Jnanasankalini Tantra
Jnanasankalini Tantra (Sanskrit: ज्ञानसङ्कलिनीतन्त्र jñānasaṅkalinītantra n.), auch Jñānasaṅkalinī Tantra oder Jnana Sankalini Tantra, ist ein dialogisch aufgebauter tantrischer Sanskrittext über Brahmajnana, Yoga, Shiva, Shakti, den subtilen Körper und die Verinnerlichung religiöser Praxis. Der Titel lässt sich sinngemäß als „Tantra der Sammlung bzw. Verkettung der Erkenntnis“ verstehen. Das Werk beginnt mit einer Frage der großen Göttin an Maheshvara auf dem Kailasa: Woher kommt die Schöpfung, wie vergeht sie, und was ist jene Erkenntnis Brahmans, die jenseits von Entstehen und Auflösung liegt?
Die vorliegende Muktabodha-Fassung umfasst 108 tatsächlich überlieferte nummerierte Verse, deren Zählung von 1 bis 109 reicht. Vers 58 fehlt in beiden vom Nutzer bereitgestellten Dateien; diese Lücke wird hier bewusst beibehalten und nicht rekonstruiert. Die Schrift entfaltet keine einzige lineare Lehrsystematik, sondern verbindet in einem fortlaufenden Frage-Antwort-Dialog Themen wie die vierzehn Wissensgebiete, das innere Heiligtum des Körpers, Ida, Pingala und Sushumna, Khechari Mudra, die fünf Elemente, die sieben Dhatus, Prana, die zehn Vayus, die Nadis, Kundalini, Omkara, die drei Gunas, die Stellung des Guru und schließlich die Erkenntnis der Einheit von individuellem Selbst und höchster Wirklichkeit.
Besonders charakteristisch ist die wiederkehrende Bewegung von äußeren religiösen Formen nach innen. Pilgerorte werden im Körper gefunden, das wahre Homa wird als Opferung des Prana im Feuer Brahmans gedeutet, Meditation als Auflösung des Geistes in die Leere beschrieben und der Guru höher als äußere Heiligtümer gestellt. Zugleich enthält das Werk konkrete Aussagen über Atem, Mudra, Nadis und Kundalini, die in ihrem traditionellen tantrisch-yogischen Zusammenhang gelesen werden sollten.

Aufbau und Hauptthemen
Das Jnanasankalini Tantra lässt sich in mehrere große Themenfelder gliedern, auch wenn der Text selbst keine Kapitelüberschriften besitzt.
Verse 1–15: Erkenntnis, innerer Körper und Shambhavi Vidya
Nach der kosmologischen Eingangsfrage erklärt Shiva das Unmanifeste als Ursprung und Auflösung der Schöpfung. Die verschiedenen Wissensformen werden der Brahman-Erkenntnis untergeordnet. Danach erscheint der Körper als Wohnort aller Gottheiten und Tirthas; Ida, Pingala und Sushumna werden mit Ganga, Yamuna und Sarasvati gleichgesetzt. Khechari Mudra und Shambhavi Vidya werden als Zustände innerer Stille beschrieben.
Verse 16–34: Lehren, Elemente und Mikrokosmos
Der Text charakterisiert verschiedene religiös-philosophische Richtungen, beschreibt die fünf Elemente und ihre je fünf körperlichen oder psychischen Entsprechungen und erklärt den Menschen als Spiegel des Brahmanda. Es folgen die sieben Dhatus sowie Aussagen über Atman, Antaratman und Paramatman.
Verse 35–48: Sprache, Prana, Geist, Shiva und innerer Tirtha
Sprache entsteht aus dem Geist, der Geist aus Prana und Prana aus dem Unmanifesten. Sonne, Mond, Atem und Geist werden inneren Orten zugeordnet. Der Text fragt, wer handelt und wer durch Karma gebunden wird, und antwortet, dass der Geist Träger dieser Bindung sei. Der Jiva ist durch Verblendung gebunden; von Verblendung frei ist er Sadashiva. Vers 48 kritisiert die Suche nach Shiva und heiligen Orten ausschließlich außerhalb des eigenen Selbst.
Verse 49–64: Brahmajnana, Yoga und Stille des Geistes
Hier wird die unmittelbare Erkenntnis höher gestellt als bloße Gelehrsamkeit. Brahmacharya, Meditation, Homa und Yoga erhalten verinnerlichte Definitionen. Die bekannte Kurzformel des Textes lautet: Das Loslassen aller Gedanken und Sorgen ist Yoga. Der stille Geist wird mit Shiva verbunden.
Verse 65–88: Shakti, Chakras, Vayus, Nadis und Einheit
Die dreifache Shakti, innere Zentren, zehn Vayus und Nadis werden beschrieben. Die Schrift nennt 72.000 Nadis und verbindet Kundalini mit zehn Hauptnadis. Danach werden Brahma, Vishnu und Rudra als Ausdruck einer letztlich einen Wirklichkeit behandelt. Die Verse 85–86 kulminieren in einer kraftvollen Identitätsaussage: „Ich bin die Schöpfung, ich bin die Zeit … ich bin das Selbst von allem.“
Verse 89–107: Guru, Omkara und Überwindung äußerer Formen
Brahmajnana wird höher bewertet als große Opfer und Pilgerfahrten. Dem Guru kommt zentrale Bedeutung zu. Es folgen Deutungen von A-U-M, Prakriti, Maya, den Veden und den drei Welten. Om wird als das eine unvergängliche Brahman bezeichnet.
Verse 108–109: Grob und fein
Der erhaltene Text endet mit einer Frage nach dem Grobstofflichen, dem Feinen, Nirvana und der Auflösung des Geistes. Die Antwort nennt die fünf Elemente als grobstoffliche Erscheinung und verweist knapp auf eine andersartige subtile Ebene. Danach endet die überlieferte Fassung.
Zentrale Lehren des Jnanasankalini Tantra
Der Körper als heiliger Kosmos
Vers 8 erklärt, dass alle Wissensformen, Gottheiten und Pilgerorte im Körper gegenwärtig sind. Dieses Motiv wird in den Versen 11–12 konkret: Ida ist Ganga, Pingala Yamuna und Sushumna Sarasvati; ihr Zusammenfluss ist der innere Triveni. Das äußere Pilgern wird dadurch nicht einfach bestritten, sondern in eine Lehre vom menschlichen Körper als Mikrokosmos hineingenommen.
Brahmajnana jenseits bloßer Gelehrsamkeit
Wiederholt relativiert der Text Veden, Shastras und äußere Formen zugunsten unmittelbarer Erkenntnis. Besonders scharf formuliert Vers 50: Yogis trinken die Essenz der durchgequirlten Veden, während bloße Gelehrte nur die Buttermilch trinken. Gemeint ist eine Priorität verwirklichter Erkenntnis vor rein intellektuellem Wissen.
Der stille Geist und Shiva
Vers 64 fasst eine Hauptlinie des Werkes zusammen: Im bewegten Geist wohnt Shakti, im stillen Geist Shiva. Diese Aussage sollte nicht als Abwertung der Shakti verstanden werden; innerhalb des Textes bezeichnet sie vielmehr zwei Modi derselben inneren Wirklichkeit – Bewegung und Ruhe.
Yoga als Loslassen aller Gedankenkonstruktionen
Vers 61 nennt in einem halben Vers eine pointierte Definition: sarvacintāparityāgo niścinto yoga ucyate – Yoga ist das vollständige Loslassen aller Sorgen und Gedankenbewegungen. Damit rückt die Schrift die innere Freiheit von mentaler Verstrickung ins Zentrum.
Nichtdualität
Die Verse 81 und 84 erklären, dass Brahma, Vishnu und Maheshvara letztlich eine Gestalt sind und dass Befreiung nicht entsteht, solange der Geist in Vielheit befangen bleibt. In den Versen 85–86 spricht Shiva aus der Perspektive höchster Identität: Er ist Schöpfung, Zeit, Brahma, Hari, Rudra, Leere, allgegenwärtiges reines Bewusstsein und das Selbst von allem.
Guru und Überlieferung
Die Verse 92–95 stellen den Guru außerordentlich hoch. Selbst eine einzige Silbe wahrer Unterweisung gilt als unbezahlbar. Zugleich wird Brahmajnana als „wohlgehütet“ bezeichnet und nicht als wahllos weiterzugebendes Wissen. Dies entspricht dem traditionellen tantrischen Gewicht von Übertragung und persönlicher Unterweisung.
Mitgefühl als Wurzel des Dharma
Bemerkenswert ist Vers 88: Brahmacharya wird als Wurzel der Askese, Mitgefühl als Wurzel des Dharma bezeichnet. Der spirituelle Weg wird damit ausdrücklich an ethische Haltung gebunden.

Yoga, Kundalini und subtile Anatomie
Das Jnanasankalini Tantra enthält zahlreiche Begriffe, die später auch für Kundalini Yoga zentral wurden: Ida, Pingala, Sushumna, Kundalini, Chakras, Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana und weitere Vayus. Der Text nennt außerdem 72.000 Nadis.
Dabei sollte man die Schrift nicht einfach in ein modernes standardisiertes Chakramodell übersetzen. Ihre Zuordnungen sind teilweise eigenständig und gelegentlich textlich schwierig. So beschreibt Vers 66 eine obere, mittlere und untere Shakti; Vers 67 nennt Adhara, Guhya-Chakra und Svadhishthana in einer knappen Form, die ohne zusätzlichen traditionellen Kommentar nicht in allen Einzelheiten eindeutig ist.
Auch Khechari Mudra wird in Vers 14 nicht primär anatomisch, sondern als Zustand von Geist, Atem und Blick beschrieben: Der Geist ruht ohne äußere Stütze, der Atem ohne erzwungenes Anhalten, der Blick ohne äußeres Schauen. Diese innere Deutung gehört zu den besonders inspirierenden Stellen des Werkes.
Die konkreten Aussagen zu Atemlenkung, Mudra und Kundalini sind keine vollständige moderne Übungsanleitung. Fortgeschrittene pranische oder energetische Praktiken werden traditionell unter kundiger Anleitung erlernt. Für Yoga-Aspiranten kann der Text zunächst als Landkarte innerer Sammlung und als philosophische Vertiefung dienen.
Zur Vertiefung des Themas Kundalini und der Beziehung von Shiva und Shakti kann dieses Yoga-Vidya-Video ergänzend eingebunden werden:
Hinweis zur Verszählung
Die überlieferte Nummerierung springt in beiden bereitgestellten Muktabodha-Dateien von Vers 57 unmittelbar zu Vers 59. Ein Vers 58 ist dort nicht vorhanden. Diese Lücke wird hier bewusst beibehalten; es wird kein Text ergänzt oder rekonstruiert.
Vollständiger Sanskrittext und deutsche Übersetzung
Die folgende Ausgabe übernimmt den Sanskrit-Grundtext ausschließlich aus der bereitgestellten Muktabodha-Umschrift. Die originale Verszählung wird beibehalten; nach Vers 57 folgt in der Quelle Vers 59. Ein Vers 58 wird nicht ergänzt.
Vers 1
kailāśaśikharāsīnaṃ devadevaṃ jagadgurum
pṛcchati sma mahādevī brūhi jñānaṃ maheśvara
Übersetzung: Auf dem Gipfel des Kailasa sitzt der Gott der Götter, der Lehrer der Welt. Die große Göttin fragt ihn: „O Maheshvara, verkünde mir die Erkenntnis.“
devī uvāca
Vers 2
kutaḥ sṛṣṭirbhaved deva kathaṃ sṛṣṭirvinaśyati
brahmajñānaṃ kathaṃ deva sṛṣṭisaṃhāravarjitam
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Woher entsteht die Schöpfung, o Gott, und wie vergeht sie wieder? Wie ist die Erkenntnis Brahmans, die jenseits von Schöpfung und Auflösung ist?“
īśvara uvāca
Vers 3
avyaktācca bhavet sṛṣṭiravyaktācca vinaśyati
avyaktaṃ brahmaṇo jñānaṃ sṛṣṭisaṃhāra varjitam
Übersetzung: Ishvara sprach: „Aus dem Unmanifesten entsteht die Schöpfung, und in das Unmanifeste vergeht sie. Die Erkenntnis Brahmans ist das Unmanifeste, frei von Schöpfung und Auflösung.“
Vers 4
oṅkārādakṣarāt sarvāstvetā vidyāścaturdaśa
mantra - pūjā - tapo - dhyānaṃ karmākarma tathaiva ca
Übersetzung: Aus der unvergänglichen Silbe Om gehen all diese vierzehn Wissensgebiete hervor: Mantra, Puja, Askese, Meditation sowie Handeln und Nichthandeln,
Vers 5
ṣaḍaṅgaṃ vedāścatvāro mīmāṃsā nyāyavistaraḥ
dharmaśāstrapurāṇāni etā vidyāścaturdaśa
Übersetzung: die sechs Vedangas, die vier Veden, Mimamsa, die ausführliche Nyaya-Lehre, Dharmashastra und Purana – dies sind die vierzehn Wissensgebiete.
Vers 6
tāvad vidyā bhavet sarvā yāvad jñānaṃ na jāyate
brahmajñānaṃ padaṃ jñātvā sarvavidyā sthirā bhavet
Übersetzung: Alles dies gilt nur so lange als Wissen, wie die eigentliche Erkenntnis noch nicht entstanden ist. Hat man den Stand der Brahman-Erkenntnis erkannt, finden alle Wissensformen darin ihren festen Grund.
Vers 7
vedaśāstrapurāṇāni sāmānyagaṇikā iva
yā punaḥ śāmbhavī vidyā guptā kulavadhūriva
Übersetzung: Veden, Shastras und Puranas gleichen einer Frau, die allen zugänglich ist; die Shambhavi Vidya hingegen ist verborgen wie die Frau eines Kula-Hauses.
Vers 8
dehasthāḥ sarvavidyāśca dehasthāḥ sarvadevatāḥ
dehasthāḥ sarvatīrthāni guruvākyena labhyate
Übersetzung: Alle Wissensformen sind im Körper, alle Gottheiten sind im Körper, alle heiligen Pilgerorte sind im Körper. Erkannt werden sie durch das Wort des Gurus.
Vers 9
adhyātmavidyā hi nṛṇāṃ saukhyamokṣakarī bhavet
dharma karma tathā japyametat sarvaṃ nivartate
Übersetzung: Die innere spirituelle Erkenntnis schenkt den Menschen Glück und Befreiung. Dharma, Karma und Japa treten dagegen zurück.
Vers 10
kāṣṭhamadhye yathā vahniḥ puṣpe gandhaḥ payo'mṛtam
dehamadhye tathā devaḥ puṇyapāpavivarjitaḥ
Übersetzung: Wie Feuer im Holz, Duft in der Blume und Nektar in der Milch verborgen sind, so ist auch die Gottheit im Körper gegenwärtig, frei von Verdienst und Schuld.
Vers 11
iḍā bhagavatī gaṅgā piṅgalā yamunā nadī
iḍāpiṅgalayormadhye suṣumnā ca sarasvatī
Übersetzung: Ida ist die göttliche Ganga, Pingala der Fluss Yamuna; zwischen Ida und Pingala liegt Sushumna als Sarasvati.
Vers 12
triveṇīsaṃgamo yatra tīrtharājaḥ sa ucyate
tatra snānaṃ prakurvīta sarvapāpaiḥ pramucyate
Übersetzung: Wo diese drei Ströme zusammenfließen, dort ist der König der Pilgerorte. Wer dort badet, wird von allen Verfehlungen befreit.
devī uvāca
Vers 13
kīdṛśī khecarī mudrā vidyā ca śāmbhavī punaḥ
kīdṛśyadhyātmavidyā ca tanme brūhi maheśvara
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wie beschaffen ist Khechari Mudra? Wie ist die Shambhavi Vidya, und wie die innere spirituelle Erkenntnis? Sage mir dies, o Maheshvara.“
īśvara uvāca
Vers 14
manaḥ sthiraṃ yasya vināvalambanaṃ
vāyuḥ sthiro yasya vinā nirodhanam
dṛṣṭiḥ sthirā yasya vināvalokanaṃ
sā eva mudrā vicarantī khecarī
Übersetzung: Wessen Geist ohne äußere Stütze still ist, wessen Atem ohne gewaltsames Anhalten still geworden ist und wessen Blick ohne äußeres Schauen ruht – eben dies ist die im Raum wandelnde Khechari Mudra.
Vers 15
bālasya mūrkhasya yathaiva cetaḥ
svapnena hīno'pi karoti nidrām
tato gataḥ patho nirāvalambaḥ
sā eva vidyā vicarantī śāmbhavī
Übersetzung: Wie das Bewusstsein eines Kindes oder eines Toren, das selbst ohne Traum in Schlaf sinkt, so ist der Weg, der jede Stütze hinter sich lässt – eben dies ist die sich entfaltende Shambhavi Vidya.
devī uvāca
Vers 16
devadeva jagannātha brūhi me parameśvara
darśanāni kathaṃ deva bhavanti ca pṛthak pṛthak
Übersetzung: Die Göttin sprach: „O Gott der Götter, Herr der Welt, sage mir, o höchster Herr: Wie entstehen die verschiedenen philosophischen Anschauungen?“
īśvara uvāca
Vers 17
tridaṇḍī ca bhaved bhakto vedābhyāsarataḥ sadā
prakṛtivādaratāḥ śāktā bauddhā śūnyātivādinaḥ
Übersetzung: Ishvara sprach: „Der Anhänger mit dem dreifachen Stab hält sich beständig an das Studium der Veden; die Shaktas sind der Lehre von Prakriti zugewandt, die Buddhisten vertreten die Lehre von der Leere.
Vers 18
atordhvaṃ gāmino ye vā tattvajñā api tādṛśāḥ
sarvaṃ nāstīti cārvākā jalpanti viṣayāśritāḥ
Übersetzung: Andere richten sich auf Höheres und halten sich für Kenner der Wirklichkeit; die Charvakas, an Sinnesobjekte gebunden, erklären: ‚Alles ist nichtig.‘“
Vers 19
umā pṛcchati he deva piṇḍabrahmāṇḍalakṣaṇam
pañcabhūtaṃ kathaṃ deva guṇāḥ ke pañcaviṃśatiḥ
Übersetzung: Uma fragt: „O Gott, erkläre mir das Verhältnis von Körper und Kosmos. Wie sind die fünf Elemente beschaffen, und welches sind ihre fünfundzwanzig Eigenschaften?“
īśvara uvāca
Vers 20
asthi māṃsaṃ nakhaṃ caiva tvaṅlomāni ca pañcamam
pṛthvī pañcaguṇā proktā brahmajñānena bhāsate
Übersetzung: Knochen, Fleisch, Nägel, Haut und als fünftes die Haare gelten als die fünf Eigenschaften der Erde; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt.
Vers 21
śukraśoṇitamajjā ca malaṃ mūtraṃ ca pañcamam
apāṃ pañcaguṇāḥ proktā brahmajñānena bhāsate
Übersetzung: Samen, Blut, Mark, Kot und als fünftes Urin gelten als die fünf Eigenschaften des Wassers; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt.
Vers 22
nidrā kṣudhā tṛṣā caiva klāntirālasyapañcamam
tejaḥ pañcaguṇāḥ proktā brahmajñānena bhāsate
Übersetzung: Schlaf, Hunger, Durst, Ermüdung und als fünftes Trägheit gelten als die fünf Eigenschaften des Feuers; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt.
Vers 23
dhāraṇaṃ cālanaṃ kṣepaṃ saṃkocaṃ prasaraṃ tathā
vāyoḥ pañcaguṇāḥ proktā brahmajñānena bhāsate
Übersetzung: Halten, Bewegen, Werfen, Zusammenziehen und Ausdehnen gelten als die fünf Eigenschaften des Windes; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt.
Vers 24
kāmaṃ krodhaṃ tathā mohaṃ lajjā lobhañca pañcamam
nabhaḥ pañcaguṇāḥ proktā brahmajñānena bhāsate
Übersetzung: Begierde, Zorn, Verblendung, Scham und als fünftes Gier gelten als die fünf Eigenschaften des Raumes; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt.
Vers 25
ākāśājjāyate vāyurvāyorutpadyate raviḥ
raverutpadyate toyaṃ toyādutpadyate mahī
Übersetzung: Aus dem Raum entsteht der Wind, aus dem Wind die Sonne beziehungsweise das Feuer; aus dem Feuer entsteht Wasser, und aus dem Wasser die Erde.
Vers 26
mahī vilīyate toye toyaṃ vilīyate ravau
ravirvilīyate vāyau vāyurvilīyate tu khe
Übersetzung: Die Erde löst sich im Wasser auf, das Wasser im Feuer, das Feuer im Wind und der Wind im Raum.
Vers 27
pañcatattvād bhavet sṛṣṭistattvāt tattvaṃ vīlīyate
pañcatattvāt paraṃ tattvaṃ tattvātītaṃ nirañjanam
Übersetzung: Aus den fünf Tattvas entsteht die Schöpfung, und ein Tattva löst sich jeweils in das andere auf. Jenseits der fünf Tattvas liegt das höchste Tattva, fleckenlos und jenseits aller Tattvas.
Vers 28
sparśanaṃ rasanaṃ caiva ghrāṇaṃ cakṣuśca śrotrakam
pañcendriyamidaṃ tattvaṃ manaḥ sādhakamindriyam
Übersetzung: Tasten, Schmecken, Riechen, Sehen und Hören bilden diese fünf Sinnesvermögen; der Geist ist das ordnende innere Sinnesorgan.
Vers 29
brahmāṇḍalakṣaṇaṃ sarvaṃ dehamadhye vyavasthitam
sākārāśca vinaśyanti nirākāro na naśyati
Übersetzung: Die ganze Struktur des Brahmanda ist im Inneren des Körpers angeordnet. Alles Gestalthafte vergeht, das Formlose vergeht nicht.
Vers 30
nirākāraṃ mano yasya nirākārasamo bhavet
tasmāt sarvaprayatnena sākāraṃ tu parityajet
Übersetzung: Wessen Geist formlos geworden ist, der wird dem Formlosen gleich. Deshalb soll man mit aller Kraft die Bindung an Gestalt hinter sich lassen.
devī uvāca
Vers 31
ādinātha mayi brūhi saptadhātuḥ kathaṃ bhavet
ātmā caivāntarātmā ca paramātmā kathaṃ bhavet
Übersetzung: Die Göttin sprach: „O Adinatha, sage mir: Wie entstehen die sieben Dhatus? Was sind Atman, Antaratman und Paramatman?“
īśvara uvāca
Vers 32
śukraśoṇitamajjā ca medo māṃsaṃ ca pañcamam
asti tvak caiva saptaite śarīreṣu vyavasthitāḥ
Übersetzung: Samen, Blut, Mark, Fett, Fleisch, Knochen und Haut – diese sieben sind im Körper als Dhatus angeordnet.
Vers 33
śarīraṃ caivamātmānamantarātmā mano bhavet
paramātmā bhavecchūnyaṃ mano yatra vilīyate
Übersetzung: Der Körper wird hier als Atman bezeichnet, der Geist als innerer Atman; Paramatman ist jene Leere, in der sich der Geist auflöst.
Vers 34
raktadhāturbhavenmātā śukradhāturbhavet pitā
śūnyadhāturbhavet prāṇo garbhapiṇḍaṃ prajāyate
Übersetzung: Das Blut-Element stammt von der Mutter, das Samen-Element vom Vater; der leere Raum wird zum Prana, und so entsteht die Leibesfrucht im Mutterleib.
devī uvāca
Vers 35
kathamutpadyate vācā kathaṃ vācā vilīyate
vākyasya nirṇayaṃ brūhi paśya jñānamudāhara
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wie entsteht Sprache, und wie vergeht sie wieder? Erkläre mir die Bestimmung der Rede und zeige mir die Erkenntnis.“
īśvara uvāca
Vers 36
avyaktājjāyate prāṇaḥ prāṇādutpadyate manaḥ
manasotpadyate vācā mano vācā vilīyate
Übersetzung: Ishvara sprach: „Aus dem Unmanifesten entsteht Prana, aus Prana der Geist, aus dem Geist die Sprache; und in der Sprache löst sich der Geist wieder auf.“
devī uvāca
Vers 37
kasmin sthāne vaset sūryaḥ kasmin sthāne vasechaśī
kasmin sthāne vased vāyuḥ kasmin sthāne vasenmanaḥ
Übersetzung: Die Göttin sprach: „An welchem Ort verweilt die Sonne, wo der Mond, wo der Wind und wo der Geist?“
īśvara uvāca
Vers 38
tālumūle sthitaścandro nābhimūle divākaraḥ
sūryāgre vasate vāyuścandrāgre vasate manaḥ
Übersetzung: Ishvara sprach: „Der Mond steht an der Wurzel des Gaumens, die Sonne am Nabel. Vor der Sonne verweilt der Atem, vor dem Mond der Geist.
Vers 39
sūryāgre vasate cittaṃ candrāgre jīvitaṃ priye
etadyuktaṃ mahādevi guruvākyena labhyate
Übersetzung: Vor der Sonne verweilt Citta, vor dem Mond das Leben, o Geliebte. Diese Zuordnung wird, o große Göttin, durch das Wort des Gurus erkannt.“
devī uvāca
Vers 40
kasmin sthāne vasecchaktiḥ kasmin sthāne vasecchivaḥ
kasmin sthāne vaset kālo jarā kena prajāyate
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wo verweilt Shakti, wo Shiva, wo die Zeit, und wodurch entsteht Alter?“
īśvara uvāca
Vers 41
pātāle vasate śaktirbrahmāṇḍe vasate śivaḥ
antarikṣe vaset kālo jarā tena prajāyate
Übersetzung: Ishvara sprach: „Shakti verweilt im Patala, Shiva im Brahmanda; die Zeit wohnt im Zwischenraum, und durch sie entsteht Alter.“
devī uvāca
Vers 42
āhāraṃ kāṅkṣate ko'sau bhuñjate pibate katham
jāgrat svapnasuṣuptau ca ko vā'sau pratibudhyati
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wer begehrt Nahrung, wer isst und trinkt? Wer ist es, der in Wachen, Traum und Tiefschlaf jeweils bewusst ist?“
īśvara uvāca
Vers 43
āhāraṃ kāṅkṣate prāṇo bhuñjate'pi hutāśanaḥ
jāgratsvapnasuṣuptau ca vāyuśca pratibudhyati
Übersetzung: Ishvara sprach: „Prana verlangt nach Nahrung, das Feuer verzehrt sie. In Wachen, Traum und Tiefschlaf ist es der Lebenswind, der jeweils tätig bleibt.“
devī uvāca
Vers 44
ko vā karoti karmāṇi ko vā lapyeta pātakaiḥ
ko vā karoti pāpāni ko vā pāpaiḥ pramucyate
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wer vollbringt Handlungen, wer wird von Verfehlungen befleckt? Wer begeht Sünden, und wer wird von ihnen frei?“
śiva uvāca
Vers 45
manaḥ karoti pāpāni mano lipyeta pātakaiḥ
manaśca tanmanā bhūtvā na puṇyairna ca pātakaiḥ
Übersetzung: Shiva sprach: „Der Geist begeht die Verfehlungen, der Geist wird von ihnen befleckt. Wenn der Geist in seinem eigenen Wesen ruht, wird er weder von Verdienst noch von Schuld berührt.“
devī uvāca
Vers 46
jīvaḥ kena prakāreṇa śivo bhavati kasya ca
kāryasya kāraṇaṃ brūhi kathaṃ kiñca prasādanam
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Auf welche Weise wird der Jiva zu Shiva? Was ist die Ursache der Wirkung, und wodurch entsteht Gnade beziehungsweise Befriedung?“
śiva uvāca
Vers 47
bhrāntibaddho bhavejjīvo bhrāntimuktaḥ sadāśivaḥ
kāryaṃ hi kāraṇaṃ tvañca punarbodho viśiṣyate
Übersetzung: Shiva sprach: „Durch Verblendung gebunden ist der Jiva; von Verblendung befreit ist er Sadashiva. Wirkung und Ursache sind letztlich du selbst; darüber hinaus ist erneutes Erwachen das Entscheidende.“
Vers 48
mano'nyatra śivo'nyatra śaktiranyatra mārutaḥ
idaṃ tīrthamidaṃ tīrthaṃ bhramanti tāmasā janāḥ
ātmatīrthaṃ na jānāti kathaṃ mokṣo varānane
Übersetzung: Wer den Geist hier, Shiva dort, Shakti anderswo und den Atem wieder anderswo sucht und von Pilgerort zu Pilgerort wandert, lebt in Dunkelheit. Wer den inneren Pilgerort nicht kennt – wie sollte der, o Schönwangige, Befreiung erlangen?
Vers 49
ātmatīrthaṃ na jānāti kathaṃ mokṣo varānane
na vedaṃ vedamityāhurvedo brahma sanātanam
brahmavidyārato yastu sa vipro vedapāragaḥ
Übersetzung: Nicht das bloße Buchwissen nennen die Weisen Veda; der ewige Brahman ist der wahre Veda. Wer sich der Brahma-Vidya hingibt, ist der wahre Brahmane und Kenner des Veda.
Vers 50
mathitvā caturo vedān sarvaśāstrāṇi caiva hi
sāraṃ tu yogibhiḥ pītaṃ takraṃ pibanti paṇḍitāḥ
Übersetzung: Hat man die vier Veden und alle Shastras gleichsam durchgequirlt, so trinken die Yogis ihre Essenz; die bloß Gelehrten trinken nur die Buttermilch.
Vers 51
ucchīṣṭaṃ sarvaśāstrāṇi sarvā vidyā mukhe mukhe
nocchiṣṭaṃ brahmaṇo jñānamavyaktaṃ cetanāmayam
Übersetzung: Alle Shastras und alle gelehrten Wissensformen werden von Mund zu Mund weitergegeben; die Erkenntnis Brahmans jedoch ist kein bloßer Überrest – sie ist unmanifest und von der Natur des Bewusstseins.
Vers 52
na tapastapa ityāhurbrahmacaryaṃ tapottamam
ūrdhvaretā bhaved yastu sa devo na tu mānuṣaḥ
Übersetzung: Nicht irgendeine Askese nennen die Weisen die höchste Askese; Brahmacharya gilt als höchste Tapas. Wer seine schöpferische Kraft nach oben führt, wird göttlich und bleibt nicht bloß gewöhnlicher Mensch.
Vers 53
na dhyānaṃ dhyānamityāhurdhyānaṃ śūnyagataṃ manaḥ
tasya dhyānaprasādena saukhyaṃ mokṣaṃ na saṃśayaḥ
Übersetzung: Nicht jede Konzentration nennen die Weisen Dhyana; Meditation ist der Geist, der in die Leere eingegangen ist. Durch die Gnade solcher Meditation entstehen Glück und Befreiung – daran ist kein Zweifel.
Vers 54
na homaṃ homamityāhuḥ samādhau tattu bhūyate
brahmāgnau hūyate prāṇaṃ homakarma taducyate
Übersetzung: Nicht jede Feuerhandlung nennen die Weisen Homa; der wahre Homa geschieht im Samadhi. Prana wird im Feuer Brahmans geopfert – dies wird die Opferhandlung genannt.
Vers 55
pāpakarma bhaved bhavyaṃ puṇyaṃ caiva pravartate
tasmāt sarvaprayatnena tādrūpyaṃ ca tyajed budhaḥ
Übersetzung: Schlechtes Handeln bringt leidvolle Folgen hervor, gutes Handeln setzt verdienstvolle Folgen in Gang. Deshalb soll der Weise mit aller Kraft selbst die Bindung an solche Gleichförmigkeit und Gegensätzlichkeit überwinden.
Vers 56
yāvad varṇaṃ kulaṃ sarvaṃ tāvajjñānaṃ na jāyate
brahmajñānapadaṃ jñātvā sarvavarṇavivarjitaḥ
Übersetzung: Solange die Vorstellungen von sozialer Klasse und Abstammungsgruppe bestehen, entsteht die höchste Erkenntnis nicht. Wer den Zustand der Brahman-Erkenntnis erkannt hat, ist jenseits aller Varna-Unterscheidungen.
devī uvāca
Vers 57
yattvayā kathitaṃ jñānaṃ nāhaṃ jānāmi śaṅkara
niścayaṃ brūhi deveśa mano yatra vilīyate
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Das Wissen, das du verkündet hast, o Shankara, verstehe ich noch nicht völlig. Sage mir eindeutig, o Herr der Götter: Wo löst sich der Geist auf?“
śaṃkara uvāca
Vers 59
mano vākyaṃ tathā karma tṛtīyaṃ yatra līyate
vinā svapnaṃ yathā nidrā brahmajñānaṃ taducyate
Übersetzung: Shankara sprach: „Wo Geist, Rede und Handlung – diese drei – sich auflösen, wie Schlaf ohne Traum, das wird Brahman-Erkenntnis genannt.“
Vers 60
ekākī nispṛhaḥ śāntaścintāvivarjitaḥ
bālabhāvastathā bhāvo brahmajñānaṃ taducyate
Übersetzung: Allein, ohne Begehren, friedvoll und frei von Sorgen; von kindlich ungekünstelter Haltung – dieser Zustand wird Brahman-Erkenntnis genannt.
Vers 61
ślokārdhaṃ tu pravakṣyāmi yaduktaṃ tattvadarśibhiḥ
sarvacintāparityāgo niścinto yoga ucyate
Übersetzung: Ich werde dir einen halben Vers sagen, wie ihn die Seher der Wirklichkeit gelehrt haben: Das vollständige Loslassen aller Sorgen und Gedankenkonstruktionen wird Yoga genannt.
Vers 62
nimiṣaṃ nimiṣārddhaṃ vā samādhimadhigacchati
śatajanmārjitaṃ pāpaṃ tatkṣaṇādeva naśyati
Übersetzung: Wer auch nur für einen Augenblick oder einen halben Augenblick Samadhi erreicht, dessen über hundert Geburten angesammelte Verfehlungen vergehen in eben diesem Moment.
devī uvāca
Vers 63
kasya nāma bhavecchaktiḥ kasya nāma bhavecchivaḥ
etanme brūhi bho deva paścājjñānaṃ prakāśaya
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wessen Name ist Shakti, wessen Name Shiva? Sage mir dies, o Gott, und enthülle danach die Erkenntnis.“
īśvara uvāca
Vers 64
calaccitte vasecchaktiḥ sthiracitte vasecchivaḥ
sthiracitto bhaveddevi sa dehastho'pi sidhyati
Übersetzung: Ishvara sprach: „Im bewegten Geist wohnt Shakti, im stillen Geist wohnt Shiva. Wer einen festen, ruhigen Geist erlangt, o Göttin, verwirklicht Vollendung, obwohl er noch im Körper lebt.“
devī uvāca
Vers 65
kasmin sthāne tridhā śaktiḥ ṣaṭcakraṃ ca tathaiva ca
ekaviṃśatibrahmāṇḍaṃ saptapātālameva ca
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Wo befindet sich die dreifache Shakti, wo die sechs Chakras, die einundzwanzig Brahmandas und die sieben Patalas?“
īśvara uvāca
Vers 66
ūrdhvaśaktirbhavet kaṇṭhaḥ adhaśaktirbhavet gudaḥ
madhyaśaktirbhavennābhiḥ śaktyatītaṃ nirañjanam
Übersetzung: Ishvara sprach: „Die obere Shakti ist im Hals, die untere Shakti im Afterbereich, die mittlere Shakti im Nabel. Jenseits der Shakti ist das fleckenlose Absolute.
Vers 67
ādhāraṃ guhyacakraṃ tu svādhiṣṭhānaṃ ca liṅgakam
cakrabhedaṃ mayākhyātaṃ cakrātītaṃ namo namaḥ
Übersetzung: Der Adhara ist das geheime Chakra, Svadhishthana wird mit dem Linga verbunden. Die Unterscheidung der Chakras habe ich erklärt; Verehrung, Verehrung dem, was jenseits aller Chakras ist.
Vers 68
kāyordhvaṃ ca brahmalokaḥ svādhaḥ pātālameva ca
ūrdhvamūlamadhaḥśākhaṃ vṛkṣākāraṃ kalevaram
Übersetzung: Oberhalb des Körpers ist Brahmaloka, unterhalb Patala. Der Körper gleicht einem Baum mit der Wurzel oben und den Zweigen unten.“
devī uvāca
Vers 69
śiva śaṃkara īśāna brūhi me parameśvara
daśavāyuḥ kathaṃ deva daśadvārāṇi caiva hi
Übersetzung: Die Göttin sprach: „O Shiva, Shankara, Ishana, höchster Herr, erkläre mir die zehn Vayus und ebenso die zehn Tore.“
īśvara uvāca
Vers 70
hṛdi prāṇaḥ sthito vāyurapāno gudasaṃsthitaḥ
samāno nābhideśe tu udānaḥ kaṇṭhamāśritaḥ
Übersetzung: Ishvara sprach: „Prana befindet sich im Herzen, Apana im Afterbereich, Samana im Nabel, Udana hat seinen Sitz im Hals.
Vers 71
vyānaḥ sarvagato dehe sarvāgātreṣu saṃsthitaḥ
nāga ūrdhvagato vāyuḥ kūrmastīrthāni saṃsthitaḥ
Übersetzung: Vyana durchdringt den ganzen Körper und ist in allen Gliedern. Naga bewegt sich aufwärts; Kurma ist an seinen Wirkungsorten tätig.
Vers 72
kṛkaraḥ kṣobhite caiva devadatto'pi jṛmbhaṇe
dhanañjayo nādaghoṣe niviśeccaiva śāmyati
Übersetzung: Krikara wirkt bei Reiz und Erschütterung, Devadatta beim Gähnen; Dhananjaya wirkt beim Klang und kommt schließlich zur Ruhe.
Vers 73
eṣa vāyurnirālambo yogināṃ yogasammataḥ
navadvāraṃ ca prātyakṣaṃ daśamaṃ mana ucyate
Übersetzung: Diese Lebenswinde sind für die Yogis Teil des Yoga. Neun Tore sind unmittelbar sichtbar; als das zehnte Tor wird hier der Geist bezeichnet.“
devī uvāca
Vers 74
nāḍībhedaṃ ca me brūhi sarvagātreṣu saṃsthitam
śaktiḥ kuṇḍalinī caiva prasūtā daśanāḍikā
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Erkläre mir die verschiedenen Nadis, die im ganzen Körper liegen. Aus Kundalini Shakti gehen die zehn Nadis hervor.“
īśvara uvāca
Vers 75
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā cordhvagāminī
gāndhārī hastijihvā ca prasavā gamanāyatā
Übersetzung: Ishvara sprach: „Ida, Pingala und die aufwärts führende Sushumna, Gandhari, Hastijihva sowie die weiteren Bahnen Prasava und Gamana,
Vers 76
alambusā yaśā caiva dakṣiṇāṅge ca saṃsthitāḥ
kulaśca śaṅkhinī caiva vāmāṅge ca vyavasthitāḥ
Übersetzung: Alambusa und Yasha liegen auf der rechten Seite; Kula und Shankhini sind auf der linken Seite angeordnet.
Vers 77
etāsu daśanāḍīṣu nānānāḍīprasūtikā
dvisaptatisahasrāṇi śarīre nāḍikāḥ smṛtāḥ
Übersetzung: Aus diesen zehn Nadis gehen die vielen weiteren Nadis hervor. Im Körper werden zweiundsiebzigtausend Nadis gelehrt.
Vers 78
etā yo vindate yogī sa yogī yogalakṣaṇaḥ
jñānanāḍī bhaveddevī yogināṃ siddhidāyinī
Übersetzung: Der Yogi, der diese erkennt, trägt die Kennzeichen des Yoga. Die Jnana-Nadi, o Göttin, schenkt den Yogis Vollendung.
devī uvāca
Vers 79
bhūtanātha mahādeva brūhi me parameśvara
trayo devā kathaṃ deva trayo bhāvāstrayo guṇāḥ
Übersetzung: Die Göttin sprach: „O Herr der Wesen, Mahadeva, höchster Herr, erkläre mir: Wie sind die drei Götter, die drei Zustände und die drei Gunas zu verstehen?“
īśvara uvāca
Vers 80
rajobhāvasthito brahmā sattvabhāvasthito hariḥ
krodhabhāvasthito rudrastrayo devāstrayo guṇāḥ
Übersetzung: Ishvara sprach: „Brahma steht im Zustand des Rajas, Hari im Zustand des Sattva und Rudra im Zustand des Zorns beziehungsweise der auflösenden Kraft – so erscheinen die drei Götter als drei Gunas.
Vers 81
ekamūrtistrayo devā brahmaviṣṇumaheśvarāḥ
nānābhāvaṃ mano yasya tasya muktirna jāyate
Übersetzung: Die drei Götter Brahma, Vishnu und Maheshvara sind eine einzige Gestalt. Wessen Geist in Vielheit befangen bleibt, für den entsteht keine Befreiung.
Vers 82
vīryarūpī bhaved brahmā vāyurūpaḥ sthito hariḥ
manorūpaḥ sthito rudrastrayo devāstrayo guṇāḥ
Übersetzung: Brahma ist als schöpferische Kraft gegenwärtig, Hari als Wind beziehungsweise Lebensbewegung und Rudra als Geist; so erscheinen die drei Götter als drei Kräfte.
Vers 83
dayābhāvasthito brahmā śuddhabhāvasthito hariḥ
agnibhāvasthito rudrastrayo devāstrayo guṇāḥ
Übersetzung: Brahma steht im Zustand des Mitgefühls, Hari im Zustand der Reinheit und Rudra im Zustand des Feuers – so erscheinen die drei Götter in dreifacher Weise.
Vers 84
ekaṃ bhūtaṃ paraṃ brahma jagat sarvaṃ carācaram
nānābhāvaṃ mano yasya tasya muktirna jāyate
Übersetzung: Das höchste Brahman ist das eine Sein; die ganze bewegliche und unbewegliche Welt ist darin enthalten. Wessen Geist in Vielheit befangen bleibt, für den entsteht keine Befreiung.
Vers 85
ahaṃ sṛṣṭirahaṃ kālo'pyahaṃ brahmā'pyahaṃ hariḥ
ahaṃ rudro'pyahaṃ śūnyamahaṃ vyāpī nirañjanam
Übersetzung: Ich bin die Schöpfung, ich bin die Zeit, ich bin Brahma und Hari; ich bin Rudra, ich bin die Leere, ich bin das allgegenwärtige, fleckenlose Eine.
Vers 86
ahaṃ sarvātmako devi niṣkāmo gaganopamaḥ
svabhāvanirmalaṃ svāntaṃ sa evāhaṃ na saṃśayaḥ
Übersetzung: Ich bin, o Göttin, das Selbst von allem, wunschlos und dem Himmel gleich. Mein eigenes Inneres ist von Natur aus rein – eben dies bin ich, daran ist kein Zweifel.
Vers 87
jitendriyo bhavecchūro brahmacārī supaṇḍitaḥ
satyavādī bhaved bhakto dātā dhīro hiterataḥ
Übersetzung: Der Held beherrscht die Sinne, lebt in Brahmacharya, ist wahrhaft gelehrt, spricht die Wahrheit, ist hingebungsvoll, freigebig, standhaft und dem Wohl anderer zugewandt.
Vers 88
brahmacaryaṃ tapomūlaṃ dharmamūlā dayā smṛtā
tasmāt sarvaprayatnena dayādharmaṃ samāśrayet
Übersetzung: Brahmacharya ist die Wurzel der Askese, Mitgefühl gilt als Wurzel des Dharma. Darum soll man mit aller Kraft im Dharma des Mitgefühls Zuflucht nehmen.
devī uvāca
Vers 89
yogeśvara jagannātha umāyāḥ prāṇavallabha
vedasandhyā tapo dhyānaṃ homakarma kulaṃ katham
Übersetzung: Die Göttin sprach: „O Herr des Yoga, Herr der Welt, Geliebter Umas, wie sind Veda, Sandhya, Askese, Meditation, Homa und Kula zu verstehen?“
īśvara uvāca
Vers 90
aśvamedhasahasrāṇi vājapeyaśatāni ca
brahmajñānasamaṃ puṇyaṃ kalāṃ nārhati ṣoḍaśīm
Übersetzung: Ishvara sprach: „Tausend Ashvamedha-Opfer und hundert Vajapeya-Opfer erreichen nicht einmal den sechzehnten Teil des Verdienstes, das der Brahman-Erkenntnis entspricht.
Vers 91
sarvadā sarvatīrtheṣu yat phalaṃ labhate śuciḥ
brahmajñānasamaṃ puṇyaṃ kalāṃ nārhati ṣoḍaśīm
Übersetzung: Auch das Verdienst, das ein Reiner durch den Besuch aller heiligen Pilgerorte erlangt, erreicht nicht den sechzehnten Teil des Wertes der Brahman-Erkenntnis.
Vers 92
na mitraṃ na ca putrāśca na pitā na ca bāndhavāḥ
na svāmī ca gurostulyaṃ yaddṛṣṭaṃ paramaṃ padam
Übersetzung: Weder Freund noch Sohn, weder Vater noch Verwandter noch ein weltlicher Herr kommt dem Guru gleich, durch den der höchste Zustand geschaut wird.
Vers 93
na ca vidyāgurostulyaṃ na tīrthaṃ na ca devatāḥ
gurostulyaṃ na vai ko'pi yaddṛṣṭaṃ paramaṃ padam
Übersetzung: Kein Wissen, kein Pilgerort und keine Gottheit kommt dem Lehrer der Erkenntnis gleich. Niemand gleicht dem Guru, durch den der höchste Zustand erkannt wird.
Vers 94
ekamapyakṣaraṃ yastu guruḥ śiṣye nivedayet
pṛthivyāṃ nāsti taddravyaṃ yaddattvā cānṛṇī bhavet
Übersetzung: Wenn ein Guru einem Schüler auch nur eine einzige Silbe wahrer Lehre vermittelt, gibt es auf der Erde keinen Besitz, durch dessen Gabe der Schüler diese Schuld vollständig begleichen könnte.
Vers 95
yasya kasya na dātavyaṃ brahmajñānaṃ sugopitam
yasya kasyāpi bhaktasya sadgurustasya dīyate
Übersetzung: Die wohlgehütete Brahman-Erkenntnis soll nicht wahllos weitergegeben werden. Dem wahrhaft hingebungsvollen Schüler jedoch wird sie durch einen Sadguru vermittelt.
Vers 96
mantraṃ pūjāṃ tapo dhyānaṃ homaṃ japyaṃ balikriyām
saṃnyāsaṃ sarvakarmāṇi laukikāni tyajed budhaḥ
Übersetzung: Der Weise soll Anhaftung an Mantra, Puja, Askese, Meditation, Homa, Japa, Opferhandlungen, äußeren Verzicht und alle bloß weltlichen Handlungen schließlich hinter sich lassen.
Vers 97
saṃsargād bahavo doṣā niḥsaṅgād bahavo guṇāḥ
tasmāt sarvaprayatnena yatiḥ saṅgaṃ parityajet
Übersetzung: Aus Verstrickung entstehen viele Fehler, aus Nicht-Anhaften viele Vorzüge. Deshalb soll der Entsagende mit aller Kraft Bindung und Gesellschaftssucht überwinden.
Vers 98
akāraḥ sāttviko jñeya ukāro rājasaḥ smṛtaḥ
makārastāmasaḥ proktastribhiḥ prakṛtirucyate
Übersetzung: A gilt als sattvig, U als rajasig und M als tamasig; aus diesen dreien wird Prakriti bezeichnet.
Vers 99
akṣarā prakṛtiḥ proktā rakṣaraḥ svayamīśvaraḥ
īśvarānnirgatā sā hi prakṛtirguṇabandhanā
Übersetzung: Die Silben beziehungsweise das Lautprinzip gelten als Prakriti; das unvergängliche Prinzip ist Ishvara selbst. Von Ishvara geht Prakriti aus, gebunden an die Gunas.
Vers 100
sā māyā pālinī śaktiḥ sṛṣṭisaṃhārakāriṇī
avidyā mohinī yā sā śabdarūpā yaśasvinī
Übersetzung: Sie ist Maya, die erhaltende Shakti, die Schöpfung und Auflösung bewirkt; als Avidya ist sie die Verblendende, berühmt und von der Natur des Lautes.
Vers 101
akāraścaiva ṛgveda ukāro yajurucyate
makāraḥ sāmavedastu triṣu yukto'pyatharvaṇaḥ
Übersetzung: A entspricht dem Rigveda, U dem Yajurveda, M dem Samaveda; in der Verbindung aller drei ist auch der Atharvaveda enthalten.
Vers 102
oṅkārastu pluto jñeyastrināda iti saṃjñitaḥ
akārastvatha bhūrloka ukāro bhuva ucyate
Übersetzung: Omkara soll langgezogen erkannt werden und wird als dreifacher Nada bezeichnet. A entspricht der Welt Bhur, U der Welt Bhuvar.
Vers 103
savyañjano makārastu svarlokastu vidhīyate
akṣaraistribhiretaiśca bhavedātmā vyavasthitaḥ
Übersetzung: M mit seinem konsonantischen Abschluss entspricht der Welt Svar. Durch diese drei Lautbestandteile ist der Atman symbolisch gegenwärtig.
Vers 104
akāraḥ pṛthivī jñeyā pītavarṇena saṃyutaḥ
antarīkṣaṃ ukārastu vidyudvarṇa ihocyate
Übersetzung: A ist als Erde zu erkennen und mit gelber Farbe verbunden; U entspricht dem Zwischenraum und wird hier als blitzfarben bezeichnet.
Vers 105
makāraḥ svariti jñeyaḥ śuklavarṇena saṃyutaḥ
dhruvamekākṣaraṃ brahma oṃ ityevaṃ vyavasthitam
Übersetzung: M entspricht Svar und ist mit weißer Farbe verbunden. Das eine unveränderliche Brahman ist in der Silbe Om gegründet.
Vers 106
sthirāsano bhavennityaṃ cintānidrāvivarjitaḥ
āsu sa jāyate yogī nānyathā śivabhāṣitam
Übersetzung: Der Yogi soll beständig in festem Sitz verweilen, frei von zerstreuender Sorge und Schläfrigkeit. So entsteht der Zustand des Yoga – nicht anders, so lautet Shivas Wort.
Vers 107
ya idaṃ paṭhate nityaṃ śṛṇoti ca dine dine
sarvapāpaviśuddhātmā śivalokaṃ sa gacchati
Übersetzung: Wer diesen Text täglich liest oder Tag für Tag hört, dessen Selbst wird von allen Verfehlungen gereinigt, und er gelangt in Shivas Welt.
devī uvāca
Vers 108
sthūlasya lakṣaṇaṃ brūhi kathaṃ mano vilīyate
paramārthaṃ ca nirvāṇaṃ sthūlasūkṣmasya lakṣaṇam
Übersetzung: Die Göttin sprach: „Erkläre mir das Kennzeichen des Grobstofflichen, wie der Geist sich auflöst, die höchste Wirklichkeit und Nirvana sowie die Kennzeichen des Groben und des Feinen.“
śiva uvāca
Vers 109
yena jñānena he devi vidyate na ca kilbiṣī
pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśameva ca
sthūlarūpī sthito'yaṃ ca sūkṣmaśca anyathā sthitaḥ
Übersetzung: Shiva sprach: „Durch jene Erkenntnis, o Göttin, wird man frei von Verfehlung. Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum bilden die grobstoffliche Erscheinung; das Feine besteht auf andere Weise.“
Jnanasankalini Tantra in Devanagari
Der folgende Devanagari-Text wird aus der parallel bereitgestellten Muktabodha-Datei übernommen. Auch hier bleibt die überlieferte Zählung mit der Lücke bei Vers 58 unverändert.
Vers 1
कैलाशशिखरासीनं देवदेवं जगद्गुरुम्
पृच्छति स्म महादेवी ब्रूहि ज्ञानं महेश्वर
देवी उवाच
Vers 2
कुतः सृष्टिर्भवेद् देव कथं सृष्टिर्विनश्यति
ब्रह्मज्ञानं कथं देव सृष्टिसंहारवर्जितम्
ईश्वर उवाच
Vers 3
अव्यक्ताच्च भवेत् सृष्टिरव्यक्ताच्च विनश्यति
अव्यक्तं ब्रह्मणो ज्ञानं सृष्टिसंहार वर्जितम्
Vers 4
ओङ्कारादक्षरात् सर्वास्त्वेता विद्याश्चतुर्दश
मन्त्र - पूजा - तपो - ध्यानं कर्माकर्म तथैव च
Vers 5
षडङ्गं वेदाश्चत्वारो मीमांसा न्यायविस्तरः
धर्मशास्त्रपुराणानि एता विद्याश्चतुर्दश
Vers 6
तावद् विद्या भवेत् सर्वा यावद् ज्ञानं न जायते
ब्रह्मज्ञानं पदं ज्ञात्वा सर्वविद्या स्थिरा भवेत्
Vers 7
वेदशास्त्रपुराणानि सामान्यगणिका इव
या पुनः शाम्भवी विद्या गुप्ता कुलवधूरिव
Vers 8
देहस्थाः सर्वविद्याश्च देहस्थाः सर्वदेवताः
देहस्थाः सर्वतीर्थानि गुरुवाक्येन लभ्यते
Vers 9
अध्यात्मविद्या हि नृणां सौख्यमोक्षकरी भवेत्
धर्म कर्म तथा जप्यमेतत् सर्वं निवर्तते
Vers 10
काष्ठमध्ये यथा वह्निः पुष्पे गन्धः पयोऽमृतम्
देहमध्ये तथा देवः पुण्यपापविवर्जितः
Vers 11
इडा भगवती गङ्गा पिङ्गला यमुना नदी
इडापिङ्गलयोर्मध्ये सुषुम्ना च सरस्वती
Vers 12
त्रिवेणीसंगमो यत्र तीर्थराजः स उच्यते
तत्र स्नानं प्रकुर्वीत सर्वपापैः प्रमुच्यते
देवी उवाच
Vers 13
कीदृशी खेचरी मुद्रा विद्या च शाम्भवी पुनः
कीदृश्यध्यात्मविद्या च तन्मे ब्रूहि महेश्वर
ईश्वर उवाच
Vers 14
मनः स्थिरं यस्य विनावलम्बनं
वायुः स्थिरो यस्य विना निरोधनम्
दृष्टिः स्थिरा यस्य विनावलोकनं
सा एव मुद्रा विचरन्ती खेचरी
Vers 15
बालस्य मूर्खस्य यथैव चेतः
स्वप्नेन हीनोऽपि करोति निद्राम्
ततो गतः पथो निरावलम्बः
सा एव विद्या विचरन्ती शाम्भवी
देवी उवाच
Vers 16
देवदेव जगन्नाथ ब्रूहि मे परमेश्वर
दर्शनानि कथं देव भवन्ति च पृथक् पृथक्
ईश्वर उवाच
Vers 17
त्रिदण्डी च भवेद् भक्तो वेदाभ्यासरतः सदा
प्रकृतिवादरताः शाक्ता बौद्धा शून्यातिवादिनः
Vers 18
अतोर्ध्वं गामिनो ये वा तत्त्वज्ञा अपि तादृशाः
सर्वं नास्तीति चार्वाका जल्पन्ति विषयाश्रिताः
Vers 19
उमा पृच्छति हे देव पिण्डब्रह्माण्डलक्षणम्
पञ्चभूतं कथं देव गुणाः के पञ्चविंशतिः
ईश्वर उवाच
Vers 20
अस्थि मांसं नखं चैव त्वङ्लोमानि च पञ्चमम्
पृथ्वी पञ्चगुणा प्रोक्ता ब्रह्मज्ञानेन भासते
Vers 21
शुक्रशोणितमज्जा च मलं मूत्रं च पञ्चमम्
अपां पञ्चगुणाः प्रोक्ता ब्रह्मज्ञानेन भासते
Vers 22
निद्रा क्षुधा तृषा चैव क्लान्तिरालस्यपञ्चमम्
तेजः पञ्चगुणाः प्रोक्ता ब्रह्मज्ञानेन भासते
Vers 23
धारणं चालनं क्षेपं संकोचं प्रसरं तथा
वायोः पञ्चगुणाः प्रोक्ता ब्रह्मज्ञानेन भासते
Vers 24
कामं क्रोधं तथा मोहं लज्जा लोभञ्च पञ्चमम्
नभः पञ्चगुणाः प्रोक्ता ब्रह्मज्ञानेन भासते
Vers 25
आकाशाज्जायते वायुर्वायोरुत्पद्यते रविः
रवेरुत्पद्यते तोयं तोयादुत्पद्यते मही
Vers 26
मही विलीयते तोये तोयं विलीयते रवौ
रविर्विलीयते वायौ वायुर्विलीयते तु खे
Vers 27
पञ्चतत्त्वाद् भवेत् सृष्टिस्तत्त्वात् तत्त्वं वीलीयते
पञ्चतत्त्वात् परं तत्त्वं तत्त्वातीतं निरञ्जनम्
Vers 28
स्पर्शनं रसनं चैव घ्राणं चक्षुश्च श्रोत्रकम्
पञ्चेन्द्रियमिदं तत्त्वं मनः साधकमिन्द्रियम्
Vers 29
ब्रह्माण्डलक्षणं सर्वं देहमध्ये व्यवस्थितम्
साकाराश्च विनश्यन्ति निराकारो न नश्यति
Vers 30
निराकारं मनो यस्य निराकारसमो भवेत्
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन साकारं तु परित्यजेत्
देवी उवाच
Vers 31
आदिनाथ मयि ब्रूहि सप्तधातुः कथं भवेत्
आत्मा चैवान्तरात्मा च परमात्मा कथं भवेत्
ईश्वर उवाच
Vers 32
शुक्रशोणितमज्जा च मेदो मांसं च पञ्चमम्
अस्ति त्वक् चैव सप्तैते शरीरेषु व्यवस्थिताः
Vers 33
शरीरं चैवमात्मानमन्तरात्मा मनो भवेत्
परमात्मा भवेच्छून्यं मनो यत्र विलीयते
Vers 34
रक्तधातुर्भवेन्माता शुक्रधातुर्भवेत् पिता
शून्यधातुर्भवेत् प्राणो गर्भपिण्डं प्रजायते
देवी उवाच
Vers 35
कथमुत्पद्यते वाचा कथं वाचा विलीयते
वाक्यस्य निर्णयं ब्रूहि पश्य ज्ञानमुदाहर
ईश्वर उवाच
Vers 36
अव्यक्ताज्जायते प्राणः प्राणादुत्पद्यते मनः
मनसोत्पद्यते वाचा मनो वाचा विलीयते
देवी उवाच
Vers 37
कस्मिन् स्थाने वसेत् सूर्यः कस्मिन् स्थाने वसेछशी
कस्मिन् स्थाने वसेद् वायुः कस्मिन् स्थाने वसेन्मनः
ईश्वर उवाच
Vers 38
तालुमूले स्थितश्चन्द्रो नाभिमूले दिवाकरः
सूर्याग्रे वसते वायुश्चन्द्राग्रे वसते मनः
Vers 39
सूर्याग्रे वसते चित्तं चन्द्राग्रे जीवितं प्रिये
एतद्युक्तं महादेवि गुरुवाक्येन लभ्यते
देवी उवाच
Vers 40
कस्मिन् स्थाने वसेच्छक्तिः कस्मिन् स्थाने वसेच्छिवः
कस्मिन् स्थाने वसेत् कालो जरा केन प्रजायते
ईश्वर उवाच
Vers 41
पाताले वसते शक्तिर्ब्रह्माण्डे वसते शिवः
अन्तरिक्षे वसेत् कालो जरा तेन प्रजायते
देवी उवाच
Vers 42
आहारं काङ्क्षते कोऽसौ भुञ्जते पिबते कथम्
जाग्रत् स्वप्नसुषुप्तौ च को वाऽसौ प्रतिबुध्यति
ईश्वर उवाच
Vers 43
आहारं काङ्क्षते प्राणो भुञ्जतेऽपि हुताशनः
जाग्रत्स्वप्नसुषुप्तौ च वायुश्च प्रतिबुध्यति
देवी उवाच
Vers 44
को वा करोति कर्माणि को वा लप्येत पातकैः
को वा करोति पापानि को वा पापैः प्रमुच्यते
शिव उवाच
Vers 45
मनः करोति पापानि मनो लिप्येत पातकैः
मनश्च तन्मना भूत्वा न पुण्यैर्न च पातकैः
देवी उवाच
Vers 46
जीवः केन प्रकारेण शिवो भवति कस्य च
कार्यस्य कारणं ब्रूहि कथं किञ्च प्रसादनम्
शिव उवाच
Vers 47
भ्रान्तिबद्धो भवेज्जीवो भ्रान्तिमुक्तः सदाशिवः
कार्यं हि कारणं त्वञ्च पुनर्बोधो विशिष्यते
Vers 48
मनोऽन्यत्र शिवोऽन्यत्र शक्तिरन्यत्र मारुतः
इदं तीर्थमिदं तीर्थं भ्रमन्ति तामसा जनाः
आत्मतीर्थं न जानाति कथं मोक्षो वरानने
Vers 49
आत्मतीर्थं न जानाति कथं मोक्षो वरानने
न वेदं वेदमित्याहुर्वेदो ब्रह्म सनातनम्
ब्रह्मविद्यारतो यस्तु स विप्रो वेदपारगः
Vers 50
मथित्वा चतुरो वेदान् सर्वशास्त्राणि चैव हि
सारं तु योगिभिः पीतं तक्रं पिबन्ति पण्डिताः
Vers 51
उच्छीष्टं सर्वशास्त्राणि सर्वा विद्या मुखे मुखे
नोच्छिष्टं ब्रह्मणो ज्ञानमव्यक्तं चेतनामयम्
Vers 52
न तपस्तप इत्याहुर्ब्रह्मचर्यं तपोत्तमम्
ऊर्ध्वरेता भवेद् यस्तु स देवो न तु मानुषः
Vers 53
न ध्यानं ध्यानमित्याहुर्ध्यानं शून्यगतं मनः
तस्य ध्यानप्रसादेन सौख्यं मोक्षं न संशयः
Vers 54
न होमं होममित्याहुः समाधौ तत्तु भूयते
ब्रह्माग्नौ हूयते प्राणं होमकर्म तदुच्यते
Vers 55
पापकर्म भवेद् भव्यं पुण्यं चैव प्रवर्तते
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन ताद्रूप्यं च त्यजेद् बुधः
Vers 56
यावद् वर्णं कुलं सर्वं तावज्ज्ञानं न जायते
ब्रह्मज्ञानपदं ज्ञात्वा सर्ववर्णविवर्जितः
देवी उवाच
Vers 57
यत्त्वया कथितं ज्ञानं नाहं जानामि शङ्कर
निश्चयं ब्रूहि देवेश मनो यत्र विलीयते
शंकर उवाच
Vers 59
मनो वाक्यं तथा कर्म तृतीयं यत्र लीयते
विना स्वप्नं यथा निद्रा ब्रह्मज्ञानं तदुच्यते
Vers 60
एकाकी निस्पृहः शान्तश्चिन्ताविवर्जितः
बालभावस्तथा भावो ब्रह्मज्ञानं तदुच्यते
Vers 61
श्लोकार्धं तु प्रवक्ष्यामि यदुक्तं तत्त्वदर्शिभिः
सर्वचिन्तापरित्यागो निश्चिन्तो योग उच्यते
Vers 62
निमिषं निमिषार्द्धं वा समाधिमधिगच्छति
शतजन्मार्जितं पापं तत्क्षणादेव नश्यति
देवी उवाच
Vers 63
कस्य नाम भवेच्छक्तिः कस्य नाम भवेच्छिवः
एतन्मे ब्रूहि भो देव पश्चाज्ज्ञानं प्रकाशय
ईश्वर उवाच
Vers 64
चलच्चित्ते वसेच्छक्तिः स्थिरचित्ते वसेच्छिवः
स्थिरचित्तो भवेद्देवि स देहस्थोऽपि सिध्यति
देवी उवाच
Vers 65
कस्मिन् स्थाने त्रिधा शक्तिः षट्चक्रं च तथैव च
एकविंशतिब्रह्माण्डं सप्तपातालमेव च
ईश्वर उवाच
Vers 66
ऊर्ध्वशक्तिर्भवेत् कण्ठः अधशक्तिर्भवेत् गुदः
मध्यशक्तिर्भवेन्नाभिः शक्त्यतीतं निरञ्जनम्
Vers 67
आधारं गुह्यचक्रं तु स्वाधिष्ठानं च लिङ्गकम्
चक्रभेदं मयाख्यातं चक्रातीतं नमो नमः
Vers 68
कायोर्ध्वं च ब्रह्मलोकः स्वाधः पातालमेव च
ऊर्ध्वमूलमधःशाखं वृक्षाकारं कलेवरम्
देवी उवाच
Vers 69
शिव शंकर ईशान ब्रूहि मे परमेश्वर
दशवायुः कथं देव दशद्वाराणि चैव हि
ईश्वर उवाच
Vers 70
हृदि प्राणः स्थितो वायुरपानो गुदसंस्थितः
समानो नाभिदेशे तु उदानः कण्ठमाश्रितः
Vers 71
व्यानः सर्वगतो देहे सर्वागात्रेषु संस्थितः
नाग ऊर्ध्वगतो वायुः कूर्मस्तीर्थानि संस्थितः
Vers 72
कृकरः क्षोभिते चैव देवदत्तोऽपि जृम्भणे
धनञ्जयो नादघोषे निविशेच्चैव शाम्यति
Vers 73
एष वायुर्निरालम्बो योगिनां योगसम्मतः
नवद्वारं च प्रात्यक्षं दशमं मन उच्यते
देवी उवाच
Vers 74
नाडीभेदं च मे ब्रूहि सर्वगात्रेषु संस्थितम्
शक्तिः कुण्डलिनी चैव प्रसूता दशनाडिका
ईश्वर उवाच
Vers 75
इडा च पिङ्गला चैव सुषुम्ना चोर्ध्वगामिनी
गान्धारी हस्तिजिह्वा च प्रसवा गमनायता
Vers 76
अलम्बुसा यशा चैव दक्षिणाङ्गे च संस्थिताः
कुलश्च शङ्खिनी चैव वामाङ्गे च व्यवस्थिताः
Vers 77
एतासु दशनाडीषु नानानाडीप्रसूतिका
द्विसप्ततिसहस्राणि शरीरे नाडिकाः स्मृताः
Vers 78
एता यो विन्दते योगी स योगी योगलक्षणः
ज्ञाननाडी भवेद्देवी योगिनां सिद्धिदायिनी
देवी उवाच
Vers 79
भूतनाथ महादेव ब्रूहि मे परमेश्वर
त्रयो देवा कथं देव त्रयो भावास्त्रयो गुणाः
ईश्वर उवाच
Vers 80
रजोभावस्थितो ब्रह्मा सत्त्वभावस्थितो हरिः
क्रोधभावस्थितो रुद्रस्त्रयो देवास्त्रयो गुणाः
Vers 81
एकमूर्तिस्त्रयो देवा ब्रह्मविष्णुमहेश्वराः
नानाभावं मनो यस्य तस्य मुक्तिर्न जायते
Vers 82
वीर्यरूपी भवेद् ब्रह्मा वायुरूपः स्थितो हरिः
मनोरूपः स्थितो रुद्रस्त्रयो देवास्त्रयो गुणाः
Vers 83
दयाभावस्थितो ब्रह्मा शुद्धभावस्थितो हरिः
अग्निभावस्थितो रुद्रस्त्रयो देवास्त्रयो गुणाः
Vers 84
एकं भूतं परं ब्रह्म जगत् सर्वं चराचरम्
नानाभावं मनो यस्य तस्य मुक्तिर्न जायते
Vers 85
अहं सृष्टिरहं कालोऽप्यहं ब्रह्माऽप्यहं हरिः
अहं रुद्रोऽप्यहं शून्यमहं व्यापी निरञ्जनम्
Vers 86
अहं सर्वात्मको देवि निष्कामो गगनोपमः
स्वभावनिर्मलं स्वान्तं स एवाहं न संशयः
Vers 87
जितेन्द्रियो भवेच्छूरो ब्रह्मचारी सुपण्डितः
सत्यवादी भवेद् भक्तो दाता धीरो हितेरतः
Vers 88
ब्रह्मचर्यं तपोमूलं धर्ममूला दया स्मृता
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन दयाधर्मं समाश्रयेत्
देवी उवाच
Vers 89
योगेश्वर जगन्नाथ उमायाः प्राणवल्लभ
वेदसन्ध्या तपो ध्यानं होमकर्म कुलं कथम्
ईश्वर उवाच
Vers 90
अश्वमेधसहस्राणि वाजपेयशतानि च
ब्रह्मज्ञानसमं पुण्यं कलां नार्हति षोडशीम्
Vers 91
सर्वदा सर्वतीर्थेषु यत् फलं लभते शुचिः
ब्रह्मज्ञानसमं पुण्यं कलां नार्हति षोडशीम्
Vers 92
न मित्रं न च पुत्राश्च न पिता न च बान्धवाः
न स्वामी च गुरोस्तुल्यं यद्दृष्टं परमं पदम्
Vers 93
न च विद्यागुरोस्तुल्यं न तीर्थं न च देवताः
गुरोस्तुल्यं न वै कोऽपि यद्दृष्टं परमं पदम्
Vers 94
एकमप्यक्षरं यस्तु गुरुः शिष्ये निवेदयेत्
पृथिव्यां नास्ति तद्द्रव्यं यद्दत्त्वा चानृणी भवेत्
Vers 95
यस्य कस्य न दातव्यं ब्रह्मज्ञानं सुगोपितम्
यस्य कस्यापि भक्तस्य सद्गुरुस्तस्य दीयते
Vers 96
मन्त्रं पूजां तपो ध्यानं होमं जप्यं बलिक्रियाम्
संन्यासं सर्वकर्माणि लौकिकानि त्यजेद् बुधः
Vers 97
संसर्गाद् बहवो दोषा निःसङ्गाद् बहवो गुणाः
तस्मात् सर्वप्रयत्नेन यतिः सङ्गं परित्यजेत्
Vers 98
अकारः सात्त्विको ज्ञेय उकारो राजसः स्मृतः
मकारस्तामसः प्रोक्तस्त्रिभिः प्रकृतिरुच्यते
Vers 99
अक्षरा प्रकृतिः प्रोक्ता रक्षरः स्वयमीश्वरः
ईश्वरान्निर्गता सा हि प्रकृतिर्गुणबन्धना
Vers 100
सा माया पालिनी शक्तिः सृष्टिसंहारकारिणी
अविद्या मोहिनी या सा शब्दरूपा यशस्विनी
Vers 101
अकारश्चैव ऋग्वेद उकारो यजुरुच्यते
मकारः सामवेदस्तु त्रिषु युक्तोऽप्यथर्वणः
Vers 102
ओङ्कारस्तु प्लुतो ज्ञेयस्त्रिनाद इति संज्ञितः
अकारस्त्वथ भूर्लोक उकारो भुव उच्यते
Vers 103
सव्यञ्जनो मकारस्तु स्वर्लोकस्तु विधीयते
अक्षरैस्त्रिभिरेतैश्च भवेदात्मा व्यवस्थितः
Vers 104
अकारः पृथिवी ज्ञेया पीतवर्णेन संयुतः
अन्तरीक्षं उकारस्तु विद्युद्वर्ण इहोच्यते
Vers 105
मकारः स्वरिति ज्ञेयः शुक्लवर्णेन संयुतः
ध्रुवमेकाक्षरं ब्रह्म ओं इत्येवं व्यवस्थितम्
Vers 106
स्थिरासनो भवेन्नित्यं चिन्तानिद्राविवर्जितः
आसु स जायते योगी नान्यथा शिवभाषितम्
Vers 107
य इदं पठते नित्यं शृणोति च दिने दिने
सर्वपापविशुद्धात्मा शिवलोकं स गच्छति
देवी उवाच
Vers 108
स्थूलस्य लक्षणं ब्रूहि कथं मनो विलीयते
परमार्थं च निर्वाणं स्थूलसूक्ष्मस्य लक्षणम्
शिव उवाच
Vers 109
येन ज्ञानेन हे देवि विद्यते न च किल्बिषी
पृथिव्यापस्तथा तेजो वायुराकाशमेव च
स्थूलरूपी स्थितोऽयं च सूक्ष्मश्च अन्यथा स्थितः
Das Jnanasankalini Tantra in zusammenhängender deutscher Übersetzung
Die folgende Fassung gibt den gesamten erhaltenen Grundtext nochmals ohne Sanskritunterbrechung wieder. Die ursprüngliche Verszählung bleibt zur Orientierung sichtbar. 1. Auf dem Gipfel des Kailasa sitzt der Gott der Götter, der Lehrer der Welt. Die große Göttin fragt ihn: „O Maheshvara, verkünde mir die Erkenntnis.“ 2. Die Göttin sprach: „Woher entsteht die Schöpfung, o Gott, und wie vergeht sie wieder? Wie ist die Erkenntnis Brahmans, die jenseits von Schöpfung und Auflösung ist?“ 3. Ishvara sprach: „Aus dem Unmanifesten entsteht die Schöpfung, und in das Unmanifeste vergeht sie. Die Erkenntnis Brahmans ist das Unmanifeste, frei von Schöpfung und Auflösung.“ 4. Aus der unvergänglichen Silbe Om gehen all diese vierzehn Wissensgebiete hervor: Mantra, Puja, Askese, Meditation sowie Handeln und Nichthandeln, 5. die sechs Vedangas, die vier Veden, Mimamsa, die ausführliche Nyaya-Lehre, Dharmashastra und Purana – dies sind die vierzehn Wissensgebiete. 6. Alles dies gilt nur so lange als Wissen, wie die eigentliche Erkenntnis noch nicht entstanden ist. Hat man den Stand der Brahman-Erkenntnis erkannt, finden alle Wissensformen darin ihren festen Grund. 7. Veden, Shastras und Puranas gleichen einer Frau, die allen zugänglich ist; die Shambhavi Vidya hingegen ist verborgen wie die Frau eines Kula-Hauses. 8. Alle Wissensformen sind im Körper, alle Gottheiten sind im Körper, alle heiligen Pilgerorte sind im Körper. Erkannt werden sie durch das Wort des Gurus. 9. Die innere spirituelle Erkenntnis schenkt den Menschen Glück und Befreiung. Dharma, Karma und Japa treten dagegen zurück. 10. Wie Feuer im Holz, Duft in der Blume und Nektar in der Milch verborgen sind, so ist auch die Gottheit im Körper gegenwärtig, frei von Verdienst und Schuld. 11. Ida ist die göttliche Ganga, Pingala der Fluss Yamuna; zwischen Ida und Pingala liegt Sushumna als Sarasvati. 12. Wo diese drei Ströme zusammenfließen, dort ist der König der Pilgerorte. Wer dort badet, wird von allen Verfehlungen befreit. 13. Die Göttin sprach: „Wie beschaffen ist Khechari Mudra? Wie ist die Shambhavi Vidya, und wie die innere spirituelle Erkenntnis? Sage mir dies, o Maheshvara.“ 14. Wessen Geist ohne äußere Stütze still ist, wessen Atem ohne gewaltsames Anhalten still geworden ist und wessen Blick ohne äußeres Schauen ruht – eben dies ist die im Raum wandelnde Khechari Mudra. 15. Wie das Bewusstsein eines Kindes oder eines Toren, das selbst ohne Traum in Schlaf sinkt, so ist der Weg, der jede Stütze hinter sich lässt – eben dies ist die sich entfaltende Shambhavi Vidya. 16. Die Göttin sprach: „O Gott der Götter, Herr der Welt, sage mir, o höchster Herr: Wie entstehen die verschiedenen philosophischen Anschauungen?“ 17. Ishvara sprach: „Der Anhänger mit dem dreifachen Stab hält sich beständig an das Studium der Veden; die Shaktas sind der Lehre von Prakriti zugewandt, die Buddhisten vertreten die Lehre von der Leere. 18. Andere richten sich auf Höheres und halten sich für Kenner der Wirklichkeit; die Charvakas, an Sinnesobjekte gebunden, erklären: ‚Alles ist nichtig.‘“ 19. Uma fragt: „O Gott, erkläre mir das Verhältnis von Körper und Kosmos. Wie sind die fünf Elemente beschaffen, und welches sind ihre fünfundzwanzig Eigenschaften?“ 20. Knochen, Fleisch, Nägel, Haut und als fünftes die Haare gelten als die fünf Eigenschaften der Erde; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt. 21. Samen, Blut, Mark, Kot und als fünftes Urin gelten als die fünf Eigenschaften des Wassers; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt. 22. Schlaf, Hunger, Durst, Ermüdung und als fünftes Trägheit gelten als die fünf Eigenschaften des Feuers; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt. 23. Halten, Bewegen, Werfen, Zusammenziehen und Ausdehnen gelten als die fünf Eigenschaften des Windes; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt. 24. Begierde, Zorn, Verblendung, Scham und als fünftes Gier gelten als die fünf Eigenschaften des Raumes; durch Brahman-Erkenntnis werden sie erkannt. 25. Aus dem Raum entsteht der Wind, aus dem Wind die Sonne beziehungsweise das Feuer; aus dem Feuer entsteht Wasser, und aus dem Wasser die Erde. 26. Die Erde löst sich im Wasser auf, das Wasser im Feuer, das Feuer im Wind und der Wind im Raum. 27. Aus den fünf Tattvas entsteht die Schöpfung, und ein Tattva löst sich jeweils in das andere auf. Jenseits der fünf Tattvas liegt das höchste Tattva, fleckenlos und jenseits aller Tattvas. 28. Tasten, Schmecken, Riechen, Sehen und Hören bilden diese fünf Sinnesvermögen; der Geist ist das ordnende innere Sinnesorgan. 29. Die ganze Struktur des Brahmanda ist im Inneren des Körpers angeordnet. Alles Gestalthafte vergeht, das Formlose vergeht nicht. 30. Wessen Geist formlos geworden ist, der wird dem Formlosen gleich. Deshalb soll man mit aller Kraft die Bindung an Gestalt hinter sich lassen. 31. Die Göttin sprach: „O Adinatha, sage mir: Wie entstehen die sieben Dhatus? Was sind Atman, Antaratman und Paramatman?“ 32. Samen, Blut, Mark, Fett, Fleisch, Knochen und Haut – diese sieben sind im Körper als Dhatus angeordnet. 33. Der Körper wird hier als Atman bezeichnet, der Geist als innerer Atman; Paramatman ist jene Leere, in der sich der Geist auflöst. 34. Das Blut-Element stammt von der Mutter, das Samen-Element vom Vater; der leere Raum wird zum Prana, und so entsteht die Leibesfrucht im Mutterleib. 35. Die Göttin sprach: „Wie entsteht Sprache, und wie vergeht sie wieder? Erkläre mir die Bestimmung der Rede und zeige mir die Erkenntnis.“ 36. Ishvara sprach: „Aus dem Unmanifesten entsteht Prana, aus Prana der Geist, aus dem Geist die Sprache; und in der Sprache löst sich der Geist wieder auf.“ 37. Die Göttin sprach: „An welchem Ort verweilt die Sonne, wo der Mond, wo der Wind und wo der Geist?“ 38. Ishvara sprach: „Der Mond steht an der Wurzel des Gaumens, die Sonne am Nabel. Vor der Sonne verweilt der Atem, vor dem Mond der Geist. 39. Vor der Sonne verweilt Citta, vor dem Mond das Leben, o Geliebte. Diese Zuordnung wird, o große Göttin, durch das Wort des Gurus erkannt.“ 40. Die Göttin sprach: „Wo verweilt Shakti, wo Shiva, wo die Zeit, und wodurch entsteht Alter?“ 41. Ishvara sprach: „Shakti verweilt im Patala, Shiva im Brahmanda; die Zeit wohnt im Zwischenraum, und durch sie entsteht Alter.“ 42. Die Göttin sprach: „Wer begehrt Nahrung, wer isst und trinkt? Wer ist es, der in Wachen, Traum und Tiefschlaf jeweils bewusst ist?“ 43. Ishvara sprach: „Prana verlangt nach Nahrung, das Feuer verzehrt sie. In Wachen, Traum und Tiefschlaf ist es der Lebenswind, der jeweils tätig bleibt.“ 44. Die Göttin sprach: „Wer vollbringt Handlungen, wer wird von Verfehlungen befleckt? Wer begeht Sünden, und wer wird von ihnen frei?“ 45. Shiva sprach: „Der Geist begeht die Verfehlungen, der Geist wird von ihnen befleckt. Wenn der Geist in seinem eigenen Wesen ruht, wird er weder von Verdienst noch von Schuld berührt.“ 46. Die Göttin sprach: „Auf welche Weise wird der Jiva zu Shiva? Was ist die Ursache der Wirkung, und wodurch entsteht Gnade beziehungsweise Befriedung?“ 47. Shiva sprach: „Durch Verblendung gebunden ist der Jiva; von Verblendung befreit ist er Sadashiva. Wirkung und Ursache sind letztlich du selbst; darüber hinaus ist erneutes Erwachen das Entscheidende.“ 48. Wer den Geist hier, Shiva dort, Shakti anderswo und den Atem wieder anderswo sucht und von Pilgerort zu Pilgerort wandert, lebt in Dunkelheit. Wer den inneren Pilgerort nicht kennt – wie sollte der, o Schönwangige, Befreiung erlangen? 49. Nicht das bloße Buchwissen nennen die Weisen Veda; der ewige Brahman ist der wahre Veda. Wer sich der Brahma-Vidya hingibt, ist der wahre Brahmane und Kenner des Veda. 50. Hat man die vier Veden und alle Shastras gleichsam durchgequirlt, so trinken die Yogis ihre Essenz; die bloß Gelehrten trinken nur die Buttermilch. 51. Alle Shastras und alle gelehrten Wissensformen werden von Mund zu Mund weitergegeben; die Erkenntnis Brahmans jedoch ist kein bloßer Überrest – sie ist unmanifest und von der Natur des Bewusstseins. 52. Nicht irgendeine Askese nennen die Weisen die höchste Askese; Brahmacharya gilt als höchste Tapas. Wer seine schöpferische Kraft nach oben führt, wird göttlich und bleibt nicht bloß gewöhnlicher Mensch. 53. Nicht jede Konzentration nennen die Weisen Dhyana; Meditation ist der Geist, der in die Leere eingegangen ist. Durch die Gnade solcher Meditation entstehen Glück und Befreiung – daran ist kein Zweifel. 54. Nicht jede Feuerhandlung nennen die Weisen Homa; der wahre Homa geschieht im Samadhi. Prana wird im Feuer Brahmans geopfert – dies wird die Opferhandlung genannt. 55. Schlechtes Handeln bringt leidvolle Folgen hervor, gutes Handeln setzt verdienstvolle Folgen in Gang. Deshalb soll der Weise mit aller Kraft selbst die Bindung an solche Gleichförmigkeit und Gegensätzlichkeit überwinden. 56. Solange die Vorstellungen von sozialer Klasse und Abstammungsgruppe bestehen, entsteht die höchste Erkenntnis nicht. Wer den Zustand der Brahman-Erkenntnis erkannt hat, ist jenseits aller Varna-Unterscheidungen. 57. Die Göttin sprach: „Das Wissen, das du verkündet hast, o Shankara, verstehe ich noch nicht völlig. Sage mir eindeutig, o Herr der Götter: Wo löst sich der Geist auf?“ 59. Shankara sprach: „Wo Geist, Rede und Handlung – diese drei – sich auflösen, wie Schlaf ohne Traum, das wird Brahman-Erkenntnis genannt.“ 60. Allein, ohne Begehren, friedvoll und frei von Sorgen; von kindlich ungekünstelter Haltung – dieser Zustand wird Brahman-Erkenntnis genannt. 61. Ich werde dir einen halben Vers sagen, wie ihn die Seher der Wirklichkeit gelehrt haben: Das vollständige Loslassen aller Sorgen und Gedankenkonstruktionen wird Yoga genannt. 62. Wer auch nur für einen Augenblick oder einen halben Augenblick Samadhi erreicht, dessen über hundert Geburten angesammelte Verfehlungen vergehen in eben diesem Moment. 63. Die Göttin sprach: „Wessen Name ist Shakti, wessen Name Shiva? Sage mir dies, o Gott, und enthülle danach die Erkenntnis.“ 64. Ishvara sprach: „Im bewegten Geist wohnt Shakti, im stillen Geist wohnt Shiva. Wer einen festen, ruhigen Geist erlangt, o Göttin, verwirklicht Vollendung, obwohl er noch im Körper lebt.“ 65. Die Göttin sprach: „Wo befindet sich die dreifache Shakti, wo die sechs Chakras, die einundzwanzig Brahmandas und die sieben Patalas?“ 66. Ishvara sprach: „Die obere Shakti ist im Hals, die untere Shakti im Afterbereich, die mittlere Shakti im Nabel. Jenseits der Shakti ist das fleckenlose Absolute. 67. Der Adhara ist das geheime Chakra, Svadhishthana wird mit dem Linga verbunden. Die Unterscheidung der Chakras habe ich erklärt; Verehrung, Verehrung dem, was jenseits aller Chakras ist. 68. Oberhalb des Körpers ist Brahmaloka, unterhalb Patala. Der Körper gleicht einem Baum mit der Wurzel oben und den Zweigen unten.“ 69. Die Göttin sprach: „O Shiva, Shankara, Ishana, höchster Herr, erkläre mir die zehn Vayus und ebenso die zehn Tore.“ 70. Ishvara sprach: „Prana befindet sich im Herzen, Apana im Afterbereich, Samana im Nabel, Udana hat seinen Sitz im Hals. 71. Vyana durchdringt den ganzen Körper und ist in allen Gliedern. Naga bewegt sich aufwärts; Kurma ist an seinen Wirkungsorten tätig. 72. Krikara wirkt bei Reiz und Erschütterung, Devadatta beim Gähnen; Dhananjaya wirkt beim Klang und kommt schließlich zur Ruhe. 73. Diese Lebenswinde sind für die Yogis Teil des Yoga. Neun Tore sind unmittelbar sichtbar; als das zehnte Tor wird hier der Geist bezeichnet.“ 74. Die Göttin sprach: „Erkläre mir die verschiedenen Nadis, die im ganzen Körper liegen. Aus Kundalini Shakti gehen die zehn Nadis hervor.“ 75. Ishvara sprach: „Ida, Pingala und die aufwärts führende Sushumna, Gandhari, Hastijihva sowie die weiteren Bahnen Prasava und Gamana, 76. Alambusa und Yasha liegen auf der rechten Seite; Kula und Shankhini sind auf der linken Seite angeordnet. 77. Aus diesen zehn Nadis gehen die vielen weiteren Nadis hervor. Im Körper werden zweiundsiebzigtausend Nadis gelehrt. 78. Der Yogi, der diese erkennt, trägt die Kennzeichen des Yoga. Die Jnana-Nadi, o Göttin, schenkt den Yogis Vollendung. 79. Die Göttin sprach: „O Herr der Wesen, Mahadeva, höchster Herr, erkläre mir: Wie sind die drei Götter, die drei Zustände und die drei Gunas zu verstehen?“ 80. Ishvara sprach: „Brahma steht im Zustand des Rajas, Hari im Zustand des Sattva und Rudra im Zustand des Zorns beziehungsweise der auflösenden Kraft – so erscheinen die drei Götter als drei Gunas. 81. Die drei Götter Brahma, Vishnu und Maheshvara sind eine einzige Gestalt. Wessen Geist in Vielheit befangen bleibt, für den entsteht keine Befreiung. 82. Brahma ist als schöpferische Kraft gegenwärtig, Hari als Wind beziehungsweise Lebensbewegung und Rudra als Geist; so erscheinen die drei Götter als drei Kräfte. 83. Brahma steht im Zustand des Mitgefühls, Hari im Zustand der Reinheit und Rudra im Zustand des Feuers – so erscheinen die drei Götter in dreifacher Weise. 84. Das höchste Brahman ist das eine Sein; die ganze bewegliche und unbewegliche Welt ist darin enthalten. Wessen Geist in Vielheit befangen bleibt, für den entsteht keine Befreiung. 85. Ich bin die Schöpfung, ich bin die Zeit, ich bin Brahma und Hari; ich bin Rudra, ich bin die Leere, ich bin das allgegenwärtige, fleckenlose Eine. 86. Ich bin, o Göttin, das Selbst von allem, wunschlos und dem Himmel gleich. Mein eigenes Inneres ist von Natur aus rein – eben dies bin ich, daran ist kein Zweifel. 87. Der Held beherrscht die Sinne, lebt in Brahmacharya, ist wahrhaft gelehrt, spricht die Wahrheit, ist hingebungsvoll, freigebig, standhaft und dem Wohl anderer zugewandt. 88. Brahmacharya ist die Wurzel der Askese, Mitgefühl gilt als Wurzel des Dharma. Darum soll man mit aller Kraft im Dharma des Mitgefühls Zuflucht nehmen. 89. Die Göttin sprach: „O Herr des Yoga, Herr der Welt, Geliebter Umas, wie sind Veda, Sandhya, Askese, Meditation, Homa und Kula zu verstehen?“ 90. Ishvara sprach: „Tausend Ashvamedha-Opfer und hundert Vajapeya-Opfer erreichen nicht einmal den sechzehnten Teil des Verdienstes, das der Brahman-Erkenntnis entspricht. 91. Auch das Verdienst, das ein Reiner durch den Besuch aller heiligen Pilgerorte erlangt, erreicht nicht den sechzehnten Teil des Wertes der Brahman-Erkenntnis. 92. Weder Freund noch Sohn, weder Vater noch Verwandter noch ein weltlicher Herr kommt dem Guru gleich, durch den der höchste Zustand geschaut wird. 93. Kein Wissen, kein Pilgerort und keine Gottheit kommt dem Lehrer der Erkenntnis gleich. Niemand gleicht dem Guru, durch den der höchste Zustand erkannt wird. 94. Wenn ein Guru einem Schüler auch nur eine einzige Silbe wahrer Lehre vermittelt, gibt es auf der Erde keinen Besitz, durch dessen Gabe der Schüler diese Schuld vollständig begleichen könnte. 95. Die wohlgehütete Brahman-Erkenntnis soll nicht wahllos weitergegeben werden. Dem wahrhaft hingebungsvollen Schüler jedoch wird sie durch einen Sadguru vermittelt. 96. Der Weise soll Anhaftung an Mantra, Puja, Askese, Meditation, Homa, Japa, Opferhandlungen, äußeren Verzicht und alle bloß weltlichen Handlungen schließlich hinter sich lassen. 97. Aus Verstrickung entstehen viele Fehler, aus Nicht-Anhaften viele Vorzüge. Deshalb soll der Entsagende mit aller Kraft Bindung und Gesellschaftssucht überwinden. 98. A gilt als sattvig, U als rajasig und M als tamasig; aus diesen dreien wird Prakriti bezeichnet. 99. Die Silben beziehungsweise das Lautprinzip gelten als Prakriti; das unvergängliche Prinzip ist Ishvara selbst. Von Ishvara geht Prakriti aus, gebunden an die Gunas. 100. Sie ist Maya, die erhaltende Shakti, die Schöpfung und Auflösung bewirkt; als Avidya ist sie die Verblendende, berühmt und von der Natur des Lautes. 101. A entspricht dem Rigveda, U dem Yajurveda, M dem Samaveda; in der Verbindung aller drei ist auch der Atharvaveda enthalten. 102. Omkara soll langgezogen erkannt werden und wird als dreifacher Nada bezeichnet. A entspricht der Welt Bhur, U der Welt Bhuvar. 103. M mit seinem konsonantischen Abschluss entspricht der Welt Svar. Durch diese drei Lautbestandteile ist der Atman symbolisch gegenwärtig. 104. A ist als Erde zu erkennen und mit gelber Farbe verbunden; U entspricht dem Zwischenraum und wird hier als blitzfarben bezeichnet. 105. M entspricht Svar und ist mit weißer Farbe verbunden. Das eine unveränderliche Brahman ist in der Silbe Om gegründet. 106. Der Yogi soll beständig in festem Sitz verweilen, frei von zerstreuender Sorge und Schläfrigkeit. So entsteht der Zustand des Yoga – nicht anders, so lautet Shivas Wort. 107. Wer diesen Text täglich liest oder Tag für Tag hört, dessen Selbst wird von allen Verfehlungen gereinigt, und er gelangt in Shivas Welt. 108. Die Göttin sprach: „Erkläre mir das Kennzeichen des Grobstofflichen, wie der Geist sich auflöst, die höchste Wirklichkeit und Nirvana sowie die Kennzeichen des Groben und des Feinen.“ 109. Shiva sprach: „Durch jene Erkenntnis, o Göttin, wird man frei von Verfehlung. Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum bilden die grobstoffliche Erscheinung; das Feine besteht auf andere Weise.“
Inspirationen aus dem Jnanasankalini Tantra
„Alle Gottheiten und alle Pilgerorte sind im Körper.“
dehasthāḥ sarvavidyāśca dehasthāḥ sarvadevatāḥ
dehasthāḥ sarvatīrthāni guruvākyena labhyate
Inspiration: Der spirituelle Weg führt nicht nur zu äußeren Orten. Der eigene Körper und das eigene Bewusstsein können als heiliger Raum entdeckt werden. Das Wort des Gurus hilft, diesen inneren Pilgerweg zu erkennen.
„Wie Feuer im Holz ist die Gottheit im Körper verborgen.“
kāṣṭhamadhye yathā vahniḥ puṣpe gandhaḥ payo'mṛtam
dehamadhye tathā devaḥ puṇyapāpavivarjitaḥ
Inspiration: Das Göttliche muss nicht erst von außen hinzugefügt werden. Wie Feuer im Holz kann es verborgen gegenwärtig sein und durch Erkenntnis offenbar werden.
„Das Loslassen aller Gedankenbewegungen wird Yoga genannt.“
sarvacintāparityāgo niścinto yoga ucyate
Inspiration: Dieser Vers bringt eine ganze Meditationslehre auf eine Zeile. Meditation bedeutet hier nicht, immer neue Gedanken hervorzubringen, sondern die tiefe Freiheit zu entdecken, die erscheint, wenn das Festhalten an ihnen endet.
„Im bewegten Geist wohnt Shakti, im stillen Geist Shiva.“
calaccitte vasecchaktiḥ sthiracitte vasecchivaḥ
Inspiration: Bewegung und Ruhe gehören beide zum spirituellen Leben. Die Kraft bewegt sich; Bewusstsein ruht. Wenn der Geist still wird, kann die Shiva-Dimension unmittelbar erfahrbar werden.
„Die drei Götter sind eine Gestalt.“
ekamūrtistrayo devā brahmaviṣṇumaheśvarāḥ
Inspiration: Hinter den vielfältigen Formen göttlicher Verehrung erkennt der Text eine Einheit. Unterschiedliche Namen und Gestalten müssen die höchste Wirklichkeit nicht in getrennte Wesen zerlegen.
„Mitgefühl ist die Wurzel des Dharma.“
brahmacaryaṃ tapomūlaṃ dharmamūlā dayā smṛtā
Inspiration: Mystische Erkenntnis bleibt nicht ohne ethische Konsequenz. Die Schrift verbindet spirituelle Disziplin mit Daya, tätigem Mitgefühl.
„Ich bin das Selbst von allem.“
ahaṃ sarvātmako devi niṣkāmo gaganopamaḥ
Inspiration: In der höchsten Perspektive spricht Shiva nicht als begrenztes Ich. Das „Ich“ ist hier das allumfassende Bewusstsein – weit wie der Himmel und frei von persönlichem Begehren.
Verhältnis zu anderen Tantra- und Yoga-Schriften
Das Jnanasankalini Tantra verbindet Themen, die in unterschiedlichen Strömungen tantrischer und yogischer Literatur begegnen. Die Vorstellung des Körpers als Mikrokosmos erinnert an die Shiva Samhita und andere Texte der subtilen Körperlehre. Ida, Pingala, Sushumna, Kundalini und die Vayus verbinden das Werk mit späteren Hatha- und Kundalini-Yoga-Traditionen.
Die Verinnerlichung von Pilgerfahrt, Homa und Meditation lässt sich thematisch mit dem Vijnana Bhairava Tantra und dem Bhavopahara Stotra vergleichen, auch wenn diese Texte unterschiedlichen Traditionszusammenhängen angehören. Das Motiv, äußere Handlung in unmittelbare Bewusstseinsrealisation zu überführen, ist ihnen in verschiedener Form gemeinsam.
Die starke Betonung von Brahmajnana, der Formlosigkeit und der Einheit hinter Brahma, Vishnu und Shiva weist zugleich in eine nichtduale, jnana-orientierte Richtung. Das Jnanasankalini Tantra verbindet daher tantrische Körperlehre, Yoga und eine weitreichende Metaphysik der Einheit, ohne dass die bereitgestellte Quelle eine eindeutige Schulzugehörigkeit oder Datierung nennt.

Textgrundlage
Grundlage sind ausschließlich die beiden vom Nutzer bereitgestellten Muktabodha-Dateien, Katalognummer M00191, mit dem Einheitstitel jñānasaṅkalinītantra. Als Herausgeber der zugrunde liegenden Edition wird Rasika Mohana Caṭṭopādhyāya genannt. Laut Dateikopf wurde der Text aus einer in Kalkutta gegen Ende des 19. Jahrhunderts in bengalischer Schrift erschienenen Ausgabe transkribiert; die Dateneingabe erfolgte durch Mitarbeiter des Muktabodha Indological Research Institute unter der Aufsicht von Mark S. G. Dyczkowski.
Die Umschrift- und Devanagari-Datei wurden für diesen Artikel miteinander verglichen. Beide weisen dieselbe auffällige Nummerierung auf: Auf Vers 57 folgt Vers 59. Insgesamt sind daher 108 nummerierte Texteinheiten vorhanden, obwohl der letzte Vers die Nummer 109 trägt. Diese Lücke wurde nicht rekonstruiert. Auch ungewöhnliche Lesarten wurden nicht aus externen Fassungen in den Sanskrit-Grundtext hinein korrigiert.
Abschließende Betrachtung
Das Jnanasankalini Tantra führt seine Leser immer wieder von Vielheit zu Einheit und von äußerer Suche zur inneren Erkenntnis. Der Körper wird zum Kosmos, die Nadis zu heiligen Flüssen, der innere Zusammenfluss zum Tirtha, Homa zur Opferung des Prana in Brahman und Yoga zum Loslassen aller Gedankenverstrickung.
Dabei ist das Werk weder nur eine Kundalini-Schrift noch nur ein philosophischer Text. Es verknüpft Körper, Atem, Geist, Guru, Ethik und höchste Erkenntnis. Seine vielleicht stärkste Botschaft lautet: Die Wirklichkeit, die an vielen Orten und in vielen Formen gesucht wird, soll im eigenen Bewusstsein erkannt werden. Diese Erkenntnis führt nicht zu Gleichgültigkeit, sondern wird mit Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Hingabe und besonders mit Mitgefühl verbunden.
Siehe auch
- Jnana
- Brahmajnana
- Tantra
- Shiva
- Shakti
- Kundalini
- Kundalini Yoga
- Ida
- Pingala
- Sushumna
- Nadi
- Prana
- Vayu
- Chakra
- Khechari Mudra
- Shambhavi Mudra
- Omkara
- Om
- Guru
- Brahmacharya
- Daya
- Samadhi
- Vijnana Bhairava Tantra
- Shiva Samhita
- Bhavopahara Stotra
Seminare
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