Andrej Lobanov
Andrej Lobanov (russisch Андрей Михайлович Лобанов, Andrei Michailowitsch Lobanow; * 30. Juni 1958 in Gorki, heute Nischni Nowgorod) ist ein russischer Yogameister, Arzt, Yogatherapeut, Autor und Lehrer des klassischen Yoga. Seine Arbeit verbindet insbesondere den klassischen Yoga nach Patanjali mit medizinischen, psychologischen und körpertherapeutischen Ansätzen. Er entwickelte das System Yoga LAM und gründete in Nischni Nowgorod eine eigene Yogaschule sowie die Akademie für traditionelle Systeme der Gesundheitsförderung und menschlichen Entwicklung.

Andrej Lobanov – Yogameister, Arzt und Yogatherapeut
Andrej Lobanov gehört zu den Pionieren des modernen Yoga in Russland. Einen wesentlichen Teil seines Yogaweges entwickelte er noch während der Zeit der Sowjetunion, als Informationen über Yoga, Meditation und östliche Philosophien nur eingeschränkt zugänglich waren.
Seine besondere Herangehensweise entstand aus der Verbindung von eigener Yogapraxis, dem Studium des Yoga Sutra von Patanjali, seiner medizinischen Ausbildung und der Beschäftigung mit unterschiedlichen traditionellen Systemen der Gesundheitsförderung.
Leben und medizinische Ausbildung
Andrej Michailowitsch Lobanov wurde am 30. Juni 1958 in Gorki geboren. Die Stadt trägt seit 1990 wieder ihren historischen Namen Nischni Nowgorod.
Von 1975 bis 1981 studierte Lobanov am Medizinischen Institut in Gorki und schloss sein Studium im Bereich Pädiatrie (Kinderheilkunde) ab. 1981 bis 1982 folgte eine praktische Weiterbildung in Pädiatrie.
In den folgenden Jahren erweiterte er seine medizinischen Kenntnisse. Zu seinen zusätzlichen Ausbildungs- und Tätigkeitsgebieten gehörten unter anderem Neurologie und Berufsmedizin, Akupunktur beziehungsweise Reflextherapie, therapeutische Bewegung, Massage und Psychotherapie.
Bereits während seines Medizinstudiums interessierte sich Lobanov für östliche Kampfkünste, philosophische Systeme, psychische Selbstregulation und die Möglichkeiten menschlicher Entwicklung.
Der Weg zum Yoga
Ende der 1970er Jahre begann Andrej Lobanov, sich intensiv mit östlichen Übungs- und Denksystemen zu beschäftigen. Yoga lernte er zunächst durch die damals nur schwer erhältliche Literatur und durch Samisdat-Schriften kennen.
1981 begegnete er nach eigenen Angaben seinem ersten Yogalehrer, Gennadi Grigorjewitsch Statsenko. Dieser kam über einen Zeitraum von mehreren Jahren regelmäßig nach Gorki und unterrichtete eine Gruppe von Interessierten in Theorie und Praxis des Yoga.
Lobanovs Entwicklung war dennoch stark von eigenständigem Forschen geprägt. Er erprobte Übungen und Methoden, untersuchte ihre körperlichen und psychischen Wirkungen und verband seine Erfahrungen zunehmend mit seinem medizinischen Wissen.
Diese Verbindung von Selbsterfahrung, systematischer Beobachtung und medizinischer Betrachtung wurde später zu einem wesentlichen Merkmal seiner eigenen Yogamethode.
Yoga in der Sowjetunion
Die Entwicklung von Lobanovs Yogaarbeit fiel in eine Zeit, in der Yoga in der Sowjetunion zeitweise starken staatlichen Einschränkungen unterlag und öffentlich kaum gelehrt werden konnte.
1983 gründete Lobanov in Gorki eine eigene Yogaschule. Da Yoga damals offiziell problematisch war, arbeitete die Einrichtung zunächst unter der Bezeichnung eines Gesundheits- beziehungsweise Körperkulturzentrums.
Später erhielt das Zentrum unter dem Namen „Гармония“ – „Harmonie“ einen offiziellen Status. Nach Darstellung Lobanovs und seiner Schule entwickelte sich daraus eine der ersten offiziell anerkannten Einrichtungen in der Sowjetunion, in denen Yoga systematisch vermittelt wurde.
1989 gründete Lobanov eine Ausbildung für Yogalehrer. Aus dieser Arbeit entwickelte sich eine mehrjährige Ausbildung, bei deren Abschluss ein offizieller Qualifikationsnachweis vergeben wurde.
Yogatherapie und medizinische Arbeit
Neben dem Yogaunterricht beschäftigte sich Lobanov intensiv mit der Anwendung yogischer Methoden im Bereich von Gesundheit, Prävention und Rehabilitation.
Nach eigenen Angaben versuchte er bereits während seiner ärztlichen Tätigkeit, einzelne Elemente des Yoga für die Rehabilitation nutzbar zu machen. Später wirkte er an der Einrichtung einer Abteilung für Yogatherapie am regionalen Semaschko-Krankenhaus in Nischni Nowgorod mit.
Aus der Verbindung von Medizin, Körperarbeit und Yoga entwickelte Lobanov zahlreiche Programme zur Gesundheitsförderung und Yogatherapie.
Dabei versteht er Yoga nicht ausschließlich als körperliche Übungsmethode. Körperliche Gesundheit bildet vielmehr eine Grundlage für weiterführende psychische und geistige Entwicklung.
Akademie „Tradition“
Im Jahr 2002 gründete Andrej Lobanov in Nischni Nowgorod die Akademie für traditionelle Systeme der Gesundheitsförderung und Entwicklung des Menschen (Академия традиционных систем оздоровления и развития человека), kurz „Tradition“.
Die Einrichtung widmet sich der Ausbildung von Lehrenden in Yoga und weiteren traditionellen Gesundheitsmethoden. Lobanov ist Gründer und Rektor der Akademie.
Die Akademie knüpft an die bereits 1989 begonnene Ausbildung von Yogalehrern an. Zu ihren Lehrgebieten gehören unter anderem klassischer Yoga, Raja Yoga, Yogatherapie, psychische Selbstregulation, Stressbewältigung, Meditation und traditionelle Systeme der Gesundheitsförderung.

Yoga LAM
Aus Lobanovs jahrzehntelanger Beschäftigung mit Yoga, Medizin und psychophysischen Methoden entwickelte sich das von ihm begründete System Yoga LAM.
Die Bezeichnung „LAM“ bezieht sich dabei nicht auf den tibetisch-buddhistischen Begriff Lama. Lobanov selbst erklärt LAM als Abkürzung seines Namens: Lobanov Andrei Mikhailovich.
Yoga LAM versteht sich als mehrstufiges System zur Förderung von Gesundheit und menschlicher Entwicklung. Grundlage sind insbesondere Prinzipien des klassischen Yoga nach Patanjali, die mit Erkenntnissen aus Medizin, Psychologie und anderen Bereichen verbunden werden.
Zum System gehören unter anderem Asanas, Bewegungsübungen, Atemtechniken und Pranayama, Entspannung, Methoden psychischer Selbstregulation und Meditation.
Ein charakteristisches Element seines Ansatzes ist die Auffassung, dass Yoga nicht lediglich aus einzelnen Übungen besteht. Körper, Atmung, Psyche, Wahrnehmung und Bewusstsein sollen vielmehr als miteinander verbundenes System verstanden werden.
Patanjali und Raja Yoga
Eine zentrale Grundlage von Lobanovs Yoga-Verständnis bildet das Yoga Sutra des Patanjali. Dabei interpretiert er die klassischen Texte vor dem Hintergrund eigener Praxis und seiner medizinisch-naturwissenschaftlichen Ausbildung.
Raja Yoga nimmt deshalb in seinem Unterricht einen wichtigen Stellenwert ein. Neben körperlichen Übungen beschäftigt sich Lobanov insbesondere mit Wahrnehmung, Konzentration, psychischer Selbstregulation und den Möglichkeiten bewusster menschlicher Entwicklung.
Seine Herangehensweise unterscheidet sich dadurch von Yogarichtungen, deren Schwerpunkt vorwiegend auf Asanas oder körperlicher Fitness liegt.
Bücher und Veröffentlichungen
Andrej Lobanov ist Autor von Lehrmaterialien und Veröffentlichungen über Yoga und Yogatherapie.
Zu seinen wichtigsten Werken gehört das „Lehrbuch des klassischen Yoga und der Yogatherapie“ (Учебник классической йоги и йоготерапии). Darin beschreibt er Übungen und Methoden seiner Yogaschule sowie Grundlagen von Yoga, Pranayama, Entspannung, psychischer Selbstregulation und Yogatherapie.
Das Lehrbuch verbindet praktische Übungsanleitungen mit Lobanovs Verständnis eines systematischen Yogaweges und dient zugleich als Unterrichtsmaterial seiner Schule.
Darüber hinaus entstanden zahlreiche Lehrprogramme, Artikel, Videokurse und Ausbildungsmaterialien zu klassischem Yoga, Hatha Yoga, Raja Yoga, Yogatherapie und Atempraktiken.
Lobanov war außerdem an der russischsprachigen Veröffentlichung von I. K. Taimnis Werk über die Yoga Sutras beteiligt. Das Buch erschien unter dem russischen Titel „Наука йоги. Йога-сутры Патанджали“ – „Die Wissenschaft des Yoga. Die Yoga-Sutras Patanjalis“.
Andrej Lobanov und Yoga Vidya
Zwischen Andrej Lobanov und Yoga Vidya entwickelte sich ein Austausch zwischen unterschiedlichen Yogatraditionen. Lobanov leitete Seminare bei Yoga Vidya in Deutschland und vermittelte dort insbesondere Elemente seines Yoga-LAM-Systems.
2017 wurde zudem eine internationale Zusammenarbeit unter der Bezeichnung „Yoga LAM – Yoga Vidya“ eröffnet. Dabei begegneten sich die von Lobanov entwickelte russische Yogaschule und die Tradition von Yoga Vidya.
Der Austausch zeigt zwei unterschiedliche Zugänge zum Yoga: Während Lobanovs Arbeit stark durch Patanjali, medizinische Forschung, Selbsterfahrung und psychophysische Methoden geprägt ist, verbindet Yoga Vidya Hatha Yoga, Raja Yoga, Vedanta, Bhakti Yoga, Kundalini Yoga und weitere klassische Yogawege miteinander.
Was mich Andrej Lobanov lehrte
Der folgende Text ist ein persönlicher Erfahrungsbericht von Arjuna L. von Yoga Vidya Westerwald. Er beschreibt seine Begegnung mit Andrej Lobanov und seine persönliche Wahrnehmung von dessen Yogaweg.
Arjuna beschreibt Lobanov als einen Yogalehrer, dessen Zugang besonders stark vom Raja Yoga und von seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Yoga Sutra Patanjalis geprägt sei. Beeindruckt habe ihn insbesondere, wie Lobanov unter den schwierigen Bedingungen der Sowjetzeit seinen eigenen Zugang zum Yoga entwickelte.
Aus Arjunas Sicht war Lobanov dadurch in besonderem Maße auf eigene Erfahrung, Kreativität und systematisches Forschen angewiesen. Medizinische und therapeutische Kenntnisse verband er mit intensiver Yoga- und Meditationspraxis und entwickelte daraus ein eigenständiges System mit teilweise sehr subtilen Techniken.
Arjuna sieht darin zugleich eine Besonderheit von Lobanovs Weg: Seine Entwicklung erfolgte weniger innerhalb einer klassischen indischen Guru-Schüler-Tradition als durch persönliche Praxis, Forschung und die Begegnung mit verschiedenen Lehrern und Systemen.
Während Mantra Yoga und Bhakti Yoga in Lobanovs System eine geringere Rolle spielen, stehen Raja Yoga, Selbsterforschung und die bewusste Arbeit mit Körper und Psyche im Vordergrund.
Aus der Perspektive von Yoga Vidya macht gerade dieser Unterschied den Austausch interessant: Verschiedene Wege können unterschiedliche Aspekte des Yoga hervorheben und voneinander lernen.
Bedeutung seines Ansatzes
Andrej Lobanovs Lebensweg ist eng mit der Entwicklung des Yoga in der späten Sowjetunion und im heutigen Russland verbunden. Seine Arbeit steht für einen Zugang, bei dem klassische Yogatexte, eigene Erfahrung und moderne medizinische beziehungsweise psychologische Betrachtungsweisen miteinander verbunden werden.
Dabei versteht er Yoga als umfassenden Entwicklungsweg des Menschen und nicht ausschließlich als körperliche Praxis.
Seine Yogaschule, die seit Ende der 1980er Jahre bestehende Lehrerausbildung, die Akademie „Tradition“ und das daraus entwickelte Yoga-LAM-System gehören zu seinem Beitrag zur Entwicklung einer eigenständigen russischen Yogakultur.
Siehe auch
- Patanjali
- Yoga Sutra
- Raja Yoga
- Hatha Yoga
- Yogatherapie
- Pranayama
- Meditation
- Yoga
- Yoga Vidya
- Gesundheit
- Selbstregulation
- Ganzheitliche Gesundheit