Siddhayogeshvarimata

Aus Yogawiki

Das Siddhayogeshvarimata (Sanskrit सिद्धयोगेश्वरीमत siddhayogeśvarīmata n.) führt in eine Welt, in der Sprache göttliche Kraft trägt, der Körper zum Ort der Verehrung wird und Yoginīs als machtvolle Vermittlerinnen spiritueller Erkenntnis erscheinen. Im Mittelpunkt stehen Bhairava und die drei Göttinnen Parā, Parāparā und Aparā. Wer diese frühe tantrische Schrift studiert, begegnet einer eindrucksvollen Vielfalt: Buchstaben werden im Körper vergegenwärtigt, die Göttin erscheint als lebensspendender Nektar, poetische Rede wird zur Gabe der Verehrung, und das Verhältnis zwischen Übenden und Yoginīs entscheidet über den Zugang zur Lehre.

Śiva und Pārvatī: ergänzendes Motiv des göttlichen Lehrgesprächs; keine historische Darstellung einer bestimmten Szene des Siddhayogeśvarīmata, siddhayogeśvarīmata.

Für erfahrene Yoga-Praktizierende liegt der Gewinn gerade in der Begegnung mit einem fremden historischen Horizont. Meditation und Mantra erscheinen hier zusammen mit Einweihung, Götterverehrung, Verpflichtungen, ungewöhnlichen Körpervorstellungen und erhofften Siddhis, besonderen Fähigkeiten. Die Schrift enthält zugleich Rituale der Schädigung, Tier- und Fleischbezüge, Alkohol sowie körperlich sexuelle Praktiken. Die Hauptübersetzung bewahrt diese Aussagen. Die gesonderte Praxisauswahl richtet sich dagegen nach ihrem ausdrücklich erläuterten spirituellen Rahmen.

Weitere Seiten dieser Ausgabe: 108 Verse und Mantras · Sanskrit in Devanagari

Name und Werkidentität des Siddhayogeshvarimata

Der hier verwendete Titel lautet Siddhayogeśvarīmata, in Devanagari सिद्धयोगेश्वरीमत. Die verbreitete Schreibweise Siddhayogesvarimata gibt denselben Titel ohne diakritische Zeichen wieder. Mata bedeutet „Lehre“; Yogeśvarī ist eine weibliche „Herrin des Yoga“ und wird in diesem Zusammenhang für eine Yoginī gebraucht. Siddha kann „vollendet“ oder „mit außerordentlichen Kräften ausgestattet“ heißen. „Lehre der machtvollen Yoginīs“ gibt deshalb einen wesentlichen Sinn des Titels wieder. Gemeint ist eine Lehre über diese Wesen, aber auch eine durch sie vermittelte Überlieferung. Eine Yoginī ist hier keineswegs immer einfach eine Frau, die Yoga übt.

In den Quellen begegnen auch Siddheśvarīmata, Yogeśvarīmata, Siddhāmata, die Kurzbezeichnung Siddhā und Siddhātantra sowie Siddhayogeśvarītantra. Solche Namen müssen jeweils im Textzusammenhang identifiziert werden. Ein ähnlicher Titel allein beweist weder Werkidentität noch die Zugehörigkeit zur erhaltenen Kurzfassung. Die Form Siddhayogeśvarīmata(tantra) im Titel der Dissertation ist eine editorische Bezeichnung. Abweichende Schreibungen wie yogīśvarī bleiben im Sanskritgrundtext erhalten.

Belege: T1999: S. ii–iv, PDF 9–11. [1]

Datierung und religiöser Zusammenhang des Siddhayogeshvarimata

Das Werk gehört zum śivaitischen Mantramārga, dem „Weg der Mantras“, und darin zu den Bhairava- und Göttinnentraditionen. Seine Konzentration auf Yoginīs verbindet es mit dem Vidyāpīṭha. In der Forschung wird es zu den frühen Trika-Schriften gerechnet: Die Dreiheit Parā, Parāparā und Aparā bildet seinen religiösen Mittelpunkt. Die frühen Texte nennen sich jedoch nicht selbst „Trika“; diese Bezeichnung beschreibt ihre gemeinsam erkennbare Dreigöttinnen-Tradition.

Eine Entstehung etwa im 7. Jahrhundert ist ein begründeter Forschungsvorschlag, kein gesichertes Datum. Die Datierung betrifft die Textgeschichte und darf nicht mit dem Alter der erhaltenen Abschriften verwechselt werden. Der genaue Entstehungsort bleibt offen. Die spätere Rezeption in kaschmirischen śivaitischen Werken beweist keine Entstehung in Kaschmir.

Das Siddhayogeśvarīmata lässt sich nicht ohne Weiteres mit der ausgearbeiteten Philosophie Abhinavaguptas, dem Advaita Vedānta oder heutigen Formen des Kundalini Yoga gleichsetzen. Es beschreibt die Gegenwart von Gottheit und Mantra im Körper überwiegend durch Ritual, Vergegenwärtigung und göttliche Wirksamkeit. Törzsöks Untersuchung der Umarbeitung im Timirodghāṭana zeigt, wie spätere kaulische Traditionen ältere Götterbilder und Rituale umgestalten konnten. Eine solche spätere Deutung darf nicht unbemerkt in die frühere Textfassung hineingelesen werden.

Belege: T1999: S. vi–viii, besonders Anm. 33, PDF 13–15; T2012: S. 1–3 und Vergleich der Gottheitsbeschreibungen; TDharma: S. 214. [1][2][3]

Handschriften und verschiedene Textfassungen des Siddhayogeshvarimata

Die erhaltene Kurzfassung des Siddhayogeshvarimata ist in 32 Kapitel gegliedert. Törzsöks Dissertation von 1999 ediert davon 23 Kapitel auf der Grundlage zweier Handschriften, die sie D und N nennt. D wird im Nationalarchiv Kathmandu unter 5-2403 (Śaivatantra 1630; NGMPP A203/6) aufbewahrt. Die 23 Papierfolios sind in Devanagari geschrieben. Die Herausgeberin vermutet eine Abschrift des 20. Jahrhunderts nach einer heute verlorenen älteren Vorlage. Das bleibt eine Aussage der Editionsbeschreibung.

N gehört zur Asiatic Society of Bengal in Kalkutta, Signatur 5465(G), Katalognummer 5948. Die Papierhandschrift in Newari-Schrift umfasst die Folios 2–73; ihr erstes Blatt fehlt. Der Schreibervermerk nennt Anantasiṃha und das Jahr 793 der nepalesischen Ära, das die Herausgeberin etwa 1663 n. Chr. zuordnet. Die vorliegende Ausgabe beruht auf dem Digitalisat der Dissertation und weiteren wissenschaftlichen Veröffentlichungen; sie beansprucht keine eigene Autopsie der Handschriften.

Die in śivaitischen Kommentaren angeführten Zitate bezeugen auch eine abweichende, umfangreichere Textgestalt. Inhalt und Reihenfolge entsprechen nicht durchgehend der Kurzfassung. Welche Fassung in jedem Einzelfall älter ist, lässt sich nicht allein aus ihrer Länge entscheiden. Die im Prāyaścittasamuccaya erhaltenen Auszüge nennen Bījabheda, Cūḍāmaṇitantra beziehungsweise Uttarottara und Trikasārottara. Sie werden hier als gesonderte Zeugnisse wiedergegeben, nicht zu einem vermeintlich ursprünglichen Gesamttext zusammengesetzt.

Die traditionelle Angabe von 1300 in 31.13 und die sehr großen Zahlen der mythischen Überlieferungserzählungen beschreiben nicht den hier nachgewiesenen Bestand. Ebenso wenig werden die unter dem Titel Siddhivīreśvarītantra katalogisierten zwei bengalischen Folios als sichere dritte Handschrift dieses Werkes behandelt: Ihre Identität ist durch die eingesehenen Quellen nicht geklärt.

Belege: T1999: S. iv–vi und lxxix, PDF 11–13 und 86; Anhänge 2, 7–8. [1]

Aufbau und Umfang dieser Siddhayogeshvarimata Ausgabe

Die folgende Kapitelorientierung benennt die im erschlossenen Text erkennbaren Schwerpunkte. Die deutschen Überschriften sind Orientierungshilfen dieser Ausgabe, keine behaupteten überlieferten Sanskrit-Kapiteltitel. „Vollständig ediert“ bedeutet, dass der gesamte betreffende Kapiteltext der benutzten Edition aufgenommen ist; vorhandene Lücken und Verderbnisse bleiben dabei bestehen.

Aus Kapitel 17 und 24 liegen hier nur Kolophone vor. Kapitel 20, 23 und 25–28 sind nur durch die ausdrücklich angegebenen Teilstellen vertreten. Nicht aufgenommene Zwischenverse werden weder als verloren bezeichnet noch durch Inhaltsreferate ersetzt. Die Kurzfassung umfasst 695 Positionen, darunter 649 formal vollständige Verse, 44 Fragmente und zwei nummerierte Lautlisten. Die 64 Positionen des Prāyaścittasamuccaya enthalten 60 vollständige Verse, ein Fragment und drei andersartige Textpositionen. Die übrige Zitatüberlieferung umfasst 121 Einheiten, darunter 95 vollständige Zitateinheiten und 26 Fragmente.

Belege: eigene Abdeckung; T1999 Hauptedition und Anhänge; T2012; T2014W. [1][2][4]

Die vorliegende deutsche Teilausgabe erschließt 23 kritisch edierte Kapitel der Kurzfassung in ihrem jeweils edierten Überlieferungszustand, die teilweise stark beschädigte Transkription von Kapitel 9, einzelne Abschnitte aus weiteren Kapiteln sowie getrennte Zitatüberlieferungen. Sie enthält 880 Textpositionen: 804 formal vollständige Vers- beziehungsweise Zitateinheiten, 71 Fragmente und fünf andersartige nummerierte Positionen. Hinzu kommen 113 unnummerierte Teile. Diese Zahlen bezeichnen keine 804 nachgewiesenen, voneinander unabhängigen Originalstrophen: Die Zitatüberlieferung hat teils keine ursprünglichen Versnummern und enthält auch verwandte Fassungen.


Kapitel Aufgenommener Bereich Inhaltliche Orientierung
1 1–19 Mantra, göttliche Kraft und Unterweisung
2 1–41 Mātṛkā und die drei Göttinnen
3 1–54 Mālinī und die Einsetzung der Laute im Körper
4 1–9 Fünf Gliedermantras
5 1–11 Richtungswächter und Lautzuordnungen
6 1–57 Tägliche Verehrung und Verpflichtungen
7 1–41 Feueropfer und unterschiedliche Ritualziele
8 1–48 Einweihung und Maṇḍala
9 1–21 Beschädigte Transkription zum Feuerkult
10 1–20 Vidyāvrata: vorbereitende Observanz
11 1–12 Parā, Nektar und die Überwindung des Todes
12 1–23 Innere Verehrung und poetische Rede
13 1–22 Vorbereitung und Begegnung mit der Göttin
14 1–5 Aparā-Sādhana
15 1–5 Parā, Āveśa und Siddhis
16 1–52 Vidyārāja, Lautkörper und Mütterkreis
17 nur Kolophone Grundtext nicht erschlossen
18 1–29 Verehrung Parāparās
19 1–25 Körpervergegenwärtigung und Verehrung Aparās
20 24–33; 101–102 Aghoreśvaras Gestalt; weitere Ritualstellen
21 1–48 Vīras, Gesten und Überlieferungsfolgen
22 1–40 Yoginīs und ihre Erscheinungsformen
23 25–26; 27ab Einzelbelege zu Feueropfern
24 nur Kolophone Grundtext nicht erschlossen
25 2; 90d; 93 Berechtigung von Frauen; Fragmente und rekonstruierte Seh-Praxis
26 26–30 Prüfungen zur Erkennung von Yoginīs
27 4; 15cd Zugehörigkeit und Verwandlung
28 22cd; 40a–c; 41; 42ab Berechtigung und mündliche Überlieferung
29 1–51 Yoginīgruppen, Herkünfte und Kennzeichen
30 1–7 Begegnungen und besondere Lautfolge
31 1–13 Bhairavas Lachen und das Erwachen der Mantras
32 1–13 Preis der Lehre und Überlieferungserzählung

Mantra, Sprache und Verkörperung

Im ersten Kapitel des Siddhayogeshvarimata wird die Wirksamkeit von Mantras mit göttlicher Kraft, Unterweisung und der Bereitschaft des Menschen verbunden. Das Wissen um ihre Lautgestalt steht in einem größeren Verhältnis von Überlieferung und Verwandlung. Die Kapitel 2 und 3 entfalten Mātṛkā und Mālinī, unterschiedliche Ordnungen der Sprachlaute. Die Laute werden Gottheiten und Körperstellen zugeordnet. Nyāsa, das „Setzen“ oder „Einsetzen“, macht den Körper zum Ort göttlicher Gegenwart.

Kapitel 16 führt diesen Zusammenhang weiter: Ein Kreis der Mütter und der Lautkörper des Vidyārāja, des „Königs der Vidyās“, verbinden Buchstaben, Gottheiten und Gestalt. Die Sanskritbezeichnungen Vidyā und Mantra überschneiden sich hier; Vidyā bezeichnet unter anderem eine weiblich aufgefasste Mantrakraft. Diese Praxis ist mehr als eine Sammlung austauschbarer Affirmationen. Sie setzt eine bestimmte Ordnung der Laute und einen religiösen Zusammenhang voraus.

Eine besonders ungewöhnliche Perspektive bieten die Zitate zu Tantrāloka 3.220: Kuṇḍalinī erscheint als Ursprung der Welt und der Laute; verschiedene Stufen des Selbst und Orte der Vergegenwärtigung werden beschrieben. Eine Bindugirlande verbindet Klang und seine punktförmigen Gestalten. Diese Zitate gehören zur gesonderten Überlieferung und werden nicht als fehlende Verse eines Kapitels der Kurzfassung ausgegeben. Kapitel 31 verbindet die Entstehung der Mantras mit dem Lachen Bhairavas. Sprache erscheint so zugleich als geordnete Lautfolge und als Ausdruck göttlicher Lebendigkeit.

Belege: Grundtext 1.11–19; 2–3; 16; 31.1–13; T1999: Anhang 8, S. 217–220, Zitate zu Tantrāloka 3.220. [1]

Die drei Göttinnen und die innere Verehrung

Parā, Parāparā und Aparā sind keine bloßen Namen für drei moderne Bewusstseinszustände. Der Text verehrt sie als Göttinnen mit bestimmten Erscheinungsformen, Mantras und Wirkungsbereichen. Ihre Bilder können mild, leuchtend oder erschreckend sein. Die Verbindung von Schönheit und Furchtbarkeit gehört zu diesem religiösen Raum.

In Kapitel 11 des Siddhayogeshvarimata wird Parā im Zusammenhang mit der Überwindung des Todes vergegenwärtigt. Die Kuh Surabhī, Milch und Nektar prägen eine Meditation, in der die Göttin im Inneren wirksam wird. Kapitel 12 richtet eine verwandte Kraft auf Sprache und Dichtung: Nektar, Licht, Kreis und Verehrung bilden einen inneren Vorgang, dessen Frucht der Text als außergewöhnliche Redegabe beschreibt. Das sind zugeschriebene Wirkungen der Schrift, keine zugesicherten Ergebnisse für heutige Leser.

Andere Kapitel zeigen, wie eng Meditation und Ritual verbunden bleiben. Kapitel 19 beschreibt das Zurückziehen der Sinne, die geistige Verbrennung des bisherigen Körpers und die Bildung einer göttlichen Gestalt vor der Verehrung Aparās. Die dargestellte Verbrennung ist an dieser Stelle eine Vorstellungspraxis. Sie darf weder zur körperlichen Selbstverletzung umgedeutet noch als bloße allgemeine Entspannungsübung verharmlost werden. Āveśa, das Ergriffen- oder Durchdrungenwerden durch die Gottheit, ist ein weiterer Leitgedanke; Kapitel 15 verbindet es ausdrücklich auch mit körperlichen Siddhis.

Yoginīs, Frauen und spirituelle Begegnung

Yoginīs bewegen sich in diesem Text zwischen menschlicher und göttlicher Welt. Sie können als Gottheiten, besondere Frauen oder Trägerinnen außergewöhnlicher Kräfte beschrieben werden. Kapitel 22 und 29 entfalten unterschiedliche Erscheinungen, Herkünfte und Kennzeichen. Manche Gestalten sind schön und lichtvoll, andere furchterregend; ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in ihrem äußeren Aussehen.

Der Zugang von Frauen zur Überlieferung ist ausdrücklich belegt. Die Teilstelle 25.2 schließt ausdrücklich auch eine Frau unter den Berechtigten des dort angesprochenen Verfahrens ein. In 28.41 wird auch die Berechtigung von Männern ausgesprochen, ihre Wirksamkeit aber eingeschränkt beschrieben; 28.42ab bezeugt die mündliche Weitergabe in einer Frauenfolge. Diese Aussagen sind für das Verständnis der Tradition wesentlich. Sie beweisen allerdings nicht, wie eine bestimmte historische Gemeinschaft tatsächlich lebte.

Vīra, der „Held“, bezeichnet einen religiös qualifizierten Praktizierenden. Mut besteht in diesem Zusammenhang auch darin, ungewohnter göttlicher Gegenwart standzuhalten. Die Regeln und Prüfungen des Textes gehören jedoch zu einer spezifischen Initiationskultur. Seine Beschreibungen von Frauen sind keine heutige Anleitung, andere Menschen an körperlichen Merkmalen spirituell zu bewerten. Für gegenwärtige Leser kann gerade die Verbindung von Verehrung, Begegnung und der Anerkennung weiblicher Trägerschaft der Lehre nachdenklich machen.

Belege: Grundtext 21–22; 25.2; 28.41–42ab; 29–30; T2014W: S. 339–341 und betreffende Sanskritbelege; P2014: S. 217–239. [4][5]

Verpflichtung, Macht und Verantwortung

Die Samayas sind verbindliche Regeln des eingeweihten Lebens. Kapitel 6 verbindet tägliche Verehrung mit dem Verhältnis zu Lehrer, Lehre, Mitpraktizierenden und Frauen. Die getrennt überlieferten Sühnetexte zeigen, dass auch Verfehlung, Reue und Wiederherstellung eines beschädigten Verhältnisses thematisiert wurden. Solche Regeln sind normative Texte: Aus einer Vorschrift folgt nicht, dass sie von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft eingehalten wurde.

Die erhofften Ziele reichen von Erkenntnis und Erlösung bis zu Wohlstand, Redegabe, Anziehung und Herrschaft. Schädigende Rituale und hierarchische Wertungen stehen ebenfalls im Text. Diese Spannung gehört zur Geschichte des Werkes. Eine verantwortliche heutige Lektüre erkennt sie an und unterscheidet zwischen historischem Verstehen, religiöser Würdigung und eigener Praxisentscheidung.

Belege: Grundtext 6.45–57; 7; 12; gesonderte Prāyaścittasamuccaya-Zitate; TDharma: S. 205–206, 214 ff.. [3]

Ergänzendes Yoga-Vidya-Video: Chakra, Tantra, Kundalini, Energieerfahrungen und spirituelles Bewusstsein. Das Video zeigt einen heutigen Zugang und ist keine Rekonstruktion des Siddhayogeśvarīmata.

Zur Textgestalt und Übersetzung des Siddhayogeshvarimata

Jede Originalposition wird mit Sanskrit in IAST und unmittelbar folgender deutscher Übersetzung wiedergegeben. Die Kapitel- und Verszählung folgt der jeweiligen Leitquelle. Die Nummern 1–64 der Prāyaścittasamuccaya-Auszüge stammen aus Törzsöks Anhang; sie sind keine ursprünglichen Kapitelnummern. Bei Kommentarzitaten werden zitierendes Werk, Kommentarstelle und Anfangswort genannt. Zwischen solchen Zitaten kann weiterer Text gestanden haben, der hier nicht erschlossen ist.

Spitze Klammern kennzeichnen editorische Ergänzungen; <…> bezeichnet eine Lücke. †Dolche† markieren einen verderbten Wortlaut. Als unsicher gekennzeichnete Lesungen bleiben auch in der Übersetzung unsicher. Eckige Klammern in Kapitel 10 kennzeichnen Text, der nur in Handschrift N bezeugt ist; die Vokalerläuterung [–a–] in 3.9 hat eine andere Funktion und ist keine Lücke. Nichtklassische Formen und ungewöhnliche Lautfolgen werden nicht stillschweigend verbessert. Unnummerierte Verehrungen, Sprecherzeilen und Kolophone sind getrennt vom Versbestand aufgenommen.

Die deutsche Übersetzung wurde am eingesehenen Sanskrit erarbeitet; die wissenschaftlichen Übersetzungen und Anmerkungen dienten der Kontrolle. Bei stark beschädigten Stellen steht eine begrenzte Deutung oder eine ausdrückliche Angabe der Unübersetzbarkeit. Die in 25.93 verwendete Rekonstruktion stammt von Törzsök und wird gesondert ausgewiesen. Die Devanagari-Seite ist eine Transliteration desselben geprüften Sanskritbestands, keine neue Handschriftenedition.

Belege: T1999: S. lxxx–lxxxiii; T2012: 25.93; eigene Übersetzungsprüfung. [1][2]

Unterstreichung im Sanskrit bewahrt die als unsicher markierten Lesungen der Leitquelle. Die Zeichen □ und überlieferte Sternmarkierungen bleiben sichtbar. Die Seitenangaben unterscheiden gedruckte Seiten von den Seiten des benutzten PDF-Digitalisats.

Sanskrit und deutsche Übersetzung: Kurzfassung

Kapitel 1 – Mantra, göttliche Kraft und Unterweisung

Aufgenommener Bereich: 1–19. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Eingangsverehrung – vor 1.1, Handschrift D[6]

śrī gaṇeśāya namaḥ

Übersetzung: Verehrung dem erhabenen Gaṇeśa.


Eingangsverehrung – vor 1.1, Handschrift D[6]

oṃ namo mahābhairavāya

Übersetzung: Oṃ. Verehrung dem großen Bhairava.


1.1[6]

aghoraghorarūpāṇi ghoraghoratarāṇi ca /
†sthitāni yasya sūtraṃ tu – – tantrātmam eva ca†

Übersetzung: Milde und schreckliche Gestalten, auch solche, die schrecklicher als das Schreckliche sind, †bestehen in ihm; [er ist?] der Grundfaden … und das Wesen der Tantras†.


Erläuterung: Der zweite Halbvers ist in der Edition als verderbt und lückenhaft markiert. Die ungefähre Deutung verbindet Bhairava mit den Tantras; insbesondere sūtra („Faden“, „Leitsatz“) bleibt unsicher.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

1.2[6]

praṇamya śirasā bhīmaṃ bhairavaṃ bhairavīpriyam /
bhairavīsiddhidātāram ajaṃ viśvaṃ svayaṃbhuvam

Übersetzung: Nachdem sie ihr Haupt vor dem furchtbaren Bhairava geneigt hatte, dem Geliebten Bhairavīs, der die zu Bhairava gehörende Vollendung schenkt, dem Ungeborenen, Allumfassenden und aus sich selbst Seienden,


Erläuterung: Siddhi bezeichnet je nach Zusammenhang Vollendung, erwiesene Mantrawirksamkeit oder außergewöhnliche Fähigkeiten. Die Satzkonstruktion reicht bis1.4. „Dem Geliebten Bhairavīs“ übersetzt die als unsicher markierte Konjektur der Leitquelle.

1.3[6]

mahāvinodanirataṃ devadevaṃ jagadgurum /
svasthānasthaṃ mahāghoram aghoraṃ ghoranāśanam

Übersetzung: der sich der großen Freude hingibt, dem Gott der Götter und Lehrer der Welt, der an seinem eigenen Ort weilt, dem überaus Schrecklichen und zugleich Milden, der das Schreckliche vernichtet,


1.4[6]

bhairavaṃ bhairavī devī praṇipatya samāhitam /
jñānaṃ pṛṣṭavatī samyag bhuktimuktiphalapradam

Übersetzung: warf sich die Göttin Bhairavī vor dem gesammelten Bhairava nieder und fragte ihn eingehend nach dem Wissen, das als Frucht sowohl Lebensgenuss als auch Befreiung gewährt.


Erläuterung: Bhukti meint den Genuss von Lebensmöglichkeiten beziehungsweise außerordentlichen Fähigkeiten; mukti die Befreiung aus Bindung.

Sprecherzeile – vor 1.5[6]

<devy uvāca>

Übersetzung: [Die Göttin sprach:]


1.5[6]

mantratantrāṇi deveśa tvayā proktāny anekadhā /
kleśenāpi na siddhyante <narā> yogādisādhane

Übersetzung: Herr der Götter, du hast die Lehren der Mantras auf vielerlei Weise verkündet. Doch selbst unter Mühen gelangen [die Menschen] bei der Ausübung von Yoga und den anderen Verfahren nicht zur Vollendung.


1.6[6]

vidhināpi na sidhyante pratyayo naiva jāyate /
bhrāmito ’yaṃ tvayā bhāvo yaṣṭavatāṃ maheśvara

Übersetzung: Selbst mit dem vorgeschriebenen Verfahren gelingt es ihnen nicht; ein erkennbares Zeichen stellt sich keineswegs ein. Großer Herr, du hast die Gesinnung derer irregeführt, die Opfer dargebracht haben,


Erläuterung: Pratyaya ist hier ein erkennbarer Wirksamkeitsnachweis. Das ungewöhnliche yaṣṭavatām wird mit der Edition auf das Darbringen von Opfern bezogen. Der Satz wird in1.7 fortgesetzt.

1.7[6]

japatām api yatnena puruṣāṇāṃ suniścayaḥ /
kim ete <na> prasiddhyanti tvatproktā mantranāyakāḥ

Übersetzung: und gewiss auch die der Menschen, die sich bei der Rezitation mühen. Warum entfalten diese führenden Mantras, die du gelehrt hast, [nicht] ihre Wirksamkeit?


1.8[6]

vyāmohitaṃ tvayā sarvaṃ śiṣyāś cānena śaṅkara /
kiṃ te phalaṃ suraśreṣṭha jagadvyāmohane kṛte

Übersetzung: Dadurch hast du alles verwirrt, Śaṅkara, und auch deine Schüler. Was gewinnst du, Bester der Götter, damit, dass du die Welt in Verwirrung versetzt?


1.9[6]

ity uktaḥ sa tayā <devyā> bhairavaḥ suranāyakaḥ /
prahasyovāca bhagavān gambhīrārtham idaṃ vacaḥ

Übersetzung: Als [die Göttin] so zu ihm gesprochen hatte, lächelte Bhairava, der Führer der Götter. Der Erhabene sprach diese Worte von tiefer Bedeutung.


Sprecherzeile – vor 1.10[6]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


1.10[6]

śṛṇuṣvāvahitā devi pṛṣṭo ’haṃ yat tvayādhunā /
nikhilaṃ taṃ pravakṣyāmi vastutattvaṃ yathā sthitam

Übersetzung: Höre aufmerksam, Göttin. Was du mich soeben gefragt hast, werde ich vollständig erklären: die wahre Beschaffenheit der Sache, so wie sie ist.


1.11[6]

mantrāḥ pūrvaṃ mayā devi ye proktāḥ kāmasiddhidāḥ /
te gopitāḥ punaḥ sarve svaśaktyā caiva suvrate

Übersetzung: Göttin, die Mantras, die ich früher lehrte und die Wünsche erfüllen, habe ich alle wieder durch meine eigene Kraft verborgen, du den Gelübden Getreue.


1.12[7]

dṛṣṭvā saṃskārarahitam ajñānānāṃ samantataḥ /
vibhedaṃ samayānāṃ ca kṛtavanto narādhamāḥ

Übersetzung: Denn ich sah überall das Fehlen der reinigenden Weihen bei den Unwissenden und wie niedrig gesinnte Menschen die verbindlichen Regeln gebrochen hatten.


Erläuterung: Saṃskāra bezeichnet hier die rituelle Reinigung und Weihe; samaya die verbindlichen Regeln der Eingeweihten.

1.13[7]

aśeṣām eva mantrāṇām ato vīryaṃ pragopitam /
tena guptena guptās te śeṣā varṇās tu kevalāḥ

Übersetzung: Darum wurde die Wirkkraft sämtlicher Mantras verborgen. Mit dieser verborgenen Kraft sind auch sie verborgen; was übrig bleibt, sind bloße Sprachlaute.


1.14[7]

guptavīryā mahādevi vidhināpi prayojitāḥ /
tena te na prasiddhyanti japtvā koṭiśatair api

Übersetzung: Ihre Wirkkraft bleibt verborgen, große Göttin, auch wenn man sie vorschriftsgemäß anwendet. Deshalb werden sie nicht wirksam, selbst wenn man sie hundert Koṭis Mal rezitiert.


Erläuterung: Eine Koṭi entspricht zehn Millionen; hundert Koṭis sind eine Milliarde. Die Zahl steht im Text als Steigerung der erfolglosen Wiederholung.

1.15[7]

tadgrahaṃ yo ’pi jānāti tathā cātmaparigraham /
guruṃ gurutaraṃ caiva tasya siddhir na dūrataḥ

Übersetzung: Wer aber das Ergreifen jener [Kraft] kennt, ebenso die Annahme des Selbst, den Guru und den Gurutara, für den ist Vollendung nicht fern.


Erläuterung: Tadgraha heißt wörtlich „Ergreifen dessen“ und bezieht sich auf die Mantrakraft. Ātmaparigraha, „Annahme des Selbst“, wird in2.3 an die Einweihung gebunden; Törzsök versteht dies als Befreiung des Selbst. Gurutara („der größere Guru“) wird in2.2 ausdrücklich als Mantra erklärt.

1.16[7]

śaktihīnaṃ guruṃ prāpya kalpoktaphalakāṅkṣiṇaḥ /
abhiyuktā na siddhyanti prayatnenāpi sādhakāḥ

Übersetzung: Wenn Übende, die die in der Rituallehre genannten Früchte wünschen, einen Lehrer ohne diese Kraft aufsuchen, gelangen sie trotz ihres Einsatzes und ihrer Mühe nicht zur Vollendung.


1.17[7]

tasmāt siddhiṃ samanvicchec chivasaṃskāradīkṣitaḥ /
rudraśaktisamāveśaṃ jñātvā tadgraham ācaret

Übersetzung: Wer durch die Weihe Śivas eingeweiht ist, soll deshalb nach Vollendung streben. Er soll das Ergriffenwerden von Rudras Kraft erkennen und dann das Ergreifen jener [Mantrakraft] vollziehen.


Erläuterung: Samāveśa ist hier das Eintreten göttlicher Kraft in einen Menschen, das ihn ergreift. Kapitel2 erläutert die im Text dafür genannten Merkmale.

1.18[7]

na kārakapramāṇādisamayenātra dīkṣitaḥ /
na cājyānalasadbhāvavarjitas tu kathaṃcana

Übersetzung: Hier wird jemand nicht allein durch das Befolgen der Regeln über Ritualgeräte, ihre Maße und Ähnliches eingeweiht; doch ebenso wenig kann dies jemals ohne das Vorhandensein von Opferbutter und Feuer geschehen.


Erläuterung: Kārakapramāṇādi wird hier mit Törzsök auf Ritualgeräte, Maße und weitere äußere Regeln bezogen. Die genaue Bedeutung des Kompositums ist nicht ganz sicher; eine spätere abweichende Lesung wird nicht in den Leittext eingemischt.

1.19[7]

kāmye karmaṇi śasyante mānasā muktikāṅkṣiṇaḥ /
śaive kecid ihecchanti bhairave na kadācana

Übersetzung: Für Handlungen, die bestimmte Wünsche erfüllen sollen, werden [äußere Riten] vorgeschrieben; wer Befreiung begehrt, [soll sie] geistig [vollziehen]: So wünschen es einige im śivaitischen Bereich. In der Bhairava-Lehre gilt dies jedoch niemals.


Erläuterung: Gemeint ist die Frage aus1.18, ob die Einweihung allein geistig vollzogen werden kann. Der Text grenzt dabei seine Bhairava-Lehre von anderen śivaitischen Auffassungen ab.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 1[8]

iti siddhayogīśvare tantre prathamaḥ paṭamaḥ

Übersetzung: So [endet] das erste Kapitel im Siddhayogīśvara-Tantra.


Erläuterung: Die abweichende Titelform und das gedruckte paṭamaḥ bleiben im Sanskrit bewahrt; letzteres wird sinngemäß als Kapitelbezeichnung verstanden.

Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 1; überlieferte Schlussnummer 1[8]

iti siddhayogeśvarītantre prathamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So [endet] das erste Kapitel im Siddhayogeśvarī-Tantra.


Kapitel 2 – Mātṛkā und die drei Göttinnen

Aufgenommener Bereich: 1–41. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Ein Mātṛkā-Cakra als ergänzendes Bild der Verbindung von Laut und Ordnung. Es ist keine Rekonstruktion der Anordnung im Siddhayogeśvarīmata.

Sprecherzeile – vor 2.1[9]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


2.1[9]

yo ’sau tadgraha saṃproktas tathā cātmaparigrahaḥ /
guruṃ gurutaraṃ caiva yair jñātair siddhir iṣyate

Übersetzung: Du hast von jenem Ergreifen gesprochen, ebenso von der Annahme des Selbst, vom Guru und vom Gurutara, deren Kenntnis Vollendung ermöglichen soll …


Erläuterung: Der Fragesatz ist durch eine anschließende Textlücke unterbrochen. Es wird keine fehlende Frageformel ergänzt.

2.2[9]

<…> /

Sprecherzeile – zwischen Lücke 2.2ab und 2.2cd[9]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


mantro gurutaro jñeyo gurur ācārya ucyate

Übersetzung: [Textlücke.] Als Gurutara soll man den Mantra verstehen; Guru nennt man den einweihenden Lehrer.


Erläuterung: Ācārya ist der zur Einweihung befähigte Lehrer. Gurutara bedeutet wörtlich „der gewichtigere beziehungsweise höhere Guru“. Die Antwort beginnt erst nach der Lücke.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

2.3[9]

tena dīkṣitamātrasya bhaved ātmaparigrahaḥ /
tadgrahe mantrasadbhāvaprāptir atra varānane

Übersetzung: Sobald jemand von ihm eingeweiht worden ist, erfolgt die Annahme seines Selbst. Beim Ergreifen jenes [Mantras] wird hier dessen wahres Wesen erlangt, Schöngesichtige.


Erläuterung: Die genaue Bedeutung von ātmaparigraha ist nicht ganz eindeutig: wörtlich die Annahme des Selbst, hier ein Ergebnis der Einweihung; Törzsök übersetzt dies als Befreiung des Selbst.

2.4[9]

rudraśaktisamāveśād divyācaraṇalakṣaṇam /
ācārye lakṣayet tatra tato mantragrahaḥ smṛtaḥ

Übersetzung: Man soll am Lehrer die Merkmale göttlichen Wirkens erkennen, die aus dem Ergriffenwerden von Rudras Kraft entstehen. Dann gilt die Übernahme des Mantras [von ihm] als angebracht.


2.5[9]

rudraśaktisamāveśād ācāryasya mahātmanaḥ /
śaktir utpadyate kṣipraṃ sadyaḥpratyayakāriṇī

Übersetzung: Wenn der hochgesinnte Lehrer von Rudras Kraft ergriffen wird, entsteht in ihm rasch eine Kraft, die sogleich erkennbare Wirkungszeichen hervorbringt.


2.6[9]

prathamaṃ lakṣaṇaṃ proktaṃ rudre bhaktiḥ suniścalā /
dvitīyaṃ mantrasiddhis tu sadyaḥpratyayakārikā

Übersetzung: Als erstes Merkmal wird unerschütterliche Hingabe an Rudra genannt; als zweites die Vollendung durch Mantras, die sich unmittelbar erweist.


2.7[9]

tṛtīyaṃ sarvasattvānāṃ kiṃkurvāṇavidheyatā /
prārabdhakāryaniṣpattiś caturthaṃ lakṣaṇaṃ smṛtam

Übersetzung: Das dritte ist, dass alle Wesen zu dienstbereiter Folgsamkeit gebracht werden; als viertes Merkmal gilt das Vollbringen einer begonnenen Aufgabe.


2.8[9]

kavitvaṃ pañcamaṃ proktaṃ sālaṅkāraṃ manoharam /
paravākśaktistambhaṃ ca lakṣaṇaṃ pañcamaṃ smṛtam

Übersetzung: Als fünftes wird die Fähigkeit zu ansprechender, kunstvoll geschmückter Dichtung genannt; auch das Stillstellen der Redekraft anderer gilt als fünftes Merkmal.


Erläuterung: Der Sanskrittext nennt zweimal das fünfte Merkmal. Diese auffällige Zählung wird bewahrt.

2.9[9]

ācāryasya samākhyātam etal lakṣaṇapañcakam /
evaṃ lakṣaṇasaṃyukto dīkṣābhijño ’tha tattvavit

Übersetzung: Damit sind die fünf Merkmale des Lehrers erklärt. Wer mit diesen Merkmalen ausgestattet ist, versteht sich auf die Einweihung und kennt die Wirklichkeitsebenen,


Erläuterung: Tattva bezeichnet die grundlegenden Ebenen von Welt und Erfahrung. Im Zusammenhang der Einweihung ist ihre Kenntnis gemeint; tattvavit kann allgemeiner auch „Kenner der Wirklichkeit“ heißen.

2.10[9]

guhyamaṇḍalasūtrajño lokānugrahakārakaḥ /
rudraśaktisamāveśād bhaktānāṃ vāñchitapradaḥ

Übersetzung: kennt die Linienführung des geheimen Maṇḍalas und erweist der Welt Gnade. Weil Rudras Kraft ihn ergreift, gewährt er den Hingebungsvollen das Ersehnte.


Erläuterung: Ein Maṇḍala ist hier die rituell angelegte Anordnung von Gottheiten. Die Linienführung gehört zu seinem Aufbau.

2.11[9]

rudraśaktisamāveśo yatrāyaṃ lakṣyate priye /
sa gurur matsamaḥ prokto mantravīryaprakāśakaḥ

Übersetzung: Wer dieses Ergriffenwerden von Rudras Kraft erkennen lässt, Geliebte, wird als Guru bezeichnet, der mir gleich ist und die Wirkkraft der Mantras offenbart.


2.12[10]

labdhvā gurutaraṃ tasmāt tatparigrahasaṃsthitaḥ /
tadbhakto ’cirakālena sarvāvastho ’pi sidhyati

Übersetzung: Hat jemand von ihm den Gurutara empfangen, hält an dessen Aufnahme fest und ist ihm ergeben, so gelangt er in kurzer Zeit zur Vollendung, in welcher Lage er sich auch befindet.


Erläuterung: „Ihm ergeben“ kann sich auf den empfangenen Mantra oder auf den Guru beziehen. Der Sanskrittext legt dies nicht eindeutig fest.

2.13[10]

uktacihnaviparyaste gurau jātaparigrahaḥ /
svayaṃgṛhītamantrāś ca kliśyante svalpabuddhayaḥ

Übersetzung: Wer von einem Lehrer aufgenommen wurde, dessen Merkmale den genannten widersprechen, und wer sich Mantras selbst aneignet: Diese Menschen von geringer Einsicht mühen sich vergeblich.


2.14[10]

evam uktā mahādevī bhairaveṇa mahātmanā /
praṇipatya punar vākyam uvācedaṃ jagadgurum

Übersetzung: Als der hochgesinnte Bhairava dies gesprochen hatte, warf sich die große Göttin erneut nieder und richtete diese Worte an den Lehrer der Welt:


Sprecherzeile – vor 2.15[10]

<devy uvāca>

Übersetzung: [Die Göttin sprach:]


2.15[10]

evam etan mahādeva nānyathā vastu saṃsthitam /
yathā pṛṣṭaṃ tathākhyātam āditaḥ samanukramāt

Übersetzung: So ist es, großer Gott; anders verhält sich die Sache nicht. Was gefragt wurde, hast du von Anfang an der Reihe nach erklärt.


2.16[10]

kiṃ tv etan niṣkalaṃ proktaṃ śāstraṃ suravarārcitam /
guruḥ pradhānaṃ hi mataḥ sa ca lokeṣu durlabhaḥ

Übersetzung: Doch diese von den Besten der Götter verehrte Lehre ist bisher ohne ihre einzelnen Glieder dargelegt. Als das Entscheidende gilt der Guru, und ein solcher ist in den Welten schwer zu finden.


Erläuterung: Niṣkala, wörtlich „ohne Teile“, wird hier im Zusammenhang der Nachfrage als noch nicht im Einzelnen aufgegliedert verstanden. Die Deutung ist kontextabhängig.

2.17[10]

ata ūrdhvaṃ suraśreṣṭha sarvavyājavivarjitam /
sarvasiddhipradaṃ brūhi siddhayogeśvarīmatam

Übersetzung: Lehre nun darüber hinaus, Bester der Götter, das Siddhayogeśvarīmata, das frei von aller Täuschung ist und jede Vollendung gewährt,


2.18[10]

yenopalabdhamātreṇa vratayāgavivarjitāḥ /
akleśenaiva sidhyanti japadhyānaratā narāḥ

Übersetzung: durch dessen bloßes Erlangen Menschen, die sich Rezitation und Meditation widmen, ohne Mühsal zur Vollendung gelangen, auch ohne Observanzen und Opferverehrung.


Erläuterung: Dies ist die Bitte der Göttin. Sie darf nicht ohne die vorherige Forderung nach Einweihung und ohne Bhairavas folgende Erläuterungen als Freistellung von jedem Ritualrahmen verstanden werden.

2.19[10]

ity ukto bhairavīdevyā bhairavo vākyam abravīt /

Sprecherzeile – zwischen 2.19ab und 2.19cd[10]

<bhairava uvāca>

Übersetzung: [Bhairava sprach:]


śṛṇu priye pravakṣyāmi sarvakāmaphalapradam

Übersetzung: So von der Göttin Bhairavī angesprochen, antwortete Bhairava: Höre, Geliebte, ich werde das lehren, was die Frucht jedes Wunsches verleiht:


2.20[10]

siddhayogeśvarīṇāṃ tu mataṃ mantraprasādhanam /
japadhyānasamopetaṃ sadyaḥpratyayakārakam

Übersetzung: die Lehre der Siddhayogeśvarīs, die das Wirksamwerden der Mantras bewirkt, mit Rezitation und Meditation verbunden ist und unmittelbar erkennbare Wirkungszeichen hervorbringt.


2.21[10]

yāvantyaḥ prathitāḥ kāścid yogeśvaryā mahābalāḥ /
tāsāṃ yoniḥ samākhyātā rudraśaktir varānane

Übersetzung: Als Ursprung aller irgendwo hervorgetretenen mächtigen Yogeśvarīs wird Rudras Kraft bezeichnet, Schöngesichtige.


2.22[10]

tayaivodbalitāḥ sattvāḥ krīḍante te ’viśaṅkitāḥ /
sā parāpararūpeṇa vyāpya sarvam idaṃ sthitā

Übersetzung: Durch sie gestärkt, bewegen sich die Wesen in ihrem Spiel ohne Scheu. Mit ihrer höheren und niederen Gestalt durchdringt sie diese ganze Welt und bleibt in ihr gegenwärtig.


Erläuterung: Parāpara kann das Höhere und Niedere beziehungsweise Transzendente und Nichttranszendente zusammen bezeichnen. Der Ausdruck wird zugleich zum Namen einer Hauptgöttin, Parāparā.

2.23[10]

yogeśvarīti vikhyātā tasyā mūrtis tridhā priye /
tāsāṃ bhedaṃ pravakṣyāmi yathā viśve vyavasthitāḥ

Übersetzung: Sie ist als Yogeśvarī bekannt, und ihre Erscheinung ist dreifach, Geliebte. Ich werde ihre Unterscheidungen erklären, wie sie in der Welt bestehen.


2.24[11]

pramṛjyājñānatimiraṃ paśudehe vyavasthitam /
yāḥ śaktayo ’nugṛhṇanti aghorās tāḥ śivapradāḥ

Übersetzung: Die Kräfte, die Gnade erweisen, indem sie die Dunkelheit des Nichtwissens im Leib der gebundenen Seele tilgen, sind die Aghorās, die Milden; sie gewähren den Zustand Śivas.


Erläuterung: Paśu, wörtlich „gebundenes Wesen“ beziehungsweise „Tier“, bezeichnet hier die Seele in ihrer Bindung. Aghorā heißt wörtlich „nicht schrecklich“.

2.25[11]

rudrās tābhir aghorābhiḥ śaktibhiḥ samadhiṣṭhitāḥ /
sadāśivārpitadhiyo bandhanān mocayanty aṇum

Übersetzung: Die Rudras werden von diesen milden Kräften beherrscht. Ihr Denken ist Sadāśiva hingegeben, und sie lösen die Einzelseele aus ihren Fesseln.


Erläuterung: Aṇu, wörtlich „das Kleine“, ist hier die individuelle, begrenzte Seele. Rudras sind die den weiblichen Kräften zugeordneten männlichen Gottheiten.

2.26[11]

<…> /
muktimārganirodhinyo ghoratayā tu tāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: [Textlücke.] Diejenigen, die den Weg zur Befreiung versperren, werden wegen ihres Schreckens [als die Schrecklichen] bezeichnet.


Erläuterung: Der erste Halbvers fehlt. Auch ghoratayā ist eine unsichere editorische Lesung. Die Einordnung als Ghorās ergibt sich aus der dreifachen Gliederung des Abschnitts.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

2.27[11]

āviṣṭāḥ śaktibhis tābhiḥ sargapralayakāriṇaḥ /
krīḍante vai tanau rudrā bālā mṛdvṛṣabhair iva

Übersetzung: Von diesen Kräften ergriffen, bewirken die Rudras Schöpfung und Auflösung. Sie spielen im Leib wie Kinder mit Stieren aus Lehm.


Erläuterung: „Im Leib“ übersetzt die unsichere Editionslesung vai tanau. Der Vergleich mit den Lehmstieren bleibt wörtlich erhalten.

2.28[11]

adhaḥsrotavidhāyinyaḥ pudgalaṃ rañjayanty api /
bhogeṣv eva paśutve ca pudgalaṃ rañjayanti yāḥ

Übersetzung: Diejenigen, die einen abwärts gerichteten Strom bewirken und die Einzelseele anhaften lassen, die sie gerade an Genüsse und an ihren gebundenen Zustand fesseln,


2.29[11]

muktimārganirodhinyo ghorataryās tu tāḥ smṛtāḥ /
upodbalitacaitanyā rudrās tābhir adhiṣṭhitāḥ

Übersetzung: versperren den Weg zur Befreiung; sie heißen Ghorataryās, die noch Schrecklicheren. Die Rudras, deren Bewusstsein durch sie gestärkt wird, werden von ihnen beherrscht


2.30[11]

paśubhogeṣu saṃsaktān adho ’dhaḥ pātayanty api /
śaktitrayasamāveśo yasmāt sarvatra śaṃkaraḥ

Übersetzung: und lassen diejenigen, die an den Genüssen gebundener Wesen hängen, immer weiter hinabsinken. Weil das Ergriffenwerden von den drei Arten der Kraft überall heilbringend ist,


Erläuterung: Śaṃkara bedeutet „heilbringend“ und ist zugleich ein Name Śivas. Der Text ordnet auch die bindenden Kräfte seinem göttlichen Wirken zu; die Aussage hebt ihre zuvor beschriebenen Wirkungen nicht auf.

2.31[11]

ghoraghoratarāghorāghorās tāḥ parikīrtitāḥ /
evaṃ bhuvana pāleyū rudraśaktivyavasthitāḥ

Übersetzung: werden sie die „Schrecklicheren als die Schrecklichen“, die „Schrecklichen“ und die „Milden“ genannt. So sollen sie die Welt behüten, eingebunden in Rudras Kraft.


2.32[11]

parāparavibhāgena sarvayogeśvarī<gaṇaḥ> /
tayaivodbalitāḥ sarvās tāḥ sidhyanti balotkaṭāḥ

Übersetzung: Nach der Gliederung in höhere und niedere [Formen besteht] die gesamte Schar der Yogeśvarīs. Durch eben diese Kraft gestärkt, gelangen sie alle, von gewaltiger Stärke, zur Vollendung.


Erläuterung: Die Satzform ist unregelmäßig; das Wort für „Schar“ ist ergänzt. Parāparavibhāga kann auch allgemeiner die verschiedenen Unterteilungen meinen.

2.33[11]

sā yoniḥ sarvaśaktīnāṃ sā ca tantreṣu gīyate /
triṃśad varṇās tathāṣṭau ca sā vidyāmūrtir iṣyate

Übersetzung: Sie ist der Ursprung aller Kräfte und wird in den Tantras besungen. Als ihre Gestalt in einem Vidyā-Mantra gelten dreißig Lautzeichen und weitere acht.


Erläuterung: Vidyā bezeichnet in diesem Zusammenhang die Lautgestalt einer Göttin, also einen weiblich personifizierten Mantra. Die Zählung lautet ausdrücklich38 Lautzeichen;2.34 fügt zwei halbe Lautzeichen hinzu.

2.34[12]

ardhākṣaradvayaṃ tasyā jñeyam anyaṃ samāsataḥ /
kāraṇaṃ sarvasiddhīnāṃ parāparapadaḥ smṛtaḥ

Übersetzung: Zusammenfassend sind für sie noch zwei halbe Lautzeichen zu kennen. Als Ursache aller Vollendungen gilt der Wortlaut der Parāparā.


Erläuterung: Die Edition stellt die beiden Halbverse gegenüber den Handschriften um. Pāda kann hier ein Wort- oder Lautglied des Mantras bezeichnen. Es werden keine fehlenden Laute aus dieser Beschreibung rekonstruiert.

2.35[12]

tasyāveśasamudbhūtā aṣṭau yogaprasiddhidāḥ /
†yogeśvarīvat sarvāsāṃ sā māteva prakīrtitā†

Übersetzung: Aus dem Eintreten in sie entstehen acht [Göttinnen], die Vollendung im Yoga verleihen. †Wie eine Yogeśvarī wird sie gleichsam als Mutter aller bezeichnet.†


Erläuterung: Mit „ihr“ ist hier die zuvor beschriebene Parāparā gemeint; āveśa kann das Eintreten in ihre Mantragestalt beziehungsweise das Ergriffenwerden durch ihre Kraft bezeichnen. Der zweite Halbvers ist verderbt. Die Übersetzung gibt nur den ungefähr lesbaren Wortlaut wieder; die genaue Beziehung zwischen Yogeśvarī, den acht Göttinnen und ihrer Mutter bleibt unsicher.

2.36[12]

sāmānyalakṣaṇaṃ hy etat samāsād iha kīrtitam /
vaiśeṣikamataṃ sūkṣmaṃ punas tadupariṣyate

Übersetzung: Hier wurden die allgemeinen Merkmale kurz genannt. Die feine Lehre von den besonderen Unterschieden wird später weiter ausgeführt.


Erläuterung: Vaiśeṣikamata wird hier auf die besonderen Unterscheidungen bezogen. Ein Verweis auf die philosophische Schule Vaiśeṣika ist damit nicht gesichert.

2.37[12]

aparā tryakṣarā jñeyā ardhākṣarapadānvitā /
parā tv ekākṣarā jñeyā sadyaḥpratyayakārikā

Übersetzung: Aparā ist als dreisilbig, verbunden mit einem halben Lautglied, zu erkennen. Parā ist als einsilbig zu erkennen; sie bringt unmittelbar ein Wirkungszeichen hervor.


2.38[12]

sarvākṣaramayī devī sarvasiddhipradāyikā /
sarveṣām eva mantrāṇāṃ vidyānāṃ ca varānane

Übersetzung: Die Göttin besteht aus allen Lautzeichen und schenkt jede Vollendung. Bei sämtlichen Mantras und Vidyās, Schöngesichtige,


2.39[12]

tāsām eva vinikṣiptaṃ vīryaṃ yat siddhikāraṇam /
sā mūrtyaṣṭakasaṃyuktā svapadārthena bhāmini

Übersetzung: ist es die gerade in ihnen niedergelegte Wirkkraft, die Vollendung bewirkt. Sie ist mit acht Erscheinungsformen ausgestattet, entsprechend ihrem eigenen Wortinhalt, du Strahlende.


Erläuterung: Die weibliche Einzahl wird wie im Sanskrit beibehalten. Sie dürfte die zusammengehörigen Mantragestalten der Kraft umfassen. „Eigener Wortinhalt“ bezieht sich wahrscheinlich auf die aus Mantrawörtern abgeleiteten Gottheiten.

2.40[12]

sā pañcāṅgasamāyuktā lokapālair vibhūṣitā /
jñātamātreṇa sā devi sidhyate ca na saṃśayaḥ

Übersetzung: Sie ist mit fünf Gliedern verbunden und von den Hütern der Weltrichtungen umgeben. Sobald sie erkannt ist, Göttin, verleiht sie ohne Zweifel Vollendung.


Erläuterung: Die fünf Glieder sind begleitende Mantras, die inKapitel4 erläutert werden; die Hüter der Weltrichtungen folgen inKapitel5.

2.41[12]

uccāre tu kṛte tasyā mantramudrāgaṇo mahān /

vidyāgaṇaś ca sakalaḥ sarvakāmaphalapradaḥ /

sadyas tanmukhatām eti svadehāveśalakṣaṇam

Übersetzung: Wird ihr Uccāra vollzogen, so wendet sich die große Schar der Mantras und Mudrās, zusammen mit der gesamten Schar der Vidyās, die jede Wunschfrucht schenkt, sogleich [dem Übenden] zu. Das Kennzeichen ist, dass sein eigener Leib [von der Kraft] ergriffen wird.


Erläuterung: Uccāra bezeichnet hier ein yogisches Hervortretenlassen beziehungsweise inneres Aussprechen des Mantras. Die genaue Konstruktion mit tanmukhatām ist unsicher; sie wird als Zuwendung oder Gegenwärtigwerden verstanden. Der Vers hat sechs Versfüße und bleibt eine einzige Originalnummer.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 2[8]

iti siddheśvarītaṃtre vyāptipaṭale dvitīyaḥ

Übersetzung: So [endet] im Siddheśvarī-Tantra das zweite Kapitel über das Durchdringen.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 2; überlieferte Schlussnummer 2[8]

iti siddhayogīśvarītantre vyāptipaṭalaḥ dvitīyaḥ

Übersetzung: So [endet] im Siddhayogīśvarī-Tantra das zweite Kapitel über das Durchdringen.


Kapitel 3 – Mālinī und die Einsetzung der Laute im Körper

Aufgenommener Bereich: 1–54. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 3.1[13]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


3.1[13]

athātaḥ saṃpravakṣyāmi mantroddhāraṃ varānane /
tisṛṇām api śaktīnāṃ samāsān na tu vistarāt

Übersetzung: Nun werde ich dir, Schönangesichtige, in knapper Form und ohne ausführliche Einzelheiten darlegen, wie die Mantras aller drei Kräfte gewonnen werden.


Erläuterung: Mantroddhāra bezeichnet hier das Herauslösen bzw. Zusammensetzen der Mantralaute aus einer verschlüsselten Lautanordnung. Die folgenden Verse beschreiben zunächst den aus Lauten gebildeten Körper der Göttin.

3.2[13]

kramāgataṃ paraṃ guhyaṃ bhrāntinirnāśanaṃ priye /
yaṃ viditvātha japtvātha dhyātvā vai siddhibhāg bhavet

Übersetzung: Dieses höchste Geheimnis, Geliebte, ist in der Überlieferungsfolge weitergegeben worden und beseitigt Irrtum. Wer es kennt, rezitiert und meditativ vergegenwärtigt, wird der Vollendung teilhaftig.


3.3[13]

varṇātiriktā hīnā vā naiva mantrāḥ phalapradāḥ /
śaktihīnāḥ prajāyante prāg evābhihitaṃ yathā

Übersetzung: Mantras, denen Laute hinzugefügt werden oder fehlen, bringen keine Frucht. Sie werden kraftlos, wie bereits zuvor erklärt wurde.


3.4[13]

same medhye sulipte ca sugupte bhūmimaṇḍale /
sugandhidhūpasaṃpanne puṣpaprakarasaṃkule

Übersetzung: Auf einer ebenen, reinen, sorgfältig bestrichenen und gut geschützten Bodenfläche, erfüllt von duftendem Räucherwerk und dicht mit ausgestreuten Blüten bedeckt,


3.5[13]

ahorātroṣito bhūtvā sudhūpāgandhabhūṣitaḥ /
guruś candanaliptāṅgo vīrasādhanasaṃyutaḥ

Übersetzung: soll der Guru, nachdem er einen Tag und eine Nacht gefastet hat, von gutem Räucherduft umgeben, mit sandelbestrichenen Gliedern und der Praxis der Vīras verbunden,


Erläuterung: Vīra bedeutet „Held“ und bezeichnet hier einen tantrischen Praktizierenden. Die genaue Verbindung vīrasādhanasaṃyutaḥ bleibt unsicher; Törzsök erwägt eine Textstörung. Die Übersetzung folgt der edierten Lesung.

3.6[13]

savīraiḥ sādhakair yukto mantrākṣarakṛtaśramaḥ /
vidyāṅgaiś ca susaṃnaddho rudraśaktiṃ samālikhet

Übersetzung: im Beisein von Sādhakas und Vīras, in den Mantralauten gründlich geübt und mit den Gliedmantras der Vidyā wohl gerüstet, Rudras Kraft aufzeichnen:


Erläuterung: Vidyā bezeichnet hier einen weiblichen Mantra. Seine aṅgas sind zugehörige Glied- oder Schutzmantras. Die Doppelbezeichnung Vīras/Sādhakas ist im Text nicht eindeutig auf verschiedene Personengruppen bezogen.

3.7[13]

sarvākṣaramayīṃ devīṃ sarvavarṇopaśobhitām /
uttamāṅgaṃ tha -m- ākhyātaṃ dvipārśvasthe dha locane

Übersetzung: die Göttin, die aus allen Schriftlauten besteht und mit sämtlichen Lauten geschmückt ist. Als ihr Haupt wird tha bezeichnet; dha bildet die beiden seitlich gelegenen Augen.


Erläuterung: Das eingeschobene -m- im Sanskrit ist ein Laut zur Überbrückung des Hiatus und wird nicht als zusätzliches Mantraelement übersetzt. Varṇa kann sowohl Laut als auch Buchstabe bedeuten; die gezeichnete Anordnung und ihre Lautgestalt gehören hier zusammen.

3.8[13]

ī nāsādhomukhī proktā bindus tasyātha madhyagaḥ /
ba vaktraṃ va smṛtaṃ kaṇṭhe kavargaṃ daśanāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: Ī wird als ihre nach unten gerichtete Nase bezeichnet; in deren Mitte liegt der Punkt, Bindu. Ba ist ihr Mund, va wird der Kehle zugeordnet, und die ka-Gruppe gilt als ihre Zähne.


Erläuterung: Das „Nach-unten-Gerichtetsein“ von Nase und Haarknoten in3.9 ist nicht eindeutig erklärt; möglicherweise ist eine graphische Form gemeint. Der Text wird hier nicht durch eine moderne Körperdeutung ergänzt.

3.9[13]

i jihvā [–a–] vāk samākhyātā śikhā nādhomukhī smṛtā /
jhasaptamaṃ smṛtau karṇau tayor bhūṣaṇam īparau

Übersetzung: I ist die Zunge, a wird als ihre Stimme bezeichnet; na gilt als ihr nach unten gerichteter Haarknoten. Der siebte Laut von jha an gilt als die beiden Ohren; die beiden auf ī folgenden Laute sind deren Schmuck.


Erläuterung: Die Druckklammer [–a–] hebt den Vokal a hervor und bezeichnet keine Lücke. „Von … an“ zählt den genannten Anfangslaut mit: von jha an ergibt sich ṇa; auf ī folgen u und ū.

3.10[13]

prathamaṃ dakṣiṇaṃ proktam vāmaś caivāparaḥ smṛtaḥ /
ḍaḍhau bāhvoḥ samākhyātau karau caiva casaptamaḥ

Übersetzung: Der erstgenannte wird rechts, der andere links angesetzt. Ḍa und ḍha werden den beiden Armen zugeordnet; der siebte Laut von ca an bildet die Hände.


Erläuterung: Für die paarigen Zuordnungen gilt die Reihenfolge rechts–links. Der siebte Laut von ca an ist ṭha.

3.11[14]

aṅgulyaś ca jhañau jñeyau hastayor ubhayor api /
kapālaṃ vāmahastasthaṃ hastapūrvaṃ prakīrtitam

Übersetzung: Jha und ña sind als die Finger der beiden Hände zu verstehen. Der Totenschädel in ihrer linken Hand wird durch den Laut vor dem Laut der Hände bezeichnet.


Erläuterung: Der dem Handlaut ṭha vorangehende Laut ist ṭa. Kapāla bezeichnet einen Schädel bzw. eine Schädelschale, nicht eine symbolisch umgedeutete Blüte.

3.12[14]

dakṣiṇe tu kare jñeyaṃ śūladaṇḍaṃ pasaptamam /
kavarṇāc cāṣṭamaṃ proktaṃ sākṣāc chūlaṃ tatopari

Übersetzung: Als Stab des Dreizacks in der rechten Hand ist der siebte Laut von pa an zu verstehen. Darüber bildet der achte Laut von ka an den Dreizack selbst.


Erläuterung: Die mitgezählten Anfangslaute ergeben ra als siebten Laut von pa an und ja als achten von ka an.

3.13[14]

lalāṭe nayanaṃ proktaṃ tṛtīyaṃ ca varānane /
napuṃsakacatuṣkaṃ ca śiromālā prakīrtitā

Übersetzung: Ca wird als das dritte Auge auf der Stirn bezeichnet, Schönangesichtige. Die Gruppe der vier neutralen Laute wird ihre Kopf-Girlande genannt.


Erläuterung: Die vier „neutralen“ Laute sind ṛ, ṝ, ḷ und ḹ. Śiromālā kann eine Girlande am Kopf oder eine Girlande aus Köpfen bezeichnen; die Übersetzung lässt diese Mehrdeutigkeit bestehen.

3.14[14]

udaraṃ ṣa smṛtaṃ tasya pa hṛllagnaṃ kṣa nābhigaḥ /
bāhvos tu śikharau jñeyau bha-yāv etau krameṇa tu

Übersetzung: Ṣa gilt als ihr Bauch; pa liegt am Herzen, kṣa an ihrem Nabel. Als die beiden oberen Ansätze der Arme sind in dieser Reihenfolge bha und ya zu verstehen.


Erläuterung: „Obere Ansätze der Arme“ meint hier die Schultern. Der Bauchlaut ist ṣa.

3.15[14]

savisargaḥ sa hṛnmadhye sa cātmā parikīrtitaḥ /
ha prāṇas tu samākhyātaḥ sarvadehe vyavasthitaḥ

Übersetzung: In der Mitte des Herzens steht sa mit Visarga; es wird das Selbst genannt. Ha heißt der Lebenshauch, Prāṇa, der sich im ganzen Körper befindet.


Erläuterung: Visarga ist der nachgestellte Hauchlaut ḥ; sa mit Visarga ergibt saḥ. Diese Körperzuordnung ist für sich noch kein Beleg einer eigenständigen Rezitationsanweisung.

3.16[14]

ma nitambe śa guhye tu sānusvāraṃ prakīrtitam /
tādhastāt tasya vikhyāta ūrvākāro varānane

Übersetzung: Ma wird dem Gesäß zugeordnet, śa mit Anusvāra dem Geschlechtsteil. Darunter ist ta in Gestalt der Oberschenkel vorgesehen, Schönangesichtige.


Erläuterung: Anusvāra ist das Nasalierungszeichen ṃ. Im Wort tādhastāt entsteht die Länge durch die Verbindung von ta und adhastāt; der zugeordnete Laut ist ta.

3.17[14]

jānudeśe samākhyātāv e-ai-kārāv anukramāt /
tayoḥ parau smṛtau jaṅghau krameṇaivobhayau priye

Übersetzung: Im Bereich der Knie werden der Reihe nach e und ai angesetzt. Die beiden auf sie folgenden Laute gelten, wiederum in dieser Reihenfolge, als die Unterschenkel, Geliebte.


Erläuterung: Auf e und ai folgen in der hier vorausgesetzten alphabetischen Folge o und au.

3.18[14]

daphau pādau samākhyātau pūrvavat parikalpayet /
stanau cchalau krameṇaiva tadgatāś cā payaḥ smṛtaḥ

Übersetzung: Da und pha werden als die Füße bezeichnet; man soll sie wie zuvor anordnen. Cha und la bilden der Reihe nach die Brüste; ā gilt als die darin befindliche Milch.


Erläuterung: Die Milch wird dem langen Vokal ā zugeordnet.

3.19[14]

evaṃ samyagvidhānena rudraśaktiṃ samālikhet /
sarvākṣaramayīṃ devīṃ tato mantrān samuddharet

Übersetzung: Auf diese Weise soll man Rudras Kraft nach der richtigen Vorschrift aufzeichnen, die Göttin, die aus allen Schriftlauten besteht. Dann soll man daraus die Mantras gewinnen.


3.20[15]

parāparāṃ samuddhṛtya vidhinā cāparāṃ punaḥ /
parāṃ samuddharen mantrī sarvakāmārthasādhakam

Übersetzung: Nachdem der Mantrakundige zunächst Parāparā und darauf vorschriftsgemäß Aparā gewonnen hat, soll er Parā gewinnen, die alle begehrten Ziele verwirklicht.


3.21[15]

parāditrayam uddhṛtya aghoryādyaṣṭakaṃ punaḥ /
padabhedena vidyāyās tatas tasyāṅgapañcakam

Übersetzung: Wenn die Dreiheit aus Parā und den anderen gewonnen ist, folgt durch die Aufteilung der Vidyā in ihre Wortglieder die Achtergruppe, die mit Aghorī beginnt; dann folgen ihre fünf Gliedmantras


Erläuterung: Die Bezeichnung Aghorī bleibt entsprechend dem Sanskrit erhalten; sie weicht von der Namensform Aghorā im entsprechenden Mantrawort ab. Der Bezug von „ihre“ ist im Sanskrit nicht eindeutig; die Gliedmantras gehören zum so beschriebenen Mantrasystem.

3.22[15]

lokapālāṃś ca deveśi tataḥ siddhim avāpnuyāt /
samuddhṛteṣu mantreṣu tataḥ siddhir na saṃśayaḥ

Übersetzung: und die Hüter der Weltgegenden, Herrin der Götter. Danach erlangt man Vollendung. Sind die Mantras gewonnen, stellt sich Vollendung ein; daran besteht kein Zweifel.


3.23[15]

binduṃ tāṃ dakṣiṇāṃ jaṅghāṃ tato vāk parikalpayet /
tām eva dakṣiṇāṃ jaṅghāṃ dantapaṅktyāś caturthake

Übersetzung: Man soll den Punkt mit dem rechten Unterschenkel ansetzen, danach die Stimme; sodann denselben rechten Unterschenkel am vierten Glied der Zahnreihe.


Erläuterung: Die Körperteile sind in3.7–18 festgelegte Lautchiffren. Hier wird der Aufbau des Parāparā-Mantras beschrieben, keine Veränderung am Körper angeordnet.

3.24[15]

yojya dakṣiṇajānuṃ ca śūladaṇḍaṃ vidhānavit /
śūladaṇḍakṛtādhāraṃ prāṇaṃ nāsāvibhūṣitam

Übersetzung: Der Kenner der Vorschrift soll den rechten Knielaut mit dem Dreizackstab verbinden; dann den Lebenshauch, dessen Grundlage der Dreizackstab bildet und der mit der Nase geschmückt ist,


3.25[15]

tato visargasaṃyuktaṃ hṛdayaṃ kevalaṃ punaḥ /
kevalaṃ śūladaṇḍaṃ tu nitambaṃ ca tathaiva hi

Übersetzung: darauf mit Visarga versehen; dann das Herz für sich, den Dreizackstab für sich und ebenso das Gesäß.


3.26[15]

caturthaṃ daśanaṃ devi dakṣiṇaṃjaṅghayā yutam /
śūladaṇḍaṃ punaḥ proktaṃ pūrvavat tadanantaram

Übersetzung: Dann den vierten Zahn, Göttin, verbunden mit dem rechten Unterschenkel; unmittelbar darauf wird wiederum der Dreizackstab wie zuvor angesetzt,


Erläuterung: „Wie zuvor“ übernimmt die vorherige Lautverbindung; der eingeschobene Anusvāra in dakṣiṇaṃjaṅghayā ist eine nichtklassische metrische Form und kein zusätzlicher Mantralaut.

3.27[15]

dakṣiṇaśravaṇasthena bhūṣaṇena vibhūṣitam /
prāṇaṃ bindusamāyuktam uddharet tadanantaram

Übersetzung: und danach soll man den Lebenshauch gewinnen, geschmückt mit dem Schmuck des rechten Ohres und mit dem Punkt verbunden.


3.28[15]

tathaiva jaṅghāṃ yāmasthāṃ yojitāṃ vinyaset kramāt /
caturthaṃ daśanaṃ mantrī śūladaṇḍaṃ tataḥ punaḥ

Übersetzung: Ebenso soll der Mantrakundige der Reihe nach den Unterschenkel auf der rechten Seite, verbunden mit dem vierten Zahn, einsetzen; darauf wiederum den Dreizackstab.


Erläuterung: Yāmasthā wird hier auf die rechte bzw. südliche Seite bezogen. Die überlieferte Form wurde nicht zu vāmasthā („links“) verändert.

3.29[15]

śūladaṇḍaṃ punar yojya vāmakarṇavibhūṣitam /
hṛdvarṇe dakṣiṇaṃ jānuṃ vinyaset tadanantaram

Übersetzung: Nachdem man nochmals den Dreizackstab mit dem Schmuck des linken Ohres verbunden hat, soll man anschließend das rechte Knie dem Herzlaut hinzufügen.


Erläuterung: Im Sanskrit steht ausdrücklich dakṣiṇa, „rechts“. Die Kontrollübersetzung nennt hier irrtümlich „left“, gibt aber den zum rechten Knie gehörenden Laut e an.

3.30[15]

savisargaṃ tataḥ prāṇaṃ daśanaṃpūrvam eva hi /
śūladaṇḍaṃ punar nyasya nitambaṃ tadanantaram

Übersetzung: Dann soll man den Lebenshauch mit Visarga vor dem [zuvor genannten] Zahn einsetzen; darauf wiederum den Dreizackstab und anschließend das Gesäß,


Erläuterung: Die Verbindung daśanaṃpūrvam ist ungewöhnlich; die Übersetzung folgt der in den Textanmerkungen erläuterten Zusammenschreibung und bezieht „Zahn“ auf die zuvor beschriebene vierte Stelle. Die Lautfolge wird nicht anhand einer vertrauten modernen Formel umgeschrieben.

3.31[15]

dakṣiṇaśravaṇasthena bhūṣaṇena vibhūṣitam /
dvitīyaṃ daśanaṃ paścāt sajihvaṃ vinyased budhaḥ

Übersetzung: geschmückt mit dem Schmuck des rechten Ohres. Danach soll der Kundige den zweiten Zahn mit der Zunge einsetzen,


3.32[15]

dakṣiṇaṃ bāhuśikharaṃ nāsāyuktaṃ tataḥ kramāt /
nitambaṃ kevalaṃ nyasya tathaiva śikharaṃ punaḥ

Übersetzung: anschließend die rechte Schulter, mit der Nase verbunden. Nach dem Gesäß für sich soll er wiederum die Schulter in derselben Weise einsetzen.


3.33[16]

uddhared udaraṃ prājñaḥ śravaṇaṃ tadanantaram /
dakṣiṇena samāyuktaṃ jānunā vinyased budhaḥ

Übersetzung: Der Weise soll den Bauchlaut gewinnen und anschließend das Ohr; der Kundige soll es mit dem rechten Knie verbunden einsetzen.


3.34[17]

kaṇṭham eva samuddhṛtya nitambaṃ ca svarūpiṇam /
hṛdayaṃ jihvayā yuktaṃ vaktraṃ kevalam eva ca

Übersetzung: Nachdem man die Kehle gewonnen hat, folgen das Gesäß in seiner eigenen Gestalt, das Herz zusammen mit der Zunge und der Mund für sich.


3.35[17]

prāṇaṃ ca vinyaset paścād dakṣiṇaṃ jānumaṇḍalam /
karṇabhūṣaṇa pūrvaṃ tu śūladaṇḍe niyojayet

Übersetzung: Danach soll man den Lebenshauch einsetzen und den Bereich des rechten Knies. Den erstgenannten Ohrschmuck soll man mit dem Dreizackstab verbinden.


3.36[17]

tasya kṛtvā dvir abhyāsaṃ śūladaṇḍaṃ svarūpiṇam /
dvidhābhūtaṃ nyasen mantrī vāmapādaṃ tataḥ kramāt

Übersetzung: Nachdem der Mantrakundige dies zweimal ausgeführt hat, soll er den Dreizackstab in seiner eigenen Gestalt zweimal einsetzen; danach folgt der linke Fuß.


3.37[17]

kapālaṃ patitaṃ nyasya tasyānte mantradīpakam /
karṇabhūṣaṇa pūrvaṃ tu prāṇabinduyutaṃ punaḥ

Übersetzung: An dessen Ende setzt man den „gefallenen“ Schädel, den Erheller der Mantras; dann wiederum den erstgenannten Ohrschmuck zusammen mit Lebenshauch und Punkt.


Erläuterung: „Gefallen“ bezeichnet hier den vom Vokal gelösten Konsonanten ṭ. Ob mantradīpaka, „Erheller der Mantras“, zu diesem Element oder zur folgenden Silbe gehört, bleibt im Satzbau unklar.

3.38[17]

punar eva nyaset prāṇaṃ savisargaṃ vidhānavit /
vāmapādaṃ punar nyasya kapālaṃ patitaṃ punaḥ

Übersetzung: Der Kenner der Vorschrift soll erneut den Lebenshauch mit Visarga einsetzen; danach wieder den linken Fuß und nochmals den „gefallenen“ Schädel.


3.39[17]

parāparā samākhyātā vidyeyaṃ sarvasiddhidā /
satataṃ vinyaset puṃsāṃ sarvapāpapraṇāśanīm

Übersetzung: Diese Vidyā wird Parāparā genannt; sie verleiht alle Vollendungen. Man soll sie beständig ansetzen, denn sie vernichtet alle Verfehlungen der Menschen.


3.40[17]

aparāṃ tu pravakṣyāmi sarvakāmaphalapradām /
prāṇaṃ nāsāyutaṃ kṛtvā śūladaṇḍāsane sthitam

Übersetzung: Nun werde ich Aparā darlegen, die jede begehrte Frucht verleiht. Man verbindet den Lebenshauch mit der Nase und lässt ihn auf dem Sitz des Dreizackstabes ruhen;


3.41[17]

svarāntasahitaṃ tv ādau mantratattvaṃ niyojayet /
tam eva bindusaṃyuktam ū-yutaṃ vinyaset tataḥ

Übersetzung: mit dem letzten der Vokallaute verbunden soll man diese Essenz des Mantras an den Anfang setzen. Danach setzt man denselben [Lebenshauch] zusammen mit dem Punkt und ū ein.


Erläuterung: Der letzte Vokallaut bezeichnet in dieser Anordnung den Visarga. Das rückbezügliche „derselbe“ wird auf den Lebenshauchlaut bezogen.

3.42[17]

vāmapādaṃ punar nyasya kapālaṃ patitaṃ punaḥ /
apareyaṃ samākhyātā rudraśaktir mahābalā

Übersetzung: Man setzt erneut den linken Fuß ein und wiederum den „gefallenen“ Schädel. Diese überaus mächtige Kraft Rudras wird Aparā genannt.


3.43[17]

abhiprītārthasaṃsiddhyai japen nityaṃ prayatnataḥ /
tato guhyatarāṃ sūkṣmāṃ rudraśaktiṃ parāṃ śṛṇu

Übersetzung: Zur Verwirklichung des ersehnten Zieles soll man sie beständig und sorgsam rezitieren. Höre nun von der noch geheimeren, feinen Kraft Rudras, Parā.


3.44[17]

nādīkṣitāya deyeyaṃ nāśiṣyāya na bhīrave /
rudraṃ ca rudraśaktiṃ ca guruṃ caivāvikalpitam

Übersetzung: Sie darf keinem Uneingeweihten gegeben werden, keinem, der nicht Schüler ist, und keinem Furchtsamen. Wer aber Rudra, Rudras Kraft und den Guru ohne Trennung


Erläuterung: Die Lesung na bhīrave („keinem Furchtsamen“) ist editorisch als unsicher markiert. Eine erwogene andere Lesung würde einen nicht zur Bhairava-Tradition Gehörenden ausschließen; sie wird hier nicht in den Grundtext eingesetzt. Die Aussage setzt Einweihung, Schülerschaft und die in3.45–46 genannte Beziehung zum Guru voraus.

3.45[17]

bhaktyāvalokayed yas tu tasmin deyā varānane /
śiṣyeṇāpi tadā grāhyā yadā saṃtoṣito guruḥ

Übersetzung: mit Hingabe betrachtet, dem darf sie gegeben werden, Schönangesichtige. Doch auch der Schüler darf sie erst empfangen, wenn der Guru zufriedengestellt ist.


3.46[18]

guruṇāpi tadā tasmin śiṣyāya vinayātmane /
vāmajaṅghāsamāyukta ātmā deyaḥ sa eva tu

Übersetzung: Dann soll der Guru diesem demütigen Schüler das „Selbst“, mit dem linken Unterschenkel verbunden, übergeben.


3.47[18]

pareyam anayā siddhiḥ sarvakāmaphalodayā /
saptāhāt samayajñasya jāyate devi niścayam

Übersetzung: Dies ist Parā. Durch sie entsteht dem Kenner der Verpflichtungen nach sieben Tagen gewiss Vollendung, aus der die Frucht aller Wünsche hervorgeht, Göttin.


Erläuterung: Die Formulierung beruht auf einer belegten Konjektur der Edition; die zugesagte Wirkung ist eine Aussage des historischen Textes. Samaya bezeichnet hier die übernommenen rituellen Verpflichtungen.

3.48[18]

jñātamātreṇa vidyāyā jñāyate sarvaśaktibhiḥ /
tatkṣaṇoccāraṇād vāpi pratyayaś cātra jāyate

Übersetzung: Schon durch das bloße Kennen dieser Vidyā wird man allen Kräften bekannt. Oder durch ihr augenblickliches Aussprechen entsteht hier eine bestätigende Erfahrung:


Erläuterung: Pratyaya meint hier ein bestätigendes Erlebnis bzw. ein Zeichen der Wirksamkeit;3.49–50 nennen körperliche Erscheinungen und göttliche Ergriffenheit. Der Satz wird nicht zu einer allgemeinen Erkenntnistheorie erweitert.

3.49[18]

kampate dehapiṇḍas tu drutaṃ cotpatate tathā /
bahudhā kurute vittaṃ siddhayogeśvarīmate

Übersetzung: Die Körpergestalt erbebt und erhebt sich rasch in die Luft. Nach der Lehre der Siddhayogeśvarī vervielfacht [der Praktizierende] seinen Reichtum.


3.50[18]

mātrāśatena cāveśaṃ śarīre tasya jāyate /
yaḥ samuccārayed bhaktyā namaskārābhir udyataḥ

Übersetzung: Wer sie mit Hingabe ausspricht und sich dabei ehrerbietigen Verneigungen widmet, in dessen Körper entsteht die Ergriffenheit durch hundert Mütter.


Erläuterung: Mātrāśata wird in den Textanmerkungen als nichtklassische Form für mātṛśata, „hundert Mütter“, erklärt. Gemeint sind göttliche Mutterkräfte; der Ausdruck ist keine Anweisung, hundert Silben zu zählen.

3.51[18]

muhūrtaṃ smarate yas tu siddhayogeśvarīmatam /
sa badhnāti tadāvaśyaṃ mantramudrāgaṇaṃ param

Übersetzung: Wer die Lehre der Siddhayogeśvarī einen Augenblick lang vergegenwärtigt, bindet dadurch gewiss die höchste Schar der Mantras und Mudrās.


Erläuterung: Muhūrta wird hier als kurze Zeitspanne wiedergegeben, ohne eine moderne Minutenangabe festzulegen. „Binden“ bedeutet im Kontext, Gewalt über die Mantras und Mudrās zu erlangen. Mudrā kann Gesten und umfassendere körperliche Zeichen oder Haltungen umfassen.

3.52[18]

udgrāhayati cāvaśyaṃ śāstrasadbhāvam uttamam /
atītānāgatān arthān pṛṣṭo ’sau kathayiṣyati

Übersetzung: Er erschließt unweigerlich den höchsten Wesensgehalt der Lehre. Wird er befragt, so wird er vergangene und künftige Geschehnisse darlegen.


3.53[18]

etat samāsāt kathitam ātmapratyayakārakam /
ity etat kathitaṃ tubhyaṃ siddhayogeśvarīmatam

Übersetzung: Damit ist in Kürze das dargelegt, was eigene Vergewisserung hervorbringt. So ist dir diese Lehre der Siddhayogeśvarī verkündet worden.


Erläuterung: Ātmapratyaya wird hier als eigene, unmittelbar gewonnene Vergewisserung verstanden. Der Wortlaut besagt nicht ausdrücklich, dass damit jeder andere Erkenntnisbeleg aufgehoben wäre.

3.54[18]

uktaṃ śaktitrayaṃ devi divyasiddhipradāyakam /
hṛdayaṃ sarvaśaktīnām aghoreśīprasādhakam

Übersetzung: Die Dreiheit der Kräfte ist dargelegt, Göttin: Sie verleiht göttliche Vollendung, ist das Herz aller Kräfte und führt zur Verwirklichung Aghoreśīs.


Erläuterung: Aghoreśī bezeichnet die Herrin Aghorā. Prasādhaka kann die erfolgreiche rituelle Verwirklichung bzw. Gewinnung ihrer Gegenwart ausdrücken; eine darüber hinausgehende konkrete Handlung wird hier nicht ergänzt.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 3[8]

iti siddhayogeśvarīmate śaktitrayoddhāras tṛtīyaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogeśvarīmata das dritte Kapitel: Das Gewinnen der drei Kräfte.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 3; überlieferte Schlussnummer 3[8]

iti siddhiyogīśvarīmate śaktitrayoddhāras tṛtīyaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhiyogīśvarīmata das dritte Kapitel: Das Gewinnen der drei Kräfte.


Kapitel 4 – Fünf Gliedermantras

Aufgenommener Bereich: 1–9. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

4.1[19]

athātaḥ saṃpravakṣyāmi siddhaṃ vidyāṅgapañcakam /
yena saṃrakṣito mantrī vighneśair nābhibhūyate

Übersetzung: Nun werde ich die vollendete Fünfergruppe der Gliedmantras darlegen. Von ihr geschützt, wird der Mantrakundige nicht von den Herren der Hindernisse überwältigt.


Erläuterung: Die fünf Gliedmantras heißen Herz, Haupt, Haarknoten, Panzer und Waffe; ihre Namen beschreiben ihre Stellung und Schutzfunktion im Ritual. Vighneśa bezeichnet hier mächtige Hinderniswesen, nicht ausdrücklich den Gott Gaṇeśa.

4.2[19]

ādāv †akṣarasaṃkhyātam uddiṣṭākṣaralakṣaṇam† /
pañcadhā guṇitā jaṅghā dakṣiṇasthā sabindukā

Übersetzung: Zunächst †[werden] die Laute gezählt und die Merkmale der bezeichneten Laute [dargelegt]†. Der rechte Unterschenkel zusammen mit dem Punkt wird fünffach angesetzt;


Erläuterung: Die erste Halbzeile ist im edierten Sanskrit als verderbt markiert. Die deutsche Klammerergänzung gibt nur den vermutlichen Satzsinn wieder und rekonstruiert keine fehlenden Sanskritwörter. Rechter Unterschenkel und Punkt sind die Lautchiffren aus Kapitel3.

4.3[19]

hṛdayāya iti namaḥ śaktīnāṃ hṛdayaṃ param /
om ity etat padaṃ pūrvam amṛte tadanantaram

Übersetzung: dann „hṛdayāya“ und „namaḥ“: Dies ist das höchste Herz der Kräfte. [Für den folgenden Mantra] steht zuerst das Wort „om“, unmittelbar darauf „amṛte“,


4.4[19]

tejomāliniśabdaś ca svāhākāras tataḥ smṛtaḥ /
śiram evaṃ samākhyātam etad ekādaśākṣaram

Übersetzung: dann das Wort „tejomālini“ und darauf der Lautausdruck „svāhā“. So wird das Haupt beschrieben; dieser Mantra hat elf Silben.


4.5[19]

<vedavedi>ni hūṃ phaṭ ca praṇavādyaṃ varānane /
aṣṭākṣarā śikhā jñeyā sarvavidyāgaṇasya tu

Übersetzung: „⟨vedavedi⟩ni hūṃ phaṭ“, mit dem Praṇava am Anfang, Schönangesichtige: Dies ist als der acht Silben umfassende Haarknoten der gesamten Vidyā-Schar zu verstehen.


Erläuterung: ⟨vedavedi⟩ ist eine Ergänzung der Edition und bleibt sichtbar gekennzeichnet. Praṇava verweist in diesem unmittelbaren Zusammenhang auf das in4.3 ausdrücklich genannte om. Der Mantra wird hier als Bestandteil des historischen Textes übersetzt.

4.6[19]

vajriṇe ’tyādi saṃyuktaṃ tathā vajradharāya ca /
praṇavādyaṃ svāhāntaṃ ca varmam etat prakīrtitam

Übersetzung: Mit „vajriṇe“ beginnend und mit „vajradharāya“ verbunden, mit dem Praṇava am Anfang und „svāhā“ am Ende, wird dies der Panzer genannt.


Erläuterung: Vajrin bedeutet „Träger des Vajra“, vajradhara „Vajra-Halter“. Die Dativformen vajriṇe und vajradharāya gehören zur Lautgestalt der Formel; sie werden nicht durch einen geläufigeren Mantra ersetzt.

4.7[19]

ekādaśākṣaraṃ devi sāṃprataṃ tvāṃ pramucyate /
ślīpadaṃ paśuśabdaś ca hūṃphaḍantaṃ prakīrtitam

Übersetzung: Er umfasst elf Silben, Göttin, und befreit dich sogleich. Das Wort „ślī“ und das Wort „paśu“, mit „hūṃ phaṭ“ am Ende,


Erläuterung: Die Aussage über Befreiung folgt einer unsicheren editorischen Lesung und einer nichtklassischen Verbverwendung; die Textanmerkungen erwägen andere grammatische Deutungen. Ślī wird als gedruckte Lautangabe erhalten, ohne ein Nasalierungszeichen hinzuzufügen.

4.8[19]

praṇavena samāyuktaṃ sarvāstrendravaraṃ smṛtam /
ṣaḍakṣaraṃ samākhyātaṃ svadehaṃ vinibṛṃhayet

Übersetzung: verbunden mit dem Praṇava, gelten als der Beste unter allen Waffenherrschern. Er wird als sechssilbig beschrieben; damit soll man den eigenen Körper stärken.


4.9[19]

†rājasevāstrajālasthaṃ† sarvavighnapramardanam /
vidyāṅgapañcakaṃ hy etat sarvavighnavidārakam

Übersetzung: †[Unklarer Ausdruck über königlichen Dienst und eine Schar von Waffen]† – diese fünf Gliedmantras zermalmen alle Hindernisse und reißen sämtliche Hindernisse auseinander.


Erläuterung: Rājasevāstrajālastham ist nicht sicher übersetzbar. Die Textanmerkungen erwägen einen Bezug zur Macht eines königlichen Heeres; dieser vermutete Sinn wird nicht als gesicherte Aussage eingesetzt.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 4[8]

iti siddhayogīśvarīmate vidyāṅgoddhāraś caturthaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogīśvarīmata das vierte Kapitel: Das Gewinnen der Gliedmantras der Vidyā.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 4; überlieferte Schlussnummer 4[8]

iti siddhayogīśvarīmate vidyāṅgoddhāraḥ caturthaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogīśvarīmata das vierte Kapitel: Das Gewinnen der Gliedmantras der Vidyā.


Kapitel 5 – Richtungswächter und Lautzuordnungen

Aufgenommener Bereich: 1–11. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 5.1[20]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


5.1[20]

uktaṃ śaktitrayaṃ deva tathā vidyāṅgapañcakam /
samāsāl lokapālānāṃ mantrakoṣaṃ bravīhi me

Übersetzung: Du hast die Dreiheit der Kräfte dargelegt, Gott, ebenso die fünf Gliedmantras. Nenne mir nun in Kürze den Mantraschatz der Hüter der Weltgegenden.


Sprecherzeile – vor 5.2[20]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


5.2[20]

athātaḥ saṃpravakṣyāmi lokapālān samāsataḥ /
yena siddhim avāpnoti yāgabhūmau vyavasthitaḥ

Übersetzung: Nun werde ich die Hüter der Weltgegenden in Kürze darlegen, durch die man, auf dem Verehrungsplatz stehend, Vollendung erlangt.


5.3[20]

pūrve cendraṃ pratiṣṭhāpya tasya vāmastanaṃ tanuḥ /
pūjayed agnim āgneyyāṃ śūladaṇḍavapurdharam

Übersetzung: Nachdem man im Osten Indra eingesetzt hat – die linke Brust bildet seinen Leib –, soll man Agni im Südosten verehren, dessen Gestalt der Dreizackstab ist.


Erläuterung: Brust, Dreizackstab und die weiteren Körperteile stehen auch hier für die in Kapitel3 beschriebenen Laute. Die Himmelsrichtungen werden dagegen wörtlich angegeben.

5.4[20]

kapālaṃ yamadaivatyaṃ tenāsau saṃprayojayet /
nairṛte tu tadā nābhī rakṣorājaḥ prakīrtitaḥ

Übersetzung: Der Schädel gehört zur Gottheit Yama; mit ihm soll man diesen verbinden. Im Südwesten wird dann der Nabel als König der Rākṣasas bezeichnet.


Erläuterung: Rākṣasas sind dämonische Wesen; der Hüter des Südwestens ist hier ihr König. Die übliche Zuordnung Yamas zum Süden wird nicht als im Vers ausgeschriebenes Wort ausgegeben.

5.5[20]

vāruṇīdiśi -m- āsthāpya varuṇaṃ kaṇṭhavigraham /
varuṇaṃ pūjayed vidvān mahābalaparākramam

Übersetzung: Nachdem der Kundige Varuṇa, dessen Gestalt die Kehle ist, in der westlichen Richtung eingesetzt hat, soll er diesen Varuṇa verehren, der große Kraft und gewaltige Tatmacht besitzt.


5.6[20]

vāyavye ca tathā vāyuṃ pūjayen mantravit tataḥ /
vāmaṃ vai bāhuśikharaṃ tasya mantram udāhṛtam

Übersetzung: Dann soll der Mantrakundige Vāyu im Nordwesten verehren. Die linke Schulter wird als sein Mantra genannt.


5.7[20]

dakṣiṇaśravaṇasthena bhūṣaṇena tataḥ punaḥ /
somaṃ saumyasthitaṃ pūjya nityam āpyāyane hitam

Übersetzung: Nachdem man sodann mit dem Schmuck des rechten Ohres Soma verehrt hat, der im Norden steht und stets der Stärkung förderlich ist,


Erläuterung: Die ganze erste Halbzeile ist in der Edition als verdächtig markiert; auch „der Stärkung förderlich“ beruht auf einer unsicheren Verbesserung. Die Herausgeberin vermutet eine versetzte Lautangabe. Sie wird nicht stillschweigend durch eine Parallelformel ersetzt.

5.8[20]

nitambasthaṃ varārohe śāṅkarīdigvyavasthitam /
īśānaṃ rudradigbhāge arcayen mantravit sadā

Übersetzung: soll der Mantrakundige, Wohlgestaltete, beständig Īśāna verehren: Er ist im Gesäßlaut gegenwärtig und in Śaṅkaras Richtung angesiedelt, im Richtungsbereich Rudras.


Erläuterung: Śaṅkara und Rudra sind Namen Śivas; ihr Richtungsbereich meint hier den Nordosten. „Wohlgestaltete“ gibt die Anrede varārohe wieder.

5.9[20]

kanakāṇḍasamudbhūtaṃ †vyaktadveśaṃ† prapūjayet /
ūrdhvamārgasthitaṃ taṃ tu mādhavaṃ cādhasaṃsthitam

Übersetzung: Man soll den aus dem goldenen Ei Hervorgegangenen verehren, †[dessen weitere Bestimmung hier verderbt ist]†, der auf dem Weg nach oben steht; und Mādhava, der unten steht,


Erläuterung: Der aus dem goldenen Ei Hervorgegangene ist Brahmā/Prajāpati, Mādhava bezeichnet Viṣṇu. Der Ausdruck vyaktadveśam bleibt als Crux offen.

5.10[20]

gandhendriyagataṃ taṃ ca †maṅgamaṃga†parāyaṇam /
payanāsādisaṃyuktā guhyasthena samanvitāḥ

Übersetzung: der im Geruchsorgan gegenwärtig ist und †[Unverständlichem]† ergeben. Verbunden mit Milch, Nase und den folgenden [Lauten] sowie mit dem im Geschlechtsteil Befindlichen


Erläuterung: Maṅgamaṃga ist verderbt und nicht sicher zu deuten. Die Angabe „Milch, Nase und die folgenden“ beruht teilweise auf einer diagnostischen Konjektur der Edition. Sie bezeichnet Vokale; das „im Geschlechtsteil Befindliche“ wird im Lautsystem auf den Anusvāra bezogen.

5.11[20]

lokapālā bhavanty evaṃ hrasvāstrāḥ saṃprakīrtitāḥ /
†navahastagatāḥ† pūjyā yathāvidhi niyogataḥ

Übersetzung: ergeben sich auf diese Weise die Hüter der Weltgegenden. Ihre Waffen werden mit kurzen [Vokalen] bezeichnet. †„In neun Händen befindlich“ [unklar]† sollen sie vorschriftsgemäß und entsprechend der Anordnung verehrt werden.


Erläuterung: Hrasvāstra weist auf Waffenmantras mit kurzen Vokalen. Navahastagatāḥ lässt sich wörtlich wie angegeben lesen, ergibt aber in diesem Zusammenhang keinen gesicherten Sinn; die wörtliche Wiedergabe ist keine Ritualanweisung.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 5[8]

iti lokapāloddhāre pañcamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das fünfte Kapitel über das Gewinnen der Hüter der Weltgegenden.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 5; überlieferte Schlussnummer 5[8]

iti lokapāloddhāraṣ paṃcamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das fünfte Kapitel: Das Gewinnen der Hüter der Weltgegenden.


Kapitel 6 – Tägliche Verehrung und Verpflichtungen

Aufgenommener Bereich: 1–57. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

6.1[21]

athātaḥ saṃpravakṣyāmi siddhaṃ samayamaṇḍalam /
jāyate yena mantre ’sminn adhikāro varānane

Übersetzung: Nun werde ich das vollendete Maṇḍala der Verpflichtungen darlegen, durch das man die Berechtigung zu diesem Mantra erlangt, Schönangesichtige.


Erläuterung: Samaya bezeichnet die bindenden Verpflichtungen, die im weiteren Verlauf des Kapitels übertragen werden. Das Maṇḍala gehört zu einer vorbereitenden Einweihung; der Sanskritvers nennt ausdrücklich eine Berechtigung, adhikāra.

6.2[21]

ekaliṅge śmaśāne vā nadyor vā saṃgame śubhe /
jaladher vā taṭe ramye parvatāgre ’tha vā punaḥ

Übersetzung: An einem einzelnen Liṅga, auf einem Leichenverbrennungsplatz, an einem glückverheißenden Zusammenfluss zweier Flüsse, an einem schönen Meeresufer oder auf einem Berggipfel,


Erläuterung: Die technischen Ortsbezeichnungen ekaliṅga und ekavṛkṣa in6.3 werden knapp wörtlich wiedergegeben. Abstandsangaben anderer Texte werden nicht als Zahlen dieses Verses eingefügt.

6.3[21]

sugupte śaraṇe vātha ekavṛkṣe manorame /
mātṛgṛhe ’tha udyāne yatra vā rocate manaḥ

Übersetzung: in einer gut geschützten Unterkunft, bei einem einzelnen, anmutigen Baum, im Heiligtum einer Muttergöttin, in einem Garten oder wo immer das Herz Gefallen findet,


6.4[21]

<ahorā>troṣito bhūtvā suprasannaḥ śucir guruḥ /
śaktimūrtyā tu saṃnaddhaś citrāmbaradharaḥ śuciḥ

Übersetzung: soll der Guru, nachdem er ⟨einen Tag und eine⟩ Nacht gefastet hat, heiter und rein, mit der Gestalt der Kraft gerüstet, in ein buntes Gewand gekleidet und rein,


Erläuterung: Der Beginn ⟨ahorā⟩ ist editorisch ergänzt. Śaktimūrtyā saṃnaddhaḥ heißt wörtlich „mit der Gestalt der Kraft gerüstet“; ob hier eine bildliche Verkörperung oder die rituelle Annahme dieser Gestalt vorausgesetzt wird, ist nicht ausdrücklich erklärt. Die wiederholte Reinheitsangabe steht im Sanskrit.

6.5[21]

kṣitibhāgaṃ samaṃ śuddhaṃ kṛtvā gomayalepitam /

pūrvottaraplavaṃ snigdhaṃ tuṣāṅgārāsthivarjitam /

ādau parīkṣayed bhūmiṃ paścāt saṃskāram ārabhet

Übersetzung: einen ebenen, gereinigten Bodenbereich herstellen, mit Kuhdung bestrichen, nach Osten oder Norden abfallend, glatt und frei von Spelzen, Kohlen und Knochen. Zuerst soll er den Boden prüfen, danach mit der rituellen Zurüstung beginnen.


Erläuterung: Hasta ist ein traditionelles Längenmaß, meist eine Elle, Aṅgula in6.15 eine Fingerbreite. Es werden keine ungeprüften metrischen Umrechnungen eingesetzt. Asthi heißt gewöhnlich Knochen, kann auch einen harten Kern bezeichnen; der Text nennt keine Frucht.

6.6[21]

sthānaśuddhiṃ dravyaśuddhiṃ bhūta-śuddhis tathaiva ca /
śuddha†yamaṇi† yo vetti sa guruḥ sarvasiddhidaḥ

Übersetzung: Die Reinigung des Ortes, die Reinigung der Materialien und ebenso die Reinigung der Elemente: Wer die Reinigungs-†[Handlungen?]† kennt, ist ein Guru, der sämtliche Vollendungen gewährt.


Erläuterung: Bhūtaśuddhi, „Reinigung der Elemente“, steht im edierten Text, während6.11 ausdrücklich von Bodenreinigung spricht. Die Unstimmigkeit bleibt erhalten. Nur yamaṇi innerhalb des folgenden Ausdrucks ist verderbt; „Handlungen“ ist eine unsichere Sinnergänzung, kein rekonstruierter Grundtext.

6.7[21]

diśābandhaṃ tataḥ kṛtvā astreṇaiva tu śodhayet /
sthānaśuddhir bhavaty evaṃ dravyaśuddhiṃ parāṃ śṛṇu

Übersetzung: Nachdem er die Richtungen verschlossen hat, soll er mit dem Waffenmantra reinigen. So erfolgt die Reinigung des Ortes; höre nun von der weiteren Reinigung, derjenigen der Materialien.


6.8[21]

arghapātraṃ tu prakṣālya astreṇaiva yaśasvini /
evaṃ vai śodhayitvā tu cintayed vargapañcakam

Übersetzung: Nachdem er das Gefäß für die Ehrengabe mit dem Waffenmantra ausgespült und auf diese Weise gereinigt hat, soll er die Fünfergruppe vergegenwärtigen, Ruhmreiche.


Erläuterung: Argha bezeichnet eine ehrende Opfergabe, hier mit dem zugehörigen Gefäß. Die Fünfergruppe sind die in Kapitel4 beschriebenen Gliedmantras.

6.9[21]

prokṣayet sarvadravyāṇi yajñārthe ye prakalpitāḥ /
dravyaśuddhiḥ samākhyātā †nicaut↠puṇyavardhanī

Übersetzung: Er soll sämtliche Materialien besprengen, die für das Opfer bereitgestellt sind. Dies wird die Reinigung der Materialien genannt, †[verderbte nähere Bestimmung]†, die das religiöse Verdienst mehrt.


6.10[21]

pañcāṅgāni punar japya pañcagavyaṃ prakalpayet /
bhūyo bhūmiṃ pralimpeta astreṇa vikiret tilān

Übersetzung: Nach erneuter Rezitation der fünf Gliedmantras soll er die fünf Kuhprodukte bereiten. Wiederum soll er den Boden bestreichen und mit dem Waffenmantra Sesamkörner ausstreuen.


Erläuterung: Pañcagavya bezeichnet die fünf Kuhprodukte Milch, Dickmilch, geklärte Butter, Urin und Dung. Der historische Text wird wörtlich wiedergegeben; über seine Angaben hinaus wird kein Herstellungsverfahren ergänzt.

6.11[22]

kavace mārjanaṃ kuryād arkapicchena mantriṇaḥ /

tato gandhodakaṃ siñcya astrajaptena buddhimān /

bhūmisaṃśodhanaṃ devi evaṃ prājñas tu kārayet

Übersetzung: Beim Panzermantra soll der Mantrakundige mit einem Arka-Büschel reinigen. Dann soll der Verständige duftendes Wasser versprengen, über dem der Waffenmantra rezitiert wurde. So soll der Weise die Reinigung des Bodens vornehmen, Göttin.


Erläuterung: Arka ist ein Pflanzenname; piccha bezeichnet hier ein Büschel zum Reinigen. „Der Weise“ folgt der als unsicher gekennzeichneten Konjektur prājñas.

6.12[23]

tatra maṇḍalam ālikhya caturasraṃ trihastakam /
śuklavarṇaṃ caturdvāraṃ bhasmanā piṣṭakena vā

Übersetzung: Dort soll er ein quadratisches Maṇḍala von drei Hasta Seitenlänge zeichnen, von weißer Farbe und mit vier Toren, mit Asche oder mit Mehlpaste,


6.13[23]

sitapītāruṇaiḥ kṛṣṇaiś caturvarṇair manoharaiḥ /
sitāruṇena pītena kṛṣṇena ca vibhāgataḥ

Übersetzung: mit den vier ansprechenden Farben Weiß, Gelb, Rot und Schwarz; in den einzelnen Bereichen mit Weiß, Rot, Gelb und Schwarz.


Erläuterung: Die beiden Farbreihen stehen beide im Text; ihre Reihenfolge wurde nicht vereinheitlicht.

6.14[23]

tasya madhye likhec chūlaṃ hastamātraṃ pramāṇataḥ /
hastadvayaṃ tathā daṇḍaṃ tasyaiva parikalpayet

Übersetzung: In seiner Mitte soll er einen Dreizack zeichnen, einen Hasta im Maß. Dessen Stab soll er mit einer Länge von zwei Hasta anlegen,


6.15[23]

paścāddvārasya pūrveṇa tyaktvāṅgulacatuṣṭayam /
triśūlaśṛṅgamānaṃ tu dvāramānam ihoditam

Übersetzung: wobei er östlich des westlichen Tores vier Aṅgula freilässt. Als Maß des Tores wird hier das Maß der Zacken des Dreizacks angegeben;


Erläuterung: Pūrveṇa bedeutet östlich vom westlichen Tor, nicht „vor dem östlichen Tor“. Die räumliche Beziehung und die Zahl vier werden deshalb ausdrücklich bewahrt.

6.16[23]

udaraṃmānatulyaṃ vā praśastaṃ sarvakarmasu /
pūrvāmukhaṃ pratiṣṭhāpya mudrāyā vāñchitapradam

Übersetzung: oder es soll dem Maß seines inneren Bereichs entsprechen, was für alle Ritualhandlungen empfohlen wird. Nach Osten ausgerichtet und durch die Mudrā eingesetzt, gewährt [das Maṇḍala] das Gewünschte.


Erläuterung: Udara bezeichnet hier den inneren Bereich bzw. Bauch der gezeichneten Form; der genaue Bezugsumfang des Maßes ist nicht völlig klar. Vā gibt eine Alternative an. Mudrā meint die im folgenden Vers beschriebene Handgestalt.

6.17[23]

kaniyāṅguṣṭha śirasi dattvā ṛjvas tathā trayaḥ /
tarjanyānāmimadhyās tu visṛtāḥ śṛṅgarūpiṇīḥ

Übersetzung: Nachdem man kleinen Finger und Daumen auf den Kopf gelegt hat, bleiben die drei anderen gestreckt: Zeige-, Ring- und Mittelfinger sind auseinandergebreitet und bilden die Zacken.


6.18[23]

mayoktā śūlamudreyaṃ sarvakarmakarī śubhā /
trikūṭādri -m- iva jyeṣṭhā śūlamudrā mahābalā

Übersetzung: Dies ist die von mir gelehrte glückverheißende Dreizack-Mudrā, die bei allen Ritualhandlungen wirksam ist. Herausragend wie der Berg Trikūṭa ist diese überaus mächtige Dreizack-Mudrā.


Erläuterung: Trikūṭa bedeutet „Dreigipfel“; der Vergleich bezieht sich auf die drei ausgestreckten Finger.

6.19[23]

dakṣiṇe tatra śūlāgre nyased devīṃ parāparām /
aṣṭātriṃśāṃs tathā varṇāñ jvalatpāvakasaṃnibhām

Übersetzung: Dort soll man an der rechten Dreizackspitze die Göttin Parāparā einsetzen, ebenso die achtunddreißig Laute: Sie gleicht loderndem Feuer,


6.20[23]

kapālamālābharaṇāṃ netratritayabhāsurām /
saśūlakhaṭvāṅgadharāṃ mahāpretakṛtāsanām

Übersetzung: trägt eine Schädelgirlande als Schmuck, strahlt mit ihren drei Augen, hält Dreizack und Khaṭvāṅga und hat den großen Toten zu ihrem Sitz gemacht.


Erläuterung: Khaṭvāṅga ist ein ritueller Stab mit einem Schädelaufsatz. Mahāpreta, „der große Tote“, wird in der Forschung in diesem Bild auf Sadāśiva bezogen; der Name steht hier nicht ausdrücklich.

6.21[23]

vidyujjihvāṃ mahākāyāṃ mahāsarpavibhūṣitām /
vikarālāṃ mahādaṃṣṭrāṃ mahogrāṃ bhrukuṭīkṣaṇām

Übersetzung: Ihre Zunge ist ein Blitz; sie hat einen gewaltigen Körper und trägt große Schlangen als Schmuck. Furchtbar ist sie, mit gewaltigen Fangzähnen, überaus schrecklich, mit einem Blick unter zusammengezogenen Brauen,


6.22[23]

mahāpannagasaṃvītāṃ śavamālāvibhūṣitām /

mahāśavakarāmbhojacārukarṇāvataṃsakām /

pralayāmbudanirghoṣāṃ grasantīm iva cāmbaram

Übersetzung: von einer großen Schlange umwunden, mit einer Girlande aus Leichen geschmückt; die Lotushände einer großen Leiche bilden ihre schönen Ohrgehänge. Sie tönt wie die Wolken beim Weltuntergang und scheint den Himmelsraum zu verschlingen.


Erläuterung: Die grausige Bildgestalt gehört zur ursprünglichen Beschreibung. Die „Lotushände“ sind Hände einer Leiche, kein eigenständiger Blumenschmuck. Die Strophe umfasst drei Halbverse und behält ihre einzige Originalnummer.

6.23[24]

īdṛgrūpadharāṃ devīṃ praṇatārtivināśanīm /
śūlāgre vinyased vāme tryakṣarāṃ aparāṃ punaḥ

Übersetzung: Dann soll man an der linken Dreizackspitze die dreisilbige Aparā einsetzen, eine Göttin von solcher Gestalt, welche die Leiden der sich Verneigenden vernichtet.


6.24[24]

vāmaṃ dakṣiṇaṃ evātra dakṣiṇaṃ cottaraṃ smṛtam /
parāparoktarūpeṇa vidyaiṣā kṛṣṇapiṅgalā

Übersetzung: „Links“ bedeutet hier Süden, „rechts“ dagegen Norden. Diese Vidyā hat die für Parāparā beschriebene Gestalt und ist schwarzbraun.


Erläuterung: Die Richtungswörter dakṣiṇa und uttara werden als Süden und Norden wiedergegeben. Die scheinbare Vertauschung von rechts und links ergibt sich aus verschiedenen Blickrichtungen von Maṇḍala und Verehrendem. Kṛṣṇapiṅgala kann schwarzbraun bzw. schwarz und gelbbraun bedeuten; eine einheitliche moderne Farbfläche ist damit nicht sicher festgelegt.

6.25[24]

<madhya>me vinyased devīṃ sarvākṣaramayīṃ śubhām /
sphuratsūryāyutaprakhyāṃ dyotayantīm idaṃ jagat

Übersetzung: An der ⟨mittleren⟩ [Spitze] soll man die schöne Göttin einsetzen, die aus allen Schriftlauten besteht, wie zehntausend strahlende Sonnen leuchtet und diese Welt erhellt.


Erläuterung: Ayuta bezeichnet zehntausend. Der ergänzte Wortbeginn ⟨madhya⟩ kennzeichnet die mittlere Spitze; die Übersetzung ergänzt „Spitze“ aus dem unmittelbaren Zusammenhang.

6.26[24]

nyaset tasyāḥ śikhāgre tu aṣṭapatraṃ sakarṇikām /
karṇikāyāṃ nyased devīṃ parām ekākṣarāṃ śubhām

Übersetzung: An der Spitze ihres Haarknotens soll man einen achtblättrigen [Lotus] mit einem Fruchtboden einsetzen. Auf dem Fruchtboden soll man die schöne Göttin Parā in ihrer einsilbigen Gestalt einsetzen,


Erläuterung: Karṇikā ist der zentrale Fruchtboden bzw. Mittelpunkt des Lotus. Die acht Blätter und die Einsilbigkeit Parās stehen ausdrücklich im Text.

6.27[24]

utkṛṣṭasphaṭikaprakhyāṃ samantād amṛtasravām /
āpyāyanakarīṃ devīṃ parāṃ siddhipradāyikām

Übersetzung: die reinstem Bergkristall gleicht und ringsum Unsterblichkeitsnektar ausströmen lässt: die Göttin Parā, die stärkt und Vollendung verleiht.


6.28[24]

pūrvapatrādike nyasya tato ’ghoryādikaṃ gaṇam /
āvāhayed recakena kumbhakena nirodhayet

Übersetzung: Dann soll man auf dem östlichen Blatt und den folgenden die Schar, die mit Aghorī beginnt, einsetzen. Mit dem Ausatmen soll man sie herbeirufen, mit dem Anhalten des Atems festhalten.


Erläuterung: Recaka, Kumbhaka und Pūraka in6.29 bezeichnen Ausatmen, Atemanhalten und Einatmen. Der Text verbindet sie hier mit Herbeirufung, Verweilen und Zurücknahme der Gottheiten; er gibt in diesen Versen keine Atemzählungen an.

6.29[24]

pūjayitvā śive sūkṣme niṣkale dhāmavigrahe /
parabrahmaniveśena pūrakeṇa visarjayet

Übersetzung: Nachdem man sie im feinen, ungeteilten Śiva verehrt hat, dessen Gestalt Leuchten ist, soll man sie mit dem Einatmen entlassen, indem man sie in das höchste Brahman eingehen lässt.


Erläuterung: Niṣkala bedeutet hier ohne einzelne Glieder oder Teilungen. „Höchstes Brahman“ bleibt als Textbegriff erhalten; daraus folgt keine Gleichsetzung dieses Rituals mit späterem Advaita Vedānta.

6.30[24]

pūrvamantroditān nyasya tato ’ṅgāni prakalpayet /
āgneyakoṇe hṛdayam īśānyāṃ tu śiraṃ nyaset

Übersetzung: Nach dem Einsetzen der zuvor genannten Mantras soll man deren Glieder anordnen: das Herz in der südöstlichen Ecke, das Haupt im Nordosten,


6.31[24]

nairṛtyāṃ tu śikhāṃ nyastvā vāyavyāṃ kavacaṃ nyaset /
astraṃ diśāsu sarvāsu yojitavyaṃ prayatnataḥ

Übersetzung: den Haarknoten im Südwesten und den Panzer im Nordwesten. Der Waffenmantra ist sorgfältig in sämtlichen Richtungen einzusetzen.


6.32[24]

śakrādyāṃl lokapālāṃś ca svasthānaiva hi vinyaset /
dhyānanyāsaṃ samākhyātaṃ sakalas tu varānane

Übersetzung: Auch die Hüter der Weltgegenden, beginnend mit Śakra, soll man an ihren eigenen Orten einsetzen. Damit ist das gesamte Einsetzen unter meditativer Vergegenwärtigung dargelegt, Schönangesichtige.


Erläuterung: Śakra ist ein Name Indras. Dhyānanyāsa verbindet die meditative Vergegenwärtigung mit dem rituellen Einsetzen von Mantras bzw. Gottheiten.

6.33[24]

tataḥ sapuṣpagandhais tu dīpadhūpapavitrakaiḥ /
vastrai ratnādibhir bhaktyā pūjayet tad vidhānataḥ

Übersetzung: Dann soll man es vorschriftsgemäß und mit Hingabe verehren: mit Blüten und Duftstoffen, Lichtern, Räucherwerk und Pavitra-Schnüren, mit Gewändern, Edelsteinen und anderem,


Erläuterung: Pavitra bezeichnet eine rituelle Schnur bzw. einen solchen Schmuck. „Es“ bezieht sich auf das Maṇḍala.

6.34[24]

bhakṣair nānāvidhaiś caiva balibhiḥ sārvavarṇikaiḥ /
toraṇaiḥ sapatākaiś ca vitānāc chāditāmbaram

Übersetzung: mit verschiedenen Speisen und Bali-Gaben aller Farben; mit geschmückten Torbögen samt Fahnen und einem Baldachin, der den Raum überspannt,


6.35[25]

mahāpiśitasanmadyasaṃmataiś carubhis tathā /
pūjya bhaktyā yathānyāyam ātmānaṃ ca nivedayet

Übersetzung: sowie mit gekochten Opfergaben, die mit Menschenfleisch und gutem alkoholischem Getränk verbunden sind. Nachdem man es so mit Hingabe und nach der Vorschrift verehrt hat, soll man auch sich selbst darbringen.


Erläuterung: Mahāpiśita bezeichnet hier Menschenfleisch. Die Verbindung saṃmataiḥ („verbunden mit“) ist eine ausdrücklich unsichere Konjektur. Die historische Opferangabe wird weder verharmlost noch durch Zubereitungsschritte erweitert. Die Selbsthingabe am Versende ist keine ausdrückliche Anweisung zur Selbsttötung.

6.36[26]

kṛtvā pradakṣiṇaṃ tatra praṇipatya ca bhaktitaḥ /
tata āvāhayec chiṣyaṃ śuciṃ snātam upoṣitam

Übersetzung: Nach einer Umrundung im Uhrzeigersinn und einer hingebungsvollen Verneigung soll man den Schüler herbeirufen, der rein ist, gebadet und gefastet hat.


Erläuterung: Pradakṣiṇa ist eine Umrundung, bei der das Verehrte zur rechten Seite bleibt.

6.37[26]

pañcagavyaṃ mahādevi dadyāt tasya kuśānvitam /
pītvācamya prayatnena tataḥ saṃskāram ārabhet

Übersetzung: Man soll ihm die fünf Kuhprodukte mit Kuśa geben, große Göttin. Wenn er getrunken und sorgfältig das rituelle Schlürfen von Wasser vollzogen hat, soll [der Guru] mit der rituellen Zurüstung beginnen.


Erläuterung: Kuśa ist rituell verwendetes Gras; die Verbindung kuśānvitam ist editorisch nur versuchsweise hergestellt. Ācamana umfasst rituelles Schlürfen und Reinigen des Mundes; die Übersetzung ergänzt keine Einzelschritte aus fremden Ritualhandbüchern. Beim ersten Satz ist der Guru Handelnder, bei Trinken und Ācamana der Schüler.

6.38[26]

gurur abhyukṣayec chiṣyaṃ mantramūrtena vāriṇā /
gandhamālyair alaṅkṛtya vastradhūpapavitrakaiḥ

Übersetzung: Der Guru soll den Schüler mit Wasser besprengen, das den Mantra verkörpert. Nachdem er ihn mit Duftstoffen, Girlanden, Gewand, Räucherwerk und Pavitra-Schnüren geschmückt hat,


6.39[26]

dahyamānaṃ tato devi hṛdayena vicintayet /
nirdagdhaṃ tu tataḥ śiṣyaṃ śaktidehaṃ vicintayet

Übersetzung: soll er ihn, Göttin, durch den Herzmantra brennend vergegenwärtigen. Ist der Schüler ganz verbrannt, soll er ihn mit dem Körper der Kraft vergegenwärtigen.


Erläuterung: Vicintayet bezeichnet ausdrücklich ein geistiges Vergegenwärtigen. Das Verbrennen gehört zur vorgestellten Auflösung und Neubildung des Schülerkörpers; eine wirkliche Verbrennung des Menschen wird nicht angeordnet. Nirdagdham ist eine belegte editorische Konjektur.

6.40[26]

sarvākṣaramayīṃ devīṃ tasya dehe prakalpayet /
punar vidyātrayaṃ nyastvā saṃnaddhaṃ hṛdayādibhiḥ

Übersetzung: In seinem Körper soll er die Göttin gestalten, die aus sämtlichen Schriftlauten besteht. Nachdem er wiederum die Dreiheit der Vidyās eingesetzt und [den Schüler] mit dem Herzmantra und den übrigen gerüstet hat,


6.41[26]

tataḥ sitena vastreṇa tasya netrāṇi ghaṭṭayet /
puṣpāñjalidharaṃ kṛtvā ācāryaḥ susamāhitaḥ

Übersetzung: soll er dessen Augen mit einem weißen Tuch verbinden. Der ganz gesammelte Lehrer soll ihn mit Blüten in den zusammengelegten Händen versehen;


6.42[26]

praveśayet tataḥ śiṣyān paścāddvāreṇa mantravit /
jānudeśe natān kṛtvā puṣpākṣepaṃ tu kārayet

Übersetzung: dann soll der Mantrakundige die Schüler durch das westliche Tor eintreten lassen. Er soll sie niederknien lassen und sie den Blumenwurf vollziehen lassen.


Erläuterung: Die Quelle wechselt hier vom einzelnen Schüler zum Plural. Dieser Wechsel bleibt erhalten; für jeden Schüler wird keine zusätzliche Originalnummer erfunden.

6.43[26]

yasya puṣpāṇi śṛṅgāgre dṛśyante patitāni tu /
tasya tatpūrvakaṃ nāma śaktyantaṃ parikalpayet

Übersetzung: Auf wessen Dreizackspitze die Blüten gefallen sind, dessen [Göttinnenname] soll den Anfang des Namens [des Schülers] bilden; am Ende soll „śakti“ stehen.


Erläuterung: Gemeint ist der Name der Göttin, auf deren Spitze die Blüten fallen, ergänzt um śakti. Diese Zuordnung wird durch den im Apparat angeführten Paralleltext gestützt.

6.44[26]

punaḥ saṃgṛhya śiṣyān vai guruḥ kuryāt pradakṣiṇam /
śrāvayet samayān paścāt praṇipatyopaviṣṭakaḥ

Übersetzung: Nachdem der Guru die Schüler wieder versammelt hat, soll er eine Umrundung im Uhrzeigersinn vollziehen. Dann soll er sich verneigen, niedersetzen und sie die Verpflichtungen hören lassen:


6.45[27]

anivedya na bhoktavyaṃ devyā mahyaṃ kadācana /
striyaṃ śāstraṃ surāṃ klībaṃ na nindyāt kanyakām api

Übersetzung: „Niemals soll man essen, ohne zuvor der Göttin und mir etwas dargebracht zu haben. Man soll eine Frau, die heilige Lehre, alkoholisches Getränk, einen Klība und auch ein Mädchen nicht schmähen.


Erläuterung: Das „mir“ steht in den vom Guru vorgetragenen Verpflichtungen und wird daher auf ihn bezogen. Der Sanskrittext hat devyā im Singular; „Göttin“ wird nicht stillschweigend zum Plural umgeschrieben. Klība ist eine historische Sammelbezeichnung, unter anderem für einen impotenten Mann oder Eunuchen; sie wird nicht mit einer heutigen geschlechtlichen Identität gleichgesetzt.

6.46[28]

niṣphalaṃ naiva ceṣṭeta nādeyāvidhināmiṣam /
rereśabdaṃ sadākālaṃ na prayuñjyāt kadācana

Übersetzung: Man soll sich nicht mit Fruchtlosem beschäftigen und Fleisch nicht entgegen der Vorschrift nehmen. Den Ruf ‚re re‘ soll man zu keiner Zeit und unter keinen Umständen gebrauchen.


Erläuterung: Die Fleischbestimmung folgt der edierten Verbesserung nādeyāvidhināmiṣam und meint ein Verbot des regelwidrigen Nehmens bzw. Genießens, kein eindeutiges allgemeines Vegetarismusgebot. „Re re“ ist eine grobe oder verächtliche Anrede.

6.47[28]

vaṭāśvatthārkapatreṣu na kiṃcid bhakṣayed budhaḥ /
na nagnāṃ vanitāṃ paśyen na cāpi prakaṭastanīm

Übersetzung: Der Kundige soll nichts von Blättern des Vaṭa, Aśvattha oder Arka essen. Er soll keine nackte Frau ansehen, auch keine mit entblößten Brüsten.


Erläuterung: Vaṭa und Aśvattha sind Feigenbäume; Arka ist der schon in6.11 genannte Strauch. Die Blätter dienen hier als Essunterlage. Prakaṭastanīm ist eine unsichere editorische Verbesserung.

6.48[28]

nālokayet paśukrīḍāṃ kṣudrakarmaṃ na kārayet /
grāmadharmaṃ sadā varjyaṃ vāsare siddhim icchatā

Übersetzung: Man soll dem Paarungsspiel der Tiere nicht zusehen und keine niederträchtigen Handlungen veranlassen. Wer Vollendung begehrt, soll bei Tage stets den Geschlechtsverkehr meiden.


Erläuterung: Grāmadharma, wörtlich etwa „Dorfbrauch“, ist hier eine Umschreibung des Geschlechtsverkehrs. Kṣudrakarman kann auch schädigende magische Handlungen umfassen; die Übersetzung hält die allgemeine Bedeutung offen.

6.49[28]

traihkālaṃ cintayec chaktiṃ sakalīkṛtavigrahaḥ /
vanded ācāryam āsannaṃ dūrasthaṃ dhyānayogataḥ

Übersetzung: Nachdem man dem eigenen Körper alle [Mantra-]Glieder gegeben hat, soll man dreimal täglich die Kraft vergegenwärtigen. Ist der Lehrer nahe, soll man ihn ehrerbietig grüßen; ist er fern, durch meditative Sammlung.


Erläuterung: Sakalīkaraṇa ist die rituelle Ausstattung des Körpers mit Mantragliedern. Der Sanskritvers nennt hier nicht ausdrücklich Bhairava als angenommene Gestalt. Traihkālam wird im Sinne von drei täglichen Zeiten verstanden. Die Lesung āsannam, „nahe“, ist unsicher; die Gegenüberstellung mit „fern“ stützt die gewählte Übersetzung.

6.50[28]

tathoṣṭrolūkamahiṣīkroṣṭukījaṃ vivarjayet /
ṛkṣakukkuṭamāyūramāṃsāni parivarjayet

Übersetzung: Ebenso soll man das vom Kamel, von der Eule, vom weiblichen Büffel und vom weiblichen Schakal Stammende meiden. Das Fleisch von Bär, Hahn und Pfau soll man vollständig meiden.


Erläuterung: Im ersten Halbvers ist „das davon Stammende“ eine umschreibende Bezeichnung für Fleisch. Weibliches Geschlecht ist bei Büffel und Schakal ausdrücklich markiert; es wurde nicht auf alle genannten Tiere übertragen.

6.51[28]

ḍākinīti na vaktavyaṃ pramādān mantriṇā -m- api /
kṣetramārgaikavṛkṣeṣu śmaśānāyataneṣu ca

Übersetzung: Auch aus Unachtsamkeit darf der Mantrakundige das Wort ‚ḍākinī‘ nicht aussprechen. Auf Feldern und Wegen, bei einzelnen Bäumen, auf Leichenverbrennungsplätzen und in Heiligtümern


Erläuterung: Die Bezeichnung ḍākinī erscheint hier innerhalb eines Sprechverbots. Daraus wird kein Rezitationswort oder Mantra gemacht.

6.52[29]

viṇmūtraṃ śayanaṃ vāpi na kuryān mantravit kvacit /
ityevamādisamayāñ śrāvayitvā tato guruḥ

Übersetzung: soll ein Mantrakundiger nirgends Kot oder Urin lassen und auch nicht schlafen.“ Nachdem der Guru sie diese und ähnliche Verpflichtungen hat hören lassen,


6.53[29]

svamantrair upasaṃhāraṃ kuryād bhaktyā samāhitaḥ /
tadā saṃpādya tat sarvaṃ naivedyaṃ vāriṇi kṣipet

Übersetzung: soll er mit den eigenen Mantras, hingebungsvoll und gesammelt, die Zurücknahme vollziehen. Hat er all dies ausgeführt, soll er die Speisegabe ins Wasser werfen.


Erläuterung: Upasaṃhāra bezeichnet die rituelle Zurücknahme bzw. Auflösung der zuvor eingesetzten Gestalten. Der Vers sagt naivedya, „Speisegabe“; dass ausschließlich Reste gemeint seien, ist eine zusätzliche Deutung der Kontrollübersetzung und wird nicht als Wortlaut ausgegeben.

6.54[29]

ity etan maṇḍalaṃ proktaṃ samayaṃ samayārthinām /
yasya saṃdarśane devi siddhir bhavati śāśvatī

Übersetzung: So ist das Maṇḍala der Verpflichtungen für jene dargelegt, welche die Verpflichtungen erstreben. Durch seinen Anblick entsteht bleibende Vollendung, Göttin.


6.55[29]

dīkṣāmaṇḍalavinyāsam aghoryādyaṣṭakānvitam /
śmaśānayajñavāṭeṣu samālikhya prayatnataḥ

Übersetzung: Nachdem man die Anordnung des Einweihungsmaṇḍalas zusammen mit der Achtergruppe, die mit Aghorī beginnt, in Opferbezirken auf Leichenverbrennungsplätzen sorgfältig gezeichnet hat


Erläuterung: Die letzten Verse wechseln vom Samaya-Maṇḍala zum eigentlichen Einweihungsmaṇḍala. Die genaue Abfolge ist stark verkürzt; der Text wird nicht zu einem vollständigen Einweihungshandbuch ausgebaut.

6.56[29]

tatra saṃpūjya deveśaṃ bhairavaṃ mantravigraham /

āhutyaṣṭakahomena viparītena yojayet /

†śataṃ śakto† maheśāni aghoryādyaṣṭakaṃ kramāt

Übersetzung: und dort den Götterherrn Bhairava in seiner Mantragestalt verehrt hat, soll man durch ein Feueropfer mit acht Darbringungen in umgekehrter Reihenfolge die Verbindung vollziehen. †Hundert … [der weitere Zusammenhang ist verderbt]†, große Herrin, und die Achtergruppe, die mit Aghorī beginnt, der Reihe nach.


Erläuterung: Die „Verbindung“ ist das rituelle Anschließen des Schülers an die betreffende göttliche Stufe. Acht Darbringungen und die umgekehrte Reihenfolge sind lesbar; die Crux śataṃ śakto erlaubt keine sichere Gesamtzahl oder Verteilung. Deshalb werden daraus keine ungesicherten108Opfer konstruiert.

6.57[29]

abhiṣikto hy anujñātaḥ siddhayogeśamaṇḍale /
acirāt sarvaśaktīnāṃ padātītaṃ padaṃ vrajet

Übersetzung: Wer im Maṇḍala des Siddhayogeśa geweiht und ermächtigt worden ist, gelangt bald zur Stätte aller Kräfte, die jenseits der [übrigen] Stätten liegt.


Erläuterung: Siddhayogeśamaṇḍala ist die gedruckte Form, keine stillschweigend ersetzte Titelform. In den Textanmerkungen wird sie auf das Maṇḍala des Siddhayogeśvarīmata bezogen. Pada kann Stätte, Bereich oder geistige Stufe bedeuten.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 6[8]

samayapaṭalaḥ ṣaṣṭhaḥ

Übersetzung: Das sechste Kapitel: Die Verpflichtungen.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 6; überlieferte Schlussnummer 6[8]

iti samayamaṇḍalaḥ paṭalaḥ ṣaṣṭhaḥ

Übersetzung: So endet das sechste Kapitel: Das Maṇḍala der Verpflichtungen.


Kapitel 7 – Feueropfer und unterschiedliche Ritualziele

Aufgenommener Bereich: 1–41. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 7.1[30]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


7.1[30]

athedaṃ samayācāraṃ sādhakasya mahātmanaḥ /
<…>

Übersetzung: Nun diese verbindliche Lebensordnung des hochgesinnten Sādhaka … [Der folgende Halbvers fehlt.]


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

7.2[30]

kuryād dīkṣāṃ vidhānajñaḥ sarvasiddhikarīṃ nṛṇām /
yaṣṭvā devyā yathānyāsaṃ yāmye diggocare sthitaḥ

Übersetzung: Der Kenner der Vorschrift soll die Einweihung vollziehen, die den Menschen alle Vollendungen gewährt. Nachdem er die Göttinnen gemäß ihrer Einsetzung verehrt hat, hält er sich im südlichen Richtungsbereich auf;


Erläuterung: Die nichtklassische Form devyā wird hier entsprechend der Textanmerkung als Akkusativ Plural verstanden. Die folgende Richtungsangabe betrifft den Guru, die Nordausrichtung in7.3 den Schüler.

7.3[30]

uttarābhimukhe tasmin bhasmanā tāḍite purā /
astrarājābhijaptena kṣālayet salilena tam

Übersetzung: der [Schüler] ist dabei nach Norden gewandt. Nachdem dieser zuvor mit Asche getroffen worden ist, soll er ihn mit Wasser abwaschen, über dem der König der Waffenmantras rezitiert wurde.


Erläuterung: „Mit Asche getroffen“ bezeichnet das rituelle Bewerfen bzw. Bestreuen; die Übersetzung macht daraus keine körperliche Züchtigung. Astrarāja, „König der Waffen“, ist ein Mantra.

7.4[30]

evaṃ kṛte tatas tasmin nyāsaṃ kuryād vicakṣaṇaḥ /
pavitrakaṃ tato dadyād rudrāṇyā cābhimantritam

Übersetzung: Ist dies geschehen, soll der Verständige an ihm die Einsetzung vornehmen. Danach soll er ihm das mit Rudrāṇī besprochene Reinigungsmittel geben.


Erläuterung: Pavitraka heißt hier „Reinigendes“. Törzsök versteht darunter im vorliegenden Ritual die fünf Kuhprodukte, nicht die an anderer Stelle so bezeichnete rituelle Schnur. Rudrāṇī wird durch einen im Kommentar angeführten Parallelbeleg mit dem Haarknotenmantra verbunden; ihre Lautgestalt wird hier nicht aus dem Namen neu ergänzt.

7.5[30]

tataḥ sagandhapuṣpaiś ca dhūpaṃ cārghyādikaṃ kramāt /
svamantreṇaiva mantrajñaḥ śiṣye kuryād ayaṃ vidhiḥ

Übersetzung: Darauf soll der Mantrakundige am Schüler der Reihe nach mit Duftstoffen und Blüten, Räucherwerk, Ehrengabe und den weiteren [Gaben], jeweils mit dem zugehörigen Mantra, verfahren. Dies ist die Vorschrift.


7.6[30]

tataś cāgnisamīpasthaḥ saumyādimukhasaṃsthitaḥ /
kuryād dīkṣāṃ kuśādyaiś ca tāḍite paśuvigrahe

Übersetzung: Dann soll er nahe beim Feuer stehen, nach Norden oder nach einer der folgenden [geeigneten Richtungen] gewandt, und die Einweihung vollziehen, nachdem der Körper der gebundenen Seele mit Kuśa und anderem getroffen worden ist.


Erläuterung: Saumyādi nennt ausdrücklich Norden und erweitert die Angabe mit „und so weiter“. Die Kontrollübersetzung versteht die zweite geeignete Ausrichtung als Osten, gestützt auf Paralleltexte; dieses zusätzliche Richtungswort steht nicht wörtlich im Vers. Kuśa ist eine unsichere Ergänzung der Edition. Paśu bezeichnet hier den einzuweihenden Menschen als gebundene Seele.

7.7[30]

prakṛtiṃ puruṣaṃ caiva śivaś caiva tridhā priye /
sarvaṃ śuddhaṃ imaiḥ śuddhair nātra kāryā vicāraṇā

Übersetzung: Prakṛti, Puruṣa und Śiva bilden eine Dreiheit, Geliebte. Sind diese gereinigt, ist alles rein; hierüber soll kein Zweifel bestehen.


Erläuterung: Prakṛti ist die Urnatur, Puruṣa das individuelle Geistprinzip, Śiva die darüberliegende göttliche Stufe. Der Vers fasst die zu reinigenden Bereiche in diesen drei Namen zusammen.

7.8[30]

pradhānaṃ śodhayet pūrvaṃ tryakṣarāyā varānane /
parāparāyā ca tataḥ puruṣaṃ pañcaviṃśakam

Übersetzung: Zuerst soll er die Urnatur mit der Dreisilbigen reinigen, Schönangesichtige. Danach soll er mit Parāparā den Puruṣa, das fünfundzwanzigste Prinzip, reinigen.


Erläuterung: Pradhāna bezeichnet hier Prakṛti. Die Quelle nennt Aparā tryakṣarā, „dreisilbig“; die Kontrollübersetzung fügt „and a half“ hinzu. Die deutsche Übersetzung hält sich an die tatsächliche Zahlform dieses Verses.

7.9[30]

śodhayeta tataḥ paścān mantradehaṃ vyavasthitam /
parāyāṃ tu vidhānajño yojyaś caiva nirāmaye

Übersetzung: Danach soll der Kenner der Vorschrift den eingesetzten Mantrakörper mit Parā reinigen; [der Schüler] soll mit dem makellosen [Bereich] verbunden werden.


Erläuterung: Der Mantrakörper gehört im Zusammenhang zur dritten, Śiva genannten Stufe. Der grammatische Übergang vom handelnden Guru zum zu verbindenden Schüler ist verkürzt; beide Personen werden in der Übersetzung unterschieden.

7.10[30]

kalpayec ca tataḥ sthānaṃ yoninyāsaṃ tataḥ punaḥ /
grahaṇaṃ yojanaṃ caiva sādhakaṃ janayet tataḥ

Übersetzung: Danach soll er den Ort herrichten und die Einsetzung des Mutterschoßes vornehmen, dann das Ergreifen und das Verbinden. So soll er den Sādhaka zur Geburt bringen.


Erläuterung: Yoninyāsa, Ergreifen und Verbinden sind Stationen der rituellen Wiedergeburt des Schülers. Der Mutterschoß wird im Ritual auf den Feuerbehälter bezogen; der Vers schreibt keinen körperlichen Geschlechtsakt aus. Details aus anderen Ritualwerken werden nicht in den Text eingefügt.

7.11[31]

adhikāraṃ tathā bhogaṃ layaś caiva tridhā priye /
pāśacchedaṃ tataḥ kuryāt sthāne caiva niyojanam

Übersetzung: Befähigung, Erfahrung und Auflösung bilden eine Dreiheit, Geliebte. Darauf soll er die Fesseln durchtrennen und die Verbindung mit der [betreffenden] Stätte vollziehen.


Erläuterung: Die drei Stationen lassen den Schüler rituell Befähigung, Erfahrung ihrer Früchte und Auflösung durchlaufen. „Fesseln“ meint die Bindungen der Seele; die Quelle nennt an dieser Stelle kein Material oder Werkzeug für deren Durchtrennung.

7.12[32]

karmaṇy eva tatas tasminn āhutībhis tribhis tathā /
sthānaśuddhiṃ tataḥ kuryāc chatenāṣṭottareṇa tu

Übersetzung: Bei der jeweiligen Handlung [verfährt er] mit drei Opferdarbringungen; die Reinigung des Ortes soll er mit einhundertacht vornehmen.


Erläuterung: Hier ist die Zahl108 ausdrücklich und unbeschädigt überliefert: śatena aṣṭottareṇa. Sie darf nicht zur Ergänzung der beschädigten anderen Angabe in6.56 verwendet werden.

7.13[32]

prāyaścittanimitte tu āhutiṃ pratipādayet /
paśūnāṃ saṃkhyayā mantrī astrarājam anusmaret

Übersetzung: Zum Zweck der Sühne soll der Mantrakundige die Darbringung entsprechend der Anzahl der gebundenen Seelen vorsehen und den König der Waffenmantras vergegenwärtigen.


7.14[32]

pūrṇāhutiṃ tato dadyāt svamantreṇa vicakṣaṇaḥ /
evaṃ krameṇa śeṣaṃ tu śodhayet sādhakasya tu

Übersetzung: Dann soll der Verständige mit dem zugehörigen Mantra die volle Darbringung vollziehen. In dieser Reihenfolge soll er das noch Verbleibende für den Sādhaka reinigen.


Erläuterung: Pūrṇāhuti ist die volle bzw. abschließende Opferdarbringung. „Das noch Verbleibende“ folgt der unsicheren editorischen Lesung śeṣam.

7.15[32]

sakale tu laye vāpi karmaṃ kuryāt tataḥ punaḥ /
sakale niṣkale vāpi yojayet sādhakottamam

Übersetzung: Darauf soll er die Handlung am gegliederten [Bereich] oder bei der Auflösung vollziehen. Er soll den vorzüglichen Sādhaka mit dem gegliederten oder mit dem ungegliederten [Bereich] verbinden.


Erläuterung: Sakala und niṣkala werden als gegliedert und ungegliedert wiedergegeben. Die Unterscheidung dient hier dem verschiedenen Ziel der Einweihung; die Übersetzung ersetzt sie nicht durch moderne Wertungen „höherwertig“ und „minderwertig“.

7.16[32]

parāyā sakalatve ca siddhikāme varānane /
niṣkale muktikāmasya yogaṃ kuryād vicakṣaṇaḥ

Übersetzung: Wenn Vollendung begehrt wird, soll der Verständige die Verbindung durch Parā mit dem gegliederten Zustand vollziehen, Schönangesichtige; für den, der Befreiung begehrt, mit dem ungegliederten.


7.17[32]

athaivaṃ dīkṣito bhūtvā siddhikāmaḥ samāhitaḥ /
kuryāt tadgrahaṇaṃ paścāt pūjyācāryaṃ svaśaktitaḥ

Übersetzung: Nachdem derjenige, der Vollendung begehrt, auf diese Weise eingeweiht worden ist, soll er gesammelt das [ihm Übertragene] empfangen, nachdem er den Lehrer nach eigenem Vermögen verehrt hat.


Erläuterung: Tadgrahaṇa ist wörtlich das Empfangen „dessen“; im Kontext wird es auf den vom Guru übertragenen, zu verwirklichenden Mantra bezogen. Der Rückbezug bleibt knapp.

7.18[32]

ātmānaṃ gurave dadyāt trividhenāntarātmanā /
tato vijñāpayed dhīmān kiṃ kartavyam ataḥ param

Übersetzung: Er soll sich mit seinem dreifachen inneren Wesen dem Guru hingeben. Dann soll der Einsichtige fragen: „Was ist nun als Nächstes zu tun?“


Erläuterung: Das „dreifache innere Wesen“ wird in der Kontrollübersetzung vorsichtig als Körper, Rede und Geist erläutert. Diese Aufzählung steht hier nicht ausdrücklich und wird deshalb nicht als Sanskritwortlaut ausgegeben.

7.19[32]

ādiṣṭaṃ tena yat kiṃcit tat saṃpādyaṃ tathaiva hi /
sakalīkaraṇaṃ kuryād yathoktaṃ tu varānane

Übersetzung: Was immer jener ihm aufträgt, das soll entsprechend ausgeführt werden. Die Ausstattung mit sämtlichen [Mantra-]Gliedern soll so vollzogen werden, wie sie gelehrt wurde, Schönangesichtige.


Erläuterung: Die Subjektfolge ist verkürzt. Bis zur Befehlsbefolgung ist der Schüler gemeint; die anschließende Darstellung kann zunächst vom Guru am Schüler vollzogen werden und geht dann zur eigenen täglichen Praxis über. „Ausstattung mit Gliedern“ übersetzt sakalīkaraṇa; Bhairavas Name steht hier nicht.

7.20[32]

svakāyaṃ parayā śodhyaṃ prāṇāyāmatrayeṇa tu /
recya vāyuṃ svakād dehāt punar ākṛṣya dhārayet

Übersetzung: Der eigene Körper soll durch Parā mit den drei Phasen der Atemregelung gereinigt werden. Nachdem man die Luft aus dem eigenen Körper ausgeatmet und wieder eingezogen hat, soll man sie halten.


Erläuterung: Die Reihenfolge ist Ausatmen, Einziehen und Halten. Der Vers nennt weder Sekunden noch ein Zahlenverhältnis.

7.21[32]

kumbhakenāvinirmukte parābījena dhārayet /
parāṃ praśāntasahitāṃ caturthaṃ mānasaṃ smṛtam

Übersetzung: Während der Atem im Anhalten nicht freigegeben wird, soll man mit dem Keimlaut Parās die mit dem Erloschenen verbundene Parā festhalten. Als vierter [Schritt] gilt der geistige.


Erläuterung: Der letzte Halbvers ist eine unsichere Konjektur. Praśānta, „erloschen/beruhigt“, wird in der Kontrollinterpretation auf das Verklingen des Mantralautes bezogen. Der Vers beschreibt keine gesichert rekonstruierbare vierte körperliche Atemphase. Avinirmukte verneint ausdrücklich die Freigabe des angehaltenen Atems.

7.22[32]

viśodhyaivaṃ svakaṃ dehaṃ prāṇāyāmaiḥ prayatnataḥ /
tataḥ sarvākṣaropetāṃ dehe devīṃ niyojayet

Übersetzung: Nachdem man so den eigenen Körper sorgfältig durch Atemregelungen gereinigt hat, soll man die mit sämtlichen Schriftlauten ausgestattete Göttin im Körper einsetzen.


Erläuterung: Der erste Satz nennt ausdrücklich den eigenen Körper. Der zweite kann im Einweihungszusammenhang auch den Schülerkörper betreffen; die Darstellung geht hier in die allgemeine eigene Ritualpraxis über.

7.23[33]

parāyā tu karau śodhyau tataś cāparayā tathā /

dikśuddhim ādau cāstreṇa kuryāt sthānasya sarvadā /

āśābandhaṃ tu vidhivad varmaṇā ca praśasyate

Übersetzung: Die beiden Hände sind durch Parā, danach ebenso durch Aparā zu reinigen. Zu Beginn soll man stets mit dem Waffenmantra die Richtungen des Ortes reinigen; das vorschriftsgemäße Verschließen der Richtungen mit dem Panzermantra wird empfohlen.


7.24[34]

tataḥ parāparāṃ devīṃ hṛtpadme cintayet sadā /
svakīyenaiva rūpeṇa karṇikāsanasaṃsthitām

Übersetzung: Dann soll man die Göttin Parāparā beständig im Lotus des Herzens vergegenwärtigen, in ihrer eigenen Gestalt und auf dem Fruchtboden sitzend.


7.25[34]

śiroddeśe parāpy evaṃ sā caitatkarṇikopari /
āpādato ’parā vidyā nyāsaṃ vidyātrayasya tu

Übersetzung: Ebenso [setzt man] Parā im Kopfbereich [ein], oberhalb des dortigen Fruchtbodens; die Vidyā Aparā bei den Füßen. Dies ist die Einsetzung der drei Vidyās.


Erläuterung: Āpādataḥ wird hier wie in der kommentierten Edition im Sinn von „bei den Füßen“ verstanden, nicht als Anweisung, Aparā unbestimmt vom Fuß bis zum Kopf zu verteilen.

7.26[34]

aghorā paramā ghorā ghorarūpā tathāparā /
ghorāsyā ca parā guhyā bhīmabhīṣaṇanāyikāḥ

Übersetzung: Aghorā, die höchst Schreckliche, ferner die andere, Ghorarūpā, die höchste, geheime Ghorāsyā sowie die Herrinnen Bhīma und Bhīṣaṇa,


Erläuterung: Die Namen und Beiwörter geben die in Parāparā enthaltenen acht Göttinnen wieder. Parama-Ghorā („höchst Schreckliche“) wird im Vers in zwei Wörter aufgelöst. Bhīma/Bhīṣaṇa werden in den folgenden Zuordnungen als Göttinnen verstanden; die gedruckten Formen bleiben erhalten.

7.27[34]

vamantī pānābhiratā pibantī ca tathāparā /
pādāntaṃ ca tato nyasya śiroddeśāditaḥ kramāt

Übersetzung: die Ausströmende, die sich am Trinken erfreut, und ferner die andere, die Trinkende: Nachdem man sie der Reihe nach vom Kopfbereich bis hinab zu den Füßen eingesetzt hat,


Erläuterung: Vamantī („Ausströmende/Erbrechende“) und Pibantī („Trinkende“) werden hier als Namen bzw. Beschreibungen verstanden. Pānābhiratā kann syntaktisch der einen oder der anderen zugehören. Das Sanskrit nennt an dieser Stelle Trinken, aber nicht ausdrücklich den Namen eines Getränks; die Kontrollübersetzung deutet es als alkoholisches Trinken.

7.28[34]

siddhayogī punar dehe sarvaṃ jñātvā prayatnataḥ /
hṛdayādīni cāṅgāni svasth<ān>eṣu prakalpayet

Übersetzung: soll der vollendete Yogin, nachdem er dies alles sorgfältig erkannt hat, wiederum die Glieder, beginnend mit dem Herzmantra, an ihren eigenen Stellen im Körper anordnen.


Erläuterung: Im Sanskrit ist lediglich die Buchstabenfolge ⟨ān⟩ in svasth⟨ān⟩eṣu editorisch ergänzt; das Wort bedeutet „an ihren eigenen Stellen“.

7.29[34]

sāmayenaiva mārgeṇa smṛtā cātrāṣṭapuṣpikā /
agnikāryaṃ ca tenaiva vinyāsena yadīcchasi

Übersetzung: Hier ist auch die Acht-Blüten-Darbringung nach dem beim Samaya beschriebenen Verfahren vorgesehen. Wenn du es wünschst, [erfolgt] mit derselben Einsetzung auch die Feuerhandlung.


Erläuterung: Aṣṭapuṣpikā bezeichnet die Darbringung von acht Blüten. Der Text nennt hier keine acht verschiedenen Pflanzenarten; eine solche Artenzahl wird nicht aus „eight kinds“ der Kontrollübersetzung übernommen.

7.30[34]

nyāsamātraṃ samākhyātaṃ ṣaṇmāsād yogabhogadam /
anenaiva tu siddhyanti ṣaḍbhir māsair na saṃśayaḥ

Übersetzung: Schon die bloße Einsetzung wird als das gelehrt, was nach sechs Monaten die Erfahrungen des Yoga gewährt. Allein durch sie erlangen [die Praktizierenden] nach sechs Monaten Vollendung; daran besteht kein Zweifel.


7.31[34]

sadā nyāse kṛte devi sarvahiṃsakadarpahāḥ /
pañcadhā kīrtitaṃ tubhyaṃ mālinīpūrvakaṃ priye

Übersetzung: Wenn die Einsetzung beständig vollzogen wird, Göttin, brechen sie den Hochmut aller, die Schaden zufügen. Fünffach wurde sie dir gelehrt, Geliebte, mit Mālinī beginnend.


Erläuterung: Die Fünfzahl bezieht sich auf die fünf Schritte der Einsetzung: Mālinī, die drei Hauptvidyās und die Achtergruppe innerhalb Parāparās. Die Gliedmantras in7.32 ergeben den sechsten Schritt; die Anzahl der Göttinnen wird dadurch nicht auf fünf oder sechs reduziert.

7.32[34]

ṣoḍhā cāṅgāvasānaṃ tu kartavyaṃ ca samāsataḥ /
japet saṃgrāmakāle tu jayaṃ prāpnoty asaṃśayaḥ

Übersetzung: In knapper Form: Sie ist sechsfältig auszuführen, wenn die Gliedmantras den Abschluss bilden. Rezitiert man zur Zeit einer Schlacht, so erlangt man ohne Zweifel den Sieg.


7.33[34]

etad eva yathānyāsaṃ tajjñaḥ prāśnaṃ vicintayet /
parāparāvaktragataṃ tadā pārayate kṣaṇāt

Übersetzung: Der damit Vertraute soll eine Frage gemäß eben dieser Einsetzung vergegenwärtigen, als befinde sie sich im Mund Parāparās; dann löst er sie augenblicklich.


Erläuterung: Prāśna wird hier als Frage verstanden; Wortform und Zusammenhang sind nicht ganz durchsichtig. Die Lesung tajjñaḥ („der damit Vertraute“) ist eine diagnostische Konjektur.

7.34[34]

japet parāparāṃ devīṃ saṃpaśyed raktalocanām /
śatam aṣṭottaraṃ yāvan nirjīvaṃ kurute bhṛśam

Übersetzung: Man soll die Göttin Parāparā rezitieren und sie mit roten Augen schauen. Bis zu einhundertacht [Rezitationen] machen [das Ziel] gänzlich leblos.


Erläuterung: Nirjīva bedeutet leblos. Die Passage beansprucht eine tödliche Wirkung; sie wird nicht zu einer friedlichen Läuterung des eigenen Egos umgedeutet. Das Ziel ist im Vers nicht ausdrücklich bezeichnet.

7.35[34]

sānuraktaḥ striyāyāṃ tu yojayet sarvaraktakām /
sravantīṃ amṛtaṃ raktaṃ aśokam iva puṣpitam

Übersetzung: Ist [der Praktizierende] in eine Frau verliebt, soll er die ganz rote [Göttin] mit ihr verbinden: Sie lässt roten Nektar strömen und gleicht einem blühenden Aśoka.


Erläuterung: Sarvaraktakā kann „ganz rot“ und zugleich „durch und durch verliebt“ anklingen lassen. Der folgende Vers benennt die angestrebte Beherrschung der Frau; dieser Zusammenhang darf bei einer isolierten Wiedergabe nicht verschwiegen werden.

7.36[35]

japed aṣṭaśataṃ yasyās tatkṣaṇād vaśam ānayet /
upasarge samutpanne śuklām ātmani yojayet

Übersetzung: Für welche [Frau] er einhundertachtmal rezitiert, die bringt er augenblicklich in seine Gewalt. Tritt eine Bedrängnis auf, soll er die Weiße in sich selbst einsetzen.


Erläuterung: Aṣṭaśata kann108 oder800 bezeichnen. Hier wird entsprechend der kommentierten Edition und dem benachbarten śatam aṣṭottaram in7.34 die additive Deutung108 gewählt; die mehrdeutige Zahlform bleibt ausdrücklich vermerkt. In der zweiten Halbzeile beginnt ein anderer Anwendungsfall; es ist keine Fortsetzung des Liebeszwangs. Vgl. Monier-Williams1899,S.116,Sp.3,s.v.aṣṭaśata.

7.37[35]

tatkṣaṇāt sarvavighnebhyo mucyate nātra saṃśayaḥ /
pratyahaṃ yaḥ smarec chuklāṃ sa kavitvam avāpnuyāt

Übersetzung: Im selben Augenblick wird er von allen Hindernissen frei; daran besteht kein Zweifel. Wer die Weiße täglich vergegenwärtigt, erlangt dichterische Begabung.


Erläuterung: „Die Weiße“ wird hier nicht mit einer neuen, im Vers ungenannten Mantraform ausgeschrieben. Kavitva ist die Fähigkeit zu dichterischer Rede, nicht ein allgemeines Versprechen beliebiger Gelehrsamkeit.

7.38[35]

māsenaikena medhāvī jāyate nānyacintakaḥ /
māsadvayena saubhāgyaṃ jāyate nānyacintakaḥ

Übersetzung: Nach einem Monat wird er einsichtsvoll, wenn er an nichts anderes denkt. Nach zwei Monaten entsteht Glück, [bei dem,] der an nichts anderes denkt.


Erläuterung: Die Wiederholung von jāyate nānyacintakaḥ im zweiten Halbvers ist syntaktisch auffällig und in der Edition unsicher markiert. Die Übersetzung bewahrt die Bedingung ungeteilter Aufmerksamkeit in beiden Teilen.

7.39[35]

māsatraye rūpāpyāyaṃ caturthe dhanam āpnuyāt /
pañcame divyarūpas tu ṣaṣṭhe kāmaṃ yathepsitam

Übersetzung: Im dritten Monat erlangt er Schönheit und Gedeihen des Körpers, im vierten Reichtum; im fünften hat er eine göttliche Gestalt, und im sechsten [erlangt er] das Begehrte nach seinem Wunsch.


Erläuterung: Rūpāpyāya („Schönheit und Gedeihen“) ist eine ausdrücklich unsichere Konjektur. Die sechs Monatsstufen sind Aussagen des historischen Textes, keine zugesicherten heutigen Ergebnisse.

7.40[35]

evaṃ krameṇa ṣaṇmāsān nyāsamātraṃ karoti yaḥ /
japaṃ cātra prakurvīta sahasraṃ cāṣṭabhir yutam

Übersetzung: Wer auf diese Weise der Reihe nach sechs Monate lang die bloße Einsetzung vollzieht, soll dabei auch eintausendacht Rezitationen


Erläuterung: Die Zahl ist1008, wörtlich „tausend mit acht“, nicht108. Der Satz läuft in7.41 weiter.

7.41[35]

aparāyā varārohe agnikāryaparāyaṇaḥ /
dhyānam evaṃ prakurvīta tataḥ saṃpadyate sukham

Übersetzung: der Aparā ausführen, Wohlgestaltete, der Feuerhandlung hingegeben. Er soll die Meditation in dieser Weise vollziehen; dann stellt sich Wohlergehen ein.


Erläuterung: Aparāyā ist die gedruckte Lesung. Törzsök erwägt, darin ein Beiwort „unvergleichlich“ für Parā zu sehen, weil der Wechsel zu Aparā im Zusammenhang überrascht. Die Übersetzung ersetzt die benannte Aparā nicht stillschweigend durch Parā; die Zuordnung bleibt unsicher.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 7[8]

iti siddhayogīśvarītaṃtre saptamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogīśvarītantra das siebte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 7; überlieferte Schlussnummer 7[8]

iti siddhayogīśvarītantre saptamaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogīśvarītantra das siebte Kapitel.


Kapitel 8 – Einweihung und Maṇḍala

Aufgenommener Bereich: 1–48. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 8.1[36]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


8.1[36]

jñātaṃ me samayaṃ deva mantragrahaṇalakṣaṇam /

dīkṣāmaṇḍalavinyāsam aghoryādyaṣṭakānvitam /

dīkṣayā niyataṃ caiva sūcitaṃ kathitaṃ na hi

Übersetzung: Die Verpflichtungen und die Kennzeichen des Mantraempfangs sind mir bekannt, Gott. Die Anordnung des Einweihungsmaṇḍalas mit der Achtergruppe, die mit Aghorī beginnt, und das zur Einweihung Gehörende sind jedoch nur angedeutet, nicht dargelegt.


Erläuterung: Der erste Satz folgt einer ausdrücklich vorläufigen editorischen Herstellung und einem nichtklassischen Gebrauch von jñātam. Die drei Halbverse bleiben eine Originalnummer. Die Unterscheidung zwischen bereits Gelehrtem und nur Angedeutetem erschließt sich aus dem Kapitelzusammenhang.

8.2[36]

tvayā saṃsūcitaṃ deva kathitaṃ na sphuṭaṃ mama /
evaṃ me brūhi deveśa saṃśayocchittaye mama

Übersetzung: Du hast es angedeutet, Gott, mir aber nicht deutlich erklärt. Darum sage es mir, Herr der Götter, um meinen Zweifel zu beseitigen.


8.3[36]

yena dīkṣitamātrasya bhuktimuktiḥ pravartate /
etad veditum icchāmi bhagavan vaktum arhasi

Übersetzung: Ich möchte das kennen, wodurch beim gerade Eingeweihten Erfahrung und Befreiung zustande kommen. Erhabener, bitte lege es dar.


Erläuterung: Bhukti bezeichnet Genuss bzw. das Erfahren der Früchte; mukti Befreiung. Die beiden Ziele werden hier zusammen genannt, ohne dass jedem Eingeweihten notwendig beide gleichzeitig zugesichert würden.

Sprecherzeile – vor 8.4[36]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


8.4[36]

śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ bhuktimuktiphalapradam /
mahābhairavatantre ’smin siddhayogeśvarīmate

Übersetzung: Höre, Göttin, das höchste Geheimnis, das die Früchte von Erfahrung und Befreiung gewährt, in diesem großen Bhairava-Tantra, dem Siddhayogeśvarīmata.


8.5[36]

śmaśāne caiva bhūbhāge mātṛveśmany athāpi vā /
saṃgameṣu nadīnāṃ vā yajñādhānādipūrvakam

Übersetzung: Auf einer Bodenfläche eines Leichenverbrennungsplatzes, im Heiligtum einer Muttergöttin oder an Zusammenflüssen von Flüssen, nach der Vorbereitung des Opfers und der übrigen [Vorhandlungen],


Erläuterung: Yajñādhāna und die weiteren Vorhandlungen werden nur knapp bezeichnet. Törzsök deutet dies als täglichen Opferdienst; eine Liste von fünf täglichen Opfern steht hier nicht.

8.6[36]

ekavṛkṣe nagāgre vā siddhijuṣṭaṃ parīkṣitam /
sthānaṃ viśuddhya bhūbhāgaṃ devāstreṇa prayatnataḥ

Übersetzung: bei einem einzelnen Baum oder auf einem Berggipfel: Nachdem man den Ort geprüft hat, der der Vollendung günstig ist, soll man den Bodenbereich sorgfältig mit dem Waffenmantra der Gottheit reinigen.


8.7[36]

khaned bhūmiṃ ratnimātraṃ pāṃśupūrṇāṃ samīkṛtām /
aśvatthavṛkṣataṣṭena mudgareṇa tu kuṭṭayet

Übersetzung: Man soll den Boden eine Ratni tief ausheben, mit Erde auffüllen und ebnen; mit einem aus Aśvattha-Holz gefertigten Schlägel soll man ihn feststampfen.


Erläuterung: Ratni ist ein vom Ellenbogen bis zur geschlossenen Faust gemessenes Längenmaß. Der Vers nennt beim Ebnen keinen Kuhdung; dieses Detail der Kontrollübersetzung wird nicht ergänzt.

8.8[36]

narakeśasamutthena karpāsādimayena vā /

sūtrayen maṇḍalaṃ divyaṃ sarvasiddhiphalodayam /

catur aṣṭakaraṃ vāpi yathāśaktyā samāhitaḥ

Übersetzung: Mit einer aus Menschenhaar oder aus Baumwolle und ähnlichem Material gefertigten Schnur soll man gesammelt, nach eigenem Vermögen, das göttliche Maṇḍala abstecken, aus dem die Früchte aller Vollendungen hervorgehen: vier oder acht Kara im Maß.


Erläuterung: Kara ist hier ein armbezogenes Maß, ähnlich Hasta. Vier oder acht werden als die genannten Alternativen bewahrt; ob Radius, Durchmesser oder Seitenlänge gemeint ist, bleibt unsicher. Eine präzise moderne Zentimeterangabe wäre nicht belegt.

8.9[36]

sūtreṇa sūcitaṃ kṛtvā caturasraṃ samantataḥ /
ālikhen maṇḍalaṃ divyaṃ caturdvāropaśobhitam

Übersetzung: Nachdem man mit der Schnur ringsum ein Quadrat markiert hat, soll man das göttliche Maṇḍala zeichnen, geschmückt mit vier Toren,


8.10[36]

caturāvaraṇopetaṃ bhuktimuktiphalapradam /
kamalenāṣṭapatreṇa madhyadeśe virājitam

Übersetzung: versehen mit vier Umfassungen, die Früchte von Erfahrung und Befreiung verleihend und in der Mitte mit einem achtblättrigen Lotus prangend.


Erläuterung: Āvaraṇa bezeichnet eine umgebende Zone bzw. einen Ring von Gottheiten; die Vierzahl ist ausdrücklich genannt.

8.11[36]

kamalārdhakamānena śūlaśṛṅgānvitāni ca /
dvārāṇi kalpayitvā tu koṇeṣv eva catuṣṭayam

Übersetzung: Nachdem man die Tore im Maß eines halben Lotus und mit Dreizackspitzen versehen angelegt hat, soll man in den Ecken jeweils eines der vier


Erläuterung: Die Angabe „halber Lotus“ und die Verbindung mit Dreizackspitzen beruhen auf unsicheren Konjekturen. Die Beschreibung ermöglicht daher keine zweifelsfreie technische Konstruktionszeichnung.

8.12[36]

śūlākhyaṃ kalpayed anyaṃ jñātvā tu kulapaddhatim /
padmaṃ cakraṃ tathā śaktiṃ vajraṃ daṇḍaṃ sadaṃṣṭrakam

Übersetzung: weiteren, als „Dreizack“ bezeichneten [Zeichen] anlegen, der Anordnung des eigenen Kula kundig. Nachdem man Lotus, Rad, Speer, Vajra, einen mit Zähnen versehenen Stab,


Erläuterung: Kula bezeichnet hier die jeweilige tantrische Überlieferungsgruppe bzw. Yoginī-Familie. Die Quelle verweist auf deren Ordnung, ohne sie vollständig auszuschreiben. Śakti bedeutet in dieser Gegenstandsliste einen Speer; die „Zähne“ sind Zacken am Stab.

8.13[37]

kapālaṃ śūlam ālikhya mudraiḥ saṃrakṣya maṇḍalam /
bhairavīkṛtadehas tu ṣaḍvidhena krameṇa tu

Übersetzung: Schädel und Dreizack gezeichnet und das Maṇḍala mit Mudrās geschützt hat, soll man den eigenen Körper durch die sechsfache Abfolge zu Bhairava machen


Erläuterung: Die Einordnung von Schädel und śūla als zwei Gegenständen folgt der Wortfolge; die Kontrollübersetzung erwägt einen einzigen mit Schädeln versehenen Spieß. Śūla kann Dreizack oder Spieß heißen. Keine unbelegte Schädelzahl wird ergänzt. Die sechsfache Abfolge ist in7.31–32 erläutert.

8.14[38]

pūjayet tatra madhye tu bhairavaṃ bhairavīpriyam /
bhairavīsiddhidātāraṃ karṇikāyāṃ vyavasthitam

Übersetzung: und dort in der Mitte Bhairava verehren, den Geliebten Bhairavīs, der auf dem Fruchtboden weilt und die zu Bhairavī gehörende Vollendung verleiht.


Erläuterung: Bhairavīsiddhi kann die zu Bhairavī bzw. zur Bhairava-Tradition gehörende Vollendung bezeichnen; der genaue Schwerpunkt des Kompositums bleibt offen.

8.15[38]

patrāṣṭakeṣv aghoryādyāḥ pūrvapatrāditaḥ kramāt /
devyaṅgāni ca guhyāni lokapālāṣṭakaṃ tataḥ

Übersetzung: Auf den acht Blättern [verehrt man] der Reihe nach, vom östlichen Blatt beginnend, Aghorī und die übrigen; dann die geheimen Glieder der Göttin und die Achtergruppe der Hüter der Weltgegenden.


8.16[38]

astre mārjya vidhānena carubhis tarpayet tataḥ /
adhivāsitapūrvāṃś ca kṛtarakṣāvidhikriyān

Übersetzung: Nachdem man [die Gaben] vorschriftsgemäß mit dem Waffenmantra gereinigt hat, soll man [die Gottheiten] mit gekochten Opfergaben sättigen. Die [Schüler], die zuvor die vorbereitende Aufenthaltsweihe durchlaufen haben und an denen die Schutzriten vollzogen sind,


Erläuterung: Adhivāsa bezeichnet den vorbereitenden rituellen Aufenthalt vor der Einweihung. Seine Einzelhandlungen sind hier nicht beschrieben; sie werden nicht aus fremden Handbüchern eingefügt.

8.17[38]

bhairavīkṛtadehāṃś ca gandhapuṣpādyalaṃkṛtān /
bhairavāya vinikṣiptān pūrvapūjākṛte sati

Übersetzung: deren Körper zu Bhairava gemacht und die mit Duftstoffen, Blüten und anderem geschmückt sind, die Bhairava übergeben wurden, soll man nach der zuvor ausgeführten Verehrung


Erläuterung: „Bhairava übergeben“ ist die knappe wörtliche Aussage. Ob hier insbesondere das Niederknien vor dem Maṇḍala gemeint ist, bleibt eine Deutung.

8.18[38]

pūrvoktena vidhānena maṇḍale tu praveśayet /
kuśahastān samāhūya tato dīkṣāṃ samārabhet

Übersetzung: gemäß der vorher beschriebenen Vorschrift in das Maṇḍala eintreten lassen. Nachdem man sie mit Kuśa in den Händen herbeigerufen hat, soll man die Einweihung beginnen.


8.19[38]

agnikuṇḍaṃ tato gatvā pūrvābhimukhasaṃsthitaḥ /
tatra pūrvavidhiṃ kṛtvā †ma□sa† kalpayet tataḥ

Übersetzung: Dann soll man zur Feuergrube gehen und, nach Osten gewandt, dort die vorherige Vorschrift ausführen; anschließend soll man †[nicht lesbar zu bestimmenden Gegenstand]† herrichten.


Erläuterung: Die Crux enthält in der Erfassung ein nicht sicher identifiziertes Druckzeichen□. Aus den lesbaren Resten lässt sich kein zuverlässiger Gegenstand ergänzen.

8.20[38]

kṛṣṇarudraṃ samāhūya dakṣajaṅghām anusmaret /
dakṣajaṅghāṃ binduyutāṃ sthānaṃ dhyātvā svarūpataḥ

Übersetzung: Nachdem man Kṛṣṇarudra herbeigerufen hat, soll man den rechten Unterschenkel vergegenwärtigen, den rechten Unterschenkel mit dem Punkt, und dabei den Ort in seiner eigenen Gestalt meditativ schauen.


Erläuterung: Dakṣajaṅghā bezeichnet ausdrücklich den rechten Unterschenkel und damit den zuvor festgelegten Lauto. Die Kontrollübersetzung sagt zweimal „left“, gibt jedoch ebenfalls o an. Die Wiederholung wird nicht aus dem Sanskrit gestrichen. Svarūpataḥ kann die Gestalt des Ortes oder der dort vergegenwärtigten Gottheit betreffen.

8.21[38]

sthānakalpanam evaṃ tu tato yonivikalpanam /
svamantrāṣṭakasaṃyuktaṃ pūjya puṣpāditaḥ kramāt

Übersetzung: So erfolgt die Gestaltung des Ortes; dann die Gestaltung des Mutterschoßes. Nachdem man [die Gottheit], verbunden mit ihren acht eigenen Mantras, mit Blüten und den weiteren [Gaben] der Reihe nach verehrt hat,


Erläuterung: Die genaue Identität des „mit acht eigenen Mantras Verbundenen“ bleibt im Satz unausgesprochen; die Kontrollinterpretation bezieht ihn auf Kṛṣṇarudra/Bhairava.

8.22[38]

nāsābinduyutaṃ kṛtvā rudraśaktiṃ vicintya tu /
tathā sugandhapuṣpais tu saṃpūjya ca yathāvidhi

Übersetzung: soll man [sie] mit Nase und Punkt verbinden und Rudras Kraft vergegenwärtigen. Ebenso soll man vorschriftsgemäß mit wohlriechenden Blüten verehren.


Erläuterung: Die Pronomenergänzung bleibt neutral, weil unsicher ist, ob die Lautbestandteile der zuvor genannten Gottheit oder Rudras Kraft zuzuordnen sind. Die Übersetzung baut daraus keine ergänzte Gesamtformel.

8.23[38]

tatra saṃpūjayec chiṣyān āhutyaṣṭau tu homayet /
evaṃ kṛtvā vidhānaṃ tu tataḥ saṃyojayed aṇum

Übersetzung: Dort soll man die Schüler verehren und acht Darbringungen ins Feuer geben. Nachdem man so die Vorschrift ausgeführt hat, soll man die individuelle Seele verbinden.


Erläuterung: Aṇu bezeichnet die einzelne, begrenzte Seele, hier den einzuweihenden Menschen. Acht Feuerdarbringungen sind ausdrücklich genannt.

8.24[38]

†vāmapāde nitambe ca atha vā jānukena tu† /
śūladaṇḍasamārūḍhaṃ prāṇaṃ nāsāvibhūṣitam

Übersetzung: †Am linken Fuß und am Gesäß oder mit dem Knie [unklarer Zusammenhang]†: Den auf dem Dreizackstab ruhenden, mit der Nase geschmückten Lebenshauch


Erläuterung: Die erste Halbzeile ist als Ganze verderbt markiert. Die lesbaren Körper- und Lautbezeichnungen werden wiedergegeben, ohne ihre unsichere Verbindung zu einer vollständigen Formel zu rekonstruieren.

8.25[38]

visargeṇa samāyuktaṃ saṃyojananiyojane /
adhikāre tathā bhoge laye caiva niyojayet

Übersetzung: soll man, mit Visarga verbunden, beim Verbinden und Einsetzen verwenden; ebenso soll man ihn bei Befähigung, Erfahrung und Auflösung einsetzen.


Erläuterung: Saṃyojana und niyojana werden im Zusammenhang als Verbinden und Einsetzen der Seele in die Einweihungsstufen verstanden. Die genannten Lautbestandteile werden nicht durch die fehlenden Teile eines vermuteten längeren Mantras ergänzt.

8.26[38]

pāśacchede tathā †dvāre† āhutībhis tribhis tribhiḥ /
āhutyaṣṭakahomena tattve tattve tu dīkṣitāḥ

Übersetzung: Beim Durchtrennen der Fesseln und ebenso †„am Tor“ [unklar]† [verfährt man] mit je drei Darbringungen. Durch ein Feueropfer mit acht Darbringungen werden [die Schüler] auf jeder einzelnen Stufe eingeweiht.


Erläuterung: Dvāre ist als verderbt markiert. Die Zahlfolge ist ausdrücklich „je drei“ und „acht“. Das nichtklassische Satzgefüge wird nicht durch zusätzliche ungenannte Einweihungsakte erweitert.

8.27[38]

sthānaśuddhinimittena āhutīnāṃ śataṃ śatam /
adhikaṃ cāṣṭabhir mantrī sthānaśuddhir bhavet tataḥ

Übersetzung: Zum Zweck der Reinigung des Ortes [soll man] jeweils hundert Darbringungen [geben], um acht vermehrt, der Mantrakundige; daraus ergibt sich die Reinigung des Ortes.


Erläuterung: Śataṃ śatam ist eine verteilende Wiederholung: je hundert, mit acht zusätzlich. Sie wird hier nicht zu einer Summe von zweihundert plus acht verrechnet. Die Stellung von mantrī ist syntaktisch verkürzt; der Mantrakundige ist der Ausführende.

8.28[38]

kālāgnirudraprabhṛti yāvat tattvaṃ śiv†odhyayam† /
eṣa eva vidhir jñeyaḥ sarvādhāno yaśasvini

Übersetzung: Von Kālāgnirudra an bis zu dem Prinzip Śiva†[unlesbarer Wortausgang]† ist eben diese Vorschrift als die für alle [Stufen] vorgesehene zu verstehen, Ruhmreiche.


Erläuterung: Nur der Wortausgang odhyayam nach śiv ist verderbt markiert. Der Bezug auf Śiva ist lesbar; welche oberste Stufe genau gemeint ist, bleibt im Verhältnis zu8.38 offen.

8.29[39]

kālarudre tu ye proktā mātaro guhyasaṃbhavāḥ /
narakebhyaḥ patitvena mātarānyā vyavasthitāḥ

Übersetzung: Die bei Kālarudra genannten Mütter sind aus dem Geschlechtsteil entstanden. Andere Mütter sind als Herrinnen über die Höllen eingesetzt.


Erläuterung: Kālarudra gehört zur hier beschriebenen unteren Weltenstufe. Der Vers verbindet kosmische Mütter mit einer körperlichen Entstehungsstelle; diese Aussage wird nicht nachträglich in ein modernes Chakraschema übersetzt.

8.30[39]

pātālā mātaraś cānyās tathā bhūrlokamātaraḥ /
brahmalokanivāsinyo vaiṣṇavyo rudramātaraḥ

Übersetzung: Weitere Mütter gehören zu den Unterwelten, andere zur Erdenwelt; manche wohnen in Brahmās Welt, andere gehören Viṣṇu an, und es gibt die Mütter Rudras.


8.31[39]

tathānyāś caiva diksaṃsthā rebījādhiṣṭhitāḥ parāḥ /
catvāriṃśati cānyāś ca pañca prakṛtikāraṇāḥ

Übersetzung: Andere, höhere, stehen in den Richtungen und werden durch den Keimlaut re beherrscht. Es gibt weitere vierzig und fünf, die Ursachen der Urnatur sind.


Erläuterung: Re steht hier als Keimlautbezeichnung in einer kosmischen Zuordnung; eine selbstständige Rezitationsanweisung fehlt. Die vierzig und fünf werden nicht zu einer vermeintlich vollständigen Liste von45Namen ausgebaut.

8.32[39]

kṣmājalānalasāmīranabhobhūtādisaṃsthitāḥ /

tanmātrebhyas tathā cānyāḥ saṃsthitā divyamātaraḥ /

indriyaiś ca samudbhūtāḥ saṃsthitā mātaraḥ parāḥ

Übersetzung: Sie stehen in den ersten Elementen – Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum. Andere göttliche Mütter sind den feinen Sinnesqualitäten zugeordnet; weitere Mütter sind aus den Sinnes- und Handlungskräften hervorgegangen und stehen in ihnen.


Erläuterung: Tanmātras sind die feinen Qualitäten von Klang, Berührung, Gestalt/Farbe, Geschmack und Geruch. Indriyas sind die Vermögen der Wahrnehmung und Handlung. Die Textform sāmīra bleibt nichtklassisch erhalten.

8.33[39]

buddhisaṃsthāś ca yāḥ proktā guṇaiś caiva tu yāḥ sthitāḥ /
devayoninikāśāś ca pūjitāś cāṣṭadhā tu yāḥ

Übersetzung: Dann diejenigen, die als in der Urteilskraft stehend genannt werden, und jene, die bei den Guṇas stehen; ferner die den göttlichen Wesen Gleichenden, die als acht verehrt werden.


Erläuterung: Buddhi bezeichnet die unterscheidende Urteilskraft; Guṇas die konstituierenden Eigenschaften. Ob der zweite Halbvers eine weitere eigenständige Gruppe beginnt, ist nicht sicher. Die Übersetzung setzt keine im Sanskrit fehlenden Glieder ein, um eine Standardzählung zu erreichen.

8.34[39]

ṣatpañcāśat parā guhyā māyāmātryāḥ sahasraśaḥ /
krodhamātryā rāgamātryāḥ kālamātryās tathā parāḥ

Übersetzung: Weitere geheime [Mütter] sind sechsundfünfzig; die Mütter der Zaubermacht zählen nach Tausenden. Andere sind Zorn-Mütter, Begierde-Mütter und Zeit-Mütter.


Erläuterung: Māyā wird hier mit der Kontrollinterpretation als Zaubermacht verstanden; die später in8.37 genannte kosmische Māyā-Stufe muss nicht dieselbe Einteilung sein. Sechsundfünfzig und Tausende sind die tatsächlich genannten Zahlen.

8.35[39]

vinyāse bhogadā guhyāḥ paramātmapadānugāḥ /
sarvaiśvaryapradā guhyā mātaraḥ sapta suvrate

Übersetzung: Geheim sind die sieben Mütter, welche bei der Einsetzung Erfahrung gewähren, der Stätte des höchsten Selbst folgen und sämtliche Herrschaftsmacht verleihen – geheime [Mütter], du der guten Gelübde.


Erläuterung: Die Zahl sieben ist ausdrücklich genannt, ihre sieben Namen jedoch nicht. Die übliche Saptamātṛkā-Liste wird hier nicht als fehlender Grundtext ergänzt.

8.36[39]

bhairavaṃ tattvam āśritya yāś ca sṛṣṭipravartikāḥ /
tatrasthā mātaraś caiva tadanugrahamātaraḥ

Übersetzung: Diejenigen, welche sich auf das Bhairava-Prinzip stützen und die Schöpfung in Gang setzen, und ebenso die dort stehenden Mütter und die Mütter seiner Gnade,


Erläuterung: Tatra, „dort“, beruht auf einer unsicheren Konjektur. Der Text nennt Schöpfung und Gnade; weitere kosmische Tätigkeiten werden nicht aus einer bekannten Fünferliste hinzugesetzt.

8.37[39]

pradhānarāgapuruṣaniyatistattvam āśritāḥ /
vidyākalākhyakāle ca māyātattve ca yāḥ sthitāḥ

Übersetzung: [die Mütter], die den Prinzipien Urnatur, Begierde, Puruṣa und Niyati angehören, die in Vidyā, dem sogenannten Kalā und Kāla stehen sowie im Māyā-Prinzip,


Erläuterung: Niyati ist bindende Ordnung bzw. Begrenzung; Vidyā begrenztes Erkennen; Kalā begrenzte Handlungsmacht; Kāla Zeit; Māyā die hervorbringende und begrenzende Macht der Vielheit. Die gedruckte Reihenfolge bleibt erhalten.

8.38[39]

īśe sadāśive caiva saṃsthitānyā varānane /
śive ca bhairave guhye saṃsthitāḥ śāntamātaraḥ

Übersetzung: und andere, die in Īśa und Sadāśiva stehen, Schönangesichtige: In Śiva und im geheimen Bhairava stehen die Mütter der Ruhe.


Erläuterung: Ob Śiva und Bhairava hier eine einzige oberste Stufe oder unterscheidbare Bereiche meinen, ist nicht eindeutig. Auch nicht genannte Stufen werden nicht aus späteren Systemen ergänzt.

8.39[39]

sarvāḥ śuddhā mahābhāge śodhitair navabhiḥ kramāt /
saptabhiḥ pañcabhiś caiva tribhir eva samāsataḥ

Übersetzung: Sie alle sind gereinigt, Glückbegabte, wenn der Reihe nach neun, sieben, fünf oder, zusammengefasst, drei [Bereiche] gereinigt sind.


Erläuterung: Die Anfangslesung sarvāḥ śuddhā ist eine unsichere Konjektur. Die Zahlen9/7/5/3 beziehen sich nach der kommentierten Interpretation auf zusammengefasste zu reinigende Bereiche, nicht auf eine neue vollständige Mutterliste.

8.40[39]

samāhūya svamantrais tu vidhinānena yogataḥ /

aghoryādyaṣṭakenaiva pūrvasūtrānusārataḥ /

śaktitrayeṇa vā devi sarvāsāṃ pariśodhanam

Übersetzung: Nachdem man sie entsprechend diesem Verfahren mit ihren eigenen Mantras herbeigerufen hat, erfolgt die Reinigung aller [Mütter] durch eben die Achtergruppe, die mit Aghorī beginnt, gemäß der früheren Regel, oder durch die Dreiheit der Kräfte, Göttin.


Erläuterung: Die Strophe hat drei Halbverse unter einer Nummer. Die Beziehung der eigenen Mantras zur Achtergruppe ist knapp gefasst; die ausdrücklich mit vā angeschlossene Alternative ist die Dreiheit der Kräfte.

8.41[39]

bhairavīsādhyasiddhyarthaṃ mantravādī niyojayet /

<…> /

tattve tu bhairave devi muktyarthe yojayet paśum

Übersetzung: Zur Verwirklichung der zu Bhairavī gehörenden angestrebten Vollendung soll der Mantrakundige [den Schüler] verbinden. [Textlücke.] Um der Befreiung willen soll er die gebundene Seele mit dem Bhairava-Prinzip verbinden, Göttin.


Erläuterung: Zwischen den beiden erhaltenen Halbversen steht eine echte Lückenmarkierung der Edition. Tattve tu bhairave beruht auf einer ausdrücklich unsicheren Konjektur. Der fehlende Zielbereich für die auf Siddhi gerichtete Verbindung wird nicht ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

8.42[40]

parāparā niyoge syād yojayed aparāṃ punaḥ /
viyoge sarvatattveṣu parāṃ muktiḥ kṣaṇaṃ tathā

Übersetzung: Beim Einsetzen soll Parāparā verwendet werden; danach soll man wiederum Aparā einsetzen. Beim Lösen von sämtlichen Prinzipien [verwendet man] Parā; so [entsteht] Befreiung im Augenblick.


Erläuterung: Die Verteilung der drei Vidyās auf die verkürzt genannten Ritualakte ist auch in der kommentierten Edition als unsicher erklärt. Die deutsche Übersetzung bewahrt die Reihenfolge Parāparā–Aparā–Parā.

8.43[40]

āhutyaṣṭakahomena dīkṣākarmaṇi yojitā /
pūrṇāhutisamāyuktā bhuktimuktiphalapradā

Übersetzung: Bei der Einweihungshandlung wird sie mit einem Feueropfer von acht Darbringungen verwendet. Mit einer vollen Darbringung verbunden, gewährt sie die Früchte von Erfahrung und Befreiung.


Erläuterung: „Sie“ bezieht sich im unmittelbaren Zusammenhang auf Parā; der Eigenname wird in diesem Vers nicht wiederholt. Die volle Darbringung ist von den acht einzelnen Darbringungen zu unterscheiden.

8.44[40]

pūrṇāhutiprayogo ’yaṃ tattve tattve varānane /
†– – – – – – – – – – carametakitam

Übersetzung: Diese Anwendung der vollen Darbringung gilt auf jeder einzelnen Stufe, Schönangesichtige. †[Lücke und nicht sicher deutbare Lautreste.]†


Erläuterung: Die Handschrift N endet nach8.44ab. Ab8.44cd bis zum Ende8.48 folgt in der Edition eine durchgehende Crux mit fragmentarischen Resten aus D. Die einzelnen Positionen werden nicht zu vollständigen Strophen hochgezählt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

8.45[40]

muktyarthe āhutīty atra yathāvasthi niyojayet /
– – – – – – – sya mātti*vyūlekṣa*samu – – –

Übersetzung: †„Zur Befreiung … Darbringung … hier … gemäß dem Bestehenden soll man einsetzen …“ [Der anschließende Text ist lückenhaft und nicht sicher deutbar.]†


Erläuterung: Die Übersetzung gibt nur die erkennbaren Wortbedeutungen in Reihenfolge wieder. Die Sternzeichen um vyūlekṣa im Sanskrit markieren unsichere Buchstaben, keine eigenständige Formel.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

8.46[40]

– – – kṣi – – – – – – – – – – śubham /
yathā – – – – – – – – – – – – – –

Übersetzung: †[Lücken und einzelne Buchstabenreste.] „… glückverheißend … wie …“ [Kein vollständiger Satz erhalten.]†


Erläuterung: Nur śubham und yathā erlauben die angeführten Wortbedeutungen. Die übrigen Reste bleiben ohne Übersetzung; daraus lässt sich kein Vers rekonstruieren.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

8.47[40]

sarva – – – – – – – – yo – – – sya ca /
pūjya – – – – – – – – – – – – – te

Übersetzung: †„Alles … wer … und … nachdem verehrt …“ [Vereinzelte Wörter zwischen ausgedehnten Lücken; kein sicherer Satzsinn.]†


Erläuterung: Pūjya kann hier als nichtklassischer Absolutiv „nachdem verehrt“ verstanden werden. Auch dieser grammatische Ansatz liefert wegen der Lücken keinen zusammenhängenden Satz.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

8.48[40]

e – – – – – – – – – – dhim anuttame /

siddhayogīśvare – – – – – – – – – – /

– – – – – – – – – – – – – yasvini†

Übersetzung: †[Lücken und Buchstabenreste.] „… im Unübertroffenen/Unübertroffene … im Siddhayogīśvara …“ [Der übrige Zusammenhang ist nicht sicher lesbar.]†


Erläuterung: Anuttame kann Lokativ oder weibliche Anrede sein. Siddhayogīśvare steht als lesbarer Wortrest; der ursprüngliche vollständige Titel oder Satz wird nicht daraus zurückgebildet.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 8[8]

iti siddhayogeśvarīmate aṣṭamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogeśvarīmata das achte Kapitel.


Kapitel 9 – Beschädigte Transkription zum Feuerkult

Aufgenommener Bereich: 1–21. Teilbestand; Kapitel 9 folgt der beschädigten unverbesserten Transkription.

Sprecherzeile – vor 9.1[41]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


9.1[41]

<…> /
<…> siddhayogakaraṃ nṛṇām

Übersetzung: … das den Menschen den Yoga der Vollendung vermittelt. [Nur der letzte Versfuß ist erhalten.]


Erläuterung: Kapitel9 liegt in der Leitquelle nur als unverbesserte, teilweise stark beschädigte Transkription vor. Die Übersetzung erschließt ausschließlich erhaltene Wörter; sie ergänzt keine fehlenden Verse. Eckige Klammern ab9.15cd bezeichnen alleinige Bezeugung durch HandschriftN, keine moderne Rekonstruktion.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Sprecherzeile – vor 9.2[41]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


9.2[41]

<…> kārya vidhau devi <…> te /
<…>

Übersetzung: … zu tun … bei der Vorschrift, Göttin … dir … [Kein zusammenhängender Satz erhalten.]


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.3[41]

<…> raṇādi <…> te /
kuṇḍe kuryād dhastamātram tu <…>

Übersetzung: … [unsichere Buchstabenreste] … in der Grube soll man … im Maß eines Hasta (?) … [Der übrige Zusammenhang fehlt.]


Erläuterung: Auch die Bildlesung dhastamātram ist nicht sicher. Hasta ist als mögliches Maßwort erkennbar; die fragliche Form wird nicht im Sanskrit zu hastamātram verbessert.

Lesungshinweis: ['raṇādi', 'dhastamātram']

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.4[41]

<…> naiḥ /
<…>

Übersetzung: [Nur ein unsicher gelesener Wortausgang zwischen Lücken; nicht übersetzbar.]


Erläuterung: Die Lesung naiḥ ist bereits am Druckbild unsicher; sie gestattet keine zuverlässige Wortübersetzung.

Lesungshinweis: ['naiḥ']

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.5[41]

<…> dagnisamā <…> /
<…>

Übersetzung: … dem Feuer gleich (?) … [Nur ein mehrdeutiger Wortrest; der Satz fehlt.]


Erläuterung: Im Rest dagnisamā lässt sich agnisama, „feuergleich“, vermuten. Da der Wortanfang und der Zusammenhang fehlen, bleibt die Deutung fraglich.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.6[41]

<…> viyāṃgenaiva <…> /
<…> māvikṛtaṃ karma pūrvam asmin kṛtam <…>

Übersetzung: … [unsicherer Wortrest] … unverändert (?) … Handlung … zuvor daran ausgeführt … [Kein gesicherter Satzsinn.]


Erläuterung: Der erste Wortrest viyāṃgenaiva ist auch graphisch unsicher. Aus māvikṛtam lässt sich allenfalls avikṛtam, „unverändert“, als Teilbedeutung vermuten; die Negations- und Wortgrenzen sind nicht sicher.

Lesungshinweis: ['viyāṃgenaiva']

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.7[41]

<…> nihkṣipet /
<…> acchidrakaraiṇāparāḥ

Übersetzung: … man soll hineinwerfen (?) … [Weitere unsichere Wortreste; keine vollständige Aussage rekonstruierbar.]


Erläuterung: Die beiden Reste nihkṣipet und acchidrakaraiṇāparāḥ sind eigene unsichere Bildlesungen. „Hineinwerfen“ folgt nur der vermutlichen Verbgestalt; der zweite Rest wird nicht zu einem gesicherten Göttinnennamen oder Mantra aufgelöst.

Lesungshinweis: ['nihkṣipet', 'acchidrakaraiṇāparāḥ']

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.8[41]

tato <…> yogavidhinā devatā saṃprapūjayet /
<…>

Übersetzung: Dann … soll man nach dem Yoga-Verfahren die Gottheit[en] vollständig verehren …


Erläuterung: Die nichtklassische Form devatā lässt hier Singular und Plural nicht sicher entscheiden. Der fehlende Ritualrahmen wird nicht ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.9[41]

<…> /
<…> parām

Übersetzung: … Parā / die Höchste … [Nur dieses Wort ist erhalten.]


Erläuterung: Parām kann der Göttinnenname Parā oder das Adjektiv „höchste“ sein. Die isolierte Form erlaubt keine sichere Zuordnung.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.10[41]

vidyāṅgair lo <…> /
<…> varānane

Übersetzung: Mit den Gliedmantras der Vidyā … Schönangesichtige … [Der übrige Satz fehlt.]


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.11[41]

<…> /
<…> ñcaiva dhūpañ ca sumanoharam

Übersetzung: … und ebenso … und sehr ansprechendes Räucherwerk …


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.12[41]

<…> rabhet /
<…> ścaiva <…>

Übersetzung: … [Rest einer Verbform] … und ebenso … [Nicht zusammenhängend übersetzbar.]


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.13[41]

<…> /
bilvair vā kamalair vāpi <…>

Übersetzung: … oder mit Bilva, oder mit Lotusblüten …


Erläuterung: Bilva ist ein rituell verwendeter Baum. Ob Früchte, Blätter oder andere Teile gemeint sind, ist hier nicht erhalten.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.14[41]

<…> palāśānāṃ dūrvāyāmaṃkurais tathā /
<…>

Übersetzung: … der Palāśas … ebenso mit Dūrvā-Sprossen (?) … [Lückenhafter und grammatisch gestörter Wortlaut.]


Erläuterung: Dūrvāyāmaṃkuraiḥ ist grammatisch gestört; die Deutung als Dūrvā-Sprosse ist aus den Wortbestandteilen möglich, jedoch nicht durch eine neue Sanskritkorrektur hergestellt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.15[41]

<…> dviguṇamiyate /
[trguṇaṃ padmaviśvābhyāṃ tilair homaṃ caturguṇam]

Übersetzung: … das Doppelte … [Text nur in N:] „Das Dreifache mit Lotus und Viśva (?); mit Sesam ein vierfaches Feueropfer.“


Erläuterung: Trguṇam wird als dreifach verstanden, ohne den Text zu triguṇam zu verbessern. Viśva ist in dieser Verbindung nicht sicher zu bestimmen; es wird nicht ungeprüft zu Bilva korrigiert. Die Bezugsgröße für Verdoppelung und Vervielfachung fehlt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

9.16[41]

ṣaḍguṇaṃ tu tathānyeṣāṃ [mahaphalgusamaṃ purāḥ] /
[chāgamāṃsaṃ nṛmāṃsaṃ ca yoginīpadadāyikam]

Übersetzung: Für die anderen ebenso das Sechsfache. [Nur N: unklare Wortfolge mahaphalgusamaṃ purāḥ.] „Ziegenfleisch und Menschenfleisch gewähren die Stätte der Yoginī.“


Erläuterung: Die Nummer ist textlich vollständig überliefert, aber nicht überall verständlich. Die Wortfolge mahaphalgusamaṃ purāḥ bleibt offen. Die Fleischangaben sind ungekürzt übersetzt; sie sind keine heutigen Empfehlungen.

9.17[41]

parāpa[raṃ labhet khaḍgaṃ] nīlajīmūtasaṃnibham /
[gulikā rocanāṃ caiva pāduke daṇḍam eva ca]

Übersetzung: Parāpara (?) … man erlangt ein Schwert, das einer dunkelblauen Wolke gleicht; eine Zauberkugel bzw. Pille, Rocanā, Sandalen und einen Stab,


Erläuterung: Die Funktion von parāparam am Versbeginn ist ungeklärt. Die folgende Gegenstandsliste läuft über9.18bis9.19. Gulikā kann eine rituelle Pille oder Kugel bezeichnen; Rocanā einen gelben Farbstoff. Der beschädigte Rahmen erlaubt keine Angaben zu Herstellung oder Gebrauch.

9.18[42]

añjanaṃ [haritālaṃ ca tathānye ca manacchilāḥ] /
śūlaṃ [cakraṃ gadā] caiva paṭṭiśaṃ [musalaṃ dhanu]

Übersetzung: Augensalbe, Haritāla und außerdem Manaḥśilā; Dreizack, Rad, Keule, Paṭṭiśa, Stampfkeule und Bogen:


Erläuterung: Haritāla und Manaḥśilā sind traditionelle Mineralstoffnamen; die überlieferte Form manacchilāḥ bleibt erhalten. Paṭṭiśa ist eine Stangenwaffe. Die Liste nennt Gegenstände, keine Rezitationsformeln.

9.19[43]

siddhadravyā[ny aśeṣāṇi] yoginīpadam eva ca /
bilvair ājyam avāpnoti [cakravartitvam ambujāḥ]

Übersetzung: sämtliche vollendeten Wirkmittel und die Stätte der Yoginī. Mit Bilva erlangt man geklärte Butter [so die Lesung]; durch Lotusblüten die Weltherrschaft.


Erläuterung: Die Transkription liest ājyam, „geklärte Butter“, nicht rājyam, „Königsherrschaft“. Obwohl letzteres im Zusammenhang denkbar wäre, wird es nicht als ungesicherte Konjektur eingesetzt. Auch ambujāḥ ist grammatisch unregelmäßig; die Instrumentaldeutung „durch Lotusblüten“ bleibt eine Kontextdeutung.

9.20[43]

[tailair vaśaṃ jagat kuryāt priyaṃgu priyatāṃ nayet /
navai ratraur palāśānāṃ durvvāyāt mudgarais tathā]

Übersetzung: Mit Ölen soll man die Welt in seine Gewalt bringen; Priyaṅgu soll Beliebtheit bewirken. [Der zweite Halbvers ist grammatisch gestört:] „… neun Nächte (?) … Palāśas … Dūrvā … mit Schlägeln (?) …“


Erläuterung: Der erste Halbvers nennt ausdrücklich Beherrschung anderer und Beliebtheit. Im zweiten sind ratraur und weitere Formen unverbessert; „neun Nächte“ ist nur eine vermutliche Deutung. Mudgaraiḥ hieße „mit Schlägeln“, bleibt hier aber unklar; keine Mittel oder Handlungen werden zur Reparatur des Rituals ergänzt.

9.21[43]

[kṣidraṃ nāśā jāgrat mṛtyu kṣudrayonigatās tathā] /

[granthikāryaṃ samāsena mayā te sa]mudāhṛtam /

siddhidaṃ paramaṃ hy etan na deyaṃ yasya kasyacit

Übersetzung: [Der erste Halbvers ist nicht als Satz übersetzbar; lesbar sind unter anderem:] „… Vernichtung … wachend (?) … Tod … in niedrige Geburtsformen gelangt …“. Das „Knotenwerk“ (?) habe ich dir in Kürze dargelegt. Dieses Höchste verleiht Vollendung; es darf nicht jedem Beliebigen gegeben werden.


Erläuterung: Kṣidraṃ nāśā jāgrat mṛtyu und der übrige erste Halbvers sind nicht zuverlässig zu einem Satz verbindbar. Granthikāryam könnte wörtlich „Knotenwerk“ bedeuten; ob ursprünglich eine andere Ritualbezeichnung stand, bleibt offen. Der sichere letzte Halbvers mit der Verneinung wird vollständig übersetzt. Drei Halbverse bleiben eine Originalnummer.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 9[8]

iti navamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das neunte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 9; überlieferte Schlussnummer 9[8]

siddhiyogeśvarī navamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Siddhiyogeśvarī. Das neunte Kapitel.


Kapitel 10 – Vidyāvrata: vorbereitende Observanz

Aufgenommener Bereich: 1–20. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 10.1[44]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


10.1[44]

mayā deva purā pṛṣṭaṃ vratayāgavivarjitam /
siddhayogeśvarīṇāṃ tu mataṃ mantraprasādhakam

Übersetzung: Früher habe ich dich, Gott, nach der Lehre der Siddhayogeśvarīs gefragt, die ohne Gelübde und Opferverehrung auskommt und Mantras zur Wirksamkeit bringt.


Erläuterung: In10.1–14 kennzeichnen die eckigen Klammern des Sanskritdrucks nur inN bezeugten Text, keine vom Herausgeber erfundenen Verse. Das Gespräch nimmt die Spannung zwischen der Lehre ohne besondere Gelübde und den dennoch verlangten Vorbedingungen wieder auf.

10.2[44]

kiṃ tu deva [pratijñātaṃ] siddhir vidyāṅgasaṃsthitā /
tasmā[t teṣu] samāsena vratacaryāṃ bravīhi me

Übersetzung: Du hast jedoch, Gott, erklärt, dass die Vollendung in den Gliedmantras gründet. Darum beschreibe mir in Kürze die mit ihnen verbundene Gelübdepraxis.


Sprecherzeile – vor 10.3[44]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


10.3[44]

ādau tu sarvasiddhyarthaṃ sarvavighnavināśanam /
sarvapāpāpanodārthaṃ vi[dyāvrata samārabhet]

Übersetzung: Zu Beginn soll man um aller Vollendungen willen und zur Beseitigung sämtlicher Verfehlungen das Vidyā-Gelübde aufnehmen, das alle Hindernisse vernichtet.


10.4[44]

[sādhakaḥ sādhakī vātha] mantratadga[tacetasaḥ] /
yāgaṃ kṛtvā vidhānena vratacaryāṃ [samācaret]

Übersetzung: Ein Sādhaka oder eine Sādhakī, deren Sinn ganz auf den Mantra gerichtet ist, soll nach vorschriftsgemäßer Verehrung die Gelübdepraxis ausführen.


Erläuterung: Männliche und weibliche Praktizierende sind ausdrücklich genannt. Die anschließenden maskulinen Beschreibungen werden grammatisch wiedergegeben, ohne daraus einen Ausschluss der Sādhakī abzuleiten.

10.5[44]

[bhasmalepitasarvāṅgo maunī śuklāmbaraḥ sudhīḥ] /
[sitayajñopavītaś ca akāmo niyame sthitaḥ]

Übersetzung: Alle Körperglieder mit Asche bestrichen, schweigend, in weißem Gewand und von gutem Verstand, mit weißer heiliger Schnur, ohne Begehren und fest in der Disziplin,


Erläuterung: Yajñopavīta ist die rituelle heilige Schnur. Die Zuordnung dieses ersten Gelübdes zum Herzmantra ist aus der Folge erschlossen; der entsprechende ausdrückliche Name fehlt in der Lücke vor10.6cd.

10.6[44]

<…> /
[dhanurdharaḥ śarāṃś caiva pañca dikpālavat tataḥ]

Übersetzung: [Textlücke.] Danach [trägt er] einen Bogen und fünf Pfeile, wie ein Hüter der Weltgegenden.


Erläuterung: Die Zahl fünf und der Vergleich mit einem Richtungshüter beruhen auf unsicherem Editionswortlaut. Die Ähnlichkeit mit dem Liebesgott Kāma erlaubt keine Ersetzung von dikpālavat durch dessen Namen.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

10.7[44]

[raktena bhasmanā snāto raktayajñopavītinaḥ] /
[raktapuṣpadharo dhīmān hasantoccair japet tataḥ]

Übersetzung: Mit roter Asche gebadet, eine rote heilige Schnur und rote Blüten tragend, soll der Einsichtige sodann laut lachend rezitieren.


10.8[44]

śaram ekaṃ [kare gṛhya maunī †neyāt† pa]ribhramet /
[vrataṃ brahmaśira]syaitat siddhidaṃ parikīrtitam

Übersetzung: Einen Pfeil in die Hand genommen, soll er schweigend †[unklar]† umherwandern. Dieses Gelübde des Brahmaśiras wird als Vollendung verleihend bezeichnet.


Erläuterung: Neyāt ist nicht sicher verständlich und bleibt offen. Brahmaśiras ist hier eine Bezeichnung des Hauptmantras. Die im Sanskrit genannten Stille und Bewegung bleiben neben dem lauten Lachen des vorigen Verses stehen.

10.9[44]

[pītena bhasmanā snāto pīta]yajñopavītinaḥ /
pītavastra[dharo yogī titikṣur ni]yatendriyaḥ

Übersetzung: Mit gelber Asche gebadet und mit gelber heiliger Schnur versehen, trägt der Yogin ein gelbes Gewand, ist duldsam und beherrscht seine Sinne.


10.10[44]

[bhrukuṭī]†corcate siddhe† aṭṭahāsaṃ [haset punaḥ] /
[japamantrakṛtācāro rudrāṇyādevamūrtayaḥ]

Übersetzung: Die Brauen zusammengezogen †[der folgende Ausdruck ist verderbt]†, soll er wiederum schallend lachen. Hat er die dem Rezitationsmantra zugehörige Lebensführung vollzogen, verkörpert er die Gottheit Rudrāṇī.


Erläuterung: Nur corcate siddhe ist als Crux markiert; das Zusammenziehen der Brauen ist lesbar. Devamūrtayaḥ wird in den Textanmerkungen als nichtklassisch erweiterter Nominativ Singular verstanden und bezeichnet die Verkörperung der Gottheit, nicht mehrere handelnde Personen.

10.11[45]

[sarvakṛṣṇopacāreṇa yāgam iṣṭvā bhramet punaḥ] /
[krū]radṛṣṭiś ca bhrukuṭīḥ [kvacid vācābhibhartsanaḥ]

Übersetzung: Nachdem er die Verehrung mit ausschließlich schwarzen Gaben vollzogen hat, soll er wiederum umherwandern, mit grausigem Blick und zusammengezogenen Brauen, bisweilen mit Worten drohend.


Erläuterung: Die Drohgebärde folgt einer ausdrücklich unsicheren Konjektur. Eine alternative Deutung als Verspotten oder Verspottetwerden wird in den Textanmerkungen erwogen; die Übersetzung erklärt den Akt nicht zu bloßer innerer Strenge.

10.12[46]

[prāvṛtaḥ kṛṣṇavarṇena paṭena vi]haret [tataḥ] /
[vrataṃ puruṣṭutasyaitad vaśyaṃ caivārthasiddhidam]

Übersetzung: In ein schwarzes Tuch gehüllt, soll er dann umherziehen. Dieses Gelübde des Puruṣṭuta [bewirkt] Beherrschung (?) und verleiht die Verwirklichung des Begehrten.


Erläuterung: Puruṣṭuta bezeichnet hier den Panzermantra. Vaśyam wird entsprechend seiner naheliegenden Bedeutung als Beherrschung verstanden. Die Kontrollübersetzung nimmt stattdessen eine nichtklassische Entsprechung zu avaśyam, „gewiss“, an; diese Deutung bleibt möglich, ist aber nicht der ausgeschriebene Wortlaut.

10.13[46]

[kvacid raktaṃ kvacit pītaṃ kvacit kṛṣṇaṃ sitaṃ kvacit] /
evaṃ vicitra[rūpeṇa vāmodyatakaras tathā]

Übersetzung: Bald rot, bald gelb, bald schwarz, bald weiß: In solcher vielfarbigen Gestalt und mit erhobener linker Hand,


Erläuterung: „Erhobene linke Hand“ beruht auf einer unsicheren Konjektur. Die Farbangaben betreffen den äußeren Ritualauftritt; sie werden nicht nachträglich als psychologische Eigenschaften ausgelegt.

10.14[46]

[ekavāso hy avāso vā maunī mantravibaddhadhīḥ] /
[vicared grāmarathyāsu tathā hy āyataneṣu ca]

Übersetzung: mit nur einem Gewand oder ohne Gewand, schweigend, den Geist an den Mantra gebunden, soll er durch die Straßen der Dörfer und ebenso durch die Heiligtümer wandern.


Erläuterung: Grāmarathyāsu und āyataneṣu sind Lokative: in den Dorfstraßen und Heiligtümern. Die Kontrollübersetzung spricht von einem Weg jenseits bzw. außerhalb dieser Orte; dafür steht hier keine entsprechende Verneinung oder Ablativform.

10.15[46]

cared vrataṃ mahograṃ vai sthito vā †vaṃśa†caṅkraman /
etat pāśupataṃ nāma sadyaḥ siddhipradāyakam

Übersetzung: Er soll das überaus schreckliche Gelübde ausführen, am Ort bleibend oder †[unklar]† umherwandernd. Dies heißt das Pāśupata[-Gelübde] und verleiht sogleich Vollendung.


Erläuterung: Vaṃśa ist im Druck als verderbt markiert. Die Gegenüberstellung von Verweilen und Wandern bleibt ebenfalls nicht völlig sicher. Der Bezug des Pāśupata-Gelübdes ist der Waffenmantra; es wird nicht ohne Weiteres mit einer vollständigen Darstellung der Pāśupata-Schule gleichgesetzt.

10.16[46]

pañcadaivasikaṃ hy etat kartavyaṃ trivrataṃ vratam /
ekaikaṃ tu japel lakṣaṃ mantrāṇām anupūrvaśaḥ

Übersetzung: Dieses Gelübde ist fünf Tage lang mit dreifacher Observanz auszuführen. Jeden einzelnen Mantra soll man der Reihe nach einhunderttausendmal rezitieren.


Erläuterung: Lakṣa bedeutet100000. Die englische Kontrollübersetzung druckt hier100000000; dieser Zahlenfehler wurde am BildPDF242bestätigt und nicht übernommen. Trivrata ist eine dreifache Observanz; Törzsök vermutet ein dreimaliges tägliches Aschebad, das der Vers nicht ausdrücklich nennt.

10.17[46]

vāmahastaniviṣṭena akṣasūtreṇa mantriṇā /
nāspaṣṭaṃ na manobhrāntaṃ na cāsvīkṛtam adrutam

Übersetzung: Mit einer Gebetskette in der linken Hand [soll der Mantrakundige rezitieren]: nicht undeutlich, nicht mit umherschweifendem Geist, nicht ohne eigene Aneignung (?) und nicht hastig.


Erläuterung: Na cāsvīkṛtam ist nicht eindeutig. Die Übersetzung gibt vorsichtig die naheliegende Verneinung von „nicht zu eigen gemacht“ wieder. Die Kontrollübersetzung deutet es als Geheimhalten vor anderen; diese zusätzliche Aussage ist aus dem Wort allein nicht sicher zu gewinnen. Die linke Hand, Deutlichkeit, Sammlung und fehlende Hast sind klar.

10.18[46]

japam evaṃvidhaṃ kāryaṃ mantriṇā vāñchitapradam /
vratagrahaṇakāle ca vratānte cānimeṣaṇam

Übersetzung: Eine solche Rezitation, die das Gewünschte verleiht, ist vom Mantrakundigen auszuführen – bei der Aufnahme des Gelübdes und an dessen Ende unbeirrt.


Erläuterung: Animeṣaṇa heißt wörtlich Nichtblinzeln; hier wird es vorsichtig als Unbeirrbarkeit wiedergegeben. Ob eine eigene Vorschrift zum unbewegten Blick gemeint ist, bleibt offen.

10.19[46]

yāgaṃ kṛtvā ca vidhivat kalaśena svakena tu /
snāto vighnaiḥ pramucyeta mantrayogyo bhavet tataḥ

Übersetzung: Nachdem er vorschriftsgemäß verehrt und mit seinem eigenen Gefäß gebadet hat, wird er von Hindernissen frei und ist dann zum Mantra befähigt.


Erläuterung: Der eigene Kalaśa ist nach der kontrollierenden Ritualinterpretation mit dem eigenen Mantra verbunden. Der Vers selbst nennt weder eine neue Mantraformel noch die genaue Menge des Badewassers.

10.20[46]

evaṃ vidyāvratasnātaḥ sarvavighnair vivarjitaḥ /
dadyād gurutare ’rghaṃ tu yoginīpadakāṅkṣayā

Übersetzung: So durch das Bad des Vidyā-Gelübdes gereinigt und frei von allen Hindernissen, soll er dem Gurutara die Ehrengabe darbringen, im Verlangen nach der Stätte der Yoginīs.


Erläuterung: Gurutara, „der gewichtigere Lehrer“, ist nach2.2 eine Bezeichnung des Mantras. Die Ehrengabe wird hier daher nicht ungeprüft einem weiteren menschlichen Guru zugeordnet.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 10[8]

iti vidyāvratapaṭale daśamaḥ

Übersetzung: So endet das zehnte Kapitel über die Vidyā-Gelübde.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 10; überlieferte Schlussnummer 10[8]

iti vidyāvratapaṭalaḥ daśamaḥ

Übersetzung: So endet das zehnte Kapitel: Die Vidyā-Gelübde.


Kapitel 11 – Parā, Nektar und die Überwindung des Todes

Aufgenommener Bereich: 1–12. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Heutiges Meditationsmotiv zum Herzraum. Die konkrete Parā-Meditation wird durch den Sanskrittext beschrieben.

Sprecherzeile – vor 11.1[47]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


11.1[47]

mṛtyuṃjayaṃ mahādeva jarāmṛtyuharaṃ nṛṇām /
sūcitaṃ tu tvayā deva tan me brūhi samāsataḥ

Übersetzung: Großer Gott, du hast den Sieg über den Tod angedeutet, der Alter und Tod von den Menschen nimmt. Lehre mich diesen nun in Kürze, Gott.


Erläuterung: Mṛtyuṃjaya bezeichnet in diesem Kapitel den Sieg über den Tod. Daraus folgt nicht, dass der vertraute vedische Tryambaka-Mantra als Lautform im vorliegenden Kapitel ausgeschrieben wäre.

Sprecherzeile – vor 11.2[47]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


11.2[47]

sādhu sādhu mahādevi yat tvayā codito hy aham /
pṛṣṭo caivāsurair devair brahmaśukraiḥ sadānavaiḥ

Übersetzung: Gut, gut, große Göttin, dass du mich dazu aufforderst! Asuras und Götter, Brahmā und Śukra samt den Dānavas haben mich danach gefragt.


11.3[47]

sarvalokahitārthāya jarāmṛtyuharaṃ param /
mṛtyuṃjayaṃ samāsena kathyamānaṃ śṛṇu priye

Übersetzung: Höre, Geliebte, wie ich zum Wohle aller Welten in Kürze den höchsten Sieg über den Tod darlege, der Alter und Tod hinwegnimmt.


11.4[47]

ākāśaṃ bhūtanilayaṃ tatra padmākṛtiṃ smaret /
dalāṣṭakasamopetaṃ karṇikādhiṣṭhitaṃ sitam

Übersetzung: Man soll den Raum, die Wohnstätte der Elemente, vergegenwärtigen und darin eine Lotusgestalt: weiß, mit acht Blättern und einem Fruchtboden.


Erläuterung: Der Text unterscheidet einen Lotus im Raum von dem Erdlotus in11.6. Bhūta bezeichnet hier die Elemente bzw. das daraus Hervorgegangene; es wird nicht als Gespenstererscheinung übersetzt.

11.5[47]

svacchasphaṭikasaṃkāśaṃ prāleyāvanisaṃnibham /
sarvāmṛtamayaṃ divyaṃ candrakalpitakarṇikam

Übersetzung: Sie gleicht klarem Bergkristall und dem Schneeland, ist göttlich und ganz aus Unsterblichkeitsnektar gebildet; der Mond ist zu ihrem Fruchtboden gemacht.


11.6[47]

tādṛśenaiva rūpeṇa bhūpadmaṃ tu manoramam /
tasmiṃś caivopaviṣṭas tu samyaṅ nyāsakṛtas tataḥ

Übersetzung: Ebenso [vergegenwärtigt man] einen anmutigen Lotus auf der Erde, von genau derselben Gestalt. Darauf sitzend, hat man die Einsetzung richtig vollzogen.


11.7[47]

prāleyābhaṃ tato ’tmānaṃ śuddhasphaṭikasaprabham /
evaṃ vicintya -m- ātmānaṃ paścād dhyānaṃ vicintayet

Übersetzung: Dann soll man sich selbst schneehell und dem Leuchten reinen Bergkristalls gleich vergegenwärtigen. Hat man sich so geschaut, soll man danach die folgende Meditation ausführen.


11.8[47]

vyomapadme tu yaś candraḥ karṇikāyāṃ vyavasthitaḥ /
tatsthaṃ vicintayed devīṃ parāṃ surabhirūpiṇīm

Übersetzung: Auf dem Mond, der sich am Fruchtboden des Raumlotus befindet, soll man die Göttin Parā vergegenwärtigen, in Gestalt der Surabhi,


Erläuterung: Surabhi ist die göttliche, Überfluss spendende Kuh. Dies ist eine besondere Gestalt Parās in dieser Meditation; sie wird nicht durch eine allgemeine menschliche Göttinnenfigur ersetzt.

11.9[47]

svacchasphaṭikasaprakhyāṃ samantād amṛtasravām /
sravantīṃ amṛtaṃ divyaṃ mantranādāntasarpiṇam

Übersetzung: klarem Bergkristall gleich, ringsum Nektar ausströmend: Sie lässt göttlichen Nektar fließen, der vom Ende des Mantranachklangs her strömt.


Erläuterung: Der gesamte letzte Versfuß mantranādāntasarpiṇam ist eine ausdrücklich unsichere editorische Herstellung. Die Übersetzung folgt der von der Herausgeberin bevorzugten Deutung als Fließen vom Ende des Mantranachklangs; andere Deutungen von Ausgangs- und Zielpunkt bleiben möglich. Eine genaue Höhe über dem Kopf steht im Vers nicht.

11.10[47]

sā śaktir devadevasya parā hy amṛtavāhinī /
sā sravantī paraṃ kṣīraṃ yat tat satyaṃ sunirmalam

Übersetzung: Sie ist die Kraft des Gottes der Götter, Parā, die den Unsterblichkeitsnektar führt. Sie lässt jene höchste Milch fließen, die wahr und vollkommen rein ist.


11.11[47]

tat patad dhy ātmano mūrtau samantāc ca vicintayet /
viśad brahmabilenāntaḥ plavayad dhṛdguhāśrayam

Übersetzung: Man soll vergegenwärtigen, wie sie von allen Seiten auf den eigenen Körper fällt, durch die Brahma-Öffnung nach innen eintritt und den Raum der Herzhöhle überflutet.


Erläuterung: Brahmabila ist die obere Körperöffnung am Scheitel in der meditativen Körpervorstellung. Die editorische Ergänzung āntaḥ ist unsicher; dhṛd- bleibt im Sanskrit unverändert, wird dem erkennbaren Sinn nach auf die Herzhöhle bezogen.

11.12[47]

evaṃ pratidinaṃ dhyāyej japen mantrottamottamam /
ṣaṇmāsāj jinate mṛtyum iti śāstrasya niścayaḥ

Übersetzung: So soll man täglich meditieren und den allerhöchsten Mantra rezitieren. Nach sechs Monaten besiegt man den Tod: Dies ist die feste Aussage der Lehre.


Erläuterung: Der Vers spricht ein traditionelles Wirkungsversprechen aus und nennt sechs Monate. Die deutsche Übersetzung gibt diese Textaussage wieder; sie behauptet keinen nachgewiesenen Sieg über den biologischen Tod.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 11[8]

ekādaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Das elfte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 11; überlieferte Schlussnummer 11[8]

iti siddheśvarīmate ekādaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddheśvarīmata das elfte Kapitel.


Ergänzendes Yoga-Vidya-Video: Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev. Das Video zeigt einen heutigen Zugang und ist keine Rekonstruktion des Siddhayogeśvarīmata.

Kapitel 12 – Innere Verehrung und poetische Rede

Aufgenommener Bereich: 1–23. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Rājamātaṅgī als ergänzendes Motiv zu Musik und Sprache. Die in Kapitel 12 verehrte Göttin heißt Parā; beide werden hier nicht gleichgesetzt.

Sprecherzeile – vor 12.1[48]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


12.1[49]

bhagavan devadeveśa yat tvayoktaṃ purānagha /
kavitvaṃ tat kathaṃ deva jāyate sādhakottame

Übersetzung: Erhabener Herr des Gottes der Götter, Makelloser: Wie entsteht in einem vorzüglichen Sādhaka die dichterische Begabung, von der du zuvor gesprochen hast?


Erläuterung: Kavitva heißt zunächst Dichtergabe. Das folgende Kapitel verbindet sie mit umfassender Kenntnis und der Fähigkeit, Lehrschriften zu verfassen; diese weiteren Aussagen werden an ihren jeweiligen Stellen übersetzt.

Sprecherzeile – vor 12.2[48]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


12.2[49]

śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ gūhanīyaṃ prayatnataḥ /
kavitvaṃ jāyate yena taṃ śṛṇuṣvaikamānasī

Übersetzung: Höre, Göttin, das höchste Geheimnis, das sorgfältig zu bewahren ist. Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit das, wodurch dichterische Begabung entsteht.


12.3[49]

arcayitvā prayatnena devyāḥ samyak svarūpataḥ /
hutvāgniṃ ca yathānyāyaṃ dhyānaṃ paścāt prayojayet

Übersetzung: Nachdem man die Göttinnen sorgfältig und richtig in ihren eigenen Gestalten verehrt und vorschriftsgemäß ins Feuer geopfert hat, soll man anschließend die Meditation ausführen.


Erläuterung: Die nichtklassische Form devyāḥ wird entsprechend der Textanmerkung als Plural verstanden.

12.4[49]

dhyātvā parāṃ svarūpeṇa vyomapadmāsane sthitām /
vāmahastaniviṣṭena sarvajñānamayena tu

Übersetzung: Man vergegenwärtigt Parā in ihrer eigenen Gestalt, auf einem Lotussitz im Raum, mit dem in ihrer linken Hand befindlichen, aus allem Wissen bestehenden


12.5[49]

pustakena varārohe dakṣiṇena tataḥ punaḥ /
sphāṭikenākṣasūtreṇa divyena pravareṇa tu

Übersetzung: Buch, Wohlgestaltete, und in der rechten Hand mit einer vorzüglichen, göttlichen Gebetskette aus Bergkristall.


Erläuterung: Linke Hand: Buch; rechte Hand: kristallene Gebetskette. Die Zuordnung ist ausdrücklich im Sanskrit enthalten.

12.6[49]

kadambagolakākāraiḥ sphurajjvālāvalīdharaiḥ /
granthitāṃ divyarūpāṃ tu mālāṃ hi galasaṃsthitām

Übersetzung: [Man vergegenwärtigt] die göttlich schöne Girlande an ihrem Hals, gereiht aus [Gliedern] in Gestalt von Kadamba-Kugeln, die aufleuchtende Flammenreihen tragen.


Erläuterung: Kadamba hat kugelige Blütenstände; golaka bezeichnet die Kugelgestalt. Ob die Flammen unmittelbar von den einzelnen Gliedern oder von der ganzen Girlande ausgehen, ist nicht völlig klar. Eine Lotusgirlande wird hier nicht eingesetzt.

12.7[49]

āpādalambanī cāsau sphaṭikābhā samantataḥ /
sravantīm amṛtaṃ divyaṃ kadambavanamadhyagām

Übersetzung: Sie hängt bis zu den Füßen hinab und leuchtet ringsum wie Bergkristall. [Man schaut die Göttin], wie sie göttlichen Nektar ausströmt und inmitten eines Kadamba-Haines weilt.


Erläuterung: Der erste Satz beschreibt die Girlande; im zweiten wechselt der Bezug wieder zur Göttin.

12.8[49]

udgirantīṃ mahā-oghaiḥ sarvajñānamayaṃ tataḥ /
mukhe svake viśad dhyāyet tadrūpaṃ caiva -m- ātmanaḥ

Übersetzung: Dann soll man vergegenwärtigen, wie sie in gewaltigen Fluten den aus allem Wissen bestehenden [Nektar] ausstößt, wie dieser in den eigenen Mund eintritt und wie auch die eigene Gestalt ihm gleicht.


12.9[49]

evaṃ kṛtvā tataḥ paścāt svavaktrāc cāmṛtaṃ mahān /
oghaś caiva tu śāstrāṇāṃ cintayet sādhakottamaḥ

Übersetzung: Nachdem er dies ausgeführt hat, soll der vorzügliche Sādhaka danach vergegenwärtigen, wie aus seinem eigenen Mund Nektar und eine gewaltige Flut der Lehrschriften hervorgehen.


Erläuterung: Der Vergleich verbindet den ausströmenden Nektar mit der hervorströmenden Gelehrsamkeit. Die Schriftflut wird als meditative Vorstellung beschrieben, nicht als Herstellung körperlich vorhandener Bücher.

12.10[49]

evaṃ dhyānaṃ prayuñjīta tatas tasya prajāyate /
kavitvaṃ māsamātreṇa sālaṅkāramanoharam

Übersetzung: So soll man die Meditation ausführen. Dann entsteht binnen eines Monats dichterische Begabung, ansprechend und mit sprachlichem Schmuck versehen.


12.11[49]

jāyate niścitaṃ devi sarvārthapratipādakaḥ /

ṣaḍbhir māsaiḥ svayaṃ kartā śāstrāṇāṃ jāyate tu saḥ /

karāmalakavad vettā śāstrāṇāṃ caiva sarvataḥ

Übersetzung: Gewiss wird er fähig, alle Gegenstände darzulegen, Göttin. Nach sechs Monaten wird er selbst zum Verfasser von Lehrschriften; er kennt die Schriften durch und durch wie eine Āmalaka-Frucht auf der eigenen Hand.


Erläuterung: Die Āmalaka-Frucht in der Hand ist ein Bild unmittelbarer Überschaubarkeit. Vettā, „Kenner“, ist editorisch als unsicher markiert. Die Strophe hat drei Halbverse unter einer Nummer.

12.12[49]

yat kiṃcid vāṅmayaṃ loke vettavyaṃ yat prakīrtitam /
tat sarvaṃ tasya deveśi granthataś cārthato ’pi vā

Übersetzung: Was immer es in der Welt an Sprachlichem gibt und was als wissenswert bezeichnet wird, das alles ist ihm zugänglich, Herrin der Götter, sowohl nach dem Wortlaut als auch nach dem Sinn.


Erläuterung: Vettavyam, „wissenswert/zu kennen“, ist eine diagnostische Konjektur. Die Unterscheidung von grantha, Wortlaut bzw. Text, und artha, Sinn, bleibt erhalten.

12.13[50]

guhāṃ vātha suvistīrṇāṃ praviśya sumanoramām /
duṣṭasattvavinirmuktāṃ tatrastho japam ārabhet

Übersetzung: Oder er betritt eine geräumige, sehr anmutige Höhle, frei von bösartigen Wesen, bleibt dort und beginnt die Rezitation.


12.14[51]

adṛśya†mānasaṃ† caiva tathānyair api sādhakaiḥ /
tatrastho vidhivan mantrī japed devīṃ sulakṣaṇām

Übersetzung: Unsichtbar †[grammatisch verderbter Anschluss]† auch für andere Sādhakas, soll der Mantrakundige dort bleiben und vorschriftsgemäß die durch schöne Merkmale ausgezeichnete Göttin rezitieren.


Erläuterung: Nur mānasaṃ ist als Crux markiert. Die Aussage, den anderen verborgen zu bleiben, ist dem Zusammenhang nach wahrscheinlich; die exakte grammatische Herstellung bleibt offen.

12.15[51]

māsenaikena lakṣāṇāṃ tritayo samayī muniḥ /
phalāhāro ’tha kandair vā śākair vāpy atha saktubhiḥ

Übersetzung: Binnen eines Monats [rezitiert] der Muni, der die Verpflichtungen wahrt, dreihunderttausendmal. Er ernährt sich von Früchten oder Wurzeln, von Gemüse oder geröstetem Getreidemehl,


Erläuterung: Lakṣāṇāṃ tritaya bezeichnet drei Lakṣa, also300000. Die englische Kontrollübersetzung gibt300000000an; die deutsche Übersetzung folgt der Sanskritzahl. Samayin kann einen Hüter der Verpflichtungen oder einen nur vorbereitend Eingeweihten bezeichnen; daraus wird keine neue Zugangserlaubnis abgeleitet.

12.16[51]

payasā dadhinā vāpi pañcagavyaghṛtena vā /
eṣām ekatamaṃ bhuktvā japan vācaspatir bhavet

Übersetzung: von Milch oder Dickmilch oder von Ghee, das zu den fünf Kuhprodukten gehört. Indem er eines davon isst und rezitiert, wird er zu Vācaspati, dem Herrn der Rede.


Erläuterung: Die Verbindung pañcagavyaghṛtena wird hier mit der Kontrollübersetzung als Ghee unter den fünf Kuhprodukten verstanden; eine Aufzählung von Pañcagavya und Ghee ist grammatisch ebenfalls zu erwägen. Die Quelle verlangt eines der genannten Nahrungsmittel, nicht alle zusammen. Vācaspati wird als Bild vollkommen beherrschter Rede verwendet.

12.17[51]

pratyakṣās tasya śāstrāṇi vedaśākhāḥ svayaṃ smṛtāḥ /
vāṅmayaṃ caiva yat kiṃcit tat pratyakṣaṃ bhavet tataḥ

Übersetzung: Die Lehrschriften stehen ihm unmittelbar vor Augen; die Zweige des Veda werden von selbst erinnert. Was immer an sprachlichem Wissen besteht, wird ihm dann unmittelbar gegenwärtig.


Erläuterung: Pratyakṣa bezeichnet unmittelbare Gegenwart bzw. unmittelbares Erkennen; die Übersetzung macht daraus keinen bibliografischen Besitz sämtlicher Bücher.

12.18[51]

vāk caivāsya pravarteta kāvyālaṅkārabhūṣitā /
jīvate suciraṃ kālaṃ jarārogavivarjitaḥ

Übersetzung: Seine Rede strömt, geschmückt mit dichterischen Stilmitteln. Er lebt sehr lange, frei von Alter und Krankheit.


Erläuterung: Die Aussagen über Lebensdauer, Alter und Krankheit sind Wirkungsbehauptungen des historischen Textes.

12.19[51]

subhagaḥ pūjyate nityaṃ sarvalokair yathā prabhuḥ /
kiṃkurvāṇavidheyās te bhavanty eva na saṃśayaḥ

Übersetzung: Glückbegabt, wird er beständig von allen Welten wie ein Herr verehrt. Sie werden ihm dienstbereit und gehorsam; daran besteht kein Zweifel.


12.20[51]

māsadvayenāsau kuryād yad yat tad avadhāryatām /
śrīrūpeṇa tadāgatya praviśet sādhakena ca

Übersetzung: Höre nun, was er nach zwei Monaten vermag: Sie kommt dann in Gestalt der Śrī und tritt in den Sādhaka ein.


Erläuterung: Śrī ist die Göttin des Glücks und der Fülle, mit Lakṣmī verbunden. Praviśet bezeichnet hier das Eintreten der Göttin in den Praktizierenden, nicht nur dessen gedankliche Betrachtung eines Bildes.

12.21[51]

tadā pṛthvīm asau bhuktvā saptāmbhonidhimekhalām /
manasā cintitaṃ sthānaṃ tataḥ prabhṛti gacchati

Übersetzung: Nachdem er die von sieben Meeren umgürtete Erde genossen hat, gelangt er von da an an jeden Ort, den er sich im Geist vorstellt.


Erläuterung: Bhuktvā heißt genossen bzw. in Besitz genommen; die Weltherrschaft bildet den Zusammenhang. Die sieben Meere gehören zur kosmischen Vorstellung des Textes und sind keine heutige geographische Zählung.

12.22[51]

ājñāvidhāyinas tasya ye yasmin dvīpam āśritāḥ /
kurvanti tanniyuktāś ca rājyaṃ vigatavidviṣam

Übersetzung: Die Bewohner der jeweiligen Weltinsel gehorchen seinem Befehl. Von ihm eingesetzt, führen sie eine Herrschaft frei von Feinden.


Erläuterung: Dvīpa bezeichnet hier eine Weltinsel bzw. einen kosmischen Erdteil. Die Herrschaftsaussage und der Gehorsam werden nicht zu einer bloß persönlichen inneren Ordnung umgedeutet.

12.23[51]

evaṃ kramāt parāṃ paśye śaktirūpāṃ manonmanīm /
tāṃ dṛṣṭvā tallayo bhūtvā praviśeta -m- anāmayam

Übersetzung: So soll man der Reihe nach Parā als die Kraft Manonmanī schauen. Hat man sie gesehen und ist in ihr aufgegangen, tritt man in das Leidlose ein.


Erläuterung: Parā und Manonmanī werden hier miteinander verbunden. Manonmanī bezeichnet die über den gewöhnlichen Geist hinausführende Kraft; die Wortform wird nicht durch ein modernes Kundalinī-Schema ersetzt. Anāmaya meint das von Leid oder Gebrechen Freie.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 12[8]

iti dvādaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das zwölfte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 12; überlieferte Schlussnummer 12[8]

iti siddhayogīśvarīmate dvādaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogīśvarīmata das zwölfte Kapitel.


Kapitel 13 – Vorbereitung und Begegnung mit der Göttin

Aufgenommener Bereich: 1–22. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 13.1[52]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


13.1[52]

cīrṇavidyāvrato bhūtvā yāṃ sādhayitum icchati /
tasmin deyaṃ tato hy argham arghe datte japet parām

Übersetzung: Nachdem man die Vidyā-Gelübde erfüllt hat, soll man derjenigen [Göttin], die man verwirklichen möchte, die Ehrengabe darbringen. Ist die Ehrengabe dargebracht, soll man Parā rezitieren.


Erläuterung: Japet parām ist eine ausdrücklich unsichere Konjektur. Die anschließende Abfolge nennt Aparā und Parāparā; dies stützt die Deutung des ersten Abschnitts als Parā-Praxis, ersetzt aber keinen sicheren Handschriftenbeleg.

13.2[52]

yāgaṃ kṛtvā tu vidhivat pūrvasevāṃ samārabhet /
navalakṣaṃ japitvā tu agnikāryaparāyaṇaḥ

Übersetzung: Nach vorschriftsgemäßer Verehrung soll man den vorbereitenden Dienst beginnen. Neunhunderttausendmal soll man rezitieren, der Feuerhandlung hingegeben.


Erläuterung: Pūrvasevā ist der vorbereitende Dienst am Mantra, vom danach beginnenden Sādhana unterschieden. Nava-lakṣa sind900000.

13.3[52]

japānte tu punar yāgaṃ kṛtvā sādhanam ārabhet /
atha vā sādhanaṃ cecched aparāyā varānane

Übersetzung: Am Ende der Rezitation soll man erneut verehren und dann das Sādhana beginnen. Oder, wenn man das Sādhana der Aparā auszuführen wünscht, Schönangesichtige,


13.4[52]

ṣaḍlakṣaṃ japate tasyā dhyānatadgatacetasaḥ /
agnikāryaṃ prakurvāṇo vratacaryārataḥ sadā

Übersetzung: rezitiert man sie sechshunderttausendmal, den Geist ganz auf ihre meditative Gestalt gerichtet, die Feuerhandlung ausführend und stets der Gelübdepraxis zugetan.


Erläuterung: Ṣaḍ-lakṣa sind600000. Die Wiederholung von13.4c–16b inD ist ein Überlieferungsbefund, kein zweiter Originalabschnitt; sie wird nicht doppelt übersetzt.

13.5[52]

kṣamāvān dhṛtisaṃpanno mitabhuk saṃyatendriyaḥ /
evaṃ sevākṛto paścāt tataḥ sādhanam ārabhet

Übersetzung: Geduldig, mit Standhaftigkeit ausgestattet, mäßig essend und die Sinne beherrschend, soll man nach einem solchen Dienst sodann das Sādhana beginnen.


13.6[52]

parāparāṃ yadīccheta sādhitāṃ mantravit sadā /
tadā japaṃ vidhānena kuryāt sarvārthasiddhidam

Übersetzung: Wenn der Mantrakundige Parāparā verwirklichen möchte, soll er vorschriftsgemäß die Rezitation vollziehen, die alle Ziele zur Erfüllung bringt.


13.7[52]

gṛhī vā vratino vātha brahmacaryaṃ samāśritaḥ /
sevāṃ kuryād vidhānena sarvasiddhyarthakāraṇam

Übersetzung: Als Hauslebender oder als Gelübdeasket, in sexueller Enthaltsamkeit, soll er den Dienst vorschriftsgemäß ausführen, der die Verwirklichung aller Vollendungen ermöglicht.


Erläuterung: Brahmacarya bezeichnet hier die für diesen Dienst übernommene sexuelle Enthaltsamkeit, auch beim Hauslebenden. Daraus wird kein pauschales Urteil über alle Lebensformen des Werkes abgeleitet.

13.8[52]

lakṣatrayaṃ japet siddham ekacittaḥ samāhitaḥ /
dhyāyet pūrvoditaṃ rūpam evaṃ sidhyati sādhakaḥ

Übersetzung: Mit einspitzigem Geist und gesammelt soll er die vollendete [Vidyā] dreihunderttausendmal rezitieren und ihre zuvor beschriebene Gestalt meditieren. So gelangt der Sādhaka zur Vollendung.


Erläuterung: Lakṣatraya sind300000. Das Wort evaṃ („so“) ist eine unsichere editorische Verbesserung.

13.9[52]

atha sevākṛto vīraḥ sattvayukto dṛḍhavrataḥ /
sarvasiddhikaraṃ divyaṃ tataḥ sādhanam ārabhet

Übersetzung: Nachdem der Vīra den Dienst vollzogen hat, soll er, mit innerer Stärke und fest im Gelübde, das göttliche Sādhana beginnen, das alle Vollendungen bewirkt.


Erläuterung: Sattva kann hier innere Stärke, Mut oder gefestigte Haltung bezeichnen; die Übersetzung reduziert es nicht auf eine moderne Ernährungskategorie.

13.10[52]

ayutāṣṭakahomaṃ ca tataś caivāyutadvayam /
mahāphalgusamāṃsasya hutvāyutam atandritaḥ

Übersetzung: [Er vollzieht] ein Feueropfer von achtzigtausend [Darbringungen], dann zwanzigtausend und opfert unermüdlich zehntausend [Darbringungen] von Menschenfleisch.


Erläuterung: Die drei genannten Zahlen sind80000,20000und10000. Die Kontrollübersetzung ordnet sie vermutungsweise Parā, Aparā und Parāparā zu und bezieht die Menschenfleischangabe auf alle drei. Der Vers schreibt diese Zuordnung nicht aus. Mahāphalgusamāṃsa bezeichnet nach den im Apparat angeführten Worterklärungen Menschenfleisch.

13.11[52]

kṛṣṇapakṣe caturdaśyāṃ trirātraṃ ca upoṣitaḥ /
niśi gatvā śmaśānaṃ tu sahāyaiḥ parivarjitaḥ

Übersetzung: Am vierzehnten Tag der dunklen Monatshälfte, nachdem er drei Nächte gefastet hat, soll er nachts ohne Begleiter zum Leichenverbrennungsplatz gehen.


Erläuterung: Die Zeitangaben sind vierzehnter Tag, dunkle Monatshälfte, drei Fastennächte und Nachtzeit. Keine moderne Kalenderzeit oder zusätzliche Dauer wird berechnet.

13.12[52]

nagno muktaśikho bhūtvā kauberyabhimukhaḥ sthitaḥ /
ūrdhvakāyo japen mantrī suniṣkampaḥ parāparām

Übersetzung: Nackt, mit gelöstem Haarknoten, nach Norden gewandt und aufrecht stehend, soll der Mantrakundige ohne Zittern Parāparā rezitieren.


Erläuterung: Kauberya bedeutet Kuberas Richtung, hier Norden. Der gelöste Haarknoten wird nicht als abgeschnittenes Haar übersetzt.

13.13[53]

ekacittasthito vīraḥ sa mahātmā prasannadhīḥ /
tāvad yāvat samāyātā yogeśvaryaḥ samantataḥ

Übersetzung: Der hochgesinnte Vīra verharrt mit gesammeltem, heiterem Geist, bis die Yogeśvarīs ringsum zusammengekommen sind.


13.14[53]

tāsāṃ caiva tu rūpāṇi bhīṣaṇāni bahūni ca /
dṛṣṭvā naiva bhayaṃ kuryād vidyām eva -m- anusmaret

Übersetzung: Wenn er ihre vielen schreckenerregenden Gestalten sieht, soll er keine Furcht aufkommen lassen, sondern allein die Vidyā vergegenwärtigen.


13.15[53]

tataḥ kalakalārāvaṃ kṛtvā ghoraṃ sudāruṇam /
bhūmau nipatya tiṣṭhanti veṣṭyantyaḥ sādhakottamam

Übersetzung: Nachdem sie ein schreckliches, überaus furchtbares Stimmengewirr erhoben haben, lassen sie sich auf den Boden herab und umringen den vorzüglichen Sādhaka.


13.16[53]

kāścid utphullanayanāḥ kāścid raktāyatekṣaṇāḥ /
uṣṭravyāghrānanāḥ kāścit kāścic caiva kharānanāḥ

Übersetzung: Manche haben weit geöffnete Augen, manche große rote Augen; einige haben Kamel- oder Tigergesichter, andere Eselsgesichter.


13.17[53]

vivastrā muktakeśāś ca kāścic cānyā varānane /
kharūpiṇyo mahābhāgā madavibhrāntalocanāḥ

Übersetzung: Wieder andere sind unbekleidet und tragen das Haar offen, Schönangesichtige: begnadete [Göttinnen] von himmlischer Gestalt, deren Augen im Rausch rollen.


Erläuterung: Mada bezeichnet Rausch bzw. Erregung; der Vers nennt nicht ausdrücklich deren Ursache. Kharūpiṇī wird hier im Sinn einer himmlischen bzw. raumartigen Gestalt verstanden.

13.18[53]

vistīrṇanayanāḥ kāścit pīnonnatapayodharāḥ /
divyālaṅkāradīptāṅgāḥ sarvakāmārthasādhikāḥ

Übersetzung: Einige haben große Augen und volle, hohe Brüste. Ihre Körperglieder strahlen von göttlichem Schmuck; sie erfüllen jedes begehrte Ziel.


13.19[53]

tato niṣkampacittas tu vidyām āvartya mantravit /
tāsāṃ kṛtvā namaskāraṃ vāmāṅgaṃ bhedayet svakam

Übersetzung: Dann soll der Mantrakundige mit unerschütterlichem Geist die Vidyā wiederholen, sich vor ihnen verneigen und sein eigenes linkes Glied aufschneiden.


Erläuterung: Vāmāṅga bezeichnet ein linkes Körperglied; die Kontrollübersetzung versteht den linken Arm. Der Grundtext wird weder als harmlose Allegorie umgedeutet noch um Werkzeug, Schnittführung oder andere ausführbare Einzelheiten ergänzt.

13.20[53]

tadutthaṃ lohitaṃ gṛhya pūrayitvā tato ’ñjalim /
gṛṇan vidyāṃ tataś caiṣāṃ †mucchantībhyāṃ† pradāpayet

Übersetzung: Er nimmt das daraus hervortretende Blut und füllt damit die hohlen Hände. Die Vidyā aussprechend, soll er es diesen [Göttinnen] †[verderbte nähere Bestimmung]† darbringen.


Erläuterung: Mucchantībhyām ist verderbt und nicht sicher zu deuten. Die übrige Handlung ist lesbar. Die Bezugnahme caiṣām wird trotz nichtklassischen Genus auf die Göttinnen bezogen.

13.21[53]

datte ’rghe tu tato devyaḥ siddhiṃ yacchanti mānasīm /
sādhakasya mahābhāgāḥ sarvakāmaphalapradāḥ

Übersetzung: Nachdem die Ehrengabe dargebracht ist, schenken die glückverheißenden Göttinnen dem Sādhaka die geistig erwünschte Vollendung; sie verleihen die Früchte aller Wünsche.


Erläuterung: Mānasī siddhi ist hier die dem geistigen Wunsch entsprechende Vollendung; die Formulierung allein beweist keine bloß psychologische Wirkung.

13.22[53]

yatheṣṭaceṣṭaḥ sarvatra krīḍate ca yathāsukham /
prayānti tatkṣaṇād eva svaśaktibalacoditāḥ

Übersetzung: Überall handelt und spielt er nach eigenem Wunsch und Wohlgefallen. Sie ziehen augenblicklich weiter, von der Macht ihrer eigenen Kraft angetrieben.


Erläuterung: Prayānti bedeutet gehen bzw. sich fortbewegen. Die Kontrollübersetzung hat „come“; die deutsche Wiedergabe legt kein im Sanskrit fehlendes Zurückkommen auf Abruf fest.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 13[54]

iti trayodaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das dreizehnte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 13; überlieferte Schlussnummer 13[54]

iti siddhayogīśvaramate trayodaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogīśvaramata das dreizehnte Kapitel.


Kapitel 14 – Aparā-Sādhana

Aufgenommener Bereich: 1–5. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

14.1[55]

athātaḥ saṃpravakṣyāmi bhuktimuktiphalapradam /
aparāyā vidhiṃ samyag yena sidhyanti sādhakāḥ

Übersetzung: Nun werde ich die rechte Vorschrift für Aparā darlegen, welche die Früchte von Erfahrung und Befreiung gewährt und durch die Sādhakas Vollendung erlangen.


14.2[55]

śmaśānavāsī satataṃ maunī bhasmānulepanaḥ /
pūrvanyāsena saṃnaddho yuktāhāraḥ suyantritaḥ

Übersetzung: Man lebt beständig auf dem Leichenverbrennungsplatz, schweigt, ist mit Asche bestrichen, durch die zuvor beschriebene Einsetzung gerüstet, angemessen genährt und gut beherrscht.


14.3[55]

japed akṣaralakṣaṃ tu tadgatenāntarātmanā /
lakṣāṇāṃ tu traye japte hunet – phalgusaṃ kramāt

Übersetzung: Mit innerlich ganz darauf gerichtetem Geist soll man einhunderttausend Laute rezitieren. Sind dreihunderttausend rezitiert, soll man der Reihe nach [Lücke] Menschenfleisch ins Feuer opfern.


Erläuterung: Akṣaralakṣa bedeutet wörtlich hunderttausend Laute; seine Beziehung zu den anschließend genannten drei Lakṣa ist nicht vollständig erklärt. Möglich ist eine Zählung je Mantralaut. Diese Deutung wird nicht als zusätzliche Vorschrift festgeschrieben. Der isolierte Strich nach hunet bleibt als kleine Textlücke sichtbar. Phalgusa bezeichnet hier Menschenfleisch.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

14.4[55]

sādhakātme susaṃyuktāṃ rudraśaktiṃ mahābalām /
aghoreśvararūpeṇa dṛṣṭvā siddhim avāpnuyāt

Übersetzung: Wenn man die überaus mächtige Kraft Rudras, innig mit dem Selbst des Sādhaka verbunden, in der Gestalt des Aghoreśvara geschaut hat, erlangt man Vollendung.


Erläuterung: Die gedruckte Form lautet Aghoreśvara, maskulin. Die Textanmerkungen verstehen sie als nichtklassische Form für die Göttin Aghoreśvarī/Aghoreśī; die Sanskritform wird nicht geändert.

14.5[55]

sādhakas tv analaprakhyaṃ japadhyānaṃ prayojayet /
śuklāṃ caiva japasyānte tad evāpyāyanaṃ smṛtam

Übersetzung: Der Sādhaka soll die feuergleiche Verbindung von Rezitation und Meditation ausführen; am Ende der Rezitation [vergegenwärtigt er] die Weiße. Eben dies heißt Stärkung.


Erläuterung: Analaprakhya heißt gewöhnlich „dem Feuer gleich“. Die Kontrollübersetzung versteht den Ausdruck stattdessen als Feuerhandlung; das ist eine kontextuelle Deutung, keine ausdrücklich gedruckte Bezeichnung homa. Die Übersetzung folgt dem unmittelbaren Adjektivsinn und hält die Alternative offen. „Die Weiße“ wird im Kontext auf Parā bezogen; āpyāyana bezeichnet Stärkung bzw. Erfüllung.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 14[54]

iti caturdaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das vierzehnte Kapitel.


Kapitel 15 – Parā, Āveśa und Siddhis

Aufgenommener Bereich: 1–5. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

15.1[56]

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi parāvyāptiṃ samāsataḥ /
anenaiva vidhānena dinānāṃ saptakaṃ yadi

Übersetzung: Nun werde ich in Kürze die Durchdringung durch Parā darlegen. Wenn man nach eben diesem Verfahren sieben Tage lang


Erläuterung: Vyāpti ist Durchdringung; in diesem Kapitel wird die Durchdringung durch die Göttin mit ihrer Schau und den daraus zugesagten Kräften verbunden.

15.2[56]

abhyarcya parayā tena tasya siddhiḥ śṛṇu priye /
saptame ’hni vyatikrānte hṛtpadmāntargatām imām

Übersetzung: mit Parā verehrt hat, [ergibt sich] die Vollendung – höre davon, Geliebte. Wenn der siebte Tag vergangen ist, [schaut man] diese [Göttin] im Inneren des Herzlotus,


15.3[56]

japan dhyāyan svarūpeṇa paśyate nātra saṃśayaḥ /
dṛṣṭvā cotpatate samyak svaśarīreṇa sādhakaḥ

Übersetzung: indem man sie rezitiert und meditiert, in ihrer eigenen Gestalt; daran besteht kein Zweifel. Hat der Sādhaka sie gesehen, erhebt er sich tatsächlich mit seinem eigenen Körper.


Erläuterung: Svaśarīreṇa heißt ausdrücklich „mit dem eigenen Körper“. Der Satz wird nicht in eine bloß gedankliche Erhebung umgedeutet.

15.4[56]

tatas tu mānasī siddhir divyā tasya pravartate /
krīḍayitvā yatheṣṭaṃ syād aṇimādiguṇair yutaḥ

Übersetzung: Dann tritt für ihn die göttliche, geistig erwünschte Vollendung ein. Er spielt nach Belieben und ist mit Kräften wie dem Winzigwerden ausgestattet.


Erläuterung: Aṇimā ist die Fähigkeit, winzig klein zu werden. Der Text sagt „und weitere“ und führt hier keine vollständige Liste von acht Kräften aus.

15.5[56]

pātāle mānuṣe divye antarikṣe viyadgatau /

devaiśvaryaś ca sarvatra prāptayogo varānane /

svecchāyurvid ato bhūtvā yadīccheta -m- imaṃ vrajet

Übersetzung: In der Unterwelt, in der Menschenwelt, in der göttlichen Welt, im Zwischenraum und auf dem Weg durch den Himmel besitzt er überall göttliche Herrschaft und hat den Yoga erlangt, Schönangesichtige. Ist er so ein Kenner selbstgewählter Lebensdauer (?) geworden, kann er, wenn er es wünscht, zu diesem [Ziel] gelangen.


Erläuterung: Das Wortende vid in svecchāyurvid ist als unsicher markiert. Die Herausgeberin deutet den Ausdruck als Kenntnis bzw. Verfügung über eine dem eigenen Willen folgende Lebensdauer. Der Rückbezug imam („dieses“) ist ebenfalls unklar; ihre Deutung als endgültige Befreiung ist möglich, wird aber nicht als ausdrücklich genanntes Sanskritwort ausgegeben. Die Strophe hat drei Halbverse.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 15[54]

iti pañcadaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das fünfzehnte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 15; überlieferte Schlussnummer 15[54]

iti siddhayogeśvarīmate pañcadaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogeśvarīmata das fünfzehnte Kapitel.


Kapitel 16 – Vidyārāja, Lautkörper und Mütterkreis

Aufgenommener Bereich: 1–52. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Bhairavī in einer ergänzenden Göttinnendarstellung. Das Bild belegt keine bestimmte Praxis oder historische Gestalt im Siddhayogeśvarīmata.

Sprecherzeile – vor 16.1[57]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


16.1[57]

bhagavan devadeveśa yoginīgaṇanāyaka /
siddhayogeśvarīṇāṃ tu mataṃ tad avadhāritam

Übersetzung: Erhabener Herr des Gottes der Götter, Anführer der Yoginī-Schar: Jene Lehre der Siddhayogeśvarīs ist vernommen worden.


16.2[57]

tatra praśnaṃ bhavet pūrvaṃ vyāptiś caiva -m- ataḥ param /
rudraśaktitrayaṃ tasmāt tato vidyāṅgapañcakam

Übersetzung: Darin stand zuerst die Frage, darauf folgte die Durchdringung; dann die Dreiheit der Kräfte Rudras und danach die fünf Gliedmantras.


Erläuterung: Die folgenden Verse sind eine rückblickende Themenliste. Ihre Reihenfolge entspricht der bisherigen Kapitelgliederung nicht in jedem Punkt; daraus werden keine Kapitel umnummeriert.

16.3[57]

lokeśāḥ samayā dīkṣā agnikāryavidhir mayā /
vratāny aṅgeṣu vidyānāṃ tathā mṛtyuṃjayo ’pi ca

Übersetzung: Die Herren der Weltgegenden, die Verpflichtungen, die Einweihung und die Vorschrift der Feuerhandlung [sind von mir vernommen worden], ebenso die Gelübde zu den Gliedern der Vidyās und der Sieg über den Tod.


16.4[57]

lakṣaṇaṃ vāgviśuddhasya vidhivac cāvadhāritam /
śrutā deva mahādīkṣā sakalīkaraṇottamam

Übersetzung: Auch das Kennzeichen desjenigen, der die Rede überstiegen hat, ist vorschriftsgemäß vernommen worden. Ich habe die große Einweihung gehört, Gott, und die höchste Ausstattung mit sämtlichen [Mantra-]Gliedern.


Erläuterung: Vāgviśuddha wird in den Textanmerkungen unter Rückgriff auf frühe śivaitische Terminologie als „die Rede übersteigend“ erläutert. Im Zusammenhang scheint damit die zuvor behandelte Meisterschaft der Rede gemeint; eine rein wörtliche Deutung als „an Rede gereinigt“ ist ebenfalls möglich. Mahādīkṣā, „große Einweihung“, ist hier eine auffällige Bezeichnung, deren genaue Abgrenzung nicht erläutert wird.

16.5[57]

adhunā śrotum icchāmi bhairavasyāmitadyuteḥ /
bhairavaṃ mātṛvargaṃ ca śabdarāśivyavasthitam

Übersetzung: Jetzt möchte ich von der schrecklichen Mütterschar des unermesslich strahlenden Bhairava hören, die in der Gesamtheit der Sprachlaute steht:


Erläuterung: Śabdarāśi bezeichnet die Gesamtheit der Sprachlaute, die hier als Bhairava verkörpert wird. Bhairavam wird als Adjektiv zur Mütterschar verstanden; die andere mögliche Satzgliederung, Bhairava und Mütterschar als getrennte Gegenstände zu lesen, bleibt offen.

16.6[57]

hitāya sādhakendrāṇāṃ sarvasaṃsiddhikāraṇam /
vidyātrayasya caiveha sādhanaṃ samudāyakam

Übersetzung: zum Wohl der vorzüglichen Sādhakas das, was alle Vollendungen bewirkt, und hier auch das gemeinsame Sādhana der drei Vidyās.


16.7[57]

taṃ śrutvā śrotum icchāmi vyastasādhanam ātmanaḥ /
ātmīyaṃ ca mahādeva sādhanaṃ yogibhiḥ saha

Übersetzung: Wenn ich dies gehört habe, möchte ich vom gesonderten Sādhana deines Selbst hören und von deiner eigenen Praxis zusammen mit den Yogins, großer Gott,


Erläuterung: Der Bezug von ātman ist im Satz knapp; die Übersetzung bezieht ihn mit der kommentierten Edition auf den angesprochenen Bhairava. Yogibhiḥ ist die gedruckte maskuline Form; die Herausgeberin versteht sie aus dem Folgenden als Bezeichnung der Yoginīs. Diese Deutung ersetzt nicht den Sanskritwortlaut.

16.8[57]

vīryair yuktasya deveśa cakrāvasthasya saṃmatam /
tasya taṃ yoginīnātha uttaraṃ tantram uttamam

Übersetzung: von dem anerkannten [Sādhana] dessen, der mit Kräften versehen im Kreis steht, Herr der Götter, Herr der Yoginīs – davon [möchte ich hören], vom höchsten anschließenden Tantra.


Erläuterung: Vīrya kann Kraft, Energie oder Manneskraft bezeichnen; in den Textanmerkungen wird auch eine Beziehung zu den Vīras erwogen. Uttaratantra meint hier den folgenden Lehrteil; daraus wird ohne weiteren Beleg kein selbstständiges Werk oder zusätzlicher Gesamttitel gemacht.

Sprecherzeile – vor 16.9[57]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


16.9[57]

cintāmaṇir yathā loke cintitārthapradāyikā /
tathaiva mātṛkā loke vāñchitārthaprasādhikā

Übersetzung: Wie der Wunschstein in der Welt das gedanklich Gewünschte gewährt, so bringt auch die Mātṛkā den Menschen das Begehrte zur Verwirklichung.


16.10[57]

yathāśakti varārohe sā tathā kathitā purā /
idānīm uttare tantre khyāpyate bhairavaṃ yathā

Übersetzung: Sie wurde zuvor als Kraft gelehrt, Wohlgestaltete. Nun wird im anschließenden Tantra bekannt gemacht, wie sie als Bhairava


Erläuterung: Yathāśakti wird hier wegen des Gegensatzes zur anschließenden Bhairava-Gestalt als „als Kraft“ verstanden. Gemeint ist die vorangehende Lautgöttin; die gewöhnliche Wortbedeutung „nach Vermögen“ würde diesen Zusammenhang weniger deutlich wiedergeben.

16.11[57]

vyavasthitaṃ pureśāni sarvasiddhyarthakāraṇam /
śiro yat tasya deveśi salalāṭaṃ japed yutam

Übersetzung: besteht, Herrin der Stadt, als Ursache der Verwirklichung aller Vollendungen. Sein Haupt soll man, verbunden mit der Stirn, rezitieren, Herrin der Götter.


Erläuterung: Die Stirn steht in16.12 für aṃ; die Verbindung des Hauptes mit ihr wird in der Kontrollinterpretation als Nasalierung der Vokale verstanden. Eine Liste selbstständiger Einzelmantras wird daraus hier nicht hergestellt.

16.12[57]

bindunādaṃ śiroddeśe lalāṭe aṃ punas tathā /
sānusvāraṃ tathaivaṃ ca bhairavaṃ yoginīmate

Übersetzung: Im Kopfbereich [setzt man] Punkt und Nachklang [an], an der Stirn wiederum aṃ. Ebenso [vergegenwärtigt man] Bhairava mit Anusvāra gemäß der Lehre der Yoginīs.


Erläuterung: Bindu und Nāda sind Punkt/Nasalierung und Nachklang. Die genaue syntaktische Ergänzung der Verben ist verkürzt. Die gedruckte Lautangabe aṃ wird nicht durch das vertraute oṃ ersetzt.

16.13[57]

akārasaṃsthitā nāsā ā vaktraṃ sarvataḥ śubham /
visargaḥ kīrtitā jihvā paramāmṛtalolupā

Übersetzung: Die Nase ist im Laut a gegenwärtig; ā ist der ringsum schöne Mund. Visarga wird als die Zunge bezeichnet, die nach dem höchsten Nektar begierig ist.


16.14[57]

i ī netrayugaṃ tasya krameṇaiva varānane /
u ū nāsāpuṭas te ca devadevasya suvrate

Übersetzung: Die Laute i und ī bilden der Reihe nach seine beiden Augen, Schönangesichtige; u und ū die beiden Nasenöffnungen des Gottes der Götter, du der guten Gelübde.


Erläuterung: Die paarigen Laute werden in der Reihenfolge rechts–links verstanden. Die Länge von ī und ū gehört zur Zuordnung, nicht zu einer optionalen Aussprachevariante.

16.15[58]

ṛ ṝ gaṇḍadvayaṃ tasya ḷ ḹ śrotrayugaṃ kramāt /
o au oṣṭhau tu devasya e ai daśanapaṅktayaḥ

Übersetzung: Ṛ und ṝ sind seine beiden Wangen, ḷ und ḹ der Reihe nach seine beiden Ohren. O und au sind die Lippen des Gottes, e und ai die Zahnreihen.


Erläuterung: Die vokalischen Laute ṛ, ṝ, ḷ und ḹ werden von den gewöhnlichen Konsonanten r und l unterschieden. Die Reihenfolge der Lippen o/au vor den Zähnen e/ai entspricht dem Vers und wurde nicht alphabetisch umsortiert.

16.16[58]

mukham evaṃvidhaṃ kāryaṃ bhairavasyātmaśaktibhiḥ /
tato devīmayaṃ paścāc charīraṃ bhairavasya tu

Übersetzung: Auf diese Weise ist das Gesicht Bhairavas aus seinen eigenen Kräften zu bilden. Danach [folgt] der aus Göttinnen bestehende Körper Bhairavas.


16.17[58]

kādyavarge sthitāś cāṣṭau mātaro lokamātaraḥ /
brahmāṇīm ādikāṃ kṛtvā aghoreśyantataḥ priye

Übersetzung: In den mit ka beginnenden Lautgruppen stehen acht Mütter, die Mütter der Welt: beginnend mit Brahmāṇī und endend mit Aghoreśī, Geliebte,


Erläuterung: Die acht Mütter beziehen sich auf Lautgruppen, nicht auf nur acht einzelne Buchstaben. Die Namensgrenzen Brahmāṇī–Aghoreśī werden später im Kapitel weiter ausgeführt.

16.18[58]

dakṣaskandhaṃ samārabhya yāvat kopaṃ prabhoḥ smṛtam /
dakṣagrīvā ca saṃyuktaṃ kavarṇaṃ parikīrtitam

Übersetzung: von der rechten Schulter an bis zu dem, was als Zorn des Herrn gilt. Der Laut ka wird der rechten Halsseite zusammen mit [der Schulter] zugeordnet.


Erläuterung: „Zorn“ ist eine weitere Lautzuordnung, später kṣa in16.29. Die Formulierung „rechte Halsseite“ wird durch die Verbindung mit der rechten Schulter verständlich; sie wird nicht als zweite, zusätzliche Schulter erfunden.

16.19[58]

khavarṇaṃ bāhudaṇḍaṃ ca gakāraṃ dakṣiṇaṃ karam /
ghakāro ’ṅgulayaḥ sarvā ṅakāras tu nakhāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: Der Laut kha ist der stabförmige Arm, ga die rechte Hand; gha bildet sämtliche Finger, und ṅa gilt als die Nägel.


16.20[58]

kavargaṃ kīrtito devi krameṇaiva suśobhane /
grīvā ca skandhanihitā cakāraṃ vāmasaṃjñitam

Übersetzung: So ist die ka-Gruppe der Reihe nach beschrieben, Göttin, Wunderschöne. Die mit der Schulter verbundene Halsseite heißt ca, als links bezeichnet.


Erläuterung: Vāmasaṃjñitam ist editorisch unsicher. Der Wechsel von der rechten zur linken Seite wird durch die Lautgruppenfolge und die folgenden Handzuordnungen gestützt.

16.21[58]

chakāro bāhudaṇḍaṃ syāj jakāro hasta ucyate /
jhakāro ’ṅgulayaḥ sarvā ñakāras tu nakhāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: Der Laut cha ist der stabförmige [linke] Arm, ja wird die Hand genannt; jha bildet sämtliche Finger, und ña gilt als die Nägel.


16.22[58]

nitambaṃ ca ṭakāraṃ tu ṭheti jaṅgham udāhṛtāḥ /
ḍakāraṃ dakṣiṇaṃ pādaṃ ḍhakāro ’ṅgulyas tathā

Übersetzung: Ṭa ist das Gesäß, ṭha wird der Unterschenkel genannt; ḍa ist der rechte Fuß, ḍha die Zehen.


Erläuterung: Die rückwärtsgebogenen Laute ṭa, ṭha, ḍa, ḍha und ṇa bilden die rechte untere Körperseite. Sie werden nicht mit ta, tha, da, dha und na der linken Seite verwechselt.

16.23[58]

ṇakāreṇa nakhāḥ sarve dakṣapāde vyavasthitāḥ /
vāmaṃ nitambabhāgaṃ tu jaṅghā pādas tathaiva ca

Übersetzung: Sämtliche Nägel am rechten Fuß sind durch ṇa gebildet. Den linken Gesäßbereich, den Unterschenkel und ebenso den Fuß,


Erläuterung: Die Wiederholung von16.23cd–24ab inN ist eine Dublette und wird nur einmal übersetzt. Der Satz läuft von16.23in16.24weiter.

16.24[58]

aṅgulyaś ca nakhāś caiva tavargeṇa kramāt kuru /
vāmaṃ nitambaṃ ca gataṃ takāraṃ parikīrtitam

Übersetzung: die Zehen und die Nägel bilde der Reihe nach mit der ta-Gruppe. Als am linken Gesäß befindlich wird ta bezeichnet.


16.25[58]

tha jaṅghā tasya deveśi da padaṃ vāmam ucyate /
dhakāro ’ṅgulakāḥ sarvā na nakhāḥ parikīrtitāḥ

Übersetzung: Tha ist sein Unterschenkel, Herrin der Götter; da wird der linke Fuß genannt. Dha bildet sämtliche Zehen, na wird den Nägeln zugeordnet.


Erläuterung: Na ist hier ein Buchstabenname, keine Verneinung. Pada wird auf den Fuß bezogen; die ungewöhnliche Wortform bleibt im Sanskrit erhalten.

16.26[58]

pakāraṃ dakṣiṇaṃ pārśvaṃ pha vāmaṃ prakīrtitam /
bakāraṃ pṛṣṭham ity uktaṃ bhakāraṃ jaṭharaṃ smṛtam

Übersetzung: Pa ist die rechte Körperseite, pha wird als die linke bezeichnet. Ba wird der Rücken genannt, bha gilt als der Bauch.


16.27[59]

makāraṃ hṛdayaṃ śreṣṭhaṃ sarvasammohalakṣaṇam /
tvaggatas tu yakāro vai rudhiraṃ raḥ prakīrtitam

Übersetzung: Ma ist das höchste Herz, dessen Merkmal die Bezauberung aller ist. Ya gehört zur Haut; als Blut wird ra bezeichnet.


Erläuterung: Sammohana bezeichnet Bezauberung bzw. Verwirrung. Diese Zuordnung des Herzens wird nicht in eine allgemeine Aussage über mitfühlende Liebe umgedeutet.

16.28[60]

la māṃsaṃ devadevasya va snāyuḥ parikīrtitaḥ /
śakāraś cāsthisaṃghātaḥ ṣa majjā parikīrtitā

Übersetzung: La ist das Fleisch des Gottes der Götter, va werden die Sehnen genannt. Śa ist die Gesamtheit der Knochen, ṣa wird das Mark genannt.


Erläuterung: Śa, ṣa und sa in16.29 werden sorgfältig unterschieden: Knochen, Mark und Samenstoff. Snāyu wird als Sehne wiedergegeben, nicht ohne weiteres als Muskel.

16.29[60]

sa śukradhātur devasya jagadutpatty†ayoṣitaḥ† /
hakāras tu prasādaḥ syāt kṣakāraḥ krodha ucyate

Übersetzung: Sa ist der Samenstoff des Gottes, für die Entstehung der Welt †[verderbte Bestimmung]†. Ha ist seine Gnade, kṣa wird sein Zorn genannt.


Erläuterung: Die Crux beginnt innerhalb des Kompositums nach jagadutpatty. Der Bezug auf Weltentstehung ist lesbar; die nähere Bestimmung des Samenstoffs bleibt offen. Ha bezeichnet hier Gnade, nicht den in der früheren anderen Lautordnung damit verbundenen Lebenshauch.

16.30[60]

evam etāḥ samāsena mātṛkāḥ sarvadehagāḥ /
bhairavasya sthitā devi sṛṣṭisaṃhārakārikāḥ

Übersetzung: So sind in Kürze diese Mātṛkās beschrieben, Göttin: Sie befinden sich im gesamten Körper Bhairavas und bewirken Schöpfung und Auflösung.


Erläuterung: Die weibliche Endung sṛṣṭisaṃhārakārikāḥ bezieht sich auf die Mātṛkās; die Übersetzung weist die Tätigkeit deshalb den Müttern zu, ohne den Gesamtbezug auf Bhairava zu verlieren.

16.31[60]

siddhayogeśvarītantre tvatprītyarthaṃ varānane /
sakalīkaraṇaṃ devi kathitaṃ sarvasiddhidam

Übersetzung: Im Siddhayogeśvarītantra wurde zu deiner Freude, Schönangesichtige, die Ausstattung mit sämtlichen Gliedern gelehrt, Göttin, welche alle Vollendungen verleiht.


16.32[60]

idānīṃ sādhanaṃ vakṣye śaktīnāṃ bhairavāśrayam /
śmaśāne niśi -m- āśritya ekacittaḥ samāhitaḥ

Übersetzung: Nun werde ich das Sādhana der Kräfte darlegen, die in Bhairava ruhen. Nachdem man sich nachts auf einen Leichenverbrennungsplatz begeben hat, einspitzig und gesammelt,


16.33[60]

aṣṭāraṃ cakram ālikhya nābhinemisamanvitam /
rājavarṇātmakaṃ sarvaṃ nābhiṃ pītaṃ prakalpayet

Übersetzung: soll man ein achtspeichiges Rad mit Nabe und Felge zeichnen. Das Ganze soll man rot gestalten, die Nabe gelb;


Erläuterung: Die Maße sind acht Speichen; die Farben Rot für das Rad insgesamt, Gelb für die Nabe und Schwarz für die Felge. Rājavarṇa wird hier mit der Textanmerkung auf die rote Farbe bezogen.

16.34[60]

kṛṣṇā nemis tu kartavyā guṇaiḥ sarvatra lāñchitā /
evaṃ niṣpādya cakraṃ vai bhairavīkṛtavigrahaḥ

Übersetzung: die Felge ist schwarz zu machen und ringsum mit Schnüren zu markieren. Hat man das Rad so angelegt und den eigenen Körper zu Bhairava gemacht,


16.35[60]

tatra nīlo mahāsattvaḥ sarvabhūṣaṇabhūṣitaḥ /
digvāsāś caikacittas tu sahāyaiḥ parivarjitaḥ

Übersetzung: ist man dort dunkelblau, von großer innerer Stärke, mit sämtlichen Schmuckstücken geschmückt, nur mit den Himmelsrichtungen bekleidet, einspitzig und ohne Begleiter.


Erläuterung: Digvāsas, „mit den Himmelsrichtungen bekleidet“, bedeutet nackt. Nīla wird als dunkelblau wiedergegeben; ob Bemalung gemeint ist, sagt der Vers nicht ausdrücklich.

16.36[60]

tato hṛdvyomapadme tu karṇikāsanasaṃsthitām /
svakīyenaiva rūpeṇa tatrasthāṃ pūjayet tu tām

Übersetzung: Dann soll man sie dort, auf dem Fruchtboden des Lotus im Herzensraum sitzend, in ihrer eigenen Gestalt verehren,


Erläuterung: „Sie“ wird durch16.44als Parā bestimmt; am Kapitelende werden auch die anderen Hauptvidyās als Möglichkeiten genannt. Der erste Verehrungsort ist der meditative Herzenslotus.

16.37[60]

manasena yathānyāyaṃ tataś cakre yathāvidhi /
raktamuktas tato devi mantrite udake sati

Übersetzung: zuerst vorschriftsgemäß im Geist, dann nach der Regel auf dem Rad. Danach lässt man Blut fließen, Göttin, wenn das Wasser mit dem höchsten Waffenmantra besprochen ist,


Erläuterung: Die genaue Konstruktion von Blut und Wasser ist verkürzt. Die kommentierte Edition versteht das Blut als dem besprochenen Wasser zugesetzt; die Übersetzung benennt nur die ausgedrückten Bestandteile und ergänzt weder ein Mischungsverhältnis noch eine Entnahmemethode.

16.38[60]

paramāstreṇa saṃprokṣya tatra khaṭvāṅgadīpitam /
yajen nābhau varaṃ devaṃ tato bhairavarūpiṇam

Übersetzung: und besprengt [damit]. Dann soll man dort auf der Nabe den vorzüglichsten Gott verehren, durch den Khaṭvāṅga glänzend ausgezeichnet, in Bhairava-Gestalt,


Erläuterung: Die Verbindung tatra khaṭvāṅga- ist eine diagnostische Konjektur. Khaṭvāṅga bezeichnet den Schädelstab. Der Gegenstand der Besprengung bleibt im Sanskrit unausgesprochen.

16.39[61]

vakṣyamāṇena rūpeṇa mahāpretakṛtāsanam /
mātṛkāmātṛbhir deham ajaṃ viśvasvayaṃbhuvam

Übersetzung: in der noch zu beschreibenden Form, mit dem großen Toten als Sitz, dessen Körper die alphabetischen Mütter bilden: den Ungeborenen, der das All aus sich hervorbringt.


Erläuterung: Aja heißt ungeboren. Die nichtklassische Verbindung mātṛkāmātṛbhir deham wird als „mit einem Körper aus alphabetischen Müttern“ verstanden. Die später zu beschreibende Gestalt wird hier nicht aus anderen Kapiteln eingesetzt.

16.40[62]

rājasair agnibījaiś ca arakeṣu vyavasthitaiḥ /
svarūpeṇa tato devyā āsanaiś ca svakaiḥ svakaiḥ

Übersetzung: Dann [verehrt man] die Göttinnen in ihrer eigenen Gestalt und auf ihren jeweils eigenen Sitzen, mit den roten Keimlauten des Feuers, die auf den Speichen angeordnet sind.


16.41[62]

sthitāḥ pūjyā mahādevi arakeṣu yathāvidhi /
kavarge saṃsthitā brāhmī cavarge caiva vaiṣṇavī

Übersetzung: So sind die auf den Speichen stehenden [Göttinnen] vorschriftsgemäß zu verehren, große Göttin. Brāhmī steht in der ka-Gruppe, Vaiṣṇavī in der ca-Gruppe.


16.42[62]

māheśvarī ṭavargasthā yāmyā pūjyā ta-m-ādinā /
kaumārī sarpavalayā pādyenaitāṃ prapūjayet

Übersetzung: Māheśvarī steht in der ṭa-Gruppe; Yāmyā ist mit der bei ta beginnenden [Gruppe] zu verehren. Kaumārī trägt Schlangenarmreifen; man soll sie mit der bei pa beginnenden [Gruppe] verehren.


Erläuterung: Ṭa-Gruppe und ta-Gruppe sind verschiedene Reihen. Das eingeschobene -m- in ta-m-ādinā sowie in śa-m-ādinā16.43 ist ein Hiatuslaut, kein neues Mantraelement.

16.43[62]

yavarge vāsavī tatra karṇamoṭī śa-m-ādinā /
krodhe seyā parāśaktir aghoreśī †samardayet†

Übersetzung: Vāsavī ist dort in der ya-Gruppe, Karṇamoṭī bei śa und den folgenden. Im Zorn[-Laut] [steht] jene höchste Kraft Aghoreśī; †[das anschließende Verb ist verderbt]†.


Erläuterung: Der „Zorn“ ist hier der Laut kṣa aus16.29. Seyā ist unsicher; samardayet steht als Crux. Die Kontrollübersetzung deutet es als Zertreten des Lautes, doch der genaue Verb- und Subjektbezug lässt sich nicht zuverlässig herstellen.

16.44[62]

jagaddhitasya devasya bhairavasyāmitadyuteḥ /
tatsaṅgāṃ pūjayed devīṃ parāṃ viśvasya nāyikām

Übersetzung: Man soll die Göttin Parā verehren, die Herrin des Alls, im Schoß des dem Weltwohl dienenden Gottes Bhairava von unermesslichem Glanz,


Erläuterung: Tatsaṅgām ist eine ausdrücklich unsichere Konjektur mit der Deutung „in seinem Schoß“. Die Stellung als Bhairavas Gefährtin ist im Zusammenhang deutlich, die genaue Wortherstellung bleibt unsicher.

16.45[62]

svakīyenaiva rūpeṇa aśeṣaphaladāyakām /
naivedyaṃ vividhaṃ kṛtvā arcayitvā prayatnataḥ

Übersetzung: in ihrer eigenen Gestalt, alle Früchte verleihend. Nachdem man mannigfache Speisegaben bereitet und sorgfältig verehrt hat,


16.46[62]

vidhivad gandhapuṣpaiś ca dhūpair divyaiḥ sugandhibhiḥ /
evaṃ pūjya prayatnena dakṣiṇasyām avasthitaḥ

Übersetzung: vorschriftsgemäß mit Duftstoffen und Blüten sowie göttlichem, wohlriechendem Räucherwerk, soll man nach dieser sorgfältigen Verehrung auf der Südseite verweilen,


16.47[62]

sthito vāpy upaviṣṭo vā dhīro vīrāsanasthitaḥ /
suniṣkampo japed devīm ekacittas tu tadgataḥ

Übersetzung: stehend oder sitzend in der Vīra-Haltung, gefasst und ohne Zittern, und die Göttin mit einspitzigem, auf sie gerichtetem Geist rezitieren.


Erläuterung: Vīrāsana bezeichnet hier die rituelle Haltung des Vīra. Der Vers beschreibt ihre konkrete Beinstellung nicht; keine moderne Yogahaltung wird dafür als alleinige Bedeutung eingesetzt.

16.48[62]

ayutaṃ parayā bhaktyā tatas tāṃ paśyate dhruvam /
svakīyenaiva rūpeṇa tato hy arghaṃ pradāpayet

Übersetzung: Zehntausendmal, mit höchster Hingabe: Dann sieht man sie gewiss in ihrer eigenen Gestalt. Darauf soll man ihr die Ehrengabe darbringen:


Erläuterung: Ayuta bedeutet10000. Dhruvam ist „gewiss“; die Übersetzung ergänzt kein im Sanskrit ungenanntes „sofort“.

16.49[62]

kusumenāñjaliṃ pūrṇaṃ vāmāṅgaprabhavena tu /
gṛṇan mantravaraṃ devi tatas tasya dadāti ca

Übersetzung: die hohlen Hände gefüllt mit der „Blüte“, die aus dem linken Körperglied entsteht. Den vorzüglichsten Mantra aussprechend, Göttin, gibt man es ihr.


Erläuterung: Kusuma, wörtlich Blüte, bezeichnet im Zusammenhang das aus dem linken Körperglied gewonnene Blut; vgl.13.19–20. Die historische Euphemie wird kenntlich gemacht und nicht in ein gewöhnliches Blumenopfer verwandelt.

16.50[62]

manasā īpsitān kāmān vibhavaṃ vā svakaṃ priye /
prayacchanti na saṃdeho vidhiṃ kṛtvā ayaṃ sphuṭam

Übersetzung: Die im Geist erwünschten Wünsche oder ihre eigene Macht gewähren sie, Geliebte; daran besteht kein Zweifel, wenn man die Vorschrift ausgeführt hat. Dies ist klar.


Erläuterung: Der Wechsel vom Singular der verehrten Göttin zum Plural bleibt erhalten und nimmt die drei in16.51–52genannten Vidyās auf. Der Praktizierende führt die Vorschrift aus; die Göttinnen geben die Gaben.

16.51[62]

aṅgair yuktā mahādevi yacchanty evaṃ na saṃśayaḥ /
evaṃ parāparā devī trirātre varadā bhavet

Übersetzung: Mit den Gliedmantras verbunden, große Göttin, gewähren sie [die Gaben] so, ohne Zweifel. Auf diese Weise spendet die Göttin Parāparā nach drei Nächten Segen,


16.52[62]

parā vai navarātre tu ṣadrātreṇaiva cāparā /
sarvā<rtha>dāyikā devyā vidhimantrān samācaret

Übersetzung: Parā nach neun Nächten und Aparā nach sechs Nächten. Die Göttinnen gewähren alle ⟨Ziele⟩; man soll die vorgeschriebenen Mantras anwenden.


Erläuterung: Die Reihenfolge lautet ausdrücklich Parāparā3Nächte, Parā9Nächte, Aparā6Nächte. Nur artha innerhalb sarvā⟨rtha⟩dāyikā ist editorisch ergänzt. Diese Ritualfristen werden nicht als heutige Erfolgszusagen ausgegeben.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 16[54]

iti ṣoḍaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das sechzehnte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 16; überlieferte Schlussnummer 16[54]

iti siddhayogeśvarīmate ṣoḍaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogeśvarīmata das sechzehnte Kapitel.


Ergänzendes Yoga-Vidya-Video: Ausstrahlung und Präsenz beim Sprechen: die 7-Chakra-Methode. Das Video zeigt einen heutigen Zugang und ist keine Rekonstruktion des Siddhayogeśvarīmata.

Kapitel 17 – Grundtext nicht erschlossen

Aufgenommener Bereich: nur Kolophone. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 17[54]

iti saptadaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet das siebzehnte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 17; überlieferte Schlussnummer 17[54]

iti siddhayogeśvarīmate saptādaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: So endet im Siddhayogeśvarīmata das siebzehnte Kapitel.


Kapitel 18 – Verehrung Parāparās

Aufgenommener Bereich: 1–29. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 18.1[63]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


18.1[63]

śrutaṃ deva mayā sarvaṃ parāvyāptiḥ samāsataḥ /
brūhi sarvaṃ yathānyāyaṃ parāparavidhiṃ śubham

Übersetzung: Gott, ich habe alles gehört: in zusammengefasster Form die Durchdringung durch Parā. Verkünde nun vollständig und in rechter Ordnung die heilvolle Verfahrensweise für Parāparā.


Sprecherzeile – vor 18.2[63]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


18.2[63]

vidhiṃ parāparāyās tu sādhanaṃ śṛṇu sāṃpratam /
yena yaṣṭena siddhyanti sādhakāḥ sarvakarmasu

Übersetzung: Höre jetzt die Verfahrensweise für Parāparā, die Praxis zu ihrer Verwirklichung. Durch diese Verehrung gelangen die Praktizierenden bei allen ihren rituellen Unternehmungen zum Erfolg.


18.3[63]

aṣṭāraṃ cakram ālikhya pūrvoktavidhinā budhaḥ /
pūrvavad bhairavaṃ yaṣṭvā mātṛbhiḥ pariveṣṭitam

Übersetzung: Der Kundige zeichne nach der zuvor genannten Vorschrift ein Rad mit acht Speichen und verehre wie zuvor Bhairava, den die Mütter umgeben.


Erläuterung: Der Satz führt im Sanskrit in18.4weiter; Bhairava und die Göttin gehören zu einer gemeinsamen Vergegenwärtigung.

18.4[63]

tadutsaṅgagatāṃ devīṃ japed dhyāyeta mantravit /
japel lakṣaṃ tu vidhivat tato homaṃ tu kārayet

Übersetzung: Der Mantrakundige rezitiere und meditiere über die Göttin auf dessen Schoß. Er vollziehe vorschriftsgemäß hunderttausend Rezitationen und bringe danach das Feueropfer dar.


18.5[63]

mahāphalgusahomaṃ syāt trisahasraṃ tribhiḥ plutam /
śmaśāne bhīṣaṇe kuryāt sahāyaiḥ parivarjitaḥ

Übersetzung: Das Feueropfer soll aus dreitausendunddrei Gaben von Menschenfleisch bestehen. Er vollziehe es auf einer furchterregenden Leichenverbrennungsstätte, ohne Gefährten.


Erläuterung: Mahāphalgusa bezeichnet hier Menschenfleisch. Trisahasraṃ tribhiḥ plutam:3000vermehrt um3, nicht3000dreimal.

18.6[63]

homānte paśyate devīm agnisthāṃ tu parāparām /
kapāle kṣatajaṃ gṛhya gṛṇan mantravaraṃ budhaḥ

Übersetzung: Am Ende des Feueropfers sieht er die Göttin Parāparā im Feuer. Der Kundige nehme Blut in eine Schädelschale und spreche den vorzüglichen Mantra.


18.7[63]

arghaṃ deyaṃ tadā tasya vāñchitārthaprasiddhaye /
datte ’rghe prārthayed iṣṭāṃ devīṃ yogeśīsaṃmatām

Übersetzung: Ihr ist dann eine ehrende Gabe darzubringen, damit das gewünschte Ziel gelingt. Nach der Darbringung bitte er die erwählte Göttin, die von den Yoginīs anerkannt ist, um das Ersehnte.


Erläuterung: Yogeśī ist eine unsichere Konjektur der Edition. Gemeint sein könnten die Yoginīs; auch der Bezug des Anerkanntseins auf den Praktizierenden statt auf die Göttin wird erwogen. Der unsichere Wortlaut bleibt erhalten.

18.8[63]

pātālam anyasiddhiṃ vā tataḥ sarvaṃ dadāti sā /
dattvā vā cātmavibhavam antardhānaṃ vrajaty asau

Übersetzung: Um die Unterwelt oder eine andere außerordentliche Fähigkeit [mag er bitten]: Dann gibt sie ihm alles. Oder sie verleiht ihm ihre eigene Machtfülle und verschwindet.


Erläuterung: Pātāla bezeichnet die Unterwelt; der Zusammenhang meint wohl Zugang oder Macht über sie. Die Alternative zwischen einer einzelnen Gabe und der eigenen Macht der Göttin ist sprachlich unregelmäßig.

18.9[63]

atha vā bhairavasyaiva kūṭasthasya varānane /
parokṣeṇaiva mārgeṇa agre tenaiva dīpitām

Übersetzung: Eine andere Möglichkeit, Schönangesichtige: Vor Bhairava selbst, dem unveränderlich Höchsten, [steht die Göttin], von ihm auf verborgene Weise zum Leuchten gebracht.


Erläuterung: Parokṣeṇaiva mārgeṇa ist unsicher zuzuordnen: verborgenes Wirken Bhairavas oder verborgene Art der Verehrung. Eine von der Herausgeberin erwogene Änderung zu „auf die zuvor genannte Weise“ ist nicht in den Grundtext übernommen. Kūṭastha: unveränderlich oder in höchster Stellung befindlich.

18.10[63]

iṣṭvā yajet tato hy aṅgān digvidiksaṃvyavasthitān /
arakeṣu tataḥ paścād aghoryādyaṣṭakaṃ yajet

Übersetzung: Nachdem man [sie] verehrt hat, verehre man ihre in den Haupt- und Zwischenrichtungen angeordneten Mantraglieder. Danach verehre man auf den Speichen die Acht mit Aghorī an ihrer Spitze.


18.11[63]

bhinnāṃ parāparāṃ devīṃ teṣu mantrān prakalpayet /
pūrve yajeta deveśīm aghorāṃ sa śivapradā

Übersetzung: Aus der aufgeteilten [Mantragestalt der] Göttin Parāparā bilde man die Mantras für jene [Speichen]. Im Osten verehre man die Göttin Aghorā: Sie schenkt Heil.


Erläuterung: Die Aufteilung betrifft nach dem Zusammenhang die Mantragestalt Parāparās. Hier werden keine aus dem Vers eigenmächtig entschlüsselten Lautfolgen ergänzt.

18.12[63]

āgneyyāṃ tu parāghorāṃ ghorarūpāṃ tu dakṣiṇā /
mukhīghorīṃ tu nairṛtyāṃ arake vāruṇe punaḥ

Übersetzung: Im Südosten [verehre man] Parāghorā, im Süden Ghorarūpā, im Südwesten Mukhīghorī. Auf der westlichen Speiche sodann


Erläuterung: Der Satz läuft über die Versgrenze in18.13weiter. Die Namensformen Parāghorā und Mukhīghorī folgen dem edierten Wortlaut.

18.13[64]

bhīmāṃ devīṃ nyaset tasmin vāyavye bhīṣaṇīṃ punaḥ /
vamanīṃ devi saumye tu pibanīṃ īśagocare

Übersetzung: setze man die Göttin Bhīmā ein, auf der nordwestlichen Bhīṣaṇī; Vamanī, Göttin, im Norden und Pibanī im Bereich des Īśa, im Nordosten.


18.14[65]

evam iṣṭvā vidhānena sakalīkṛtavigrahaḥ /
tataḥ parāparāṃ devīṃ hṛdgatāṃ tasya vinyaset

Übersetzung: Nachdem man so nach der Vorschrift verehrt und den eigenen Körper mit den Mantragliedern versehen hat, setze man die Göttin Parāparā in sein Herz ein.


Erläuterung: Tasya heißt wörtlich „in dessen Herz“. Gemeint ist im Ritualzusammenhang wohl das Herz des zuvor in Bhairavagestalt vergegenwärtigten Praktizierenden.

18.15[65]

aghoryādyaṣṭakaṃ paścāc chiraḥprabhṛtivartmani /
evaṃ vinyāsamātreṇa sākṣād bhairavatāṃ vrajet

Übersetzung: Danach [setze man] die Acht mit Aghorī an ihrer Spitze auf dem am Kopf beginnenden Weg [durch den Körper ein]. Allein durch diese Einsetzung gelangt man unmittelbar zum Bhairavasein.


Erläuterung: Der Text nennt hier nur den Beginn am Kopf; eine vollständige Liste von Körperstellen wird nicht aus Paralleltexten ergänzt.

18.16[65]

sakalīkṛtavinyāsa iṣṭvā devīṃ parāparām /
ayute dve japen mantrī śmaśānastho digambaraḥ

Übersetzung: Nachdem der Mantrapraktizierende die vollständige Einsetzung der Mantraglieder vorgenommen und die Göttin Parāparā verehrt hat, rezitiere er zwanzigtausendmal, nackt auf einer Leichenverbrennungsstätte.


18.17[65]

pūrvarūpeṇa vidhinā arcāṃ kuryād dine dine /

cakre yāvaj japasyāntaṃ tato homaṃ tu kārayet /

pūrvavat paśyate devīṃ pūrvavat siddhibhāg bhavet

Übersetzung: Tag für Tag vollziehe er nach der bisherigen Verfahrensweise die Verehrung im Rad, bis die Rezitation beendet ist. Dann bringe er das Feueropfer dar. Wie zuvor sieht er die Göttin; wie zuvor wird er der außerordentlichen Fähigkeiten teilhaftig.


18.18[65]

atha vā vijane deśe gṛhe vātha manorame /
prāṇāyāmakṛto mantrī ṣaṭtriṃśena tu sādhakaḥ

Übersetzung: Oder der Mantrapraktizierende halte sich an einem einsamen Ort oder in einem angenehmen Haus auf und vollziehe die Atemregulierung mit den Sechsunddreißig.


Erläuterung: Die Sechsunddreißig sind wahrscheinlich die Wirklichkeitsebenen, tattvas. Der Ausdruck ist nicht eindeutig; er belegt keine Zahl von36Atemzügen.

18.19[65]

kare śodhya -m- anenaiva tato bhairavarūpiṇam /
navātmāno ’tha kartavyaṃ yathāvidhi niyogataḥ

Übersetzung: Mit eben diesem [Verfahren] reinige er seine beiden Hände. Dann ist Navātman in Bhairavagestalt herzustellen, genau nach der Vorschrift und ihrer Anordnung.


Erläuterung: Das eingeschobene -m- ist ein nichtklassischer Hiatusfüller, keine Mantrasilbe. Navātman ist die hier zu vergegenwärtigende Bhairavagestalt; die entsprechende Formel wird nicht eigens ausgeschrieben.

18.20[65]

tato hy asmin svamantreṇa nyased devīṃ parāparām /
svakīyenaiva rūpeṇa karṇikāsanasaṃsthitām

Übersetzung: In ihn setze man darauf mit ihrem eigenen Mantra die Göttin Parāparā in ihrer eigenen Gestalt ein, auf dem Sitz des Lotusfruchtbodens ruhend.


18.21[65]

sā pañcāṅgasamopetā aghoryādyaṣṭakaṃ tataḥ /
svasthāneṣu niyuñjīyāt tato devīṃ samarcayet

Übersetzung: Sie ist mit ihren fünf Mantragliedern versehen. Dann ordne man die Acht mit Aghorī an ihrer Spitze an ihren jeweiligen Orten an und verehre die Göttin.


18.22[65]

dhyātvā cakraṃ yathānyāyaṃ tatra śūlaṃ niyojayet /
śūlopari tathā padmaṃ tatrasthāṃ tāṃ prapūjayet

Übersetzung: Nachdem man das Rad in rechter Ordnung meditiert hat, stelle man sich darauf einen Speer vor und über dem Speer einen Lotus. Dort verehre man sie, die dort verweilt,


18.23[65]

aṅgayuktāṃ mahādevīṃ nyasec cāṅgāni pūjayet /

svasvadiksaṃsthitāṃś cāstraṃ padmapatreṣu mantriṇā /

aghoryādyaṣṭakaṃ bhūyo arakeṣu yathāvidhi

Übersetzung: die große Göttin mit ihren Mantragliedern. Der Mantrapraktizierende setze die Glieder ein und verehre sie in ihren jeweiligen Richtungen sowie den Waffenmantra auf den Lotusblättern; ferner vorschriftsgemäß die Acht mit Aghorī an ihrer Spitze auf den Speichen.


Erläuterung: Die unregelmäßigen Kasusformen werden im Zusammenhang auf die Mantraglieder bezogen. Der Waffenmantra erhält einen eigenen Platz auf den Lotusblättern; keine konkrete Formel steht hier.

18.24[65]

sugandhadhūpapuṣpaiś ca dīpaiś caiva manoramaiḥ /
naivedyaṃ vividhaṃ dadyād agnikāryaṃ samārabhet

Übersetzung: Mit wohlriechendem Räucherwerk, Blumen und schönen Lampen bringe man vielfältige Speisegaben dar. Man beginne das Feuerritual


18.25[65]

tryaktenaiva tu chāgena kṣmābhavena tathāpi vā /
mahāphalgusahomaṃ syāt samyak siddhipradaṃ smṛtam

Übersetzung: mit dreifach bestrichenem Ziegenfleisch oder mit dem, was aus der Erde wächst. Ein Feueropfer mit Menschenfleisch gilt als eines, das volle Verwirklichung verleiht.


Erläuterung: Tryakta, „dreifach bestrichen“, ist eine in der Edition hergestellte und semantisch unsichere Lesung. Die drei Substanzen sind an dieser Stelle nicht genannt. Kṣmābhava meint wohl pflanzliche Erzeugnisse. Keine zusätzliche Rezeptur wird ergänzt.

18.26[65]

tilair vā vrīhibhir vāpi matsyamāṃsena vā priye /
sidhyate devadeveśi sarvakarmesu mantriṇām

Übersetzung: Mit Sesam, Reis oder Fischfleisch, Geliebte, gelingt den Mantrapraktizierenden jedes rituelle Unternehmen, Herrin des Gottes der Götter.


18.27[66]

homānte tu japaṃ kuryāt śatam aṣṭābhir uttaram /
tatrāsaṃdhyāṃ tu kurute pṛthvīśaṃ vaśam ānayet

Übersetzung: Am Ende des Feueropfers vollziehe man hundertundacht Rezitationen. Führt man dies bis zur Tageswende fort, bringt man einen König unter seine Gewalt.


Erläuterung: Aṣṭābhir uttaram: um acht erhöht, also108. Āsaṃdhyām: bis zur Tageswende bzw. Dämmerungszeit, nicht dreimal täglich. Die Beherrschung eines Königs ist die ausdrücklich behauptete historische Ritualwirkung.

18.28[67]

ṣaṇmāsād devadeveśi krīḍate yogibhiḥ saha /
priyo bhavati lokasya pūjyate tu maheśvari

Übersetzung: Nach sechs Monaten, Herrin des Gottes der Götter, spielt man mit den Yogins. Man wird den Menschen lieb und von ihnen verehrt, große Göttin.


Erläuterung: Yogibhiḥ lautet wörtlich „mit Yogins“. Die Herausgeberin versteht dies als nichtklassische Bezeichnung der Yoginīs; diese Deutung ist wahrscheinlich, aber keine Änderung des Sanskritwortlauts.

18.29[67]

yojayej juhuyād vāpi japec caiva samāhitaḥ /

sa kṛtārtho bhavaty āśu nātra kāryā vicāraṇā /

svamantra upasaṃhāraṃ kuryāc caivātmano hṛdi

Übersetzung: Man vollziehe die Einsetzung, bringe Feueropfer dar und rezitiere gesammelt. So erreicht man bald sein Ziel; daran ist nicht zu zweifeln. Mit dem jeweils eigenen Mantra vollziehe man die Rücknahme in das eigene Herz.


Erläuterung: Vāpi wird hier von der Herausgeberin verbindend wie „und auch“ verstanden. Die letzte Anweisung betrifft offenbar den Abschluss der beschriebenen Verfahren. Svamantra ist eine unregelmäßige Form: „mit dem jeweils eigenen Mantra“ oder Rücknahme in dessen Mantragestalt; keine sichere neue Rezitationsformel ist angegeben.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 18[54]

iti aṣṭādaśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das achtzehnte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 18; überlieferte Schlussnummer 18[54]

iti siddhayogeśvarīmate aṣṭādaśamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das achtzehnte Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kapitel 19 – Körpervergegenwärtigung und Verehrung Aparās

Aufgenommener Bereich: 1–25. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

19.1[68]

athāparāṃ yathā devīṃ sarvayogeśvareśvarīm /
sādhayet tad yathā kuṇḍaṃ sarvasiddhyarthakāraṇam

Übersetzung: Nun [wird gelehrt], wie man die Göttin Aparā verwirklicht, die Herrin aller Yoginī-Herrscherinnen, und ebenso die Feuergrube, die alle angestrebten Verwirklichungen bewirkt.


Erläuterung: Yogeśvareśvarī ist eine gesteigerte Herrschaftsbezeichnung; gemeint ist Aparās Vorrang im Kreis der Yoginīs. Das Kapitel spricht zunächst über ihre Verwirklichung, später über Feueropfer und deren zugeschriebene Wirkungen.

19.2[68]

tathocyate samāsena tatraikāgramanāḥ śṛṇu /
pūrvaṃ viśodhayet kāyaṃ prāṇāyāmatrayeṇa tu

Übersetzung: Dies wird kurz dargelegt; höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu. Zuerst reinige man den Körper durch dreifache Atemregulierung.


Erläuterung: Der Ausdruck nennt eine Dreiheit der Atemregulierung. Der Zusammenhang der früheren Kapitel legt deren drei Phasen nahe; keine zusätzlichen Atemzeiten werden eingeführt.

19.3[68]

yojayed aparāṃ caiva pratyāhāram ataḥ param /
tato nirdagdhakāyas tu vidyādehaṃ prakalpayet

Übersetzung: Dann wende man Aparā [in ihrer Mantragestalt] an und vollziehe darauf das Zurückziehen [der Sinne]. Nachdem der Körper [in der Vergegenwärtigung] völlig verbrannt ist, bilde man einen Körper aus Vidyās.


Erläuterung: Vidyās sind hier weibliche Mantragestalten. Die Verbrennung gehört zur rituellen Vergegenwärtigung des Körpers, nicht zu einer Anweisung körperlicher Selbstverbrennung.

19.4[68]

bhairavākārasadṛśaṃ kāyaṃ caiva navātmanā /
paścād aṅgādikaṃ kuryād †vake† caiva krameṇa tu

Übersetzung: Mit Navātman [bilde man] den Körper der Gestalt Bhairavas gleich. Danach vollziehe man der Reihe nach die [Einsetzung der] Mantraglieder und Weiteres; †vake† [ist nicht sicher verständlich].


Erläuterung: Die Edition lässt vake als Crux stehen. Eine Ergänzung „auf dem Rad“ ist erwogen, aber nicht in den Sanskrittext oder die sichere Übersetzung übernommen.

19.5[68]

evaṃ sa bhairavaḥ sākṣād dhṛdi tasyāparāṃ nyaset /
svakīyenaiva rūpeṇa aṅganyāsaṃ pravinyaset

Übersetzung: So ist er unmittelbar Bhairava. In dessen Herz setze man Aparā in ihrer eigenen Gestalt ein und vollziehe die Einsetzung ihrer Mantraglieder.


Erläuterung: Dhṛdi bleibt als ungewöhnliche Quellenschreibung bewahrt. „Dessen Herz“ meint wohl das Herz des als Bhairava vergegenwärtigten Praktizierenden.

19.6[68]

evaṃ sarvātmako bhūtvā yajet sarvārthasiddhidam /
arake tu tataś cakre nābhinemisamanvite

Übersetzung: So zum Allumfassenden geworden, verehre man den, der die Erfüllung aller Ziele verleiht. Dann auf einem Rad mit Speichen, Nabe und Felge,


19.7[68]

tasmin sindūravarṇe tu javākusumasaṃnibhe /
dāḍimīkusumaprakhya indragopakasaṃnibhe

Übersetzung: auf diesem zinnoberfarbenen [Rad], das einer Hibiskusblüte, einer Granatapfelblüte oder einem roten Indragopaka-Insekt gleicht,


19.8[68]

bhairavaṃ nābhimadhyasthaṃ tadutsaṅgagatāparām /
yajed yathoktamārgeṇa bhinnāṃ tāṃ vinyaset punaḥ

Übersetzung: verehre man auf die genannte Weise Bhairava in der Mitte der Nabe und Aparā auf seinem Schoß. Erneut setze man sie in ihrer aufgeteilten [Mantragestalt] ein:


19.9[68]

pūrveṇa yāmyanairṛtyāṃ vāyusaumyāntare ’parām /
arakās tu vinirdiṣṭās tatsthā devyāḥ prapūjayet

Übersetzung: Aparā im Osten, zwischen Süden und Südwesten und zwischen Nordwesten und Norden. Damit sind die Speichen angegeben; man verehre die dort befindlichen Göttinnen.


Erläuterung: Drei Speichen werden angegeben, nicht vier: Ost, zwischen Süd/Südwest und zwischen Nordwest/Nord. Die Richtungsangabe des englischen Kommentars zu19.10–11enthält an einer Stelle irrtümlich Südost; Sanskrit nairṛtya und die Textanmerkung bestimmen Südwest.

19.10[68]

ādyena mānasīṃ devīṃ pūrvenoktāṃ prapūjayet /
dvitīyasthāṃ mahādevīṃ nairṛtyāntarataś †caret†

Übersetzung: Auf der ersten [Speiche] verehre man die Göttin Mānasī, die zuvor für den Osten genannt wurde. [Dann verehre man] die große Göttin auf der zweiten, im Zwischenbereich zum Südwesten; †caret† ist hier verderbt.


Erläuterung: Die Konstruktion ist beschädigt. Die Zuordnung Cakravegās zur zweiten Speiche ergibt sich zusammen mit19.9und19.11; der fehlende sichere Sinn von caret wird nicht geglättet.

19.11[68]

arake cakravegā tu mohany ante tu cārcayet /
arakāntagatāṃ bhīmāṃ śavāsīnāṃ mahābalām

Übersetzung: Auf dieser Speiche [befindet sich] Cakravegā. Am Ende verehre man Mohanī auf der letzten Speiche: furchterregend, auf einer Leiche sitzend und von großer Kraft.


Erläuterung: Bhīmā wird hier als Eigenschaft Mohanīs, „furchterregend“, verstanden. Eine vierte Speichengöttin wird nicht hinzugefügt.

19.12[68]

aparāṃ tena rūpeṇa jvālāmālāvibhūṣitām /
pūjayed vividhaiḥ puṣpaiḥ sugandhaiś ca vilepanaiḥ

Übersetzung: Aparā verehre man in dieser Gestalt, mit einem Kranz aus Flammen geschmückt, mit verschiedenen Blumen und wohlriechenden Salben,


19.13[68]

dhūpair āmodabāhulair naivedyair māṃsamoditaiḥ /
iṣṭvā praṇamya vidhivad agnikāryaṃ tu kārayet

Übersetzung: mit reichlich duftendem Räucherwerk und Speisegaben, die nach Fleisch duften. Nachdem man sie vorschriftsgemäß verehrt und sich verneigt hat, vollziehe man das Feuerritual.


19.14[69]

pūrvoditair gurudravyair japte lakṣatraye sati /
homayed ayutaṃ sārdhaṃ nārasya piśitasya tu

Übersetzung: Nach dreihunderttausend Rezitationen bringe man mit den zuvor genannten gewichtigen Substanzen ein Feueropfer dar: fünfzehntausend Gaben von Menschenfleisch.


Erläuterung: Lakṣatraya=300000; ayutaṃ sārdham=15000. Der Kasuswechsel lässt offen, ob die übrigen Substanzen mit dem Menschenfleisch verbunden oder als Alternativen gemeint sind; die Herausgeberin bevorzugt nach18.25–26die Alternative. Keine zusätzlichen Opferzahlen sind belegt.

19.15[70]

homānte devadeveśīṃ paśyate cāgnimadhyagām /
sā tasya praviśec cakre tattulyaś caiva jāyate

Übersetzung: Am Ende des Feueropfers sieht man die Herrin des Gottes der Götter inmitten des Feuers. Sie tritt in sein Rad ein, und er wird ihr gleich.


19.16[70]

kartā hartā tathā devi tathā pālayatāpi ca /
varadā sādhakendrāṇāṃ yathā bhairava -m- eva ca

Übersetzung: Er wird zum Schöpfer, zum Vernichter und ebenso zum Erhalter, Göttin. Sie schenkt den vorzüglichen Praktizierenden ihre Gaben, ganz wie Bhairava.


Erläuterung: Die ersten männlichen Formen beziehen sich auf den Praktizierenden; varadā ist weiblich und wird hier auf die Göttin bezogen. Eine Änderung zu varadaḥ würde den letzten Teil ebenfalls auf den Praktizierenden beziehen, ist aber nicht übernommen.

19.17[70]

†māṃsāni naśyamānā tu† niśā kāryo hy ayaṃ vidhiḥ /
ekākinā yathoktena vidhinānena sādhanam

Übersetzung: †māṃsāni naśyamānā tu† [verderbt; erkennbar sind „Fleisch“ und „vergehend“]. Dieses Verfahren ist bei Nacht auszuführen. Die Verwirklichungspraxis [ist] allein nach der genannten Vorschrift [auszuführen],


Erläuterung: Keine der erwogenen Ergänzungen – verwesendes Fleisch, Fleischesser oder essbares Fleisch – ist als gesicherter Grundtext übernommen. Niśā wird nichtklassisch als Zeitangabe „bei Nacht“ gebraucht. Der folgende Satz reicht in19.18.

19.18[70]

gṛhe vātha prakurvāṇair vīro vāpy athavābalā /
ayaṃ vidhir varārohe tasya vāksiddhi jāyate

Übersetzung: oder von denen, die sie zu Hause ausüben; sei es ein Vīra oder eine Frau. So lautet dieses Verfahren, Schönhüftige. Dem betreffenden Menschen erwächst die Vollkommenheit der Rede.


Erläuterung: Vīra bezeichnet den männlichen Ritualpraktizierenden, abalā hier die Frau. Der Text nennt beide ausdrücklich. Vāksiddhi meint vollendete bzw. wirkmächtige Rede; bloß gute Rhetorik würde den Anspruch verkürzen. Die unregelmäßigen Numerus- und Kasuswechsel sind nicht als Ausschluss weiblicher Praxis gedeutet.

19.19[70]

athavā cakramadhye tu śūlapadmāsane sthitā /
divā vā yadi vā rātrau pūjyā caikākinā priye

Übersetzung: Oder sie ist allein, bei Tag oder bei Nacht, inmitten des Rades auf einem Lotussitz über einem Speer zu verehren, Geliebte.


19.20[70]

japel lakṣaṃ tu vidhinā mantratadgatamānasaḥ /
homayet phalgusaṃ nāraṃ chāgaṃ vā kṣmābhavaṃ tathā

Übersetzung: Man rezitiere vorschriftsgemäß hunderttausendmal, den Geist auf den Mantra gerichtet. Als Feueropfer bringe man Menschenfleisch, Ziegenfleisch oder Erzeugnisse der Erde dar,


19.21[70]

matsyamāṃsena vā tryaktaṃ puraṃ vā vrīhayo ’pi vā /
nāreṇa yoginīsattvam ajenaiva śivāpatiḥ

Übersetzung: oder Fischfleisch, dreifach bestrichenes Harz oder Reis. Durch Menschenfleisch [erlangt man] das Wesen einer Yoginī; durch Ziegenfleisch wird man zum Herrn der Heilvollen.


Erläuterung: Tryakta bleibt semantisch unsicher; die drei Mittel werden hier nicht genannt. Pura bezeichnet nach der Kontrollkommentierung ein aromatisches Harz. Die „Heilvollen“ sind im Kontext eine Göttinnengruppe; śivāpatiḥ wird nicht eigenmächtig zu Śivapati korrigiert.

19.22[70]

vāmādīnāṃ patitvaṃ hi kṣmābhavāt sādhake bhavet /
patitvaṃ śākinīnāṃ tu raudryā saṃprati kīrtitam

Übersetzung: Dem Praktizierenden erwächst durch Erzeugnisse der Erde die Herrschaft über die mit Vāmā beginnende Gruppe. Durch Raudrī [erlangt er] die Herrschaft über die Śākinīs, wie nun verkündet wird.


Erläuterung: Raudrī ist hier eine ungesicherte Bezeichnung einer Opfergabe. Vermutungen „Harz“ oder „Fisch“ bleiben unentschieden. Saṃprati heißt hier „nun“; es belegt kein sofortiges Eintreten der Wirkung.

19.23[70]

ḍākinīnāṃ patitvaṃ tu labhec chīghraṃ tadakṣataiḥ /
padmahomāl labhed rājyaṃ bilvair homāmitaṃ vasu

Übersetzung: Durch jene unversehrten Körner erlangt man rasch die Herrschaft über die Ḍākinīs; durch ein Lotusfeueropfer ein Königreich, durch ein Feueropfer mit Bilva unermesslichen Reichtum.


Erläuterung: Akṣata bezeichnet unversehrte Körner. Die englische Kontrolle nennt Gerste, ohne dass eine Getreideart im Sanskrit dieses Verses steht. Der Ablativzusammenhang in homāmitaṃ ist unsicher, die gemeinte Verbindung von Bilvaopfer und Reichtum jedoch nachvollziehbar. Welche Pflanzenteile verwendet werden, ist nicht genannt.

19.24[70]

yāni cānyāni karmāṇi anuktāny api sādhake /
sarvadā kurute vīro vrīhihomān triplutān

Übersetzung: Auch bei allen anderen Unternehmungen, die für den Praktizierenden nicht ausdrücklich genannt wurden, vollziehe der Vīra stets dreifache Reisfeueropfer.


Erläuterung: Tripluta bedeutet wörtlich etwa „dreifach überflutet/vermehrt“. Die Herausgeberin versteht dreifache Opferzahl; deren Ausgangszahl steht hier nicht. Die Übersetzung legt keine moderne Dosierung oder zusätzliche Opferzahl fest.

19.25[70]

sarvam eva hi hotavyaṃ sarvasiddhyarthakāraṇam /

evam eva kāryo ’yaṃ vidhiḥ sarvatra coditam /

sāmānyaṃ devadeveśi rahasyaṃ sāmudāyikam

Übersetzung: Alles dies ist als Feueropfer darzubringen: Es bewirkt sämtliche angestrebten Verwirklichungen. Genau so ist dieses Verfahren auszuführen; es ist für alle Fälle gelehrt. Herrin des Gottes der Götter, dies ist die allgemein geltende, geheime und umfassende [Vorschrift].


Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 19[54]

iti ekonaviṃśatiḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das neunzehnte Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 19; überlieferte Schlussnummer 19[54]

iti siddhiyogeśvarīmate ekonaviṃśatamaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das neunzehnte Kapitel im Siddhiyogeśvarīmata.


Kapitel 20 – Aghoreśvaras Gestalt; weitere Ritualstellen

Aufgenommener Bereich: 24–33; 101–102. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

20.24[71]

kapālamālābharaṇaṃ caturvadanaśobhanam /
bhujaiḥ ṣoḍaśabhir devaṃ kālaṃ dvādaśalocanam

Übersetzung: [Man vergegenwärtige sich] den Gott, geschmückt mit einer Schädelgirlande, herrlich mit vier Gesichtern, schwarz, mit sechzehn Armen und zwölf Augen,


Erläuterung: Der Kontext ist eine Visualisierung Bhairavas. Der einleitende Handlungsrahmen ist ergänzt, weil hier nur20.24–33zitiert vorliegt. Vier Gesichter, sechzehn Arme und zwölf Augen folgen ausdrücklich dem Siddhayogeśvarīmata; die daneben gedruckte Fassung des Timirodghāṭana nennt fünf Gesichter und wird nicht eingemischt.

20.25[71]

jaṭāmakuṭabaddhorddhaṃ śaśāṅkakṛtamūrdhani /
piṅgakeśaṃ mahāghoraṃ jvalantam iva pāvakam

Übersetzung: dessen Flechtfrisur zu einer hohen Krone gebunden ist und dessen Haupt den Mond trägt; mit rotbraunem Haar, überaus furchterregend, wie ein Feuer flammend,


Erläuterung: Baddhorddhaṃ und śaśāṅkakṛtamūrdhani sind nichtklassische Formen, die unverändert bewahrt werden.

20.26[71]

nāgayajñopavītaṃ ca mahāgonāsakuṇḍalam /
kaṭisthaṃ nāgarājānaṃ devadevavirājitam

Übersetzung: mit einer Schlange als heiliger Schnur und großen Vipern als Ohrringen. Um die Hüfte trägt er den Schlangenkönig; herrlich erstrahlt der Gott der Götter.


20.27[71]

gonāsair divyarūpais tu kaṭakair nūpurais tathā /
śobhate devadeveśam umādehārdhadhāriṇam

Übersetzung: Mit Vipern von göttlicher Gestalt als Arm- und Fußreifen glänzt der Herr des Gottes der Götter, der Umās Körper als seine eine Hälfte trägt.


Erläuterung: Die weibliche Körperhälfte ist ausdrücklich Umā. Die Hälfte wird nicht als bloße allgemeine Energievorstellung ersetzt.

20.28[71]

khaṭvāṅgadhāriṇaṃ devaṃ śūlapāṇibhayānakam /
mahāmuṇḍadharaṃ vīraṃ tathā vajrāsidhāriṇam

Übersetzung: Der Gott trägt den schädelbekrönten Stab; furchterregend hält er den Dreizack. Der Vīra trägt einen großen kahlen Menschenkopf, einen Vajra und ein Schwert,


Erläuterung: Muṇḍa bezeichnet hier einen kahlen Menschenkopf; khaṭvāṅga den schädelbekrönten Stab. Vajra bleibt als Name der Donnerkeil-Waffe erhalten.

20.29[71]

śaktihastaṃ ca paraśuṃ śavamālāvibhūṣitam /
mahāśavakarāṃbhojatatkṛtakarṇapūraṇam

Übersetzung: einen Speer in der Hand und eine Axt. Er ist mit einer Leichengirlande geschmückt; die lotosgleichen Hände der Toten bilden seinen Ohrschmuck.


Erläuterung: Die Leichengirlande steht im Siddhayogeśvarīmata. Die Rosenkranzlesung des späteren Paralleltextes wird nicht übernommen. Die Hände der Leichen werden bildlich als Lotusse bezeichnet; nicht echte Blumen sind hier gemeint.

20.30[71]

gajacarmottarīyaṃ syād ghaṇṭāhastaṃ mahābalam /
vyāghracarmāmbaradharaṃ duṣprekṣaṃ tridaśair api

Übersetzung: Ein Elefantenfell bildet sein Obergewand. Der überaus Kraftvolle hält eine Glocke und trägt ein Tigerfell als Kleid. Selbst für die Götter ist er schwer anzusehen.


20.31[71]

koṭarākṣaṃ mahāśastraṃ mahāmudrāvibhūṣitam /
lelihānamahājihvaṃ saṃsārocchittikārakam

Übersetzung: Mit hohlen Augen, einer großen Waffe und dem Schmuck der großen Siegel; mit seiner gewaltigen, leckenden Zunge bewirkt er das Abschneiden des Saṃsāra.


Erläuterung: Mahāmudrā meint im ikonographischen Zusammenhang nach der Herausgeberin Knochenschmuck, nicht eine moderne Yogahaltung. Saṃsārocchitti heißt „Abschneiden/Aufhebung des Saṃsāra“; der Zusammenhang lässt kosmische Vernichtung und Überwindung des Kreislaufs anklingen. Die englische Kontrolle formuliert „die Welt verschlingen“, was den Sanskritausdruck nicht vollständig abbildet.

20.32[71]

kapālaṃ vāmahastasthaṃ tathā ḍamarukaṃ kare /
cakrapāṇiṃ sadhanuṣaṃ śarodyatakaraṃ tathā

Übersetzung: In seiner linken Hand ruht eine Schädelschale, und in einer Hand hält er die kleine Sanduhrtrommel. Er trägt einen Diskus und einen Bogen; eine erhobene Hand hält den Pfeil.


20.33[71]

padmahastaṃ savīṇaṃ ca tathā karttarikākaram /
hasantaṃ kilikilāyantaṃ mahābhīmāṭṭahāsinam

Übersetzung: In einer Hand hält er einen Lotus; er trägt eine Vīṇā und in einer Hand eine Schere. Er lacht, stößt Kilikilā-Rufe aus und bricht in gewaltiges, furchtbares Gelächter aus.


Erläuterung: Vīṇā bezeichnet ein Saiteninstrument; die genaue Bauform ist nicht angegeben. Kilikilā ist ein Lautruf, hier keine eigenständige Mantraanweisung.

Zwischenliegende Originalpositionen sind in dieser Ausgabe nicht erschlossen.

20.101[34]

evaṃ cakraṃ mahādevi nyastvā haste tu vāmake /
taṃ hastaṃ cintayet sādhyahṛdi nyastaṃ tatopari

Übersetzung: Nachdem man so das Rad in die linke Hand eingesetzt hat, große Göttin, stelle man sich diese Hand auf das Herz der zu beeinflussenden Person gelegt vor; darüber


Erläuterung: Zwischen20.33und20.101ist in dieser Bearbeitung kein fortlaufender Grundtext erschlossen. Die Stelle gehört zu einem historischen Ritual der Beeinflussung einer anderen Person; keine bloße Selbstmeditation.

20.102[34]

sravantaṃ madirāṃ divyāṃ lākṣārasasamaprabhām /
kṣaṇamātrād vaśaṃ yāti sādhyaḥ śakrasamo yadi

Übersetzung: [stelle man sich vor, wie sie] göttlichen Wein ausströmt, der wie roter Lacksaft leuchtet. In einem einzigen Augenblick gerät die betreffende Person unter die Gewalt [des Praktizierenden], selbst wenn sie Śakra gleicht.


Erläuterung: Die grammatisch ungewöhnliche Form sravantaṃ ist bewahrt. Śakra ist Indra. Madirā bezeichnet ausdrücklich Wein; „Nektar“ würde den konkreten Wortlaut verändern.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 20[54]

iti khecarīcakravyūha viṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das zwanzigste Kapitel: die Anordnung des Khecarī-Rades.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 20; überlieferte Schlussnummer 20[54]

iti siddhayogeśvarīmate khecakravyūha viṃśatimaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet im Siddhayogeśvarīmata das zwanzigste Kapitel: die Anordnung des Khe-Rades.


Erläuterung: Die verkürzte Form khecakra steht so in der Kolophontranskription. Sie wird nicht stillschweigend zur D-Lesung khecarīcakra ergänzt.

Kapitel 21 – Vīras, Gesten und Überlieferungsfolgen

Aufgenommener Bereich: 1–48. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 21.1[72]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


21.1[72]

athātaḥ saṃpravakṣyāmi girirājasute tava /

umāmāheśvaraṃ cakraṃ rudradvādaśabhir yathā /

yogibhiś ca samāsena kathyamāno ’dhunā śṛṇu

Übersetzung: Nun werde ich dir, Tochter des Bergkönigs, den Kreis Umās und Maheśvaras mit zwölf Rudras und den Yoginīs kurz darlegen. Höre jetzt die Unterweisung.


Erläuterung: Yogibhiḥ ist im Zusammenhang mit21.2als nichtklassische Bezeichnung der Yoginīs verstanden; keine zusätzliche männliche Yogigruppe wird eingeführt.

21.2[72]

dvādaśārasya cakrasya ye rudrā arakāgatāḥ /
yoginyaś ca mahādevi yujyante sarvakāmadāḥ

Übersetzung: Die Rudras auf den Speichen des zwölfspeichigen Rades und die Yoginīs, große Göttin, sind miteinander verbunden und gewähren alle Wünsche.


21.3[72]

teṣāṃ saṃcārabhedaś ca arakeṣu yathā bhavet /
udayaṃ teṣu yad devi māse māse tad ucyate

Übersetzung: Wie ihre Bewegungen auf den Speichen voneinander abweichen und wie sie darin Monat für Monat aufgehen, Göttin, das wird nun gelehrt.


Erläuterung: Saṃcāra bezeichnet den Umlauf bzw. wechselnden Aufenthalt der Gottheiten im Zusammenhang mit Monaten und Sonnenlauf, nicht eine Reiseanleitung.

21.4[72]

ādityagatisaṃcāraṃ māse māse tathaiva tu /
ādityagatimānena udayaṃ kathitaṃ tava

Übersetzung: Ebenso wechselt die Bewegung der Sonne von Monat zu Monat. Entsprechend dem Maß ihres Laufes wird dir das Aufgehen [dieser Gottheiten] erklärt.


Sprecherzeile – vor 21.5[72]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


21.5[72]

śobhanaṃ devadeveśa tvayā proktaṃ jaṭādhara /
sādhakānāṃ hitārthāya yoginīnāṃ gaṇasya ca

Übersetzung: Etwas Schönes hast du verkündet, Herr des Gottes der Götter, Träger der Haarflechten, zum Wohl der Praktizierenden und der Schar der Yoginīs.


21.6[72]

yathā niyojyate nityaṃ pratimāsaṃ prayogataḥ /
tathā hi nikhilaṃ deva bhrāntinirnāśanaṃ hara

Übersetzung: [Lehre], wie [dieser Kreis] regelmäßig Monat für Monat in der Anwendung eingesetzt wird: vollständig, Gott Hara, sodass Verwirrung zunichtewird.


Erläuterung: Ein Verb wie „lehre“ fehlt im überlieferten Wortlaut und ist für den deutschen Satz ergänzt. Hara bleibt Gottesname; eine mögliche Wortspielbeziehung zu „fortnehmen“ ist nicht als sichere zweite Anweisung übersetzt.

Sprecherzeile – vor 21.7[72]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


21.7[72]

nābhyāṃ yajeta -m- ātmānaṃ bhairavaṃ cāṅgasaṃyutam /
kalaśe ’mṛtapūrṇe tu kurvann amṛtamanthanam

Übersetzung: In der Nabe verehre man Bhairava als das eigene Selbst, mit seinen Mantragliedern, wie er in einem mit Nektar gefüllten Krug den Nektar quirlt.


Erläuterung: Manthanam, „Quirlen“, ist eine Konjektur. Der Quirlende ist wohl Bhairava; grammatisch ist auch der als Bhairava verehrende Praktizierende möglich. Das eingeschobene -m- ist Hiatusfüller, keine Lautformel.

21.8[72]

dakṣanāmena yo rudra udayasya maheśvari /
kārtikaṃ māsam akhilaṃ sa tu bhukto maheśvari

Übersetzung: Der Rudra des Aufgangs, der Dakṣa heißt, große Göttin, wird den ganzen Monat Kārtika hindurch genossen, große Göttin.


Erläuterung: Bhukta, „genossen“, ist unsicher. Gemeint sein könnte, dass die Kraft dieses Rudra während seines Monats zugänglich wird; eine sichere Konjektur liegt nicht vor.

21.9[72]

pūrvarake pūjayet tu yoginyā saha saṃyutam /
śeṣānyā vīrayoginyā arakāntargatā yajet

Übersetzung: Man verehre ihn auf der östlichen Speiche, mit seiner Yoginī vereint, und die übrigen Vīras und Yoginīs auf den anderen Speichen.


21.10[72]

yasya rudrasya yo māsas taṃ yajet pūrvavat sthitam /
eṣāṃ mantrasamutpattir dakṣākṣaraniyojitā

Übersetzung: Den Rudra, dem der jeweilige Monat gehört, verehre man wie zuvor [im Osten]. Ihre Mantras werden unter Verwendung der Buchstaben der rechten Seite gebildet.


Erläuterung: Pūrvavat kann „wie zuvor“ bedeuten;21.8–9legt die östliche Speiche nahe. Samutpatti ist unsicher hergestellt. Welche Buchstaben der rechten Seite gemeint sind, lässt sich nicht sicher entschlüsseln;21.13nennt stattdessen zwölf Vokale. Keine Formel wird daraus rekonstruiert.

21.11[72]

punar mantrasamāyogāt teṣāṃ nyāsaṃ prakīrtitam /
vajramudrāsamāyogas teṣāṃ yogigaṇasya ca

Übersetzung: Ferner ist ihre Einsetzung durch die Verbindung ihrer Mantras gelehrt, verbunden mit der Vajra-Geste für sie und die Schar ihrer Yoginīs.


21.12[72]

evaṃ saṃcārabhedena māsadvādaśam eva hi /
yajec cakre ca vidhivad yoginīsiddhim icchatā

Übersetzung: So verehre, wer die Verwirklichung durch Yoginīs erstrebt, entsprechend den wechselnden Bewegungen alle zwölf Monate vorschriftsgemäß im Rad.


21.13[73]

kathitās te mahādevi svaradvādaśabheditāḥ /
yoginīnāṃ ca vīrāṇām eṣa mantragaṇaḥ smṛtaḥ

Übersetzung: Sie sind dir, große Göttin, als durch zwölf Vokale unterschieden gelehrt worden. Dies gilt als die Mantraschar der Yoginīs und der Vīras.


21.14[74]

ye punar nābhimadhyasthās te pūjyāḥ pūrvataḥ kramāt /
lāñchitā vajramudrāyā arakās tu prakalpayet

Übersetzung: Diejenigen, die sich in der Mitte der Nabe befinden, sind dagegen zuerst der Reihe nach zu verehren. Man gestalte die Speichen als mit der Vajra-Geste gekennzeichnet.


Erläuterung: Pūrvataḥ ist hier als „zuerst“ verstanden; „wie zuvor“ oder „vom Osten her“ sind mögliche Bedeutungen. Der Text unterscheidet die zentrale Verehrung von derjenigen auf den Speichen.

21.15[74]

arakāsu ca sarvāsu parītā parivāritā /
vajraḥ śūlo ’tha cakrāś ca halaś cāṅkuśam eva ca

Übersetzung: Auf allen Speichen befindet sich [diese Geste] ringsum. Vajra, Dreizack, Diskus, Pflug und Stachelhaken,


21.16[74]

dhvajaś cānyo mahākāli pāśaḥ khaḍgaṃ prakīrtitam /
mudgaro ’tha gadā padmaṃ śaktiś cānyātha ghaṇṭikā

Übersetzung: ferner Banner, Mahākālī, Schlinge und Schwert sind genannt; Schlägel, Keule, Lotus, Speer und außerdem die kleine Glocke:


21.17[74]

dvādaśaite samākhyātā mudrā vīragaṇasya tu /
ebhir vinā na siddhyanti prayatnenāpi sādhakāḥ

Übersetzung: Diese zwölf gelten als die Gesten der Vīra-Schar. Ohne sie gelangen die Praktizierenden selbst bei großer Anstrengung nicht zum Erfolg.


Erläuterung: Die vorangehende Liste enthält tatsächlich dreizehn Bezeichnungen. Möglicherweise gilt Vajra den Yoginīs, während die folgenden zwölf zu den Rudras gehören. Die überlieferte Zahl zwölf bleibt im Text stehen; der Widerspruch wird nicht durch Streichen einer Geste beseitigt.

21.18[74]

rajaṃ tu pūrvavat kuryāt suraktaṃ tu sujājvalam /
sarvakāmapradaṃ puṇyaṃ sarvapāpapramocanam

Übersetzung: Man bereite die Farbe wie zuvor, kräftig rot und hell leuchtend: [Das Rad] gewährt alle Wünsche, ist heilvoll und befreit von allem Übel.


Erläuterung: Rajaṃ ist eine unregelmäßige Farbbezeichnung, wohl aus rajas. Im Satz wechselt der Bezug zur Wirkung des beschriebenen Rades.

21.19[74]

paścāt samarcayitvā tu darśayet sādhakasya tu /
ātmaśoṇitasaṃmiśraṃ kartavyaṃ rañjayed idam

Übersetzung: Nachdem man es verehrt hat, zeige man es dem Praktizierenden. Es ist eine Mischung mit dem eigenen Blut herzustellen; damit färbe man dies [das Rad] rot.


Erläuterung: Rañjayet kann sowohl „rot färben“ als auch „erfreuen/geneigt machen“ bedeuten. Der Blutbezug ist ausdrücklich, weitere Zutaten oder Körperstellen stehen in diesem Vers nicht.

21.20[74]

yasmiṃs tat patate puṣpaṃ cakre guhyasamudbhave /
tasya tannāmagotraṃ ca kartavyaṃ sādhakasya tu

Übersetzung: Auf welchen [Rudra] die Blume in diesem aus dem Geheimen hervorgegangenen Rad fällt, dessen Namen und Gotra soll der Praktizierende erhalten.


Erläuterung: Gotra bezeichnet eine Zugehörigkeitslinie. Möglich ist auch die Lesart „dessen Gotra-Namen“. Guhya kann „geheim“ oder den verborgenen Ursprung bezeichnen; eine sexuelle Deutung ist hier nicht sicher.

21.21[74]

caṇḍaś cātra prakartavyaḥ svadinmātroditena ca /
evam iṣṭvā yathānyāyaṃ rudreśapadam āpnuyāt

Übersetzung: Hier ist [entsprechend] Caṇḍa [als Name] zu geben, allein durch die für ihn angegebene Richtung [des Blumenfalls]. Wer so in rechter Ordnung verehrt, erlangt den Rang des Herrn der Rudras.


21.22[74]

anyathā tu mahāvīre vyathā tantrapaśor iva /
athaivaṃ tu kṛte paścān mānasaṃ cakramaṇḍalam

Übersetzung: Andernfalls [entsteht] Leid wie bei einem gebundenen Wesen des Tantra, große Heldin. Nachdem dies so vollzogen wurde, [folgt] das geistige Kreis-Maṇḍala.


Erläuterung: Mānasaṃ cakramaṇḍalam ist unsicher hergestellt und ohne vollständiges Prädikat. „Geistig“ ist daher keine gesicherte allgemeine Ersetzung des vorangehenden Rituals. Tantrapaśu ist das im tantrischen System gebundene Wesen; die Tierbedeutung von paśu klingt mit.

21.23[74]

saptāhaṃ tu japed yas tu †mānasaṃ cakra saṃkulāt† /
dhyātāś ca pūjitā devi siddhim iṣṭāṃ dadanti ca

Übersetzung: Wer sieben Tage lang rezitiert – †mānasaṃ cakra saṃkulāt† [verderbt; „geistig“, „Rad“, „aus der Ansammlung“ sind erkennbar] –, dem schenken die meditierten und verehrten [Gottheiten] die gewünschte Verwirklichung, Göttin.


Erläuterung: Die Crux bleibt offen. Die flüssige Kontrollübersetzung „die Mantras geistig rezitieren“ setzt eine nicht sicher herstellbare Lesung voraus und wird hier nicht als Gewissheit übernommen.

21.24[74]

saptāhaṃ śaktivīrāṇāṃ patitvam acirāl labhet /
sa patiḥ sarvaśaktīnāṃ trailokyaṃ tasya sidhyati

Übersetzung: Nach sieben Tagen erlangt man bald die Herrschaft über die Śaktis und Vīras. Man ist Herr aller Śaktis; die drei Welten werden einem untertan.


Erläuterung: Śaktis sind hier göttliche weibliche Mächte, Vīras ihre männlichen Gegenstücke; die Herrschaft über die drei Welten ist eine dem Ritual zugeschriebene Wirkung.

21.25[74]

anyathā vidhihīnasya na hi siddhir bhavet kvacit /
caṇḍo mārgaśire māse haraḥ pauṣe ’tha sidhyati

Übersetzung: Andernfalls, wenn das vorgeschriebene Verfahren fehlt, entsteht niemals Verwirklichung. Im Monat Mārgaśira [wirkt] Caṇḍa, im Pauṣa Hara.


Erläuterung: Die Verneinung bezieht sich auf eine Durchführung ohne die vorgegebene Ritualordnung; sie ist kein allgemeines Urteil über jede andere spirituelle Praxis. Mārgaśira ist die Textform für den sonst Mārgaśīrṣa genannten Monat.

21.26[74]

śauṇḍī ca māghamāse tu pramathaḥ phālguṇe ’ti ca /
caitramāse ’tha bhīmas tu vaiśākhe manmathas tathā

Übersetzung: Im Monat Māgha [wirkt] Śauṇḍī, im Phālguna Pramatha, im Caitra Bhīma und im Vaiśākha Manmatha.


21.27[74]

jyeṣṭhe ca śakuniḥ pūjya āṣāḍhe sumatis tathā /
nandanaḥ śrāvaṇe māse gopālo bhādrapade tathā

Übersetzung: Im Jyeṣṭha ist Śakuni zu verehren, im Āṣāḍha Sumati, im Monat Śrāvaṇa Nandana und im Bhādrapada Gopāla.


21.28[75]

pitāmahaś ca vīreśo māsasyāśvayujasya ca /
kārtikaṃ māsam akhilaṃ dakṣanāmā yaśasvini

Übersetzung: Pitāmaha ist der Herr der Vīras für den Monat Āśvayuja; für den ganzen Monat Kārtika [wirkt] der Dakṣa Genannte, Ruhmreiche.


21.29[76]

evaṃ māsakrameṇaiva bhairavo mantravigrahaḥ /
yaḥ smariṣyati siddhyarthe tasya siddhir na dūrataḥ

Übersetzung: Wer, als Bhairava mit einem Körper aus Mantras, in dieser Monatsfolge zum Zweck der Verwirklichung [die Gottheiten] vergegenwärtigt, dem ist die Verwirklichung nicht fern.


Erläuterung: Smaraṇa ist die erinnernde oder meditative Vergegenwärtigung, nicht zwingend hörbare Rezitation.

21.30[76]

ṛtavo ye samākhyātāḥ ṣaḍāreṣu yathāvidhi /
cakreṣaṃ pūjayet tāṃs tu vidhinā tu vidhānavit

Übersetzung: Die genannten Jahreszeiten [sind] vorschriftsgemäß auf sechs Speichen [angeordnet]. Wer die Vorschrift kennt, verehre nach ihrem Verfahren den Herrn des Rades und sie.


21.31[76]

teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi śṛṇu devi tapodhane /
caturyugavibhāgena kathayāmi tavākhilam

Übersetzung: Ich werde ihre Namen nennen. Höre, Göttin, deren Reichtum die Askese ist: Ich erkläre dir alles, gegliedert nach den vier Weltaltern.


21.32[76]

baliś ca balinandaś ca daśagrīvo haro hayaḥ /
mādhavaś ca samākhyātaḥ ṣaṣṭha eva ṛjūttamaḥ

Übersetzung: Bali, Balinanda, Daśagrīva, Hara und Haya sind genannt; als sechster Mādhava, der Beste der Aufrechten.


Erläuterung: Ṛjūttama wird als „Bester der Aufrechten“ übersetzt; die erwogene Konjektur „Beste der Jahreszeiten“ steht nicht im edierten Grundtext.

21.33[76]

ṛturūpeṇa te vīrāḥ kṛte yuge vyavasthitāḥ /
yoginīnāṃ sahasrais tu ekaikaḥ parivāritaḥ

Übersetzung: Diese Vīras bestehen im Kṛta-Weltalter in Gestalt der Jahreszeiten. Jeder Einzelne ist von Tausenden von Yoginīs umgeben,


21.34[76]

dvādaśais tu mahādevi mahābalabalīyasaiḥ /
eteṣu hṛdayo devi mahābalaparākramaḥ

Übersetzung: von zwölf [Tausend], große Göttin, die überaus stark und mächtig sind. Ihr Herz [ihr Herzmantra], Göttin, besitzt gewaltige Kraft und Tapferkeit.


Erläuterung: Die Zahl zwölf schließt an „Tausende“ in21.33an: je12000Yoginīs. Zwei eigene Erfassungsfehler wurden am vergrößerten Seitenbild berichtigt: dvādaśais und mahābalaparākramaḥ. Hṛdaya ist im Mantrazusammenhang wohl der Herzmantra; seine Lautgestalt steht hier nicht.

21.35[76]

smaraṇāt siddhido hy eṣa sarvakarmakaraś ca saḥ /
umāmāheśvare cakre ayanadvayasaṃsthite

Übersetzung: Schon durch seine Vergegenwärtigung schenkt es Verwirklichung und vollbringt alle Unternehmungen. In dem Kreis Umās und Maheśvaras, der in den beiden Sonnenhalbjahren besteht,


21.36[76]

sidhyate hy aprayatnena sādhakaḥ siddhikāṅkṣiṇaḥ /
tretāyāṃ paratas tāsāṃ bhaginīvīrasaṃjñikāḥ

Übersetzung: gelangt der nach Verwirklichung strebende Praktizierende mühelos ans Ziel. Im Tretā-Weltalter dagegen tragen sie die Bezeichnungen „Schwester“ und „Vīra“.


Erläuterung: Die beiden ayanas sind die beiden Halbjahre des Sonnenlaufs. Die angekündigte Aufzählung für das Tretā-Weltalter erscheint an dieser Stelle nicht vollständig; kein Inhalt wird ergänzt.

21.37[76]

tatraiva hi samākhyātāś cakrārūḍhā mayā tava /
suśriyo gomukhaś caiva kapālī bhīṣmanāyakaḥ

Übersetzung: Eben dort habe ich sie dir als auf dem Rad befindlich gelehrt. Suśriya, Gomukha, Kapālin und der Anführer Bhīṣma,


Erläuterung: „Dort“ kann auf das Tretā-Weltalter bzw. eine andere dort verortete Unterweisung verweisen. Der Anschluss an die folgende Dvāpara-Liste ist unsicher. Tatraiva wurde gegenüber einer eigenen Silbenauslassung in der Erfassung am Seitenbild berichtigt.

21.38[76]

pākaś caiva śikhaṇḍī ca munir vaiśravaṇas tathā /
evamādyās tu ye vīrā dvāpare mātṛnāyakāḥ

Übersetzung: Pāka, Śikhaṇḍin, Muni und Vaiśravaṇa: Diese und weitere solche Vīras sind im Dvāpara-Weltalter Anführer der Mütter.


21.39[76]

eṣām anyatamā devi vidhikhyātā sureśvari /
ākhaṇḍalas tathā śukraḥ śaṇṭhaḥ pāṣāṇakaḥ śivaḥ

Übersetzung: Einige von ihnen, Göttin, sind nach der Vorschrift bekannt, Herrin der Götter: Ākhaṇḍala, Śukra, Śaṇṭha, Pāṣāṇaka und Śiva,


Erläuterung: Die Zuordnung der Liste21.39–41zum Dvāpara- oder Kali-Weltalter bleibt unsicher; der Textübergang rechtfertigt keine erfundene neue Kapitelgliederung.

21.40[76]

nabho bhānur anantaś ca halīrājo ’tha dundubhiḥ /
bhīmārjuno ’tha bhīmaś ca mahārājo ’tha drumaṇaḥ

Übersetzung: Nabhas, Bhānu, Ananta, Halīrāja, Dundubhi, Bhīmārjuna und Bhīma, Mahārāja und Drumaṇa,


Erläuterung: Der Sanskrittext hat Drumaṇa. Die englische Kontrolle gibt Durmanas/Duryodhana; diese Identifikation wird nicht als überlieferter Name übernommen. Mahārāja kann ein eigener Name oder ein Titel des Folgenden sein.

21.41[77]

bhasmarājo ’tha kalyāṇo madhu sindūrakas tathā /
caturo māṭharaś caiva mātṛsāyujyagāminaḥ

Übersetzung: Bhasmarāja, Kalyāṇa, Madhu, Sindūraka, Catura und Māṭhara: Sie gelangen zur Vereinigung mit den Müttern.


Erläuterung: Catura wird in der Namensliste als Eigenname verstanden, nicht als Zahlenangabe „vier“. Sāyujya bezeichnet Vereinigung bzw. engste Zugehörigkeit; eine bloße Umdeutung zu einem späteren philosophischen Begriff absoluter Einheit wäre hier unbegründet.

21.42[77]

kalau yuge ’tha ghorākhyāḥ śatam anyaṃ prakīrtitam /
eṣām anukrameṇaiva nāmā vīragaṇasya tu

Übersetzung: Im Kali-Weltalter ist eine weitere Hundertschaft als die „Furchtbaren“ bekannt. Der Reihe nach die Namen ihrer Vīra-Schar …


Erläuterung: Der angefangene Satz hat im erhaltenen Anschluss keine vollständige Fortsetzung. Die Hundertschaft wird hier nicht vollständig aufgezählt. Gaṇasya ist unsicher hergestellt; keine Namen werden ergänzt.

21.43[77]

pūjyamānās tu tā devyaḥ kathayiṣyanti sādhakaiḥ /
vakṣyate sādhyasiddhyarthe siddhayogeśvarīmate

Übersetzung: Werden jene Göttinnen von den Praktizierenden verehrt, werden sie sprechen. [Dies] wird im Siddhayogeśvarīmata zur Erlangung des angestrebten Erfolgs gelehrt werden.


Erläuterung: Kathayiṣyanti bedeutet zunächst „sie werden sprechen/erzählen“. Die Herausgeberin erwägt im Blick auf Kapitel30eine sexuelle Begegnung als gemeinten Zusammenhang. Der vorliegende Wortlaut belegt dies allein nicht eindeutig; deshalb keine Ersetzung von „sprechen“ durch „Geschlechtsverkehr haben“.

21.44[77]

oṃkāre tu baliṃ vidyād balinandaś ca juṃ smṛtam /
daśagrīvo vakāreṇa kaṃkāreṇa haraḥ smṛtaḥ

Übersetzung: Im Laut oṃ erkenne man Bali; Balinanda gilt als juṃ. Daśagrīva [ist] mit dem Laut va [verbunden], Hara mit dem Laut kaṃ.


Erläuterung: Die Lautzuweisungen oṃ, juṃ, va und kaṃ sind unsichere Konjekturen der Edition. Sie werden als Textaussage wiedergegeben, nicht als gesicherte selbstständige Rezitationsformeln.

21.45[77]

yakāreṇa hayaṃ vidyāt mādhavas tu visargiṇā /
ghakāre devadeveśe catūrudrāḥ kramāgatāḥ

Übersetzung: Durch den Laut ya erkenne man Haya, Mādhava durch den Visarga. Beim Laut gha, dem Herrn des Gottes der Götter, folgen der Reihe nach „vier Rudras“.


Erläuterung: Auch ya und ghakāre sind unsicher. Catūrudrāḥ heißt dem Wortlaut nach „vier Rudras“. Die Herausgeberin deutet dies versuchsweise als Zahlencode4×11=44für übrige Alphabetbuchstaben. Diese unsichere Auslegung wird nicht als ausdrückliche Zahl44in den Sanskrittext zurückgetragen. Visarga bezeichnet das Hauchzeichen; kein aḥ wird eigenmächtig als Formel ergänzt.

21.46[77]

te pūjyāḥ pūrvavad garbhe arakeṣu yathākramāt /
pūjayed vīracetena sarvasiddhyarthakāraṇam

Übersetzung: Sie sind wie zuvor in der Mitte und auf den Speichen in der jeweiligen Reihenfolge zu verehren. Mit dem Geist eines Vīra verehre man das, was alle angestrebten Verwirklichungen bewirkt.


Erläuterung: Cetena ist unsicher hergestellt, als „mit dem Geist“ verstanden. Garbha bezeichnet hier den inneren Bereich des Rades.

21.47[77]

japen mantravaraṃ devi †apsyādātsā – dham† utpatet /
nāsya †rovayitā†kaścid bhairaveva hi pūjyate

Übersetzung: Man rezitiere den vorzüglichen Mantra, Göttin. †apsyādātsā – dham† [verderbt und lückenhaft]; man steigt empor. „Niemand ist sein †rovayit↓ [Prädikatswort unverständlich]; man wird wie Bhairava verehrt.


Erläuterung: Die Crux vor utpatet ist nicht zuverlässig wiederherstellbar. Die erwogene Lesung rodhayitā, „jemand, der ihn hindert“, wurde von der Herausgeberin nur in ihrer Übersetzung verwendet, nicht in der Edition; sie bleibt hier ausdrücklich ungesichert. Keine aus der Lücke erschlossene Dauer wird angegeben.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

21.48[77]

yoginībhiḥ samastāt tu varadātā bhaveta saḥ /
etac cakravaraṃ devi rahasyaṃ gopayet sadā

Übersetzung: Durch die Yoginīs wird man umfassend zu einem Geber von Gaben. Dieses vorzügliche Rad, Göttin, soll man stets geheim bewahren.


Erläuterung: Die nichtklassische Konstruktion kann auch ausdrücken, dass die Yoginīs ihm alle Gaben verleihen. Die Übersetzung folgt dem aktiven varadātā, „Geber von Gaben“.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 21[54]

bhairavavīrasaṃhitāyāṃ ekaviṃśatimaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Das einundzwanzigste Kapitel in der Bhairavavīrasaṃhitā.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 21; überlieferte Schlussnummer 21[54]

bhairavavīrasaṃhitāyāṃ ekaviṃśatimaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Das einundzwanzigste Kapitel in der Bhairavavīrasaṃhitā.


Kapitel 22 – Yoginīs und ihre Erscheinungsformen

Aufgenommener Bereich: 1–40. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Geschmückte Göttinnengestalt nach einer Verehrung: ergänzendes Bild heutiger Śakti-Verehrung.

Sprecherzeile – vor 22.1[78]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


22.1[78]

vīrāṇāṃ hi mahādeva śrutā nāmāś ca bandhavaḥ /
sāṃprataṃ śrotum icchāmi sarvayogigaṇaṃ tu vai

Übersetzung: Großer Gott, ich habe die Namen und Verbindungen der Vīras gehört. Nun möchte ich von der ganzen Schar der Yoginīs hören,


Erläuterung: Yogigaṇa ist hier nach dem Zusammenhang die Schar der Yoginīs, nicht eine zusätzlich eingeführte Männergruppe.

22.2[78]

lakṣaṇaṃ nipuṇaṃ guhyaṃ sarvakāmārthasādhakam /
yena vijñātamātreṇa siddhiṃ gacchati sādhakaḥ

Übersetzung: von ihren genauen, geheimen Kennzeichen, die alle erwünschten Ziele verwirklichen und durch deren bloße Erkenntnis der Praktizierende zur Verwirklichung gelangt.


Erläuterung: Nipuṇa kann „genau/fein“ oder „Geschicklichkeit“ bedeuten. Der Satz beschreibt die zu erkennenden besonderen Merkmale, nicht lediglich allgemeine moralische Eigenschaften.

Sprecherzeile – vor 22.3[78]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


22.3[78]

śṛṇu devi paraṃ guhyaṃ – – śaktiviniścayam /
caturyugavibhāgena yathā devyaḥ pratiṣṭhitāḥ

Übersetzung: Höre, Göttin, das höchste Geheimnis, […] die genaue Bestimmung der Śaktis: wie die Göttinnen, nach den vier Weltaltern gegliedert, bestehen.


Erläuterung: Die zwei Striche der Edition bleiben eine Lücke. Die in der englischen Kontrolle ergänzte Bedeutung „aller“ wird nicht als gesicherter Sanskritbestand übernommen.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

22.4[78]

anena guhyatantreṇa rahitasādhakasya tu /
na tu sidhyanti tā devyo yoginyaś ca viśeṣataḥ

Übersetzung: Einem Praktizierenden, dem dieses geheime Tantra fehlt, werden jene Göttinnen, insbesondere die Yoginīs, nicht zur Verwirklichung zugänglich.


Erläuterung: Die Verneinung samt Prädikat ist eine diagnostische Konjektur der Edition; der Sinn wird übersetzt, die Unsicherheit des Wortlauts bleibt sichtbar.

22.5[78]

dvividhā yoginīḥ proktāḥ kulajā devatās tathā /

mānuṣyāḥ kulajāḥ proktās teṣāṃ śṛṇu kulodgatim /

dvijakṣatriyaviṭśūdrakulotpannās tu nāyikāḥ

Übersetzung: Zwei Arten von Yoginīs sind gelehrt: die in einer Zugehörigkeitslinie Geborenen und die Gottheiten. Die in einer Linie Geborenen werden als menschlich bezeichnet; höre von ihrer Herkunft. Diese Anführerinnen sind in Familien von Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas oder Śūdras geboren.


Erläuterung: Die vier genannten sozialen Gruppen sind Teil der historischen Darstellung. Kulaja meint hier ausdrücklich menschliche Herkunft; die zweite Gruppe umfasst göttliche Yoginīs. Der Wortlaut beschreibt Herkunft und ist keine heutige Bewertung von Menschen.

Sprecherzeile – nach 22.5[78]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


Unnummerierte Lücke – nach Sprecher devy zwischen 22.5 und 22.6[78]

<…>

Übersetzung: [Textlücke.]


Sprecherzeile – zwischen 22.5 und 22.6[78]

<bhairava uvāca>

Übersetzung: <Bhairava sprach:>


Unnummerierte Lücke – nach ergänztem bhairava uvāca, vor 22.6[78]

<…>

Übersetzung: [Textlücke.]


22.6[78]

saptaviṃśatimād varṣād ūrdhvaṃ gacchanti tatpadam /
anyasmin kula -m- utpannā bhaginyo rudramātaraḥ

Übersetzung: Nach dem siebenundzwanzigsten Lebensjahr gelangen sie zu jenem Zustand. Die in einer anderen Linie Geborenen sind die Schwestern, die Rudra-Mütter.


Erläuterung: Tatpadam heißt „jener Zustand/jene Stätte“. Die Kontrollübersetzung versteht endgültige Befreiung; nach der vorausgehenden Lücke ist der genaue Bezug jedoch nicht sicher. -m- ist ein Hiatusfüller, keine Mantrasilbe.

22.7[78]

sikte klinne tathā bhīte vyādhinā paripīḍite /
prahanya padamardena śoṣayanti vasāmiṣam

Übersetzung: Bei einem durchnässten, feuchten, verängstigten und von Krankheit gequälten [Menschen] trocknen sie, mit dem Druck ihres Fußes zuschlagend, Fett und Fleisch aus.


Erläuterung: Sikta ist unsicher; die Wörter bezeichnen zunächst Feuchtigkeit, Furcht und Krankheit. Die Herausgeberin vermutet eine Heilwirkung bei Schleimstörungen, doch der Vers nennt keine sichere Diagnose. Die historische Fußbehandlung wird nicht zu einer heutigen medizinischen Anweisung ausgebaut.

22.8[78]

rūpasya parivartena caranty uttamamātaraḥ /
devatāḥ pūrvam ākhyātā mātṛlokapratiṣṭhitāḥ

Übersetzung: Die höchsten Mütter ziehen umher, indem sie ihre Gestalt verwandeln. Sie wurden zuvor als Gottheiten bezeichnet und haben ihren Ort in der Welt der Mütter.


22.9[78]

suraiḥ siddhaiḥ samudgītā munibhiś ca tapodhanaiḥ /
pūjyante tatprabhāvena loke prajābhilāṣiṇaḥ

Übersetzung: Von Göttern, Siddhas und askesereichen Weisen gepriesen, werden sie aufgrund jener Macht verehrt – [sie sind] in der Welt nach Nachkommenschaft verlangend.


Erläuterung: Die Syntax ist unsicher. Prajābhilāṣiṇaḥ kann sich in nichtklassischem Gebrauch auf die Göttinnen beziehen; auch ein Bezug auf nach Nachkommenschaft verlangende Verehrer ist erwägenswert. Tatprabhāvena ist eine Konjektur und sein Rückbezug offen.

22.10[79]

†tā – – naravāhiny↠sarvās tv āmiṣalampaṭāḥ /

pūrvacakrākṛtādhārāḥ paryaṅkāsanasaṃsthitāḥ /

yogapaṭṭakabaddhāṅgā rūpaṃ eṣāṃ yuge yuge

Übersetzung: †tā – – naravāhiny↠[verderbt und lückenhaft; „Menschen tragend/als Fahrzeug habend“ ist erkennbar]. Sie alle sind nach Fleisch begierig. Das zuvor [beschriebene] Rad bildet ihre Grundlage; sie sitzen in der Paryaṅka-Haltung, die Glieder mit einem Yogapaṭṭa gebunden. [Dies ist] ihre Gestalt in den jeweiligen Weltaltern.


Erläuterung: Yogapaṭṭa ist ein Band zur Stützung der Sitzhaltung, nicht sicher ein Lendentuch. Paryaṅka bezeichnet eine Sitzhaltung; eine bestimmte moderne Beinstellung wird nicht hinzugefügt. Der erste beschädigte Halbvers wird nicht zu einer glatten Beschreibung ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

22.11[79]

adhvānaṃ niścalaṃ <tāsāṃ> rūpaṃ syāc carubhakṣaṇāt /
sā siddhis tat paraṃ sthānaṃ tadarthe golakādaraḥ

Übersetzung: <Ihr> Weg ist unveränderlich. Durch den Verzehr der Caru-Opferspeise [erlangt man] ihre Gestalt. Dies ist die Verwirklichung, dies die höchste Stätte; um dessentwillen wird der Golaka geehrt.


Erläuterung: Der Satz ist sprachlich unsicher; die Ergänzung tāsāṃ, „ihr“, stammt aus der Edition. Caru und Golaka werden von der Herausgeberin hier als transgressive Ritualsubstanz aus Körper- und Sexualflüssigkeiten verstanden. Es ist daher nicht ohne Weiteres die sonst übliche gekochte Getreideopferspeise gemeint. Der Vers selbst bietet keine Rezeptur.

22.12[79]

eteṣv eva narāḥ kecil loke prajābhilāṣiṇaḥ /
vaihāyasapadaṃ yānti bhairavaṃ tadanantaram

Übersetzung: Einige Menschen in der Welt, die von eben diesen [Göttinnen] Nachkommenschaft begehren, gelangen zum Zustand des Fluges und unmittelbar danach zu Bhairava.


Erläuterung: Die Form prajābhilāṣiṇaḥ ist unsicher hergestellt. Bhairava am Schluss kann das Bhairavasein bzw. dessen höchste Stätte meinen; keine genauere kosmologische Position ist genannt.

22.13[79]

bhadrā gopatī ḍāgī – guhā gopanakhā balā /
biḍālī kālarātrī ca bhaṭṭā nā<ge>śvarī tathā

Übersetzung: Bhadrā, Gopatī, Ḍāgī, […] Guhā, die kraftvolle Gopanakhā, Biḍālī, Kālarātrī, Bhaṭṭā und Nā<ge>śvarī:


Erläuterung: Die Lücke nach Ḍāgī und die Herausgeberergänzung in Nā<ge>śvarī bleiben erhalten. Balā wird als „kraftvoll“ zu Gopanakhā verstanden; ein zusätzlicher Göttinnenname Balā ist nicht sicher ausgeschlossen. Die Namensliste ist keine rezitationsfertige Formel.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

22.14[79]

kṛte yuge samutpannā yoginyaḥ surapūjitāḥ /
smaraṇena hi devīnāṃ vīrāḥ siddhyanti sundari

Übersetzung: Diese Yoginīs sind im Kṛta-Weltalter hervorgetreten und werden von den Göttern verehrt. Schon durch die Vergegenwärtigung der Göttinnen erlangen die Vīras Verwirklichung, Schöne.


22.15[79]

vāmā durgā śivā caṇḍā vāmanī harṣaṇā prabhā /
suparṇī bhakṣiṇī caiva tretāyāṃ kulamātaraḥ

Übersetzung: Vāmā, Durgā, Śivā, Caṇḍā, Vāmanī, Harṣaṇā, Prabhā, Suparṇī und Bhakṣiṇī sind im Tretā-Weltalter die Mütter der Zugehörigkeitslinien.


22.16[79]

etā devyas tu deveśi sādhakānāṃ sakṛt sakṛt /
sakalīkṛtadehānāṃ siddhis tatra prajāyate

Übersetzung: Dies sind die Göttinnen, Herrin der Götter. Bei ihnen entsteht den Praktizierenden, deren Körper mit den Mantragliedern versehen ist, jeweils Verwirklichung.


Erläuterung: Sakṛt sakṛt ist eine distributive Wendung, hier „jeweils“. Sie belegt keine zusätzliche festgelegte Wiederholungszahl. Sakalīkṛtadeha bezeichnet die rituelle Ausstattung des Körpers mit Mantragliedern.

22.17[79]

velā kālā ca khañjā ca dvāpare mama yogajāḥ /
japtavidyasya tā devyā varadāḥ khecare pade

Übersetzung: Velā, Kālā und Khañjā sind im Dvāpara-Weltalter die aus meinem Yoga Hervorgegangenen. Wer ihre Vidyā rezitiert hat, dem schenken diese Göttinnen Gaben im Zustand des Himmelswandels.


Erläuterung: Mama yogajāḥ heißt wörtlich „aus meinem Yoga entstanden“. Vidyā ist die weibliche Mantragestalt; eine konkrete Lautformel wird hier nicht genannt.

22.18[79]

sāṃprataṃ śṛṇu tattvena kalau devyās tu tāḥ smṛtāḥ /
prabhā bhautā tathā śāntā haraṇī bhāvanī tathā

Übersetzung: Höre nun genau, welche Göttinnen im Kali-Weltalter genannt werden: Prabhā, Bhautā, Śāntā, Haraṇī und Bhāvanī,


22.19[79]

harī bhānumatī caiva śrībalā kapilaprabhā /
muktāvalī ca vikhyātā bhānumātā parā tathā

Übersetzung: Harī, Bhānumatī, Śrībalā, Kapilaprabhā, die berühmte Muktāvalī und die höchste Bhānumātā.


Erläuterung: Parā wird als Beiwort „höchste“ zu Bhānumātā verstanden. Śrībalā könnte auch Śrī und Balā oder die ehrenvolle Bezeichnung Balās sein; die Textform bleibt unverändert.

22.20[80]

kalau yuge ca yoginyo vīrāṇāṃ vīrasiddhaye /
vikhyātā yoginīḥ sarvās tathā kanyāḥ kule kule

Übersetzung: Im Kali-Weltalter sind dies die Yoginīs, die den Vīras deren besondere Verwirklichung verleihen. So sind alle Yoginīs bekannt, und ebenso die jungen Frauen in den einzelnen Zugehörigkeitslinien.


22.21[80]

haritā gomukhā godhā dhātrī vīranakhī balā /
kalāv etā bhaviṣyanti caṇḍālakulakanyakāḥ

Übersetzung: Haritā, Gomukhā, Godhā, Dhātrī und die kraftvolle Vīranakhī: Diese werden im Kali-Weltalter die jungen Frauen aus Caṇḍāla-Familien sein.


Erläuterung: Caṇḍāla ist eine historische Bezeichnung für eine außerhalb der vier Varṇas eingeordnete Gruppe. Balā wird als Beiwort Vīranakhīs übersetzt, nicht sicher als sechster Name.

22.22[80]

mudritā nāmabhir devyās tathā cānyāḥ śivāśivāḥ /
– bhaviṣyanti bhūtāś ca tāsāṃ saṃkhyā na vidyate

Übersetzung: Göttinnen sind durch Namen gekennzeichnet, und ebenso gibt es andere, heilvolle und unheilvolle. […] Sie werden sein und sind gewesen; ihre Zahl ist nicht bekannt.


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

22.23[80]

mātṛmaṇḍalasaṃbodhāt saṃskārāt tapaso ’tha vā /
prāpnuvanti narāḥ kecit siddhim etām anuttamām

Übersetzung: Durch das Erkennen des Mütterkreises, durch rituelle Weihe oder durch Askese erlangen manche Menschen diese unübertreffliche Verwirklichung.


Erläuterung: Saṃbodha kann hier Erkenntnis oder anrufendes Erwecken bedeuten. Saṃskāra bezeichnet einen rituellen Vollzug wie Weihe oder Reinigung, nicht bloß eine psychologische Gewohnheit.

22.24[80]

ṣaṇmāse vīramātṝṇāṃ japam †sāgra – miśrit↠/
sudher api na vijñātaṃ mātṛrudrādhipasya tu

Übersetzung: [Nur teilweise verständlich:] „in sechs Monaten“; „Rezitation der Mütter der Vīras“; †sāgra – miśrit↠[verderbt und lückenhaft]; „auch dem Weisen nicht bekannt“; „des Herrn der Mütter und Rudras“. Ein sicherer Gesamtsinn ist nicht herstellbar.


Erläuterung: Der erhaltene Wortlaut trägt keine sichere vollständige Übersetzung. Auch die Negation wird in den Wortglossen bewahrt. Die Kontrollübersetzung lässt den ganzen Vers offen; ihre vermutete Erfolgszusage nach sechs Monaten wird nicht als Grundtext wiedergegeben.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

22.25[80]

vyomni brahmamaye padme dviṣaṭke śūlasaṃsthite /
rocanābhe ’tivistīrṇe vātordhvam tu rajasya tu

Übersetzung: Im Raum [befindet sich] ein aus Brahman bestehender Lotus mit zwölf [Blättern], auf einem Speer ruhend, gelb wie Rocanā und überaus weit ausgedehnt, oberhalb des Windes und des Staubraumes.


Erläuterung: Brahmamaya kann einen Bezug auf Brahman oder auf Brahmās Welt ausdrücken; die genaue kosmologische Zuordnung ist nicht sicher. Rocanā bezeichnet ein gelbes Pigment. Vātordhvam tu ist eine unsichere Lesung; auch der Bezug von rajas, „Staub/Atmosphäre“, ist nicht eindeutig.

22.26[80]

niruddharavidīpte ca śaśāṅkakararodhini /
muktakeśaiś caturvaktrā locanaiś ca tribhis tribhiḥ

Übersetzung: [In ihm] ist das Leuchten der Sonne gehemmt, und er hält die Strahlen des Mondes zurück. [Die Göttinnen haben] gelöstes Haar, vier Gesichter und jeweils drei Augen,


Erläuterung: Drei Augen sind jeweils einem der vier Gesichter zugeordnet, also zwölf insgesamt; das Sanskrit nennt distributiv tribhis tribhiḥ. Der Lotus und die Göttinnen bilden einen über mehrere Verse laufenden Beschreibungszusammenhang.

22.27[80]

aklāntaratayaḥ sarvāḥ sarvonmīlitacakṣuṣaḥ /
caturbhujāḥ prasannāś ca kanyārūpā manoramāḥ

Übersetzung: sind alle unermüdlich in der Lust, haben weit geöffnete Augen, vier Arme und ein freundliches Wesen; sie erscheinen als junge Frauen und erfreuen das Herz.


Erläuterung: Aklānta, „unermüdlich“, ist eine unsichere Konjektur. Rati kann Lust, Freude oder sexuelle Lust bezeichnen; der Text wird weder auf moderne sexuelle Praxis festgelegt noch entkörperlicht.

22.28[80]

ekādaśādhikāriṇyaḥ śaktirūpā vyavasthitāḥ /
vyomaparvaṇi cakre tu pūrvāhne praharāntare

Übersetzung: Als Śaktis und als Herrinnen der Elf [Rudras] haben sie ihren Platz im Rad am Gelenk des Raumes, während einer Wache am Vormittag.


Erläuterung: Ekādaśa, „die Elf“, bezieht sich wohl auf die Rudras. Vyomaparvan, „Gelenk des Raumes“, ist bildlich und grammatisch unklar; die Herausgeberin versteht die Nabe des im Raum befindlichen Rades. Prahara ist eine Tageswache, ungefähr ein Viertel des hellen Tages; keine feste Stunden- oder Meditationsdauer ist angeordnet.

22.29[80]

madhyāhne cāparaṃ rūpaṃ tāsām atibhayānakam /
saṃvartakamahāghoraṃ rudratejovivardhanam

Übersetzung: Zur Mittagszeit haben sie eine andere, überaus furchterregende Gestalt: schrecklich wie das Feuer des Weltuntergangs und Rudras Glut vermehrend,


22.30[80]

surāṇām asurāṇāṃ ca manuṣyāṇāṃ ca duḥsaham /
śoṇitodadhimadhyastham asthicakram adhomukham

Übersetzung: unerträglich für Götter, Asuras und Menschen. [Ihr] abwärts gerichtetes Knochenrad befindet sich inmitten eines Ozeans aus Blut.


22.31[80]

dviṣaṭkaṃ ca sanābhiṃ ca pītarūpākṣarocitam /
sarvasya surajo varṇaḥ sitaś cānyas tu badhyate

Übersetzung: Es hat zwölf [Speichen] und eine Nabe, ist gelb und mit einer Achse versehen. Jedes [Speichenteil] hat eine kräftig rote Farbe; ein anderes [Rad] wird weiß gestaltet.


Erläuterung: Die ungewöhnliche Verbindung pītarūpākṣarocitam wird als „gelbgestaltig und mit Achse ausgestattet“ gelesen. Die rote Farbe wird auf die Speichen bezogen, die weiße auf die alternative milde Erscheinungsform; der Wortlaut nennt die Bezugsstücke nicht überall ausdrücklich.

22.32[81]

ekaikasmai tato devyaś cakraparvaṇi saṃsthitāḥ /
hasantyā bhīṣṇayā vācā muktakeśā digambarāḥ

Übersetzung: An jedem Gelenk des Rades befinden sich die Göttinnen. Sie lachen mit furchterregender Stimme, mit gelöstem Haar und nackt.


Erläuterung: Cakraparvan bezeichnet eine Verbindungsstelle des Rades, wohl den Anschluss einer Speiche. Der genaue geometrische Punkt bleibt offen.

22.33[81]

śoṇitāktottarīyādyā raktāntāyatalocanāḥ /
caturbhir vadanaiḥ sarvāḥ kṛṣṇadantaiḥ samantataḥ

Übersetzung: Ihre Obergewänder und das Übrige sind mit Blut bestrichen; ihre langen Augen sind an den Rändern rot. Alle haben vier Gesichter, ringsum mit schwarzen Zähnen.


Erläuterung: Die Nacktheit in22.32und das Obergewand hier stehen nebeneinander. Diese Spannung wird nicht durch Streichen eines Bildmerkmals oder durch eine erfundene Bekleidungsregel geglättet.

22.34[81]

ambikāś ca vijṛmbhante muhuḥ śoṇitamanthane /
ekaikasmin patir devo rudrarūpeṇa vā punaḥ

Übersetzung: Die Mütter öffnen immer wieder weit den Mund beim Quirlen des Blutes. Oder jede [erscheint] mit einem Gott als Gemahl in Rudragestalt.


22.35[81]

ṣaḍvidhā rudrayoginyo dviṣaṭkā rudranāyikāḥ /
yugmake tu sthitā devyā umāpatir iva svayam

Übersetzung: Die Rudra-Yoginīs bilden eine Sechsergruppe; mit ihren Rudra-Anführern sind es zwölf. Die Göttinnen stehen in Paaren, wie Umāpati selbst.


Erläuterung: Die Zuordnung ist unsicher: ṣaḍvidhā nennt sechs, dviṣaṭkā zwölf. Die Herausgeberin versteht sechs Yoginīs mit sechs Rudras als zwölf Gottheiten insgesamt; rudranāyikāḥ trägt diese Deutung nur in einer ungewöhnlichen Konstruktion. Eine Textverderbnis bleibt möglich. Umāpati bedeutet „Gemahl Umās“.

22.36[81]

cakranābhisthite śukle kalaśe ’mṛtapūrite /
kurvanty amṛtamanthānaṃ pibanti cāmṛtaṃ tataḥ

Übersetzung: In einem weißen, mit Unsterblichkeitsnektar gefüllten Krug in der Nabe des Rades quirlen sie den Nektar und trinken ihn dann.


Erläuterung: Pibanti, „sie trinken“, ist unsicher hergestellt. Amṛta bezeichnet hier den in der Vision gequirlten Unsterblichkeitsnektar; keine Zubereitung wird genannt.

22.37[81]

mantrasya paramākrīḍā japantyo hāsavepitāḥ /
dvicatuṣkabhujāḥ sarvāś cāyudhekaradhāriṇīḥ

Übersetzung: Sie vollziehen das höchste Spiel des Mantra: Sie rezitieren, vom Lachen geschüttelt. Alle haben acht Arme und halten Waffen in den Händen.


Erläuterung: Mantrasya ist unsicher; der Sinn des „höchsten Mantraspiels“ bleibt offen. Die gewählte Quellenlesung nennt Mantra, nicht die anders bezeugte Deutung als Rauschspiel. Dvicatuṣka=acht; āyudhe kann auch als Dual auf zwei Waffen deuten, ohne diese zu benennen.

22.38[81]

madhyāhne rūpam eteṣāṃ ghoraṃ paśubhayāvaham /
miśrakaṃ rūpam eteṣāṃ siddhayogeśvarīmate

Übersetzung: Zur Mittagszeit ist ihre Gestalt schrecklich und jagt gebundenen Wesen Furcht ein. Im Siddhayogeśvarīmata wird ihre Gestalt als gemischt [mild und furchterregend] beschrieben.


22.39[81]

aprakāśyam idaṃ ghoraṃ yadīcchej jīvitaṃ ciram /

na dadyāt samayajñeṣu lolupāya ca sādhake /

na snehān na ca lobhena na cārthena na tṛṣṇayā

Übersetzung: Dieses Furchterregende darf nicht offenbar gemacht werden, wenn man lange zu leben wünscht. Man gebe es nicht einem Praktizierenden, der auf die Kenner der Verpflichtungen neidisch ist: weder aus Zuneigung noch aus Gier, weder für Geld noch aus Verlangen.


Erläuterung: Die nichtklassische Kasusverwendung lässt auch zu: „Man gebe es nicht denen, die [nur] die Verpflichtungen kennen, und nicht einem gierigen Praktizierenden.“ Die Hauptübersetzung folgt dem von Törzsök bevorzugten Bezug des Neides auf die Verpflichtungskenner. Samaya meint rituelle Verpflichtungen; ihr genauer Einweihungsrang ist hier nicht sicher.

22.40[81]

na garvān na ca kīrtyā vā idaṃ guhyaṃ pradāpayet /
tasya siddhir varārohe yad idaṃ gopayiṣyati

Übersetzung: Weder aus Stolz noch um des Ruhmes willen gebe man dieses Geheimnis weiter. Verwirklichung erlangt, Schönhüftige, wer dies bewahren wird.


Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 22[54]

iti yoginīcakranirṇaya dvāviṃśatiḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das zweiundzwanzigste Kapitel: die Bestimmung des Yoginī-Kreises.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 22; überlieferte Schlussnummer 22[54]

iti yoginīcakranirṇayaṃ dvāviṃśatitamaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das zweiundzwanzigste Kapitel: die Bestimmung des Yoginī-Kreises.


Kapitel 23 – Einzelbelege zu Feueropfern

Aufgenommener Bereich: 25–26; 27ab. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

23.25[82]

ante ’sya juhuyāt pañcasahasrāṇi tathā dine /
piśitasya tu nārasya guggule miśritasya ca

Übersetzung: Zu dessen Abschluss bringe man am Tag fünftausend Feueropfer dar, von Menschenfleisch, das mit Guggulu-Harz vermischt ist,


Erläuterung: Das Demonstrativpronomen „dessen“ bezieht sich auf einen hier nicht mitüberlieferten vorausgehenden Ritualabschnitt. Die Quellenfußnote zitiert23.25–27ab; dies ist keine Erschließung des gesamten Kapitels. Pañcasahasra=5000; dine heißt am Tag.

23.26[82]

ghṛtena hi susiktasya mṛganābhiyutasya ca /
kusumbharajamiśrasya śaśāṅkena yutasya ca

Übersetzung: mit Ghee gut getränkt, mit Moschus versehen, mit Saflorstaub vermischt und mit Śaśāṅka verbunden.


Erläuterung: Kusumbha bezeichnet Saflor/Färberdistel, nicht ohne Weiteres Safran, wie die englische Bemerkung formuliert. Mṛganābhi bezeichnet Moschus. Śaśāṅka, wörtlich „mit dem Hasenzeichen“ bzw. Mond, wird von der Herausgeberin als Kampfer verstanden. Keine über den Vers hinausgehende Herstellungsvorschrift wird ergänzt.

23.27ab[82]

homaṃ praśasyate devi sarvakarmakaraṃ niśi

Übersetzung: Bei Nacht wird das Feueropfer gepriesen, Göttin, als eines, das alle rituellen Unternehmungen vollbringt.


Erläuterung: Nur der Halbvers27abist zitiert. Niśi heißt bei Nacht; die abweichende Tagesangabe in23.25wird nicht harmonisiert.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 23[54]

iti trayoviṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das dreiundzwanzigste Kapitel.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 23; überlieferte Schlussnummer 23[54]

iti siddhayogeśvarīmate trayoviṃśatimaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das dreiundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kapitel 24 – Grundtext nicht erschlossen

Aufgenommener Bereich: nur Kolophone. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 24[54]

iti cakroddhāraś caturviṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das vierundzwanzigste Kapitel: die Erschließung des Rades.


Erläuterung: Uddhāra kann hier die Herleitung oder Herauslösung einer Mantra-/Radanordnung bezeichnen. Da der Kapitelgrundtext nicht erschlossen ist, bleibt die allgemeine Übersetzung „Erschließung“. Der Kolophon allein belegt nicht den Inhalt des Kapitels.

Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 24; überlieferte Schlussnummer 24[54]

iti cakroddhāraṇam idaṃ caturviṃśatimaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Dies ist die Erschließung des Rades, das vierundzwanzigste Kapitel.


Erläuterung: Uddhāra kann hier die Herleitung oder Herauslösung einer Mantra-/Radanordnung bezeichnen. Da der Kapitelgrundtext nicht erschlossen ist, bleibt die allgemeine Übersetzung „Erschließung“. Der Kolophon allein belegt nicht den Inhalt des Kapitels.

Kapitel 25 – Berechtigung von Frauen; Fragmente und rekonstruierte Seh-Praxis

Aufgenommener Bereich: 2; 90d; 93. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

25.2[83]

abalāpy athavā vīraḥ samayajño ’tha dīkṣitaḥ /
aśaktaḥ sādhane devi tadāyaṃ vidhim ācaret

Übersetzung: Auch eine Frau oder ein Vīra, ein Kenner der rituellen Verpflichtungen oder ein Eingeweihter, der zur Sādhana nicht imstande ist, Göttin, soll dann dieses Verfahren ausführen.


Erläuterung: Abalā ist die konventionelle Bezeichnung einer Frau, wörtlich „die Kraftlose/Schwache“. Der Vers beginnt ausdrücklich mit ihr. Ob samayajña und dīkṣita zwei Einweihungsstufen oder überlappende Bezeichnungen sind, ist hier nicht abschließend bestimmt. Das angekündigte Verfahren wird nicht als einfache heutige Ersatzübung ausgegeben: Der nicht vollständig erschlossene Kapitelkontext ist ein aufwendiges Ritual.

Zwischenliegende Originalpositionen sind in dieser Ausgabe nicht erschlossen.

25.90d[84]

paradeheṣu saṃkramet

Übersetzung: […] er kann in fremde Körper übergehen.


Erläuterung: Nur der vierte Versfuß ist zitiert. Eine Methode des Übergangs ist in diesem Ausschnitt nicht enthalten; keine Ergänzung aus anderen Tantras.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zwischenliegende Originalpositionen sind in dieser Ausgabe nicht erschlossen.

25.93[85]

lokālokagataṃ vāpi yad vṛttaṃ yena yat kṛtam /

yad bhaviṣyam aśeṣaṃ tu sarvaṃ vā yat purātanam /

hastastham iva tat sarvaṃ paśyanty ātmānacakṣuṣā

Übersetzung: Was auch in dieser Welt oder jenseits von ihr geschehen ist, was von wem getan wurde, alles Künftige ohne Rest und alles, was der Vergangenheit angehört: All dies sehen sie mit ihrem eigenen Auge, als läge es auf ihrer Handfläche.


Erläuterung: Wiedergegeben und übersetzt wird die ausdrücklich konjekturale Rekonstruktion Törzsöks (2012, S.8). Die unterstrichenen Wörter weichen vom unbereinigten Druckwortlaut S.7 ab. Paśyanti steht im Plural: „sie sehen“. Der Zusammenhang ist ein transgressives Yoginī-Ritual; die Stelle ist keine isolierte allgemeine Achtsamkeitsübung.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 25[54]

iti siddhimaṇḍalavinyāsaḥ pañcaviṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das fünfundzwanzigste Kapitel: die Einsetzung des Siddhi-Maṇḍalas.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 25; überlieferte Schlussnummer 25[54]

iti siddhayogeśvarīmate siddhimaṇḍalavinyāsa pañcaviṃśatimaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet im Siddhayogeśvarīmata das fünfundzwanzigste Kapitel: die Einsetzung des Siddhi-Maṇḍalas.


Kapitel 26 – Prüfungen zur Erkennung von Yoginīs

Aufgenommener Bereich: 26–30. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

26.26[86]

adhomukhās tu dṛśyante atha vā pratimādvayam /
bhinne vā locane yasya vijñeyā sā tadātmikā

Übersetzung: Sie erscheinen mit gesenktem Gesicht; oder [in ihren Augen sieht man] ein doppeltes Spiegelbild. Bei wem die beiden Augen verschieden sind, die ist als von jener Art zu erkennen.


Erläuterung: Der Ausschnitt beginnt mitten in einer Typologie. Die Zuordnung zu Rūpikā ergibt sich aus dem Zusammenhang der Publikation. Doppelbild und unterschiedliche Augen können verschiedene Beobachtungen meinen; eine moderne Diagnose wie Schielen oder Doppelbilder wird nicht als sichere historische Aussage festgelegt.

26.27[86]

hāhā -d- eva kṛtaṃ pūrvaṃ gṛhād grāmān mahājanāt /
aparatra bahir yāti vijñeyā sā tu rūpikā

Übersetzung: Nachdem sie zunächst „hā hā“ gerufen hat, geht sie aus Haus und Dorf, von den Menschen fort, anderswohin ins Freie: Diese ist als Rūpikā zu erkennen.


Erläuterung: Das eingeschobene -d- ist ein Hiatusfüller. „Hā hā“ ist hier ein beobachteter Ausruf, keine selbstständige Rezitationsanweisung. Rūpikā ist die Bezeichnung des beschriebenen Yoginī-Typs.

26.28[86]

lalāṭe sveda -m- āyāti vepathuś cāpi dṛśyate /
pūrvavan nyastabījais tu sā syād raudrīti vaiṣṇavī

Übersetzung: Schweiß tritt auf ihre Stirn, und Zittern ist zu sehen, wenn die Keimsilben wie zuvor eingesetzt wurden: Sie ist die Raudrī genannte Vaiṣṇavī.


Erläuterung: Das eingeschobene -m- ist ein Hiatusfüller, keine zusätzliche Keimsilbe. Die einzusetzenden Bījas stehen in diesem Zitat nicht ausgeschrieben.

26.29[86]

śūlaṃ vāmanam ālikhya na laṅghayati taṃ hi yā /
namas tu †vartitāṃ rūpaṃ† bhairavāya tadātmane

Übersetzung: Nachdem ein kleiner Dreizack aufgezeichnet wurde, überschreitet sie ihn nicht. „Verehrung … Bhairava, der von jener Natur ist“; †vartitāṃ rūpaṃ† [ist verderbt und nicht sicher in den Satz einzuordnen].


Erläuterung: Die Verehrungsworte werden durch eine Crux unterbrochen. Deshalb ist daraus keine vollständig gesicherte Rezitationsformel abzuleiten. Vāmana bedeutet hier „klein“, nicht den Gottesnamen Vāmana.

26.30[87]

evam eva vidhir yogyaḥ puruṣasyāpi nityaśaḥ /
evaṃ devi vijānīyā[’] yoginyo vīrasaṃyutāḥ

Übersetzung: Eben dieses Verfahren ist stets auch für einen Mann geeignet. So, Göttin, erkenne die Yoginīs zusammen mit den Vīras.


Erläuterung: Der Text überträgt dieselben Erkennungsmerkmale ausdrücklich auch auf Männer. Der ergänzte Avagraha der Publikation bleibt im Sanskrit als[’]gekennzeichnet.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 26[54]

iti melakākhye ṣaḍviṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das sechsundzwanzigste Kapitel, genannt „Begegnung“.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 26; überlieferte Schlussnummer 26[54]

iti siddhayogeśvarīmate melakākhya ṣaḍviṃśatimaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet im Siddhayogeśvarīmata das sechsundzwanzigste Kapitel, genannt „Begegnung“.


Kapitel 27 – Zugehörigkeit und Verwandlung

Aufgenommener Bereich: 4; 15cd. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

27.4[88]

tvatprasādān mahādeva śrotum icchāmi tattvataḥ /
kule sāmānyatāṃ yāti yathā vīro ’balāpi vā

Übersetzung: Durch deine Gnade, großer Gott, möchte ich genau hören, wie ein Vīra oder auch eine Frau zur Gemeinsamkeit in einer Zugehörigkeitslinie gelangt.


Erläuterung: Sāmānyatā im Kula-Zusammenhang meint wohl das Erkennen gemeinsamer Zugehörigkeit; es ist keine voraussetzungslose Behauptung sozialer oder metaphysischer Gleichheit. Die Antwort des Kapitels ist in dieser Bearbeitung nicht erschlossen.

Zwischenliegende Originalpositionen sind in dieser Ausgabe nicht erschlossen.

27.15cd[89]

sādhako vīratāṃ yāti abalāṃ ca balāṃ bhavet

Übersetzung: Der Praktizierende gelangt zum Vīrasein, und die „Schwache“ wird kraftvoll.


Erläuterung: Ein Wortspiel mit abalā, „Frau/die Schwache“, und balā, „die Starke“. Die nichtklassischen Kasusformen bleiben im Sanskrit stehen. Nur die zweite Vershälfte ist belegt; kein zusätzlicher Vollvers wird gezählt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 27[90]

iti siddhayogeśvarīmate saptaviṃśatiḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das siebenundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 27; überlieferte Schlussnummer 27[90]

iti siddhayogeśvarīmate saptaviṃśatimaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das siebenundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kapitel 28 – Berechtigung und mündliche Überlieferung

Aufgenommener Bereich: 22cd; 40a–c; 41; 42ab. Die angegebenen Lücken sind hier nicht erschlossen, nicht notwendig verloren.

28.22cd[91]

gurubhaktāya dātavyaṃ nānyathā anuvartate

Übersetzung: [Dies] ist einem dem Guru ergebenen Menschen zu geben; andernfalls folgt es nicht [stellt sich seine Wirkung nicht ein?].


Erläuterung: Der Halbvers lässt das gemeinte Objekt unausgesprochen. Anuvartate heißt „folgt/setzt sich fort“; die vermutete Wirkungsbedeutung ist ausdrücklich unsicher. Kein nicht belegter Mantra wird ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zwischenliegende Originalpositionen sind in dieser Ausgabe nicht erschlossen.

28.40a-c[91]

mātṛmaṇḍalasaṃyogāt saṃskārāj japato ’pi vā /
prāpnuvanti narāḥ siddhiṃ carūṇāṃ prāśitena vā

Übersetzung: Durch die Verbindung mit dem Mütterkreis, durch rituelle Weihe oder durch Rezitation erlangen Menschen Verwirklichung, oder durch den Verzehr der Caru-Opferspeisen.


Erläuterung: Die Quelle nennt28.40a-c, druckt aber vier metrische Versfüße. Diese Nummerierungsabweichung bleibt dokumentiert; die Position wird vorsichtig als Fragment gezählt. Caru wird im Zusammenhang22.11als transgressive Ritualsubstanz erläutert; eine gewöhnliche vegetarische Speise ist hier nicht gesichert.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

28.41[83]

puruṣeṇādhikāro ’sti asmin strīvidhikarmaṇi /
striyāyā[ḥ] siddhido hy eṣaḥ kadācit puruṣasya ca

Übersetzung: Ein Mann besitzt [auch] die Berechtigung zu diesem rituellen Verfahren für Frauen. Denn dieses verleiht einer Frau Verwirklichung, zuweilen auch einem Mann.


Erläuterung: Die männliche Berechtigung wird ausdrücklich genannt, die Wirkung für Männer aber durch kadācit, „zuweilen“, eingeschränkt. Striyāyā[ḥ] ist die nichtklassische Quellenform mit ergänztem Visarga. Die in der begleitenden Forschung genannte Mantralautfolge wird nicht aus deren englischem Referat zum Sanskritgrundtext zurückübertragen.

28.42ab[83]

vaktrād vaktragataṃ strīṇāṃ na ca lekhyati pustake

Übersetzung: Unter Frauen ist es von Mund zu Mund weitergegeben worden und wird nicht in ein Buch geschrieben.


Erläuterung: Dies ist eine Aussage über mündliche Überlieferung unter Frauen. Die Präsensform wird nicht zu einem ausdrücklich formulierten Schreibverbot umgedeutet. Nur die erste Vershälfte ist aufgenommen; spätere Aussagen zur Verschriftlichung sind hier nicht als Sanskrit erschlossen.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 28[90]

iti siddhayogeśvarīmate aṣṭāviṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das achtundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 28; überlieferte Schlussnummer 28[90]

iti siddhayogeśvarīmate aṣṭāviṃśatimaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das achtundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kapitel 29 – Yoginīgruppen, Herkünfte und Kennzeichen

Aufgenommener Bereich: 1–51. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

29.1[92]

ato hṛṣṭamanā devī romāñcitaśarīriṇī /
paraṃ vismayam āpannā śivasya purataḥ sthitā

Übersetzung: Darauf stand die Göttin freudigen Sinnes vor Śiva, die Haare ihres Körpers vor Ergriffenheit aufgerichtet, von höchstem Staunen erfüllt.


29.2[92]

kṛtāñjalipuṭaṃ devī praṇipatya muhur muhuḥ /

Sprecherzeile – zwischen 29.2ab und 29.2cd[92]

<devy uvāca>

Übersetzung: <Die Göttin sprach:>


trividhā hi tvayā deva siddhiḥ saṃsūcitā kramāt

Übersetzung: Die Göttin legte die Hände verehrend zusammen und verneigte sich immer wieder. [Dann sagte sie:] „Gott, du hast der Reihe nach eine dreifache Verwirklichung angedeutet.“


Erläuterung: Die von der Herausgeberin ergänzte Sprecherzeile devy uvāca steht zwischen den beiden Vershälften und bleibt als eigener unnummerierter Teil zugeordnet. Die Originalnummer2wird nicht geteilt.

29.3[92]

kathayasva mahādeva paraṃ kautūhalaṃ hi me /
sādhanaṃ kīdṛśaṃ tasmin siddhayogeśvarīmate

Übersetzung: Erkläre es mir, großer Gott; mein Verlangen zu verstehen ist groß. Wie beschaffen ist die Sādhana in diesem Siddhayogeśvarīmata?


29.4[92]

bhedanaṃ kīdṛśaṃ tāsāṃ yoginīnāṃ maheśvara /
sādhakā yena jānanti bhaginyo vīramātaraḥ

Übersetzung: Wie werden jene Yoginīs unterschieden, großer Herr, sodass die Praktizierenden die Schwestern, die Mütter der Vīras, erkennen?


Erläuterung: Bhaginī ist die Schwester innerhalb einer rituellen Zugehörigkeitslinie, nicht notwendig eine leibliche Schwester.

29.5[92]

yogeśvarīṇāṃ nāmāni prakāśāni ca yāni ca /
tāni sarvāṇi deveśa kathayasva pināki me

Übersetzung: Alle Namen der Yoginī-Herrscherinnen und ihre erkennbaren Erscheinungsweisen verkünde mir, Herr der Götter, Träger des Pināka-Bogens.


Sprecherzeile – vor 29.6[92]

<bhairava uvāca>

Übersetzung: <Bhairava sprach:>


29.6[92]

dhyānaṃ pūjā japo homaṃ śaktipūrvā hy anukramāt /
sādhanaṃ sarvatantreṣu siddhidaṃ pañcadhā priye

Übersetzung: Meditation, Verehrung, Rezitation und Feueropfer, der Reihe nach mit Śakti am Anfang: Fünffach ist in allen Tantras die Sādhana, die Verwirklichung schenkt, Geliebte.


Erläuterung: Vier Praxisglieder werden aufgezählt; Śakti geht ihnen voraus und erklärt wohl die Fünfzahl. Śaktipūrva wird als Arbeit mit dem Atem bzw. Saktyudaya oder als vorausgehende Vergegenwärtigung der Alphabetgöttin gedeutet. Der Vers selbst enthält keine sichere Atemtechnik. Sādhana als gesondertes fünftes Glied zu zählen ist eine weitere, weniger wahrscheinliche Möglichkeit.

29.7[92]

sādhanārādhito mantro vidyā vāpi yaśasvini /
icchāphalaṃ pradāyanti tantrācārāvirodhataḥ

Übersetzung: Ein Mantra oder eine Vidyā, durch Sādhana verehrt, schenkt die gewünschte Frucht, Ruhmreiche, sofern dies der tantrischen Lebens- und Ritualordnung nicht widerspricht.


Erläuterung: Tantrācārāvirodhataḥ enthält ausdrücklich a-virodha, Nichtwiderspruch. Die Herausgeberin hat den Wortlaut entsprechend hergestellt; eine Auslegung als Erfolg gerade durch Missachtung der tantrischen Ordnung ist nicht die gewählte Editionslesung.

29.8[92]

siddhis tu trividhā jñeyā uttamādhamamadhyamā /
aṇimādiguṇāvāptir mokṣaś caivottamāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: Die Verwirklichung ist als dreifach zu erkennen: höchste, niedrigste und mittlere. Das Erlangen von Fähigkeiten wie Kleinheit und ebenso die Befreiung gelten als höchste.


Erläuterung: Aṇimā ist die außerordentliche Fähigkeit, sich winzig klein zu machen; die Befreiung wird daneben genannt. Die Reihenfolge „höchste, niedrigste, mittlere“ folgt dem Vers, die nähere Erklärung dann den folgenden Versen.

29.9[92]

pātāle khecaratvaṃ ca tathāntardhānam eva ca /
gulikāsiddhim evaṃ hi siddhakāṣṭhakamaṇḍalum

Übersetzung: [Zugang zur] Unterwelt, Himmelswandeln, Unsichtbarkeit, die Verwirklichung durch eine Pille sowie der wirkmächtige Stab und das Wassergefäß:


Erläuterung: Die ungewöhnliche Verbindung pātāle khecaratvam wird als Unterweltszugang und Himmelswandeln verstanden. Gulika bezeichnet eine rituell wirkmächtige Pille; Zusammensetzung und Anwendung stehen hier nicht. Kāṣṭhaka bezeichnet ein Holzgerät bzw. einen Stab, Kamaṇḍalu ein Wassergefäß.

29.10[92]

evamādyākṛtā devi tantre madhyamasiddhayaḥ /
maṇḍalikanarendrāṇāṃ kiṃkurvāṇavidheyatā

Übersetzung: Diese und ähnliche Formen sind im Tantra die mittleren Verwirklichungen, Göttin. Die gefügige Dienstbarkeit von Landesfürsten und Königen,


Erläuterung: Die erste Hälfte schließt die mittlere Gruppe ab; die zweite beginnt die bis29.11fortgesetzte Liste der niedrigen Siddhis. Kiṃkurvāṇa bezeichnet dienende Verfügbarkeit.

29.11[92]

vaśyākarṣaṇam evaṃ hi nigrahānugrahāv api /
samastajanavātsalyam ityādyāḥ siddhayo ’dhamāḥ

Übersetzung: Beherrschung und Herbeiziehung, Bestrafung und Begünstigung, die Zuneigung aller Menschen: Diese und ähnliche sind die niedrigsten Verwirklichungen.


29.12[92]

evaṃ ca bhavatā pṛṣṭvā mayākhyātam aśeṣataḥ /
sāṃprataṃ guhyataraṃ devi śṛṇu tāsāṃ ca lakṣaṇam

Übersetzung: So hast du gefragt, und ich habe es vollständig erklärt. Höre jetzt, Göttin, das noch Geheimere: ihre Kennzeichen.


29.13[92]

viśvā viśveśvarī caiva hāraudrī vīranāyikā /
ambā gurvīti †nāmeyam ity evaṃ nāma itīri†

Übersetzung: Viśvā, Viśveśvarī, Hāraudrī, Vīranāyikā, Ambā und Gurvī [sind die genannten Namen]. †nāmeyam ity evaṃ nāma itīri† [verderbt; eine Wendung über Namen ist erkennbar].


Erläuterung: Die sechs klaren Namen werden erhalten; der Schluss der Zeile ist nicht sicher rekonstruierbar. Keine zusätzliche Originalstrophe oder Mantralautfolge wird daraus gebildet.

29.14[93]

vidyānāṃ paramā yoniḥ siddhayogeśvarīmate /
rudraśaktiḥ samākhyātā mātṛkā sakalākṣikā

Übersetzung: Im Siddhayogeśvarīmata heißt die höchste Quelle der Vidyās Rudras Śakti: Mātṛkā, die alle Buchstaben umfasst.


Erläuterung: Mātṛkā ist hier die Alphabetgöttin. Sakalākṣikā wird im Zusammenhang als alle Buchstaben, vom a bis kṣa, umfassend verstanden; diese Deutung von akṣa ist keine zusätzliche Alphabetliste im Vers.

29.15[94]

asmāt tantravarā -m- etā nirgatā yoginīmukhāt /
vīrākhyaṃ siddhasāraṃ ca pañcāmṛtam ataḥ param

Übersetzung: Aus ihr sind die vorzüglichen Tantras aus dem Mund einer Yoginī hervorgegangen: das Vīra genannte, Siddhasāra und ferner Pañcāmṛta,


Erläuterung: Asmāt ist nichtklassisch auf die zuvor genannte Mātṛkā bezogen. Yoginīmukhāt steht im Singular: „aus dem Mund einer Yoginī“. Eine Überlieferungskette mehrerer Yoginīs ist möglich, aber kein grammatisch ausdrücklicher Plural.

29.16[94]

viśvādyaṃ yoginījālaṃ kālākhyaṃ khecaraṃ tathā /
sādhanaṃ savaraṃ caiva tilakaṃ hṛdayaṃ param

Übersetzung: Viśvādya, Yoginījāla, das Kāla genannte, Khecara, Sādhana, Savara, Tilaka und das höchste Hṛdaya,


Erläuterung: Die Namen folgen der Leitquelle. Sādhana und Savara könnten zusammen einen Titel bezeichnen; die Trennung ist nicht endgültig. Identifikationen mit erhaltenen anderen Werken werden nicht aus dem bloßen Namensgleichklang behauptet.

29.17[94]

vidyāpīṭhaṃ śiracchedaṃ mahāsaṃmohanaṃ tathā /
nayottaraṃ mahāraudraṃ rudrayāmalam eva ca

Übersetzung: Vidyāpīṭha, Śiraccheda, Mahāsaṃmohana, Nayottara, Mahāraudra und Rudrayāmala,


Erläuterung: Vidyāpīṭha wird hier als Bezeichnung in der Liste wiedergegeben. Ob eine Textgattung oder ein bestimmtes Werk gemeint ist, bleibt offen. Śiraccheda wird nicht still in den Namen einer anderen Schrift umbenannt.

29.18[94]

brahmayāmalam anyaṃ ca tathānyaṃ viṣṇuyāmalam /
skandayāmalam evaṃ ca umāyāmalam eva ca

Übersetzung: ferner Brahmayāmala, Viṣṇuyāmala, Skandayāmala und Umāyāmala.


29.19[94]

evamādyās tu ye tantrāś catuḥṣaṣṭivibheditāḥ /
nirgatā iha caṇḍākṣi siddhayogeśvarīmate

Übersetzung: Diese und weitere Tantras, in vierundsechzig Formen gegliedert, sind hier im Siddhayogeśvarīmata hervorgegangen, Wildäugige.


Erläuterung: 64ist die vom Text behauptete Gesamtgliederung; die vorliegende Liste nennt nicht alle64Titel. Der Herkunftsanspruch ist eine Aussage des Tantra, kein unabhängig bewiesener literaturgeschichtlicher Stammbaum.

29.20[94]

khecarīṇām idaṃ guhyaṃ mākhyātaṃ kasyacin mayā /

prārthitaṃ tava deveśi mayākhyātaṃ sulocane /

etāni sūtrasthānāni kathitā dvādaśāmṛte

Übersetzung: Dieses Geheimnis der Himmelswandlerinnen habe ich niemandem mitgeteilt. Auf deine Bitte habe ich es dir verkündet, Herrin der Götter, Schönäugige. Diese Grundabschnitte sind im Dvādaśāmṛta gelehrt.


Erläuterung: Die letzten Worte sind mehrdeutig: „im Dvādaśāmṛta“ als Werktitel oder „diese zwölf [Grundabschnitte] im Amṛta“. Eine eigenständige Schrift dieses exakten Titels wird allein dadurch nicht sicher identifiziert. Mākhyātam wird im Zusammenhang negativ verstanden.

29.21[94]

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi lakṣaṇaṃ sarvakāmikam /
yena vijñāyate bhrātā bhaginī vā na saṃśayaḥ

Übersetzung: Nun werde ich die alle Wünsche betreffenden Kennzeichen darlegen, durch die ein Bruder oder eine Schwester ohne Zweifel erkannt wird.


29.22[94]

mukhaṃ yasyās tu dṛśyeta samantāt parimaṇḍalam /
vaktre śmaśru bhruvau dīrghe locane ca suśobhane

Übersetzung: [Eine Frau,] deren Gesicht ringsum rund erscheint, die einen Bart im Gesicht, lange Brauen und schöne Augen hat,


Erläuterung: Das Kapitel beschreibt eine historische rituelle Typologie von Menschen. Die Körpermerkmale werden übersetzt, nicht als verlässliches heutiges Verfahren zur Einschätzung anderer Menschen ausgegeben.

29.23[94]

śuklavastrapriyā saumyā akṣobhyā satyavādinī /
brahmaghoṣapriyā nityaṃ brāhmaṃ ca prakīrtitā

Übersetzung: die weiße Kleider liebt, mild und unerschütterlich ist, die Wahrheit spricht und stets den Klang der Veda-Rezitation liebt, wird als zur Brahmā-Gruppe gehörig bezeichnet.


29.24[94]

padmamudrā pradātavyā ūrdhvamudrātha vā punaḥ /
ajinaṃ kamaṇḍaluṃ caiva pratimudrā vidhīyate

Übersetzung: Ihr ist die Lotusgeste zu zeigen oder ferner die nach oben gerichtete Geste. Als Antwortgeste sind Fell und Wassergefäß vorgeschrieben.


Erläuterung: Mudrās dienen hier als Erkennungs- und Antwortzeichen. Die zweite Geste heißt im edierten Text ūrdhvamudrā; die Schildkrötengeste eines Paralleltextes wird nicht übernommen. Die genaue Fingerhaltung ist nicht beschrieben.

29.25[95]

daśamī parvaṇī tāsāṃ padmaṃ ca likhyate gṛhe /
brāhmaṇīkulajātānāṃ yogeśīnāṃ varānane

Übersetzung: Der zehnte [Mondtag] ist ihr Festtag, und ein Lotus wird im Haus gezeichnet: [Dies gilt] für die aus Brāhmaṇīs Linie geborenen Yoginī-Herrscherinnen, Schönangesichtige.


Erläuterung: Daśamī parvaṇī lässt sich auch als „der zehnte Tag und die Parvan-Tage“ verstehen. Die Hauptübersetzung nimmt parvaṇī als Festtagbezeichnung. Die englische Kontrolle ergänzt vier Mondwechseltage, deren Zahl hier nicht im Sanskrit steht; sie wird nicht als zusätzliche Vorschrift übernommen.

29.26[96]

brahmeśānāṃ ca ghorāṇāṃ sidhyate sā na saṃśayaḥ /
māsamātraṃ vidhiṃ yāvat tadā kāmānugā bhavet

Übersetzung: Sie wird den furchterregenden Herren der Brahmā-Gruppe zugänglich, ohne Zweifel. Wenn man das Verfahren einen Monat lang vollzieht, folgt sie den Wünschen [des Praktizierenden].


Erläuterung: Brahmeśa ist im Zusammenhang als männlicher Angehöriger bzw. Herr der Brahmā-Gruppe verstanden. Der Text setzt ein Ritualverfahren voraus, das dieser Ausschnitt nicht vollständig beschreibt.

29.27[96]

lamboṣṭhī ca viśālākṣī raktapiṅgalalocanā /
āḍhyā ca subhagā dhanyā gaurī campakagandhinī

Übersetzung: [Eine andere] hat eine herabhängende Lippe, große, rotgelbliche Augen; sie ist wohlhabend, begünstigt und vom Glück gesegnet, hellhäutig und duftet nach Campaka-Blüten.


Erläuterung: Campaka ist eine duftende Blüte, nicht Sandelholz, wie die englische Kontrolle angibt. Gaurī bezeichnet eine helle Hautfarbe; „schön“ allein würde das Bildmerkmal verlieren.

29.28[96]

dīrghā dīrghakarālā ca vicitravasanapriyā /
tisro lekhā lalāṭasthā ūrdhvasīmantam āśritāḥ

Übersetzung: Sie ist hochgewachsen, hat lange hervorstehende Zähne und liebt bunte Kleider. Auf ihrer Stirn sind drei Linien, die zum oberen Haarscheitel reichen.


Erläuterung: Die drei Linien werden in der Kontrollanmerkung als dreizackartig gedeutet; der Vers selbst nennt keinen gezeichneten Dreizack auf der Stirn.

29.29[96]

hasate ramate caiva brahmacaryavyavasthitā /
raṇājire mṛtānāṃ tu kathāsu ramate sadā

Übersetzung: Sie lacht und erfreut sich, während sie in sexueller Enthaltsamkeit lebt. Stets findet sie Gefallen an Erzählungen über die auf dem Schlachtfeld Gefallenen.


29.30[96]

īdṛśīṃ pramadāṃ dṛṣṭvā śūlamudrāṃ pradarśayet /
ākuñcayed vāmapādaṃ dhanuś caiva pra<darśa>yet

Übersetzung: Sieht man eine solche Frau, zeige man die Dreizackgeste; man ziehe den linken Fuß an und zeige den Bogen.


Erläuterung: Die Herausgeberergänzung in pra<darśa>yet bleibt im Sanskrit markiert. Linker Fuß, nicht rechte Hand. Die genaue Ausführung der Gesten wird nicht hinzuerfunden.

29.31[96]

parivartanaṃ tu vāmena pratimudrāṃ dadanti hi /
caturthī pañcamī caiva navamy ekādaśī tathā

Übersetzung: Als Antwortgeste geben sie eine Wendung nach links. Der vierte, fünfte, neunte und elfte [Mondtag],


Erläuterung: Die Quelle wechselt vom Singular zum Plural. Die Antwort ist eine Wendung nach links; eine genaue Zuordnung zu Hand oder Körper ist hier nicht festgelegt.

29.32[96]

caturdaśī amāvāsyā -m- ubhapakṣe ca pūrṇimā /
māheśvarīkulā hy etāḥ śarvadhyānaratās tu tāḥ

Übersetzung: der vierzehnte, Neumond und Vollmond [gehören ihnen], die gezählten Tage in beiden Monatshälften. Diese gehören zu Māheśvarīs Linie und erfreuen sich an der Meditation über Śarva.


Erläuterung: Ubhapakṣe, „in beiden Monatshälften“, bezieht sich sinnvoll auf die gezählten Mondtage, nicht auf zwei Vollmonde pro Monat. Śarva ist ein Name Śivas.

29.33[96]

varadāḥ sādhakendrāṇāṃ sarvakāmaphalapradāḥ /
sarvakāmaprasiddhyarthaṃ – – – – – – nti hi

Übersetzung: Sie gewähren den vorzüglichen Praktizierenden Gaben und alle erwünschten Früchte. Zur Erfüllung aller Wünsche […] [der Schluss ist lückenhaft].


Erläuterung: Die erhaltene Endung nti hi trägt keinen sicher herstellbaren Satz. Eine vermutete weitere Erfolgszusage wird nicht ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

29.34[96]

gaṇḍābhyāṃ kūpakau yasyā dṛśyete vaktrasaṃsthitau /
raktagaurā yadā sā tu haripiṅgalalocanā

Übersetzung: [Eine andere hat] zwei Grübchen an den Wangen ihres Gesichts; sie ist rötlich hell und hat gelbgrünliche Augen.


Erläuterung: T2014Wzitiert29.34–40in einer abweichenden Arbeitsfassung; sie ist bereits in der Parallelkonkordanz dokumentiert. Die Hauptübersetzung folgt weiterhin der Leitquelle1999.

29.35[96]

kuñcitāś ca samāḥ keśāḥ paṭṭaṃ dhārayate śire /
lalāṭe tu yadā tasya ekā rekhā tu dṛśyate

Übersetzung: Ihr Haar ist gekräuselt und gleichmäßig; sie trägt ein Band auf dem Kopf. Auf ihrer Stirn ist eine einzige Linie zu sehen.


Erläuterung: Kuñcita heißt gekräuselt/gekrümmt. Die englische Kontrolle nennt gerades Haar; das wird nicht übernommen. Paṭṭa bezeichnet ein Band oder eine Kopfbinde; ein vollständiger Turban ist nicht zwingend.

29.36[96]

dīrghagrīvā tu sā jñeyā dīrghāṅgī raktakeśā sā /
nityaṃ hi ramate rakte pītavastre ’tha nīlake

Übersetzung: Sie ist als langhalsig zu erkennen, mit langen Gliedern und rotem Haar. Sie liebt stets rote, gelbe und dunkelblaue Kleidung.


29.37[97]

hasate ramate caiva akasmāc ca prakupyati /
calacittā bhaven nārī kalaheṣu ca rajyate

Übersetzung: Sie lacht und erfreut sich, wird aber auch plötzlich zornig. Die Frau ist wechselnden Sinnes und findet Gefallen am Streit.


29.38[98]

īdṛśīṃ pramadāṃ dṛṣṭvā śaktimudrāṃ pradarśayet /
ghaṇṭāmudrā ca dātavyā dvitīyā ca prayatnataḥ

Übersetzung: Sieht man eine solche Frau, zeige man ihr die Speergeste und als zweite sorgfältig die Glockengeste.


29.39[98]

parivartanaṃ tu vāmena pratimudrāṃ dadāti hi /
ṣaṣṭhī tu parvaṇī tasyāḥ kaumārīkulajāḥ striyāḥ

Übersetzung: Sie antwortet mit einer Wendung nach links. Der sechste [Mondtag] ist ihr Festtag. Diese Frauen stammen aus Kaumārīs Linie.


Erläuterung: Zur Mehrdeutigkeit der Festtagsformulierung siehe29.25. Die Aussage betrifft den sechsten Mondtag; keine vier zusätzlichen Festtage werden ohne Sanskritbeleg eingeführt.

29.40[98]

ṣaḍdoṣā siddhidā sā tu kārttikeyakulodgatā /
sampradāyaṃ ca sā tuṣṭā dadate sārvakāmikam

Übersetzung: Sie hat sechs Fehler, schenkt Verwirklichung und stammt aus Kārttikeyas Linie. Ist sie zufrieden, gibt sie die Überlieferung, die alle Wünsche erfüllt.


Erläuterung: Die sechs doṣas werden hier nicht einzeln aufgezählt. Ihre Gleichsetzung mit einer bestimmten Liste von Leidenschaften ist eine Vermutung der Kontrollanmerkung. Kaumārī und Kārttikeya bilden den hier genannten weiblichen/männlichen Bezug der Linie.

29.41[98]

lambastanī sujaṅghā ca sulalāṭā subhāṣiṇī /
kṛṣṇā indīvaraśyāmā mudgaśyāmātha vā bhavet

Übersetzung: [Eine andere] hat hängende Brüste, schöne Unterschenkel, eine schöne Stirn und eine angenehme Redeweise. Sie ist schwarz, dunkel wie ein blauer Lotus oder dunkel wie eine Mungbohne.


29.42[98]

cipiṭā caiva hrasvā ca sthūlajaṅghā ca yā bhavet /
pītavastrā bhaven nityaṃ skandhagrīvāvalambinī

Übersetzung: Sie ist flachgedrückt gebaut und klein, mit kräftigen Unterschenkeln. Sie trägt stets gelbe Kleidung; [etwas] hängt von Schultern und Hals herab.


Erläuterung: Cipiṭa beschreibt eine abgeflachte Gestalt; eine moderne medizinische Diagnose ist nicht gemeint. Skandhagrīvāvalambinī ist semantisch unklar: möglicherweise herabhängende Kleidung an Schulter und Hals. Die Kleidungsdeutung oder eine Änderung zu vastra wird nicht als sicherer Sanskritwortlaut eingesetzt.

29.43[98]

īdṛśīṃ pramadāṃ dṛṣṭvā śaṅkhaṃ tasya pradarśayet /
cakramudrāthavā tasyā dvitīyāṃ darśayet punaḥ

Übersetzung: Sieht man eine solche Frau, zeige man ihr die Muschel, oder ferner als zweite die Diskusgeste.


Erläuterung: Vā bedeutet „oder“; die Kontextfolge legt zwei Erkennungszeichen nahe. Keine zusätzlichen Gesten werden eingeführt.

29.44[98]

parivartanaṃ ca vāmena pratimudrāṃ dadāti sā /
dvādaśī parvaṇī tāsāṃ cakraṃ ca likhyate gṛhe

Übersetzung: Sie antwortet mit einer Wendung nach links. Der zwölfte [Mondtag] ist ihr Festtag, und ein Diskus wird im Haus gezeichnet.


29.45[98]

vaiṣṇavīnāṃ yoginīnām etad bhavati lakṣaṇam /
sādhakasyābhiyuktasya sarvakāmasukhāni ca

Übersetzung: Dies sind die Kennzeichen der Vaiṣṇavī-Yoginīs. Dem hingebungsvoll bemühten Praktizierenden [erwachsen] die Freuden aller erfüllten Wünsche


Erläuterung: Der Satz reicht bis29.46ab; die Erfolgszusage gehört zu den beschriebenen Vaiṣṇavī-Yoginīs.

29.46[98]

yoginīvaiṣṇavīnāṃ tu siddhayogeśvarīmate /
vijñeyā sādhakair nityaṃ khecaratvajigīṣubhiḥ

Übersetzung: durch die Vaiṣṇavī-Yoginīs, nach dem Siddhayogeśvarīmata. Stets sind [die Yoginīs] von den Praktizierenden zu erkennen, die das Himmelswandeln zu erringen wünschen.


29.47[98]

romaśā sarvagātreṣu kṛṣṇapiṅgalalocanā /
karālavikṛtākārā ghorā ca sthūladaṃśanā

Übersetzung: [Eine andere] ist an allen Gliedern behaart, hat schwarzgelbliche Augen, eine weit aufgerissene, ungewöhnliche Gestalt und ist furchterregend, mit großen Zähnen.


Erläuterung: Karāla kann weit aufgerissen, hervortretend oder schrecklich bedeuten; vikṛta eine ungewöhnliche/veränderte Gestalt. Die Beschreibung wird nicht zu einer Diagnose oder gegenwärtigen Bewertung einer Person.

29.48[98]

lamboṣṭhī kṛṣṇavarṇā ca kolākṣī bhagnanāsikā /
nṛtyagāndharvakuśālā meghavarṇā mahādyutiḥ

Übersetzung: Sie hat eine herabhängende Lippe, eine schwarze Hautfarbe, schweineähnliche Augen und eine gebrochene Nase; sie versteht sich auf Tanz und Musik, ist wolkenfarben und von großer Ausstrahlung.


Erläuterung: Bhagnanāsikā heißt wörtlich „mit gebrochener Nase“, möglicherweise ist eine geknickte Form gemeint. Die Quellenfarben und Tiervergleiche bleiben erkennbar. Mahādyuti bezeichnet starke Ausstrahlung; eine weitere Verhaltensanweisung steht nicht darin.

29.49[99]

īdṛśīṃ pramadāṃ dṛṣṭvā daṃṣṭrāṃ tasya pradarśayet /
daṇḍaṃ vāpi tatas tasyā darśayed aviśaṅkitaḥ

Übersetzung: Sieht man eine solche Frau, zeige man ihr den Fangzahn oder auch den Stab, ohne zu zögern.


Erläuterung: Daṃṣṭrā und daṇḍa bezeichnen hier Erkennungszeichen, keine Anweisung zum Beißen oder Schlagen. Vāpi kann im Kontext auch verbindend „und auch“ bedeuten.

29.50[100]

– – – – – – – – varadā sādhakasya tu /
nayate śivasāyojyaṃ kalpānte dakṣanāśanī

Übersetzung: […] sie schenkt dem Praktizierenden Gaben. Am Ende eines Kalpa führt sie zur Vereinigung mit Śiva, die Vernichterin Dakṣas.


Erläuterung: Vor varadāfehlt ein Halbvers. Die vermutete Herkunft aus Yāmyās Linie wird nicht als Grundtext ergänzt. Kalpa bezeichnet einen kosmischen Weltzeitraum, keine bestimmte Jahreszahl. Dakṣanāśanī, „Vernichterin Dakṣas“, bleibt die ausdrücklich genannte Bezeichnung.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

29.51[100]

parivartanaṃ tu vāmena mudrā tāsāṃ na saṃśayaḥ /
lakṣaṇīyās tu tā nityaṃ bhūrloke krīḍayanti ca

Übersetzung: Ihre Geste ist eine Wendung nach links, ohne Zweifel. Sie sind stets an ihren Merkmalen zu erkennen und spielen in der Erdenwelt.


Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 29[90]

siddhayogeśvarīmate ekonatriṃśatiḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Das neunundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 29; überlieferte Schlussnummer 29[90]

iti siddhayogeśvarīmate ekonatriṃśatiṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das neunundzwanzigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kapitel 30 – Begegnungen und besondere Lautfolge

Aufgenommener Bereich: 1–7. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 30.1[101]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


30.1[101]

viśeṣāṃ tu pravakṣyāmi yoginīṃ siddhidāyinīm /
uttānavivalākṣī ca piṅgalogrordhvakeśinī

Übersetzung: Nun werde ich eine besondere Yoginī beschreiben, die Verwirklichung schenkt: mit weit geöffneten, rollenden Augen und furchterregend emporstehendem, gelbbraunem Haar.


Erläuterung: Die Beschreibung des emporstehenden Haars ist eine Konjektur der Edition. Die Bewegungen der Augen werden als Textmerkmal übersetzt, nicht als medizinische Diagnose.

30.2[101]

daśanaiś candrajyotsnābhaiḥ surūpā cāruhāsinī /
īdṛśaṃ yasya rūpaṃ ca sā jñeyā tridaśādhipā

Übersetzung: Ihre Zähne gleichen dem Mondlicht; sie ist schön gestaltet und lächelt lieblich. Diejenige, deren Gestalt so beschaffen ist, erkenne man als Herrin der Götter.


30.3[101]

tāṃ dṛṣṭvā sahasā prājño mudrāṃ tasya pradarśayet /
dvābhyāṃ caiva karābhyāṃ ca agrapādau tu saṃspṛśet

Übersetzung: Sieht der Kundige sie, zeige er ihr sogleich die Geste: Mit seinen beiden Händen berühre er die Spitzen ihrer Füße.


Erläuterung: Der Sanskrittext nennt nicht ausdrücklich, wessen Fußspitzen berührt werden. Der Begegnungskontext legt die Füße der Yoginī nahe.

30.4[101]

sā caiṣā spṛśate mūrdhni mahāyogiṃ vinirdiśet /
sā tu saṃbhāṣaṇād devi siddhadravyaṃ prayacchati

Übersetzung: Sie berührt [ihn] am Kopf und bezeichnet [ihn] als großen Yogin. Durch die Begegnung im Gespräch, Göttin, gibt sie die vollkommene Substanz.


Erläuterung: Auch der Besitzer des berührten Kopfes ist nicht eigens genannt; wahrscheinlich ist der Praktizierende gemeint. Saṃbhāṣaṇa heißt Gespräch bzw. Begegnung; die Herausgeberin deutet hier einen sexuellen Vollzug und siddhadravya als vereinigte Sexualflüssigkeiten. Diese körperliche Deutung wird als kontextuelle Auslegung genannt und nicht zu einer allgemeinen Segensmetapher geglättet.

30.5[101]

aṃ āṃ iṃ īṃ uṃ ūṃ ṛṃ ṝṃ /

ḷṃ ḹṃ eṃ aiṃ oṃ auṃ aṃ aḥṃ /
kaṃ khaṃ gaṃ ghaṃ ṅaṃ /
caṃ chaṃ jaṃ jhaṃ ñaṃ /
ṭaṃ ṭhaṃ ḍaṃ ḍhaṃ ṇaṃ /
taṃ thaṃ daṃ dhaṃ naṃ /

paṃ phaṃ baṃ bhaṃ maḥ

Übersetzung: [Eine nummerierte Lautliste, keine metrische Strophe: die Vokale und die fünf Verschlusslautgruppen, hier mit den jeweils gedruckten Nasalierungs- und Hauchzeichen. Die Laute tragen keine eigenständigen wörtlichen Bedeutungen.]


Erläuterung: Die Lautliste steht unter Originalnummer5. Auffällige Formen aḥṃ und abschließendes maḥ werden unverändert bewahrt. Die Liste ist kein Beleg dafür, dass jede Lautgestalt einzeln als vollständiger Mantra zu rezitieren wäre.

30.6[101]

†devyo vīrā ca† /

dvādaśākṣarabhedena ekaikaṃ bhedayet kramāt /

praṇavādinamo’ntāś ca vijñeyā lokamātaraḥ

Übersetzung: †devyo vīrā ca† [verderbt; „Göttinnen“ und „Vīra“ sind erkennbar]. Durch die Unterscheidung von zwölf Lauten gliedere man jeden einzelnen der Reihe nach. Die Mütter der Welt sind als mit Praṇava beginnend und mit namas endend zu erkennen.


Erläuterung: Möglicherweise fehlen vor der Vorschrift weitere Zeilen. Die Crux wird nicht eigenmächtig zur Sprecherzeile devy uvāca. Die Bildung durch „zwölf Laute“ ist unklar; das von der Herausgeberin erwogene Zählverfahren über die41Listenelemente bleibt Hypothese. Praṇava ist hier nach dem Textzusammenhang oṃ; die bloße Bauvorschrift ergibt noch keine sicher vollständig entschlüsselte Mantrasammlung.

30.7[101]

yatra yatra tu aṃśena vīrasyātra rucir bhavet /
tena tena tu mantreṇa sādhakaḥ sidhyate dhruvam

Übersetzung: Für welchen Anteil der Vīra hier jeweils eine Neigung empfindet: Mit dem entsprechenden Mantra erlangt der Praktizierende gewiss Verwirklichung.


Erläuterung: Aṃśa bezeichnet einen Anteil der zuvor behandelten Laut-/Gottheitsanordnung. Der Satz setzt diesen rituellen Zusammenhang voraus, nicht eine beliebige freie Wahl irgendeines Mantra.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 30[90]

siddhayogeśvarīmate triṃśatiḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Das dreißigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 30; überlieferte Schlussnummer 30[90]

iti siddhayogeśvarīmate triṃśatimaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das dreißigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kapitel 31 – Bhairavas Lachen und das Erwachen der Mantras

Aufgenommener Bereich: 1–13. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Śiva in einer ergänzenden Darstellung. Das Kapitel verbindet Bhairavas Lachen mit der Offenbarung der Mantrakraft.

Sprecherzeile – vor 31.1[102]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


31.1[102]

kalāṣoḍaśavinyāsaṃ nābhyāṃ cakrasya īśvara /
nādyāpi mama deveśa sadbhāvenādhigacchati

Übersetzung: Herr, noch immer erschließt sich mir die Einsetzung der sechzehn Kalās in der Nabe des Rades nicht in ihrem wahren Wesen, Herr der Götter.


Erläuterung: Kalā bezeichnet hier sechzehn Teilkräfte bzw. Lautglieder, die im Folgenden mit Vokalen verbunden werden. Die bekannte Mondbeziehung klingt im folgenden Dialog an, wird aber nicht als zusätzliches Schema ausgeführt.

31.2[102]

aṭṭahāsaṃ tato muktaṃ devadevena śūlinā /
trailokyaṃ kṣobhitaṃ tena kampitā ca vasuṃdharā

Übersetzung: Darauf ließ der Gott der Götter, der Dreizackträger, ein lautes Gelächter erschallen. Dadurch wurden die drei Welten erschüttert, und die Erde erbebte.


Sprecherzeile – vor 31.3[102]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


31.3[102]

kiṃ tvayā hasitaṃ deva śaśāṅkāṅkitaśekhara /
pūritaṃ hṛdayaṃ deva hāsenānena śaṅkara

Übersetzung: Warum hast du gelacht, Gott, dessen Hauptschmuck mit dem Mond gezeichnet ist? Dieses Lachen hat mein Herz erfüllt, Gott Śaṅkara.


Sprecherzeile – vor 31.4[102]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


31.4[102]

sādhu sādhu maheśāni yat tvayā sārito hy aham /
hasitaṃ tena kāryena bhairavaṃ bhairavapriye

Übersetzung: Gut, gut, große Herrin, dass du mich erinnert hast! Aus diesem Grund habe ich furchterregend gelacht, Geliebte Bhairavas.


31.5[102]

śṛṇuṣvaikamanā bhadre yad vakṣyāmi samāsataḥ /

yena pūryanti kāryāṇi kalābhir bhairavasya tu /

srotasya tu samagrasya lakṣapādayutasya ca

Übersetzung: Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit, Gute, was ich dir kurz darlegen werde: wie durch die Kalās Bhairavas die Aufgaben der ganzen Überlieferungsströmung erfüllt werden, die mit hunderttausend Versfüßen versehen ist.


Erläuterung: Lakṣapāda heißt hunderttausend Versfüße, nicht eine nachgewiesene Zahl von100000ganzen Strophen dieses Werkes. Die Überlieferungsströmung ist umfassender als der hier edierte Text; die Aussage wird nicht zur Bestandszählung dieser Ausgabe.

31.6[102]

ahaṃ sarvatra deveśi kalābhiḥ krīḍitā bhuvi /
ṣoḍaśasvarasaṃyuktaṃ praṇavādinamontakam

Übersetzung: Ich spiele, Herrin der Götter, überall auf der Erde mit den Kalās. [Der Mantra ist] mit sechzehn Vokalen verbunden, beginnt mit Praṇava und endet mit namas.


Erläuterung: Der Satz setzt sich in31.7fort. Praṇava bezeichnet im Werkzusammenhang oṃ; die sichere Lautgestalt des mittleren Herrscher-Mantra wird durch den Namen Haṃsa allein nicht abschließend festgelegt.

31.7[102]

cakre tu vinyased devi haṃsaṃ nābhigataṃ prabhum /
kalāṣoḍaśakaṃ devi kesareṣu niyojayet

Übersetzung: Im Rad setze man Haṃsa ein, den in der Nabe befindlichen Herrn, Göttin; die sechzehn Kalās ordne man auf den Staubfäden an, Göttin.


Erläuterung: Kesara bezeichnet die Staubfäden des Lotus. Die englische Kontrolle übersetzt „Blütenblätter/Speichen“; das wird nicht als genauer Sanskritwortlaut übernommen. Haṃsa, wörtlich Schwan/Gans, wird als Selbst oder Bhairavagestalt gedeutet. Keine Atemformel so ’ham wird hinzugefügt.

31.8[102]

haṃ hāṃ hiṃ hīṃ huṃ hūṃ hṛṃ hṝṃ /
hḷṃ hḹṃ heṃ haiṃ hoṃ hauṃ haṃ haḥṃ

Übersetzung: [Nummerierte Reihe von sechzehn Lautgestalten: ha in Verbindung mit den Vokalformen und den jeweils angegebenen Nasalierungs- und Hauchzeichen. Eine wörtliche Übersetzung einzelner Lautgestalten ist nicht möglich.]


Erläuterung: Die Reihe ist keine metrische Originalstrophe. Der letzte Eintrag haḥṃ sowie das zweimal erscheinende haṃ folgen der Edition; keine stillschweigende Änderung zu geläufigen Bījas.

31.9[102]

tena kāryeṇa deveśi mama hāsyaṃ vinirgatam /
anena hasitenaiva smaritaṃ tu yadā priye

Übersetzung: Aus diesem Grund ist mein Lachen hervorgegangen, Herrin der Götter. Wenn dieses Lachen vergegenwärtigt wird, Geliebte,


31.10[102]

mantrāvabodhaṃ tu kṛtaṃ devadevi yaśasvini /
†devamā – – saddheṣu† hāsyo hy eṣaḥ prakīrtitaḥ

Übersetzung: wird dadurch das Erwachen der Mantras bewirkt, ruhmreiche Göttin der Götter. †devamā – – saddheṣu† [verderbt und lückenhaft]: So wird dieses Lachen genannt.


Erläuterung: Die Ergänzung einer göttlichen Mütterverwirklichung in der Crux wird nur als Vermutung der Herausgeberin besprochen, nicht in den Grundtext oder eine sichere Übersetzung übernommen.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

31.11[102]

na jānanti punar devi varṇarājā maheśvari /
yathā carati sarvatra avarṇo varṇavigrahaḥ

Übersetzung: Sie wissen jedoch nicht, Göttin, wie der König der Laute überall wirkt, große Herrin: selbst ohne Laut und doch mit einem Leib aus Lauten.


Erläuterung: Varṇarājā wird hier als Singularsubjekt zu carati verstanden, „der König der Laute wirkt“. Die englische Kontrolle liest stattdessen „die Meister der Buchstaben wissen nicht“ und ergänzt das Lachen als Subjekt. Die nichtklassische Syntax lässt unterschiedliche Bezüge zu; die Hauptübersetzung bewahrt die unmittelbare Singularverbindung. Avarṇa/varṇavigraha bildet den Gegensatz ohne Laut/aus Lauten verkörpert.

31.12[102]

bhūtendriyaguṇādhāraṃ bhokta – – – – – – /
ādhārādheyabhāvena sarvatantreṣu gīyate

Übersetzung: [Er ist] die Grundlage der Elemente, Sinnesvermögen und Qualitäten, der Genießende […] [der Halbvers ist lückenhaft]. In allen Tantras wird [er] als Träger und Getragenes besungen.


Erläuterung: Bhokta ist als erhaltenes „Genießender“ übersetzt; der Rest der ersten Hälfte fehlt. Die von der Herausgeberin erwogene vollständige Wendung über Genießendes und Genossenes wird nicht ergänzt. Ādhāra/ādheya bedeutet Träger/Getragenes, nicht zwingend Empfänger/Gabe.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

31.13[102]

saṃkṣepeṇa mayā sarvam idaṃ tattvaṃ prakāśitam /

śatatrayaṃ sahasraikaṃ paripūrṇaṃ prakīrtitam /

siddhayogeśvarītantraṃ rahasyaṃ cottamottamam

Übersetzung: In Kürze habe ich diese ganze Wahrheit offenbart. Als vollständig mit dreihundert und eintausend [Strophen] wird das Siddhayogeśvarītantra bezeichnet: geheim und höher als das Höchste.


Erläuterung: 300+1000=1300. Dies ist die traditionelle Umfangsangabe des Textes, keine Zählung der erhaltenen Kurzfassung oder dieser Bearbeitung. Das Wort für die gezählten Einheiten ist hier nicht ausdrücklich wiederholt; „Strophen“ steht erläuternd in Klammern.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 31[90]

siddhayogeśvarītaṃtre ekatriṃśaḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Das einunddreißigste Kapitel im Siddhayogeśvarītantra.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 31; überlieferte Schlussnummer 31[90]

iti siddhayogeśvarītantre ekatriṃśatimaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das einunddreißigste Kapitel im Siddhayogeśvarītantra.


Kapitel 32 – Preis der Lehre und Überlieferungserzählung

Aufgenommener Bereich: 1–13. Das Kapitel ist im Umfang der benutzten Edition vollständig aufgenommen; überlieferte Schäden bleiben erhalten.

Sprecherzeile – vor 32.1[103]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


32.1[103]

atha mantram idaṃ guhyaṃ sarvapāpavināśanam /
praṇavādhyayanād devi śrutārthakaraṇād api

Übersetzung: Nun [ist] diese geheime Mantralehre eine Vernichterin aller Verfehlungen: durch Rezitation des Praṇava, Göttin, oder auch durch das Ausführen des gehörten Sinnes,


Erläuterung: Mantra bezeichnet hier im Zusammenhang wohl die Mantralehre des gesamten Tantra. Praṇavādhyayana lässt wörtlich „Rezitation/Studium des Praṇava“ zu; die Herausgeberin bevorzugt „Rezitation [der betreffenden Mantras] mit oṃ“. Keine ausgeschriebene neue Formel wird daraus gewonnen.

32.2[103]

dhāraṇāl lekhanād vāpi smaraṇād vā yaśasvini /
yuktā vā pātakair ghorair brahmahatyādibhis tathā

Übersetzung: durch Bewahren im Geist, durch Niederschreiben oder durch Vergegenwärtigung, Ruhmreiche. Selbst Menschen, die mit schweren Verfehlungen wie dem Töten eines Brahmanen behaftet sind,


Erläuterung: Die Satzfolge reicht bis32.3. Dhāraṇa kann Bewahren, Einprägen oder meditative Festhaltung bedeuten; Smaraṇa die Vergegenwärtigung. Das sind Aussagen des Textes über seine Wirksamkeit, keine Tilgung realer Folgen von Gewalttaten.

32.3[103]

pitṛmātṛprahartāro dharmabāhyavyavasthitāḥ /
te ’pi vīrā bhavanty asmin kiṃ punaḥ sādhakā narāḥ

Übersetzung: die Vater oder Mutter schlagen und außerhalb des Dharma leben, werden darin zu Vīras – um wie viel mehr Menschen, die sich der Praxis widmen!


Erläuterung: Prahartṛ bedeutet Schläger/Angreifer; Vater- oder Muttermord ist hier nicht ausdrücklich gesagt. Der Text behauptet die Verwandlungsfähigkeit auch für schwer belastete Menschen, nicht die Zulässigkeit der genannten Taten.

32.4[103]

siddhayogeśvarītantraṃ sarvānugrahakārakam /
tena tantram idaṃ devi rudraśaktyābhipūjitam

Übersetzung: Das Siddhayogeśvarītantra wirkt die Begnadung aller. Deshalb wird dieses Tantra, Göttin, von Rudras Śakti hoch verehrt.


Erläuterung: Rudraśaktyā ist instrumental: „von Rudras Śakti“. Die Herausgeberin erwägt auch Verehrung des Tantra als Verkörperung dieser Śakti; dies ist keine ausdrückliche alternative Quellenlesung im Haupttext.

32.5[103]

siddhayogeśvaraṃ tantraṃ vidyāpīṭhaṃ yaśasvini /
sārabhūtaṃ samākhyātam etat te vīravanditam

Übersetzung: Das Siddhayogeśvara-Tantra, Ruhmreiche, der Sitz der Vidyās, ist dir als das Wesenhafte gelehrt worden und wird von den Vīras verehrt.


Erläuterung: Die männliche Titelform siddhayogeśvaraṃ tantraṃ steht so in der Edition. Vidyāpīṭha ist zugleich eine Traditionsbezeichnung. Sārabhūta heißt „zum Wesen/Kern geworden“; eine Anspielung auf einen alternativen Titel Sāra ist möglich, aber nicht zwingend.

32.6[103]

nānena sadṛśaṃ jñānaṃ nānena sadṛśaṃ phalam /
bhairavād bhairavīprāptaṃ tantraṃ svacchandabhairavam

Übersetzung: Kein Wissen gleicht diesem, keine Frucht gleicht dieser. Von Bhairava wurde das Tantra des selbstbestimmten Bhairava durch Bhairavī empfangen.


Erläuterung: Svacchandabhairava kann die Gottheitsform oder einen Texttitel bezeichnen. Ob das vorliegende Tantra mit dem Svacchandabhairava-Tantra identifiziert oder von ihm abgeleitet wird, bleibt offen. Die mythische Überlieferung ist kein datierter bibliografischer Nachweis.

32.7[103]

tasmāc ca garuḍaprāptaṃ tasmāc chukra -m- avāpnuyāt /
tasmāt kacena cūrṇena †– – – na† avāptavān

Übersetzung: Von ihr empfing es Garuḍa, von diesem Śukra. Von ihm [wurde es] durch den zu Pulver gewordenen Kaca [empfangen]; †– – – na† [lückenhaft] „hat empfangen“.


Erläuterung: Tasmāt wird nichtklassisch zuerst auf Bhairavī bezogen. Die Kaca-Erzählung setzt einen mythologischen Zusammenhang voraus; der weitere Name in der Lücke ist nicht gesichert. Rāvaṇa wird nicht aus einer Parallelüberlieferung ergänzt. Der erhaltene Rest na wird nicht ohne Grundlage zur Negation des Empfangs erklärt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

32.8[103]

tasmād avāptaṃ rāmeṇa tena loke prakāśitam /
śṛṇute vā paṭhati vā kurute vā ca bhāvanām

Übersetzung: Von diesem wurde es durch Rāma empfangen und von ihm in der Welt bekannt gemacht. Wer es hört, rezitiert oder seine meditative Vergegenwärtigung vollzieht,


32.9[103]

yogeśvaro ’sau bhavati rudratejopabṛṃhitaḥ /
<bhūtendriya>guṇādhāraḥ sarvajñaḥ phalabhāginaḥ

Übersetzung: wird ein Yoginī-Herrscher, gestärkt durch Rudras Glut, Grundlage der <Elemente und Sinnesvermögen> sowie der Qualitäten, allwissend und der Frucht teilhaftig.


Erläuterung: Die Ergänzung bhūtendriya stammt von der Herausgeberin. Yogeśvara ist ein Herr der Yoginīs bzw. des Yoga; der Begriff wird hier nicht auf eine moderne Berufsbezeichnung reduziert.

32.10[103]

tasmāt tantraṃ na dātavyam anyāyam anuvartine /
ājñā hy eṣā bhagavato bhairavasya mahātmanaḥ

Übersetzung: Darum darf das Tantra nicht dem gegeben werden, der einem unrechten Weg folgt. Dies ist das Gebot des erhabenen Herrn Bhairava.


32.11[103]

dravyaṃ prāṇaṃ parityajya na ca guhyaprakāśanam /
rudraśaktisamā†bhaktir† gurus tasya pradāpayet

Übersetzung: Selbst unter Preisgabe von Besitz und Leben soll das Geheimnis nicht offenbar gemacht werden. „Rudras Śakti …“ – rudraśaktisamā†bhaktir† [ist verderbt]; ein Guru soll es dem Betreffenden geben.


Erläuterung: Die Crux lässt den genauen Bezug der Rudra-Śakti nicht erkennen: möglicherweise deren Eintreten in den Empfänger oder in den Guru. Eine scheinbar eindeutige Einweihungsvorschrift wird nicht daraus hergestellt. Die extreme Geheimhaltungsaussage bleibt als historische Textaussage stehen, ohne zusätzliche Anleitung zur Selbstgefährdung.

32.12[103]

nirgataṃ tu ayodhyāyā vaktrād vaktraṃ gurukramāt /
guptaṃ pūrvaṃ kṛtaṃ deve devyā guptataraṃ kṛtam

Übersetzung: Es ging von Ayodhyā aus, von Mund zu Mund in der Folge der Gurus. Zuerst wurde es vom Gott geheim gehalten, dann von der Göttin noch geheimer bewahrt.


Erläuterung: Deve ist nichtklassisch als instrumentaler Bezug auf den Gott verstanden. Die Stelle beschreibt mündliche Guruüberlieferung und nennt Ayodhyā, ohne ein historisch datierbares Reiseereignis zu belegen.

32.13[103]

svacchandam ṛṣayoguptaṃ rāmaguptaṃ sadā kṛtam /

yogeśīnāṃ gurūṇāṃ ca guptād guptataraṃ gatam /

yadi guptaṃ bhavet siddhir yasmād guptataraṃ kṛtam

Übersetzung: Das [Tantra des] selbstbestimmten [Bhairava] wurde von den Ṛṣis geheim gehalten und stets von Rāma bewahrt. Bei den Yoginī-Herrscherinnen und Gurus wurde es von Geheimem zu noch Geheimerem. Wird es geheim gehalten, entsteht Verwirklichung; deshalb wurde es höchst geheim bewahrt.


Erläuterung: Svacchandam kann auch „freiwillig/nach eigenem Willen“ heißen; die Hauptübersetzung folgt dem Rückbezug auf Svacchandabhairava32.6. Die Bedingung „wenn geheim gehalten“ bleibt erhalten.

Unnummerierte Schlussvermerke

Kolophon (Handschrift D) – nach Kapitel 32[90]

iti siddhayogeśvarīmate dvātriṃśatiḥ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das zweiunddreißigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Kolophon (Handschrift N) – nach Kapitel 32; überlieferte Schlussnummer 32[90]

iti siddhayogeśvarīmate dvātriṃśatimaṣ paṭalaḥ

Übersetzung: Damit endet das zweiunddreißigste Kapitel im Siddhayogeśvarīmata.


Schreibervermerk (Handschrift N) – nach Kolophon Kapitel 32[90]

nepālavatsare yāte vahnirandhrasamudrake anantasiṃhalikhitaṃ siddhayogeśvarīmatam /

pustakalīkhanapariśramattā vidvajjano nānyaḥ /

sāgaralaṃghanakhedaṃ hanumān ekaḥ paraṃ vetti

Übersetzung: Als im Nepal-Jahr die Zahl „Feuer–Öffnungen–Meere“ erreicht war, wurde das Siddhayogeśvarīmata von Anantasiṃha geschrieben. [Sinngemäß, mit unsicherem Wortlaut:] Die Mühe des Bücherschreibens kennt der Gelehrte, kein anderer; die Erschöpfung beim Überspringen des Meeres kennt allein Hanumān wirklich.


Erläuterung: Schreibervermerk, kein ursprünglicher Tantra-Vers. Der Zahlencode wird von T1999S.lxxix/PDF86als793derNepal-Ära, entsprechend1663n.Chr., aufgelöst; die unklare Wortform pariśramattā und die eigene Bildlesungsunsicherheit bei pustakalīkhana bleiben im Sanskrit bewahrt. Der Sinn des Schreibermühe-Vergleichs ist erkennbar, eine grammatisch geglättete Sanskritrekonstruktion wird nicht erzeugt.

Lesungshinweis: ['pustakalīkhana']

Gesonderte Zitatüberlieferung: Prāyaścittasamuccaya

Diese Auszüge sind gesonderte Zeugnisse unterschiedlicher benannter Textformen. Die Nummern 1–64 folgen Anhang 2 der Dissertation; sie sind keine ursprünglichen Kapitel- und Versnummern. Die vollständigen überlieferten Zitierrahmen und Kolophone bleiben erhalten.[1]

Bījabheda: Anhangnummern 1–14

Zitierrahmen – vor PS 1[104]

siddhayogeśvarīmate caturviṃśatisāhasre bījabhede prāyaścittaṃ likhyate

Übersetzung: Die Sühne im Siddhayogeśvarīmata mit vierundzwanzigtausend [Einheiten], im Bījabheda, wird niedergeschrieben.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 1[104]

sarve śudhyanti deveśi bhagnaliṅgī na śudhyati /
liṅgaṃ tu dvividhaṃ proktaṃ sthāvaraṃ jaṅgamaṃ tathā

Übersetzung: Alle werden rein, Herrin der Götter; der Zerstörer eines Liṅga wird nicht rein. Das Liṅga wird als zweifach bezeichnet: als unbewegliches und als bewegliches.


Erläuterung: Bhagnaliṅgī bezeichnet der Form nach jemanden mit zerstörtem Liṅga; im Zusammenhang mit PS2 bhittvā wird der Zerstörer verstanden. Nicht als medizinische Diagnose lesen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 2[104]

āśraye sthāvaraṃ vidyād yatine <’>pi ca jaṅgamam /
dvayaṃ bhittvā na śudhyeta strīṇāṃ vai nigraheṣv api

Übersetzung: Das unbewegliche erkenne man an seinem festen Ort, das bewegliche im Asketen. Wer eines von beiden zerstört hat, werde nicht rein; ebenso [verhält es sich] bei Gewalttaten gegen Frauen.


Erläuterung: Yatin ist ein Asket als lebendige Verkörperung des Liṅga. Nigraha bedeutet hier Zwang, Misshandlung oder Schädigung; keine Erlaubnis dazu. Die Einschränkung „keine Reinigung“ bleibt stehen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 3[104]

naṣṭabhraṣṭavapuḥ kṣipraṃ pramādāt tu viyogataḥ /
prāyaścittaṃ smṛtaṃ lakṣaṃ punaḥ syān mantrāropaṇam

Übersetzung: Wenn durch Unachtsamkeit und Trennung die Gestalt verloren gegangen oder beschädigt ist, gilt als Sühne hunderttausendfache [Rezitation]; die Einsetzung der Mantras soll erneut geschehen.


Erläuterung: Naṣṭabhraṣṭavapuḥ und viyogataḥ sind syntaktisch unsicher. Gemeint ist im Liṅga-Zusammenhang wohl Verlust oder Beschädigung der Kultgestalt; ein sicherer Bezug auf den menschlichen Körper ist nicht herstellbar. Kṣipram („rasch“) kann das Eintreten oder die Wiederherstellung betreffen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 4[104]

calaliṅgaṃ yadā devi patitaṃ ca pratiṣṭhitam /
śataṃ aṣṭottaraṃ hutvā japaṃ kuryāc caturguṇam

Übersetzung: Wenn ein geweihtes bewegliches Liṅga herabgefallen ist, Göttin, bringe man hundertundacht Opfergaben dar und vollziehe die vierfache Rezitation.


Erläuterung: Vierfach bezieht sich am ehesten auf die zuvor genannten108 Opfergaben. Die Zahl432 wird nicht als gesonderte Textzahl ausgegeben.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 5[104]

pañcadhā hastabhraṣṭe tu hate vai ṣaḍguṇaṃ japet /
evaṃ jñātvā tu mantrajñaḥ prāyaścittaṃ tu kārayet

Übersetzung: Ist es aus der Hand gefallen, [rezitiere man] fünffach; ist es beschädigt, rezitiere man sechsfach. In diesem Wissen lasse der Mantrakundige die Sühne vollziehen.


Erläuterung: Fünf- und sechsfach bleiben als Faktoren erhalten; ihre Bezugsgröße wird nicht eigenmächtig festgelegt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 6[104]

uktaṃ ca bījabhede tu akāmāt kāmato <’>pi vā /
gurudattaṃ svato vāpi prāyaścittaṃ cared budhaḥ

Übersetzung: Im Bījabheda ist gelehrt: Bei unabsichtlichem oder absichtlichem [Vergehen] vollziehe der Verständige die vom Guru auferlegte oder aus eigenem Antrieb [übernommene] Sühne.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 7[104]

apāstāvaraṇaiḥ sārdhaṃ samparkāl lākṣiko japaḥ /
uktācāravilome tu pañcasāhasriko japaḥ

Übersetzung: Nach Umgang mit denen, „die ihre Umhüllung abgelegt haben“, erfolgt hunderttausendfache Rezitation. Bei einem Verstoß gegen die gelehrte Lebensordnung erfolgt fünftausendfache Rezitation.


Erläuterung: Apāstāvaraṇa heißt wörtlich „mit abgelegter Umhüllung“. Ob Nacktheit, abgelegte rituelle Schutzhülle oder eine bestimmte Gruppe gemeint ist, bleibt offen. Keine konkrete Religionsgemeinschaft wird ergänzt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 8[104]

pramādād yoṣitaṃ hatvā atīvāpy aparādhinīm /
pañcadhā lakṣajāpena lakṣahomena vā śuciḥ

Übersetzung: Hat man aus Unachtsamkeit eine Frau getötet, selbst eine schwer schuldig gewordene, wird man durch fünfmal hunderttausend Rezitationen oder durch hunderttausend Feueropfergaben rein.


Erläuterung: Vā ist eine Alternative:500000 Rezitationen ODER100000 Opfergaben. Aparādhinī rechtfertigt das Töten nicht; die Aussage betrifft dessen Sühne.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 9[104]

samayī sādhako vāpi pramādād yadi ghātitaḥ /
japtvā daśaguṇaṃ lakṣaṃ lakṣaṃ hutvā viśudhyati

Übersetzung: Wurde ein Samayin oder Sādhaka aus Unachtsamkeit getötet, wird man durch zehnmal hunderttausend Rezitationen und hunderttausend Opfergaben rein.


Erläuterung: Samayin ist ein durch Verpflichtungen gebundener Initiierter, Sādhaka ein Praktizierender mit bestimmter Initiationsstellung. Zehnmal ein Lakṣa=1000000.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 10[104]

kāmataḥ koṭijāpena lakṣaiś ca daśabhir hutaiḥ /
viśudhyaty anutāpena kapālavratasevanāt

Übersetzung: Bei absichtlichem [Töten] wird man durch zehn Millionen Rezitationen und eine Million Opfergaben, durch Reue und durch Befolgung des Schädelgelübdes rein.


Erläuterung: Koṭi=10000000; zehn Lakṣas=1000000. Kapālavrata ist das historische Schädelgelübde. Seine Ausführung wird hier nicht näher beschrieben.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 11[104]

hatvā ca gāṃ pramādena prāyaścittaṃ samācaret /
ekāntaropavāsaś ca triṣkālaṃ snānaśīlatā

Übersetzung: Hat man eine Kuh aus Unachtsamkeit getötet, vollziehe man die Sühne: Fasten an jedem zweiten Tag und regelmäßiges Baden zu den drei Tageszeiten.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 12[104]

trisandhyaṃ tu japaḥ kāryas tv aṣṭottaraśataṃ kramāt /

ṣaṇmāsaṃ tu vrate sthitvā vratino bhojayet tataḥ /

kāmato vinihatyātha prāyaścittaṃ na vidyate

Übersetzung: An den drei Tageswenden ist jeweils hundertundachtfache Rezitation auszuführen. Nachdem man sechs Monate das Gelübde gehalten hat, speise man die Gelübdehaltenden. Hat man sie hingegen absichtlich getötet, gibt es keine Sühne.


Erläuterung: Drei Halbverse bilden eine Originalposition. Das absichtliche Töten bezieht sich auf die Kuh in PS11. Sechs Monate sind ausdrücklich genannt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 13[104]

kośānāṃ vikrayaṃ kṛtvā śāstrapratimayor api /
lakṣeṇa śudhyate devi punardīkṣāṃ tathaiva ca

Übersetzung: Hat man Kośas verkauft, ebenso eine Lehrschrift oder ein Götterbild, wird man durch hunderttausendfache [Rezitation] rein, Göttin, und [durch] erneute Einweihung.


Erläuterung: Kośa ist mehrdeutig: Behälter, Schatzbestand oder Sammlung. Der gemeinte Gegenstand bleibt offen; keine unbelegte Gleichsetzung mit einem Wörterbuch oder mit Handschriften. Die nichtklassische Kasuskonstruktion wird nicht im Sanskrit korrigiert.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 14[104]

vivastrāṃ vanitāṃ dṛṣṭvā pramādāt prakaṭastanīm /
saptadhāvartayed devi viśudhyeta na saṃśayaḥ

Übersetzung: Hat man aus Unachtsamkeit eine unbekleidete Frau mit entblößten Brüsten gesehen, wiederhole man [die Rezitation] siebenmal, Göttin; man werde rein, daran besteht kein Zweifel.


Kolophon – nach PS 14[104]

iti siddhayogeśvarīmate catu<r>viṃśatisāhasre bījabhede prāyaścittapaṭalaṃ samāptam

Übersetzung: Damit endet das Kapitel über Sühne im Bījabheda des Siddhayogeśvarīmata mit vierundzwanzigtausend [Einheiten].


Cūḍāmaṇitantra / Uttarottara: Anhangnummern 15–50

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 15[104]

atha bhairavasrotasi siddhayogeśvarīmate cūḍāmaṇitantre uttarottare prāyaścittaṃ likhyate

Übersetzung: Nun wird die Sühne im Siddhayogeśvarīmata der Bhairava-Strömung, im Cūḍāmaṇitantra, im Uttarottara, niedergeschrieben.


Erläuterung: Diese nummerierte Position ist Prosa des zitierenden Rahmens, kein metrischer Originalvers. Die Fassung wird separat von PS1–14 behandelt.

Sprecherzeile – vor PS 16[104]

devy uvāca

Übersetzung: Die Göttin sprach:


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 16[104]

prāyaścittaṃ mahādeva mūlatantre tu sūcitam /
samayān lopayed yas tu jñātvā śāstrārthasaṃmatim

Übersetzung: Großer Gott, im Wurzeltantra ist die Sühne angedeutet. Wenn jemand die Verpflichtungen verletzt, obwohl er die anerkannte Bedeutung der Lehre kennt,


Erläuterung: Der Satz läuft über die Versgrenze nach PS17. Samaya bezeichnet hier die bindenden Regeln der Initiationsgemeinschaft.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 17[105]

samayī putrako vātha sādhakācāryayor api /

karmaṇā yena deveśa prāyaścittī bhaven naraḥ /

śudhyate karmaṇā kena tat kathaṃ vada bhairava

Übersetzung: sei er Samayin, Putraka, Sādhaka oder Ācārya: Durch welches Handeln wird ein Mensch sühnepflichtig, Herr der Götter? Durch welches Handeln wird er rein? Sage, wie dies geschieht, Bhairava.


Erläuterung: Die vier Initiationsstellungen werden genannt. Putraka heißt wörtlich „Söhnchen“, bezeichnet hier einen initiierten geistlichen Sohn; Ācārya einen befugten Lehrer.

Sprecherzeile – vor PS 18[105]

bhairava uvāca

Übersetzung: Bhairava sprach:


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 18[105]

mūlatantre mayā devi sūcitaḥ kathito na hi /
kalpākhye tu mahātantre prāyaścittasya nirṇayaḥ

Übersetzung: Im Wurzeltantra habe ich es angedeutet, Göttin, aber nicht erklärt. Die Bestimmung der Sühne im großen Tantra namens Kalpa


Erläuterung: „Kalpa“ ist die hier genannte andere Lehrgrundlage; keine Identifikation mit einem ungenannten heutigen Buchtitel. PS19 beendet den Satz.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 19[105]

kathyate sa samāsena prāṇināṃ hitakāmyayā /
nirmālyasaṃkaro homo jāyate kasyacid yadi

Übersetzung: wird nun kurz dargelegt, aus dem Wunsch nach dem Wohl der Lebewesen. Wenn jemand ein Feueropfer mit einer Vermischung von Nirmālya vollzieht,


Erläuterung: Nirmālya sind bereits dargebrachte und zurückbleibende Opfergaben. Saṃkara ist deren unzulässige Vermischung im rituellen Zusammenhang; keine allgemeine moralische Unreinheit von Speiseresten.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 20[105]

sahasraṃ tu trisandhyāyāṃ yāvatsaptadināvadhim /
āvarttanād viśudhyeta samayākhyā tu vidyayā

Übersetzung: wird er rein, indem er die Vidyā namens Samayā an den drei Tageswenden jeweils tausendmal wiederholt, bis sieben Tage vergangen sind.


Erläuterung: Samayā ist der Name einer Vidyā; ihre Lautgestalt ist hier nicht ausgeschrieben.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 21[105]

kāmān nirmālyabhakṣī ca dinārdhaṃ dinam eva vā /
ṣaṇmāsāc chudhyate tasyā japamānas trisandhiṣu

Übersetzung: Wer absichtlich Nirmālya verzehrt, [über] einen halben oder einen ganzen Tag, wird nach sechs Monaten rein, indem er sie [die Vidyā] an den drei Tageswenden rezitiert.


Erläuterung: Dinārdhaṃ dinam eva vā kann die Dauer des Verzehrs oder der Rezitation betreffen. Die Zuordnung bleibt unsicher; sechs Monate und die drei Tageswenden sind eindeutig.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 22[105]

akāmāt kāmato vāpi nirmālyasya ca śaṅkaram /
varjayet taṃ prayatnena yadīcchet siddhim ātmanaḥ

Übersetzung: Unabsichtliche wie absichtliche Vermischung von Nirmālya vermeide man sorgfältig, wenn man für sich Verwirklichung wünscht.


Erläuterung: Śaṅkara wird hier als Schreibform von saṃkara („Vermischung“) verstanden, ebenso PS23–24; es ist kein Name Śivas in dieser Konstruktion. Sanskrit unverändert.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 23[105]

bhakṣayed bhairave liṅge cale vāpi sthire <’>pi vā /
svamantreṇa tu saṃsiddhe anyathā śaṅkaro bhavet

Übersetzung: Man darf [Nirmālya] von einem beweglichen oder unbeweglichen Bhairava-Liṅga verzehren, das durch den eigenen Mantra zur Wirksamkeit gebracht wurde. Andernfalls entsteht Vermischung.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 24[105]

yāgakāle mahādevi vīrasaṃghasya krīḍane /
na bhavec chaṅkaras tatra yo vā mantraḥ prapūjyate

Übersetzung: Zur Zeit der Verehrung, große Göttin, beim gemeinschaftlichen Spiel der Vīras, entsteht dort keine Vermischung, welcher Mantra auch verehrt wird.


Erläuterung: Krīḍana bezeichnet das gemeinschaftliche rituelle Spiel der Vīras. Ein körperlich-sexueller Ritualrahmen ist möglich; die Stelle wird weder zu einer bloßen Allegorie noch zu einer zusätzlichen praktischen Anleitung ausgebaut.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 25[105]

akāmāt kāmato vātha gurvājñāṃ laṅghanena tu /
durmatiḥ sa durātmā tu prāyaścittasya bhājanaḥ

Übersetzung: Wer unabsichtlich oder absichtlich das Gebot des Guru übertritt, ist törichten Sinnes und schlechter Gesinnung; er bedarf der Sühne.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 26[105]

na ca siddhir bhavet tasya iha loke paratra ca /
prāyaścittaṃ tadā tatra karttavyaṃ niyamena tu

Übersetzung: Ihm wird weder in dieser Welt noch in der anderen Verwirklichung zuteil. Dann muss dort die Sühne unter Einhaltung der vorgeschriebenen Disziplin vollzogen werden.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 27[105]

ṣaṇmāsena viśudhyeta trisandhyaṃ japasevanāt /
saṃkhyayā rahito devi vidhiḥ sarveṣu coditaḥ

Übersetzung: Nach sechs Monaten wird man durch Rezitation an den drei Tageswenden rein. Diese Vorschrift ist ohne [festgelegte Wiederholungs-]Zahl, Göttin, für alle angeordnet.


Erläuterung: Saṃkhyayā rahitaḥ: keine feste Rezitationszahl genannt. Es wird keine Zahl aus Nachbarregeln übertragen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 28[105]

laṅghanād gurupatnīṃ tu duhitrīṃ bhaginīṃ tathā /
prāyaścittaṃ na tatrāsti kalpakoṭiśatair api

Übersetzung: Nach einem Übergriff auf die Frau des Guru, eine Tochter oder eine Schwester gibt es dort keine Sühne, selbst in hundertmal zehn Millionen Weltaltern nicht.


Erläuterung: Laṅghana meint in diesem Zusammenhang wahrscheinlich sexuellen Übergriff bzw. unerlaubten Verkehr. Ob Tochter und Schwester ebenfalls die des Guru sind, ist grammatisch nicht ausdrücklich ausgeführt. Kalpakoṭiśata=100×10000000 Kalpas.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 29[105]

adhikṣepaṃ dadet tasya ācāryasya manoyame /
abdam ekaṃ vrate sthitvā niyamāj japasevanāt

Übersetzung: Wer jenem Ācārya eine Kränkung zufügt — manoyame bleibt unklar —, halte ein Jahr lang das Gelübde und widme sich der vorgeschriebenen Rezitation.


Erläuterung: Manoyame ist nicht sicher deutbar, möglicherweise mit einem geistigen Vorgang verbunden; „selbst nur in Gedanken“ wird nicht als sichere Textaussage ergänzt. PS30 beschreibt die Folge.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 30[105]

śuddhakāyo bhavet tena anyathā narakaṃ vrajet /

tuṣṭena guruṇā devi siddhis tasya bhaved dhruvam /

tuṣyanti devatāḥ sarvāḥ saṃpradāyaṃ ca vindati

Übersetzung: Dadurch wird sein Leib rein; andernfalls geht er in die Hölle. Ist der Guru zufriedengestellt, Göttin, wird ihm gewiss Verwirklichung zuteil. Alle Gottheiten werden zufriedengestellt, und er empfängt die Überlieferung.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 31[105]

akṛtvā vā kathaṃ tasye samayācāralopake /

<…> /

evaṃ jñātvā tu medhāvī guror ājñāṃ tu pālayet

Übersetzung: „Ohne [es] getan zu haben, wie … bei Verletzung der Verpflichtungen und Lebensordnung …“ [Textlücke.] In diesem Wissen bewahre der Verständige das Gebot des Guru.


Erläuterung: Der erste Halbvers ist grammatisch unsicher, dann folgt eine belegte Lücke. Nur der erhaltene Schluss wird vollständig übersetzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 32[105]

vivastrāṃ vanitāṃ dṛṣṭvā pramādāt prakaṭastanīm /
saptadhāvarttayed devi śudhyate nātra saṃśayaḥ

Übersetzung: Hat man aus Unachtsamkeit eine unbekleidete Frau mit entblößten Brüsten gesehen, wiederhole man [die Rezitation] siebenmal, Göttin. Man wird rein; daran besteht kein Zweifel.


Erläuterung: Nahezu gleichlautender Parallelvers zu PS14 aus anderer Fassung; für eine spätere Auswahl nicht als neuer eigenständiger Gedankenbeleg doppelt zählen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 33[105]

paśukrīḍāṃ yadā paśyed akāmāc ca śataṃ japet /
māṃsādibhakṣaṇe devi niṣiddhānāṃ purāgame

Übersetzung: Wenn man unabsichtlich das Spiel der Paśus sieht, rezitiere man hundertmal. Beim Essen von Fleisch und anderem, das im früheren Āgama verboten ist,


Erläuterung: Paśukrīḍā kann das Spiel bzw. die Paarung von Tieren oder das Verhalten der rituell als Paśus bezeichneten Außenstehenden meinen. Die Deutung bleibt offen. Der zweite Halbvers gehört zu PS34.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 34[105]

samaye caiva mārge tu anuṣṭhānaparāyaṇaḥ /
saptadhāvarttanāt kāmād akāmād ardhataḥ śuciḥ

Übersetzung: [sowie] in der Verpflichtung und auf dem Weg, wird der gewissenhaft Praktizierende bei absichtlichem [Vergehen] durch siebenfache Wiederholung rein, bei unabsichtlichem durch die Hälfte.


Erläuterung: Der Zusammenhang mit33 ist grammatisch unregelmäßig. Die Hälfte von „siebenfach“ wird nicht zu einer erfundenen Rezitationsanweisung geglättet; eine genaue Zähleinheit ist nicht sicher.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 35[106]

viruddhaṃ vadate kaścit kruddhaḥ samayibhiḥ saha /
saptasaṃkhyākrameṇaiva trisandhyaṃ japasevanāt

Übersetzung: Wenn jemand im Zorn feindselig mit Samayins spricht, [wird er rein] durch siebenfache Rezitation an den drei Tageswenden.


Erläuterung: Siebenfache Rezitation an drei Tageswenden; eine Zahl der Tage ist hier nicht genannt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 36[106]

kruddhas tu putrakaiḥ sārdhaṃ viruddhaṃ vadate yadi /
dinadvayaṃ trisandhyaṃ ca japet tat saptasaṃkhyayā

Übersetzung: Wenn jemand im Zorn feindselig mit Putrakas spricht, rezitiere er dies zwei Tage lang an den drei Tageswenden siebenmal.


Erläuterung: Zwei Tage sind hier ausdrücklich genannt. Tat verweist auf die Rezitation, nicht auf eine neu ausgeschriebene Formel.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 37[106]

ācāryaiḥ saha yat kiṃcid vadate vāgvirūpakam /
adhikṣepaṃ maheśāni vācayā manasāpi vā

Übersetzung: Wenn jemand gegenüber Ācāryas eine hässliche Rede führt oder eine Kränkung begeht, große Herrin, mit Worten oder auch im Geist,


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 38[106]

ayutaikaṃ vrate sthitvā japtvā caiva viśudhyati /
punaḥ kṣamāpayet taṃ tu anyathā naiva śudhyati

Übersetzung: wird er rein, indem er unter Einhaltung des Gelübdes zehntausendmal rezitiert. Danach bitte er jenen um Vergebung; andernfalls wird er keineswegs rein.


Erläuterung: Die Bitte um Vergebung ist eine eigene Bedingung; Rezitation allein genügt nach der ausdrücklichen Negation nicht.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 39[106]

sādhakaiḥ saha deveśi kruddhacittas tu mantratādhiḥ /
dviśatena viśudhyeta nityānuṣṭhānatatparaiḥ

Übersetzung: [Bei einem Vergehen] gegenüber Sādhakas, Herrin der Götter, mit zornigem Geist — mantratādhiḥ ist nicht sicher lesbar und verständlich — wird man durch zweihundertfache [Rezitation] rein; „den täglichen Vollzügen hingegeben“ [ist grammatisch nicht sicher zuzuordnen].


Erläuterung: Eigene Quellenlesungsunsicherheit mantratādhiḥ bleibt bestehen. Nityānuṣṭhānatatparaiḥ ist instrumentalisch pluralisch, seine syntaktische Zuordnung unklar. Keine glatte Ritualregel aus der beschädigten Konstruktion gebildet.

Lesungshinweis: ['mantratādhiḥ']

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 40[106]

strīṇām athādhikṣepaṃ ca proḍhāṃ bālāṃ ca kanyakām /

dinam ekaṃ trisandhyāyāṃ śatam aṣṭottaraṃ japet /

eṣa eva vidhir devi sādhakācāryayor api

Übersetzung: Nach einer Kränkung von Frauen, einer reifen Frau, einer jungen oder einer unverheirateten, rezitiere man einen Tag lang an den drei Tageswenden hundertundachtmal. Dieselbe Vorschrift gilt, Göttin, auch hinsichtlich Sādhakas und Ācāryas.


Erläuterung: Die unterschiedlichen Vorgaben für Ācāryas in37–38 und40 werden nicht harmonisiert. Proḍhā, bālā und kanyakā bezeichnen Alters- bzw. Familienstandsgruppen; der Text wird nicht auf nur eine Gruppe verkürzt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 41[106]

śāstram anekadhā devi pañcasrotātmakaṃ tathā /
gāruḍaṃ bhūtatantraṃ tu siddhāntaṃ vāmadakṣiṇam

Übersetzung: Die Lehre ist vielfältig, Göttin, und besteht aus fünf Strömungen: der Gāruḍa-Lehre, dem Bhūtatantra, dem Siddhānta sowie dem linken und dem rechten [Strom].


Erläuterung: Gāruḍa bezeichnet hier die Garuḍa-Tradition, Bhūtatantra Lehren über Geistwesen. Vāma und Dakṣiṇa sind Traditionsströme; eine konkrete Gleichsetzung mit heutigen Kategorien wird nicht vorgenommen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 42[106]

śāstrād vinirgatā mantrās tarkavarttikaraṅgaleyāḥ /

itihāsapurāṇāni bhārataṃ ca bhaviṣyati /

śivavaktrāmbujād gīrṇaṃ sarvaṃ vai śāstrasāgaram

Übersetzung: „Aus der Lehre hervorgegangene Mantras …“ — tarkavarttikaraṅgaleyāḥ ist nicht sicher lesbar und deutbar. „Itihāsas und Purāṇas, das Bhārata … wird sein“ [der Satzanschluss ist unklar]. Der gesamte Ozean der Lehren ist aus dem Lotusmund Śivas hervorgegangen.


Erläuterung: Die eigene Bildlesungsunsicherheit der Wortfolge bleibt sichtbar. Bhaviṣyati ist in dieser Lesung eine Verbform; ein Bhaviṣya-Purāṇa wird nicht ohne Beleg daraus hergestellt. Der letzte Halbvers enthält den Anspruch göttlichen Ursprungs, keine historische Datierung.

Lesungshinweis: ['tarkavarttikaraṅgaleyāḥ']

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 43[106]

śāstrāṇāṃ dūṣaṇe devi pañcasrotrātmake tathā /
samayī dūṣaṇe caiva śatam aṣṭottaraṃ japet

Übersetzung: Bei Verunglimpfung der Lehrschriften und der fünf Strömungen, Göttin, ebenso bei Verunglimpfung eines Samayin, rezitiere man hundertundachtmal.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 44[106]

akāmād ghātayet kaṃś cic chaivaṃ vaimalapañcakam /

daśalakṣaṃ japen mantrī niyamastho vrate sthitaḥ /

ghātayet kāmato devi prāyaścittaṃ na vidyate

Übersetzung: Hat man unabsichtlich einen Śaiva getötet, [der] zum Vaimalapañcaka [gehört?], rezitiere der Mantrapraktizierende eine Million Mal, unter Einhaltung der Disziplin und des Gelübdes. Tötet man absichtlich, Göttin, gibt es keine Sühne.


Erläuterung: Vaimalapañcaka ist nicht zuverlässig identifiziert. Daśalakṣa=1000000. Kāmato im letzten Halbvers ist absichtlich; die Negation bleibt erhalten.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 45[106]

ardhāt tadardhajapyena saṃyogāc chaṅkare tathā /
prahārāc ca japet pañca raktād raktapradarśane

Übersetzung: „Von der Hälfte … durch Rezitation ihrer Hälfte … bei Verbindung, ebenso bei Vermischung … nach einem Schlag rezitiere man fünf … vom Blut, beim Sichtbarwerden von Blut.“ [Der syntaktische Zusammenhang und die Bezugsgrößen sind nicht sicher erschließbar.]


Erläuterung: Nur Wortbedeutungen; weder die Halbierungen noch pañca erhalten erfundene Einheiten oder Bezugswerte. Śaṅkara wird wie in22–24 als Vermischung verstanden.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 46[106]

hastamātrāc cyute liṅge ayutaikena śudhyati /
vṛddhisaṃkhyākrameṇaiva parimāṇaṃ japasya tu

Übersetzung: Ist das Liṅga aus einer Höhe von nur einer Hasta herabgefallen, wird man durch zehntausendfache [Rezitation] rein. Die Anzahl der Rezitationen [richtet sich] nach der zunehmenden Zahl [der Maßeinheiten].


Erläuterung: Hasta ist ein traditionelles Längenmaß, etwa eine Elle. Eine moderne Zentimeterzahl ist nicht vorgegeben. Ob die zunehmende Zahl genau die Fallhöhe betrifft, ist aus dem Zusammenhang erschlossen.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 47[106]

trisandhyaṃ tu japaḥ kāryo dinavṛddhikrameṇa tu /
māsam ekaṃ vrate sthitvā vratino bhojayet tataḥ

Übersetzung: An den drei Tageswenden ist die Rezitation auszuführen, nach der Folge zunehmender Tage. Nachdem man einen Monat lang das Gelübde gehalten hat, speise man die Gelübdehaltenden.


Erläuterung: Dinavṛddhikrama lässt die genaue Staffelung der Tage offen. Ein Monat und die Speisung der Gelübdehaltenden sind ausdrücklich genannt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 48[106]

āhnike tu śataikena sandhyālope tathaiva ca /
brāhmaṇaṃ ghātayet kāmād ayutārdhena śudhyati

Übersetzung: Bei [Versäumnis] des täglichen Vollzugs [wird man rein] durch hundertfache [Rezitation], ebenso beim Auslassen der Tageswendenandacht. Hat man einen Brahmanen absichtlich getötet, wird man durch fünftausendfache [Rezitation] rein.


Erläuterung: Kāmāt („absichtlich“) steht so im Sanskrit; nicht zu akāmāt berichtigt. Ayutārdha=5000. Die historische Sühnebehauptung ist keine Billigung des Tötens.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 49[106]

śūdre tathārdhataḥ khyātaṃ dviguṇaṃ bauddhanagnake /
akāmāt kāmato devi śuddhir evaṃ vidhīyate

Übersetzung: Bei einem Śūdra ist entsprechend die Hälfte genannt, bei einem Buddhisten oder einem nackten Asketen das Doppelte. Bei unabsichtlichem wie absichtlichem [Vergehen], Göttin, ist die Reinigung so vorgeschrieben.


Erläuterung: Die Bezugsgröße von Hälfte und Doppeltem ist nicht sicher. Daher keine abgeleiteten absoluten Zahlen. Nagnaka bezeichnet einen nackten Asketen, nicht ohne Weiteres eine bestimmte Religionsgemeinschaft.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 50[106]

striyaṃ ca ghātayet kaṃcid akāmāt parameśvari /

daśalakṣaṃ japed ghoraṃ kathitaṃ tava sundari /

ghātayet kāmato vāpi prāyaścittaṃ na vidyate

Übersetzung: Hat man irgendeine Frau unabsichtlich getötet, höchste Herrin, rezitiere man den Ghora-Mantra eine Million Mal; so habe ich es dir gelehrt, Schöne. Hat man sie absichtlich getötet, gibt es keine Sühne.


Erläuterung: Ghora ist hier ein Mantraname ohne ausgeschriebene Lautgestalt. Eine aus anderer Überlieferung vertraute Formel wird nicht ergänzt.

Kolophon – nach PS 50[106]

iti bhairavasrotasi siddhayogeśvarīmate sārdhatrisāhasrike cūḍāmaṇitantre uttarottare jñānādhikāre bhairavodyāne prāyaścittapaṭalaṃ samāptam iti

Übersetzung: Damit endet das Kapitel über Sühne im Siddhayogeśvarīmata der Bhairava-Strömung mit dreitausendfünfhundert [Einheiten], im Cūḍāmaṇitantra, im Uttarottara, in der Abteilung über Erkenntnis, im Bhairavodyāna.


Trikasārottara: Anhangnummern 51–64

Zitierrahmen – vor PS 51[107]

atha siddhayogeśvarīmate caturviṃśatisāhasre trikasārottare prāyaścittaṃ likhyate

Übersetzung: Nun wird die Sühne im Siddhayogeśvarīmata mit vierundzwanzigtausend [Einheiten], im Trikasārottara, niedergeschrieben.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 51[107]

abhakṣabhakṣaṇaṃ kṛtvāpeyapeyaṃ tathaiva ca /
maithunaṃ caikajāpena agamyāgamanaṃ dvibhiḥ

Übersetzung: Hat man Unzulässiges gegessen oder Unzulässiges getrunken und Geschlechtsverkehr vollzogen, [wird man] durch eine Rezitation [rein]; nach Verkehr mit einer nicht erlaubten Partnerin durch zwei.


Erläuterung: Beginn einer gesondert als Trikasārottara bezeichneten Zitatfassung mit Umfangsangabe24000. Die Zahlen1/2 sind kein Druckfehler, der aus anderen Sühnelisten verbessert werden dürfte. Agamyā bezeichnet eine nicht erlaubte Partnerin; die genaue Relation ist nicht genannt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 52[107]

mlecchādisparśane devi trijaptena tu mucyate /
govadhyāṃ brahmahatyāṃ ca sāhasreṇaiva śodhayet

Übersetzung: Nach Berührung von Mlecchas und anderen [Außenstehenden] wird man durch dreifache Rezitation befreit, Göttin. Die Tötung einer Kuh oder eines Brahmanen reinige man durch tausendfache [Rezitation].


Erläuterung: Mleccha ist eine historische Fremd- bzw. Außenseiterkategorie. Die Übersetzung übernimmt nicht die damit verbundene gesellschaftliche Wertung.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 53[107]

strīhatyām ayutenaiva liṅgabhede tathaiva ca /
sandhyālope kṛte caiva śatam aṣṭottaraṃ japet

Übersetzung: Die Tötung einer Frau [reinige man] durch zehntausendfache [Rezitation], ebenso das Zerbrechen eines Liṅga. Hat man die Tageswendenandacht ausgelassen, rezitiere man hundertundachtmal.


Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 54[107]

sahasraiḥ pañcabhir devi devadravyaṃ viśodhayet /

sarvaprāṇivadhaṃ kṛtvā hatvā caiva carācaram /

aṣṭottaraśatenaiva mucyate sarvakilbiṣāt

Übersetzung: Durch fünftausend [Rezitationen] reinige man [ein Vergehen am] Besitz der Gottheit, Göttin. Hat man alle Arten von Lebewesen getötet, Bewegliches und Unbewegliches vernichtet, wird man durch hundertundachtfache [Rezitation] von aller Verfehlung befreit.


Erläuterung: Devadravya bezeichnet den Besitz der Gottheit; das konkrete Vergehen daran ist nicht ausgeführt. Drei Halbverse bleiben eine Position. Die pauschale Tilgungsbehauptung rechtfertigt keine Gewalt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 55[107]

duḥsvapne tu tridhā japyā ariṣṭe ca caturvidhā /
niṣiddhācaraṇe mantrī śatam aṣṭottaraṃ japet

Übersetzung: Nach einem bösen Traum ist sie [die Vidyā] dreimal zu rezitieren, bei einem Unheilszeichen viermal. Bei verbotenem Verhalten rezitiere der Mantrapraktizierende hundertundachtmal.


Erläuterung: Japyā bezieht sich feminin auf die Vidyā. Ariṣṭa ist ein Unheilszeichen; keine medizinische Diagnose oder konkrete Vorhersage ergänzt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 56[107]

strībālatāḍane caiva durbhāṣyābhiśāpe kṛte /
śatam aṣṭottaraṃ japtvā sarvapāpād vimucyate

Übersetzung: Hat man eine Frau oder ein Kind geschlagen, böse geredet oder einen Fluch ausgesprochen, wird man nach hundertundacht Rezitationen von aller Verfehlung befreit.


Erläuterung: Die Stelle behandelt die Sühne einer begangenen Gewalttat bzw. Beschimpfung, keine Aufforderung dazu.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 57[107]

sahasraṃ tu japen mantrī samparkād anyamantriṇā /
anyavratadharaiḥ sārdhaṃ samparkaṃ tu vivarjayet

Übersetzung: Nach Umgang mit einem Angehörigen einer anderen Mantratradition rezitiere der Mantrapraktizierende tausendmal. Den Umgang mit Menschen, die andere Gelübde tragen, vermeide er.


Erläuterung: Historische Abgrenzung der Ritualgemeinschaft; keine Empfehlung zur Ausgrenzung anderer Menschen in heutiger Praxis.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 58[107]

atha kaścit pramādena sahasraṃ pañcadhā japet /
sarvapātakasaṃśuddhir ayutaikena jāyate

Übersetzung: [Geschah dieser Umgang] jemandem aus Unachtsamkeit, rezitiere er fünfmal tausend. Die Reinigung von allen schweren Verfehlungen erfolgt durch zehntausendfache [Rezitation].


Erläuterung: Fünftausend in58 steht neben tausend in57. Der Unterschied wird nicht ohne Quellenbeleg aufgelöst.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 59[107]

tolitaḥ śudhyate pāpī sarvapāpakaro <’>pi yaḥ /
ayutajapād agnihomāc chudyate pañcapātakaiḥ

Übersetzung: „Gewogen“ wird der Sünder rein, auch wenn er jede Verfehlung begangen hat. Durch zehntausend Rezitationen und ein Feueropfer wird er von den fünf schweren Verfehlungen gereinigt.


Erläuterung: Tolitaḥ („gewogen“) ist rituell nicht näher erklärt. Die fünf schweren Verfehlungen werden hier nicht einzeln aufgezählt; weder ein Wägeritual noch eine Liste wird hinzuerfunden.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 60[107]

anadhyāye paṭhañś cchāstraṃ sahasrāṣṭottaraṃ japet /
kāmato ’kāmato vāpi yat pāpaṃ samupārjitam

Übersetzung: Wer an einem für das Studium ausgeschlossenen Tag die Lehre rezitiert, rezitiere eintausendundachtmal. Welche Verfehlung auch absichtlich oder unabsichtlich begangen wurde:


Erläuterung: Sahasrāṣṭottara=1008. Welche Tage als anadhyāya gelten, steht hier nicht. Der zweite Halbvers wird in61 fortgesetzt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 61[107]

sahasraikam akāmas tu naktāśī snānapūrvakam /
pañcaviṃśatisāhasraiḥ sakāmo mucyate bhṛśam

Übersetzung: Bei unabsichtlichem [Vergehen rezitiere man] tausendmal, esse bei Nacht und bade zuvor. Bei absichtlichem [Vergehen] wird man durch fünfundzwanzigtausend [Rezitationen] gründlich befreit.


Erläuterung: Akāma/sakāma bezeichnet im Kontext unabsichtliches/absichtliches Vergehen, nicht Wunschlosigkeit/Wunschgebundenheit. Naktāśin heißt bei Nacht essend; keine genaue Mahlzeitenzahl. Snānapūrvakam verlangt ein vorheriges Bad.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 62[107]

kathayāmi tato vidyāṃ prāyaścitte tu bhairavi /
oṃ aghore hrīḥ paramaghore hūṃ

Übersetzung: Nun werde ich dir die Vidyā für die Sühne nennen, Bhairavī: oṃ! O Nichtfurchterregende, hrīḥ! O Höchstfurchterregende, hūṃ!


Erläuterung: Eine metrische Zeile geht in eine Formel über, die63 fortsetzt. Hrīḥ trägt Visarga, nicht Anusvāra. Paramaghore mit kurzem a wird als parama-ghorā („höchst furchterregend“) verstanden; die andere Worttrennung paramā-aghorā hätte anderes Sandhi. Die Lautgestalt bleibt unverändert.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 63[107]

ghorarūpe haḥ ghoramukhi bhīmabhīṣaṇe /
vama piba he ruru rara phaṭ 2 hūṃ haḥ phaṭ

Übersetzung: O Furchtgestaltige, haḥ! O Furchtgesichtige, Gewaltige und Schreckenerregende! Speie aus, trinke! He! ruru rara phaṭ [2] hūṃ haḥ phaṭ.


Erläuterung: Vama: „speie aus“, piba: „trinke“; ein Objekt ist nicht genannt. He ist ein Ruf, ruru/rara bleiben ungedeutete Lautfolgen. Die Ziffer2 ist eine Wiederholungsnotation der Quelle, deren Reichweite nicht sicher ist. Nicht als zwei metrische Vollverse mit62 gezählt.

Prāyaścittasamuccaya, Anhangzählung 64[107]

parāparā samākhyātā vidyā pāpapraṇāśanī /
uddhṛtā divyabhedaṃ te tv ekacatvāriṃśadakṣaraiḥ

Übersetzung: Als Parāparā ist diese Vidyā bekannt, die Verfehlungen vernichtet. In göttlicher Gliederung ist sie dir mit einundvierzig Lauten hergeleitet worden.


Erläuterung: Die Textaussage lautet41Akṣaras. Eine mechanische Zählung der gedruckten Formel ergibt bei Wiederholung nur des unmittelbar vor2stehenden phaṭ lediglich39Vokalkerne. Der Widerspruch bleibt offen; keine fehlenden Silben ergänzt. Divyabheda wird vorsichtig als göttliche Gliederung verstanden; ein Abschnittsname ist nicht ausgeschlossen.

Kolophon – nach PS 64[107]

iti siddhayogeśvarīmate caturviṃśatisāhasre trikasārottare prāyaścittapaṭalaṃ samāptam iti

Übersetzung: Damit ist das Kapitel über Sühne im Trikasārottara des Siddhayogeśvarīmata mit vierundzwanzigtausend [Einheiten] abgeschlossen.


Weitere Zitate in śivaitischen Kommentaren

Diese 121 Zitateinheiten werden nach ihrer nachgewiesenen Fundstelle im zitierenden Kommentar bezeichnet. Eine solche Angabe ist keine Kapitelnummer des Siddhayogeśvarīmata. Die Zitatausschnitte bilden keinen lückenlosen fortlaufenden Text; bekannte Dubletten zur Kurzfassung sind nicht nochmals als neue Grundtextpositionen aufgenommen. Die zugrunde gelegten direkten Zitate sind in Anhang 8 der Dissertation zusammengestellt.[1]

Zitierstelle 3.220

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: yā sā kuṇḍalinī sātra jagadyoniḥ prakīrtitā[108]

yā sā kuṇḍalinī sātra jagadyoniḥ prakīrtitā /
tuṭirūpā tu sā jñeyā jīvabhūtā jagaty api

Übersetzung: Jene Kuṇḍalinī wird hier als Ursprungsschoß der Welt bezeichnet. Man soll sie als von der Gestalt einer Tuṭi erkennen; auch in der Welt ist sie zum Lebensprinzip geworden.


Erläuterung: Tuṭi ist eine kleinste Einheit bzw. ein feinster Moment; die genaue technische Bedeutung wird hier nicht erläutert. Die Schreibform tuṭi bleibt erhalten, keine stillschweigende Änderung zu truṭi. Jagadyoni bedeutet Ursprungsschoß bzw. Quelle der Welt. Dieses Zitat gehört nicht zu einem belegten Kapitel der Kurzfassung.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: bījarūpā samākhyātā cidrūpāpi prakīrtitā[108]

bījarūpā samākhyātā cidrūpāpi prakīrtitā

Übersetzung: Sie wird als samenförmig bezeichnet und auch als von der Natur des Bewusstseins verkündet.


Erläuterung: Unvollständige metrische Position: nur der erhaltene Halbvers. Bīja bezeichnet Samen bzw. Keim, hier die schöpferische Lautkraft.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: śaktitrayasamudbhūtis tato varṇasamudbhavaḥ[108]

śaktitrayasamudbhūtis tato varṇasamudbhavaḥ

Übersetzung: [Es erfolgt] die Entstehung der drei Kräfte; daraus die Entstehung der Laute.


Erläuterung: Die drei Kräfte sind in diesem Halbvers nicht namentlich genannt. Namen aus Abhinavaguptas vorangestellter Zusammenfassung werden nicht in den Originaltext übernommen.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: akārāj jāta ākāra ikārādi iti smṛtaḥ[108]

akārāj jāta ākāra ikārādi iti smṛtaḥ /
ūkāraś ca ukārāt syād ṛkārāc ca napuṃsakam

Übersetzung: Aus a entsteht ā; i und die folgenden [Laute] werden [entsprechend] genannt. Aus u entsteht ū und aus ṛ das Neutrale.


Erläuterung: Die Lautableitung ist verkürzt und teilweise unklar. Napuṃsaka bezeichnet eine neutrale Lautklasse; ihre vollständige Zuordnung ist aus diesem Auszug nicht sicher. Fehlende Glieder nicht ergänzen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: ekāra ai-svaraś caiva okāra aukāra eva ca[108]

ekāra ai-svaraś caiva okāra aukāra eva ca /
aṃkāraś ca anusvāraḥ aḥ visarga iti smṛtaḥ

Übersetzung: E, der Vokal ai, ebenso o und au; aṃ wird Anusvāra genannt, aḥ heißt Visarga.


Erläuterung: Die im Sanskrit genannte Lautfolge bleibt mit allen Längen und Nasalierungszeichen erhalten; keine Ergänzung zu einer vollständigen Alphabetliste.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: kakārādisakārāntā dvātriṃśat tā kalāḥ smṛtāḥ[108]

kakārādisakārāntā dvātriṃśat tā kalāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: Von ka beginnend bis sa reichend werden diese zweiunddreißig Kalās genannt.


Erläuterung: Kalā bezeichnet hier eine Lautkraft bzw. Teilgestalt. Zahl32 und Endlaut sa stehen ausdrücklich im Zitat.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: tad evaṃ bindur uddiṣṭo vyāpnuvan sa jagat sthitaḥ[108]

tad evaṃ bindur uddiṣṭo vyāpnuvan sa jagat sthitaḥ /
aṣṭātriṃśatkalābhedād bindumālā vyavasthitā

Übersetzung: So ist der Bindu beschrieben; er besteht, indem er die Welt durchdringt. Durch die Unterscheidung von achtunddreißig Kalās ist die Bindu-Girlande gegliedert.


Erläuterung: Bindu ist der Punkt bzw. die punktförmige Verdichtung der Lautkraft. Die Zahl38 wird nicht mit Alphabetzahlen anderer Kapitel harmonisiert. Bindumālā („Bindu-Girlande“) ist die ausdrückliche Bezeichnung dieses Zitats; keine Lotusgirlande aus einem anderen Werk.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: bindunākramitāḥ sarve ādimāntyayutāḥ smṛtāḥ[108]

bindunākramitāḥ sarve ādimāntyayutāḥ smṛtāḥ

Übersetzung: Alle werden als vom Bindu überlagert und mit Anfang und Ende verbunden bezeichnet.


Erläuterung: Ādi und antya sind der mantrische Anfang und Abschluss; ihre Lautgestalt wird hier nicht ausgeschrieben. Kein eigenmächtiges Voranstellen von oṃ oder Anfügen von namaḥ.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: bāhyātmā tu bhaved eko hy antarātmā dvitīyakaḥ[108]

bāhyātmā tu bhaved eko hy antarātmā dvitīyakaḥ /
tṛtīyo hṛdayātmā tu nādātmā tu caturthakaḥ

Übersetzung: Der erste ist der äußere Ātman, der zweite der innere Ātman, der dritte der Herz-Ātman und der vierte der Klang-Ātman.


Erläuterung: Ātman wird als Selbst bzw. Wesensgestalt verwendet; die vier Bezeichnungen sind keine nachträgliche Zuordnung zu Vedānta-Hüllen. Nāda ist Klang bzw. Lautschwingung.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, erster Teil; Anfang: evam ete mahāvīre pañcamaḥ paramātmakaḥ[108]

evam ete mahāvīre pañcamaḥ paramātmakaḥ /
binduḥ pañcavidho devi hṛtkaṇṭhe tu lalāṭake

Übersetzung: So sind diese [vier], große Heldin; der fünfte ist von höchster Natur. Der Bindu ist fünffach, Göttin: im Herzen, in der Kehle, an der Stirn,


Erläuterung: Der Satz setzt sich im folgenden Halbvers nāsānte fort. Fünf Erscheinungsweisen und fünf Orte; die Zuordnung wird nicht in eine moderne Chakra-Karte umgedeutet.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: nāsānte ca tathā cānte bindus tenaiva vyāpakaḥ[109]

nāsānte ca tathā cānte bindus tenaiva vyāpakaḥ

Übersetzung: an der Nasenspitze und am [weiteren] Endpunkt; dadurch ist der Bindu alldurchdringend.


Erläuterung: Der weitere Endpunkt wird im zitierten Wortlaut nur anta genannt. Abhinavaguptas Zusammenfassung spricht vom Haupt; das wird nicht stillschweigend in den Grundtext eingesetzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: ādimāntyavihīnās tu mūlayonim ajānataḥ[109]

ādimāntyavihīnās tu mūlayonim ajānataḥ /
na te siddhikarā mantrā niṣphalāḥ śaradabhravat

Übersetzung: Fehlen Anfang und Ende, weil man den Ursprungsschoß nicht kennt, dann bringen diese Mantras keine Verwirklichung; sie bleiben fruchtlos wie Herbstwolken.


Erläuterung: Mūlayoni ist die ursprüngliche Quelle, im Zusammenhang die zuvor genannte Kuṇḍalinī. Die Unwirksamkeit ist eine bedingte Textaussage, kein pauschales Urteil über alle Rezitation.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: khapuṣpaṃ niṣphalaṃ yadvac chaśakasya viṣāṇakam[109]

khapuṣpaṃ niṣphalaṃ yadvac chaśakasya viṣāṇakam /

vandhyāyāḥ prasavo devi klībasya dravam eva ca /
agnimuktā yadā viprās tadā ete tu niṣphalāḥ /

ādimāntyavihīnāni mantrāṇi ca tathaiva ca

Übersetzung: Wie eine Blume im leeren Raum fruchtlos ist, wie das Horn eines Hasen, die Geburt einer Unfruchtbaren, Göttin, oder die Flüssigkeit eines Zeugungsunfähigen; wie Brahmanen fruchtlos werden, wenn sie das Feuer aufgegeben haben: Ebenso [verhält es sich mit] Mantras ohne Anfang und Ende.


Erläuterung: Vier zitierte Halbverse ohne belegte Originalnummer bleiben eine überlieferte Zitateinheit. Die historisch gebrauchten Unmöglichkeitsbilder betreffen Reproduktionsfähigkeit; keine moderne medizinische Aussage. Drava heißt Flüssigkeit, wahrscheinlich Samenflüssigkeit. Agnimukta bedeutet hier ohne das kultische Feuer.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: niṣphalāni bhavanty evaṃ pibato mṛgatṛṣṇikām[109]

niṣphalāni bhavanty evaṃ pibato mṛgatṛṣṇikām

Übersetzung: So bleiben sie fruchtlos, wie [das Bemühen] dessen, der eine Luftspiegelung trinken will.


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: ādiṃ caiva tathā cāntyam ācāryo yas tu vindati[109]

ādiṃ caiva tathā cāntyam ācāryo yas tu vindati /
sa bhaved yogisaṃghasya pūjyaḥ pūjyataro bhave

Übersetzung: Der Ācārya, der Anfang und Ende erkennt, wird für die Gemeinschaft der Yogins verehrungswürdig, in der Welt höchst verehrungswürdig.


Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: acchidraṃ tasya kurvanti kurvanti ca anugraham[109]

acchidraṃ tasya kurvanti kurvanti ca anugraham /
varaṃ tasya prayacchanti putravat pālayanti ca

Übersetzung: Sie machen sein [Tun] lückenlos und gewähren ihm Gnade. Sie verleihen ihm einen Wunschsegen und behüten ihn wie einen Sohn.


Erläuterung: Subjekt sind im Zusammenhang die Angehörigen der genannten Yogin-Gemeinschaft. Acchidra bedeutet lückenlos/fehlerfrei; was genau vervollständigt wird, bleibt elliptisch.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: pūjyaḥ sarvatra jāyeta ahaṃ devi yathā tava[109]

pūjyaḥ sarvatra jāyeta ahaṃ devi yathā tava /
sa jñānī vai varārohe sa bhavet sādhakottamaḥ

Übersetzung: Überall werde er verehrt, Göttin, wie ich von dir. Er ist ein Wissender, Anmutige, und wird der höchste unter den Praktizierenden.


Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: sarveṣām uttamaḥ prokto daivajñaḥ sarvasiddhidaḥ[109]

sarveṣām uttamaḥ prokto daivajñaḥ sarvasiddhidaḥ /
sa yatiḥ paṇḍitaś caiva bhairaveśaḥ prakīrtitaḥ

Übersetzung: Er gilt als der Beste von allen, als Kenner des Göttlichen und Geber aller Verwirklichungen. Er ist Asket und Gelehrter und wird Herr Bhairava genannt.


Erläuterung: Daivajña kann auch Schicksalskundiger bzw. Astrologe heißen; im Kontext wird „Kenner des Göttlichen“ bevorzugt. Bhairaveśa ist eine ehrende Identifikation im Zitat.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: ślokagāthā tathā vṛttaṃ gītakaṃ vacanaṃ tathā[109]

ślokagāthā tathā vṛttaṃ gītakaṃ vacanaṃ tathā /
stutir vai daṇḍakaṃ caiva ādimāntyayutā yadā

Übersetzung: Ein Śloka oder eine Gāthā, eine metrische Strophe, ein Lied, ein Ausspruch, ein Lobpreis und ein Daṇḍaka: Wenn sie mit Anfang und Ende verbunden sind,


Erläuterung: Genannt werden verschiedene Vers-, Lied- und Redeformen. Ein Daṇḍaka ist eine metrische Form mit langen Verszeilen. Der Satz läuft über die Zitatgrenze weiter.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 3.220–225; direktes Zitat, zweiter Teil; Anfang: te ’pi mantrā bhavanty eva kiṃ punas tadgrahasya tu[109]

te ’pi mantrā bhavanty eva kiṃ punas tadgrahasya tu

Übersetzung: werden auch sie zu Mantras. Um wie viel mehr [gilt dies] für das Erfassen dessen [genauer Bezug unklar].


Erläuterung: Tadgrahasya ist syntaktisch und sachlich nicht sicher: das Erfassen/Aufnehmen des zuvor Beschriebenen. Keine frei ergänzte Wirkungsaussage. Die Verwandlung von Sprache in Mantra gilt unter der zuvor genannten Bedingung.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 4.66

Jayaratha im Zusammenhang von Tantrāloka 4.53–66; von T1999 dem Siddhayogeśvarīmata zugeordnet; Anfang: svayaṃgṛhītamantrāś ca kliśyante cālpabuddhayaḥ[109]

svayaṃgṛhītamantrāś ca kliśyante cālpabuddhayaḥ

Übersetzung: Die wenig Verständigen, die Mantras eigenmächtig an sich genommen haben, geraten in Bedrängnis.


Erläuterung: Halbvers. Die Zuschreibung folgt T1999; Jayarathas hier abgedrucktes Zitat selbst nennt den Titel nicht. Eigenmächtiges Ergreifen ist von der im Kommentar diskutierten besonderen Befähigung zu unterscheiden.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 4.67

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 4.67–69; zwei getrennte Zitate; Anfang: kathitaṃ gopitaṃ tebhyas tasmāl lekhyaṃ na pustake[110]

kathitaṃ gopitaṃ tebhyas tasmāl lekhyaṃ na pustake /
guruvaktrāt tu labhyeta anyathā na kadācana

Übersetzung: Es wurde ihnen mitgeteilt und geheim gehalten; deshalb soll es nicht in ein Buch geschrieben werden. Man erlange es aus dem Mund des Guru, auf andere Weise niemals.


Erläuterung: T1999 verweist auf eine Teilparallele28.44cd, ohne diese als weiteren vollständigen Kapiteltext bereitzustellen. Die Geheimhaltungsregel wird als Aussage dieser Zitatfassung bewahrt; Bezug von tebhyas („ihnen“) im Auszug offen.

Zitierstelle 4.69

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 4.67–69; zwei getrennte Zitate; Anfang: svamantrarakṣaṇaṃ yatnāt sarvadā kārayet sudhīḥ[110]

svamantrarakṣaṇaṃ yatnāt sarvadā kārayet sudhīḥ

Übersetzung: Der Verständige soll jederzeit mit Sorgfalt für den Schutz seines eigenen Mantra sorgen.


Erläuterung: Schutz kann die Geheimhaltung und den rituellen Schutz umfassen. Eine konkrete Schutzformel steht in diesem Halbvers nicht.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 7.39

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 7.39cd–40ab; Anfang: kuryān prāṇasamaṃ japyaṃ homaṃ prāṇasamaṃ kuru[111]

kuryān prāṇasamaṃ japyaṃ homaṃ prāṇasamaṃ kuru /
evaṃ prāṇasamā śaktiḥ kuṇḍalākhyā manonmanī

Übersetzung: Man vollziehe die Rezitation im Einklang mit dem Lebensatem; vollziehe auch das Feueropfer im Einklang mit dem Lebensatem. So ist die Kuṇḍalā, Manonmanī genannte Kraft mit dem Lebensatem im Einklang.


Erläuterung: Prāṇasama heißt dem Lebensatem gleich bzw. mit ihm übereinstimmend. Das Zitat gibt weder ein Atemverhältnis noch eine Zahl von Atemzügen vor. Kuṇḍalā ist die gedruckte Namensform; Manonmanī bezeichnet eine das gewöhnliche Denken überschreitende Kraft.

Zitierstelle 8.41

Ergänzendes kosmisches Motiv zu den Weltbeschreibungen der Zitatüberlieferung; keine historische Illustration des Textes.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: pātālordhvaṃ bhaved bhadraṃ bhadrakālīgṛhaṃ śubham[111]

pātālordhvaṃ bhaved bhadraṃ bhadrakālīgṛhaṃ śubham /
yakṣiṇīnāṃ tu sarvāsāṃ nāyikā saṃprakīrtitā

Übersetzung: Über Pātāla liegt die heilvolle, segensreiche Wohnstätte Bhadrakālīs. Sie wird als Anführerin aller Yakṣiṇīs bezeichnet.


Erläuterung: Pātāla ist eine kosmologische Unterwelt. Yakṣiṇīs sind weibliche übermenschliche Wesen. Die räumliche Aussage „oberhalb“ wird nicht zu einer Reiseanleitung oder körperlichen Chakra-Zuordnung umgedeutet.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: catuṣṣaṣṭiḥ sahasrāṇi yakṣiṇīnāṃ purāṇi tu[111]

catuṣṣaṣṭiḥ sahasrāṇi yakṣiṇīnāṃ purāṇi tu /
tatra koṭiśataṃ yāvat kanyānāṃ tu pure pure

Übersetzung: Es gibt vierundsechzigtausend Städte der Yakṣiṇīs. In jeder einzelnen Stadt befinden sich bis zu einer Milliarde Jungfrauen.


Erläuterung: 64×1000=64000; koṭiśata=100×10000000=1000000000. Die Zahl ist eine Aussage der mythischen Kosmologie, keine beobachtete Bevölkerungsangabe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: krīḍanti sādhakās tatra taiḥ sārdhaṃ tu mahābalāḥ[111]

krīḍanti sādhakās tatra taiḥ sārdhaṃ tu mahābalāḥ /
jñātvā tu yakṣiṇīkalpaṃ siddhayogīśvarīmate

Übersetzung: Dort spielen die überaus mächtigen Praktizierenden mit ihnen, nachdem sie die Yakṣiṇī-Rituallehre im Siddhayogīśvarīmata kennengelernt haben.


Erläuterung: Taiḥ steht maskulin, bezieht sich im Zusammenhang aber auf die weiblichen Bewohnerinnen. Krīḍā ist Spiel, möglicherweise auch erotischer Umgang; nicht automatisch eine bloß geistige Allegorie. Die Titelvariante yogīśvarī bleibt im Sanskrit erhalten.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: tasyordhvaṃ ca punar lakṣaṃ tamaś caivātidussaham[111]

tasyordhvaṃ ca punar lakṣaṃ tamaś caivātidussaham /
taptāṅgāranibhā bhūmis taptapāṣāṇadīpitā

Übersetzung: Darüber liegt wiederum hunderttausend [Maßeinheiten weit] äußerst unerträgliche Finsternis. Der Boden gleicht glühenden Kohlen und leuchtet von erhitzten Steinen.


Erläuterung: Lakṣa=100000. Eine Maßeinheit ist im erhaltenen Auszug nicht genannt; kein Yojana stillschweigend ergänzen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: tasyordhvaṃ ca na kiṃcit syād yāval lakṣāś caturdaśa[111]

tasyordhvaṃ ca na kiṃcit syād yāval lakṣāś caturdaśa /
punar nāgālayaṃ caivam anantabhayakārakam

Übersetzung: Darüber ist bis zu vierzehnhunderttausend [Maßeinheiten weit] nichts. Dann [folgt] eine Wohnstätte der Nāgas, die grenzenlose Furcht erregt,


Erläuterung: Vierzehn Lakṣas=1400000. Nāgas sind mythische Schlangenwesen. Die Reihenfolge der Räume bleibt trotz Auslassungen in der Quelle erhalten.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: kṛṣṇanāgasahasrais tu lakṣadhā parivāritam[111]

kṛṣṇanāgasahasrais tu lakṣadhā parivāritam

Übersetzung: umgeben von hunderttausendfachen Tausendschaften schwarzer Nāgas.


Erläuterung: Lakṣadhā vervielfacht die Tausendschaften hunderttausendfach, rechnerisch100000000. Keine moderne zoologische Aussage.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: mātṛdrohī pitṛdrohī gurudrohī ca bhrūṇahā[111]

mātṛdrohī pitṛdrohī gurudrohī ca bhrūṇahā /
bālahantā vrajaty atra strīvyaṅge ca mahāpaśuḥ

Übersetzung: Wer Mutter, Vater oder Guru feindselig schädigt, wer einen Embryo tötet oder ein Kind umbringt, gelangt hierher; ebenso der große Paśu, der eine Frau verstümmelt.


Erläuterung: Bhrūṇahā bedeutet wörtlich Töter eines Embryos; der Ausdruck hat in älteren Rechts- und Ritualtraditionen auch erweiterte Bedeutungen. Strīvyaṅga wird im Zusammenhang als Verstümmelung einer Frau verstanden. Paśu ist eine historische abwertende Ritualkategorie, keine heutige Personenbezeichnung.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.41cd–43ab; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: tiṣṭhate yāvat pātāle mantramārgasya dūṣakaḥ[111]

tiṣṭhate yāvat pātāle mantramārgasya dūṣakaḥ

Übersetzung: Der Verunglimpfer des Mantra-Weges verbleibt [so lange] in Pātāla [die Zeitbestimmung fehlt im Auszug].


Erläuterung: Yāvat ist ohne vollständigen Zeitbezug erhalten. Keine erfundene Aufenthaltsdauer. Der Halbvers bleibt Fragment.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 8.115

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: garbhodasya pare tīre kauśeyaṃ nāma maṇḍalam[112]

garbhodasya pare tīre kauśeyaṃ nāma maṇḍalam /
tatra tiṣṭhati deveśo garutmāṃś ca samāvṛtaḥ

Übersetzung: Am jenseitigen Ufer des Garbhoda liegt der Bereich namens Kauśeya. Dort befindet sich der Herr der Götter, Garutmān, umgeben


Erläuterung: Garbhoda ist hier der Name eines kosmischen Gewässers; Garutmān ein Name Garuḍas. Der Satz setzt sich mit den umgebenden Siddhapakṣas fort.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: siddhapakṣasahasrais tu tattulyabaladarpitaiḥ[112]

siddhapakṣasahasrais tu tattulyabaladarpitaiḥ /
tiṣṭhanti parvatāgre te krīḍamānā muhur muhaḥ

Übersetzung: von Tausenden Siddhapakṣas, die stolz auf eine der seinen gleiche Kraft sind. Sie verweilen auf dem Gipfel des Berges und spielen immer wieder.


Erläuterung: Siddhapakṣa („mit vollendeten Flügeln“) bezeichnet hier offenbar Garuḍa verwandte geflügelte Wesen. Die genaue Klasse ist nicht weiter erläutert. Nicht in menschliche Yogalehrer umdeuten.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: hulahālavarakrodhaḥ koṭako mūlaparvataḥ[112]

hulahālavarakrodhaḥ koṭako mūlaparvataḥ /
rodhako vāmanaḥ kāṇḍo vijñeyaḥ kulaparvataḥ

Übersetzung: „Hulahālavarakrodha“ [Trennung der Namen unklar], Koṭaka, Mūlaparvata, Rodhaka, Vāmana und Kāṇḍa sind als Kula-Berge zu erkennen.


Erläuterung: Die Zusammenschreibung hulahālavarakrodhaḥ lässt die Abgrenzung mehrerer Bergnamen unsicher. Abhinavaguptas vorausgehendes Referat spricht von neun Bergen; daraus werden keine ungesicherten Namensgrenzen in den Sanskrittext eingesetzt. Kula-Berge sind eine kosmographische Gruppe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: parvatānte punas triṃśan nadyo yojanavistarāḥ[112]

parvatānte punas triṃśan nadyo yojanavistarāḥ /
uṣṇodakāḥ smṛtās tās tu pātālatalanimnagāḥ

Übersetzung: Am Ende der Berge [folgen] dreißig Flüsse, jeweils ein Yojana breit. Sie gelten als heißwasserführend und fließen hinab zum Grund von Pātāla.


Erläuterung: Dreißig Flüsse; yojanavistara ist ein Yojana breit, nicht dreißig Yojanas pro Fluss. Yojana wird als traditionelles Entfernungsmaß bewahrt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: punas tadāpagātīre vanaṃ naimerapuṣpakam[112]

punas tadāpagātīre vanaṃ naimerapuṣpakam /
tatra krīḍanti deveśi yoginyo baladarpitāḥ

Übersetzung: Am Ufer jenes Flusses liegt wiederum der Wald Naimerapuṣpaka. Dort spielen, Herrin der Götter, Yoginīs, stolz auf ihre Kraft.


Erläuterung: Naimerapuṣpaka wird als überlieferter Eigenname belassen; keine ungesicherte Identifikation mit einem heutigen Wald.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: vanasya bāhyasya bhūmiḥ sarvataḥ saṃvyavasthitā[112]

vanasya bāhyasya bhūmiḥ sarvataḥ saṃvyavasthitā /
śuṣkā jalavihīnā tu punar bhūmis tu ratnajā

Übersetzung: Ringsum erstreckt sich der Boden außerhalb des Waldes, trocken und ohne Wasser; dann [folgt] ein Boden aus Edelsteinen,


Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: diṅmātaṅgasamākīrṇā samantāt pariśodhitā[112]

diṅmātaṅgasamākīrṇā samantāt pariśodhitā /
vāraṇā bahavo yatra merumandarasannibhāḥ

Übersetzung: erfüllt von den Elefanten der Himmelsrichtungen und ringsum geläutert. Dort sind viele Elefanten, die dem Meru und dem Mandara gleichen.


Erläuterung: Die Himmelsrichtungselefanten sind mythische Weltträger. Meru und Mandara sind Berge als Größenvergleich; „geläutert“ übersetzt pariśodhita, dessen genaue räumliche Bedeutung hier offen bleibt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: tatas tān apy atikramya utthitas tu mahācalaḥ[112]

tatas tān apy atikramya utthitas tu mahācalaḥ /
hariścandra iti khyāto valayākārasaṃsthitaḥ

Übersetzung: Wenn man auch diese hinter sich gelassen hat, erhebt sich ein großer Berg, bekannt als Hariścandra, in der Gestalt eines Ringes.


Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: tatra sannihitā meghāḥ saṃvartādyā mahāravāḥ[112]

tatra sannihitā meghāḥ saṃvartādyā mahāravāḥ

Übersetzung: Dort sammeln sich Wolken wie Saṃvarta und andere mit gewaltigem Getöse.


Erläuterung: Saṃvarta ist ein Name kosmischer Wolken des Weltuntergangs; der Halbvers nennt keine Wetterbeobachtung.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.115–117; mit Auslassungen zitierte Passage; Anfang: punas tad dṛśyate cāṇḍaṃ kāñcanaṃ cātibhāsvaram[112]

punas tad dṛśyate cāṇḍaṃ kāñcanaṃ cātibhāsvaram

Übersetzung: Dann wird jenes goldene, überaus strahlende Weltei sichtbar.


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 8.184

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; mit Auslassungen zitiert; Anfang: ūrdhvaṃ kālānalaṃ nāma brahmāṇḍaṃ dviguṇaṃ sthitam[112]

ūrdhvaṃ kālānalaṃ nāma brahmāṇḍaṃ dviguṇaṃ sthitam /
tāvad yāvac chataṃ pūrṇam aṇḍānāṃ brahmaṇāṃ tathā

Übersetzung: Darüber befindet sich das Brahmā-Weltei namens Kālānala von doppelter Größe. [So geht es weiter,] bis die Zahl hundert an Welteiern und ebenso an Brahmās voll ist.


Erläuterung: Hundert Welteier und hundert Brahmās; die Größenverdopplung gilt in der genannten Reihe. Nicht hundert Millionen aus Abhinavaguptas anderer Zusammenfassung übernehmen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; mit Auslassungen zitiert; Anfang: vṛddhis teṣu smṛtā devi dviguṇā vīravandite[112]

vṛddhis teṣu smṛtā devi dviguṇā vīravandite /
dviguṇaṃ ca bhaved āyuḥ prathamāt padmajanmanaḥ

Übersetzung: Ihre Zunahme gilt als jeweils zweifach, Göttin, von Helden Verehrte. Auch die Lebenszeit verdoppelt sich, ausgehend vom ersten Lotusgeborenen.


Erläuterung: Padmajanman ist Brahmā, der Lotusgeborene. Die Verdopplung der Lebenszeit wird vom ersten aus gerechnet; keine modernen Jahreszahlen im Zitat.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; mit Auslassungen zitiert; Anfang: adhunā saṃpravakṣyāmi aṇḍānāṃ nāmagocaram[112]

adhunā saṃpravakṣyāmi aṇḍānāṃ nāmagocaram /
kāñcanaṃ kālasaṃjñaṃ ca vetālaṃ ca mahodaram

Übersetzung: Nun werde ich den Namensbereich der Welteier darlegen: Kāñcana, das Kāla genannte, Vetāla und Mahodara.


Erläuterung: Nur der Beginn einer Namensliste ist zitiert; die ausgelassenen96Namen werden nicht erfunden.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; mit Auslassungen zitiert; Anfang: gahvaraṃ śatamaṃ viddhi sarveṣām upari sthitam[112]

gahvaraṃ śatamaṃ viddhi sarveṣām upari sthitam

Übersetzung: Erkenne Gahvara als das hundertste, über allen anderen befindliche.


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; Fortsetzung; Anfang: prathamaṃ kāñcanaṃ proktaṃ raukmaṃ caiva dvitīyakam[113]

prathamaṃ kāñcanaṃ proktaṃ raukmaṃ caiva dvitīyakam /
tāmraṃ ca lohajaṃ caiva kramād eva vyavasthitāḥ

Übersetzung: Als erstes ist das goldene [Weltei] genannt, als zweites ebenfalls ein aus Gold bestehendes; [dann] das kupferne und das aus Eisen. So sind sie der Reihe nach angeordnet.


Erläuterung: Raukma bedeutet aus Gold. Dass bereits kāñcana im ersten Glied Gold bezeichnet, ist auffällig. Abhinavaguptas vorangestelltes Referat nennt Silber (rūpya), doch dies ist kein Beleg, die hier gedruckte Lesung zu ersetzen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; Fortsetzung; Anfang: mahākalpe kṣayaṃ yānti sadevās sapitāmahāḥ[113]

mahākalpe kṣayaṃ yānti sadevās sapitāmahāḥ /
antarākṣīyate hy ekaṃ mahākalpaśate śate

Übersetzung: In einem großen Weltalter vergehen sie mit ihren Göttern und ihren Weltschöpfern. Jeweils nach hundert großen Weltaltern geht zwischendurch eines zugrunde,


Erläuterung: Der Übergang von mahākalpa im ersten Halbvers zu je hundert Mahākalpas im zweiten ist nicht vollständig erklärt. Die gestufte Vernichtung wird nicht in einen scheinbar widerspruchsfreien Zeitplan umgerechnet.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 8.184–185; Fortsetzung; Anfang: tāvad yāvat sthitaṃ śeṣaṃ gahvaraṃ tu mahāṇḍakam[113]

tāvad yāvat sthitaṃ śeṣaṃ gahvaraṃ tu mahāṇḍakam /
mahākṣaye kṣayas tasya sāmānyenaiva lupyate

Übersetzung: bis das große Weltei Gahvara als Rest bestehen bleibt. Beim großen Untergang erfolgt auch sein Ende: Es löst sich gemeinsam [mit allem anderen] auf.


Erläuterung: Gahvara ist das zuletzt verbleibende Weltei. Sāmānyena bezeichnet hier die gemeinsame/allgemeine Auflösung; kein zusätzlicher ungenannter metaphysischer Zustand wird eingefügt.

Zitierstelle 15.321

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 15.321–323ab; Anfang: ūrdhvataś ca bhavet padmaṃ vidyeśvaradalacchadam[114]

ūrdhvataś ca bhavet padmaṃ vidyeśvaradalacchadam /
īśvaraṃ karṇikāmūle sadākhyaṃ pretarūpiṇam

Übersetzung: Darüber sei ein Lotus, dessen Blätter die Vidyeśvaras sind. An die Basis des Fruchtbodens [setze man] den Herrn namens Sadā[śiva] in Leichengestalt.


Erläuterung: Vidyeśvaras sind Herren der Vidyās. Karṇikā ist der zentrale Fruchtboden eines Lotus, nicht dessen Blütenblatt. Sadākhya ist der „Sadā Genannte“, hier Sadāśiva. Prāṇa- oder Chakra-Anatomie wird nicht hinzugefügt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 15.321–323ab; Anfang: sārdhākṣaradvayīṃ devīṃ mūrtibhūtāṃ pradāpayet[114]

sārdhākṣaradvayīṃ devīṃ mūrtibhūtāṃ pradāpayet /
svamantroccāramārgeṇa aṅgaṣaṭkasamanvitām

Übersetzung: Man lasse die Göttin als verkörperte sārdhākṣaradvayī — wohl „zweieinhalb Laute“ — gegenwärtig werden, auf dem Weg des Hervorbringens des eigenen Mantra, versehen mit den sechs Gliedern.


Erläuterung: Der gedruckte Text hat sārdhākṣaradvayīṃ, wörtlich naheliegend eine um eine Hälfte vermehrte Zweizahl von Lauten. T1999 S.224–225 diskutiert die abweichende Worttrennung und Jayarathas Lesung sārdhākṣarāṃ; die Identifikation mit Aparā wird dort begründet, während eine andere Lesung auf zwei Gestalten, Mātṛkā und Mālinī, bezogen werden könnte. Daher wird die Lautzahl nicht als zweifelsfrei oder als ausgeschriebene Formel ausgegeben. Die6Glieder sind Ritualglieder, keine sechs menschlichen Gliedmaßen. Gezielte externe Termsuche erbrachte keine zusätzliche belastbare Klärung; Leittext unverändert.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 15.321–323ab; Anfang: ūrdhvatas tu parāṃ devīṃ paratvena pradāpayet[114]

ūrdhvatas tu parāṃ devīṃ paratvena pradāpayet /
tatas tu gandhapuṣpais tu dīpadhūpapavitrakaiḥ

Übersetzung: Darüber lasse man die Göttin Parā in ihrer höchsten Natur gegenwärtig werden. Dann [verehre man] mit Duftstoffen und Blumen, mit Licht, Räucherwerk und Pavitra-Schnüren,


Erläuterung: Paratvena meint die höchste Natur der Göttin. Pavitra bezeichnet hier rituelle Reinigungs- bzw. Weihefäden oder Schnüre. Die Aufzählung wird im anschließenden Halbvers fortgesetzt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 15.321–323ab; Anfang: vastrai ratnādibhir bhaktyā pūjayeta vidhānavit[114]

vastrai ratnādibhir bhaktyā pūjayeta vidhānavit

Übersetzung: mit Gewändern, Edelsteinen und anderem; wer die Vorschrift kennt, verehre mit Hingabe.


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle Netra18.119

Kṣemarāja, Netratantroddyota zu 18.119ab laut T1999 S. 226; derselbe Beleg S. 227 als zu 18.118 bezeichnet. Auch Tantrāloka 24.6–10ab.; Anfang: antimam tu bhavet pūrvaṃ tat kṛtvāntimam ādikam[115]

antimam tu bhavet pūrvaṃ tat kṛtvāntimam ādikam /
sambhṛtyaikaikam iṣṭir yā sāntyeṣṭir dvitayī matā

Übersetzung: Das Letzte soll zuerst sein; nachdem man dies getan hat, [mache man] das Erste zum Letzten. Die Opferhandlung, bei der man jedes Einzelne zusammenfasst, gilt als die zweifache letzte Opferhandlung, Antyeṣṭi.


Erläuterung: Die Umkehrung von Anfang und Ende wird wörtlich bewahrt. Welche einzelnen Schritte gemeint sind, lässt der Auszug offen. Antyeṣṭi ist das letzte Opfer bzw. Totenritual; dvitayī bezeichnet seine Zweifachheit, ohne sie hier vollständig zu erläutern.

Kṣemarāja, Netratantroddyota zu 18.119ab laut T1999 S. 226; derselbe Beleg S. 227 als zu 18.118 bezeichnet. Auch Tantrāloka 24.6–10ab.; Anfang: pūjādhyānajapapluṣṭasamaye na tu sādhake[115]

pūjādhyānajapapluṣṭasamaye na tu sādhake /
piṇḍapātād ayaṃ muktaḥ khecaro vā bhavet priye

Übersetzung: Jedoch nicht [vollziehe man sie] bei einem Sādhaka, dessen Verpflichtungen durch Verehrung, Meditation und Rezitation verbrannt sind. Beim Fallen seines Körpers wird dieser befreit oder ein Khecara, Geliebte.


Erläuterung: Die Negation betrifft im Zusammenhang die Notwendigkeit der Antyeṣṭi, nicht die Befreiung. Samaya sind rituelle Verpflichtungen bzw. Bindungen; „verbrannt“ bezeichnet ihre Aufhebung durch Praxis, keine Flammenverletzung. Khecara ist ein im Luftraum Beweglicher, eine übermenschliche Verwirklichungsstellung. Piṇḍapāta ist hier der Tod, das Abfallen des Körpers.

Kṣemarāja, Netratantroddyota zu 18.119ab laut T1999 S. 226; Fortsetzung S. 227. Parallel Tantrāloka 24.6–10ab; kein zusätzlicher Doppelbestand.; Anfang: ācārye tattvasampanne yatra tatra mṛte sati[116]

ācārye tattvasampanne yatra tatra mṛte sati /
antyeṣṭir naiva vidyeta śuddhacetasya mūrdhani

Übersetzung: Wenn ein in der Wirklichkeit vollendeter Ācārya gestorben ist, wo auch immer, gibt es keine Antyeṣṭi für den reinen Sinnes; „am Haupt“ [der genaue Satzanschluss ist unklar].


Erläuterung: Mūrdhani („am Haupt/auf dem Scheitel“) lässt sich im erhaltenen Satz nicht sicher einordnen. Nicht als zusätzliche Anweisung zur Behandlung eines Leichnams ausgeführt. Die Ausnahme für den verwirklichten, reinen Ācārya bleibt erkennbar.

Kṣemarāja, Netratantroddyota zu 18.119ab laut T1999 S. 226; Fortsetzung S. 227. Parallel Tantrāloka 24.6–10ab; kein zusätzlicher Doppelbestand.; Anfang: mantrayogādibhir ye tu māritā narakeṣu te[116]

mantrayogādibhir ye tu māritā narakeṣu te /
kāryā teṣām ihāntyeṣṭir guruṇātikṛpālunā

Übersetzung: Die durch Mantras, Yoga und Ähnliches Getöteten befinden sich in Höllen. Für sie soll hier ein überaus mitfühlender Guru die Antyeṣṭi vollziehen.


Erläuterung: Die Stelle betrifft Menschen, die nach historischer Vorstellung durch okkulte Mittel getötet wurden, und fordert das mitfühlende Totenritual. Sie enthält keine Tötungsanweisung. Die alternative Nummerierung Netratantra18.118/18.119 im Quellenverzeichnis ist dokumentiert; derselbe Beleg wird nicht doppelt gezählt.

Zitierstelle 23.29

Tantrāloka 23.29–30, ausdrücklich als Siddhatantra-Text angeführt; Jayaratha bestätigt tatratyam eva grantham paṭhati; Anfang: yathārtham upadeśaṃ tu kurvann ācārya ucyate[116]

yathārtham upadeśaṃ tu kurvann ācārya ucyate /
na cāvajñā kriyākāle saṃsāroddharaṇaṃ prati

Übersetzung: Wer eine der Wirklichkeit entsprechende Unterweisung erteilt, wird Ācārya genannt. Beim Vollzug des Rituals zur Herausführung aus dem Daseinskreislauf darf es keine Geringschätzung geben.


Erläuterung: Ācārya wird durch sachgemäße Unterweisung und den befreienden Ritualvollzug bestimmt. Saṃsāroddharaṇa ist das Herausheben aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.

Zitierstelle 23.30

Tantrāloka 23.29–30, ausdrücklich als Siddhatantra-Text angeführt; Jayaratha bestätigt tatratyam eva grantham paṭhati; Anfang: na dīkṣeta guruḥ śiṣyaṃ tattvayuktas tu garvataḥ[116]

na dīkṣeta guruḥ śiṣyaṃ tattvayuktas tu garvataḥ /
yo ’sya syān narake vāsa iha ca vyādhito bhavet

Übersetzung: Wenn ein Guru, mit der Wirklichkeit verbunden, aus Stolz einen Schüler nicht einweiht, wird sein Aufenthalt in der Hölle sein; schon hier wird er von Krankheit betroffen.


Erläuterung: Der nichtklassische Satz wird mit dem Kontext als Verurteilung einer aus Stolz verweigerten Einweihung verstanden; na dīkṣeta ist hier keine allgemeine Aufforderung, nicht einzuweihen. Krankheit und Hölle sind behauptete Folgen im Text, keine heutige Krankheitsdeutung.

Zitierstelle 25.2

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 25.2ab; zwei durch Auslassung getrennte Teilzitate; Anfang: mṛtakasya gṛhe vātha kartavyaṃ vīrabhojanam[117]

mṛtakasya gṛhe vātha kartavyaṃ vīrabhojanam

Übersetzung: Oder im Haus des Verstorbenen soll eine Speisung der Vīras stattfinden.


Erläuterung: Halbvers aus einem Auszug über Totenverehrung; Vīras sind die tantrischen Helden bzw. entsprechend qualifizierten Praktizierenden. Welche Speisen gereicht werden, steht in diesem Halbvers nicht.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 25.2ab; zwei durch Auslassung getrennte Teilzitate; Anfang: śrāddhapakṣe tu dātavyam[117]

śrāddhapakṣe tu dātavyam

Übersetzung: Zur Zeit des Śrāddha soll [es] gegeben werden.


Erläuterung: Nur ein Versfuß. Das Gegebene und der genaue Bezug von pakṣa bleiben im Auszug offen; Śrāddha ist das Totengedenk- bzw. Ahnenritual.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 27.25

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: ādau tāvat parīkṣeta kapālaṃ lakṣaṇānvitam[118]

ādau tāvat parīkṣeta kapālaṃ lakṣaṇānvitam /
ekakhaṇḍe dvikhaṇḍe vā trikhaṇḍe vā suśobhane

Übersetzung: Zuerst prüfe man einen Schädel, der die [geeigneten] Merkmale besitzt: sehr schön, mit einem, zwei oder drei Teilen,


Erläuterung: Historische Eignungsprüfung eines Schädels als Ritualgegenstand. Khaṇḍa bedeutet Teil/Segment; welche anatomischen Grenzen gemeint sind, wird nicht zusätzlich festgelegt. Satz geht bis zum nächsten Zitat weiter.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: catuṣkhaṇḍe gomukhe pūrṇacandrasamaprabhe[118]

catuṣkhaṇḍe gomukhe pūrṇacandrasamaprabhe /
padmābhe rocanābhe vā nīrābhe mauktikaprabhe

Übersetzung: mit vier Teilen, von der Form eines Kuhgesichts, so strahlend wie der Vollmond; lotusfarben oder von der Farbe der Rocanā, wasserhell oder wie eine Perle leuchtend,


Erläuterung: Rocanā ist ein gelber Farbstoff; nīrābha heißt wasserähnlich/hell, nicht nīlābha („blau“). Gomukha bedeutet kuhgesichtig; die genaue Gegenstandsform bleibt die des Textes.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: pravālābhendranīlābhe śuddhasphaṭikasannibhe[118]

pravālābhendranīlābhe śuddhasphaṭikasannibhe /
vidyārekhāsamayukte ekarandhre dvirandhrake

Übersetzung: korallenfarben oder saphirblau, einem reinen Bergkristall gleichend; mit Vidyā-Linien versehen, mit einer oder zwei Öffnungen


Erläuterung: Vidyā-Linien sind hier als Eignungsmerkmal genannte Linien; keine neu erfundenen magischen Zeichen. Indranīla bezeichnet Saphir. Die Öffnungszahl läuft in der nächsten Position weiter.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: tricatuṣpañcake vātha kartavyaṃ śubhalakṣaṇam[118]

tricatuṣpañcake vātha kartavyaṃ śubhalakṣaṇam /
rūkṣe jarjarite krūre vakre dīrghe kṛśodari

Übersetzung: oder auch mit drei, vier oder fünf, soll er glückverheißende Merkmale aufweisen. Bei einem rauen, zerfallenden, schrecklichen, gekrümmten, länglichen oder im Inneren engen [Schädel],


Erläuterung: Die Reihe der Öffnungen ist1,2,3,4,5; die Teilezahl zuvor1–4. Die Ausschlussmerkmale enden erst mit dem folgenden Verbot.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: bindubhiḥ khacite nimne na kadācit kṛtiṃ kuru[118]

bindubhiḥ khacite nimne na kadācit kṛtiṃ kuru /
jñātvā lakṣaṇasaṃśuddhaṃ kapālaṃ sarvakāmikam

Übersetzung: der mit Punkten übersät oder eingesenkt ist, führe niemals die Arbeit aus. Nachdem man einen durch seine Merkmale geeigneten, alle Wünsche erfüllenden Schädel erkannt hat,


Erläuterung: Na kadācit: niemals. Sarvakāmika ist die dem geeigneten Gegenstand zugeschriebene Wunscherfüllung, kein geprüftes Wirkungsversprechen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: tatra cordhvapuṭe kāryā pratimā yā manaḥsthitā[118]

tatra cordhvapuṭe kāryā pratimā yā manaḥsthitā /
turyāṃśe tu kṛte kṣetre tadante vṛttam ālikhet

Übersetzung: soll auf seiner oberen Wölbung das im Geist gegenwärtige Bild angebracht werden. Nachdem ein Viertel als Feld bestimmt wurde, zeichne man an dessen Rand einen Kreis.


Erläuterung: Turyāṃśa: ein Viertel. Ūrdhvapuṭa ist die obere Wölbung bzw. Schale; der genaue technische Zuschnitt ist nicht im Auszug erläutert. Keine Beschaffungs- oder moderne Bearbeitungsanleitung ergänzt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: vṛttānte tu punar vṛttaṃ punar madhyaṃ tribhāgikam[118]

vṛttānte tu punar vṛttaṃ punar madhyaṃ tribhāgikam /
tasya madhye punaḥ padmaṃ jñātvā cakre yathā tathā

Übersetzung: Am Rand des Kreises [zeichne man] wiederum einen Kreis; dann [gliedere man] die Mitte dreifach. In deren Mitte wiederum [setze man] einen Lotus, wie man es vom Cakra her kennt.


Erläuterung: Die dreifache Gliederung der Mitte wird nicht zu einem ungesicherten geometrischen Plan ausgearbeitet. Cakra bezeichnet den rituellen Kreis bzw. sein bekanntes Schema.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 27.25–28ab; direktes Zitat; Anfang: madhye devīṃ ca vā devaṃ yoginībhiḥ parīvṛtam[118]

madhye devīṃ ca vā devaṃ yoginībhiḥ parīvṛtam /
ślakṣṇayā vajrasūcyā ca kāryā caivāṅgakalpanā

Übersetzung: In die Mitte [setze man] die Göttin oder den Gott, von Yoginīs umgeben. Mit einer feinen Vajra-Nadel soll die Ausgestaltung der Glieder ausgeführt werden.


Erläuterung: Göttin ODER Gott sind ausdrücklich Alternativen. Vajrasūcī ist eine harte bzw. diamantene Nadel zum Einritzen; keine Selbstverletzung und kein menschlicher Körper als Arbeitsfläche. Aṅgakalpanā ist die Ausgestaltung der Figuren- bzw. Ritualglieder.

Zitierstelle 28.93

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.93cd–96ab; direktes Zitat; Anfang: atra pātravidhir nāsti tataḥ kuryād amuṃ vidhim[119]

atra pātravidhir nāsti tataḥ kuryād amuṃ vidhim /
bhadraṃ vellitaśuktir vā pānaṃ vai tatra śasyate

Übersetzung: Hier besteht keine Gefäßvorschrift; deshalb vollziehe man dieses Verfahren: Das Trinken mittels Bhadra oder Vellitaśukti wird hier empfohlen.


Erläuterung: Der zitierte Wortlaut sagt pātravidhir nāsti; Abhinavaguptas Referat erklärt den Zusammenhang als fehlendes Trinkgefäß. Die Namen bezeichnen Handgesten, die ein Gefäß bilden. Was getrunken wird, ist in diesem Auszug nicht ausdrücklich genannt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.93cd–96ab; direktes Zitat; Anfang: dakṣiṇena bhaved bhadraṃ hastena parameśvari[119]

dakṣiṇena bhaved bhadraṃ hastena parameśvari /
dvābhyāṃ caiva tu kartavyā velliśuktir mahāphalā

Übersetzung: Bhadra wird mit der rechten Hand gebildet, höchste Herrin. Mit beiden Händen soll die Velliśukti gebildet werden, die große Frucht gewährt.


Erläuterung: Rechts und beide Hände ausdrücklich unterschieden. Vellitaśukti/Velliśukti/Velliśakti sind die unterschiedlichen Formen im Zitat; sie werden nicht stillschweigend harmonisiert.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.93cd–96ab; direktes Zitat; Anfang: dakṣiṇe yā kaniṣṭhā tāṃ kṛtvā vāmasya copari[119]

dakṣiṇe yā kaniṣṭhā tāṃ kṛtvā vāmasya copari /
hastasya tu varārohe tarjanyaṅguṣṭhayogataḥ

Übersetzung: Den kleinen Finger der rechten Hand lege man über die linke Hand, Anmutige, unter Verbindung von Zeigefinger und Daumen,


Erläuterung: Rechter kleiner Finger oberhalb der linken Hand; der genaue Verlauf der Verbindung von Daumen und Zeigefinger bleibt knapp. Keine modern ergänzte Schrittfolge oder Grafik.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.93cd–96ab; direktes Zitat; Anfang: kṛtvā vāmasya cāṅgulyo dakṣiṇādho vyavasthitāḥ[119]

kṛtvā vāmasya cāṅgulyo dakṣiṇādho vyavasthitāḥ /
niḥsandhi velliśaktiṃ tu kṛtvā pānaṃ prasiddhyati

Übersetzung: während die Finger der linken Hand unter der rechten angeordnet sind. Nachdem man die Velliśakti ohne Spalt gebildet hat, gelingt das Trinken.


Erläuterung: Linke Finger unter der rechten Hand; niḥsandhi bedeutet ohne Fuge/Spalt. Der gedruckte Name hat hier śakti, nicht śukti.

Zitierstelle 28.102

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.102–104ab; Anfang; Anfang: prathame mūrtiyāge tu veśma jānanti sādhake[119]

prathame mūrtiyāge tu veśma jānanti sādhake /
dvitīye tasya sāmarthyaṃ tṛtīye tu balābalam

Übersetzung: Beim ersten Mūrtiyāga erkennen [die Mütter] das Haus des Praktizierenden, beim zweiten seine Befähigung, beim dritten seine Stärke und Schwäche.


Erläuterung: Mūrtiyāga ist die Verehrung verkörperter Gottheiten. Erstes, zweites usw. bezeichnen sieben Vollzüge, keine sieben Tage. Subjekt sind die Mütter, die im nächsten Vers ausdrücklich genannt werden.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.102–104ab; Anfang; Anfang: caturthe vismayaṃ yānti devi tā mātaraḥ svayam[119]

caturthe vismayaṃ yānti devi tā mātaraḥ svayam /
pañcame tasya gatvā tu viśanti gṛhamadhyataḥ

Übersetzung: Beim vierten geraten jene Mütter selbst in Staunen, Göttin. Beim fünften gehen sie zu ihm und treten in das Innere seines Hauses.


Erläuterung: Die Textaussage beschreibt eine wirkliche Begegnung innerhalb ihres religiösen Weltbildes. Sie wird weder als empirische Garantie noch als bloße psychologische Allegorie ausgegeben.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.102–104ab; Schluss; Anfang: ṣaṣṭhe tu prītim āyānti saptame tu varapradāḥ[120]

ṣaṣṭhe tu prītim āyānti saptame tu varapradāḥ /
vāñchitaṃ tasya dāsyanti āyur ārogyasampadaḥ

Übersetzung: Beim sechsten werden sie erfreut, beim siebten schenken sie Wunschsegen. Sie werden ihm das Gewünschte geben: Lebensdauer, Gesundheit und Wohlergehen.


Erläuterung: Die Folge1–7 ist vollständig erhalten. Lebensdauer, Gesundheit und Wohlergehen sind zugeschriebene Gaben; kein heutiges Heilversprechen.

Zitierstelle 28.106

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.106cd–111; Schluss nur teilweise zitiert; Anfang: navamī rohiṇīyoge puṣye caiva caturdaśī[120]

navamī rohiṇīyoge puṣye caiva caturdaśī /
haste ca pañcamī jñeyā mūle tu dvādaśī bhavet

Übersetzung: Der neunte Mondtag [ist geeignet] in Verbindung mit Rohiṇī, bei Puṣya der vierzehnte. Bei Hasta erkenne man den fünften, bei Mūla den zwölften.


Erläuterung: Mondtage (Tithis) und Mondstationen (Nakṣatras) werden kombiniert:9/Rohiṇī,14/Puṣya,5/Hasta,12/Mūla. Keine Umrechnung in ungesicherte Kalenderdaten.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.106cd–111; Schluss nur teilweise zitiert; Anfang: śravaṇe pratipat siddhā caturthī cottarātraye[120]

śravaṇe pratipat siddhā caturthī cottarātraye /
pūrvāsu siddhidā ṣaṣṭhī māghāsu punar aṣṭamī

Übersetzung: Bei Śravaṇa ist der erste Mondtag wirksam, bei den drei Uttarā-Sternhäusern der vierte; bei den Pūrvā-Sternhäusern gewährt der sechste Verwirklichung, bei Māghā wiederum der achte.


Erläuterung: Die drei Uttarā-Stationen sind eine genannte Gruppe, nicht drei verschiedene vierte Mondtage. Die Form māghāsu bleibt erhalten; gemeint ist im Kontext die Mondstation Maghā, nicht sicher der Kalendermonat Māgha.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.106cd–111; Schluss nur teilweise zitiert; Anfang: aśvinyāṃ pūrṇimā jñeyā vasunā saptamī smṛtā[120]

aśvinyāṃ pūrṇimā jñeyā vasunā saptamī smṛtā /
dhaniṣṭhāyām amāvāsyā jñātvā caivaṃ varānane

Übersetzung: Bei Aśvinī erkenne man den Vollmond, bei Vasu ist der siebte Mondtag genannt, bei Dhaniṣṭhā der Neumond. Nachdem man dies erkannt hat, Schöngesichtige,


Erläuterung: Vasu wird im gedruckten Grundtext belassen. Abhinavaguptas Referat nennt an entsprechender Stelle Punarvasu; dies kann die Bezeichnung erläutern, ersetzt aber die Lesung nicht. Vollmond und Neumond nicht vertauschen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 28.106cd–111; Schluss nur teilweise zitiert; Anfang: some śukre tathāditye budhe caivātha lohite[120]

some śukre tathāditye budhe caivātha lohite /
kartavyaṃ vāragaṇanam <…>

Übersetzung: soll man die Zählung der Wochentage vornehmen: am Mondtag, am Venustag, am Sonnentag, am Merkurtag und am Tag des Roten [Mars] … [Auszug bricht ab].


Erläuterung: Die genannten Planetentage entsprechen Montag, Freitag, Sonntag, Mittwoch und Dienstag, in dieser Reihenfolge. Lohita („der Rote“) bezeichnet Mars. Der Schluss ist nicht vollständig zitiert; keine vollständige astronomische Berechnungsregel behauptet.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 30.25

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: praṇave bhairavo devaḥ karṇikāyāṃ vyavasthitaḥ[121]

praṇave bhairavo devaḥ karṇikāyāṃ vyavasthitaḥ /
akāre utphullanayanā ghokāre pīnapayodharā

Übersetzung: Beim Praṇava befindet sich Gott Bhairava im Fruchtboden [des Lotus]; beim Laut a Utphullanayanā, die mit weit geöffneten Augen, beim Laut gho Pīnapayodharā, die mit vollen Brüsten.


Erläuterung: Praṇava ist hier nur benannt. Das Zitat ordnet Laute Gottheiten zu, es schreibt keine zusammenhängende Rezitationsformel aus. Bhairava bildet die Mitte; die folgenden weiblichen Namen bezeichnen die weiteren Figuren.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: rekāre tvaṣṭṛrūpā tu hrīḥkāre vyāghrarūpikā[121]

rekāre tvaṣṭṛrūpā tu hrīḥkāre vyāghrarūpikā /
pakāre siṃharūpā tu rakāre pānaniratā

Übersetzung: Beim Laut re [steht] Tvaṣṭṛrūpā, die von der Gestalt des göttlichen Formers; beim Laut hrīḥ Vyāghrarūpikā, die tigergestaltige; bei pa Siṃharūpā, die löwengestaltige; bei ra Pānaniratā, die dem Trinken hingegebene.


Erläuterung: Hrīḥ trägt Visarga. Tvaṣṭṛ ist der göttliche Former. Pāna bedeutet Trinken, ohne hier ein Getränk zu benennen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: tataś caiva kramāyātā makāre rākṣasī tathā[121]

tataś caiva kramāyātā makāre rākṣasī tathā /
ghokāre māṃsabhakṣī tu rekāre tu raṇāśinī

Übersetzung: Dann folgt der Reihe nach beim Laut ma Rākṣasī; bei gho Māṃsabhakṣī, die Fleischesserin; bei re Raṇāśinī, die im Kampf Fressende.


Erläuterung: Die Charakterisierung der Gottheiten enthält ausdrücklich Fleischverzehr. Raṇāśinī lässt sich als im Kampf Fressende deuten; der Name wird nicht zu einer freundlichen Allegorie verändert.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: retovāhā ca huṃkāre ghokāre nirbhayā smṛtā[121]

retovāhā ca huṃkāre ghokāre nirbhayā smṛtā /
rakāre ghoradaśanā rūkāre rururundhatī

Übersetzung: Beim Laut huṃ [steht] Retovāhā, die Samentragende; bei gho gilt Nirbhayā, die Furchtlose; bei ra Ghoradaśanā, die mit schrecklichen Zähnen; bei rū Rururundhatī.


Erläuterung: Huṃ ist hier kurz, rū lang. Retas bedeutet Samen bzw. Zeugungsflüssigkeit. Rururundhatī kann „die Ruru Hemmende/Bindende“ bedeuten; der Bezug von Ruru bleibt offen.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: kramenaitās tu vinyasya pekāre priyavādinī[121]

kramenaitās tu vinyasya pekāre priyavādinī /
haḥkāre ugrarūpā tu ghokāre nagnarūpiṇī

Übersetzung: Nachdem man diese der Reihe nach eingesetzt hat, [folgt] beim Laut pe Priyavādinī, die freundlich Redende; bei haḥ Ugrarūpā, die wildgestaltige; bei gho Nagnarūpiṇī, die nackt Erscheinende.


Erläuterung: Pe, haḥ, gho sind die tatsächlich genannten Laute. Haḥ trägt Visarga; keine Änderung zu haṃ.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: rakāre raktanetrī tu mukāre caṇḍarūpiṇī[121]

rakāre raktanetrī tu mukāre caṇḍarūpiṇī /
khikāre pakṣirūpā tu bhīkāre bharaṇojjvalā

Übersetzung: Beim Laut ra [steht] Raktanetrī, die Rotäugige; bei mu Caṇḍarūpiṇī, die von heftiger Gestalt; bei khi Pakṣirūpā, die vogelgestaltige; bei bhī Bharaṇojjvalā.


Erläuterung: Mu, khi und bhī mit ihren konkreten Vokallängen. Bharaṇojjvalā ist nicht sicher zu deuten; die Lesung enthält nicht das vollständige Wort ābharaṇa („Schmuck“), daher keine sichere Übersetzung als schmuckstrahlend.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: makāre maraṇī proktā bhīkāre ca śivā smṛtā[121]

makāre maraṇī proktā bhīkāre ca śivā smṛtā /
vinyasyaitāḥ kramāyātāḥ sakāre śākinī smṛtā

Übersetzung: Beim Laut ma ist Maraṇī, die Tötende, genannt; bei bhī gilt Śivā, die Heilvolle. Nachdem man diese in ihrer Reihenfolge eingesetzt hat, gilt beim Laut sa Śākinī.


Erläuterung: Maraṇī ist die Tötende bzw. den Tod Bringende. Dies ist eine Gottheitencharakterisierung, keine Anleitung zur Schädigung. Śākinī bleibt ein Name.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: ṇekāre yantralehā tu yakāre vaśakārikā[121]

ṇekāre yantralehā tu yakāre vaśakārikā /
makāre kāladamanā pikāre piṅgalī smṛtā

Übersetzung: Beim Laut ṇe [steht] Yantralehā; bei ya Vaśakārikā, die Unterwerfende; bei ma Kāladamanā, die Bezwingerin der Zeit; bei pi gilt Piṅgalī, die Gelbbraune.


Erläuterung: Retroflexes ṇ in ṇe. Yantralehā ist ein nicht näher erklärter Name, möglicherweise mit Yantra und Lecken verbunden. Vaśakārikā bezeichnet Unterwerfung; keine heutige Praxisanweisung daraus abgeleitet.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: vakāre vardhanī caiva hekāre himaśītalā[121]

vakāre vardhanī caiva hekāre himaśītalā /
rukmiṇī ca rukāreṇa rukāreṇa halāyudhā

Übersetzung: Beim Laut va [steht] Vardhanī, die Mehrende; bei he Himaśītalā, die schneekühle; bei ru Rukmiṇī und bei ru Halāyudhā, die mit dem Pflug Bewaffnete.


Erläuterung: Ru wird zweimal kurz genannt und zwei Gottheiten zugeordnet. Keine stillschweigende Änderung eines der beiden Laute zu rū. Halāyudhā trägt den Pflug als Waffe; kein männlicher Gott wird anstelle der Göttin eingesetzt.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: vahnirūpā rakāreṇa tejorūpā rakārajā[121]

vahnirūpā rakāreṇa tejorūpā rakārajā /
phakāre yonirūpā tu ṭakāre pararūpiṇī

Übersetzung: Durch den Laut ra [steht] Vahnirūpā, die feuergestaltige; aus ra entsteht Tejorūpā, die glanzgestaltige. Beim Laut pha [steht] Yonirūpā, die von der Gestalt des Ursprungsschoßes; bei ṭa Pararūpiṇī, die von höchster Gestalt.


Erläuterung: Ra wird zweimal genannt. Yoni kann Ursprungsschoß und weibliches Geschlechtsorgan bedeuten; der körperliche Sinn wird nicht ausgeschlossen. Ṭa ist retroflex.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 30.25cd–26ab; Zuordnung der Lautbestandteile, kein ununterbrochener Rezitationstext; Anfang: huṃkāre hutavāhākhyā haḥkāre varadāyikā[121]

huṃkāre hutavāhākhyā haḥkāre varadāyikā /
phakāreṇa mahāraudrā ṭakāre pāśadāyikā

Übersetzung: Beim Laut huṃ [steht] die Hutavāhā Genannte, die Feuertragende; bei haḥ Varadāyikā, die Wunschsegen Schenkende; durch pha Mahāraudrā, die überaus Schreckliche; bei ṭa Pāśadāyikā, die Fesseln Gebende.


Erläuterung: Wieder huṃ kurz, haḥ mit Visarga, pha und ṭa getrennt zugeordnet. Die40Zuordnungen des gesamten Auszugs umfassen Bhairava und39weibliche Gestalten; wiederholte Lautwerte bleiben erhalten.

Zitierstelle 31.7

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 31.7cd–9ab; Einleitung und durch Kommentarsignale getrennte Listenauszüge; Anfang: adhunā maṇḍalaṃ pīṭhaṃ kathyamānaṃ śṛṇu priye[122]

adhunā maṇḍalaṃ pīṭhaṃ kathyamānaṃ śṛṇu priye /
maṇḍalānāṃ śataṃ proktaṃ siddhatantre varānane

Übersetzung: Höre nun, Geliebte, wie der Maṇḍala-Sitz beschrieben wird. Im Siddhatantra sind hundert Maṇḍalas genannt, Schöngesichtige.


Erläuterung: Der Text behauptet hundert Maṇḍalas; der Kommentar zitiert nur Einleitung, einzelne Namen aus Anfang/Mitte und den Schluss. Keine vollständige Hunderterliste liegt vor.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 31.7cd–9ab; Einleitung und durch Kommentarsignale getrennte Listenauszüge; Anfang: teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi śṛṇuṣvaikāgramānasā[122]

teṣāṃ nāmāni vakṣyāmi śṛṇuṣvaikāgramānasā /
maṇḍalānāṃ varārohe śataṃ yāvad anukramāt

Übersetzung: Ich werde ihre Namen nennen; höre mit gesammelt ausgerichtetem Geist. [Ich nenne] der Reihe nach bis zu hundert Maṇḍalas, Anmutige:


Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 31.7cd–9ab; Einleitung und durch Kommentarsignale getrennte Listenauszüge; Anfang: hāhāravaṃ ghanaṃ ruddhaṃ sāmayaṃ citrakaṇṭakam[122]

hāhāravaṃ ghanaṃ ruddhaṃ sāmayaṃ citrakaṇṭakam

Übersetzung: Hāhārava, Ghana, Ruddha, Sāmaya und Citrakaṇṭaka …


Erläuterung: Namen von Maṇḍalas, keine Rezitationsformeln. Die Auslassung gehört zur Zitatauswahl des Kommentars, nicht zu einer behaupteten Handschriftenlücke.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 31.7cd–9ab; Einleitung und durch Kommentarsignale getrennte Listenauszüge; Anfang: madhyaśūlaṃ tritriśūlaṃ navaśūlaṃ tathaiva ca[122]

madhyaśūlaṃ tritriśūlaṃ navaśūlaṃ tathaiva ca

Übersetzung: Madhyaśūla, Tritriśūla und ebenso Navaśūla …


Erläuterung: Die Namen weisen auf einen mittleren Dreizack, dreifache Dreizackanordnung und neun Dreizacke hin. Die genauen Geometrien sind in diesem Halbvers nicht angegeben.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayaratha, Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 31.7cd–9ab; Einleitung und durch Kommentarsignale getrennte Listenauszüge; Anfang: aśvamedhasamāyuktaṃ maṇḍalānāṃ śataṃ matam[122]

aśvamedhasamāyuktaṃ maṇḍalānāṃ śataṃ matam

Übersetzung: Mit dem Aśvamedha [zusammen] gilt die Zahl der Maṇḍalas als hundert.


Erläuterung: Aśvamedha ist hier der abschließende Maṇḍala-Name; aus seiner wörtlichen Bedeutung „Pferdeopfer“ folgt keine im Auszug belegte Opferhandlung. Die Zahl100 bezeichnet den Gesamtbestand, nicht die hier erhaltene Zahl der Namen.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 36.1

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: bhairavād bhairavīṃ prāptaṃ siddhayogīśvarīmatam[123]

bhairavād bhairavīṃ prāptaṃ siddhayogīśvarīmatam /
tataḥ svacchandadevena svacchandāl lakulena tu

Übersetzung: Von Bhairava gelangte das Siddhayogīśvarīmata zu Bhairavī; danach [wurde es] vom Gott Svacchanda [empfangen], von Svacchanda wiederum durch Lakula.


Erläuterung: Mythische Überlieferung, keine historische Autorenliste. Die Kasus wechseln nichtklassisch zwischen Empfänger und Übermittler; die Reihenfolge ist Bhairava–Bhairavī–Svacchanda–Lakula. Die Titelvariante yogīśvarī bleibt bewahrt.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: lakuleśād anantena anantād gahanādhipam[123]

lakuleśād anantena anantād gahanādhipam /
gahanādhipater devi deveśaṃ tu pitāmaham

Übersetzung: Von Lakuleśa [wurde es] durch Ananta [empfangen], von Ananta [gelangte es] zum Herrn des Gahana; vom Herrn des Gahana, Göttin, zum Götterherrn Pitāmaha.


Erläuterung: Lakuleśa nimmt Lakula auf; Gahanādhipa ist der Herr des Gahana, dessen genaue Identität im Auszug nicht erläutert wird. Pitāmaha ist Brahmā.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: pitāmahena indrasya indreṇāpi bṛhaspateḥ[123]

pitāmahena indrasya indreṇāpi bṛhaspateḥ /
koṭihrāsāc chrutaṃ sarvaiḥ svacchandādyair mahābalaiḥ

Übersetzung: Durch Pitāmaha [gelangte es] zu Indra und durch Indra zu Bṛhaspati. Von allen überaus Mächtigen, angefangen mit Svacchanda, wurde es mit [jeweiliger] Verringerung um eine Koṭi gehört.


Erläuterung: Koṭi=10000000. Hrāsa bedeutet Verringerung, nicht Teilung durch diese Zahl. Der genaue Anfangsumfang und jeder Einzelschritt werden aus diesem Auszug nicht rechnerisch rekonstruiert. Vāsava im späteren Vers ist Indra.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: śeṣaṃ kumārikādvīpe bhaviṣyati gṛhe[123]

śeṣaṃ kumārikādvīpe bhaviṣyati gṛhe

Übersetzung: Der Rest wird auf Kumārikādvīpa in einem Haus sein …


Erläuterung: Ein Fragment mit offenem Hausbezug; weder Eigentümer noch genauer heutiger Ort werden ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: tatra bṛhaspatiḥ śrīmāṃs tasmin vyākhyām athārabhe[123]

tatra bṛhaspatiḥ śrīmāṃs tasmin vyākhyām athārabhe

Übersetzung: Dort begann der ruhmreiche Bṛhaspati eine Auslegung dazu.


Erläuterung: Ārabhe ist eine nichtklassische Form für den Beginn durch Bṛhaspati; kein Wechsel zum modernen Übersetzer als Sprecher. Das Bezugsobjekt ist die überlieferte Lehre.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: dakṣaś caṇḍo hariścandī pramatho bhīmamanmathau[123]

dakṣaś caṇḍo hariścandī pramatho bhīmamanmathau /
śakuniḥ sumatir nando gopālo ’tha pitāmahaḥ

Übersetzung: Dakṣa, Caṇḍa, Hari und Candī, Pramatha, Bhīma und Manmatha, Śakuni, Sumati, Nanda, Gopāla und Pitāmaha:


Erläuterung: Hariścandī wird als Sandhi hariś candī, also Hari und Candī, getrennt; dadurch ergeben sich zwölf Namen. Diese Formen werden nicht in die abweichenden Namen Hara/Śauṇḍī der Kurzfassung21umgeschrieben. Bhīmamanmathau ist eindeutig ein Dual: Bhīma und Manmatha.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: śrutvā tantram idaṃ devi gatā yogīśvarīmatam[123]

śrutvā tantram idaṃ devi gatā yogīśvarīmatam /
koṭimadhyāt sphuṭaṃ tais tu pādam ekaṃ dṛḍhīkṛtam

Übersetzung: Nachdem sie dieses Tantra gehört hatten, Göttin, gelangten sie zur Lehre der Yogīśvarī. Aus der Koṭi wurde von ihnen ein Viertel klar festgehalten.


Erläuterung: Gatā yogīśvarīmatam ist grammatisch ungewöhnlich; der Bezug auf die genannten Empfänger ist aus dem Zusammenhang erschlossen. Pāda ist hier ein Viertel des Textbestands, nicht ein einzelner Versfuß. Keine scheinbar genaue heutige Verszahl abgeleitet.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: saṃvartādyais tu vīreśair dvau pādau cāvadhāritau[123]

saṃvartādyais tu vīreśair dvau pādau cāvadhāritau /
vāmanādyair varārohe jñātaṃ bhairavi pādakam

Übersetzung: Von den Vīra-Herren, angefangen mit Saṃvarta, wurden zwei Viertel erfasst; von Vāmana und den anderen, Anmutige, wurde ein Viertel erkannt, Bhairavī.


Erläuterung: Zwei Pādas bzw. ein Pāda bleiben die genannten Teilumfänge. Die Bezugsgesamtheit wird nicht aus parallelen Referaten ergänzt.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: avāpyārdhaṃ tataḥ śukro balinandas tadardhakam[123]

avāpyārdhaṃ tataḥ śukro balinandas tadardhakam /
siṃhas tadardham evaṃ tu garuḍo lakṣamātrakam

Übersetzung: Darauf empfing Śukra die Hälfte, Balinanda deren Hälfte und Siṃha wiederum deren Hälfte; Garuḍa [empfing] nur hunderttausend.


Erläuterung: Drei aufeinanderfolgende Halbierungen; die Anfangsbezugsgröße bleibt offen. Balinanda ist die gedruckte Namensform. Garuḍas Lakṣa=100000, aber die Einheit wird hier nicht eigens genannt.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: lakṣārdhaṃ tu mahānāgaḥ pātālaṃ pālayan prabhuḥ[123]

lakṣārdhaṃ tu mahānāgaḥ pātālaṃ pālayan prabhuḥ /
vāsukir nāma nāgendro gṛhītvāpūjayat sadā

Übersetzung: Die Hälfte von hunderttausend empfing der große Nāga, der Herr, der Pātāla behütet, der Nāga-König namens Vāsuki; stets verehrte er [die Lehre].


Erläuterung: Lakṣārdha=50000. Vāsuki ist ausdrücklich der empfangende und verehrende Nāga-König, nicht der Geber an Garuḍa.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: tadā tasya tu yac cheṣaṃ tat sarvaṃ duṣṭacetasā[124]

tadā tasya tu yac cheṣaṃ tat sarvaṃ duṣṭacetasā /
apahṛtya gato laṅkāṃ rāvaṇo devakaṇṭakaḥ

Übersetzung: Was damals davon noch übrig war, das alles raubte der übelgesinnte Rāvaṇa, der Dorn der Götter, und ging nach Laṅkā.


Erläuterung: Rāvaṇa raubt den verbliebenen Text und bringt ihn nach Laṅkā. Dies ist ein ausdrücklich belegtes Rāvaṇa-Zitat dieser Fassung; es wird nicht benutzt, um die Lücke der Kurzfassung32.7still zu füllen.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: tad evam āgataṃ martye bhuvanād vāsavasya tu[124]

tad evam āgataṃ martye bhuvanād vāsavasya tu /
pāramparyakramāyātaṃ rāvaṇenāvatāritam

Übersetzung: So gelangte es aus der Welt Vāsavas in die Menschenwelt, in der Folge der Überlieferung weitergegeben und von Rāvaṇa herabgebracht.


Erläuterung: Martya ist die Menschenwelt; die Herkunft wird als Welt Indras bezeichnet. Weitergabe und Raub stehen im mythischen Bericht nebeneinander, ohne Harmonisierung.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: tato vibhīṣaṇe prāptaṃ tasmād dāśarathiṃ gatam[124]

tato vibhīṣaṇe prāptaṃ tasmād dāśarathiṃ gatam

Übersetzung: Dann gelangte es zu Vibhīṣaṇa und von ihm zum Sohn Daśarathas.


Erläuterung: Dāśarathi ist Rāma, der Sohn Daśarathas. Keine zusätzliche Überlieferungsstufe erfunden.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.1–7ab; direkte, durch Auslassungen getrennte Zitate; Anfang: khaṇḍair ekonaviṃśais tu prabhinnaṃ śravaṇārthibhiḥ[124]

khaṇḍair ekonaviṃśais tu prabhinnaṃ śravaṇārthibhiḥ /
navakoṭyantagaṃ yāvat siddhayogīśvarīmatam

Übersetzung: Von denen, die es hören wollten, wurde das Siddhayogīśvarīmata, das bis zu neun Koṭis reicht, in neunzehn Teile untergliedert.


Erläuterung: Ekonaviṃśa=19, navakoṭi=90000000. Die Größenbehauptung ist nicht der Umfang eines erhaltenen oder beschafften Sanskrittexts. Die Beziehungen zwischen den neunzehn Teilen und den vorhergehenden Kürzungen sind nicht vollständig ausgeführt.

Zitierstelle 36.7

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: pādo mūlaṃ tathoddhāra uttaraṃ bṛhaduttaram[124]

pādo mūlaṃ tathoddhāra uttaraṃ bṛhaduttaram /
kalpaś ca saṃhitā caiva kathitā tava suvrate

Übersetzung: Pāda, Mūla, Uddhāra, Uttara, Bṛhaduttara, Kalpa und Saṃhitā sind dir genannt worden, du treu Gelobende.


Erläuterung: Textformbezeichnungen, keine Gliederung der hier erhaltenen32-Kapitel-Kurzfassung. Pāda heißt hier als Titel „Viertel“, Mūla „Grundlage“, Uddhāra „Auszug“, Uttara „Fortsetzung“, Bṛhaduttara „Große Fortsetzung“, Kalpa „Ritualordnung“, Saṃhitā „Sammlung“.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: kalpaḥ skandaṃ varārohe samāsāt kathayāmi te[124]

kalpaḥ skandaṃ varārohe samāsāt kathayāmi te /
pādaḥ śatārdhasaṃkhyāto mūlaṃ ca śatasaṃkhyayā

Übersetzung: Den Kalpaskandha werde ich dir kurz darlegen, Anmutige. Pāda ist mit einem halben Hundert gezählt, Mūla mit einem Hundert.


Erläuterung: Kalpaḥ skandaṃ ist die gedruckte, grammatisch unregelmäßige Form; der folgende Rückverweis kalpaskandhaḥ stützt die Zusammennahme als Textform. Śatārdha=50 und śata=100. Ob Verse oder andere Texteinheiten gezählt werden, ist hier nicht ausdrücklich gesagt.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: uddhāraṃ dviguṇaṃ viddhi caturdhā tūttaraṃ matam[124]

uddhāraṃ dviguṇaṃ viddhi caturdhā tūttaraṃ matam /
apareyaṃ varārohe ardhākṣaravivarjitā

Übersetzung: Erkenne Uddhāra als doppelt und Uttara als vierfach. Diese Aparā, Anmutige, ist um einen halben Laut vermindert.


Erläuterung: Doppelt und vierfach werden als Faktoren bewahrt; ihre exakte Bezugsgröße ist nicht völlig eindeutig. Ardhākṣara ist ein halber Laut; dessen Identität wird nicht erfunden. Aparā bezeichnet hier eine Gottheit/Mantraform in Beziehung zur Textgliederung.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: evaṃ uttaratantraṃ syāt kathitaṃ mūlabhairave[124]

evaṃ uttaratantraṃ syāt kathitaṃ mūlabhairave /
yadāparā varārohe ṣaḍbhir bhāgair vivarjitā

Übersetzung: So ergibt sich das im Mūlabhairava gelehrte Uttaratantra. Wenn Aparā, Anmutige, um sechs Teile vermindert ist,


Erläuterung: Die sechs Teile sind ausdrücklich genannt; welche Lautbestandteile gemeint sind, bleibt im Auszug offen. Mūlabhairava ist die hier genannte Quelle bzw. Grundform, kein unbelegter moderner Editionstitel.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: tadā bṛhottaraṃ tu syād amṛtākṣaravarjanāt[124]

tadā bṛhottaraṃ tu syād amṛtākṣaravarjanāt /
akṣarāṇāṃ śataṃ nāma paribhāṣā nigadyate

Übersetzung: ergibt sich Bṛhottara durch das Weglassen der Amṛta-Laute. „Hundert Laute“ wird als Bezeichnungsregel gelehrt.


Erläuterung: Amṛtākṣaras sind „Unsterblichkeits-/Nektarlaute“, hier ohne vollständige Lautliste. Bṛhottara ist die gedruckte Variante zu Bṛhaduttara. Der genaue Bezug der Hunderterzahl und von paribhāṣā bleibt knapp und nicht vollständig geklärt.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: kalpaḥ sahasrasaṃkhyātas tv aparāyā yaśasvini[124]

kalpaḥ sahasrasaṃkhyātas tv aparāyā yaśasvini /
dvāṣaṣṭyaiva ca ślokānāṃ sahasrāṇi caturdaśa

Übersetzung: Kalpa wird bei Aparā mit tausend gezählt, Ruhmreiche. Bei vierzehntausend Versen mit zweiundsechzig [weiteren]


Erläuterung: 1000 für Kalpa. Die nichtklassische Konstruktion dvāṣaṣṭyā … sahasrāṇi caturdaśa wird als14000+62Verse verstanden; die62sind keine zusätzlichen tausend. Der Satz wird in tada2 fortgesetzt.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: tadā sā saṃhitā jñeyā siddhayogīśvare mate[124]

tadā sā saṃhitā jñeyā siddhayogīśvare mate /
kalpaskandhaḥ purākhyātaḥ kalpād dviguṇito bhavet

Übersetzung: ist sie im Siddhayogīśvara-Mata als Saṃhitā zu erkennen. Der zuvor genannte Kalpaskandha ist doppelt so umfangreich wie Kalpa.


Erläuterung: Verdopplung von Kalpa zu Kalpaskandha ausdrücklich. Die Saṃhitā-Zahl ist eine Aussage dieser Überlieferung und wird nicht als gesicherte Gesamtlänge der Kurzfassung ausgegeben.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.7cd–10; direktes Zitat über Textformen; Anfang: evaṃ tantrāvibhāgas tu mayākhyātaḥ suvistārāt[124]

evaṃ tantrāvibhāgas tu mayākhyātaḥ suvistārāt

Übersetzung: So habe ich die Gliederung des Tantra ausführlich dargelegt.


Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Zitierstelle 36.10

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.10; direktes Zitat; Anfang: vibhīṣaṇena rāmasya rāmeṇāpi ca lakṣmaṇe[124]

vibhīṣaṇena rāmasya rāmeṇāpi ca lakṣmaṇe /
lakṣmaṇena tu ye proktās teṣāṃ siddhis tu hīnatā

Übersetzung: Durch Vibhīṣaṇa [wurde es] Rāma [übermittelt], durch Rāma wiederum Lakṣmaṇa. Denen, die von Lakṣmaṇa unterwiesen wurden, kommt eine geringere Verwirklichung zu.


Erläuterung: Rāma empfängt von Vibhīṣaṇa und lehrt Lakṣmaṇa. Die geringere Siddhi wird den von Lakṣmaṇa Unterwiesenen zugeschrieben; eine sichere Erklärung ihrer Ursache steht hier nicht.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.10; direktes Zitat; Anfang: siddhebhyo dānavā hrasvā dānavebhyaś ca guhyakaiḥ[124]

siddhebhyo dānavā hrasvā dānavebhyaś ca guhyakaiḥ /
guhyakebhyo yogibhiś ca yogibhyaś ca narottamaiḥ

Übersetzung: Von den Siddhas [empfingen es] die kleinen Dānavas, von den Dānavas die Guhyakas, von den Guhyakas die Yogins und von den Yogins die Besten unter den Menschen.


Erläuterung: Hrasvā („klein/kurz“) steht bei den Dānavas; eine alternative Beziehung auf einen verkürzten Lehrtext ist wegen der unregelmäßigen Syntax denkbar, aber nicht sicher. Guhyakas sind eine Klasse übermenschlicher Wesen. Die Überlieferungsrichtung wird nicht vertauscht.

Jayarathas Tantrālokaviveka zu Tantrāloka 36.10; direktes Zitat; Anfang: saṃprāptaṃ bhairavād īśāt tapasogreṇa bhairavi[124]

saṃprāptaṃ bhairavād īśāt tapasogreṇa bhairavi

Übersetzung: Von Bhairava, dem Herrn, wurde es durch strenge Askese empfangen, Bhairavī.


Erläuterung: Empfang von Bhairava durch strenge Askese; ein konkreter menschlicher Empfänger und die Art der Askese sind im Halbvers nicht genannt. Keine modernen Askesevorgaben ergänzt.

Erhaltener Teiltext / Fragment; keine vollständige Originalstrophe.

Bedeutung für heutige Aspiranten

Die folgenden Gedanken aus dem Siddhayogeshvarimata sind heutige Übertragungen, keine zusätzlichen Verse und keine Rekonstruktion einer tantrischen Einweihung. Das Siddhayogeśvarīmata kann dazu anregen, der eigenen Sprache genauer zuzuhören: Wie verändert sich ein Wort, wenn es mit Sammlung, Respekt und innerer Beteiligung gesprochen wird? Die Verbindung von Laut und Körper eröffnet außerdem eine Lektüre, die nicht nur über Begriffe nachdenkt, sondern die eigene Aufmerksamkeit wahrnimmt.

Die Göttinnenbilder laden dazu ein, Schönheit und Kraft, Stille und Bewegung nicht vorschnell gegeneinander auszuspielen. Dabei muss nicht jede historische Einzelheit zu einem Symbol der eigenen Psyche werden. Man darf eine fremde religiöse Gestalt zunächst in ihrer Eigenart kennenlernen. Auch erfahrene Übende können hier die Geduld vertiefen, eine schwierige Stelle offen zu lassen, statt sie sofort in ein vertrautes Lehrsystem einzuordnen.

Für das gemeinsame Studium bietet sich an, wenige zusammenhängende Verse langsam zu lesen, Sanskrit und Übersetzung nebeneinander zu betrachten und zwischen Textaussage und eigener Erfahrung zu unterscheiden. Die gesonderte Auswahlseite unterstützt diese vertiefte Lektüre. Eine Formel, die sprachlich lesbar ist, ist dadurch noch nicht aus ihrem überlieferten Ritualrahmen gelöst. Wo die Schrift besondere Voraussetzungen nennt, werden sie bei den aufgenommenen Rezitationstexten angegeben.

So kann das Studium des Siddhayogeśvarīmata die Achtung vor der Vielfalt tantrischer Wege stärken und zugleich die eigene Unterscheidungskraft schulen: Was sagt die Quelle? Was verstehe ich bereits? Und an welcher Stelle beginnt meine heutige Deutung?

Ergänzendes Yoga-Vidya-Video: Licht-Meditation mit Sukadev. Das Video zeigt einen heutigen Zugang und ist keine Rekonstruktion des Siddhayogeśvarīmata.

Grenzen der erschlossenen Textgrundlage des Siddhayogeshvarimata

Dies ist eine Teilausgabe. Von Kapitel 17 und 24 ist hier kein Grundtext erschlossen; die Kapitel 20, 23 und 25–28 liegen nur in den bezeichneten Abschnitten vor. Die stärkeren Schäden von Kapitel 9 und weitere Einzelstellen bleiben offen. Die separat zitierten Textfassungen werden nicht zu einer vollständigen Langfassung ergänzt. Törzsöks Aufsatz „Helping the King, Ministers and Businessmen?“ (Cracow Indological Studies 8, 2006, S. 15–38), ihre Studie „Nondualism in Early Śākta Tantras“ (2014) und eine bibliografisch erwähnte unpublizierte Transkription von 2009 konnten nicht als vollständige Sanskritquellen herangezogen werden. Daraus folgt keine Aussage, dass alle dort behandelten Texte verloren wären.

Siehe auch

Weitere Seiten dieser Ausgabe: 108 Verse und Mantras · Sanskrit in Devanagari

Literatur zu Siddhayogeshvarimata

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 Judit Törzsök: The Doctrine of Magic Female Spirits. A Critical Edition of Selected Chapters of the Siddhayogeśvarīmata(tantra) with Annotated Translation and Analysis, DPhil-Dissertation, University of Oxford, 1999. Benutztes vollständiges Digitalisat: 353 PDF-Seiten; Edition S. 1–61, zusätzliche Textanhänge S. 186–236.
  2. 2,0 2,1 2,2 Judit Törzsök: The rewriting of a Tantric tradition: from the Siddhayogeśvarīmata to the Timirodghāṭana and beyond, Preprint 2012, S. 1–15; HAL hal-01447960, eingestellt am 27. Januar 2017. Zitiert wird diese Preprintfassung.
  3. 3,0 3,1 Judit Törzsök: Whose dharma? Śaiva and Śākta community rules and Dharmaśāstric prescriptions, in: Nina Mirnig, Marion Rastelli und Vincent Eltschinger (Hrsg.): Tantric Communities in Context, Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2019, S. 205–231.
  4. 4,0 4,1 Judit Törzsök: Women in Early Śākta Tantras: Dūtī, Yoginī and Sādhakī, Cracow Indological Studies XVI, 2014, S. 339–367, DOI 10.12797/CIS.16.2014.16.13.
  5. Chiara Policardi: Mastering Oneself, Meeting the Otherness: The Vīra in the Early Tantric Yoginī Cult, Indologica Taurinensia 40, 2014, S. 217–239.
  6. 6,00 6,01 6,02 6,03 6,04 6,05 6,06 6,07 6,08 6,09 6,10 6,11 6,12 6,13 6,14 Judit Törzsök 1999, S. 1 (PDF 92). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 7,4 7,5 7,6 7,7 Judit Törzsök 1999, S. 2 (PDF 93). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  8. 8,00 8,01 8,02 8,03 8,04 8,05 8,06 8,07 8,08 8,09 8,10 8,11 8,12 8,13 8,14 8,15 8,16 8,17 8,18 8,19 8,20 8,21 8,22 Judit Törzsök 1999, S. 214 (PDF 314). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  9. 9,00 9,01 9,02 9,03 9,04 9,05 9,06 9,07 9,08 9,09 9,10 9,11 9,12 Judit Törzsök 1999, S. 3 (PDF 94). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  10. 10,00 10,01 10,02 10,03 10,04 10,05 10,06 10,07 10,08 10,09 10,10 10,11 10,12 10,13 Judit Törzsök 1999, S. 4 (PDF 95). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  11. 11,00 11,01 11,02 11,03 11,04 11,05 11,06 11,07 11,08 11,09 Judit Törzsök 1999, S. 5 (PDF 96). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  12. 12,0 12,1 12,2 12,3 12,4 12,5 12,6 12,7 Judit Törzsök 1999, S. 6 (PDF 97). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  13. 13,00 13,01 13,02 13,03 13,04 13,05 13,06 13,07 13,08 13,09 13,10 Judit Törzsök 1999, S. 7 (PDF 98). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  14. 14,0 14,1 14,2 14,3 14,4 14,5 14,6 14,7 14,8 Judit Törzsök 1999, S. 8 (PDF 99). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  15. 15,00 15,01 15,02 15,03 15,04 15,05 15,06 15,07 15,08 15,09 15,10 15,11 15,12 Judit Törzsök 1999, S. 9 (PDF 100). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  16. Judit Törzsök 1999, S. 9 (PDF 100, 101). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  17. 17,00 17,01 17,02 17,03 17,04 17,05 17,06 17,07 17,08 17,09 17,10 17,11 Judit Törzsök 1999, S. 10 (PDF 101). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  18. 18,0 18,1 18,2 18,3 18,4 18,5 18,6 18,7 18,8 Judit Törzsök 1999, S. 11 (PDF 102). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  19. 19,0 19,1 19,2 19,3 19,4 19,5 19,6 19,7 19,8 Judit Törzsök 1999, S. 12 (PDF 103). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  20. 20,00 20,01 20,02 20,03 20,04 20,05 20,06 20,07 20,08 20,09 20,10 20,11 20,12 Judit Törzsök 1999, S. 13 (PDF 104). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  21. 21,00 21,01 21,02 21,03 21,04 21,05 21,06 21,07 21,08 21,09 Judit Törzsök 1999, S. 14 (PDF 105). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  22. Judit Törzsök 1999, S. 14, 15 (PDF 105, 106). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  23. 23,00 23,01 23,02 23,03 23,04 23,05 23,06 23,07 23,08 23,09 23,10 Judit Törzsök 1999, S. 15 (PDF 106). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  24. 24,00 24,01 24,02 24,03 24,04 24,05 24,06 24,07 24,08 24,09 24,10 24,11 Judit Törzsök 1999, S. 16 (PDF 107). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  25. Judit Törzsök 1999, S. 16, 17 (PDF 107, 108). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  26. 26,0 26,1 26,2 26,3 26,4 26,5 26,6 26,7 26,8 Judit Törzsök 1999, S. 17 (PDF 108). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  27. Judit Törzsök 1999, S. 17, 18 (PDF 108, 109). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  28. 28,0 28,1 28,2 28,3 28,4 28,5 Judit Törzsök 1999, S. 18 (PDF 109). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  29. 29,0 29,1 29,2 29,3 29,4 29,5 Judit Törzsök 1999, S. 19 (PDF 110). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  30. 30,00 30,01 30,02 30,03 30,04 30,05 30,06 30,07 30,08 30,09 30,10 Judit Törzsök 1999, S. 20 (PDF 111). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  31. Judit Törzsök 1999, S. 20, 21 (PDF 111, 112). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  32. 32,00 32,01 32,02 32,03 32,04 32,05 32,06 32,07 32,08 32,09 32,10 Judit Törzsök 1999, S. 21 (PDF 112). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  33. Judit Törzsök 1999, S. 21, 22 (PDF 112, 113). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  34. 34,00 34,01 34,02 34,03 34,04 34,05 34,06 34,07 34,08 34,09 34,10 34,11 34,12 34,13 Judit Törzsök 1999, S. 22 (PDF 113). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  35. 35,0 35,1 35,2 35,3 35,4 35,5 Judit Törzsök 1999, S. 23 (PDF 114). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  36. 36,00 36,01 36,02 36,03 36,04 36,05 36,06 36,07 36,08 36,09 36,10 36,11 36,12 36,13 Judit Törzsök 1999, S. 24 (PDF 115). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  37. Judit Törzsök 1999, S. 24, 25 (PDF 115, 116). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  38. 38,00 38,01 38,02 38,03 38,04 38,05 38,06 38,07 38,08 38,09 38,10 38,11 38,12 38,13 38,14 Judit Törzsök 1999, S. 25 (PDF 116). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  39. 39,00 39,01 39,02 39,03 39,04 39,05 39,06 39,07 39,08 39,09 39,10 39,11 39,12 Judit Törzsök 1999, S. 26 (PDF 117). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  40. 40,0 40,1 40,2 40,3 40,4 40,5 40,6 Judit Törzsök 1999, S. 27 (PDF 118). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  41. 41,00 41,01 41,02 41,03 41,04 41,05 41,06 41,07 41,08 41,09 41,10 41,11 41,12 41,13 41,14 41,15 41,16 41,17 41,18 Judit Törzsök 1999, S. 186 (PDF 285). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  43. 43,0 43,1 43,2 Judit Törzsök 1999, S. 187 (PDF 286). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  44. 44,00 44,01 44,02 44,03 44,04 44,05 44,06 44,07 44,08 44,09 44,10 44,11 Judit Törzsök 1999, S. 28 (PDF 119). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  46. 46,0 46,1 46,2 46,3 46,4 46,5 46,6 46,7 46,8 Judit Törzsök 1999, S. 29 (PDF 120). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  47. 47,00 47,01 47,02 47,03 47,04 47,05 47,06 47,07 47,08 47,09 47,10 47,11 47,12 47,13 Judit Törzsök 1999, S. 30 (PDF 121). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  48. 48,0 48,1 Judit Törzsök 1999, S. 31 (PDF 122). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  49. 49,00 49,01 49,02 49,03 49,04 49,05 49,06 49,07 49,08 49,09 49,10 49,11 Judit Törzsök 1999, S. 31 (PDF 122, 123). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  50. Judit Törzsök 1999, S. 31, 32 (PDF 122, 123, 124). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  51. 51,00 51,01 51,02 51,03 51,04 51,05 51,06 51,07 51,08 51,09 Judit Törzsök 1999, S. 32 (PDF 124). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  52. 52,00 52,01 52,02 52,03 52,04 52,05 52,06 52,07 52,08 52,09 52,10 52,11 52,12 Judit Törzsök 1999, S. 33 (PDF 125). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  53. 53,00 53,01 53,02 53,03 53,04 53,05 53,06 53,07 53,08 53,09 Judit Törzsök 1999, S. 34 (PDF 126). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  54. 54,00 54,01 54,02 54,03 54,04 54,05 54,06 54,07 54,08 54,09 54,10 54,11 54,12 54,13 54,14 54,15 54,16 54,17 54,18 54,19 54,20 54,21 54,22 54,23 54,24 54,25 54,26 Judit Törzsök 1999, S. 215 (PDF 315). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  57. 57,00 57,01 57,02 57,03 57,04 57,05 57,06 57,07 57,08 57,09 57,10 57,11 57,12 57,13 57,14 57,15 Judit Törzsök 1999, S. 37 (PDF 129). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  58. 58,00 58,01 58,02 58,03 58,04 58,05 58,06 58,07 58,08 58,09 58,10 58,11 Judit Törzsök 1999, S. 38 (PDF 130). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  59. Judit Törzsök 1999, S. 38, 39 (PDF 130, 131). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  60. 60,00 60,01 60,02 60,03 60,04 60,05 60,06 60,07 60,08 60,09 60,10 Judit Törzsök 1999, S. 39 (PDF 131). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  61. Judit Törzsök 1999, S. 39, 40 (PDF 131, 132). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  62. 62,00 62,01 62,02 62,03 62,04 62,05 62,06 62,07 62,08 62,09 62,10 62,11 62,12 Judit Törzsök 1999, S. 40 (PDF 132). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  63. 63,00 63,01 63,02 63,03 63,04 63,05 63,06 63,07 63,08 63,09 63,10 63,11 63,12 63,13 Judit Törzsök 1999, S. 41 (PDF 133). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  64. Judit Törzsök 1999, S. 41, 42 (PDF 133, 134). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  65. 65,00 65,01 65,02 65,03 65,04 65,05 65,06 65,07 65,08 65,09 65,10 65,11 65,12 Judit Törzsök 1999, S. 42 (PDF 134). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  66. Judit Törzsök 1999, S. 42, 43 (PDF 134, 135). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  68. 68,00 68,01 68,02 68,03 68,04 68,05 68,06 68,07 68,08 68,09 68,10 68,11 68,12 Judit Törzsök 1999, S. 44 (PDF 136). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  70. 70,00 70,01 70,02 70,03 70,04 70,05 70,06 70,07 70,08 70,09 70,10 Judit Törzsök 1999, S. 45 (PDF 137). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  71. 71,00 71,01 71,02 71,03 71,04 71,05 71,06 71,07 71,08 71,09 Judit Törzsök 2012, S. 3 (PDF 4). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  76. 76,00 76,01 76,02 76,03 76,04 76,05 76,06 76,07 76,08 76,09 76,10 76,11 Judit Törzsök 1999, S. 48 (PDF 140). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  77. 77,0 77,1 77,2 77,3 77,4 77,5 77,6 77,7 Judit Törzsök 1999, S. 49 (PDF 141). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  78. 78,00 78,01 78,02 78,03 78,04 78,05 78,06 78,07 78,08 78,09 78,10 78,11 78,12 78,13 78,14 Judit Törzsök 1999, S. 50 (PDF 142). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  81. 81,0 81,1 81,2 81,3 81,4 81,5 81,6 81,7 81,8 Judit Törzsök 1999, S. 53 (PDF 146). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  90. 90,00 90,01 90,02 90,03 90,04 90,05 90,06 90,07 90,08 90,09 90,10 90,11 90,12 Judit Törzsök 1999, S. 216 (PDF 316). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
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  101. 101,0 101,1 101,2 101,3 101,4 101,5 101,6 101,7 Judit Törzsök 1999, S. 59 (PDF 152). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  102. 102,00 102,01 102,02 102,03 102,04 102,05 102,06 102,07 102,08 102,09 102,10 102,11 102,12 102,13 102,14 102,15 Judit Törzsök 1999, S. 60 (PDF 153). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  103. 103,00 103,01 103,02 103,03 103,04 103,05 103,06 103,07 103,08 103,09 103,10 103,11 103,12 103,13 Judit Törzsök 1999, S. 61 (PDF 154). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  104. 104,00 104,01 104,02 104,03 104,04 104,05 104,06 104,07 104,08 104,09 104,10 104,11 104,12 104,13 104,14 104,15 104,16 104,17 104,18 Judit Törzsök 1999, S. 188 (PDF 287). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  105. 105,00 105,01 105,02 105,03 105,04 105,05 105,06 105,07 105,08 105,09 105,10 105,11 105,12 105,13 105,14 105,15 105,16 105,17 105,18 Judit Törzsök 1999, S. 189 (PDF 288). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  106. 106,00 106,01 106,02 106,03 106,04 106,05 106,06 106,07 106,08 106,09 106,10 106,11 106,12 106,13 106,14 106,15 106,16 Judit Törzsök 1999, S. 190 (PDF 289). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  107. 107,00 107,01 107,02 107,03 107,04 107,05 107,06 107,07 107,08 107,09 107,10 107,11 107,12 107,13 107,14 107,15 Judit Törzsök 1999, S. 191 (PDF 290). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  108. 108,00 108,01 108,02 108,03 108,04 108,05 108,06 108,07 108,08 108,09 Judit Törzsök 1999, S. 218 (PDF 318). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  109. 109,00 109,01 109,02 109,03 109,04 109,05 109,06 109,07 109,08 109,09 109,10 Judit Törzsök 1999, S. 219 (PDF 319). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  110. 110,0 110,1 Judit Törzsök 1999, S. 220 (PDF 321). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  111. 111,0 111,1 111,2 111,3 111,4 111,5 111,6 111,7 111,8 Judit Törzsök 1999, S. 221 (PDF 322). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  112. 112,00 112,01 112,02 112,03 112,04 112,05 112,06 112,07 112,08 112,09 112,10 112,11 112,12 112,13 Judit Törzsök 1999, S. 222 (PDF 323). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  113. 113,0 113,1 113,2 Judit Törzsök 1999, S. 222, 223 (PDF 323, 324). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  114. 114,0 114,1 114,2 114,3 Judit Törzsök 1999, S. 225 (PDF 326). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  115. 115,0 115,1 Judit Törzsök 1999, S. 226 (PDF 327). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  116. 116,0 116,1 116,2 116,3 Judit Törzsök 1999, S. 227 (PDF 328). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  117. 117,0 117,1 Judit Törzsök 1999, S. 228 (PDF 329). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  118. 118,0 118,1 118,2 118,3 118,4 118,5 118,6 118,7 Judit Törzsök 1999, S. 229 (PDF 330). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  119. 119,0 119,1 119,2 119,3 119,4 119,5 Judit Törzsök 1999, S. 230 (PDF 331). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  120. 120,0 120,1 120,2 120,3 120,4 Judit Törzsök 1999, S. 231 (PDF 332). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  121. 121,00 121,01 121,02 121,03 121,04 121,05 121,06 121,07 121,08 121,09 121,10 Judit Törzsök 1999, S. 232 (PDF 333). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  122. 122,0 122,1 122,2 122,3 122,4 Judit Törzsök 1999, S. 233 (PDF 334). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  123. 123,00 123,01 123,02 123,03 123,04 123,05 123,06 123,07 123,08 123,09 Judit Törzsök 1999, S. 235 (PDF 336). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.
  124. 124,00 124,01 124,02 124,03 124,04 124,05 124,06 124,07 124,08 124,09 124,10 124,11 124,12 124,13 124,14 Judit Törzsök 1999, S. 236 (PDF 337). Bibliografische Angaben im Literaturverzeichnis.

Seminare zum vertieften Studium

Das Studium des Siddhayogeśvarīmata kann durch heutige Angebote zu Meditation, Mantra und Sanskrit begleitet werden. Die folgenden Seminare vermitteln allgemeine Zugänge; sie sind keine nachgewiesene Fortsetzung der historischen Ritualüberlieferung dieses Werkes.

Meditation

18.10.2026 - 23.10.2026 Yoga und Meditation Intensiv-Praxis

Die Kernpraktiken des Yoga werden intensiv geübt: längere Meditation, ausgedehntes Mantra-Singen, Pranayama intensiv und meditative Yoga Asanas beflü…
Dana Oerding, Chamundi Wollweber
18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat

Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…
Swami Nirgunananda, Rukmini Keilbar

Mantras und Musik

16.10.2026 - 18.10.2026 Drumming Hands

Erlerne die Basics für das Spielen einer Djembe, für die Kirtan Begleitung oder das Solo spielen. Auf einfache Weise lernst du verschiedene Rhythmen u…
Bernardo Juni
18.10.2026 - 23.10.2026 Mantra Ferienwoche mit Gruppe Mudita

Eine Mantra Yoga Ferienwoche im schönen Allgäu zum Aufladen, Regenerieren und Verwöhnen mit der Gruppe Mudita. Das sind Menschen, die es ganz besonde…
Gruppe Mudita

Sanskrit und Devanagari

06.01.2027 - 15.12.2027 Jahresgruppe Sanskrit - Lektüre der AMRITA SIDDHI 2 - online

Termine: 16x mittwochs: 06.01., 27.01., 17.02., 10.03., 31.03., 21.04., 12.05., 02.06., 23.06., 14.07., 08.09., 29.09., 20.10., 10.11., 01.12., 15.12.20…
Dr phil Oliver Hahn
09.04.2027 - 11.04.2027 Sanskrit Intensivwochenende

Du bist fasziniert vom Klang des Sanskrit und der tiefgehenden Wirkung der Wörter dieser uralten Sprache? Hast bereits Übersetzungen von Mantras oder …
Dr phil Oliver Hahn