Yogini Tantra 108 Inspirierende Verse und Mantras

Aus Yogawiki

Yogini Tantra – 108 inspirierende Verse und Mantras erschließt ausgewählte Stellen über die Göttliche Mutter, Guru, Bhakti, Japa, heilige Orte, Erkenntnis und Befreiung. Die Auswahl lädt zur ruhigen Betrachtung ein: Was verändert sich, wenn Verehrung von lebendiger Aufmerksamkeit getragen wird? Wie kann äußeres Handeln zum Weg innerer Erkenntnis werden?

Die Göttliche Mutter als Trägerin und Beschützerin der Welt. Allgemeine Illustration zur Shakti-Verehrung.

Die Auswahl enthält genau 108 unterschiedliche, nicht überlappende Textstellen. Manche umfassen mehrere aufeinanderfolgende Originalverse, damit ein Gedanke vollständig lesbar bleibt. Es handelt sich daher um 108 Auswahlstellen, nicht um die Behauptung, jeder Auswahlpunkt entspreche genau einer Sanskritstrophe. Die Übersetzung folgt M00064; unsichere Wörter und notwendige Ergänzungen bleiben kenntlich. Die Zwischenüberschriften der Auswahl sind redaktionell. Die vollständige Fundstellenliste steht in der Konkordanz.

Die religiösen Verheißungen und historischen Wertungen werden als Aussagen der Schrift wiedergegeben. Die Auswahl richtet den Blick auf verständliche Lehren und Gebete; sie erasetzt weder das Studium des Zusammenhangs noch eine initiatorische Unterweisung.

Yogini Tantra: Einführung und deutsche Übersetzung · Sanskrit in IAST · Sanskrit in Devanagari · 108 inspirierende Verse und Mantras

Guru, Übertragung und die Göttliche Mutter

1. Ein Text mit Befreiung als Ziel

Ishvara sprach: Höre, Göttin! Ich werde das vorzügliche Yogini Tantra erklären, das reinigende, höchst segensreiche, dessen eigentliche Frucht Befreiung ist.

2. Die Wurzel der Unterweisung

Durch große Liebe gebunden, bin ich dir in Hingabe ergeben, Geliebte. Diese Lehre hat ihre Wurzel im Guru; diese Welt hat ihre Wurzel im Guru.

3. Der Guru als göttliche Gegenwart

Der Guru ist das höchste Brahman, der Guru ist Shiva selbst. Vor dem Menschen, der den Guru für sich gewonnen hat, verneigen sich die Götter.

4. Der Ort des Lehrers als heiliger Raum

Der Aufenthaltsort des Guru ist Kailasa; sein Haus ist ein Haus aus wunscherfüllenden Edelsteinen. Seine Baumreihen sind Wunschbäume, seine Ranken gelten als wunscherfüllende Ranken.

5. Die Frage nach dem wahren Guru

Die erhabene Göttin sprach: Wer ist dieser Guru, Mahadeva? Erkläre es mir, Erbarmungsvoller. Du hast den Guru sogar als höher denn dich selbst gepriesen. Ishvara sprach: Jener ursprüngliche Herr, große Göttin, der Mahakala genannt wird, ist eben dieser Guru, Herrin der Götter: der höchste in allen Mantras. In den Traditionen Shivas, Shaktis, Vishnus, Ganeshas, des Mondes, des großen Shiva und der Sonne ist er der Guru; daran besteht kein Zweifel.

6. Übertragung als Gegenwart Mahakalas

Er selbst ist es, der das Mantra ausspricht, kein anderer, höchste Herrin. Bei der Übertragung des Mantras ist der menschliche [Lehrer], Bergestochter, der Ort, an dem Mahakala gegenwärtig wird, Shankari. Darin besteht die Guru-Würde im Menschen, Göttin; darüber besteht kein Zweifel.

7. Die Einheit hinter der Lehrerreihe

Welche Vorstellung vom Guru der Mantrageber im Lotus am Scheitel vergegenwärtigt, eben diese soll auch der Schüler im eigenen Scheitellotus vergegenwärtigen. [Die Lesung „Scheitel/Shiva“ ist nicht eindeutig.] Deshalb, große Herrin, wird von nur einem Guru gesprochen. Der menschliche [Lehrer] ist der Ort seiner Gegenwart.

8. Die Mutter als Ursprung und Rückkehr der Welt

Aus mir entsteht die Schöpfung, und in mich löst sie sich auf. Durch mich wird alles erhalten; die Welt besteht aus meiner Maya. Nichts anderes besteht außerhalb meiner. Ich bin das ewige Brahman. Höre, Verblendeter, mein großes, höchstes Heil.

9. Kali als befreiende Erkenntnis

Nun möchte ich von Kali hören, die alle hinüberführt. Im Yamala wurde sie als große Vidya und als vollendete Vidya erklärt. Im Tantra heißt sie Chamunda, die überaus große Erkenntnis des Brahman. Verkünde mir dieses Geheimnis aus Erbarmen, Mahadeva, Shiva. Ishvara sprach: Diese Vidya, Kalika, gilt als die überaus große Erkenntnis des Brahman. Wer sie erlangt, erreicht selbst als geringster Mensch die Befreiung des Nirvana.

10. Die von allen Welten Verehrte

Brahma, Vishnu, Shiva und die anderen verehren sie. Ich erkläre dir das Geheimnis, Göttin: Alle Welten sind ihre Verehrer.

11. Die Mutter der Welten

Durch glückliche Fügung widmet sich ein Mensch ganz der Sadhana Kalis. Dass Kali die Mutter der Welten ist, steht in allen heiligen Schriften fest.

12. Die Mantraübertragung übersteigt Standesgrenzen

Das Shudra-Sein des Shudra und das Brahmanen-Sein des Brahmanen sind geschwunden: Allein durch den Empfang des Mantras sind alle Shiva gleich.

13. Kali und Tara in ihrer Einheit

Auch wenn man eine andere Gestalt verehrt, Shive, soll man sie als Kali betrachten. Jene Kali, die höchste Vidya, ist eben Tara; daran besteht kein Zweifel.

14. Wissen allein stillt die tiefste Sehnsucht nicht

Dennoch entstand keine Erfüllung in mir, auch jetzt nicht, obwohl ich von allem Wissen, allen Prinzipien und allen Vollendungen erfüllt war.

15. Die Frucht der Übung darbringen

Mit roten Blumen, einer Wassergabe und Trommelklang soll der Verständige der Göttin die Frucht seines Japa darbringen. [„Wasser“ nach der Variante.]

16. Der heilige Ort und die rechte Zeit

Bei einer Finsternis oder an einer großen heiligen Stätte besteht kein Fehler der Zeitwahl. Besonders in Varanasi kann man jederzeit alle [entsprechenden Rituale] vollziehen.

17. Die Gegenwart des vollkommenen Zeitalters

Dort ist stets das vollkommene Krita-Zeitalter, stets der nördliche Sonnenlauf. [Es besteht kein entsprechender] Unterschied zwischen Tag, Nacht, Dämmerung und tiefer Nacht.

18. Frieden und rechtschaffene Lebensführung

Man soll ihn einem friedvollen, heldenhaften [Variante: standhaften] Yogi aus guter Familie geben, der rechtschaffen lebt und alle Feinde überwunden hat.

Verehrung in Herz und Welt

19. Die Göttin im Herzlotus verehren

Nach Reinigung der Elemente und den weiteren Vorbereitungen meditiert der Sadhaka im Herzlotus über die höchste Göttin und verehrt sie hingebungsvoll mit geistigen Darbringungen.

20. Ein Baum als heilige Schrift

Erkenne das Blatt als Gestalt meiner Haarflechten, Schöne. Die drei Blättchen entsprechen Rig-, Yajur- und Samaveda. Erkenne die Zweige als sämtliche heiligen Schriften, Fischäugige. Der Bilva gleicht dem Wunschbaum [und verkörpert] Brahma, Vishnu und Shiva. Mahalakshmi entstand auf dem Berg Shrishaila als Bilvabaum.

21. Lakshmis ausdauernde Hingabe

Die Göttin sprach: Wie wurde Vishnus Gemahlin zum Bilvabaum? Erzähle mir diese höchst erstaunliche Geschichte, Erbarmungsvoller. Ishvara sprach: Höre, Göttin, ich erzähle das wunderbare Geschehen. Im Satya-Zeitalter verehrte [Sarasvati] das Rameshvara genannte Linga, meine Lichtgestalt, nach der auch Brahma und die übrigen verlangen. Durch meine Gnade wurde Vani dort allen lieb. Sarasvati wurde Vishnu stets außerordentlich lieb. Eine ebenso große Liebe zu Lakshmi entstand in Keshava nicht. Darüber in Sorge, ging Lakshmi zum vorzüglichen Shrishaila. An meinem einsam gelegenen Linga vollzog sie überaus strenge Askese. Als ihr meine Gnade dennoch nicht zuteilwurde, höchste Herrin, blieb sie als Baum vor dem Linga stehen. Mit ihren eigenen Blättern, Blüten und Früchten verehrte sie mich unablässig. Nach zehn Millionen Jahren wurde ihr meine Gnade zuteil. Durch eben diese Gnade erhielt sie ihren Platz auf Vishnus Brust; dort erfreut sie sich für immer, höchste Herrin.

22. Die unvergleichliche Verehrerin

Aus diesem Grund verehrte Haris Geliebte mich fortwährend in jener Gestalt. Sie ist meine unvergleichliche Verehrerin, Shive.

23. Göttliche Gegenwart im Baum

Deshalb verweile ich Tag und Nacht in diesem Baum. Er enthält stets alle heiligen Stätten und alle Gottheiten.

24. Die Lautgestalt im Herzlotus als Fülle der Erkenntnis

[Die im Herzlotus geschaute Lautgestalt:] Sie besteht aus aller Erkenntnis und allem Wunder, aus allen Opfern und allen heiligen Stätten, aus allem Verdienst und aller heiligen Ordnung, aus Brahman-Erkenntnis und Brahman-Glückseligkeit.

25. Die höchste Gestalt schauen

Nun schaue meine Gestalt, die Glückseligkeit des Brahman, die höchste Stätte. Wer sie schaut, tritt nicht erneut in das Werden ein.

Innere Praxis und Erkenntnis

Innere Sammlung öffnet einen Zugang zu den Aussagen über Brahman und Bewusstsein.

26. Unterweisung aus Erbarmen

Die Göttin sprach: Erhabener, Kenner aller heiligen Ordnungen, in sämtlichen Agamas Bewanderter! Du bist der Guru aller Mantras, ein Ozean des Erbarmens.

27. Brahmans Strahlkraft als höchstes Wohl

Sie ist Maßstab sämtlicher Schriften, der Veden und der übrigen, Maßstab aller Wesen, Brahmans Strahlkraft und höchstes Wohl.

28. Körper und Welt als Gestalt der Gottheit

Ich erkläre es dir; höre es und trage es wie einen Ohrschmuck. Man soll sich selbst als höchstes Brahman betrachten; wenn dies nicht [möglich ist], soll man den eigenen Körper stets als Gestalt der erwählten Gottheit betrachten und ebenso das gesamte Weltall in ihrer Gestalt vergegenwärtigen. Dies ist der göttliche Yoga, Göttin; bewahre ihn aufmerksam.

29. Der eigene Körper als Kamakala

Vielfältiger Schmuck ziert sie; Brahma, Shiva und Vishnu verehren sie. So soll man den eigenen Körper als Gestalt der Kamakala betrachten.

30. Einweihung und passender Übungsweg

Ich erkläre die Vorschrift des Vollzugs; höre, Bergestochter. Nachdem man durch den Guru eingeweiht wurde, vollzieht man den Kaula-Nyasa. Seine Regel steht im späteren Tantra beziehungsweise im Kularnava. Nach der von mir erklärten Reihenfolge vollzieht man die beiden Weihebesprengungen. [Die Beziehung der beiden Werkverweise ist nicht ganz eindeutig.] Nachdem man vom Guru auch den Namen erhalten hat, wählt man entsprechend seiner Praxis den vorzüglichen Yoga: entweder den göttlichen oder den heldenhaften.

31. Die höchste Erkenntnis wird ins Ohr gegeben

Wessen Geist auf den Kula-Dharma gerichtet ist und wer in seiner eigenen heiligen Ordnung feststeht, sei er ein Divya oder ein hervorragender Vira: Wo immer er stirbt, Göttin, dort gebe ich ihm die höchste Erkenntnis unmittelbar ins Ohr. Diesem Kula-Dharma soll man unablässig dienen.

32. Die Frucht entspricht der Zuwendung

Indra und die übrigen erlangen das Wandeln im freien Raum und langes Leben. Wie die Menschen bei mir Zuflucht nehmen, so haben sie Anteil an der entsprechenden Frucht.

33. Die innere Vereinigung der Entsagten

Die Vereinigung mit Kundalini im Bindu oberhalb des Sahasrara wird als höchste göttliche Vereinigung der Entsagten bezeichnet, Shive.

34. Die Lampe der Erkenntnis

Wie man ein von Dunkelheit erfülltes Haus durch eine Lampe sieht, so sieht man das von Maya Verhüllte durch die Lampe der Erkenntnis. [Die Variante betont jeweils das Vertreiben der Dunkelheit beziehungsweise Verhüllung.]

35. Freiheit schon während des Lebens

Die Unterscheidung zwischen Dingen als rein und unrein soll aufgehoben sein. Bei bestehendem Körper ist man lebend befreit; am Ende des Körpers erlangt man endgültiges Heil.

36. Meditation über Brahman

Nachdem der Vira den Kula-Trank getrunken hat, soll er in die Meditation über Brahman eintreten. Diese Meditation, große Herrin, führt zum Nirvana in Brahman.

37. Die Eigenständigkeit der Erscheinungen hinterfragen

Höre die Essenz der Essenz, das über alles Erhabene: Das eigene individuelle Leben, der Körper und die unendliche Gesamtheit der Welten alles, was im Körper und in den großen Ozeanen und den übrigen [Bereichen] ist, soll nicht als [eigenständig bestehend] gedacht werden; man vergegenwärtigt, dass es so nicht besteht.

38. Das Selbst ungetrennt von Brahman betrachten

Auch sich selbst soll man als davon ungetrennt betrachten, Herrin der Götter. Dies wird Meditation über Brahman genannt. Um darin größere Festigkeit zu erlangen, verwenden Yogis die Ritualsubstanz, keinesfalls zu einem anderen Zweck. Wer auch nur einen Augenblick sein Selbst mit dem Gedanken „Ich bin Brahman“ betrachtet, dem gewährt die Göttin eine Frucht, die [ohne diese Betrachtung] weder von mir noch von Brahma oder Vishnu erreicht werden kann. [Der Satz folgt der Variante; die Hauptlesung hat einen unklaren Bezug auf „sein Ende“.]

39. Die Übung auch mit einfachen Mitteln bewahren

Deshalb, große Herrin, soll man die tägliche Praxis nicht ausfallen lassen. Fehlen die Ritualsubstanzen, kann man sie auch mit Wasser vollziehen. Oder man vollzieht den Kula-Yoga täglich im Geist. Nun erkläre ich [das entsprechende] Verfahren; höre, Lotusgesichtige. [Die Bezeichnung des Verfahrens in der Vorlage ist unsicher.]

40. Der innere Nektar

Der höchste Nektar, der durch die Vereinigung mit Kundalini aus dem Mond strömt: Diesen trinkt der Yogi, große Herrin, [als] Shiva selbst.

41. Vom äußeren Opfer zur inneren Sammlung

Dieser Kula-Yoga wird wahrlich das große Trinken genannt. Nachdem man mit dem Schwert der Erkenntnis das Opfertier aus Verdienst und Verfehlung getötet hat, Shambhavi, führt man den Geist in das höchste Selbst: Das heißt „Fleisch essen“. Mit dem Geist zügelt man sämtliche Sinne und verbindet sie mit dem Selbst. Ein solcher Yogi heißt „Fischesser“, frei von Bindung, dir lieb. Die Gesamtheit aller Welten führt man in das höchste Brahman zurück. Die Vereinigung des Selbst mit der höchsten Shakti gilt als Maithuna, nicht [der Vollzug] im Samen. So habe ich dir, Göttin, die Essenz der Essenz, das über alles Erhabene, erklärt. Bewahre es geheim, bewahre es geheim: die Praxis meines ganzen Wesens.

Die Mutter und das höchste Brahman

42. Das leuchtende Antlitz der Mutter

„Ach, Mutter! Dein Lotusantlitz überstrahlt zehn Millionen Monde und Sonnen. Wie [herrlich] ist die Röte deiner Füße, die einen Ozean des Erbarmens bergen! Deine höchste, weit ausgedehnte Gestalt bezaubert selbst Mahamaya. Wie [herrlich] ist das höchst heilbringende Licht der Monde deiner Nägel! Dein Antlitz lässt unzählige Monde verblassen. Was ist geschehen, was wird sein, Mutter? Wohin ist dieses Wunder gegangen? Ach, Mutter! Diese deine unvergängliche Gestalt ist Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Als unsere Mutter können wir dich nun nicht mehr sehen.

43. Die Zuflucht der hilflosen Kinder

Warum hast du uns hervorgebracht und dann in den schwer überquerbaren Ozean geworfen? Hast du kein Erbarmen, Mutter? Wir sind deine hilflosen Kinder. Wenn du uns nicht beschützt, wer wird uns beschützen? Außer dir haben wir keine Mutter und keinen Vater. Ohne deinen Anblick werden wir sterben, das ist gewiss. Wie kann ein Kind ohne Mutter und Vater leben? Bedenke es selbst, Mutter!“

44. Die Mutter vergeht nicht

Kali sprach: „Seid nicht von Furcht bedrängt, Brahma, Vishnu und Maheshvara! Ich bin stets gegenwärtig.“ [Die Variante betont: „Ich bin unvergänglich.“] „Ich bin von der Natur des Seins, des Bewusstseins und der Glückseligkeit. Ich bin Brahman selbst, aufleuchtender Glanz. Niemals vergehe ich. Bleibt frei von Zweifel!

45. Meditation und Mantra verbinden

Meditiert über jene makellose, höchste Gestalt, die ihr von mir geschaut habt, und wiederholt meinen Mantra.

46. Wollen, Erkennen und Handeln

Ishvara sprach: So sprach Mahakali und gab uns die Kräfte des Wollens, Erkennens und Handelns, die alle Aufgaben vollbringen. Die Willenskraft gab sie Vishnu, die Handlungskraft Brahma, mir die Erkenntniskraft: sie, deren Wesen sämtliche Kräfte sind.

47. Die Göttin in den Göttern

Kali sprach: „Hört, höchste Herren! Ich trete in euch ein, in Shankara jedoch in meiner vollen Gestalt. Dieser erhabene Shiva, der höchste Herr, ist der göttliche Guru. Er ist der Sprecher der heiligen Schriften, kein anderer, weder Brahma noch Hari.

48. Göttliche Gegenwart in jeder Welt

So wohnen wir alle, Brahma, Vishnu und Maheshvara, in jedem einzelnen Weltenei; daran besteht kein Zweifel.

49. Durch die Verehrung der Mutter Maya überwinden

Doch all dies besitzt keine unabhängige Wirklichkeit; es ist allein die Maya der Mutter. Diejenigen, die sie verehren, überqueren eben diese Maya.

50. Die Gabe der Mutter

Wem meine Mutter Kalika, die große Göttin, wohlgesinnt ist, zu dessen Füßen stehen Genuss und Befreiung bereit. [Die Variante betont die ihm zugewandte Befreiung.]

51. Jenseits von Träger und Getragenem

Der große Ozean, Göttin, ist Mahakala, der große Herr. [Halbvers.] Zum göttlichen Spiel stellte sie sich ihren Gemahl als Gestalt der Leere vor. [Halbvers.] Eben diese Kali ist die Mutter der Welt, Mahakala ebenbürtig. Sie nahm die Gestalt einer Hälfte der Strahlkraft an und trug Mahakala. Von der Gestalt der Leere, dunkel, berauscht und von aufwärtsgerichteter Strahlkraft [erscheint sie]. Nach der Grenze hast du gefragt, Göttin: Diese ist Brahman allein. Es ist Strahlkraft, Brahmans Strahlkraft, die Gestalt des Leuchtens. Dieses Leuchten, große Göttin, ist frei von der Unterscheidung zwischen Durchdrungenem und Durchdringendem. Es ist weder Getragenes noch Träger, ohne ein Zweites und ohne Zwischenraum. Diese ganze Vielfalt dagegen, Göttin, ist aus Maya gebildet.

52. Brahman als Wirklichkeit

Die gesamte Vielfalt besitzt keine unabhängige Wirklichkeit; wirklich ist Brahman allein. Dies habe ich dir als Essenz der Essenz, als das über alles Erhabene, erklärt.

53. Erkenntnis durchtrennt Maya

Es ist das Geheimnis hinter den Geheimnissen, höchste Herrin: diese höchste Erkenntnis, die alle Maya durchtrennt.

54. Die Gnade der Mutter gegenüber Ghora

Ob mit feindlicher oder rechtschaffener Haltung, Dämon: Wie die Wesen sich mir zuwenden, so erfülle ich ihr Verlangen. Am Ende gebe ich die höchste, unübertreffliche Frucht. Du hast dich lange mit mir beschäftigt, Dämon, ohne Zweifel. Weil dein Geist einzig darauf gerichtet war, mich zu erlangen, bist du Shiva, ohne Zweifel; daher kam deine ganze umherirrende Anstrengung.

55. Wem die höchste Lehre anvertraut wird

Man soll es einem friedvollen, standhaften, erkenntnisreichen Yogi des Kula geben, Herrin der Götter. Andernfalls gelangt man nach dem Text in die Hölle.

Hingabe, Japa und Befreiung

Begleitvideo: Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev.

Puja und Japa verbinden Handlung, Aufmerksamkeit und Hingabe.

56. Die Göttin im lebendigen Gegenüber ehren

Die Frucht der Kumari-Verehrung kann ich nicht aussprechen. Die Kumarīs und die Shaktis sind dieses ganze Bewegliche und Unbewegliche. Wird auch nur eine junge Frau verehrt und als das eigene Selbst geschaut, so sind ohne Zweifel alle höchsten Göttinnen verehrt.

57. Dharma als bleibender Freund

Die Götter sind Ursprung des Dharma; Opfer und Ähnliches gelten als Dharma. In der jenseitigen Welt ist Dharma ein großer Freund, daran besteht kein Zweifel.

58. Ein langer Weg zur Erkenntnis

Nachdem jemand viele Leben lang vedische Handlungen vollzogen hat, wendet er sich kraft dieses Dharma der heiligen Ordnung der Agamas zu. Dort erlangt er die Befreiung, welche die Bindung an Karma vernichtet. Nach vielen Leben gelangt er zur Erkenntnis und wird befreit.

59. Handeln, Hingabe, Erkenntnis und Befreiung

Durch Handeln erlangt man Hingabe, durch Hingabe Erkenntnis, durch Erkenntnis Befreiung, große Göttin. Wahrlich, wahrlich sage ich dies.

60. Wenn Erkenntnis das Nichtwissen ablöst

Wenn die höchste Erkenntnis an die Stelle des Nichtwissens tritt, wird der Yogi befreit: So spricht der erhabene Shiva. [Die Übersetzung folgt der Variante „höchste Erkenntnis“; die Hauptlesung ist weniger klar.]

61. Die kostbare Zeit zur Praxis nutzen

Nicht durch den bloßen Beginn einer Handlung erlangt der Mensch Freiheit vom Handeln. Deshalb, Mahamaya, soll er stets die [gebotene] Handlung vollziehen. [In dieser Form steht der erste Satz in der Vorlage.] Ob vedische oder tantrische Praxis: Wird sie durch glückliches Geschick zugänglich, soll der Verständige die Zeit nicht mit Würfelspiel und Ähnlichem vergeuden.

62. Geistige Verehrung im Alltag

Er soll sie mit Götterverehrung, Japa, Opfer und Lobpreis verbringen. Diese Tätigkeit ist zweifach: äußerlich und innerlich. Der äußere Vollzug ist an Regeln gebunden, der geistige nicht in gleicher Weise. Ob unrein oder rein, an welchem Ort auch immer, im Gehen, Stehen oder Liegen [wörtlich auch: Schlafen] soll man die geistige heilige Handlung vollziehen, Schöne. Im geistigen Vollzug besteht [insoweit] kein Fehler.

63. Japa als Gestalt Shivas

Unter allen Handlungen ist das Wissen um Japa das höchste, große Herrin. Das Japa-Opfer ist meine eigene Gestalt, daran besteht kein Zweifel.

64. Im Japa verweilen

Wer stets beim Japa-Opfer verweilt, äußerlich oder innerlich, ist ohne Zweifel schon während des Lebens befreit, höchste Herrin.

65. Die Größe des Japa-Opfers

Alle vedischen und tantrischen heiligen Handlungen erreichen nicht ein Sechzehntel des Japa-Opfers, höchste Herrin.

66. Die Vertiefung nach innen

Diese Frucht wird dem hörbaren Japa zugeschrieben. Leises Japa gilt als hundertfach, geistiges als tausendfach [wirksam].

67. Hörbares und leises Japa

Wird der Mantra mit der Stimme ausgesprochen, heißt dies hörbares Japa. Ist er nur ganz leise vernehmbar, heißt es leises Japa.

68. Geistiges Japa

Was dem eigenen Ohr nicht hörbar ist, wird geistiges Japa genannt. Das hörbare Japa ist äußerlich, das geistige innerlich.

69. Lobpreis, göttliche Gnade und Samadhi

Das leise Japa ist eine Mischform; so werden drei Arten unterschieden. Durch beständigen Lobpreis im Japa wird die Gottheit erfreut und gewährt in ihrer Gnade große Wunscherfüllung und ewige Befreiung. Sadhana, Japa und Meditation, Schöne, werden von niemandem irgendwo durch nur geringe Askese erlangt. Wenn sie durch das in vielen Leben erworbene glückliche Geschick erreichbar werden, kann man schon in einem Leben Anteil an Befreiung haben. Was Erkenntnis des Brahman genannt wird, wird als Samadhi bezeichnet.

70. Menschen und Wasser als heilige Gegenwart

Die Menschen, die dort leben, sind Götter, ohne Zweifel. Alles dortige Wasser ist heiliges Pilgerwasser.

Kamakhya und der Ursprung der Wesen

71. Kamakhya und die ewige Kali

Die Göttin sprach: Vertraulich frage ich dich: Wer ist Kamakhya? Sage es mir. [Halbvers.] Ishvara sprach: Jene Kali, die höchste Vidya, die Ewige von der Gestalt des Brahman, ist eben Kamakhya, Herrin der Götter, die alle Vollendungen gewährt. Die Göttin sprach: Wie wurde Kali, deren Wesen Brahman ist, zu Kamakhya, großer Herr? Erkläre mir alles aus Erbarmen, Mondgekrönter.

72. Die Gefahr des Hochmuts

Hochmut ist für alles zerstörerisch, Herrin. Von diesem Hochmut ergriffen stand Brahma da, der Träger der Welt. Er vergaß das ganze Geschehen, von dem Kalika früher gesprochen hatte, und war fortan nur von seinem Ichdünkel erfüllt.

73. Hingabe ohne Ichdünkel

Darauf pries Brahma, der Schöpfer der Welt, zusammen mit Vishnu und frei von Hochmut Kali, die Mutter der Welten, die Hindernisse vernichtet.

74. Die Göttin als heiliges Wort

Brahma und Vishnu sprachen: Verehrung der höchst heilvollen Herrin, deren Wesen Pranava ist, die Gestalt ihrer eigenen Keimsilbe und der Kama-Keimsilbe!

75. Die Ewige in ihren Keimsilben

[Wir verehren] die Ewige, geschmückt mit Schädelgirlanden und hervorgestreckter Zunge, deren Gestalt Maya-Bija und Kurcha-Bija ist.

76. Kali als Trägerin der Welten

Ich verehre Kali, die Trägerin der Welten, mit Lotusaugen, furchtbarem Ruf, als Gefährtin Shivas, mit offenem Haar und dem Raum als Gewand.

77. Die Mutter ist dem Herzen nahe

Ich verneige mich vor Mutter Kalika, die große Hindernisse vernichtet. Stets grüße ich diese dem Herzen nahe Mutter, die Herrin der Welten.

78. Dienst an den Lotusfüßen

Vernichte diesen Asura und setze uns wieder ein wie zuvor. Gewähre uns den Dienst an deinen Lotusfüßen; dies ist unsere Bitte an deine Größe.

79. Wenn Hochmut zur Einsicht führt

Kali sprach: Höre meine Worte, Brahma! Dein Hochmut ist geschwunden. Nun hast du erkannt, dass es Höhere als dich gibt. [Die letzte Wendung ist grammatisch unsicher.] Die ganze Welt besteht aus Maya; was gehört da dir oder einem anderen, Lotusgeborener? Als ich sah, wie dich Hochmut ergriff, gab ich dir ein schwer zu überwindendes Hindernis. Aus deinem Hochmut habe ich dir, Weltschöpfer, die Gestalt des Daitya Keshi geschaffen. Ich vernichte ihn; sei fest! Fürchte dich nicht, Vishnu, sei standhaft, Hochverständiger!

80. Die Mutter spricht zu ihren Kindern

… erneut in derselben Weise die höchste Herrin. Kali, die Mutter der Welt, sprach zu ihnen: „Was wünscht ihr? Ich gebe euch alles, meine Kinder. Warum seid ihr verzagt?“

81. Ein Ort für die Verehrung des Gestaltlosen

Brahma und Vishnu sprachen: Zu unserem und der Welten Heil [begehren wir] das, was deinen Füßen entströmt, vollkommen rein ist und große Befreiung gewährt. Doch, Mutter, es ist unsichtbar, verborgen und ohne Gestalt. Wie sollen wir dieses in jeder Hinsicht Heilbringende verehren? Bestimme einen Ort auf der Erde, an dem wir deine Lotusfüße mit Japa verehren können. Stets werden wir sie verehren, den Grund großen Heils, damit wir und alle anderen die Frucht großer Befreiung erlangen. Was könnten uns dann unheilvolle Dämonen und andere [Wesen] noch antun? Durch die Verehrung deiner Füße werden wir gewiss den schwer überquerbaren [Ozean] durchschreiten. [Halbvers.]

82. Die Keimsilbe als Klang-Brahman

Erkenne diese große, Keshi [betreffende] Keimsilbe als Gestalt des Klang-Brahman, erfüllt von mächtiger Strahlkraft: als höchste Stätte.

83. Der von Strahlkraft erfüllte Ort

Deshalb ist dieser Ort, der von großer Strahlkraft erfüllt ist, zu verehren. Nimm dort deinen Platz ein und verehre mich nach deinem Herzenswunsch.

84. Die verborgene Verehrung

Verehre mich so, dass niemand davon weiß. Ich werde dich stets vor allen Gefahren beschützen.

85. Der Schoß als Ursprung der Wesen

… sieh: Dort ist mein Yoni-Mandala entstanden. Erkenne es als aus meiner Strahlkraft hervorgegangen. Die Yoni ist der Ursprungsort aller Wesen, daran besteht kein Zweifel. Erkenne meinen Schoß als Prakriti, als schöpferische Natur, Gott.

86. Schöpfen in Verehrung des Ursprungs

Verehre den Schoß, Herr der Götter, und vollziehe die Schöpfung auf rechte Weise. Dann wird für dich nirgends Furcht entstehen, Urvater.

87. Die Göttin wohnt am heiligen Sitz

An diesem heiligen Sitz bin ich gegenwärtig, ohne Zweifel. Erkenne dort meine überaus schöne Gestalt als die den Ort bewohnende Macht.

88. Kamakhya als Quelle der Furchtlosigkeit

Verehre diese Gestalt täglich als Kamakhya im Yoni-Mandala. Wer das Yoni-Mandala aufsucht und Kamakhya verehrt, wird Herr aller Vollendungen und erfreut sich hier und jenseits. Nirgends entsteht ihm Furcht vor irgendjemandem.

89. Ein Heiligtum zum Wohl der Wesen

Zu deinem und anderer Wesen Wohl wurde das Yoni-Mandala gegründet: auf der Erde, im Land Bharata, in der großen heiligen Stätte Kamarupa.

90. Göttliches Spiel und die Kraft Lakshmis

Diesen Ort habe ich dir als Stätte des göttlichen Spiels erklärt, Vishnu. Auch die ursprüngliche Willenskraft habe ich dir bereits gegeben. Als Mahalakshmi, in Brahman gegründet, dient sie dir. Dieselbe wird in dieser Stadt als Vrinda erscheinen. Weil sie Keshipura ganz durchdringt, wird es Vrindavana heißen. Dort wird gewiss dein Spiel mit ihr stattfinden. Lakshmi wird als Baum von Vrindavana beständig dort stehen. Sie wird den Daityas hindernd entgegentreten, als Vernichterin aller Daityas.

Heilige Orte und lebendige Gegenwart

Kali und Shiva: Die Göttin ist in der Lehre des Yogini Tantra sowohl verehrte Gestalt als auch höchste Wirklichkeit.

91. Kamakhya als Heilmittel im Kali-Zeitalter

Die Göttin sprach: Ich habe von den heiligen Sitzen wie Uddiyana gehört, mir lebenslieber Gefährte. Nun möchte ich die Bestimmung Kamarupas hören. Du hast mir, Herr, vom Kamakhya genannten heiligen Sitz gesprochen, der furchtbare Verfehlungen vernichtet und im Kali-Zeitalter offenbar wird. Was ist dieses höchste Heilmittel gegen die mannigfachen Bisse der Schlange des Kali-[Zeitalters; Variante: der Zeit]? Erkläre es mir, allmächtiger Gott.

92. Heilige Orte und Weltalter

Der Erhabene sprach: Uddiyana erschien im Krita-Zeitalter, Herrin der Götter; Purnashaila entstand zu Beginn des Treta-Zeitalters. Jalashaila [erschien] im Dvapara-Zeitalter und Kamakhya im Kali-Zeitalter, um dessen furchtbare Verfehlungen zu vernichten, große Herrin.

93. Die Gottheiten an jedem heiligen Sitz

An jedem heiligen Sitz ist Mahadeva, an jedem der Vierarmige [Vishnu], an jedem ist Ganga gegenwärtig und an jedem Parvati.

94. Die heilige Stätte und die innere Vergegenwärtigung

Jeder heilige Sitz, jedes Feld und jeder heilige Wald [gehört in diesen Zusammenhang]. Im Kali-Zeitalter entsteht die Vorstellung von einer Pilgerstätte [besonders dann], wenn sie weit vom eigenen Haus entfernt ist. Doch die heiligen Stätten sind im Heiligtum vollendeter innerer Vergegenwärtigung [gegenwärtig]. An jedem heiligen Sitz bestehen eine eigene heilige Ordnung und eine eigene Lebensweise. [Die Variante formuliert den ersten Satz als die Erfüllung, die durch Vergegenwärtigung erstrebt wird.]

95. Örtliche Überlieferungen achten

Die örtliche Kula-Lebensweise soll nicht mit Begründungen beseitigt werden. Verschieden sind die Verehrung und die Mantras; [als weiterer Ort wird] der Tara-Sitz auf Erden genannt.

96. Die Göttin als Gestalt des Weltalls

Sieg dir, allgegenwärtige Göttin! Kameshvari, Verehrung sei dir! Du Gestalt des Weltalls, Heilvolle, Reine, mit außergewöhnlichen Augen, Dreiäugige!

97. Die Macht der Auflösung

Du mit furchtgebietenden Augen, du Furcht Erregende, Göttin, die alle Wesen zur Auflösung führt, Schreckliche und überaus Schreckliche: Kameshvari, Verehrung sei dir!

98. Kali, die machtvolle Beschützerin

Kali, Furchtgebietende, Mächtige, Kameshvari, Geliebte Haras, Göttin, die alle Waffen trägt [Variante: alle Feinde wegnimmt]: Kameshvari, Verehrung sei dir!

99. Leuchte Kamarupas

Leuchte Kamarupas, Bewohnerin des Nilakuta, Zerschmetterin Nishumbhas und Shumbhas: Kameshvari, Verehrung sei dir!

100. Ein Gebet an Kamakhya

Kamakhya, die du in Kamarupa weilst, Kameshvari, Geliebte Haras! Gewähre mir stets die ersehnten Gaben. Kameshvari, Verehrung sei dir!

101. Mit Hingabe vom Hervortreten der Göttin hören

Wer voller Hingabe von deinem Hervortreten hört, Göttin, wird von allen Verfehlungen frei und gelangt zum höchsten Nirvana.

102. Die Trägerin des Weltalls

Du in Kamarupa Hervorgetretene, Schmuck des heiligen Kama-Sitzes, Trägerin des Weltalls, Mahamaya: Kameshvari, Verehrung sei dir!

103. Die Göttin als Licht in der Sushumna

Vor jener höchsten heldenhaften Göttin verneige ich mich, die im Inneren der Sushumna als Lichtgestalt meditiert wird. Kameshvari, Verehrung sei dir!

104. Die alles durchdringende Göttin

Du mit dem von Hauern furchtgebietenden Gesicht, von einer Schädelgirlande geschmückt, überall und alles durchdringend, Göttin: Kameshvari, Verehrung sei dir!

105. Wahrhaftigkeit, Frieden und das Wohl der Wesen

Von dort herabkommend wird er hier in einer vortrefflichen Brahmanenfamilie geboren, allwissend, wahrhaftig und frei von Neid. Seiner eigenen heiligen Aufgabe ergeben, friedvoll, selbstbeherrscht und am Wohl der Wesen erfreut, übt er die Erkenntnis Shivas ein und erlangt dann Befreiung.

Kahola und das Erkennen des Selbst

106. Kahola empfängt Unterweisung

„Kahola, wende dich zuerst an Shankara, den Gott, der Heil schenkt. Er ist der Guru aller Wesen und wird alles für dich tun.“ [Die Richtungsangabe des ersten Halbverses ist in den Lesarten unsicher.] Als Kahola diese Stimme aus dem Himmel hörte, wurde er von höchster Freude erfüllt. Er ging [zu mir] und erzählte das ganze Geschehen. Darauf gab ich ihm die Kali-Vidya, die höchste Kraft, die einsilbige, heilvolle, aus Bewusstsein bestehende, die alle Erkenntnis hervorruft. [„Einsilbig“ folgt dem Zahlwort „Mond“; die Variante im Erkenntnis-Ausdruck ist unsicher.]

107. Das eigene Selbst als Gestalt Kalikas erkennen

Durch diese Gnade, Göttin, erkannte der hervorragende Rishi Kahola das eigene Selbst als Gestalt Kalikas, als höchstes, ewiges Brahman frei von Maya, als höchste nichtduale Wirklichkeit, Shive. So wurde der vorzügliche Rishi von aller Maya befreit. Er schaute die gesamte bewegliche und unbewegliche Welt als von Brahman erfüllt und erkannte den eigenen Körper und dergleichen nicht mehr als etwas [davon Getrenntes]. Durch eben diese Erkenntnis des Brahman wurden Körperbindung, Karma und dergleichen dieses großen Rishi zu Asche, höchste Herrin.

108. Die Bedeutung der inneren Haltung

Mit welcher inneren Haltung ein Sadhaka Kali verehrt, deren entsprechende Frucht erlangt er durch Mahakalis Gnade ohne lange Verzögerung.

Konkordanz der 108 Verse

I bezeichnet den Pūrvakhaṇḍa, II den Uttarakhaṇḍa. Danach folgen Paṭala und Originalvers. Die Originalnummer 16 in I.15 ist doppelt belegt; beide unterschiedlichen Strophen sind ausdrücklich unterschieden.

Auswahl Originalfundstelle Thema
1 I.1.4 Ein Text mit Befreiung als Ziel
2 I.1.26 Die Wurzel der Unterweisung
3 I.1.27 Der Guru als göttliche Gegenwart
4 I.1.44 Der Ort des Lehrers als heiliger Raum
5 I.1.47-49 Die Frage nach dem wahren Guru
6 I.1.50-51 Übertragung als Gegenwart Mahakalas
7 I.1.52-53 Die Einheit hinter der Lehrerreihe
8 I.8.56-57 Die Mutter als Ursprung und Rückkehr der Welt
9 I.2.2-4 Kali als befreiende Erkenntnis
10 I.2.5 Die von allen Welten Verehrte
11 I.2.7 Die Mutter der Welten
12 I.2.10 Die Mantraübertragung übersteigt Standesgrenzen
13 I.2.18 Kali und Tara in ihrer Einheit
14 I.9.39 Wissen allein stillt die tiefste Sehnsucht nicht
15 I.2.31 Die Frucht der Übung darbringen
16 I.2.66 Der heilige Ort und die rechte Zeit
17 I.2.67 Die Gegenwart des vollkommenen Zeitalters
18 I.3.7 Frieden und rechtschaffene Lebensführung
19 I.5.9 Die Göttin im Herzlotus verehren
20 I.5.27-28 Ein Baum als heilige Schrift
21 I.5.29-36 Lakshmis ausdauernde Hingabe
22 I.5.37 Die unvergleichliche Verehrerin
23 I.5.38 Göttliche Gegenwart im Baum
24 I.9.18-19 Die Lautgestalt im Herzlotus als Fülle der Erkenntnis
25 I.8.61 Die höchste Gestalt schauen
26 I.6.1 Unterweisung aus Erbarmen
27 I.9.20 Brahmans Strahlkraft als höchstes Wohl
28 I.6.5-6 Körper und Welt als Gestalt der Gottheit
29 I.6.11 Der eigene Körper als Kamakala
30 I.6.17-19 Einweihung und passender Übungsweg
31 I.6.28-29 Die höchste Erkenntnis wird ins Ohr gegeben
32 I.6.32 Die Frucht entspricht der Zuwendung
33 I.6.41 Die innere Vereinigung der Entsagten
34 I.6.59 Die Lampe der Erkenntnis
35 I.6.60 Freiheit schon während des Lebens
36 I.6.61 Meditation über Brahman
37 I.6.62-63 Die Eigenständigkeit der Erscheinungen hinterfragen
38 I.6.65-67 Das Selbst ungetrennt von Brahman betrachten
39 I.6.68-69 Die Übung auch mit einfachen Mitteln bewahren
40 I.6.70 Der innere Nektar
41 I.6.71-74 Vom äußeren Opfer zur inneren Sammlung
42 I.10.2-5 Das leuchtende Antlitz der Mutter
43 I.10.9-11 Die Zuflucht der hilflosen Kinder
44 I.10.13-14 Die Mutter vergeht nicht
45 I.10.15 Meditation und Mantra verbinden
46 I.10.18-19 Wollen, Erkennen und Handeln
47 I.10.20-21 Die Göttin in den Göttern
48 I.10.32 Göttliche Gegenwart in jeder Welt
49 I.10.42 Durch die Verehrung der Mutter Maya überwinden
50 I.10.44 Die Gabe der Mutter
51 I.10.49-54 Jenseits von Träger und Getragenem
52 I.10.55 Brahman als Wirklichkeit
53 I.10.56 Erkenntnis durchtrennt Maya
54 I.8.58-60 Die Gnade der Mutter gegenüber Ghora
55 I.10.62 Wem die höchste Lehre anvertraut wird
56 I.13.35-36 Die Göttin im lebendigen Gegenüber ehren
57 I.13.40 Dharma als bleibender Freund
58 I.13.41-42 Ein langer Weg zur Erkenntnis
59 I.13.43 Handeln, Hingabe, Erkenntnis und Befreiung
60 I.13.44 Wenn Erkenntnis das Nichtwissen ablöst
61 I.13.45-46 Die kostbare Zeit zur Praxis nutzen
62 I.13.47-49 Geistige Verehrung im Alltag
63 I.13.50 Japa als Gestalt Shivas
64 I.13.51 Im Japa verweilen
65 I.13.52 Die Größe des Japa-Opfers
66 I.13.56 Die Vertiefung nach innen
67 I.13.57 Hörbares und leises Japa
68 I.13.58 Geistiges Japa
69 I.13.59-62 Lobpreis, göttliche Gnade und Samadhi
70 I.11.24 Menschen und Wasser als heilige Gegenwart
71 I.15.1-3 Kamakhya und die ewige Kali
72 I.15.5-6 Die Gefahr des Hochmuts
73 I.15.13 Hingabe ohne Ichdünkel
74 I.15.14 Die Göttin als heiliges Wort
75 I.15.15 Die Ewige in ihren Keimsilben
76 I.15.16 Kali als Trägerin der Welten
77 I.15.16 (zweite Belegung) Die Mutter ist dem Herzen nahe
78 I.15.20 Dienst an den Lotusfüßen
79 I.15.21-23 Wenn Hochmut zur Einsicht führt
80 I.15.34 Die Mutter spricht zu ihren Kindern
81 I.15.35-39 Ein Ort für die Verehrung des Gestaltlosen
82 I.15.41 Die Keimsilbe als Klang-Brahman
83 I.15.43 Der von Strahlkraft erfüllte Ort
84 I.15.45 Die verborgene Verehrung
85 I.15.51-52 Der Schoß als Ursprung der Wesen
86 I.15.53 Schöpfen in Verehrung des Ursprungs
87 I.15.54 Die Göttin wohnt am heiligen Sitz
88 I.15.55-56 Kamakhya als Quelle der Furchtlosigkeit
89 I.15.57 Ein Heiligtum zum Wohl der Wesen
90 I.15.46-49 Göttliches Spiel und die Kraft Lakshmis
91 II.1.2-4 Kamakhya als Heilmittel im Kali-Zeitalter
92 II.1.5-6 Heilige Orte und Weltalter
93 II.1.8 Die Gottheiten an jedem heiligen Sitz
94 II.1.9-10 Die heilige Stätte und die innere Vergegenwärtigung
95 II.1.11 Örtliche Überlieferungen achten
96 II.7.137 Die Göttin als Gestalt des Weltalls
97 II.7.139 Die Macht der Auflösung
98 II.7.140 Kali, die machtvolle Beschützerin
99 II.7.141 Leuchte Kamarupas
100 II.7.142 Ein Gebet an Kamakhya
101 II.7.147 Mit Hingabe vom Hervortreten der Göttin hören
102 II.7.150 Die Trägerin des Weltalls
103 II.7.152 Die Göttin als Licht in der Sushumna
104 II.7.153 Die alles durchdringende Göttin
105 II.12.104-105 Wahrhaftigkeit, Frieden und das Wohl der Wesen
106 I.18.7-9 Kahola empfängt Unterweisung
107 I.18.15-18 Das eigene Selbst als Gestalt Kalikas erkennen
108 I.18.21 Die Bedeutung der inneren Haltung

Wichtige Mantras des Yogini Tantra

Die folgenden Formeln sind in den beiden M00064-Fassungen vollständig nachweisbar. Kurze Namensmantras, Keimsilbenformeln und vollständige Gebetsstrophen werden voneinander unterschieden. Bei der Herauslösung aus einem Satz wird ausschließlich eindeutiges Wort-Sandhi aufgelöst: beispielsweise „namo mantreṇa“ zu „namaḥ“ am Formelabschluss oder „nārāyaṇāyeti“ zu „nārāyaṇāya“ vor dem Zitatabschluss „iti“. Fehlende Silben werden nicht ergänzt. Die längeren Verse bleiben in der Schreibweise der Vorlage.


Eingangsverehrung des Mahabhairava

IAST:

oṃ namo mahābhairavāya

Devanagari:

ओं नमो महाभैरवाय

Bedeutung: Om. Verehrung dem großen Bhairava.

Gottheit: Mahabhairava

Textstelle: I.1, unnummerierte Eingangsverehrung vor Vers 1.

Die Anrufung stellt den gesamten Lehrdialog unter das Zeichen der göttlichen Unterweisung.

Eingangsverehrung der Kamakhya

IAST:

oṃ kāmākhyāyai namaḥ

Devanagari:

ओं कामाख्यायै नमः

Bedeutung: Om. Verehrung Kamakhya.

Gottheit: Kamakhya

Textstelle: II.1, unnummerierte Eingangsverehrung vor Vers 1.

Die Formel eröffnet den zweiten Teil. Die Vorlage bietet zusätzlich die Wortstellungsvariante „namaḥ kāmākhyāyai“ beziehungsweise „नमः कामाख्यायै“. Sie wird nicht als zusätzlicher, eigenständiger Mantra gezählt.

Chandika

IAST:

hrīṃ caṇḍikāyai namaḥ

Devanagari:

ह्रीं चण्डिकायै नमः

Bedeutung: Hrīm. Verehrung Chandika. Hrīm ist eine Keimsilbe ohne gewöhnliche Satzübersetzung.

Gottheit: Chandika

Textstelle: I.5.66.

Die Formel steht dort innerhalb einer konkreten rituellen Richtungsverehrung. Als Quellenbeleg wird sie von einer allgemeinen Praxisanweisung unterschieden.

Bhadrakali

IAST:

hrīṃ bhadrakālyai namaḥ

Devanagari:

ह्रीं भद्रकाल्यै नमः

Bedeutung: Hrīm. Verehrung Bhadrakali.

Gottheit: Bhadrakali

Textstelle: I.5.66–67.

Die gleiche Formel wird für zwei Richtungen genannt. Sie wird hier nur einmal aufgeführt.

Chandogra

IAST:

hrīṃ caṇḍogrāyai namaḥ

Devanagari:

ह्रीं चण्डोग्रायै नमः

Bedeutung: Hrīm. Verehrung Chandogra. Der Name bezeichnet eine heftige, furchtgebietende Göttinnengestalt.

Gottheit: Chandogra

Textstelle: I.5.67.

Der historische Zusammenhang ist die Verehrung in der Feuerrichtung. Die Göttin wird in ihrer machtvollen Gestalt angerufen.

Narayana

IAST:

oṃ namo nārāyaṇāya

Devanagari:

ओं नमो नारायणाय

Bedeutung: Om. Verehrung Narayana.

Gottheit: Narayana

Textstelle: II.9.177–178.

Der Mantra erscheint ausdrücklich im zweiten Teil. Seine Aufnahme zeigt, dass die heilige Landschaft des Werkes neben der Göttin auch die Verehrung Vishnus umfasst.

Kamakhya als Trägerin des Weltalls

IAST:

kāmarūpasamudbhūte kāmapīṭhāvataṃsake |
viśvādhāre mahāmāye kāmeśvari namo'stu te || 150 ||

Devanagari:

कामरूपसमुद्भूते कामपीठावतंसके |
विश्वाधारे महामाये कामेश्वरि नमोऽस्तु ते || १५० ||

Bedeutung: Du in Kamarupa Hervorgetretene, Schmuck des heiligen Kama-Sitzes, Trägerin des Weltalls, Mahamaya: Kameshvari, Verehrung sei dir!

Gottheit: Kameshvari/Kamakhya

Textstelle: II.7.150.

Vollständige Gebetsstrophe. Die Anrufung verbindet den örtlichen heiligen Sitz mit der Göttin als Trägerin des Weltalls.

Kameshvari als inneres Licht

IAST:

yā suṣunnāntarālasthā cintyate jyotirūpiṇī |
praṇato'smi parāṃ vīrāṃ kāmeśvari namo'stu te || 152 ||

Devanagari:

या सुषुन्नान्तरालस्था चिन्त्यते ज्योतिरूपिणी |
प्रणतोऽस्मि परां वीरां कामेश्वरि नमोऽस्तु ते || १५२ ||

Bedeutung: Vor jener höchsten heldenhaften Göttin verneige ich mich, die im Inneren der Sushumna als Lichtgestalt meditiert wird. Kameshvari, Verehrung sei dir!

Gottheit: Kameshvari

Textstelle: II.7.152.

Vollständige Gebetsstrophe. Die Vorlage schreibt „suṣunnā“ beziehungsweise „सुषुन्ना“; diese Schreibweise bleibt hier erhalten. Gemeint ist im Zusammenhang die Sushumna. Die Strophe verbindet Göttinnenverehrung und innere Lichtbetrachtung.

Nicht zu vollständigen Formeln ergänzte Angaben

I.3.4 enthält einen langen Vajrashrinkhala-Schutztext mit mehreren unsicheren Wörtern. I.3.17 mischt ausgeschriebene Silben mit Abkürzungen und einer nicht eindeutig abgrenzbaren Silbenzahl. I.4.14, I.4.39, I.4.44–45 und I.5.7 enthalten Lautschlüssel oder verkürzte Formelbestandteile. Solche Stellen werden hier nicht zu neuen rezitierbaren Mantras zusammengesetzt. Ihr tatsächlicher Wortlaut bleibt in den Sanskritbegleitartikeln nachlesbar. Diese Auswahl erhebt keinen Anspruch auf ein vollständiges Register sämtlicher im Werk vorkommenden Ritualformeln.

Begleitvideo: Anahata-Chakra-Meditation mit Sukadev; heutige Meditationspraxis zum Ausklang des Studiums.

Meditative Schlussbetrachtung

Die 108 ausgewählten Stellen zeigen verschiedene Seiten derselben Bewegung: vom äußeren Vollzug zur inneren Sammlung, von der Verehrung zur Hingabe und von der Hingabe zur Erkenntnis. Das Yogini Tantra fordert dabei nicht, historische Ritualformen unbesehen zu übernehmen. Seine spirituell stärksten Verse laden vielmehr dazu ein, die Gegenwart der Shakti im eigenen Leben bewusster wahrzunehmen und Verehrung mit Klarheit, Verantwortung und innerer Stille zu verbinden.

Wer mit einer einzelnen Stelle weiterarbeiten möchte, kann sie langsam lesen, einige Atemzüge in Stille verweilen und anschließend prüfen, welche Haltung der Vers im Alltag vertiefen kann. So wird aus der Textlektüre eine Form von Svadhyaya: nicht bloß Wissen über eine Schrift, sondern eine Begegnung mit der Frage, wie Erkenntnis, Hingabe und bewusstes Handeln zusammenfinden.

Verwandte Schriften

Kalika Purana, Kularnava Tantra, Rudrayamala Tantra und Tara Tantra bieten weitere Zugänge zur Göttinnenverehrung. Yogini Hridaya und Nitya Shodashikarnava gehören zum engeren Sri-Vidya-Zusammenhang. Der Hauptartikel erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Textgrundlage

Yoginītantram, Muktabodha M00064, IAST und Devanagari, Revision 0 vom 16. Juni 2009. Die deutschen Übertragungen folgen den vorhandenen Textstellen; schwierige Lesungen sind örtlich kenntlich gemacht. Die Vorlage bezeichnet ihre E-Texte als CC BY-NC 4.0. Die Sanskritformeln wurden an beiden bereitgestellten Schriftfassungen geprüft.

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