Sarvajnanottara Agama
Sarvajnanottara Agama (Sanskrit: सर्वज्ञानोत्तरागम, sarvajñānottarāgama, m.) ist eine Schrift des Shaivismus, in der Shiva seinem Sohn Skanda den Weg von der Gebundenheit zur befreienden Selbsterkenntnis erläutert. Der Sarvajnanottara Agama verbindet Yoga, Meditation, Mantra und Einweihung mit einer eindringlichen Lehre der Nichtzweiheit: Das innerste Selbst ist nicht von der höchsten Wirklichkeit getrennt. Befreiung bedeutet, diese Wahrheit zu erkennen und die Fesseln zu überwinden, die sie verdecken.

Spirituell besonders ansprechend ist die Verbindung von sorgfältiger Übung und innerer Freiheit. Der Text spricht über Sitzhaltung, Atem, Konzentration und die Kraft heiliger Laute. Zugleich fragt er danach, wer eigentlich meditiert. Das Bewusstsein, in dem Atem, Gedanken und Wahrnehmungen erscheinen, ist nicht auf diese Erscheinungen beschränkt. Die Übung führt zur Erkenntnis dieses tragenden Grundes.
Umfang dieser Ausgabe: Diese Seite enthält den gesamten Sanskritgrundtext der hier verwendeten 99-seitigen Ausgabe der Himalayan Academy: den Yoga-Abschnitt mit 32 Versnummern und die sieben Kapitel des Vidyapada mit zusammen 221 Versnummern, jeweils vollständig ins Deutsche übersetzt. Sie ist damit eine vollständige Bearbeitung dieser Textgrundlage, keine kritische Gesamtausgabe sämtlicher unter dem Titel überlieferter Fassungen. Einzelne fehlerhafte oder unsichere Lesungen der Vorlage sind in den Anmerkungen kenntlich gemacht. Die IAST-Lesefassung und die daraus hergestellte Devanagari-Fassung bilden denselben Text ab.[1]
Bedeutung des Titels und Stellung des Werkes Sarva bedeutet „alles“, jñāna „Wissen“ oder „Erkenntnis“, uttara unter anderem „höher“, „darüber hinausgehend“ oder „nachfolgend“. Der Titel lässt sich sinngemäß als „Agama der höchsten, alles übersteigenden Erkenntnis“ verstehen. Agama bezeichnet eine überlieferte Offenbarungs- und Lehrschrift. Die traditionelle Deutung des Herausgebers versteht jñāna hier auch als die Gesamtheit der Agamas und hebt den besonderen Rang dieser Unterweisung hervor.[1]
Der Sarvajnanottara Agama gehört in den Überlieferungsraum des Shaiva Siddhanta, steht aber nicht in der üblichen Liste der 28 Hauptagamas. Er darf insbesondere nicht mit dem ähnlich benannten Sarvoktagama gleichgesetzt werden. Die vorliegende Ausgabe schildert die Lehre als Offenbarung Shivas an Skanda. Diese religiöse Zuschreibung ist von einer historischen Verfasserangabe zu unterscheiden.
Eine genaue Entstehungszeit lässt sich aus der verwendeten Ausgabe nicht zuverlässig bestimmen. Deshalb wird hier kein vermeintlich sicheres Jahrhundert angegeben. Eine kritische Untersuchung des Werkes liegt als Dissertation von U. Vaidyanathan aus dem Jahr 1993 vor; sie ist bibliographisch nachgewiesen, wurde für diese Ausgabe jedoch nicht vollständig eingesehen.[2]
Aufbau und Leseweg Die Reihenfolge folgt der verwendeten Datei: zunächst Yoga, danach die sieben Erkenntniskapitel. Die Nummern des Yoga-Abschnitts werden mit „Y.“ bezeichnet; „2.13“ meint dagegen Kapitel 2, Vers 13 des Vidyapada. Die Überschriften in der folgenden Übersicht erläutern den Inhalt auf Deutsch.
| Abschnitt | Umfang | Inhalt |
|---|---|---|
| Yoga-Abschnitt | Y.1–32 | Lebensführung, Meditation, Atem, Tattvas und Vereinigung mit Shiva |
| Vidyapada, Kapitel 1 | 1.1–27 | Gebundenes Wesen, Fesseln, göttlicher Herr und transzendenter Shiva |
| Vidyapada, Kapitel 2 | 2.1–63 | Unmittelbare Erkenntnis des Selbst und Nichtzweiheit |
| Vidyapada, Kapitel 3 | 3.1–62 | Verkörperung, Nahrung, Entwicklung des Körpers, Gunas und Vergänglichkeit |
| Vidyapada, Kapitel 4 | 4.1–3 | Inneres Selbst, Atem und Sprache |
| Vidyapada, Kapitel 5 | 5.1–19 | Das Selbst in Verbindung mit den Tattvas |
| Vidyapada, Kapitel 6 | 6.1–23 | Das Selbst als Mantra und die Stufen seiner Vergegenwärtigung |
| Vidyapada, Kapitel 7 | 7.1–24 | Das höchste Selbst und die Vollendung der Erkenntnis |
Zentrale Lehren des Sarvajnanottara Agama =Das Selbst und seine Fesseln= Pashu ist das gebundene Wesen, Pasha seine Fessel und Pati der göttliche Herr. Das erste Erkenntniskapitel erklärt, wie das Selbst Bewusstsein sein und dennoch gebunden erscheinen kann. Seine Unfreiheit entsteht durch Verknüpfungen: mit den Tattvas, mit Karma und mit den Erfahrungen, an denen es festhält. Bilder von Butter in der Milch, Öl im Sesamsamen und der alchemistischen Verwandlung des Kupfers veranschaulichen Verborgenheit und Offenbarung.
Dabei verwendet der Text nicht an jeder Stelle dieselbe Einteilung. Der Yoga-Schluss nennt vier Wirklichkeiten: Pashu, Pasha, Pati und Shiva. Das erste Erkenntniskapitel unterscheidet entsprechend den wirksamen Herrn Sadashiva vom Shiva jenseits dieser Wirksamkeit. Diese Unterscheidung beschreibt verschiedene Betrachtungsweisen des Göttlichen; sie sollte beim Lesen nicht vorschnell eingeebnet werden.
=Nichtzweiheit und befreiende Erkenntnis= Das zweite Kapitel des Vidyapada formuliert ausdrücklich Nichtzweiheit. Wer das eigene Selbst und Shiva für letztlich getrennt hält, erreicht nach 2.12–13 das Shivasein nicht. Die Haltung „Er bin ich“ richtet sich auf das höchste Selbst, nicht auf die Aufwertung der persönlichen Wünsche oder des Ego. Deshalb stehen diese Aussagen neben der Aufforderung, Anhaftung, begrenzte Selbstbilder und trennende Vorstellungen loszulassen.
Der Sarvajnanottara Agama verbindet somit eine Sprache von Seele, Fesseln und Herr mit einer klaren Unterweisung in nichtdualer Vergegenwärtigung. Ihn ausschließlich als dualistisch oder als bloße Wiederholung des Vedanta zu lesen, würde wesentliche Seiten des vorliegenden Textes übergehen. Auch die Nichtzweiheit wird hier in einer ausdrücklich shivaitischen Mantra- und Offenbarungssprache gelehrt.
=Shiva und Shakti= Shiva bezeichnet sowohl den verehrten Herrn als auch die Wirklichkeit, die jenseits von Name, Farbe, Gestalt und Gedanken liegt. Shakti erscheint in den Aussagen über seine unverminderte und unbegrenzte Kraft, besonders in 2.57. Ein ausgearbeitetes eigenständiges Shakti-Kapitel oder ein Dialog Shivas mit der Göttin liegt in dieser Textgrundlage nicht vor. Die Bilder der göttlichen Familie auf dieser Seite erläutern den religiösen Zusammenhang; sie stellen keine zusätzlichen Textpassagen dar.
Yoga, Atem und Meditation Die Yogalehre beginnt mit Maßhalten. Nahrung, Tätigkeit, Schlaf und Wachen sollen ausgewogen sein. Ein ruhiger Ort, ein geeigneter Sitz, ein aufrechter Körper und die Verehrung Shivas sowie des Guru bereiten die Sammlung vor. Pranayama umfasst Füllen, Anhalten und Ausatmen; Pratyahara löst die Verstrickung in Sinneseindrücke, Dharana sammelt und Dhyana vertieft die Ausrichtung auf Shiva.
Die Steigerung der Atemmaße gehört zu einem traditionellen, fortgeschrittenen Übungszusammenhang. Matra und Tala werden im Text ausdrücklich voneinander unterschieden. Die Angaben sind keine in Sekunden umgerechnete Anleitung. Der Sarvajnanottara Agama selbst stellt die Übung in den Zusammenhang von Lehrerunterweisung und schrittweiser Entwicklung.
Das Ziel ist nicht allein ein veränderter Atemrhythmus. Der Yoga-Abschnitt führt durch die Wahrnehmung der Tattvas zu ihrer Überschreitung. Im zweiten Erkenntniskapitel vertieft sich dies zum Yoga der Versenkung in das Selbst. Atem und Erkenntnisvermögen sind Hilfen; das Selbst ist nicht mit ihnen identisch.
Als ergänzende heutige Übung: Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev. Die folgende Aufnahme gehört zur Yoga-Vidya-Praxis und ist keine Rezitation oder genaue Umsetzung des Sarvajnanottara Agama.
Guru, Einweihung und innere Freiheit Im ersten Erkenntniskapitel löst der Acharya durch Diksha die Fesseln. Das zweite Kapitel nennt die Lehrerüberlieferung als Grundlage der Erkenntnis. Zugleich erklärt es, dass für den im höchsten Selbst Ruhenden keine weiteren rituellen Leistungen zur Erlangung der Befreiung nötig sind. Gemeint ist der Zustand erfüllter Erkenntnis, nicht eine Abwertung des Lehrers oder eine Erlaubnis, Verpflichtungen gegenüber anderen zu missachten.
Das Werk stellt äußere und innere Praxis damit in eine Spannung, die für spirituelles Leben fruchtbar sein kann: Übung und Unterweisung helfen, doch die Verwirklichung ist mehr als das Ansammeln von Übungen. Anleitungen werden erfüllt, wenn die Wirklichkeit, auf die sie hinweisen, unmittelbar erkannt wird.
Gesamtes Werk in IAST und deutscher Übersetzung Die folgenden Übersetzungen gehören jeweils zu den angegebenen Versnummern. Wo der Satz über eine Versgrenze hinausgeht, wird er im nächsten Absatz fortgesetzt. Kurze Ergänzungen zum Verständnis stehen in eckigen Klammern. Die Vorlage setzt vereinzelt Versnummern nach nur einer Langzeile; diese Zählung bleibt erhalten. Das Zeichen † kennzeichnet eine unsichere oder ausdrücklich berichtigte Lesung, die am Ende erläutert wird.
Zunächst folgt das gesamte Werk in IAST mit deutscher Übersetzung. Anschließend steht der vollständige Sanskrittext zusammenhängend in Devanagari, in derselben Kapitelreihenfolge. Sie wurde aus derselben normalisierten Sanskrit-Lesefassung hergestellt und ist kein zusätzlicher unabhängiger Textzeuge.
=Yoga-Abschnitt: Sammlung und Vereinigung mit Shiva=
Y.1 ekākinastu śāntasya yatacitta virāgiṇaḥ | yuktāhāra vihārasya yukta ceṣṭasya karmasu ||
Übersetzung: Für den, der in Zurückgezogenheit lebt, friedvoll ist, seinen Geist zügelt und frei von Verlangen ist, der beim Essen und in seiner Lebensführung Maß hält und seine Tätigkeiten angemessen ausübt,
Y.2 yuktasvapnāvabodhasya tattvataḥ śṛṇu ṣaṇmukha | yo dhyātā yacca tad dhyānam tadvai dhyāna prayojanam ||
Übersetzung: der auch Schlafen und Wachen im rechten Maß hält – höre, o Sechsgesichtiger, die Wahrheit über den Meditierenden, die Meditation und ihr Ziel.
Y.3 ātmā dhyātā mano dhyānam dhyeyaḥ sūkṣmo maheśvaraḥ ||
Übersetzung: Das Selbst ist der Meditierende; der Geist ist die Meditation; ihr Gegenstand ist der subtile große Herr, Maheshvara.
Y.4 yatparam paramaiśvaryam etad dhyāna prayojanam | mānāmānau samau kṛtvā sukha duḥkhe same tathā ||
Übersetzung: Die höchste, erhabene Herrlichkeit ist das Ziel der Meditation. Ehre und Unehre soll man gleich ansehen, ebenso Freude und Leid.
Y.5 harṣam bhayam viṣādam ca saṃtyajya yogamabhyaset | śūnyāgāre maṭhe ramye devatāyatane śubhe ||
Übersetzung: Überschwang, Furcht und Niedergeschlagenheit aufgebend, übe man Yoga: in einem unbewohnten Haus, einem angenehmen Kloster oder einem reinen Heiligtum,
Y.6 nadītīre vivikte vā gṛhe ghora vane pi vā | pracchanne ca vivikte ca niḥśabde janavarjite ||
Übersetzung: an einem einsamen Flussufer, in einem abgeschiedenen Haus oder tief im Wald, an einem geschützten, stillen Ort ohne Menschenansammlung,
Y.7 yogadoṣa vinirmukte nirvikalpe nirātape | snātvā śucir upaspṛśya praṇamya śirasā śivam ||
Übersetzung: frei von Hindernissen für Yoga, ohne Ablenkung und vor Hitze geschützt. Nachdem man gebadet und die rituelle Reinigung vollzogen hat, neige man sein Haupt vor Shiva.
Y.8 yogācāryam namaskṛtya yogam yuñjīta mānavaḥ | padmakam svastikam vāpi upasthāyāñjalim tathā ||
Übersetzung: Auch den Lehrer des Yoga grüßend, widme sich der Mensch dem Yoga. Er nehme Padmaka oder Svastika ein und lege die Hände zum Anjali zusammen,
Y.9 pīṭhārdham ardhacandram ca sarvatobhadram eva vā | āsanam ruciram baddhvā ūrdhvakāyaḥ samam śiraḥ ||
Übersetzung: oder wähle Pithardha, Ardhachandra oder Sarvatobhadra. In einer passenden Sitzhaltung halte er den Oberkörper aufrecht und den Kopf gerade.
Y.10 sarva saṅgān parityajya ātma saṃstham mano guha | na dantaiḥ saṃspṛśed dantān sṛkkiṇyau ca na jihvayā ||
Übersetzung: Alle Anhaftungen aufgebend, lasse er den Geist im Selbst ruhen, o Guha. Die Zähne sollen einander nicht berühren; die Zunge berühre nicht die Mundwinkel.
Y.11 kiñcit kuñcita netrastu śivam samyak tadoccaret | sodbhāsayati tattvāni tanmātrādyāni dehinām ||
Übersetzung: Mit leicht geschlossenen Augen spreche er Shiva [den Shiva-Mantra] auf rechte Weise aus. Dieser lässt die Tattvas, beginnend mit den Tanmatras, im verkörperten Wesen aufleuchten.
Y.12 punar vināśakaścaiva astrayuktaḥ ṣaḍānana | na pṛthak hṛdayam tasya na śiro na śikhā guha ||
Übersetzung: Mit dem Astra verbunden, löst er sie wiederum auf, o Sechsgesichtiger. Sein Herz-, Haupt- und Shikha-Mantra (Haarspitze) bestehen nicht gesondert, o Guha.
Y.13 varmāstra netra sahitam tasmādeva pravartate | prāṇāpānau samau kṛtvā suṣumnāntara cāriṇau ||
Übersetzung: Auch die Mantras für Panzer, Waffe und Auge gehen aus ihm selbst hervor. Prana und Apana bringe man ins Gleichgewicht, sodass sie im Inneren der Sushumna fließen.
Y.14 tayorvṛttim niruddhyātmā śivam dhyāyet vicakṣaṇaḥ | avinābhāva samyukto jyotīrūpam sunirmalam ||
Übersetzung: Ihre Bewegung stillend, meditiere der Einsichtige über Shiva, mit ihm untrennbar verbunden: als vollkommen reines Licht,
Y.15 susūkṣmam vyāpakam nityam nirvikalpam sadābudhaḥ | uttamā madhyamā mandās sagarbhāḥ trividhāḥ smṛtāḥ ||
Übersetzung: überaus subtil, alldurchdringend, ewig und frei von gedanklicher Unterscheidung. Die mit innerem Inhalt verbundenen Atemübungen gelten als dreifach: hoch, mittel und gering.

Y.16 prāṇāyāmāṃśca tān kuryāt pūra kumbhaka recakān | prāṇāyāmair dahed doṣān dhāraṇābhistu kilbiṣam ||
Übersetzung: Diese Atemübungen vollziehe man als Füllen, Anhalten und Ausatmen. Durch Pranayama verbrenne man die Unreinheiten, durch Dharana die Verfehlungen,
Y.17 pratyāhāreṇa saṃsargān dhyānenānaśvarān† guṇān | udaram pūrayitvātu vāyunā yāvadīpsitam ||
Übersetzung: durch Pratyahara die Verstrickungen und durch Dhyana die unvergänglichen Eigenschaften [überwinde man auch diese; siehe Anmerkung]. Man fülle den Bauch mit Luft bis zum angestrebten Maß.
Y.18 prāṇāyāmo bhavedevam pūrako deha pūrakaḥ | pidhāya sarva dvārāṇi niśvāsocchvāsa varjitaḥ ||
Übersetzung: So entsteht die Atemübung Puraka, die den Körper füllt. Alle Durchgänge schließend, bleibe man ohne Ein- und Ausatmung,
Y.19 sampūrṇa kumbhavat tiṣṭhet prāṇāyāmaḥ sa kumbhakaḥ | tatordhvam recayet vāyum mṛduniśvāsa saṃyutam ||
Übersetzung: wie ein vollständig gefülltes Gefäß: Das ist die Atemübung Kumbhaka. Danach lasse man die Luft mit sanfter Ausatmung entweichen.
Y.20 recakastveṣa vikhyātaḥ prāṇa saṃśaya kārakaḥ† | prasārya cāgra hastam tu jānum kṛtvā pradakṣiṇam ||
Übersetzung: Dies heißt Rechaka; es wird als „den Prana in Gefahr bringend“ bezeichnet [unklare Lesung; siehe Anmerkung]. Man strecke die Hand vor und führe sie rechtsherum um das Knie.
Y.21 choṭikām tu tato dadyān mātraiṣātvabhidhīyate | mātrā dvādaśa vijñeyāḥ pramāṇam tāla saṃjñakam ||
Übersetzung: Dann lasse man die Finger schnippen: Dies wird eine Matra genannt. Zwölf Matras bilden das Maß, das Tala heißt.
Y.22 tāla dvādaśakam jñeyam prāṇāyāmastu kanyasaḥ | madhyamaśca caturviṃśaj jyeṣṭhas taddviguṇo bhavet ||
Übersetzung: Zwölf Talas gelten als das geringste Pranayama-Maß; das mittlere umfasst vierundzwanzig, das höchste das Doppelte davon.
Y.23 ekaikām vardhayen mātrām pratyaham yogavittamaḥ | na tvareṇa vilambena krameṇaiva vivardhayet ||
Übersetzung: Der im Yoga Erfahrene erhöhe das Maß täglich um eine Matra. Er steigere es schrittweise, weder hastig noch zögerlich.
Y.24 prāṇāyāmottamo yattad dviguṇā dhāraṇā matā | dhāraṇād dviguṇo yogo yogopi dviguṇīkṛtaḥ ||
Übersetzung: Das Doppelte des höchsten Pranayama gilt als Dharana; das Doppelte der Dharana als Yoga. Wird auch dieser Yoga verdoppelt,
Y.25 yogasiddhiriti jñeyā śivena paramātmanā | tadānupaśyate sūkṣmam gandha tanmātram ātmani ||
Übersetzung: so soll dies als Vollendung des Yoga mit Shiva, dem höchsten Selbst, erkannt werden. Dann erblickt man im eigenen Selbst die subtile Essenz des Geruchs,
Y.26 rasam tejaśca sparśam ca śabda tanmātrameva ca | paśyate krama yogena varṇa bhāvaiḥ pṛthagvidhaiḥ ||
Übersetzung: Geschmack, Leuchten, Berührung und die subtile Essenz des Klangs. In der Reihenfolge des Yoga sieht man sie in ihren verschiedenen Farben und Erscheinungsweisen.
Y.27 ahaṅkāram mano buddhim guṇam avyakta pūruṣam | abhivyaktāni jānīyāt svadharma guṇa lakṣaṇam ||
Übersetzung: Ichbewusstsein, Geist, Erkenntnisvermögen, Guna, das Unmanifestierte und Purusha erkenne man als offenbar geworden, jeweils mit ihren eigenen Eigenschaften und Merkmalen.
Y.28 vidyām kalām tataḥ kālam māyām vidyām tataḥ† param | dṛṣṭvānukramaśaḥ sarvān punarastreṇa bhedayet ||
Übersetzung: Vidya, Kala, sodann die Zeit, Maya und darüber Vidya: Nachdem man sie der Reihe nach geschaut hat, durchdringe man sie wiederum mit dem Astra.
Y.29 vidyeśvaram tatas tattvam tataḥ sadāśivam param | bhitvātu kṣurikāstreṇa tataḥ sūkṣmam śivam viśet ||
Übersetzung: Danach [durchdringe man] das Tattva Vidyeshvara und darüber Sadashiva. Mit dem Kshurika-Astra durchschneide man sie und trete in den subtilen Shiva ein.
Y.30 amṛtātmā śivam sākṣāt tasmin viṣṭastu yogavit | sarvajñaḥ sarvagaḥ sūkṣmaḥ sarveśaḥ sarvakṛdbhavet ||
Übersetzung: Unsterblich ist das Selbst. Der Yogakundige, der in jenen Shiva selbst eingetreten ist, wird allwissend, allgegenwärtig, subtil, Herr über alles und fähig, alles zu vollbringen.
Y.31 sarveṣveva ca śāstreṣu jñeyam vastu catuṣṭayam | paśuḥ pāśaḥ patiścaiva śivaśceti yathā kramam ||
Übersetzung: In sämtlichen Lehrschriften sind vier Wirklichkeiten zu erkennen: das gebundene Wesen, die Fessel, der Herr und Shiva, in dieser Reihenfolge.
Y.32 jñātvā tu tattva sadbhāvam tantrasāram tu durlabham | sarvathā vartamānopi gṛhṇāti na punas tanum ||
Übersetzung: Wer das wahre Wesen der Tattvas und die schwer zu erlangende Essenz der Tantras erkannt hat, nimmt keinen weiteren Körper mehr an, wie immer er auch lebt.
=Vidyapada – Kapitel 1: Wesen, Fesseln und Herr=
Skanda fragt in 1.1–3; ab 1.4 antwortet Shiva.
1.1 paśupāśa vidhānam hi śrotumicchāmi tattvataḥ | saṃyogam ca tathā teṣām kathayasva maheśvara ||
Übersetzung: [Skanda spricht:] Ich möchte die Beschaffenheit des gebundenen Wesens und seiner Fesseln wahrheitsgemäß hören. Erkläre auch ihre Verbindung, o Maheshvara.
1.2 ādyāḥ pāśās tatasteṣām jīva ādyastu kintu vai | ke pāśāḥ ko malaḥ proktaḥ kasmādbaddhaḥ pumān iti ||
Übersetzung: Sind die Fesseln ursprünglich, oder ist das lebendige Selbst ihr Ursprung? Was sind die Fesseln, was heißt Unreinheit, und weshalb ist der Mensch gebunden?
1.3 patiśca kim vidho jñeyas sādhikāra pade sthitaḥ | śivaśca kīdṛśaḥ prokto yodhikāra vivarjitaḥ ||
Übersetzung: Wie ist der Herr zu verstehen, der im Bereich göttlicher Wirksamkeit steht? Und wie wird Shiva beschrieben, der von dieser Wirksamkeit frei ist?
1.4 paśurātmā asvatantraśca cinmātro mala dūṣitaḥ | samūḍho anitya saṃsārī kiñcijño anīśvaro akriyaḥ ||
Übersetzung: [Shiva antwortet:] Das gebundene Selbst ist unfrei, seinem Wesen nach Bewusstsein, doch von Unreinheit getrübt; verwirrt und dem vergänglichen Daseinskreislauf unterworfen, weiß es wenig, ist nicht souverän und besitzt keine freie Wirksamkeit.
1.5 tāmrasyaivatu hematvam antarlīnam yathā sthitam | antarlīnam tathā jñeyam śivatvam pudgalasya tu ||
Übersetzung: Wie das Goldsein im Kupfer verborgen liegt, so soll man wissen, dass das Shivasein im individuellen Wesen verborgen ist.
1.6 rasasiddham yathātāmram hematvam pratipadyate | tathātmā jñāna sambandhāt śivatvam pratipadyate ||
Übersetzung: Wie durch die alchemistische Behandlung mit Rasa Kupfer den Zustand des Goldes erlangt, so erreicht das Selbst durch die Verbindung mit Erkenntnis das Shivasein.
1.7 yathā jñātvā avibhāgena ghṛtam payasi saṃsthitam | tathātmā pāśa saṃśliṣṭo hyavibhāgena saṃsthitaḥ ||
Übersetzung: Wie man weiß, dass die Butter ungeschieden in der Milch enthalten ist, so besteht das Selbst ungeschieden mit den Fesseln verbunden.
1.8 viṣāpahāram kurute dhyāna bīja balair yathā | kurute pāśa viśleṣam tathācāryaśśivādhvaraiḥ ||
Übersetzung: Wie man durch die Kraft von Meditation und Keimsilben Gift beseitigt, so löst der Acharya durch die Shiva-Riten die Fesseln.
1.9 mantrauṣadha balair yadvat sannirodho viṣasya tu | tathā hi sarva pāśānām sannirodhastu dīkṣayā ||
Übersetzung: Wie Gift durch die Kraft von Mantras und Heilmitteln gehemmt wird, so werden sämtliche Fesseln durch die Einweihung unwirksam gemacht.
1.10 dahyate dhāmyamānānām dhātūnām tu yathā malam | tathācāryo dahet puṃsām vāyubhūto malāvubhau ||
Übersetzung: Wie beim Anfachen des Feuers die Unreinheit der Metalle verbrennt, so verbrennt der Acharya, zur Kraft des Windes geworden, die beiden Unreinheiten der Menschen.
1.11 guṇabhūtāḥ smṛtāḥ pāśāḥ dharmādharmau malasmṛtau | sahajau sarvajantūnām tāmrakālikavat sthitau ||
Übersetzung: Die Fesseln gelten als Eigenschaften; Dharma und Adharma werden als die beiden Unreinheiten bezeichnet. Sie begleiten alle Lebewesen von jeher, wie die Schwärzung das Kupfer.
1.12 trividhāste smṛtāḥ pāśāḥ sahajāgantukas tathā | sāṃsargikas tathā bhūyaś śṛṇu teṣu vinirṇayam ||
Übersetzung: Diese Fesseln gelten als dreifach: von jeher zugehörig, hinzugekommen und durch Berührung entstanden. Höre nun ihre genauere Unterscheidung.
1.13 tanmātrādyāstu ye tattvās susūkṣmās sarvagā guha | te tu pāśāḥ parā proktās sahajās sarvajantuṣu ||
Übersetzung: Die Tattvas, beginnend mit den Tanmatras, sind überaus subtil und alldurchdringend, o Guha. Sie werden als die höheren Fesseln bezeichnet, die allen Lebewesen von jeher zugehören.
1.14 tattvametair jagatkṛtsnam pāśāścaite malātmakāḥ | susūkṣmās sarvagā nityās sahajās sarva jantuṣu ||
Übersetzung: Von diesen Prinzipien ist die ganze Welt durchwoben. Diese Fesseln sind von der Natur der Unreinheit: überaus subtil, alldurchdringend, beständig und allen Lebewesen von jeher zugehörig.
1.15 indriyāṇi ca bhūtāni yadbījam teṣu sambhavam | āgantukāḥ smṛtā hyete tasmāt sāṃsargikāḥ punaḥ ||
Übersetzung: Die Sinnesvermögen, die Elemente und das in ihnen entstehende Keimhafte gelten als hinzugekommen. Danach [sind zu erklären] die durch Berührung entstandenen Fesseln.
1.16 saṃsargāt yadbhavet karma śubham vā yadi vāśubham | te tu sāṃsargikāḥ pāśās sukha duḥkha phalapradāḥ ||
Übersetzung: Das Handeln, das aus Berührung entsteht, sei es heilsam oder unheilsam, bildet diese Fesseln der Verstrickung; sie bringen Freude und Leid als Frucht hervor.
1.17 karmaṇātu śarīrāṇi bhāvāt karmodayo bhavet | pūrvārjita kṛtyānām bhāvas saṃyoga kārakaḥ ||
Übersetzung: Aus Karma entstehen die Körper; aus der inneren Ausrichtung kommt Karma zur Entfaltung. Die Wirksamkeit früher erworbener Taten verursacht die Verbindung [mit neuer Verkörperung].
1.18 īśvaro vyañjakas teṣām bhavet karmānu rūpataḥ | karmodayād bhavet sṛṣṭiḥ apāstaiḥ pralayam viduḥ ||
Übersetzung: Ishvara bringt sie entsprechend dem Karma zur Erscheinung. Mit dem Aufgehen des Karma entsteht Schöpfung; sein Zurücktreten bezeichnet man als Auflösung.
1.19 viṣayāsaṅga doṣeṇa guṇadoṣācchikhi dhvaja | bandhamāpnoti puruṣo hyakartā sarvago apyasau ||
Übersetzung: Durch den Fehler der Anhaftung an Sinnesgegenstände und durch die Gunas wird Purusha gebunden, o Pfauenbannerträger, obwohl er alldurchdringend und selbst nicht der Handelnde ist.
1.20 pitā putrāparādhena yathaikastho nibadhyate | akartāpīha puruṣas tathā bandham avāpnuyāt ||
Übersetzung: Wie ein Vater wegen einer Verfehlung seines Sohnes gebunden wird, obwohl er selbst unbeteiligt war, so kann auch Purusha gebunden werden, ohne selbst zu handeln.
1.21 yathaivāsādhu saṃyogāt udāsīno api mānavaḥ | tathā bandham avāpnoti tathājñeyastu pudgalaḥ ||
Übersetzung: Wie ein unbeteiligter Mensch durch Gemeinschaft mit einem Übeltäter in Fesseln gerät, so soll man die Bindung des individuellen Wesens verstehen.
1.22 anādi nidhanāḥ pāśāḥ jīvo anādyastu kīrtitaḥ | tacchedakas tathā anādiḥ paśu pāśa patistu saḥ ||
Übersetzung: Die Fesseln sind ohne Anfang und Ende; auch das lebendige Selbst wird als anfangslos bezeichnet. Ebenso anfangslos ist derjenige, der sie durchschneidet: der Herr über Wesen und Fesseln.
1.23 patissadāśivo jñeyo mantrātmā mantra vigrahaḥ | sarvamantrādhipaścāsau sṛṣṭi saṃhāra kārakaḥ ||
Übersetzung: Dieser Herr ist als Sadashiva zu erkennen. Er ist Mantra seinem Wesen nach, besitzt einen Mantra-Leib, gebietet über sämtliche Mantras und bewirkt Schöpfung und Auflösung.
1.24 patireva samākhyātas sarvakāma phalapradaḥ | sthūlas sūkṣmo vimiśraśca evam rūpastu saṃsmṛtaḥ ||
Übersetzung: Als dieser Herr wird derjenige bezeichnet, der die Frucht aller Wünsche gewährt. Seine Gestalt gilt als grob, subtil und aus beiden gemischt.
1.25 śivo vastu parastasmān mantrātīto nirañjanaḥ | nirāmayo nirādhāro varṇarūpa vivarjitaḥ ||
Übersetzung: Shiva ist die Wirklichkeit jenseits von ihm: jenseits der Mantras, unbefleckt, frei von Übel, ohne Stütze und ohne Farbe oder Gestalt.
1.26 sarvajñaḥ sarvagaśśāntas sarvātmā sarvatomukhaḥ | atīndriyo nirālambas susūkṣmaśśāśvato dhruvaḥ ||
Übersetzung: Er ist allwissend, allgegenwärtig, still, das Selbst aller und nach allen Seiten gewandt; jenseits der Sinne, von nichts getragen, überaus subtil, ewig und beständig.
1.27 sa eva bhagavān vyāpī hyaprameyo hyanaupamaḥ | bahirantar vibhāgena tile tailam iva sthitaḥ ||
Übersetzung: Er allein ist der erhabene, alldurchdringende Herr, unermesslich und unvergleichlich. Innen wie außen ist er gegenwärtig, so wie Öl im Sesamsamen.
Kapitelabschluss: iti tripadārthasvarūpavicāraḥ samāptaḥ |
Hier endet die Erörterung des Wesens der drei Wirklichkeiten.
=Vidyapada – Kapitel 2: Die unmittelbare Erkenntnis des Selbst=
2.1 athānyam sampravakṣyāmi hyupāyam tattvato guha | agrāhyasyāpi sūkṣmasya sarvagasya tu niṣkalam ||
Übersetzung: Nun erläutere ich dir wahrheitsgemäß einen anderen Weg, o Guha, zum ungeteilten Wesen des Unfassbaren, Subtilen und Alldurchdringenden,
2.2 yena vijñāyate samyak yam jñātvā tu śivobhavet | na kasyacin mayākhyātam tadvijñānam śṛṇuṣva me ||
Übersetzung: durch den es richtig erkannt wird und durch dessen Erkenntnis man Shiva wird. Höre von mir diese Erkenntnis, die ich keinem anderen mitgeteilt habe.
2.3 guru pāramparāyattam adṛṣṭam sarvavādibhiḥ | bhavabandha vimokṣārtham paramam sarvatomukham ||
Übersetzung: Sie beruht auf der Überlieferung von Guru zu Guru und wird von den bloßen Wortstreitern nicht gesehen. Sie ist erhaben, allumfassend und dient der Befreiung aus den Fesseln des Werdens.
2.4 yosau sarvagato devas sarvātmā sarvatomukhaḥ | sarvatattvamayo acintyas sarvasyopari saṃsthitaḥ ||
Übersetzung: Jener Gott ist überall gegenwärtig, das Selbst aller, nach allen Seiten gewandt, das Wesen sämtlicher Tattvas, undenkbar und über allem stehend.
2.5 sarvatattva vyatītaśca sarvātmā sarvatomukhaḥ | so hamevam upāsīta nirvikalpena cetasā ||
Übersetzung: Er überschreitet sämtliche Tattvas, ist das Selbst aller und allumfassend. „Er bin ich“ – so meditiere man mit einem Geist ohne trennende Vorstellungen.
2.6 yadeva niṣkalam jñānam śāśvatam dhruvam avyayam | nirvikalpam anirdeśyam hetu dṛṣṭānta varjitam ||
Übersetzung: Jene ungeteilte Erkenntnis ist ewig, beständig und unvergänglich; frei von gedanklicher Unterscheidung, nicht zu bezeichnen und jenseits von Begründung und Vergleich.
2.7 aliṅgam akṣaram śāntam viṣayātīta gocaram | avibhāvyam asandehyam tadaham nātra saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Sie ist ohne Kennzeichen, unzerstörbar und still; ihr Bereich liegt jenseits der Sinnesgegenstände. Sie lässt sich nicht zum Vorstellungsgegenstand machen und ist zweifelsfrei. Das bin ich; daran besteht kein Zweifel.
2.8 sohameva paro devas sarvamantramayaśśivaḥ | sarvamantra vyatītaśca sṛṣṭi saṃhāra varjitaḥ ||
Übersetzung: Ich selbst bin jener höchste Gott, Shiva, der sämtliche Mantras in sich trägt und zugleich alle Mantras überschreitet, frei von Schöpfung und Auflösung.
2.9 mayāvyāptam idam sarvam dṛśyādṛśyam carācaram | ahameva jagannātho mattassarvam pravartate ||
Übersetzung: Von mir ist alles durchdrungen: Sichtbares und Unsichtbares, Bewegliches und Unbewegliches. Ich allein bin der Herr der Welt; aus mir geht alles hervor.
2.10 anekākāra sambhinnam viśvam bhuvana sañcayam | śivādyavani paryantam tatsarvam mayi saṃsthitam ||
Übersetzung: Das Weltall, die Gesamtheit der Welten in ihren vielfältigen Gestalten, von Shiva bis zur Erde – all dies ruht in mir.
2.11 yacca kiñcij jagatyasmin dṛśyate śrūyatepi vā | bahirantarvibhāgena tatsarvam vyāpitam mayā ||
Übersetzung: Was immer in dieser Welt gesehen oder gehört wird: Innen wie außen ist alles von mir durchdrungen.
2.12 ahamātmā śivohyanyaḥ paramātmeti yaḥ smṛtaḥ | evam yopāsayen mohān na śivatvam avāpnuyāt ||
Übersetzung: „Ich bin das individuelle Selbst; Shiva, den man das höchste Selbst nennt, ist ein anderer“ – wer aus Verblendung so meditiert, erlangt das Shivasein nicht.
2.13 śivohyanyastvahamevānyaḥ pṛthagbhāvam vivarjayet | yaś śivas sohameveti hyadvayam bhāvayet sadā ||
Übersetzung: Man gebe die Vorstellung der Getrenntheit auf: „Shiva ist ein anderer, und ich bin wieder ein anderer.“ Stets vergegenwärtige man sich die Nichtzweiheit: „Wer Shiva ist, bin ich selbst.“
2.14 advaita bhāvanāyuktas sarvatrātmani saṃsthitaḥ | sarvagam sarvadehastham paśyate nātra saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Wer mit der Vergegenwärtigung der Nichtzweiheit verbunden ist und überall im Selbst ruht, sieht den Allgegenwärtigen, der in allen Körpern wohnt. Daran besteht kein Zweifel.
2.15 evamekātma bhāvena saṃsthitasya tu yoginaḥ | sarvajñatvam pravarteta vikalpa rahitasya tu ||
Übersetzung: Dem Yogi, der so in der Einheit des Selbst steht und frei von trennenden Vorstellungen ist, entfaltet sich Allwissenheit.
2.16 yosau sarveṣu śāstreṣu paṭhyate hyaja īśvaraḥ | akāyo nirguṇo hyātmā sohamasmi na saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Jener, der in sämtlichen Lehrschriften als ungeborener Herr gelehrt wird, ist das körperlose Selbst jenseits der Gunas. Er bin ich, ohne Zweifel.
2.17 avijñātaḥ paśussohi sṛṣṭi dharma samāśritaḥ | vijñātaḥ śāśvataśśuddhas saśivo nātra saṃśayaḥ ||
Übersetzung: Unerkannt ist er das gebundene Wesen, den Bedingungen der Schöpfung unterworfen. Erkannt ist er ewig, rein und Shiva. Daran besteht kein Zweifel.
2.18 tasmādātmā sadāvedyas suvicāryo vicakṣaṇaiḥ | parāpara vibhāgena sthūlasūkṣma vibhāgaśaḥ ||
Übersetzung: Daher soll das Selbst stets erkannt und von Einsichtigen gründlich erforscht werden: hinsichtlich des Höheren und Niederen, des Groben und Subtilen.
2.19 paraḥ parama nirvāṇo aparas sṛṣṭi vibhedakaḥ | sthūlo mantramayaḥ proktas sūkṣmo dhyānaika gocaraḥ ||
Übersetzung: Sein höchster Zustand ist die vollkommene Befreiung; sein niederer Zustand entfaltet die Unterschiede der Schöpfung. Grob heißt es als Mantra verkörpert; subtil ist es allein der Meditation zugänglich.
2.20 athavābahuśoktena kimuktena ṣaḍānana | vāgvikalpa viśeṣeṇa manas sammoha kāriṇā ||
Übersetzung: Doch wozu die vielen Worte, o Sechsgesichtiger, und die besonderen Unterscheidungen der Rede, die den Geist verwirren?
2.21 sarvedharmātmanas santi yameva parikalpayet | tattadbhavatyasandehāt sopi tadbhāvanāyutaḥ ||
Übersetzung: Alle Eigenschaften gehören zum Selbst. Welche man sich auch vergegenwärtigt: Mit eben dieser Vorstellung verbunden, nimmt man zweifellos die entsprechende Beschaffenheit an.
2.22 ityevam ātmavijñānam kathitam tu samāsataḥ | jñātvātmānam idam sarve hyātmānam paryupāsate ||
Übersetzung: So ist die Erkenntnis des Selbst in Kürze erklärt. Hat man dieses Selbst erkannt, verehrt man in allem das Selbst.
2.23 na tatra devānuddiśya yajñā vā bahudakṣiṇāḥ | ātmavijñānam āśritya vimalam sarvatomukham ||
Übersetzung: Hier sind keine an Gottheiten gerichteten Opfer mit reichen Priestergaben [entscheidend]; man stütze sich auf die reine, allumfassende Erkenntnis des Selbst.
2.24 saṃsārārṇava magnānām prāṇinām śaraṇārthinām | nānyaḥ śaraṇadaḥ kaścit ātmajñānādṛte kvacit ||
Übersetzung: Für die Lebewesen, die im Meer des Samsara versunken sind und Zuflucht suchen, gibt es nirgendwo einen anderen Zufluchtspender als die Erkenntnis des Selbst.
2.25 ātmānam paramo bhūtvā yo vijānāti tattvataḥ | sa mucyatetvayatnena sarvāvasthām gatopisan ||
Übersetzung: Wer zum Höchsten geworden das Selbst wahrheitsgemäß erkennt, wird mühelos befreit, in welchem Zustand er sich auch befinden mag.
2.26 ātmalābhāt parolābhaḥ kvacidanyo na vidyate | tadātmānam upāsīta yoyamātmā parastu saḥ ||
Übersetzung: Nirgendwo gibt es einen höheren Gewinn als das Erlangen des Selbst. Daher meditiere man über das Selbst: Dieses Selbst ist der Höchste.
2.27 na prāṇo naiva cāpāno viśiṣṭakaraṇas tathā | sarvajñaṃ tu tadātmānaṃ paripūrṇaṃ sadā smaret ||
Übersetzung: Es ist weder Prana noch Apana, ebenso wenig ein besonderes Erkenntnis- oder Tätigkeitsorgan. Stets vergegenwärtige man sich dieses Selbst als allwissend und vollkommen.
2.28 na caivābhayantare bāhye nātidūre samīpataḥ | sa niṣkale pare sthāne tatra cittam niveśayet ||
Übersetzung: Es ist weder innen noch außen, weder sehr fern noch nahe. In jenem höchsten, ungeteilten Zustand lasse man den Geist ruhen.
2.29 tiryagūrdhvam adhaścaiva bahirantaśca nityaśaḥ | sarvaśūnyam tamābhāsam ātmānam bhāvayet sadā ||
Übersetzung: Seitwärts, oben und unten, außen wie innen: Stets meditiere man über das Selbst, das von allem leer ist und leuchtet.
2.30 naiva śūnyam na cāśūnyam naśūnyam śūnyameva ca | pakṣapāta vinirmuktam ātmānam paryupāsayet ||
Übersetzung: Es ist weder leer noch nicht leer, nicht leer und doch leer. Frei von einseitiger Festlegung verehre man das Selbst.
2.31 nirāmayam nirādhāram varṇarūpa vivarjitam | nirañjanam guṇātītam ātmānam paryupāsayet ||
Übersetzung: Man verehre das Selbst als frei von Übel und ohne Stütze, ohne Farbe und Gestalt, unbefleckt und jenseits der Gunas.

2.32 nirāśrayam nirālambam aprameyam anūpamam | svabhāva vimalam nityam ātmānam paryupāsayet ||
Übersetzung: Man verehre das Selbst als unabhängig, ohne Halt an anderem, unermesslich und unvergleichlich, von Natur aus rein und ewig.
2.33 saṃnyasya sarvakarmāṇi niḥspṛhassaṅga varjitaḥ | bhāvayedātmanātmānam ātmanyevātmanaḥ sthitiḥ ||
Übersetzung: Alle Handlungen loslassend, ohne Begehren und frei von Anhaftung, vergegenwärtige man das Selbst durch das Selbst. Im Selbst allein hat das Selbst seinen Stand.
2.34 sadeśajāti sambandhān varṇāśrama samanvitān | bhāvānetān parityajya svarūpam bhāvayedbudhaḥ ||
Übersetzung: Vorstellungen von Landes- und Geburtszugehörigkeit, verbunden mit sozialem Stand und Lebensstadium, gebe der Weise auf und vergegenwärtige sich sein eigenes Wesen.
2.35 mantroyam devatā hyeṣā idam dhyānam idam tapaḥ | sarvabhāvān parityajya hyātmabhāvam tu bhāvayet ||
Übersetzung: „Dies ist der Mantra, dies die Gottheit, dies die Meditation, dies die Askese“ – alle derartigen Vorstellungen aufgebend, vergegenwärtige man allein das Selbstsein.
2.36 abhāve bhāvamāśritya bhāvam kṛtvā nirāśrayam | ātma saṃstham manaḥ kṛtvā na kiñcidapi cintayet ||
Übersetzung: Man richte die Vergegenwärtigung auf das Nichtgegenständliche und mache sie unabhängig von einer Stütze. Den Geist im Selbst ruhen lassend, denke man an nichts anderes.
2.37 naivacintyam nacācintyam na cintyam cintyameva ca | pakṣapāta vinirmuktam ātmānam paryupāsayet ||
Übersetzung: Es ist weder denkbar noch undenkbar, nicht denkbar und doch denkbar. Frei von einseitiger Festlegung verehre man das Selbst.
2.38 acintyam cintayen nityam kṛtvā cittam nirāśrayam | nistattve niṣkalībhūte vindatyātmani yatsukham ||
Übersetzung: Stets vergegenwärtige man das Undenkbare und lasse den Geist ohne äußere Stütze werden. Die Freude, die man im Selbst findet, jenseits der Tattvas und ungeteilt,
2.39 nirvikalpam acintyam ca hetudṛṣṭānta varjitam | tatsukham paramam proktam ātyantikam anaupamam ||
Übersetzung: ist frei von gedanklicher Unterscheidung, undenkbar und ohne Begründung oder Vergleich. Sie wird die höchste Freude genannt: endgültig und unvergleichlich.
2.40 nirasya viṣayāsaṅgam manovṛttim vihāya ca | yadāyātyunmanībhāvam tadā tat paramam sukham ||
Übersetzung: Wenn man die Anhaftung an Sinnesgegenstände ablegt, die Bewegungen des Geistes loslässt und den Zustand jenseits des denkenden Geistes erreicht, ist dies die höchste Freude.
2.41 sarvadigdeśa kāleṣu yogābhyāso vidhīyate | sarva varṇāśramāṇāñca jñānabhedo na vidhīyate ||
Übersetzung: Yoga kann in jeder Himmelsrichtung, an jedem Ort und zu jeder Zeit geübt werden. Für die verschiedenen sozialen Stände und Lebensstadien wird kein Unterschied der Erkenntnis gelehrt.
2.42 gavām anekavarṇānām kṣīrasyāpyeka varṇatā | kṣīravat paśyate jñānam liṅginam ca gavām samāḥ ||
Übersetzung: Kühe haben unterschiedliche Farben, doch ihre Milch hat eine Farbe. So betrachte man die Erkenntnis wie die Milch und die Menschen mit ihren äußeren Kennzeichen wie die Kühe.
2.43 yasmātsarvagatam brahma vyāpakam sarvatomukham | tasmādbrahmaṇi saṃsthāpya digdeśam na vicārayet ||
Übersetzung: Weil Brahman überall gegenwärtig, alldurchdringend und allumfassend ist, ruhe man in Brahman und grüble nicht über Himmelsrichtung oder Ort.
2.44 naiva tasya kṛtenārtho na kāryo na vidhiḥ smṛtaḥ | na liṅgam nāśramācāraḥ paramātmani saṃsthitaḥ ||
Übersetzung: Für den, der im höchsten Selbst ruht, bleibt kein durch Tun zu gewinnender Zweck, keine ausstehende Aufgabe und keine [rituelle] Vorschrift; auch kein äußeres Kennzeichen oder Brauch eines Lebensstadiums.
2.45 gacchan tiṣṭhan svapan jāgran bhuñjānaḥ pibatopi vā | sarvadā sarva kāryeṣu vātaśītātapeṣu ca ||
Übersetzung: Beim Gehen, Stehen, Schlafen und Wachen, beim Essen und Trinken, jederzeit und bei allen Tätigkeiten, in Wind, Kälte und Hitze,
2.46 bhavadāridrarogeṣu māndya vijvarakādiṣu | ātmanyevasthitaśśānta ātmatṛptastu niṣkalaḥ ||
Übersetzung: in den Wechselfällen des Daseins, in Armut und Krankheit, in Schwäche und Fieberzuständen: Er ruht im Selbst, ist friedvoll, im Selbst erfüllt und ungeteilt.
2.47 nāgatoham gatovāpi nāgamiṣye na gacchat↠| na bhūto na bhaviṣyāmi prakṛtyasthira dharmiṇi ||
Übersetzung: „Ich bin nicht gekommen und nicht fortgegangen; ich werde nicht kommen und nicht gehen. Ich bin nicht geworden und werde nicht werden“ – [so erkenne man sich gegenüber] der wandelbaren Prakriti.
2.48 prākṛtāni hi karmāṇi prakṛtiḥ karmasambhavā | nāham kiñcitkaromīti yuktam manyeta tattvavit ||
Übersetzung: Die Handlungen gehören zur Prakriti; Prakriti ist der Entstehungsgrund des Handelns. „Ich tue überhaupt nichts“ – so möge der Kenner der Wahrheit in Sammlung verstehen.
2.49 naiva prakṛti sambandhosti mukta ityabhidhīyate | na caiva prākṛtair doṣair lipyate tu kadācana ||
Übersetzung: Wer keine Verbindung mehr mit Prakriti hat, wird befreit genannt. Von ihren Mängeln wird er niemals befleckt.
2.50 nirnāśya tamaso rūpam dīpo yadvat prakāśate | ābhātyevam parohyātmā tyaktvaivājñānajam tamaḥ ||
Übersetzung: Wie eine Lampe leuchtet, nachdem sie die Dunkelheit vertrieben hat, so erstrahlt das höchste Selbst, wenn das aus Unwissenheit entstandene Dunkel gewichen ist.
2.51 snehakṣayādyathā dīpo balānnirvāṇam ṛcchati | tathātmabhāvanā yuktaḥ svātmanyevāvatiṣṭhate ||
Übersetzung: Wie eine Lampe erlischt, sobald ihr Öl verbraucht ist, so ruht der mit der Vergegenwärtigung des Selbst Verbundene ganz in seinem eigenen Selbst.
2.52 ghaṭasamvṛta ākāśo nīyamāne yathā ghaṭe | ghaṭo nīyata nākāśaḥ tadvaj jīvo nabhopamaḥ ||
Übersetzung: Wenn ein Gefäß bewegt wird, wird das Gefäß bewegt, nicht der von ihm umschlossene Raum. Ebenso gleicht das lebendige Selbst dem Raum.
2.53 bhinne kumbhe yathākāśaḥ ākāśatvam prapadyate | vibhinne prākṛte dehe tathātmā paramātmani ||
Übersetzung: Wie beim Zerbrechen des Gefäßes der Raum wieder als Raum besteht, so [ruht] beim Zerfall des aus Prakriti entstandenen Körpers das Selbst im höchsten Selbst.
2.54 ityevam adhikāreṇa sarvajñenādhikāriṇā | sarvabandhādvinirmuktas sarvajñas sarvago bhavet ||
Übersetzung: Auf diese Weise, durch die Vollmacht des allwissenden Herrn, wird man von sämtlichen Fesseln befreit, allwissend und allgegenwärtig.
2.55 tadāgamān samparityajya sarvān śuddham gṛhītvātma samādhi yogam | asmātparam nānyadihāsti kiñcit jñātvaiva santyajya manovikalpam ||
Übersetzung: Alle Agamas beiseitelegend, ergreife man den reinen Yoga der Versenkung in das Selbst. Man erkenne, dass es hier nichts Höheres gibt, und lasse die gedanklichen Unterscheidungen los.
2.56 vijñānamevam samupāsya vidvān viśatyakāyam satatam niyuktaḥ | sarvatragāmī bhavatīha muktaḥ taddharma dharmī bahiranta saṃsthaḥ ||
Übersetzung: Der Wissende, der diese Erkenntnis beständig vergegenwärtigt, tritt in das Körperlose ein. Befreit wird er allgegenwärtig und trägt dessen Eigenschaften, innen wie außen gegenwärtig.
2.57 sarvajñatā tṛptiranādi bodhaḥ svatantratā nityamalupta śaktiḥ | anantaśaktiśca nirāmayātmā viśuddhadehas saśivatvameti ||
Übersetzung: Allwissenheit, Erfülltheit, anfangsloses Erkennen, Freiheit, stets unverminderte Kraft, unbegrenzte Kraft, Freiheit von Übel und ein reiner Leib: So erlangt er das Shivasein.
2.58 na dīkṣā natu saṃskāro na mudrā na ca maṇḍalam | na japo nārcanā dhyānam na homo naiva sādhanam ||
Übersetzung: [Für den so Verwirklichten bedarf es] keiner Einweihung, keiner weiteren rituellen Reinigung, keiner Mudra und keines Mandala, keines Japa, keiner Verehrung, keiner Meditation, keines Feueropfers und keines weiteren Mittels zur Vollendung.
2.59 dharmādharma phalau nāstaḥ naiva piṇḍodakakriyā | niyamādi na tasyāsti nopavāso vidhīyate ||
Übersetzung: Die Früchte von Dharma und Adharma bestehen für ihn nicht mehr; auch keine Pflicht zu Totenopfern mit Speise und Wasser. Niyamas und dergleichen gelten für ihn nicht, und Fasten wird ihm nicht vorgeschrieben.
2.60 pravṛttiśca nivṛttiśca brahmacarya vratāni ca | agni praveśanam nāsti patanam bhṛgunodake ||
Übersetzung: Auch weltzugewandte oder zurückgezogene Lebensführung, Brahmacharya-Gelübde und andere Gelübde [binden ihn nicht]. Es gibt für ihn keinen Eintritt ins Feuer, keinen Sturz vom Felsen und kein [den rituellen Tod suchendes Eintauchen ins] Wasser.
2.61 śivajñānāmṛtam pītvā vicaran svayameva hi | śivavacchāśvatas siddhas sṛṣṭi dharma vivarjitaḥ ||
Übersetzung: Nachdem er den Nektar der Shiva-Erkenntnis getrunken hat, wandert er aus sich selbst heraus. Vollendet und ewig wie Shiva ist er den Bedingungen der Schöpfung entzogen.
2.62 satyam satyam punassatyam trisatyam śapathaḥ kṛtaḥ | ataḥ parataram nāsti vijñeyam kutracidguha ||
Übersetzung: Wahr, wahr und abermals wahr – dreimal ist dieser Wahrheitsbund bekräftigt. Nirgends gibt es etwas Höheres zu erkennen, o Guha.
2.63 vimalayati sarvabhāvān vimalātmā vimalabuddhiḥ | sarvam vimalam paśyati vimalo vimalena bhāvena ||
Übersetzung: Rein im Selbst und rein im Erkennen, läutert er alle Zustände. Der Reine sieht durch reine Vergegenwärtigung alles als rein.
Kapitelabschluss: śivānanyasākṣātkārapaṭalaḥ samāptaḥ |
Hier endet das Kapitel über die unmittelbare Erkenntnis der Nichtverschiedenheit von Shiva.
Ergänzende heutige Praxis: Laya-Yoga-Tiefenentspannung. Sie kann als eigener Übungsimpuls neben der Textlektüre stehen; sie ist nicht die im Kapitel beschriebene Methode.
=Vidyapada – Kapitel 3: Das verkörperte Selbst=
Dieses Kapitel enthält historische Vorstellungen über Natur und Körper. Die Übersetzung bewahrt auch Angaben, die nicht dem heutigen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand entsprechen. Im Text dienen sie der Betrachtung von Verkörperung und Vergänglichkeit.

3.1 vināśotpattirevāsya taccāhāramayaṃ† viduḥ | karmaṇopyatimiśreṇa yaccharīramihātmanaḥ ||
Übersetzung: Entstehen und Vergehen gehören zu diesem Körper des Selbst. Man weiß ihn als aus Nahrung bestehend; er entsteht durch vielfältig vermischtes Karma.
3.2 tadbhūtapariṇāmena vijñeyam hi caturvidham | udbhidāḥ sthāvarājñeyās tṛṇagulmādi rūpiṇaḥ ||
Übersetzung: Durch die Umwandlung der Elemente ist er vierfach zu verstehen. Die aus der Erde hervorsprießenden, ortsfesten Wesen sind Gräser, Sträucher und ähnliche Pflanzen.
3.3 kṛmikīṭa pataṅgādyaḥ svedajānāma dehinaḥ | aṇḍajāḥ pakṣiṇaḥ sarve nakramatsyādi kacchapāḥ ||
Übersetzung: Würmer, Insekten und andere kleine Wesen heißen „aus Feuchtigkeit geboren“. Aus Eiern entstehen die Vögel sowie Krokodile, Fische, Schildkröten und dergleichen.
3.4 jarāyujāśca vijñeyā mānuṣāḥ sacatuṣpadāḥ | tatrasiktā jalairbhūmiḥ antarūṣma prapācitā ||
Übersetzung: Menschen und Vierfüßler gelten als aus einer Gebärmutter geboren. Die von Wasser benetzte Erde wird durch die in ihr enthaltene Wärme zur Reifung gebracht.
3.5 vāyunāvyūhyamānātu khe bījatvam prapadyate | ekaṣaṣṭyādi bījāni saṃsiktānyambunāpunaḥ ||
Übersetzung: Vom Wind bewegt, erlangt sie im Raum den Zustand des Samens. Die einundsechzig und weiteren Samenarten werden wiederum mit Wasser benetzt.
3.6 ucchūnatām mṛdutvam ca mūlabhāvam vrajanti ca | tanmūlādaṅkurotpattiḥ aṅkurātparṇa sambhavaḥ ||
Übersetzung: Sie schwellen an, werden weich und entwickeln Wurzeln. Aus der Wurzel entsteht der Spross; aus dem Spross entstehen Blätter.
3.7 parṇān nālam tataḥ kāṇḍam kāṇḍācca prasavam punaḥ | prasavācca tuṣaḥ kṣīram kṣīrāttaṇḍula sambhavaḥ ||
Übersetzung: Aus den Blättern entwickelt sich der Halm, daraus der Stängel, aus diesem die Blüte; danach entstehen die Hülle und der milchige Saft, aus dem sich das Korn bildet.
3.8 taṇḍulācca yathā pakvāstathā cauṣadhayas tadā | yavādyāśśāliparyantāḥ śreṣṭāḥ saptadaśaḥ smṛtāḥ ||
Übersetzung: So reifen die Körner und ebenso die übrigen Nutzpflanzen. Siebzehn, von Gerste bis Reis, gelten als die vorzüglichen Arten.
3.9 oṣadhyaḥ phalapākāntaśśeṣāḥ kṣudrāḥ prakīrtitāḥ | etālūnāmarditāśca śanairudbhūya saṃskṛtāḥ ||
Übersetzung: Oshadhis sind Pflanzen, deren Lebenslauf mit der Fruchtreife endet; die übrigen gelten als geringere Arten. Sie werden abgeschnitten, zerdrückt und nach und nach aufbereitet,
3.10 śūrpolūkhala yantrādyaiḥ sthālyām udakavahnibhiḥ | ṣaḍvidhāhāra bhedena pariṇāmam vrajanti tāḥ ||
Übersetzung: mit Worfelschwinge, Mörser, Geräten und dergleichen, im Kochtopf mit Wasser und Feuer. So verwandeln sie sich in die sechs Arten von Nahrung.
3.11 anyonyarasa saṃyogāt anekassvādutam gatāḥ | bhakṣyam bhojyam ca peyam ca lehyam coṣyam ca piccilam ||
Übersetzung: Durch die Verbindung ihrer Säfte nehmen sie vielerlei Geschmack an: Nahrung zum Kauen, zum Essen, zum Trinken, zum Lecken, zum Saugen und von schleimiger Beschaffenheit.
3.12 iti bhedāṣṣaḍannasya madhurādyāśca ṣaḍrasāḥ | tadannam piṇḍa kabalair grāsair bhuktam ca dehibhiḥ ||
Übersetzung: Dies sind die sechs Arten der Nahrung, dazu die sechs Geschmacksrichtungen, beginnend mit süß. Die verkörperten Wesen nehmen diese Nahrung in Bissen, Mundvollportionen und Schlucken auf.
3.13 antastham āśaye pūrvam prāṇaḥ sthāpayate kramāt | aviṣvaksthāpya cāhāram sa vāyuḥ kurute dvidhā ||
Übersetzung: Prana bringt sie zunächst in den inneren Verdauungsraum. Nachdem dieser Wind die Nahrung darin verteilt hat, teilt er sie in zwei Bestandteile.
3.14 sampraviśyānnamadhye tu pṛthagannam pṛthagjalam | agnerurdhvam jalam sthāpya tadannam ca jalopari ||
Übersetzung: Er tritt in die Nahrung ein und sondert Festes und Flüssiges. Oberhalb des Feuers bringt er das Wasser unter und die Nahrung oberhalb des Wassers.
3.15 jalasyādhaḥ svayam prāṇaḥ sthitvāgnim dhamate śanaiḥ | vāyunā dhāmyamānogniḥ atyuṣṇam kurute jalam ||
Übersetzung: Prana selbst steht unter dem Wasser und facht das Feuer allmählich an. Vom Wind angefacht, erhitzt das Feuer das Wasser stark.
3.16 tadannam uṣṇatoyena samantāt pacyate punaḥ | dvidhā bhavati tatpakvam pṛthak kiṭṭam pṛthag jalam ||
Übersetzung: Durch dieses heiße Wasser wird die Nahrung ringsum gekocht. Das Verdaute scheidet sich wiederum in zwei Teile: Abfall und Flüssigkeit.
3.17 malairdvādaśabhiḥ kiṭtam bhinnam dehād bahir vrajet | karṇākṣi nāsikā jihva dantaśśiśna gudam nakhāḥ ||
Übersetzung: Der Abfall verlässt den Körper, in zwölf Ausscheidungsformen unterschieden. [Genannt werden] Ohren, Augen, Nase, Zunge, Zähne, Geschlechtsorgan, After und Nägel als Orte der Unreinheit,
3.18 malāśrayāḥ kaphaḥ svedau viṇmūtram dvādaśaḥ smṛtāḥ | hṛtpadme pratibaddhāśca sarvanādyaḥ samantataḥ ||
Übersetzung: sowie Schleim, Schweiß, Kot und Urin; zwölf werden angegeben. Sämtliche Nadis sind ringsum mit dem Herzlotus verbunden.
3.19 tāsām mukheṣu tatsūkṣmam prāṇaḥ sthāpayate rasam | rasena tena te nāḍīḥ prāṇaḥ pūrayate punaḥ ||
Übersetzung: In ihre Öffnungen führt Prana den subtilen Nahrungssaft ein. Mit diesem Saft füllt Prana wiederum die Nadis.
3.20 punaḥ prayānti sampūrṇāḥ tāśca deham samantataḥ | tataḥ sa nāḍi madhyasthaś śarīreṇoṣmaṇā punaḥ ||
Übersetzung: Vollgefüllt durchziehen sie den ganzen Körper. Der Saft, der sich in den Nadis befindet, wird sodann durch die Körperwärme [weiter umgewandelt].
3.21 tvaktala veṣṭitam pūrvam rudhiram ca prajāyate | raktāllomāni māṃsañca keśātsnāyuśca māṃsataḥ ||
Übersetzung: Zunächst bildet sich Blut, unter der Haut eingeschlossen. Aus Blut entstehen Körperhaare und Fleisch; [genannt werden auch] Kopfhaare, und aus Fleisch die Sehnen.
3.22 snāyoḥ sirāḥ tatosthīni nakhāmajjāsthi sambhavāḥ | majjāt karaṇa vaimalyam śuklañca prasavātmakam ||
Übersetzung: Aus den Sehnen entstehen Gefäße, danach Knochen; Nägel und Mark entstehen aus den Knochen. Aus dem Mark kommen die Klarheit der Vermögen und der zur Fortpflanzung befähigte Samen.
3.23 iti dvādaśadhā tasya pariṇāmaḥ prakīrtitaḥ | śuklam annāt tataśśuklāt asya dehasya sambhavaḥ ||
Übersetzung: So wird seine zwölfteilige Umwandlung beschrieben. Aus Nahrung entsteht Samen; aus diesem Samen entsteht dieser Körper.
3.24 ṛtukāle yadā śuklam nirdoṣam yoni saṃsthitam | tadātadvāyunākṛṣṭam strīraktenaikatām vrajet ||
Übersetzung: Wenn in der empfänglichen Zeit unversehrter Samen in der Gebärmutter verweilt, wird er vom Wind herangezogen und verbindet sich mit dem Blut der Frau.
3.25 madhurādvardhate śuklam amlān majjā pravardhate | lavaṇādvardhate cāsthi tiktān medaḥ pravardhate ||
Übersetzung: Durch Süßes wächst der Samen, durch Saures das Mark; durch Salziges wachsen die Knochen, durch Bitteres das Fett.
3.26 kaṭukādvardhate māṃsam kaṣāyācchoṇitam rasāt | dhātuḥ kramāt praveśe tu ṣaḍrasam dehavardhanam ||
Übersetzung: Durch Scharfes wächst das Fleisch, durch zusammenziehenden Geschmack das Blut. Die sechs Geschmacksrichtungen nähren den Körper, indem sie der Reihe nach in seine Gewebe eingehen.
3.27 majjatam śuklatāmeti divase cāṣṭame nṛṇām | agnissarvātmakam sarvam jagatsthāvara jaṅgamam ||
Übersetzung: Am achten Tag wird [der Nahrungssaft] bei den Menschen zu Mark und Samen. Das Feuer ist in allem wirksam, in der gesamten beweglichen und unbeweglichen Welt.
3.28 visargakāle śuklasya jīvaḥ karaṇa samyutaḥ | prītyā niveśate yonim karmabhiḥ svairniyojitaḥ ||
Übersetzung: Bei der Ausscheidung des Samens tritt das lebendige Selbst, mit seinen Vermögen verbunden und vom eigenen Karma bestimmt, hingezogen in den Mutterschoß ein.
3.29 tacchuklam raktasamyuktam ekāhāt kalalam bhavet | pañca rātreṇa kalalam budbudākāratām vrajet ||
Übersetzung: Der mit Blut verbundene Samen wird nach einem Tag zum Kalala, einer Keimmasse. Nach fünf Nächten nimmt diese die Gestalt einer Blase an.
3.30 budbudam sapta rātreṇa māse† peśī bhavetpunaḥ | dvisaptāhāt bhavet peśī raktamāṃsāccitā dṛḍhā ||
Übersetzung: Die Blase [entwickelt sich] nach sieben Nächten, in einem Monat, zu einer Fleischmasse; nach zwei Wochen wird die Fleischmasse fest und von Blut und Fleisch durchsetzt. [Die Zeitangaben sind in der Vorlage widersprüchlich.]
3.31 bījasyevāṅkuraḥ peśyāḥ pañcaviṃśati rātrataḥ | bhavanti māsamātreṇa pañcadhā jāyate punaḥ ||
Übersetzung: Wie ein Spross aus einem Samen wächst, bilden sich nach fünfundzwanzig Nächten Ansätze an der Fleischmasse. Nach einem Monat wird sie fünffach gegliedert.
3.32 grīvā śiraśca skandhaśca pṛṣṭha vaṃśastathodaram | pāṇiḥ pādam tathā pārśvam kaṭirgātram tathaiva ca ||
Übersetzung: Hals, Kopf, Schultern, Wirbelsäule, Bauch, Hand, Fuß, Flanke, Hüfte und Glieder –
3.33 dvimāsābhyantare sarve kramaśas sambhavanti hi | tribhir māsair prajāyante sarvāṅgāṅkura sandhayaḥ ||
Übersetzung: all dies entwickelt sich schrittweise innerhalb von zwei Monaten. Nach drei Monaten entstehen die Verbindungsstellen der Ansätze sämtlicher Glieder.
3.34 māsaircaturbhiraṅgulyaḥ prajāyante yathā kramam | mukham nāsā ca karṇau ca māsair jāyanti pañcabhiḥ ||
Übersetzung: Nach vier Monaten entstehen der Reihe nach die Finger; Gesicht, Nase und Ohren entstehen nach fünf Monaten.
3.35 dantapaṅktis tathā guhyam jāyante ca nakhāḥ punaḥ | karṇayostu bhavecchidre ṣaṇmāsābhyantareṇa tu ||
Übersetzung: Die Zahnreihen, die verborgenen Körperteile und die Nägel entstehen; innerhalb von sechs Monaten bilden sich die beiden Ohröffnungen.
3.36 pāyurmeḍram upastham ca nābhiṣcāpyupajāyate | sandhayo ye ca gātreṣu māsair jāyanti saptabhiḥ ||
Übersetzung: After, männliches Geschlechtsorgan, Genitalbereich und Nabel entstehen ebenfalls. Die Gelenkverbindungen der Glieder entwickeln sich nach sieben Monaten.
3.37 aṅgapratyaṅga sampūrṇāś śirasā ca samanvitaḥ | vibhaktāvayavaspaṣṭaḥ punarmāsāṣṭakena tu ||
Übersetzung: Nach acht Monaten sind die großen und kleinen Glieder vollständig, der Kopf ist ausgebildet, und die einzelnen Körperteile treten deutlich hervor.
3.38 pañcātmaka samāyuktaḥ paripakvas sa tiṣṭhati | evamāhārya vīryeṇa ṣaḍvidhena rasena ca ||
Übersetzung: Mit den fünf [Elementen] verbunden, verweilt es ausgereift. Durch die nährende Kraft und den sechsfältigen Nahrungssaft,
3.39 nābhisūtra nibaddhena vardhate sa dine dine | tataḥ smṛtim labhej jīvas sampūrṇesmin śarīrake ||
Übersetzung: über die Nabelschnur verbunden, wächst es Tag um Tag. Wenn dieser Körper vollständig geworden ist, erlangt das lebendige Selbst Erinnerung.
3.40 sukhaduḥkham vijānāti nidrāsvapnam purakṛtam | mṛtaścāham punar jāto jātaścāham punar mṛtaḥ ||
Übersetzung: Es erkennt Freude und Leid, Schlaf, Traum und früher Getanes: „Ich starb und wurde wieder geboren; ich wurde geboren und starb wieder.
3.41 nānāyoni sahasrāṇi mayādṛṣṭāni jānatā | adhunājātamātroham prāpta saṃskāra eva vā ||
Übersetzung: Tausende verschiedener Mutterschöße habe ich bewusst erfahren. Sobald ich nun geboren bin oder die entsprechenden Weihen empfangen habe,
3.42 tataḥ śreyaḥ kariṣyāmi yena garbho na sambhavet | garbhantascintayedevam mahā garbhādvinissṛtāḥ ||
Übersetzung: werde ich das Heilsame tun, durch das keine neue Schwangerschaft für mich entsteht.“ So denke es im Mutterschoß: „Aus diesem großen Mutterschoß hervorgegangen,
3.43 adhyeṣyāmi śivajñānam saṃsāra vinivṛttakam | evam sa garbhe duḥkhena mahatāparipīḍitaḥ ||
Übersetzung: werde ich die Shiva-Erkenntnis studieren, die den Samsara beendet.“ So ist es im Mutterschoß von großem Leid bedrängt.
3.44 jīvaḥ karmavaśādāste mokṣopāyam vicintayan | sattvam prakāśakam bhāvam rajo rāgātmakam guha ||
Übersetzung: Unter der Macht des Karma verweilt das lebendige Selbst dort und denkt über den Weg zur Befreiung nach. Sattva bringt einen erhellenden Zustand hervor, Rajas einen von Verlangen geprägten, o Guha.
3.45 tamo mohātmakam bhāvam utpādayati dehinām | satvāt sañjāyate jñānam rajaso lobha eva ca ||
Übersetzung: Tamas bewirkt einen Zustand der Verblendung bei den verkörperten Wesen. Aus Sattva entsteht Erkenntnis, aus Rajas die Gier.
3.46 tamaso asatyam ajñānam pramādālasyam eva ca | satvāt satyam daya dhairyam vinayam sthairyameva ca ||
Übersetzung: Aus Tamas entstehen Unwahrheit, Unwissenheit, Unachtsamkeit und Trägheit. Aus Sattva entstehen Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Mut, Bescheidenheit und Festigkeit.
3.47 rajasaḥ krodha dambhau ca nirdayatvam ca jāyate | ūrdhvam gacchanti sattvasthā madhye tiṣṭanti rājasāḥ ||
Übersetzung: Aus Rajas entstehen Zorn, Heuchelei und Hartherzigkeit. Die in Sattva Ruhenden steigen auf; die von Rajas Geprägten bleiben in der Mitte.
3.48 jaghanyaguṇa vṛttisthā adho gacchanti tāmasāḥ | rajastamaścābhibhūya sattvam vardhati ṣaṇmukha ||
Übersetzung: Die von Tamas Geprägten, die sich in der niedrigsten Wirkungsweise der Gunas bewegen, sinken ab. Sattva wächst, indem es Rajas und Tamas überwältigt, o Sechsgesichtiger.
3.49 rajassattvam tamaścaiva tamassattvam rajas tathā | yameva sevate puruṣoti saṅgāt sadāguṇam† ||
Übersetzung: Ebenso überwiegt Rajas Sattva und Tamas, und Tamas überwiegt Sattva und Rajas. Welcher Guna sich ein Mensch durch fortgesetzte Anhaftung hingibt, [der gewinnt die Oberhand].
3.50 asthi paṭṭa tulāstambham snāyu baddhena yantritam | raktamāṃsa mṛdāliptam viṇmūtra dravabhājanam ||
Übersetzung: [Der Körper gleicht einem Haus:] Seine Bretter, Balken und Säulen sind Knochen, von Sehnen zusammengehalten; mit dem Lehm aus Blut und Fleisch verputzt, ist er ein Gefäß für Kot, Urin und Flüssigkeiten.
3.51 keśaroma tṛṇacchannam rogāyatanamāturam | vadanaika mahādvāram gavākṣāṣṭaka bhūṣitam ||
Übersetzung: Kopf- und Körperhaare bilden sein Strohdach; er ist leidend und eine Stätte der Krankheiten. Der Mund ist sein großes Haupttor, dazu besitzt er acht Fenster.
3.52 oṣṭadvaya kavāṭañca dantajihvārgalānvitam | nābhisveda† pravāhāntam kapha pitta pariplutam ||
Übersetzung: Die beiden Lippen sind seine Türflügel, Zähne und Zunge die Riegel. [Genannt werden] Nabel und Schweißabfluss; er ist von Schleim und Galle durchströmt.
3.53 jarāśoka samaviṣṭam kālacakrānale sthitam | kāmakrodhendhanākrāntam vyasanaiścopamarditam ||
Übersetzung: Alter und Kummer sind in ihn eingezogen. Er steht im Feuer des Zeitrades; Begehren und Zorn liefern den Brennstoff, und Bedrängnisse zermürben ihn.
3.54 bhogatṛṣṇāturam mūḍham rāgadveṣa vaśānugam | samvartitāṅga pratyaṅgam jarāyu pariveṣṭitam ||
Übersetzung: Von der Gier nach Genuss gequält und verblendet, folgt er der Macht von Anziehung und Abneigung. Seine großen und kleinen Glieder waren zusammengefaltet und von der Embryonalhülle umgeben.
3.55 sañkaṭenāviviktena yonimārgeṇa nirgatam | viṇmūtrarakta siktāṅgam ṣāṭkauśika samudbhavam ||
Übersetzung: Durch den engen, unreinen Geburtsweg ist er hervorgekommen; seine Glieder waren mit Kot, Urin und Blut benetzt. Er ist aus sechs körperlichen Bestandteilen entstanden.
3.56 asthipañjara saṅkhyānam jñeyamasmin kalebare | śatatrayam ṣaṣṭyadhikam pañcapeśī śatāni ca ||
Übersetzung: Die Zahl der Knochen dieses Körpers soll als dreihundertsechzig erkannt werden; dazu werden fünfhundert Fleisch- beziehungsweise Muskelgebilde angegeben.
3.57 sārdhabhistisṛbhiśchannam samantādroma koṭibhiḥ | śarīram sthūla sūkṣmabhiḥ dṛśyādṛśyabhirāsthitam ||
Übersetzung: Ringsum ist der Körper von dreieinhalb Kotis an Haaren bedeckt, groben und feinen, sichtbaren und unsichtbaren.
3.58 etāvatībhir nāḍīnām koṭibhistatsamanvitam | prasvedamaśucim yābhiḥ antastham sravate bahiḥ ||
Übersetzung: Ebenso viele Kotis an Nadis durchziehen ihn. Durch sie fließt der unreine Schweiß aus dem Inneren nach außen.
3.59 dvātriṃśad daśanā proktā viṃśatiśca nakhāḥ smṛtāḥ | pittasya kuḍabam jñeyam kaphasyardhāḍakam smṛtam ||
Übersetzung: Zweiunddreißig Zähne werden genannt, dazu zwanzig Nägel. Für Galle wird ein Kudava angegeben, für Schleim ein halbes Adhaka.
3.60 vasāyāśca palam triṃśat tadardham kalalasya ca | pañcārbudapalā jñeyāḥ palāni daśa medasaḥ ||
Übersetzung: Für Vasa werden dreißig Palas genannt, für Kalala die Hälfte davon; für Arbuda fünf Palas, für Medas zehn Palas. [Die Begriffe bezeichnen hier unterschiedliche Körperstoffe beziehungsweise Gewebemassen.]
3.61 palatrayam mahāraktam majjāsyāt taccaturguṇam | ardham ca kudabam śuklam tadvīryam prāṇinām balam ||
Übersetzung: Maharaktam wird mit drei Palas angegeben; das Mark beträgt das Vierfache davon. Der Samen umfasst einen halben Kudava; er gilt als Fortpflanzungskraft und Stärke der Lebewesen.
3.62 māṃsasyacaika piṇḍena sahasrapalamucyate | raktampalaśatam jñeyam viṇmūtrañcāpramāṇataḥ | iti dehastvabhihito nityasyānitya ātmanaḥ ||
Übersetzung: Die Gesamtmasse des Fleisches wird mit tausend Palas angegeben, das Blut mit hundert; Kot und Urin sind mengenmäßig nicht festgelegt. So wurde der vergängliche Körper des ewigen Selbst beschrieben.
Kapitelabschluss: bhūtātmaprakaraṇaṃ samāptam |
Hier endet der Abschnitt über das verkörperte Selbst.
=Vidyapada – Kapitel 4: Das innere Selbst=
Der kurze Abschnitt verbindet das innere Selbst mit dem Entstehen von Klang und Sprache.
4.1 yontare vartate śabdas tasya vācā pravartakaḥ | prāṇāpāna samāyogāt sontarātmā prakīrtitaḥ ||
Übersetzung: Der im Inneren vorhandene Klang ist der Auslöser der Rede. Durch die Verbindung von Prana und Apana wird er als inneres Selbst bezeichnet.
4.2 tasmācca sarva śāstrāṇi saṃskṛta prākṛtāni ca | deśabhāṣādibhir nityam vidhivat sampravartate ||
Übersetzung: Aus ihm entfalten sich fortwährend und ihrer Ordnung gemäß sämtliche Lehrschriften in Sanskrit und Prakrit sowie in den verschiedenen Landessprachen.
4.3 paśavaśca mṛgāścaiva pakṣiṇaśca sarīsṛpāḥ | yāvantaḥ kecana satvā uccaranti sadā tu tam ||
Übersetzung: Haustiere und wilde Tiere, Vögel und kriechende Wesen – alle Lebewesen, die es gibt, bringen beständig diesen [inneren Klang] zum Ausdruck.
Kapitelabschluss: antarātmaprakaraṇaṃ samāptam |
Hier endet der Abschnitt über das innere Selbst.
=Vidyapada – Kapitel 5: Das Selbst und die Tattvas=
5.1 sūkṣmā vai pañca tanmātra mano ahaṅkāram eva ca | buddhiraṣṭa guṇā jñeyā guṇāvyaktam ca pauruṣam ||
Übersetzung: Die fünf subtilen Tanmatras, der Geist, das Ichbewusstsein und Buddhi, die als mit acht Eigenschaften versehen zu erkennen ist; ferner Guna, das Unmanifestierte und das Purusha-Prinzip,
5.2 kalākālas tathā māyā vidyā vidyeśvaram ca yat | sadāśivam tathā tattvam baindavam śāntam eva ca ||
Übersetzung: Kala, Zeit, Maya, Vidya und Vidyeshvara, ebenso das Sadashiva-Tattva, das Bindu-Prinzip und das Friedvolle –
5.3 eteṣām eva saṃyogāt tattvātmā puruṣaḥ smṛtaḥ | tattvametair jagatkṛtsnam pāśāścaite malātmakāḥ ||
Übersetzung: durch die Verbindung mit diesen wird Purusha als Tattvatman bezeichnet. Von diesen Prinzipien ist die ganze Welt durchwoben; sie sind Fesseln von der Natur der Unreinheit.
5.4 susūkṣmas sarvagā nityās sahajās sarva jantuṣu | prakṛtiścaiva boddhavyā prakriyā ca nigadyate ||
Übersetzung: Sie sind überaus subtil, alldurchdringend, beständig und allen Wesen von jeher zugehörig. Auch Prakriti ist zu erkennen; dies wird als die Ordnung der Entfaltung erklärt.
5.5 na param prakriyā jñānān na śivād vyāpakam param | na yogāt paratas siddhiḥ na śamāt paramam sukham ||
Übersetzung: Nichts übertrifft die Erkenntnis dieser Ordnung; nichts Alldurchdringendes übertrifft Shiva. Keine Vollendung ist höher als Yoga, keine Freude höher als innerer Friede.
5.6 udayo yasya tattvasya dehe bhavati ṣaṇmukha | tadātmakam sadā dehī vikāram anuvartate ||
Übersetzung: Welches Tattva auch im Körper hervortritt, o Sechsgesichtiger: Der Verkörperte nimmt dessen Beschaffenheit an und folgt seiner Veränderung.
5.7 yasmimścarati bhūtātmā tattattvam pravisarpate | abhibhūya sarva tattvāni sa ca tanmayatām vrajet ||
Übersetzung: In welchem [Prinzip] sich das verkörperte Selbst bewegt, in dieses Tattva tritt es ein. Alle Tattvas überwindend, gelangt es zum Einssein mit jenem [Prinzip].
5.8 muhurmuhus sadādehī sarva tattvairanukramāt | saṃcarantyavibhaktyā tu vyāpakatvam ca sarvataḥ ||
Übersetzung: Immer wieder bewegt sich das verkörperte Wesen der Reihe nach durch sämtliche Tattvas, ungeschieden mit ihnen verbunden und überallhin ausgedehnt.
5.9 tacca tasya sadā skanda tattvabhavaiḥ pṛthagvidhaiḥ | lakṣyate vyāpakasyāpi udayāstamanas sthitiḥ ||
Übersetzung: So wird bei ihm, o Skanda, obwohl es alldurchdringend ist, ein Zustand des Aufgehens und Untergehens in den verschiedenen Erscheinungsweisen der Tattvas wahrgenommen.
5.10 tathā tattvādhipān bhāvān pragṛhṇāti ṣaḍānana | sarvadharma mayohyātmā yathākāmam prakalpayet ||
Übersetzung: Ebenso nimmt es die Zustände der Herren der Tattvas an, o Sechsgesichtiger. Das Selbst enthält alle Eigenschaften; es möge sich nach Wunsch [auf die entsprechende Wirklichkeit] ausrichten.
5.11 yasmin sthito ratim yāti tameva parisevate | tasmiṃs tattve sthitim vidyāt tataḥ karma samācaret ||
Übersetzung: In welchem Tattva jemand verweilt und Freude findet, eben diesem dient er. Man erkenne seinen Stand in diesem Tattva und vollziehe dann das entsprechende Handeln.
5.12 tasmādevam viditvātu śivatattve nirāmaye | nirvikāre nirādhāre ratim kuryadvicakṣaṇaḥ ||
Übersetzung: Wer dies erkannt hat, soll als Einsichtiger Freude am Shiva-Tattva finden: frei von Übel, unveränderlich und ohne Stütze.
5.13 dehīsarvagatas sūkṣmaḥ purāṇaśśāśvato dhruvaḥ | vyāpakas sarvatattvānām ajo ’vyaktas sanātanaḥ ||
Übersetzung: Der Verkörperte ist allgegenwärtig, subtil, uranfänglich, ewig und beständig; er durchdringt sämtliche Tattvas, ist ungeboren, unmanifestiert und anfangslos.
5.14 asvatantro nibaddhaśca cinmātro maladūṣitaḥ | sammūḍho anitya saṃsārī kiñcijño anīśvaro akriyaḥ ||
Übersetzung: [In Bindung erscheint er jedoch] unfrei und gefesselt, bloßes Bewusstsein, von Unreinheit getrübt; verwirrt, dem vergänglichen Samsara unterworfen, wenig wissend, ohne Souveränität und freie Wirksamkeit.
5.15 paśudharmo asya saṃjñeyaḥ śivadharmas tato anyadhā | paśudharmādayaḥ pumso hyanekākāra rūpadhṛk ||
Übersetzung: Dies ist als die Beschaffenheit des gebundenen Wesens zu erkennen; die Beschaffenheit Shivas ist anders. Entsprechend diesen und anderen Zuständen trägt Purusha vielerlei Gestalten.
5.16 ātmā jantuḥ pumān dehī puruṣaḥ pudgalī tathā | jīvaḥ kapālī kṣetrajñaḥ paryāyā evamādayaḥ ||
Übersetzung: Atman, Jantu, Puman, Dehin, Purusha, Pudgalin, Jiva, Kapalin und Kshetrajna: Dies und Ähnliches sind verschiedene Bezeichnungen [des Selbst].
5.17 sarve dharmātmanas santi saṃyuktaḥ sarva karmabhiḥ | sarvān dehān avāpnoti yāti sarvāsu yoniṣu ||
Übersetzung: Alle Eigenschaften gehören zum Selbst. Mit den verschiedenen Karmas verbunden, erlangt es alle Arten von Körpern und geht in sämtliche Geburtsformen ein.
5.18 yāvannotpadyate jñānam tāvat bhramati karmaṇā | ajñānāvṛta dehastu duḥkhaśoka pariplutaḥ ||
Übersetzung: Solange Erkenntnis nicht entsteht, wandert es durch sein Karma umher, von Unwissenheit verhüllt und von Leid und Kummer überschwemmt.
5.19 jñānam labdhvā parām śāntim acireṇādhigacchati | tathā tu sarva duḥkhānām hānirasyopa jāyate ||
Übersetzung: Hat es Erkenntnis erlangt, erreicht es bald den höchsten Frieden. So kommt für es das Ende sämtlicher Leiden.
Kapitelabschluss: tattvātmaprakaraṇaṃ samāptam |
Hier endet der Abschnitt über das mit den Tattvas verbundene Selbst.
=Vidyapada – Kapitel 6: Das Selbst als Mantra=
Die folgenden Laut- und Ritualanweisungen werden vollständig übersetzt. Unklare Verschlüsselungen werden nicht zu zusätzlichen Mantras ergänzt.

6.1 tataḥ param pravakṣyāmi puruṣam mantra vigraham | sarvaśokaharam dīptam sarvapāpaharam param ||
Übersetzung: Nun werde ich Purusha als Mantra-Leib erläutern: leuchtend, erhaben, allen Kummer und alles Übel beseitigend.
6.2 sadevāsura yakṣāṇām kinnarāpsara† rakṣasām | pitṛmātṛ gaṇānāñca siddhavidyādharādiṣu ||
Übersetzung: Für Götter, Asuras, Yakshas, Kinnaras, Apsaras, Rakshasas, Ahnen- und Müttergruppen, Siddhas, Vidyadharas und andere,
6.3 nāga gandharva tiryakṣu piśācānāṃ† ca mānuṣām | śivādau sarva tattvānām mantrāvindanti śāśvatāḥ ||
Übersetzung: für Nagas, Gandharvas, Tiere, Pishachas und Menschen sowie für sämtliche Tattvas, beginnend mit Shiva, bestehen ewige Mantras.
6.4 nāsti mantrairvinā kaścit sarvam sthāvara jaṅgamam | yāvantaḥ ye ca te sattvāḥ mantrādhiṣṭhita vigrahāḥ ||
Übersetzung: Nichts Bewegliches oder Unbewegliches besteht ohne Mantras. Alle Wesen haben Gestalten, die von Mantras getragen und beherrscht werden.
6.5 yasya yasya hi tattvasya ādimam tu yadakṣaram | ṣaṣṭham trayodaśāntañca† tasminstasmin niyojayet ||
Übersetzung: Bei jedem Tattva nehme man seinen Anfangslaut und verbinde damit den sechsten und den am Ende des dreizehnten [Platzes stehenden Laut]. [Die verschlüsselte Lautangabe bleibt hier unaufgelöst.]
6.6 tanmantram ca vijānīyāt sarva tattvātmakam param | bindunālaṅkṛtam mūrdhni sarvakāma phalapradam ||
Übersetzung: Diesen erkenne man als den höchsten Mantra, der das Wesen sämtlicher Tattvas trägt. Oben mit Bindu geschmückt, gewährt er die Frucht aller Wünsche.
6.7 teṣām aṅgāni yuñjīta na brahmāsteṣu kīrtitāḥ | dīrghaiḥ bhinnāḥ smṛtāhyaṅgā netrānusvara samyutaḥ ||
Übersetzung: Man bilde die zugehörigen Glieder-Mantras; Brahma-Mantras werden für sie nicht angegeben. Die Glieder unterscheiden sich durch die langen [Vokale]; das Auge ist mit Anusvara verbunden.
6.8 savisargaḥ smṛtohyastraḥ sonusvāra vivarjitaḥ | itareṣāntu bījānām mūrdhni bindum pradāpayet ||
Übersetzung: Das Astra wird mit Visarga gelehrt und ist ohne Anusvara. Bei den übrigen Keimsilben setze man oben den Bindu hinzu.
6.9 oṅkāra dīpitā mantrā namaskārānta yojitāḥ | arcane samprayoktavyā home svāhānta yojitāḥ ||
Übersetzung: Bei der Verehrung sollen die Mantras durch Om erhellt und am Ende mit der Huldigungsformel verbunden werden; beim Feueropfer erhalten sie Svaha als Abschluss.
6.10 āvāhanārghya pātreṣu sthāpanācamaneṣu ca | snapane mantra vinyāse dhāraṇā dhyāna karmasu ||
Übersetzung: Bei Anrufung, Arghya und den Gefäßen, bei Einsetzung und rituellem Nippen, beim Baden, beim Auflegen der Mantras sowie bei Dharana und Dhyana,
6.11 pūjābali vidhāneṣu japahoma kriyāsu ca | śivasya yo vidhiḥ proktas sarvakarma krameṣu ca ||
Übersetzung: bei Puja und Bali, Japa und Feueropfer und in sämtlichen Handlungsfolgen: Die Vorschrift, die für Shiva gelehrt wurde,
6.12 sarveṣāmeva tattvānām tam vidhim parikalpayet | anuktam yadbhavet kiñcit tatsarvam hṛdayena tu ||
Übersetzung: wende man auf sämtliche Tattvas an. Was im Einzelnen nicht genannt ist, vollziehe man mit dem Herz-Mantra.
6.13 evam vidhi vidhānajño buddhyā karma samācaret | paramīkaraṇam proktam sarva tattveṣu mantravit ||
Übersetzung: Wer die Ordnung der Vorschriften kennt, vollziehe die Handlung mit Einsicht. Der Mantrakundige [vollzieht] die als Paramikarana bezeichnete Erhebung zum Höchsten bei allen Tattvas.
6.14 yo yasyaiva bhaven mantro vācya vācaka bhedataḥ | sthūlassūkṣmaḥ parassohi mantrātmā puruṣaḥ smṛtaḥ ||
Übersetzung: Je nach der Unterscheidung von Bezeichnetem und Bezeichnendem besitzt jedes [Prinzip] seinen Mantra. Als grob, subtil und höchst wird jener Purusha verstanden, dessen Wesen Mantra ist.
6.15 sthūlam sūkṣmam param jñātvā karma kuryādyathepsitam | sthūlam śabdam iti proktam sūkṣmam cintāmayam bhavet ||
Übersetzung: Nachdem man das Grobe, Subtile und Höchste erkannt hat, vollziehe man die beabsichtigte Handlung. Das Grobe wird als Klang bezeichnet; das Subtile besteht in innerer Vergegenwärtigung.
6.16 cintayārahitam yattu tatparam parikīrtitam | sthūlastu vācikīm buddhim sūkṣmo yogañca yaccati ||
Übersetzung: Was frei von gedanklicher Vergegenwärtigung ist, heißt das Höchste. Das Grobe vermittelt sprachlich gefasstes Erkennen, das Subtile vermittelt Yoga.
6.17 paraṃ ca paranirvāṇaṃ yaṃ prāpya na nivartate ||
Übersetzung: Das Höchste [vermittelt] die höchste Befreiung; wer sie erreicht, kehrt nicht zurück.
6.18 yathā pradīpaḥ pratibuddhyamāno bhavatyanekaḥ punareka eva | yathāmbhaso anekavidhasya loke jātyantaram hyekamaneka rūpam | tathaiva mantrasya veditavyam jātyantaram hyekam anekarūpam ||
Übersetzung: Wie ein Licht beim Entzünden [weiterer Lichter] zu vielen wird und doch eines bleibt, wie Wasser in der Welt vielerlei Gestalt annimmt und seiner Art nach eines bleibt: Ebenso ist beim Mantra zu verstehen, dass das Eine vielfältige Gestalt annimmt.
6.19 yameva sādhayen mantram tamātmānam prakalpayet | tadātmakāḥ smṛtā hyaṅgā bahirantar vibhāgaśaḥ ||
Übersetzung: Welchen Mantra man auch verwirklichen will, als diesen vergegenwärtige man das eigene Selbst. Seine Glieder gelten als von demselben Wesen, in ihrer äußeren wie inneren Ausprägung.
6.20 yasya yā yādṛgvidham rūpam vratam tasyaiva tādṛśam | tādṛśo apyupacārastu mantradevānu rūpataḥ ||
Übersetzung: Wie die jeweilige Gestalt beschaffen ist, so ist das ihr entsprechende Gelübde. Ebenso richten sich die Darbringungen nach der jeweiligen Mantra-Gottheit.
6.21 śāstropadiṣṭa mārgeṇa yathārūpam prakalpayet | tathārūpo bhaven mantraḥ tataḥ karma prasādhayet ||
Übersetzung: Gemäß dem von der Lehrschrift gewiesenen Weg vergegenwärtige man die entsprechende Gestalt. Der Mantra nimmt diese Gestalt an; dann führe man die Handlung zur Vollendung.
6.22 śroturbhāva vibhedāttu varṇarūpam pṛthagvidham | sarvopāśraya saṃpannam sphaṭikopalavadyathā ||
Übersetzung: Durch die unterschiedlichen inneren Ausrichtungen des Hörenden erscheinen Farbe und Gestalt verschieden, wie bei einem Kristall, der die Eigenschaften seiner jeweiligen Umgebung annimmt.
6.23 iti mantrātma puruṣaḥ proktas sarvārtha sādhakaḥ | sarvajñaḥ sarvagaścaiva sarvarūpamayo hi saḥ ||
Übersetzung: So wurde Purusha als Mantratman erklärt, der alle Ziele verwirklicht. Er ist allwissend, allgegenwärtig und trägt sämtliche Gestalten in sich.
Kapitelabschluss: mantrātmaprakaraṇaṃ samāptam |
Hier endet der Abschnitt über das Selbst als Mantra.
=Vidyapada – Kapitel 7: Das höchste Selbst=
Ergänzender Vortrag aus der heutigen Yoga-Vidya-Lehre: „Kundalini – die kosmische Kraft“. Das Video beleuchtet den weiteren yogischen Zusammenhang von Bewusstsein und Kraft; es ist kein Kommentar dieses Kapitels.
7.1 parātparataram vakṣye mantrātītam nirāmayam | nirguṇañca nirādhāram varṇarūpa vivarjitam ||
Übersetzung: Ich werde nun das Höchste jenseits des Hohen erklären: jenseits der Mantras, frei von Übel, ohne Gunas und ohne Stütze, frei von Farbe und Gestalt.
7.2 sarvajñassarvagaśśāntassarvātmā sarvatomukhaḥ | atīndriyo nirālambas susūkṣmaśśāśvato avyayaḥ ||
Übersetzung: Es ist allwissend, allgegenwärtig, friedvoll, das Selbst aller und allumfassend; jenseits der Sinne, ohne Halt an anderem, überaus subtil, ewig und unvergänglich.
7.3 niraupamyo aprameyaśca paramātmā prakīrtitaḥ | yādṛśena tu bhāvena puruṣas samupāsate ||
Übersetzung: Unvergleichlich und unermesslich wird es das höchste Selbst genannt. Mit welcher inneren Ausrichtung ein Mensch es verehrt,
7.4 ekadhā bahudhā caiva tathaiva pratipādyate | yameva cintayedrūpam sarvam ātmani vidyate ||
Übersetzung: als eines oder als vielfältig: Entsprechend wird es erfahren. Jede Gestalt, die man sich vergegenwärtigt, ist im Selbst enthalten.
7.5 sarvakāmapradohyātmā proktaṣṣaḍbheda vistaraḥ | bhūtātmāhyantarātmā ca tattvātmā jīva saṃjñakaḥ ||
Übersetzung: Das Selbst, das alle Wünsche erfüllt, wurde in einer sechsfachen Entfaltung erklärt: als Bhutatman, Antaratman, Tattvatman und als Jiva bezeichnet,
7.6 mantrātmā paramākhyaśca ekopi bahudhā sthitaḥ | bhūtātmā bhūta saṃyogāt tattvātmā tattva saṃsthitaḥ ||
Übersetzung: als Mantratman und als das Höchste. Obwohl eines, besteht es in vielerlei Weise. Durch seine Verbindung mit den Elementen ist es Bhutatman; im Bereich der Tattvas ist es Tattvatman.
7.7 mantrātmā mantrayogena antarātmā girānvitaḥ | bhoktātu sukha duḥkhānām prakṛtistho guṇānvitaḥ ||
Übersetzung: Durch die Verbindung mit Mantra ist es Mantratman, durch seine Verbindung mit der Rede Antaratman. Als Erfahrender von Freude und Leid steht es in Prakriti und ist mit den Gunas verbunden.
7.8 jīvastu jīvanasteṣām ebhirmuktaḥ parastu saḥ | sarvarūpam yadaiśvaryam nityayuktohyavāpnuyāt ||
Übersetzung: Als das sie Belebende heißt es Jiva; von ihnen frei ist es das Höchste. Wer beständig gesammelt ist, erlangt die Herrlichkeit, die alle Gestalten umfasst.
7.9 prāptopi sa dvidhā bhāvī punarbhavam avāpnuyāt | prāgyatnena parīkṣeṇa† kṣayātpāpasya karmaṇaḥ ||
Übersetzung: Doch selbst nach ihrem Erlangen kann jemand, der noch zweifach denkt, wieder ins Werden eintreten. Durch vorausgehende Anstrengung und das Schwinden unheilsamen Karmas [wird dies überwunden; die Lesung ist an dieser Stelle unsicher].
7.10 tattva viśleṣakālecāpyadvaitam pratipādyate | ekaeva parohyātmā cittabhedādyanekadhā ||
Übersetzung: Auch beim Loslösen von den Tattvas wird Nichtzweiheit erreicht. Das höchste Selbst ist nur eines; aufgrund der Unterschiede des Geistes [erscheint es] vielfältig.
7.11 ekasyaivahi nāmāni pṛthagbhūtānyayogibhiḥ | anāmakasya gīyante bhrāntijñāna vimohitaiḥ ||
Übersetzung: Menschen ohne Yoga singen, von irrtümlichem Erkennen verblendet, viele unterschiedliche Namen des Einen, das keinen Namen hat.

7.12 yadābhivyajyate jñānam vimalam sarvatomukham | tadātmīyam param dharmam vindate śāśvatam dhruvam ||
Übersetzung: Wenn die reine, allumfassende Erkenntnis offenbar wird, findet man die höchste, dem eigenen Selbst zugehörige Beschaffenheit: ewig und beständig.
7.13 ahameva parohyātmā puruṣaḥ kāraṇam smṛtam | ahameva paraṃ brahma aham jñeyam anakṣaram ||
Übersetzung: „Ich allein bin das höchste Selbst, Purusha, der als Ursache bezeichnet wird. Ich allein bin das höchste Brahman; ich bin das zu Erkennende, jenseits der Laute.
7.14 sarve vināśakābhāvā matta eva pṛthagvidhāḥ | bhāvābhāva vinirmuktaḥ ahamekaśśivo avyayaḥ ||
Übersetzung: Alle verschiedenartigen, vergänglichen Erscheinungen gehen aus mir hervor. Frei von Sein und Nichtsein bin ich der eine, unvergängliche Shiva.“
7.15 yogasaṃnyasta karmā yo jñāna saṃchinnasaṃśayaḥ | nirvikalpas sadānityam ātmānam paryupāsayet ||
Übersetzung: Wer durch Yoga das Handeln losgelassen und durch Erkenntnis die Zweifel durchschnitten hat, verehre stets das Selbst, frei von trennenden Vorstellungen.
7.16 nirasya vāsanāsarvāḥ ātma tṛpto nirāmayaḥ | advaita bhāvanāyuktas sadātmānam upāsayet ||
Übersetzung: Alle latenten Neigungen ablegend, im Selbst erfüllt und frei von Übel, verehre man stets das Selbst in der Vergegenwärtigung der Nichtzweiheit.
7.17 aprākṛtena nityena nirmalenāvikāriṇā | vyāpakenāti sūkṣmeṇa pareṇa jñāna cakṣuṣā ||
Übersetzung: Mit dem höchsten Auge der Erkenntnis – nicht aus Prakriti entstanden, ewig, makellos, unwandelbar, alldurchdringend und überaus subtil –
7.18 viśuddham śāśvatam nityam aprameyam anaupamam | nirvikalpam acintyam ca hetu dṛṣṭānta varjitam ||
Übersetzung: schauen sie [den Herrn als] rein, ewig und beständig, unermesslich und unvergleichlich, frei von gedanklicher Unterscheidung, undenkbar und jenseits von Begründung und Vergleich,
7.19 sutṛptam nirguṇam śāntam tattvātītam nirañjanam | avibhāvyam asandehyam paśyantīśānam ātmani ||
Übersetzung: vollkommen erfüllt, ohne Gunas, friedvoll, jenseits der Tattvas und unbefleckt, nicht zum Vorstellungsgegenstand zu machen und zweifelsfrei: So sehen sie Ishana im eigenen Selbst.
7.20 sarvadam sarvadehastham vyāpakam sarvatomukham | nirāmayam nirādhāram ātmānam paśyate śivam ||
Übersetzung: Man sieht das Selbst als Shiva, der alles gewährt, in allen Körpern wohnt, alldurchdringend und allumfassend ist, frei von Übel und ohne Stütze.
7.21 vibhinnam prakriyāmārgam mantra tantram parāparam | mūrtāmūrtam jagatkṛtsnam paśyatyātmanyupasthitam ||
Übersetzung: Die verschiedenen Wege der Entfaltung, Mantra und Tantra, das Höhere und Niedere, die gesamte Welt mit und ohne Gestalt – all dies sieht man im Selbst gegenwärtig.
7.22 sarvajñassarvadarśīca paripūrṇas sunirmalaḥ | vimuktaḥ kevalībhūtas sukhamakṣayam āpnuyāt ||
Übersetzung: Allwissend und alles schauend, vollkommen und ganz rein, befreit und zur Einheit gelangt, erfährt man unvergängliche Freude.
7.23 etatte śivasadbhāvam śivavaktrādvinirgatam | guhyādguhyatamam guhyam gopanīyam prayatnataḥ ||
Übersetzung: Dies ist dir als das wahre Wesen Shivas mitgeteilt worden, aus Shivas Mund hervorgegangen: das Geheimnisvollste der Geheimnisse, das sorgfältig zu bewahren ist.
7.24 nāśiṣyāya pradātavyam nābhaktāya kadācana | evam jñānāmṛtam proktam prakāśyam apaśor guha ||
Übersetzung: Es soll niemals jemandem gegeben werden, der kein Schüler ist oder keine Hingabe besitzt. So wurde der Nektar der Erkenntnis erklärt, o Guha; er soll dem nicht mehr [bloß] gebundenen Wesen eröffnet werden.
Kapitelabschluss: paramātmaprakaraṇaṃ samāptam |
Hier endet der Abschnitt über das höchste Selbst.
Gesamtes Werk in Devanagari
=Yoga-Abschnitt=
एकाकिनस्तु शान्तस्य यतचित्त विरागिणः । युक्ताहार विहारस्य युक्त चेष्टस्य कर्मसु ॥ १ ॥
युक्तस्वप्नावबोधस्य तत्त्वतः शृणु षण्मुख । यो ध्याता यच्च तद् ध्यानम् तद्वै ध्यान प्रयोजनम् ॥ २ ॥
आत्मा ध्याता मनो ध्यानम् ध्येयः सूक्ष्मो महेश्वरः ॥ ३ ॥
यत्परम् परमैश्वर्यम् एतद् ध्यान प्रयोजनम् । मानामानौ समौ कृत्वा सुख दुःखे समे तथा ॥ ४ ॥
हर्षम् भयम् विषादम् च संत्यज्य योगमभ्यसेत् । शून्यागारे मठे रम्ये देवतायतने शुभे ॥ ५ ॥
नदीतीरे विविक्ते वा गृहे घोर वने पि वा । प्रच्छन्ने च विविक्ते च निःशब्दे जनवर्जिते ॥ ६ ॥
योगदोष विनिर्मुक्ते निर्विकल्पे निरातपे । स्नात्वा शुचिर् उपस्पृश्य प्रणम्य शिरसा शिवम् ॥ ७ ॥
योगाचार्यम् नमस्कृत्य योगम् युञ्जीत मानवः । पद्मकम् स्वस्तिकम् वापि उपस्थायाञ्जलिम् तथा ॥ ८ ॥
पीठार्धम् अर्धचन्द्रम् च सर्वतोभद्रम् एव वा । आसनम् रुचिरम् बद्ध्वा ऊर्ध्वकायः समम् शिरः ॥ ९ ॥
सर्व सङ्गान् परित्यज्य आत्म संस्थम् मनो गुह । न दन्तैः संस्पृशेद् दन्तान् सृक्किण्यौ च न जिह्वया ॥ १० ॥
किञ्चित् कुञ्चित नेत्रस्तु शिवम् सम्यक् तदोच्चरेत् । सोद्भासयति तत्त्वानि तन्मात्राद्यानि देहिनाम् ॥ ११ ॥
पुनर् विनाशकश्चैव अस्त्रयुक्तः षडानन । न पृथक् हृदयम् तस्य न शिरो न शिखा गुह ॥ १२ ॥
वर्मास्त्र नेत्र सहितम् तस्मादेव प्रवर्तते । प्राणापानौ समौ कृत्वा सुषुम्नान्तर चारिणौ ॥ १३ ॥
तयोर्वृत्तिम् निरुद्ध्यात्मा शिवम् ध्यायेत् विचक्षणः । अविनाभाव सम्युक्तो ज्योतीरूपम् सुनिर्मलम् ॥ १४ ॥
सुसूक्ष्मम् व्यापकम् नित्यम् निर्विकल्पम् सदाबुधः । उत्तमा मध्यमा मन्दास् सगर्भाः त्रिविधाः स्मृताः ॥ १५ ॥
प्राणायामांश्च तान् कुर्यात् पूर कुम्भक रेचकान् । प्राणायामैर् दहेद् दोषान् धारणाभिस्तु किल्बिषम् ॥ १६ ॥
प्रत्याहारेण संसर्गान् ध्यानेनानश्वरान्† गुणान् । उदरम् पूरयित्वातु वायुना यावदीप्सितम् ॥ १७ ॥
प्राणायामो भवेदेवम् पूरको देह पूरकः । पिधाय सर्व द्वाराणि निश्वासोच्छ्वास वर्जितः ॥ १८ ॥
सम्पूर्ण कुम्भवत् तिष्ठेत् प्राणायामः स कुम्भकः । ततोर्ध्वम् रेचयेत् वायुम् मृदुनिश्वास संयुतम् ॥ १९ ॥
रेचकस्त्वेष विख्यातः प्राण संशय कारकः† । प्रसार्य चाग्र हस्तम् तु जानुम् कृत्वा प्रदक्षिणम् ॥ २० ॥
छोटिकाम् तु ततो दद्यान् मात्रैषात्वभिधीयते । मात्रा द्वादश विज्ञेयाः प्रमाणम् ताल संज्ञकम् ॥ २१ ॥
ताल द्वादशकम् ज्ञेयम् प्राणायामस्तु कन्यसः । मध्यमश्च चतुर्विंशज् ज्येष्ठस् तद्द्विगुणो भवेत् ॥ २२ ॥
एकैकाम् वर्धयेन् मात्राम् प्रत्यहम् योगवित्तमः । न त्वरेण विलम्बेन क्रमेणैव विवर्धयेत् ॥ २३ ॥
प्राणायामोत्तमो यत्तद् द्विगुणा धारणा मता । धारणाद् द्विगुणो योगो योगोपि द्विगुणीकृतः ॥ २४ ॥
योगसिद्धिरिति ज्ञेया शिवेन परमात्मना । तदानुपश्यते सूक्ष्मम् गन्ध तन्मात्रम् आत्मनि ॥ २५ ॥
रसम् तेजश्च स्पर्शम् च शब्द तन्मात्रमेव च । पश्यते क्रम योगेन वर्ण भावैः पृथग्विधैः ॥ २६ ॥
अहङ्कारम् मनो बुद्धिम् गुणम् अव्यक्त पूरुषम् । अभिव्यक्तानि जानीयात् स्वधर्म गुण लक्षणम् ॥ २७ ॥
विद्याम् कलाम् ततः कालम् मायाम् विद्याम् ततः† परम् । दृष्ट्वानुक्रमशः सर्वान् पुनरस्त्रेण भेदयेत् ॥ २८ ॥
विद्येश्वरम् ततस् तत्त्वम् ततः सदाशिवम् परम् । भित्वातु क्षुरिकास्त्रेण ततः सूक्ष्मम् शिवम् विशेत् ॥ २९ ॥
अमृतात्मा शिवम् साक्षात् तस्मिन् विष्टस्तु योगवित् । सर्वज्ञः सर्वगः सूक्ष्मः सर्वेशः सर्वकृद्भवेत् ॥ ३० ॥
सर्वेष्वेव च शास्त्रेषु ज्ञेयम् वस्तु चतुष्टयम् । पशुः पाशः पतिश्चैव शिवश्चेति यथा क्रमम् ॥ ३१ ॥
ज्ञात्वा तु तत्त्व सद्भावम् तन्त्रसारम् तु दुर्लभम् । सर्वथा वर्तमानोपि गृह्णाति न पुनस् तनुम् ॥ ३२ ॥
=Vidyapada, Kapitel 1=
पशुपाश विधानम् हि श्रोतुमिच्छामि तत्त्वतः । संयोगम् च तथा तेषाम् कथयस्व महेश्वर ॥ १ ॥
आद्याः पाशास् ततस्तेषाम् जीव आद्यस्तु किन्तु वै । के पाशाः को मलः प्रोक्तः कस्माद्बद्धः पुमान् इति ॥ २ ॥
पतिश्च किम् विधो ज्ञेयस् साधिकार पदे स्थितः । शिवश्च कीदृशः प्रोक्तो योधिकार विवर्जितः ॥ ३ ॥
पशुरात्मा अस्वतन्त्रश्च चिन्मात्रो मल दूषितः । समूढो अनित्य संसारी किञ्चिज्ञो अनीश्वरो अक्रियः ॥ ४ ॥
ताम्रस्यैवतु हेमत्वम् अन्तर्लीनम् यथा स्थितम् । अन्तर्लीनम् तथा ज्ञेयम् शिवत्वम् पुद्गलस्य तु ॥ ५ ॥
रससिद्धम् यथाताम्रम् हेमत्वम् प्रतिपद्यते । तथात्मा ज्ञान सम्बन्धात् शिवत्वम् प्रतिपद्यते ॥ ६ ॥
यथा ज्ञात्वा अविभागेन घृतम् पयसि संस्थितम् । तथात्मा पाश संश्लिष्टो ह्यविभागेन संस्थितः ॥ ७ ॥
विषापहारम् कुरुते ध्यान बीज बलैर् यथा । कुरुते पाश विश्लेषम् तथाचार्यश्शिवाध्वरैः ॥ ८ ॥
मन्त्रौषध बलैर् यद्वत् सन्निरोधो विषस्य तु । तथा हि सर्व पाशानाम् सन्निरोधस्तु दीक्षया ॥ ९ ॥
दह्यते धाम्यमानानाम् धातूनाम् तु यथा मलम् । तथाचार्यो दहेत् पुंसाम् वायुभूतो मलावुभौ ॥ १० ॥
गुणभूताः स्मृताः पाशाः धर्माधर्मौ मलस्मृतौ । सहजौ सर्वजन्तूनाम् ताम्रकालिकवत् स्थितौ ॥ ११ ॥
त्रिविधास्ते स्मृताः पाशाः सहजागन्तुकस् तथा । सांसर्गिकस् तथा भूयश् शृणु तेषु विनिर्णयम् ॥ १२ ॥
तन्मात्राद्यास्तु ये तत्त्वास् सुसूक्ष्मास् सर्वगा गुह । ते तु पाशाः परा प्रोक्तास् सहजास् सर्वजन्तुषु ॥ १३ ॥
तत्त्वमेतैर् जगत्कृत्स्नम् पाशाश्चैते मलात्मकाः । सुसूक्ष्मास् सर्वगा नित्यास् सहजास् सर्व जन्तुषु ॥ १४ ॥
इन्द्रियाणि च भूतानि यद्बीजम् तेषु सम्भवम् । आगन्तुकाः स्मृता ह्येते तस्मात् सांसर्गिकाः पुनः ॥ १५ ॥
संसर्गात् यद्भवेत् कर्म शुभम् वा यदि वाशुभम् । ते तु सांसर्गिकाः पाशास् सुख दुःख फलप्रदाः ॥ १६ ॥
कर्मणातु शरीराणि भावात् कर्मोदयो भवेत् । पूर्वार्जित कृत्यानाम् भावस् संयोग कारकः ॥ १७ ॥
ईश्वरो व्यञ्जकस् तेषाम् भवेत् कर्मानु रूपतः । कर्मोदयाद् भवेत् सृष्टिः अपास्तैः प्रलयम् विदुः ॥ १८ ॥
विषयासङ्ग दोषेण गुणदोषाच्छिखि ध्वज । बन्धमाप्नोति पुरुषो ह्यकर्ता सर्वगो अप्यसौ ॥ १९ ॥
पिता पुत्रापराधेन यथैकस्थो निबध्यते । अकर्तापीह पुरुषस् तथा बन्धम् अवाप्नुयात् ॥ २० ॥
यथैवासाधु संयोगात् उदासीनो अपि मानवः । तथा बन्धम् अवाप्नोति तथाज्ञेयस्तु पुद्गलः ॥ २१ ॥
अनादि निधनाः पाशाः जीवो अनाद्यस्तु कीर्तितः । तच्छेदकस् तथा अनादिः पशु पाश पतिस्तु सः ॥ २२ ॥
पतिस्सदाशिवो ज्ञेयो मन्त्रात्मा मन्त्र विग्रहः । सर्वमन्त्राधिपश्चासौ सृष्टि संहार कारकः ॥ २३ ॥
पतिरेव समाख्यातस् सर्वकाम फलप्रदः । स्थूलस् सूक्ष्मो विमिश्रश्च एवम् रूपस्तु संस्मृतः ॥ २४ ॥
शिवो वस्तु परस्तस्मान् मन्त्रातीतो निरञ्जनः । निरामयो निराधारो वर्णरूप विवर्जितः ॥ २५ ॥
सर्वज्ञः सर्वगश्शान्तस् सर्वात्मा सर्वतोमुखः । अतीन्द्रियो निरालम्बस् सुसूक्ष्मश्शाश्वतो ध्रुवः ॥ २६ ॥
स एव भगवान् व्यापी ह्यप्रमेयो ह्यनौपमः । बहिरन्तर् विभागेन तिले तैलम् इव स्थितः ॥ २७ ॥
इति त्रिपदार्थस्वरूपविचारः समाप्तः ।
=Vidyapada, Kapitel 2=
अथान्यम् सम्प्रवक्ष्यामि ह्युपायम् तत्त्वतो गुह । अग्राह्यस्यापि सूक्ष्मस्य सर्वगस्य तु निष्कलम् ॥ १ ॥
येन विज्ञायते सम्यक् यम् ज्ञात्वा तु शिवोभवेत् । न कस्यचिन् मयाख्यातम् तद्विज्ञानम् शृणुष्व मे ॥ २ ॥
गुरु पारम्परायत्तम् अदृष्टम् सर्ववादिभिः । भवबन्ध विमोक्षार्थम् परमम् सर्वतोमुखम् ॥ ३ ॥
योसौ सर्वगतो देवस् सर्वात्मा सर्वतोमुखः । सर्वतत्त्वमयो अचिन्त्यस् सर्वस्योपरि संस्थितः ॥ ४ ॥
सर्वतत्त्व व्यतीतश्च सर्वात्मा सर्वतोमुखः । सो हमेवम् उपासीत निर्विकल्पेन चेतसा ॥ ५ ॥
यदेव निष्कलम् ज्ञानम् शाश्वतम् ध्रुवम् अव्ययम् । निर्विकल्पम् अनिर्देश्यम् हेतु दृष्टान्त वर्जितम् ॥ ६ ॥
अलिङ्गम् अक्षरम् शान्तम् विषयातीत गोचरम् । अविभाव्यम् असन्देह्यम् तदहम् नात्र संशयः ॥ ७ ॥
सोहमेव परो देवस् सर्वमन्त्रमयश्शिवः । सर्वमन्त्र व्यतीतश्च सृष्टि संहार वर्जितः ॥ ८ ॥
मयाव्याप्तम् इदम् सर्वम् दृश्यादृश्यम् चराचरम् । अहमेव जगन्नाथो मत्तस्सर्वम् प्रवर्तते ॥ ९ ॥
अनेकाकार सम्भिन्नम् विश्वम् भुवन सञ्चयम् । शिवाद्यवनि पर्यन्तम् तत्सर्वम् मयि संस्थितम् ॥ १० ॥
यच्च किञ्चिज् जगत्यस्मिन् दृश्यते श्रूयतेपि वा । बहिरन्तर्विभागेन तत्सर्वम् व्यापितम् मया ॥ ११ ॥
अहमात्मा शिवोह्यन्यः परमात्मेति यः स्मृतः । एवम् योपासयेन् मोहान् न शिवत्वम् अवाप्नुयात् ॥ १२ ॥
शिवोह्यन्यस्त्वहमेवान्यः पृथग्भावम् विवर्जयेत् । यश् शिवस् सोहमेवेति ह्यद्वयम् भावयेत् सदा ॥ १३ ॥
अद्वैत भावनायुक्तस् सर्वत्रात्मनि संस्थितः । सर्वगम् सर्वदेहस्थम् पश्यते नात्र संशयः ॥ १४ ॥
एवमेकात्म भावेन संस्थितस्य तु योगिनः । सर्वज्ञत्वम् प्रवर्तेत विकल्प रहितस्य तु ॥ १५ ॥
योसौ सर्वेषु शास्त्रेषु पठ्यते ह्यज ईश्वरः । अकायो निर्गुणो ह्यात्मा सोहमस्मि न संशयः ॥ १६ ॥
अविज्ञातः पशुस्सोहि सृष्टि धर्म समाश्रितः । विज्ञातः शाश्वतश्शुद्धस् सशिवो नात्र संशयः ॥ १७ ॥
तस्मादात्मा सदावेद्यस् सुविचार्यो विचक्षणैः । परापर विभागेन स्थूलसूक्ष्म विभागशः ॥ १८ ॥
परः परम निर्वाणो अपरस् सृष्टि विभेदकः । स्थूलो मन्त्रमयः प्रोक्तस् सूक्ष्मो ध्यानैक गोचरः ॥ १९ ॥
अथवाबहुशोक्तेन किमुक्तेन षडानन । वाग्विकल्प विशेषेण मनस् सम्मोह कारिणा ॥ २० ॥
सर्वेधर्मात्मनस् सन्ति यमेव परिकल्पयेत् । तत्तद्भवत्यसन्देहात् सोपि तद्भावनायुतः ॥ २१ ॥
इत्येवम् आत्मविज्ञानम् कथितम् तु समासतः । ज्ञात्वात्मानम् इदम् सर्वे ह्यात्मानम् पर्युपासते ॥ २२ ॥
न तत्र देवानुद्दिश्य यज्ञा वा बहुदक्षिणाः । आत्मविज्ञानम् आश्रित्य विमलम् सर्वतोमुखम् ॥ २३ ॥
संसारार्णव मग्नानाम् प्राणिनाम् शरणार्थिनाम् । नान्यः शरणदः कश्चित् आत्मज्ञानादृते क्वचित् ॥ २४ ॥
आत्मानम् परमो भूत्वा यो विजानाति तत्त्वतः । स मुच्यतेत्वयत्नेन सर्वावस्थाम् गतोपिसन् ॥ २५ ॥
आत्मलाभात् परोलाभः क्वचिदन्यो न विद्यते । तदात्मानम् उपासीत योयमात्मा परस्तु सः ॥ २६ ॥
न प्राणो नैव चापानो विशिष्टकरणस् तथा । सर्वज्ञं तु तदात्मानं परिपूर्णं सदा स्मरेत् ॥ २७ ॥
न चैवाभयन्तरे बाह्ये नातिदूरे समीपतः । स निष्कले परे स्थाने तत्र चित्तम् निवेशयेत् ॥ २८ ॥
तिर्यगूर्ध्वम् अधश्चैव बहिरन्तश्च नित्यशः । सर्वशून्यम् तमाभासम् आत्मानम् भावयेत् सदा ॥ २९ ॥
नैव शून्यम् न चाशून्यम् नशून्यम् शून्यमेव च । पक्षपात विनिर्मुक्तम् आत्मानम् पर्युपासयेत् ॥ ३० ॥
निरामयम् निराधारम् वर्णरूप विवर्जितम् । निरञ्जनम् गुणातीतम् आत्मानम् पर्युपासयेत् ॥ ३१ ॥
निराश्रयम् निरालम्बम् अप्रमेयम् अनूपमम् । स्वभाव विमलम् नित्यम् आत्मानम् पर्युपासयेत् ॥ ३२ ॥
संन्यस्य सर्वकर्माणि निःस्पृहस्सङ्ग वर्जितः । भावयेदात्मनात्मानम् आत्मन्येवात्मनः स्थितिः ॥ ३३ ॥
सदेशजाति सम्बन्धान् वर्णाश्रम समन्वितान् । भावानेतान् परित्यज्य स्वरूपम् भावयेद्बुधः ॥ ३४ ॥
मन्त्रोयम् देवता ह्येषा इदम् ध्यानम् इदम् तपः । सर्वभावान् परित्यज्य ह्यात्मभावम् तु भावयेत् ॥ ३५ ॥
अभावे भावमाश्रित्य भावम् कृत्वा निराश्रयम् । आत्म संस्थम् मनः कृत्वा न किञ्चिदपि चिन्तयेत् ॥ ३६ ॥
नैवचिन्त्यम् नचाचिन्त्यम् न चिन्त्यम् चिन्त्यमेव च । पक्षपात विनिर्मुक्तम् आत्मानम् पर्युपासयेत् ॥ ३७ ॥
अचिन्त्यम् चिन्तयेन् नित्यम् कृत्वा चित्तम् निराश्रयम् । निस्तत्त्वे निष्कलीभूते विन्दत्यात्मनि यत्सुखम् ॥ ३८ ॥
निर्विकल्पम् अचिन्त्यम् च हेतुदृष्टान्त वर्जितम् । तत्सुखम् परमम् प्रोक्तम् आत्यन्तिकम् अनौपमम् ॥ ३९ ॥
निरस्य विषयासङ्गम् मनोवृत्तिम् विहाय च । यदायात्युन्मनीभावम् तदा तत् परमम् सुखम् ॥ ४० ॥
सर्वदिग्देश कालेषु योगाभ्यासो विधीयते । सर्व वर्णाश्रमाणाञ्च ज्ञानभेदो न विधीयते ॥ ४१ ॥
गवाम् अनेकवर्णानाम् क्षीरस्याप्येक वर्णता । क्षीरवत् पश्यते ज्ञानम् लिङ्गिनम् च गवाम् समाः ॥ ४२ ॥
यस्मात्सर्वगतम् ब्रह्म व्यापकम् सर्वतोमुखम् । तस्माद्ब्रह्मणि संस्थाप्य दिग्देशम् न विचारयेत् ॥ ४३ ॥
नैव तस्य कृतेनार्थो न कार्यो न विधिः स्मृतः । न लिङ्गम् नाश्रमाचारः परमात्मनि संस्थितः ॥ ४४ ॥
गच्छन् तिष्ठन् स्वपन् जाग्रन् भुञ्जानः पिबतोपि वा । सर्वदा सर्व कार्येषु वातशीतातपेषु च ॥ ४५ ॥
भवदारिद्ररोगेषु मान्द्य विज्वरकादिषु । आत्मन्येवस्थितश्शान्त आत्मतृप्तस्तु निष्कलः ॥ ४६ ॥
नागतोहम् गतोवापि नागमिष्ये न गच्छता† । न भूतो न भविष्यामि प्रकृत्यस्थिर धर्मिणि ॥ ४७ ॥
प्राकृतानि हि कर्माणि प्रकृतिः कर्मसम्भवा । नाहम् किञ्चित्करोमीति युक्तम् मन्येत तत्त्ववित् ॥ ४८ ॥
नैव प्रकृति सम्बन्धोस्ति मुक्त इत्यभिधीयते । न चैव प्राकृतैर् दोषैर् लिप्यते तु कदाचन ॥ ४९ ॥
निर्नाश्य तमसो रूपम् दीपो यद्वत् प्रकाशते । आभात्येवम् परोह्यात्मा त्यक्त्वैवाज्ञानजम् तमः ॥ ५० ॥
स्नेहक्षयाद्यथा दीपो बलान्निर्वाणम् ऋच्छति । तथात्मभावना युक्तः स्वात्मन्येवावतिष्ठते ॥ ५१ ॥
घटसम्वृत आकाशो नीयमाने यथा घटे । घटो नीयत नाकाशः तद्वज् जीवो नभोपमः ॥ ५२ ॥
भिन्ने कुम्भे यथाकाशः आकाशत्वम् प्रपद्यते । विभिन्ने प्राकृते देहे तथात्मा परमात्मनि ॥ ५३ ॥
इत्येवम् अधिकारेण सर्वज्ञेनाधिकारिणा । सर्वबन्धाद्विनिर्मुक्तस् सर्वज्ञस् सर्वगो भवेत् ॥ ५४ ॥
तदागमान् सम्परित्यज्य सर्वान् शुद्धम् गृहीत्वात्म समाधि योगम् । अस्मात्परम् नान्यदिहास्ति किञ्चित् ज्ञात्वैव सन्त्यज्य मनोविकल्पम् ॥ ५५ ॥
विज्ञानमेवम् समुपास्य विद्वान् विशत्यकायम् सततम् नियुक्तः । सर्वत्रगामी भवतीह मुक्तः तद्धर्म धर्मी बहिरन्त संस्थः ॥ ५६ ॥
सर्वज्ञता तृप्तिरनादि बोधः स्वतन्त्रता नित्यमलुप्त शक्तिः । अनन्तशक्तिश्च निरामयात्मा विशुद्धदेहस् सशिवत्वमेति ॥ ५७ ॥
न दीक्षा नतु संस्कारो न मुद्रा न च मण्डलम् । न जपो नार्चना ध्यानम् न होमो नैव साधनम् ॥ ५८ ॥
धर्माधर्म फलौ नास्तः नैव पिण्डोदकक्रिया । नियमादि न तस्यास्ति नोपवासो विधीयते ॥ ५९ ॥
प्रवृत्तिश्च निवृत्तिश्च ब्रह्मचर्य व्रतानि च । अग्नि प्रवेशनम् नास्ति पतनम् भृगुनोदके ॥ ६० ॥
शिवज्ञानामृतम् पीत्वा विचरन् स्वयमेव हि । शिववच्छाश्वतस् सिद्धस् सृष्टि धर्म विवर्जितः ॥ ६१ ॥
सत्यम् सत्यम् पुनस्सत्यम् त्रिसत्यम् शपथः कृतः । अतः परतरम् नास्ति विज्ञेयम् कुत्रचिद्गुह ॥ ६२ ॥
विमलयति सर्वभावान् विमलात्मा विमलबुद्धिः । सर्वम् विमलम् पश्यति विमलो विमलेन भावेन ॥ ६३ ॥
शिवानन्यसाक्षात्कारपटलः समाप्तः ।
=Vidyapada, Kapitel 3=
विनाशोत्पत्तिरेवास्य तच्चाहारमयं† विदुः । कर्मणोप्यतिमिश्रेण यच्छरीरमिहात्मनः ॥ १ ॥
तद्भूतपरिणामेन विज्ञेयम् हि चतुर्विधम् । उद्भिदाः स्थावराज्ञेयास् तृणगुल्मादि रूपिणः ॥ २ ॥
कृमिकीट पतङ्गाद्यः स्वेदजानाम देहिनः । अण्डजाः पक्षिणः सर्वे नक्रमत्स्यादि कच्छपाः ॥ ३ ॥
जरायुजाश्च विज्ञेया मानुषाः सचतुष्पदाः । तत्रसिक्ता जलैर्भूमिः अन्तरूष्म प्रपाचिता ॥ ४ ॥
वायुनाव्यूह्यमानातु खे बीजत्वम् प्रपद्यते । एकषष्ट्यादि बीजानि संसिक्तान्यम्बुनापुनः ॥ ५ ॥
उच्छूनताम् मृदुत्वम् च मूलभावम् व्रजन्ति च । तन्मूलादङ्कुरोत्पत्तिः अङ्कुरात्पर्ण सम्भवः ॥ ६ ॥
पर्णान् नालम् ततः काण्डम् काण्डाच्च प्रसवम् पुनः । प्रसवाच्च तुषः क्षीरम् क्षीरात्तण्डुल सम्भवः ॥ ७ ॥
तण्डुलाच्च यथा पक्वास्तथा चौषधयस् तदा । यवाद्याश्शालिपर्यन्ताः श्रेष्टाः सप्तदशः स्मृताः ॥ ८ ॥
ओषध्यः फलपाकान्तश्शेषाः क्षुद्राः प्रकीर्तिताः । एतालूनामर्दिताश्च शनैरुद्भूय संस्कृताः ॥ ९ ॥
शूर्पोलूखल यन्त्राद्यैः स्थाल्याम् उदकवह्निभिः । षड्विधाहार भेदेन परिणामम् व्रजन्ति ताः ॥ १० ॥
अन्योन्यरस संयोगात् अनेकस्स्वादुतम् गताः । भक्ष्यम् भोज्यम् च पेयम् च लेह्यम् चोष्यम् च पिच्चिलम् ॥ ११ ॥
इति भेदाष्षडन्नस्य मधुराद्याश्च षड्रसाः । तदन्नम् पिण्ड कबलैर् ग्रासैर् भुक्तम् च देहिभिः ॥ १२ ॥
अन्तस्थम् आशये पूर्वम् प्राणः स्थापयते क्रमात् । अविष्वक्स्थाप्य चाहारम् स वायुः कुरुते द्विधा ॥ १३ ॥
सम्प्रविश्यान्नमध्ये तु पृथगन्नम् पृथग्जलम् । अग्नेरुर्ध्वम् जलम् स्थाप्य तदन्नम् च जलोपरि ॥ १४ ॥
जलस्याधः स्वयम् प्राणः स्थित्वाग्निम् धमते शनैः । वायुना धाम्यमानोग्निः अत्युष्णम् कुरुते जलम् ॥ १५ ॥
तदन्नम् उष्णतोयेन समन्तात् पच्यते पुनः । द्विधा भवति तत्पक्वम् पृथक् किट्टम् पृथग् जलम् ॥ १६ ॥
मलैर्द्वादशभिः किट्तम् भिन्नम् देहाद् बहिर् व्रजेत् । कर्णाक्षि नासिका जिह्व दन्तश्शिश्न गुदम् नखाः ॥ १७ ॥
मलाश्रयाः कफः स्वेदौ विण्मूत्रम् द्वादशः स्मृताः । हृत्पद्मे प्रतिबद्धाश्च सर्वनाद्यः समन्ततः ॥ १८ ॥
तासाम् मुखेषु तत्सूक्ष्मम् प्राणः स्थापयते रसम् । रसेन तेन ते नाडीः प्राणः पूरयते पुनः ॥ १९ ॥
पुनः प्रयान्ति सम्पूर्णाः ताश्च देहम् समन्ततः । ततः स नाडि मध्यस्थश् शरीरेणोष्मणा पुनः ॥ २० ॥
त्वक्तल वेष्टितम् पूर्वम् रुधिरम् च प्रजायते । रक्ताल्लोमानि मांसञ्च केशात्स्नायुश्च मांसतः ॥ २१ ॥
स्नायोः सिराः ततोस्थीनि नखामज्जास्थि सम्भवाः । मज्जात् करण वैमल्यम् शुक्लञ्च प्रसवात्मकम् ॥ २२ ॥
इति द्वादशधा तस्य परिणामः प्रकीर्तितः । शुक्लम् अन्नात् ततश्शुक्लात् अस्य देहस्य सम्भवः ॥ २३ ॥
ऋतुकाले यदा शुक्लम् निर्दोषम् योनि संस्थितम् । तदातद्वायुनाकृष्टम् स्त्रीरक्तेनैकताम् व्रजेत् ॥ २४ ॥
मधुराद्वर्धते शुक्लम् अम्लान् मज्जा प्रवर्धते । लवणाद्वर्धते चास्थि तिक्तान् मेदः प्रवर्धते ॥ २५ ॥
कटुकाद्वर्धते मांसम् कषायाच्छोणितम् रसात् । धातुः क्रमात् प्रवेशे तु षड्रसम् देहवर्धनम् ॥ २६ ॥
मज्जतम् शुक्लतामेति दिवसे चाष्टमे नृणाम् । अग्निस्सर्वात्मकम् सर्वम् जगत्स्थावर जङ्गमम् ॥ २७ ॥
विसर्गकाले शुक्लस्य जीवः करण सम्युतः । प्रीत्या निवेशते योनिम् कर्मभिः स्वैर्नियोजितः ॥ २८ ॥
तच्छुक्लम् रक्तसम्युक्तम् एकाहात् कललम् भवेत् । पञ्च रात्रेण कललम् बुद्बुदाकारताम् व्रजेत् ॥ २९ ॥
बुद्बुदम् सप्त रात्रेण मासे† पेशी भवेत्पुनः । द्विसप्ताहात् भवेत् पेशी रक्तमांसाच्चिता दृढा ॥ ३० ॥
बीजस्येवाङ्कुरः पेश्याः पञ्चविंशति रात्रतः । भवन्ति मासमात्रेण पञ्चधा जायते पुनः ॥ ३१ ॥
ग्रीवा शिरश्च स्कन्धश्च पृष्ठ वंशस्तथोदरम् । पाणिः पादम् तथा पार्श्वम् कटिर्गात्रम् तथैव च ॥ ३२ ॥
द्विमासाभ्यन्तरे सर्वे क्रमशस् सम्भवन्ति हि । त्रिभिर् मासैर् प्रजायन्ते सर्वाङ्गाङ्कुर सन्धयः ॥ ३३ ॥
मासैर्चतुर्भिरङ्गुल्यः प्रजायन्ते यथा क्रमम् । मुखम् नासा च कर्णौ च मासैर् जायन्ति पञ्चभिः ॥ ३४ ॥
दन्तपङ्क्तिस् तथा गुह्यम् जायन्ते च नखाः पुनः । कर्णयोस्तु भवेच्छिद्रे षण्मासाभ्यन्तरेण तु ॥ ३५ ॥
पायुर्मेड्रम् उपस्थम् च नाभिष्चाप्युपजायते । सन्धयो ये च गात्रेषु मासैर् जायन्ति सप्तभिः ॥ ३६ ॥
अङ्गप्रत्यङ्ग सम्पूर्णाश् शिरसा च समन्वितः । विभक्तावयवस्पष्टः पुनर्मासाष्टकेन तु ॥ ३७ ॥
पञ्चात्मक समायुक्तः परिपक्वस् स तिष्ठति । एवमाहार्य वीर्येण षड्विधेन रसेन च ॥ ३८ ॥
नाभिसूत्र निबद्धेन वर्धते स दिने दिने । ततः स्मृतिम् लभेज् जीवस् सम्पूर्णेस्मिन् शरीरके ॥ ३९ ॥
सुखदुःखम् विजानाति निद्रास्वप्नम् पुरकृतम् । मृतश्चाहम् पुनर् जातो जातश्चाहम् पुनर् मृतः ॥ ४० ॥
नानायोनि सहस्राणि मयादृष्टानि जानता । अधुनाजातमात्रोहम् प्राप्त संस्कार एव वा ॥ ४१ ॥
ततः श्रेयः करिष्यामि येन गर्भो न सम्भवेत् । गर्भन्तस्चिन्तयेदेवम् महा गर्भाद्विनिस्सृताः ॥ ४२ ॥
अध्येष्यामि शिवज्ञानम् संसार विनिवृत्तकम् । एवम् स गर्भे दुःखेन महतापरिपीडितः ॥ ४३ ॥
जीवः कर्मवशादास्ते मोक्षोपायम् विचिन्तयन् । सत्त्वम् प्रकाशकम् भावम् रजो रागात्मकम् गुह ॥ ४४ ॥
तमो मोहात्मकम् भावम् उत्पादयति देहिनाम् । सत्वात् सञ्जायते ज्ञानम् रजसो लोभ एव च ॥ ४५ ॥
तमसो असत्यम् अज्ञानम् प्रमादालस्यम् एव च । सत्वात् सत्यम् दय धैर्यम् विनयम् स्थैर्यमेव च ॥ ४६ ॥
रजसः क्रोध दम्भौ च निर्दयत्वम् च जायते । ऊर्ध्वम् गच्छन्ति सत्त्वस्था मध्ये तिष्टन्ति राजसाः ॥ ४७ ॥
जघन्यगुण वृत्तिस्था अधो गच्छन्ति तामसाः । रजस्तमश्चाभिभूय सत्त्वम् वर्धति षण्मुख ॥ ४८ ॥
रजस्सत्त्वम् तमश्चैव तमस्सत्त्वम् रजस् तथा । यमेव सेवते पुरुषोति सङ्गात् सदागुणम्† ॥ ४९ ॥
अस्थि पट्ट तुलास्तम्भम् स्नायु बद्धेन यन्त्रितम् । रक्तमांस मृदालिप्तम् विण्मूत्र द्रवभाजनम् ॥ ५० ॥
केशरोम तृणच्छन्नम् रोगायतनमातुरम् । वदनैक महाद्वारम् गवाक्षाष्टक भूषितम् ॥ ५१ ॥
ओष्टद्वय कवाटञ्च दन्तजिह्वार्गलान्वितम् । नाभिस्वेद† प्रवाहान्तम् कफ पित्त परिप्लुतम् ॥ ५२ ॥
जराशोक समविष्टम् कालचक्रानले स्थितम् । कामक्रोधेन्धनाक्रान्तम् व्यसनैश्चोपमर्दितम् ॥ ५३ ॥
भोगतृष्णातुरम् मूढम् रागद्वेष वशानुगम् । सम्वर्तिताङ्ग प्रत्यङ्गम् जरायु परिवेष्टितम् ॥ ५४ ॥
सञ्कटेनाविविक्तेन योनिमार्गेण निर्गतम् । विण्मूत्ररक्त सिक्ताङ्गम् षाट्कौशिक समुद्भवम् ॥ ५५ ॥
अस्थिपञ्जर सङ्ख्यानम् ज्ञेयमस्मिन् कलेबरे । शतत्रयम् षष्ट्यधिकम् पञ्चपेशी शतानि च ॥ ५६ ॥
सार्धभिस्तिसृभिश्छन्नम् समन्ताद्रोम कोटिभिः । शरीरम् स्थूल सूक्ष्मभिः दृश्यादृश्यभिरास्थितम् ॥ ५७ ॥
एतावतीभिर् नाडीनाम् कोटिभिस्तत्समन्वितम् । प्रस्वेदमशुचिम् याभिः अन्तस्थम् स्रवते बहिः ॥ ५८ ॥
द्वात्रिंशद् दशना प्रोक्ता विंशतिश्च नखाः स्मृताः । पित्तस्य कुडबम् ज्ञेयम् कफस्यर्धाडकम् स्मृतम् ॥ ५९ ॥
वसायाश्च पलम् त्रिंशत् तदर्धम् कललस्य च । पञ्चार्बुदपला ज्ञेयाः पलानि दश मेदसः ॥ ६० ॥
पलत्रयम् महारक्तम् मज्जास्यात् तच्चतुर्गुणम् । अर्धम् च कुदबम् शुक्लम् तद्वीर्यम् प्राणिनाम् बलम् ॥ ६१ ॥
मांसस्यचैक पिण्डेन सहस्रपलमुच्यते । रक्तम्पलशतम् ज्ञेयम् विण्मूत्रञ्चाप्रमाणतः । इति देहस्त्वभिहितो नित्यस्यानित्य आत्मनः ॥ ६२ ॥
भूतात्मप्रकरणं समाप्तम् ।
=Vidyapada, Kapitel 4=
योन्तरे वर्तते शब्दस् तस्य वाचा प्रवर्तकः । प्राणापान समायोगात् सोन्तरात्मा प्रकीर्तितः ॥ १ ॥
तस्माच्च सर्व शास्त्राणि संस्कृत प्राकृतानि च । देशभाषादिभिर् नित्यम् विधिवत् सम्प्रवर्तते ॥ २ ॥
पशवश्च मृगाश्चैव पक्षिणश्च सरीसृपाः । यावन्तः केचन सत्वा उच्चरन्ति सदा तु तम् ॥ ३ ॥
अन्तरात्मप्रकरणं समाप्तम् ।
=Vidyapada, Kapitel 5=
सूक्ष्मा वै पञ्च तन्मात्र मनो अहङ्कारम् एव च । बुद्धिरष्ट गुणा ज्ञेया गुणाव्यक्तम् च पौरुषम् ॥ १ ॥
कलाकालस् तथा माया विद्या विद्येश्वरम् च यत् । सदाशिवम् तथा तत्त्वम् बैन्दवम् शान्तम् एव च ॥ २ ॥
एतेषाम् एव संयोगात् तत्त्वात्मा पुरुषः स्मृतः । तत्त्वमेतैर् जगत्कृत्स्नम् पाशाश्चैते मलात्मकाः ॥ ३ ॥
सुसूक्ष्मस् सर्वगा नित्यास् सहजास् सर्व जन्तुषु । प्रकृतिश्चैव बोद्धव्या प्रक्रिया च निगद्यते ॥ ४ ॥
न परम् प्रक्रिया ज्ञानान् न शिवाद् व्यापकम् परम् । न योगात् परतस् सिद्धिः न शमात् परमम् सुखम् ॥ ५ ॥
उदयो यस्य तत्त्वस्य देहे भवति षण्मुख । तदात्मकम् सदा देही विकारम् अनुवर्तते ॥ ६ ॥
यस्मिम्श्चरति भूतात्मा तत्तत्त्वम् प्रविसर्पते । अभिभूय सर्व तत्त्वानि स च तन्मयताम् व्रजेत् ॥ ७ ॥
मुहुर्मुहुस् सदादेही सर्व तत्त्वैरनुक्रमात् । संचरन्त्यविभक्त्या तु व्यापकत्वम् च सर्वतः ॥ ८ ॥
तच्च तस्य सदा स्कन्द तत्त्वभवैः पृथग्विधैः । लक्ष्यते व्यापकस्यापि उदयास्तमनस् स्थितिः ॥ ९ ॥
तथा तत्त्वाधिपान् भावान् प्रगृह्णाति षडानन । सर्वधर्म मयोह्यात्मा यथाकामम् प्रकल्पयेत् ॥ १० ॥
यस्मिन् स्थितो रतिम् याति तमेव परिसेवते । तस्मिंस् तत्त्वे स्थितिम् विद्यात् ततः कर्म समाचरेत् ॥ ११ ॥
तस्मादेवम् विदित्वातु शिवतत्त्वे निरामये । निर्विकारे निराधारे रतिम् कुर्यद्विचक्षणः ॥ १२ ॥
देहीसर्वगतस् सूक्ष्मः पुराणश्शाश्वतो ध्रुवः । व्यापकस् सर्वतत्त्वानाम् अजो ऽव्यक्तस् सनातनः ॥ १३ ॥
अस्वतन्त्रो निबद्धश्च चिन्मात्रो मलदूषितः । सम्मूढो अनित्य संसारी किञ्चिज्ञो अनीश्वरो अक्रियः ॥ १४ ॥
पशुधर्मो अस्य संज्ञेयः शिवधर्मस् ततो अन्यधा । पशुधर्मादयः पुम्सो ह्यनेकाकार रूपधृक् ॥ १५ ॥
आत्मा जन्तुः पुमान् देही पुरुषः पुद्गली तथा । जीवः कपाली क्षेत्रज्ञः पर्याया एवमादयः ॥ १६ ॥
सर्वे धर्मात्मनस् सन्ति संयुक्तः सर्व कर्मभिः । सर्वान् देहान् अवाप्नोति याति सर्वासु योनिषु ॥ १७ ॥
यावन्नोत्पद्यते ज्ञानम् तावत् भ्रमति कर्मणा । अज्ञानावृत देहस्तु दुःखशोक परिप्लुतः ॥ १८ ॥
ज्ञानम् लब्ध्वा पराम् शान्तिम् अचिरेणाधिगच्छति । तथा तु सर्व दुःखानाम् हानिरस्योप जायते ॥ १९ ॥
तत्त्वात्मप्रकरणं समाप्तम् ।
=Vidyapada, Kapitel 6=
ततः परम् प्रवक्ष्यामि पुरुषम् मन्त्र विग्रहम् । सर्वशोकहरम् दीप्तम् सर्वपापहरम् परम् ॥ १ ॥
सदेवासुर यक्षाणाम् किन्नराप्सर† रक्षसाम् । पितृमातृ गणानाञ्च सिद्धविद्याधरादिषु ॥ २ ॥
नाग गन्धर्व तिर्यक्षु पिशाचानां† च मानुषाम् । शिवादौ सर्व तत्त्वानाम् मन्त्राविन्दन्ति शाश्वताः ॥ ३ ॥
नास्ति मन्त्रैर्विना कश्चित् सर्वम् स्थावर जङ्गमम् । यावन्तः ये च ते सत्त्वाः मन्त्राधिष्ठित विग्रहाः ॥ ४ ॥
यस्य यस्य हि तत्त्वस्य आदिमम् तु यदक्षरम् । षष्ठम् त्रयोदशान्तञ्च† तस्मिन्स्तस्मिन् नियोजयेत् ॥ ५ ॥
तन्मन्त्रम् च विजानीयात् सर्व तत्त्वात्मकम् परम् । बिन्दुनालङ्कृतम् मूर्ध्नि सर्वकाम फलप्रदम् ॥ ६ ॥
तेषाम् अङ्गानि युञ्जीत न ब्रह्मास्तेषु कीर्तिताः । दीर्घैः भिन्नाः स्मृताह्यङ्गा नेत्रानुस्वर सम्युतः ॥ ७ ॥
सविसर्गः स्मृतोह्यस्त्रः सोनुस्वार विवर्जितः । इतरेषान्तु बीजानाम् मूर्ध्नि बिन्दुम् प्रदापयेत् ॥ ८ ॥
ओङ्कार दीपिता मन्त्रा नमस्कारान्त योजिताः । अर्चने सम्प्रयोक्तव्या होमे स्वाहान्त योजिताः ॥ ९ ॥
आवाहनार्घ्य पात्रेषु स्थापनाचमनेषु च । स्नपने मन्त्र विन्यासे धारणा ध्यान कर्मसु ॥ १० ॥
पूजाबलि विधानेषु जपहोम क्रियासु च । शिवस्य यो विधिः प्रोक्तस् सर्वकर्म क्रमेषु च ॥ ११ ॥
सर्वेषामेव तत्त्वानाम् तम् विधिम् परिकल्पयेत् । अनुक्तम् यद्भवेत् किञ्चित् तत्सर्वम् हृदयेन तु ॥ १२ ॥
एवम् विधि विधानज्ञो बुद्ध्या कर्म समाचरेत् । परमीकरणम् प्रोक्तम् सर्व तत्त्वेषु मन्त्रवित् ॥ १३ ॥
यो यस्यैव भवेन् मन्त्रो वाच्य वाचक भेदतः । स्थूलस्सूक्ष्मः परस्सोहि मन्त्रात्मा पुरुषः स्मृतः ॥ १४ ॥
स्थूलम् सूक्ष्मम् परम् ज्ञात्वा कर्म कुर्याद्यथेप्सितम् । स्थूलम् शब्दम् इति प्रोक्तम् सूक्ष्मम् चिन्तामयम् भवेत् ॥ १५ ॥
चिन्तयारहितम् यत्तु तत्परम् परिकीर्तितम् । स्थूलस्तु वाचिकीम् बुद्धिम् सूक्ष्मो योगञ्च यच्चति ॥ १६ ॥
परं च परनिर्वाणं यं प्राप्य न निवर्तते ॥ १७ ॥
यथा प्रदीपः प्रतिबुद्ध्यमानो भवत्यनेकः पुनरेक एव । यथाम्भसो अनेकविधस्य लोके जात्यन्तरम् ह्येकमनेक रूपम् । तथैव मन्त्रस्य वेदितव्यम् जात्यन्तरम् ह्येकम् अनेकरूपम् ॥ १८ ॥
यमेव साधयेन् मन्त्रम् तमात्मानम् प्रकल्पयेत् । तदात्मकाः स्मृता ह्यङ्गा बहिरन्तर् विभागशः ॥ १९ ॥
यस्य या यादृग्विधम् रूपम् व्रतम् तस्यैव तादृशम् । तादृशो अप्युपचारस्तु मन्त्रदेवानु रूपतः ॥ २० ॥
शास्त्रोपदिष्ट मार्गेण यथारूपम् प्रकल्पयेत् । तथारूपो भवेन् मन्त्रः ततः कर्म प्रसाधयेत् ॥ २१ ॥
श्रोतुर्भाव विभेदात्तु वर्णरूपम् पृथग्विधम् । सर्वोपाश्रय संपन्नम् स्फटिकोपलवद्यथा ॥ २२ ॥
इति मन्त्रात्म पुरुषः प्रोक्तस् सर्वार्थ साधकः । सर्वज्ञः सर्वगश्चैव सर्वरूपमयो हि सः ॥ २३ ॥
मन्त्रात्मप्रकरणं समाप्तम् ।
=Vidyapada, Kapitel 7=
परात्परतरम् वक्ष्ये मन्त्रातीतम् निरामयम् । निर्गुणञ्च निराधारम् वर्णरूप विवर्जितम् ॥ १ ॥
सर्वज्ञस्सर्वगश्शान्तस्सर्वात्मा सर्वतोमुखः । अतीन्द्रियो निरालम्बस् सुसूक्ष्मश्शाश्वतो अव्ययः ॥ २ ॥
निरौपम्यो अप्रमेयश्च परमात्मा प्रकीर्तितः । यादृशेन तु भावेन पुरुषस् समुपासते ॥ ३ ॥
एकधा बहुधा चैव तथैव प्रतिपाद्यते । यमेव चिन्तयेद्रूपम् सर्वम् आत्मनि विद्यते ॥ ४ ॥
सर्वकामप्रदोह्यात्मा प्रोक्तष्षड्भेद विस्तरः । भूतात्माह्यन्तरात्मा च तत्त्वात्मा जीव संज्ञकः ॥ ५ ॥
मन्त्रात्मा परमाख्यश्च एकोपि बहुधा स्थितः । भूतात्मा भूत संयोगात् तत्त्वात्मा तत्त्व संस्थितः ॥ ६ ॥
मन्त्रात्मा मन्त्रयोगेन अन्तरात्मा गिरान्वितः । भोक्तातु सुख दुःखानाम् प्रकृतिस्थो गुणान्वितः ॥ ७ ॥
जीवस्तु जीवनस्तेषाम् एभिर्मुक्तः परस्तु सः । सर्वरूपम् यदैश्वर्यम् नित्ययुक्तोह्यवाप्नुयात् ॥ ८ ॥
प्राप्तोपि स द्विधा भावी पुनर्भवम् अवाप्नुयात् । प्राग्यत्नेन परीक्षेण† क्षयात्पापस्य कर्मणः ॥ ९ ॥
तत्त्व विश्लेषकालेचाप्यद्वैतम् प्रतिपाद्यते । एकएव परोह्यात्मा चित्तभेदाद्यनेकधा ॥ १० ॥
एकस्यैवहि नामानि पृथग्भूतान्ययोगिभिः । अनामकस्य गीयन्ते भ्रान्तिज्ञान विमोहितैः ॥ ११ ॥
यदाभिव्यज्यते ज्ञानम् विमलम् सर्वतोमुखम् । तदात्मीयम् परम् धर्मम् विन्दते शाश्वतम् ध्रुवम् ॥ १२ ॥
अहमेव परोह्यात्मा पुरुषः कारणम् स्मृतम् । अहमेव परं ब्रह्म अहम् ज्ञेयम् अनक्षरम् ॥ १३ ॥
सर्वे विनाशकाभावा मत्त एव पृथग्विधाः । भावाभाव विनिर्मुक्तः अहमेकश्शिवो अव्ययः ॥ १४ ॥
योगसंन्यस्त कर्मा यो ज्ञान संछिन्नसंशयः । निर्विकल्पस् सदानित्यम् आत्मानम् पर्युपासयेत् ॥ १५ ॥
निरस्य वासनासर्वाः आत्म तृप्तो निरामयः । अद्वैत भावनायुक्तस् सदात्मानम् उपासयेत् ॥ १६ ॥
अप्राकृतेन नित्येन निर्मलेनाविकारिणा । व्यापकेनाति सूक्ष्मेण परेण ज्ञान चक्षुषा ॥ १७ ॥
विशुद्धम् शाश्वतम् नित्यम् अप्रमेयम् अनौपमम् । निर्विकल्पम् अचिन्त्यम् च हेतु दृष्टान्त वर्जितम् ॥ १८ ॥
सुतृप्तम् निर्गुणम् शान्तम् तत्त्वातीतम् निरञ्जनम् । अविभाव्यम् असन्देह्यम् पश्यन्तीशानम् आत्मनि ॥ १९ ॥
सर्वदम् सर्वदेहस्थम् व्यापकम् सर्वतोमुखम् । निरामयम् निराधारम् आत्मानम् पश्यते शिवम् ॥ २० ॥
विभिन्नम् प्रक्रियामार्गम् मन्त्र तन्त्रम् परापरम् । मूर्तामूर्तम् जगत्कृत्स्नम् पश्यत्यात्मन्युपस्थितम् ॥ २१ ॥
सर्वज्ञस्सर्वदर्शीच परिपूर्णस् सुनिर्मलः । विमुक्तः केवलीभूतस् सुखमक्षयम् आप्नुयात् ॥ २२ ॥
एतत्ते शिवसद्भावम् शिववक्त्राद्विनिर्गतम् । गुह्याद्गुह्यतमम् गुह्यम् गोपनीयम् प्रयत्नतः ॥ २३ ॥
नाशिष्याय प्रदातव्यम् नाभक्ताय कदाचन । एवम् ज्ञानामृतम् प्रोक्तम् प्रकाश्यम् अपशोर् गुह ॥ २४ ॥
परमात्मप्रकरणं समाप्तम् ।
Ausgewählte Verse für die spirituelle Praxis Die folgenden vollständigen Übersetzungen ausgewählter Verse können langsam gelesen und in Stille nachklingen gelassen werden. Die Fundstellen stehen gesammelt am Ende dieses Abschnitts.
Stets vergegenwärtige man das Undenkbare und lasse den Geist ohne äußere Stütze werden. Die Freude, die man im Selbst findet, jenseits der Tattvas und ungeteilt,
ist frei von gedanklicher Unterscheidung, undenkbar und ohne Begründung oder Vergleich. Sie wird die höchste Freude genannt: endgültig und unvergleichlich.
Man gebe die Vorstellung der Getrenntheit auf: „Shiva ist ein anderer, und ich bin wieder ein anderer.“ Stets vergegenwärtige man sich die Nichtzweiheit: „Wer Shiva ist, bin ich selbst.“
Wer mit der Vergegenwärtigung der Nichtzweiheit verbunden ist und überall im Selbst ruht, sieht den Allgegenwärtigen, der in allen Körpern wohnt. Daran besteht kein Zweifel.
Nirgendwo gibt es einen höheren Gewinn als das Erlangen des Selbst. Daher meditiere man über das Selbst: Dieses Selbst ist der Höchste.
Man verehre das Selbst als frei von Übel und ohne Stütze, ohne Farbe und Gestalt, unbefleckt und jenseits der Gunas.
Man verehre das Selbst als unabhängig, ohne Halt an anderem, unermesslich und unvergleichlich, von Natur aus rein und ewig.
Wenn man die Anhaftung an Sinnesgegenstände ablegt, die Bewegungen des Geistes loslässt und den Zustand jenseits des denkenden Geistes erreicht, ist dies die höchste Freude.
Yoga kann in jeder Himmelsrichtung, an jedem Ort und zu jeder Zeit geübt werden. Für die verschiedenen sozialen Stände und Lebensstadien wird kein Unterschied der Erkenntnis gelehrt.
Kühe haben unterschiedliche Farben, doch ihre Milch hat eine Farbe. So betrachte man die Erkenntnis wie die Milch und die Menschen mit ihren äußeren Kennzeichen wie die Kühe.
Wie eine Lampe leuchtet, nachdem sie die Dunkelheit vertrieben hat, so erstrahlt das höchste Selbst, wenn das aus Unwissenheit entstandene Dunkel gewichen ist.
Wenn ein Gefäß bewegt wird, wird das Gefäß bewegt, nicht der von ihm umschlossene Raum. Ebenso gleicht das lebendige Selbst dem Raum.
Nichts übertrifft die Erkenntnis dieser Ordnung; nichts Alldurchdringendes übertrifft Shiva. Keine Vollendung ist höher als Yoga, keine Freude höher als innerer Friede.
Alle latenten Neigungen ablegend, im Selbst erfüllt und frei von Übel, verehre man stets das Selbst in der Vergegenwärtigung der Nichtzweiheit.
Allwissend und alles schauend, vollkommen und ganz rein, befreit und zur Einheit gelangt, erfährt man unvergängliche Freude.
Fundstellen in der Reihenfolge der Auswahl: Vidyapada 2.38–39; 2.13–14; 2.26; 2.31–32; 2.40–42; 2.50; 2.52; 5.5; 7.16; 7.22. Die ersten beiden Absätze bilden einen zusammenhängenden Satz.
Mantras und Rezitationsformeln Der Sarvajnanottara Agama erklärt im sechsten Erkenntniskapitel, wie Mantras mit Om, Huldigungsendungen, Svaha, Bindu, Anusvara und Visarga verbunden werden. Solche Bauanweisungen ergeben für sich genommen noch keinen zweifelsfrei vollständig ausgeschriebenen Einzelmantra. Auch die im Yoga-Abschnitt genannten Astra- und Kshurika-Astra-Anwendungen werden hier nicht aus ergänzenden Kommentaren zu vermeintlichen Grundtext-Mantras zusammengesetzt.
=So ’ham asmi – Er bin ich=
Sanskrit: सोऽहमस्मि
IAST: so ’ham asmi
Bedeutung: „Er bin ich.“
Diese vollständige Aussage steht in Vidyapada 2.16. Sie kann als kontemplative Rezitationsformel dienen. Im Text bezieht sich „Er“ auf den ungeborenen, körperlosen Herrn, das Selbst jenseits der Gunas. Der Vers gibt dazu keinen Atemrhythmus und keine Wiederholungszahl vor. Die Verwendung als kurze Rezitationspraxis ist eine Anwendung des belegten Satzes, keine zusätzliche Ritualvorschrift des Grundtextes.
=Aham ekaḥ śivo ’vyayaḥ – Ich bin der eine, unvergängliche Shiva=
Sanskrit: अहम् एकः शिवोऽव्ययः
IAST: aham ekaḥ śivo ’vyayaḥ
Bedeutung: „Ich bin der eine, unvergängliche Shiva.“
Die vollständige Aussage steht am Ende von Vidyapada 7.14; hier sind die Wörter zur leichteren Lesbarkeit getrennt. Der Zusammenhang spricht vom Selbst jenseits von Sein und Nichtsein. Als Vergegenwärtigung richtet sie die Aufmerksamkeit auf das gemeinsame, nicht begrenzte Wesen. Sie ist kein Anspruch der Persönlichkeit auf Allmacht.
Spirituelle Bedeutung für die heutige Praxis Die folgende Anwendung ist eine heutige Anregung aus der Lektüre, keine zusätzliche Übersetzung:
- Maß und Beständigkeit: Eine tragfähige Praxis beginnt bei ausgewogener Lebensführung. Der Sarvajnanottara Agama eröffnet den Yogaweg mit dieser schlichten Grundlage.
- Sammlung mit Einsicht verbinden: Wahrnehmen, dass Atem und Gedanken erscheinen und vergehen. Dann nach dem Bewusstsein fragen, in dem sie erfahren werden.
- Die Bilder wirken lassen: Butter in der Milch und Öl im Sesam veranschaulichen das verborgene Gegenwärtigsein; Raum im Gefäß veranschaulicht die Nichtbegrenztheit des Selbst.
- Nichtzweiheit im Umgang leben: Wenn derselbe göttliche Grund in allen Körpern gegenwärtig ist, kann daraus Achtung entstehen, auch dort, wo Charakter, Lebensform oder religiöse Sprache verschieden sind.
- Erkenntnis nicht mit einem besonderen Erlebnis verwechseln: Der Text führt über Sinneseindrücke, subtile Zustände und sogar außergewöhnliche Kräfte hinaus. Entscheidend ist die Freiheit von begrenzender Identifikation.
Die bleibende Einladung des Sarvajnanottara Agama lautet: Erkenne das Selbst inmitten des Lebens. Die Sammlung in der Stille und das Handeln im Alltag können auf denselben Grund verweisen. Was als Licht im Inneren erfahren wird, ist nach dieser Lehre nicht vom Wesen aller anderen getrennt.
Anmerkungen zu Textgrundlage und Übersetzung =Art und Grenzen dieser Ausgabe= Dies ist eine spirituell orientierte Lese- und Übersetzungsausgabe des vollständig erschlossenen Sanskrittextes der genannten PDF, keine neue kritische Edition. Die PDF enthält bereits Devanagari und eine ältere lateinische Umschrift; ihre Devanagari-Schrift lässt sich bei der Textextraktion nicht unmittelbar als Unicode lesen. Die vorhandene Umschrift wurde deshalb übernommen und normalisiert; problematische Stellen wurden gezielt mit dem sichtbaren Druckbild verglichen. Die hier beigefügte Devanagari-Fassung gibt diese Lesefassung wieder, nicht die typographischen Eigenheiten des Drucks. In einem begrenzten Schlussdurchgang wurden auffällige Stellen in 27 PDF-Seiten am Devanagari-Druck geprüft, Übertragungsfehler berichtigt und die sieben überlieferten Kapitelabschlüsse ergänzt. Dies ersetzt keine vollständige Kollation aller Textzeugen.
Offenkundige Umschriftfehler wie fehlende Vokallängen, ausgelassene Buchstaben und vertauschte Diakritika wurden berichtigt, beispielsweise bei jñāna, dṛṣṭvā, sarvajña, prāṇāyāma und śarīra. Einige sprachlich ungewöhnliche Formen bleiben erhalten. Die folgenden Hinweise benennen vor allem Stellen, an denen Wortlaut und Deutung auseinandergehen oder eine Normalisierung inhaltlich relevant ist. Für eine wissenschaftliche Zitierausgabe wäre die zusätzliche Prüfung anhand der kritischen Edition und ihrer Textzeugen erforderlich.
=Nummerierung und einzelne Lesungen=
- Yoga Y.3 und Vidyapada 6.17: Die Vorlage verteilt die Verse teilweise ungleich auf ihre Nummern. Satz- und Versgrenzen stimmen öfter nicht überein. Hier werden die überlieferten Nummern und sämtliche zugehörigen Textteile beibehalten; es werden keine fehlenden Halbverse erfunden. Vidyapada 3.62 enthält einen zusätzlichen Abschluss-Halbvers innerhalb der letzten Nummer.
- Yoga Y.7: Das in der lateinischen Umschrift fehlerhafte Reinigungsverb ist nach dem Devanagari-Druck als upaspṛśya wiedergegeben. Es meint eine rituelle Reinigung beziehungsweise Berührung mit Wasser; die ausführlicheren Ritualangaben der englischen Erläuterung stehen nicht alle im Sanskritvers.
- Yoga Y.12–13: Herz, Haupt, Shikha, Panzer, Astra und Auge bezeichnen hier die rituellen Glieder beziehungsweise Glieder-Mantras. Die Übersetzung benennt diesen Mantrazusammenhang ausdrücklich; es geht nicht um voneinander getrennte Körperteile Shivas.
- Yoga Y.17: anaśvarān guṇān bedeutet wörtlich „unvergängliche Eigenschaften“. Das Verb „verbrennen“ aus Y.16 wirkt nach. Der Herausgeber deutet dies auf außergewöhnliche Fähigkeiten, an denen der Yogi nicht festhalten soll. Diese Deutung ist möglich, aber die acht Siddhis werden im Vers selbst nicht aufgezählt.
- Yoga Y.20: Die Vorlage liest prāṇasaṃśayakārakaḥ, wörtlich etwa „den Prana in Gefahr beziehungsweise Ungewissheit bringend“. Das passt nicht glatt zur Erklärung des sanften Ausatmens. Die englische Übersetzung umschreibt die Stelle als Austreiben des Prana; eine sichere Sanskritkorrektur ist damit nicht gegeben. Deshalb bleibt die schwierige Lesung sichtbar.
- Yoga Y.21–24: Zwölf Matras bilden ein Tala. Als Pranayama-Stufen nennt die Vorlage zwölf, vierundzwanzig und achtundvierzig Talas. Danach folgen Verdopplungen für Dharana, Yoga und Yogavollendung. Matra und Tala werden nicht gleichgesetzt; eine Umrechnung in Sekunden wird nicht ergänzt.
- Yoga Y.28: vidyām erscheint zweimal. Die zweite Nennung steht oberhalb von Maya. Die Lesefassung erhält beide Nennungen; eine zusätzliche Stufe wird nicht stillschweigend eingefügt.
- Vidyapada 1.16 und 1.21: Die Umschrift trennt die Negation nicht zuverlässig. Der Zusammenhang verlangt in 1.16 „heilsam oder unheilsam“ und in 1.21 die Gemeinschaft mit einem Übeltäter. Entsprechend stehen vāśubham und asādhu.
- Vidyapada 2.27: Die zweite Zeile der lateinischen Umschrift wiederholt irrtümlich eine Wendung aus 2.26. Der sichtbare Devanagari-Text lautet sarvajñaṃ tu tadātmānaṃ paripūrṇaṃ sadā smaret; dieser Wortlaut wird hier verwendet.
- Vidyapada 2.30 und 2.37: Die scheinbar widersprüchlichen Aussagen über Leere und Denken bleiben erhalten. Sie vermeiden die Festlegung des Selbst auf eines der jeweils entgegengesetzten Begriffe.
- Vidyapada 2.47: na gacchatā und die anschließende Prakriti-Wendung sind sprachlich auffällig. Die Übersetzung gibt den erkennbaren Gegensatz zwischen ungewordenem Selbst und wandelbarer Verkörperung wieder; sie behauptet keine gesicherte Emendation.
- Vidyapada 2.55: Der Sanskrittext spricht von „allen Agamas“. Die Einschränkung auf lediglich widersprechende Schriften stammt aus der englischen Erläuterung und wird hier nicht in den Grundtext hineingelesen. Im Zusammenhang geht es um die unmittelbare Versenkung nach erfüllter Unterweisung.
- Vidyapada 3.1: Der Druck beziehungsweise seine Umschrift bietet die gestörte Form taccārāhamayam. Hier wird sinngemäß taccāhāramayaṃ, „und es besteht aus Nahrung“, gelesen. Dies ist eine ausdrücklich gekennzeichnete redaktionelle Berichtigung, keine neue Handschriftenlesung.
- Vidyapada 3.30: Die Vorlage nennt sieben Nächte, einen Monat und zwei Wochen in einer widersprüchlichen Folge. Die Angaben bleiben in Sanskrit und Übersetzung erhalten; es wird daraus kein scheinbar konsistenter Entwicklungsplan hergestellt.
- Vidyapada 3.49: Die Aussage über den bevorzugten Guna ist knapp und syntaktisch unvollständig. Die Ergänzung in der Übersetzung erschließt den Zusammenhang mit dem wechselnden Überwiegen der Gunas in 3.48–49.
- Vidyapada 3.52 und 3.60–62: Einzelne Angaben über Körperflüssigkeiten und Körperstoffe sind sprachlich beziehungsweise begrifflich unscharf. Vasa, Kalala, Arbuda, Medas und Maharaktam werden deshalb nicht mit vermeintlich exakten modernen Diagnosen oder Gewebebezeichnungen gleichgesetzt. Koti bezeichnet zehn Millionen; dreieinhalb Kotis sind somit fünfunddreißig Millionen. Historische Maßnamen wie Pala, Kudava und Adhaka bleiben ohne Umrechnung.
- Vidyapada 5.13: Der Devanagari-Druck hat ajo ’vyaktaḥ, „ungeboren, unmanifestiert“; in der lateinischen Umschrift ist die Verneinung nicht deutlich. Die Lesefassung folgt hier dem Devanagari-Text.
- Vidyapada 6.2–3: Die Namen der übermenschlichen Wesen sind in der Umschrift zum Teil verstümmelt. Der Druck bietet ebenfalls gestörte Lautfolgen. kinnarāpsara (Kinnaras und Apsaras) und piśācānāṃ (Pishachas) sind hier sinngemäße redaktionelle Berichtigungen, keine zweifelsfrei so gedruckten Lesungen. Sie sind im Text mit † markiert; die Kasusfolge der Vorlage bleibt unregelmäßig.
- Vidyapada 6.5–8: Die Lautverschlüsselung wird übersetzt, aber nicht zu einer vollständigen Mantraserie rekonstruiert. Insbesondere erlaubt die knappe Nennung numerisch bezeichneter Laute ohne weitere Entscheidung keine eindeutige Liste für alle Tattvas.
- Vidyapada 6.17: Das im Devanagari vorhandene yam vor prāpya fehlt in der lateinischen Umschrift. Es wird in der Lesefassung wiedergegeben.
- Vidyapada 7.9: parīkṣeṇa ist in diesem Satz unsicher. Der Zusammenhang verbindet die Aufgabe des dualen Denkens, vorausgehende Anstrengung und das Schwinden unheilsamen Karmas. Die Übersetzung kennzeichnet ihre sinngemäße Ergänzung.
- Vidyapada 7.13: brahma bezeichnet hier das höchste Brahman, nicht den Schöpfergott Brahma. Die im Druck beziehungsweise in der Umschrift auftretende Endung mit langem ā wird entsprechend normalisiert. anakṣaram ist hier als „jenseits der Laute“ wiedergegeben.
=Historische Körperlehre und spirituelle Deutung= Das dritte Erkenntniskapitel beschreibt Zeugung, Schwangerschaft, Ernährung und Körperbau nach vormodernen Vorstellungen. Seine Aussagen über die Entstehung von Insekten aus Feuchtigkeit, die Reihenfolge der Gewebebildung, Entwicklungsmonate und Körpermengen sind historische Textaussagen, keine Darstellung heutiger Biologie. Sie wurden vollständig übersetzt, weil auch dieser Teil zum überlieferten Werk gehört.
Der spirituelle Zusammenhang ist die Unterscheidung zwischen dem veränderlichen Körper und dem ewigen Selbst. Die teilweise drastischen Körperbilder sollen Unterscheidung und Loslösung fördern. Für eine heutige Auslegung muss daraus keine Geringschätzung des Körpers folgen: Er bleibt das Feld, in dem Sammlung, Mitgefühl und Erkenntnis verwirklicht werden.
=Textaussage, Kommentar und Medien= „Allwissenheit“, „Unsterblichkeit“ und „Herrschaft über alles“ sind Aussagen des religiösen Grundtextes über die Vollendung, keine hier zugesicherten Ergebnisse einer einzelnen Übung. Die heutigen Praxisanregungen sind als solche bezeichnet. Die Videos stammen aus der mitgelieferten Medienauswahl; ihre Themen wurden anhand der veröffentlichten Titel zugeordnet. Sie ergänzen die Lektüre, ohne die spezifischen Verfahren des Sarvajnanottara Agama zu repräsentieren.
Quellen und Literatur
- ↑ 1,0 1,1 S. P. Sabharathnam Sivacharyar: Srimat Sarvajnanottara Agama. Yoga Pada. Himalayan Academy, Kauai Adheenam, undatierte digitale Ausgabe, 99 PDF-Seiten. Trotz des verkürzten Deckeltitels enthält die Datei auch sieben Kapitel des Vidyapada. Sanskrittext mit Umschrift, englischer Übersetzung und Erläuterungen. Die deutsche Übersetzung dieser Wiki-Seite folgt dem Sanskrit; die modernen Erläuterungen der englischen Ausgabe werden nicht als Grundtext wiedergegeben.
- ↑ U. Vaidyanathan: Sarvajnanottara: a critical edition and study. Dissertation, Department of Sanskrit, Pondicherry University, 1993; Betreuung: B. K. Dalai. Nachweis im Hochschulkatalog IndCat.
- Verwendete Textgrundlage: S. P. Sabharathnam Sivacharyar, Srimat Sarvajnanottara Agama. Yoga Pada, Himalayan Academy. Sanskrit, ältere lateinische Umschrift, englische Übersetzung und Erläuterungen; 99 PDF-Seiten, einschließlich Vidyapada 1–7.
- Weiterführende kritische Forschung: U. Vaidyanathan, Sarvajnanottara: a critical edition and study, Pondicherry University, 1993. Bibliographischer Nachweis; nicht Grundlage einer hier vorgenommenen Vollkollation.
Siehe auch
- Agama
- Tantra
- Shaivismus
- Shaiva Siddhanta
- Shiva
- Skanda
- Atman
- Moksha
- Diksha
- Mantra
- Meditation
- Kirana Tantra
- Mrigendra Tantra
Weblinks