Bhavopahara Stotra

Aus Yogawiki

Bhavopahara Stotra (Sanskrit: भावोपहारस्तोत्र bhāvopahārastotra n.), auch Bhāvopahāra genannt, ist eine kurze, philosophisch dichte Shiva-Hymne des Cakrapāṇinātha aus der Tradition des nichtdualen Kashmir Shivaismus. Der Titel verbindet bhāva – innerer Zustand, Bewusstseinsinhalt, Empfindung oder geistige Haltung – mit upahāra, Darbringung oder Opfergabe. Das Werk zeigt daher eine außergewöhnliche Form der Puja: Nicht äußere Gegenstände stehen im Mittelpunkt, sondern Wahrnehmung, Atem, Mantra, Denken, Hingabe, Nicht-Anhaften und schließlich die Erfahrung des Bewusstseins selbst werden Shiva dargebracht.

Das Bhavopahara Stotra umfasst 47 Verse. Enrica Garzilli ordnet das Werk in ihrer Studie dem 11.–12. Jahrhundert zu. Überliefert ist es zusammen mit einem ausführlichen Vivaraṇa des Ramyadeva Bhaṭṭa, das die oft äußerst verdichtete Symbolsprache des Stotras im Horizont des kaschmirischen Shivaismus erläutert. Die hier wiedergegebene Übersetzung folgt dem vom Nutzer bereitgestellten GRETIL-Text des Grundwerks; der Kommentar wird zur Klärung schwieriger Stellen herangezogen, aber nicht mit dem Primärtext vermischt.

Eine Shiva-Puja bei Yoga Vidya. Das Bhavopahara Stotra verlegt die rituellen Opfergaben in das eigene Bewusstsein.

Charakteristisch für den Text ist die Umdeutung klassischer Puja-Elemente. Bad, Sitz, Arghya, Weihrauch, Lampe, Glocke, Blumen, Fächer, Schirm, Reittier und Dakshina erscheinen weiterhin – doch sie werden als Vorgänge des inneren Yoga verstanden. Damit wird Ritual nicht verworfen, sondern auf seine tiefste Bedeutung zurückgeführt: Alles, was im Bewusstsein erscheint, kann zum Weg der Erkenntnis werden.

Diese Sicht berührt zentrale Themen des Vijnana Bhairava Tantra, der Shiva Sutra, der Spanda Karika und des Tantraloka: die Allgegenwart des Bewusstseins, die Überwindung der Trennung von Subjekt und Objekt und die Wiedererkennung der eigenen Natur als Shiva. Für heutige Aspiranten ist der Text besonders wertvoll, weil er äußere Verehrung, Meditation, Hingabe und nichtduale Erkenntnis miteinander verbindet.

Bedeutung und zentrale Lehren

Innere Puja statt bloßer äußerer Handlung
Das Bhavopahara Stotra verwandelt die Bestandteile einer traditionellen Shiva-Puja in Vorgänge des Bewusstseins. Das Herz wird zum heiligen Badeplatz, vollkommenes Erwachen zum Gewand, reine Erkenntnis zum Sitz, Prana zum Räucherwerk und die aufsteigende Shakti zur Lampe. Die äußere Form der Verehrung wird nicht geringgeschätzt; vielmehr zeigt der Text, wie ihr Sinn im Inneren verwirklicht werden kann.

Alles Wahrgenommene gehört zur Gottheit
Schon Vers 9 erklärt, dass sogar die gedanklichen Konstruktionen, durch die äußere Gegenstände erfasst werden, als „Torhüter“ Shivas betrachtet werden können. Damit wird ein Grundgedanke des nichtdualen Shivaismus sichtbar: Nichts muss außerhalb des göttlichen Bewusstseins gestellt werden. Auch Denken und Wahrnehmen können, richtig erkannt, zum Bestandteil des Weges werden.

Jenseits von Ergreifen und Verwerfen
Mehrfach führt Cakrapāṇinātha über die Gegensätze hinaus. Vers 11 beschreibt Shivas Sitz als frei von Verwerfen und Annehmen, Sein und Nichtsein. Vers 31 macht sogar vollständiges Loslassen und vollständiges Ergreifen zu zwei möglichen Seiten derselben grenzenlosen Durchdringung. Diese Haltung ist keine Gleichgültigkeit im ethischen Sinn, sondern eine Aussage über die höchste Bewusstseinsebene, in der Shiva nicht außerhalb irgendeiner Erfahrung gefunden werden muss.

Die Auflösung von Subjekt und Objekt
Besonders deutlich ist Vers 40: Die Gewohnheitskräfte, die aus der Trennung von Genießendem und Genossenem entstehen, werden im Feuer der Nichtdualität geopfert. Die höchste Gabe ist damit nicht ein Gegenstand, sondern die tief sitzende Vorstellung eines getrennten Ichs gegenüber einer getrennten Welt.

Atem, Klang und Shakti
Mehrere Verse beschreiben Prana, den inneren Klang, Nada, Kundalini und das Hamsa-Prinzip. Die Symbolik erinnert an tantrische Meditationsweisen, in denen Atem, Laut und Bewusstheit miteinander verbunden werden. Der Text ist jedoch keine moderne Übungsanleitung; seine verdichteten Hinweise stehen im Rahmen einer traditionellen tantrischen Lehrüberlieferung.

Shiva in Meditation – im Bhavopahara Stotra wird das eigene Bewusstsein selbst zum Raum der Verehrung.

Bhakti und Erkenntnis sind keine Gegensätze
Obwohl die Philosophie radikal nichtdual ist, spricht das Stotra in inniger Bhakti. Der Dichter weiß, dass Shiva jenseits von Sprache liegt, und preist ihn dennoch. Gerade diese Spannung macht den Text lebendig: Der Verehrer bietet Shiva alles dar, bis am Ende auch die Trennung zwischen Verehrer, Gabe und Gottheit durchsichtig wird.

Das Bhavopahara Stotra – vollständiger Sanskrittext und deutsche Übersetzung

Die folgende Fassung gibt alle 47 Verse des gelieferten Grundtextes wieder. Die in der elektronischen Vorlage enthaltenen Kommentarpassagen Ramyadeva Bhaṭṭas sind hier bewusst nicht in den Primärtext eingeschoben.

Vers 1
oṃ namaḥ sūryakalājāla
kāladehāpahāriṇe
ādhārādheyapīṭhāya
bhavāyābhavadāyine

Übersetzung: Ehrerbietung dem, der durch das Geflecht der Sonnenstrahlen den Leib der Zeit hinwegnimmt; dessen Sitz zugleich Träger und Getragenes ist; Bhava, der das Nicht-Werden, die Befreiung vom Werden, schenkt.

Vers 2
namaḥ śiśuniśākānta
kalākamalamāline
paramānandadehāya
śivāyāvyaktamūrtaye

Übersetzung: Ehrerbietung Shiva, dessen Gestalt unmanifest ist, dessen Leib höchste Wonne ist und der die Lotosgirlande der feinen Kräfte des jungen, nachtgeliebten Mondes trägt.

Vers 3
namaḥ pāśaughasaṃghaṭṭalayaviśleṣakāriṇe
mantragarbhodarasthāya harāya paramātmane

Übersetzung: Ehrerbietung Hara, dem höchsten Selbst, der Verbindung, Auflösung und Trennung der Scharen von Bindungen bewirkt und im innersten Schoß des Mantras gegenwärtig ist.

Vers 4
yadyapi tvaṃ guṇātīto vākpater apy agocaraḥ
tathāpy ā hṛdayāt stotum udyatā vāk sadā mama

Übersetzung: Obwohl du jenseits aller Eigenschaften bist und selbst für den Herrn der Rede unerreichbar, erhebt sich dennoch meine Stimme immer wieder aus dem Herzen, um dich zu preisen.

Vers 5
atibhaktirasāveśavivaśā viśvatomukha
tvatpreritā yato nātha nāparādho 'sti me kvacit

Übersetzung: Von der Erfahrung überströmender Hingabe überwältigt, o Allgegenwärtiger, und von dir selbst angetrieben, o Herr, liegt darin für mich nirgends ein Vergehen.

Vers 6
tvatpādābjarajaḥpūtacitābhūtivibhūṣitāt
gṛhāṇa mattaḥ śrīkaṇṭha ! bhāvapūjām akṛtrimām

Übersetzung: O Shrikantha, nimm von mir diese ungekünstelte innere Verehrung an – von einem, der mit der Asche der Verbrennungsstätte geschmückt ist, geheiligt vom Staub deiner Lotosfüße.

Vers 7
hṛtpuṣkarākhye snātvāntas tīrthe yoginiṣevite
saṃbodhadhautavasanaḥ śyāmakaṇṭhaṃ yajāmy aham

Übersetzung: Nachdem ich im inneren Heiligtum, dem Herz-Lotos, gebadet habe, das von Yoginis aufgesucht wird, verehre ich den Dunkelkehligen, bekleidet mit dem vom vollkommenen Erwachen gereinigten Gewand.

Vers 8
prabhūtabhūtasaṃbhūtaśoṇitair arghabhājanam
kriyate te mahākālakāyakaṃkālakandale

Übersetzung: Aus den Säften, die aus der Fülle der Elemente hervorgehen, wird dir das Gefäß der Ehrengabe bereitet – im Spross des Skeletts des Leibes von Mahakala.

Vers 9
yad yad vikalpanājālaṃ bāhyārthapratipattaye
tat tad dvārādhipakulaṃ tava pūjyaṃ manasvibhiḥ

Übersetzung: Welches Geflecht von Vorstellungen auch immer der Erfassung äußerer Gegenstände dient: Weise erkennen darin die Schar deiner Torhüter und verehren auch sie als zu dir gehörig.

Vers 10
aśeṣāvaraṇonmuktaguptasauṣuptamaṇḍale
pūjyase nagajākānta ! grahaṇe candrasūryayoḥ

Übersetzung: Wenn Mond und Sonne in sich aufgenommen werden, wirst du, Geliebter der Bergestochter, in der verborgenen Sphäre tiefen Schlafes verehrt, die von allen Umhüllungen frei geworden ist.

Vers 11
hānādānodayārambhasadasadvibhramojjhitam
jñaptimātrapratiṣṭhānam āsanaṃ trijagatpate

Übersetzung: O Herr der drei Welten, dein Sitz ist frei von Verwerfen und Ergreifen, von Entstehen und Beginnen, vom Irrtum über Sein und Nichtsein; er gründet allein im reinen Erkennen.

Vers 12
mūrtidānam anābhāsaśaktibhāsopabṛṃhitam
turyapīṭhapratiṣṭhānaṃ vitarāmi jagatpate

Übersetzung: O Herr der Welt, ich bringe dir jene Verkörperung dar, die vom Leuchten der Kraft jenseits aller Erscheinung erfüllt und auf dem Sitz des Vierten gegründet ist.

Vers 13
dikkāladeśakalanākalaṅkojjhitacetasaḥ
kaḥ karoti budhaḥ sthāṇor āhvānādivisarjanam

Übersetzung: Welcher Erwachte würde für den unbeweglichen, allgegenwärtigen Sthanu Anrufung und Verabschiedung vollziehen, wenn sein Bewusstsein von den Begrenzungen durch Richtung, Zeit und Ort frei ist?

Vers 14
sūryaśītāṃśunetrābhyāṃ mathitvā śaktivāridhim
parāmṛtarasābhyaṅgaṃ śivāya vinivedaye

Übersetzung: Mit deinen Augen als Sonne und Mond quirle ich den Ozean der Shakti und bringe Shiva die Salbung mit dem Geschmack des höchsten Nektars dar.

Vers 15
indriyeṣv indriyārtheṣu rāgalobhānuyāyiṣu
niḥsnehatvaṃ prabhutvaṃ ca rūkṣam udvartanaṃ tava

Übersetzung: Gegenüber den Sinnen und ihren Gegenständen, die Begierde und Habgier folgen, sind Unanhaftung und innere Souveränität dein reinigendes, trockenes Einreiben.

Vers 16
saṃśodhyānacchakalayā baindhavaṃ tīrthamañjasā
tadvirāmarasasnānaṃ deyaṃ candrārdhamaulaye

Übersetzung: Nachdem das aus Bindu hervorgegangene Heiligtum durch die Anaccha-Kala gereinigt ist, soll dem Mondgekrönten unverzüglich das Bad im Geschmack ihres Zur-Ruhe-Kommens dargebracht werden.

Vers 17
svaprabodhāmbarodāravikasadvastragharṣaṇam
viniveśya bhavatsaṃvidvikārān vikarāmahe

Übersetzung: Mit dem weit erblühenden Gewand des Himmels eigenen Erwachens vollziehen wir die reinigende Reibung und lösen die Veränderungen auf, die innerhalb deiner Bewusstheit erscheinen.

Vers 18
jñānajñeyaparityāganaganirjharavisrutam
paramānandadaṃ me 'ntas tava pādyam anābilam

Übersetzung: Aus dem Berg des Loslassens von Erkennen und Erkanntem strömt ein klarer Quell: Er schenkt mir im Innern höchste Wonne und sei dein ungetrübtes Wasser für die Füße.

Vers 19
amandānandaniḥṣyandaspandamandirakandarāt
galatkaivalyasalilam ādatsvācamanaṃ vibho

Übersetzung: Aus der tiefen Höhle des Tempels des Spanda, aus dem unverminderte Wonne strömt, rinnt das Wasser der Alleinheit. Nimm es, o Allgegenwärtiger, als Wasser zum rituellen Trinken an.

Vers 20
prakṣālya dhāraṇāmbhobhir granthipañcakamauktikam
anarghyam arghaṃ pādebhyaḥ prayacchāmi vṛṣākape

Übersetzung: Nachdem ich die kostbare Perle der fünf Knoten mit den Wassern der Dharana gereinigt habe, bringe ich deinen Füßen, o Vrishakapi, die unschätzbare Ehrengabe dar.

Vers 21
turīyodyānavikasatsaṃvitsaurabhanirbharaiḥ
girīśa tisṛbhir vāgbhiḥ stutipuṣpaiḥ prapūjyase

Übersetzung: O Herr des Berges, mit den drei Formen der Rede verehre ich dich durch Blumen des Lobpreises, erfüllt vom Duft des Bewusstseins, das im Garten des Turiya erblüht.

Vers 22
prāṇavahniśikhāstreṇa bhaṅktvā brahmabilaṃ lasat
dhūpavartinibhābhāso dhūpas te nagajādhava

Übersetzung: Nachdem durch die Waffe der Flamme des Prana-Feuers die Öffnung Brahmans durchbrochen ist, wird das aufleuchtende Strahlen, einer Räucherstäbchenflamme gleich, zu deinem Weihrauch, o Gemahl der Bergestochter.

Vers 23
anāhatā nadaty antar yā gaur dhāmni pare parā
sā ghaṇṭā vādyate śambhor agre granthārthagarbhiṇī

Übersetzung: Die höchste Stimme, die im Innern im höchsten Raum ungeschlagen ertönt und die Bedeutung der heiligen Lehren in sich trägt, wird vor Shambhu als Glocke zum Klingen gebracht.

Vers 24
kandānalollasacchaktiśikhāṃ dīpaśikhopamām
uddīpayāmi bhagavan mohadhvāntāpanuttaye

Übersetzung: O Erhabener, ich entzünde die Flamme der Shakti, die aus dem Feuer am Wurzelgrund aufsteigt und einer Lampenflamme gleicht, damit die Finsternis der Verblendung vertrieben werde.

Vers 25
vṛttityāgāmṛtakalācandraś candrakirīṭinaḥ
samālambhanavevāstu mumukṣūṇāṃ vimuktaye

Übersetzung: Der Mond – die Nektar-Kala des Loslassens der Gedankenbewegungen – möge den nach Befreiung Strebenden als reine Stütze des Mondgekrönten zur Befreiung dienen.

Vers 26
nādaśaktyuditaṃ dhāma malatrayavivarjitam
uṣṇīṣam astu te rudra vidrāvitanabho 'rgalam

Übersetzung: O Rudra, das aus der Nada-Shakti aufgestiegene Strahlen, frei von den drei Malas und die Sperre des inneren Raumes durchbrechend, sei dein Turban, deine Krone.

Vers 27
bhavadbhaktisudhāsārasaṃplāvitahṛdambudheḥ
prollasadbrahmakamalam amalaṃ te 'stu śekharam

Übersetzung: Aus dem Herzozean, der von den Strömen des Nektars deiner Hingabe überflutet ist, erhebt sich der reine Brahma-Lotos; er sei dein Kopfschmuck.

Vers 28
bodhāravindasaṃdoho hara hāralatā tava
nityoditāntaravyāptikalā candrakalā ca te

Übersetzung: O Hara, die Fülle der Lotosblüten des Erwachens sei deine Girlande; die ewig aufgehende, alles Innere durchdringende Kala sei deine Mondsichel.

Vers 29
ākṛṣyārkakaraiḥ śāktair viśvākāśakuśeśayāt
ciccandrāmṛtaniḥṣyandam āsvādaya jagatpate

Übersetzung: Ziehe mit den Sonnenstrahlen der Shakti aus dem Lotos des Weltenraumes den Strom des Nektars des Bewusstseinsmondes hervor und koste ihn, o Herr der Welt.

Vers 30
mantraṃ manasi tacchaktau tāṃ svadhāmni sadodite
kṛtvā japavidhiṃ samyak śivāya vinivedaye

Übersetzung: Ich lege das Mantra in den Geist, den Geist in seine Shakti und diese Shakti in ihre immer gegenwärtige eigene Wohnstatt; so vollzogen bringe ich Shiva die wahre Weise des Japa dar.

Vers 31
niḥśeṣārthaparityāge grahaṇe vāmitād dyute
anābilaṃ parāṃ vyāptiṃ mudrāṃ badhnāmi dhūrjaṭe

Übersetzung: Ob alle Gegenstände vollständig losgelassen oder angenommen werden: O Dhurjati, ich binde als Mudra die makellose höchste All-Durchdringung, die durch nichts begrenzt wird.

Vers 32
śaṣkulīkarṇayor baddhvā yo rāvo 'tra vijṛmbhate
tadgītam atha te vādyam ādyasaṃpuṭaghaṭṭanāt

Übersetzung: Wenn die beiden Ohrmuscheln verschlossen werden, entfaltet sich im Innern ein Klang: Dieser sei dein Gesang; und das aus dem Zusammentreffen der ursprünglichen Umschließung entstehende Tönen sei deine Instrumentalmusik.

Vers 33
bhavadbhāvarasāveśāt tāṇḍavāḍambaroddhataḥ
mantrādhvani nadāmy antaḥ kim u bāhyārthabhāvanaiḥ

Übersetzung: Vom Geschmack deines Seins völlig ergriffen, erhebe ich mich in der Herrlichkeit des Tandava und töne im Innern auf dem Pfad des Mantras. Wozu noch Vorstellungen äußerer Gegenstände?

Vers 34
akhaṇḍamaṇḍalākāraśivatābhāvanāmbaram
upariṣṭān mayā śambhor vitānam upakalpitam

Übersetzung: Über Shambhu habe ich das Himmelszelt der Kontemplation der Shiva-Natur ausgespannt – weit wie ein ungebrochener, grenzenloser Kreis.

Vers 35
recayitvā karandhreṇa bhācakraṃ hṛdayāmbarāt
dhāryate dhūrjaṭer agre cārucāmaravan mayā

Übersetzung: Nachdem ich den Kreis des Lichtes aus dem Himmel des Herzens durch die Öffnung am Scheitel ausströmen ließ, halte ich ihn vor Dhurjati wie einen schönen Yakschweif-Fächer.

Vers 36
nāsāpuṭakuṭīkoṭivisṛtaiḥ prasṛtaiḥ puraḥ
tālavṛntair iva vibho vījyase haṃsamārutaiḥ

Übersetzung: O Allgegenwärtiger, die Hamsa-Winde des Atems, die durch die Hüttenöffnungen der Nasen ein- und ausströmen, fächeln dir wie Palmblattfächer Kühlung zu.

Vers 37
sarvātapavinirmuktaṃ
bhavadbhaktisudhāsitam
ātapatram athāsmābhir
dhāryate te mahāśaya

Übersetzung: O Großgesinnter, wir halten über dir einen Sonnenschirm, frei von aller brennenden Hitze und weiß geworden vom Nektar der Hingabe an dich.

Vers 38
mamatāmandurātyāgā
trailokyākarṣaṇakṣamaḥ
ahaṃkāraturaṅgas te
vāhanāya prakalpitaḥ

Übersetzung: Nachdem der Stall des Mein und Meinigen verlassen ist, wird der Hengst des Ich-Bewusstseins, fähig die drei Welten an sich zu ziehen, als dein Reittier bereitet.

Vers 39
svasaṃvinnandanānanda
nāgavallīdalojjvalam
sphuratspandendusurabhi
tāmbūlaṃ te nivedyate

Übersetzung: Dir wird Tambula dargebracht: leuchtend vom Blatt der Betelranke im Wonnengarten eigener Bewusstheit und duftend vom strahlenden Mond des Spanda.

Vers 40
bhogyabhoktṛvibhedottha
vāsanendhanasaṃcayam
advaitāgnau juhomy antaḥ
śāṃkare śreyasām nidhau

Übersetzung: Die ganze Brennstoffmenge der Vasanas, die aus der Trennung von Genossenem und Genießendem entsteht, opfere ich im Innern in das Feuer der Nichtdualität, in Shankara, den Schatz alles Heils.

Vers 41
prakāśākāśahastābhyām
avalambyonmanāsrucam
dharmādharmagalatsneha
pūrṇāṃ vahnau juhomy aje

Übersetzung: Mit den Händen des Raumes reinen Lichtes ergreife ich die Schöpfkelle der Unmani und bringe die Opfergabe, gefüllt mit dem zerfließenden Ghee von Dharma und Adharma, im Feuer des Ungeborenen dar.

Vers 42
yuṣmaddhyānaniśānātha
kiraṇair uparañjitaḥ
antarmānavidhau te 'stu
cittacintāmaṇir mama

Übersetzung: Der Chintamani meines Geistes, gefärbt von den Strahlen des Mondes deiner Meditation, sei dir beim Vollzug der inneren Betrachtung dargebracht.

Vers 43
mokṣalakṣmīkarāmbhoja
pātre vinyasya saṃskṛtām
nivedayāmi bhagavan
prāṇasarvasvadakṣiṇām

Übersetzung: O Erhabener, in das Lotosgefäß der Hand der Lakshmi der Befreiung lege ich die geläuterte Gabe und bringe dir als Dakshina den Lebensatem – meinen ganzen Besitz – dar.

Vers 44
saṃsāravāridheḥ santaḥ
paraṃ pāraṃ titīrṣavaḥ
candramauleḥ śrayantūccair
bhāvapūjātaraṇḍakam

Übersetzung: Die Guten, die das ferne Ufer des Ozeans von Samsara erreichen wollen, mögen vertrauensvoll das Boot der inneren Bhava-Puja des Mondgekrönten besteigen.

Vers 45
ittham īśānacaraṇa
nuter yat samupārjitam
śreyas tena jagat kṛtsnaṃ
dveṣadoṣād vimucyatām

Übersetzung: Was durch diesen Lobpreis der Füße Ishanas an Heil erworben wurde, dadurch möge die ganze Welt vom Makel des Hasses befreit werden.

Vers 46
stotraṃ gṛhāṇa parameśvara viśvasākṣin
mānāvamānamatojjhitacittavṛtteḥ
mattas tvadaṅghriyugapīṭhanilīnamauler
bhasmāvaguṇṭhitatanor nṛkapālapāṇeḥ

Übersetzung: Nimm dieses Stotra an, o höchster Herr, Zeuge des Universums, von mir, dessen Geist die Vorstellungen von Ehre und Unehre losgelassen hat, dessen Haupt am Sitz deiner beiden Füße ruht, dessen Leib mit Asche bedeckt ist und dessen Hand eine Schädelschale trägt.

Vers 47
mahāpāśupatodyāne
kaścid viśramya tāpasaḥ
cakre ciccakranāthasya
śambhor bhāvanutiṃ parām

Übersetzung: Im großen Garten des Pashupati ruhte ein gewisser Asket und verfasste diese höchste Lobpreisung Shambhus, des Herrn des Bewusstseinsrades, als innere Bhava-Verehrung.

Bhavopahara Stotra in Devanagari

Der vollständige Grundtext in Devanagari:

Vers 1
ॐ नमः सूर्यकलाजाल
कालदेहापहारिणे
आधाराधेयपीठाय
भवायाभवदायिने

Vers 2
नमः शिशुनिशाकान्त
कलाकमलमालिने
परमानन्ददेहाय
शिवायाव्यक्तमूर्तये

Vers 3
नमः पाशौघसंघट्टलयविश्लेषकारिणे
मन्त्रगर्भोदरस्थाय हराय परमात्मने

Vers 4
यद्यपि त्वं गुणातीतो वाक्पतेरप्यगोचरः
तथाप्या हृदयात्स्तोतुमुद्यता वाक्सदा मम

Vers 5
अतिभक्तिरसावेशविवशा विश्वतोमुख
त्वत्प्रेरिता यतो नाथ नापराधो ऽस्ति मे क्वचित्

Vers 6
त्वत्पादाब्जरजःपूतचिताभूतिविभूषितात्
गृहाण मत्तः श्रीकण्ठ ! भावपूजामकृत्रिमाम्

Vers 7
हृत्पुष्कराख्ये स्नात्वान्तस्तीर्थे योगिनिषेविते
संबोधधौतवसनः श्यामकण्ठं यजाम्यहम्

Vers 8
प्रभूतभूतसंभूतशोणितैरर्घभाजनम्
क्रियते ते महाकालकायकंकालकन्दले

Vers 9
यद्यद्विकल्पनाजालं बाह्यार्थप्रतिपत्तये
तत्तद्द्वाराधिपकुलं तव पूज्यं मनस्विभिः

Vers 10
अशेषावरणोन्मुक्तगुप्तसौषुप्तमण्डले
पूज्यसे नगजाकान्त ! ग्रहणे चन्द्रसूर्ययोः

Vers 11
हानादानोदयारम्भसदसद्विभ्रमोज्झितम्
ज्ञप्तिमात्रप्रतिष्ठानमासनं त्रिजगत्पते

Vers 12
मूर्तिदानमनाभासशक्तिभासोपबृंहितम्
तुर्यपीठप्रतिष्ठानं वितरामि जगत्पते

Vers 13
दिक्कालदेशकलनाकलङ्कोज्झितचेतसः
कः करोति बुधः स्थाणोराह्वानादिविसर्जनम्

Vers 14
सूर्यशीतांशुनेत्राभ्यां मथित्वा शक्तिवारिधिम्
परामृतरसाभ्यङ्गं शिवाय विनिवेदये

Vers 15
इन्द्रियेष्विन्द्रियार्थेषु रागलोभानुयायिषु
निःस्नेहत्वं प्रभुत्वं च रूक्षमुद्वर्तनं तव

Vers 16
संशोध्यानच्छकलया बैन्धवं तीर्थमञ्जसा
तद्विरामरसस्नानं देयं चन्द्रार्धमौलये

Vers 17
स्वप्रबोधाम्बरोदारविकसद्वस्त्रघर्षणम्
विनिवेश्य भवत्संविद्विकारान्विकरामहे

Vers 18
ज्ञानज्ञेयपरित्यागनगनिर्झरविस्रुतम्
परमानन्ददं मे ऽन्तस्तव पाद्यमनाबिलम्

Vers 19
अमन्दानन्दनिःष्यन्दस्पन्दमन्दिरकन्दरात्
गलत्कैवल्यसलिलमादत्स्वाचमनं विभो

Vers 20
प्रक्षाल्य धारणाम्भोभिर्ग्रन्थिपञ्चकमौक्तिकम्
अनर्घ्यमर्घं पादेभ्यः प्रयच्छामि वृषाकपे

Vers 21
तुरीयोद्यानविकसत्संवित्सौरभनिर्भरैः
गिरीश तिसृभिर्वाग्भिः स्तुतिपुष्पैः प्रपूज्यसे

Vers 22
प्राणवह्निशिखास्त्रेण भङ्क्त्वा ब्रह्मबिलं लसत्
धूपवर्तिनिभाभासो धूपस्ते नगजाधव

Vers 23
अनाहता नदत्यन्तर्या गौर्धाम्नि परे परा
सा घण्टा वाद्यते शम्भोरग्रे ग्रन्थार्थगर्भिणी

Vers 24
कन्दानलोल्लसच्छक्तिशिखां दीपशिखोपमाम्
उद्दीपयामि भगवन्मोहध्वान्तापनुत्तये

Vers 25
वृत्तित्यागामृतकलाचन्द्रश्चन्द्रकिरीटिनः
समालम्भनवेवास्तु मुमुक्षूणां विमुक्तये

Vers 26
नादशक्त्युदितं धाम मलत्रयविवर्जितम्
उष्णीषमस्तु ते रुद्र विद्रावितनभो ऽर्गलम्

Vers 27
भवद्भक्तिसुधासारसंप्लावितहृदम्बुधेः
प्रोल्लसद्ब्रह्मकमलममलं ते ऽस्तु शेखरम्

Vers 28
बोधारविन्दसंदोहो हर हारलता तव
नित्योदितान्तरव्याप्तिकला चन्द्रकला च ते

Vers 29
आकृष्यार्ककरैः शाक्तैर्विश्वाकाशकुशेशयात्
चिच्चन्द्रामृतनिःष्यन्दमास्वादय जगत्पते

Vers 30
मन्त्रं मनसि तच्छक्तौ तां स्वधाम्नि सदोदिते
कृत्वा जपविधिं सम्यक्शिवाय विनिवेदये

Vers 31
निःशेषार्थपरित्यागे ग्रहणे वामिताद्द्युते
अनाबिलं परां व्याप्तिं मुद्रां बध्नामि धूर्जटे

Vers 32
शष्कुलीकर्णयोर्बद्ध्वा यो रावो ऽत्र विजृम्भते
तद्गीतमथ ते वाद्यमाद्यसंपुटघट्टनात्

Vers 33
भवद्भावरसावेशात्ताण्डवाडम्बरोद्धतः
मन्त्राध्वनि नदाम्यन्तः किमु बाह्यार्थभावनैः

Vers 34
अखण्डमण्डलाकारशिवताभावनाम्बरम्
उपरिष्टान्मया शम्भोर्वितानमुपकल्पितम्

Vers 35
रेचयित्वा करन्ध्रेण भाचक्रं हृदयाम्बरात्
धार्यते धूर्जटेरग्रे चारुचामरवन्मया

Vers 36
नासापुटकुटीकोटिविसृतैः प्रसृतैः पुरः
तालवृन्तैरिव विभो वीज्यसे हंसमारुतैः

Vers 37
सर्वातपविनिर्मुक्तं
भवद्भक्तिसुधासितम्
आतपत्रमथास्माभिर्
धार्यते ते महाशय

Vers 38
ममतामन्दुरात्यागा
त्रैलोक्याकर्षणक्षमः
अहंकारतुरङ्गस्ते
वाहनाय प्रकल्पितः

Vers 39
स्वसंविन्नन्दनानन्द
नागवल्लीदलोज्ज्वलम्
स्फुरत्स्पन्देन्दुसुरभि
ताम्बूलं ते निवेद्यते

Vers 40
भोग्यभोक्तृविभेदोत्थ
वासनेन्धनसंचयम्
अद्वैताग्नौ जुहोम्यन्तः
शांकरे श्रेयसाम्निधौ

Vers 41
प्रकाशाकाशहस्ताभ्याम्
अवलम्ब्योन्मनास्रुचम्
धर्माधर्मगलत्स्नेह
पूर्णां वह्नौ जुहोम्यजे

Vers 42
युष्मद्ध्याननिशानाथ
किरणैरुपरञ्जितः
अन्तर्मानविधौ ते ऽस्तु
चित्तचिन्तामणिर्मम

Vers 43
मोक्षलक्ष्मीकराम्भोज
पात्रे विन्यस्य संस्कृताम्
निवेदयामि भगवन्
प्राणसर्वस्वदक्षिणाम्

Vers 44
संसारवारिधेः सन्तः
परं पारं तितीर्षवः
चन्द्रमौलेः श्रयन्तूच्चैर्
भावपूजातरण्डकम्

Vers 45
इत्थमीशानचरण
नुतेर्यत्समुपार्जितम्
श्रेयस्तेन जगत्कृत्स्नं
द्वेषदोषाद्विमुच्यताम्

Vers 46
स्तोत्रं गृहाण परमेश्वर विश्वसाक्षिन्
मानावमानमतोज्झितचित्तवृत्तेः
मत्तस्त्वदङ्घ्रियुगपीठनिलीनमौलेर्
भस्मावगुण्ठिततनोर्नृकपालपाणेः

Vers 47
महापाशुपतोद्याने
कश्चिद्विश्रम्य तापसः
चक्रे चिच्चक्रनाथस्य
शम्भोर्भावनुतिं पराम्

Das Bhavopahara Stotra in einer zusammenhängenden deutschen Übersetzung

In dieser Gesamtfassung werden die 47 Verse ohne Sanskritunterbrechungen als fortlaufender spiritueller Text lesbar. Die Verszählung bleibt zur Orientierung erhalten. 1. Ehrerbietung dem, der durch das Geflecht der Sonnenstrahlen den Leib der Zeit hinwegnimmt; dessen Sitz zugleich Träger und Getragenes ist; Bhava, der das Nicht-Werden, die Befreiung vom Werden, schenkt. 2. Ehrerbietung Shiva, dessen Gestalt unmanifest ist, dessen Leib höchste Wonne ist und der die Lotosgirlande der feinen Kräfte des jungen, nachtgeliebten Mondes trägt. 3. Ehrerbietung Hara, dem höchsten Selbst, der Verbindung, Auflösung und Trennung der Scharen von Bindungen bewirkt und im innersten Schoß des Mantras gegenwärtig ist. 4. Obwohl du jenseits aller Eigenschaften bist und selbst für den Herrn der Rede unerreichbar, erhebt sich dennoch meine Stimme immer wieder aus dem Herzen, um dich zu preisen. 5. Von der Erfahrung überströmender Hingabe überwältigt, o Allgegenwärtiger, und von dir selbst angetrieben, o Herr, liegt darin für mich nirgends ein Vergehen. 6. O Shrikantha, nimm von mir diese ungekünstelte innere Verehrung an – von einem, der mit der Asche der Verbrennungsstätte geschmückt ist, geheiligt vom Staub deiner Lotosfüße. 7. Nachdem ich im inneren Heiligtum, dem Herz-Lotos, gebadet habe, das von Yoginis aufgesucht wird, verehre ich den Dunkelkehligen, bekleidet mit dem vom vollkommenen Erwachen gereinigten Gewand. 8. Aus den Säften, die aus der Fülle der Elemente hervorgehen, wird dir das Gefäß der Ehrengabe bereitet – im Spross des Skeletts des Leibes von Mahakala. 9. Welches Geflecht von Vorstellungen auch immer der Erfassung äußerer Gegenstände dient: Weise erkennen darin die Schar deiner Torhüter und verehren auch sie als zu dir gehörig. 10. Wenn Mond und Sonne in sich aufgenommen werden, wirst du, Geliebter der Bergestochter, in der verborgenen Sphäre tiefen Schlafes verehrt, die von allen Umhüllungen frei geworden ist. 11. O Herr der drei Welten, dein Sitz ist frei von Verwerfen und Ergreifen, von Entstehen und Beginnen, vom Irrtum über Sein und Nichtsein; er gründet allein im reinen Erkennen. 12. O Herr der Welt, ich bringe dir jene Verkörperung dar, die vom Leuchten der Kraft jenseits aller Erscheinung erfüllt und auf dem Sitz des Vierten gegründet ist. 13. Welcher Erwachte würde für den unbeweglichen, allgegenwärtigen Sthanu Anrufung und Verabschiedung vollziehen, wenn sein Bewusstsein von den Begrenzungen durch Richtung, Zeit und Ort frei ist? 14. Mit deinen Augen als Sonne und Mond quirle ich den Ozean der Shakti und bringe Shiva die Salbung mit dem Geschmack des höchsten Nektars dar. 15. Gegenüber den Sinnen und ihren Gegenständen, die Begierde und Habgier folgen, sind Unanhaftung und innere Souveränität dein reinigendes, trockenes Einreiben. 16. Nachdem das aus Bindu hervorgegangene Heiligtum durch die Anaccha-Kala gereinigt ist, soll dem Mondgekrönten unverzüglich das Bad im Geschmack ihres Zur-Ruhe-Kommens dargebracht werden. 17. Mit dem weit erblühenden Gewand des Himmels eigenen Erwachens vollziehen wir die reinigende Reibung und lösen die Veränderungen auf, die innerhalb deiner Bewusstheit erscheinen. 18. Aus dem Berg des Loslassens von Erkennen und Erkanntem strömt ein klarer Quell: Er schenkt mir im Innern höchste Wonne und sei dein ungetrübtes Wasser für die Füße. 19. Aus der tiefen Höhle des Tempels des Spanda, aus dem unverminderte Wonne strömt, rinnt das Wasser der Alleinheit. Nimm es, o Allgegenwärtiger, als Wasser zum rituellen Trinken an. 20. Nachdem ich die kostbare Perle der fünf Knoten mit den Wassern der Dharana gereinigt habe, bringe ich deinen Füßen, o Vrishakapi, die unschätzbare Ehrengabe dar. 21. O Herr des Berges, mit den drei Formen der Rede verehre ich dich durch Blumen des Lobpreises, erfüllt vom Duft des Bewusstseins, das im Garten des Turiya erblüht. 22. Nachdem durch die Waffe der Flamme des Prana-Feuers die Öffnung Brahmans durchbrochen ist, wird das aufleuchtende Strahlen, einer Räucherstäbchenflamme gleich, zu deinem Weihrauch, o Gemahl der Bergestochter. 23. Die höchste Stimme, die im Innern im höchsten Raum ungeschlagen ertönt und die Bedeutung der heiligen Lehren in sich trägt, wird vor Shambhu als Glocke zum Klingen gebracht. 24. O Erhabener, ich entzünde die Flamme der Shakti, die aus dem Feuer am Wurzelgrund aufsteigt und einer Lampenflamme gleicht, damit die Finsternis der Verblendung vertrieben werde. 25. Der Mond – die Nektar-Kala des Loslassens der Gedankenbewegungen – möge den nach Befreiung Strebenden als reine Stütze des Mondgekrönten zur Befreiung dienen. 26. O Rudra, das aus der Nada-Shakti aufgestiegene Strahlen, frei von den drei Malas und die Sperre des inneren Raumes durchbrechend, sei dein Turban, deine Krone. 27. Aus dem Herzozean, der von den Strömen des Nektars deiner Hingabe überflutet ist, erhebt sich der reine Brahma-Lotos; er sei dein Kopfschmuck. 28. O Hara, die Fülle der Lotosblüten des Erwachens sei deine Girlande; die ewig aufgehende, alles Innere durchdringende Kala sei deine Mondsichel. 29. Ziehe mit den Sonnenstrahlen der Shakti aus dem Lotos des Weltenraumes den Strom des Nektars des Bewusstseinsmondes hervor und koste ihn, o Herr der Welt. 30. Ich lege das Mantra in den Geist, den Geist in seine Shakti und diese Shakti in ihre immer gegenwärtige eigene Wohnstatt; so vollzogen bringe ich Shiva die wahre Weise des Japa dar. 31. Ob alle Gegenstände vollständig losgelassen oder angenommen werden: O Dhurjati, ich binde als Mudra die makellose höchste All-Durchdringung, die durch nichts begrenzt wird. 32. Wenn die beiden Ohrmuscheln verschlossen werden, entfaltet sich im Innern ein Klang: Dieser sei dein Gesang; und das aus dem Zusammentreffen der ursprünglichen Umschließung entstehende Tönen sei deine Instrumentalmusik. 33. Vom Geschmack deines Seins völlig ergriffen, erhebe ich mich in der Herrlichkeit des Tandava und töne im Innern auf dem Pfad des Mantras. Wozu noch Vorstellungen äußerer Gegenstände? 34. Über Shambhu habe ich das Himmelszelt der Kontemplation der Shiva-Natur ausgespannt – weit wie ein ungebrochener, grenzenloser Kreis. 35. Nachdem ich den Kreis des Lichtes aus dem Himmel des Herzens durch die Öffnung am Scheitel ausströmen ließ, halte ich ihn vor Dhurjati wie einen schönen Yakschweif-Fächer. 36. O Allgegenwärtiger, die Hamsa-Winde des Atems, die durch die Hüttenöffnungen der Nasen ein- und ausströmen, fächeln dir wie Palmblattfächer Kühlung zu. 37. O Großgesinnter, wir halten über dir einen Sonnenschirm, frei von aller brennenden Hitze und weiß geworden vom Nektar der Hingabe an dich. 38. Nachdem der Stall des Mein und Meinigen verlassen ist, wird der Hengst des Ich-Bewusstseins, fähig die drei Welten an sich zu ziehen, als dein Reittier bereitet. 39. Dir wird Tambula dargebracht: leuchtend vom Blatt der Betelranke im Wonnengarten eigener Bewusstheit und duftend vom strahlenden Mond des Spanda. 40. Die ganze Brennstoffmenge der Vasanas, die aus der Trennung von Genossenem und Genießendem entsteht, opfere ich im Innern in das Feuer der Nichtdualität, in Shankara, den Schatz alles Heils. 41. Mit den Händen des Raumes reinen Lichtes ergreife ich die Schöpfkelle der Unmani und bringe die Opfergabe, gefüllt mit dem zerfließenden Ghee von Dharma und Adharma, im Feuer des Ungeborenen dar. 42. Der Chintamani meines Geistes, gefärbt von den Strahlen des Mondes deiner Meditation, sei dir beim Vollzug der inneren Betrachtung dargebracht. 43. O Erhabener, in das Lotosgefäß der Hand der Lakshmi der Befreiung lege ich die geläuterte Gabe und bringe dir als Dakshina den Lebensatem – meinen ganzen Besitz – dar. 44. Die Guten, die das ferne Ufer des Ozeans von Samsara erreichen wollen, mögen vertrauensvoll das Boot der inneren Bhava-Puja des Mondgekrönten besteigen. 45. Was durch diesen Lobpreis der Füße Ishanas an Heil erworben wurde, dadurch möge die ganze Welt vom Makel des Hasses befreit werden. 46. Nimm dieses Stotra an, o höchster Herr, Zeuge des Universums, von mir, dessen Geist die Vorstellungen von Ehre und Unehre losgelassen hat, dessen Haupt am Sitz deiner beiden Füße ruht, dessen Leib mit Asche bedeckt ist und dessen Hand eine Schädelschale trägt. 47. Im großen Garten des Pashupati ruhte ein gewisser Asket und verfasste diese höchste Lobpreisung Shambhus, des Herrn des Bewusstseinsrades, als innere Bhava-Verehrung.

Der Kommentar des Ramyadeva Bhatta

Die überlieferte Datei enthält neben dem Stotra ein umfangreiches Vivaraṇa des Ramyadeva Bhaṭṭa. Der Kommentar ist für das Verständnis wichtig, weil viele Verse mit wenigen Worten auf technische Vorstellungen des nichtdualen Shivaismus anspielen. Ramyadeva erklärt insbesondere die innere Bedeutung der Puja, die Ebenen der Rede, die drei Malas, die fünf Knoten, Turiya, Nada, Prana und die Auflösung von Subjekt-Objekt-Dualität.

Schon vor dem ersten Vers erklärt der Kommentator, dass es um eine sarvabhāvopahṛti, eine Darbringung beziehungsweise Rücknahme aller Bhavas, geht, die über eine gewöhnliche mentale Opferhandlung hinausreicht. Die „Puja“ des Textes ist daher keine bloße Visualisierung äußerer Ritualgegenstände. Sie führt schrittweise zu einer Sicht, in der alle Erscheinungen in das eine Bewusstsein zurückgenommen und als Ausdruck des Bhairava erkannt werden.

Besonders aufschlussreich ist Ramyadevas Erklärung zu Vers 13: Wenn Shiva als alles durchdringendes Bewusstsein nicht wirklich an einen anderen Ort gebunden ist, verlieren rituelle „Anrufung“ und „Entlassung“ auf der höchsten Ebene ihren wörtlichen Sinn. Ebenso interpretiert der Kommentar Vers 40 als Auflösung der durch die Trennung von Erfahrendem und Erfahrenem entstandenen Vasanas im ungeteilten Shambhu-Bewusstsein.

Der Kommentar verwendet eine ausgesprochen esoterische Terminologie. Seine Aussagen sollten deshalb nicht als isolierte moderne Praxisanweisungen gelesen werden. Traditionell gehören solche Passagen in den Zusammenhang von Guru, Unterweisung und – je nach Linie – Diksha.

Inspirationen aus dem Bhavopahara Stotra

„Auch die Stimme, die das Unsagbare preist, wird von Shiva selbst bewegt.“
yadyapi tvaṃ guṇātīto vākpater apy agocaraḥ
tathāpy ā hṛdayāt stotum udyatā vāk sadā mama

Inspiration: Spirituelle Sprache muss das Unendliche nicht einfangen können. Sie kann zu einer Bewegung des Herzens werden, die aus Stille hervorgeht und wieder in Stille zurückführt.

„Der wahre Sitz ist reines Erkennen.“
hānādānodayārambhasadasadvibhramojjhitam
jñaptimātrapratiṣṭhānam āsanaṃ trijagatpate

Inspiration: Meditation kann tiefer führen als das ständige Bewerten, Ergreifen und Verwerfen. Wenn diese Bewegungen für einen Augenblick ruhen, bleibt das schlichte Leuchten des Gewahrseins.

„Die Trennung von Genießendem und Genossenem wird im Feuer der Nichtdualität geopfert.“
bhogyabhoktṛvibhedotthavāsanendhanasaṃcayam
advaitāgnau juhomy antaḥ śāṃkare śreyasāṃ nidhau

Inspiration: Der tiefste Opferakt besteht darin, die Gewohnheit loszulassen, sich selbst als isoliertes Subjekt einer fremden Welt gegenüberzustellen. Das bedeutet nicht, Unterschiede im Alltag zu leugnen, sondern in ihrer Tiefe die eine Bewusstseinswirklichkeit zu erkennen.

„Der Lebensatem selbst wird zur letzten Gabe.“
mokṣalakṣmīkarāmbhojapātre vinyasya saṃskṛtām
nivedayāmi bhagavan prāṇasarvasvadakṣiṇām

Inspiration: Wenn selbst der Atem als Geschenk verstanden wird, kann das ganze Leben den Charakter einer Puja annehmen: nicht als Flucht aus der Welt, sondern als bewusste Darbringung des Lebens an das Göttliche.

Shiva als Nataraja: Auch Tanz und Bewegung werden im Stotra zu Bildern des allumfassenden Bewusstseins.

Bhavopahara Stotra und heutige Yogapraxis

Für heutige Yoga-Aspiranten kann das Bhavopahara Stotra vor allem als Einladung zur Verinnerlichung gelesen werden. Eine äußere Puja kann mit Hingabe vollzogen werden; zugleich kann man verstehen, dass Aufmerksamkeit, Atem, Wahrnehmung und jede bewusste Handlung selbst zur Opfergabe werden können. In der Meditation kann die Grundidee des Textes daran erinnern, nicht gegen jede Erfahrung zu kämpfen, sondern ihren Ursprung im Bewusstsein zu erforschen.

Dabei bleibt eine wichtige Unterscheidung: Die poetischen Hinweise auf Kundalini, innere Klänge, Mudras und subtile Zentren gehören zu einem tantrischen Traditionszusammenhang. Sie sind nicht automatisch als detaillierte Selbstübungsanleitung zu verstehen. Der unmittelbar zugängliche Kern ist einfacher: bewusst werden, weniger anhaften, das Göttliche in allem erkennen und schließlich sogar das eigene Ich-Gefühl der höheren Wirklichkeit anvertrauen.

Zur Vertiefung der Shiva-Bhakti kann die Yoga-Vidya-Aufnahme Om Namah Shivaya mit Vishwanath ergänzend eingebunden werden:

Eine weitere Shiva-Anrufung aus einem Yoga-Vidya-Satsang ist Jaya Shiva Shankara mit Shambudas:

Abschließende Betrachtung
Das Bhavopahara Stotra gehört zu den eindrucksvollen Beispielen dafür, wie der nichtduale Kashmir Shivaismus Ritual, Bhakti, Yoga und Erkenntnis zu einer einzigen inneren Bewegung verbinden kann. Der Text beginnt mit Lobpreisung und Verehrung, führt durch die Bilder einer vollständigen Puja und endet bei einer radikalen Darbringung: Vorstellungen, Gegensätze, Besitzanspruch, Ich-Bewusstsein und Lebensatem werden Shiva übergeben.

Gerade dadurch verliert die Welt nicht ihren Wert. Im Gegenteil: Wenn alles im Bewusstsein erscheint und dieses Bewusstsein als Shiva erkannt wird, kann jeder Atemzug, jede Wahrnehmung und jede Handlung Teil einer umfassenden Verehrung werden. Darin liegt die bleibende Kraft dieses kleinen Stotras: Es zeigt einen Weg von der äußeren Opfergabe zur inneren Hingabe und von der inneren Hingabe zur Erkenntnis der Einheit.

Textgrundlage
Grundlage ist der vom Nutzer bereitgestellte GRETIL-Text: Cakrapāṇinātha: Bhāvopahārastotra with Vivaraṇa commentary by Ramyadeva Bhaṭṭa, Dateneingabe Somadeva Vasudeva. Die GRETIL-Fassung beruht auf der von Mukunda Ramashastri herausgegebenen Ausgabe, Bombay: Tatva-vivechaka Press 1918, Kashmir Series of Sanskrit Texts and Studies, Band 14. Für den vorliegenden Artikel wurden die 47 Verse des Grundtextes von den ausdrücklich als Viv. gekennzeichneten Kommentarpassagen getrennt. Zwei offenkundige technische Schreibfehler der elektronischen Vorlage wurden vorsichtig normalisiert: śītāṃu zu śītāṃśu in Vers 14 und sreyasām zu śreyasām in Vers 40.

Literaturhinweis
Enrica Garzilli: The Bhāvopahāra of Cakrapāṇinātha: A Sanskrit Hymn to Śiva (11th–12th Century A.D.). Napoli: Istituto Universitario Orientale, 1993, Supplemento agli Annali, Nr. 74.

Siehe auch

Seminare

Wer die meditative Verinnerlichung, die im Bhavopahara Stotra eine zentrale Rolle spielt, praktisch vertiefen möchte, findet bei Yoga Vidya Seminare zur Meditation:

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