Paganismus

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Paganismus: Paganismus (von lateinisch paganus „Landbewohner“, „dörflich“, „heidnisch“) oder Heidentum ist ein allgemeiner Begriff für Naturreligionen oder Religionen, die an mehrere Götter glauben.

Allgemein

Der Begriff wird hauptsächlich in historischem Kontext verwendet - in Bezug auf den griechisch-römischen Mehrgötterglauben sowie die polytheistischen Traditionen von Europa und Nordafrika vor der Christianisierung. Auf die heutigen Religionen ausgeweitet, beinhaltet der Paganismus in weiterem Sinne die meisten östlichen Religionen und die einheimischen Traditionen in Amerika, Zentralasien, Australien und Afrika sowie allgemein alle nicht-abrahamischen Volksreligionen. Charekteristisch für paganische Traditionen ist die Präsenz einer lebenden Mythologie, welche die religiösen Praktiken formt. Außerdem werden keine Gläubigen aus anderen Religionen, Kirchen oder Glaubensgemeinschaften abgeworben bzw. bekehrt.

Ethnologen vermeiden oft den allgemeinen Begriff „Paganismus“ in Bezug auf traditionelle oder historische Glaubensrichtungen und bevorzugen genauere Kategorien wie beispielsweise Polytheismus, Schamanismus, Pantheismus oder Animismus.

Im späten 20. Jahrhundert verbreitete sich der Begriff „Paganismus“ im Zusammenhang mit Änghängern verschiedener neuer religiöser Bewegungen, wie beispielsweise Wicca. Daher haben zeitgenössische Gelehrte den Begriff in drei separate Glaubensgruppen unterteilt: Der historische Paganismus (z.B. keltischer und germanischer Mehrgötterglauben, der historische römische Polytheismus oder die griechische Mythologie), Volks-/Naturreligionen (z.B. chinesische Volksreligion und traditionelle afrikanische Religionen) und den Neopaganismus (z.B. Wicca und der germanische Neopaganismus).


Ethymologie

Der Begriff „Paganismus“ stammt vom lateinischen "paganus", ein Adjektiv mit der Bedeutung „bäuerlich“, „dörflich“ oder „ländlich“. Als Nomen hatte "paganus" die Bedeutung „Landbewohner“ oder „Dorfbewohner“. Die genaue semantische Entwicklung im Sinne von „nicht-christlich“ bzw. „heidnisch“ ist unklar. Die Datierung dieser Bedeutung wird kontrovers diskutiert, doch das 4. Jahrundert scheint am plausibelsten.


Terminologie

Sowohl die Bezeichnung „paganisch“ als auch „heidnisch“ wurde historisch von Anhängern monotheistischer Religionen (z.B. Judentum, Christentum, Islam) als abwertende Bezeichnung für Ungläubige bzw. Nicht-Anhänger der eigenen Religion verwendet. Heutzutage verweist die Bezeichnung häufig auf die Religionen der klassichen Antike (griechische Mythologie oder die historische römische Religion). Sie kann heute ebenso wertneutral für und von Anhängern paganischer bzw. polytheistischer Strömungen verwendet werden.


Der Historische Paganismus

Aus der christlichen Perspektive wurde der Begriff „Paganismus“ verwendet, um alle nicht-abrahamischen Religionen abzugrenzen. Ähnliche Begriffe wie „paganisch“, z.B. „ungläubig“ oder „heidnisch“, kamen in allen abrahamischen Religionen vor. Im Judentum wurde das Wort „ger“ und im Islam Wörter wie „kafir“ oder „mushrik“ in vergleichbarem Kontext verwendet.


Paganismus in der Bronze- bis frühen Eisenzeit

  • Religionen des antiken Nahen Ostens
  • Altägyptische Religion
  • Altsüdarabische Religion
  • Sumerische Religion
  • Indogermanische Religion
  • Indoiranische Religion
  • Historische vedische Religion (Brahmanismus)


Paganismus in der Klassischen Antike

Ludwig Feuerbach (1833) definiert „Paganismus“ (Heidentum) im Kontext der klassischen Antike als „die Einheit von Religion und Politik, Geist und Natur, Gott und Mensch“. Diese wird bedingt durch die Beobachtung, dass „Mensch“ immer durch die Volkszugehörigkeit (z.B. griechisch, römisch, ägyptisch, jüdisch, etc.) definiert ist, sodass jede paganische Tradition immer auch eine nationale Tradition ist. Feuerbach geht außerdem davon aus, dass sich die Ausbreitung des Monotheismus und damit das Ende der paganischen Periode aus der griechischen Philosophie heraus entwickelte, beruhend auf den Gegensätzen innerhalb der paganischen Traditionen und der allumfassenden Denkweise des menschlichen Geistes.

In der Spätantike entwickelte sich das Christentum im Kontext des weitverbreiteten Römischen Imperiums als eine von mehreren monotheistischen Kulten, und es war auch in dieser Periode, als das Konzept von „paganisch“ bzw. „heidnisch“ überhaupt erst aufkam. Das Christentum selbst entwickelte sich aus dem Judentum und stand in starker Konkurrenz zu anderen Religionen, die den „paganischen Monotheismus“ verteidigten, wie der Neuplatonismus, der Mithraismus, der Gnostizismus, der Manichäismus und der Dionysos-Kult.

Speziell der Dionysos-Kult weist starke Parallelen zum Christentum auf, sodass einige Gelehrte die Meinung vertreten, dass die Umgestaltung von Jesus als wandernder Rabbi zum göttlichen Heiland den Dionysos-Kult direkt widerspiegelt. Sie verweisen auf das Symbol des Weins und die Wichtigkeit dieses Symbols in der Mythologie sowohl rund um Jesus Christus als auch um Dionysos. Manche behaupten sogar, dass die Geschichte von der Hochzeit zu Kana im Johannes-Evangelium, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt, verfasst wurde, um die Überlegenheit von Jesus über Dionysos zu zeigen. Die Szene in „die Bakchen“ von Euripides, in welcher Dionysos König Pentheus vorgeführt wird, um ihn für seinen Anspruch der Göttlichkeit zu verurteilen, wird mit der Szene im Neuen Testament verglichen, in der Jesus von Pontius Pilatus verhört wird.

Daher ist es sehr schwer bis unmöglich, in der für das Christentum prägenden Zeit vom 3. bis zum 4. Jahrhundert, eine klare Linie zwischen Christentum und Paganismus zu ziehen. Erst mit der weiteren Ausbreitung des Christentums und dem endgültigen Rückgang des griechischen Paganismus im 6. Jahrhundert, wurde Paganismus ein vom Christentum eindeutig gentrenntes Konzept.


Volksreligionen des vor-christlichen Europas

  • Keltische Religionen
  • Germanische Mythologie
  • Slawische Mythologie
  • Baltische Mythologie
  • Finnische Mythologie
  • Armenische Mythologie
  • Kaukasische Mythologie


Paganismus in der Frühen Neuzeit

In der Renaissance kam das Interesse an paganischen Traditionen wieder auf, zu Beginn in Form von Magie als eine Wiederbelebung des griechisch-römischen Okkultismus. Im 17. Jahrundert wandelten sich Beschreibungen des Paganismus vom theologischen zum ethnologischen Aspekt, und man fing an, Religion als ethnische Identität von Menschen anzusehen. Außerdem stießen Studien von Religionen „primitiver“ Völker die Frage nach dem ultimativen historischen Ursprung von Religion an. So sah Nicolas-Claude Fabri de Peiresc seinerseits die Religionen von Afrika als Relikte, welche im Grunde fähig wären, Licht auf den historischen Paganismus der Klassischen Antike zu werfen.

Paganismus in der Romantik

In der Romantik des 18. und 19. Jahrhunderts faszinierte der Paganismus Menschen immer mehr. Vor allen Dingen Kelten und Wikinger fanden Einzug in die Literatur der Romantik, die die historischen keltischen und germanischen Polytheisten als edle Wilde darstellte.

Auch im 19. Jahrhundert gab es ein großes Interesse der Gelehrten an der Rekonstruktion paganischer Mythologie in Form von Folklore oder Märchen. Dieses Interesse wurde insbesondere von den Gebrüdern Grimm, ganz besonders von Jakob Grimm in seinem Werk „Deutsche Mythologie“, ausgelebt und von Elias Lönnrot mit seinem Epos „Kalevala“. Die Arbeit der Gebrüder Grimm beeinflusste andere Geschichtensammler. Es inspirierte diese, Fabeln zu sammeln und lies sie erkennen, dass Märchen ein Land in besonderem Maße wiederspiegeln. Solche Geschichtensammler waren beispielsweise der Russe Alexander Afanasyev, die Norweger Peter Christen Asbjornsen und Jorgen Moe sowie der Engländer Joseph Jacobs.

Das romantische Intresse an der nicht-klassischen Antike traf mit dem Aufstieg der Nationalromantik und der Geburt des Nationalstaats im Zuge der 1848er Revolution zusammen und wurde angetrieben durch die Erschaffung von nationalen Epen und Mythen für die zahlreichen neu geformten Staaten. Paganische oder folklorische Themen waren auch in der Musik dieser Periode sehr beliebt.

Zeitgenössischer Paganismus

Der zeitgenössische Paganismus, oder Neopaganismus, beinhaltet rekonstruierte Religionen wie den römischen Polytheismus (Cultus Deorum Romanorum), den griechischen Mehrgötterglauben, den slavischen Neopaganismus, den keltischen und germanischen Rekonstruktionismus sowie ungewöhnliche moderne Traditionen wie beispielsweise den Diskordianismus, Wicca und zahlreiche Abzweigungen. Viele der „Wiederbelebungen“, vor allen Dingen Wicca und die neuzeitlichen Druiden, haben ihre Wurzeln in der Romantik des 19. Jahrhundert und enthalten deutliche Elemente von dem zu dieser Zeit gängigen Okkultismus und Theosophie. Daher unterscheiden sich diese rekonstruierten modernen Traditionen von den historischen paganischen Religionen.

Der Neopaganismus zählt in den USA annähernd ein Drittel aller weltweiten Anhänger zeitgenössischen Paganismus und folgt dort dem Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus als fünft-größte Gruppe der nicht-christlichen Glaubensgemeinschaften.

In Island zählen die Mitglieder der Ásatrúarfélagið (Isländischer Germanischer Neopaganismus) etwa 0,6% der Gesamtbevölkerung. 5 In Litauen praktizieren viele Menschen Romuva, welche die vorchristliche Religion des Landes wiederbelebt.

Demografie

Definiert man Paganismus eher allgemein, beinhaltet er alle Glaubensgemeinschaften außerhalb der abrahamischen Religionen. Doch der Begriff wird inzwischen auch verwendet, um auf Traditionen außerhalb der sogenannten Achsenzeit-Religionen zu verweisen, welche sowohl die abrahamischen Religionen als auch die indischen Religionen umfasst. Innerhalb dieser Definition ist der zeitgenössische Paganismus ein kleineres und zahlenmäßig unbedeutenderes Phänomen: Gemäß Schätzungen der Encyclopædia Britannica (Ausgabe 2005) zählen Anhänger Chinesischer Volksreligionen etwa 6,3 % und Anhänger von Stammesreligionen (ethnische Religionen) etwa 4,0 % der Weltbevölkerung. Die Zahl der Anhänger von Neopaganismus ist im Vergleich dazu unbedeutend, diese zählen höchstens 0,02% der Weltbevölkerung.

Überbleibsel des Paganismus in der Folklore

Folklore, der nicht mehr unbedingt irgendwelche religiöse Bedeutung zugeordnet wird, kann in manchen Fällen vor-christlichem oder vor-islamischem Ursprungs sein. In Europa betrifft das insbesondere das Feiern von Karneval bzw. Fastnacht und die Tradition des Weihnachtsmanns. Im Gegensatz dazu ist der Weihnachtsbaum trotz aller Gemeinsamkeiten mit der Donareiche eine Tradition, die erst in der frühen Neuzeit eingeführt wurde.

Literatur

  • Ludwig Feuerbach (1833), Geschichte der neueren Philosophie .
  • Wick, Peter (2004). "Jesus gegen Dionysos? Ein Beitrag zur Kontextualisierung des Johannesevangeliums". Biblica (Rome: Pontifical Biblical Institute) 85 (2): 179–198.
  • Peter N. Miller (2006), History of Religion Becomes Ethnology: Some Evidence from Peiresc's Africa Journal of the History of Ideas 67.4, 675–696.