvājyādibhirāsavaiḥ || 14-52 ||
— gelehrt wurde, damit verehre man die Göttin Mahocchvasa im Mandala, beginnend mit dem Bad, mit Honig, Ghee und berauschenden Getränken.
14.53 śṛṇuṣvekamanāḥ kānte tripurāyāḥ prapūjanam |
etasyā mūlama(ntreṇa?ntraṃ tu) pūrvamuttaratantrake || 14-53 ||
Höre mit gesammeltem Geist, Geliebte, von Tripuras Verehrung. Ihr Grundmantra [wurde] bereits im Uttara-Tantra [genannt].
14.54 vāgbhavaṃ kāmabījaṃ ca ḍāmaraṃ ceti tat trayam |
sarvadharmārthakāmādisādhanaṃ kuṇḍalīyutam || 14-54 ||
Vagbhava, Kama-Keimsilbe und Damara: Diese drei, mit Kundali verbunden, sind das Mittel zur Verwirklichung von Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lust und Weiterem.
14.55 trīṇyasyāḥ pūjane dadyāt svargā(?)dhyātā maheśvarī |
tripureti tataḥ khyātā kāmākhyā kāmarūpiṇī || 14-55 ||
Dreifaches bringe man bei ihrer Verehrung dar; die große Herrin wird [im Himmel?] meditiert. Daher heißt Kamakhya, die jede gewünschte Gestalt annimmt, Tripura. [Die Mitte des Verses ist unsicher.]
14.56 tasyāstu snāpanaṃ yādṛṅ mahākālyāḥ prakīrtitam |
tenaiva snāpanaṃ kuryād mūlamantreṇa sādhakaḥ || 14-56 ||
Das für Mahakali genannte Bad vollziehe der Übende ebenso für sie, unter Verwendung des Grundmantras.
14.57 trikoṇamaṇḍalaṃ cāsyāstripuraṃ ca trirekhakam |
mantrastu tryakṣaraṃ jñeyaṃ tathā rūpatrayaṃ tataḥ || 14-57 ||
Ihr Mandala ist dreieckig, umfasst drei Umfriedungen und drei Linien; ihr Mantra gilt als dreisilbig, und ebenso besitzt sie drei Gestalten.
14.58 trividhā kuṇḍalīśaktistridevānāṃ ca bhūtaye |
sarvaṃ trayaṃ trayaṃ yasmāt tasmāt sā tripurā matā || 14-58 ||
Dreifach ist die Kundali-Shakti zum Gedeihen der drei Götter. Weil alles bei ihr jeweils dreifach ist, gilt sie als Tripura.
14.59 udīcyādyatha pū(rṇā?rvā)ntā rekhāḥ kāryāstu maṇḍale |
tristrirekhāstu kartavyāḥ syuḥ punaḥ puṣpacandanaiḥ || 14-59 ||
Im Mandala ziehe man die Linien vom Norden bis zum Osten [Lesung unsicher]. Jeweils drei Linien sind mit Blumen und Sandel zu bilden.
14.60 aiśānyādyatha nair-ṛtyāṃ yantraṃ kṛtvāñja(so)llikhet |
nair-ṛtyāṃ caiva vāyavyāṃ tata aiśānyagāḥ punaḥ || 14-60 ||
Vom Nordosten zum Südwesten zeichne man das Yantra geradlinig, dann vom Südwesten zum Nordwesten und wieder zum Nordosten.
14.61 evaṃ trikoṇaṃ vilikhed maṇḍalasyāntare punaḥ |
aiśānyāṃ yā tu deveśi sā śaktiḥ parameśvarī || 14-61 ||
So zeichne man im Mandala ein Dreieck. Die im Nordosten befindliche [Kraft] ist die Shakti, die höchste Herrin.
evaṃ krameṇa deveśi vetālādīn prapūjayet |
In dieser Reihenfolge verehre man die Vetalas und die weiteren Wesen, Herrin der Götter.
iti śrībṛhannīalatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (kāmākhyāmantra - tripurāmaṇḍalapūjādinirūpaṇaṃ) caturdaśaḥ paṭalaḥ || 14 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das vierzehnte Kapitel: die Darlegung von Kamakhyas Mantra, Tripuras Mandala-Verehrung und Weiterem.
Kapitel 15: Orte der Praxis
15.1 śrībhairava uvāca |
atha vakṣye maheśāni sādhanasthānamuttamam |
yatra japtaṃ maheśāni haṭhāt siddhipradāyakam || 15-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Nun erkläre ich die vorzüglichen Orte der Praxis, große Herrin, an denen die Wiederholung unvermittelt Vollendung schenkt.
15.2 darpaṇo devi nāmnā tu parvataḥ parameśvari |
kubero yatra vasati lokapālairyutaḥ śive || 15-2 ||
Ein Berg heißt Darpana, höchste Herrin. Dort wohnt Kubera zusammen mit den Welthütern, du Gütige.
15.3 rohito madhyadeśe tu tasminnāste maheśvari |
raktavarṇo maheśāni lohākṛtirivāparaḥ || 15-3 ||
In seiner Mitte weilt Rohita, große Herrin, rot von Farbe, wie eine weitere eiserne Gestalt.
15.4 parvatasya maheśāni māhātmyāt svargatiṃ gataḥ |
himālayena sadṛśaḥ sarvakarmasusādhakaḥ || 15-4 ||
Durch die Größe des Berges gelangte er zum Himmel. Der Berg gleicht dem Himalaya und lässt alle Unternehmungen gelingen.
15.5 samutpannaṃ tu lauhityaṃ sarvairdevagaṇairhariḥ |
sarvatīrthodakaiḥ samyak snāpayāmāsa taṃ sutam || 15-5 ||
Als Lauhitya entstanden war, badete Hari gemeinsam mit allen Götterscharen diesen Sohn sorgfältig mit Wasser sämtlicher heiliger Badeplätze.
15.6 tasya snānāt maheśāni pāpadarpasya pāṭanāt |
tenāyaṃ darpaṇo nāma sarvairdevagaṇaiḥ kṛtaḥ || 15-6 ||
Weil durch dieses Bad der Hochmut der Sünde zerbrochen wurde, gaben ihm alle Götter den Namen Darpana.
15.7 tasmin japte maheśāni tatkṣaṇāt siddhimāpnuyāt |
rohito nāma daityo'sau devīmantraṃ prajaptavān || 15-7 ||
Wer dort rezitiert, erlangt augenblicklich Vollendung, große Herrin. Der Daitya namens Rohita wiederholte dort das Mantra der Göttin.
15.8 tatra devīvaraṃ prāpya tatkṣaṇāt svarga(taṃ?tiṃ) gataḥ |
adhiṣṭhāne tu devyāstu darpaṇākhyā tadābhavat || 15-8 ||
Nachdem er dort den Segen der Göttin erhalten hatte, gelangte er unmittelbar zum Himmel. Durch die Gegenwart der Göttin entstand damals die Bezeichnung Darpana.
15.9 darpaṇād diśi pūrvasyāmagnijvālāmayo giriḥ |
sarpākāraśatajvālādīrghākṛtiḥ kṛtaḥ smṛtaḥ || 15-9 ||
Östlich von Darpana liegt ein Berg aus Feuerflammen. Seine lange Gestalt wird als aus hundert schlangenförmigen Flammen gebildet beschrieben.
15.10 yatra tiṣṭhati vai vahnirūrdhvabhāge maheśvari |
sindūrapuñjasaṃkāśe cārudāruśilātale || 15-10 ||
Dort weilt das Feuer im oberen Bereich, große Herrin, auf einer schönen, mit Bäumen bestandenen Felsfläche, die einer Zinnobermenge gleicht.
15.11 tasmin girivare vahnirnityamadyāpi śobhate |
bhairavasya hitārthāya mahākālī mahojjvalā || 15-11 ||
Auf diesem vorzüglichen Berg leuchtet das Feuer noch heute beständig. Zum Wohl Bhairavas [weilt dort] die überaus strahlende Mahakali.
15.12 tatra tiṣṭhati deveśi raktavarṇā mahojjvalā |
pūrvameva sthitastatra sākṣādvahnirmahojjvalaḥ || 15-12 ||
Dort weilt sie rot und hell erstrahlend, Herrin der Götter. Schon zuvor befand sich dort unmittelbar das große leuchtende Feuer.
15.13 lauhityanikaṭe kuṇḍaḥ sarvasārasvatapradaḥ |
tatra snātvā maheśāni sākṣād devamayo bhavet || 15-13 ||
Nahe dem Lauhitya liegt ein Wasserbecken, das alle Gaben Sarasvatis verleiht. Wer dort badet, wird unmittelbar von göttlichem Wesen erfüllt.
15.14 purastādagnisthānasya kuṇḍakaṃ varuṇāhvayam |
tasya tīre giriḥ śreṣṭho nāmnā kaṃśavaraḥ purā || 15-14 ||
Vor dem Feuerort liegt ein Becken namens Varuna. An seinem Ufer steht der vorzügliche Berg, der einst Kamshavara hieß.
15.15 varuṇastatra vasati nityameva jalādhipaḥ |
tasmin kaṃśavare samyak pūjayitvā pracetasam || 15-15 ||
Dort wohnt stets Varuna, der Herr der Gewässer. Nachdem man Pracetas auf diesem Kamshavara gebührend verehrt hat —
15.16 snātvā ca vāruṇe kuṇḍe vāruṇaṃ lokamāpnuyāt |
ādyaṃ vyañjanamevātra pañcamasvarasaṃyutam || 15-16 ||
— bade man im Varuna-Becken und erlange Varunas Welt. Der erste Konsonant, verbunden mit dem fünften Vokal —
15.17 śaśicūḍāśikhāyuktaṃ kauberaṃ bījamucyate |
saptamo yaḥ pakārasya binducandrārdhasaṃyutaḥ || 15-17 ||
— und versehen mit Mondsichel und Spitze, heißt Kuberas Keimsilbe. Der siebte Laut von Pa an, mit Bindu und Halbmond —
15.18 vahnibījamiti khyātastena vahniṃ prapūjayet |
makārapañcamaḥ somabindubhyāṃ vāruṇaḥ smṛtaḥ || 15-18 ||
— ist als Feuer-Keimsilbe bekannt; damit verehre man das Feuer. Der fünfte Laut von Ma an, mit Mond und Bindu, gilt als Varunas Keimsilbe.
15.19 ebhirmantrairimān devān nityameva prapūjayet |
vāyukūṭo nāma giriḥ pūrvasyāṃ vāruṇācalāt || 15-19 ||
Mit diesen Mantras verehre man stets diese Götter. Östlich vom Varuna-Berg liegt ein Berg namens Vayukuta.
15.20 khaḍgīśavāyubījena maṇḍalena samanvitaḥ |
vāyulokaḥ sthitastatra yasmād niḥsṛtya mārutaḥ || 15-20 ||
Mit der durch Khadgisha bezeichneten Wind-Keimsilbe und dem Mandala verbunden, liegt dort die Windwelt, aus der der Wind hervorgeht.
15.21 ūrdhvādhobhāgamāsādya nityaṃ vahati bhūtale |
tatra vāyuṃ samabhyarcya vāyulokamavāpnuyāt || 15-21 ||
Er erreicht die oberen und unteren Bereiche und weht beständig auf Erden. Wer dort den Wind verehrt, erlangt die Windwelt.
15.22 pūrvādvāyugireḥ śailaścāśvakūṭa iti smṛtaḥ |
trikoṇaścāśvasaṃkāśastadūrdhve candramaṇḍalam || 15-22 ||
Östlich vom Windberg liegt der sogenannte Ashvakuta-Berg, dreieckig und einem Pferd ähnlich; über ihm befindet sich der Mondkreis.
15.23 kūrmaṃ ca bindusaṃyuktaṃ mantraṃ saṃjapya sundari |
candrabījamiti khyātaṃ viddhi taṃ parameśvari || 15-23 ||
Man rezitiere das aus Kurma mit Bindu gebildete Mantra, Schöne. Erkenne darin die sogenannte Mond-Keimsilbe, höchste Herrin.
15.24 adyāpi taṃ mahādevi pratidarśe ca candramāḥ |
pradakṣiṇīkṛtya mahādevi yāti niśāpatiḥ || 15-24 ||
Noch heute umwandelt der Mond, der Herr der Nacht, ihn bei jedem Neumond rechtsherum und zieht dann weiter, große Göttin.
15.25 mahākālī ghorarūpā tatra tiṣṭhati sundari |
śivena sārdhaṃ deveśi krīḍāyuktā mahāniśi || 15-25 ||
Dort weilt Mahakali in schrecklicher Gestalt, Schöne; in tiefer Nacht spielt sie gemeinsam mit Shiva.
15.26 tatra gatvā manuṃ japtvā siddho bhavati sādhakaḥ |
rahasyaṃ śṛṇu deveśi sarvāhlādakaraṃ param || 15-26 ||
Wer dorthin geht und das Mantra wiederholt, wird als Übender vollendet. Höre das höchste Geheimnis, das alle erfreut.
15.27 tasyaiva pūrvabhāge tu somakuṇḍāhvayaṃ saraḥ |
tatra snātvā ca pītvā ca muktimāpnoti mānavaḥ || 15-27 ||
Östlich davon liegt ein See namens Somakunda. Wer dort badet und trinkt, erlangt Befreiung.
15.28 candro devi mahendrastu rohiṇīsahitaḥ priye |
bhagavatyāḥ padaṃ tatra añcitau muktidāyinau || 15-28 ||
Dort [verehren] Candra, Mahendra und Rohini den Fuß der Erhabenen, Geliebte; [die genannten Füße] schenken Befreiung. [Die Bezüge des Verses sind unsicher.]
15.29 kṛte kārye mahādevi bhagavatyā maholkayā |
rohiṇyā sahito devi candraḥ sarvaprakāśakaḥ || 15-29 ||
Nachdem die Erhabene, die große Flamme, ihre Aufgabe vollendet hatte, [verehrte] der alles erhellende Mond gemeinsam mit Rohini —
15.30 atirekaṃ mahākālyāḥ kṛtavān parameśvari |
dadhinā parameśāni dugdhenaiva maheśvari || 15-30 ||
— Mahakali in besonderem Maße, höchste Herrin, mit Sauermilch und Milch.
15.31 tejo'sīti ghṛtenaiva śarkarāsahitena ca |
phalodakairmaheśāni śrīpuṣpasahitaistathā || 15-31 ||
Mit Ghee und den Worten »Du bist Glanz«, mit Zucker, Fruchtwasser und schönen Blumen —
15.32 nānātīrthokaiścaiva abhiṣiñced anantaram |
tajjalaiḥ sahitaṃ kuṇḍaṃ mahāpuṇyaphalapradam || 15-32 ||
— sowie Wasser verschiedener heiliger Badeplätze vollziehe man anschließend die Begießung. Das mit diesem Wasser gefüllte Becken verleiht große Verdienstfrucht.
15.33 candrakuṇḍasya tīre tu mahābhīmaḥ sitākṛtiḥ |
pratidarśaṃ pūjayitvā labhed muktiṃ maheśvari || 15-33 ||
Am Ufer des Mondbeckens steht Mahabhima in weißer Gestalt. Wer ihn bei jedem Neumond verehrt, erlangt Befreiung, große Herrin.
15.34 tasyaiva nikaṭe devi bhasmakūṭo mahāgiriḥ |
yatra tiṣṭhati bhūteśo mahādevo mahāmatiḥ || 15-34 ||
Nahe dabei liegt der große Berg Bhasmakuta. Dort wohnt der weise große Gott, der Herr der Wesen.
15.35 dakṣiṇe tasya kūṭasya devī pīyūṣadhāriṇī |
urvaśī nāma vikhyātā mahendro yatra tiṣṭhati || 15-35 ||
Südlich dieses Gipfels steht die nektartragende Göttin, bekannt als Urvashi; dort weilt Mahendra.
15.36 mahākālyā maheśāni corvaśī tatra tiṣṭhati |
mahākālyā mahādevi yatra tiṣṭhati bhāvinī || 15-36 ||
Dort weilt Urvashi bei Mahakali, große Herrin; dort befindet sich die erhabene Gefährtin Mahakalis. [Der Vers ist wiederholend und syntaktisch unsicher.]
15.37 sā caivāmṛtarāśistu kṛtvā kiṃcana kiṃcana |
upasthāpayate nityaṃ kāmākhyā yonimaṇḍale || 15-37 ||
Sie bereitet jeweils eine kleine Menge aus der Nektarfülle und bringt sie beständig in Kamakhyas Yoni-Mandala dar.
15.38 sudhāśilāntarasthā tu urvaśī kuṇḍavāsinī |
urvaśīkuṇḍakūṭasya madhye kuṇḍaṃ sudhākṛtam || 15-38 ||
Urvashi, die Bewohnerin des Beckens, weilt im Nektarstein. Inmitten des Urvashikunda-Gipfels liegt ein aus Nektar gebildetes Becken.
15.39 (dvi?dvā)triṃśad dhanurvistīrṇaṃ pañcāśad dhanurāyatam |
tatra snātvā ca pītvā ca kāmarūpo bhaved naraḥ || 15-39 ||
Es ist zweiunddreißig Bogenmaße breit und fünfzig lang. Wer darin badet und davon trinkt, kann jede gewünschte Gestalt annehmen.
15.40 candrakuṇḍasya caiśānyāṃ maṇikūṭo mahāgiriḥ |
maṇikarṇeśo mahāṃstatra sadā tiṣṭhati sundari || 15-40 ||
Nordöstlich vom Mondbecken liegt der große Berg Manikuta. Dort weilt stets der große Manikarnesha, Schöne.
15.41 sadyojāta iti khyātaḥ kālikā tatra tiṣṭhati |
japaṃ pūjāṃ praśastāṃ ca sādhayet sādhanaṃ param || 15-41 ||
Er ist als Sadyojata bekannt; dort weilt auch Kalika. Man vollziehe Wiederholung, gepriesene Verehrung und höchste Praxis.
15.42 sadyojātasya mantreṇa pūjitavyaḥ sadāśivaḥ |
maṇikarṇeśvaraṃ dṛṣṭvā muktimāpnoti sādhkaḥ || 15-42 ||
Sadashiva soll mit dem Sadyojata-Mantra verehrt werden. Wer Manikarneshvara schaut, erlangt als Übender Befreiung.
15.43 nadīṣu maṅgalā nāma himaparvatanirgatā |
pūrvasyāṃ maṇikūṭasya sadā sravati śobhanā || 15-43 ||
Unter den Flüssen heißt einer Mangala; er entspringt dem Schneegebirge und fließt stets schön östlich von Manikuta.
15.44 maṇikūṭaṃ samāruhya yaḥ paśyati śubhāṃ nadīm |
sa gaṅgāsnānajaṃ puṇyamavāpya tridivaṃ vrajet || 15-44 ||
Wer Manikuta besteigt und den heilvollen Fluss erblickt, erlangt das Verdienst eines Ganga-Bades und geht in den Himmel.
15.45 maṇikūṭācalāt pūrvaṃ matsyadhvajakulācalam |
nirdagdho yatra madano haranetrāgninā punaḥ || 15-45 ||
Östlich vom Manikuta-Berg liegt der Kulaberg Matsyadhvaja. Dort war der Liebesgott vom Feuer aus Haras Auge verbrannt worden und erhielt wieder —
15.46 śarīraṃ prāpya tapasā samārādhya vṛṣadhvajam |
tatra matsyasvarūpeṇa kāmadevena saṃsthitam || 15-46 ||
— durch Askese und Verehrung des stierbannertragenden Gottes einen Körper. Dort verweilt Kamadeva in Fischgestalt.
15.47 15-
adhityakāyāṃ pṛthivī vīkṣyamāṇā hyanantataḥ |
nadī tu śāśvatī nāmnā tatrāste dakṣiṇasravā || 15-47 ||
Von der Hochebene aus ist die Erde grenzenlos zu sehen. Dort fließt ein Fluss namens Shashvati nach Süden.
15.48 śivaḥ kāmadharo nāma tasmin śaile vyavasthitaḥ |
śāśvatyāṃ vividhaṃ snātvā pītvā kāmadharāmbhasi || 15-48 ||
Auf diesem Berg weilt Shiva unter dem Namen Kamadhara. Nachdem man auf verschiedene Weise in der Shashvati gebadet und vom Kamadhara-Wasser getrunken hat —
15.49 vimuktapāpaḥ śuddhātmā śivaloke mahīyate |
iti yaḥ paramaṃ tattvaṃ jānāti parameśvari || 15-49 ||
— wird man frei von Sünde, reinen Selbstes und in Shivas Welt geehrt. Wer diese höchste Wirklichkeit kennt, höchste Herrin —
15.50 sa vimukto mahāpāpāt satyaṃ satyaṃ bhaved naraḥ |
idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi rahasyaṃ sarvamohanam || 15-50 ||
— wird wahrlich, wahrlich von schwerer Sünde befreit. Höre jetzt das alle bezaubernde Geheimnis, du Schöngegliederte.
15.51 gandhamādanapūrvasyāṃ sukānto nāma parvataḥ |
tatprānte vāsavaṃ kuṇḍaṃ vāsavāmṛtabhojanam || 15-51 ||
Östlich vom Gandhamadana liegt ein Berg namens Sukanta. An seinem Rand befindet sich Vasavas Becken, der Ort von Vasavas Nektarmahl.
15.52 yatra sthitvā dakṣiṇasyāṃ purā śakraḥ śacīpatiḥ |
amṛtaṃ śrāntadehastu kāmarūpāntare papau || 15-52 ||
Dort im südlichen Bereich von Kamarupa trank einst Shakra, Shacis Gemahl, mit erschöpftem Leib den Nektar.
15.53 tatparvate mahādevīṃ prapūjya parameśvari |
puraścaraṇamekaṃ tu kṛtvā nirvāṇamāpnuyāt || 15-53 ||
Wer auf diesem Berg die große Göttin verehrt und eine einzige vorbereitende Praxis vollzieht, erlangt Nirvana, höchste Herrin.
15.54 pūrvasyāṃ tu sukāntasya rakṣaḥkūṭāhva(ko?yo) giriḥ |
yatrāste satataṃ devo nir-ṛ(to?tiḥ) rākṣaseśvaraḥ || 15-54 ||
Östlich von Sukanta liegt der Berg namens Rakshahkuta. Dort weilt beständig der Gott Nirriti, der Herr der Rakshasas.
15.55 khaḍgahasto mahākāyo vāme carmadharastathā |
jaṭājūṭasamāyuktaḥ (pā?prāṃ)śuḥ kṛṣṇācalopamaḥ || 15-55 ||
Er trägt ein Schwert und hat einen gewaltigen Leib; links hält er einen Schild. Mit einem Knoten verfilzter Haare ist er hochgewachsen wie ein schwarzer Berg.
15.56 dvibhujaḥ kṛṣṇavarṇastu śavasyopari saṃsthitaḥ |
rakṣaḥkūṭaṃ samāruhya nir-ṛtiṃ rākṣaseśvaram || 15-56 ||
Er hat zwei Arme, ist schwarz und steht auf einem Leichnam. Wer Rakshahkuta besteigt und Nirriti, den Rakshasa-Herrn —
15.57 yaḥ pūjayed mahādevīṃ kālikāṃ kālarūpiṇīm |
nāsti tasya ca rakṣobhyo bhayaṃ suragaṇārcite || 15-57 ||
— sowie die große Göttin Kalika als Verkörperung der Zeit verehrt, hat keine Furcht vor Rakshasas, du von den Göttern Verehrte.
15.58 rākṣasāśca piśācāśca vetālāśca (ga?vi)nāyakāḥ |
tāṃ dṛṣṭvā ca mahākālīṃ sarvapāpaiḥ pramucyate || 15-58 ||
Rakshasas, Pishacas, Vetalas und Vinayakas [können ihm nichts anhaben]. Durch den Anblick Mahakalis wird man von allen Sünden frei.
15.59 rakṣaḥkūṭāt pūrvadiśi bhairavo nāma (sādhaka?parvataḥ) |
pāṇḍunātha iti khyāto yathārūpeṇa saṃsthitaḥ || 15-59 ||
Östlich von Rakshahkuta liegt der Berg Bhairava [die Vorlage bietet eine unsichere Alternative]. Dort weilt der als Pandunatha Bekannte in seiner Gestalt.
15.60 tatraiva pūjayed devaṃ pāṇḍunāthāhvayaṃ girim |
varṇena ghanavarṇena gadāpadmadharaḥ kare || 15-60 ||
Dort verehre man den Gott am sogenannten Pandunatha-Berg: von dunkler Wolkenfarbe, Keule und Lotus in den Händen tragend.
15.61 dakṣiṇe kamalā devī bāhubhyāmapi bibhratam |
caturbhujaṃ raktapadmasaṃsthitaṃ mukuṭākulam || 15-61 ||
An seiner rechten Seite befindet sich die Göttin Kamala, von seinen Armen gehalten. Er ist vierarmig, steht auf einem roten Lotus und trägt eine Krone.
15.62 kuṇḍale bibhrataṃ śuddhe śrīvatsoraskamuttamam |
namo nārāyaṇāyeti mūlabījena vai hareḥ || 15-62 ||
Er trägt reine Ohrringe und das herrliche Shrivatsa-Zeichen auf der Brust. Mit »Verehrung Narayana« und Haris Grundkeimsilbe —
15.63 evaṃ saṃpūjayed devaṃ caturvargasya siddhaye |
pāṇḍunāthasyottarasyāṃ brahmakūṭāhvayo giriḥ || 15-63 ||
— verehre man so den Gott zur Verwirklichung der vier Lebensziele. Nördlich von Pandunatha liegt der Berg Brahmakuta.
15.64 brahmaṇā nirmitaḥ pūrvaṃ vāsārthaṃ svargavāsinām |
āyāmena śatavyāmaṃ vistāreṇa tadardhakam || 15-64 ||
Brahma schuf ihn einst als Wohnort der Himmelsbewohner. Er ist hundert Armspannen lang und halb so breit.
15.65 sarvapāpaharaṃ puṇyaṃ devasekāt samāgatam |
kamaṇḍalusamudbhūta brahmakuṇḍāmṛtodara || 15-65 ||
Er ist heilig, tilgt alle Sünden und entstand durch die Begießung der Götter. »Brahmakunda, aus dem Wasserkrug hervorgegangen, Nektar in deinem Inneren tragend —
15.66 hara me sarvapāpāni puṇyaṃ śuddhaṃ ca sādhaya |
iti devi prakāreṇa brahmakūṭaṃ mahāgirim || 15-66 ||
— nimm alle meine Sünden hinweg und bewirke reines Verdienst!« In dieser Weise [verehre man] den großen Berg Brahmakuta.
15.67 pradakṣiṇena saṃpūjya devīsāyujyamāpnuyāt |
pāṇḍunāthāt pūrvadiśi giriścitramaho hariḥ || 15-67 ||
Nach Verehrung durch Rechtsumwandlung erlangt man Vereinigung mit der Göttin. Östlich von Pandunatha liegt ein Berg von wunderbarem Glanz, [wo] Hari —
15.68 satataṃ yatra vasati viṣṇurvārāharūpadhṛk |
tatastu nīlakūṭākhyaṃ kāmākhyānilayaṃ param || 15-68 ||
— Vishnu in Ebergestalt beständig wohnt. Danach folgt der sogenannte Nilakuta, die höchste Wohnstätte Kamakhyas.
15.69 tatpūrvabhāge vasati brahmā brahmagiriḥ punaḥ |
brahmaśailasya pūrvasyāṃ bhūmipīṭho vyavasthitaḥ || 15-69 ||
In dessen östlichem Teil wohnt Brahma, wiederum am Brahma-Berg. Östlich vom Brahma-Berg befindet sich der Bhumi-Sitz.
15.70 cāruliṅgaṃ śubhravarṇaṃ kāmākhyānābhimaṇḍalam |
tatrogratārārūpeṇa ramate parameśvarī || 15-70 ||
Ein schönes, weißes Linga bildet Kamakhyas Nabelkreis. Dort spielt die höchste Herrin in Gestalt Ugrataras.
15.71 tatra tenaiva rūpeṇa pūjitavyā śubhātmikā |
rūpaṃ śṛṇu varārohe tatra dhyeyā sadāśivā || 15-71 ||
In eben dieser Gestalt soll die Heilvolle dort verehrt werden. Höre ihre Erscheinung, du Schöne, in der die ewig Gütige zu meditieren ist.
15.72 kṛṣṇā lambodarī dīrghā vihvalā raktadantikā |
caturbhujā kṛśāṅgī ca dakṣiṇe kartrikharparau || 15-72 ||
Sie ist schwarz, großbäuchig, hochgewachsen, bewegt und rotzähnig; vierarmig und schlankgliedrig, trägt sie rechts Messer und Schädelschale.
15.73 khaḍgaṃ cendīvaraṃ vāme śīrṣe caiva jaṭā punaḥ |
vāmapādaṃ śavasyorvornidhāyottamadakṣiṇam || 15-73 ||
Links hält sie Schwert und blauen Lotus; auf dem Haupt trägt sie verfilztes Haar. Den linken Fuß setzt sie auf die Oberschenkel des Leichnams und den vorzüglichen rechten —
15.74 śavasya hṛdaye nyasya sāṭṭahāsaṃ prakurvatī |
nāgahāraśiromālā bhūtidā kāmadā parā || 15-74 ||
— auf dessen Herz, während sie laut auflacht. Mit Schlangenkette und Kopfgirlande geschmückt, verleiht die Höchste Wohlergehen und Wünsche.
15.75 trikoṇamaṇḍalaṃ cāsyāḥ huṃkāramadhyabījakam |
dvārenānā yoginīnāṃ nāmānyāsāṃ tu tantrake || 15-75 ||
Ihr Mandala ist dreieckig, mit Hum als Keimsilbe in der Mitte. Die Namen der verschiedenen Yoginis an den Toren sind im Tantra —
15.76 jñeyāni naraśārdūlairyat proktaṃ cāsya gocare |
urvaśyāṃ vidhivat snātvā spṛṣṭvā pāṇḍuśilāstathā || 15-76 ||
— von den Besten der Menschen so zu kennen, wie sie dort für diesen Zusammenhang genannt werden. Nachdem man vorschriftsgemäß in Urvashi gebadet und die Pandu-Steine berührt hat —
15.77 nīlakūṭaṃ samāruhya punaryonau na jāyate |
tatra devīṃ pūjayitvā sarvasiddhiśvaro bhavet || 15-77 ||
— besteige man Nilakuta und werde nicht wieder in einem Mutterleib geboren. Wer dort die Göttin verehrt, wird zum Herrn aller Vollkommenheiten.
15.78 purandarapurīyāte vārāṅganākulādhike |
sudhāsaṃkīrṇato'moghe pāpaṃ hara manohare || 15-78 ||
»Du in Purandaras Stadt Gegangene, Erste unter den Scharen der schönen Frauen, von Nektar erfüllt, Unfehlbare, Liebliche: Nimm die Sünde hinweg!
15.79 amṛtenāmṛtaṃ cādya dehi devi mamorvaśi |
purandarapriye devi vārāṅganākulādhike || 15-79 ||
Schenke mir heute durch Nektar Unsterblichkeit, Göttin Urvashi! Geliebte Purandaras, Göttin, Erste unter den Scharen der schönen Frauen —
15.80 lauhityahadasaṃkīrṇe pāpaṃ hara mamorvaśi |
ityebhiḥ stutimantraiśca snātvā puṇyorvaśīvane || 15-80 ||
— mit dem Lauhitya-Becken verbunden: Nimm meine Sünde hinweg, Urvashi!« Wer mit diesen Lobpreisformeln im heiligen Urvashi-Wald badet —
15.81 sarvapāpavinirmukto viṣṇuloke virājate |
urvaśī dvibhujā proktā svarṇakaṅkaṇadhāriṇī || 15-81 ||
— wird von allen Sünden frei und erstrahlt in Vishnus Welt. Urvashi wird zweiarmig beschrieben und trägt goldene Armreifen.
15.82 śuklavastrā gauravarṇa pīnonnatapayodharā |
sarvāṅgasundarī śuddhā sarvābharaṇabhūṣitā || 15-82 ||
Sie trägt weiße Kleidung, ist hell, hat volle hohe Brüste, ist an allen Gliedern schön, rein und mit sämtlichem Schmuck geziert.
15.83 umāmindrastu gaditaṃ mantramasyāḥ prakīrtitam |
gaṇeśaḥ pūrvadeśasthaḥ kāmākhyāparvatasya ca || 15-83 ||
Uma und Indra werden als Bezeichnungen ihres Mantras genannt. Ganesha befindet sich im östlichen Bereich des Kamakhya-Berges.
15.84 tatraiva cāgnivetālaḥ sthitaḥ dvāri manoharaḥ |
tayoḥ rūpaṃ ca mantraṃ ca yathoktaṃ ca maheśvari || 15-84 ||
Dort steht auch der schöne Agnivetala am Tor. Ihre Gestalten und Mantras, wie sie gelehrt wurden, große Herrin —
15.85 tadahaṃ prativakṣyāmi śṛṇuṣvaikamanāḥ priye |
praṇavaṃ parameśāni hṛdayaṃ tadanantaram || 15-85 ||
— werde ich nun erklären; höre mit gesammeltem Geist, Geliebte. Zuerst Pranava, höchste Herrin, danach die Herzformel.
15.86 hastimukhāyeti tadā nijabījādisaṃyutaḥ |
mantraṃ si(ddhi?ddha)gaṇeśasya dvārasthasya prakīrtitam || 15-86 ||
Dann »Hastimukhaya«, verbunden mit der eigenen Keimsilbe und Weiterem: So wird das Mantra des am Tor stehenden Siddha-Ganesha genannt.
15.87 rūpaṃ tasya pravakṣyāmi gajavaktraṃ trilocanam |
lambodaraṃ caturbāhuṃ vyālayajñopavītinam || 15-87 ||
Ich werde seine Gestalt beschreiben: elefantengesichtig, dreiäugig, mit hängendem Bauch, vier Armen und einer Schlange als heiliger Schnur.
15.88 śūrpakarṇaṃ bṛhattuṇḍamekadantaṃ pṛthūdaram |
dakṣiṇe karidantaṃ ca utpalaṃ ca tathā pare || 15-88 ||
Seine Ohren sind wie Worfelschwingen, sein Rüssel groß; er hat einen Stoßzahn und einen breiten Bauch. Rechts trägt er einen Elefantenzahn, in der anderen Hand einen Lotus.
15.89 laḍḍukaṃ paraśuṃ caiva vāmataḥ parikīrtayet |
bṛhadvakṣastrinayanaṃ pīnaskandhāṅghripāṇinam || 15-89 ||
Links sind Süßkugel und Axt zu nennen. Seine Brust ist breit, er ist dreiäugig und hat kräftige Schultern, Füße und Hände.
15.90 yuktaṃ bahirkuraṅgībhyāṃ madhyasthamūṣakānvitam |
mantrastu yādṛśaḥ proktaḥ pañcavaktrasya pūjane || 15-90 ||
Außen ist er von zwei Gazellen begleitet, in der Mitte von einer Maus. Das Mantra, das für die Verehrung des Fünfgesichtigen genannt wurde —
15.91 sa eva mantro grāhyastu tādṛgvidhiniṣevaṇam |
dvibhujo pīnavadano raktanetro bhayaṅkaraḥ || 15-91 ||
— ist auch hier zu verwenden, mit derselben rituellen Ausführung. [Agnivetala ist] zweiarmig, mit breitem Gesicht, roten Augen und furchterregend.
15.92 churikā dakṣiṇe pāṇau vāme rudhirapātrakam |
daṃṣṭrākarālavadanaḥ kṛśo dhamanisantataḥ || 15-92 ||
In der rechten Hand trägt er ein Messer, links ein Blutgefäß. Sein Gesicht ist durch Fangzähne schrecklich, sein Leib mager und von hervortretenden Adern überzogen.
15.93 jaṭāṃ dīrghāṃ mūrdhni bibhrad ghorarāvayutaḥ paraḥ |
yaḥ pūjayet tasya punarbhūtādibhyo bhayaṃ nahi || 15-93 ||
Er trägt lange verfilzte Haare auf dem Haupt und erhebt ein schreckliches Gebrüll. Wer ihn verehrt, hat keine Furcht vor Geistern und dergleichen.
15.94 atha vakṣye maheśāni yoginītattvamuttamam |
śailaputrīpramukhyānāṃ mantrāṇyaṣṭākṣarāṇi ca || 15-94 ||
Nun erkläre ich die vorzügliche Wirklichkeit der Yoginis, große Herrin, und die achtsilbigen Mantras Shailaputris und der übrigen.
15.95 vaiṣṇvaītantramantrāṇi pūrvaproktāni tāni ca |
śailaputryāstathā cāṅgaṃ mantraṃ prākpratipāditam || 15-95 ||
Die Vaishnavi-Tantra-Mantras wurden zuvor genannt, ebenso bereits die Gliederformel und das Mantra Shailaputris.
15.96 rūpasadṛśavarṇānāṃ yoginīnāṃ viśeṣataḥ |
pratyakṣareṇa bījena durgātantroktavartmanā || 15-96 ||
Die Yoginis, deren Farben ihren Erscheinungen entsprechen, sind jeweils mit ihrer einzelnen Keimsilbe nach dem im Durga-Tantra genannten Weg —
15.97 naijabījenaiva pūjyā yoginyaśca maheśvari |
kātyāyanīpādayugmaṃ durgātantreṇa pūjayet || 15-97 ||
— zu verehren, große Herrin. Katyayanis beide Füße verehre man gemäß dem Durga-Tantra.
15.98 tadeva pūjanaṃ rūpaṃ tat pūrvaṃ pratipāditam |
praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya chāntavarṇaṃ samādiśet || 15-98 ||
Dieselbe Verehrungsform wurde zuvor beschrieben. Zuerst gewinne man den Pranava, dann bestimme man den auf Cha folgenden beziehungsweise damit bezeichneten Laut.
15.99 vāmagaṇḍena saṃyuktaṃ candrabinduvibhūṣitam |
haṃsaśeṣavisargāntaṃ mantraṃ sarvapriyaṃ śive || 15-99 ||
Verbunden mit der linken Wange, geschmückt mit Mond und Bindu und am Ende mit dem Rest von Hamsa und Visarga: Das ist das allen liebe Mantra, du Gütige.
15.100 kālarātriṃ pūjayitvā sarvaiśvaryayuto bhavet |
anenaiva vidhānena pūjayed bhuvaneśvarīm || 15-100 ||
Wer Kalaratri verehrt, wird mit aller Herrschaft versehen. Nach eben dieser Ordnung verehre man Bhuvaneshvari.
15.101 mahāśaktiṃ samuddhṛtya vāgbhavaṃ tadanantaram |
punayoniṃ samāsādya bījatrayamudāhṛtam || 15-101 ||
Man gewinne Mahashakti, du Schöne, danach Vagbhava und wiederum Yoni: So sind die drei Keimsilben genannt.
15.102 anena mantrarājena pūjayed bhuvaneśvarīm |
etāḥ sarvāstu yoginyaḥ kāmākhyāvat phalapradāḥ || 15-102 ||
Mit diesem König der Mantras verehre man Bhuvaneshvari. Alle diese Yoginis verleihen Frucht wie Kamakhya.
15.103 viśeṣo yatra naivokto rūpe tantre ca pūjane |
nīlātantroktarūpeṇa tatra pūjāṃ samācaret || 15-103 ||
Wo keine besondere Gestalt, Rituallehre oder Verehrungsweise genannt ist, vollziehe man die Verehrung in der im Nila-Tantra gelehrten Form.
15.104 pratyekaṃ yoginīṃ yastu pūjayet suravandite |
sa sarvayajñasya phalaṃ labhate nātra saṃśayaḥ || 15-104 ||
Wer jede einzelne Yogini verehrt, du von den Göttern Verehrte, erlangt die Frucht aller Opfer; daran besteht kein Zweifel.
15.105 nīlaśailasya rūpasya svarūpaṃ pratipāditam |
nābhimaṇḍalapūrvasyāṃ bhasmakūṭasya dakṣiṇam || 15-105 ||
Die Erscheinung des Nila-Berges ist beschrieben. Östlich vom Nabelkreis und südlich von Bhasmakuta —
15.106 pūrvasyāṃ kapaṭo nāma parvato yaḥ svarūpadhṛk |
tatra yāmyā śilā kṛṣṇā nīlāñjanasamaprabhā || 15-106 ||
— liegt im Osten der Berg namens Kapata in seiner eigenen Gestalt. Dort ist der Yama-Stein schwarz und glänzt wie dunkle Augensalbe.
15.107 adhityakāyāṃ rājendraṃ vyāsapañcasurāntakam |
pūjayet tatra śamanaṃ pā(śau?śaṃ)daṇḍaṃ sadaiva yaḥ || 15-107 ||
Auf seiner Hochebene [verehre man] den König und Beender [mehrere Wörter sind unsicher]. Man verehre dort Shamana, der stets Schlinge und Stab —
15.108 dhatte tu pāṇinā nityaṃ prāṇidaṇḍasya sādhanam |
kṛṣṇavarṇaṃ tu dvibhujaṃ kirīṭamukuṭojjvalam || 15-108 ||
— in der Hand hält, die Mittel zur Bestrafung der Lebewesen. Er ist schwarz, zweiarmig und erstrahlt mit seiner Krone.
15.109 dadhataṃ cāsipatraṃ ca vāmapāṇau sadaiva hi |
kṛṣṇavarṇaṃ sthūlapādaṃ bahirniḥsṛtadantakam || 15-109 ||
In seiner linken Hand hält er stets eine Schwertklinge. Er ist schwarz, hat kräftige Füße und hervortretende Zähne.
15.110 bhayābhayapradaṃ nityaṃ nṛṇāṃ mahiṣavāhanam |
pūjayet parayā bhaktyā yamabījena sundari || 15-110 ||
Er gewährt den Menschen Furcht und Furchtlosigkeit und reitet auf einem Büffel. Mit höchster Hingabe verehre man ihn durch die Yama-Keimsilbe, Schöne.
15.111 upāntyavargasyānte yo varṇo bindvindusaṃyutaḥ |
yamabījamiti khyātaṃ yamasya prītikārakam || 15-111 ||
Der letzte Laut der vorletzten Lautgruppe, mit Bindu und Mond verbunden, heißt Yama-Keimsilbe und erfreut Yama.
15.112 anenaiva tu mantreṇa yamaṃ hi pūja(yet?yan)śive |
kapaṭākhyācalavare nāpamṛtyuṃ samāpnuyāt || 15-112 ||
Wer mit diesem Mantra Yama auf dem vorzüglichen Kapata-Berg verehrt, du Gütige, erleidet keinen vorzeitigen Tod.
15.113 pūrvasyāṃ kapaṭākhyasya śailo'rciṣa iti smṛtaḥ |
yaḥ pūrvabhāgyaiḥ prāpto bhṛṅgeśyāgneyyāmavasthitaḥ || 15-113 ||
Östlich von Kapata liegt der sogenannte Arcisha-Berg. Durch früheres Verdienst wird er erreicht; er liegt südöstlich von Bhringeshi.
15.114 asmin vasanti satataṃ grahāścaiva yathecchayā |
etāṃśca pūjayed yastu sa nāpnotyāpadaṃ kvacit || 15-114 ||
Dort wohnen beständig die Planetenmächte nach Belieben. Wer sie verehrt, gerät niemals in Not.
15.115 atha vakṣye maheśāni sūryasyāpi ca mantrakam |
rūpaṃ mantraṃ ca tantraṃ ca sūryasyāpi ca saṃśṛṇu || 15-115 ||
Nun erkläre ich auch das Sonnenmantra, große Herrin. Höre von Gestalt, Mantra und Ritualordnung der Sonne.
15.116 saptānāmitareṣāṃ tu mantrarūpaṃ śṛṇuṣva me |
raktāmbhojadharaḥ śūlī śaktimāṃśca gadādharaḥ || 15-116 ||
Höre von mir auch die Mantragestalt der übrigen sieben. [Die Sonne] trägt einen roten Lotus, einen Dreizack, einen Speer und eine Keule.
15.117 caturbhujo bhānurayaṃ varado me'stu ma"galaḥ |
praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya hāntavarṇaṃ tato nyaset || 15-117 ||
Diese Sonne ist vierarmig. Möge sie mir heilvoll Segen gewähren! Man gewinne zuerst den Pranava und setze danach den durch das Ende von Ha bezeichneten Laut.
15.118 candreṇa puṭitaṃ bījaṃ dvitīyaṃ bījamuttamam |
tṛtīyaṃ śṛṇu cārvaṅgi vahnibījaṃ mahātmakam || 15-118 ||
Mit dem Mond umschlossen bildet er die vorzügliche zweite Keimsilbe. Höre die dritte, du Schöngegliederte: die erhabene Feuer-Keimsilbe.
15.119 anena mantrarājena sūryasya pūjanaṃ bhavet |
idānīṃ kathayiṣyāmi kajjalācalamuttamam || 15-119 ||
Mit diesem König der Mantras geschehe die Sonnenverehrung. Jetzt werde ich den vorzüglichen Kajjala-Berg beschreiben.
15.120 yatra gaurī mahādurgā śivena sahitā satī |
sarve vidyādharādyāstu santyatra devayonayaḥ || 15-120 ||
Dort weilt Gauri, die große Durga, als Sati gemeinsam mit Shiva. Dort leben alle göttlichen Wesen, angefangen bei den Vidyadharas.
15.121 taṃ parvataṃ divyarūpaṃ samīkṣya ca japed daśa |
sahasrāntraṃ manuṃ proktaṃ sarvasarvasvagocare || 15-121 ||
Man betrachte den Berg in seiner göttlichen Gestalt und wiederhole das genannte Mantra zehntausendmal, [das] den gesamten Wesensgehalt [umfasst].
15.122 thāntabījaṃ samuddhṛtya vāmagaṇḍavibhūṣitam |
ardhacandreṇa puṭitaṃ bījamādyaṃ priyaṅkaram || 15-122 ||
Man gewinne die durch das Ende von Tha bezeichnete Keimsilbe, geschmückt mit der linken Wange und von einem Halbmond umschlossen: die erste, Freude bereitende Keimsilbe.
15.123 mahāśaktiṃ varārohe dvitīyaṃ bījamuddhṛtam |
vahnijāyāavadhi mantraṃ durgāyā bījamuttamam || 15-123 ||
Als zweite Keimsilbe wird Mahashakti gewonnen, du Schöne. Bis zur Gemahlin des Feuers reicht das Mantra, die vorzügliche Keimformel Durgas.
15.124 tena bījena deveśi kālikāṃ pūjayet śive |
sahasrasya pramāṇena japaṃ kuryāt śucismite || 15-124 ||
Mit dieser Keimformel verehre man Kalika, Herrin der Götter, du Gütige. Tausendmal vollziehe man die Wiederholung, du rein Lächelnde.
15.125 tatra japte maheśāni mokṣamāpnoti sādhakaḥ |
ekasmiṃśca maheśāni puraścaraṇake kṛte || 15-125 ||
Wer dort rezitiert, erlangt als Übender Befreiung. Wird dort eine einzige vorbereitende Praxis ausgeführt —
15.126 puraścaraṇalakṣāṇāṃ phalaṃ tatra bhaviṣyati |
tasya pūrve maheśāni śubhaparvatake śubhe || 15-126 ||
— so entsteht die Frucht von hunderttausend solchen Übungen. Östlich davon, große Herrin, liegt der heilvolle Berg —
15.127 śacyā sārdhaṃ purā reme yatra śakraḥ sureśvaraḥ |
tatpūrvaṃ sā mahādevi nadī kapilasaṃjñitā || 15-127 ||
— auf dem einst Shakra, der Götterherr, mit Shaci spielte. Östlich davon fließt der Fluss namens Kapila, große Göttin.
15.128 tasyāṃ snātvā jalaṃ pītvā devīloke mahīyate |
kālikānilayāt pūrvadakṣiṇasyāṃ tathā diśi || 15-128 ||
Wer darin badet und sein Wasser trinkt, wird in der Welt der Göttin geehrt. Südöstlich von Kalikas Wohnstätte —
15.129 vidyate mahadāvṛttaṃ pavitraṃ bhūbilaṃ mahat |
pañcaviṃśatimānena yojanānāṃ gaṇeśvari || 15-129 ||
— befindet sich eine große, umschlossene, heilige Erdhöhlung von fünfundzwanzig Yojana Ausmaß, Herrin der Scharen.
15.130 tasmādāyāti sma nadī sarvadevanamaskṛtā |
ko brahmā kīrtito devairyasmāt tasya pilā smṛtā || 15-130 ||
Aus ihr kommt der von allen Göttern verehrte Fluss. Weil die Götter Brahma »Ka« nennen und sie als dessen »Pila« bezeichnet wird —
15.131 gaṅgeva phaladā yasmāt tasmāt kapilasaṃjñitā |
snātvā kapilagaṅgāyāṃ pūrvamanyatarāsu ca || 15-131 ||
— und weil sie wie Ganga Frucht schenkt, heißt sie Kapila. Wer in Kapila-Ganga und zuvor in einem der anderen Gewässer badet —
15.132 naraḥ svargamavāpyādau devīlokaṃ tato vrajet |
abhīṣṭadā nadīpūrvabhāge damanikāhvayā || 15-132 ||
— erlangt zuerst den Himmel und geht dann in die Welt der Göttin. Östlich des Flusses liegt die wunscherfüllende Damanika.
15.133 nadī mahāhṛṣṭatoyā pāpānāṃ śamanī tathā |
tato brahmāhvayā cābhūd aparā sariduttamā || 15-133 ||
Dieser Fluss hat höchst erfreuliches Wasser und stillt die Sünden. Danach entstand ein weiterer vorzüglicher Fluss namens Brahma.
15.134 tasyā nadyāḥ pūrvabhāge gaṅgāvat phaladāyinī |
māghamāsaṃ tu sakalaṃ nadyāṃ snātvā maheśvari || 15-134 ||
Er liegt östlich jenes Flusses und verleiht Frucht wie Ganga. Wer den ganzen Monat Magha hindurch in diesem Fluss badet, große Herrin — [Der Satz wird in der unnummerierten Schlusszeile fortgesetzt.]
tathā damanikāyāṃ tu paraṃ nirvāṇamāpnuyāt |
Ebenso erlange man durch das Bad in der Damanika das höchste Nirvana.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (sādhanasthānāntaranirūpaṇaṃ) pañcadaśaḥ paṭalaḥ || 15 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das fünfzehnte Kapitel: die Darlegung weiterer Praxisorte.
Kapitel 16: Jahresrituale und Lebensordnung

16.1 śrībhairava uvāca |
atha vakṣye maheśāni sārasvatapadapradam |
ācāraṃ parameśāni śṛṇuṣvaikamanā yataḥ || 16-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Nun erkläre ich die Lebensführung, die Sarasvatis Stand verleiht. Höre mit gesammeltem Geist, höchste Herrin.
16.2 yānyavaśyaṃ maheśāni kartavyānīti niścitam |
sādhavaḥ kṣīṇadoṣāśca svacchandāḥ sādhuvādakāḥ || 16-2 ||
Welche Handlungen unbedingt zu vollziehen sind, steht fest: Die guten Menschen, deren Fehler geschwunden sind, die frei handeln und Gutes sprechen —
16.3 teṣāmācaraṇaṃ yat tu sadācāraḥ sa ucyate |
samuddiṣṭasadācārān gṛhṇīyāt tadgṛhāntavat || 16-3 ||
— deren Verhalten heißt gute Lebensführung. Die bezeichneten guten Verhaltensweisen soll man aufnehmen wie in das eigene Haus. [Der Schlussvergleich ist unsicher.]
16.4 kuryād vidhiniṣedhābhyāṃ niṣedhādividhiṃ tathā |
ṣaṭkarmasu niyu~jīta rājā viprān samantataḥ || 16-4 ||
Man handle nach Geboten und Verboten und ordne die entsprechenden Vorschriften. Der König setze die Brahmanen überall für ihre sechs Aufgaben ein.
16.5 tathaiva kṣatriyādīni sve sve karmaṇi yojayet |
yaḥ svadharmaṃ parityajya paradharmaṃ samācaret || 16-5 ||
Ebenso ordne er Kshatriyas und die übrigen ihren jeweiligen Tätigkeiten zu. Wer die eigene Pflicht aufgibt und die Pflicht eines anderen ausübt —
16.6 sa daṇḍyaḥ parameśāni śataṃ daṇḍena daṇḍayet |
sāṃvatsareṣu kṛtyeṣu viśiṣyaitān samācaret || 16-6 ||
— ist nach dem Text zu bestrafen, große Herrin, mit einer Geldstrafe von hundert [Einheiten]. Unter den jährlichen Pflichten sind besonders die folgenden zu vollziehen.
16.7 avaśyaṃ pārthivaḥ kuryāt tān viśeṣān maheśvari |
śaratkāle mahāṣṭamyāṃ durgāyāḥ paripūjanam || 16-7 ||
Der König soll diese besonderen Handlungen unbedingt ausführen: im Herbst am großen achten Mondtag die vollständige Durga-Verehrung.
16.8 nīrājanaṃ daśamyāṃ tu kuryād vai balavṛddhaye |
pauṣe māsyasite pakṣe tṛtīyā yā maheśvari || 16-8 ||
Am zehnten Tag vollziehe er die Lichtschwenkung zur Vermehrung der Macht. Im Monat Pausha am dritten Tag der dunklen Monatshälfte —
16.9 puṣyeṇa yuktā deveśi tatra devīṃ prapūjya ca |
sarvān kāmānavāpnoti sarvaṃ bhavati niścitam || 16-9 ||
— wenn dieser mit dem Mondhaus Pushya verbunden ist, verehre er die Göttin. Dann erlange er alle Wünsche, und alles gelinge gewiss.
16.10 jyaiṣṭhe daśaharāyāṃ tu kālikāyā maheśvari |
tathā nīlasarasvatyāḥ pūjanaṃ vidhivaccaret || 16-10 ||
Am Dashahara-Tag im Monat Jyeshtha vollziehe man vorschriftsgemäß die Verehrung Kalikas und Nila-Sarasvatis.
16.11 avaśyaṃ rājabhiḥ kāryamanyathā naśyati dhruvam |
ebhiḥ kṛtyairbalaṃ rājyaṃ koṣaścāpi vivardhate || 16-11 ||
Könige müssen dies unbedingt tun; andernfalls tritt gewiss Verfall ein. Durch diese Pflichten wachsen Macht, Reich und Schatz.
16.12 akṛte ca mahādevi durbhikṣaṃ marakaṃ bhavet |
jāyante cetayaḥ sarvā viśiṣyaitān samācaret || 16-12 ||
Werden sie unterlassen, große Göttin, entstehen Hungersnot, Seuche und sämtliche Plagen. Darum sind gerade diese Handlungen auszuführen.
16.13 śaratkāle mahāṣṭamyāṃ nīlāyāḥ pūjane vidhiḥ |
purā proktastu vidhinā tena kāryaṃ tu pūjanam || 16-13 ||
Die Ordnung für Nilas Verehrung am großen achten Herbstmondtag wurde zuvor erklärt. Nach dieser Vorschrift soll die Verehrung geschehen.
16.14 vidhiṃ nīrājanasya tvaṃ śṛṇu he naganandini |
kṛtena yena cāsmākaṃ gajānāmapi vardhanam || 16-14 ||
Höre nun die Ordnung der Lichtschwenkung, Tochter des Berges, durch deren Ausführung sowohl wir als auch die Elefanten gedeihen.
16.15 āśvine śuklapakṣasya tṛtīyāṃ snāti yoginī |
aiśānyāṃ sasurā saiva gṛhṇīyāt snānamuttamam || 16-15 ||
Am dritten Tag der hellen Hälfte des Monats Ashvina badet die Yogini. Im Nordosten nehme sie mit den Göttern das vorzügliche Bad. [Der Wortlaut ist unsicher.]
16.16 nīrājanaṃ tataḥ kuryāt saṃprāpte devase'ṣṭame |
nīrājanasya kālastu pūrvamukto mayā tava || 16-16 ||
Wenn der achte Tag gekommen ist, vollziehe man die Lichtschwenkung. Ihre Zeit habe ich dir schon zuvor genannt.
16.17 vidhānamātraṃ deveśi śṛṇuṣvaikamanāḥ priye |
ekaṃ hayaṃ mahāsattvaṃ sumanoharameva vā || 16-17 ||
Höre nun allein ihre Ausführung mit gesammeltem Geist, Geliebte: Ein kräftiges oder überaus schönes Pferd —
16.18 pūjayet sapta divasān gandhapuṣpāṃśukādibhiḥ |
tṛtīyādau pūjayitvā nayet taṃ yajñamaṇḍalam || 16-18 ||
— verehre man sieben Tage lang mit Duftstoffen, Blumen, Stoff und Weiterem. Vom dritten Tag an verehrt, führe man es in den Opferkreis.
16.19 ceṣṭā nirūpayaṃstasya jānīyāt tu śubhāśubham |
pararāṣṭrābhimardaḥ syād aśvo yadi palāyate || 16-19 ||
Anhand seiner Bewegungen bestimme man günstige und ungünstige Vorzeichen. Läuft das Pferd davon, kündigt dies die Bezwingung eines fremden Reiches an.
16.20 mriyate rājaputrastu yadi leḍāni muñcati |
nīyamāno na gacchecced mahiṣīmaraṇaṃ tathā || 16-20 ||
Lässt es Kot fallen, bedeute dies den Tod des Königssohnes. Geht es beim Führen nicht mit, bedeute dies den Tod der Königin.
16.21 tathaiva mukhanāsākṣiśabdaṃ kuryād hayo yadi |
yatkāṣṭhābhimukhaṃ kuryāt tatkāṣṭhāyāṃ jayed ripūn || 16-21 ||
Wenn das Pferd Laute mit Mund, Nase oder Augen hervorbringt, werde man die Feinde in der Richtung besiegen, der es sich dabei zuwendet. [»Augen« steht so in der Vorlage.]
16.22 iti te kathitaṃ devi rājatvasya pradāyakam |
prayogaṃ mama sarvasvaṃ jānīhi naganandini || 16-22 ||
So habe ich dir die königliche Herrschaft verleihende Anwendung erklärt. Erkenne darin meinen ganzen Schatz, Tochter des Berges.
16.23 anyaṃ śṛṇu varārohe yena siddhyati sādhakaḥ |
jyaiṣṭhe māsi site pakṣe jyeṣṭhāyuktā ca sundari || 16-23 ||
Höre eine weitere, du Schöne, durch die der Übende vollendet wird. Im Monat Jyeshtha, in der hellen Hälfte, wenn [der Vollmond] mit Jyeshtha verbunden ist —
16.24 paurṇamāsī maheśāni tasyāṃ snānaṃ mahāphalam |
candanāgurukakkolairdūrvayā śvetasarṣapaiḥ || 16-24 ||
— bringt das Bad an diesem Vollmondtag große Frucht. Mit Sandel, Aloeholz, Kakkola, Durva und weißem Senf —
16.25 āmalakyā maheśāni haridrācūrṇakena ca |
tilatailairviṣṇutailairanyaiśca gandhasaṃyutaiḥ || 16-25 ||
— mit Amalaki, Gelbwurzpulver, Sesamöl, Vishnu-Öl und anderen duftenden Ölen —
16.26 nārāyaṇena tailena snapayet parameśvarīm |
nārikelodakenaiva snapayed yadi kālikām || 16-26 ||
— sowie Narayana-Öl bade man die höchste Herrin. Wer Kalika mit Kokoswasser badet —
16.27 lakṣavarṣasahasraiśca devīloke mahīyate |
dadhnā ca parameśāni snapayitvā sureśvarīm || 16-27 ||
— wird hunderttausendmal tausend Jahre in der Welt der Göttin geehrt. Wer die Götterherrin mit Sauermilch badet —
16.28 kalpakoṭiśatenāpi sāyujyācca na hīyate |
dugdhena snapayed devīṃ mahākālīṃ mahojjvalām || 16-28 ||
— fällt selbst während hundert Koti Weltaltern nicht aus der Vereinigung mit ihr heraus. Man bade die hell strahlende Göttin Mahakali mit Milch.
16.29 tasya lakṣmīrviśeṣeṇa sthirā syād nātra saṃśayaḥ |
ghṛtena snapayed devīṃ sarvakāmārthasiddhaye || 16-29 ||
Dann bleibt der Wohlstand besonders beständig, daran besteht kein Zweifel. Mit Ghee bade man die Göttin zur Erfüllung aller Wünsche und Ziele.
16.30 tathā śarkarayā devi phalamāpnoti sādhakaḥ |
madhunā snapayitvā tu sarvakāmavareśvarīm || 16-30 ||
Auch durch Zucker erlangt der Übende diese Frucht. Wer die Herrin aller gewünschten Segnungen mit Honig badet —
16.31 kālikāṃ parameśāni tathā caiva sarasvatīm |
sarvaduḥkhavinirmuktaḥ svarge loke mahīyate || 16-31 ||
— Kalika ebenso wie Sarasvati, höchste Herrin, wird von allem Leid befreit und im Himmel geehrt.
16.32 sugandhipuṣpatoyena snapayet parameśvarīm |
tasya puṇyaphalaṃ devi śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 16-32 ||
Man bade die höchste Herrin mit duftendem Blumenwasser. Höre mit gesammeltem Geist die Frucht dieses Verdienstes, Geliebte.
16.33 kalpakoṭisahasraistu devīsāyujyamāpnuyāt |
bhuṅkte ca vividhān bhogān yāvadābhūtasaṃplavam || 16-33 ||
Für tausend Koti Weltalter erlangt man Vereinigung mit der Göttin und genießt vielfältige Freuden bis zur Auflösung der Welt.
16.34 sacandanajalenaiva snapayitvā sureśvarīm |
yamalokaṃ parityajya kailāse vasatirbhavet || 16-34 ||
Wer die Götterherrin mit Sandelwasser badet, lässt Yamas Welt hinter sich und erhält eine Wohnstätte auf Kailasa.
16.35 vaiśākhe māsi deveśi snapayet śītalairjalaiḥ |
nārikelodakaṃ divyaṃ tasyai dadyād manoharam || 16-35 ||
Im Monat Vaishakha bade man sie mit kühlem Wasser und gebe ihr schönes, vorzügliches Kokoswasser.
16.36 prātaḥ saṃpūjayed devīṃ sāyāhne saṃprakāśayet |
jyaiṣṭhe māsi suraśreṣṭhe mallikāṃ mālatīṃ tathā || 16-36 ||
Morgens verehre man die Göttin, abends erhelle man sie. Im Monat Jyeshtha bringe man Mallika- und Malati-Jasmin dar, Beste der Göttinnen.
16.37 dāpayet parameśāni dadhnā ca snānamācaret |
tathā karpūrasaṃmiśraistoyaiśca snapayet śivām || 16-37 ||
Man bade sie mit Sauermilch und ebenso mit Wasser, das mit Kampfer vermischt ist, große Herrin.
16.38 evaṃ krameṇa deveśīṃ snapayitvā sukhaṃ bhavet |
śucau māsi mahādevyai śarkarāsahitaṃ dadhi || 16-38 ||
Wer die Herrin der Götter in dieser Folge badet, erlangt Glück. Im Monat Shuci [Ashadha] gebe man der großen Göttin Sauermilch mit Zucker.
16.39 dadyācca parameśāni snapayet śvetasarṣapaiḥ |
śarkarāsahitā/llājān mahādevyai pradāpayet || 16-39 ||
Man bade sie mit weißem Senf und lasse der großen Göttin Puffreis mit Zucker darbringen.
16.40 evaṃ krameṇa deveśi puraścaryāphalaṃ labhet |
śrāvaṇe parameśāni ghṛtena snapayet śivām || 16-40 ||
Durch diese Folge erlangt man die Frucht der vorbereitenden Praxis. Im Monat Shravana bade man die Gütige mit Ghee.
16.41 tathā masūracūrṇena snapayitvā maheśvarīm |
bhuktvā ca vividhān bhogān durgāloke mahīyate || 16-41 ||
Wer die große Herrin auch mit Linsenmehl badet, genießt vielfältige Freuden und wird in Durgas Welt geehrt.
16.42 piṣṭakaiḥ saguḍairdevi toṣayet parameśvarīm |
nabhasye parameśāni snapayet surasundarīm || 16-42 ||
Mit Gebäck und Rohrzucker erfreue man die höchste Herrin. Im Monat Nabhasya [Bhadrapada] bade man die göttliche Schöne.
16.43 haridrāmalakenaiva mathanenaiva sundari |
kṣīraṃ dadyād mahādevyai śarkarāsahitaṃ priye || 16-43 ||
Mit Gelbwurz, Amalaki und verquirlter Flüssigkeit [vollziehe man das Bad], Schöne. Der großen Göttin gebe man Milch mit Zucker, Geliebte.
16.44 chāgamāṃsaṃ palānnaṃ ca sūkṣmānnasahitena ca |
dadyācca piṣṭakaṃ maudgaṃ kṣīrājyaparibhūṣitam || 16-44 ||
Man gebe Ziegenfleisch, Fleischreis und feinen Reis sowie Munggebäck, verfeinert mit Milch und Ghee.
16.45 evaṃ krameṇa yo dadyād devīlokamavāpnuyāt |
iṣe māsi pravṛtte tu mahādevīṃ sarasvatīm || 16-45 ||
Wer die Gaben in dieser Folge darbringt, erlangt die Welt der Göttin. Wenn der Monat Isha [Ashvina] beginnt, bade man die große Göttin Sarasvati —
16.46 snapayet ca kaṣāyeṇa kalpāmṛtarasena ca |
nārāyaṇena tailena viṣṇutailena vā punaḥ || 16-46 ||
— mit einem Pflanzensud und einem nektargleichen Saft, mit Narayana-Öl oder Vishnu-Öl.
16.47 anyena gandhatailena snapayed bhavamohinīm |
dadyācca paramaṃ hṛdyaṃ sandeśaṃ rasanāsukham || 16-47 ||
Auch mit einem anderen Duftöl bade man die Bezauberin Bhavas. Man gebe ihr die vorzügliche, angenehme und wohlschmeckende Sandesha-Süßigkeit.
16.48 laḍḍukaṃ paramaṃ tasyai dāpayet suranāyike |
nānāvidhaiśca balibhiḥ pūjayet śāṃkarīṃ śivām || 16-48 ||
Man lasse ihr ausgezeichnete Laddu-Süßkugeln darbringen, Götterführerin. Mit vielerlei Opfergaben verehre man die gütige Shankari.
16.49 evaṃ pūjāṃ naraḥ kṛtvā vaset kalpāyutaṃ divi |
kārtike māsi deveśi snapayeduṣṇadugdhakaiḥ || 16-49 ||
Wer so verehrt, wohnt zehntausend Weltalter im Himmel. Im Monat Kartika bade man sie mit warmer Milch.
16.50 yakṣakardamakairvāpi snapayet kārtike śive |
bhraṣṭadravyaṃ mahādevi godhūmādivikārajam || 16-50 ||
Oder man bade sie in Kartika mit der Duftmischung Yakshakardama, du Gütige. Geröstete Zubereitungen aus Weizen und anderem —
16.51 kṣīreṇa sahitaṃ dadyād mahādevyai priyaṅkaram |
nārikelaṃ tathā rambhāṃ guvākamikṣudaṇḍakam || 16-51 ||
— gebe man der großen Göttin zusammen mit Milch als erfreuliche Gabe; ferner Kokosnuss, Banane, Betelnuss und Zuckerrohr.
16.52 jambhīraṃ nāgaraṅgaṃ ca dadyād devyai suśobhanam |
kaduṣṇaṃ paramānnaṃ ca piṣṭakena ca saṃyutam || 16-52 ||
Zitrone und Orange gebe man der Göttin, schöne Früchte, dazu lauwarme süße Reisspeise mit Gebäck.
16.53 bhraṣṭamatsyādikaṃ tasyai dāpayed yatnataḥ śive |
evaṃ kṛtvā naraḥ sadyo jīvanmukto bhaviṣyati || 16-53 ||
Gebratenen Fisch und anderes lasse man ihr sorgsam darbringen. Wer so handelt, werde unmittelbar zu Lebzeiten befreit.
16.54 na tasya pāpapuṇyādi jāyate nātra saṃśayaḥ |
mārgaśīrṣe mahādevi māsaśreṣṭhe ca sundarīm || 16-54 ||
Für ihn entstehen weder Sünde noch Verdienst und dergleichen, daran besteht kein Zweifel. Im vorzüglichen Monat Margashirsha bade man die Schöne —
16.55 snapayed uṣṇatoyaiśca vastrapūtaiḥ sugandhibhiḥ |
kuṅkumādibhirāyuktaiḥ puṣpamālyamanoharaiḥ || 16-55 ||
— mit warmem, durch Stoff gefiltertem, duftendem Wasser, versehen mit Safran und anderem und erfreulichen Blumengirlanden.
16.56 haridrāsahitaiścāragvadhabījaiḥ saśarkaraiḥ |
snapayet parameśānīṃ ghṛtāktaṃ cānnamuttamam || 16-56 ||
Mit Gelbwurz, Aragvadha-Samen und Zucker bade man die höchste Herrin. Vorzüglichen Reis mit Ghee —
16.57 vyañjanaṃ ca ghṛtāktaṃ ca saguḍaṃ śuktikāyutam |
vārtākībhraṣṭadravyeṇa toṣayet parameśvarīm || 16-57 ||
— sowie Beilagen mit Ghee, Rohrzucker und säuerlicher Würze [gebe man ihr]; mit gebratenen Auberginen erfreue man die höchste Herrin.
16.58 mūlakaṃ paramaṃ tasyai dāpayed yatnataḥ śive |
naivedyairvividhairdevi caṇakādivibhūṣitaiḥ || 16-58 ||
Vorzüglichen Rettich lasse man ihr sorgsam darbringen, dazu vielfältige Speisegaben, bereichert mit Kichererbsen und anderem.
16.59 kadalīsahitairdevi dadyāt paramasundari |
sūkṣmavastraṃ mahādevyai kha(ṭaṃ?ṭvāṃ)dadyāt suśobhanām || 16-59 ||
Mit Bananen gebe man sie, du höchste Schöne. Feines Tuch und ein schönes Bett gebe man der großen Göttin.
16.60 śayyāyuktāṃ maheśāni dāpayet suravandite |
evaṃ krameṇa yo devi mārge māsi pradāpayet || 16-60 ||
Mit Bettzeug ausgestattet lasse man es ihr darbringen, du von den Göttern Verehrte. Wer im Monat Margashirsha in dieser Folge Gaben darbringt —
16.61 tasya puṇyaphalaṃ devi śṛṇu he naganandini |
iha loke sukhaṃ bhuktvā mahārājatvamāpnuyāt || 16-61 ||
— dessen Verdienstfrucht höre, Tochter des Berges: Er genieße Glück in dieser Welt und erlange große Königsherrschaft.
16.62 iti te kathitaṃ devi sarvasiddhipradāyakam |
pauṣe māsi mahādevīṃ snapayeduktayā diśā || 16-62 ||
So habe ich dir das alle Vollkommenheiten Verleihende erklärt, Göttin. Im Monat Pausha bade man die große Göttin in der genannten Weise.
16.63 pūpayāvakadravyādi dāpayet suramohini |
divā rātrau mahādevyai dāpayed bhaktamuttamam || 16-63 ||
Kuchen, Gerstenzubereitungen und anderes lasse man darbringen, Bezauberin der Götter. Tags und nachts gebe man der großen Göttin vorzüglichen gekochten Reis.
16.64 saghṛtaṃ paramaṃ hṛdyaṃ tāmbūlādiyutaṃ priye |
naivedyaṃ paramaṃ dadyāt sayatnaiḥ sādhakottamaiḥ || 16-64 ||
Mit Ghee, besonders wohlschmeckend und begleitet von Betel und Weiterem: Solch eine vorzügliche Speisegabe sollen die besten Übenden sorgfältig darbringen.
16.65 māghe māsi mahādevi snapayed ghṛtapāyasaiḥ |
gandhayuktairjalaiścāpi snapayitvā parāṃ śivām || 16-65 ||
Im Monat Magha bade man die große Göttin mit Ghee und Milchspeise. Wer die höchste Gütige auch mit duftendem Wasser badet —
16.66 devīsāyujyamevātra prāpnuyād nātra saṃśayaḥ |
carvyaṃ coṣyaṃ tathā lehyaṃ peyaṃ dadyād manoramam || 16-66 ||
— erlangt Vereinigung mit der Göttin, daran besteht kein Zweifel. Man gebe schöne Speisen zum Kauen, Saugen, Lecken und Trinken.
16.67 annaṃ piṣṭādikaṃ dadyād mahādevyai priyaṅkaram |
evaṃ krameṇa deveśīṃ toṣayed bahuyatnataḥ || 16-67 ||
Reis, Gebäck und andere erfreuliche Speisen gebe man der großen Göttin. In dieser Folge erfreue man die Herrin der Götter mit großer Sorgfalt.
16.68 iha loke sukhaṃ bhuktvā paratra mokṣamāpnuyāt |
phālgune māsi deveśi snapayet parameśvarīm || 16-68 ||
Nachdem man in dieser Welt Glück genossen hat, erlangt man im Jenseits Befreiung. Im Monat Phalguna bade man die höchste Herrin.
16.69 ghṛtena payasā vāpi snapayet parameśvarīm |
naivedyaṃ paramaṃ divyaṃ susvādu sumanoharam || 16-69 ||
Mit Ghee oder Milch bade man die höchste Herrin und gebe eine vorzügliche, göttliche, wohlschmeckende und erfreuliche Speisegabe.
16.70 nānādravyayutaṃ bhadre sarvadravyaṃ suśobhanam |
dadyād devyai maheśāni sukhamāpnoti sādhakaḥ || 16-70 ||
Mit vielerlei Zutaten, du Gütige, bringe man der Göttin alle schönen Dinge dar. So erlangt der Übende Glück.
16.71 caitre māsi maheśāni dadyācca ghṛtapāyasam |
dadhi kṣīraṃ madhu dravyaṃ pāyasaṃ śarkarāṃ tathā || 16-71 ||
Im Monat Caitra gebe man Ghee-Milchspeise, Sauermilch, Milch, Honig, weitere Gaben, Milchspeise und Zucker.
16.72 dadyād devyai maheśāni paraṃ dravyaṃ suśobhanam |
evaṃ krameṇa deveśi pūjayed yastu sādhakaḥ || 16-72 ||
Man gebe der Göttin vorzügliche, schöne Gaben, große Herrin. Wer als Übender in dieser Reihenfolge verehrt —
16.73 sa mokṣabhāg bhavatyeva satyaṃ satyaṃ maheśvari |
iti te kathitaṃ divyaṃ sarvapāpapramocanam || 16-73 ||
— wird gewiss der Befreiung teilhaftig, wahrlich, wahrlich, große Herrin. So habe ich dir die göttliche, von allen Sünden befreiende Ordnung erklärt.
prayogaṃ yaḥ karotyevaṃ sa sukhī nātra saṃśayaḥ |
Wer diese Anwendung so vollzieht, wird glücklich, daran besteht kein Zweifel.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (prayogāntara - dvādaśamāsavidhinirūpaṇaṃ) ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ || 16 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das sechzehnte Kapitel: die Darlegung weiterer Anwendungen und der Ordnung der zwölf Monate.
Kapitel 17: Kali-Verehrung und Feueropfer
17.1 atha vakṣye maheśāni sārvajñakāraṇaṃ param |
rātrau devi varārohe prathame prahare gate || 17-1 ||
Nun erkläre ich die höchste Ursache der Allwissenheit, große Herrin. Nachts, wenn das erste Nachtviertel verstrichen ist, du Schöne —
17.2 madhyarātrau viśeṣeṇa sahasraṃ yadi sādhakaḥ |
prajapet parayā bhaktyā mantramenaṃ samāhitaḥ || 17-2 ||
— besonders um Mitternacht, soll der Übende dieses Mantra tausendmal mit höchster Hingabe und Sammlung wiederholen.
17.3 yoniṃ pūrvaṃ punaryoniṃ bījayugmātmakaṃ manum |
prajaped madhyarātrau ca mantrapūtaṃ jalaṃ kṣipet || 17-3 ||
Zuerst Yoni, dann wieder Yoni: Dieses aus zwei Keimsilben bestehende Mantra rezitiere man um Mitternacht und versprenge mantrageweihtes Wasser.
17.4 ṣaṇmāsābhyantare devi sarvajñatvaṃ samāpnuyāt |
iti satyaṃ mahādevi saṃśayo nāsti kaścana || 17-4 ||
Innerhalb von sechs Monaten erlange man Allwissenheit, Göttin. Dies ist wahr, große Göttin; daran besteht keinerlei Zweifel.
17.5 candrasūryau yadi vṛthā tadā niṣphalabhāg bhavet |
rahasyaṃ śṛṇu cārvaṅgi mahākālyāḥ priyaṅkaram || 17-5 ||
Nur wenn Mond und Sonne vergeblich wären, bliebe auch dies ohne Frucht. Höre das Mahakali erfreuende Geheimnis, du Schöngegliederte.
17.6 yena siddhyati deveśi sādhako vītamatsaraḥ |
kārtike māsi deveśi amāvāsyā ca yā tithiḥ || 17-6 ||
Dadurch gelangt der von Missgunst freie Übende zur Vollendung. Am Neumondtag des Monats Kartika, Herrin der Götter —
17.7 tasyāṃ rātrau viśeṣeṇa pūjayet kālikāṃ parām |
prathame prahare devyaḥ snānāya parameśvarīm | 7 ||
— verehre man besonders in der Nacht die höchste Kalika. Im ersten Nachtviertel [bereite man] die höchste Herrin zum Bad.
17.8 samārādhya maheśāni saṃkalpastadanantaram |
tat samīpe (maṇḍape tu) padmaṃ nirmāya sundari || 17-8 ||
Nachdem man die große Herrin verehrt hat, fasse man den rituellen Entschluss. In ihrer Nähe, im Pavillon, zeichne man einen Lotus, Schöne.
17.9 athavā sarvatobhadraṃ nirmāya maṇḍalaṃ śubham |
bhadrāsane mahādevīṃ saṃsthāpya parmeśvari || 17-9 ||
Oder man bereite das heilvolle Sarvatobhadra-Mandala und setze die große Göttin auf einen ehrwürdigen Sitz, höchste Herrin.
17.10 snapayed darpaṇe śubhre haridrāmlakena ca |
tailena parameśāni gandhayuktena sundari || 17-10 ||
Man bade sie in einem reinen Spiegel mit Gelbwurz und Amalaki sowie mit duftendem Öl, Schöne.
17.11 śītalaiḥ sujalairdevīṃ kālikāṃ snapayed mudā |
evamuktaprakāraiśca nīlāvat pūjayet sudhīḥ || 17-11 ||
Mit kühlem, gutem Wasser bade man die Göttin Kalika freudig. Nach den genannten Verfahren verehre der Kundige sie wie Nila.
17.12 dhyānaṃ śṛṇu varārohe sārasvatapradāyakam |
yena dhyānena deveśi sādhayet siddhimuttamām || 17-12 ||
Höre die Meditation, die Sarasvati-Gaben schenkt und durch die man die höchste Vollendung verwirklicht, Herrin der Götter.
17.13 meghavarṇāṃ smitamukhīṃ muktakeśīṃ digambarām |
aṭṭāṭṭahāsavadanāṃ smerā(ruṇa?nana)saroruhām || 17-13 ||
Sie ist wolkenfarbig, hat ein lächelndes Gesicht, offenes Haar und ist unbekleidet; ihr Mund lacht laut auf, ihr Lotusantlitz lächelt.
17.14 trinetrāṃ varadāṃ nityāṃ mahādevopari sthitām |
karṇālambitabālāḍhyāṃ muṇḍamālāvibhūṣitām || 17-14 ||
Sie ist dreiäugig, segenspendend, ewig und steht auf Mahadeva; an ihren Ohren hängen Kinderleichen, und eine Girlande aus Köpfen schmückt sie.
17.15 vāmordhve kartrikāṃ divyāṃ tada(rdhe?dho) muṇḍadhāriṇīm |
abhayaṃ varadaṃ haste bibhratīṃ dakṣiṇena ca || 17-15 ||
Oben links trägt sie das göttliche Messer, darunter einen Kopf. Mit den rechten Händen zeigt sie Furchtlosigkeit und Segensgewährung.
17.16 trailokyamohinīṃ devīṃ mālāṃ divyāṃ subibhratīm |
evaṃ dhyāyed mahākālīṃ prasannavadanāṃ śubhām || 17-16 ||
Die Göttin bezaubert die drei Welten und trägt eine göttliche Girlande. So meditiere man über Mahakali, heilvoll und mit heiterem Gesicht.
17.17 maṇḍapaṃ parameśāni nirmāya vidhivat śive |
caturasraṃ caturdvāraṃ mukuṭāṅkitamūrddhajām || 17-17 ||
Man errichte vorschriftsgemäß einen viereckigen Pavillon mit vier Toren, höchste Herrin; [man betrachte] sie mit einer Krone auf ihrem Haupt.
17.18 parame maṇḍape devi pūjayet parameśvarīm |
vividhaiḥ pūjayed dravyaiḥ puṣpadhūpāsanādibhiḥ || 17-18 ||
In dem vorzüglichen Pavillon verehre man die höchste Herrin mit vielfältigen Gaben, Blumen, Räucherwerk, Sitz und Weiterem.
17.19 naivedyaṃ paramaṃ dadyād nānādravyopaśobhitam |
pakvānnaṃ paramaṃ divyaṃ nānārasasamanvitam || 17-19 ||
Man gebe eine vorzügliche Speisegabe, mit vielerlei Zutaten geschmückt, ausgezeichneten gekochten Reis mit verschiedenen Geschmacksrichtungen.
17.20 sandeśaṃ paramaṃ kṛtyaṃ(hṛdyaṃ) susvādu sumanoharam |
aparyāptaṃ maheśāni nābhimātrapramāṇataḥ || 17-20 ||
Dazu köstliche, wohlschmeckende, erfreuliche Sandesha-Süßigkeit in überreichem Maß, bis zur Höhe des Nabels [aufgehäuft].
17.21 prahare prahare pūjāṃ japaṃ caiva samācaret |
nanāvidhaiśca balibhiḥ pūjayet kālikāṃ śivām || 17-21 ||
In jedem Nachtviertel vollziehe man Verehrung und Wiederholung. Mit vielerlei Opfergaben verehre man die gütige Kalika.
17.22 homayet parameśāni pāyasājyena sundarīm |
bilvapatrairmaheśāni homayecca maheśvarīm || 17-22 ||
Der Schönen bringe man Feueropfer mit Milchspeise und Ghee dar; auch mit Bilva-Blättern opfere man der großen Herrin.
17.23 stavaṃ paṭhed maheśāni (bha?bhu)ktimuktipradāyakam |
tato visarjayed dhīmān mahadevīṃ manoharām || 17-23 ||
Man spreche den Lobpreis, der Genuss und Befreiung schenkt. Danach verabschiede der Verständige die schöne große Göttin.
17.24 iti te kathitaṃ divyaṃ kālikāyāḥ prapūjanam |
yaḥ karoti mahādevi sa mokṣaṃ prāpnuyād dhruvam || 17-24 ||
So habe ich dir Kalikas göttliche Verehrung erklärt. Wer sie vollzieht, große Göttin, erlangt gewiss Befreiung.
17.25 iha loke sukhaṃ devi bhaved nīlāvidhau priye |
atha vakṣye mahādevi kuṇḍānāṃ nirṇayaṃ tathā || 17-25 ||
In dieser Welt entsteht Glück, Geliebte, wie bei Nilas Ritual. Nun werde ich auch die Bestimmung der Opfergruben erklären.
17.26 homārthṃ parameśāni sarasvatyāḥ śivapriye |
homasyaiva vidhiṃ vakṣye kuṇḍena sahitaṃ (vibho?śive) || 17-26 ||
Für Sarasvatis Feueropfer, Geliebte Shivas, werde ich die Ordnung des Opfers mitsamt der Grube darlegen, du Gütige.
17.27 ādau bhūmiṃ parīkṣeta vāstulakṣaṇatatparaḥ |
śalyoddhāraṃ prakurvīta cāthavā parameśvari || 17-27 ||
Zuerst prüfe man den Boden, aufmerksam auf die Merkmale des Bauplatzes, und entferne gegebenenfalls störende Fremdkörper, höchste Herrin.
17.28 pauruṣeṇa pramāṇena khanet suragaṇārcite |
vāstupūrvadiśi mahādevi kuṇḍaṃ prakalpayet || 17-28 ||
Man grabe nach menschlichem Maß, du von den Göttern Verehrte. Im östlichen Teil des Bauplatzes lege man die Grube an.
17.29 aiśānyāṃ vā maheśāni kuṇḍaṃ kuryād yathāvidhi |
saptahastaṃ nava tathā pañca pañca vibhedataḥ || 17-29 ||
Oder man fertige sie im Nordosten vorschriftsgemäß. Sieben, neun beziehungsweise fünf Hasta werden je nach Unterschied genannt. [Die Maßfolge ist nicht eindeutig gefügt.]
17.30 caturasraṃ caturdvāraṃ niśchidraṃ tu prakalpayet |
saṃstared darbhakeṇaiva sūtreṇaiva prakalpayet || 17-30 ||
Man lege einen viereckigen, lückenlosen Bereich mit vier Zugängen an, breite Darbha-Gras aus und stecke ihn mit Schnüren ab.
17.31 ekakuṇḍamite nānyat pañcahastagṛhaṃ bhavet |
caturasre maheśāni sarvakarmāṇi sādhayet || 17-31 ||
Für eine einzige Grube genüge ein Gebäude von fünf Hasta; ein weiteres ist nicht nötig. In einer viereckigen Grube lassen sich alle Handlungen vollziehen.
17.32 pramāṇaṃ śṛṇu deveśi yena siddho bhaved manuḥ |
karturdakṣiṇahastasya madhyamāṅguliparvaṇaḥ || 17-32 ||
Höre das Maß, durch das das Mantra vollendet werde: vom mittleren Fingerglied des Mittelfingers an der rechten Hand des Ausführenden —
17.33 madhyasya dīrghamānena mānāṅgulinirūpaṇam |
aṣṭabhiśca yavai(rdevi) ekāṅgulamiti smṛtam || 17-33 ||
— nach dessen Länge wird das Fingermaß bestimmt. Auch acht Gerstenkörner gelten als ein Fingerbreit, Göttin.
17.34 pratyekasūtramāsphālya tanmadhye sādhayet suddhiḥ |
bhāgatrayeṇa tanmadhye vidhāya caiva pārvati || 17-34 ||
Man spanne jede Schnur und bestimme kundig die Mitte. Diese teile man in drei Teile, Parvati.
17.35 diśormatsyayugaṃ kuryāt (tasyānyā?tanmatsyā)danayoḥ kvacit |
dakṣiṇottaragaṃ sūtraṃ yathānālaṃ nipātayet || 17-35 ||
In den Richtungen zeichne man zwei Fischfiguren; von ihren Schnittpunkten aus lasse man eine Schnur von Süden nach Norden wie einen Stiel verlaufen. [Die geometrische Anweisung ist teilweise verderbt.]
17.36 tat sūtrāgreṣu saṃsthāpya koṇeṣu makarāṃllikhet |
koṇasya makarasthāni dikṣu sūtrāṇi pātayet || 17-36 ||
An den Schnurenden setze man die Eckpunkte und zeichne dort Makara-Figuren. Von diesen Eckfiguren aus ziehe man die Schnüre in die Richtungen.
17.37 evaṃ kṛte catuṣkoṣṭhaṃ caturasraṃ ca jāyate |
etat kuṇḍaṃ maheśāni caturasraṃ sulakṣaṇam || 17-37 ||
So entsteht ein Viereck mit vier Feldern. Dies ist die wohlgeformte viereckige Opfergrube, große Herrin.
17.38 kuṇḍavistāramānaṃ hi tādṛśaṃ parameśvari |
tanmānaṃ parameśāni tādṛg rūpā ca mekhalā || 17-38 ||
Nach der Breite der Grube bemisst sich auch die Umrandung, höchste Herrin; ihr Maß und ihre Gestalt entsprechen ihr.
17.39 pañcatrimekhalaṃ kuryāt tantravit sādhakottamaḥ |
mekhalātritayaṃ caiva mahāhome maheśvari || 17-39 ||
Der tantrakundige Übende fertige fünf oder drei Ränder an; beim großen Feueropfer sind drei Umrandungen vorgesehen.
17.40 vedāgninayanotsedhavistārā hastamātrake |
antarnavāṅgulotsedhā vistṛtā tu navāṅgulā || 17-40 ||
Bei einer Grube von einem Hasta gelten vier, drei und zwei Fingerbreit als Höhen- und Breitenmaße der Ränder. Innen werden neun Fingerbreit Höhe und ebenso neun Breite genannt. [Die genaue Zuordnung ist in der Vorlage knapp.]
17.41 sarvatraivaṃvidhaṃ kṣetraṃ kuṇḍānāmanurūpataḥ |
ekāṅgulaṃ parityajya kuṇḍāntarmekhalā bhavet || 17-41 ||
Überall ist das Gelände entsprechend der jeweiligen Grube anzulegen. Mit einem Abstand von einem Fingerbreit liege der innere Rand der Grube.
17.42 ekahaste tu kuṇḍe vai hyanyat kuṇḍe vivarjayet |
arddhāṅgulapramāṇe tu kuṇḍaṃ kuryācca mantravit || 17-42 ||
Dies gilt bei einer Grube von einem Hasta; bei anderen Gruben lasse man es weg. Der Mantrakundige fertige [den Abstand] mit einem halben Fingerbreit an. [Der Bezug des Maßes bleibt unklar.]
17.43 sāttvikī mekhalā pūrvā dvitīyā rājasī tathā |
tṛtīyā tāmasī proktā mekhalānāṃ tu nirṇayaḥ || 17-43 ||
Der erste Rand ist sattvisch, der zweite rajasisch und der dritte tamasisch: So lautet die Bestimmung der Umrandungen.
17.44 iti te kathitaṃ divyaṃ mekhalānirṇayaṃ tathā |
atha vakṣye maheśāni yoninirṇayamuttamam || 17-44 ||
Damit habe ich dir die göttliche Bestimmung der Ränder erklärt. Nun werde ich die vorzügliche Bestimmung der Yoni erklären.
17.45 prathame yoniṃ kuṇḍe tu [prathame mekhale yoniṃ kha pāṭhaḥ |]
mekhalāntarapūrvataḥ |
kuryād gajoṣṭhavarṇaṃ tu kuṇḍavit sarvalakṣaṇam || 17-45 ||
Zuerst fertige der Grubenkundige die Yoni an der Grube beziehungsweise am ersten Rand an, vor dem Zwischenraum der Ränder, in Gestalt einer Elefantenlippe und mit allen Merkmalen.
17.46 yoniḥ ṣaḍaṅgulā proktā caturaṅgulavistṛtā |
unnatā dvyaṅgulā proktā kuṇḍe hastamite budhaiḥ || 17-46 ||
Bei einer Grube von einem Hasta geben die Kundigen die Yoni als sechs Fingerbreit lang, vier breit und zwei hoch an.
17.47 nābhiṃ kuṇḍodare [kuṇḍādadhaḥ kha pāṭhaḥ |] kuryāt sudhīraṣṭadalābjavat |
tat tat kuṇḍānurūpāṃ vā nābhiṃ tatra vicakṣaṇaḥ || 17-47 ||
Im Inneren der Grube [Variante: unterhalb der Grube] fertige der Kundige den Nabel wie einen achtblättrigen Lotus, der jeweiligen Grube entsprechend.
17.48 netravedāṅgulotsedhavistārā nābhiratra vai |
dvihastādiṣu kuṇḍeṣu yoniṃ saṃvardhayet kramāt || 17-48 ||
Der Nabel sei zwei Fingerbreit hoch und vier breit. Bei Gruben von zwei Hasta und mehr vergrößere man die Yoni stufenweise.
17.49 ekaikāṅgulimānena tathā nābhiṃ ca vardhayet |
kuṇḍasthale vahiḥsthānaṃ sthalaṃ viddhi maheśvari || 17-49 ||
Jeweils um ein Fingerbreit vergrößere man auch den Nabel. Als Grubenfläche verstehe man den Bereich des Feuerortes, große Herrin.
17.50 caturasrasthalārabdhaṃ nālamadhye sarandhrakam |
sthūlamūlā ca sūkṣmāgrā unnatiḥ syād manoharā || 17-50 ||
Von einer viereckigen Grundfläche aus verlaufe in der Mitte ein durchbrochener Kanal; an der Wurzel breit und an der Spitze fein, sei die Erhöhung schön gestaltet.
17.51 vahiḥsthale mekhalāyāḥ sthānamārabhya [bahiḥsthamekhalābāhyasthānamā
kha pāṭhaḥ |] kārayet |
yonimadhye bilaṃ kuryāt tad bāhye grāhisaṃjñakam || 17-51 ||
Man beginne außen an der Umrandung. In der Mitte der Yoni fertige man eine Öffnung, außerhalb davon den sogenannten Auffänger.
17.52 yonyagraṃ vardhayed vidvān nābhirvṛttākṛtirbhavet |
hastamātre sahasraṃ tu dvihaste cāyutaṃ smṛtam || 17-52 ||
Der Kundige verlängere die Yoni-Spitze; der Nabel sei kreisförmig. In einer Grube von einem Hasta sind tausend Opfer vorgesehen, bei zwei Hasta zehntausend.
17.53 caturhaste lakṣamātraṃ ṣaṭkare daśalakṣakam |
daśahaste maheśāni koṭihomaṃ samācaret || 17-53 ||
Bei vier Hasta hunderttausend, bei sechs Hasta eine Million; bei zehn Hasta vollziehe man zehn Millionen Feueropfer, große Herrin.
17.54 daśahastāt paraṃ nāsti tantre'smin parameśvari |
khātādhike bhaved rogī hīne dhenudhanakṣayaḥ || 17-54 ||
Mehr als zehn Hasta gibt es in diesem Tantra nicht. Bei zu tiefer Grube werde man krank, bei zu flacher entstehe Verlust von Kühen und Vermögen.
17.55 vakrakuṇḍe tu saṃtāpo bandhuhā hīnamekhale |
mekhalārahite śoko'bhyadhike vittasaṃkṣayaḥ || 17-55 ||
Eine schiefe Grube bringe Qual; ein zu niedriger Rand den Verlust von Angehörigen. Ohne Rand entstehe Kummer, bei übermäßigem Rand Vermögensverlust.
17.56 bhāryāvināśakaṃ kuṇḍaṃ yonyāḥ śūnyaṃ maheśvari |
apatyadhvaṃsanaṃ kuṇḍaṃ yadi tat kaṇṭhavarjitam || 17-56 ||
Eine Grube ohne Yoni vernichte die Ehefrau, große Herrin; fehlt ihr der Hals, vernichte sie die Nachkommen.
17.57 uccāṭaḥ sphuṭite chidrasaṃkule vā mṛtirbhavet |
tasmād hi parameśāni jñātvā kuṇḍaṃ prasādhayet || 17-57 ||
Eine gesprungene Grube bringe Vertreibung; eine von Löchern durchsetzte den Tod. Darum soll man die Grube mit Verständnis sorgfältig herstellen.
17.58 devīprītikaraṃ kuṇḍaṃ sarvadevanamaskṛtam |
mantrasiddhikaraṃ kuṇḍaṃ sarvasārasvatapradam || 17-58 ||
Die Grube erfreut die Göttin und wird von allen Göttern geehrt. Sie bewirkt Mantravollendung und verleiht alle Gaben Sarasvatis.
17.59 atha vakṣye maheśāni hyagnikāryaṃ suśobhanam |
yasmin hutvā varārohe sarvavidyāmayo bhavet || 17-59 ||
Nun erkläre ich die schöne Feuerhandlung, große Herrin. Wer darin opfert, wird von allen Wissenskräften erfüllt, du Schöne.
17.60 maṇḍapasyottare bhāge kuṇḍān kṛtvā yathoditān |
nityanaimittikakāmyān saṃskāraṃ tatra cācaret || 17-60 ||
Im nördlichen Teil des Pavillons fertige man die genannten Gruben an und vollziehe darin die täglichen, anlassbezogenen und wunschgerichteten Weihen.
17.61 aṣṭādaśa syuḥ saṃskārāḥ kuṇḍānāṃ tantravartmanā |
vīkṣaṇaṃ mūlamantreṇa śareṇa prokṣaṇaṃ caret || 17-61 ||
Nach tantrischem Weg gibt es achtzehn Weihen der Gruben. Man betrachte sie mit dem Grundmantra und besprenge sie mit dem Pfeilmantra.
17.62 tenaiva tāḍanaṃ darbhairvarmaṇābhyukṣaṇaṃ matam |
astreṇa khananoddhārau hṛnmantreṇa prapūraṇam || 17-62 ||
Mit demselben schlage man sie mit Darbha-Gras an, mit dem Panzermantra besprenge man sie. Ausgraben und Ausheben geschehen mit dem Waffenmantra, Auffüllen mit dem Herzmantra.
17.63 samīkaraṇamantreṇa secanaṃ varmaṇā matam |
kuṭṭanaṃ hetimantreṇa varmamantreṇa mārjanam || 17-63 ||
Mit dem Mantra [vollziehe man] das Ebnen, mit dem Panzermantra das Begießen, mit dem Waffenmantra das Feststampfen und mit dem Panzermantra das Reinigen.
17.64 vilepanaṃ kalārūpakalpanaṃ tadanantaram |
trisūtrīkaraṇaṃ paścād hṛdayenārcanaṃ bhavet || 17-64 ||
Danach folgen Bestreichen und Vergegenwärtigen der Kala-Gestalt, anschließend das dreifache Umschnüren und die Verehrung mit dem Herzmantra.
17.65 astreṇa vajrīkaraṇaṃ hṛnmantreṇa jalaiḥ śubhaiḥ |
yonikuṇḍāni deveśi saṃskuryāt sādhakottamaḥ || 17-35 ||
Mit dem Waffenmantra mache man die Grube vajrafest; mit dem Herzmantra und reinem Wasser weihe der vortreffliche Übende die Yoni-Gruben, Herrin der Götter. [Die Vorlage nummeriert hier erneut 17-35.]
17.66 tasmin kuṇḍe maheśāni rekhātrayaṃ samācaret |
prāgagrā udagagrā vā tisro rekhā likhet tataḥ || 17-66 ||
In dieser Grube ziehe man drei Linien, große Herrin; anschließend zeichne man drei Linien mit Spitzen nach Osten oder Norden.
17.67 prāgagrāṇāṃ smṛtā devā mukundeśapurandarāḥ |
rekhāṇāmudagagrāṇāṃ brahmavaivasvatendavaḥ || 17-67 ||
Die Gottheiten der ostwärts gerichteten Linien sind Mukunda, Isha und Purandara; die der nordwärts gerichteten Brahma, Vaivasvata und der Mond.
17.68 athavā trikoṇavṛttaṃ caturasraṃ likhet tataḥ |
tatra vahneryogapīṭhamarcayet prāṇavallabhe || 17-68 ||
Oder man zeichne Dreieck, Kreis und Viereck. Dort verehre man den Yoga-Sitz des Feuers, Herzensgeliebte.
17.69 vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca ambikā śaktayaḥ kramāt |
tato devi mahābhāge tārākuṇḍaṃ prapūjayet || 17-69 ||
Vama, Jyeshtha, Raudri und Ambika sind der Reihe nach die Kräfte. Danach verehre man die Tara-Grube, erhabene Göttin.
17.70 tanmadhye parameśānīṃ nīlāṃ vāgīśvarīṃ yajet |
tataśca śrotriyo vahniṃ tadbījenaiva coddharet || 17-70 ||
In ihrer Mitte verehre man die höchste Herrin, die blaue Vagishvari. Dann nehme der Schriftkundige das Feuer mit dessen Keimsilbe auf.
17.71 hū/phaṭkāreṇa deveśi kravyādebhyastataḥ param |
vahnijāyāvadhirmantraṃ vahneḥ saṃ(tya?te)janaṃ japet || 17-71 ||
Mit »Hum Phat« und anschließend [einer Anrufung] an die Fleischfresser, endend mit der Gemahlin des Feuers, rezitiere man die Formel zur Absonderung des Feuers.
17.72 tamagniṃ śodhayet tatra dhenumudrāvaguṇṭhanam |
vāruṇenaiva mantreṇa amṛtīkaraṇaṃ matam || 17-72 ||
Man reinige dieses Feuer mit Dhenu- und Verhüllungsmudra. Durch das Varuna-Mantra geschieht seine Verwandlung in Nektar.
17.73 karābhyāṃ ca samuddhṛtya bhrāmayed upari tridhā |
śivasya bījabuddhyā tu tadyonau parameśvari || 17-73 ||
Mit beiden Händen hebe man es auf und kreise dreimal darüber. Als Shivas Samen vergegenwärtigt, [setze man es] in ihre Yoni, höchste Herrin.
17.74 hrīṃbījamādau saṃjapya vahnimūrtiṃ ca ṅeyutām |
ityabhyarcya mahādevi iḍayākṛṣya sundari || 17-74 ||
Zuerst rezitiere man Hrim, dann »der Feuergestalt« im Dativ. Nach dieser Verehrung ziehe man [die Kraft] durch Ida heran, Schöne.
17.75 tataḥ kumbhakayogena kūrcabījaṃ samuccaran |
vahneścaitanyāpādānte ṅeyute parameśvari || 17-75 ||
Dann halte man den Atem an und spreche die Kurca-Keimsilbe, gefolgt von »dem Bewusstsein des Feuers« im Dativ, höchste Herrin.
17.76 tatastu jvālayed vahniṃ cinmantreṇa maheśvari |
cinmantraṃ parameśāni śṛṇuṣvaikamanāḥ priye || 17-76 ||
Darauf entzünde man das Feuer mit dem Bewusstseinsmantra. Höre dieses mit gesammeltem Geist, Geliebte.
17.77 cit piṅgala hana hana daha daha paca paca sarvajñājñāpaya svāhā |
vahnyaṅge parameśāni nyāsaṃ kuryād varānane |
sahasrārciṣe hṛdayāya namo'ntaṃ nyāsamuttamam || 17-77 ||
Die vorangestellte Formel lautet sinngemäß: »Bewusstsein, Rotbrauner, schlage, schlage, verbrenne, verbrenne, koche, koche; Allwissender, gebiete! Svaha.« An den Gliedern des Feuers vollziehe man die vorzügliche Auflegung: »Dem Tausendflammigen, dem Herzen, Namah.«
17.78 svastipūrṇāya śirase svāhānto'yaṃ manuḥ smṛtaḥ |
uttiṣṭha puruṣāyeti śikhāyai vaṣaḍityapi || 17-78 ||
»Dem von Heil Erfüllten, dem Haupt, Svaha« lautet das Mantra; ferner »Erhebe dich, Purusha, der Haarspitze, Vashat«.
17.79 dhūmavyāpine kavacāya humityeva sundari |
saptajihvāya netratrayāya vauṣaḍiti priye || 17-79 ||
»Dem Rauchdurchdringenden, dem Panzer, Hum«, Schöne; »Dem Siebenzüngigen, den drei Augen, Vaushat«, Geliebte.
17.80 dhanurdharāya astrāya phaḍityaṅgāni saṃnyaset |
āvāhanasya mantraṃ vai śṛṇu he naganandini || 17-80 ||
»Dem Bogenträger, der Waffe, Phat«: So lege man die Glieder auf. Höre das Mantra der Anrufung, Tochter des Berges.
17.82 praṇavaṃ pūrvamuddhṛtya vaiśvānara tataḥ param |
jātaveda lohitākṣa ihāvaha tataḥ param || 17-82 ||
Zuerst spreche man den Pranava, dann »Vaishvanara, Jatavedas, Rotäugiger, komm hierher«.
17.83 sarvakarmāṇi sādhaya vahnijāyāvadhirmanuḥ |
ityanena ca saṃpūjya dhyāyed vahniṃ samāhitaḥ || 17-83 ||
Danach »Vollbringe alle Handlungen«, endend mit der Gemahlin des Feuers. Nach Verehrung mit diesem Mantra meditiere man gesammelt über das Feuer.
17.84 dhyānaṃ śṛṇu maheśāni dhyānāt sārvajñakārakam |
bandhūkapuṣpasaṃkāśaṃ sutaptakanakaprabham || 17-84 ||
Höre die Meditation, große Herrin, deren Betrachtung Allwissenheit bewirkt: [Das Feuer] gleicht einer Bandhuka-Blüte und glänzt wie stark erhitztes Gold.
17.85 padmahastaṃ mahābāhuṃ vadanadvayaśobhitam |
saptacchandomayakaraṃ vasatitra(ya)vigraham || 17-85 ||
Es trägt einen Lotus, hat mächtige Arme und zwei schöne Gesichter; seine Hände sind die sieben Versmaße, sein Leib besteht aus drei Wohnstätten.
17.86 tridhā jñātvā tripādārthaṃ havyakavyavivāhanam |
brahmādhvaryūdgātṛhotṛ - catuḥśṛṅgavirājitam || 17-86 ||
Man erkenne es dreifach, entsprechend seinen drei Füßen, als Träger der Götter- und Ahnenopfer; seine vier Hörner sind die Opferpriester Brahman, Adhvaryu, Udgatri und Hotri.
17.87 pañcarātraṃ pāśupataṃ devānāṃ tu mahāmatam |
bauddhaṃ vaidikamityetat ṣaṭpiṅgalavilocanam || 17-87 ||
Pancaratra, Pashupata, die große Lehre der Götter, die buddhistische und die vedische Lehre bilden seine sechs rotbraunen Augen. [Die Aufzählung ergibt in der überlieferten Fassung keine eindeutigen sechs Glieder.]
17.88 vedārthacaturaśrotraṃ stotraśastramayadhvanim |
rasātalajaṭābaddha - maṇikoṭarabhāskaram || 17-88 ||
Seine vier Ohren sind die Bedeutung der Veden, sein Klang besteht aus gesungenen und gesprochenen Lobpreisungen; es strahlt wie eine Sonne in der Edelsteinhöhlung der bis zur Unterwelt reichenden Haarsträhnen.
17.89 hemālaṅkārasaṃyuktaṃ hemakuṇḍalamaṇḍitam |
raktāmbhoruhamadhyasthaṃ svastikāsanasaṃsthitam || 17-89 ||
Es trägt goldenen Schmuck und goldene Ohrringe, sitzt inmitten eines roten Lotus und nimmt den Svastika-Sitz ein.
17.90 pṛṣṭhadeśasamālambi - sauvarṇaghṛtapātrakam |
vāmaistribhirbāhubhiśca dadhānaṃ raktavāsasam || 17-90 ||
Es trägt ein goldenes Ghee-Gefäß, das bis zum Rücken herabhängt, in seinen drei linken Armen, und ist rot gekleidet.
17.91 sadā śabdāyamānaṃ tu edhamānaṃ svatejasā |
tomaraṃ tālavṛntaṃ ca sauvarṇaghṛtapātrakam || 17-91 ||
Stets gibt es Laute von sich und wächst durch seinen eigenen Glanz. [Es trägt] Wurfspeer, Palmblattfächer und goldenes Ghee-Gefäß.
17.92 vyāvṛttatāmravadanaṃ saptajihvāsamākulam |
evaṃ dhyāyed mahāvahniṃ caturvargaphalapradam || 17-92 ||
Sein kupferrotes Gesicht ist geöffnet und von sieben Zungen erfüllt. So meditiere man über das große Feuer, das die Frucht der vier Lebensziele schenkt.
17.93 saptajihvāḥ prapūjyātha pūrvādidikṣu sundari |
brāhmyādyāḥ pūjayed devi svakarmasiddhaye priye || 17-93 ||
Nach Verehrung der sieben Zungen verehre man in den Richtungen, beginnend im Osten, Brahmi und die übrigen zur Vollendung der eigenen Handlung.
17.94 brāhmī māheśvarī caiva kaumārī vaiṣṇavī tathā |
vārāhī ca tathendrāṇī cāmuṇḍā caiva sundari || 17-94 ||
Brahmi, Maheshvari, Kaumari, Vaishnavi, Varahi, Indrani und Chamunda, Schöne —
17.95 mahālakṣmirmaheśāni pūjayet parameśvari |
bahirdeśe punarlakṣmīstathā caiva sarasvatī || 17-95 ||
— sowie Mahalakshmi verehre man, höchste Herrin. Im äußeren Bereich wiederum Lakshmi und Sarasvati —
17.96 ratiḥ prītiśca kīrtiśca śāntiḥ puṣṭiśca sundari |
tuṣṭiścaiva maheśāni bahirdeśe prapūjayet || 17-96 ||
— Rati, Priti, Kirti, Shanti, Pushti und Tushti: Diese verehre man außen, große Herrin.
17.97 mekhalāsu maheśāni brahmāṇaṃ pūjayet sudhīḥ |
mekhalāsu ca sarvāsu veṣṭayed darbhasaṃkulaiḥ || 17-97 ||
An den Umrandungen verehre der Kundige Brahma. Alle Umrandungen umgebe man mit dichtem Darbha-Gras.
17.98 tripaṃktyācaritaṃ kuṇḍaṃ tato vyāhṛtibhirhunet |
triḥ pratāpya maheśāni sruvaṃ ca prokṣayejjalaiḥ || 17-98 ||
Nachdem die Grube dreireihig eingefasst ist, opfere man mit den heiligen Weltenrufen. Den Opferlöffel erhitze man dreimal und besprenge ihn mit Wasser.
17.99 vāmadakṣiṇahastābhyāṃ punaḥ pratāpya sundari |
dakṣiṇe parameśāni sthāpayecca sruvasrucau || 17-99 ||
Mit linker und rechter Hand erhitze man ihn erneut, Schöne, und lege die beiden Opferlöffel rechts nieder.
17.100 astramantreṇa deveśi ājyapātrasya prokṣaṇam |
tataḥ pavitraṃ tasmin vai kṣiptvā vahnau ca nikṣipet || 17-100 ||
Mit dem Waffenmantra besprenge man das Ghee-Gefäß. Dann lege man einen Reinigungsring hinein und gebe [die entsprechende Gabe] ins Feuer.
17.101 sruveṇa parameśāni hṛdantena maheśvari |
tat pātrādājyamānīya hunedvahnau maheśvari || 17-101 ||
Mit dem Opferlöffel und der Herzendung nehme man Ghee aus dem Gefäß und opfere es ins Feuer, große Herrin.
17.102 agnaye ca maheśāni somāya ca tataḥ param |
agnīṣomapadau ṅentau vahnijāyāvadhiḥ priye || 17-102 ||
»Dem Agni«, dann »dem Soma«, dann »Agni und Soma« im Dativ, jeweils endend mit der Gemahlin des Feuers, Geliebte.
17.103 vāmadakṣiṇamadhyāt tu gṛhṇīyād ājyamuttamam |
agnaye sviṣṭakṛte svāhā hunet suragaṇārcite || 17-103 ||
Von links, rechts und aus der Mitte nehme man vorzügliches Ghee. Mit »Agni, dem Vollender des wohl Geopferten, Svaha« opfere man, du von den Göttern Verehrte.
17.104 māyābījaṃ maheśāni hṛdantena maheśvari |
garbhādhānādikaṃ karma kalpayāmi maheśvari || 17-104 ||
Die Maya-Keimsilbe mit der Herzendung: »Ich vollziehe die Handlungen, beginnend mit der Empfängnisweihe«, große Herrin.
17.105 saptasaptāhutīrdadyādanyeṣāṃ parameśvari |
vivāhāntaṃ karmagaṇaṃ procya saṃskāramācaret || 17-105 ||
Für die weiteren [Weihen] gebe man jeweils sieben Opfergaben. Man benenne die Reihe der Handlungen bis zur Hochzeit und vollziehe die Weihe.
17.106 tasminnagnau maheśāni devīṃ saṃpūjayennaraḥ |
tadvahnerātmanā caikyaṃ vibhāvya parikalpayet || 17-106 ||
In diesem Feuer verehre man die Göttin und vergegenwärtige ihre Einheit mit dem Wesen des Feuers.
17.107 tataśca mūlamantreṇa juhuyāt ṣoḍaśāhutīḥ |
satilaiśca trimadhvaktaiḥ saraktaiḥ karavīrakaiḥ || 17-107 ||
Dann opfere man mit dem Grundmantra sechzehn Gaben: Sesam und rote Oleanderblüten, bestrichen mit den drei süßen Substanzen.
17.108 aṣṭottarasahasraṃ vā aṣṭottaraśataṃ tathā |
juhuyād mūlamantreṇa mahādevyai maheśvari || 17-108 ||
Oder man bringe mit dem Grundmantra eintausendacht beziehungsweise hundertacht Opfergaben der großen Göttin dar.
17.109 pṛthak kṛtvā maheśāni hunedāvaraṇādikam |
praṇavaṃ pūrvamuccārya agnaye caitadeva hi || 17-109 ||
Gesondert opfere man den umgebenden Gottheiten und Weiteren. Zuerst spreche man den Pranava, dann »dem Agni« —
17.110 pṛthivyai caiva mahate svāhānto'yaṃ manuḥ smṛtaḥ |
bhuvaśca vāyave caiva antarikṣāya caiva hi || 17-110 ||
— »der Erde und dem Großen«, mit »Svaha« als Schluss; dann »Bhuvah«, »dem Wind« und »dem Zwischenraum«.
17.111 dive caiva maheśāni vahnijāyāvadhirmanuḥ |
svargāya caiva sūryāya tathā candramase priye || 17-111 ||
»Dem Himmel«, große Herrin, mit der Gemahlin des Feuers am Ende; ferner »der Himmelswelt«, »der Sonne« und »dem Mond«, Geliebte.
17.112 nakṣatrebhyo maheśāni vahnijāyāvadhirmanuḥ |
tadante mahatīṃ pūrvāṃ (jāṃ) kuryāt caiva varānane || 17-112 ||
»Den Mondhäusern«, wiederum mit der Gemahlin des Feuers am Ende. Danach vollziehe man eine große Verehrung, du mit schönem Antlitz. [Die Lesung ist unsicher.]
17.113 tadvahniṃ rakṣayed dhīman yathāśakti vidhānataḥ |
nyubjena pāṇinā devi homayet suravandite || 17-113 ||
Der Verständige bewahre das Feuer vorschriftsgemäß nach seinen Möglichkeiten. Mit nach unten gewandter Hand soll er opfern, du von den Göttern Verehrte.
17.114 uttānenaiva hastena yadi homaṃ karoti ca |
tadā tajjanitaṃ puṇyaṃ na bhavet parameśvari || 17-114 ||
Wenn er mit nach oben gewandter Hand das Feueropfer vollzieht, entsteht das daraus erwartete Verdienst nicht, höchste Herrin.
17.115 iti te kathitaṃ divyaṃ kuṇḍādīnāṃ nirūpaṇam |
prayatnāt parameśāni kartavyaṃ homakarmaṇi || 17-115 ||
So habe ich dir die göttliche Bestimmung der Gruben und des Übrigen erklärt. Bei der Feuerhandlung ist sie sorgfältig auszuführen.
17.116 atha vakṣye maheśāni sāvadhānāvadhāraya |
māghe māsi site pakṣe saptamī yā tithirbhavet || 17-116 ||
Nun erkläre ich Weiteres; höre aufmerksam zu. Am siebten Tag der hellen Hälfte des Monats Magha —
17.117 tasyāṃ rātrau mahādevīṃ pūjayet parameśvarīm |
caturbhujāṃ mahāraudrīṃ śmaśānālayavāsinīm || 17-117 ||
— verehre man nachts die höchste Herrin: vierarmig, überaus schrecklich und am Verbrennungsplatz wohnend.
17.118 muṇḍābhayakhaḍgavarān dadhatīṃ parameśvarīm |
muṇḍamālāsamākīrṇāṃ locanatrayasaṃyutām || 17-118 ||
Sie trägt einen Kopf, zeigt Furchtlosigkeit, hält ein Schwert und gewährt Segen; mit einer Kopfgirlande geschmückt, hat sie drei Augen.
17.119 gate tu prathame yāme tṛtīyapraharāvadhi |
pūjayet parameśānīṃ mahāvibhavavistaraiḥ || 17-119 ||
Nach dem ersten Nachtviertel bis zum dritten verehre man die höchste Herrin mit großem Aufwand an Gaben.
17.120 pūrvoktapūjayā devi pūjayet kālarātrikām |
sahasrasya pramāṇena japaṃ kuryāt śucismite || 17-120 ||
Nach der zuvor genannten Ordnung verehre man Kalaratri und vollziehe tausend Wiederholungen, du rein Lächelnde.
17.121 homayet parameśāni pūrvoktena maheśvari |
naivedyaṃ paramaṃ devi bhraṣṭadravyādikaṃ priye || 17-121 ||
Man opfere ins Feuer in der zuvor beschriebenen Weise. Als vorzügliche Speisegabe gebe man gebratene Speisen und anderes, Geliebte.
17.122 dadyāt priyataraṃ vastu mahāmāyāpriyaṃkaram |
akurvan nirayaṃ yāti satyaṃ satyaṃ maheśvari || 17-122 ||
Man gebe das Liebste, was Mahamaya erfreut. Wer dies unterlässt, gehe in die Unterwelt, wahrlich, wahrlich, große Herrin.
17.123 atha te kathayiṣyāmi sandhyopāsanakaṃ vidhim |
ācamya prāṅmukho bhūtvā divase parameśvari || 17-123 ||
Nun werde ich die Ordnung der Sandhya-Verehrung erklären. Nach der rituellen Mundspülung wende man sich bei Tage nach Osten.
17.124 rātrau udaṅmukhaḥ kuryād āhnikaṃ priyamuttamam |
anyeṣāṃ pāparāśīnāṃ nāśakaṃ viddhi pārvati || 17-124 ||
Nachts wende man sich nach Norden und vollziehe das vorzügliche tägliche Ritual. Erkenne es als Vernichter der übrigen Sündenmengen, Parvati.
17.125 bhrūṇahatyā surāpānaṃ suvarṇaharṇaṃ tathā |
gurudarābhigamanaṃ yaccānyad duṣkṛtaṃ kṛtam || 17-125 ||
Embryotötung, Weintrinken, Golddiebstahl, Verkehr mit der Frau des Gurus und alles andere begangene Unrecht —
17.126 sarvametat punātīyaṃ mahābhairavarūpadhṛt |
dvibhujāṃ pītavasanāṃ nānālaṅkārabhūṣitām || 17-126 ||
— all dies reinigt sie in der Gestalt des großen Bhairava. [Man betrachte sie] zweiarmig, gelb gekleidet und mit vielerlei Schmuck versehen.
17.127 raktavarṇāṃ kṛśāṅgīṃ ca trivalīvalayojjvalām |
pustakaṃ paramaṃ divyaṃ dakṣiṇe bibhratīṃ śubhām || 17-127 ||
Sie ist rot, schlankgliedrig und strahlt mit drei Bauchfalten; rechts trägt die Heilvolle ein vorzügliches göttliches Buch.
17.128 śikṣāsūtraṃ tathā vāme bibhratīṃ nayanatrayām |
kauśeyavasanāṃ cāpi devīṃ sandhyāṃ vibhāvayet || 17-128 ||
Links trägt sie die Lehrschnur; sie hat drei Augen und trägt Seide. So vergegenwärtige man die Göttin Sandhya.
17.129 iti te kathitaṃ divyaṃ dhyānaṃ suragaṇārcite |
dhyātvā sandhyāṃ viśeṣeṇa sarvapāpakṣayo bhavet || 17-129 ||
So habe ich die göttliche Meditation erklärt, du von den Göttern Verehrte. Durch besondere Meditation über Sandhya werden alle Sünden vernichtet.
17.130 ācamanaṃ tathā vāpi tīrthasyāvāhanaṃ tataḥ |
prāṇāyāmaṃ ṣaḍaṅgasya nyāsamuttamakaṃ tataḥ || 17-130 ||
Zuerst Mundspülung, dann Herbeirufen des heiligen Gewässers, Atemregelung und die vorzügliche Auflegung der sechs Glieder.
17.131 hastatale jalaṃ nītvā mantramuccārya pañcadhā |
galitodakato devi mūrdhānamabhiṣecayet || 17-131 ||
Man nehme Wasser auf die Handfläche, spreche das Mantra fünfmal und begieße mit dem herabtropfenden Wasser den Scheitel.
17.132 tajjalaṃ dakṣiṇe haste ādāya parameśvari |
tejorūpaṃ tajjalaṃ tu karṣayed iḍayā priye || 17-132 ||
Dieses Wasser nehme man in die rechte Hand und ziehe es in Lichtgestalt durch Ida ein, Geliebte.
17.133 prakṣālya pāpaṃ dehāntaḥ recayet piṅgalāntarāt |
hastasya kṣālanaṃ kuryād arghyaṃ sūryāya dāpayet || 17-133 ||
Nachdem man die Sünde im Körper ausgewaschen hat, atme man durch Pingala aus, wasche die Hände und gebe der Sonne die Ehrengabe.
17.134 mahādevyai trirāvṛttyā cārghyaṃ dadyāt sureśvari |
gāyatrīṃ dhyānasaṃyuktāṃ prajapet tadanantaram || 17-134 ||
Der großen Göttin gebe man die Ehrengabe dreimal. Danach rezitiere man die Gayatri zusammen mit ihrer Meditation.
17.135 tato devān pratarpyaiva iṣṭadevaṃ triḥ tarpayet |
japaṃ samarpya deveśi mūlamantraṃ japet tataḥ || 17-135 ||
Dann sättige man die Götter mit Wasserspenden und die eigene erwählte Gottheit dreimal. Man widme die Wiederholung und rezitiere danach das Grundmantra.
17.136 aṣṭottaraśatāvṛttyā prajapya mantramuttamam |
tato japaṃ samarpyaivaṃ praṇamed daṇḍavad bhuvi || 17-136 ||
Das vorzügliche Mantra wiederhole man hundertachtmal. Danach widme man die Wiederholung und verneige sich ausgestreckt auf dem Boden.
17.137 prāṇāyāmaṃ ṣaḍaṅgaṃ ca kuryāccānte maheśvari |
amāvāsyā paurṇamāsī śrāddhīyadivase tathā || 17-137 ||
Am Ende vollziehe man Atemregelung und die sechs Glieder, große Herrin. An Neumond, Vollmond und Tagen des Ahnenrituals —
17.138 saṃkrāntau parameśāni sandhyāṃ caiva samācaret |
caturvidhāni karmāṇi devakā(ṣṭe?rye)ṣu pārvati || 17-138 ||
— sowie beim Eintritt der Sonne in ein neues Zeichen vollziehe man die Sandhya. Vierfach sind die Handlungen im Götterdienst, Parvati.
17.139 āgamaṃ nu tathā viddhi yato nityāgamakriyā |
sandhyāṃ sāyantanīṃ kuryād dvādaśyādiṣvapi priye || 17-139 ||
Erkenne so die Überlieferung, aus der die tägliche Ritualhandlung stammt. Auch an Tagen wie dem zwölften Mondtag vollziehe man die abendliche Sandhya, Geliebte.
17.140 akurvan nirayaṃ yāti ekameva hi madvacaḥ |
iti te kathitaṃ divyamāhnikācāramuttamam || 17-140 ||
Wer sie unterlässt, gehe in die Unterwelt: Dies ist mein eindeutiges Wort. So habe ich dir die göttliche, vorzügliche tägliche Lebensordnung erklärt.
17.141 triḥsandhyāṃ parameśāni kuryāt sādhakasattamaḥ |
nāsti yasyādarastatra na sa brāhmaṇa ucyate || 17-141 ||
Der beste Übende vollziehe die drei Sandhyas. Wer darauf keinen Wert legt, wird nicht Brahmane genannt.
17.142 kruddhā bhagavatī tasya kāmān iṣṭān nihanti vai |
saṃkṣepeṇaiva deveśi śṛṇu pūjāvidhiṃ śive || 17-142 ||
Die erzürnte Erhabene vernichtet seine ersehnten Wünsche. Höre nun kurz die Verehrungsordnung, Herrin der Götter, du Gütige.
17.143 ādau ṛṣyādivinyāsaḥ karaśuddhistataḥ param |
aṅgulīvyāpakanyāsau hṛdādinyāsa eva ca || 17-143 ||
Zuerst Auflegung von Seher und Weiterem, dann Handreinigung, Fingerauflegung, umfassende Auflegung und Auflegung an Herz und weiteren Stellen.
17.144 tālatrayaṃ ca digbandhaḥ prāṇāyāmastataḥ param |
dhyānaṃ pūjā japaścaitat sarvatantreṣvayaṃ kramaḥ || 17-144 ||
Dreimaliges Klatschen, Versiegelung der Richtungen, Atemregelung, Meditation, Verehrung und Wiederholung: Dies ist die Reihenfolge in allen Tantras.
17.145 balidānaṃ tathā kāryaṃ yathāvat tantravedibhiḥ |
pūjayed bhairavaṃ durgāṃ tathā caiva maheśvarīm || 17-145 ||
Auch die Opfergabe sollen die Tantra-Kundigen ordnungsgemäß darbringen. Man verehre Bhairava, Durga und Maheshvari.
17.146 vṛṣabhaṃ nandinaṃ caiva atiyatnena pūjayet |
mahākālṃ yajed dhīmān sarvāgamaviśāradaḥ || 17-146 ||
Den Stier und Nandin verehre man mit großer Sorgfalt. Der verständige Kenner aller Überlieferungen verehre Mahakala.
17.147 cakrarājaṃ pūjayitvā sarvasiddhīśvaro bhavet |
ādau liṅgaṃ mahādevaṃ pūjayed yatnataḥ śive || 17-147 ||
Nach Verehrung des Königs der Chakras werde man zum Herrn aller Vollkommenheiten. Zuerst verehre man sorgfältig das Linga als Mahadeva, du Gütige.
17.148 tasmiṃścaiva hi samaye sveṣṭadevaṃ prapūjayet |
tasmād nirmālyapuṣpaṃ ca gṛhṇīyād bhaktibhāvataḥ || 17-148 ||
Zu derselben Zeit verehre man die eigene erwählte Gottheit. Von ihr nehme man hingebungsvoll eine bereits dargebrachte Blume entgegen.
iṣṭapūjāṃ vinā liṅganirmālyaṃ ca niṣidhyate |
Ohne Verehrung der eigenen erwählten Gottheit ist die Annahme der am Linga dargebrachten Reste untersagt.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (kālīdhyānādipūjā kuṇḍamekhalāyoninirṇaya agnikāryādinirūpaṇaṃ) saptadaśaḥ paṭalaḥ || 17 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das siebzehnte Kapitel: die Darlegung von Kalis Meditation und Verehrung, der Grube, ihrer Ränder und Yoni sowie der Feuerhandlung.
Kapitel 18: Tausend Namen Taras
Begleitende Yoga-Vidya-Praxis: Yoga mit Chakrakonzentration und Pranayama Diese eigenständige Übung erläutert keine besonderen Ritualanweisungen dieses Kapitels.
18.1 śrīdevyuvāca |
deva deva mahādeva sṛṣṭisthityantakāraka |
prasaṅgena mahādevyā vistaraṃ kathitaṃ mayi || 18-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Gott der Götter, großer Gott, der du Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirkst! Im Zusammenhang damit hast du mir vieles über die große Göttin erklärt.
18.2 devyā nīlasarasvatyāḥ sahasraṃ parameśvara |
nāmnāṃ śrotuṃ maheśāna prasādaḥ kriyatāṃ mayi |
kathayasva mahādeva yadyahaṃ tava vallabhā || 18-2 ||
Die tausend Namen der Göttin Nila-Sarasvati möchte ich hören, höchster Herr. Erweise mir diese Gnade, großer Herr; erkläre sie mir, wenn ich deine Geliebte bin.
18.3 śrībhairava uvāca |
sādhu pṛṣṭaṃ mahādevi sarvatantreṣu gopitam |
nāmnāṃ sahasraṃ tārāyāḥ kathituṃ naiva śakyate || 18-3 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Gut hast du gefragt, große Göttin. In allen Tantras werden sie geheim gehalten; Taras tausend Namen lassen sich nicht ohne Weiteres aussprechen.
18.4 prakāśāt siddhihāniḥ syāt śriyā ca parihīyate |
prakāśayati yo mohāt ṣaṇmāsād mṛtyumāpnuyāt || 18-4 ||
Durch Offenlegung geht die Vollendung verloren und der Wohlstand schwindet. Wer sie aus Verblendung bekannt macht, erleide innerhalb von sechs Monaten den Tod.
18.5 akathyaṃ parameśāni akathyaṃ caiva sundari |
kṣamasva varade devi yadi sneho'sti māṃ prati || 18-5 ||
Unaussprechlich ist dies, höchste Herrin, unaussprechlich, Schöne. Verzeihe, segenspendende Göttin, wenn du Liebe zu mir hast.
18.6 sarvasvaṃ śṛṇu he devi sarvāgamavidāṃ vare [śive kha pāṭhaḥ |] |
dhanasāraṃ mahādevi goptavyaṃ parameśvari || 18-6 ||
Höre meinen ganzen Schatz, Göttin, Beste der Kennerinnen aller Überlieferungen: Die Essenz des Reichtums ist geheim zu halten, höchste Herrin.
18.7 āyurgopyaṃ gṛhacchidraṃ gopyaṃ na pāpabhāg bhavet |
sugopyaṃ parameśāni gopanāt siddhimaśnute || 18-7 ||
Die Lebensdauer und die Schwachstellen des Hauses sind geheim zu halten; so werde man nicht der Sünde teilhaftig. Gut verborgen ist dies zu halten; durch Geheimhaltung erlangt man Vollendung.
18.8 prakāśāt kāryahāniśca prakāśāt pralayaṃ bhavet |
tasmād bhadre maheśāni na prakāśyaṃ kadācana || 18-8 ||
Durch Offenlegung misslingt das Werk, durch Offenlegung entsteht Untergang. Darum darf es niemals bekannt gemacht werden, du Gütige, große Herrin.
18.9 iti devavacaḥ śrutvā devī paramasundarī |
vismitā parameśānī viṣaṇā tatra jāyate || 18-9 ||
Als die überaus schöne höchste Göttin diese Worte des Gottes hörte, wurde sie erstaunt und niedergeschlagen.
18.10 śṛṇu he parameśāna kṛpāsāgarapāraga |
tava sneho mahādeva mayi nāstyatra niścitam || 18-10 ||
Höre, höchster Herr, du, der du das Meer des Erbarmens durchmisst: Gewiss hast du keine Liebe zu mir, großer Gott.
18.11 bhadraṃ bhadraṃ mahādeva iti kṛtvā maheśvarī |
vimukhībhūya deveśī tatrāste śailajā śubhā || 18-11 ||
»Gut, gut, großer Gott!« So sprach die große Herrin und wandte sich ab. Dort blieb die heilvolle Tochter des Berges sitzen.
18.12 vilokya vimukhīṃ devīṃ mahādevo maheśvaraḥ |
prahasya parameśānīṃ pariṣvajya priyāṃ kathām || 18-12 ||
Als Mahadeva die abgewandte Göttin sah, lächelte er, umarmte die höchste Herrin und erzählte ihr eine liebevolle Geschichte.
18.13 kathayāmāsa tatraiva mahādevyai maheśvari |
mama sarvasvarūpā tvaṃ jānīhi naganandini || 18-13 ||
Dort sprach er zur großen Göttin: Erkenne, Tochter des Berges, du bist die Gestalt meines ganzen Wesens.
18.14 tvāṃ vināhaṃ mahādevi pūrvoktaśavarūpavān |
kṣamasva paramānande kṣamasva naganandini || 18-14 ||
Ohne dich bin ich von der zuvor beschriebenen Leichengestalt, große Göttin. Verzeihe, höchste Wonne, verzeihe, Tochter des Berges!
18.15 yathā prāṇo maheśāni dehe tiṣṭhati sundari |
tathā tvaṃ jagatāmādye caraṇe patito'smyaham || 18-15 ||
Wie die Lebenskraft im Körper wohnt, Schöne, so bist du [in mir], Ursprung der Welten. Ich bin dir zu Füßen gefallen.
18.16 iti matvā mahādevi rakṣa māṃ tava kiṅkaram |
tato devī maheśānī trailokyamohinī śivā || 18-16 ||
Erkenne dies und beschütze mich, deinen Diener, große Göttin. Darauf [sprach] die höchste, gütige Göttin, die die drei Welten bezaubert —
18.17 mahādevaṃ pariṣvajya prāha gadgadayā girā |
sadā dehasvarūpāhaṃ dehī tvaṃ parameśvara || 18-17 ||
— nachdem sie Mahadeva umarmt hatte, mit stockender Stimme: Stets bin ich der Leib, und du bist der ihn Beseelende, höchster Herr.
18.18 tathāpi vañcanāṃ kartuṃ māmitthaṃ vadasi priyam |
mahādevaḥ punaḥ prāha bhairavi prāṇavallabhe || 18-18 ||
Trotzdem sprichst du so freundlich, um mich zu täuschen. Mahadeva sprach erneut: Bhairavi, du mir so lieb wie mein Leben —
18.19 nāmnāṃ sahasraṃ tārāyāḥ śrotumicchasyaśeṣataḥ |
śrīdevyuvāca |
na śrutaṃ parameśāna tārānāmasahasrakam |
kathayasva mahābhāga satyaṃ paramasundaram || 18-19 ||
— möchtest du Taras tausend Namen vollständig hören? Die ehrwürdige Göttin sprach: Ich habe Taras tausend Namen noch nicht gehört, höchster Herr. Erkläre sie, du Erhabener, wahrhaftig und überaus schön.
18.20 (śrīpārvatyuvāca |)
kathamīśāna sarvajña labhante siddhimuttamām |
sādhakāḥ sarvadā yena tanme kathaya sundara || 18-20 ||
Die ehrwürdige Parvati sprach: Wie erlangen die Übenden stets höchste Vollendung, allwissender Herr? Erkläre mir das Mittel dazu, du Schöner.
18.21 yasmāt parataraṃ nāsti stotraṃ tantreṣu niścitam |
sarvapāpaharaṃ divyaṃ sarvāpadvinivārakam || 18-21 ||
Gewiss gibt es in den Tantras keinen höheren Lobpreis: göttlich, alle Sünden tilgend und alle Gefahren abwendend.
18.22 sarvajñānakaraṃ puṇyaṃ sarvamaṅgalasaṃyutam |
puraścaryāśataistulyaṃ stotraṃ sarvapriyaṅkaram || 18-22 ||
Er bewirkt alle Erkenntnis, ist heilig und mit allem Heil verbunden; hundert vorbereitenden Übungen gleich, erfreut dieser Lobpreis alle.
18.23 vaśyapradaṃ māraṇadamuccāṭanapradaṃ mahat |
nāmnāṃ sahasraṃ tārāyāḥ kathayasva sureśvara || 18-23 ||
Er verleiht Bezwingung, Tötung und mächtige Vertreibung. Erkläre Taras tausend Namen, Götterherr.
18.24 śrīmahādeva uvāca |
nāmnāṃ sahasraṃ tārāyāḥ stotrapāṭhād bhaviṣyati |
nāmnāṃ sahasraṃ tārāyāḥ kathayiṣyāmyaśeṣataḥ || 18-24 ||
Der ehrwürdige Mahadeva sprach: Durch das Lesen des Lobpreises der tausend Namen Taras wird dies geschehen. Ich werde Taras tausend Namen vollständig erklären.
18.25 śṛṇu devi sadā bhaktyā bhaktānāṃ paramaṃ hitam |
vinā pūjopahāreṇa vinā jā(pe?pye)na yat phalam || 18-25 ||
Höre stets hingebungsvoll, Göttin, das höchste Wohl der Verehrer: die Frucht, die ohne Verehrungsgaben und ohne Mantrawiederholung entsteht.
18.26 tat phalaṃ sakalaṃ devi kathayiṣyāmi tacchṛṇu |
oṃ a(syāḥ?sya) śrītārādevyā bhaktikulasarva(sva) nāmnaḥ (sahasranāma) stotrasya, akṣobya ṛṣiḥ, bṛhatī - uṣṇik chandaḥ, śrī ugratārā śrīmadekajaṭā śrīnīlasarasvatī devatā, puruṣārthacatuṣṭayasiddhyarthe viniyogaḥ ||
tārā rātrirmahārātrirkālarātrirmahāmatiḥ [kapālinī kha pāṭhaḥ |] |
kālikā kāmadā māyā mahāmāyā mahāsmṛtiḥ [mahotsavā kha |] || 18-26 ||
Diese gesamte Frucht werde ich erklären; höre. Die vorangestellte Zuordnung nennt Akshobhya als Seher, Brihati und Ushnih als Versmaße, Ugratara, Ekajata und Nila-Sarasvati als Gottheit und die Verwirklichung der vier Lebensziele als Zweck. Tara: die Hinüberführende, Nacht, große Nacht, Nacht der Zeit, große Einsicht [Variante: Schädelträgerin], Kalika, Wunscherfüllerin, Maya, große Maya, große Erinnerung [Variante: großes Fest].
18.27 mahādānaratā yajñā yajñotsavavibhūṣitā |
candravaktrā [vajrā ka |] cakorākṣī cārunetrā sulocanā || 18-27 ||
Die großen Gaben Ergebene, das Opfer, mit Opferfesten Geschmückte, Mondgesichtige, mit Augen wie Cakora-Vögel, Schönäugige, die gute Augen besitzt.
18.28 trinetrā mahatī devī kuraṅgākṣī manoramā [harā kha |] |
brāhmī nārāyaṇī jyotsnā cārukeśī sumūrdhajā || 18-28 ||
Die Dreiäugige, Große, Göttin, Gazellenäugige, Herzerfreuende, Brahmis Kraft, Narayani, Mondlicht, Schönhaarige, die schönes Haupthaar besitzt.
18.29 vārāhī vāruṇī vidyā mahāvidyā maheśvarī |
siddhā [piṅgā kha |] kuñcitakeśā ca mahāyajñasvarūpiṇī || 18-29 ||
Varahi, Varuni, Wissen, große Wissenskraft, große Herrin, Vollendete [Variante: Rotbraune], Lockenhaarige, Verkörperung des großen Opfers.
18.30 gaurī campakavarṇā ca kṛśāṅgī śivamohinī |
sarvānandasvarūpā ca sarvaśaṅkaikatāriṇī [saṃkaṭa kha |] || 18-30 ||
Gauri, champakablütenfarbig, Schlankgliedrige, Bezauberin Shivas, Verkörperung aller Wonne, einzige Retterin aus allen Zweifeln [Variante: Nöten].
18.31 vidyānandamayī nandā bhadrakālī svarūpiṇī |
gāyatrī sucaritrā ca kaulavrataparāyaṇā || 18-31 ||
Von Wissenswonne Erfüllte, Erfreuende, Verkörperung Bhadrakalis, Gayatri, von gutem Wandel, ganz dem Kaula-Gelübde ergeben.
18.32 hiraṇyagarbhā bhūgarbhā mahāgarbhā sulocanī |
himavattanayā divyā mahāmeghasvarūpiṇī || 18-32 ||
Goldener Schoß, Erdenschoß, großer Schoß, Schönäugige, Tochter des Himalaya, Göttliche, Verkörperung der großen Wolke.
18.33 jaganmātā jagaddhātrī jagatāmupakāriṇī |
aindrī saumyā tathā ghorā [yāmyā kha |] vāruṇī mādhavī [vāyavī kha |] tathā || 18-33 ||
Mutter der Welt, Trägerin der Welt, Wohltäterin der Welten, Indras Kraft, Milde, Schreckliche [Variante: Yamas Kraft], Varuni und Madhavi [Variante: Windkraft].
18.34 āgneyī vainateyī [nair-ṛtī caiva kha pāṭhaḥ |] ca aiśānī caṇḍikātmikā |
sumerutanayā nityā sarveṣāmupakāriṇī || 18-34 ||
Feuerkraft, zu Vinatas Sohn Gehörige [Variante: Nirritis Kraft], Ishanas Kraft, Verkörperung Candikas, Tochter Sumerus, Ewige, Wohltäterin aller.
18.35 lalajjihvā sarojākṣī muṇḍa[muktā ka |]srakparibhūṣitā |
sarvānandamayī sarvā sarvānandasvarūpiṇī || 18-35 ||
Die mit heraushängender Zunge, Lotusäugige, mit einer Girlande aus Köpfen [Variante: Perlen] Geschmückte, von aller Wonne Erfüllte, Allumfassende, Verkörperung aller Wonne.
18.36 dhṛtirmedhā tathā lakṣmīḥ śraddhā pannagagāminī |
rukmiṇī jānakī durgāmbikā satyavatī ratiḥ || 18-36 ||
Standhaftigkeit, Einsicht, Lakshmi, Vertrauen, auf einer Schlange Wandelnde, Rukmini, Janaki, Durga, Ambika, Satyavati und Rati.
18.37 18-
kāmākhyā kāmadā nandā nārasiṃhī sarasvatī |
mahādevaratā caṇḍī caṇḍadordaṇḍakhaṇḍinī || 18-37 ||
Kamakhya, Wunscherfüllerin, Erfreuende, Narasimhi, Sarasvati, Mahadeva Ergebene, Candi, Zerbrecherin der gewaltigen Arme Candas.
18.38 dīrghakeśī sukeśī ca piṅgakeśī mahākacā |
bhavānī bhavapatnī (100) ca bhavabhītiharā satī [śacī kha |] || 18-38 ||
Langhaarige, Schönhaarige, Rotbraunhaarige, mit mächtigem Haar, Bhavani, Bhavas Gemahlin, Befreierin von Daseinsfurcht, Sati [Variante: Shaci].
18.39 paurandarī tathā viṣṇorjāyā māheśvarī tathā |
sarveṣāṃ jananī vidyā [nityā kha |] cārvaṅgī daityanāśinī || 18-39 ||
Purandaras Kraft, Vishnus Gemahlin, Maheshvari, Mutter aller, Wissen [Variante: Ewige], Schöngegliederte, Vernichterin der Daityas.
18.40 sarva [ghorarūpā kha |] rūpā maheśāni kāminī varavarṇinī |
mahāvidyā mahāmāyā mahāmedhā mahotsavā || 18-40 ||
Allgestaltige [Variante: Schrecklichgestaltige], große Herrin, Begehrende, Schönfarbige, große Vidya, große Maya, große Einsicht, großes Fest.
18.41 virūpā viśvarūpā ca mṛḍānī mṛḍavallabhā |
koṭicandrapratīkāśā śatasūryaprakāśinī || 18-41 ||
Ungestalte, Weltgestaltige, Mridani, Geliebte Mridas, wie zehn Millionen Monde Erscheinende, wie hundert Sonnen Strahlende.
18.42 jahnukanyā mahogrā ca pārvatī viśvamohinī |
kāmarūpā maheśānī nityotsāhā manasvinī || 18-42 ||
Jahnus Tochter, überaus Schreckliche, Parvati, Weltbezauberin, Wunschwandelnde, große Herrin, stets Tatkräftige, Geistesstarke.
18.43 vaikuṇṭhanāthapatnī ca tathā śaṅkaramohinī |
kāśyapī kamalā kṛṣṇā kṛṣṇarūpā ca kālinī || 18-43 ||
Gemahlin des Herrn von Vaikuntha, Bezauberin Shankaras, Kashyapi, Kamala, Dunkle, Krishna-Gestaltige und Kalini.
18.44 māheśvarī vṛṣārūḍhā sarvavismayakāriṇī |
mānyā mānavatī śuddhā kanyā himagirestathā || 18-44 ||
Maheshvari, auf dem Stier Reitende, überall Staunen Bewirkende, Ehrwürdige, Würdevolle, Reine und Tochter des Schneegebirges.
18.45 aparṇā padmapatrākṣī nāgayajñopavītinī |
mahāśaṅkhadharā kāntā kamanīyā nagātmajā || 18-45 ||
Aparna, mit Augen wie Lotusblätter, eine Schlange als heilige Schnur Tragende, Trägerin der großen Muschel beziehungsweise des Schädels, Geliebte, Liebliche, Bergestochter.
18.46 brahmāṇī vaiṣṇavī śambhorjāyā gaṅgā jaleśvarī |
bhāgīrathī manobuddhirnityā vidyāmayī tathā || 18-46 ||
Brahmani, Vaishnavi, Shambhus Gemahlin, Ganga, Herrin der Gewässer, Bhagirathi, Geist und Einsicht, Ewige, von Wissen Erfüllte.
18.47 harapriyā girisutā harapatnī tapasvinī |
mahāvyādhiharā devī mahāghorasvarūpiṇī || 18-47 ||
Haras Geliebte, Bergestochter, Haras Gemahlin, Asketin, große Krankheiten Hinwegnehmende, Göttin, von überaus schrecklicher Gestalt.
18.48 mahāpuṇyaprabhā bhīmā madhukaiṭabhanāśinī |
śaṅkhinī vajriṇī dhātrī tathā pustakadhāriṇī || 18-48 ||
Von großem heiligem Glanz, Furchtbare, Vernichterin von Madhu und Kaitabha, Muschelträgerin, Vajraträgerin, Erhalterin und Buchträgerin.
18.49 cāmuṇḍā capalā tuṅgā śumbadaityanikṛntanī |
śāntirnidrā mahānidrā pūrṇanidrā ca reṇukā || 18-49 ||
Chamunda, Bewegliche, Hohe, Zerschneiderin des Daityas Shumbha, Friede, Schlaf, großer Schlaf, vollkommener Schlaf und Renuka.
18.50 kaumārī kulajā kuntī [kānti kha |] kaulavrataparāyaṇā |
vanadurgā sadācārā draupadī drupadātmajā || 18-50 ||
Kaumari, aus dem Kula Geborene, Kunti [Variante: Schönheit], dem Kaula-Gelübde Ergebene, Walddurga, von gutem Wandel, Draupadi, Drupadas Tochter.
18.51 yaśasvinī yaśasyā ca yaśodhātrī yaśaḥpradā |
sṛṣṭirūpā mahāgaurī niśumbaprāṇanāśinī || 18-51 ||
Ruhmreiche, Ruhmwürdige, Ruhmträgerin, Ruhmspenderin, Schöpfungsgestaltige, große Gauri, Vernichterin von Nishumbhas Leben.
18.52 padminī (200) vasudhā pṛthvī rohiṇī vindhyavāsinī |
śivaśaktirmahāśaktiḥ śaṅkhinī śaktinirgatā [nāśinī kha |] || 18-52 ||
Lotusreiche, Gütertragende, Erde, Rohini, Bewohnerin des Vindhya, Shivas Kraft, große Kraft, Muschelträgerin, aus der Kraft Hervorgegangene [Variante: Kraftvernichterin].
18.53 daityaprāṇaharā devī sarvarakṣaṇakāriṇī |
kṣāntiḥ kṣemaṅkarī caiva buddhirūpā mahādhanā || 18-53 ||
Die Daityas ihres Lebens Beraubende, Göttin, Beschützerin aller, Geduld, Heilbewirkerin, Einsichtsgestaltige, sehr Reiche.
18.54 śrīvidyā bhairavi bhavyā bhavānī bhavanāśinī [bhaya kha |] |
tāpinī bhāvinī sītā tīkṣṇatejaḥsvarūpiṇī || 18-54 ||
Shri-Vidya, Bhairavi, Heilvolle, Bhavani, Vernichterin des Werdens [Variante: der Furcht], Glühende, Hervorbringende, Sita, Verkörperung scharfen Glanzes.
18.55 dātrī dānaparā kālī durgā daityavibhūṣaṇā |
mahāpuṇyapradā bhīmā madhukaiṭabhanāśinī || 18-55 ||
Geberin, dem Geben Ergebene, Kali, Durga, mit Daityas Geschmückte, Spenderin großen Verdienstes, Furchtbare, Vernichterin von Madhu und Kaitabha.
18.56 padmā padmāvatī kṛṣṇā tuṣṭā puṣṭā tathorvaśī |
vajriṇī vajrahastā ca tathā nārāyaṇī śivā || 18-56 ||
Lotus, Lotusreiche, Dunkle, Zufriedene, Genährte, Urvashi, Vajraträgerin, den Vajra in der Hand Haltende, Narayani und Gütige.
18.57 khaḍginī khaḍgahastā ca khaḍgakharparadhāriṇī |
devāṅganā devakanyā [mānyā kha pāṭhaḥ |] devamātā pulomajā || 18-57 ||
Schwertträgerin, das Schwert in der Hand Haltende, Trägerin von Schwert und Schädelschale, Götterfrau, Göttertochter [Variante: von den Göttern Geehrte], Göttermutter, Pulomas Tochter.
18.58 sukhinī svargadātrī ca sarvasaukhyavivardhinī |
śīlā śīlāvatī sūkṣmā sūkṣmākārā varapradā || 18-58 ||
Glückliche, Himmelsspenderin, alles Glück Vermehrende, guter Wandel, Tugendhafte, Feine, Feingestaltige, Segensspenderin.
18.59 vareṇyā varadā vāṇī jñāninī jñānadā sadā [malā kha |] |
ugrakālī mahākālī bhadrakālī ca dakṣiṇā || 18-59 ||
Erwählenswerte, Segenspendende, Rede, Wissende, stets Wissen Spendende [Variante: Makellose], Ugrakali, Mahakali, Bhadrakali und Dakshina.
18.60 bhṛguvaṃśasamudbhūtā bhārgavī bhṛguvallabhā |
śūlinī śūlahastā ca kartrīkharparadhāriṇī || 18-60 ||
Aus Bhrigus Geschlecht Hervorgegangene, Bhargavi, Bhrigus Geliebte, Dreizackträgerin, den Dreizack in der Hand Haltende, Trägerin von Messer und Schädelschale.
18.61 mahāvaṃśasamudbhūtā mayūravaravāhanā |
mahāśaṅkharatā raktā [śaktā kha pāṭhaḥ |] raktakharparadhāriṇī || 18-61 ||
Aus großem Geschlecht Hervorgegangene, mit einem vorzüglichen Pfau als Reittier, der großen Muschel beziehungsweise dem Schädel Ergebene, Rote [Variante: Mächtige], Trägerin einer blutgefüllten Schädelschale.
18.62 raktāmbaradharā rāmā ramaṇī suranāyikā |
mokṣadā śivadā śyāmā madavibhramamantharā || 18-62 ||
Rotgekleidete, Rama, schöne Frau, Führerin der Götter, Befreiungsspendende, Heilsspendende, Dunkle, langsam wiegend in berauschtem Liebesspiel.
18.63 paramānandadā jyeṣṭhā yoginī gaṇasevitā |
sārā jāmbavatī caiva satyabhāmā nagātmajā || 18-63 ||
Spenderin höchster Wonne, Älteste, Yogini, von Scharen Bediente, Essenz, Jambavati, Satyabhama und Bergestochter.
18.64 raudrā raudrabalā ghorā rudrasārāruṇātmikā |
rudrarūpā mahāraudrī (300) raudradaityavināśinī || 18-64 ||
Rudras Kraft, von schrecklicher Stärke, Furchtbare, Essenz Rudras, Rotgestaltige, Rudragestaltige, große Schreckliche, Vernichterin furchtbarer Daityas.
18.65 kaumārī kauśikī caṇḍā [vidyā kha pāṭhaḥ |] kāladaityavināśinī |
śambhupatnī śambhuratā śambujāyā mahodarī || 18-65 ||
Kaumari, Kaushiki, Canda [Variante: Vidya], Vernichterin des Dämons Kala, Shambhus Gemahlin, Shambhu Ergebene, Shambhus Gattin, Großbäuchige.
18.66 śivapatnī śivaratā śivajāyā śivapriyā |
harapatnī hararatā harajāyā harapriyā || 18-66 ||
Shivas Gemahlin, Shiva Ergebene, Shivas Gattin, Shivas Geliebte; Haras Gemahlin, Hara Ergebene, Haras Gattin, Haras Geliebte.
18.67 madanāntakakāntā ca madanāntakavallabhā |
girijā girikanyā ca girīśasya ca vallabhā || 18-67 ||
Geliebte und Liebste des Vernichters des Liebesgottes, Girija, Bergestochter und Geliebte des Bergherrn.
18.68 bhūtā bhavyā bhavā spaṣṭā pāvanī parapālinī |
adṛśyā ca vyaktarūpā iṣṭāniṣṭapravarddhinī || 18-68 ||
Gewesene, Künftige, Seiende, Offenbare, Läuternde, Beschützerin der anderen, Unsichtbare, sichtbar Gestaltige, Erwünschtes und Unerwünschtes Vermehrende.
18.69 acyutā pracyutaprāṇā pramadā vāsaveśvarī |
apāṃnidhisamudbhūtā dhāriṇī ca pratiṣṭhitā || 18-69 ||
Unerschütterliche, deren Lebenshauch entwichen ist, erfreuliche Frau, Vasavas Herrin, aus dem Meer Entstandene, Tragende, Festgegründete.
18.70 udbhavā kṣobhaṇā kṣemā śrīgarbhā parameśvarī |
kamalā puṣpadehā ca kāminī kañjalocanā || 18-70 ||
Ursprung, Erschütternde, Heilvolle, Schoß der Herrlichkeit, höchste Herrin, Kamala, Blütenleibige, Begehrende, Lotusäugige.
18.71 śaraṇyā kamalā prītirvimalānandavardhinī |
kapardinī karālā ca nirmalā devarūpiṇī || 18-71 ||
Zuflucht Gewährende, Kamala, Liebe, Vermehrerin makelloser Wonne, mit Haarknoten, Schreckliche, Makellose, Göttergestaltige.
18.72 udīrṇabhūṣaṇā bhavyā surasenā mahodarī |
śrīmatī śiśirā navyā [nandā kha |] śiśirācalakanyakā || 18-72 ||
Mit hochragendem Schmuck, Heilvolle, Götterheer, Großbäuchige, Herrliche, Kühle, Neue [Variante: Erfreuende], Tochter des Schneeberges.
18.73 suramānyā suraśreṣṭhā jyeṣṭhā prāṇeśvarī sthirā |
tamoghnī dhvāntasaṃhantrī prayatātmā pativratā [pari kha |] || 18-73 ||
Von Göttern Geehrte, Beste der Götter, Älteste, Herrin der Lebenskraft, Beständige, Dunkelheitsschlägerin, Vernichterin der Finsternis, Gesammelte, Gattentreue.
18.74 pradyotinī rathārūḍhā sarvalokaprakāśinī |
medhāvinī mahāvīryā haṃsī saṃsāratāriṇī || 18-74 ||
Hellleuchtende, Wagenfahrende, Erhellerin aller Welten, Einsichtsvolle, von großer Kraft, Schwanengestaltige, Retterin aus dem Daseinskreislauf.
18.75 praṇataprāṇināmārtihāriṇī daityanāśinī |
ḍākinī śākinīdevī varakhaṭvāṅgadhāriṇī || 18-75 ||
Leidtilgerin der sich verneigenden Wesen, Daityavernichterin, Dakini, Shakini-Göttin, Trägerin des vorzüglichen Totenschädelstabes.
18.76 kaumudī kumudānandā [kundā kha pāṭha |] kaulikā kulajāmarā |
garvitā guṇasaṃpannā nagajā khagavāhinī || 18-76 ||
Mondlicht, Freude der Nachtlotusse [Variante: Kundablüte], Kaula-Göttin, Kulageborene, Unsterbliche, Stolze, Tugendreiche, Berggeborene, Vogelreiterin.
18.77 candrānanā mahogrā ca cārumūrdhajaśobhanā |
manojñā mādhavī mānyā (400) mānanīyā satāṃ suhṛt || 18-77 ||
Mondgesichtige, überaus Schreckliche, durch schönes Haupthaar Glänzende, Liebliche, Madhavi, Ehrwürdige, Verehrungswürdige, Freundin der Guten.
18.78 jyeṣṭhā śreṣṭhā maghā puṣyā dhaniṣṭhā pūrvaphālgunī |
raktabījanihantrī ca raktabījavināśinī || 18-78 ||
Jyeshtha, Höchste, Magha, Pushya, Dhanishtha, Purvaphalguni, Töterin Raktabijas, Vernichterin Raktabijas.
18.79 caṇḍamuṇḍanihantrī ca caṇḍamuṇḍavināśinī |
kartrī hartrī sukartrī ca vimalāmalavāhinī || 18-79 ||
Töterin Candas und Mundas, Vernichterin Candas und Mundas, Schöpferin, Wegnehmerin, gute Schöpferin, Reine, das Makellose Tragende.
18.80 vimalā bhāskarī vīṇā mahiṣāsuraghātinī |
kālindī yamunā vṛddhā surabhiḥ [yuvati kha pāṭhaḥ |] bālikā satī || 18-80 ||
Makellose, Sonnenglanz, Vina, Töterin des Büffeldämons, Kalindi, Yamuna, Alte, duftende Surabhi [Variante: junge Frau], Mädchen und Sati.
18.81 kauśalyā kaumudī maitrīrūpiṇī cāpyarundhatī |
purārigṛhiṇī pūrṇā pūrṇānandasvarūpiṇī || 18-81 ||
Kaushalya, Mondlicht, Verkörperung der Freundschaft, Arundhati, Gemahlin des Städtezerstörers, Vollkommene, Verkörperung vollkommener Wonne.
18.82 puṇḍarīkākṣapatnī ca puṇḍarīkākṣavallabhā |
saṃpūrṇacandravadanā bālacandrasamaprabhā || 18-82 ||
Gemahlin und Geliebte des Lotusäugigen, mit einem Gesicht wie der Vollmond, strahlend wie der junge Mond.
18.83 revatī ramaṇī citrā citrāmbaravibhūṣaṇāṃ |
sītā vīṇāvatī caiva yaśodā vijayā priyā || 18-83 ||
Revati, schöne Frau, Citra, mit bunten Gewändern und Schmuck Gezierte, Sita, Vinaträgerin, Yashoda, Siegreiche, Geliebte.
18.84 navapuṣpasamudbhūtā navapuṣpotsavotsavā |
navapuṣpasrajāmālā mālyabhūṣaṇabhūṣitā [bhūṣitā kha |] || 18-84 ||
Aus der neuen Blüte Entstandene, Freude am Fest der neuen Blüte, mit Girlanden neuer Blüten und Girlandenschmuck Geschmückte.
18.85 navapuṣpasamaprāṇā navapuṣpotsavapriyā |
pretamaṇḍalamadhyastā sarvāṅgasundarī śivā || 18-85 ||
Deren Lebenshauch der neuen Blüte gleicht, Liebhaberin ihres Festes, inmitten des Leichenkreises Stehende, an allen Gliedern Schöne, Gütige.
18.86 navapuṣpātmikā ṣaṣṭhī puṣpastavakamaṇḍalā |
navapuṣpaguṇopetā śmaśāna[śarīra kha pāṭha |]bhairavapriyā || 18-86 ||
Wesen der neuen Blüte, Shashthi, Kreis von Blumenbüscheln, mit den Eigenschaften der neuen Blüte Versehene, Geliebte des Verbrennungsplatz-Bhairava [Variante: des leiblichen Bhairava].
18.87 kulaśāstrapradīpā ca kulamārgapravarddhinī |
śmaśānabhairavī kālī bhairavī bhairavapriyā || 18-87 ||
Leuchte der Kula-Lehre, Förderin des Kula-Weges, Bhairavi des Verbrennungsplatzes, Kali, Bhairavi, Geliebte Bhairavas.
18.88 ānandabhairavī dhyeyā bhairavī kurubhairavī |
mahābhairavasaṃprītā bhairavīkulamohinī || 18-88 ||
Ananda-Bhairavi, zu Meditierende, Bhairavi, Kuru-Bhairavi, von Mahabhairava Erfreute, Bezauberin von Bhairavis Kula.
18.89 śrīvidyābhairavī nītibhairavī guṇabhairavī |
saṃmohabhairavī puṣṭibhairavī tuṣṭibhairavī || 18-89 ||
Bhairavi der Shri-Vidya, der rechten Führung, der Eigenschaften, der Bezauberung, des Gedeihens und der Zufriedenheit.
18.90 saṃhārabhairavī sṛṣṭibhairavī sthitibhairavī |
ānandabhairavī vīrā sundarī sthitisundarī || 18-90 ||
Bhairavi der Auflösung, der Schöpfung, der Erhaltung und der Wonne; Heldin, Schöne, Schöne der Beständigkeit.
18.91 guṇānandasvarūpā ca sundarī kālarūpiṇī |
śrīmāyāsundarī saumyasundarī lokasundarī || 18-91 ||
Verkörperung der Freude an den Eigenschaften, Schöne, Zeitgestaltige, Schöne der Shri-Maya, milde Schöne, Schöne der Welt.
18.92 śrīvidyāmohinī buddhirmahābuddhisvarūpiṇī |
mallikā hārarasikā hāra(a)lambanasundarī || 18-92 ||
Bezauberin der Shri-Vidya, Einsicht, Verkörperung großer Einsicht, Jasmin, an Halsketten Freude Findende, durch herabhängende Ketten Schöne.
18.93 nīlapaṅkajavarṇā (500) ca nāgakesarabhūṣitā |
japākusumasaṅkāśā japākusumaśobhitā || 18-93 ||
Von der Farbe eines blauen Lotus, mit Nagakesara-Blüten geschmückt, einer Hibiskusblüte gleich, mit Hibiskusblüten geziert.
18.94 priyā priyaṅkarī viṣṇordānavendravināśinī |
jñāneśvarī jñānadātrī jñānānandapradāyinī || 18-94 ||
Geliebte, Vishnu Freude Bereitende, Vernichterin der Danava-Könige, Herrin der Erkenntnis, Erkenntnisspenderin, Spenderin der Wonne der Erkenntnis.
18.95 guṇagauravasaṃpannā guṇaśīlasamanvitā |
rūpayauvanasaṃpannā rūpayauvanaśobhitā || 18-95 ||
Mit der Würde guter Eigenschaften versehen, von tugendhaftem Wandel, mit Schönheit und Jugend erfüllt, durch Schönheit und Jugend geschmückt.
18.96 guṇāśrayā guṇaratā guṇagauravasundarī |
madirāmodamattā ca tāṭaṅkadvayaśobhitā || 18-96 ||
Zuflucht der Eigenschaften, ihnen zugewandt, durch ihre Würde schön, berauscht vom Duft des Weines, mit zwei Ohrgehängen geziert.
18.97 vṛkṣamūlasthitā devī vṛkṣaśākhoparisthitā |
tālamadhyāgranilayā vṛkṣamadhyanivāsinī || 18-97 ||
Die Göttin an der Baumwurzel, auf dem Baumzweig, in Mitte und Spitze der Palme und im Inneren des Baumes Wohnende.
18.98 svayambhūpuṣpasaṃkāśā svayambhūpuṣpadhāriṇī |
svayambhūkusumaprītā svayambhūpuṣpaśobhinī || 18-98 ||
Der selbst entstandenen Blüte Gleichende, sie Tragende, von ihr Erfreute und durch sie Geschmückte. [»Selbst entstandene Blüte« bezeichnet hier rituell Menstrualblut.]
18.99 svayambhūpuṣparasikā nagnā dhyānavatī sudhā |
śukrapriyā[śukla kha pāṭhaḥ |] śukraratā śukramajjanatatparā || 18-99 ||
Die selbst entstandene Blüte Genießende, Nackte, Meditative, Nektar; den Samen Liebende [Variante: das Weiße Liebende], ihm Ergebene, im Eintauchen in ihn Beflissene.
18.100 pūrṇaparṇā suparṇā ca niṣparṇā pāpanāśinī |
madirāmodasaṃpannā madirāmodadhāriṇī || 18-100 ||
Ganz Belaubte, Schönbelaubte, Blattlose, Sündentilgerin, vom Weinduft Erfüllte, den Weinduft Tragende.
18.101 sarvāśrayā sarvaguṇā nandanandanadhāriṇī [nandakandala kha pāṭhaḥ |] |
nārīpuṣpasamudbhūtā nārīpuṣpotsavotsavā || 18-101 ||
Zuflucht aller, mit allen Eigenschaften, Nandas Sohn Tragende [Variante: Freudenspross Tragende], aus der Frauenblüte Entstandene, Freude am Fest der Frauenblüte.
18.102 nārīpuṣpasamaprāṇā nārīpuṣparatā mṛgī |
sarvakālodbhavaprītā sarvakālodbhavotsavā || 18-102 ||
Deren Lebenshauch der Frauenblüte gleicht, ihr Ergebene, Gazelle, vom zu jeder Zeit Entstandenen Erfreute, dessen Fest.
18.103 caturbhujā daśabhujā aṣṭādaśabhujā tathā |
dvibhujā ṣaḍbhujā prītā raktapaṅkajaśobhitā || 18-103 ||
Vierarmige, Zehnarmige, Achtzehnarmige, Zweiarmige, Sechsarmige, Erfreute, mit roten Lotussen Gezierte.
18.104 kauberī kauravī kauryā kurukullā kapālinī |
sudīrghakadalījaṅghā rambhorū rāmavallabhā || 18-104 ||
Kuberas Kraft, Kauravi, Kaurya, Kurukulla, Schädelträgerin, mit langen bananenstammgleichen Unterschenkeln, mit bananenstammgleichen Schenkeln, Ramas Geliebte.
18.105 niśācarī niśāmūrtirniśācandrasamaprabhā |
cāndrī cāndrakalā candrā cārucandranibhānanā || 18-105 ||
Nachtwandlerin, Nachtgestalt, dem nächtlichen Mond an Glanz gleich, Mondkraft, Mondanteil, Mond, mit einem Antlitz wie der schöne Mond.
18.106 (śro?sro)tasvatī srutimatī sarvadurgatināśinī |
sarvādhārā sarvamayī sarvānandasvarūpiṇī || 18-106 ||
Stromreiche, Offenbarungsreiche, Vernichterin aller schlechten Geschicke, Grundlage aller, Allumfassende, Verkörperung aller Wonne.
18.107 sarvacakreśvarī sarvā sarvamantramayī śubhā |
sahasranayanaprāṇā sahasranayanapriyā || 18-107 ||
Herrin aller Chakras, Allumfassende, aus allen Mantras bestehende Heilvolle, Lebenshauch und Geliebte des Tausendäugigen.
18.108 sahasraśīrṣā suṣamā [susamā kha pāṭhaḥ |] sadambhā sarvabhakṣikā |
yaṣṭikā yaṣṭicakrasthā ṣadvargaphaladāyinī || 18-108 ||
Tausendköpfige, Wohlgestaltete, Stolze, Allesverzehrende, Stabgestalt, im Stabkreis Stehende, Spenderin der Frucht der Sechsergruppe.
18.109 ṣaḍviṃśapadmamadhyasthā ṣaḍviṃśakulamadhyagā |
hū/kāravarṇanilayā hū/kārākṣarabhūṣaṇā || 18-109 ||
Im sechsundzwanzigfachen Lotus und inmitten der sechsundzwanzig Kulas Weilende, im Hum-Laut Wohnende, mit dem Hum-Laut Geschmückte.
18.110 hakāravarṇanilayā hakārākṣarabhūṣaṇā |
hāriṇī hāravalitā hārahīrakabhūṣaṇā || 18-110 ||
Im Ha-Laut Wohnende, mit dem Ha-Laut Geschmückte, Wegnehmerin, von Halsketten Umgebene, mit Ketten und Diamanten Gezierte.
18.111 hrīṃkārabījasahitā hrīṃkārairupaśobhitā (600) |
kandarpasya kalā kundā kaulinī kuladarpitā || 18-111 ||
Mit der Hrim-Keimsilbe Verbundene, durch Hrim-Laute Geschmückte, Anteil des Liebesgottes, Kundablüte, Kaula-Göttin, durch Kula Stolze.
18.112 ketakīkusumaprāṇā ketakīkṛtabhūṣaṇā |
ketakīkusumāsaktā ketakīparibhūṣitā || 18-112 ||
Deren Leben die Ketaki-Blüte ist, mit Ketaki Geschmückte, an Ketaki-Blüten Hängende, ringsum mit Ketaki Gezierte.
18.113 karpūrapūrṇavadanā mahāmāyā maheśvarī |
kalā keliḥ kriyā kīrṇā kadambakusumotsukā || 18-113 ||
Mit kampfergefülltem Mund, große Maya, große Herrin, Kunst, Spiel, Handlung, Ausgebreitete, nach Kadamba-Blüten Verlangende.
18.114 kādambinī kariśuṇḍā [karigatiḥ kha pāṭhaḥ |] kuñjareśvaragāminī |
kharvā sukhañjanayanā khañjanadvandvabhūṣaṇā || 18-114 ||
Wolkenschar, Elefantenrüsselgestaltige [Variante: mit Elefantengang], auf dem Elefantenherrn Wandelnde, Kleine, mit schönen Bachstelzenaugen, durch ein Paar Bachstelzen Gezierte.
18.115 khadyota iva durlakṣā khadyota iva cañcalā |
mahāmāyā jgaddhātrī gītavādyapriyā ratiḥ || 18-115 ||
Wie ein Leuchtkäfer schwer zu erkennen und wie ein Leuchtkäfer beweglich, große Maya, Weltenträgerin, Liebhaberin von Gesang und Instrumenten, Rati.
18.116 gaṇeśvarī gaṇejyā ca guṇapūjyā guṇapradā |
guṇāḍhyā guṇasaṃpannā guṇadātrī guṇātmikā || 18-116 ||
Herrin der Scharen, von Scharen Verehrte, durch Eigenschaften Verehrte, Eigenschaftsspenderin, reich und erfüllt an Eigenschaften, deren Geberin und Verkörperung.
18.117 gurvī gurutarā gaurī gāṇapatyaphalapradā |
mahāvidyā mahāmedhā tulinī gaṇamohinī || 18-117 ||
Gewichtige, noch Gewichtigere, Gauri, Spenderin der Frucht der Ganesha-Tradition, große Vidya, große Einsicht, Abwägende, Bezauberin der Scharen.
18.118 bhavyā bhavapriyā bhāvyā bhāvanīyā bhavātmikā |
ghargharā ghoravadanā ghoradaityavināśinī || 18-118 ||
Heilvolle, Bhavas Geliebte, zu Vergegenwärtigende, der Betrachtung Würdige, Wesen des Werdens, Grollende, Schrecklichgesichtige, Vernichterin furchtbarer Daityas.
18.119 ghorā ghoravatī ghoṣyā [ghoṣā kha |] ghoraputrī ghanācalā [ghanālayā
kha |] |
carcarī cārunayanā cāruvaktrā caturguṇā || 18-119 ||
Schreckliche, von Schrecken Erfüllte, zu Verkündende [Variante: Klang], Tochter des Schrecklichen, dichter Berg [Variante: Wolkenwohnung], Carcari, Schönäugige, Schöngesichtige, mit vier Eigenschaften.
18.120 caturvedamayī caṇḍī candrāsyā caturānanā |
calaccakoranayanā calatkhañjanalocanā || 18-120 ||
Aus den vier Veden Bestehende, Candi, Mondgesichtige, Viergesichtige, mit beweglichen Cakora-Augen und beweglichen Bachstelzenaugen.
18.121 caladambhojanilayā caladambhojaśobhitā [locanā kha pāṭhaḥ |] |
chatrī chatrapriyā chatrā chatracāmaraśobhitā || 18-121 ||
Im schwankenden Lotus Wohnende, mit schwankendem Lotus Geschmückte [Variante: lotusäugig], Schirmträgerin, Schirmliebhaberin, Schirm, mit Schirm und Wedel Gezierte.
18.122 chinnachadā chinnaśirāśchinnanāsā chalātmikā |
chalāḍhyā chalasaṃtrastā chalarūpā chalasthirā || 18-122 ||
Mit abgeschnittener Bedeckung, abgeschnittenem Haupt und abgeschnittener Nase, Wesen der Täuschung, täuschungsreich, durch Täuschung Erschreckte, Täuschungsgestaltige, in Täuschung Beständige.
18.123 chakāravarṇanilayā chakārāḍhyā chalapriyā |
chadminī chadmaniratā chadmacchadmanivāsinī || 18-123 ||
Im Cha-Laut Wohnende, reich an Cha, Täuschung Liebende, Verkleidete, der Verstellung Ergebene, in der Verhüllung der Verhüllung Wohnende.
18.124 jagannāthapriyā jīvā jaganmuktikarī matā |
jīrṇā jīmūtavanitā jīmūtairupaśobhitā || 18-124 ||
Geliebte des Weltenherrn, Lebendige, als Befreierin der Welt Geltende, Alte, Wolkenfrau, mit Wolken Geschmückte.
18.125 jāmātṛvaradā jambhā jamalārjunabhañjinī |
jharjharī jhākṛtirjhallī jharī (700) jharjharikā tathā || 18-125 ||
Segenspenderin für den Schwiegersohn, Jambha, Brecherin der beiden Arjuna-Bäume, Jharjhari, die den Laut Jha hervorbringt, Jhalli, Strom und Jharjharika. [Mehrere Namen sind klangspielerisch gebildet.]
18.126 ṭaṅkārakāriṇī ṭīkā sarvaṭaṅkārakāriṇī |
ṭhaṃkarāṅgī ḍamarukā ḍākārā ḍamarupriyā || 18-126 ||
Erzeugerin des Tankara-Klangs, Erklärung, Erzeugerin aller Tankara-Klänge, von Thankara erfüllte Gestalt, kleine Trommel, den Da-Laut Hervorbringende, Liebhaberin der Damaru-Trommel.
18.127 ḍhakkārāvaratā nityā tulasī maṇibhūṣitā |
tulā ca tolikā tīrṇā tārā tāraṇikā tathā || 18-127 ||
Stets dem Klang der Dhakka-Trommel Ergebene, Tulasi, mit Edelsteinen Gezierte, Waage, Wägerin, Hinübergelangte, Tara und Hinüberführende.
18.128 tantravijñā tantraratā tantravidyā ca tantradā |
tāntrikī tantrayogyā ca tantrasārā ca tantrikā || 18-128 ||
Tantrakennerin, Tantraergebene, tantrisches Wissen, Tantraspenderin, Tantrikerin, für das Tantra Geeignete, Essenz des Tantra und tantrische Kraft.
18.129 tantradhārī tantrakarī sarvatantrasvarūpiṇī |
tuhināṃśusamānāsyā tuhināṃśusamaprabhā || 18-129 ||
Trägerin und Schöpferin des Tantra, Verkörperung aller Tantras, mit einem Gesicht wie der Mond, mit mondgleichem Glanz.
18.130 tuṣārākaratulyāṅgī tuṣārādhārasundarī |
tantrasārā tantrakaro tantrasārasvarūpiṇī || 18-130 ||
Mit mondgleichem Leib, schön wie die Schneemasse, Essenz des Tantra, Schöpferin des Tantra, Verkörperung seiner Essenz.
18.131 tuṣāradhāmatulyāsyā tuṣārāṃśusamaprabhā |
tuṣārādrisutā tārkṣyā tārāṅgī tālasundarī || 18-131 ||
Mit mondgleichem Gesicht und Glanz, Tochter des Schneeberges, Tarkshyas Kraft, sternengliedrig, schön wie eine Palme.
18.132 tārasvareṇa sahitā tārasvaravibhūṣitā |
thakārakūṭanilayā thakārākṣaramālinī || 18-132 ||
Mit hohem Klang verbunden, durch hohen Klang geschmückt, im Lautkomplex Tha wohnend, eine Girlande aus Tha-Lauten tragend.
18.133 dayāvatī dīnaratā duḥkhadāridryanāśinī |
daurbhāgyaduḥkhadalinī daurbhāgyapadanāśinī || 18-133 ||
Mitfühlende, den Bedürftigen Zugewandte, Vernichterin von Leid und Armut, Zerschmetterin des Unglücks und seiner Schmerzen, Vernichterin des Standes des Unglücks.
18.134 duhitā dīnabandhuśca dānavendravināśinī |
dānapātrī dānaratā dānasaṃmānatoṣitā || 18-134 ||
Tochter, Freundin der Bedürftigen, Vernichterin der Danava-Könige, würdige Empfängerin von Gaben, dem Geben Ergebene, durch Gaben und Ehrung Erfreute.
18.135 dāntyādisevitā dāntā dayā dāmodarapriyā |
dadhīcivaradā tuṣṭā dānavendravimardinī || 18-135 ||
Von Danti und anderen Bediente, Selbstbeherrschte, Mitgefühl, Damodaras Geliebte, Segenspenderin für Dadhici, Zufriedene, Bezwingerin der Danava-Könige.
18.136 dīrghanetrā dīrghakacā dīrghanāsā ca dīrghikā |
dāridryaduḥkhasaṃnāśā dāridryaduḥkhanāśinī || 18-136 ||
Langäugige, Langhaarige, Langnasige, Teich, Vernichtung des Armutsleids, Vernichterin von Armut und Leid.
18.137 dāmbhikā danturā dambhā dambhāsuravarapradā |
dhanadhānyapradā dhanyā dhaneśvaradhanapradā || 18-137 ||
Prunkliebende, mit hervortretenden Zähnen, Stolz, Segenspenderin für den Dämon Dambha, Spenderin von Reichtum und Getreide, Gesegnete, Spenderin des Reichtums des Schatzherrn.
18.138 dharmapatnī dharmaratā dharmādharmavināśinī [pravardhinī kha |] |
dharmiṇī dharmikā dharmyā dharmādharmavivarddhinī || 18-138 ||
Dharmas Gemahlin, Dharmaergebene, Vernichterin von Recht und Unrecht [Variante: deren Förderin], Rechtschaffene, Fromme, Rechtmäßige, Vermehrerin von Recht und Unrecht.
18.139 dhaneśvarī dharmaratā dharmānandapravarddhinī |
dhanādhyakṣā dhanaprītā dhanāḍhyā dhanatoṣitā || 18-139 ||
Herrin des Reichtums, Dharmaergebene, Vermehrerin der Freude am Dharma, Aufseherin des Vermögens, an Reichtum Erfreute, Reiche, durch Reichtum Zufriedene.
18.140 dhīrā dhairyavatī dhiṣṇyā dhavalāmbhojasaṃnibhā [sava kha pāṭhaḥ |] |
dhariṇī dhāriṇī dhātrī dhūraṇī dharaṇī dharā (800) || 18-140 ||
Standhafte, Geduldige, heilige Stätte, einem weißen Lotus Gleichende, Haltende, Tragende, Erhalterin, Lastenträgerin, Erde und Trägerin.
18.141 dhārmikā dharmasahitā dharmanindakavarjitā |
navīnā nagajā nimnā nimnanābhirnageśvarī || 18-141 ||
Rechtschaffene, mit Dharma Verbundene, von Dharmaschmähern Freie, Neue, Berggeborene, Tiefe, mit tiefem Nabel, Herrin der Berge.
18.142 nūtanāmbhojanayanā navīnāmbhojasundarī |
nāgarī nagarajyeṣṭhā nagarājasutā nagā || 18-142 ||
Mit Augen wie frische Lotusse, schön wie ein neuer Lotus, Stadtbewohnerin, Älteste der Stadt, Tochter des Bergkönigs, Berggestaltige.
18.143 nāgarājakṛtatoṣā nāgarājavibhūṣitā |
nāgeśvarī nāgarūḍhā nāgarājakuleśvarī || 18-143 ||
Vom Schlangenkönig Erfreute, mit ihm Geschmückte, Herrin der Schlangen, Schlangenreiterin, Herrin des Geschlechts des Schlangenkönigs.
18.144 navīnendukalā nāndī nandikeśvaravallabhā |
nīrajā nīrajākṣī ca nīrajadvandvalocanā || 18-144 ||
Neue Mondsichel, Freude, Geliebte Nandikeshvaras, Wassergeborene, Lotusäugige, mit einem Lotuspaar als Augen.
18.145 nīrā nīrabhavā vāṇī nīranirmaladehinī |
nāgayajñopavītāḍhyā nāgayajñopavītikā || 18-145 ||
Wasser, aus Wasser Entstandene, Rede, mit wasserreinem Leib, reich an Schlangen als heiliger Schnur, Trägerin einer solchen Schlangenschnur.
18.146 nāgakesarasaṃtuṣṭā nāgakesaramālinī |
navīnaketakīkunda - mallikāmbhojabhūṣitā || 18-146 ||
Durch Nagakesara-Blüten Erfreute, ihre Girlande Tragende, geschmückt mit frischen Ketaki-, Kunda-, Jasmin- und Lotusblüten.
18.147 nāyikā nāyakaprītā nāyakapremabhūṣitā |
nāyakapremasahitā nāyakapremabhāvitā || 18-147 ||
Führerin, vom Geliebten Erfreute, mit seiner Liebe Geschmückte, mit seiner Liebe Verbundene, von ihr Durchdrungene.
18.148 nāyakānandanilayā nāyakānandakāriṇī |
narmakarmaratā nityaṃ narmakarmaphalapradā || 18-148 ||
Wohnstätte der Freude des Geliebten, seine Freude Bewirkende, stets dem spielerischen Tun Ergebene, Spenderin seiner Frucht.
18.149 narmakarmapriyā narmā narmakarmakṛtālayā |
narmaprītā narmaratā narmadhyānaparāyaṇā || 18-149 ||
Liebhaberin spielerischer Handlungen, Scherz, darin Wohnende, durch Spiel Erfreute, ihm Ergebene, ganz auf seine Betrachtung Gerichtete.
18.150 pauṣṇapriyā ca pauṣpejyā puṣpadāmavibhūṣitā |
puṇyadā pūrṇimā pūrṇā koṭipuṇyaphalapradā || 18-150 ||
Pushan Liebende, mit Blumen zu Verehrende, mit Blütenketten Geschmückte, Verdienstspenderin, Vollmond, Vollkommene, Spenderin der Frucht von zehn Millionen Verdiensten.
18.151 purāṇāgamagopyā ca purāṇāgamagopitā |
purāṇagocarā pūrṇā pūrvā prauḍhā vilāsinī || 18-151 ||
In Puranas und Agamas geheim zu Haltende und Verborgene, Gegenstand der Puranas, Vollkommene, Ursprüngliche, Reife, Spielerische.
18.152 prahlādahṛdayāhlādagehinī puṇyacāriṇī |
phālgunī phālgunaprītā phālgunapredhāriṇī || 18-152 ||
Im Entzücken von Prahladas Herzen Wohnende, heilig Wandelnde, Phalguni, an Phalguna Erfreute, seine Liebe Tragende.
18.153 phālgunapremadā caiva phaṇirājavibhūṣitā |
phaṇikāñcī phaṇiprītā phaṇihāravibhūṣitā || 18-153 ||
Spenderin der Liebe Phalgunas, mit dem Schlangenkönig Geschmückte, mit Schlangengürtel, an Schlangen Erfreute, mit Schlangenkette Gezierte.
18.154 phaṇīśakṛtasarvāṅgabhūṣaṇā phaṇihāriṇī |
phaṇiprītā phaṇiratā phaṇikaṅkaṇadhāriṇī || 18-154 ||
An allen Gliedern mit dem Schlangenherrn Geschmückte, Schlangenkettenträgerin, von Schlangen Erfreute, ihnen Ergebene, Schlangenarmreifen Tragende.
18.155 phaladā triphalā śaktā phalābharaṇabhūṣitā |
phakārakūṭasarvāṅgī phālgunānandavarddhinī || 18-155 ||
Fruchtspenderin, Dreifrucht, Mächtige, mit Fruchtschmuck Gezierte, an allen Gliedern aus dem Pha-Lautkomplex bestehend, Vermehrerin der Freude Phalgunas.
18.156 vāsudevaratā vijñā vijñavijñānakāriṇī |
vīṇāvatī balākīrṇā bālapīyūṣarocikā || 18-156 ||
Vasudeva Ergebene, Wissende, die Erkenntnis der Wissenden Bewirkende, Vinaträgerin, von Kräften Umgebene, am jungen Nektar Gefallen Findende.
18.157 bālāvasumatī vidyā vidyāhāravibhūṣitā |
vidyāvatī vaidyapadaprītā vaivasvatī baliḥ || 18-157 ||
Junge, Güterreiche, Wissen, mit Wissensgirlande Geschmückte, Wissensreiche, am Stand des Heilkundigen Erfreute, Vaivasvati, Opfergabe.
18.158 balividhvaṃsinī caiva varāṅgasthā (900) varānanā |
viṣṇorvakṣaḥsthalasthā ca vāgvatī vindhyavāsinī || 18-158 ||
Vernichterin Balis, in schönen Gliedern Wohnende, mit schönem Antlitz, auf Vishnus Brust Weilende, Beredte, Bewohnerin des Vindhya.
18.159 bhītidā bhayadā bhānoraṃśujālasamaprabhā |
bhārgavejyā bhṛgoḥ pūjyā bharadvāranamaskṛtā || 18-159 ||
Furchtspenderin, Angstspenderin, wie das Strahlennetz der Sonne Glänzende, von Bhargava zu Verehrende, von Bhrigu Verehrte, von Bharadvara Verehrte. [Der letzte Name ist auffällig überliefert.]
18.160 bhītidā bhayasaṃhantrī bhīmākārā ca sundarī |
māyāvatī mānaratā mānasaṃmānatatparā || 18-160 ||
Furchtspenderin, Angstvernichterin, Furchtbargeformte und Schöne, Mayareiche, an Ehre Erfreute, auf Ehrung und Achtung Bedachte.
18.161 mādhavānandadā mādhvī madirāmuditekṣaṇā |
mahotsavaguṇopetā mahatī ca mahadguṇā || 18-161 ||
Spenderin von Madhavas Wonne, Madhvi, mit vom Wein erfreuten Augen, mit den Vorzügen großer Feste, Große, von großen Eigenschaften.
18.162 madirāmodaniratā madirāmajjane ratā |
yaśodharī yaśovidyā yaśodānandavarddhinī || 18-162 ||
Dem Weingenuss und dem Eintauchen in Wein Ergebene, Ruhmträgerin, Ruhmeswissen, Vermehrerin von Yashodas Freude.
18.163 yaśaḥkarpūradhavalā yaśodāmavibhūṣitā |
yamarājapriyā [svasā kha pāṭhaḥ |] yogamārgānandapravarddhinī || 18-163 ||
Durch Ruhm kampferweiß, mit Ruhmesgirlande Geschmückte, Geliebte des Totenkönigs [Variante: seine Schwester], Vermehrerin der Freude am Yogaweg.
18.164 yamasvasā ca yamunā yogamārgapravarddhinī |
yādavānandakartrī ca yādavānandavarddhinī || 18-164 ||
Yamas Schwester, Yamuna, Förderin des Yogaweges, Bewirkerin und Vermehrerin der Freude der Yadavas.
18.165 yajñaprītā yajñamayī yajñakarmavibhūṣitā |
rāmaprītā rāmaratā rāmatoṣaṇatatparā || 18-165 ||
Am Opfer Erfreute, aus Opfer Bestehende, durch Opferhandlung Geschmückte, an Rama Erfreute, Rama Ergebene, ganz auf seine Zufriedenheit Bedachte.
18.166 rājñī rājakulejyā ca rājarājeśvarī ramā |
ramaṇī rāmaṇī ramyā rāmānandapradāyinī || 18-166 ||
Königin, von Königsgeschlechtern Verehrte, Herrin der Könige, Rama, schöne Frau, Rama Zugehörige, Liebliche, Spenderin von Ramas Wonne.
18.167 rajanīkarapūrṇāsyā raktotpalavilocanā |
lāṅgalipremasaṃtuṣṭā lāṅgalipraṇayapriyā || 18-167 ||
Mit einem Gesicht wie der volle Nachtmacher, mit roten Lotusaugen, von der Liebe des Pflugträgers Erfreute, seine Zuneigung Liebende.
18.168 lākṣāruṇā ca lalanā līlā līlāvatī layā |
laṅkeśvaraguṇaprītā laṅkeśavaradāyinī || 18-168 ||
Lackrote, schöne Frau, Spiel, Spielerische, Auflösung, an den Eigenschaften des Lanka-Herrn Erfreute, seine Segenspenderin.
18.169 lavaṅgīkusumaprītā lavaṅgakusumasrajā [motsukā kha |] |
dhātā vivasvadgṛhiṇī vivasvatpremadhāriṇī || 18-169 ||
An Nelkenblüten Erfreute, mit ihrer Girlande [Variante: nach ihnen Verlangende], Schöpferin, Vivasvats Gemahlin, Trägerin seiner Liebe.
18.170 śavoparisamāsīnā śavavakṣaḥsthalasthitā |
śaraṇāgatarakṣitrī śaraṇyā śrīḥ śaradguṇā || 18-170 ||
Auf einem Leichnam Sitzende, auf seiner Brust Stehende, Beschützerin der Zufluchtsuchenden, Zuflucht, Shri, mit den Eigenschaften des Herbstes.
18.171 ṣaṭkoṇamadhyamadhyasthā [cakra kha pāṭhaḥ |] saṃpada(ha?rtha)niṣevitā |
hū/kārākāriṇī devī hū/kārarūpaśobhitā || 18-171 ||
In der Mitte des Sechsecks [Variante: Chakras] Stehende, um Wohlstand Bediente, den Hum-Laut Hervorbringende, Göttin, durch dessen Gestalt Geschmückte.
18.172 kṣemaṅkarī tathā kṣemā kṣemadhāmavivarddhinī |
kṣemāmnāyā tathājñā ca iḍā iśvaravallabhā || 18-172 ||
Heilbewirkerin, Heil, Vermehrerin der Stätte des Heils, Überlieferung des Heils, Gebot, Ida, Geliebte Ishvaras.
18.173 ugradakṣā tathā cogrā akārādisvarodbhavā |
ṛkāravarṇakūṭasthā ṝkārasvarabhūṣitā || 18-173 ||
Von gewaltiger Geschicklichkeit, Schreckliche, aus den Vokalen beginnend mit A Entstandene, im Lautkomplex des kurzen Ri Weilende, mit langem Ri Geschmückte.
18.174 ekārā ca tathā caikā ekārākṣaravāsitā |
aiṣṭā caiṣā tathā cauṣā aukārākṣaradhāriṇī || 18-174 ||
E-Gestaltige, Eine, im Buchstaben E Wohnende, Aishta, Aisha, Ausha, Trägerin des Au-Lautes. [Die Namensformen folgen hier dem Spiel mit den Vokalen.]
18.175 aṃ aḥkārasvarūpā ca sarvāgamasugopitā (1000) |
ityetat kathitaṃ devi tārānāmasahasrakam || 18-175 ||
Verkörperung von Am und Ah, in allen Agamas gut verborgen. Damit sind dir, Göttin, Taras tausend Namen erklärt.
18.176 ya idaṃ paṭhati stotraṃ pratyahaṃ bhaktibhāvataḥ |
divā vā yadi vā rātrau sandhyayorubhayorapi || 18-176 ||
Wer diesen Lobpreis täglich hingebungsvoll liest, bei Tage oder bei Nacht und zu beiden Dämmerungszeiten —
18.177 stavarājasya pāṭhena rājā bhavati kiṅkaraḥ |
sarvāgameṣu pūjyaḥ syāt sarvatantre svayaṃ haraḥ || 18-177 ||
— dem wird durch das Lesen dieses Königs der Lobpreise der König zum Diener. In allen Agamas wird er geehrt und ist in allen Tantras selbst Hara.
18.178 śivasthāne śmaśāne ca śūnyāgāre catuṣpathe |
ya paṭhecchṛṇuyād vāpi sa yogī nātra saṃśayaḥ || 18-178 ||
Wer ihn an einem Shiva-Ort, am Verbrennungsplatz, in einem leeren Haus oder an einer Kreuzung liest oder hört, ist ein Yogi, daran besteht kein Zweifel.
18.179 yāni nāmāni santyasmin prasaṅgād muravairiṇaḥ |
grāhyāṇi tāni kalyāṇi nānyānyapi [tu kha pāṭhaḥ |] kadācana || 18-179 ||
Die Namen des Feindes Muras [Vishnus], die hier im Zusammenhang vorkommen, sind aufzunehmen, du Heilvolle; andere jedoch niemals.
18.180 harernāma na gṛhṇīyād na spṛśet tulasīdalam |
nānyacintā prakartavyā nānyanindā kadācana || 18-180 ||
Man soll Haris Namen [außerhalb dieses Zusammenhangs] nicht aufnehmen und kein Tulasi-Blatt berühren. Man soll keine andere Betrachtung pflegen und niemals andere schmähen.
18.181 sindūrakaravīrādyaiḥ puṣpairlohitakaistathā |
yo'rcayed bhaktibhāvena tasyāsādhyaṃ na kiñcana || 18-181 ||
Wer mit Zinnober, Oleander und anderen roten Blumen hingebungsvoll verehrt, für den gibt es nichts Unerreichbares.
18.182 vātastambhaṃ jalastambhaṃ gatistambhaṃ vivasvataḥ |
vahneḥ stambhaṃ [śaityaṃ kha pāṭhaḥ |] karotyeva stavasyāsya prakīrtanāt || 18-
182 ||
Durch das Sprechen dieses Lobpreises vermag man Wind und Wasser anzuhalten, den Lauf der Sonne stillzustellen und das Feuer zu hemmen [Variante: abzukühlen].
18.183 śriyamākarṣayet [pate kha pāṭhaḥ |] tūrṇamānṛṇyaṃ jāyate haṭhāt |
yathā tṛṇaṃ dahed vahnistathārīn mardayet kṣaṇāt || 18-183 ||
Man zieht rasch Wohlstand heran und wird unvermittelt schuldenfrei. Wie Feuer Gras verbrennt, so zermalmt man augenblicklich die Feinde.
18.184 mohayed rājapatnīśca devānapi vaśaṃ nayet |
yaḥ paṭhet śṛṇuyād vāpi ekacittena sarvadā || 18-184 ||
Man bezaubert Königinnen und bringt sogar Götter unter seine Gewalt, wenn man stets mit ungeteilter Aufmerksamkeit liest oder hört.
18.185 dīrghāyuśca sukhī vāgmī vāṇī tasya vaśaṅkarī |
sarvatīrthābhiṣekeṇa gayāśrāddhena yat phalam || 18-185 ||
Man ist langlebig, glücklich und beredt, und die Rede steht einem zu Diensten. Die Frucht aller heiligen Bäder und des Ahnenrituals in Gaya —
18.186 tatphalaṃ labhate satyaṃ yaḥ paṭhedekacittataḥ |
yeṣāmārādhane śraddhā ye tu sādhitumudyatāḥ || 18-186 ||
— erlangt wahrhaftig, wer mit gesammeltem Geist liest. Diejenigen, die Vertrauen in die Verehrung haben und zur Praxis entschlossen sind —
18.187 teṣāṃ kṛtitvaṃ sarvaṃ syād gatirdevi parā ca sā |
ṛtuyuktalatāgāre sthitvā daṇḍena tāḍayet || 18-187 ||
— erreichen volle Erfüllung und den höchsten Weg, Göttin. Im Haus der Schlingpflanze während ihrer fruchtbaren Zeit stehend, bewege man den Stab. [Sexuelle Ritualbildsprache.]
18.188 japtvā stutvā ca bhaktyā ca gacched vai tāriṇīpadam |
aṣṭamyāṃ ca caturdaśyāṃ navamyāṃ śanivāsare || 18-188 ||
Durch Wiederholung und hingebungsvollen Lobpreis gelangt man zu Tarinis Stand. Am achten, vierzehnten oder neunten Mondtag, an einem Samstag —
18.189 saṃkrāntyāṃ maṇḍale rātrau amāvāsyāṃ ca yo'rcayet |
varṣaṃ vyāpya ca deveśi tasyādhīnāśca siddhayaḥ || 18-189 ||
— beim Sonnenübergang und an Neumond verehre man nachts im Mandala. Wer dies ein Jahr lang tut, dem unterstehen die Vollkommenheiten.
18.190 sutahīnā ca yā nārī daurbhāgyāmayapīḍitā |
vandhyā vā kākavandhyā vā mṛtagarbhā ca yāṅganā || 18-190 ||
Eine Frau ohne Sohn, von Unglück oder Krankheit gequält, unfruchtbar, nach einem Kind ohne weitere Kinder oder mit Totgeburten —
18.191 dhanadhānyavihīnā ca rogaśokākulā ca yā |
sāpi caitad mahādevi bhūrjapatre lekhāpayet [likhet tataḥ kha pāṭhaḥ |] || 18-191 ||
— ohne Vermögen und Getreide, von Krankheit und Kummer bedrängt, lasse diesen Lobpreis auf Birkenrinde schreiben, große Göttin.
18.192 savye bhuje ca badhnīyāt sarvasaukhyavatī bhavet |
evaṃ pumānapi prāyo duḥkhena paripīḍitaḥ || 18-192 ||
Sie binde ihn am linken Oberarm fest und werde mit allem Glück versehen. Ebenso ein Mann, der schwer von Leid bedrängt ist.
18.193 sabhāyāṃ vyasane ghore vivāde śatrusaṃkaṭe |
caturaṅge ca tathā yuddhe sarvatrāpat[ari kha pāṭha]prapīḍite || 18-193 ||
In einer Versammlung, bei schwerem Unglück, im Streit, in Feindesnot, im Kampf mit einem viergliedrigen Heer und überall unter Gefahr —
18.194 smaraṇādeva kalyāṇi saṃkṣayaṃ yānti dūrataḥ |
pūjanīyaṃ prayatnena śūnyāgāre śivālaye || 18-194 ||
— schwinden diese Bedrängnisse schon durch die Erinnerung, du Heilvolle. Sorgfältig ist in einem leeren Haus oder Shiva-Tempel zu verehren.
18.195 bilvamūle śmaśāne ca taṭe vā kulamaṇḍale |
śarkarāsavasaṃyuktairbhaktairdugdhaiḥ sapāyasaiḥ || 18-195 ||
Auch an einer Bilva-Wurzel, am Verbrennungsplatz, am Ufer oder im Kula-Kreis: mit Reis, Zuckerwein, Milch und Milchspeise —
18.196 apūpāpiṣṭasaṃyuktairnaivedyaiśca yathocitaiḥ |
niveditaṃ ca yaddravyaṃ bhoktavyaṃ ca vidhānataḥ || 18-196 ||
— mit Kuchen, Gebäck und passenden Speisegaben. Was dargebracht worden ist, soll vorschriftsgemäß verzehrt werden.
18.197 tanna ced bhujyate mohād bhoktuṃ necchanti devatāḥ |
anenaiva vidhānena yo'rcayet parameśvarīm || 18-197 ||
Wird es aus Verblendung nicht gegessen, wollen auch die Gottheiten nicht davon nehmen. Wer die höchste Herrin nach dieser Ordnung verehrt —
18.198 sa bhūmivalaye devi sākṣādīśo na saṃśayaḥ |
mahāśaṅkhena deveśi sarvaṃ kāryaṃ japādikam || 18-198 ||
— ist auf dem Erdkreis unmittelbar der Herr, Göttin, ohne Zweifel. Alle Handlungen wie die Wiederholung sind mit der großen Schädelkette auszuführen.
18.199 kulasarvasvakasyaivaṃ prabhāvo varṇito mayā |
na śakyate samākhyātuṃ varṣakoṭiśatairapi || 18-199 ||
So habe ich die Macht dieses »ganzen Schatzes des Kula« beschrieben. Selbst in hundert Koti Jahren lässt sie sich nicht vollständig erklären.
18.200 kiñcid mayā ca cāpalyāt kathitaṃ parameśvari |
janmāntarasahasreṇa varṇituṃ naiva śakyate || 18-200 ||
Ein wenig habe ich in meiner Redefreude mitgeteilt, höchste Herrin. Selbst während tausend weiterer Geburten lässt sie sich nicht erschöpfend beschreiben.
18.201 kulīnāya pradātavyaṃ tārābhaktiparāya ca |
anyabhaktāya no deyaṃ vaiṣṇavāya viśeṣataḥ || 18-201 ||
Einem Kula-Angehörigen und einem ganz Tara ergebenen Menschen darf dies gegeben werden; keinem anderswo ergebenen Verehrer, besonders keinem Vaishnava.
18.202 kulīnāya mahecchāya bhaktiśraddhāparāya ca |
mahātmane sadā deyaṃ parīkṣitaguṇāya ca || 18-202 ||
Einem Kula-Angehörigen mit großem Streben, Hingabe und Vertrauen, einem großgesinnten Menschen mit geprüften Eigenschaften ist es stets zu geben.
18.203 nābhaktāya pradātavyaṃ pathyantaraparāya ca |
na deyaṃ devadeveśi gopyaṃ sarvāgameṣu ca || 18-203 ||
Keinem ohne Hingabe und keinem, der einem anderen Weg ergeben ist, darf es gegeben werden, Herrin der Götter. In allen Agamas ist es geheim zu halten.
18.204 pūjājapavihīnāya strīsurānindakāya ca |
na stavaṃ darśayet kvāpi saṃdarśya śivahā bhavet || 18-204 ||
Jemandem ohne Verehrung und Wiederholung oder einem Verächter von Frauen und Wein zeige man den Lobpreis nirgends; wer ihn einem solchen zeigt, werde zum Shiva-Töter.
18.205 paṭhanīyaṃ sadā devi sarvāvasthāsu sarvadā |
yaḥ stotraṃ kulanāyike pratidinaṃ bhaktyā paṭhed mānavaḥ
sa syādvittacayairdhaneśvarasamo vidyāmadairvākpatiḥ |
saundaryeṇa ca mūrtimān manasijaḥ kīrtyā ca nārāyaṇaḥ
śaktyā śaṅkara eva saukhya[śaurya |]vibhavairbhūmeḥ patirnānyathā || 18-205 ||
Stets und in allen Lebenslagen soll er gelesen werden, Göttin. Wer diesen Lobpreis täglich hingebungsvoll liest, Kula-Herrin, gleicht durch seine Schätze Kubera, durch Wissensfülle dem Herrn der Rede, durch Schönheit dem verkörperten Liebesgott, durch Ruhm Narayana und durch Kraft Shankara; durch Glück [Variante: Heldentum] und Macht wird er zum Herrscher der Erde, nicht anders.
18.206 iti te kathitaṃ guhyaṃ tārānāmasahasrakam |
asmāt parataraṃ stotraṃ nāsti tantreṣu niścayaḥ || 18-206 ||
So habe ich dir Taras geheime tausend Namen erklärt. Gewiss gibt es in den Tantras keinen höheren Lobpreis.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (tārāsahasranāmanirūpaṇaṃ) aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ || 18 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das achtzehnte Kapitel: die Darlegung von Taras tausend Namen.
Kapitel 19: Tara-Schutzgebet

19.1 śrībhairava uvāca |
atha vakṣye maheśāni kavacaṃ paramādbhutam |
yajjñātvā sādhakāḥ sarve avaśyaṃ muktimāpnuyuḥ || 19-1 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Nun erkläre ich ein höchst wunderbares Schutzgebet, große Herrin. Durch seine Kenntnis werden alle Übenden gewiss Befreiung erlangen.
19.2 śrūyatāṃ paramaṃ guhyaṃ kavacaṃ manmukhiditam |
japāddhi sarvakalyāṇaṃ jāyate nātra saṃśayaḥ || 19-2 ||
Hört das höchste Geheimnis, das aus meinem Mund gesprochene Schutzgebet. Durch seine Wiederholung entsteht alles Heil, daran besteht kein Zweifel.
19.3 aprakāśyaṃ mahādevi tava snehāt prakāśitam |
uddhṛtaṃ sārabhūtānāṃ sārāt sārataraṃ param || 19-3 ||
Das nicht zu Offenbarende wird aus Liebe zu dir offenbart, große Göttin: als höchste Essenz aus den Essenzen gewonnen, feiner noch als deren Essenz.
19.4 kavacaṃ dhārayed yastu paṭhed vā bhaktibhāvataḥ |
sa śivaḥ sa ca vidyeśaḥ sa ca yogī na saṃśayaḥ || 19-4 ||
Wer dieses Schutzgebet trägt oder hingebungsvoll liest, ist Shiva, Herr des Wissens und Yogi, ohne Zweifel.
19.5 kavacena vinā devi yo'rcayet tāriṇīṃ parām |
kalpakoṭiśatenāpi na siddhirjāyate priye || 19-5 ||
Wer ohne dieses Schutzgebet die höchste Tarini verehrt, erlangt selbst in hundert Koti Weltaltern keine Vollendung, Geliebte.
19.6 brahmaviṣṇuśivānāṃ ca bījaṃ rakṣatu mūlakam |
tadeva śaktimūlaṃ ca liṅgaṃ rakṣatu yatnataḥ || 19-6 ||
Die Keimsilbe von Brahma, Vishnu und Shiva beschütze das Wurzelzentrum. Dieselbe als Wurzel der Shakti beschütze sorgsam das Linga.
19.7 maṇipūraṃ sadā pātu vadhūbījamaśeṣataḥ |
anāhataṃ varmabījaṃ pātu me sarvasarvataḥ || 19-7 ||
Die Vadhu-Keimsilbe beschütze stets das gesamte Manipura. Die Panzer-Keimsilbe beschütze mein Anahata von allen Seiten.
19.8 astrādi sarvadā pātu viśuddhaṃ kaṇṭhadeśakam |
śeṣaṃ hi pātu me nityamājñāsthānaṃ dvipatrakam || 19-8 ||
Die Waffenformel und das Weitere beschützen stets Vishuddha im Halsbereich. Der übrige Laut beschütze immer die zweiblättrige Ajna-Stätte.
19.9 śīrṣaṃ pātu sadā tārā jaṭā pātu sadānanam |
nīlāsarasvatī pātu hṛdayaṃ me sadā punaḥ || 19-9 ||
Tara beschütze stets mein Haupt, Jata stets mein Gesicht. Nila-Sarasvati beschütze immer wieder mein Herz.
19.10 mūlādhāraṃ sadā pātu mahānīlasarasvatī |
akṣobhyaḥ pātu sarvāṅgaṃ bṛhatī pātu bhālakam || 19-10 ||
Mahanila-Sarasvati beschütze stets das Muladhara, Akshobhya alle Glieder und Brihati die Stirn.
19.11 ugratārā devatā me śaṅkhaṃ rakṣatu sarvadā |
karṇau (tu)me sadā pātu hrīṃ bījaṃ tadaśeṣataḥ || 19-11 ||
Die Gottheit Ugratara beschütze stets meine Schläfen. Die Hrim-Keimsilbe beschütze stets meine beiden Ohren vollständig.
19.12 stanadvayaṃ sadā pātu hūṃśaktirvighnaghātakaḥ |
rasanāṃ me sadā pātu lakṣmīrdevī ca śāśvatī || 19-12 ||
Die Hindernisse vernichtende Hum-Kraft beschütze stets meine beiden Brüste. Die ewige Göttin Lakshmi beschütze stets meine Zunge.
19.13 rasanāgraṃ sadā pātu sarasvatī prayatnataḥ |
ratiḥ pātu sadā bījaṃ prītirme vadanaṃ sadā || 19-13 ||
Sarasvati beschütze sorgsam meine Zungenspitze, Rati stets meinen Samen und Priti stets mein Gesicht.
19.14 kīrtiḥ kīrtiṃ sadā pātu śāntiḥ śāntiṃ sadāvatu |
puṣṭirme pātu puṣṭiṃ ca tuṣṭistuṣṭiṃ sadāvatu || 19-14 ||
Kirti beschütze meinen Ruhm, Shanti meinen Frieden, Pushti mein Gedeihen und Tushti meine Zufriedenheit, immerdar.
19.15 vairocanaḥ sadā pātu śaṅkhaṃ ca śaṅkhapāṇḍuraḥ |
pāṇḍuro me sadā guhyaṃ pātu nityaṃ ca sarvaśaḥ || 19-15 ||
Vairocana und der muschelweiße Shankhapandura beschützen stets meine Schläfen. Pandura beschütze immer und überall meinen verborgenen Bereich.
19.16 padmanābhaḥ sadā pātu nābhiṃ me daśapatrikām |
asitāṅgaḥ pātu liṅgaṃ nāmakaḥ pātu karṇakau || 19-16 ||
Padmanabha beschütze stets meinen zehnblättrigen Nabel, Asitanga mein Linga und Namaka meine beiden Ohren.
19.17 māmakaḥ pātu me bāhū hastau pātu maheśvarī |
tārā [tārako kha pāṭhaḥ |] me pātu satataṃ pṛṣṭhaṃ padmāntako mama || 19-17
||
Mamaka beschütze meine Arme, Maheshvari meine Hände; Tara [Variante: Taraka] beschütze mich stets, Padmantaka meinen Rücken.
19.18 pārśvaṃ me ca sadā (pā(tu?tāṃ)yamāntakavadāntakau |
caraṇau me sadā pātāṃ vighnāntanarakāntakau || 19-18 ||
Yamantaka und Vadantaka beschützen stets meine Flanken; Vighnantaka und Narakantaka stets meine Füße.
19.19 tārā me pātu satataṃ aṣṭāṅgaṃ parameśvarī |
itīdaṃ kavacaṃ devi kathitaṃ manmukhoditam || 19-19 ||
Tara, die höchste Herrin, beschütze beständig meine acht Körperbereiche. So ist dir dieses aus meinem Mund hervorgegangene Schutzgebet erklärt, Göttin.
19.20 pramādāt parameśāni na prakāśyaṃ kadācana |
yoginībhistadā hanyāt svayaṃ ca vadhakāriṇī || 19-20 ||
Niemals darf es aus Unachtsamkeit offenbart werden. Dann würde [die Göttin] mit den Yoginis töten und selbst zur Todesbringerin werden.
19.21 yadi bhāgyavaśād devi labdhaṃ sādhakasattamaiḥ |
tadā tasya mahāsiddhirjāyate devi niścitam || 19-21 ||
Wenn die besten Übenden es durch glückliche Fügung erhalten, entsteht ihnen gewiss große Vollendung, Göttin.
19.22 niṣeddhebhyo na dātavyaṃ na prakāśyaṃ kadācana |
yadi dadyād niṣiddhebhyo tadā mṛtyumavāpnuyāt || 19-22 ||
Es darf nicht den davon Ausgeschlossenen gegeben und niemals öffentlich gemacht werden. Wer es Ausgeschlossenen gibt, erleide den Tod.
19.23 dadyāt śāntāya śiṣyāya tantramantrayutāya ca |
gurubhaktiyutāyaiva tatra siddhiranuttamā || 19-23 ||
Man gebe es einem friedfertigen Schüler, der Tantra und Mantra kennt und dem Guru ergeben ist; dort entsteht unübertreffliche Vollendung.
19.24 rahasyaṃ kathitaṃ sarvamanantaphaladāyakam |
goptavyaṃ parameśāni na prakāśyaṃ kadācana || 19-24 ||
Das ganze Geheimnis, das unendliche Frucht schenkt, ist erklärt. Es ist zu bewahren und niemals offenzulegen, höchste Herrin.
19.25 kavacena vinā devi yo'rcayet tāriṇīṃ śivām |
tamaśnāti mahogrā sā yoginībhiḥ suniścitam || 19-25 ||
Wer ohne das Schutzgebet die gütige Tarini verehrt, den verzehre die äußerst Schreckliche gewiss zusammen mit den Yoginis.
19.26 iti te kathitaṃ guhyaṃ kavacaṃ devi durlabham |
atha vakṣye maheśāni gopanīyaṃ prayatnataḥ || 19-26 ||
So habe ich dir das geheime, schwer zugängliche Schutzgebet erklärt. Nun werde ich etwas mitteilen, das sorgfältig geheim zu halten ist.
19.27 guptamantraṃ guptajāpaṃ śṛṇuṣva ka(ma)lānane |
mahāśaktiṃ samuddhṛtya mātaṅgīṃ parameśvarīm || 19-27 ||
Höre das verborgene Mantra und seine verborgene Wiederholung, du Lotusgesichtige. Man gewinne Mahashakti und die höchste Herrin Matangi —
19.28 vahnibījaṃ maheśāni bījatrayamudāhṛtam |
bījatrayātmakaṃ mantraṃ sarvasārasvatapradam || 19-28 ||
— sowie die Feuer-Keimsilbe: So sind die drei Keimsilben genannt. Dieses aus drei Keimsilben bestehende Mantra verleiht alle Gaben Sarasvatis.
19.29 ekādaśasahasraṃ tu puraścaraṇamiṣyate |
homayet taddaśāṃśena daśāṃśenaiva tarpaṇam || 19-29 ||
Elftausend Wiederholungen gelten als vorbereitende Praxis. Mit einem Zehntel vollziehe man das Feueropfer und mit dessen Zehntel die Wasserspende.
19.30 abhiṣekaṃ daśāṃśena bhojayed brāhmaṇān daśa |
madhūni pāyasaṃ caiva mahājyaṃ ca maheśvari || 19-30 ||
Mit einem weiteren Zehntel die Begießung; danach speise man zehn Brahmanen. Honig, Milchspeise und vorzügliches Ghee —
19.31 juhuyād bhaktibhāvena sarvatantreṣu gopitam |
anena mantrarājena sādhayet tāriṇīṃ śubhām || 19-31 ||
— opfere man hingebungsvoll; dies ist in allen Tantras geheim. Mit diesem König der Mantras verwirkliche man die heilvolle Tarini.
19.32 tataḥ siddho mahādevi bhavatyeva maheśvari |
yuvatīyonideśe tu hastamāropya sundari || 19-32 ||
Dadurch wird man gewiss vollendet, große Göttin. Man lege die Hand auf den Yoni-Bereich einer jungen Frau, Schöne.
19.33 uttarāsyo maheśāni bhūtvā paramasundarīm |
tāriṇīṃ bhāvayed devi manasā kāmamohinīm || 19-33 ||
Nach Norden gewandt vergegenwärtige man geistig die überaus schöne Tarini, die durch Verlangen bezaubert.
19.34 saṃbhāvya parameśāni yonimadhye maheśvari |
tatra mukhaṃ samānīya japedaṣṭottaraṃ śatam || 19-34 ||
Man vergegenwärtige sie inmitten der Yoni, bringe das Gesicht dorthin und wiederhole hundertachtmal.
19.35 siddhamantrī maheśāni jāyate nātra saṃśayaḥ |
pañcadinaprayogena kubera iva jāyate || 19-35 ||
So wird man ein vollendeter Mantrakundiger, ohne Zweifel. Durch eine fünftägige Anwendung werde man wie Kubera.
19.36 sarvaiśvaryayuto bhūtvā viharet kṣitimaṇḍale |
aṣṭottaraśataṃ japyaṃ stanamardanapūrvakam || 19-36 ||
Mit aller Herrschaft ausgestattet, bewege man sich auf dem Erdkreis. Nach dem Streicheln der Brüste vollziehe man hundertacht Wiederholungen.
19.37 kṣipet liṅgaṃ yonigarte laghu śīrṣe ca mastakam |
ghātāghātena deveśi śukramutsārya sundari || 19-37 ||
Man führe das Glied in die Yoni ein und lege den Kopf leicht an ihren Kopf. Durch die wiederholte Bewegung lasse man Samen hervortreten, Schöne.
19.38 vāmahaste tadādhāya tilakaṃ kārayed yadi |
sarvasaṃpattimān bhūtvā modate pṛthivītale || 19-38 ||
Nimmt man diesen in die linke Hand und fertigt damit ein Stirnzeichen, so werde man mit allen Gütern versehen und erfreue sich auf Erden.
19.39 rājāno'pi ca dāsatvaṃ bhajante kiṃ pare janāḥ |
tasya pādapadmadvandvaṃ rā(jñaḥ?jñāṃ)kirīṭabhūṣaṇam || 19-39 ||
Selbst Könige dienen einem; was erst andere Menschen! Die beiden Lotusfüße des Übenden werden zum Schmuck der Königskronen.
19.40 sabhāyāṃ jāyate devi bṛhaspatirivāparaḥ |
iti te kathitaṃ guptamantrajāpaṃ mahādhanam || 19-40 ||
In einer Versammlung werde er wie ein zweiter Brihaspati. So habe ich dir die verborgene Mantrawiederholung als großen Schatz erklärt.
19.41 mantrarājaṃ mahādevi kathitaṃ nagandini |
gopanīyaṃ paśoragre siddhamantraṃ sadā śive || 19-41 ||
Der König der Mantras ist dir erklärt, große Göttin, Tochter des Berges. Dieses vollendete Mantra ist stets vor den Uneingeweihten geheim zu halten, du Gütige.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (tārākavaca guptamantranirūpaṇaṃ) ekonaviṃśaḥ paṭalaḥ || 19 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das neunzehnte Kapitel: die Darlegung von Taras Schutzgebet und des geheimen Mantras.
Kapitel 20: Hundert Namen Taras und die Essenz der Lehre
20.1 śrīdevyuvāca |
sarvaṃ saṃsūcitaṃ deva nāmnāṃ śataṃ maheśvara |
yatnaiḥ śatairmahādeva mayi nātra prakāśitam || 20-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Du hast alles angedeutet, Gott, doch die hundert Namen hast du mir trotz hundertfacher Bemühung noch nicht offenbart, Maheshvara, Mahadeva.
20.2 paṭhitvā parameśāna haṭhāt siddhyati sādhakaḥ |
nāmnāṃ śataṃ mahādeva kathayasva samāsataḥ || 20-2 ||
Durch ihre Rezitation erlangt der Übende rasch Vollendung, höchster Herr. Erkläre mir kurz die hundert Namen, Mahadeva!
20.3 śrībhairava uvāca |
śṛṇu devi pravakṣyāmi bhaktānāṃ hitakārakam |
yajjñātvā sādhakāḥ sarve jīvanmuktimupāgatāḥ || 20-3 ||
Shri Bhairava sprach: Höre, Göttin, ich werde dir verkünden, was den Verehrenden wohltut. Durch seine Kenntnis haben die Übenden Befreiung zu Lebzeiten erlangt.
20.4 kṛtārthāste hi vistīrṇā yānti devīpure svayam |
nāmnāṃ śataṃ pravakṣyāmi japāt sa(a)rvajñadāyakam || 20-4 ||
Sie haben ihr Ziel erreicht, sind über die Begrenzung hinausgelangt und gehen von selbst in die Stadt der Göttin. Ich werde die hundert Namen verkünden, deren Wiederholung Allwissenheit verleiht.
20.5 nāmnāṃ sahasraṃ saṃtyajya nāmnāṃ śataṃ paṭhet sudhīḥ |
kalau nāsti maheśāni kalau nānyā gatirbhavet || 20-5 ||
Der Einsichtige kann die tausend Namen beiseitelassen und die hundert Namen rezitieren. Im Kali-Zeitalter gibt es, große Herrin, keinen anderen Weg, so preist sie der Text.
20.6 śṛṇu sādhvi varārohe śataṃ nāmnāṃ purātanam |
sarvasiddhikaraṃ puṃsāṃ sādhakānāṃ sukhapradam || 20-6 ||
Höre, du tugendhafte Schönhüftige, die althergebrachten hundert Namen, die den Menschen alle Vollendungen und den Übenden Glück schenken.
20.7 tāriṇī tārasaṃyogā mahātārasvarūpiṇī |
tārakaprāṇahartrī ca tārānandasvarūpiṇī || 20-7 ||
Tarini, die Hinüberführende; die mit Tara Verbundene; die Verkörperung der großen Tara; die dem Taraka das Leben nimmt; die Verkörperung der Wonne Taras.
20.8 mahānīlā maheśānī mahānīlasarasvatī |
ugratārā satī sādhvī bhavānī bhavamocinī || 20-8 ||
Die große Blaue; die große Herrin; die große blaue Sarasvati; die ungestüme Tara; die Getreue; die Tugendhafte; Bhavani; die aus dem Werden befreit.
20.9 mahāśaṅkharatā bhīmā śāṅkarī śaṅkarapriyā |
mahādānaratā caṇḍī caṇḍāsuravināśinī || 20-9 ||
Die an Mahashankha Gefallen findet; die Furchtbare; Shankari; die Geliebte Shankaras; die sich an großen Gaben erfreut; Chandi; die Vernichterin des Asura Chanda.
20.10 candravadrūpavadanā cārucandramahojjvalā |
ekajaṭā kuraṅgākṣī varadābhayadāyinī || 20-10 ||
Die mit mondgleichem Antlitz; die herrlich wie der schöne Mond Leuchtende; Ekajata, die Einflechtige; die mit Gazellenaugen; die Segen und Furchtlosigkeit schenkt.
20.11 mahākālī mahādevī guhyakālī varapradā |
mahākālaratā sādhvī mahaiśvaryapradāyinī || 20-11 ||
Mahakali; die große Göttin; die verborgene Kali; die Segenspenderin; die Mahakala Liebende; die Tugendhafte; die große Herrlichkeit verleiht.
20.12 muktidā svargadā saumyā saumyarūpā surārihā |
śaṭhavijñā mahānādā kamalā bagalāmukhī || 20-12 ||
Die Befreiung schenkt; die den Himmel gewährt; die Sanfte; die von sanfter Gestalt; die Vernichterin der Götterfeinde; die Täuschung durchschaut; die gewaltig Tönende; Kamala; Bagalamukhi.
20.13 mahāmuktipradā kālī kālarātrisvarūpiṇī |
sarasvatī saricśreṣṭhā svargaṅgā svargavāsinī || 20-13 ||
Die große Befreiung schenkt; Kali; die Verkörperung der Nacht der Zeit; Sarasvati; die beste der Ströme; die himmlische Ganga; die im Himmel wohnt.
20.14 himālayasutā kanyā kanyārūpavilāsinī |
śavoparisamāsīnā muṇḍamālāvibhūṣitā || 20-14 ||
Die Tochter des Himalaya; die Jungfrau; die in jungfräulicher Gestalt erscheint; die auf einem Leichnam sitzt; die mit einer Schädelgirlande geschmückt ist.
20.15 digambarā patiratā viparītaratāturā |
rajasvalā rajaḥprītā svayambhūkusumapriyā || 20-15 ||
Die in die Himmelsrichtungen Gekleidete; die ihrem Gemahl Ergebene; die nach umgekehrter Liebesvereinigung verlangt; die Menstruierende; die am Menstruationsblut Gefallen findet; die die von selbst entstandene Blüte liebt.
20.16 svayambhūkusumaprāṇā svayambhūkusumotsukā |
śivaprāṇā śivaratā śivadātrī śivāsanā || 20-16 ||
Die von der selbstentstandenen Blüte lebt und nach ihr verlangt; die Leben Shivas ist; die Shiva liebt; die Heil gewährt; die Shiva als Sitz hat.
20.17 aṭṭahāsā ghorarūpā nityānandasvarūpiṇī |
meghavarṇā kiśorī ca yuvatīstanakuṅkumā || 20-17 ||
Die laut Lachende; die von furchtbarer Gestalt; die Verkörperung ewiger Wonne; die Wolkenfarbene; die Jugendliche; die mit Safran an den Brüsten einer jungen Frau Geschmückte.
20.18 kharvā kharvajanaprītā maṇibhūṣitamaṇḍanā |
kiṅkiṇīśabdasaṃyuktā nṛtyantī raktalocanā || 20-18 ||
Die Kleine; die kleine Menschen liebt; die mit Edelsteinen geschmückt ist; die von Schellenklingen begleitet wird; die Tanzende; die Rotäugige.
20.19 kṛśāṅgī kṛsaraprītā śarāsanagatotsukā |
kapālakharparadharā pañcāśanmuṇḍamālikā || 20-19 ||
Die Schlanke; die Reis-Hülsenfrucht-Gericht liebt; die nach dem Bogen Verlangende [Lesung im Zusammenhang unsicher]; die Schädel und Schädelschale trägt; die mit fünfzig Köpfen als Girlande Geschmückte.
20.20 havyakavyapradā tuṣṭiḥ puṣṭiścaiva varāṅganā |
śāntiḥ kṣāntirmano buddhiḥ sarvabījasvarūpiṇī || 20-20 ||
Die Göttern und Ahnen ihre Opfergaben schenkt; Zufriedenheit; Gedeihen; die schöne Frau; Frieden; Geduld; Geist; Einsicht; die Verkörperung aller Keimsilben.
20.21 ugrāpatāriṇī tīrṇā nistīrṇaguṇavṛndakā |
rameśī ramaṇī ramyā rāmānandasvarūpiṇī || 20-21 ||
Die aus schrecklicher Not hinüberführt; die selbst hinübergelangt ist; die alle Gruppen der Eigenschaften überschritten hat; die Herrin Ramas; die Liebende; die Liebliche; die Verkörperung der Wonne Ramas.
20.22 rajanīkarasaṃpūrṇā raktotpalavilocanā (100) |
iti te kathitaṃ divyaṃ śataṃ nāmnāṃ maheśvari || 20-22 ||
Die vom Mond Erfüllte; die mit Augen wie rote Lotose. So habe ich dir die göttlichen hundert Namen verkündet, große Herrin.
20.23 prapaṭhed bhaktibhāvena tāriṇyāstāraṇakṣamam |
sarvāsuramahānādastūyamānamanuttamam || 20-23 ||
Man rezitiere hingebungsvoll diesen unübertrefflichen Lobpreis Tarinis, der hinüberzuführen vermag und den selbst alle Asuras mit gewaltigem Klang preisen.
20.24 ṣaṇmāsād mahadaiśvaryaṃ labhate parameśvari |
bhūmikāmena japtavyaṃ vatsarāttāṃ labhet priye || 20-24 ||
Nach sechs Monaten erlangt man große Herrlichkeit, höchste Herrin. Wer Land wünscht, soll ihn rezitieren; nach einem Jahr erlangt er es, Geliebte.
20.25 dhanārthī prāpnuyādarthaṃ mokṣārthī mokṣamāpnuyāt |
dārārthī prāpnuyād dārān sarvāgama(puro?praco)ditān || 20-25 ||
Wer Wohlstand sucht, erlangt Wohlstand; wer Befreiung sucht, erlangt Befreiung. Wer eine Gattin sucht, erlangt eine den Agamas entsprechende Gattin.
20.26 aṣṭamyāṃ ca śatāvṛttyā prapaṭhed yadi mānavaḥ |
satyaṃ siddhyati deveśi saṃśayo nāsti kaścana || 20-26 ||
Wenn ein Mensch am achten Mondtag hundertmal rezitiert, gelangt er wahrhaftig zur Vollendung, Herrin der Götter; daran besteht kein Zweifel.
20.27 iti satyaṃ punaḥ satyaṃ satyaṃ satyaṃ maheśvari |
asmāt parataraṃ nāsti stotramadhye na saṃśayaḥ || 20-27 ||
Dies ist wahr, wiederum wahr, wahr, wahr, große Herrin. Unter den Lobgesängen gibt es keinen höheren, daran besteht kein Zweifel.
20.28 nāmnāṃ śataṃ paṭhed mantraṃ saṃjapya bhaktibhāvataḥ |
pratyahaṃ prapaṭhed devi yadīcchet śubhamātmanaḥ || 20-28 ||
Nachdem man das Mantra hingebungsvoll wiederholt hat, rezitiere man die hundert Namen. Täglich soll man sie rezitieren, Göttin, wenn man das eigene Heil wünscht.
20.29 idānīṃ kathayiṣyāmi vidyotpattiṃ varānane |
yena vijñānamātreṇa vijayī bhuvi jāyate || 20-29 ||
Nun werde ich die Entstehung der Vidya erklären, du Schönantlitzige; schon durch ihre Kenntnis wird man auf Erden siegreich.
20.30 yonibījatrirāvṛttyā madhyarātrau varānane |
abhimantrya jalaṃ snigdhaṃ aṣṭottaraśatena ca || 20-30 ||
Mit der dreifachen Wiederholung des Yoni-Bijas weihe man um Mitternacht angenehmes Wasser, und zwar 108-mal, du Schönantlitzige.
20.31 tajjalaṃ tu pibed devi ṣaṇmāsaṃ japate yadi |
sarvavidyāmayo bhūtvā modate pṛthivītale || 20-31 ||
Dieses Wasser trinke man, Göttin. Wer sechs Monate Japa übt, wird von allem Wissen erfüllt und erfreut sich auf Erden.
20.32 śaktirūpāṃ mahādevīṃ śṛṇu he naganandini |
vaiṣṇavaḥ śaivamārgo vā śākto vā gāṇapo'pi vā || 20-32 ||
Höre von der großen Göttin in Gestalt der Shakti, Tochter des Berges. Ob jemand Vaishnava ist, dem Weg Shivas folgt, Shakta oder Ganapatya ist —
20.33 tathāpi śakterādhikyaṃ śṛṇu bhairavasundari |
saccidānandarūpācca sakalāt parameśvarāt || 20-33 ||
dennoch höre von der Vorrangstellung der Shakti, du schöne Gefährtin Bhairavas. Aus dem höchsten Herrn, der alles umfasst und dessen Wesen Sein, Bewusstsein und Wonne ist —
20.34 śaktirāsīt tato nādo nādād bindustataḥ param |
atha bindvātmanaḥ kālarūpabindukalātmanaḥ || 20-34 ||
ging Shakti hervor; aus ihr Nada, aus Nada dann Bindu. Aus diesem Bindu, dessen Wesen Zeit und die Entfaltung des Bindu ist —
20.35 jāyate ca jagatsarvaṃ sasthāvaracarātmakam |
śrotavyaḥ sa ca mantavyo nirdhyātavyaḥ sa eva hi || 20-35 ||
entsteht die ganze Welt mit allem Unbeweglichen und Beweglichen. Von ihm soll man hören, über ihn nachdenken und eingehend meditieren.
20.36 sākṣātkāryaśca deveśi āgamairvividhaiḥ śive |
śrotavyaḥ śrutivākyebhyo mantavyo mananādibhiḥ || 20-36 ||
Er soll unmittelbar verwirklicht werden, Herrin der Götter, durch die verschiedenen Agamas, Heilvolle. Von ihm hört man durch die Worte der Offenbarung; man erwägt ihn durch Nachdenken und weitere Mittel.
20.37 upapattibhirevāyaṃ dhyātavyo gurudeśataḥ |
tadā sa eva sarvātmā pratyakṣo bhavati kṣaṇāt || 20-37 ||
Mit einsichtigen Begründungen und nach der Unterweisung des Gurus soll man über ihn meditieren. Dann wird eben er, das Selbst aller, augenblicklich unmittelbar offenbar.
20.38 tasmin deveśi pratyakṣe śṛṇuṣva parameśvari |
bhāvairbahuvidhairdevi bhāvastatrāpi nīyate || 20-38 ||
Wenn er unmittelbar offenbar ist, höre, Herrin der Götter, höchste Herrin: Durch die vielfältigen inneren Haltungen wird auch dort das Erleben hingeführt. [Die genaue Beziehung der beiden Verwendungen von »bhāva« bleibt offen.]
20.39 bhaktebhyo nānāghāsebhyo gavi caiko yathā rasaḥ |
sa(tu)dugdhākhyasaṃyoge nānātvaṃ labhate priye || 20-39 ||
Wie in der Kuh aus den verschiedenen Gräsern, die sie frisst, ein einziger Saft entsteht, so nimmt dieser im Zusammenhang mit der Milch wiederum unterschiedliche Formen an, Geliebte.
20.40 tṛṇena jāyate devi rasastasmāt paro rasaḥ |
tasmāt dadhi tato havyaṃ tasmādapi rasodayaḥ || 20-40 ||
Aus Gras entsteht Saft, Göttin, und aus diesem ein weiterer Saft; daraus Dickmilch, daraus die Opferbutter und daraus wiederum die Entfaltung der Essenz.
20.41 sa eva kāraṇaṃ tatra tatkāryaṃ sa ca lakṣyate |
dṛśyate ca mahāde(va?vi)na kāryaṃ na ca kāraṇam || 20-41 ||
Derselbe ist dort Ursache, und derselbe wird als Wirkung erkannt. In der unmittelbaren Schau jedoch gibt es weder Wirkung noch Ursache, große Göttin.
20.42 tathaivāyaṃ sa evātmā nānāvigrahayoniṣu |
jāyate ca tato jātaḥ kālabhedo hi bhāvyate || 20-42 ||
Ebenso erscheint dieses eine Selbst in den Ursprüngen der verschiedenen Körpergestalten. Daraus entstehen die Erscheinungsformen, und zeitliche Unterschiede werden vorgestellt.
20.43 sa jātaḥ sa mṛto baddhaḥ sa muktaḥ sa sukhī pumān |
sa vṛddhaḥ sa ca vidvāṃśca na strī pumān napuṃsakaḥ || 20-43 ||
Man nennt ihn geboren, gestorben, gebunden, befreit, glücklich, gealtert und wissend. Doch er ist weder Frau noch Mann noch geschlechtslos.
20.44 nānādhyāsasamāyogādātmanā jāyate śive |
eka eva sa evātmā sarvarūpaḥ sanātanaḥ || 20-44 ||
Durch die Verbindung mit mannigfaltigen Überlagerungen entstehen solche Erscheinungen am Selbst, Heilvolle. Es ist ein einziges, ewiges Selbst, das alle Gestalten umfasst.
20.45 avyaktaśca sa ca vyaktaḥ prakṛtyā jñāyate dhruvam |
tasmāt prakṛtiyogena vinā na jñāyate kvacit || 20-45 ||
Es ist unmanifest und manifest; durch Prakriti wird es erkannt. Daher wird es ohne Verbindung mit Prakriti nirgends erkannt.
20.46 vinā ghaṭatvayogena na pratyakṣo yathā ghaṭaḥ |
itarād bhidyamāno'pi sa bhedamupagacchati || 20-46 ||
Wie ein Krug ohne Verbindung mit dem Krugsein nicht unmittelbar wahrgenommen wird, so tritt Unterscheidung hervor, auch wenn er sich von anderem unterscheidet. [Der zweite Halbvers ist argumentativ verkürzt.]
20.47 māṃ vinā puruṣe bhedo na ca yāti kathañcana |
na prayogairna ca jñānairna śrutyā na gurukramaiḥ || 20-47 ||
Ohne mich gelangt beim Purusha die Unterscheidung keinesfalls zustande: weder durch rituelle Anwendungen noch durch Wissensformen, weder durch Offenbarung noch durch Guru-Abfolgen —
20.48 na snānaistarpaṇairvāpi naca (jñā?dā)naiḥ kadācana |
prakṛtyā jñāyate hyātmā prakṛtyā lupyate pumān || 20-48 ||
weder durch Bäder und Wasserspenden noch durch Gaben. Durch Prakriti wird das Selbst erkannt; durch Prakriti wird der Mensch verhüllt.
20.49 prakṛtyādhiṣṭhitaṃ sarvaṃ prakṛtyā vañcitaṃ jagat |
prakṛtyā bhedamāpnoti prakṛtyābhedamāpnuyāt || 20-49 ||
Alles steht unter Prakriti; durch Prakriti wird die Welt getäuscht. Durch Prakriti erfährt man Verschiedenheit, durch Prakriti kann man Nichtverschiedenheit erlangen.
20.50 narastu prakṛtirnaiva na pumān parameśvaraḥ |
iti te kathitaṃ tattvaṃ sarvasāramanoramam || 20-50 ||
Der Mensch ist nicht einfach Prakriti, und der höchste Herr ist kein männliches Wesen. So habe ich dir die Wahrheit verkündet, die erfreuliche Essenz von allem. [Der erste Halbvers ist in seiner Formulierung knapp und mehrdeutig.]
iti śrībṛhannīlatantre bhairavabhairavīsaṃvāde (tārāśatanāma tattvasāranirūpaṇaṃ) viṃśaḥ paṭalaḥ || 20 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das zwanzigste Kapitel: die Darlegung von Taras hundert Namen und der Essenz der Wirklichkeit.
Kapitel 21: Alchemie und innere Haltung
21.1 śrībhairava uvāca
atha vakṣye maheśāni tattvasāraṃ purātanam |
yena vijñānamātreṇa kubera iva jāyate || 21-1 ||
Shri Bhairava sprach: Nun werde ich die alte Essenz der Wahrheit erklären, große Herrin; schon durch ihre Kenntnis wird man Kubera gleich.
21.2 tāmrasīsakametat tu pittalaṃ cāpi yatnataḥ |
caturhastapramāṇaṃ hi gartaṃ kṛtvā tu sādhakaḥ || 21-2 ||
Für Kupfer, Blei und Messing lege der Übende sorgfältig eine Grube von vier Ellen an.
21.3 saralaṃ bhasma kuryācca vivarjāṅgārasaṃyutam |
karīṣamardhasaṃ(yuktaṃ?śuṣkaṃ)tāmrasyopari pūritam || 21-3 ||
Er bereite Asche aus Sarala-Holz mit den genannten Kohlen [Lautfolge unklar] und bedecke das Kupfer mit halbgetrocknetem Kuhdung.
21.4 tāpayet parameśāni dināni sapta caiva hi |
tataḥ pa(re?raṃ)maheśāni uttolya yatnataḥ śive || 21-4 ||
Sieben Tage erhitze man es, höchste Herrin. Danach nehme man es sorgfältig heraus, große Herrin, Heilvolle.
21.5 pātre lohamaye devi tamādāya maheśvari |
vi(vaja?varjā)ṅgārajairdevi alātaistāpayed dṛḍham || 21-5 ||
Man gebe es in ein eisernes Gefäß, Göttin, und erhitze es kräftig mit glühenden Kohlen beziehungsweise Brandscheiten der genannten Art. [Die Materialbezeichnung ist beschädigt.]
21.6 dravībhūtaṃ tathā tāmraṃ yena jāyeta sundari |
tadardhaṃ ca rasaṃ tatra dadyāt prayatamānasaḥ || 21-6 ||
Dadurch soll das Kupfer flüssig werden, du Schöne. Mit gesammeltem Geist gebe man die halbe Menge Rasa, Quecksilber, hinzu.
21.7 vijāvarasakenaiva aṭarūṣarasena ca |
siṃhikārasakenātha yuktaṃ kuryād maheśvarī || 21-7 ||
Man verbinde es mit dem Saft von Vijavara [Lesung unklar], Atarusha und Simhika, große Herrin.
21.8 tataśca svarṇaṃ jāyeta satyaṃ suragaṇārcite |
mūlamantrasya jāpyena siddhyatyeva na saṃśayaḥ || 21-8 ||
Dann entsteht der Behauptung des Textes zufolge Gold, wahrlich, du von den Götterscharen Verehrte. Durch Wiederholung des Grundmantras gelingt dies, daran besteht kein Zweifel.
21.9 sahasradaśajāpena siddhyatyeva na saṃśayaḥ |
pūrvoktena rasenaiva śuddhasūtena vā punaḥ || 21-9 ||
Durch zehntausend Wiederholungen gelingt es, daran besteht kein Zweifel. Mit dem zuvor genannten Rasa oder mit gereinigtem Quecksilber —
21.10 saṃhṛtya tatra dadyācca sīsakaṃ rūpyatāṃ vrajet |
iti te kathitaṃ sarvaṃ sarvasārasvatapradam || 21-10 ||
füge man es dort zusammen hinzu, und Blei soll zu Silber werden. So habe ich dir alles mitgeteilt, was sämtliche Gaben der Sarasvati verleiht.
21.11 prayogārho bhaved devi satyaṃ satyaṃ varānane |
idānīṃ śṛṇu cārvaṅgi sūtabhasma tathaiva ca || 21-11 ||
Man wird zur Anwendung befähigt, Göttin: wahrlich, wahrlich, du Schönantlitzige. Höre nun ebenso von der Quecksilberasche, du Wohlgestaltete.
21.12 yena vijñānamātreṇa maṃtrasiddhirbhavet priye |
sārdhahastapramāṇena gartaṃ kṛtvā tu deśikaḥ || 21-12 ||
Schon durch ihre Kenntnis entsteht Mantravollendung, Geliebte. Der Lehrer lege eine Grube von anderthalb Ellen an.
21.13 haridrāgomayenātha lepayet parameśvari |
tatastu gajamūtreṇa bhasma kuryād yathāvidhi || 21-13 ||
Er bestreiche sie mit Kurkuma und Kuhdung, höchste Herrin. Dann bereite er vorschriftsgemäß mit Elefantenurin die Asche.
21.14 vaijayantyāśca mūlena tathā siddharasena ca |
karīṣakeṇa deveśi bhasmīkuryād vidhānataḥ || 21-14 ||
Mit Vaijayanti-Wurzel, dem vollendeten Rasa und Kuhdung führe man die Veraschung nach der Vorschrift durch, Herrin der Götter.
21.15 śuddhasutaṃ samādāya maṅgale vāsare niśi |
ūrdhvādho lavaṇaṃ dattvā bhasmībhavati tatkṣaṇāt || 21-15 ||
Man nehme gereinigtes Quecksilber nachts an einem Dienstag und gebe Salz darüber und darunter; es werde sogleich zu Asche, heißt es im Text.
21.16 aśvatthapallavenaiva saṃyuktaṃ parameśvari |
sūtabhasma bhavatyeva pareśi nātra saṃśayaḥ || 21-16 ||
In Verbindung mit Blättern des heiligen Feigenbaums wird es zu Quecksilberasche, höchste Herrin; daran besteht kein Zweifel.
21.17 aśvadantena deveśi vājimāreṇa caiva hi |
saṃyuktasūtaṃ tatratyaṃ bhasmībhavati tatkṣaṇāt || 21-17 ||
Mit Ashvadanta und Vajimara verbunden, Herrin der Götter, werde das dort befindliche Quecksilber sogleich zu Asche.
21.18 dhātunā saha yuktaṃ tad baddhibhavati sundari |
pātālarasakenaiva bhavecca svarṇamuttamam || 21-18 ||
Mit einem Metall verbunden werde es fest, du Schöne; mit Patala-Rasa werde daraus vortreffliches Gold.
21.19 ādau ca gulikāṃ baddhvā paścād rasena tāḍayet |
tato baddhibhavatyeva satyaṃ gurugaṇārcite || 21-19 ||
Zuerst binde man eine Kugel, danach bearbeite man sie mit Rasa. So werde sie fest, wahrlich, du von den Guruscharen Verehrte.
21.20 trirātrasya vidhānena japaṃ kuryācchucismite |
tataḥ prayogo deveśi siddho nāstyatra saṃśayaḥ || 21-20 ||
Man vollziehe die Mantrawiederholung nach der Vorschrift für drei Nächte, du rein Lächelnde. Dann werde die Anwendung vollendet, Herrin der Götter; daran bestehe kein Zweifel. [21.2–20 geben historische alchemistische Behauptungen wieder; mehrere Stoffnamen und Verfahren sind nicht eindeutig bestimmbar.]
21.21 bhāvanārasasaṃpanno bhaved yogī mahākaviḥ |
bhāvasya nirṇayaṃ devi kathitamapi śobhane || 21-21 ||
Erfüllt von der Essenz innerer Vergegenwärtigung wird der Yogi zum großen Dichter. Die Bestimmung der inneren Haltung wurde bereits erklärt, schöne Göttin.
21.22 bhāvastu trividho devi divyavīrapaśukramāt |
guravastu tridhā jñeyāstathaiva mantradevatāḥ || 21-22 ||
Die innere Haltung ist dreifach, Göttin: göttlich, heldenhaft und gebunden. Ebenso sind die Gurus dreifach zu verstehen, und entsprechend auch Mantras und Gottheiten.
21.23 ādyo bhāvo mahādevi śreyān sarvāgameṣu ca |
dvitīyo madhyamaḥ proktastṛtīyaḥ sarvaninditaḥ || 21-23 ||
Die erste Haltung gilt in allen Agamas als die beste, große Göttin; die zweite als die mittlere und die dritte als die überall getadelte.
21.24 bahujāpāt tathā homāt kāyakleśādivistaraiḥ |
na bhāvena binā devi mantravidyā phalapradā || 21-24 ||
Durch zahlreiche Wiederholungen, Feueropfer und ausgedehnte körperliche Mühen schenkt die Mantra-Vidya keine Frucht, wenn die innere Haltung fehlt, Göttin.
21.25 kiṃ vīrasādhanairlakṣaiḥ kiṃ vā kṛṣṭikulākulaiḥ |
kiṃ pīṭhapūjanenaiva kiṃ kanyābhojanādibhiḥ || 21-25 ||
Was nützen hunderttausend Vira-Praktiken, was die mannigfaltigen Kula-Verrichtungen [Lesung unsicher], was die Verehrung heiliger Sitze, was die Bewirtung von Jungfrauen —
21.26 svayoṣitprītidānena kiṃ pareṣāṃ tathaiva ca |
kiṃ jitendriyabhāvena kiṃ kulācārakarmaṇā || 21-26 ||
was das Erfreuen der eigenen Frau oder der Frauen anderer, was die Beherrschung der Sinne, was die Ausübung des Kula-Weges —
21.27 yadi bhāvaviśuddhātmā na syāt kulaparāyaṇaḥ |
bhāvena labhate muktiṃ bhāvena kulavarddhanam || 21-27 ||
wenn der dem Kula Ergebene nicht durch die innere Haltung in seinem Wesen gereinigt ist? Durch die innere Haltung erlangt man Befreiung; durch sie gedeiht die Kula-Linie.
21.28 bhāvena gotravṛddhiḥ syād bhāvena kulasādhanam |
kiṃ nyāsavistareṇaiva kiṃ bhūtaśuddhivistaraiḥ || 21-28 ||
Durch die innere Haltung gedeiht die Abstammung, durch sie gelingt die Kula-Praxis. Was nützen ausgedehnte Nyasas, was umfangreiche Reinigungen der Elemente —
21.29 kiṃ tathā pūjanenaiva yadi bhāvo na jāyate |
śeṣabhāvo mahāde(va?vi)sarvakarmasukhāvahaḥ || 21-29 ||
was auch die Verehrung, wenn die innere Haltung nicht entsteht? Die verbleibende Haltung, große Göttin, bringt Glück in allen Handlungen. [»śeṣabhāva« ist im Zusammenhang nicht eindeutig.]
21.30 tena bhāvena deveśi pūjayet parameśvarīm |
vinā hetukamāsādya kṣobhayukto maheśvaraḥ || 21-30 ||
Mit dieser inneren Haltung verehre man die höchste Herrin, Herrin der Götter. Ohne das »veranlassende Mittel« ist Maheshvara von Erregung erfüllt. [»hetuka« kann im Ritualkontext ein berauschendes Mittel bezeichnen; die genaue Aussage bleibt unklar.]
21.31 yatra kutra kuje vāre śmaśānagamane kṛte |
pūjāphalaṃ labhet tatra saptavāsarasaṃmitam || 21-31 ||
Wenn man an einem Dienstag irgendeinen Verbrennungsplatz aufsucht, erlangt man dort die Frucht von sieben Tagen Verehrung.
21.32 caturdaśyāṃ gate tatra pakṣapuṇyaphalaṃ labhet |
nāgate nārcite sthāne paśureva na saṃśayaḥ || 21-32 ||
Geht man am vierzehnten Mondtag dorthin, erlangt man das Verdienst einer Monatshälfte. Wer den Ort weder aufsucht noch verehrt, gilt hier als Pashu, daran besteht kein Zweifel.
21.33 nānyaḥ syādadhiko deva iti cintāparāyaṇaḥ |
sādhake kṣobhamāpanne mama kṣobhaḥ prajāyate || 21-33 ||
Man halte den Gedanken fest: »Keine andere Gottheit steht höher.« Wenn der Übende in Erregung gerät, entsteht auch in mir Erregung.
21.34 tasmād yatnād bhogayuto bhaved vīravaraḥ sadā |
bhogena mokṣamāpnoti bhogena kulasundarīm || 21-34 ||
Deshalb sei der vortreffliche Vira stets sorgsam dem rituellen Genuss verbunden. Durch Genuss erlangt man Befreiung; durch Genuss die schöne Göttin des Kula.
21.35 binā hetukamāsādya kṣobhayukto maheśvaraḥ |
na pūjāṃ mānasīṃ kuryād na dhyānaṃ naca cintanam || 21-35 ||
Ohne das veranlassende Mittel ist Maheshvara von Erregung erfüllt. Dann soll man weder geistige Verehrung noch Meditation oder Vergegenwärtigung vollziehen. [Der Zusammenhang der Einschränkung ist mehrdeutig.]
21.36 yadyad vadati nidrāti yatkaroti yadarcati |
tat sarvaṃ kularūpaṃ tu dhyātvaivaṃ viharet sudhīḥ || 21-36 ||
Was immer man sagt, wie man schläft, was man tut und was man verehrt: All dies ist eine Erscheinung des Kula. In dieser Betrachtung bewege sich der Einsichtige durch die Welt.
21.37 tasmād bhuktvā ca pītvā ca pūjayet parameśvarīm |
na caiva śrutidoṣo'tra nāparādhādiduṣaṇam || 21-37 ||
Deshalb verehre man nach Essen und Trinken die höchste Herrin. Hier besteht nach Aussage des Textes weder ein Widerspruch zur Offenbarung noch der Makel einer Verfehlung.
21.38 ekākī nirjane deśe śmaśāne parvate vane |
śunyāgāre nadītīre niḥśaṅko viharet sadā || 21-38 ||
Allein an einem einsamen Ort, auf einem Verbrennungsplatz, auf einem Berg, im Wald, in einem verlassenen Haus oder am Flussufer bewege man sich stets furchtlos.
21.39 vīrāṇāṃ japakālastu sarvakālaḥ praśasyate |
sarvadeśe sarvapīṭhe kartavyaṃ kulatoṣaṇam || 21-39 ||
Für die Viras wird jede Zeit zur Mantrawiederholung empfohlen. An jedem Ort und an jedem heiligen Sitz soll man das Kula erfreuen.
21.40 iti vijñāya deveśi sarvaṃ kuryād varānane |
bahunātra kimuktena kimanyat kathayāmi te || 21-40 ||
Dies erkenne man, Herrin der Götter, und handle entsprechend, du Schönantlitzige. Wozu viele weitere Worte? Was soll ich dir noch erklären?
iti śrībṛhannilatantre bhairavībhairavasaṃvāde (rasāyana - bhāvanirūpaṇaṃ) ekaviṃśaḥ paṭalaḥ || 21 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairavi und Bhairava, das einundzwanzigste Kapitel: die Darlegung von Alchemie und innerer Haltung.
Kapitel 22: Tausend Namen Kalis

22.1 śrīdevyuvāca |
pūrvaṃ hi sūcitaṃ deva kālīnāmasahasrakam |
tadvadasva mahādeva yadi sneho'sti māṃ prati || 22-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Zuvor hast du Kalis tausend Namen angedeutet, Gott. Erkläre sie, großer Gott, wenn du Liebe zu mir hast.
22.2 śrībhairava uvāca |
tantre'smin parameśāni kālīnāmasahasrakam |
śṛṇuṣvaikamanā devi bhaktānāṃ prītivarddhanam || 22-2 ||
Der ehrwürdige Bhairava sprach: Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit die tausend Namen Kalis in diesem Tantra, höchste Herrin; sie vermehren die Liebe der Verehrer.
22.3 (oṃ asyāḥ śrīkālīdevyāḥ mantrasahasranāmastotrasya mahākālabhairava ṛṣiḥ anuṣṭup chandaḥ śrīkālī devatā krī/ bījaṃ hū/ śaktiḥ hrī/ kīlakaṃ dharmārthakāmamokṣārthe viniyogaḥ) | nyāsādi,
kalikā kāmadā kullā bhadrakālī gaṇeśvarī |
bhairavī bhairavaprīta bhavānī bhavamocinī || 22-3 ||
Die vorangestellte Zuordnung nennt Mahakala-Bhairava als Seher, Anushtubh als Versmaß, Kali als Gottheit, Krim als Keim, Hum als Kraft und Hrim als Riegel; Zweck sind Rechtschaffenheit, Wohlstand, Lust und Befreiung. Danach folgen Auflegungen und Weiteres. Kalika, Wunscherfüllerin, Kulla, Bhadrakali, Herrin der Scharen, Bhairavi, an Bhairava Erfreute, Bhavani, Befreierin vom Werden.
22.4 kālarātrirmahārātrirmoharātriśca mohinī |
mahākālaratā sūkṃsā kaulavrataparāyaṇā || 22-4 ||
Nacht der Zeit, große Nacht, Nacht der Verblendung, Bezauberin, Mahakala Ergebene, Feine, dem Kaula-Gelübde ganz Ergebene.
22.5 komalāṅgī karālāṅgī kamanīyā varāṅganā |
gandhacandanadigdhāṅgī satī sādhvī pativratā || 22-5 ||
Zartgliedrige, Schrecklichgliedrige, Liebliche, schöne Frau, mit Duft und Sandel bestrichen, Sati, Gute, Gattentreue.
22.6 kākinī varṇarūpā ca mahākālakuṭumbinī |
kāmahantrī kāmakalā kāmavijñā mahodayā || 22-6 ||
Kakini, Lautgestaltige, Angehörige von Mahakalas Haus, Vernichterin des Verlangens, Anteil der Liebe, Kennerin des Verlangens, von großem Aufgang.
22.7 kāntarūpā mahālakṣmirmahākālasvarūpiṇī |
kulīnā kulasarvasvā kulavartmapradarśikā || 22-7 ||
Lieblichgestaltige, Mahalakshmi, Verkörperung Mahakalas, dem Kula Angehörige, ganzer Schatz des Kula, Wegweiserin auf dem Kula-Pfad.
22.8 kularūpā cakorākṣī śrīdurgā durganāśinī |
kanyā kumārī gaurī tu kṛṣṇadehā mahāmanāḥ || 22-8 ||
Kula-Gestaltige, Cakora-Äugige, ehrwürdige Durga, Vernichterin der Not, Mädchen, Kumari, Gauri, Schwarzleibige, Großgesinnte.
22.9 kṛṣṇāṅgī nīladehā ca piṅgakeśī kṛśodarī |
piṅgākṣī kamalaprītā kālī kālaparākramā || 22-9 ||
Schwarzgliedrige, Blauleibige, Rotbraunhaarige, Schlankbäuchige, Braunäugige, an Kamala Erfreute, Kali, mit der Macht der Zeit.
22.10 kalānāthapriyā devī kulakāntā'parājitā |
ugratārā mahogrā ca tathā caikajaṭā śivā || 22-10 ||
Geliebte des Mondherrn, Göttin, Geliebte des Kula, Unbesiegte, Ugratara, überaus Schreckliche, Ekajata und Gütige.
22.11 nīlā ghanā balākā ca kāladātrī kalātmikā |
nārāyaṇapriyā sūkṣmā varadā bhaktavatsalā || 22-11 ||
Blaue, Dichte, Balaka, Spenderin der Zeit, Verkörperung der Anteile, Narayanas Geliebte, Feine, Segenspendende, ihren Verehrern liebevoll Zugewandte.
22.12 varārohā mahābāṇā kiśorī yuvatī satī |
dīrghāṅgī dīrghakeśā ca nṛmuṇḍadhāriṇī tathā || 22-12 ||
Schönhüftige, mit mächtigem Pfeil, Heranwachsende, junge Frau, Sati, Langgliedrige, Langhaarige, Trägerin von Menschenköpfen.
22.13 mālinī naramuṇḍālī śavamuṇḍāsthidhāriṇī |
raktanetrā viśālākṣī sindūrabhūṣaṇā mahī || 22-13 ||
Girlandenträgerin, mit einer Reihe von Menschenköpfen, Trägerin von Leichen, Köpfen und Knochen, Rotäugige, Großäugige, mit Zinnober geschmückt, Erde.
22.14 ghorarātrirmahārātrirghorāntakavināśinī |
nārasiṃhī mahāraudrī nīlarūpā vṛṣāsanā || 22-14 ||
Schreckliche Nacht, große Nacht, Vernichterin des furchtbaren Todes, Narasimhi, große Schreckliche, Blaugestaltige, auf dem Stier Sitzende.
22.15 vilocanā virūpākṣī raktotpalavilocanā |
pūrṇenduvadanā bhīmā prasannavadanā tathā (100) || 22-15 ||
Sehende, mit ungleichen Augen, Rotlotusäugige, Vollmondgesichtige, Furchtbare, mit heiterem Gesicht.
22.16 padmanetrā viśālākṣī śarajjyotsnāsamākulā |
praphullapuṇḍarīkābhalocanā bhayanāśinī || 22-16 ||
Lotusäugige, Großäugige, von Herbstmondlicht erfüllt, mit Augen wie aufgeblühte weiße Lotusse, Vernichterin der Furcht.
22.17 aṭṭahāsā mahocchvāsā mahāvighnavināśinī |
koṭarākṣī kṛśagrīvā kulatīrthaprasa(a)dhinī || 22-17 ||
Laut Auflachende, mächtig Ausatmende, Vernichterin großer Hindernisse, Hohläugige, mit schmalem Hals, Vollenderin des Kula-Heiligtums.
22.18 kulagartaprasannāsyā mahatī kulabhūṣikā |
bahuvākyāmṛtarasā caṇḍarūpāti(ro?ve)ginī || 22-18 ||
Mit heiterem Gesicht an der Kula-Höhlung, Große, Schmuck des Kula, Nektarsaft vieler Worte, Schrecklichgestaltige, überaus Schnelle.
22.19 vegadarpā viśālaindrī pracaṇḍacaṇḍikā tathā |
caṇḍikā kālavadanā sutīkṣṇanāsikā tathā || 22-19 ||
Auf ihre Schnelligkeit Stolze, weite Indrakraft, überaus wilde Candika, Candika, mit einem Gesicht der Zeit, mit sehr scharfer Nase.
22.20 dīrghakeśī sukeśī ca kapilāṅgī mahāruṇā |
pretabhūṣaṇasaṃprītā pretadordaṇḍaghaṇṭikā || 22-20 ||
Langhaarige, Schönhaarige, Rotbraungliedrige, große Rote, an Totenschmuck Erfreute, mit Glocken aus den Armen der Toten.
22.21 śaṅkhinī śaṅkhamudrā ca śaṅkhadhvanininādinī |
śmaśānavāsinī pūrṇā pūrṇenduvadanā śivā || 22-21 ||
Muschelträgerin, Muschelmudra, im Muschelklang Tönende, Bewohnerin des Verbrennungsplatzes, Vollkommene, Vollmondgesichtige, Gütige.
22.22 śivaprītā śivaratā śivāsanasamāśrayā |
puṇyālayā mahāpuṇyā puṇyadā puṇyavallabhā || 22-22 ||
An Shiva Erfreute, Shiva Ergebene, auf Shiva als Sitz Ruhende, Wohnstätte des Verdienstes, überaus Heilige, Verdienstspenderin, Liebhaberin des Heiligen.
22.23 naramuṇḍadharā bhīmā bhīmāsuravināśinī |
dakṣiṇā dakṣiṇāprītā nāgayajñopavītinī || 22-23 ||
Menschenkopfträgerin, Furchtbare, Vernichterin des Dämons Bhima, Dakshina, an Opferlohn Erfreute, eine Schlange als heilige Schnur Tragende.
22.24 digambarī mahākālī śāntā pīnonnatastanī |
ghorāsanā ghorarūpā sṛkprānte - raktadhārikā || 22-24 ||
Unbekleidete, Mahakali, Friedvolle, mit vollen hohen Brüsten, auf schrecklichem Sitz, von schrecklicher Gestalt, mit Blut an den Mundwinkeln.
22.25 mahādhvaniḥ śivāsaktā mahāśabdā mahodarī |
kāmāturā kāmasaktā pramattā śaktabhāvanā || 22-25 ||
Mächtiger Klang, Shiva Verbundene, großer Laut, Großbäuchige, von Verlangen Erfüllte, daran Hängende, Berauschte, kraftvolle Vergegenwärtigung.
22.26 samudranilayā devī mahāmattajanapriyā |
karṣitā karṣaṇaprītā sarvākarṣaṇakāriṇī || 22-26 ||
Meeresbewohnerin, Göttin, Geliebte der stark Berauschten, Herangezogene, am Heranziehen Erfreute, Bewirkerin aller Anziehung.
22.27 vādyaprītā mahāgītaraktā pretanivāsinī |
naramuṇḍasṛjā gītā mālinī mālyabhūṣitā || 22-27 ||
An Instrumentalmusik Erfreute, großem Gesang Ergebene, bei den Toten Wohnende, mit Menschenkopfgirlande, Besungene, Girlandenträgerin, mit Kränzen Gezierte.
22.28 caturbhujā mahāraudrī daśahastā priyāturā |
jaganmātā jagaddhātrī jagatī muktidā parā || 22-28 ||
Vierarmige, große Schreckliche, Zehnhändige, nach dem Geliebten Verlangende, Weltmutter, Weltenträgerin, Welt, höchste Befreiungsspenderin.
22.29 jagaddhātrī jagattrātrī jagadānandakāriṇī |
jagajjīvamayī haimavatī māyā mahākacā || 22-29 ||
Weltenträgerin, Weltenretterin, Weltenerfreuerin, aus dem Leben der Welt Bestehende, Tochter des Schneeberges, Maya, mit mächtigem Haar.
22.30 nāgāṅgī saṃhṛtāṅgī ca nāgaśayyāsamāgatā |
kālarātrirdāruṇā ca candrasūryapratāpinī (200) || 22-30 ||
Schlangengliedrige, mit eingezogenen Gliedern, auf dem Schlangenlager Ruhende, Nacht der Zeit, Furchtbare, Mond und Sonne Erhitzende.
22.31 nāgendranandinī devakanyā ca śrīmanoramā |
vidyādharī vedavidyā yakṣiṇī śivamohinī || 22-31 ||
Tochter des Bergkönigs, Göttertochter, herrlich Herzerfreuende, Vidyadhari, vedisches Wissen, Yakshini, Bezauberin Shivas.
22.32 rākṣasī ḍākinī devamayī sarvajagajjayā |
śrutirūpā tathāgneyī mahāmuktirjaneśvarī || 22-32 ||
Rakshasi, Dakini, von Göttern Erfüllte, Siegerin über die ganze Welt, Gestalt der Offenbarung, Feuerkraft, große Befreiung, Herrin der Menschen.
22.33 pativratā patiratā patibhaktiparāyaṇā |
siddhidā siddhisaṃdātrī tathā siddhajanapriyā || 22-33 ||
Gattentreue, dem Gatten Ergebene, ganz seiner Verehrung Zugewandte, Vollendungsspendende, Vollendung Gewährende, Geliebte vollendeter Menschen.
22.34 kartrihastā śivārūḍhā śivarūpāa śavāsanā |
tamisrā tāmasī vijñā mahāmeghasvarūpiṇī || 22-34 ||
Mit Messer in der Hand, auf Shiva Stehende, Shivagestaltige, auf einer Leiche Sitzende, Finsternis, Dunkle, Wissende, große Wolkengestalt.
22.35 cārucitrā cāruvarṇā cārukeśasamākulā |
cārvaṅgī cañcalā lolā cīnācāraparāyaṇā || 22-35 ||
Schönbunte, Schönfarbige, mit schönem Haar erfüllt, Schöngegliederte, Bewegliche, Spielerische, ganz der Cina-Praxis ergeben.
22.36 cīnācāraparā lajjāvatī jīvapradā'naghā |
sarasvatī tathā lakṣmīrmahānīlasarasvatī || 22-36 ||
Der Cina-Praxis Zugewandte, Schamhafte, Lebensspenderin, Makellose, Sarasvati, Lakshmi und Mahanila-Sarasvati.
22.37 gariṣṭhā dharmaniratā dharmādharmavināśinī |
viśiṣṭā mahatī mālyā tathā saumayajanapriyā || 22-37 ||
Gewichtigste, dem Dharma Ergebene, Vernichterin von Recht und Unrecht, Ausgezeichnete, Große, Girlande, Geliebte sanftmütiger Menschen.
22.38 bhayadātrī bhayaratā bhayānakajanapriyā |
vākyarūpā chinnamastā chinnāsurapriyā sadā || 22-38 ||
Furchtspenderin, an Furcht Erfreute, Geliebte furchtbarer Menschen, Satzgestaltige, Chinnamasta, stets den enthaupteten Asuras Zugewandte.
22.39 ṛgvedarūpā sāvitrī rāgayuktā rajasvalā |
rajaḥprītā rajoraktā rajaḥsaṃsargavarddhinī || 22-39 ||
Rigveda-Gestaltige, Savitri, von Leidenschaft Erfüllte, Menstruierende, an Menstrualblut Erfreute, ihm Ergebene, seine Verbindung Vermehrende.
22.40 rajaḥplutā rajaḥsphītā rajaḥkuntalaśobhitā |
kuṇḍalī kuṇḍalaprītā tathā kuṇḍalaśobhitā || 22-40 ||
Von Menstrualblut Übergossene, dadurch Erfüllte, mit blutigen Haaren Gezierte, Kundali, an Ohrringen Erfreute, mit Ohrringen Geschmückte.
22.41 revatī revataprītā revā cairāvatī śubhā |
śaktinī cakriṇī padmā mahāpadmanivāsinī || 22-41 ||
Revati, an Revata Erfreute, Reva, Airavati, Heilvolle, Speerträgerin, Diskusträgerin, Padma, im großen Lotus Wohnende.
22.42 padmālayā mahāpadmā padminī padmavallabhā |
padmapriyā padmaratā mahāpadmasuśobhitā || 22-42 ||
Lotuswohnung, großer Lotus, Lotusreiche, Geliebte des Lotus, Lotusliebende, ihm Ergebene, mit großen Lotussen schön Gezierte.
22.43 śūlahastā śūlaratā śūlinī śūlasaṅgikā |
pi(ṇā?nā)kadhāriṇī vīṇā tathā vīṇāvatī maghā || 22-43 ||
Mit Dreizack in der Hand, ihm Ergebene, Dreizackträgerin, mit ihm Verbundene, Pinaka-Trägerin, Vina, Vinaträgerin und Magha.
22.44 rohiṇī bahulaprītā tathā vāhanavarddhitā |
raṇaprītā raṇaratā raṇāsuravināśinī || 22-44 ||
Rohini, an Bahula Erfreute, durch ihr Reittier Erhöhte, Kampf Liebende, dem Kampf Ergebene, Vernichterin der Asuras im Kampf.
22.45 raṇāgravartinī (300) rāṇā raṇāgrā raṇapaṇḍitā |
jaṭāyuktā jaṭāpiṅgā vajriṇī śūlinī tathā || 22-45 ||
An der Spitze der Schlacht Wandelnde, Kampfgestaltige, Schlachtvorderste, im Kampf Kundige, mit Haarsträhnen, rotbraun Verfilzthaarige, Vajra- und Dreizackträgerin.
22.46 ratipriyā ratiratā ratibhaktā ratāturā |
ratibhītā ratigatā mahiṣāsuranāśinī || 22-46 ||
Die Liebeslust Liebende, ihr Ergebene, ihre Verehrerin, nach ihr Verlangende, sie Fürchtende, in sie Eingegangene, Vernichterin des Büffeldämons.
22.47 raktapā raktasaṃprītā raktākhyā raktaśobhitā |
raktarūpā raktagatā raktakharparadhāriṇī || 22-47 ||
Bluttrinkerin, am Blut Erfreute, Rakta Genannte, mit Blut Geschmückte, Blutgestaltige, im Blut Weilende, Trägerin einer blutgefüllten Schädelschale.
22.48 galacchoṇitamuṇḍālī kaṇṭhamālāvibhūṣitā |
vṛsāsanā vṛṣaratā vṛṣāsanakṛtāśrayā || 22-48 ||
Mit einer Girlande aus bluttriefenden Köpfen und einer Halskette Geschmückte, auf dem Stier Sitzende, ihm Ergebene, auf dem Stiersitz Ruhende.
22.49 vyāghracarmāvṛtā raudrī vyāghracarmāvalī tathā |
kāmāṅgī paramā prītā parāsurani(vā?rā)sinī || 22-49 ||
Mit Tigerfell Bedeckte, Rudras Kraft, mit einer Reihe von Tigerfellen, Liebesgliedrige, Höchste, Erfreute, Vertreiberin mächtiger Asuras. [Der letzte Name ist unsicher.]
22.50 taruṇā taruṇaprāṇā tathā taruṇamardinī |
taruṇapremadā vṛddhā tathā vṛddhapriyā satī || 22-50 ||
Junge Frau, Lebenshauch junger Männer, Bezwingerin junger Männer, Spenderin ihrer Liebe, Alte, Geliebte der Alten, Sati.
22.51 svapnāvatī svapnaratā nārasiṃhī mahālayā |
amoghā rundhatī ramyā tīkṣṇā bhogavatī sadā || 22-51 ||
Traumreiche, Träumen Ergebene, Narasimhi, große Wohnstätte, Unfehlbare, Hemmende, Liebliche, Scharfe, stets Genussreiche.
22.52 mandākinī mandaratā mahānandā varapradā |
mānadā māninī mānyā mānanīyā madāturā || 22-52 ||
Mandakini, der Langsamkeit Ergebene, große Wonne, Segenspenderin, Ehrenspenderin, Stolze, Ehrwürdige, Verehrungswürdige, von Rausch Erfüllte.
22.53 madirā madironmādā madirākṣī madālayā |
sudīrghā madhyamā nandā vinatāsuranirgatā || 22-53 ||
Wein, vom Wein Berauschte, Weinäugige, Wohnstätte des Rausches, überaus Lange, Mittlere, Erfreuende, aus gebeugten Asuras Hervorgegangene. [Der letzte Name ist sprachlich auffällig.]
22.54 jayapradā jayaratā durja(yā?yyā)suranāśinī |
duṣṭadaityanihantrī ca duṣṭāsuravināśinī || 22-54 ||
Siegesspenderin, dem Sieg Ergebene, Vernichterin schwer besiegbarer Asuras, Töterin böser Daityas, Vernichterin böser Asuras.
22.55 sukhadā mokṣadā mokṣā mahāmokṣapradāyinī |
kīrtiryaśasvinī bhūṣā bhūṣyā bhūtapatipriyā || 22-55 ||
Glücksspendende, Befreiungsspendende, Befreiung, große Befreiung Verleihende, Ruhm, Ruhmreiche, Schmuck, zu Schmückende, Geliebte des Herrn der Wesen.
22.56 guṇātītā guṇaprītā guṇaraktā guṇātmikā |
saguṇā nirguṇā sītā niṣṭhā kāṣṭhā pratiṣṭhitā || 22-56 ||
Jenseits der Eigenschaften, an ihnen Erfreute, ihnen Ergebene, ihr Wesen, mit Eigenschaften, ohne Eigenschaften, Sita, Festigkeit, höchste Grenze, Festgegründete.
22.57 dhaniṣṭhā dhanadā dhanyā vasudā suprakāśinī |
gurvī gurutarā dhaumyā dhaumyāsuravināśinī (400) || 22-57 ||
Dhanishtha, Reichtumsspendende, Gesegnete, Güterspenderin, hell Leuchtende, Gewichtige, noch Gewichtigere, Dhaumya, Vernichterin des Dämons Dhaumya.
22.58 niṣkāmā dhanadā kāmā sakāmā kāmajīvanā |
cintāmaṇiḥ kalpalatā tathā śaṅkaravāhinī || 22-58 ||
Wunschlose, Reichtumsspendende, Verlangen, Wunschvolle, vom Verlangen Lebende, Wunschjuwel, Wunschranke, Shankara Tragende.
22.59 śaṅkarī śaṅkararatā tathā śaṅkaramohinī |
bhavānī bhavadā bhavyā bhavaprītā bhavālayā || 22-59 ||
Shankari, Shankara Ergebene, seine Bezauberin, Bhavani, Daseinsspendende, Heilvolle, an Bhava Erfreute, Bhavas Wohnung.
22.60 mahādevapriyā ramyā ramaṇī kāmasundarī |
kadalīstambhasaṃrāmā nirmalāsanavāsinī || 22-60 ||
Mahadevas Geliebte, Liebliche, schöne Frau, Liebesschöne, bei Bananenstämmen Spielende, auf reinem Sitz Wohnende.
22.61 māthurī mathurā māyā tathā surabhivarddhinī |
vyaktāvyaktānekarūpā sarvatīrthāspadā śivā || 22-61 ||
Mathuri, Mathura, Maya, Vermehrerin des Wohlgeruchs, offenbar und verborgen in vielen Gestalten, Sitz aller heiligen Orte, Gütige.
22.62 tīrtharūpā mahārūpā tathāgastyavadhūrapi |
śivānī śaivalaprītā tathā śaivalavāsinī || 22-62 ||
Heiligtumsgestaltige, Großgestaltige, Agastyas Gemahlin, Shivani, an Wasserpflanzen Erfreute, darin Wohnende.
22.63 kuntalā kuntalaprītā tathā kuntalaśobhitā |
mahākacā mahābuddhirmahāmāyā mahāgadā || 22-63 ||
Lockenhaarige, an Locken Erfreute, durch sie Geschmückte, mit mächtigem Haar, große Einsicht, große Maya, große Keule.
22.64 mahāmeghasvarūpā ca tathā kaṅkaṇamohinī |
devapūjyā devaratā yuvatī sarvamaṅgalā || 22-64 ||
Große Wolkengestalt, durch Armreifen Bezaubernde, von Göttern Verehrte, Göttern Ergebene, junge Frau, ganz Heilvolle.
22.65 sarvapriyaṅkarī bhogyā bhogarūpā bhagākṛtiḥ |
bhagaprītā bhagaratā bhagapremaratā sadā || 22-65 ||
Allen Freude Bereitende, zu Genießende, Genussgestalt, Schoßgestalt, am Schoß Erfreute, ihm Ergebene, stets seiner Liebe Zugewandte.
22.66 bhagasaṃmardanaprītā bhagopari-niveśitā |
bhagadakṣā bhagākrāntā bhagasaubhāgyavarddhinī || 22-66 ||
An der Berührung des Schoßes Erfreute, über ihm Sitzende, darin Geschickte, vom Schoß Erfüllte, Vermehrerin seines Glückes.
22.67 dakṣakanyā mahādakṣā sarvadakṣā pracaṇḍikā |
daṇḍapriyā daṇḍaratā daṇḍatāḍanatatparā || 22-67 ||
Dakshas Tochter, sehr Geschickte, in allem Geschickte, Pracandika, Stab Liebende, ihm Ergebene, ganz auf sein Schlagen Gerichtete.
22.68 daṇḍabhītā daṇḍagatā daṇḍasaṃmardane ratā |
suvedidaṇḍamadhyasthā būrbhuvaḥsvaḥsvarūpiṇī || 22-68 ||
Den Stab Fürchtende, in ihn Eingegangene, an seiner Berührung Erfreute, inmitten des Stabes am schönen Altar Stehende, Verkörperung von Bhur, Bhuvah und Svah.
22.69 ādyā durgā jayā sūkṣmā sūkṣmarūpā jayākṛtiḥ |
kṣemaṅkarī mahāghūrṇā ghūrṇanāsā vaśaṅkarī || 22-69 ||
Ursprüngliche, Durga, Sieg, Feine, Feingestaltige, Siegesgestalt, Heilbewirkerin, große Wirbelnde, mit beweglicher Nase, Bezwingerin.
22.70 viśālāvayavā meghyā trivalīvalayā śubhā |
madonmattā madaratā mattāsuravināśinī || 22-70 ||
Großgliedrige, Wolkige, mit drei Bauchfalten, Heilvolle, vom Rausch Berauschte, dem Rausch Ergebene, Vernichterin berauschter Asuras.
22.71 madhukaiṭabhasaṃhantrī niśumbhāsuramardinī |
caṇḍarūpā mahācaṇḍī caṇḍikā caṇḍanāyikā || 22-71 ||
Vernichterin von Madhu und Kaitabha, Bezwingerin Nishumbhas, Schrecklichgestaltige, große Candi, Candika, Anführerin der Schrecklichen.
22.72 caṇḍogrā caṇḍavarṇā pracaṇḍā (500) caṇḍāvatī śivā |
nīlākārā nīlavarṇā nīlendīvaralocanā || 22-72 ||
Wild und schrecklich, von schrecklicher Farbe, überaus Heftige, Candavati, Gütige, Blaugestaltige, Blaufarbige, mit blauen Lotusaugen.
22.73 khaḍgahastā ca mṛdvaṅgī tathā kharparadhāriṇī |
bhīmā ca bhīmavadanā mahābhīmā bhayānakā || 22-73 ||
Mit Schwert in der Hand, Zartgliedrige, Trägerin der Schädelschale, Furchtbare, mit furchtbarem Gesicht, große Furchtbare, Angst Erregende.
22.74 kalyāṇī maṅgalā śuddhā tathā paramakautukā |
parameṣṭhī pararatā para(a)tparatarā parā || 22-74 ||
Heilvolle, Glück, Reine, höchst Staunenswerte, Höchststehende, dem Höchsten Ergebene, höher als das Hohe, Höchste.
22.75 parānandasvarūpā ca nityānandasvarūpiṇī |
nityā nityapriyā tandrī bhavānī bhavasundarī || 22-75 ||
Verkörperung höchster und ewiger Wonne, Ewige, das Ewige Liebende, Schlummer, Bhavani, Schöne des Werdens.
22.76 trailokyamohinī siddhā tathā siddhajanapriyā |
bhairavī bhairavaprītā tathā bhairavamohinī || 22-76 ||
Bezauberin der drei Welten, Vollendete, Geliebte vollendeter Menschen, Bhairavi, an Bhairava Erfreute, seine Bezauberin.
22.77 mātaṅgī kamalā lakṣmīḥ ṣoḍaśī viṣayāturā |
viṣamagnā viṣaratā viṣarakṣā jayadrathā || 22-77 ||
Matangi, Kamala, Lakshmi, Shodashi, nach Sinnesgegenständen Verlangende, in Gift Versunkene, Gift Ergebene, vor Gift Schützende, Jayadratha.
22.78 kākapakṣadharā nityā sarvavismayakāriṇī |
gadinī kāminī khaḍgamuṇḍamālāvibhūṣitā || 22-78 ||
Mit krähenflügelartigen Haarlocken, Ewige, überall Staunen Bewirkende, Keulenträgerin, Begehrende, mit Schwert und Kopfgirlande Geschmückte.
22.79 yogīśvarī yogamātā yogānandasvarūpiṇī |
ānandabhairavī nandā tathā nandajanapriyā || 22-79 ||
Herrin der Yogis, Mutter des Yoga, Verkörperung der Yogawonne, Ananda-Bhairavi, Erfreuende, Geliebte der erfreuten Menschen.
22.80 nalinī lalanā śubhrā śubhrānanavibhūṣitā |
lalajjihvā nīlapadā tathā su(mu?ma)khadakṣiṇā || 22-80 ||
Lotusreiche, schöne Frau, Helle, mit hellem Gesicht Gezierte, mit heraushängender Zunge, Blaufüßige, schön- beziehungsweise zugewandtgesichtige Dakshina. [Lesung unsicher.]
22.81 balibhaktā baliratā balibhogyā mahāratā |
phalabhogyā phalarasā phaladā śrīphalapriyā || 22-81 ||
Der Opfergabe Ergebene, daran Erfreute, Opfergaben Genießende, großer Liebe Ergebene, Früchte Genießende, Fruchtsaft, Fruchtspenderin, Liebhaberin der Bilva-Frucht.
22.82 phalinī phalasaṃvajrā phalāphalanivāriṇī |
phalaprītā phalagatā phalasaṃdānasandhinī || 22-82 ||
Fruchttragende, von Früchten Umfestigte [unsicherer Name], Abwehrerin von Frucht und Fruchtlosigkeit, an Früchten Erfreute, in Früchte Eingegangene, Verbindung der Fruchtgabe.
22.83 phalonmukhī sarvasttvā mahāsattvā ca sāttvikī |
sarvarūpā sarvaratā sarvasattvanivāsinī || 22-83 ||
Der Frucht Zugewandte, Wesen aller, große Wesenskraft, Sattvische, Allgestaltige, allem Ergebene, in allen Wesen Wohnende.
22.84 mahārūpā mahābhāgā mahāmeghasvarūpiṇī |
bhayanāsā gaṇaratā gaṇaprītā mahāgatiḥ || 22-84 ||
Großgestaltige, Hochbeglückte, große Wolkengestalt, Vernichterin der Furcht, den Scharen Ergebene, an ihnen Erfreute, großer Weg.
22.85 sadgatiḥ satkṛtiḥ svakṣā śavāsanagatā śubhā |
trailokyamohinī gaṅgā svargaṅgā svargavāsinī || 22-85 ||
Guter Weg, gute Tat, Schönäugige, auf dem Leichensitz Befindliche, Heilvolle, Bezauberin der drei Welten, Ganga, Himmelsganga, Himmelsbewohnerin.
22.86 mahānandā sadānandā (600) nityānityasvarūpikā |
satyagandhā satyagaṇā satyarūpā mahākṛtiḥ || 22-86 ||
Große Wonne, immerwährende Wonne, Verkörperung des Ewigen und Vergänglichen, Wahrheitsduft, Wahrheitsschar, Wahrheitsgestalt, Großgestaltige.
22.87 śmaśānabhairavī kālī tathā bhayavimardinī |
tripurā parameśānī sundarī purasundarī || 22-87 ||
Bhairavi des Verbrennungsplatzes, Kali, Bezwingerin der Furcht, Tripura, höchste Herrin, Schöne, Schöne der Stadt.
22.88 tripureśī pañcadaśī pañcamī puravāsinī |
mahāsaptadaśī ṣaṣṭhī saptamī (cā)ṣṭamī tathā || 22-88 ||
Herrin der drei Städte, Fünfzehnte, Fünfte, Stadtbewohnerin, große Siebzehnte, Sechste, Siebte und Achte.
22.89 navamī daśamī devapriyā caikādaśī śivā |
dvādaśī paramā divyā nīlarūpā trayodaśī || 22-89 ||
Neunte, Zehnte, Geliebte der Götter, Elfte, Gütige, Zwölfte, Höchste, Göttliche, Blaugestaltige, Dreizehnte.
22.90 caturdaśī paurṇamāsī rājarājeśvarī tathā |
tripurā tripureśī ca tathā tripuramardinī || 22-90 ||
Vierzehnte, Vollmond, Herrin der Könige, Tripura, Herrin der drei Städte und deren Bezwingerin.
22.91 sarvāṅgasundarī raktā raktavastropavītinī |
cāmarī cāmaraprītā camarāsuramardinī || 22-91 ||
An allen Gliedern Schöne, Rote, mit rotem Gewand als heiliger Schnur, Wedelträgerin, an Wedeln Erfreute, Bezwingerin des Dämons Camara.
22.92 manojñā sundarī ramyā haṃsī ca cāruhāsinī |
nitambinī nitambāḍhyā nitambaguruśobhitā || 22-92 ||
Herzerfreuende, Schöne, Liebliche, Schwanengestaltige, mit lieblichem Lächeln, Hüftenreiche, mit vollen Hüften, durch schwere Hüften Gezierte.
22.93 paṭṭavastrapa(ri?rī)dhānā paṭṭavastradharā śubhā |
karpūracandravadanā kuṅkumadravaśobhitā || 22-93 ||
In Seide Gehüllte, Seidenträgerin, Heilvolle, mit einem Gesicht wie Kampfer und Mond, mit Safranflüssigkeit Gezierte.
22.94 pṛthivī pṛthurūpā sā pārthivendravināśinī |
ratnavediḥ sureśā ca sureśī suramohinī || 22-94 ||
Erde, Weitgestaltige, Vernichterin der Erdenkönige, Edelsteinaltar, Götterherrin, Herrin der Götter, Bezauberin der Götter.
22.95 śiromaṇirmaṇigrīvā maṇiratnavibhūṣitā |
urvaśī śamanī kālī mahākālasvarūpiṇī || 22-95 ||
Scheiteljuwel, mit Juwelen am Hals, mit Edelsteinen Geschmückte, Urvashi, Beruhigende, Kali, Verkörperung Mahakalas.
22.96 sarvarūpā mahāsattvā rūpāntaravilāsinī |
śivā śaivā ca rudrāṇī tathā śivaninādinī || 22-96 ||
Allgestaltige, große Wesenskraft, in anderen Gestalten Spielende, Gütige, Shiva Zugehörige, Rudrani, Shivas Namen Erklingenlassende.
22.97 mātaṅginī bhrāmarī ca tathaivā(ṅgana?naṅga)mekhalā |
yoginī ḍākinī caiva tathā maheśvarī parā || 22-97 ||
Matangini, Bhramari, mit Liebesgürtel [Lesung unsicher], Yogini, Dakini und höchste Maheshvari.
22.98 alambuṣā bhavānī ca mahāvidyaughasaṃbhṛtā |
gṛdhrarūpā brahmayonirmahānandā mahodayā || 22-98 ||
Alambusha, Bhavani, von der Fülle großer Vidyas Erfüllte, Geiergestaltige, Brahman-Schoß, große Wonne, von großem Aufgang.
22.99 virūpākṣā mahānādā caṇḍarūpā kṛtākṛtiḥ |
varārohā mahāvallī mahātripurasundarī || 22-99 ||
Mit ungleichen Augen, großer Klang, Schrecklichgestaltige, Geschaffenes und Ungeschaffenes, Schönhüftige, große Ranke, Mahatripurasundari.
22.100 bhagātmikā bhagādhārarūpiṇī bhagamālinī |
liṅgābhidhāyinī devī (700) mahāmāyā mahāsmṛtiḥ || 22-100 ||
Wesen des Schoßes, Gestalt seines Grundes, Schoßgirlandenträgerin, Benennerin des Linga, Göttin, große Maya, große Erinnerung.
22.101 mahāmedhā mahāśāntā śāntarūpā varānanā |
liṅgamālā liṅgabhūṣā bhagamālāvibhūṣaṇā || 22-101 ||
Große Einsicht, große Friedvolle, Friedensgestalt, mit schönem Gesicht, Lingagirlande, Lingaschmuck, mit einer Schoßgirlande Geschmückte.
22.102 bhagaliṅgāmṛtaprītā bhagaliṅgāmṛtātmikā |
bhagaliṅgārcanaprītā bhagaliṅgasvarūpiṇī || 22-102 ||
Am Nektar von Schoß und Linga Erfreute, dessen Wesen, an der Verehrung von Schoß und Linga Erfreute, deren Verkörperung.
22.103 svayambhūkusumaprītā svayambhūkusumāsanā |
svayambhūkusumaratā latāliṅganatatparā || 22-103 ||
An der selbst entstandenen Blüte Erfreute, auf ihr Sitzende, ihr Ergebene, ganz der Umarmung der Schlingpflanze Zugewandte. [Rituelle Bildsprache für Menstrualblut und Partnerin.]
22.104 surāśanā surāprītā surāsavavimarditā |
surāpānamahātīkṣṇā sarvāgamavininditā || 22-104 ||
Wein Genießende, Wein Liebende, von Wein und Gärtrank Durchdrungene, durch Weintrinken äußerst Scharfe, von allen Agamas Getadelte.
22.105 kuṇḍagolasadāprītā golapuṣpasadāratiḥ |
kuṇḍagolodbhavaprītā kuṇḍagolodbhavātmikā || 22-105 ||
Stets an Kunda und Gola Erfreute, der Gola-Blüte immer Ergebene, an deren Erzeugnissen Erfreute, deren Wesen. [Kunda und Gola sind technische Ritualbezeichnungen.]
22.106 svayambhavā śivā dhātrī pāvanī lokapāvanī |
mahālakṣmīrmaheśānī mahāviṣṇuprabhāvinī || 22-106 ||
Selbstentstandene, Gütige, Erhalterin, Läuternde, Weltläuternde, Mahalakshmi, große Herrin, die Macht Mahavishnus Entfaltende.
22.107 viṣṇupriyā viṣṇuratā viṣṇubhaktiparāyaṇā |
viṣṇorvakṣaḥsthalasthā ca viṣṇurūpā ca vaiṣṇavī || 22-107 ||
Vishnus Geliebte, Vishnu Ergebene, ganz seiner Verehrung Zugewandte, auf seiner Brust Weilende, Vishnugestaltige und Vaishnavi.
22.108 aśvinī bharaṇī caiva kṛttikā rohiṇī tathā |
dhṛtirmedhā tathā tuṣṭiḥ puṣṭirūpā citā citiḥ || 22-108 ||
Ashvini, Bharani, Krittika, Rohini, Standhaftigkeit, Einsicht, Zufriedenheit, Gestalt des Gedeihens, Scheiterhaufen und Bewusstsein.
22.109 citirūpā citsvarūpā jñānarūpā sanātanī |
sarvavijñajayā gaurī gauravarṇā śacī śivā || 22-109 ||
Bewusstseinsgestaltige, Wesen des Bewusstseins, Erkenntnisgestalt, Ewige, Siegerin über alle Wissenden, Gauri, Hellfarbige, Shaci, Gütige.
22.110 bhavarūpā bhavapara bhavānī bhavamocinī |
punarvasustathā puṣyā tejasvī sindhuvāsinī || 22-110 ||
Werdensgestalt, Bhava Zugewandte, Bhavani, Befreierin vom Werden, Punarvasu, Pushya, Glanzvolle, Bewohnerin des Stromes beziehungsweise Meeres.
22.111 śukrāśanā śukrabhogā śukrotsāraṇatatparā |
śukrapūjyā śukravandyā śukrabhogyā pulomajā || 22-111 ||
Samen Genießende, Samen als Genuss Habende, ganz auf seine Abgabe Gerichtete, durch Samen zu Verehrende, mit Samen zu Ehrende, Samen Genießende, Pulomas Tochter.
22.112 śukrārcyā śukrasaṃtuṣṭā sarvaśukravimuktidā |
śukramūrtiḥ śukradehā śukrāṅgī śukramohinī || 22-112 ||
Durch Samen zu Verehrende, durch Samen Zufriedene, allen Samen Befreiung Verleihende, Samengestalt, Samenleibige, Samengliedrige, den Samen Bezaubernde.
22.113 devapūjyā devaratā yuvatī sarvamaṅgalā |
sarvapriyaṅkarī bhogyā bhogarūpā (bho?bha)gākṛtiḥ || 22-113 ||
Von Göttern Verehrte, Göttern Ergebene, junge Frau, ganz Heilvolle, allen Freude Bereitende, zu Genießende, Genussgestalt, Schoßgestalt.
22.114 bhagapretā bhagaratā bhagapremaparā tathā |
bhagasaṃmardanaprītā bhagopari niveśitā || 22-114 ||
Dem Schoß Zugewandte [die Lesung »preta« ist auffällig], ihm Ergebene, ganz seiner Liebe Zugewandte, an seiner Berührung Erfreute, über ihm Sitzende.
22.115 bhagadakṣā bhagākrāntā bhagasaubhāgyavarddhinī |
dakṣakanyā mahādakṣā sarvadakṣā pradantikā (800) || 22-115 ||
Im Schoß Geschickte, vom Schoß Erfüllte, Vermehrerin seines Glücks, Dakshas Tochter, sehr Geschickte, in allem Geschickte, Pradantika.
22.116 daṇḍapriyā daṇḍaratā daṇḍatāḍanatatparā |
daṇḍabhītā daṇḍagatā daṇḍasaṃmardane ratā || 22-116 ||
Stab Liebende, ihm Ergebene, ganz auf sein Schlagen Gerichtete, den Stab Fürchtende, in ihn Eingegangene, an seiner Berührung Erfreute.
22.117 vedimaṇḍalamadhyasthā bhūrbhuvaḥsvaḥsvarūpiṇī |
ādyā durgā jayā sūkṣmā sūkṣmarūpā jayākṛtiḥ || 22-117 ||
Inmitten des Altarkreises Stehende, Verkörperung von Bhur, Bhuvah und Svah, Ursprüngliche, Durga, Sieg, Feine, Feingestaltige, Siegesgestalt.
22.118 kṣemaṅkarī mahāghūrṇā ghūrṇanāsā vaśaṅkarī |
viśālāvayavā medhyā trivalīvalayā śubhā || 22-118 ||
Heilbewirkerin, große Wirbelnde, mit beweglicher Nase, Bezwingerin, Großgliedrige, Reine, mit drei Bauchfalten, Heilvolle.
22.119 madyonmattā madyaratā mattāsuravilāsinī |
madhukaiṭabhasaṃhantrī niśumbhāsuramardinī || 22-119 ||
Vom Wein Berauschte, dem Wein Ergebene, mit berauschten Asuras Spielende, Vernichterin von Madhu und Kaitabha, Bezwingerin Nishumbhas.
22.120 caṇḍarūpā mahācaṇḍā caṇḍikā caṇḍanāyikā |
caṇḍogrā ca caturvargā tathā caṇḍāvatī śivā || 22-120 ||
Schrecklichgestaltige, große Canda, Candika, Anführerin der Schrecklichen, wild und schrecklich, vierfache Lebensziele, Candavati, Gütige.
22.121 nīladehā nīlavarṇā nīlendīvaralocanā |
nityānityapriyā bhadrā bhavānī bhavasundarī || 22-121 ||
Blauleibige, Blaufarbige, mit blauen Lotusaugen, das Ewige und Vergängliche Liebende, Heilvolle, Bhavani, Schöne des Werdens.
22.122 bhairavī bhairavaprītā tathā bhairavamohinī |
mātaṅgī kamalā lakṣmīḥ ṣoḍaśī bhīṣaṇāturā || 22-122 ||
Bhairavi, an Bhairava Erfreute, seine Bezauberin, Matangi, Kamala, Lakshmi, Shodashi, vom Schrecklichen Erfüllte.
22.123 viṣamagnā viṣaratā viṣabhakṣyā jayā tathā |
kākapakṣadharā nityā sarvavismayakāriṇī || 22-123 ||
In Gift Versunkene, Gift Ergebene, Gift Genießende, Siegreiche, mit krähenflügelartigen Haarlocken, Ewige, überall Staunen Bewirkende.
22.124 gadinī kāminī khaḍgā muṇḍamālāvibhūṣitā |
yogeśvarī yogaratā yogānandasvarūpiṇī || 22-124 ||
Keulenträgerin, Begehrende, Schwert, mit Kopfgirlande Geschmückte, Herrin des Yoga, Yoga Ergebene, Verkörperung der Yogawonne.
22.125 ānandabhairavī nandā tathānandajanapriyā |
nalinī lalanā śubhrā śubhānanavirājitā || 22-125 ||
Ananda-Bhairavi, Erfreuende, Geliebte wonnevoller Menschen, Lotusreiche, schöne Frau, Helle, mit heilvollem Gesicht Erstrahlende.
22.126 lalajjihvā nīlapadā tathā saṃmukhadakṣiṇā |
balibhaktā baliratā balibhogyā mahāratā || 22-126 ||
Mit heraushängender Zunge, Blaufüßige, zugewandte Dakshina, der Opfergabe Ergebene, daran Erfreute, Opfergaben Genießende, großer Liebe Ergebene.
22.127 phalabhogyā phalarasā phaladātrī phalapriyā |
phalinī phalasaṃraktā phalāphalanivāriṇī || 22-127 ||
Früchte Genießende, Fruchtsaft, Fruchtspenderin, Früchte Liebende, Fruchttragende, Früchten Ergebene, Abwehrerin von Frucht und Fruchtlosigkeit.
22.128 phalaprītā phalagatā phalasandhānasandhinī |
phalonmukhī sarvasattvā mahāsattvā ca sāttvikā || 22-128 ||
An Früchten Erfreute, in Früchte Eingegangene, Verbindung beim Erlangen der Frucht, ihr Zugewandte, Wesen aller, große Wesenskraft, Sattvische.
22.129 sarvarūpā sarvaratā sarvasattvanivāsinī |
mahārūpā mahābhāgā mahāmeghasvarūpiṇī || 22-129 ||
Allgestaltige, allem Ergebene, in allen Wesen Wohnende, Großgestaltige, Hochbeglückte, große Wolkengestalt.
22.130 bhayanāśā gaṇaratā gaṇagītā mahāgatiḥ |
sadgatiḥ (900) satkṛtiḥ sākṣāt sadāsanagatā śubhā || 22-130 ||
Vernichterin der Furcht, den Scharen Ergebene, von Scharen Besungene, großer Weg, guter Weg, gute Tat, Unmittelbare, stets auf ihrem Sitz Weilende, Heilvolle.
22.131 trailokyamohinī gaṅgā svargaṅgā svargavāsinī |
mahānandā sadānandā nityā satyasvarūpiṇī || 22-131 ||
Bezauberin der drei Welten, Ganga, Himmelsganga, Himmelsbewohnerin, große Wonne, immerwährende Wonne, Ewige, Wahrheitsgestaltige.
22.132 śukrasnātā śukrakarī śukrasevyātiśukriṇī |
mahāśukrā śukraratā śukrasṛṣṭividhāyinī || 22-132 ||
In Samen Gebadete, Samen Hervorbringende, durch Samen zu Dienende, überaus Samenreiche, großer Samen, ihm Ergebene, seine Entstehung Ordnende.
22.133 sāradā sādhakaprāṇā sādhakapremavarddhinī |
sādhakābhīṣṭadā nityaṃ sādhakapremasevitā || 22-133 ||
Sharada, Lebenshauch der Übenden, Vermehrerin ihrer Liebe, stets ihre Wünsche Gewährende, durch ihre Liebe Verehrte.
22.134 sādhakapremasarvasvā sādhakābhaktaraktapā |
mallikā mālatī jātiḥ saptavarṇā mahākacā || 22-134 ||
Ganzer Schatz der Liebe der Übenden, Bluttrinkerin der dem Übenden feindlich oder ohne Hingabe Gegenüberstehenden [Wortfügung unsicher], Mallika, Malati, Jati, siebenfarbig, mit mächtigem Haar.
22.135 sarvamayī sarvaśubhrā gāṇapatyapradā tathā |
gaganā gaganaprītā tathā gaganavāsinī || 22-135 ||
Allumfassende, ganz Helle, Spenderin der Herrschaft über die Scharen, Himmelsraum, an ihm Erfreute, im Himmelsraum Wohnende.
22.136 gaṇanāthapriyā bhavyā bhavārcā sarvamaṅgalā |
guhyakālī bhadrakālī śivarūpā satāṃgatiḥ || 22-136 ||
Geliebte des Herrn der Scharen, Heilvolle, von Bhava Verehrte, ganz Heilvolle, geheime Kali, Bhadrakali, Shivagestaltige, Weg der Guten.
22.137 sadbhaktā satparā setuḥ sarvāṅgasundarī maghā |
kṣīṇodarī mahāvegā vegānandasvarūpiṇī || 22-137 ||
Den Guten Ergebene, auf das Gute Gerichtete, Brücke, an allen Gliedern Schöne, Magha, Schlankbäuchige, sehr Schnelle, Verkörperung der Freude an der Bewegung.
22.138 rudhirā rudhiraprītā rudhirānandaśobhanā |
pañcamī pañcamaprītā tathā pañcamabhūṣaṇā || 22-138 ||
Blut, am Blut Erfreute, durch Blutwonne Schöne, Fünfte, am Fünften Erfreute, damit Geschmückte.
22.139 pañcamījapasaṃpannā pañcamīyajane ratā |
kakāravarṇarūpā ca kakārākṣararūpiṇī || 22-139 ||
Mit der Wiederholung der Fünften Ausgestattete, ihrer Verehrung Ergebene, Gestalt des Ka-Lautes, Verkörperung des Ka-Buchstabens.
22.140 makārapañcamaprītā makārapañcagocarā |
ṛvarṇarūpaprabhavā ṛvarṇā sarvarūpiṇī || 22-140 ||
Am fünften Ma erfreut, im Bereich der fünf Ma stehend, aus der Gestalt des Ri-Lautes hervorgegangen, Ri-Laut und Allgestaltige.
22.141 (sa?śa)rvāṇī sarvanilayā sarvasārasamudbhavā |
sarveśvarī sarvasārā sarve(ṣāṃ?cchā) sarvamohinī || 22-141 ||
Sharvani, Wohnstätte aller, aus der Essenz aller hervorgegangen, Herrin aller, Essenz aller, Wunsch aller [Lesung unsicher], Bezauberin aller.
22.142 gaṇeśajananī durgā mahāmāyā maheśvarī |
maheśajananī mohā vidyā vidyotanī vibhā || 22-142 ||
Ganeshas Mutter, Durga, große Maya, große Herrin, Mutter Maheshas, Verblendung, Wissen, Erhellerin, Glanz.
22.143 sthirā ca sthiracittā ca susthirā dharmarañjinī |
dharmarūpā dharmaratā dharmācaraṇatatparā || 22-143 ||
Beständige, von festem Geist, sehr Beständige, Dharma Erfreuende, Dharmagestalt, ihm Ergebene, ganz seiner Ausübung Zugewandte.
22.144 dharmānuṣṭhānasandarbhā sarvasandarbhasundarī |
svadhā svāhā vaṣaṭkārā śrauṣaṭ vauṣaṭ svadhātmikā || 22-144 ||
Zusammenhang der Dharma-Ausübung, in allen Zusammenhängen Schöne, Svadha, Svaha, Vashat-Ruf, Shraushat, Vaushat und Wesen der Svadha.
22.145 brāhmaṇī brahmasaṃbandhā brahmasthānanivāsinī |
padmayoniḥ padmasaṃsthā caturvargaphalapradā || 22-145 ||
Brahmani, mit Brahman Verbundene, in Brahmans Stätte Wohnende, Lotusschoß, im Lotus Stehende, Spenderin der Frucht der vier Lebensziele.
22.146 caturbhujā śivayutā śivaliṅgapraveśinī (1000) |
mahābhīmā cārukeśī gandhamādanasaṃsthitā || 22-146 ||
Vierarmige, mit Shiva Verbundene, in Shivas Linga Eintretende, große Furchtbare, Schönhaarige, auf Gandhamadana Weilende. [Die Vorlage setzt bereits hier die Zählmarke 1000, führt die Namensreihe jedoch fort.]
22.147 gandharvapūjitā gandhā sugandhā surapūjitā |
gandharvaniratā devī surabhī sugandhā tathā || 22-147 ||
Von Gandharvas Verehrte, Duft, Wohlduftende, von Göttern Verehrte, Gandharvas Ergebene, Göttin, Duftreiche und Wohlduftende.
22.148 padmagandhā mahāgandhā gandhāmoditadiṅmukhā |
kāladigdhā kālaratā mahiṣāsuramardinī || 22-148 ||
Lotusduft, großer Duft, durch Wohlgeruch die Richtungen Erfreuende, mit Zeit Bestrichene, der Zeit Ergebene, Bezwingerin des Büffeldämons.
22.149 vidyā vidyāvatī caiva vidyeśā vijñasaṃbhavā |
vidyāpradā mahāvāṇī mahābhairavarūpiṇī || 22-149 ||
Wissen, Wissensreiche, Herrin des Wissens, aus Erkenntnis Hervorgegangene, Wissensspenderin, große Rede, Verkörperung des großen Bhairava.
22.150 bhairavapremaniratā mahākālaratā śubhā |
māheśvarī gajārūḍhā gajendragamanā tathā || 22-150 ||
Ganz Bhairavas Liebe Ergebene, Mahakala Zugewandte, Heilvolle, Maheshvari, auf dem Elefanten Reitende, mit dem Gang eines Elefantenkönigs.
22.151 yajñendralalanā caṇḍī gajāsanaparāśrayā |
gajendramandagamanā mahāvidyā mahojjvalā || 22-151 ||
Gemahlin des Opferherrn, Candi, ganz auf den Elefantensitz Gestützte, mit langsamem Gang eines Elefantenkönigs, große Vidya, hell Strahlende.
22.152 bagalā vāhinī vṛddhā bālā ca bālarūpiṇī |
bālakrīḍāratā bālā balāsuravināśinī || 22-152 ||
Bagala, Führende, Alte, Kindliche, von kindlicher Gestalt, am Kinderspiel Erfreute, Mädchen, Vernichterin des Dämons Bala.
22.153 bālyasthā yauvanasthā ca mahāyauvanasaṃratā |
viśiṣṭayauvanā kālī kṛṣṇadurgā sarasvatī || 22-153 ||
In der Kindheit Weilende, in der Jugend Weilende, großer Jugendfreude Ergebene, von ausgezeichneter Jugend, Kali, dunkle Durga, Sarasvati.
22.154 kātyāyanī ca cāmuṇḍā caṇḍāsuravighātinī |
caṇḍamuṇḍadharā devī madhukaiṭabhanāśinī || 22-154 ||
Katyayani, Chamunda, Töterin des Dämons Canda, Trägerin von Candas und Mundas Köpfen, Göttin, Vernichterin von Madhu und Kaitabha.
22.155 brāhmī māheśvarī caindrī vārāhī vaiṣṇavī tathā |
rudrakālī viśālākṣī bhairavī kālarūpiṇī || 22-155 ||
Brahmi, Maheshvari, Indrani, Varahi, Vaishnavi, Rudrakali, Großäugige, Bhairavi, Zeitgestaltige.
22.156 mahāmāyā mahotsāhā mahācaṇḍavināśinī |
kulaśrīḥ kulasaṃkīrṇā kulagarbhanivāsinī || 22-156 ||
Große Maya, von großer Tatkraft, Vernichterin des großen Canda, Herrlichkeit des Kula, von Kula Erfüllte, im Kula-Schoß Wohnende.
22.157 kulāṅgārā kulayutā kulakuntalasaṃyutā |
kuladarbhagrahā caiva kulagartapradāyinī || 22-157 ||
Glut des Kula, mit Kula Verbundene, mit Kula-Haar versehen, Kula-Darbha Ergreifende, Spenderin der Kula-Höhlung.
22.158 kulapremayutā sādhvī śivaprītiḥ śivābaliḥ |
śivasaktā śivaprāṇā mahādevakṛtālayā || 22-158 ||
Mit Kula-Liebe Verbundene, Gute, Shivas Liebe, Shiva-Opfergabe, Shiva Verbundene, Shivas Lebenshauch, in Mahadeva Wohnende.
22.159 mahādevapriyā kāntā mahādevamadāturā |
mattāmattajanapremadhātrī vibhavavarddhinī || 22-159 ||
Mahadevas Geliebte, Liebliche, von der Liebe zu Mahadeva Berauschte, Trägerin der Liebe Berauschter und Unberauschter, Vermehrerin der Macht.
22.160 madonmattā mahāśuddhā mattapremavibhūṣitā |
mattapramattavadanā mattacumbanatatparā || 22-160 ||
Vom Rausch Berauschte, höchst Reine, mit berauschter Liebe Geschmückte, mit trunken-bewegtem Gesicht, ganz dem Küssen des Berauschten Zugewandte.
22.161 mattakriḍāturā bhaimī tathā haimavatī matiḥ |
madāturā madagatā viparītaratāturā || 22-161 ||
Nach berauschtem Spiel Verlangende, Bhaimi, Tochter des Schneeberges, Einsicht, vom Rausch Erfüllte, in ihn Eingegangene, nach umgekehrter Liebesstellung Verlangende.
22.162 vittapradā vittaratā vittavardhanatatparā (1100) |
iti te kathitaṃ sarvaṃ kālīnāmasahasrakam || 22-162 ||
Vermögensspenderin, Vermögen Ergebene, ganz auf dessen Vermehrung Bedachte. Damit habe ich dir Kalis gesamte tausend Namen erklärt. [Die abschließende Zählmarke der Vorlage lautet 1100.]
22.163 sārātsārataraṃ divyaṃ mahāvibhavavarddhanam |
gāṇapatyapradaṃ rājyapradaṃ ṣaṭkarmasādhakam || 22-163 ||
Sie sind göttlich, feiner als die Essenz, vermehren große Macht, verleihen Herrschaft über die Scharen und Königsherrschaft und vollenden die sechs Ritualhandlungen.
22.164 yaḥ paṭhet sādhako nityaṃ sa bhavet saṃpadāṃ padam |
yaḥ paṭhet pāṭhayedvāpi śṛṇoti śrāvayedatha || 22-164 ||
Der Übende, der sie täglich liest, wird zur Stätte aller Güter. Wer liest, lesen lässt, hört oder hören lässt —
22.165 na kiñcid durlabhaṃ loke stavasyāsya prasādataḥ |
brahmahatyā surāpānaṃ suvarṇaharaṇaṃ tathā || 22-165 ||
— für den ist durch die Gunst dieses Lobpreises nichts in der Welt schwer erreichbar. Brahmanentötung, Weintrinken, Golddiebstahl —
22.166 gurudārābhigamanaṃ yaccānyad duṣkṛtaṃ kṛtam |
sarvametatpunātyeva satyaṃ suragaṇārcite || 22-166 ||
— Verkehr mit der Frau des Gurus und alles andere begangene Unrecht reinigt er gänzlich, wahrlich, du von den Göttern Verehrte.
22.167 rajasvalābhagaṃ dṛṣṭvā paṭhet stotramananyadhīḥ |
sa śivaḥ satyavādī ca bhavatyeva na saṃśayaḥ || 22-167 ||
Beim Anblick des Schoßes einer menstruierenden Frau lese man den Lobpreis mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Man werde dadurch Shiva und wahrhaftig, ohne Zweifel.
22.168 paradārayuto bhūtvā paṭhet stotraṃ samāhitaḥ |
sarvaiśvaryayuto bhūtvā mahārājatvamāpnuyāt || 22-168 ||
Mit der Frau eines anderen verbunden, lese man den Lobpreis gesammelt. Mit aller Herrschaft ausgestattet, erlange man große Königsmacht.
22.169 paranindāṃ paradrohaṃ parahiṃsāṃ na kārayet |
śivabhaktāya śāntāya priyabhaktāya vā punaḥ || 22-169 ||
Man soll keine Schmähung, keinen Verrat und keine Gewalt gegen andere veranlassen. Einem Shiva-Verehrer, einem Friedfertigen oder einem lieben Verehrer —
22.170 stavaṃ ca darśayedenamanyathā mṛtyumāpnuyāt |
asmāt parataraṃ nāsti tantramadhye sureśvari || 22-170 ||
— zeige man diesen Lobpreis; andernfalls erleide man den Tod. Nichts Höheres gibt es unter den Tantras, Götterherrin.
22.171 mahākālī mahādevī tathā nīlasarasvatī |
na bhedaḥ parameśāni bhedakṛnnarakaṃ vrajet || 22-171 ||
Mahakali, die große Göttin, und Nila-Sarasvati unterscheiden sich nicht, höchste Herrin. Wer einen Unterschied setzt, gehe in die Unterwelt.
22.172 idaṃ stotraṃ mayā divyaṃ tava snehāt prakathyate |
ubhayorevamekatvaṃ bhedabuddhyā na tāṃ bhajet |
sa yogī parameśāni samo mānāpamānayoḥ || 22-172 ||
Aus Liebe zu dir erkläre ich diesen göttlichen Lobpreis. Beide sind auf diese Weise eins; man verehre sie nicht mit einer Vorstellung der Trennung. Ein solcher ist ein Yogi, höchste Herrin, gleichmütig bei Ehre und Missachtung.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavapārvatīsaṃvāde (kālīsahasranāmanirūpaṇaṃ) dvāviṃśaḥ paṭalaḥ || 22 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Parvati, das zweiundzwanzigste Kapitel: die Darlegung von Kalis tausend Namen.
Kapitel 23: Hundert Namen Kalis
23.1 śrīdevyuvāca |
purā pratiśrutaṃ deva krīḍāsakto yadā bhavān |
nāmnāṃ śataṃ mahākālyāḥ kathayasva mayi prabho || 23-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Einst hast du es versprochen, Gott, als du dich dem göttlichen Spiel hingabst. Verkünde mir die hundert Namen Mahakalis, Herr!
23.2 śrībhairava uvāca |
sādhu pṛṣṭaṃ mahādevi akathyaṃ kathayāmi te |
na prakāśyaṃ varārohe svayoniriva sundari || 23-2 ||
Shri Bhairava sprach: Gut hast du gefragt, große Göttin. Ich verkünde dir das sonst Unaussprechliche. Es soll nicht öffentlich preisgegeben werden, du schöne Schönhüftige, so wenig wie der eigene Schoß.
23.3 prāṇādhikapriyatarā bhavatī mama mohinī |
kṣaṇamātraṃ na jīvāmi tvāṃ binā parameśvari || 23-3 ||
Du bist mir lieber als mein Leben, du mich Verzaubernde. Nicht einen Augenblick lebe ich ohne dich, höchste Herrin.
23.4 yathādarśe'male bimbaṃ ghṛtaṃ dadhyādisaṃyutam |
tathāhaṃ jagatāmādye tvayi sarvatra gocaraḥ || 23-4 ||
Wie ein Bild in einem makellosen Spiegel und wie Butter in der Milch oder Dickmilch, so bin ich überall in dir erfahrbar, du Ursprung der Welten.
23.5 śṛṇu devi pravakṣyāmi japāt sārvajñadāyakam |
sadāśiva ṛṣiḥ prokto'nuṣṭup chandaśca īritaḥ || 23-5 ||
Höre, Göttin, ich werde verkünden, was durch Wiederholung Allwissenheit schenkt. Sadashiva wird als Seher, Anushtubh als Versmaß genannt.
23.6 devatā bhairavo devi puruṣārthacatuṣṭaye |
viniyogaḥ prayoktavyaḥ sarvakarmaphalapradaḥ || 23-6 ||
Als Gottheit wird Bhairava genannt, Göttin; die Anwendung gilt den vier Lebenszielen und verleiht die Frucht aller Handlungen. [Die Gottheitsangabe steht so im Text, obwohl der Hymnus Mahakali gilt.]
23.7 mahākālī jagaddhātrī jaganmātā jaganmayī |
jagadambā gajatsārā jagadānandakāriṇī (10) || 23-7 ||
Mahakali; die Trägerin der Welt; die Mutter der Welt; die aus der Welt besteht; die Weltenmutter; die Essenz der Welt; die der Welt Wonne schenkt.
23.8 jagadvidhvaṃsinī gaurī duḥkhadāridryanāśinī |
bhairavabhāvinī bhāvānantā sārasvatapradā || 23-8 ||
Die Auflöserin der Welt; Gauri; die Leid und Armut vernichtet; die Bhairava Vergegenwärtigende; die in ihrem Wesen Unendliche; die die Gaben der Sarasvati gewährt.
23.9 caturvargapradā sādhvī sarvamaṅgalamaṅgalā |
bhadrakālī (20) viśālākṣī kāmadātrī kalātmikā || 23-9 ||
Die die vier Lebensziele verleiht; die Tugendhafte; das Heil alles Heilvollen; Bhadrakali; die Weitäugige; die Wünsche erfüllt; die Verkörperung der schöpferischen Teilkräfte.
23.10 nīlavāṇī mahāgaurasarvāṅgā sundarī parā |
sarvasaṃpatpradā bhīmanādinī varavarṇinī || 23-10 ||
Die blaue Rede; die am ganzen Leib überaus Helle; die Schöne; die Höchste; die alle Fülle schenkt; die furchtbar Tönende; die von herrlichem Aussehen.
23.11 varārohā (30) śivaruhā mahiṣāsuraghātinī |
śivapūjyā śivaprītā dānavendraprapūjitā || 23-11 ||
Die Schönhüftige; die auf Shiva Stehende; die Vernichterin des Büffeldämons; die von Shiva Verehrte; die Shiva Liebende; die von den Fürsten der Danavas Verehrte.
23.12 sarvavidyāmayī śarvasarvābhīṣṭaphalapradā |
komalāṅgī vidhātrī ca vidhātṛvaradāyinī (40) || 23-12 ||
Die Verkörperung allen Wissens; die alle von Sharva ersehnten Früchte schenkt [Worttrennung unsicher]; die Zartgliedrige; die Schöpferin; die dem Schöpfer Segen gewährt.
23.13 pūrṇenduvadanā nīlameghavarṇā kapālinī |
kurukullā vipracittā kāntacittā madonmadā || 23-13 ||
Die mit Vollmondantlitz; die von der Farbe einer blauen Wolke; die Schädelträgerin; Kurukulla; Vipracitta; die dem Geliebten im Herzen Zugewandte; die von Rausch Ergriffene.
23.14 mattāṅgī madanaprītā madāghūrṇitalocanā (50) |
madottīrṇā kharparāsinaramuṇḍavilāsinī || 23-14 ||
Die mit berauschtem Leib; die sich an Madana erfreut; die mit vom Rausch rollenden Augen; die über den Rausch Hinausgelangte; die mit Schädelschale, Schwert und Menschenkopf spielt.
23.15 naramuṇḍasrajā devī khaḍgahastā bhayānakā |
aṭṭahāsayutā padmā padmarāgopaśobhitā || 23-15 ||
Die Göttin mit der Girlande aus Menschenköpfen; die Schwertträgerin; die Furchterregende; die laut Lachende; Padma; die mit Rubinen Geschmückte.
23.16 varābhayapradā (60) kālī kālarātrisvarūpiṇī |
svadhā svāhā vaṣaṭkārā śaradindusamaprabhā || 23-16 ||
Die Segen und Furchtlosigkeit schenkt; Kali; die Verkörperung der Nacht der Zeit; Svadha; Svaha; der Vashat-Ruf; die wie der Herbstmond Leuchtende.
23.17 śaratjyotsnā ca saṃhlādā viparītaratāturā |
muktakeśī (70) chinnajaṭā jaṭājūṭavilāsinī || 23-17 ||
Das Herbstmondlicht; die Erfreuende; die nach umgekehrter Liebesvereinigung Verlangende; die Offenhaarige; die mit gelöster Haarflechte; die mit mächtigem Haarknoten Spielende.
23.18 sarparājayutābhīmā sa(rva?rpa)rājopari sthitā |
śmaśānasthā mhānandistutā saṃdīptalocanā || 23-18 ||
Die von Schlangenfürsten Begleitete, Furchtbare; die auf dem Schlangenfürsten Stehende; die auf dem Verbrennungsplatz Weilende; die von Mahanandi Gepriesene; die mit lodernden Augen.
23.19 śavāsanaratā nandā siddhacāraṇasevitā (80) |
balidānapriyā garbhā bhūrbhuvaḥsvaḥsvarūpiṇī || 23-19 ||
Die am Leichensitz Gefallen findet; die Freudige; die von Siddhas und Charanas Verehrte; die Bali-Opfer liebt; der Mutterschoß; die Verkörperung von Erde, Zwischenraum und Himmel.
23.20 gāyatrī caiva sāvitrī mahānīlasarasvatī |
lakṣmīrlakṣaṇasaṃyuktā sarvalakṣaṇalakṣitā || 23-20 ||
Gayatri; Savitri; die große blaue Sarasvati; Lakshmi; die mit glückverheißenden Merkmalen versehen und durch alle solchen Zeichen erkennbar ist.
23.21 vyāghracarmāvṛtā (90) medhyā trivalīvalayāñcitā |
gandharvaiḥ saṃstutā sā hi tathā cendā mahāparā || 23-21 ||
Die vom Tigerfell Umhüllte; die Reine; die mit drei Bauchfalten Geschmückte; die von Gandharvas Gepriesene; Chenda [Name unklar]; die überaus Höchste.
23.22 pavitrā paramā māyā mahāmāyā mahodayā (100) |
iti te kathitaṃ divyaṃ śataṃ nāmnāṃ maheśvari || 23-22 ||
Die Reinigende; die Höchste; Maya; Mahamaya; die groß Aufgehende. So habe ich dir die göttlichen hundert Namen verkündet, große Herrin.
23.23 yaḥ paṭhet prātarutthāya sa tu vidyānidhirbhavet |
iha loke sukhaṃ bhuktvā devīsāyujyamāpnuyāt || 23-23 ||
Wer nach dem morgendlichen Aufstehen rezitiert, wird zu einer Schatzkammer des Wissens. Nachdem er in dieser Welt Glück erfahren hat, erlangt er die Vereinigung mit der Göttin.
23.24 tasya vaśyā bhavantyete siddhaughāḥ sacarācarāḥ |
khecarā bhūcarāścaiva tathā svargacarāśca ye || 23-24 ||
Ihm werden die Scharen der Vollendeten mit allem Beweglichen und Unbeweglichen gefügig: die im Raum, auf Erden und im Himmel Wandelnden.
23.25 te sarve vaśamāyānti sādhakasya hi nānyathā |
nāmnāṃ varaṃ maheśāni parityajya sahasrakam || 23-25 ||
Sie alle kommen unter die Macht des Übenden; anders ist es nicht. Die vorzügliche Namenssammlung, große Herrin, soll anstelle der tausend Namen —
23.26 paṭhitavyaṃ śataṃ devi caturvargaphalapradam |
ajñātvā parameśāni nāmnāṃ śataṃ maheśvari || 23-26 ||
als Sammlung von hundert Namen rezitiert werden, Göttin; sie schenkt die Frucht der vier Lebensziele. Wer diese hundert Namen nicht kennt, höchste Herrin —
23.27 bhajate yo mahakālīṃ siddhirnāsti kalau yuge |
prapaṭhet prayato bhaktyā tasya puṇyaphalaṃ śṛṇu || 23-27 ||
und dennoch Mahakali verehrt, erlangt im Kali-Zeitalter keine Vollendung. Man rezitiere sie achtsam und hingebungsvoll; höre die Frucht dieses Verdienstes:
23.28 lakṣavarṣasahasrasya kālīpūjāphalaṃ bhavet |
bahunā kimihoktena vāñchitārthī bhaviṣyati || 23-28 ||
Es entsteht die Frucht von hundert Millionen Jahren der Kali-Verehrung. Wozu weitere Worte? Man erlangt das Ersehnte.
iti śrībṛhannīlatantre bhairavapārvatīsaṃvāde (kālīśatanāmanirūpaṇaṃ) trayoviṃśaḥ paṭalaḥ || 23 ||
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, im Gespräch zwischen Bhairava und Parvati, das dreiundzwanzigste Kapitel: die Darlegung von Kalis hundert Namen.
Kapitel 24: Annada und die Einheit der Göttin

24.1 śrīdevyuvāca |
devedeva mahādeva sṛṣṭisthityantakāraka |
yaduktamannadākalpe tadvadasva samāhitaḥ || 24-1 ||
Die ehrwürdige Göttin sprach: Gott der Götter, Mahadeva, der du Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirkst: Verkünde gesammelt, was im Annada-Ritual gelehrt wurde.
24.2 annadāyāḥ paraṃ mantraṃ viśeṣaṃ kathayāmi te |
iti me kathitaṃ bhadra tadvadasva samāhitaḥ || 24-2 ||
»Das höchste Mantra Annadas und seine Besonderheiten werde ich dir erklären«, so hast du zu mir gesprochen, du Gütiger. Verkünde es nun gesammelt!
24.3 śrībhairava uvāca |
yathā kālī tathā nīlā tathā caivānnadā śive |
etāsāṃ mantrametasmin kathitaṃ parameśvari || 24-3 ||
Shri Bhairava sprach: Wie Kali, so Nila und ebenso Annada, Heilvolle. Ihre Mantras werden hier gelehrt, höchste Herrin.
24.4 ekā mūrtistridhā bhūtvā jagatāṃ hitakāriṇī |
annadāyāḥ paraṃ kalpaṃ kathitaṃ tava sundari || 24-4 ||
Eine einzige Gestalt wird dreifach und wirkt zum Wohl der Welten. Das höchste Ritual Annadas wurde dir erklärt, du Schöne.
24.5 mantrarājaṃ mahādevi śṛṇuṣvaikamanāḥ priye |
[annavarṇaṃ mahādevi mahikārasamanvitam | nnaṃ varṇaṃ caiva me dehi
svarādyena vibhūṣitam || 24-anādhilohitaṃ devi taye padasamanvitam | mamānnaṃ
padamīśāni pradāpaya padaṃ tataḥ || 24-iti tantrāntarokto mantraḥ ||]
jṛmbhaṇāntaṃ tyaktaparśvaṃ yātrāvāraṇarohakam || 24-5 ||
Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit den König der Mantras, große Göttin, Geliebte: Das Ende von »jṛmbhaṇa«, ohne den seitlichen Bestandteil, steigt auf den die Reise Hemmenden. [Verschlüsselte Lautanweisung.] Die eingeschobene Lesart aus einem anderen Tantra erklärt: »Den Anna-Laut, große Göttin, mit dem Mahi-Laut verbunden; den Nna-Laut und ›gib mir‹, mit dem Anfang der Vokale versehen; [unsichere Lautfolge] Anadhi-Lohita, Göttin, mit dem Wort ›taye‹; dann ›meine Speise‹ und ›gewähre‹. So lautet das in einem anderen Tantra genannte Mantra.« Die unklare Lautfolge wird nicht zu einer vollständigen Formel ergänzt.
24.6 vāmākṣisaṃyutaṃ devi bindusaṃyutamuttamam |
prathamaṃ bījametaddhi kathitaṃ parameśvari || 24-6 ||
Verbunden mit dem linken Auge und Bindu, Göttin, ist dies das vortreffliche erste Bija, das hier erklärt wurde, höchste Herrin.
24.7 tataśca lohitaṃ devi svarādyena vibhūṣitam |
annavarṇaṃ mahādevi makāraikārasaṃyutam || 24-7 ||
Danach folgt der rote Laut, Göttin, geschmückt mit dem ersten Vokal; der Anna-Laut, große Göttin, verbunden mit »ma« und »ī«.
24.8 nānnavarṇaṃ mahādevi svarādyena vibhūṣitam |
tataśca parameśāni tripadaṃ sarvagopanam || 24-8 ||
Dann der Nanna-Laut, große Göttin, geschmückt mit dem ersten Vokal; danach, höchste Herrin, die aus drei Wörtern bestehende, gänzlich geheime Formel. [Lautfolge und Worttrennung sind unsicher.]
24.9 mantraṃ guptaṃ maheśāni vahnijāyāvadhisthitam |
mantrametanmaheśāni haṭhāt siddhipradāyakam || 24-9 ||
Dieses geheime Mantra, große Herrin, endet mit der Bezeichnung der Gattin des Feuers [Svaha]. Es verleiht rasche Vollendung.
24.10 dhyānapūjādikaṃ sarvaṃ kathitaṃ pūrvakalpake |
śatanāma pravakṣyāmi sarvasārasvatapradam || 24-10 ||
Meditation, Verehrung und alles Weitere wurden im früheren Ritual erklärt. Nun verkünde ich die hundert Namen, die sämtliche Gaben der Sarasvati schenken.
24.11 binā yena mahādevīmannadāṃ bhajate naraḥ |
śatavarṣasahasreṇa tasya siddhirna jāyate || 24-11 ||
Wer die große Göttin Annada ohne diese verehrt, erlangt auch in hunderttausend Jahren keine Vollendung.
24.12 tasmāt sarvaprayatnena sāvadhānāvadhāraya |
nāmnāṃ sahasraṃ kathitaṃ paramaṃ tava sundari || 24-12 ||
Deshalb höre mit aller Sorgfalt aufmerksam zu. Die höchste Sammlung von tausend Namen wurde dir erklärt, du Schöne.
24.13 idānīṃ śṛṇu deveśi annadāśatanāmakam |
yasmāt parataraṃ nāsti tantramadhye maheśvari || 24-13 ||
Nun höre die hundert Namen Annadas, Herrin der Götter. Nichts im Tantra steht höher als sie, große Herrin.
24.14 annadā paramā māyā mahādevī śivapriyā |
bhavānī jagatāmādyā prāṇadā prāṇavallabhā || 24-14 ||
Annada, die Nahrungsspendende; die höchste Maya; die große Göttin; die Geliebte Shivas; Bhavani; der Ursprung der Welten; die Lebensspenderin; die dem Leben Geliebte.
24.15 jagajjīvamayī (10) gaurī trayī vedamayī parā |
kāśīpuranivāsā ca kāśīpuravināśinī || 24-15 ||
Die das Leben der Welt verkörpert; Gauri; die Dreiheit der Veden; die aus den Veden besteht; die Höchste; die in der Stadt Kashi wohnt; die Stadt Kashi vernichtet. [Der letzte Name steht so in der Überlieferung.]
24.16 kailāsanilayā kālī kalpajñā kalpadā (20) śubhā |
mahādevaprapūjyā ca mahādevaratāturā || 24-16 ||
Die auf dem Kailasa wohnt; Kali; die Kennerin der Weltalter und Ritualordnungen; die Weltalter beziehungsweise Ritualordnungen schenkt; die Heilvolle; die von Mahadeva Verehrte; die nach Liebesvereinigung mit Mahadeva Verlangende.
24.17 pāyasānnapriyā devī pīnonnatapayodharā |
trivalīvalayopetā nayanottamasattamā || 24-17 ||
Die Göttin, die Milchspeise liebt; die mit vollen, hohen Brüsten; die mit drei Bauchfalten geschmückt ist; die vortrefflichste mit herrlichen Augen.
24.18 annapātradhṛtānantā (30) annaveṣanatatparā |
gaṅgā gayā viśālākṣī viśālarūpayauvanā || 24-18 ||
Die eine Speiseschale trägt; die Unendliche; die sich dem Austeilen von Nahrung widmet [Lesung unsicher]; Ganga; Gaya; die Weitäugige; die von großer Schönheit und Jugend.
24.19 madonmattā svarūpāṅgī pūrṇacandranibhānanā |
śivaprāṇā śivaratā (40) sadāśivamahāghanā || 24-19 ||
Die von Rausch Ergriffene; die ihren eigenen Leib als ihre Wesensgestalt hat; die mit Vollmondantlitz; die Leben Shivas ist; die Shiva liebt; die große Dichte Sadashivas. [Der letzte Name ist ungewöhnlich und unsicher.]
24.20 mahādevapriyā sādhvī satī kāmālasā priyā |
komalāṅgī kāmakalā kalā kāṣṭhā (50) yaśasvinī || 24-20 ||
Die Geliebte Mahadevas; die Tugendhafte; die Getreue; die in Liebe Träge; die Geliebte; die Zartgliedrige; Kamakala; die Teilkraft; der Zeitabschnitt Kashtha; die Ruhmreiche.
24.21 praphullapadmavadanā tathā padmālayā śivā |
bhavānī bhavanaprītā padmāsanasamāśrayā || 24-21 ||
Die mit einem Antlitz wie ein erblühter Lotos; die im Lotos wohnt; die Heilvolle; Bhavani; die sich an ihrer Wohnstatt erfreut; die auf dem Lotossitz ruht.
24.22 veṣṭitā siddhagandharvaiḥ saṃstutā ṛṣibhistathā |
śivena saha saṃviṣṭā (60) śivakrīḍanatatparā || 24-22 ||
Die von Siddhas und Gandharvas umgeben und von Rishis gepriesen wird; die mit Shiva zusammensitzt; die sich ganz dem Spiel mit Shiva hingibt.
24.23 yuvatī yauvanaprītā nityayauvanatatparā |
sadā ṣoḍaśavarṣīyā sadāśivamanoramā || 24-23 ||
Die Jugendliche; die Jugend liebt; die immerwährender Jugend hingegeben ist; die stets Sechzehnjährige; die Sadashivas Herz erfreut.
24.24 cārurūpadharā cāruvaktrā cāruparākramā |
cārvaṅgī (70) kanakāṅgī ca kanakoparisaṃsthitā || 24-24 ||
Die von schöner Gestalt; die mit schönem Antlitz; die von herrlicher Kraft; die Schönleibige; die Goldgliedrige; die auf Gold ruht.
24.25 annapūrṇā sadāpūrṇā bhūṣaṇā svarṇakaṅkaṇā |
bhaktaprāṇā bhaktaratā bhaktabhojanatatparā || 24-25 ||
Annapurna, die Fülle der Nahrung; die immer Erfüllte; die Schmückende; die mit goldenen Armreifen; die das Leben ihrer Verehrenden ist; die ihre Verehrenden liebt; die sich ihrer Ernährung widmet.
24.26 ājyapriyā (80) virūpākṣī kākapakṣadharā śubhā |
śubhadā śobhanā śuddhā niṣkalā paramāgatiḥ || 24-26 ||
Die Ghee liebt; die mit außergewöhnlichen Augen; die mit seitlichen Haarlocken; die Heilvolle; die Heil schenkt; die Schöne; die Reine; die Ungeteilte; das höchste Ziel.
24.27 dīnapriyā dīnaratā (90) dīnabhojanatatparā |
sādhakapremasaṃpannā sādhakābhītidāyinī || 24-27 ||
Die die Armen liebt; die den Bedrängten zugewandt ist; die sich der Ernährung der Bedürftigen widmet; die voller Liebe zu den Übenden ist; die ihnen Furchtlosigkeit schenkt.
24.28 sādhakaiḥ saha saṃviṣṭā sādhakaprematoṣitā |
sādhakānandadātrī ca sādhakapremagocarā || 24-28 ||
Die bei den Übenden weilt; die sich an ihrer Liebe erfreut; die ihnen Wonne schenkt; die durch ihre Liebe erfahrbar wird.
24.29 jagaddhātrī jagattrātrī jagatāṃ jayakāriṇī (100) |
iti te kathitaṃ divyamannapūrṇāśataṃ śubham || 24-29 ||
Die Trägerin der Welt; die Beschützerin der Welt; die den Welten Sieg verleiht. So habe ich dir die göttlichen, heilvollen hundert Namen Annapurnas verkündet.
24.30 yaḥ paṭhet prātarutthāya sa bhavet parameśvaraḥ |
daridro labhate devi sarvasaṃpattimeva ca || 24-30 ||
Wer sie nach dem morgendlichen Aufstehen rezitiert, wird dem höchsten Herrn gleich. Der Arme erlangt, Göttin, sämtliche Güter.
24.31 arogī jāyate subhru! sarvaśāstrārthavidbhavet |
annacintā tasya vaṃśe na jāyate sureśvari || 24-31 ||
Er wird frei von Krankheit, du Schönbrauige, und versteht den Sinn aller Lehrwerke. In seiner Familie entsteht keine Sorge um Nahrung, Herrin der Götter.
24.32 sa bhavet parameśāni trailokyavijayī prabhuḥ |
vandhyāpi labhate putraṃ kanyā vindati satpatim || 24-32 ||
Er wird zum mächtigen Sieger über die drei Welten, höchste Herrin. Selbst eine unfruchtbare Frau erlangt der Verheißung zufolge einen Sohn, eine unverheiratete Frau einen guten Gemahl.
24.33 paṭhanāddhāraṇād vāpi naro sarvamayo bhavet |
guhyād guhyataraṃ stotraṃ sarvatantreṣu gopitam || 24-33 ||
Durch Rezitation oder Tragen der Namen wird der Mensch zu einem alles umfassenden Wesen. Dieser Lobpreis ist geheimer als das Geheime und in allen Tantras verborgen.
24.34 tava snehād varārohe prakāśitamidaṃ puraḥ |
na prakāśyaṃ mahādevi na prakāśyaṃ kadācana || 24-34 ||
Aus Liebe zu dir wurde er hier offenbart, du Schönhüftige. Er darf nicht öffentlich preisgegeben werden, große Göttin, niemals preisgegeben werden.
24.35 madbhaktāya maheśāni prakāśamupapādaya |
vyāsādayo vaśiṣṭhādyāḥ sarve ca tadupāsakāḥ || 24-35 ||
Meinem Verehrenden aber mache ihn zugänglich, große Herrin. Vyasa, Vasishtha und die anderen sind alle ihre Verehrer.
24.36 ekānnapūrṇā deveśi rūpabhedādanekadhā |
kālī tārā mahāvidyā cānnadā parameśvarī || 24-36 ||
Annapurna ist eine einzige, Herrin der Götter, und durch verschiedene Gestalten doch vielfältig: Kali, Tara, die große Vidya und Annada, die höchste Herrin.
24.37 etā vidyā mahādevi siddhavidyāḥ kalau yuge |
anekajanmasaubhāgyād yadyetāḥ parameśvari || 24-37 ||
Diese Vidyas sind im Kali-Zeitalter vollendete Vidyas, große Göttin. Wenn Menschen durch das Glück vieler Geburten diese, höchste Herrin —
24.38 prāpnuvanti varārohe teṣāṃ puṇyaphalaṃ śṛṇu |
yadi bhāgyavaśenaiva etāsāṃ sadupāsakaḥ || 24-38 ||
erlangen, höre die Frucht ihres Verdienstes, du Schönhüftige. Wer durch glückliche Fügung zu ihrem wahrhaften Verehrer wird —
24.39 sa kaviḥ saca vijñānī saca sādhakasattamaḥ |
etanmantragrahādeva siddho bhavati mānavaḥ || 24-39 ||
ist Dichter, ist ein Mensch unmittelbarer Erkenntnis und ein vortrefflicher Übender. Schon durch den Empfang dieser Mantras gelangt ein Mensch zur Vollendung.
24.40 etanmantraṃ samādāya dharmakāmārthamuktiṣu |
nāsādhyaṃ menire devi sādhakāḥ vītamatsarāḥ || 24-40 ||
Die vom Neid freien Übenden, die diese Mantras empfangen haben, hielten hinsichtlich Dharma, Wunscherfüllung, Wohlergehen und Befreiung nichts für unerreichbar, Göttin.
24.41 aiśvaryeṇa mahādevi kubera iva jāyate |
ya etāḥ pūjayennityaṃ pratyahaṃ bhaktibhāvataḥ || 24-41 ||
An Herrlichkeit wird man Kubera gleich, große Göttin. Wer diese Göttinnen täglich, Tag für Tag mit hingebungsvoller innerer Haltung verehrt —
24.42 tasyaivajñākarāḥ sarve siddhayoṣṭau bhavanti hi |
tasyaiva dhanasaṃpattiṃ dṛṣṭvaiva parameśvari || 24-42 ||
dessen Anweisungen folgen die acht Vollendungen. Wenn man die Fülle seines Reichtums sieht, höchste Herrin —
24.43 indro'pi parameśāni tiraskṛta ivāparaḥ |
tasyaiva jananī dhanyā pitā tasya surottamaḥ || 24-43 ||
erscheint selbst Indra daneben wie zurückgesetzt, große Herrin. Gesegnet ist seine Mutter, sein Vater gleicht dem höchsten der Götter.
24.44 saṃpradāyavidāṃ vaktrād ya etā vetti tattvataḥ |
etāsāṃ jñānamātreṇa kulakotīḥ samuddharet || 24-44 ||
Wer diese Vidyas aus dem Mund von Kennern der Überlieferung ihrem Wesen nach erkennt, erhebt allein durch ihre Erkenntnis Millionen von Familienlinien.
24.45 nandanti pitaraḥ sarve gāthāṃ gāyanti te mudā |
api cāsmatkule kaścit kulajñānī bhaviṣyati || 24-45 ||
Alle Ahnen freuen sich und singen froh: »Möge in unserer Familie einmal ein Kenner des Kula geboren werden!«
24.46 eṣṭavyā bahavaḥ putrā yadyapyekaḥ kulaṃ vaset |
kiṃ gayāpiṇḍadānena kiṃ kāśīgamanena ca || 24-46 ||
Viele Söhne mögen gewünscht werden, wenn doch wenigstens einer im Kula lebt. Was bedarf es dann der Speiseopfer in Gaya oder der Reise nach Kashi —
24.47 yadi bhāgyavaśenaiva kālīṃ sarasvatīṃ śive |
annapūrṇāṃ mahādevīṃ pūjayati gṛhāṅgane || 24-47 ||
wenn man durch glückliche Fügung Kali, Sarasvati und die große Göttin Annapurna im eigenen Haus verehrt, Heilvolle?
24.48 sa brāhmaṇaḥ sa vedajñaḥ sa vaśī saca sādhakaḥ |
sa tīrthavāsī pīṭhānāṃ caturthāśramiṇo yathā || 24-48 ||
Ein solcher ist Brahmane, Vedakenner, Selbstbeherrschter und Übender. Er lebt wie ein Bewohner heiliger Orte und Sitze, wie einer im vierten Lebensstand.
24.49 sa saṃnyāsī mahāyogī jīvanmukto bhaviṣyati |
pāpaṃ puṇyaṃ mahādevi tasya nāsti varānane || 24-49 ||
Er wird zum Entsagenden, zum großen Yogi und zum zu Lebzeiten Befreiten. Für ihn bestehen Verdienst und Verfehlung nicht mehr, große Göttin, du Schönantlitzige.
24.50 hiṃsādijanito doṣo nāstyeva varavarṇini |
api cet tvatsamā nārī matsamaḥ puruṣo yadi || 24-50 ||
Auch der aus Gewalt und anderem entstandene Makel besteht für ihn nicht, du Schönfarbige. Wenn es eine Frau gäbe, die dir gleicht, und einen Mann, der mir gleicht —
24.51 etāsāṃ siddhavidyānāṃ samo mantro'sti vai tadā |
mantraṃ saṃtyajya cānyeṣāṃ etanmantraṃ samāśrayet || 24-51 ||
dann könnte es ein Mantra geben, das diesen vollendeten Vidyas gleichkäme. Man lasse andere Mantras beiseite und nehme bei diesen Mantras Zuflucht.
24.52 koṭīnāṃ tisṛṇāṃ madhye tantrasāraṃ prakāśitam |
yaduktaṃ parameśāni tatkartavyamaharniśam || 24-52 ||
Aus dreißig Millionen wurde die Essenz der Tantras offenbart. Was hier gesagt wurde, höchste Herrin, soll Tag und Nacht verwirklicht werden.
24.53 etat tantraṃ maheśāni yadgṛhe tiṣṭhati priye |
matsāṃnidhyaṃ maheśāni tatra tiṣṭhati niścitam || 24-53 ||
Wo dieses Tantra im Haus weilt, große Herrin, Geliebte, dort besteht gewiss meine Gegenwart.
24.54 sarvavidyā bhavatyeva saṃśayo nāsti kaścana |
aiśvaryaṃ rogarāhityaṃ sadā bhavati tadgṛhe || 24-54 ||
Dort stellt sich jegliches Wissen ein, daran besteht kein Zweifel. Herrlichkeit und Freiheit von Krankheit sind der Verheißung zufolge stets in diesem Haus.
24.55 ahaṃ śivaḥ parātmā ca vimātā tu maheśvarī |
sarvameva maheśāni kathitaṃ durlabhaṃ śive || 24-55 ||
Ich bin Shiva und das höchste Selbst; die große Herrin aber ist »vimātā« [wörtlich: Stiefmutter; im Zusammenhang eine unsichere Lesung]. Alles schwer Erlangbare ist dir nun verkündet, große Herrin, Heilvolle.
iti śrībṛhannīlatantre sarvatantrottamottame bhairavabhairavīsaṃvāde (annadāmantroddhāraśatanāmatantramāhātmyanirūpaṇaṃ) caturviṃśaḥ paṭalaḥ || 24 ||
samāptaṃ cedaṃ śrībṛhannīlatantram |
So endet im ehrwürdigen Brihannila Tantra, dem höchsten unter allen Tantras, im Gespräch zwischen Bhairava und Bhairavi, das vierundzwanzigste Kapitel: die Gewinnung von Annadas Mantra, die Darlegung ihrer hundert Namen und der Größe des Tantra. Damit ist das ehrwürdige Brihannila Tantra abgeschlossen.
pañcāṅkanandaśaśi (1995) saṃmitavaikrame'bde
śrīnīlatantrakamaśeṣasutantrasāram |
śrībhairavāgamamahābdhimahārgharatnaṃ
saṃskṛtya śuddhipadapāṭhasumīlanādyaiḥ || 1 ||
Im Vikrama-Jahr 1995 wurde dieses ehrwürdige Nila-Tantra, die Essenz aller guten Tantras und ein kostbares Juwel im großen Ozean von Bhairavas Offenbarung, durch Reinigung und Zusammenführung der Wortlesungen und weitere Bearbeitung vorbereitet —
prācīnahastalikhitānapi jīrṇabhūyo
granthān prayatnavaśato'nuvidhṛtya labdhān |
audāryavīryasubhagatvaguṇasphuracchrī-
rājādhirāja harisiṃhanṛpānuśiṣṭyā || 2 ||
— nachdem man mit großer Mühe auch alte, vielfach beschädigte Handschriften aufgefunden und herangezogen hatte, auf Weisung des Königs der Könige Hari Singh, dessen Herrlichkeit durch Freigebigkeit, Kraft und Vorzüglichkeit erstrahlt —
uccaiḥ padādhikṛtibhājana kākajāti-
śrīrāmacandravibudhādhikṛtiprabandhe |
saṃpādya śāstri śivanāthasahāyabhājā
prākāśi śāstriharabhaṭṭa vipaścitedam || 3 ||
— unter der Amtsleitung des hochrangigen Gelehrten Shri Ramacandra aus dem Geschlecht der Kaks. Mit Unterstützung von Shastri Shivanatha wurde es vom Gelehrten Shastri Harabhatta herausgegeben und veröffentlicht. [Die drei zusammenhängenden Schlussverse gehören zur Editionsüberlieferung.]
Spirituelle Bedeutung des Brihannila Tantra
Das Menschenbild dieser Schrift ist zugleich verkörpert und auf Befreiung ausgerichtet. Stimme, Atem, Aufmerksamkeit, Vorstellungskraft und rituelle Geste können zu Orten der Begegnung mit Shakti werden. Der Leib erscheint als ein Raum, in dem sich die göttliche Kraft vergegenwärtigen lässt. Erkenntnis betrifft darum nicht nur begriffliches Denken; sie verändert die Beziehung zum eigenen Leben.
Eine wesentliche Einsicht lautet: Regelmäßigkeit braucht Lebendigkeit. Der Text nimmt Wiederholungszahlen und genaue Vorschriften ernst, widerspricht aber selbst der Vorstellung, ihre bloße Erfüllung genüge. Japa soll Bewusstsein sammeln, nicht mechanisches Zählen belohnen. Die Frage »Mit welcher Haltung übe ich?« wird dadurch ebenso bedeutsam wie die Frage nach Dauer und Form der Übung.
Die Einheit der Göttin bedeutet nicht, dass alle ihre Erscheinungen dieselbe Stimmung ausdrücken. Tara rettet, Kali erschüttert erstarrte Sicherheiten, Sarasvati erschließt Sprache und Wissen, Annapurna nährt. Zusammen geben sie ein weites Bild spiritueller Reifung: Klarheit, Mut, Ausdruckskraft und Fürsorge gehören zusammen. Gerade der Schluss mit der Nahrung spendenden Mutter verhindert eine Verengung auf außergewöhnliche Kräfte.
Auch die Erkenntnis des einen Selbst löscht die Vielfalt der Erfahrung nicht einfach aus. Kapitel 20 beschreibt, wie derselbe Atman in verschiedenen Körpern erscheint und durch Zuschreibungen als geboren, alt, wissend, gebunden oder befreit aufgefasst wird. Die Einladung besteht darin, diese Zuschreibungen zu durchschauen, ohne die lebendigen Gestalten der Welt zu verachten.
Anregungen für heutige Aspiranten
Bewusste Sprache Vor einer Mantrawiederholung oder einem wichtigen Gespräch kann man sich sammeln und fragen: Ist meine Rede wahrhaftig, klar und hilfreich? Nila-Sarasvati verbindet sprachliche Kraft mit der Überwindung innerer Stumpfheit.
Eine lebendige tägliche Praxis Eine überschaubare, regelmäßig ausgeführte Sadhana kann helfen, die Verbindung zu vertiefen. Die inspirierenden Verse über Bhava ermutigen, den Sinn der Übung wachzuhalten und gelegentlich innezuhalten: Ist das Herz beteiligt?
Hingabe und Verantwortung Bhakti kann sich im Gebet ausdrücken, aber auch in der Bereitschaft zu lernen, eigene Irrtümer zu erkennen und anderen beizustehen. Die Zuwendung Annapurnas zu den Bedürftigen bietet hierfür ein besonders konkretes Bild.
Erkenntnis im Alltag Hören, Nachdenken und Meditation bilden eine zusammenhängende Bewegung. Eine Aussage über das eine Selbst kann zunächst verstanden, dann im eigenen Erleben geprüft und schließlich in stiller Betrachtung vertieft werden. Die vergleichende Lektüre von Vijnana Bhairava Tantra, Pratyabhijnahridaya und Paramarthasara eröffnet weitere Zugänge, ohne deren Lehren mit diesem Werk gleichzusetzen.
Siehe auch
- Brihannila Tantra Sanskrit Devanagari
- Brihannila Tantra 108 Verse und Mantras
- Kularnava Tantra
- Niruttara Tantra
- Yogini Hridaya
- Nitya Shodashikarnava
- Vamakeshvara Tantra
- Kubjikamata Tantra
- Tantrasadbhava
- Brahma Yamala
- Jayadratha Yamala
- Tantraloka
- Tantrasara
- Vijnana Bhairava Tantra
- Pratyabhijnahridaya
- Tara
- Kali
- Annapurna
- Shaktismus
Literatur und Weblinks
- Madhusudan Kaul (Hrsg.): Bṛhannīlatantra. Srinagar 1941; bibliographische Angabe nach dem Muktabodha-Katalogeintrag M00116.
- Muktabodha Indological Research Institute: Bṛhannīlatantra, elektronischer Sanskrittext M00116, Revision vom 17. September 2008. Transkription durch die Mitarbeiter des Instituts unter Aufsicht von Mark S. G. Dyczkowski.
- Digitalisat einer Sanskritausgabe des Brihannila Tantra.
- Yoga: Grundlagen und Praxis.
- Meditation: Einführung und Vertiefung.
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Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Grundlage ist die elektronische Sanskritausgabe des Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00116, in lateinischer Umschrift und Devanagari; Revision vom 17. September 2008. Als Herausgeber nennt der Datensatz Madhusudan Kaul, als Erscheinungsjahr 1941 und als Erscheinungsort Srinagar. Die elektronische Transkription entstand unter Aufsicht von Mark S. G. Dyczkowski.
Die elektronische Vorlage trägt die Lizenz Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell 4.0. Dieser Herkunfts- und Lizenzhinweis gilt insbesondere für die übernommenen Sanskrittexte. Bearbeitungen umfassen die Wiki-Gliederung, Entfernung gedruckter Seitenverweise, typographische Zeilenumbrüche und, in der Devanagari-Ausgabe, die Darstellung der Ziffern in indischer Schrift. Eine neue kritische Edition wird damit nicht beansprucht.
Die Schriftfassungen stimmen in der Folge der Kapitel und Versmarkierungen überein. Dies belegt keine unabhängige Bestätigung jeder Lesart. Beide enthalten dieselben auffälligen Schreibungen, Varianten und Lücken. Varianten in eckigen Klammern sowie unsichere Ergänzungen in runden Klammern bleiben im Sanskrit erhalten. Angaben wie »kha pāṭhaḥ« bezeichnen eine Lesart der mit »kha« bezeichneten Textgrundlage. Mit Punkten angezeigte Lücken bleiben offen; insbesondere sind 11.58 und 11.92 nur teilweise überliefert, und bei 11.3 wird bereits in der Vorlage eine Lücke vermerkt.
Kapitel 17 enthält einen als »7« statt »17-7« bezeichneten Vers. Zwischen 17.64 und 17.66 steht erneut die Nummer »17-35«; sie wird in der Zuordnung der deutschen Übersetzung als 17.65 geführt, während die ursprüngliche Schlussnummer erhalten bleibt. Die Nummer 17.81 ist nicht vorhanden; aus dem Nummernsprung allein lässt sich kein sicherer Textverlust folgern. Diese Ausgabe enthält 2.838 Übersetzungen nummerierter Texteinheiten und 14 gekennzeichnete Inhaltsangaben. Insgesamt sind 2.852 mit einer Versschlussnummer versehene Texteinheiten vorhanden, einschließlich des verkürzt nummerierten Verses 17.7. Daneben stehen unnummerierte Formeln, Übergangszeilen, Kolophone und drei Schlussverse der Herausgeberüberlieferung.
Die Verse 6.31–44 verbinden ausdrücklich genannte Minderjährige mit sexualisierten Ritualhandlungen. Diese Passage wird in beiden Schriftfassungen nicht wörtlich wiedergegeben; an ihre Stelle treten gekennzeichnete, nichtgrafische Inhaltsangaben. Die Nummerierung bleibt erhalten.
Die deutsche Übersetzung erhält ansonsten auch ungewöhnliche Angaben und widersprüchliche Aussagen. Unsicherheiten werden an der jeweiligen Stelle benannt. Buchstabenrätsel zur Gewinnung von Mantras werden nicht ohne ausreichenden Beleg zu vollständigen Rezitationsformeln ergänzt. Technische Schlüsselwörter wie Vidya, Kula oder Bhava haben mehrere Bedeutungen; ihre Wiedergabe folgt dem jeweiligen Zusammenhang. Die Bedeutungen von Vidya reichen von Wissen über Mantra bis zur Göttin als Mantramacht.
Die als »tausend Namen« bezeichnete Kali-Hymne setzt in 22.146 eine Zählmarke 1000 und endet in 22.162 mit der Marke 1100. Der traditionelle Titel bleibt erhalten; die Namenszählung wird nicht stillschweigend korrigiert. Die drei editorischen Schlussverse nennen das Vikrama-Jahr 1995 und weitere an der Ausgabe Beteiligte. Diese Angabe steht neben dem Erscheinungsjahr 1941 der elektronischen Katalogbeschreibung.
Einleitende Deutungen und heutige Praxisanregungen sind von den Aussagen des übersetzten Textes zu unterscheiden. Bei traditionellen Fruchtverheißungen bleibt der religiöse Aussagecharakter maßgeblich.