Bhairavanukarana Stotra

Aus Yogawiki

Bhairavanukarana Stotra (Sanskrit: भैरवानुकरणस्तोत्र bhairavānukaraṇastotra n.), auch Bhairavānukaraṇastotra und Bhairavanukaranastotra, ist ein 48 Verse umfassendes Sanskrit-Stotra von Kṣemarāja aus dem geistigen Umfeld des nichtdualen Kashmir Shivaismus. Der Titel lässt sich als „Hymne über die Nachbildung Bhairavas“, „Hymne über das Nachvollziehen Bhairavas“ oder sinngemäß als „Hymne, in der Bhairavas Gestalt als Abbild seiner höchsten Wirklichkeit verstanden wird“ übersetzen. Das Werk verbindet intensive Bhakti zu Bhairava mit der nichtdualen Bewusstseinslehre des Kashmir Shivaismus.

Der Text ist ungewöhnlich, weil er Bhairavas furchterregende Ikonographie nicht bloß beschreibt. Schädel, Knochen, Elefantenhaut, Eingeweide, Schwert, Schlinge, Elefantenhaken, Bogen, Dreizack, Damaru, Schädelstab und die Verbrennungsstätte werden zu Trägern philosophischer Deutung. Kṣemarāja liest den äußeren Bhairava als sichtbares „Nachbild“ dessen, was im Innersten nicht bildlich darstellbar ist: Cidbhairava, Bhairava als reines, selbstbewusstes Bewusstsein.

Die überlieferte GRETIL-Fassung beruht auf Raniero Gnolis Veröffentlichung des Bhairavānukaraṇastotra von 1958. Sie bietet 48 nummerierte Verse und eine vorausgehende Anrufung: oṃ namaś cidbhairavāya – „Om, Verehrung dem Bhairava des Bewusstseins“. Das Stotra gehört damit zu den besonders dichten kurzen Zeugnissen der Spiritualität Kṣemarājas. Für diesen Artikel wird die Einordnung des Werkes selbst aus der gelieferten Textgrundlage gewonnen; biographische Angaben zu Kṣemarāja werden nur in allgemein gehaltener Form ergänzt.

Shiva in einer klassischen Darstellung. Das Bhairavanukarana Stotra deutet die äußere Gestalt Bhairavas als Symbol des unbegrenzten Bewusstseins.

Bhairava als Bild des bildlosen Bewusstseins

Der Schlüssel zum Stotra liegt bereits in den Versen 3–6. Kṣemarāja erklärt, dass Lobender, Lobpreisung und Gelobter in letzter Wirklichkeit nicht getrennt sind. Bhairavas sichtbare Gestalt verhält sich zum formlosen höchsten Selbst wie eine Zeichnung zum Menschen oder eine Schrift zu den Lauten: Sie macht etwas sichtbar, das in seiner eigentlichen Wirklichkeit über das Bild hinausgeht.

Daher ist anukaraṇa hier nicht als bloße Imitation zu verstehen. Die Form Bhairavas dient im Stotra als symbolische Entsprechung der nichtdualen Wirklichkeit. Sie macht in bildhafter Form etwas anschaulich, das der Text zugleich als jenseits begrifflicher Festlegung beschreibt. Der Verehrer schaut die ikonographischen Merkmale und lernt zugleich, ihren inneren Sinn zu erkennen.

Vers 6 formuliert die Grenze jeder bildlichen und begrifflichen Darstellung ausdrücklich: Das höchste Wesen Bhairavas ist kein Gegenstand von kalpanā, begrifflicher Konstruktion. Man kann sich ihm nur annähern, indem man in das unterschiedslose Bewusstsein eintritt.

Cidbhairava
Der Ausdruck Cidbhairava verbindet cit, Bewusstsein, mit Bhairava. Im Stotra wird Bhairava wiederholt als Bewusstseinswirklichkeit gedeutet. Die äußere Gottheitsgestalt und die innere Dimension des Bewusstseins werden dabei nicht gegeneinander ausgespielt, sondern aufeinander bezogen.


Vollständiger Text in Umschrift mit deutscher Übersetzung

Anrufung
oṃ namaś cidbhairavāya |

Übersetzung: Om. Verehrung dem Cidbhairava, dem Bhairava des Bewusstseins.

Vers 1
citibhūmisamāśrayaṇāś citibhūtiṃ śrayata mā mudhā bhramata |
prathayann iti bhaktimatāṃ jayati śivo 'nugrahapravaṇaḥ ||

Übersetzung: „Nehmt Zuflucht auf der Ebene des Bewusstseins; erlangt die Herrlichkeit des Bewusstseins und irrt nicht vergeblich umher!“ – so verkündend, triumphiert Shiva, der sich in Gnade den Hingebungsvollen zuneigt.

Vers 2
cidbhairavam eva paraṃ paramāmṛtarūpam ekam atidīptam |
ullasitakaraṇacakragrastasamastaṃ śivaṃ vande ||

Übersetzung: Ich verehre allein Cidbhairava, den Höchsten, die eine Gestalt höchsten Nektars, überaus strahlend, Shiva, der alles in dem aufleuchtenden Kreis der Sinne und Kräfte in sich aufgenommen hat.

Vers 3
stutyaḥ stotā stutir iti yad api vibhinnaṃ na kiṃcid astīha |
mṛṣati yathā yad rūpaṃ cidrūpatayā tathā bhavaty etat ||

Übersetzung: Obwohl man von Gelobtem, Lobendem und Lobpreisung als verschieden spricht, gibt es hier in Wahrheit keinerlei Trennung. Welche Gestalt auch immer das Bewusstsein berührt – als Bewusstseinsgestalt wird sie eben dies.

Vers 4
vigalitasarvavibhedaṃ sarvavibhedātma cidghanānandam |
yat tava tattvaṃ bhagavaṃs tasyānukṛtiṃ tvadākṛtiṃ vande ||

Übersetzung: O Herr, dein Wesen ist frei von jeder Verschiedenheit und zugleich die Essenz aller Verschiedenheit, eine dichte Fülle von Bewusstsein und Seligkeit. Ich verehre diese Nachbildung deines Wesens, deine Gestalt.

Vers 5
rekhāpuruṣaḥ puruṣaṃ varṇalipir varṇasaṃcayaṃ yadvat |
tadvat vicitrarūpaṃ tvām ākāro vyanakti paramātman ||

Übersetzung: Wie eine gezeichnete Figur einen Menschen und eine Buchstabenschrift eine Lautfolge sichtbar macht, so offenbart deine vielgestaltige Form dich, o höchstes Selbst.

Vers 6
tatrāvikalpam eva tvāṃ cidrūpaṃ samāviśya |
vimṛśāmaḥ kim api manāṅ na hi tattvaṃ kalpanāviṣayaḥ ||

Übersetzung: Indem wir dort in dich als gestaltlos-unterscheidungsfreies Bewusstsein eintreten, betrachten wir dich ein wenig; denn dein wahres Wesen ist kein Gegenstand begrifflicher Vorstellung.

Vers 7
svātmaprabhāṃ vidhāya vāgdevīṃ viṣayakusumakḷptārcaḥ |
prathamonmeṣaṃ gurum atha vanditvā hṛdayam āviśya ||

Übersetzung: Nachdem ich die Göttin der Sprache zu meinem eigenen Licht gemacht und aus den Blumen der Sinnesobjekte eine Verehrung bereitet, den Guru als ersten Aufgang des Bewusstseins verehrt und das Herz betreten habe,

Vers 8
staumi vimṛśan maheśvaram ātmānaṃ svaṃ cidekaghanam |
srāvitapāśakadambakam etasmin dehadevagṛhe ||

Übersetzung: preise ich, im Vimarsha verweilend, Maheshvara als mein eigenes Selbst, als die eine ungeteilte Masse von Bewusstsein, in diesem Körper-Tempel, in dem die Menge der Fesseln zum Schmelzen gebracht wird.

Vers 9
cityānandecchāvitkaraṇākhyāḥ śaktayo jayanti vibho |
sūkṣmasthūlabhidāptā vaktratvaṃ brahmamuṇḍabhidhā ||

Übersetzung: Es triumphieren, o Allgegenwärtiger, deine Kräfte namens Bewusstsein, Seligkeit, Wille, Erkenntnis und Handlung. In feiner und grober Unterscheidung erscheinen sie als deine Gesichter und als die sogenannten Brahma-Schädel.

Vers 10
sarvajñatādiviṣayaṃ hṛdayādikam aṅgaṣaṭkaṃ te |
sakalaṃ sadāśivāntaṃ pretātmatayā tavāsanaṃ svāmin ||

Übersetzung: Deine sechs Glieder, vom Herzen an, deren Gegenstand Allwissenheit und die weiteren göttlichen Kräfte sind, und die ganze Ordnung bis Sadashiva bilden, o Herr, als lebloser Untergrund deinen Sitz.

Vers 11
paramaprakāśavapuṣo vimarśaśaktiḥ prabho parā devī |
asyā eva prasaraḥ sarvā brāhmyādikā devyaḥ ||

Übersetzung: O Herr, die höchste Göttin ist die Vimarsha-Shakti deiner Gestalt des höchsten Lichtes. Alle Göttinnen, beginnend mit Brahmi, sind nichts als ihre Entfaltung.

Vers 12
dahanajalāmṛtalekhāviṣādi bibhrat tvam ādiśasy etat |
viśvaṃ viruddham api saccidrūpe mayi virudhyate naitat ||

Übersetzung: Du trägst Feuer, Wasser, Nektarströme, Gift und anderes, scheinbar Gegensätzliches. Du lehrst damit: In mir, dessen Wesen Sein und Bewusstsein ist, besteht dieser Widerspruch nicht.

Vers 13
saṃvitsūtranilīno niḥsāro mātṛnivaho 'yam |
karaṇamuṇḍamālabhārin darśayasītīva naḥ svāmin ||

Übersetzung: O Träger der Schädelgirlande der Erkenntnisorgane, du scheinst uns zu zeigen: Diese ganze Schar der Erkennenden ist ohne eigenständige Substanz und auf dem Faden des Bewusstseins aufgefädelt.

Vers 14
paśyata paśyata pāśā viṣamās ta ime bahiṣkṛtāḥ śaśvat |
ity antradhāraṇamiṣat kathayaṃs tvaṃ naḥ samābhāsi ||

Übersetzung: „Seht, seht! Diese schrecklichen Fesseln sind für immer nach außen geworfen!“ – so scheinst du uns, o Herr, durch das Tragen der Eingeweide zu verkünden.

Vers 15
māyāpaṭaḥ sarāgo vyomni pare 'smin sa eṣa nikṣiptaḥ |
iti gajacarma saraktaṃ mūrdhni vahan kathayasīśa ||

Übersetzung: „Dieser mit Begehren gefärbte Schleier der Maya ist in den höchsten Raum hinausgeworfen“ – dies verkündest du, o Herr, indem du die blutrote Elefantenhaut auf dem Haupt trägst.

Vers 16
antaḥśaktikṛpāṇīm vyanakṣi saṃsṛtivibhedinīm asinā |
nijaśaktimahimasvīkṛtasamastaviśvā hi vīravarāḥ ||

Übersetzung: Mit dem Schwert offenbarst du die innere Shakti als Klinge, die den Kreislauf des Werdens durchschneidet. Wahrhaft heroisch sind jene, die durch die Größe ihrer eigenen Shakti das ganze Universum als sich selbst umfassen.

Vers 17
bhavabhayahantā so 'ham sānāthye 'vasthito 'smi mā bhaiṣṭa |
ity āsphoṭitakheṭakadarśanato diśasi naḥ svāmin ||

Übersetzung: „Ich bin der Vernichter der Angst vor dem Werden; ich stehe in schützender Macht – fürchtet euch nicht!“ So weist du uns, o Herr, durch das machtvolle Zeigen deines Schildes.

Vers 18
nijaśaktipāśavalitaś cidvapuṣā kalyate mayā kālaḥ |
iti pāśadhāraṇavaśāt prathayasi naḥ kālakālas tvam ||

Übersetzung: „Zeit ist durch meine Bewusstseinsgestalt gebunden, umschlungen vom Seil meiner eigenen Shakti.“ Durch das Tragen der Schlinge offenbarst du dich uns als Kālakāla, den Überwinder der Zeit.

Vers 19
bhedamayam akhilam etan nijaśaktyaivākṣipāmi saṃhartum |
ity aṅkuśadhāraṇataḥ sphuṭayati parabhairavo 'smākam ||

Übersetzung: „Diese ganze aus Verschiedenheit bestehende Welt ziehe ich durch meine eigene Shakti an mich, um sie zurückzunehmen.“ Dies macht der höchste Bhairava durch das Tragen des Elefantenhakens deutlich.

Vers 20
kodaṇḍārūdhaśarapradarśanād brahmaviṣṇurudreśān |
sasadākhyaśivāñ chaktyā kāraṇahariṇaṃ bhinatsi mṛgavat tvam ||

Übersetzung: Indem du Bogen und aufgelegten Pfeil zeigst, durchbohrst du wie ein Wildtier das Ursachenprinzip, das als Brahma, Vishnu, Rudra, Ishana, Sadashiva und Shiva erscheint – kraft deiner Shakti.

Vers 21
varadena pāṇinā tvaṃ viśvavibhūtipradatvam abhinayasi |
na khalu paratattvaniṣṭho vibhavamalaiḥ spṛśyate jātu ||

Übersetzung: Mit der Hand der Wunschgewährung stellst du dar, dass du die Fülle und Herrlichkeit des Universums verleihst. Wer im höchsten Prinzip gegründet ist, wird jedoch niemals von den Verunreinigungen weltlicher Macht berührt.

Vers 22
abhayena ca bhavabhayāni unmūlayatā prakāśyate satatam |
viśvānugrahakāraṇasvabhāvatā tava karatalena ||

Übersetzung: Und mit der furchtvertreibenden Hand, welche die Ängste des Werdens an der Wurzel beseitigt, wird fortwährend sichtbar, dass dein Wesen Ursache universaler Gnade ist.

Vers 23
akhyātirūpam asamaṃ māyāyāḥ śakalitaṃ śiro 'traitat |
parabodhamayena mayā muṇḍaṃ bibhrat prakāśayasy evam ||

Übersetzung: „Dies hier ist das zerteilte Haupt der Maya, deren Wesen Nicht-Erkennen ist; ich bin aus höchster Erkenntnis gebildet.“ So offenbarst du dich, indem du den Schädel trägst.

Vers 24
niḥśeṣahṛtasārā mayy eva jagatsthitiś cidekaghane |
iti khaṭvāṅgakaraṅkodvahanacchalato dadāsy ājñām ||

Übersetzung: „Die Welt, deren eigenständige Substanz vollständig genommen ist, besteht allein in mir, der einen dichten Masse von Bewusstsein.“ Dies gebietest du gleichsam durch das Tragen des Schädelstabes.

Vers 25
vīṇāghaṇtāḍamarūn uḍḍāmara vādayann idaṃ diśasi |
vṛttitribhedabhinnaṃ nādaṃ śṛṇvan sthito 'smīti ||

Übersetzung: O Gewaltiger, indem du Vina, Glocke und Damaru erklingen lässt, weist du darauf hin: „Ich verweile, indem ich den Nada höre, der in die drei Bewegungsweisen des Bewusstseins gegliedert ist.“

Vers 26
kiṃ ca parādikaśaktitritayārāsundarām mahāśaktim |
devānukaroṣi bahis triśūladhāraṇamiṣeṇa nityaṃ tvam ||

Übersetzung: Darüber hinaus stellst du die große Shakti, schön durch die drei Speichen der Kräfte Para und der weiteren Ebenen, beständig äußerlich dar, indem du den Dreizack trägst.

Vers 27
icchādikanijaśaktiprakāśitādhaḥsthagocaratritayām |
svām eva parāṃ śaktiṃ vajramayīṃ vahasi ṣaḍarāṃ tvam ||

Übersetzung: Du trägst deine eigene höchste Shakti als sechsstrahliges, vajrahaftes Gebilde; durch deine eigenen Kräfte von Wille und den weiteren wird in ihr die darunterliegende Dreiheit der Bereiche offenbar.

Vers 28
jagad akhilaṃ macchaktyā damitaṃ sarvavyāvasthitīr dhatte |
iti daṇḍadhāraṇavaśād vyanakṣi cidbhairavāsmākam ||

Übersetzung: „Die ganze Welt, durch meine Shakti gebändigt und getragen, nimmt alle ihre Ordnungen an.“ Dies offenbarst du uns, o Cidbhairava, durch das Tragen des Stabes.

Vers 29
mudgaraparaśū bibhrad baindavanādānukārarūpau tvam |
bhedavibhedanaśakalanaparatvam īśāna nirdiśasi ||

Übersetzung: Indem du Keule und Axt trägst – Nachbilder von Bindu und Nada –, zeigst du, o Ishana, deine Macht, Trennung zu zerschlagen und das Getrennte wieder zusammenzuführen.

Vers 30
darśanabhedāt svāminn anyānyām āhṛtiṃ dadhānas tvam |
bhairavaparabodhamayaṃ prathayasi nijadhāma sarvatra ||

Übersetzung: O Herr, indem du je nach Verschiedenheit der Anschauung immer wieder andere Erscheinungsformen annimmst, offenbarst du überall deinen eigenen, aus höchster Bhairava-Erkenntnis bestehenden Wesensraum.

Vers 31
śāktāṇḍakhaṇḍamadhye viśvarasāḥ sarvam ahaṃ pibāmi sadā |
vyañjayasi narakapālagarudhiramiṣād etad iva me 'ntaḥ ||

Übersetzung: „Inmitten des aus Shakti bestehenden Welten-Eies trinke ich beständig alle Essenzen der Welt als mein eigenes Selbst.“ Dies deutest du mir im Innern durch das Blut im menschlichen Schädelgefäß an.

Vers 32
abhimānahṛdayabandhānutkhātau tāv imau saśikhau |
mūrtāv iva muṇdābjau prathayan dhatse mahākālaḥ ||

Übersetzung: Diese beiden mit Haarbüscheln versehenen Schädel scheinen die verkörperten Bindungen von Ichbehauptung und Herz zu sein, die du als Mahakala entwurzelt und sichtbar gemacht hast.

Vers 33
akhilajagadbījabhuvaṃ prathamasthām anukaroṣi bodhanidhe |
karatalagabījapūrakadarśanalīlāyitād deva ||

Übersetzung: O Schatz der Erkenntnis, durch das spielerische Zeigen der Frucht bzw. des Samens in deiner Hand ahmst du den ursprünglichen Grund nach, aus dem die Samen des gesamten Universums hervorgehen.

Vers 34
bhairavarūpo 'py asi yat tatrāpi kare 'kṣamālikāṃ dhatse |
tat sarvākṣavikāsād viśvaṃ parivartayasy antaḥ ||

Übersetzung: Obwohl du die Gestalt Bhairavas hast, trägst du in der Hand auch eine Akshamala. Dadurch zeigst du, dass du aus der Entfaltung aller Laute das Universum im Innern in Bewegung hältst.

Vers 35
asthikaramuṇḍamālābhasmābharaṇo nṛraktaruciḥ |
viśvaṃ brahmamayatvāc chuddham itīśaḥ samādiśasi ||

Übersetzung: Mit Knochen, Schädelgirlande und Asche als Schmuck, vom Rot menschlichen Blutes leuchtend, lehrst du, o Herr: Weil die Welt ihrem Wesen nach Brahman ist, ist sie rein.

Vers 36
svātmārāmamayānāṃ viṣamā api viṣayabudbudhāḥ kim amī |
smaradahanam alikanayanam prathayan paramāgnirūpam ādiśasi ||

Übersetzung: Was bedeuten denjenigen, die im eigenen Selbst ihre Freude haben, all diese ungleichen Blasen der Sinnesobjekte? Indem du das Auge auf der Stirn als Verbrenner des Kama offenbarst, zeigst du die Gestalt des höchsten Feuers.

Vers 37
antarnibaddhalakṣyaḥ pravikāsikaraṇo 'pi yat sadā bhavasi |
tat prathayasi sarvadaśaṃ gatamohakalaṅkam ātmānam ||

Übersetzung: Dass du, obwohl deine Sinne voll entfaltet sind, dein Ziel stets im Innern festhältst, offenbart dein Selbst als in allen Zuständen gegenwärtig und frei vom Makel der Verblendung.

Vers 38
deva digambaratā te vadati nirāvaraṇam ātmano rūpam |
paramabrahmamayārkān māyāvaraṇam kathaṃ vṛṇuyāt ||

Übersetzung: O Gott, deine Nacktheit in den Himmelsrichtungen verkündet die unverhüllte Natur des Selbst. Wie könnte ein Schleier der Maya die Sonne verhüllen, die aus dem höchsten Brahman besteht?

Vers 39
saṃhartā sarveṣām arkādīnām ahaṃ tamobhūmiḥ |
nirmalaśāradagaganaprabheṇa vapuṣeti darśayasi ||

Übersetzung: „Ich bin der Auflöser aller, der Sonnen und der übrigen Lichter; ich bin sogar der Grund der Dunkelheit.“ Dies zeigst du durch deine Gestalt, die wie ein reiner Herbsthimmel erstrahlt.

Vers 40
paramabrahmamayas tvaṃ deva yadāśrayasi bhairavākāram |
tat prathayasi tattvajñaḥ saty api bhede vimukta iti ||

Übersetzung: Da du, o Gott, aus dem höchsten Brahman bestehst und dennoch die Gestalt Bhairavas annimmst, offenbarst du: Wer die Wirklichkeit kennt, ist auch inmitten von Verschiedenheit befreit.

Vers 41
vividhaśmaśānamālāvetālāvṛtaḥ prakāśayase |
saṃvittiviṣayakalanāmadhyaś citibhairavo 'smīti ||

Übersetzung: Von vielfältigen Leichenstätten gleichsam wie von einer Girlande umgeben und von Vetalas begleitet, offenbarst du: „Ich bin Cidbhairava inmitten aller Bestimmungen, die im Bewusstsein als Gegenstände erscheinen.“

Vers 42
tvayy evāmṛtalekhā paraśaktimayī parapramātātaḥ |
nātha tvam eva jagatām jīvanam iti bhāsi no hṛdaye ||

Übersetzung: In dir allein ist der Nektarstrom, der aus höchster Shakti besteht und vom höchsten Erkennenden ausgeht. O Herr, so erscheinst du in unserem Herzen als das Leben aller Welten.

Vers 43
tava śabdarāśivapuṣaḥ pratyaṣṭakam eva bāhyaparivāraḥ |
parasūkṣmādivibhedād bhairava lokeśvarapramukhāḥ ||

Übersetzung: Da dein Leib aus der Gesamtheit der Laute besteht, bildet jede Achtzahl entsprechend der Unterscheidung von höchster, feiner und weiterer Ebene deinen äußeren Kreis – Bhairavas, Lokeshvaras und andere.

Vers 44
mudrayati nikhilam etan niḥśeṣasvasvarūpasaṃkramaṇāt |
modayati bhaktavargaṃ gatimudaṃ pūrṇatāprathanāt ||

Übersetzung: Deine Gestalt besiegelt all dies, indem sie alles restlos in das eigene Wesen überführt; sie erfreut die Schar der Verehrer, indem sie die Freude des höchsten Zieles und die Fülle offenbart.

Vers 45
mocayati pāśajālaṃ drāvayati vibhedam īśa te mūrtiḥ |
mudrayati vividhasaṃviddraviṇaṃ mudrā tataḥ kathitā ||

Übersetzung: Deine Gestalt, o Herr, befreit vom Netz der Fesseln, lässt die Trennung zerfließen, besiegelt die vielfältigen Schätze des Bewusstseins und erfreut; daher wird sie als Mudra bezeichnet.

Vers 46
jayati paratattvabhūmipravare nipāyabhūtaiṣa |
sphuṭam adhivasatu satattvaprathayā hṛdayasya meyamalam ||

Übersetzung: Sie triumphiert auf der erhabensten Ebene des höchsten Prinzips und ist ein Mittel, in sie einzutreten. Möge diese makellose Gestalt in meinem Herzen wohnen und dort die wahre Wirklichkeit klar offenbaren.

Vers 47
pratikalam udeti saṃvid yā kila tatra sphuraty adho viśvam |
śivaśaktivibhavarūpaṃ jānanti maheśa yāgasthāḥ ||

Übersetzung: In jedem Augenblick geht Bewusstsein neu auf, und in ihm leuchtet die Welt darunter auf. Wer im inneren Opfer gegründet ist, erkennt dies als die Herrlichkeit von Shiva und Shakti.

Vers 48
itthaṃ sphurasi sadā me cidbhairava sarvabhūtātma |
tad yāgādijapāntaṃ sampannam ayatnataḥ sarvam ||

Übersetzung: So leuchtest du immer in mir, o Cidbhairava, Selbst aller Wesen. Dadurch sind Opfer, Verehrung und alles bis hin zum Japa ohne Anstrengung in ihrer Essenz vollendet.


Zentrale Lehren und Symbole

Lobender, Lob und Gottheit sind eins
Vers 3 gehört zu den klarsten nichtdualen Aussagen des Werkes. Stotram bedeutet gewöhnlich, dass ein Verehrer eine Gottheit lobt. Kṣemarāja löst diese Dreiteilung jedoch auf: Der Lobende, die Lobpreisung und der Gelobte erscheinen zwar verschieden, sind in ihrem Bewusstseinswesen aber nicht getrennt.

Damit wird das Rezitieren des Stotras selbst zu einer Form der Meditation. Der Aspirant spricht zu Bhairava – und kann zugleich erkennen, dass Sprache, Bewusstsein und Gottheit im selben Bewusstseinsraum erscheinen.

Der Körper als Tempel
Vers 8 nennt den Körper ausdrücklich einen dehadevagṛha, einen „Göttertempel des Körpers“. Kṣemarāja verehrt Maheshvara als das eigene Selbst, die eine dichte Masse von Bewusstsein. Der Körper wird damit ausdrücklich als Ort spiritueller Vergegenwärtigung verstanden. Der Text nennt ihn einen göttlichen Tempel, in dem Maheshvara als eigenes Bewusstsein verehrt wird.

Die fünf Kräfte
Vers 9 nennt Bewusstsein, Seligkeit, Wille, Erkenntnis und Handlung. Diese entsprechen einer klassischen fünffachen Shakti-Lehre:

Bhairavas Vielgesichtigkeit ist daher nicht bloß ikonographisch. Seine Gesichter werden als Ausdruck dieser kosmischen Kräfte verstanden.

Vimarsha – das Bewusstsein erkennt sich selbst
Vers 11 nennt die höchste Göttin ausdrücklich vimarśaśakti. In der Philosophie des Kashmir Shivaismus bezeichnet Vimarsha die Fähigkeit des Bewusstseins, sich seiner selbst bewusst zu sein. Reines Licht – Prakasha – wäre ohne diese Selbstbezüglichkeit kein lebendiges, freies Bewusstsein.

Alle Göttinnen, so der Vers, sind Entfaltungen dieser einen Vimarsha-Shakti. Die Vielheit der Shaktis steht daher nicht im Widerspruch zur Nichtdualität.

Gegensätze sind im höchsten Bewusstsein aufgehoben
Vers 12 nennt Feuer, Wasser, Nektar und Gift. Für das gewöhnliche Denken sind dies Gegensätze. In Cidbhairava verlieren sie jedoch ihren absoluten Gegensatzcharakter. Nicht weil ihre Unterschiede auf der relativen Ebene verschwinden, sondern weil sie sämtlich in demselben Bewusstsein erscheinen.

Dies ist ein wiederkehrendes Motiv tantrischer Nichtdualität: Einheit bedeutet nicht, dass Unterschiede geleugnet werden. Sie bedeutet, dass Verschiedenheit nicht außerhalb des Einen steht.

Schädel, Fesseln und Maya
Mehrere Verse deuten Bhairavas erschreckende Attribute neu. Schädel stehen für entleerte Begrenzungen oder für Bewusstseinsfunktionen, die ihrer scheinbaren Eigenständigkeit beraubt sind. Die herausgetragenen Eingeweide symbolisieren die hinausgeworfenen Fesseln. Die Elefantenhaut wird zum Schleier der Maya, der nicht länger das höchste Bewusstsein bedeckt.

Diese Bilder werden im Stotra nicht als eigenständige praktische Anweisungen entfaltet. Der Text arbeitet mit Bhairavas Ikonographie und liest ihre einzelnen Attribute als Ausdruck philosophischer und spiritueller Bedeutungen.

Schwert, Schlinge und Elefantenhaken
Das Schwert ist die innere Shakti, die den Kreislauf der begrenzenden Unterscheidung durchschneidet. Die Schlinge zeigt, dass selbst Kāla, die Zeit, von der Macht des Bewusstseins umfasst wird. Der Elefantenhaken steht für das Zurückziehen der vielgestaltigen Welt in ihren Ursprung.

So werden die Waffen im Stotra vor allem innerlich-philosophisch gelesen: als Bilder für Durchtrennung von Bindung, Rücknahme der Vielfalt und Rückführung in das Bewusstsein.

Varada und Abhaya
Die Hand der Wunschgewährung zeigt Bhairava als Quelle aller Fülle. Doch Vers 21 fügt sofort eine wichtige Relativierung hinzu: Wer im höchsten Prinzip gegründet ist, wird von den „Verunreinigungen“ der Macht nicht berührt. Der Text lenkt damit den Blick von äußerer Vibhuti auf innere Freiheit.

Die Abhaya-Geste des folgenden Verses steht für die Beseitigung der Angst des bedingten Daseins – bhavabhaya. Der Text verbindet Bhairavas Gestalt damit ausdrücklich mit Schutz und Furchtlosigkeit.

Dreizack und Shakti
Der Trishula wird in Vers 26 als äußere Darstellung der großen Shakti gedeutet. Seine drei Spitzen verweisen auf eine Dreigliederung der Kraft. Wie bei vielen tantrischen Symbolen ist das äußere Objekt Träger einer inneren Bewusstseinslehre.

Nada, Bindu und die heilige Lautwelt
Damaru, Glocke, Vina, Rosenkranz und weitere Attribute werden mit Nada, Bindu und der Gesamtheit der Laute verbunden. Weltentfaltung ist in tantrischen Systemen eng mit Klang und Sprache verknüpft. Das Universum kann als Entfaltung der Shakti in Laut, Bedeutung, Wahrnehmung und Form verstanden werden.

Zur Vertiefung von Shiva-Meditation und innerer Bewusstseinsausrichtung kann dieses Yoga-Vidya-Video ergänzend eingebunden werden:

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Eine weitere meditative Ergänzung bietet die Beschäftigung mit inneren Energie- und Bewusstseinsebenen:

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Die Welt ist rein
Vers 35 fasst eine zentrale tantrische Aussage zusammen: Die Welt ist rein, weil sie ihrem tiefsten Wesen nach Brahman beziehungsweise Bewusstsein ist. Dies ist keine Behauptung, jede Handlung oder jeder Zustand sei auf relativer Ebene gleichwertig. Die Aussage betrifft die ontologische Ebene: Nichts besitzt ein Sein außerhalb der höchsten Wirklichkeit.

Digambaratā – unverhülltes Selbst
Bhairavas Nacktheit wird in Vers 38 unmittelbar philosophisch gedeutet. Digambara, „mit den Himmelsrichtungen bekleidet“, symbolisiert das unverhüllte Selbst. Maya kann dieses höchste Licht letztlich ebenso wenig verhüllen, wie ein Schleier die Sonne in ihrem eigenen Wesen verändern könnte.

Bhairava auf der Verbrennungsstätte
Auch die Verbrennungsstätte erhält in Vers 41 eine innere Bedeutung. Cidbhairava steht inmitten aller Gegenstände und Bestimmungen des Bewusstseins. Die Stätte des Todes wird zum Symbol jener Erkenntnis, in der begrenzte Formen ihre scheinbare Selbstständigkeit verlieren.


Mudra als Rückführung in das eigene Wesen
Die Verse 44–45 spielen kunstvoll mit verschiedenen Bedeutungen der Wurzel mud. Bhairavas Gestalt „besiegelt“ die Wirklichkeit, erfreut die Verehrer, löst Fesseln und führt alles in das eigene Wesen zurück. Mudra ist hier deshalb mehr als eine Handgeste: Sie bezeichnet eine Kraft der Integration und Wiedererkenntnis.

Das innere Yajna
Die letzten Verse führen die gesamte Bildsprache nach innen. In jedem Augenblick geht Bewusstsein neu auf; die Welt leuchtet in ihm. Wer dies erkennt, versteht Shiva und Shakti als die eigentliche Wirklichkeit des Yajna.

Vers 48 bildet den inneren Abschluss des Stotras: Wenn Cidbhairava beständig als Selbst aller Wesen im eigenen Bewusstsein aufleuchtet, gelten Yajna, Verehrung und Japa dem Vers zufolge mühelos als vollendet. Der Text formuliert damit eine radikale Verinnerlichung ritueller Praxis.

Das Bhairavanukarana Stotra in einer zusammenhängenden deutschen Übersetzung

Verse 1–8 – Eintritt in Cidbhairava
„Nehmt Zuflucht auf der Ebene des Bewusstseins; erlangt die Herrlichkeit des Bewusstseins und irrt nicht vergeblich umher!“ – so verkündend, triumphiert Shiva, der sich in Gnade den Hingebungsvollen zuneigt. Ich verehre allein Cidbhairava, den Höchsten, die eine Gestalt höchsten Nektars, überaus strahlend, Shiva, der alles in dem aufleuchtenden Kreis der Sinne und Kräfte in sich aufgenommen hat. Obwohl man von Gelobtem, Lobendem und Lobpreisung als verschieden spricht, gibt es hier in Wahrheit keinerlei Trennung. Welche Gestalt auch immer das Bewusstsein berührt – als Bewusstseinsgestalt wird sie eben dies. O Herr, dein Wesen ist frei von jeder Verschiedenheit und zugleich die Essenz aller Verschiedenheit, eine dichte Fülle von Bewusstsein und Seligkeit. Ich verehre diese Nachbildung deines Wesens, deine Gestalt. Wie eine gezeichnete Figur einen Menschen und eine Buchstabenschrift eine Lautfolge sichtbar macht, so offenbart deine vielgestaltige Form dich, o höchstes Selbst. Indem wir dort in dich als gestaltlos-unterscheidungsfreies Bewusstsein eintreten, betrachten wir dich ein wenig; denn dein wahres Wesen ist kein Gegenstand begrifflicher Vorstellung. Nachdem ich die Göttin der Sprache zu meinem eigenen Licht gemacht und aus den Blumen der Sinnesobjekte eine Verehrung bereitet, den Guru als ersten Aufgang des Bewusstseins verehrt und das Herz betreten habe, preise ich, im Vimarsha verweilend, Maheshvara als mein eigenes Selbst, als die eine ungeteilte Masse von Bewusstsein, in diesem Körper-Tempel, in dem die Menge der Fesseln zum Schmelzen gebracht wird.

Verse 9–24 – Bhairavas Gestalt als Bewusstseinslehre
Es triumphieren, o Allgegenwärtiger, deine Kräfte namens Bewusstsein, Seligkeit, Wille, Erkenntnis und Handlung. In feiner und grober Unterscheidung erscheinen sie als deine Gesichter und als die sogenannten Brahma-Schädel. Deine sechs Glieder, vom Herzen an, deren Gegenstand Allwissenheit und die weiteren göttlichen Kräfte sind, und die ganze Ordnung bis Sadashiva bilden, o Herr, als lebloser Untergrund deinen Sitz. O Herr, die höchste Göttin ist die Vimarsha-Shakti deiner Gestalt des höchsten Lichtes. Alle Göttinnen, beginnend mit Brahmi, sind nichts als ihre Entfaltung. Du trägst Feuer, Wasser, Nektarströme, Gift und anderes, scheinbar Gegensätzliches. Du lehrst damit: In mir, dessen Wesen Sein und Bewusstsein ist, besteht dieser Widerspruch nicht. O Träger der Schädelgirlande der Erkenntnisorgane, du scheinst uns zu zeigen: Diese ganze Schar der Erkennenden ist ohne eigenständige Substanz und auf dem Faden des Bewusstseins aufgefädelt. „Seht, seht! Diese schrecklichen Fesseln sind für immer nach außen geworfen!“ – so scheinst du uns, o Herr, durch das Tragen der Eingeweide zu verkünden. „Dieser mit Begehren gefärbte Schleier der Maya ist in den höchsten Raum hinausgeworfen“ – dies verkündest du, o Herr, indem du die blutrote Elefantenhaut auf dem Haupt trägst. Mit dem Schwert offenbarst du die innere Shakti als Klinge, die den Kreislauf des Werdens durchschneidet. Wahrhaft heroisch sind jene, die durch die Größe ihrer eigenen Shakti das ganze Universum als sich selbst umfassen. „Ich bin der Vernichter der Angst vor dem Werden; ich stehe in schützender Macht – fürchtet euch nicht!“ So weist du uns, o Herr, durch das machtvolle Zeigen deines Schildes. „Zeit ist durch meine Bewusstseinsgestalt gebunden, umschlungen vom Seil meiner eigenen Shakti.“ Durch das Tragen der Schlinge offenbarst du dich uns als Kālakāla, den Überwinder der Zeit. „Diese ganze aus Verschiedenheit bestehende Welt ziehe ich durch meine eigene Shakti an mich, um sie zurückzunehmen.“ Dies macht der höchste Bhairava durch das Tragen des Elefantenhakens deutlich. Indem du Bogen und aufgelegten Pfeil zeigst, durchbohrst du wie ein Wildtier das Ursachenprinzip, das als Brahma, Vishnu, Rudra, Ishana, Sadashiva und Shiva erscheint – kraft deiner Shakti. Mit der Hand der Wunschgewährung stellst du dar, dass du die Fülle und Herrlichkeit des Universums verleihst. Wer im höchsten Prinzip gegründet ist, wird jedoch niemals von den Verunreinigungen weltlicher Macht berührt. Und mit der furchtvertreibenden Hand, welche die Ängste des Werdens an der Wurzel beseitigt, wird fortwährend sichtbar, dass dein Wesen Ursache universaler Gnade ist. „Dies hier ist das zerteilte Haupt der Maya, deren Wesen Nicht-Erkennen ist; ich bin aus höchster Erkenntnis gebildet.“ So offenbarst du dich, indem du den Schädel trägst. „Die Welt, deren eigenständige Substanz vollständig genommen ist, besteht allein in mir, der einen dichten Masse von Bewusstsein.“ Dies gebietest du gleichsam durch das Tragen des Schädelstabes.

Verse 25–40 – Instrumente, Symbole und die Einheit von Shiva und Welt
O Gewaltiger, indem du Vina, Glocke und Damaru erklingen lässt, weist du darauf hin: „Ich verweile, indem ich den Nada höre, der in die drei Bewegungsweisen des Bewusstseins gegliedert ist.“ Darüber hinaus stellst du die große Shakti, schön durch die drei Speichen der Kräfte Para und der weiteren Ebenen, beständig äußerlich dar, indem du den Dreizack trägst. Du trägst deine eigene höchste Shakti als sechsstrahliges, vajrahaftes Gebilde; durch deine eigenen Kräfte von Wille und den weiteren wird in ihr die darunterliegende Dreiheit der Bereiche offenbar. „Die ganze Welt, durch meine Shakti gebändigt und getragen, nimmt alle ihre Ordnungen an.“ Dies offenbarst du uns, o Cidbhairava, durch das Tragen des Stabes. Indem du Keule und Axt trägst – Nachbilder von Bindu und Nada –, zeigst du, o Ishana, deine Macht, Trennung zu zerschlagen und das Getrennte wieder zusammenzuführen. O Herr, indem du je nach Verschiedenheit der Anschauung immer wieder andere Erscheinungsformen annimmst, offenbarst du überall deinen eigenen, aus höchster Bhairava-Erkenntnis bestehenden Wesensraum. „Inmitten des aus Shakti bestehenden Welten-Eies trinke ich beständig alle Essenzen der Welt als mein eigenes Selbst.“ Dies deutest du mir im Innern durch das Blut im menschlichen Schädelgefäß an. Diese beiden mit Haarbüscheln versehenen Schädel scheinen die verkörperten Bindungen von Ichbehauptung und Herz zu sein, die du als Mahakala entwurzelt und sichtbar gemacht hast. O Schatz der Erkenntnis, durch das spielerische Zeigen der Frucht bzw. des Samens in deiner Hand ahmst du den ursprünglichen Grund nach, aus dem die Samen des gesamten Universums hervorgehen. Obwohl du die Gestalt Bhairavas hast, trägst du in der Hand auch eine Akshamala. Dadurch zeigst du, dass du aus der Entfaltung aller Laute das Universum im Innern in Bewegung hältst. Mit Knochen, Schädelgirlande und Asche als Schmuck, vom Rot menschlichen Blutes leuchtend, lehrst du, o Herr: Weil die Welt ihrem Wesen nach Brahman ist, ist sie rein. Was bedeuten denjenigen, die im eigenen Selbst ihre Freude haben, all diese ungleichen Blasen der Sinnesobjekte? Indem du das Auge auf der Stirn als Verbrenner des Kama offenbarst, zeigst du die Gestalt des höchsten Feuers. Dass du, obwohl deine Sinne voll entfaltet sind, dein Ziel stets im Innern festhältst, offenbart dein Selbst als in allen Zuständen gegenwärtig und frei vom Makel der Verblendung. O Gott, deine Nacktheit in den Himmelsrichtungen verkündet die unverhüllte Natur des Selbst. Wie könnte ein Schleier der Maya die Sonne verhüllen, die aus dem höchsten Brahman besteht? „Ich bin der Auflöser aller, der Sonnen und der übrigen Lichter; ich bin sogar der Grund der Dunkelheit.“ Dies zeigst du durch deine Gestalt, die wie ein reiner Herbsthimmel erstrahlt. Da du, o Gott, aus dem höchsten Brahman bestehst und dennoch die Gestalt Bhairavas annimmst, offenbarst du: Wer die Wirklichkeit kennt, ist auch inmitten von Verschiedenheit befreit.

Verse 41–48 – Cidbhairava, Mudra und das innere Opfer
Von vielfältigen Leichenstätten gleichsam wie von einer Girlande umgeben und von Vetalas begleitet, offenbarst du: „Ich bin Cidbhairava inmitten aller Bestimmungen, die im Bewusstsein als Gegenstände erscheinen.“ In dir allein ist der Nektarstrom, der aus höchster Shakti besteht und vom höchsten Erkennenden ausgeht. O Herr, so erscheinst du in unserem Herzen als das Leben aller Welten. Da dein Leib aus der Gesamtheit der Laute besteht, bildet jede Achtzahl entsprechend der Unterscheidung von höchster, feiner und weiterer Ebene deinen äußeren Kreis – Bhairavas, Lokeshvaras und andere. Deine Gestalt besiegelt all dies, indem sie alles restlos in das eigene Wesen überführt; sie erfreut die Schar der Verehrer, indem sie die Freude des höchsten Zieles und die Fülle offenbart. Deine Gestalt, o Herr, befreit vom Netz der Fesseln, lässt die Trennung zerfließen, besiegelt die vielfältigen Schätze des Bewusstseins und erfreut; daher wird sie als Mudra bezeichnet. Sie triumphiert auf der erhabensten Ebene des höchsten Prinzips und ist ein Mittel, in sie einzutreten. Möge diese makellose Gestalt in meinem Herzen wohnen und dort die wahre Wirklichkeit klar offenbaren. In jedem Augenblick geht Bewusstsein neu auf, und in ihm leuchtet die Welt darunter auf. Wer im inneren Opfer gegründet ist, erkennt dies als die Herrlichkeit von Shiva und Shakti. So leuchtest du immer in mir, o Cidbhairava, Selbst aller Wesen. Dadurch sind Opfer, Verehrung und alles bis hin zum Japa ohne Anstrengung in ihrer Essenz vollendet.

Vollständiger Text in Devanagari

Anrufung
ॐ नमश् चिद्भैरवाय ।

Vers 1
चितिभूमिसमाश्रयणाश् चितिभूतिं श्रयत मा मुधा भ्रमत ।
प्रथयन्न् इति भक्तिमतां जयति शिवो ऽनुग्रहप्रवणः ॥

Vers 2
चिद्भैरवम् एव परं परमामृतरूपम् एकम् अतिदीप्तम् ।
उल्लसितकरणचक्रग्रस्तसमस्तं शिवं वन्दे ॥

Vers 3
स्तुत्यः स्तोता स्तुतिर् इति यद् अपि विभिन्नं न किंचिद् अस्तीह ।
मृषति यथा यद् रूपं चिद्रूपतया तथा भवत्य् एतत् ॥

Vers 4
विगलितसर्वविभेदं सर्वविभेदात्म चिद्घनानन्दम् ।
यत् तव तत्त्वं भगवंस् तस्यानुकृतिं त्वदाकृतिं वन्दे ॥

Vers 5
रेखापुरुषः पुरुषं वर्णलिपिर् वर्णसंचयं यद्वत् ।
तद्वत् विचित्ररूपं त्वाम् आकारो व्यनक्ति परमात्मन् ॥

Vers 6
तत्राविकल्पम् एव त्वां चिद्रूपं समाविश्य ।
विमृशामः किम् अपि मनाङ् न हि तत्त्वं कल्पनाविषयः ॥

Vers 7
स्वात्मप्रभां विधाय वाग्देवीं विषयकुसुमकॢप्तार्चः ।
प्रथमोन्मेषं गुरुम् अथ वन्दित्वा हृदयम् आविश्य ॥

Vers 8
स्तौमि विमृशन् महेश्वरम् आत्मानं स्वं चिदेकघनम् ।
स्रावितपाशकदम्बकम् एतस्मिन् देहदेवगृहे ॥

Vers 9
चित्यानन्देच्छावित्करणाख्याः शक्तयो जयन्ति विभो ।
सूक्ष्मस्थूलभिदाप्ता वक्त्रत्वं ब्रह्ममुण्डभिधा ॥

Vers 10
सर्वज्ञतादिविषयं हृदयादिकम् अङ्गषट्कं ते ।
सकलं सदाशिवान्तं प्रेतात्मतया तवासनं स्वामिन् ॥

Vers 11
परमप्रकाशवपुषो विमर्शशक्तिः प्रभो परा देवी ।
अस्या एव प्रसरः सर्वा ब्राह्म्यादिका देव्यः ॥

Vers 12
दहनजलामृतलेखाविषादि बिभ्रत् त्वम् आदिशस्य् एतत् ।
विश्वं विरुद्धम् अपि सच्चिद्रूपे मयि विरुध्यते नैतत् ॥

Vers 13
संवित्सूत्रनिलीनो निःसारो मातृनिवहो ऽयम् ।
करणमुण्डमालभारिन् दर्शयसीतीव नः स्वामिन् ॥

Vers 14
पश्यत पश्यत पाशा विषमास् त इमे बहिष्कृताः शश्वत् ।
इत्य् अन्त्रधारणमिषत् कथयंस् त्वं नः समाभासि ॥

Vers 15
मायापटः सरागो व्योम्नि परे ऽस्मिन् स एष निक्षिप्तः ।
इति गजचर्म सरक्तं मूर्ध्नि वहन् कथयसीश ॥

Vers 16
अन्तःशक्तिकृपाणीम् व्यनक्षि संसृतिविभेदिनीम् असिना ।
निजशक्तिमहिमस्वीकृतसमस्तविश्वा हि वीरवराः ॥

Vers 17
भवभयहन्ता सो ऽहम् सानाथ्ये ऽवस्थितो ऽस्मि मा भैष्ट ।
इत्य् आस्फोटितखेटकदर्शनतो दिशसि नः स्वामिन् ॥

Vers 18
निजशक्तिपाशवलितश् चिद्वपुषा कल्यते मया कालः ।
इति पाशधारणवशात् प्रथयसि नः कालकालस् त्वम् ॥

Vers 19
भेदमयम् अखिलम् एतन् निजशक्त्यैवाक्षिपामि संहर्तुम् ।
इत्य् अङ्कुशधारणतः स्फुटयति परभैरवो ऽस्माकम् ॥

Vers 20
कोदण्डारूधशरप्रदर्शनाद् ब्रह्मविष्णुरुद्रेशान् ।
ससदाख्यशिवाञ् छक्त्या कारणहरिणं भिनत्सि मृगवत् त्वम् ॥

Vers 21
वरदेन पाणिना त्वं विश्वविभूतिप्रदत्वम् अभिनयसि ।
न खलु परतत्त्वनिष्ठो विभवमलैः स्पृश्यते जातु ॥

Vers 22
अभयेन च भवभयानि उन्मूलयता प्रकाश्यते सततम् ।
विश्वानुग्रहकारणस्वभावता तव करतलेन ॥

Vers 23
अख्यातिरूपम् असमं मायायाः शकलितं शिरो ऽत्रैतत् ।
परबोधमयेन मया मुण्डं बिभ्रत् प्रकाशयस्य् एवम् ॥

Vers 24
निःशेषहृतसारा मय्य् एव जगत्स्थितिश् चिदेकघने ।
इति खट्वाङ्गकरङ्कोद्वहनच्छलतो ददास्य् आज्ञाम् ॥

Vers 25
वीणाघण्ताडमरून् उड्डामर वादयन्न् इदं दिशसि ।
वृत्तित्रिभेदभिन्नं नादं शृण्वन् स्थितो ऽस्मीति ॥

Vers 26
किं च परादिकशक्तित्रितयारासुन्दराम् महाशक्तिम् ।
देवानुकरोषि बहिस् त्रिशूलधारणमिषेण नित्यं त्वम् ॥

Vers 27
इच्छादिकनिजशक्तिप्रकाशिताधःस्थगोचरत्रितयाम् ।
स्वाम् एव परां शक्तिं वज्रमयीं वहसि षडरां त्वम् ॥

Vers 28
जगद् अखिलं मच्छक्त्या दमितं सर्वव्यावस्थितीर् धत्ते ।
इति दण्डधारणवशाद् व्यनक्षि चिद्भैरवास्माकम् ॥

Vers 29
मुद्गरपरशू बिभ्रद् बैन्दवनादानुकाररूपौ त्वम् ।
भेदविभेदनशकलनपरत्वम् ईशान निर्दिशसि ॥

Vers 30
दर्शनभेदात् स्वामिन्न् अन्यान्याम् आहृतिं दधानस् त्वम् ।
भैरवपरबोधमयं प्रथयसि निजधाम सर्वत्र ॥

Vers 31
शाक्ताण्डखण्डमध्ये विश्वरसाः सर्वम् अहं पिबामि सदा ।
व्यञ्जयसि नरकपालगरुधिरमिषाद् एतद् इव मे ऽन्तः ॥

Vers 32
अभिमानहृदयबन्धानुत्खातौ ताव् इमौ सशिखौ ।
मूर्ताव् इव मुण्दाब्जौ प्रथयन् धत्से महाकालः ॥

Vers 33
अखिलजगद्बीजभुवं प्रथमस्थाम् अनुकरोषि बोधनिधे ।
करतलगबीजपूरकदर्शनलीलायिताद् देव ॥

Vers 34
भैरवरूपो ऽप्य् असि यत् तत्रापि करे ऽक्षमालिकां धत्से ।
तत् सर्वाक्षविकासाद् विश्वं परिवर्तयस्य् अन्तः ॥

Vers 35
अस्थिकरमुण्डमालाभस्माभरणो नृरक्तरुचिः ।
विश्वं ब्रह्ममयत्वाच् छुद्धम् इतीशः समादिशसि ॥

Vers 36
स्वात्माराममयानां विषमा अपि विषयबुद्बुधाः किम् अमी ।
स्मरदहनम् अलिकनयनम् प्रथयन् परमाग्निरूपम् आदिशसि ॥

Vers 37
अन्तर्निबद्धलक्ष्यः प्रविकासिकरणो ऽपि यत् सदा भवसि ।
तत् प्रथयसि सर्वदशं गतमोहकलङ्कम् आत्मानम् ॥

Vers 38
देव दिगम्बरता ते वदति निरावरणम् आत्मनो रूपम् ।
परमब्रह्ममयार्कान् मायावरणम् कथं वृणुयात् ॥

Vers 39
संहर्ता सर्वेषाम् अर्कादीनाम् अहं तमोभूमिः ।
निर्मलशारदगगनप्रभेण वपुषेति दर्शयसि ॥

Vers 40
परमब्रह्ममयस् त्वं देव यदाश्रयसि भैरवाकारम् ।
तत् प्रथयसि तत्त्वज्ञः सत्य् अपि भेदे विमुक्त इति ॥

Vers 41
विविधश्मशानमालावेतालावृतः प्रकाशयसे ।
संवित्तिविषयकलनामध्यश् चितिभैरवो ऽस्मीति ॥

Vers 42
त्वय्य् एवामृतलेखा परशक्तिमयी परप्रमातातः ।
नाथ त्वम् एव जगताम् जीवनम् इति भासि नो हृदये ॥

Vers 43
तव शब्दराशिवपुषः प्रत्यष्टकम् एव बाह्यपरिवारः ।
परसूक्ष्मादिविभेदाद् भैरव लोकेश्वरप्रमुखाः ॥

Vers 44
मुद्रयति निखिलम् एतन् निःशेषस्वस्वरूपसंक्रमणात् ।
मोदयति भक्तवर्गं गतिमुदं पूर्णताप्रथनात् ॥

Vers 45
मोचयति पाशजालं द्रावयति विभेदम् ईश ते मूर्तिः ।
मुद्रयति विविधसंविद्द्रविणं मुद्रा ततः कथिता ॥

Vers 46
जयति परतत्त्वभूमिप्रवरे निपायभूतैष ।
स्फुटम् अधिवसतु सतत्त्वप्रथया हृदयस्य मेयमलम् ॥

Vers 47
प्रतिकलम् उदेति संविद् या किल तत्र स्फुरत्य् अधो विश्वम् ।
शिवशक्तिविभवरूपं जानन्ति महेश यागस्थाः ॥

Vers 48
इत्थं स्फुरसि सदा मे चिद्भैरव सर्वभूतात्म ।
तद् यागादिजपान्तं सम्पन्नम् अयत्नतः सर्वम् ॥


Inspirationen aus dem Bhairavanukarana Stotra

„Nehmt Zuflucht auf der Ebene des Bewusstseins.“
citibhūmisamāśrayaṇāś citibhūtiṃ śrayata mā mudhā bhramata |

Inspiration: Kṣemarāja beginnt nicht mit einer komplizierten Ritualvorschrift. Er ruft dazu auf, die eigene Grundlage im Bewusstsein zu suchen. Spirituelle Orientierung entsteht, wenn der Aspirant lernt, vom Wechsel der Erfahrungen zu dem zurückzukehren, in dem sie erscheinen.

„Lobender, Lobpreisung und Gelobter sind nicht wirklich getrennt.“
stutyaḥ stotā stutir iti yad api vibhinnaṃ na kiṃcid astīha |

Inspiration: In tiefer Hingabe kann die Grenze zwischen Verehrer und verehrter Gottheit durchlässig werden. Das Gebet führt vom Gegenüber zur Einheit.

„Die Welt besteht allein in der einen dichten Masse von Bewusstsein.“
niḥśeṣahṛtasārā mayy eva jagatsthitiś cidekaghane |

Inspiration: Die vielen Dinge besitzen nach dieser Lehre keine völlig unabhängige Wirklichkeit. Ihre gemeinsame Grundlage ist Bewusstsein. Dies kann zu einer Meditation werden: Alles Wahrgenommene erscheint – aber worin erscheint es?

„Weil die Welt Brahman ist, ist sie rein.“
viśvaṃ brahmamayatvāc chuddham itīśaḥ samādiśasi ||

Inspiration: Die tantrische Sicht lädt dazu ein, Heiligkeit nicht nur in besonderen Orten und Zeiten zu suchen. Auch das alltägliche Leben kann als Ausdruck des Göttlichen erkannt werden.

„Deine Nacktheit verkündet die unverhüllte Natur des Selbst.“
deva digambaratā te vadati nirāvaraṇam ātmano rūpam |

Inspiration: Das tiefste Selbst braucht keine Rolle, keinen Titel und keine äußere Form, um vollständig zu sein. Es ist vor allen Zuschreibungen bereits gegenwärtig.

„So leuchtest du immer in mir, Cidbhairava, Selbst aller Wesen.“
itthaṃ sphurasi sadā me cidbhairava sarvabhūtātma |

Inspiration: Der Schluss des Stotras führt Bhairava endgültig vom äußeren Bild in die unmittelbare innere Erfahrung. Das Göttliche ist nicht nur Gegenstand des Sehens; es ist das Licht, durch das überhaupt gesehen wird.

Verhältnis zu anderen Schriften

Das Bhairavanukarana Stotra lässt sich besonders gut im Zusammenhang mit Kṣemarājas anderen Werken lesen. Im Pratyabhijnahridaya fasst Kṣemarāja die Lehre der Wiedererkennung des eigenen Bewusstseins als universale Wirklichkeit systematisch zusammen. Im Bhairavanukarana Stotra wird dieselbe Grundintuition poetisch und ikonographisch entfaltet.

Thematisch bestehen starke Berührungspunkte mit den Shiva Sutra und der Spanda Karika. Auch dort wird das gewöhnlich begrenzt erscheinende Bewusstsein auf seine universale Shiva-Natur hin gelesen. Der Vijnana Bhairava Tantra wiederum zeigt zahlreiche meditative Zugänge zu Bhairava; das Bhairavanukarana Stotra konzentriert sich stärker auf die symbolische Deutung der Gestalt Bhairavas.

Mit dem Tantraloka des Abhinavagupta verbindet das Stotra die umfassende tantrische Perspektive, in der Ritual, Gottheitsform, Sprache, Körper und Bewusstsein keine voneinander isolierten Bereiche sind. Kṣemarāja verdichtet diese Sicht in 48 poetischen Versen.

Abschließende Betrachtung

Das Bhairavanukarana Stotra liest die furchterregende Gestalt Bhairavas konsequent als Meditation über Bewusstsein. Was von außen wild, dunkel oder erschreckend erscheint, wird von Kṣemarāja nach innen gewendet: Schädel bedeuten überwundene Begrenzungen, das Schwert wird zur Erkenntniskraft, die Schlinge umfasst die Zeit, der Dreizack offenbart Shakti, die Nacktheit steht für das unverhüllte Selbst und die Verbrennungsstätte für die Auflösung scheinbar selbstständiger Formen.

Gerade dadurch verbindet der Text Bhakti, Jnana und Tantra. Bhairava wird verehrt – doch je tiefer die Verehrung geht, desto weniger bleibt er ein bloß äußeres Gegenüber. Vers 3 löst bereits die Unterscheidung von Lobendem, Lob und Gelobtem auf. Vers 48 vollendet diese Bewegung: Cidbhairava leuchtet beständig im eigenen Inneren als Selbst aller Wesen.

Für einen heutigen Yoga-Aspiranten lässt sich daraus eine klare Meditationsrichtung gewinnen. Man kann eine Form Shivas verehren, ein Mantra wiederholen, eine Puja ausführen oder in Meditation still werden. Doch die tiefere Frage bleibt: Was ist das Bewusstsein, in dem Gottheit, Mantra, Körper, Gedanke und Welt erscheinen? Das Bhairavanukarana Stotra antwortet mit einem Namen: Cidbhairava.

Textgrundlage

Grundlage dieses Artikels ist ausschließlich die vom Nutzer bereitgestellte GRETIL-Datei Kṣemarāja: Bhairavānukaraṇastotra. Die elektronische Fassung wurde von Daniele Cuneo erfasst und basiert laut Header auf Raniero Gnoli, „Miscellanea Indica. 3. The Bhairavānukaraṇastotra by Kṣemarāja“, East and West 9.3 (1958), S. 451–455.

Die Datei enthält eine einleitende Anrufung sowie 48 nummerierte Verse. Ein separater Sanskritkommentar ist in dieser Datei nicht enthalten. Die deutsche Übersetzung folgt deshalb dem gelieferten Grundtext. Die erläuternden Abschnitte des Wikiartikels sind redaktionelle Deutungen auf Grundlage des Wortlauts und werden nicht als Aussagen eines traditionellen Kommentars ausgegeben.

Da die bereitgestellte GRETIL-Datei ausschließlich Umschrift bietet, wurde die Devanagari-Fassung für diesen Artikel technisch aus genau dieser Umschrift transliteriert. Sie ist daher eine redaktionelle Schriftübertragung und keine zusätzlich konsultierte Devanagari-Edition. Unsichere oder ungewöhnliche Lesungen des gelieferten Textes wurden nicht durch fremde Editionen ersetzt.

Siehe auch

Seminare

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