YVS227 Fünffacher Sinn im Leben - Yogasutra II 18-23

Aus Yogawiki

Spirituelle Lebenseinstellung - der fünffache Sinn im Leben: Warum bist du in der Welt? Welchen Sinn hat das relative Leben? Wie kannst du in dieser Welt sinnvoll leben? Sukadev spricht anhand der Yoga Sutras von Patanjali, Kapitel 2, Verse 18-23.



Der 5-fache Sinn im Leben ist:

  1. Erleuchtung erlangen
  2. Lernen
  3. Erfahrungen machen
  4. Bewirken
  5. Entfalten

Mit anderen Worten: Erlebe…


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Der fünffache Sinn des Lebens - Niederschrift des Video Vortrags

Der fünffache Sinn im Leben ist ein Modell aus der Yoga-Philosophie, das helfen kann, die eigene Existenz und die Erfahrungen des Alltags aus einer spirituellen Perspektive zu verstehen. Es beruht auf Gedanken aus dem zweiten Kapitel des Yoga Sutra von Patanjali, insbesondere den Versen 18–23.

Aus yogischer Sicht ist das Leben nicht bloß eine zufällige Folge angenehmer und unangenehmer Ereignisse. Die Welt ist ein Ort der Erfahrung, des Lernens, des Wirkens und der spirituellen Entwicklung. Letztlich dient alles Leben der Erkenntnis des wahren Selbst.

Der Sinn des relativen Lebens

Menschen fragen sich immer wieder:

  • Warum bin ich auf dieser Welt?
  • Warum mache ich bestimmte Erfahrungen?
  • Warum gibt es Freude und Leid?
  • Was soll ich lernen?
  • Was kann ich bewirken?
  • Was ist das Ziel meines Lebens?

Patanjali beschreibt die erfahrbare Welt als etwas, das für den Sehenden, den Purusha, da ist. Die Welt ermöglicht Erfahrungen und führt schließlich zur Befreiung. Das Leben kann daher als eine spirituelle Schule angesehen werden.

Der fünffache Sinn des Lebens kann folgendermaßen zusammengefasst werden:

  1. Erleuchtung erlangen
  1. lernen
  1. Erfahrungen machen
  1. etwas bewirken
  1. Fähigkeiten und Kräfte entfalten

Erleuchtung erlangen

Der höchste Sinn des Lebens ist die Selbstverwirklichung, die Erkenntnis der eigenen wahren Natur. Der Mensch ist seinem tiefsten Wesen nach nicht auf Körper, Persönlichkeit, Gedanken und Gefühle beschränkt. Hinter allen Veränderungen befindet sich das unsterbliche, reine und freie Selbst.

Im Jnana Yoga wird dieses Selbst als Atman bezeichnet. Atman ist eins mit Brahman, dem Absoluten. Im Raja Yoga spricht man vom Purusha, dem reinen Bewusstsein.

Alle anderen Ziele und Erfahrungen des Lebens können letztlich als Schritte auf dem Weg zu dieser höchsten Erkenntnis verstanden werden.

Erleuchtung bedeutet nicht unbedingt, die Welt abzulehnen oder vor den Aufgaben des Lebens zu fliehen. Vielmehr kann jeder Lebensbereich zum spirituellen Weg werden. Familie, Beruf, Gemeinschaft, Krankheit, Erfolg und Misserfolg können helfen, über begrenzte Identifikationen hinauszuwachsen.

Lernen

Die Welt ist eine Schule. Jeder Mensch kommt mit bestimmten Aufgaben und Lernfeldern in dieses Leben.

Manche Menschen müssen lernen, mutiger zu werden. Andere dürfen Geduld, Mitgefühl, Selbstvertrauen, Konsequenz oder Hingabe entwickeln. Manche müssen lernen, Grenzen zu setzen. Andere lernen, sich zu öffnen, Verantwortung zu übernehmen oder loszulassen.

Eine hilfreiche Frage lautet:

Was kann ich aus dieser Situation lernen?

Diese Frage verändert den Blick auf schwierige Erfahrungen. Anstatt nur zu fragen, warum etwas geschieht, kann man überlegen, welche Entwicklung dadurch möglich wird.

Das bedeutet nicht, Leid zu verherrlichen oder Ungerechtigkeit einfach hinzunehmen. Yoga fordert den Menschen auf, klug und verantwortungsvoll zu handeln. Gleichzeitig kann auch eine schwierige Situation zum Anlass für innere Entwicklung werden.

Erfahrungen machen

Der Mensch ist auf der Welt, um Erfahrungen zu machen. Dazu gehören Freude und Leid, Erfolg und Misserfolg, Begegnung und Trennung, Gesundheit und Krankheit.

Durch Erfahrungen entwickelt der Mensch Verständnis. Vieles kann nicht allein durch Bücher oder theoretisches Wissen gelernt werden. Erst das eigene Erleben führt zu tiefer Einsicht.

Patanjali erklärt, dass die sichtbare Welt dem Erleben und der Befreiung des Sehenden dient. Erfahrungen sind daher nicht sinnlos. Sie können helfen, die Funktionsweise des Geistes zu verstehen, Wünsche zu erkennen und schrittweise über Abhängigkeiten hinauszuwachsen.

Eine spirituelle Lebenseinstellung bedeutet, Erfahrungen bewusst wahrzunehmen, ohne sich vollständig mit ihnen zu identifizieren.

Man kann sich sagen:

Ich bin der Wahrnehmende. Ich mache diese Erfahrung, aber ich bin nicht auf diese Erfahrung beschränkt.

Etwas bewirken

Jeder Mensch ist auch auf der Welt, um etwas zu bewirken. Durch Denken, Sprechen und Handeln gestaltet er sein eigenes Leben und beeinflusst andere Menschen.

Im Karma Yoga wird Handeln zu einem spirituellen Weg. Der Mensch erfüllt seine Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen, ohne sich vollständig an die Ergebnisse zu hängen.

Dabei können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Was braucht die konkrete Situation?
  • Was ist meine Aufgabe?
  • Wie kann ich anderen helfen?
  • Was dient dem Wohl des Ganzen?
  • Wie kann ich meine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen?

Etwas zu bewirken muss nicht bedeuten, berühmt zu werden oder Außergewöhnliches zu leisten. Auch eine kleine freundliche Handlung kann das Leben eines Menschen verändern. Ein aufmerksames Gespräch, ein Gebet, ein Dienst an der Gemeinschaft oder die gewissenhafte Erfüllung einer Aufgabe können von großer Bedeutung sein.

Der Mensch ist nicht nur Empfänger von Erfahrungen. Er ist auch Mitgestalter der Welt.

Fähigkeiten und Kräfte entfalten

Im Menschen schlummern zahlreiche Fähigkeiten. Das Leben bietet Gelegenheiten, diese Kräfte zu entfalten.

Dazu gehören beispielsweise:

  • körperliche Kraft und Geschicklichkeit
  • Konzentration und Willenskraft
  • Liebe und Mitgefühl
  • Kreativität
  • Mut und Ausdauer
  • Intuition
  • geistige Klarheit
  • Hingabe
  • die Fähigkeit, anderen zu dienen
  • spirituelle Erkenntnis

Herausforderungen zwingen den Menschen manchmal dazu, Fähigkeiten zu entwickeln, von denen er vorher nichts wusste. Eine schwierige Aufgabe kann zu größerer Kraft führen. Verantwortung kann helfen, über sich selbst hinauszuwachsen.

Yogaübungen wie Asana, Pranayama, Meditation, Mantra und Satsang unterstützen die Entfaltung der inneren Möglichkeiten. Dabei geht es nicht nur um außergewöhnliche Fähigkeiten oder sogenannte Siddhis. Wichtiger sind Charakterstärke, Liebe, Weisheit und die Fähigkeit, zum Wohl anderer zu handeln.

Die Welt als Erfahrungsfeld

Im 18. Vers des zweiten Kapitels des Yoga Sutra beschreibt Patanjali die erfahrbare Welt als aus den drei Gunas bestehend:

  • Sattva – Reinheit, Klarheit und Harmonie
  • Rajas – Aktivität, Unruhe und Bewegung
  • Tamas – Trägheit, Dunkelheit und Festigkeit

Die Welt umfasst die Elemente, die Sinne und alle Gegenstände der Wahrnehmung. Ihr Zweck ist nach Patanjali sowohl Erfahrung als auch Befreiung.

Die Welt kann den Menschen binden, wenn er sich vollständig mit ihren Erscheinungen identifiziert. Sie kann ihn aber auch zur Befreiung führen, wenn er lernt, bewusst mit seinen Erfahrungen umzugehen.

Nicht die Welt an sich ist das Problem. Die Bindung entsteht durch Unwissenheit und Identifikation.

Purusha und Prakriti

Eine wichtige Grundlage des Yoga Sutra ist die Unterscheidung zwischen Purusha und Prakriti.

Purusha ist das reine, unveränderliche Bewusstsein. Prakriti ist die Natur mit allen körperlichen und geistigen Erscheinungen.

Zum Bereich der Prakriti gehören:

  • der Körper
  • die Sinne
  • Gedanken
  • Gefühle
  • Erinnerungen
  • Wünsche
  • Persönlichkeit
  • die äußere Welt

Der Purusha ist derjenige, der all dies wahrnimmt. Durch Avidya, die grundlegende Unwissenheit, scheint sich das Bewusstsein mit Körper und Geist zu verbinden. Der Mensch denkt dann:

  • „Ich bin der Körper.“
  • „Ich bin meine Gedanken.“
  • „Ich bin meine Gefühle.“
  • „Ich bin erfolgreich.“
  • „Ich bin gescheitert.“

Yoga hilft, diese Identifikationen schrittweise zu überwinden. Gedanken und Gefühle werden weiterhin wahrgenommen, aber der Übende erkennt, dass sein wahres Selbst darüber hinausgeht.

Das Leben bewusst gestalten

Der fünffache Sinn im Leben kann eine praktische Orientierung für den Alltag geben. In jeder Situation kann der Mensch überlegen:

  1. Wie hilft mir diese Erfahrung auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis?
  2. Was kann ich hier lernen?
  3. Welche Erfahrung mache ich?
  4. Was kann ich sinnvoll bewirken?
  5. Welche Fähigkeit kann ich entfalten?

Nicht immer werden alle fünf Aspekte gleichzeitig deutlich. In einer bestimmten Lebensphase kann das Lernen im Vordergrund stehen. In einer anderen Phase geht es mehr um das Wirken, das Erfahren oder die Entfaltung neuer Kräfte.

Über allem steht die spirituelle Erkenntnis: Hinter allen Erfahrungen bleibt das wahre Selbst unberührt.

Umgang mit Schwierigkeiten

Eine spirituelle Lebenseinstellung kann insbesondere in schwierigen Zeiten hilfreich sein. Wenn etwas nicht so verläuft, wie man es sich gewünscht hat, kann man zunächst überlegen, was konkret zu tun ist.

Yoga bedeutet nicht, passiv zu werden. Es kann notwendig sein, Missstände zu verändern, für Gerechtigkeit einzutreten, Hilfe zu suchen oder klare Entscheidungen zu treffen.

Zusätzlich kann man sich fragen:

  • Welche Lernaufgabe liegt in dieser Situation?
  • Welche Stärke kann ich jetzt entwickeln?
  • Wie kann ich trotz der Schwierigkeit Gutes bewirken?
  • Wie kann ich innerlich wachsen?
  • Wie kann ich mich mit dem Göttlichen verbinden?

Eine solche Einstellung kann helfen, nicht in Verzweiflung, Ärger oder Selbstmitleid stecken zu bleiben. Sie eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten und gibt auch schwierigen Erfahrungen eine tiefere Bedeutung.

Freude und Engagement

Der fünffache Sinn des Lebens ist keine rein ernste oder schwere Lehre. Das Leben darf mit Freude, Intensität und Hingabe gelebt werden.

Menschen können die Schönheit der Welt genießen, Beziehungen pflegen, kreativ sein, lachen und sich für gute Ziele engagieren. Erfahrungen und Freude stehen nicht im Widerspruch zur Spiritualität, solange der Mensch sich nicht vollständig von äußeren Umständen abhängig macht.

Eine spirituelle Lebenseinstellung verbindet daher mehrere Aspekte:

  • engagiertes Handeln
  • bewusstes Erleben
  • Offenheit für Lernprozesse
  • Entfaltung der eigenen Kräfte
  • Erinnerung an das ewige Selbst

Praktische Übung

Am Ende eines Tages kann man einige Minuten in die Stille gehen und über folgende Fragen nachdenken:

  1. Was habe ich heute erfahren?
  2. Was habe ich heute gelernt?
  3. Was konnte ich bewirken?
  4. Welche Fähigkeit habe ich eingesetzt oder entwickelt?
  5. Wann konnte ich die Gegenwart des Göttlichen oder meines höheren Selbst spüren?

Anschließend kann man alle Erfahrungen innerlich Gott darbringen:

Was auch immer ich heute getan, gedacht und erfahren habe, bringe ich dem Göttlichen dar. Möge alles meinem spirituellen Wachstum und dem Wohl aller Wesen dienen.

Zusammenfassung

Der fünffache Sinn im Leben besteht darin,

  1. die höchste Wahrheit zu erkennen,
  2. zu lernen,
  3. Erfahrungen zu machen,
  4. in der Welt etwas zu bewirken und
  5. die eigenen Fähigkeiten zu entfalten.

Das Leben wird dadurch zu einem umfassenden spirituellen Übungsfeld. Jede Erfahrung kann helfen, bewusster, liebevoller und weiser zu werden. Der Mensch lernt, engagiert zu handeln und zugleich zu erkennen, dass sein wahres Selbst jenseits aller Veränderungen frei und unsterblich ist.

Weitere Informationen findest du auch unter den Stichwörtern Yoga Sutra, Patanjali und Yoga.

Diese Folge YVS227 ist ein Audio- bzw. Video-Vortrag aus der Vortragsreihe „Yoga Vidya Schulung – Der ganzheitliche Yogaweg“ sowie auch Teil des zweiten Jahres der 2-jährigen Yogalehrerausbildung.

Siehe auch

Seminare zum Thema bzw. im indirekten Zusammenhang

In diesem Abschnitt findest du eine Reihe von Seminaren bzw. Informationen, die im indirekten Zusammenhang zu diesem Thema stehen:

Indische Schriften

11.09.2026 - 13.09.2026 Indische Schriften und Philosophiesysteme

Die wichtigsten Yogaschriften: Die 6 Darshanas. Unterrichtstechniken: Korrekturen und Hilfestellungen speziell für Anfänger, Yoga für den Rücken.
Raka Manuel Hirning
11.09.2026 - 13.09.2026 Raja Yoga 3

Der Yoga der Geisteskontrolle. 3. und 4. Kapitel der Yoga Sutras von Patanjali, Entwicklung der Gedankenkraft, Meditationserfahrungen, übernatürliche …
Pranavi Deventer

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