Varivasyarahasya

Aus Yogawiki
(Weitergeleitet von Varivasya Rahasya)

Varivasyarahasya (Sanskrit: वरिवस्यारहस्य, IAST: Varivasyārahasya) bedeutet „Das Geheimnis der Verehrung“. Das Werk von Bhaskararaya erschließt eine Frage, die jede spirituelle Praxis berührt: Was macht aus wiederholten Worten lebendige Mantra-Praxis, aus einem Bild eine Begegnung mit dem Göttlichen und aus äußerer Verehrung innere Erkenntnis? Seine Antwort verbindet Bhakti, konzentrierte Aufmerksamkeit und das Erkennen der Einheit von Shiva und Shakti.

Das Shri Yantra macht die Beziehung von Vielfalt und Einheit anschaulich: Viele Formen führen zum einen Mittelpunkt. Das Varivasyarahasya betrachtet Göttin, Mantra und Chakra als zusammengehörige Gestalten derselben Wirklichkeit.

Im Mittelpunkt steht die Shri Vidya, die Verehrung der göttlichen Mutter als Tripura Sundari beziehungsweise Lalita. Bhaskararaya legt den fünfzehnsilbigen Mantra, seine drei Abschnitte und seine vielschichtigen Bedeutungen aus. Laute werden dabei als Kräfte verstanden: Sie verbinden den Körper des Übenden, den Kosmos und das Licht des Bewusstseins. Die höchste Frucht ist nach dem Text das Erkennen, dass die verehrte Wirklichkeit dem eigenen tiefsten Wesen nicht fremd ist.

Für Yoga-Aspiranten ist besonders die Verbindung von Hingabe und Verstehen wertvoll. Ein Mantra soll nicht nur über die Lippen gehen: Sein Sinn darf das Herz berühren und die Wahrnehmung verwandeln. Vers 54 vergleicht eine bedeutungslose Wiederholung mit einer Opfergabe in erkalteter Asche. Vers 166 zeigt dagegen das Ziel geistiger Unterweisung: Der Guru gibt dem Menschen seine eigene Erkenntnis und seine eigene Glückseligkeit zurück.

Das Werk ist zugleich anspruchsvoll. Es enthält Lautverschlüsselungen, subtile Klangstufen, Zahlenentsprechungen und traditionelle grammatische Deutungen. Wer einen unmittelbaren Zugang sucht, kann mit der vereinfachten Gesamtübertragung, den 64 Versen für Studium und Kontemplation oder den Lehren und Praxistipps beginnen. Der Haupttext erlaubt anschließend das vertiefte Studium mit IAST, Übersetzung und Worterklärungen.

Yoga und Meditation können hier zusammenfinden: in einer wachen, liebevollen Praxis, die Klang, Bedeutung und Stille miteinander verbindet.

Werk, Aufbau und Lesehilfe

Autor und Überlieferung

Die zugrunde gelegte Ausgabe nennt Bhaskararaya als Verfasser sowohl des Varivasyarahasya als auch seines Eigenkommentars Prakāśa („Erhellung“). Der Schlusskolophon nennt ihn auch Bhasuranandanatha und verbindet ihn mit dem Lehrer Nrisimhanandanatha. Die eröffnende Verehrung Narasimhas spielt zugleich auf Gottheit und Guru an. Das Werk gehört zur gelehrten Shri-Vidya-Auslegung. Es verbindet die Verehrung der göttlichen Mutter mit einer präzisen Betrachtung von Sprache, Bewusstsein und innerer Erfahrung.

Zwei Teile, ein Erkenntnisweg

  • Verse 1–53: Licht und Kraft des Bewusstseins, Aufbau der fünfzehnsilbigen Vidya, Aussprache, innere Klangentfaltung, Bewusstseinszustände und Japa.
  • Verse 54–167: Bedeutung als Lebenskraft der Praxis, fünfzehn Deutungsebenen der Vidya, Einheit von Göttin, Mantra, Chakra, Guru und Selbst sowie Vorrang der inneren Verehrung.

Die folgende Ausgabe enthält alle 167 Hauptverse in IAST mit deutscher Übersetzung und Wort-für-Wort-Erklärung sowie anschließend den vollständigen Haupttext in Devanagari. Der umfangreiche, zwischen den Versen stehende Prakasha wurde zur Erklärung herangezogen; er ist nicht als vollständige Kommentarübersetzung Teil dieses Artikels. Die vereinfachte Gesamtübertragung ist eine zusammenhängende sinngemäße Lesefassung. Die Praxisimpulse und die spirituelle Synthese sind redaktionelle Hilfen, keine zusätzlichen Verse Bhaskararayas.

Wichtige Begriffe

  • Vidyā: Wissen, heilige Erkenntnis und hier zugleich der Mantra als Gestalt der Göttin.
  • Kūṭa: Abschnitt oder Lautgruppe des Mantras; Vāgbhava, Kāmarāja und Shakti sind die drei Hauptabschnitte.
  • Hṛllekhā: Bezeichnung der Silbe hrīṃ, die jeden Abschnitt abschließt.
  • Prakāśa und Vimarśa: das Licht des Bewusstseins und seine lebendige Selbstwahrnehmung.
  • Bhāvanā: bewusstes Vergegenwärtigen; je nach Zusammenhang Kontemplation, innere Anschauung oder meditative Identifikation.
  • Nāda: subtiler Klang; im engeren technischen Gebrauch auch die Gesamtheit der neun Stufen von Bindu bis Unmana.
  • Viṣuva: hier eine innere Verbindung oder ein Übergang der Mantra-Meditation; nicht einfach die astronomische Tagundnachtgleiche.
  • Abheda und Sāmarasya: Nichtverschiedenheit und Wesenseinheit; die Vielfalt erscheint in einer ungeteilten Wirklichkeit.

Wie die Worterklärungen zu lesen sind

Die Erklärungen lösen wichtige Sandhi-Verbindungen und Zusammensetzungen auf. Ein zusammengesetztes Wort wird teils als zusammengehörige Bedeutungseinheit erklärt. Mantra-Kennworte werden nach dem Eigenkommentar erschlossen. Solche Lautdeutungen sind traditionelle spirituelle Hermeneutik; sie sind nicht mit der gewöhnlichen Wörterbuchbedeutung eines Buchstabens gleichzusetzen. Eingeschobene Erläuterungen in der Übersetzung machen implizite Bezüge sichtbar.

Ein guter Einstieg in das Studium

Du kannst den Artikel in drei Schritten erschließen: Lies zuerst die zusammenhängende Lesefassung. Vertiefe anschließend die Verse 3–5 über Bewusstsein und Shakti, die Verse 54–56 über den Sinn des Japa und die Verse 162–166 über innere Verehrung. Nimm schließlich einen Gedanken in deine tägliche Praxis mit. Die technischen Abschnitte erschließen sich leichter, wenn die geistige Richtung des Werkes bereits vertraut ist.

Muss ich alle Lautzuordnungen verstehen, bevor ich üben kann?

Der scharfe Vergleich mit der erkalteten Asche in Vers 54 gehört zur Begründung einer vertieften Shri-Vidya-Unterweisung. Er fordert dazu auf, den Mantra mit seinem Sinn zu verbinden. Für den Einstieg kann das bedeuten: Erinnere dich bewusst an die verehrte Gottheit, an die empfangene Bedeutung deines Mantras und an deine aufrichtige Hinwendung. Das weitere Verständnis darf durch Studium und Praxis wachsen. Die Zahlensysteme und die feinen Klangstufen werden im Werk erst nach und nach erschlossen.

Chakras im Körper und im Shri Yantra

Das Wort Chakra hat hier mehrere Bezüge. In den Versen 20–51 geht es vor allem um innere Zentren und Klangstufen der Meditation; in den Versen 92–100 um die geometrischen Umhüllungen des Shri Chakras. Ihre Verknüpfung gehört zur symbolischen Betrachtungsweise des Werkes. Die Beschreibungen sind im jeweiligen Zusammenhang zu lesen, damit eine geometrische Gliederung nicht versehentlich als Körperanweisung verstanden wird.

Die Quellenhinweise erläutern die verwendete Ausgabe, ergänzte Versnummern und verbleibende Lesefragen.

Haupttext: IAST, Übersetzung und Worterklärung

Erster Teil · Verse 1–53


Hingabe, Bewusstsein und die verborgene Vidya

Vers 1

prahlādābhīṣṭadāne vibudhasamudayastūyamānāpadāne (')śeṣakṣoṇībhṛdantaḥpravilasitapadāhobalakṣetragarbhāt |
prādurbhūte hiraṇyadviradamatimadadhvāntatantraṃ nihantuṃ dhīre sacchāstrayonau mama bhuvanagurāvastu bhaktirnṛsiṃhe || 1 ||

Übersetzung: Möge meine Hingabe dem mutigen Narasimha gelten, meinem Lehrer der Welt und Quell wahrer Lehre: Er erfüllt Prahladas Wünsche, wird von Scharen göttlicher und gelehrter Wesen gepriesen und erschien aus dem Inneren des heiligen Ahobala-Gebietes, wo sein Fuß im Berg Shesha erstrahlt, um die Finsternis des übermächtigen Hochmuts des elefantengleichen Hiranya zu vernichten.

Wort für Wort: prahlāda-abhīṣṭa-dāne: im Gewähren von Prahladas Wünschen; vibudha-samudaya: Schar der Götter/Gelehrten; stūyamāna-apadāne: dessen Taten gepriesen werden; aśeṣa/kṣoṇībhṛt: gesamte Erde/Berg, hier wortspielerisch; ahobala-kṣetra-garbhāt: aus dem Inneren des Ahobala-Gebietes; prādurbhūte: im Erschienenen; hiraṇya-dvirada: elefantengleicher Hiranya; atimada-dhvānta: Finsternis übermäßigen Hochmuts; nihantum: um zu vernichten; dhīre: im Standhaften; sat-śāstra-yonau: im Ursprung wahrer Lehre; mama: meine; bhuvana-gurau: im Weltlehrer; astu: möge sein; bhaktiḥ: Hingabe; nṛsiṃhe: zu Narasimha.

Vers 2

ā prācaḥ kāmarūpād druhiṇasutanadaplāvitādā pratīco gāndhārāt sindhusāndrādraghuvaracaritādā ca setoravācaḥ |
ā kedārādudīcastuhinagahanataḥ santi vidvatsamājā ye ye tāneṣa yatnaḥ sukhayatu samajān kaścamatkartumīṣṭe || 2 ||

Übersetzung: Möge diese Bemühung alle Gelehrtenversammlungen erfreuen: im Osten bis zum vom Brahmaputra durchströmten Kamarupa, im Westen bis zum wasserreichen Gandhara am Indus, im Süden bis zur durch Rama berühmten Brücke und im Norden bis zum schneereichen Kedara. Wer könnte dagegen darauf hoffen, jede beliebige Ansammlung zu beeindrucken?

Wort für Wort: ā: bis zu; prācaḥ: östlich; kāmarūpāt: von Kamarupa; druhiṇa-suta-nada: Brahmas Sohn als Fluss, Brahmaputra; plāvitāt: überflutet/durchströmt; pratīcaḥ: westlich; gāndhārāt: von Gandhara; sindhu-sāndrāt: reich an Induswasser; raghuvara-caritāt: durch Ramas Taten ausgezeichnet; setoḥ: von der Brücke; avācaḥ: südlich; kedārāt: von Kedara; udīcaḥ: nördlich; tuhina-gahanāt: schneedicht; vidvat-samājāḥ: Gelehrtenversammlungen; eṣa yatnaḥ: diese Bemühung; sukhayatu: möge erfreuen; samajān: bloße Ansammlungen, polemisch Tierherden; kaḥ: wer; camatkartum īṣṭe: vermag zu beeindrucken.

Vers 3

sa jayati mahān prakāśo yasmin dṛṣṭe na dṛśyate kimapi |
kathamiva tasmiñjñāte sarvaṃ vijñātamucyate vede || 3 ||

Übersetzung: Es triumphiert jenes große Licht: Ist es geschaut, wird nichts anderes mehr gesehen. Wie könnte sonst der Veda sagen, dass mit seiner Erkenntnis alles erkannt ist?

Wort für Wort: saḥ: jenes; jayati: triumphiert; mahān prakāśaḥ: großes Licht des Bewusstseins; yasmin dṛṣṭe: wenn es geschaut ist; na dṛśyate kim api: wird nichts anderes gesehen; katham iva: wie denn; tasmin jñāte: wenn es erkannt ist; sarvam vijñātam: alles erkannt; ucyate vede: wird im Veda gesagt.

Vers 4

naisargikī sphurattā vimarśarūpāsya vartate śaktiḥ |
tadyogādeva śivo jagadutpādayati pāti saṃharati || 4 ||

Übersetzung: Seine Shakti ist das ihm von Natur aus eigene lebendige Aufleuchten, das die Gestalt bewusster Selbstwahrnehmung besitzt. Allein durch die Verbindung mit ihr bringt Shiva die Welt hervor, erhält sie und löst sie auf.

Wort für Wort: naisargikī: natürlich, wesenseigen; sphurattā: lebendiges Aufleuchten; vimarśa-rūpā: als bewusste Selbstwahrnehmung; asya: seine; vartate: besteht; śaktiḥ: Kraft; tad-yogāt eva: allein durch Verbindung mit ihr; śivaḥ: Shiva; jagat: Welt; utpādayati: bringt hervor; pāti: erhält; saṃharati: löst auf.

Vers 5

sāvaśyaṃ vijñeyā yatpariṇāmādabhūdeṣā |
arthamayī śabdamayī cakramayī dehamayyapi ca sṛṣṭiḥ || 5 ||

Übersetzung: Diese Shakti muss erkannt werden: Aus ihrer Entfaltung entstand diese Schöpfung als Welt der Gegenstände, der Worte, der Chakras und auch der Körper.

Wort für Wort: sā: sie; avaśyam: unbedingt; vijñeyā: zu erkennen; yat-pariṇāmāt: aus deren Entfaltung; abhūt: entstand; eṣā sṛṣṭiḥ: diese Schöpfung; artha-mayī: aus Gegenständen/Bedeutungen bestehend; śabda-mayī: aus Lauten/Worten; cakra-mayī: aus Chakras; deha-mayī api ca: auch aus Körpern.

Vers 6

tajjñānārthamupāyā vidyā loke caturdaśa proktāḥ |
teṣvapi ca sārabhūtā vedāstatrāpi gāyatrī || 6 ||

Übersetzung: Als Mittel zu ihrer Erkenntnis werden in der Welt vierzehn Wissensgebiete genannt. Deren Essenz sind die Veden, und innerhalb dieser ist es die Gayatri.

Wort für Wort: tat-jñāna-artham: zur Erkenntnis dessen; upāyāḥ: Mittel; vidyāḥ: Wissensgebiete; loke: in der Welt; caturdaśa: vierzehn; proktāḥ: genannt; teṣu api: auch unter ihnen; sāra-bhūtāḥ: die Essenz bildend; vedāḥ: Veden; tatra api: auch darin; gāyatrī: Gayatri.

Vers 7

tasyā rūpadvitayaṃ tatraikaṃ yat prapaṭhyate ()spaṣṭam |
vedeṣu caturṣvapi paramatyantaṃ gopanīyataram || 7 ||

Übersetzung: Gayatri besitzt zwei Gestalten. Die eine wird offen rezitiert; die andere bleibt selbst in allen vier Veden besonders verborgen.

Wort für Wort: tasyāḥ: ihre; rūpa-dvitayam: zwei Gestalten; tatra ekam: davon die eine; yat prapaṭhyate: die rezitiert wird; spaṣṭam: offen/deutlich; vedeṣu caturṣu api: in allen vier Veden; param: die andere; atyantam gopanīyataram: äußerst geheim zu halten.

Vers 8

kāmo yoniḥ kamaletyevaṃ sāṃketikaiḥ śabdaiḥ |
vyavaharati na tu prakaṭaṃ yāṃ vidyāṃ vedapuruṣo'pi || 8 ||

Übersetzung: Selbst der personifizierte Veda spricht von dieser Vidya nur in verschlüsselnden Worten wie Kama, Yoni und Kamala, ohne sie offen auszusprechen.

Wort für Wort: kāmaḥ: Begehren/Kama; yoniḥ: Ursprung/Yoni; kamalā: Lakshmi; iti evam: in dieser Weise; sāṃketikaiḥ śabdaiḥ: durch symbolische Kennworte; vyavaharati: spricht darüber; na tu prakaṭam: aber nicht offen; yām vidyām: jene Vidya; veda-puruṣaḥ api: selbst der personifizierte Veda.


Die drei Abschnitte und ihre Lautbestandteile

Vers 9

krodhīśaḥ śrīkaṇṭhārūḍhaḥ koṇatrayaṃ lakṣmīḥ |
māṃsamanuttararūḍhaṃ vāgbhavakūṭaṃ prakīrtitaṃ prathamam || 9 ||

Übersetzung: Krodhisha auf Shrikantha, das Dreieck, Lakshmi und Mamsa auf Anuttara bilden den ersten Abschnitt, Vāgbhava-Kūṭa. Die Kennworte ergeben ka e ī la; das abschließende hrīṃ wird in Vers 11 hinzugefügt.

Wort für Wort: krodhīśaḥ: Kennwort für k; śrīkaṇṭha-ārūḍhaḥ: mit a verbunden; koṇa-trayam: Dreieck, Kennwort für e; lakṣmīḥ: Kennwort für ī; māṃsam: Kennwort für l; anuttara-ārūḍham: mit a verbunden; vāgbhava-kūṭam: Abschnitt des Ursprungs der Rede; prakīrtitam: genannt; prathamam: erster.

Vers 10

śivahaṃsabrahmaviyacchakrāḥ pratyekamakṣarārūḍhāḥ |
dvaitīyīkaṃ kūṭaṃ kathitaṃ tat kāmarājākhyam || 10 ||

Übersetzung: Shiva, Hamsa, Brahma, der Raum und Shakra, jeder mit dem Vokal a verbunden, bilden den zweiten, Kāmarāja genannten Abschnitt: ha sa ka ha la.

Wort für Wort: śiva: Kennwort h; haṃsa: s; brahma: k; viyat: Raum, h; śakra: Indra, l; pratyekam: jeweils; akṣara-ārūḍhāḥ: mit a verbunden; dvaitīyīkam kūṭam: zweiter Abschnitt; kathitam: erklärt; tat: jener; kāmarāja-ākhyam: Kāmarāja genannt.

Vers 11

śivato viyato muktaṃ tṛtīyamidameva śaktikūṭākhyam |
hṛllekhānāṃ tritayaṃ kūṭatritaye'pi yojyamante syāt || 11 ||

Übersetzung: Derselbe Abschnitt ohne Shiva und Raum heißt als dritter Śakti-Kūṭa: sa ka la. Am Ende jedes der drei Abschnitte ist eine Hṛllekhā, die Silbe hrīṃ, hinzuzufügen.

Wort für Wort: śivataḥ viyataḥ muktam: von den beiden h-Kennworten befreit; tṛtīyam: drittes; idam eva: eben dieses; śakti-kūṭa-ākhyam: Śakti-Abschnitt genannt; hṛllekhānām tritayam: drei hrīṃ-Silben; kūṭa-tritaye api: in allen drei Abschnitten; yojyam: hinzuzufügen; ante syāt: soll am Ende stehen.

Vers 12

hṛllekhāyāḥ svarūpaṃ tu vyomāgnirvāmalocanā |
bindvardhacandrarodhinyo nādanādāntaśaktayaḥ || 12 ||

Übersetzung: Hṛllekhā besteht aus Raum, Feuer und Vamalochana, also h, r und ī, sowie Bindu, Ardhachandra, Rodhini, Nada, Nadanta und Shakti.

Wort für Wort: hṛllekhāyāḥ svarūpam: Gestalt von hrīṃ; tu: nun; vyoma: Raum, h; agniḥ: Feuer, r; vāmalocanā: Kennwort für ī; bindu: Punkt; ardhacandra: Halbmond; rodhinī: hemmende Stufe; nāda: subtiler Klang; nādānta: Klangende; śakti: Kraftstufe.

Vers 13

vyāpikāsamanonmanya iti dvādaśasaṃhatiḥ |
bindvādīnāṃ navānāṃ tu samaṣṭirnāda ucyate || 13 ||

Übersetzung: Hinzu kommen Vyapika, Samana und Unmana: zusammen zwölf Bestandteile. Die Gesamtheit der neun Stufen von Bindu an wird Nada genannt.

Wort für Wort: vyāpikā: durchdringende Stufe; samanā: Samana; unmanā: jenseits des gewöhnlichen Geistes; iti: somit; dvādaśa-saṃhatiḥ: Zusammenfassung von zwölf; bindu-ādīnām navānām: der neun mit Bindu beginnenden; tu: dagegen; samaṣṭiḥ: Gesamtheit; nādaḥ ucyate: wird Nada genannt.

Vers 14

prathame'ṣṭādaśa varṇā dvāviṃśatirakṣarāṇi madhye syuḥ |
prathamena tulyamantyaṃ saṃghātenāṣṭapañcāśat || 14 ||

Übersetzung: Im ersten Abschnitt sind achtzehn Lautelemente, im mittleren zweiundzwanzig. Der letzte gleicht dem ersten; zusammen sind es achtundfünfzig.

Wort für Wort: prathame: im ersten; aṣṭādaśa varṇāḥ: achtzehn Lautelemente; dvāviṃśatiḥ akṣarāṇi: zweiundzwanzig; madhye: im mittleren; syuḥ: sollen sein; prathamena tulyam antyam: letzter dem ersten gleich; saṃghātena: insgesamt; aṣṭapañcāśat: achtundfünfzig.

Vers 15

mātrādvitayoccāryā kāmakalā ca trikoṇa ca |
bindurahitahṛllekhā mātrākālatrayoccāryāḥ || 15 ||

Übersetzung: Kamakala und das Dreieck, hier die Vokale ī und e, werden je zwei Zeiteinheiten lang gesprochen. Hṛllekhā ohne Bindu beansprucht drei Zeiteinheiten.

Wort für Wort: mātrā-dvitaya-uccāryā: über zwei Zeiteinheiten auszusprechen; kāmakalā: hier ī; ca: und; trikoṇa: hier e; bindu-rahita-hṛllekhā: hrīṃ ohne Bindu; mātrā-kāla-traya-uccāryāḥ: über drei Zeiteinheiten auszusprechen.

Vers 16

anyeṣāṃ varṇānāṃ mātrākālo'rdhamātrayā sahitaḥ |
bindorardhaṃ mātrā pare pare cāpi pūrvapūrvārdhāḥ || 16 ||

Übersetzung: Die übrigen Laute dauern eineinhalb Zeiteinheiten. Bindu dauert eine halbe; jede der folgenden Stufen dauert jeweils halb so lange wie die vorangehende.

Wort für Wort: anyeṣām varṇānām: der übrigen Laute; mātrā-kālaḥ: Dauer einer Zeiteinheit; ardha-mātrayā sahitaḥ: plus eine halbe; bindoḥ: des Bindu; ardham mātrā: halbe Zeiteinheit; pare pare: bei jedem folgenden; pūrva-pūrva-ardhāḥ: Hälften der jeweils vorhergehenden.

Vers 17

saṃhatyaikalavono mātrākālo'sya nādasya |
ekādaśa vākkūṭe sārdhā ekādaśoditā madhye || 17 ||

Übersetzung: Dieser Nada dauert insgesamt eine Zeiteinheit weniger einem Lava. Für den Vāgbhava-Abschnitt werden elf, für den mittleren elfeinhalb Zeiteinheiten angegeben.

Wort für Wort: saṃhatya: zusammengerechnet; eka-lava-ūnaḥ: um ein Lava vermindert; mātrā-kālaḥ: Dauer einer Zeiteinheit; asya nādasya: dieses Nada; ekādaśa: elf; vāk-kūṭe: im Sprachabschnitt; sārdhāḥ ekādaśa: elfeinhalb; uditāḥ: angegeben; madhye: in der Mitte.

Vers 18

sārdhā aṣṭau śaktāvekaikalavonitā mātrāḥ |
saṃhatyaikatriṃśanmātrā mantre lavatrayanyūnāḥ || 18 ||

Übersetzung: Der Shakti-Abschnitt hat achteinhalb Zeiteinheiten; bei jedem Abschnitt ist ein Lava abzuziehen. Insgesamt dauert der Mantra einunddreißig Zeiteinheiten weniger drei Lava.

Wort für Wort: sārdhāḥ aṣṭau: achteinhalb; śaktau: im Shakti-Abschnitt; ekaika-lava-ūnitāḥ: jeweils um ein Lava vermindert; mātrāḥ: Zeiteinheiten; saṃhatya: insgesamt; ekatriṃśat: einunddreißig; mantre: im Mantra; lava-traya-nyūnāḥ: um drei Lava vermindert.

Vers 19

kaṇṭhe ca kaṇṭhatāluni tāluni danteṣu mūrdhni nāsāyām |
spṛṣṭavivārādyāntarabāhyairyatnaistadakṣarotpattiḥ || 19 ||

Übersetzung: Die Laute entstehen an Kehle, Kehle und Gaumen gemeinsam, Gaumen, Zähnen, oberem Mundraum und Nase, mittels innerer und äußerer Artikulationsvorgänge wie Verschluss und Öffnung.

Wort für Wort: kaṇṭhe: an der Kehle; kaṇṭha-tāluni: an Kehle und Gaumen; tāluni: am Gaumen; danteṣu: an den Zähnen; mūrdhni: am oberen Mundraum; nāsāyām: in der Nase; spṛṣṭa-vivāra-ādi: Berührung/Verschluss, Öffnung usw.; āntara-bāhyaiḥ yatnaiḥ: durch innere und äußere Artikulationsbemühungen; tad-akṣara-utpattiḥ: Entstehung dieser Laute.


Innere Orte und subtile Klanggestalten

Die Zuordnung von Mantra, Klang und inneren Zentren gehört zum ersten Teil. Die Darstellung veranschaulicht die inneren Zentren, auf die sich die meditative Betrachtung bezieht.

Vers 20

pralayāgninibhaṃ prathamaṃ mūlādhārādanāhataṃ spṛśati |
tasmādājñācakraṃ dvitīyakūṭaṃ tu koṭisūryābham || 20 ||

Übersetzung: Der erste Abschnitt leuchtet wie das Feuer der Weltauflösung und reicht vom Muladhara bis zum Anahata. Von dort reicht der zweite, strahlend wie zehn Millionen Sonnen, bis zum Ajna-Chakra.

Wort für Wort: pralaya-agni-nibham: dem Auflösungsfeuer gleich; prathamam: erstes; mūlādhārāt: vom Wurzelzentrum; anāhatam spṛśati: berührt das Herzzentrum; tasmāt: von dort; ājñā-cakram: Stirnzentrum; dvitīya-kūṭam: zweiter Abschnitt; tu: aber; koṭi-sūrya-ābham: zehn Millionen Sonnen gleich leuchtend.

Vers 21

tasmāllalāṭamadhyaṃ tārtīyaṃ koṭicandrābham |
mālāmaṇivadvarṇāḥ krameṇa bhāvyā uparyupari || 21 ||

Übersetzung: Von dort reicht der dritte Abschnitt, strahlend wie zehn Millionen Monde, bis zur Stirnmitte. Die Laute sind der Reihe nach übereinander vorzustellen, wie Perlen einer Kette.

Wort für Wort: tasmāt: von dort; lalāṭa-madhyam: Stirnmitte; tārtīyam: drittes; koṭi-candra-ābham: zehn Millionen Monden gleich; mālā-maṇi-vat: wie Kettenperlen; varṇāḥ: Laute; krameṇa: der Reihe nach; bhāvyāḥ: zu vergegenwärtigen; upari upari: jeweils darüber.

Vers 22

ādhārotthitanādo guṇa iva paribhāti varṇamadhyagataḥ |
madhyephālaṃ bindurdīpa ivābhāti vartulākāraḥ || 22 ||

Übersetzung: Der vom Wurzelzentrum aufsteigende Nada erscheint wie ein Faden, der die Laute durchzieht. In der Stirnmitte leuchtet der kreisförmige Bindu wie eine Lampe.

Wort für Wort: ādhāra-utthita-nādaḥ: vom Wurzelzentrum aufgestiegener Klang; guṇaḥ iva: wie ein Faden; paribhāti: erscheint; varṇa-madhya-gataḥ: inmitten der Laute; madhye-phālam: in der Stirnmitte; binduḥ: Punkt; dīpaḥ iva: wie eine Lampe; ābhāti: leuchtet; vartula-ākāraḥ: kreisförmig.

Vers 23

tadupari gato'rdhacandro'nvarthaḥ kāntyā tathākṛtyā |
atha rodhinī tadūrdhvaṃ trikoṇarūpā ca candrikākāntiḥ || 23 ||

Übersetzung: Darüber liegt der Halbmond, dessen Glanz und Gestalt seinem Namen entsprechen. Darüber befindet sich Rodhini, dreieckig und vom Glanz des Mondlichtes.

Wort für Wort: tat-upari gataḥ: darüber befindlich; ardhacandraḥ: Halbmond; anvarthaḥ: dem Namen entsprechend; kāntyā: an Glanz; tathā ākṛtyā: ebenso an Gestalt; atha: sodann; rodhinī: Rodhini; tat-ūrdhvam: darüber; trikoṇa-rūpā: dreieckig; candrikā-kāntiḥ: mondlichtglänzend.

Vers 24

nādastu padmarāgavadaṇḍadvayamadhyavartinīva sirā |
nādāntastaḍidābhaḥ savyasthitabinduyuktalāṅgalavat || 24 ||

Übersetzung: Nada gleicht einer feinen Linie zwischen zwei rubinfarbenen ovalen Formen. Nadanta leuchtet wie ein Blitz und gleicht einem Pflug mit einem Punkt auf der linken Seite.

Wort für Wort: nādaḥ tu: Nada dagegen; padmarāga-vat: rubinartig; aṇḍa-dvaya-madhya-vartinī: zwischen zwei Ovalen befindlich; iva sirā: wie eine feine Linie; nādāntaḥ: Ende des Klanges; taḍit-ābhaḥ: blitzartig; savya-sthita-bindu-yukta: mit einem links befindlichen Punkt; lāṅgala-vat: pfluggestaltig.

Vers 25

tiryagbindudvitaye vāmodgacchatsirākṛtiḥ śaktiḥ |
bindūdgacchattryaśrākāradharā vyāpikā proktā || 25 ||

Übersetzung: Shakti hat die Form zweier waagerechter Punkte, von denen links eine Linie aufsteigt. Vyapika wird als Dreieck beschrieben, das von einem Punkt aufwärts wächst.

Wort für Wort: tiryak-bindu-dvitaye: bei zwei waagerechten Punkten; vāma-udgacchat-sirā-ākṛtiḥ: Form einer links aufsteigenden Linie; śaktiḥ: Shakti; bindu-udgacchat: von einem Punkt aufsteigend; tryaśra-ākāra-dharā: dreieckige Gestalt tragend; vyāpikā proktā: Vyapika wird genannt.

Vers 26

ūrdhvādhobindudvayasaṃyutarekhākṛtiḥ samanā |
saivordhvabinduhīnonmanā tadūrdhvaṃ mahābinduḥ || 26 ||

Übersetzung: Samana gleicht einer Linie mit je einem Punkt oben und unten. Dieselbe Form ohne den oberen Punkt ist Unmana; darüber befindet sich Mahabindu.

Wort für Wort: ūrdhva-adhaḥ-bindu-dvaya: zwei Punkte oben und unten; saṃyuta-rekhā-ākṛtiḥ: Gestalt einer damit verbundenen Linie; samanā: Samana; sā eva: eben diese; ūrdhva-bindu-hīnā: ohne oberen Punkt; unmanā: Unmana; tat-ūrdhvam: darüber; mahābinduḥ: großer Bindu.

Vers 27

śaktyādīnāṃ tu vapurdvādaśaravikāntipuñjābham |
ityevaṃ varṇānāṃ sthānaṃ jñātvoccaredyatnāt || 27 ||

Übersetzung: Die Gestalten von Shakti und den folgenden Stufen strahlen wie die vereinte Lichtfülle von zwölf Sonnen. Wer die Orte der Laute so kennt, soll sie aufmerksam artikulieren.

Wort für Wort: śakti-ādīnām: von Shakti und den folgenden; tu vapuḥ: die Gestalt; dvādaśa-ravi-kānti-puñja-ābham: dem Lichtbündel zwölf Sonnen gleich; iti evam: auf diese Weise; varṇānām sthānam: Ort der Laute; jñātvā: erkannt habend; uccaret: soll aussprechen; yatnāt: mit Sorgfalt.

Vers 28

nādaḥ prāthamikastu dvitīyakūṭena sākamuccāryaḥ |
dvaitīyīkaṃ nādaṃ tārtīyenoccarenna pṛthak || 28 ||

Übersetzung: Der Nada des ersten Abschnitts ist zusammen mit dem zweiten Abschnitt auszusprechen; den Nada des zweiten soll man mit dem dritten aussprechen, nicht gesondert.

Wort für Wort: nādaḥ prāthamikaḥ: erster Nada; tu: nun; dvitīya-kūṭena sākam: zusammen mit dem zweiten Abschnitt; uccāryaḥ: auszusprechen; dvaitīyīkam nādam: zweiten Nada; tārtīyena: mit dem dritten; uccaret: soll aussprechen; na pṛthak: nicht gesondert.

Vers 29

bindvādinavakayostu prāktanakūṭasthayoranayoḥ |
saṃmelanena śabalaṃ tārtīyīkaṃ vibhāvayet kūṭam || 29 ||

Übersetzung: Man vergegenwärtige sich den dritten Abschnitt als durchwirkt von der Vereinigung der beiden Neunergruppen von Bindu an, die zu den vorhergehenden Abschnitten gehören.

Wort für Wort: bindu-ādi-navakayoḥ: der beiden Neunergruppen von Bindu an; prāktana-kūṭa-sthayoḥ: in den vorhergehenden Abschnitten befindlich; anayoḥ: dieser beiden; saṃmelanena: durch Vereinigung; śabalam: durchwirkt, vielfarbig; tārtīyīkam kūṭam: dritten Abschnitt; vibhāvayet: soll vergegenwärtigen.

Vers 30

bindvādikasamanāntaṃ krameṇa tārtīyamuccarennādam |
unmanyantarlīnaṃ vibhāvayedetaduccaraṇam || 30 ||

Übersetzung: Den dritten Nada artikuliere man stufenweise von Bindu bis Samana und stelle sich vor, dass er in Unmana aufgeht. Dies ist das hier gelehrte innere Aussprechen.

Wort für Wort: bindu-ādika-samanā-antam: von Bindu bis Samana; krameṇa: stufenweise; tārtīyam nādam: dritten Nada; uccaret: soll aussprechen; unmanī-antar-līnam: im Inneren von Unmana aufgegangen; vibhāvayet: soll vorstellen; etat uccaraṇam: dies ist das Aussprechen.

Vers 31

ādye daśa madhye tāḥ sārdhāstārtīyakūṭe'ṣṭau |
ekalavonā ūnatriṃśanmātrā manorjape kālaḥ || 31 ||

Übersetzung: Bei dieser Rezitationsweise entfallen zehn Zeiteinheiten auf den ersten Abschnitt, zehneinhalb auf den mittleren und achteinhalb weniger ein Lava auf den dritten. Insgesamt sind es neunundzwanzig Zeiteinheiten weniger ein Lava. Der Eigenkommentar bezieht das Wort „eine halbe zusätzlich“ dabei auch auf den dritten Abschnitt.

Wort für Wort: ādye daśa: im ersten zehn; madhye tāḥ sārdhāḥ: in der Mitte diese plus eine halbe; tārtīya-kūṭe aṣṭau: im dritten acht, mit erneut bezogenem sārdhāḥ also achteinhalb; eka-lava-ūnāḥ: um ein Lava vermindert; ūna-triṃśat mātrāḥ: neunundzwanzig Zeiteinheiten; manoḥ jape kālaḥ: Zeit beim Japa des Mantras.


Kosmische Funktionen und Kräfte

Vers 32

vyaṣṭisamaṣṭivibhedādasyāṃ catvāri bījāni |
sṛṣṭisthitisaṃhārānākhyārūpāṇi bhāvanīyāni || 32 ||

Übersetzung: Durch die Unterscheidung von Einzelgliedern und Gesamtheit ergeben sich in dieser Vidya vier Samen. Sie sind als Schöpfung, Erhaltung, Auflösung und das Unnennbare zu vergegenwärtigen.

Wort für Wort: vyaṣṭi-samaṣṭi-vibhedāt: durch Unterscheidung von Einzelheit und Gesamtheit; asyām: in dieser; catvāri bījāni: vier Samen; sṛṣṭi: Schöpfung; sthiti: Erhaltung; saṃhāra: Auflösung; anākhyā: Unnennbares; rūpāṇi: Gestalten; bhāvanīyāni: zu meditieren.

Vers 33

puṭadhāmatattvapīṭhānvayaliṅgakamātṛtatsamaṣṭīnām |
rūpāntarāṇi bījānyamūni catvāri cintanīyāni || 33 ||

Übersetzung: Diese vier Samen sind als weitere Gestalten von Puṭa, Dhāman, Tattva, Pīṭha, Anvaya, Linga, Erkennendem und deren Gesamtheiten zu betrachten.

Wort für Wort: puṭa: Hülle/Zusammenfassung; dhāman: Sitz/Strahlungsbereich; tattva: Wirklichkeitsprinzip; pīṭha: heiliger Sitz; anvaya: Zusammenhang/Überlieferungsfolge; liṅgaka: Zeichen; mātṛ: Erkennender; tat-samaṣṭīnām: ihrer Gesamtheiten; rūpa-antarāṇi: andere Gestalten; bījāni amūni catvāri: diese vier Samen; cintanīyāni: zu betrachten.

Vers 34

ekaikasmin karmaṇi sṛṣṭyādivibhedatastrividhe |
brahmādyā adhipatayo bhāratyādisvaśaktibhiḥ sahitāḥ || 34 ||

Übersetzung: Jede der Tätigkeiten gliedert sich wiederum dreifach nach Schöpfung und den weiteren Funktionen. Ihre Lenker sind Brahma und die anderen Götter, jeweils mit ihren eigenen Kräften, Bharati und den anderen Göttinnen.

Wort für Wort: ekaikasmin karmaṇi: in jeder Tätigkeit; sṛṣṭi-ādi-vibhedataḥ: nach Schöpfung usw. unterschieden; trividhe: dreifach; brahma-ādyāḥ: Brahma und die anderen; adhipatayaḥ: Lenker; bhāratī-ādi-sva-śaktibhiḥ: mit eigenen Kräften wie Bharati; sahitāḥ: verbunden.

Vers 35

brahmādayastrayo'mī bhāratyādyāśca śaktayastisraḥ |
pratyakṣarasvarūpāḥ śāktārthe vakṣyamāṇayā rītyā || 35 ||

Übersetzung: Diese drei Götter, Brahma und die anderen, und die drei Kräfte, Bharati und die anderen, verkörpern die einzelnen Laute, wie später bei der Shakti-Deutung erklärt wird.

Wort für Wort: brahma-ādayaḥ trayaḥ amī: diese drei, Brahma usw.; bhāratī-ādyāḥ śaktayaḥ tisraḥ: drei Kräfte, Bharati usw.; pratyakṣara-svarūpāḥ: Gestalten jedes Lautes; śākta-arthe: in der Shakti-Deutung; vakṣyamāṇayā rītyā: auf die noch zu erklärende Weise.

Vers 36

hṛllekhākāmakalāsaparārdhakalākhyakuṇḍalinyutthāḥ |
nādāścakratritayatritayātmāno vibhāvanīyā rayuḥ || 36 ||

Übersetzung: Die aus den Kundalini-Gestalten Hṛllekhā, Kamakala und der sogenannten Parardhakala hervorgehenden Nadas sollen als die drei Dreiergruppen der Chakras vergegenwärtigt werden.

Wort für Wort: hṛllekhā-kāmakalā: Hṛllekhā und Kamakala; sa-parārdhakalā-ākhya: einschließlich der Parardhakala genannten; kuṇḍalinī-utthāḥ: aus Kundalini hervorgegangen; nādāḥ: subtile Klänge; cakra-tritaya-tritaya-ātmānaḥ: aus drei Dreiergruppen von Chakras bestehend; vibhāvanīyāḥ: zu vergegenwärtigen. Das abschließende „rayuḥ“ ist in der Vorlage unklar und wird nicht sinntragend übersetzt.


Bewusstseinszustände und innere Übergänge

Vers 37

indriyadaśakavyavahṛtirūpā yā jāgarāvasthā |
tatra prakāśarūpo heturbhāvyastṛtīyage rephe || 37 ||

Übersetzung: Der Wachzustand besteht in der Tätigkeit der zehn Sinnes- und Handlungsorgane. Seine lichtartige Grundlage ist im r-Laut des dritten Abschnitts zu meditieren.

Wort für Wort: indriya-daśaka-vyavahṛti-rūpā: als Tätigkeit der zehn Organe; yā jāgara-avasthā: jener Wachzustand; tatra: darin; prakāśa-rūpaḥ hetuḥ: lichtartige Grundlage; bhāvyaḥ: zu meditieren; tṛtīya-ge rephe: im r-Laut des dritten Abschnitts.

Vers 38

antaḥkaraṇacatuṣkavyavahāraḥ svāpnikāvasthā |
sā tārtīyekārādbodhyāpi galasthale cintyā || 38 ||

Übersetzung: Der Traumzustand ist die Tätigkeit des vierfachen inneren Organs. Obwohl er durch das ī des dritten Abschnitts bezeichnet wird, soll er im Kehlbereich meditiert werden.

Wort für Wort: antaḥkaraṇa-catuṣka-vyavahāraḥ: Tätigkeit des vierfachen inneren Organs; svāpnikā avasthā: Traumzustand; sā: dieser; tārtīya-īkārāt bodhyā api: obwohl durch das dritte ī bezeichnet; gala-sthale: im Kehlbereich; cintyā: zu meditieren.

Vers 39

āntaravṛtterlayato līnaprāyasya jīvasya |
vedanameva suṣuptiścintyā tārtīyabindau sā || 39 ||

Übersetzung: Tiefschlaf ist das Erleben des nahezu versunkenen Einzelwesens nach dem Aufgehen der inneren geistigen Bewegungen. Man meditiere ihn im Bindu des dritten Abschnitts.

Wort für Wort: āntara-vṛtteḥ layataḥ: durch Aufgehen der inneren Gedankenbewegung; līna-prāyasya jīvasya: des nahezu aufgelösten Einzelwesens; vedanam eva: eben das Erleben; suṣuptiḥ: Tiefschlaf; cintyā: zu meditieren; tārtīya-bindau: im dritten Bindu; sā: diese.

Vers 40

turyāvasthā cidabhivyañjakanādasya vedanaṃ proktam |
tadbhāvanārdhacandrādikaṃ trayaṃ vyāpya kartavyā || 40 ||

Übersetzung: Turiya heißt das Wahrnehmen jenes Nada, der Bewusstsein offenbar macht. Die entsprechende Meditation erstreckt sich über die drei Stufen von Ardhachandra an.

Wort für Wort: turya-avasthā: vierter Zustand; cit-abhivyañjaka-nādasya: des Bewusstsein offenbarenden Nada; vedanam: Wahrnehmen; proktam: genannt; tad-bhāvanā: Meditation darüber; ardhacandra-ādikam trayam: die drei mit Ardhachandra beginnenden; vyāpya: durchdringend; kartavyā: auszuführen.

Vers 41

ānandaikaghanatvaṃ yadvācāmapi na gocaro nṝṇām |
turyātītāvasthā sā nādāntādipañcake bhāvyā || 41 ||

Übersetzung: Die ausschließlich aus Glückseligkeit bestehende Dichte, die menschliche Worte nicht erreichen, ist der Zustand jenseits von Turiya. Er ist in den fünf Stufen von Nadanta an zu meditieren.

Wort für Wort: ānanda-eka-ghanatvam: ungeteilte Dichte von Glückseligkeit; yat: die; vācām api na gocaraḥ: selbst Worten unzugänglich; nṝṇām: der Menschen; turya-atīta-avasthā: Zustand jenseits des Vierten; sā: diese; nādānta-ādi-pañcake: in den fünf Stufen von Nadanta an; bhāvyā: zu meditieren.

Vers 42

tārtīyīke rephasthāne bindau ca rodhinyām |
nādāntavyāpikayoścandrakatulyāni pañca śūnyāni || 42 ||

Übersetzung: Im dritten Abschnitt liegen am r-Laut, bei Bindu, Rodhini, Nadanta und Vyapika fünf Leerräume, die dem Auge einer Pfauenfeder gleichen.

Wort für Wort: tārtīyīke: im dritten; repha-sthāne: am Ort des r; bindau: bei Bindu; rodhinyām: bei Rodhini; nādānta-vyāpikayoḥ: bei Nadanta und Vyapika; candraka-tulyāni: einem Pfauenfederauge gleich; pañca śūnyāni: fünf Leerräume.

Vers 43

unmanyāṃ nīrūpaṃ ṣaṣṭhaṃ cintyaṃ mahāśūnyam |
prāṇātmamānasānāṃ saṃyogaḥ prāṇaviṣuvākhyaḥ || 43 ||

Übersetzung: In Unmana ist als sechster die gestaltlose große Leere zu betrachten. Die Verbindung von Lebensatem, Selbst und Geist heißt Prāṇa-Viṣuva.

Wort für Wort: unmanyām: in Unmana; nīrūpam: gestaltlos; ṣaṣṭham: sechster; cintyam: zu betrachten; mahāśūnyam: große Leere; prāṇa-ātma-mānasānām: von Lebensatem, Selbst und Geist; saṃyogaḥ: Verbindung; prāṇa-viṣuva-ākhyaḥ: Prana-Vishuva genannt.

Vers 44

prāthamikakūṭanāde tvanāhatād brahmarandhrānte |
vyaṣṭisamaṣṭivibhedād bījacatuṣkasya ca svasya || 44 ||

Übersetzung: Im Nada des ersten Abschnitts, vom Anahata bis zur Scheitelöffnung, [vergegenwärtige man sich] die vier Samen in Einzelheit und Gesamtheit sowie das eigene Selbst. Diese Betrachtung wird im folgenden Vers als Einheit im Nada bestimmt.

Wort für Wort: prāthamika-kūṭa-nāde: im Nada des ersten Abschnitts; tu: nun; anāhatāt: vom Herzzentrum; brahmarandhra-ante: bis zur Scheitelöffnung; vyaṣṭi-samaṣṭi-vibhedāt: als Einzelheit und Gesamtheit unterschieden; bīja-catuṣkasya: der vier Samen; ca svasya: und des eigenen Selbst.

Vers 45

aikyena nādamayatāvibhāvanaṃ mantraviṣuvākhyam |
ādhārotthitanādasyoccārād brahmarandhrāntam || 45 ||

Übersetzung: Die Vergegenwärtigung ihrer Einheit als Nada heißt Mantra-Viṣuva. Durch das innere Aussprechen des am Wurzelzentrum entstandenen Nada bis zur Scheitelöffnung [vollzieht sich die folgende Verbindung].

Wort für Wort: aikyena: in Einheit; nāda-mayatā-vibhāvanam: Vergegenwärtigung des Bestehens aus Nada; mantra-viṣuva-ākhyam: Mantra-Vishuva genannt; ādhāra-utthita-nādasya: des am Wurzelzentrum entstandenen Klanges; uccārāt: durch inneres Aussprechen; brahmarandhra-antam: bis zur Scheitelöffnung.

Vers 46

ṣaṭcakrāṇāṃ granthīn dvādaśa bhindan suṣumṇayaiva pathā |
nāḍīnādārṇānāṃ saṃyogo nāḍikāviṣuvam || 46 ||

Übersetzung: Auf dem Weg der Sushumna werden die zwölf Knoten der sechs Chakras durchdrungen. Die Verbindung von Nadi, Nada und Lauten heißt Nāḍikā-Viṣuva.

Wort für Wort: ṣaṭ-cakrāṇām: der sechs Chakras; granthīn dvādaśa: zwölf Knoten; bhindan: durchdringend; suṣumṇayā eva pathā: allein auf dem Sushumna-Weg; nāḍī-nāda-arṇānām: von Energiebahn, Klang und Lauten; saṃyogaḥ: Verbindung; nāḍikā-viṣuvam: Nadi-Vishuva.

Vers 47

rephe kāmakalārṇe hārdakalāyāṃ ca bindvādau |
nādāntāvadhi nādaḥ sūkṣmataro jāyate tatra || 47 ||

Übersetzung: Beim r-Laut, beim Kamakala-Laut, bei der Herz-Kala und bei Bindu und den folgenden Stufen bis Nadanta wird der Nada zunehmend feiner.

Wort für Wort: rephe: im r-Laut; kāmakalā-arṇe: im Kamakala-Laut ī; hārda-kalāyām: in der Herz-Kala; ca bindu-ādau: und in Bindu usw.; nādānta-avadhi: bis Nadanta; nādaḥ: Klang; sūkṣmataraḥ jāyate: wird feiner; tatra: dort.

Vers 48

śaktermadhye tallayacintanamuditaṃ praśāntaviṣuvākhyam |
śaktyantargatanādaṃ samanāyāṃ bhāvayellīnam || 48 ||

Übersetzung: Sein Aufgehen in Shakti zu betrachten heißt Praśānta-Viṣuva. Den in Shakti befindlichen Nada vergegenwärtige man sich sodann als in Samana aufgegangen.

Wort für Wort: śakteḥ madhye: inmitten von Shakti; tat-laya-cintanam: Betrachtung seines Aufgehens; uditam: genannt; praśānta-viṣuva-ākhyam: Prashanta-Vishuva; śakti-antar-gata-nādam: den in Shakti befindlichen Klang; samanāyām: in Samana; bhāvayet līnam: soll als aufgegangen betrachten.

Vers 49

samanāgatamunmanyāmete dve śaktikālaviṣuvākhye |
śrīvidyākūṭāvayaveṣu kakārādiṣūnmanānteṣu || 49 ||

Übersetzung: Der nach Samana gelangte Nada geht in Unmana auf: Diese beiden Übergänge heißen Shakti- und Kala-Vishuva. Nun werden sämtliche Bestandteile der Shri Vidya von ka bis Unmana betrachtet.

Wort für Wort: samanā-gatam: nach Samana gelangt; unmanyām: in Unmana; ete dve: diese beiden; śakti-kāla-viṣuva-ākhye: Shakti- und Kala-Vishuva genannt; śrīvidyā-kūṭa-avayaveṣu: in den Bestandteilen der Shri-Vidya-Abschnitte; kakāra-ādiṣu: mit ka beginnend; unmanā-anteṣu: mit Unmana endend.

Vers 50

akulādikonmanāntapradeśasaṃstheṣu sakaleṣu |
adhyuṣṭanimeṣottarasaptadaśādhikaśatatrayatruṭibhiḥ || 50 ||

Übersetzung: Sie befinden sich in sämtlichen Bereichen von Akula bis Unmana. Für die entsprechende Klangentfaltung nennt der Text dreihundertsiebzehn Truṭi zuzüglich dreieinhalb Nimeṣa.

Wort für Wort: akula-ādi: von Akula an; unmanā-anta: bis Unmana; pradeśa-saṃstheṣu: in den Bereichen befindlich; sakaleṣu: allen; adhyuṣṭa-nimeṣa-uttara: um dreieinhalb Nimesha vermehrt; saptadaśa-adhika-śata-traya: dreihundertsiebzehn; truṭibhiḥ: mit/über Truti-Zeiteinheiten.

Vers 51

uccarite nāde sati tasyānte tattvavedanaṃ bhavati |
tadidaṃ caitanyābhivyaktinidānaṃ tu tattvaviṣuvākhyam || 51 ||

Übersetzung: Ist Nada so entfaltet, ereignet sich an seinem Ende die Erkenntnis der Wirklichkeit. Dies heißt Tattva-Viṣuva und ist der Anlass für das Offenbarwerden des Bewusstseins.

Wort für Wort: uccarite nāde sati: wenn Nada entfaltet worden ist; tasya ante: an seinem Ende; tattva-vedanam: Wirklichkeitserkenntnis; bhavati: ereignet sich; tat idam: eben dies; caitanya-abhivyakti-nidānam: Anlass der Offenbarung von Bewusstsein; tu: nun; tattva-viṣuva-ākhyam: Tattva-Vishuva genannt.

Vers 52

evamavasthāśūnyaviṣuvanti cakrāṇi pañca ṣaṭ sapta |
nava ca manorarthāṃśca smarato'rṇoccāraṇaṃ tu japaḥ || 52 ||

Übersetzung: Japa ist somit das Artikulieren der Laute im bewussten Erinnern an die fünf Zustände, sechs Leerräume, sieben Vishuvas, neun Chakras und die Bedeutungen des Mantras.

Wort für Wort: evam: so; avasthā: Zustände; śūnya: Leerräume; viṣuvanti: Vereinigungen; cakrāṇi: Chakras; pañca ṣaṭ sapta nava: fünf, sechs, sieben, neun; ca manoḥ arthān: und die Bedeutungen des Mantras; smarataḥ: des sich Erinnernden; arṇa-uccāraṇam: Aussprechen der Laute; tu japaḥ: ist Japa.

Vers 53

bhāskararāyeṇa goroḥ karuṇāvaśataḥ samunmiṣite |
varivasyātirahasye pūrvāṃśaḥ pūrṇatāmagamat || 53 ||

Übersetzung: Damit ist der erste Teil des überaus geheimen Varivasya-Werkes vollendet, das sich Bhaskararaya durch das Mitgefühl seines Lehrers erschlossen hat.

Wort für Wort: bhāskararāyeṇa: durch Bhaskararaya; goroḥ: des Gurus, wohl guroḥ; karuṇā-vaśataḥ: kraft des Mitgefühls; samunmiṣite: aufgeschlossen/aufgeblüht; varivasyā-atirahasye: im tiefen Geheimnis der Verehrung; pūrva-aṃśaḥ: erster Teil; pūrṇatām agamat: gelangte zur Vollendung.


Zweiter Teil · Verse 54–167: Die Bedeutung belebt die Praxis

Vers 54

nārthajñānavihīnaṃ śabdasyoccāraṇaṃ phalati |
bhasmani vahnivihīne na prakṣiptaṃ havirjvalati || 54 ||

Übersetzung: Das Aussprechen eines Lautes ohne Kenntnis seiner Bedeutung trägt keine Frucht. Eine Opfergabe, die in feuerlose Asche geworfen wird, flammt nicht auf.

Wort für Wort: na phalati: trägt keine Frucht; artha-jñāna-vihīnam: ohne Bedeutungskenntnis; śabdasya uccāraṇam: Aussprechen des Lautes; bhasmani: in Asche; vahni-vihīne: ohne Feuer; na prakṣiptam haviḥ jvalati: die hineingeworfene Opfergabe brennt nicht.

Vers 55

arthamajānānānāṃ nānāvidhaśabdamātrapāṭhavatām |
upameyaścakrīvān malayajabhārasya voḍhaiva || 55 ||

Übersetzung: Wer allerlei Worte lediglich rezitiert, ohne ihre Bedeutung zu kennen, gleicht einem Esel, der nichts als eine Last Sandelholz trägt.

Wort für Wort: artham ajānānānām: der die Bedeutung nicht Kennenden; nānāvidha-śabda-mātra-pāṭhavatām: der bloß vielerlei Worte Rezitierenden; upameyaḥ: als Vergleich geeignet; cakrīvān: Esel; malayaja-bhārasya: einer Sandelholzlast; voḍhā eva: bloßer Träger.

Vers 56

puruṣārthānicchadbhiḥ puruṣairarthāḥ parijñeyāḥ |
arthānādarabhājāṃ naivārthaḥ pratyutānarthaḥ || 56 ||

Übersetzung: Menschen, die die Ziele des menschlichen Lebens anstreben, sollen die Bedeutungen gründlich erkennen. Wer die Bedeutung missachtet, gewinnt keinen Nutzen, sondern das Gegenteil.

Wort für Wort: puruṣa-arthān icchadbhiḥ: die menschlichen Lebensziele Erstrebenden; puruṣaiḥ: Menschen; arthāḥ parijñeyāḥ: Bedeutungen sind zu erkennen; artha-anādara-bhājām: für die Bedeutung Missachtende; na eva arthaḥ: kein Nutzen; pratyuta anarthaḥ: vielmehr Schaden/Verfehlung.


Fünfzehn Bedeutungsebenen

Vers 57

athātaḥ pūrṇagāyatryāḥ pratipādyo'rtha ādimaḥ |
bhāvārthaḥ saṃpradāyārtho nigarbhārthasturīyakaḥ || 57 ||

Übersetzung: Nun folgen die Bedeutungen: zuerst diejenige, die durch die vollständige Gayatri ausgedrückt wird; dann Bhavartha, die Überlieferungsbedeutung und als vierte die innerste Bedeutung Nigarbhartha.

Wort für Wort: atha ataḥ: nun also; pūrṇa-gāyatryāḥ: der vollständigen Gayatri; pratipādyaḥ arthaḥ: ausgedrückte Bedeutung; ādimaḥ: erste; bhāva-arthaḥ: Wesens-/Kontemplationsbedeutung; saṃpradāya-arthaḥ: Überlieferungsbedeutung; nigarbha-arthaḥ: innerste Bedeutung; turīyakaḥ: vierte.

Vers 58

kaulikārtho rahasyārtho mahātattvārtha eva ca |
nāmārthaḥ śabdarūpārthaścārtho nāmaikadeśagaḥ || 58 ||

Übersetzung: Es folgen Kaulikartha, die geheime Bedeutung, die Bedeutung der höchsten Wirklichkeit, die Namensbedeutung, die Bedeutung als Lautgestalt und die Bedeutung eines Namensteils.

Wort für Wort: kaulika-arthaḥ: Kaula-Bedeutung; rahasya-arthaḥ: geheime Bedeutung; mahātattva-arthaḥ: Bedeutung der höchsten Wirklichkeit; eva ca: und ferner; nāma-arthaḥ: Namensbedeutung; śabda-rūpa-arthaḥ: Lautgestaltbedeutung; arthaḥ nāma-ekadeśa-gaḥ: auf einen Namensteil bezogene Bedeutung.

Vers 59

śaktārthaḥ sāmarasyārthaḥ samastasaguṇārthakau |
mahāvākyārtha ityarthāḥ pañcadaśyāḥ svasaṃmitāḥ || 59 ||

Übersetzung: Hinzu kommen Shakti-Deutung, Deutung des gleichen Wesens, Gesamtdeutung, Deutung mit Eigenschaften und die Bedeutung des großen Erkenntnissatzes. Damit hat die fünfzehnsilbige Vidya ebenso viele Bedeutungen wie Silben.

Wort für Wort: śakta-arthaḥ: Shakti-Deutung; sāmarasya-arthaḥ: Gleichwesensdeutung; samasta: zusammenfassend; saguṇa: mit Eigenschaften; mahāvākya-arthaḥ: Bedeutung des großen Erkenntnissatzes; iti arthāḥ: dies sind die Bedeutungen; pañcadaśyāḥ: der fünfzehnsilbigen Vidya; sva-saṃmitāḥ: ihrer eigenen Zahl entsprechend.

Vers 60

kāmayate sa kakāraḥ kāmo brahmaiva tatpadasyārthaḥ |
saviturvareṇyamiti vai savituḥ śreṣṭhaṃ dvitīyavarṇārthaḥ || 60 ||

Übersetzung: Der k-Laut ist der Begehrende, Kama, Brahman selbst, die Bedeutung von „tat“. Der zweite Laut bedeutet „savitur vareṇyam“: das Vorzüglichste des hervorbringenden göttlichen Lichtes.

Wort für Wort: kāmayate saḥ: der begehrt; kakāraḥ: k-Laut; kāmaḥ: Kama; brahma eva: Brahman selbst; tat-padasya arthaḥ: Bedeutung des Wortes tat; savituḥ: des Savitri/Erzeugers; vareṇyam: erwählenswert; śreṣṭham: vorzüglichstes; dvitīya-varṇa-arthaḥ: Bedeutung des zweiten Lautes.

Vers 61

sarvāntaryāmi dadhadbhargo devasya dhīti turyārthaḥ |
pṛthvī mahī lakārastṛtīyaturyāṅghribodhikā māyā || 61 ||

Übersetzung: Der vierte Vokal, ī, trägt den Sinn des alles innerlich Lenkenden, „bhargo devasya dhī“. Der l-Laut bedeutet Erde beziehungsweise „mahī“. Maya, hrīṃ, erschließt den dritten und vierten Fuß der hier zugrunde gelegten erweiterten Gayatri.

Wort für Wort: sarva-antaryāmi: alles innerlich lenkend; dadhat: tragend; bhargaḥ devasya dhī: Textglieder der Gayatri; turya-arthaḥ: Sinn des vierten Vokals ī; pṛthvī: Erde; mahī: große Erde; lakāraḥ: l-Laut; tṛtīya-turya-aṅghri-bodhikā: dritten und vierten Versfuß erschließend; māyā: hrīṃ.

Vers 62

tripadī trivarṇabodhyā turyastadupariṣaḍakṣarīgamakaḥ |
atha tārtīye varṇadvitayaṃ tripadīṣaḍakṣarīgamakam || 62 ||

Übersetzung: Die dreifüßige Gayatri wird im zweiten Abschnitt durch drei Laute bezeichnet; der vierte weist auf die anschließenden sechs Silben. Im dritten Abschnitt weisen zwei Laute auf die sechs Anfangssilben der dreifüßigen Gayatri.

Wort für Wort: tripadī: dreifüßige Gayatri; tri-varṇa-bodhyā: durch drei Laute erschlossen; turyaḥ: vierter; tad-upari-ṣaṭ-akṣarī-gamakaḥ: auf die nachfolgenden sechs Silben weisend; atha tārtīye: sodann im dritten; varṇa-dvitayam: Lautpaar; tripadī-ṣaṭ-akṣarī-gamakam: die sechs Silben der dreifüßigen Gayatri erschließend.

Vers 63

kūṭadvitaye śeṣaṃ pūrvavadunneyamiti tu vidyāyāḥ |
gāyatryarthastripuropaniṣadi kathitastathaiva bhāgavate || 63 ||

Übersetzung: Das Übrige ist in diesen beiden Abschnitten wie zuvor zu erschließen. So lautet die Gayatri-Bedeutung der Vidya, wie sie in der Tripura-Upanishad und ebenso im Bhagavata gelehrt wird.

Wort für Wort: kūṭa-dvitaye: in den beiden Abschnitten; śeṣam: Rest; pūrvavat unneyam: wie zuvor zu erschließen; iti tu vidyāyāḥ: dies nun der Vidya; gāyatrī-arthaḥ: Gayatri-Bedeutung; tripurā-upaniṣadi: in der Tripura-Upanishad; kathitaḥ: gelehrt; tathā eva bhāgavate: ebenso im Bhagavata.


Göttliche Kräfte, Bindu und schöpferische Einheit

Vers 64

vāmecche brahmabhāratyau jyeṣṭhājñāne harikṣitī |
raudrīkriye śivāparṇe ityetanmithunatrayam || 64 ||

Übersetzung: Die drei Paare sind Brahma und Bharati, Hari und Kshiti sowie Shiva und Aparna. Ihnen entsprechen Vama und Wille, Jyeshtha und Erkenntnis sowie Raudri und Tatkraft.

Wort für Wort: vāmā-icche: Vama und Wille; brahma-bhāratyau: Brahma und Bharati; jyeṣṭhā-jñāne: Jyeshtha und Erkenntnis; hari-kṣitī: Hari und Erde; raudrī-kriye: Raudri und Tatkraft; śiva-aparṇe: Shiva und Aparna; iti etat mithuna-trayam: diese drei Paare.

Vers 65

tribhiḥ kūṭaiḥ kramādvācyamīkāratritayena tu |
etattrayasamaṣṭyātma vācyaṃ śāntambikātmakam || 65 ||

Übersetzung: Diese Paare werden nacheinander durch die drei Abschnitte ausgedrückt. Die drei ī-Laute bezeichnen die Gesamtheit dieser drei, bestehend aus Shanta und Ambika.

Wort für Wort: tribhiḥ kūṭaiḥ: durch drei Abschnitte; kramāt vācyam: der Reihe nach auszudrücken; īkāra-tritayena tu: dagegen durch drei ī-Laute; etat-traya-samaṣṭi-ātma: Gesamtheit dieser drei; vācyam: auszudrücken; śānta-ambikā-ātmakam: aus Shanta und Ambika bestehend.

Vers 66

yadvā gīḥsakalabrahmaprabhṛtīnāṃ trayaṃ trayam |
trikūṭavācyaṃ māyāyāsturīyaṃ mithunaṃ matam || 66 ||

Übersetzung: Oder die drei Abschnitte bezeichnen die entsprechenden Dreiergruppen von Rede, Gesamtheit und Brahma und den weiteren Gliedern. Maya, hrīṃ, bezeichnet das vierte Paar.

Wort für Wort: yadvā: oder; gīḥ-sakala-brahma-prabhṛtīnām: von Rede, Gesamtheit, Brahma usw.; trayam trayam: jeweils Dreiergruppe; tri-kūṭa-vācyam: durch die drei Abschnitte bezeichnet; māyāyāḥ: von Maya/hrīṃ; turīyam mithunam matam: viertes Paar ist gemeint. Die gedrängte alternative Gruppierung wird im Eigenkommentar entfaltet.

Vers 67

vāmecchādyāḥ ṣaḍīkāra iti saptabhirakṣaraiḥ |
trirāvṛttairiyaṃ vidyā saṃjātā tena tanmayī || 67 ||

Übersetzung: Sechs Kräfte, Vama, Wille und die weiteren, zusammen mit ī ergeben sieben Lautelemente. Dreimal wiederholt bilden sie diese Vidya; daher besteht die Vidya aus diesen Kräften.

Wort für Wort: vāmā-icchā-ādyāḥ ṣaṭ: sechs, Vama und Wille usw.; īkāraḥ: ī-Laut; iti saptabhiḥ akṣaraiḥ: somit mit sieben Lautelementen; triḥ-āvṛttaiḥ: dreimal wiederholt; iyam vidyā: diese Vidya; saṃjātā: entstanden; tena: daher; tanmayī: daraus bestehend.

Vers 68

vāmādisaptaśaktīnāṃ samaṣṭiḥ paradevatā |
ṣaṭtriṃśattattvarūpāsmānmātrayāpi na bhidyate || 68 ||

Übersetzung: Die höchste Gottheit ist die Gesamtheit der sieben Kräfte von Vama an. Sie besteht aus den sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien und unterscheidet sich nicht im Geringsten von uns.

Wort für Wort: vāmā-ādi-sapta-śaktīnām: der sieben Kräfte von Vama an; samaṣṭiḥ: Gesamtheit; para-devatā: höchste Gottheit; ṣaṭtriṃśat-tattva-rūpā: aus sechsunddreißig Prinzipien bestehend; asmāt: von uns; mātrayā api: auch nur im Geringsten; na bhidyate: unterscheidet sich nicht.

Shiva und Shakti: Licht und lebendige Kraft des Bewusstseins werden im Varivasyarahasya als untrennbar betrachtet.

Vers 69

ahakārau śivaśaktī śūnyākārau parasparāśliṣṭau |
sphuraṇaprakāśarūpāvupaniṣaduktaṃ paraṃ brahma || 69 ||

Übersetzung: Die Laute a und ha sind Shiva und Shakti, von leerer, ungebundener Gestalt und einander umschlingend. Als lebendiges Aufleuchten und Licht sind sie das höchste Brahman der Upanishaden.

Wort für Wort: a-ha-kārau: die Laute a und ha; śiva-śaktī: Shiva und Shakti; śūnya-ākārau: von Leeregestalt; paraspara-āśliṣṭau: einander umschlingend; sphuraṇa-prakāśa-rūpau: als Aufleuchten und Licht; upaniṣad-uktam: in den Upanishaden genannt; param brahma: höchstes Brahman.

Vers 70

viśvasisṛkṣāvaśataḥ svārdhāṃ śaktiṃ vilokayadbrahma |
bindūbhavati taminduṃ praviśati śaktistu raktabindutayā || 70 ||

Übersetzung: Vom Willen zur Weltschöpfung bewegt betrachtet Brahman Shakti als seine eigene Hälfte und wird zum Bindu. In diesen mondartigen Punkt tritt Shakti als roter Bindu ein.

Wort für Wort: viśva-sisṛkṣā-vaśataḥ: kraft des Wunsches, die Welt zu erschaffen; sva-ardhām śaktim: Shakti als eigene Hälfte; vilokayat brahma: das betrachtende Brahman; bindūbhavati: wird zum Punkt; tam indum: in diesen Mond; praviśati: tritt ein; śaktiḥ tu: Shakti aber; rakta-bindu-tayā: als roter Punkt.

Vers 71

etat piṇḍadvitayaṃ visargasaṃjñaṃ hakāracaitanyam |
miśrastu tatsamaṣṭiḥ kāmākhyo ravirakāracaitanyam || 71 ||

Übersetzung: Diese beiden verdichteten Punkte heißen Visarga und bilden das Bewusstsein des ha-Lautes. Ihre gemischte Gesamtheit ist der Kama genannte Sonnenpunkt, das Bewusstsein des a-Lautes.

Wort für Wort: etat piṇḍa-dvitayam: diese beiden Verdichtungen; visarga-saṃjñam: Visarga genannt; hakāra-caitanyam: Bewusstsein des ha; miśraḥ tu: der gemischte dagegen; tat-samaṣṭiḥ: deren Gesamtheit; kāma-ākhyaḥ: Kama genannt; raviḥ: Sonne; akāra-caitanyam: Bewusstsein des a.

Vers 72

eṣāhaṃpadaturyasvarakāmakalādiśabdanirdeśyā |
vāgarthasṛṣṭibījaṃ tenāhaṃ tāmayaṃ viśvam || 72 ||

Übersetzung: Diese Wirklichkeit wird mit „aham“, dem vierten Vokal, Kamakala und weiteren Namen bezeichnet. Sie ist der Same der Schöpfung von Wort und Gegenstand; deshalb besteht das Universum aus Ich-Bewusstheit.

Wort für Wort: eṣā: diese; ahaṃ-pada: Wort Ich; turya-svara: vierter Vokal ī; kāmakalā-ādi-śabda-nirdeśyā: durch Kamakala usw. zu bezeichnen; vāk-artha-sṛṣṭi-bījam: Same der Schöpfung von Wort und Gegenstand; tena: daher; ahantā-mayam: aus Ich-Bewusstheit bestehend; viśvam: Universum.

Vers 73

antyaprathame madhyacaturthe mantre'pi tau vyaktau |
tenāmbāmanujagatāmabheda evātra bhāvārthaḥ || 73 ||

Übersetzung: Auch im Mantra treten diese beiden Laute hervor: im letzten Abschnitt an erster Stelle und im mittleren an vierter Stelle, wie es der Zusammenhang erklärt. Daher ist Bhavartha hier die Nichtverschiedenheit von Mutter, Mantra und Welt.

Wort für Wort: antya-prathame: im letzten an erster Stelle; madhya-caturthe: im mittleren an vierter Stelle; mantre api: auch im Mantra; tau vyaktau: diese beiden sind offenbar; tena: daher; ambā-manu-jagatām: von Mutter, Mantra und Welt; abhedaḥ eva: eben Nichtverschiedenheit; atra bhāva-arthaḥ: hier Wesensbedeutung. Die knappe Lautreferenz bleibt erklärungsbedürftig.


Elemente, Welt und Überlieferung

Vers 74

vyomādijanakahakarasalārṇairghaṭanena pañcabhūtamayī |
pañcacatustridvyekagaśabdādiguṇātmapañcadaśavarṇā || 74 ||

Übersetzung: Weil sie aus ha, ka, ra, sa und la besteht, den Erzeugern von Raum und den übrigen Elementen, ist die Vidya aus den fünf Elementen gebildet. Ihre fünfzehn Laute entsprechen den Eigenschaften wie Klang, die sich in Fünfer-, Vierer-, Dreier-, Zweier- und Einergruppen verteilen.

Wort für Wort: vyoma-ādi-janaka: Raum usw. hervorbringend; ha-ka-ra-sa-la-arṇaiḥ: durch diese Laute; ghaṭanena: durch Zusammensetzung; pañca-bhūta-mayī: aus fünf Elementen; pañca-catur-tri-dvi-eka-ga: in Fünfer- bis Einergruppen; śabda-ādi-guṇa-ātma: aus Eigenschaften wie Klang bestehend; pañcadaśa-varṇā: fünfzehn Laute habend.

Vers 75

tattajjanakairvarṇaistattatsaṃkhyaistu tadguṇā jātāḥ |
kāmakalābhiścatasṛbhirāsīt sparśaścaturvidho na tu kaiḥ || 75 ||

Übersetzung: Die jeweiligen Eigenschaften entstehen durch die sie hervorbringenden Laute in ihrer entsprechenden Anzahl. Die vierfache Berührung entsteht aus den vier Kamakala-Lauten ī, nicht aus den k-Lauten.

Wort für Wort: tat-tat-janakaiḥ varṇaiḥ: durch die jeweils hervorbringenden Laute; tat-tat-saṃkhyaiḥ: in entsprechender Anzahl; tat-guṇāḥ jātāḥ: jene Eigenschaften entstanden; kāmakalābhiḥ catasṛbhiḥ: durch vier Kamakala-Laute; āsīt sparśaḥ caturvidhaḥ: Berührung wurde vierfach; na tu kaiḥ: nicht durch k-Laute.

Vers 76

bhuvanatrayasaṃbadhādāsīt tredhā lakāro'pi |
ye ye yadyajjanakāsteṣāṃ teṣāṃ ta evārthāḥ || 76 ||

Übersetzung: Auch la erscheint dreifach, weil es sich auf die drei Welten bezieht. Was jeweils etwas hervorbringt, hat eben dieses Hervorgebrachte als seine Bedeutung.

Wort für Wort: bhuvana-traya-saṃbandhāt: wegen des Bezugs zu drei Welten; āsīt tredhā: wurde dreifach; lakāraḥ api: auch la; ye ye: welche jeweils; yat-yat-janakāḥ: was jeweils hervorbringen; teṣām teṣām: von diesen; te eva arthāḥ: eben jene sind die Bedeutungen.

Vers 77

kakāratrayavācyāstu sakalāḥ pralayākalāḥ |
vijñānakevalāśceti triprakārā upāsakāḥ || 77 ||

Übersetzung: Die drei ka-Laute bezeichnen drei Arten von Verehrenden: Sakala, Pralayakala und Vijnanakevala.

Wort für Wort: kakāra-traya-vācyāḥ: durch drei ka-Laute bezeichnet; tu: nun; sakalāḥ: Wesen mit voller Begrenzung; pralayākalāḥ: im Auflösungszustand gebundene Wesen; vijñānakevalāḥ: in isolierter Erkenntnis stehende Wesen; iti: so; tri-prakārāḥ upāsakāḥ: drei Arten von Verehrenden.

Vers 78

akārairdaśasaṃkhyākairucyante jīvarāśayaḥ |
vidyāyāḥ prāṇabhūtaḥ saṃstadvācyekādaśaḥ svaraḥ || 78 ||

Übersetzung: Die zehn a-Laute bezeichnen die Scharen der Einzelwesen. Der elfte Vokal, e, ist das Leben der Vidya und bezeichnet denjenigen, der deren Lebensgrund ist.

Wort für Wort: akāraiḥ daśa-saṃkhyākaiḥ: durch zehn a-Laute; ucyante: werden bezeichnet; jīva-rāśayaḥ: Scharen der Einzelwesen; vidyāyāḥ prāṇa-bhūtaḥ: das Leben der Vidya geworden; san: seiend; tad-vācyaḥ: dieses bezeichnend; ekādaśaḥ svaraḥ: elfter Vokal, e in der hier verwendeten Zählung.

Vers 79

bindubhiritrabhirucyante rudreśvarasadāśivāḥ |
śāntiḥ śaktiśca śaṃbhuśca nādatritayabodhanāḥ || 79 ||

Übersetzung: Die drei Bindu bezeichnen Rudra, Ishvara und Sadashiva; die drei Nadas bezeichnen Shanti, Shakti und Shambhu.

Wort für Wort: bindubhiḥ tribhiḥ: durch drei Bindu; ucyante: werden bezeichnet; rudra-īśvara-sadāśivāḥ: Rudra, Ishvara, Sadashiva; śāntiḥ: Frieden/Shanti; śaktiḥ: Kraft; śaṃbhuḥ: Shambhu; ca: und; nāda-tritaya-bodhanāḥ: durch die drei Nadas erschlossen. „itrabhiḥ“ der Vorlage ist als „tribhiḥ“ verstanden.

Vers 80

evaṃ saptatriṃśatsaṃkhyākapadairmahāvidyā |
ṣaṭtriṃśattattvānāṃ tattvātītasya cābhidhātrīyam || 80 ||

Übersetzung: So bezeichnet die große Vidya mit siebenunddreißig Bedeutungsgliedern die sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien und das über diese Prinzipien Hinausgehende.

Wort für Wort: evam: so; saptatriṃśat-saṃkhyāka-padaiḥ: durch siebenunddreißig Glieder; mahāvidyā: große Vidya; ṣaṭtriṃśat-tattvānām: der sechsunddreißig Prinzipien; tattva-atītasya ca: und des darüber Hinausgehenden; abhidhātrī iyam: diese bezeichnet.

Vers 81

janyajanakayorbhedābhāvād vācyasya vācakenāpi |
brahmaṇi jagato jagati ca vidyābhedastu saṃpradāyārthaḥ || 81 ||

Übersetzung: Da Hervorgebrachtes und Hervorbringendes nicht getrennt sind, und ebenso Bezeichnetes und Bezeichnendes, ist die Welt von Brahman und die Vidya von der Welt nicht verschieden. Dies ist die Bedeutung der Überlieferung.

Wort für Wort: janya-janakayoḥ: von Wirkung und Ursache; bheda-abhāvāt: wegen fehlender Verschiedenheit; vācyasya vācakena api: auch des Bezeichneten vom Bezeichnenden; brahmaṇi jagataḥ: der Welt in Brahman; jagati ca vidyā-abhedaḥ: Nichtverschiedenheit der Vidya von der Welt; tu saṃpradāya-arthaḥ: ist Überlieferungsbedeutung.

Vers 82

paramaśive niṣkalatā tadabhinnatvaṃ svadeśikendrasya |
tatkaruṇātaḥ svasminnapi tadabhedo nigarbhārthaḥ || 82 ||

Übersetzung: Paramashiva ist ungeteilt. Der eigene höchste Lehrer ist von ihm nicht verschieden; durch dessen Mitgefühl erkennt man diese Nichtverschiedenheit auch im eigenen Selbst. Dies ist Nigarbhartha, die innerste Bedeutung.

Wort für Wort: paramaśive niṣkalatā: Ungeteiltheit in Paramashiva; tat-abhinnatvam: Nichtverschiedenheit davon; sva-deśika-indrasya: des eigenen höchsten Lehrers; tat-karuṇātaḥ: durch dessen Mitgefühl; svasmin api: auch im eigenen Selbst; tat-abhedaḥ: Nichtverschiedenheit damit; nigarbha-arthaḥ: innerste Bedeutung.


Göttin, Mantra und Chakra

Vers 83

mātā nirupamatejomayyāḥ svasyā marīcirūpāṇām |
āvaraṇadevatānāmīśatvāducyate gaṇeśīti || 83 ||

Übersetzung: Die Mutter heißt Ganeshi, Herrin der Scharen, weil sie über die Gottheiten der Umhüllungen herrscht: Diese sind Strahlen ihres eigenen unvergleichlichen Lichtes.

Wort für Wort: mātā: Mutter; nirupama-tejomayyāḥ svasyāḥ: ihrer selbst als unvergleichliche Lichtfülle; marīci-rūpāṇām: in Gestalt von Strahlen; āvaraṇa-devatānām: der Gottheiten der Umhüllungen; īśatvāt: wegen der Herrschaft; ucyate gaṇeśī iti: wird Herrin der Scharen genannt.

Vers 84

icchāditrisamaṣṭirguṇatrayāḍhyānalenduravinetrā |
evaṃ navabhiryogād graharūpetyucyate mātā || 84 ||

Übersetzung: Sie ist die Gesamtheit von Wille, Erkenntnis und Tatkraft, besitzt die drei Gunas und hat Feuer, Mond und Sonne als Augen. Durch diese Neunzahl wird die Mutter als Gestalt der neun Grahas bezeichnet.

Wort für Wort: icchā-ādi-tri-samaṣṭiḥ: Gesamtheit der drei Kräfte von Wille an; guṇa-traya-āḍhyā: mit drei Gunas ausgestattet; anala-indu-ravi-netrā: Feuer, Mond und Sonne als Augen; evam navabhiḥ yogāt: durch diese Verbindung von neun; graha-rūpā iti ucyate: wird Graha-Gestalt genannt; mātā: Mutter.

Vers 85

indriyadaśakenāntaḥkaraṇacatuṣkeṇa viṣayadaśakena |
prakṛtipuruṣaguṇatattvairjātā nakṣatrarūpiṇī mātā || 85 ||

Übersetzung: Mit den zehn Organen, dem vierfachen inneren Organ, den zehn Gegenstandsbereichen sowie Prakriti, Purusha und dem Guna-Prinzip erscheint die Mutter als Gestalt der siebenundzwanzig Mondstationen.

Wort für Wort: indriya-daśakena: mit zehn Organen; antaḥkaraṇa-catuṣkeṇa: mit vier inneren Funktionen; viṣaya-daśakena: mit zehn Gegenstandsbereichen; prakṛti-puruṣa-guṇa-tattvaiḥ: mit Urnatur, Bewusstseinsträger und Guna-Prinzip; jātā: geworden; nakṣatra-rūpiṇī mātā: Mutter in Gestalt der Mondstationen.

Vers 86

narapatiravikāṣṭhāṣaṭsamudradvisaṃkhyairakaḍabavahapūrvairakṣarairveṣṭitābhiḥ |
ḍaralakasahavarṇādyākinībhistu ṣaḍbhirghaṭitatanuritīyaṃ kathyate yoginīti || 86 ||

Übersetzung: Ihr Leib besteht aus sechs Yoginis, Dakini, Rakini, Lakini, Kakini, Shakini und Hakini. Sie sind von Lautgruppen umgeben, die mit a, ka, ḍa, ba, va und ha beginnen und sechzehn, zwölf, zehn, sechs, vier und zwei Laute umfassen; darum heißt sie Yogini.

Wort für Wort: narapati-ravi-kāṣṭhā-ṣaṭ-samudra-dvi-saṃkhyaiḥ: Zahlworte für sechzehn, zwölf, zehn, sechs, vier, zwei; a-ka-ḍa-ba-va-ha-pūrvaiḥ akṣaraiḥ: Laute mit diesen Anfängen; veṣṭitābhiḥ: von ihnen umgeben; ḍa-ra-la-ka-sa-ha-varṇa-ādi-ākinībhiḥ: Yogininamen durch diese Anfangslaute; ṣaḍbhiḥ: mit sechs; ghaṭita-tanuḥ: zusammengesetzter Leib; iti iyam kathyate yoginī: deshalb heißt sie Yogini. Die Vorlage schreibt beim Shakini-Anfang „sa“.

Vers 87

pañcabhirnāgakūrmādyaiḥ prāṇāpānādipañcabhiḥ |
jīvātmaparamātmabhyāṃ caiṣā rāśisvarūpiṇī || 87 ||

Übersetzung: Durch die fünf Nebenatemkräfte wie Naga und Kurma, die fünf Hauptatemkräfte wie Prana und Apana sowie Einzelselbst und höchstes Selbst besitzt sie die Gestalt der zwölf Tierkreiszeichen.

Wort für Wort: pañcabhiḥ nāga-kūrma-ādyaiḥ: mit den fünf Naga, Kurma usw.; prāṇa-apāna-ādi-pañcabhiḥ: mit den fünf Prana, Apana usw.; jīvātma-paramātmabhyām: mit Einzel- und höchstem Selbst; ca eṣā: auch diese; rāśi-svarūpiṇī: in Gestalt der Tierkreiszeichen.

Vers 88

akathādikaṣoḍaśākṣarātmakatārtīyakakāmavāgbhavaiḥ |
ghaṭitā ca parādivāggaṇairiti vidyāpi gaṇeśarūpiṇī || 88 ||

Übersetzung: Auch die Vidya ist Ganesha-Gestalt: Sie besteht aus den Abschnitten Shakti, Kamaraja und Vāgbhava, denen die je sechzehn Laute von a, ka und tha an entsprechen, und aus den Sprachgruppen von Para an.

Wort für Wort: a-ka-tha-ādika-ṣoḍaśa-akṣara-ātmaka: aus je sechzehn Lauten von a, ka, tha an; tārtīyaka-kāma-vāgbhavaiḥ: durch dritten, Kama- und Vāgbhava-Abschnitt; ghaṭitā: zusammengesetzt; parā-ādi-vāk-gaṇaiḥ: durch Sprachgruppen von Para an; iti: daher; vidyā api: auch Vidya; gaṇeśa-rūpiṇī: Ganesha-Gestalt.

Vers 89

bindutrayanādatrayatadanyakūṭatrayairgrahatvamiha |
nakṣatratvaṃ ca daśākārāṇāṃ vyañjanairapārthakyāt || 89 ||

Übersetzung: Durch drei Bindu, drei Nadas und die drei übrigen Abschnittskörper besitzt sie die Neunzahl der Grahas. Ihre Mondstationengestalt ergibt sich aus der Verbindung der zehn a-Laute mit den Konsonanten.

Wort für Wort: bindu-traya: drei Bindu; nāda-traya: drei Nadas; tad-anya-kūṭa-trayaiḥ: mit den drei übrigen Abschnittskörpern; grahatvam iha: hier Graha-Charakter; nakṣatratvam ca: und Mondstationencharakter; daśa-akārāṇām: der zehn a-Laute; vyañjanaiḥ apārthakyāt: wegen ihrer Ungetrenntheit von den Konsonanten.

Vers 90

hṛllekhābhistisṛbhistadanyakūṭaiśca yoginī yogat |
rāśībhṛtāpyeṣā tisṛṇāṃ pūrvākṣarairaikyāt || 90 ||

Übersetzung: Durch die Verbindung der drei Hṛllekhās und der drei übrigen Abschnittskörper ist sie Yogini-Gestalt. Vereinigt man jede Hṛllekhā mit dem ihr vorangehenden Laut, so besitzt sie auch die Zwölfzahl der Tierkreiszeichen.

Wort für Wort: hṛllekhābhiḥ tisṛbhiḥ: mit drei hrīṃ; tad-anya-kūṭaiḥ ca: und den übrigen Abschnittskörpern; yoginī yogāt: Yogini durch Verbindung; rāśī-bhṛtā api eṣā: diese auch die Tierkreiszahl tragend; tisṛṇām pūrva-akṣaraiḥ aikyāt: durch Einheit der drei mit den vorhergehenden Lauten.

Vers 91

devyā rūpāntaratvena vidyāyāstadabhedataḥ |
gaṇeśagrahanakṣatrayoginīrāśipīṭhatā || 91 ||

Übersetzung: Weil die Vidya eine andere Gestalt der Göttin und von ihr nicht verschieden ist, besitzt sie die Gestalt von Ganesha, Grahas, Mondstationen, Yoginis, Tierkreiszeichen und heiligen Sitzen.

Wort für Wort: devyāḥ rūpa-antaratvena: als andere Gestalt der Göttin; vidyāyāḥ: der Vidya; tad-abhedataḥ: wegen Nichtverschiedenheit von ihr; gaṇeśa-graha-nakṣatra-yoginī-rāśi-pīṭhatā: Ganesha-, Graha-, Mondstationen-, Yogini-, Tierkreis- und Pitha-Sein.

Vers 92

rekhādalakoṇagaṇairghaṭanāccakre gaṇeśatvam |
trailokyamohanādyairnavabhiścakrairgrahatvaṃ ca || 92 ||

Übersetzung: Das Shri Chakra ist Ganesha-Gestalt, weil es aus Scharen von Linien, Blütenblättern und Dreiecken besteht. Durch die neun Chakras von Trailokyamohana an ist es Graha-Gestalt.

Wort für Wort: rekhā-dala-koṇa-gaṇaiḥ: durch Gruppen von Linien, Blättern und Winkeln/Dreiecken; ghaṭanāt: wegen Zusammensetzung; cakre gaṇeśatvam: Ganesha-Sein im Chakra; trailokyamohana-ādyaiḥ: mit Trailokyamohana beginnend; navabhiḥ cakraiḥ: durch neun Chakras; grahatvam ca: auch Graha-Sein.

Vers 93

vṛttatrayadharaṇītrayamanvaśrāṇāṃ vibhajya gaṇanena |
saptabhiritaraiścakraiścakre nakṣatrarūpatvam || 93 ||

Übersetzung: Zählt man die drei Kreise, die drei Erdumrandungen und die vierzehn Dreiecke einzeln und nimmt die sieben übrigen Chakras hinzu, so ergibt sich seine Gestalt der siebenundzwanzig Mondstationen.

Wort für Wort: vṛtta-traya: drei Kreise; dharaṇī-traya: drei Erdumrandungen; manu-aśrāṇām: der vierzehn Dreiecke; vibhajya gaṇanena: durch gesondertes Zählen; saptabhiḥ itaraiḥ cakraiḥ: mit sieben übrigen Chakras; cakre nakṣatra-rūpatvam: Mondstationengestalt im Chakra.

Vers 94

sthitisaṃhṛticakre dve padme dve vṛttabhūgṛhe ca dve |
evaṃ ṣaḍbhiryogācchrīcakraṃ yoginīrūpam || 94 ||

Übersetzung: Zwei Chakragruppen der Erhaltung und Auflösung, zwei Lotoskreise sowie Kreisumfassung und Erdhaus bilden sechs Einheiten. Durch diese Sechsheit ist das Shri Chakra Yogini-Gestalt.

Wort für Wort: sthiti-saṃhṛti-cakre dve: zwei Chakragruppen von Erhaltung und Auflösung; padme dve: zwei Lotusse; vṛtta-bhūgṛhe ca dve: Kreisumfassung und Erdhaus als zwei; evam ṣaḍbhiḥ yogāt: durch Verbindung dieser sechs; śrīcakram yoginī-rūpam: Shri Chakra als Yogini-Gestalt.

Vers 95

pañcacatuḥśaktyanalā bindurvṛttaṃ ca bhūbimbam |
evaṃ dvādaśasaṃkhyairghaṭanāccakrasya rāśitvam || 95 ||

Übersetzung: Die fünf Shakti- und vier Feuerdreiecke, Bindu, Kreis und Erdumfassung bilden zwölf Einheiten; aus dieser Zusammensetzung folgt der Tierkreischarakter des Chakras.

Wort für Wort: pañca-catuḥ-śakti-analāḥ: fünf Shakti- und vier Feuerdreiecke; binduḥ: Zentralpunkt; vṛttam: Kreis; ca bhūbimbam: und Erdumfassung; evam dvādaśa-saṃkhyaiḥ: durch diese zwölf; ghaṭanāt: wegen Zusammensetzung; cakrasya rāśitvam: Tierkreischarakter des Chakras.

Vers 96

cakraṃ vidyākṣaraireva jananāt tadabhedavat |
devyā rūpāntaratvācca tena yuktoktarūpatā || 96 ||

Übersetzung: Das Chakra ist von der Vidya nicht verschieden, weil es aus ihren Lauten entsteht; zugleich ist es eine andere Gestalt der Göttin. Darum sind ihm die genannten Gestalten zu Recht zugeordnet.

Wort für Wort: cakram: Chakra; vidyā-akṣaraiḥ eva jananāt: weil aus den Vidya-Lauten selbst entstanden; tad-abhedavat: nicht davon verschieden; devyāḥ rūpa-antaratvāt ca: auch als andere Gestalt der Göttin; tena: darum; yukta-ukta-rūpatā: Angemessenheit der genannten Gestalten.

Vers 97

yāvanmātṛkamuditānyekasametāni pañcāśat |
pīṭhāni punargaṇitānyojāpūkāni catvāri || 97 ||

Übersetzung: Es werden einundfünfzig Pithas entsprechend dem Umfang der Matrika genannt. Dazu werden vier weitere heilige Sitze gezählt, verschlüsselt als O, Ja, Pu und Ka.

Wort für Wort: yāvat-mātṛkam: entsprechend der Matrika; uditāni: genannt; eka-sametāni pañcāśat: fünfzig plus eins; pīṭhāni: heilige Sitze; punaḥ gaṇitāni: zusätzlich gezählt; o-jā-pū-kāni: O, Ja, Pu, Ka; catvāri: vier.

Vers 98

gaṇapagrahabhādīnāṃ śaśinidhitārartusūryasa.khyānām |
melanataḥ pīṭhāni jñeyānyeteṣu pañcapañcāśat || 98 ||

Übersetzung: Die Zahlen von Ganesha, Grahas, Mondstationen, Yoginis und Tierkreiszeichen sind eins, neun, siebenundzwanzig, sechs und zwölf. Ihre Summe ergibt fünfundfünfzig Pithas.

Wort für Wort: gaṇapa-graha-bha-ādīnām: von Ganesha, Grahas, Mondstationen usw.; śaśi: Mond, eins; nidhi: Schätze, neun; tārā: Sterne, siebenundzwanzig; ṛtu: Jahreszeiten, sechs; sūrya: Sonnen, zwölf; saṃkhyānām: mit diesen Zahlen; melanataḥ: durch Zusammenzählen; pīṭhāni jñeyāni: heilige Sitze sind zu erkennen; pañcapañcāśat: fünfundfünfzig.

Vers 99

katritayādīkārādbindurjātastadagrime cakre |
hṛllekhābhistatparacakratritayaṃ hakārābhyām || 99 ||

Übersetzung: Aus den drei ka-Lauten und ī entsteht Bindu, aus den Hṛllekhās die beiden anschließenden Chakras. Die drei danach folgenden Chakras entstehen aus den beiden ha-Lauten und [dem im folgenden Vers genannten] e.

Wort für Wort: ka-tritayāt īkārāt: aus drei ka und ī; binduḥ jātaḥ: Bindu entstanden; tad-agrime cakre: die beiden folgenden Chakras; hṛllekhābhiḥ: durch hrīṃ-Silben; tat-para-cakra-tritayam: danach folgende drei Chakras; hakārābhyām: durch zwei ha-Laute.

Vers 100

ekāreṇa ca tatparacakre jāte sakārābhyām |
caturaśrāṇi lakārairevaṃ vidyākṣareṇa cakrajaniḥ || 100 ||

Übersetzung: Durch e [ist die zuvor genannte Dreiergruppe vervollständigt]. Die beiden danach folgenden Chakras entstehen aus den beiden sa-Lauten, die viereckigen Umfassungen aus den la-Lauten. So entsteht das Chakra aus den Lauten der Vidya.

Wort für Wort: ekāreṇa ca: und durch e; tat-para-cakre jāte: die beiden danach folgenden Chakras entstehen; sakārābhyām: durch zwei sa; caturaśrāṇi: Vierecke; lakāraiḥ: durch la-Laute; evam: so; vidyā-akṣareṇa: durch Vidya-Laute; cakra-janiḥ: Entstehung des Chakras.

Vers 101

etattritayābhinnaḥ svagurustadabhedabhāvanādārḍhyāt |
tena gaṇeśādimayastaddayayā ca svayaṃ tathārūpaḥ || 101 ||

Übersetzung: Durch die gefestigte Vergegenwärtigung seiner Nichtverschiedenheit von diesen dreien ist der eigene Guru eins mit ihnen und damit von der Gestalt Ganeshas und der übrigen. Durch sein Mitgefühl ist auch man selbst von eben dieser Gestalt.

Wort für Wort: etat-tritaya-abhinnaḥ: von diesen dreien nicht verschieden; sva-guruḥ: eigener Lehrer; tad-abheda-bhāvanā-dārḍhyāt: durch Festigkeit der Einheitskontemplation; tena: dadurch; gaṇeśa-ādi-mayaḥ: aus Ganesha usw. bestehend; tad-dayayā ca: und durch dessen Mitgefühl; svayam tathā-rūpaḥ: man selbst ebenso gestaltet.

Vers 102

itthaṃ mātā vidyā cakraṃ svaguruḥ svayaṃ ceti |
pañcānāmapi bhedābhāvo mantrasya kaulikārtho'yaṃ || 102 ||

Übersetzung: So sind Mutter, Vidya, Chakra, eigener Guru und man selbst fünf, zwischen denen keine wesentliche Verschiedenheit besteht. Dies ist die Kaula-Bedeutung des Mantras.

Wort für Wort: ittham: so; mātā: Mutter; vidyā: Mantra-Wissen; cakram: Chakra; sva-guruḥ: eigener Lehrer; svayam ca: und man selbst; iti pañcānām api: von allen fünf; bheda-abhāvaḥ: Fehlen von Verschiedenheit; mantrasya kaulika-arthaḥ ayam: dies ist die Kaula-Bedeutung des Mantras.


Kundalini und die höchste Wirklichkeit

Vers 103

dvādaśaṣoḍaśadaśabhistapanaśaśidahanakalābhirākīrṇaiḥ |
pañcāśadbhirvarṇairabhinnadehā kulīnakuṇḍalinī || 103 ||

Übersetzung: Die edle Kundalini ist leiblich nicht verschieden von den fünfzig Lauten, erfüllt von den zwölf Sonnen-, sechzehn Mond- und zehn Feuerkräften.

Wort für Wort: dvādaśa-ṣoḍaśa-daśabhiḥ: durch zwölf, sechzehn, zehn; tapana-śaśi-dahana-kalābhiḥ: Sonnen-, Mond-, Feuerkräfte; ākīrṇaiḥ: erfüllt; pañcāśadbhiḥ varṇaiḥ: mit fünfzig Lauten; abhinna-dehā: nichtverschiedenen Leib habend; kulīna-kuṇḍalinī: edle, zum Kula gehörige Kundalini.

Vers 104

bisatanvī taḍidābhā mūlādhārarathapadmaśṛṅgāṭāt |
bhittvā mūlahṛdājñāgatavahniravīndumaṇḍalatritayam || 104 ||

Übersetzung: Fein wie eine Lotosfaser und blitzartig steigt sie vom dreieckigen Bereich des Muladhara-Lotos auf und durchdringt die drei Mandalas von Feuer, Sonne und Mond in Wurzel, Herz und Ajna.

Wort für Wort: bisa-tanvī: lotosfaserfein; taḍit-ābhā: blitzartig; mūlādhāra-ratha-padma-śṛṅgāṭāt: vom dreieckigen Bereich des Muladhara-Lotos, Lesung im Mittelglied gestört; bhittvā: durchdrungen habend; mūla-hṛd-ājñā-gata: in Wurzel, Herz, Ajna befindlich; vahni-ravi-indu-maṇḍala-tritayam: drei Mandalas von Feuer, Sonne und Mond.

Vers 105

vyomani cicchaśimaṇḍalamadhye tvakulena saṃgamya |
ubhayāṅgasaṅgajanyaṃ pravāhayantī sudhāpūram || 105 ||

Übersetzung: Im inneren Raum vereinigt sie sich mitten im Mondkreis des Bewusstseins mit Akula, Shiva, und lässt den Nektarstrom fließen, der aus der Vereinigung beider entsteht.

Wort für Wort: vyomani: im Raum; cit-śaśi-maṇḍala-madhye: im Mondkreis des Bewusstseins; tu: nun; akulena saṃgamya: mit Akula vereinigt; ubhaya-aṅga-saṅga-janyam: aus dem Zusammentreffen beider Gestalten entstanden; pravāhayantī: strömen lassend; sudhā-pūram: Nektarfülle.

Vers 106

svayamapi tatpānavaśānmattā bhūtvā punaśca tenaiva |
mārgeṇa parāvṛtya svasmin sthāne sukhaṃ svapiti || 106 ||

Übersetzung: Selbst vom Trinken dieses Nektars berauscht, kehrt sie auf demselben Weg zurück und ruht glücklich an ihrem eigenen Ort.

Wort für Wort: svayam api: auch selbst; tat-pāna-vaśāt: durch das Trinken davon; mattā bhūtvā: berauscht geworden; punaḥ ca: und wieder; tena eva mārgeṇa: auf demselben Weg; parāvṛtya: zurückgekehrt; svasmin sthāne: am eigenen Ort; sukham svapiti: schläft glücklich.

Vers 107

sākṣādvidyaivaiṣā na tato bhinnā jaganmātā |
asyāḥ svābhinnatvaṃ śrīvidyāyā rahasyārthaḥ || 107 ||

Übersetzung: Diese Kundalini ist unmittelbar die Vidya selbst; die Weltenmutter ist von ihr nicht verschieden. Ihre Nichtverschiedenheit vom eigenen Selbst ist die geheime Bedeutung der Shri Vidya.

Wort für Wort: sākṣāt vidyā eva eṣā: diese unmittelbar Vidya selbst; na tataḥ bhinnā: nicht von ihr verschieden; jagat-mātā: Weltenmutter; asyāḥ sva-abhinnatvam: ihre Nichtverschiedenheit vom Selbst; śrīvidyāyāḥ: der Shri Vidya; rahasya-arthaḥ: geheime Bedeutung.

Vers 108

vāgindriyairagamye tattvātīte mahatare'ṇutare |
vyomno'pyupari sthitimativiśvābhinne cidānande || 108 ||

Übersetzung: [Das höchste Brahman ist] Worten und Sinnen unzugänglich, jenseits der Wirklichkeitsprinzipien, größer als das Große und feiner als das Feine. Es besteht selbst über dem Raum, ist von der Welt nicht verschieden und ist Bewusstsein und Glückseligkeit.

Wort für Wort: vāk-indriyaiḥ agamye: Worten und Sinnen unzugänglich; tattva-atīte: jenseits der Prinzipien; mahatare: größer; aṇutare: feiner; vyomnaḥ api upari sthitimati: selbst über dem Raum bestehend; viśva-abhinne: von der Welt nicht verschieden; cit-ānande: in Bewusstsein und Glückseligkeit.

Vers 109

brahmaṇi pare niyojyaḥ svātmā tadabhedasaṃprāpyai |
eṣa mahātatvārthaḥ śrīvidyāyāḥ śivenoktaḥ || 109 ||

Übersetzung: – in dieses höchste Brahman soll man das eigene Selbst versenken, um seine Nichtverschiedenheit davon zu verwirklichen. Dies ist die von Shiva gelehrte Bedeutung der höchsten Wirklichkeit in der Shri Vidya.

Wort für Wort: brahmaṇi pare: im höchsten Brahman; niyojyaḥ sva-ātmā: eigenes Selbst ist auszurichten/zu versenken; tad-abheda-saṃprāptyai: zur Erlangung der Nichtverschiedenheit davon; eṣaḥ: dies; mahātattva-arthaḥ: Bedeutung der höchsten Wirklichkeit; śrīvidyāyāḥ: der Shri Vidya; śivena uktaḥ: von Shiva gelehrt.


Namen, Laute und Shakti-Deutung

Vers 110

tattadvarṇārtheyaṃ tattadvarṇasvarūpeyam |
iti tu śrīvidyāyā nāmārthaḥ śabdarūpārthaḥ || 110 ||

Übersetzung: „Sie ist die Bedeutung jedes einzelnen Lautes“ bezeichnet die Namensbedeutung; „sie ist die Gestalt jedes einzelnen Lautes“ bezeichnet die Lautgestaltbedeutung der Shri Vidya.

Wort für Wort: tat-tat-varṇa-arthā iyam: diese ist die jeweilige Lautbedeutung; tat-tat-varṇa-svarūpā iyam: diese ist die jeweilige Lautgestalt; iti tu: so nun; śrīvidyāyāḥ: der Shri Vidya; nāma-arthaḥ: Namensbedeutung; śabda-rūpa-arthaḥ: Lautgestaltbedeutung.

Vers 111

kalyāṇyekākṣaryāvīśitrī cāpi lalitā ca |
itthaṃ nāmatriśatīvācyo'rthastattadakṣarasyāpi || 111 ||

Übersetzung: Kalyani, Ekakshari, Ishitri und Lalita: Die Bedeutungen solcher Namen aus den dreihundert Namen gelten auch für den jeweiligen Anfangslaut.

Wort für Wort: kalyāṇī: die Segensreiche; ekākṣarī: die Einsilbige; īśitrī: die Herrschende; ca api lalitā: und auch Lalita; ittham: auf diese Weise; nāma-triśatī-vācyaḥ arthaḥ: durch die dreihundert Namen ausgedrückter Sinn; tat-tat-akṣarasya api: auch des jeweiligen Lautes.

Vers 112

nāmaikadeśamātre nāmagrahaṇasya lokasiddhatvāt |
nāmopasthitigamyaḥ prokto nāmaikadeśārthaḥ || 112 ||

Übersetzung: Schon ein Teil eines Namens kann im gewöhnlichen Sprachgebrauch den ganzen Namen aufrufen. Die durch dieses Erinnern erschlossene Bedeutung heißt Namensteil-Bedeutung.

Wort für Wort: nāma-ekadeśa-mātre: schon bei einem bloßen Namensteil; nāma-grahaṇasya: des Erfassens des Namens; loka-siddhatvāt: weil weltbekannt; nāma-upasthiti-gamyaḥ: durch das Gegenwärtigwerden des Namens erschlossen; proktaḥ: genannt; nāma-ekadeśa-arthaḥ: Namensteil-Bedeutung.

Vers 113

tithimitabindugaṇottaragajarasagiridasrarāmasaṃkhyākāḥ |
arthā bhavanti yogānnāmno nāmaikadeśasya || 113 ||

Übersetzung: Durch die Verbindung von Namen und Namensteilen ergeben sich 32.768.000.000.000.000.000 Bedeutungen. Der Eigenkommentar löst die verschlüsselte Zahl ausdrücklich so auf; sie veranschaulicht die ungeheure Fülle der möglichen Namensbezüge.

Wort für Wort: tithi-mita-bindu-gaṇa: Gruppe von fünfzehn Punkten/Nullen; uttara: folgend/darüber; gaja: Elefanten, acht; rasa: Geschmäcker, sechs; giri: Berge, sieben; dasra: Ashvins, zwei; rāma: Ramas, drei; saṃkhyākāḥ arthāḥ: in solcher Zahl vorhandene Bedeutungen; bhavanti yogāt: entstehen durch Verbindung; nāmnaḥ nāma-ekadeśasya: von Name und Namensteil. Der Eigenkommentar nennt ausdrücklich 32,768,000,000,000,000,000.

Vers 114

vākkāmaśaktikūṭairavayavaśo vigraho mātuḥ |
pratipādyo'trā kaṇṭhādā madhyādā ca pādāgrāt || 114 ||

Übersetzung: Die Abschnitte Vāgbhava, Kama und Shakti bezeichnen gliedweise den Leib der Mutter: bis zum Hals, von dort bis zur Mitte und weiter bis zu den Zehenspitzen.

Wort für Wort: vāk-kāma-śakti-kūṭaiḥ: durch Sprach-, Kama- und Shakti-Abschnitt; avayavaśaḥ: nach Gliedern; vigrahaḥ mātuḥ: Leib der Mutter; pratipādyaḥ atra: hier auszudrücken; ā kaṇṭhāt: bis zum Hals; ā madhyāt: bis zur Mitte; ā ca pāda-agrāt: bis zu den Fußspitzen.

Vers 115

vedhobhāratyau mādhavalakṣmyau rudrapārvatyau |
rephāntavarṇaṣṭkasyārthān kramaśo vijānīyāt || 115 ||

Übersetzung: Als Bedeutungen der sechs Laute bis einschließlich r erkenne man der Reihe nach Brahma und Bharati, Madhava und Lakshmi sowie Rudra und Parvati.

Wort für Wort: vedhaḥ-bhāratyau: Brahma und Bharati; mādhava-lakṣmyau: Vishnu und Lakshmi; rudra-pārvatyau: Rudra und Parvati; repha-anta-varṇa-ṣaṭkasya: der sechs Laute bis r; arthān: Bedeutungen; kramaśaḥ vijānīyāt: soll der Reihe nach erkennen.

Vers 116

tā etāḥ sakalā api kāmakalā eva na tato'nyāḥ |
sāmānādhikaraṇyādīkāreṇāyamartho'sya || 116 ||

Übersetzung: Alle diese sind nichts anderes als Kamakala. Die Gleichbezüglichkeit mit ī drückt gerade diese Bedeutung aus.

Wort für Wort: tāḥ etāḥ sakalāḥ api: all diese insgesamt; kāmakalāḥ eva: allein Kamakala-Gestalten; na tataḥ anyāḥ: nicht davon verschieden; sāmānādhikaraṇyāt: wegen gleicher Bezogenheit; īkāreṇa: mit ī; ayam arthaḥ asya: dies ist dessen Bedeutung.

Vers 117

ayameva kūṭayorapi parayorarthaḥ paraṃ tu tārtīye |
dvaitīyīkadvaitīyīkahakāraḥ sakārataḥ pūrvaḥ || 117 ||

Übersetzung: Dieselbe Bedeutung gilt für die beiden folgenden Abschnitte. Im dritten ist jedoch der zweite ha-Laut des zweiten Abschnitts vor sa zu ergänzen [für die hier behandelte Bedeutungszuordnung].

Wort für Wort: ayam eva arthaḥ: dieselbe Bedeutung; kūṭayoḥ api parayoḥ: auch der beiden folgenden Abschnitte; param tu tārtīye: nur im dritten; dvaitīyīka-dvaitīyīka-hakāraḥ: zweiter ha-Laut des zweiten Abschnitts; sakārataḥ pūrvaḥ: vor sa.

Vers 118

anvayitavyo'kṣaraśaḥ śakteḥ śāktairvibhāvyatvāt |
vāmecchādikaśaktimayatvoktereṣa śāktārthaḥ || 118 ||

Übersetzung: Die Zuordnung ist Laut für Laut vorzunehmen, denn Shakti soll durch ihre Kräfte vergegenwärtigt werden. Weil hier ihr Bestehen aus Kräften wie Vama und Wille gelehrt wird, heißt dies Shakti-Deutung.

Wort für Wort: anvayitavyaḥ akṣaraśaḥ: lautweise zuzuordnen; śakteḥ: der Shakti; śāktaiḥ vibhāvyatvāt: weil durch ihre Kräfte zu meditieren; vāmā-icchā-ādika-śakti-mayatva-ukteḥ: wegen der Aussage, aus Kräften wie Vama und Wille zu bestehen; eṣaḥ śākta-arthaḥ: dies ist Shakti-Deutung.


Wesenseinheit und zusammenfassende Lautdeutung

Vers 119

kahayorlasayorarthau śivaśaktī śuddhayoracoḥ śaktiḥ |
ubhayoḥ samarasabhāvo hṛllekhāyāḥ paraṃ brahma || 119 ||

Übersetzung: ka und ha bedeuten Shiva, la und sa bedeuten Shakti; die reinen Vokale bedeuten ebenfalls Shakti. Hṛllekhā bedeutet das höchste Brahman als Gleichklang beider.

Wort für Wort: ka-hayoḥ: von ka und ha; la-sayoḥ: von la und sa; arthau śiva-śaktī: Bedeutungen Shiva und Shakti; śuddhayoḥ acoḥ: der beiden reinen Vokale; śaktiḥ: Shakti; ubhayoḥ samarasa-bhāvaḥ: Gleichwesen beider; hṛllekhāyāḥ: von hrīṃ; param brahma: höchstes Brahman.

Vers 120

brahmaiva śivaḥ śaktiśceti pratyekakūṭārthaḥ |
śivaśaktisāmarasyādvidyāyā eṣa sāmarasyārthaḥ || 120 ||

Übersetzung: „Shiva und Shakti sind Brahman selbst“ ist die Bedeutung jedes Abschnitts. Wegen der Wesenseinheit von Shiva und Shakti heißt dies Sāmarasyārtha, Deutung des gleichen Wesens.

Wort für Wort: brahma eva: Brahman allein; śivaḥ śaktiḥ ca: Shiva und Shakti; iti pratyeka-kūṭa-arthaḥ: dies ist der Sinn jedes Abschnitts; śiva-śakti-sāmarasyāt: wegen ihres gleichen Wesens; vidyāyāḥ: der Vidya; eṣaḥ sāmarasya-arthaḥ: dies ist die Gleichwesensdeutung.

Vers 121

kanadīptāviti dhātoḥ prakāśakatvaṃ kakārārthaḥ |
adhyayanārthakateṅaḥ syādekārastadīyakaraṇārthaḥ || 121 ||

Übersetzung: Aus der Verbalwurzel „kan“, leuchten, wird für ka die Bedeutung „erhellend“ gewonnen. Aus „iṅ“, studieren, wird für e die Bedeutung des Mittels zum Erkennen abgeleitet.

Wort für Wort: kan dīptau iti dhātoḥ: aus der Wurzel kan im Sinn von Leuchten; prakāśakatvam: Erhellen; kakāra-arthaḥ: Bedeutung von ka; adhyayana-arthaka-iṅaḥ: aus iṅ mit der Bedeutung Studieren; syāt ekāraḥ: ergibt sich e; tadīya-karaṇa-arthaḥ: Bedeutung des entsprechenden Erkenntnismittels.

Vers 122

varṇadvayamelanataḥ prakāśikā buddhirityarthaḥ |
ī vyāptāviti dhātostasyā vyāptistṛtīyavarṇārthaḥ || 122 ||

Übersetzung: Die Verbindung beider Laute ergibt „erhellender Intellekt“. Aus der Wurzel ī, durchdringen, folgt als Bedeutung des dritten Lautes dessen umfassende Durchdringung.

Wort für Wort: varṇa-dvaya-melanataḥ: durch Vereinigung zweier Laute; prakāśikā buddhiḥ: erhellender Intellekt; iti arthaḥ: dies der Sinn; ī vyāptau iti dhātoḥ: aus ī im Sinn des Durchdringens; tasyāḥ vyāptiḥ: dessen Durchdringung; tṛtīya-varṇa-arthaḥ: Bedeutung des dritten Lautes.

Vers 123

tasya laharyādhikyaṃ tannirmāṇaṃ makārārthaḥ |
hana hiṃsāyāmiti haṃ śauryaṃ pratyarthihananakaraṇatvāt || 123 ||

Übersetzung: Lahari bezeichnet dessen Fülle; ma bezeichnet ihr Hervorbringen. Aus „han“, vernichten, wird ha als Tapferkeit verstanden, weil sie das Mittel zur Überwindung eines Gegners ist.

Wort für Wort: tasya laharyā adhikyam: dessen Fülle durch lahari; tat-nirmāṇam: ihr Hervorbringen; makāra-arthaḥ: Bedeutung von ma; han hiṃsāyām: Wurzel han, töten/vernichten; iti ham śauryam: daher ha als Tapferkeit; pratyarthi-hanana-karaṇatvāt: weil Mittel zum Vernichten des Gegners.

Vers 124

saṃ bhogasādhanaṃ dhanamupabhogārthāt syateḥ sunotervā |
kamu kāntaviti dhātoricchāviṣayoṅganādiḥkam || 124 ||

Übersetzung: Sa bedeutet Vermögen als Mittel des Genusses, abgeleitet aus den hier mit Genuss verbundenen Wurzeln. Ka wird aus „kam“, begehren, als Gegenstand des Wunsches verstanden, etwa eine Frau.

Wort für Wort: saṃ: Laut sa; bhoga-sādhanam dhanam: Vermögen als Genussmittel; upabhoga-arthāt: vom Sinn des Genusses; syateḥ sunoteḥ vā: aus den entsprechenden Wurzeln; kamu kāntau iti dhātoḥ: aus kam im Sinn von Begehren; icchā-viṣayaḥ: Gegenstand des Wunsches; aṅganā-ādiḥ: eine Frau usw.; kam: ka. Der Vers spricht aus einer historisch männlichen Perspektive.

Vers 125

eṣāṃ gamanaṃ prāpaṇamohāṅgatyarthadhātujanyaṃ ham |
tasyātiśayo laharī tatra śliṣṭaḥ savarṇadīrgheṇa || 125 ||

Übersetzung: Ha, aus einer Wurzel des Gehens gewonnen, bedeutet das Erlangen dieser Dinge. Lahari bezeichnet dessen Steigerung und ist darin durch Verschmelzung gleichartiger Vokale enthalten.

Wort für Wort: eṣām gamanam prāpaṇam: Erlangen dieser Dinge; o-hāṅ-gati-artha-dhātu-janyam: aus einer Bewegungswurzel gebildet; ham: ha; tasya atiśayaḥ: dessen Steigerung; laharī: Welle/Fülle; tatra śliṣṭaḥ: darin verschmolzen; savarṇa-dīrgheṇa: durch Längung gleichartiger Vokale.

Vers 126

īkārastasyārthaḥ kīrtiḥ sarvāsu dikṣu dīptatvāt |
īdīptāviti dhātornirmitaranayormakārārthaḥ || 126 ||

Übersetzung: Ī bedeutet Ruhm, weil dieser in alle Richtungen leuchtet; es wird aus ī, leuchten, hergeleitet. Ma bedeutet das Hervorbringen von beidem.

Wort für Wort: īkāraḥ: ī-Laut; tasya arthaḥ kīrtiḥ: seine Bedeutung Ruhm; sarvāsu dikṣu: in allen Richtungen; dīptatvāt: wegen des Leuchtens; ī dīptau iti dhātoḥ: aus ī im Sinn von Leuchten; nirmitiḥ anayoḥ: Hervorbringung beider; makāra-arthaḥ: Bedeutung von ma.

Vers 127

vāgbhavakūṭasyārthaḥ sūkṣmamativyāpanādhikyam |
śauryadhanastrīyaśasāmādhikyaṃ kāmarājārthaḥ || 127 ||

Übersetzung: Der Sinn des Vāgbhava-Abschnitts ist die gesteigerte Durchdringung eines feinen Intellekts. Der Kāmarāja-Abschnitt bedeutet Fülle an Tapferkeit, Vermögen, Frauen und Ruhm.

Wort für Wort: vāgbhava-kūṭasya arthaḥ: Sinn des Vāgbhava-Abschnitts; sūkṣma-mati-vyāpana-ādhikyam: gesteigerte Ausbreitung feinen Verstehens; śaurya: Tapferkeit; dhana: Vermögen; strī: Frauen; yaśasām ādhikyam: Fülle an Ruhm usw.; kāmarāja-arthaḥ: Kāmarāja-Bedeutung. Die weltlichen Wünsche werden hier ausdrücklich mitgedeutet.

Vers 128

ete samyak kalayati sakalā haraterhṛkāraḥ syāt |
nikhilajagatsaṃhartrītyarthastasyāpi varṇasya || 128 ||

Übersetzung: Sakala bedeutet: Sie führt all dies vollständig zusammen. Hṛ wird von „hṛ“, wegnehmen, hergeleitet und bedeutet die Auflöserin der gesamten Welt.

Wort für Wort: ete samyak kalayati: sie fügt diese vollständig zusammen; sakalā: die Allumfassende; harateḥ hṛkāraḥ syāt: hṛ entsteht aus der Wurzel des Wegnehmens; nikhila-jagat-saṃhartrī: Auflöserin der ganzen Welt; iti arthaḥ: diese Bedeutung; tasya api varṇasya: auch dieses Lautes.

Vers 129

īkāraḥ praśliṣṭaḥ sṛṣṭisthitirūpadīptikartrarthaḥ |
yadvā hṛdi khedahare prakāśate tena mātā hrīyaḥ || 129 ||

Übersetzung: Das damit verbundene ī bezeichnet diejenige, die das Leuchten als Schöpfung und Erhaltung hervorbringt. Oder: Weil sie im Herzen leuchtet und Leid wegnimmt, wird die Mutter als Hrī verstanden.

Wort für Wort: īkāraḥ praśliṣṭaḥ: verbundenes ī; sṛṣṭi-sthiti-rūpa-dīpti-kartṛ-arthaḥ: Sinn des Hervorbringens von Leuchten als Schöpfung und Erhaltung; yadvā: oder; hṛdi: im Herzen; kheda-hare: Leid entfernend; prakāśate: leuchtet; tena mātā: deshalb die Mutter; hrīyaḥ: als Hrī, grammatische Lesung unsicher.

Vers 130

sakalāntena padena hrīkāre karmadhārayaḥ kāryaḥ |
tasya viśeṣyo maḥ syānādārthaḥ saṃvidartho vā || 130 ||

Übersetzung: Der Ausdruck bis Sakala ist als beschreibendes Kompositum mit Hrī zu verbinden. Ma ist das dadurch näher Bestimmte und bedeutet Nada oder Bewusstsein.

Wort für Wort: sakala-antena padena: mit dem Ausdruck bis Sakala; hrīkāre: bei Hrī; karmadhārayaḥ kāryaḥ: beschreibendes Kompositum ist zu bilden; tasya viśeṣyaḥ maḥ syāt: ma sei das näher Bestimmte; nāda-arthaḥ: Nada bedeutend; saṃvid-arthaḥ vā: oder Bewusstsein bedeutend.

Vers 131

dhātorbahvarthatvād bahulagrahaṇāt pṛṣodarāditvāt |
ākṛtigaṇapāṭhena svecchānuguṇāduṇādikalpanataḥ || 131 ||

Übersetzung: Weil Wurzeln mehrere Bedeutungen besitzen, Regeln Ausnahmen zulassen, besondere Wortbildungen wie Pṛṣodara anerkannt sind, offene Wortgruppen bestehen und Uṇādi-Ableitungen entsprechend angesetzt werden können –

Wort für Wort: dhātoḥ bahu-arthatvāt: wegen Mehrdeutigkeit einer Wurzel; bahula-grahaṇāt: wegen der Zulassung mannigfaltiger Regelanwendung; pṛṣodara-āditvāt: Zugehörigkeit zur Pṛṣodara-Gruppe; ākṛti-gaṇa-pāṭhena: durch offene Wortgruppen; svecchā-anuguṇa: der beabsichtigten Deutung entsprechend; uṇādi-kalpanataḥ: durch Ansatz von Uṇādi-Ableitungen.

Vers 132

chandasi sarvavidhīnāṃ vaikalpikatāvaśādamuṣya manoḥ |
siddhaiḥ kathite'rthe'smin vaiyākaraṇānuśāsanānumatiḥ || 132 ||

Übersetzung: – und weil im vedischen Sprachgebrauch Regeln fakultativ gelten, findet diese von den Vollendeten gelehrte Mantrabedeutung nach Ansicht des Autors die Zustimmung der Grammatik.

Wort für Wort: chandasi: im vedischen Sprachgebrauch; sarva-vidhīnām vaikalpikatā-vaśāt: kraft der Wahlfreiheit aller Regeln; amuṣya manoḥ: dieses Mantras; siddhaiḥ kathite arthe asmin: in dieser von Vollendeten gelehrten Bedeutung; vaiyākaraṇa-anuśāsana-anumatiḥ: Zustimmung der grammatischen Lehre.

Vers 133

bahutarasamāsayāgāt samastapuruṣārthasādhanatvokteḥ |
saṃkṣepāt sārokteḥ śrīvidyāyāḥ samastārthaḥ || 133 ||

Übersetzung: Dies heißt Gesamtbedeutung der Shri Vidya, weil viele Komposita verbunden werden, weil sie als Mittel zu allen menschlichen Lebenszielen beschrieben wird und weil ihre Essenz zusammenfassend ausgesprochen wird.

Wort für Wort: bahutara-samāsa-yogāt: durch Verbindung zahlreicher Komposita, Vorlage „yāgāt“; samasta-puruṣa-artha-sādhanatva-ukteḥ: wegen der Aussage, Mittel aller Lebensziele zu sein; saṃkṣepāt: durch Zusammenfassung; sāra-ukteḥ: durch Aussage der Essenz; śrīvidyāyāḥ samasta-arthaḥ: Gesamtbedeutung der Shri Vidya.


Eigenschaften Brahmans und der große Erkenntnissatz

Vers 134

ko vidhirekāro harirakāra īśaḥ stavārthamīḍapadam |
dvisvaramadhyagatasya ḍakārasya lakāra ādeśaḥ || 134 ||

Übersetzung: Ka bedeutet Brahma, e Hari und a Isha; īḍ bedeutet preisen. Beim zwischen zwei Vokalen stehenden ḍ tritt l an dessen Stelle.

Wort für Wort: kaḥ vidhiḥ: ka ist Brahma; ekāraḥ hariḥ: e ist Hari; akāraḥ īśaḥ: a ist Isha; stava-artham īḍa-padam: īḍ bedeutet Preisung; dvi-svara-madhya-gatasya: zwischen zwei Vokalen befindlich; ḍakārasya: des ḍ-Lautes; lakāraḥ ādeśaḥ: l tritt an dessen Stelle.

Vers 135

tenargvedātmatvaṃ sūcitamādyasya kūṭasya |
kramaśo'grimakūṭayuge tena yajuḥsāmatā siddhā || 135 ||

Übersetzung: Dadurch wird die Zugehörigkeit des ersten Abschnitts zum Rigveda angedeutet. Für die beiden folgenden Abschnitte ergeben sich entsprechend Yajurveda und Samaveda.

Wort für Wort: tena: dadurch; ṛgveda-ātmatvam: Rigveda-Wesen; sūcitam: angedeutet; ādyasya kūṭasya: des ersten Abschnitts; kramaśaḥ: der Reihe nach; agrima-kūṭa-yuge: im folgenden Abschnittspaar; yajuḥ-sāmatā: Yajur- und Sama-Wesen; siddhā: erwiesen.

Vers 136

hrīmiti nāma viśeṣyaṃ napuṃsakaṃ brahmalakṣakatvena |
vidhiharigiriśairīḍyaṃ brahmeti prathamakūṭārthaḥ || 136 ||

Übersetzung: Der Name hrīṃ ist das sächliche Bezugswort, weil er Brahman bezeichnet. Der erste Abschnitt bedeutet demnach: Brahman, gepriesen von Brahma, Hari und Girisha.

Wort für Wort: hrīm iti nāma: der Name hrīṃ; viśeṣyam: näher bestimmtes Bezugswort; napuṃsakam: sächlich; brahma-lakṣakatvena: weil Brahman bezeichnend; vidhi-hari-giriśaiḥ īḍyam: von Brahma, Vishnu, Shiva gepriesen; brahma iti: Brahman, so; prathama-kūṭa-arthaḥ: Sinn des ersten Abschnitts.

Vers 137

hasakaṃ tu hasadvadanaṃ mataṃ kakārasya vadanavācitvāt |
yadvā hasa ānandaḥ kaḥ sūryo hastu candraḥ syāt || 137 ||

Übersetzung: Hasaka wird als „lächelndes Gesicht“ verstanden, weil ka Gesicht bezeichnet. Oder hasa bedeutet Freude, ka Sonne und ha Mond.

Wort für Wort: hasakam tu: hasaka nun; hasat-vadanam: lächelndes Gesicht; matam: verstanden; kakārasya vadana-vācitvāt: weil ka Gesicht bezeichnet; yadvā: oder; hasaḥ ānandaḥ: hasa Freude; kaḥ sūryaḥ: ka Sonne; haḥ tu candraḥ syāt: ha dagegen Mond.

Vers 138

etau lau nayane yasya tattu kahalaṃ ravindunetramiti |
tena prakāśakatvāccidrūpatvaṃ ca nigaditaṃ bhavati || 138 ||

Übersetzung: Wer diese beiden als Augen hat, wird durch kahala als sonnen- und mondäugig bezeichnet. Ihre Leuchtkraft bringt zugleich zum Ausdruck, dass sein Wesen Bewusstsein ist.

Wort für Wort: etau lau nayane yasya: dessen zwei Augen diese sind; tat tu kahalam: dies ist kahala; ravi-indu-netram iti: mit Sonne und Mond als Augen; tena: dadurch; prakāśakatvāt: wegen des Erhellens; cit-rūpatvam ca: auch Bewusstseinsnatur; nigaditam bhavati: wird ausgesagt.

Vers 139

vidhiharigiriśeḍyatve hetū ete hasatvakahalatve |
tenātyamitānandaṃ cidbrahmeti dvitīyakūṭārthaḥ || 139 ||

Übersetzung: Freude und das Haben von Sonne und Mond als Augen begründen seine Preiswürdigkeit durch Brahma, Hari und Girisha. Der zweite Abschnitt bedeutet deshalb: Bewusstseins-Brahman von grenzenloser Glückseligkeit.

Wort für Wort: vidhi-hari-giriśa-īḍyatve: für die Preiswürdigkeit durch die drei Götter; hetū ete: diese beiden Gründe; hasatva-kahalatve: Freude und Sonnen-Mond-Äugigkeit; tena: deshalb; aty-amita-ānandam: unermesslich glückselig; cit-brahma iti: Bewusstseins-Brahman; dvitīya-kūṭa-arthaḥ: Sinn des zweiten Abschnitts.

Vers 140

sakalakalābhiḥ sahitaṃ sakalaṃ brahma tu tṛtīyakūṭārthaḥ |
itthaṃ guṇagaṇakathanādvidyāyā eṣa saguṇārthaḥ || 140 ||

Übersetzung: Der dritte Abschnitt bedeutet Brahman, das mit sämtlichen Kräften und Entfaltungen ausgestattet ist. Weil so seine Eigenschaften beschrieben werden, heißt dies die Saguna-Bedeutung der Vidya.

Wort für Wort: sakala-kalābhiḥ sahitam: mit allen Kräften/Entfaltungen ausgestattet; sakalam brahma: allumfassendes Brahman; tu tṛtīya-kūṭa-arthaḥ: Sinn des dritten Abschnitts; ittham guṇa-gaṇa-kathanāt: wegen dieser Beschreibung der Eigenschaften; vidyāyāḥ eṣaḥ saguṇa-arthaḥ: dies ist ihre Eigenschaftsdeutung.

Vers 141

vidhihariśivavacanā api kakāra ekārako'kāraḥ |
sṛṣṭisthitibhaṅgātmakatattajjanakatvalākṣaṇikāḥ || 141 ||

Übersetzung: Ka, e und a, die Brahma, Hari und Shiva bezeichnen, weisen durch übertragene Bedeutung auf das jeweilige Hervorbringen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung.

Wort für Wort: vidhi-hari-śiva-vacanāḥ api: auch Brahma, Hari, Shiva bezeichnend; kakāraḥ ekārakaḥ akāraḥ: ka, e, a; sṛṣṭi-sthiti-bhaṅga-ātmaka: als Schöpfung, Erhaltung, Auflösung; tat-tat-janakatva: jeweiliges Hervorbringen; lākṣaṇikāḥ: durch übertragene Bedeutung darauf weisend.

Vers 142

īśvaravācīkāro vakti ḍakāraḥ sadāśivaṃ tābhyām |
lakṣaṇayā tatra tirodhānānugrahaṇakṛtyatā gaditā || 142 ||

Übersetzung: Ī bezeichnet Ishvara und ḍ Sadashiva. Durch diese beiden werden außerdem die Tätigkeiten des Verhüllens und der Gnade mittelbar ausgesagt.

Wort für Wort: īśvara-vācī īkāraḥ: ī bezeichnet Ishvara; vakti ḍakāraḥ sadāśivam: ḍ bezeichnet Sadashiva; tābhyām: durch diese beiden; lakṣaṇayā: durch übertragene Bedeutung; tatra: darin; tirodhāna-anugrahaṇa-kṛtyatā: Tätigkeit von Verhüllung und Gnade; gaditā: ausgesagt.

Vers 143

hasa ānandaḥ satyaṃ kaṃ hamanantaṃ ca laṃ jñānam |
itthaṃ brahma taṭasthasvarūpalakṣaṇayugena nirṇīya || 143 ||

Übersetzung: Hasa bedeutet Glückseligkeit, ka Wahrheit, ha Unendlichkeit und la Erkenntnis. So wird Brahman sowohl durch seine Wirkungen als auch durch sein eigenes Wesen bestimmt.

Wort für Wort: hasaḥ ānandaḥ: hasa ist Glückseligkeit; satyam kam: ka ist Wahrheit; ham anantam: ha ist unendlich; ca lam jñānam: la ist Erkenntnis; ittham brahma: so Brahman; taṭastha-svarūpa-lakṣaṇa-yugena: durch Wirkungs- und Wesensbestimmung als Paar; nirṇīya: bestimmt habend.

Vers 144

tadabhedaṃ jīvagaṇe vakti tṛtīyena kūṭena |
jāgratsvapnasuṣuptyākhyakalātritayena sāhityāt || 144 ||

Übersetzung: Der dritte Abschnitt erklärt die Nichtverschiedenheit Brahmans von den Einzelwesen. Diese sind mit den drei Zuständen Wachen, Träumen und Tiefschlaf verbunden [und werden deshalb im folgenden Vers als Sakala bezeichnet].

Wort für Wort: tat-abhedam: Nichtverschiedenheit davon; jīva-gaṇe: in der Schar der Einzelwesen; vakti: erklärt; tṛtīyena kūṭena: durch den dritten Abschnitt; jāgrat-svapna-suṣupti-ākhya: Wachen, Traum, Tiefschlaf genannt; kalā-tritayena sāhityāt: wegen Verbindung mit den drei Zustandskräften.

Vers 145

sakalapadaṃ jīvaparaṃ brahmaparaṃ śaktibījaṃ syāt |
sāmānādhikaraṇyāt tallakṣitaśuddhayorabhedārthaḥ || 145 ||

Übersetzung: – daher bezeichnet Sakala das Einzelwesen, während der Shakti-Same hrīṃ Brahman bezeichnet. Ihre Gleichbezüglichkeit bedeutet die Einheit beider in ihrer von Begrenzungen freien Wirklichkeit.

Wort für Wort: sakala-padam: Ausdruck Sakala; jīva-param: auf das Einzelwesen bezogen; brahma-param śakti-bījam: Shakti-Same auf Brahman bezogen; syāt: sei; sāmānādhikaraṇyāt: durch gleiche Bezogenheit; tat-lakṣita-śuddhayoḥ: der dadurch bezeichneten beiden Reinen; abheda-arthaḥ: Sinn der Nichtverschiedenheit.

Vers 146

atyalpamidaṃ kathitaṃ yat sarvaṃ khalvidaṃ brahma |
ityevaṃ bodhayituṃ sakalapadaṃ vā tṛtīyakūṭagatam || 146 ||

Übersetzung: Doch damit ist erst sehr wenig gesagt. Der Ausdruck Sakala im dritten Abschnitt kann vielmehr lehren: „All dies ist wahrlich Brahman.“

Wort für Wort: ati-alpam idam kathitam: sehr wenig ist damit gesagt; yat sarvam khalu idam brahma: dass all dies wahrlich Brahman ist; iti evam bodhayitum: um dies so erkennen zu lassen; sakala-padam vā: oder der Ausdruck Sakala; tṛtīya-kūṭa-gatam: im dritten Abschnitt befindlich.

Vers 147

evamavāntaravākyairjīvabrahmasvarūpamabhidhāya |
tadabhedo varṇita ityeṣa mahāpūrvavākyārthaḥ || 147 ||

Übersetzung: Nachdem die Einzelaussagen das Wesen des Einzelwesens und Brahmans ausgesprochen haben, wird ihre Nichtverschiedenheit erklärt. Dies ist die Mahavakya-Bedeutung, die Bedeutung des großen Erkenntnissatzes.

Wort für Wort: evam: so; avāntara-vākyaiḥ: durch Einzelaussagen; jīva-brahma-svarūpam abhidhāya: Wesen von Einzelwesen und Brahman ausgesagt habend; tat-abhedaḥ varṇitaḥ: ihre Nichtverschiedenheit erklärt; iti eṣaḥ: dies also; mahā-pūrva-vākya-arthaḥ: Bedeutung von vākya mit vorangestelltem mahā, Mahavakya-Bedeutung.


Wie die Bedeutungsvielfalt begründet wird

Vers 148

śaktyā lakṣaṇayā vā ye ye'rthā darśitā manorasya |
teṣu na ko'pi vivādaḥ pratyakṣeṇaiva siddhatvāt || 148 ||

Übersetzung: Über die Bedeutungen dieses Mantras, die durch unmittelbare Wortbedeutung oder übertragene Bedeutung gezeigt wurden, besteht nach Ansicht des Autors kein Streit: Sie seien unmittelbar einsichtig.

Wort für Wort: śaktyā: durch unmittelbare Bezeichnungskraft; lakṣaṇayā vā: oder übertragene Bedeutung; ye ye arthāḥ darśitāḥ: welche Bedeutungen gezeigt wurden; manoḥ asya: dieses Mantras; teṣu: darüber; na kaḥ api vivādaḥ: keinerlei Streit; pratyakṣeṇa eva siddhatvāt: weil unmittelbar erwiesen.

Vers 149

ye punariha bhāvārthadayaḥ ṣaḍarthā manoruktāḥ |
teṣu yadi śaktibhaktī na hi saṃbhavatastadāpi kā hāniḥ || 149 ||

Übersetzung: Bei den sechs Bedeutungen von Bhavartha an mag man dagegen keine gewöhnliche direkte oder übertragene Wortbedeutung feststellen können. Welcher Schaden entstünde daraus?

Wort für Wort: ye punaḥ iha: jene dagegen hier; bhāvārtha-ādayaḥ ṣaṭ arthāḥ: sechs Bedeutungen von Bhavartha an; manoḥ uktāḥ: für den Mantra gelehrt; teṣu yadi: wenn bei ihnen; śakti-bhaktī: direkte und übertragene Bedeutung; na hi saṃbhavataḥ: nicht möglich sind; tadā api kā hāniḥ: welcher Schaden dennoch?

Vers 150

āstāmanyā vṛttirvilakṣaṇā tadgrahastu manoḥ |
śivavacanena bhaviṣyati yadvaiṣā śāktirevāstu || 150 ||

Übersetzung: Dann mag eine andere, besondere Bedeutungsweise gelten; man versteht den Mantra durch Shivas Aussage. Oder auch dies kann als direkte Bezeichnungskraft gelten.

Wort für Wort: āstām anyā vṛttiḥ: es möge eine andere Bedeutungsweise bestehen; vilakṣaṇā: besondere; tat-grahaḥ tu manoḥ: Verständnis dieses Mantras; śiva-vacanena bhaviṣyati: erfolgt durch Shivas Wort; yadvā: oder; eṣā śaktiḥ eva astu: dies gelte selbst als direkte Bezeichnungskraft.

Vers 151

etasmādayamartho boddhavya itīśvarecchātvāt |
pratipadamarthaviśeṣājñāne'pyāstāmakhaṇḍavākyasya || 151 ||

Übersetzung: Denn es ist der Wille des Herrn, dass aus diesem Ausdruck diese Bedeutung erkannt werde. Auch ohne die besondere Bedeutung jedes Einzelwortes zu kennen, kann [die Bedeutung] des ungeteilten Satzes gelten.

Wort für Wort: etasmāt ayam arthaḥ boddhavyaḥ: aus diesem ist diese Bedeutung zu erkennen; iti īśvara-icchātvāt: weil dies der Wille des Herrn ist; prati-padam artha-viśeṣa-ajñāne api: auch bei Unkenntnis der Einzelwortbedeutung; āstām: es möge gelten; akhaṇḍa-vākyasya: als ungeteilter Satz, syntaktische Fortsetzung in Vers 152.

Vers 152

artho'pyakhaṇḍarūpo viśiṣṭamatiriktamiti hi siddhāntaḥ |
āsecanakavyāptyādipadavadāstāṃ padatvamapi || 152 ||

Übersetzung: Auch seine Bedeutung ist ungeteilt; das Ganze hat eine über seine Teile hinausgehende Eigenart, so lautet die Lehrposition. Man kann ihn auch als ein einziges Wort gelten lassen, wie die angeführten Ausdrücke āsecanaka und vyāpti.

Wort für Wort: arthaḥ api akhaṇḍa-rūpaḥ: auch Bedeutung ist ungeteilt; viśiṣṭam atiriktam: das qualifizierte Ganze ist etwas Zusätzliches; iti hi siddhāntaḥ: so die Lehrposition; āsecanaka-vyāpti-ādi-pada-vat: wie Wörter āsecanaka, vyāpti usw.; āstām padatvam api: auch Wortcharakter möge gelten.

Vers 153

ekasyānekārthā dṛṣṭā harisaindhavādiṣu padeṣu |
anyatamaikāvagatau prakaraṇatātparyayorviśeṣakatā || 153 ||

Übersetzung: Ein Wort kann mehrere Bedeutungen haben, wie Hari oder Saindhava. Soll nur eine davon verstanden werden, bestimmen Zusammenhang und Aussageabsicht die Auswahl.

Wort für Wort: ekasya aneka-arthāḥ dṛṣṭāḥ: mehrere Bedeutungen eines Wortes werden beobachtet; hari-saindhava-ādiṣu padeṣu: bei Hari, Saindhava usw.; anyatama-eka-avagatau: bei Verständnis einer einzelnen; prakaraṇa-tātparyayoḥ: von Zusammenhang und Aussageabsicht; viśeṣakatā: unterscheidende Funktion.

Vers 154

prakṛte tu sarvabodhasyeṣṭatvānno viśeṣakākāṅkṣā |
athavā sakalārtheṣvapi śaktyaikyaṃ puṣpavantapadavadiha || 154 ||

Übersetzung: Hier aber soll die Gesamtheit der Bedeutungen bewusst werden; daher bedarf es keiner solchen Auswahl. Oder eine einzige Bezeichnungskraft umfasst sie alle, wie beim Wort Puṣpavant, das Sonne und Mond zusammen bezeichnet.

Wort für Wort: prakṛte tu: hier dagegen; sarva-bodhasya iṣṭatvāt: weil Verstehen aller erwünscht; naḥ/no viśeṣaka-ākāṅkṣā: kein Bedarf an Auswahl; athavā: oder; sakala-artheṣu api: auch bei allen Bedeutungen; śaktyā aikyam: Einheit durch Bezeichnungskraft; puṣpavant-pada-vat: wie beim Wort Pushpavant; iha: hier.

Vers 155

yatra pratipadamarthastān pratyasyāstu vākyatvam |
kvacanāvāntaravākyaṃ samāsavākyaṃ mahāvākyam || 155 ||

Übersetzung: Wo einzelne Wörter ihre Bedeutung tragen, möge der Mantra als Satz gelten; an anderer Stelle als Teilaussage, als zusammengesetzte Aussage oder als großer Erkenntnissatz.

Wort für Wort: yatra prati-padam arthaḥ: wo jedes Wort eine Bedeutung hat; tān prati: hinsichtlich dieser; asya astu vākyatvam: möge er Satzcharakter haben; kvacana: anderswo; avāntara-vākyam: Teilaussage; samāsa-vākyam: zusammengesetzte Aussage; mahāvākyam: großer Erkenntnissatz.

Vers 156

ekasyānekārthe viniyogādarthabāhulyam |
vede bahuśaḥ svīkṛtamatra tvekatra viniyogāt || 156 ||

Übersetzung: Dass ein Ausdruck durch seine Verwendung mehrere Bedeutungen erhält, wird im Veda vielfach anerkannt. Hier werden jedoch sämtliche Bedeutungen in einer einzigen Anwendung verbunden –

Wort für Wort: ekasya aneka-arthe viniyogāt: durch Verwendung eines Ausdrucks für mehrere Bedeutungen; artha-bāhulyam: Bedeutungsvielfalt; vede bahuśaḥ svīkṛtam: im Veda vielfach anerkannt; atra tu: hier dagegen; ekatra viniyogāt: wegen Anwendung an einer Stelle.

Vers 157

akhilārthabodhaniyamo niyamādṛṣṭaṃ prakalpayati |
siddhe pramāṇadārḍhye sakalaṃ kalpyaṃ hi tadavirodhāya || 157 ||

Übersetzung: – die Vorschrift, alle Bedeutungen zu erkennen, setzt eine unsichtbare Wirkung gerade dieser Regelbefolgung an. Ist die Autorität der Erkenntnisquelle gesichert, muss das Übrige nach Ansicht des Autors so erklärt werden, dass es ihr nicht widerspricht.

Wort für Wort: akhila-artha-bodha-niyamaḥ: Vorschrift des Erkennens aller Bedeutungen; niyama-adṛṣṭam: unsichtbare Wirkung der Regelbefolgung; prakalpayati: setzt an; siddhe pramāṇa-dārḍhye: wenn die Gültigkeit der Erkenntnisquelle feststeht; sakalam kalpyam: alles ist erklärend anzusetzen; hi: nämlich; tat-avirodhāya: damit kein Widerspruch dazu entsteht.

Vers 158

yāgasya svargaṃ prati saṃsiddhe hetuhetumadbhāve |
tadanupapattiṃ nirasitumalaukikāpūrvamapi kḷptam || 158 ||

Übersetzung: So wird auch, wenn die ursächliche Beziehung zwischen Opfer und Himmel feststeht, zur Erklärung dieser Beziehung das außerweltliche Apurva angenommen, eine zunächst unsichtbare Wirkpotenz.

Wort für Wort: yāgasya svargam prati: des Opfers hinsichtlich des Himmels; saṃsiddhe hetu-hetumat-bhāve: wenn Ursache-Wirkungs-Beziehung feststeht; tat-anupapattim nirasitum: um deren Unerklärtheit aufzuheben; alaukika-apūrvam api: auch außerweltliches Apurva; kḷptam: wird angesetzt.


Innere und äußere Verehrung; Abschluss

Vers 159

vidyāvarṇeyattoddhāraḥ kālastaduccāraḥ |
utpattisthānaṃ tadyatno rūpaṃ sthitisthānam || 159 ||

Übersetzung: [Zu den inneren Gliedern gehören] Zahl und Herauslösung der Vidya-Laute, ihre Dauer und ihr Aussprechen, ihr Entstehungsort, die Artikulationsbemühung, ihre Erscheinung und ihr Aufenthaltsort.

Wort für Wort: vidyā-varṇa-iyattā: Anzahl der Vidya-Laute; uddhāraḥ: Herauslösung aus Kennworten; kālaḥ: Dauer; tad-uccāraḥ: ihr Aussprechen; utpatti-sthānam: Entstehungsort; tad-yatnaḥ: Artikulationsbemühung; rūpam: Erscheinung; sthiti-sthānam: Ort ihres Bestehens.

Vers 160

ākāraḥ svaṃ rūpaṃ vibhāvyamartho'ntaraṅgāṇi |
ṛṣayaśchandodaivataviniyogā bījaśaktikīlāni || 160 ||

Übersetzung: Gestalt, eigenes Wesen, das zu Vergegenwärtigende und Bedeutung [vervollständigen die Aufzählung]: Dies sind die inneren Glieder. Seher, Versmaß, Gottheit, Anwendung, Samen, Kraft und „Keil“ [beginnen dagegen die Aufzählung der äußeren Glieder].

Wort für Wort: ākāraḥ: Gestalt; svaṃ rūpam: eigenes Wesen; vibhāvyam: zu Vergegenwärtigendes; arthaḥ: Bedeutung; antaraṅgāṇi: innere Glieder; ṛṣayaḥ: Seher; chandas: Versmaß; daivata: Gottheit; viniyogāḥ: Anwendungen; bīja-śakti-kīlāni: Samen, Kraft, Keil/Entriegelungsschlüssel.

Vers 161

nyāsā dhyānaṃ niyamāḥ pūjādīni bahiraṅgāṇi |
bāhyānyaṅgāni punaḥ prāyo loke prasiddhakalpāni || 161 ||

Übersetzung: Nyasa, vorgeschriebene Visualisationen, Regeln, Verehrung und die weiteren Rituale sind äußere Glieder. Diese äußeren Glieder sind in der Welt überwiegend bekannt.

Wort für Wort: nyāsāḥ: rituelles Einsetzen der Mantras am Körper; dhyānam: vorgeschriebene Visualisation; niyamāḥ: Regeln; pūjā-ādīni: Verehrung usw.; bahiraṅgāṇi: äußere Glieder; bāhyāni aṅgāni punaḥ: diese äußeren Glieder wiederum; prāyaḥ: überwiegend; loke: in der Welt; prasiddha-kalpāni: ziemlich bekannt.

Vers 162

durlabhamāntaramaṅgaṃ prāyo'ntarmukhajanaistadādṛtyam |
toṣāyaiṣā teṣāmataḥ pradiṣṭā rahasyavarivasyā || 162 ||

Übersetzung: Das innere Glied ist selten zugänglich und wird vor allem von nach innen gewandten Menschen geschätzt. Zu ihrer Freude wurde daher diese geheime Verehrung gelehrt.

Wort für Wort: durlabham āntaram aṅgam: schwer zugängliches inneres Glied; prāyaḥ: vor allem; antarmukha-janaiḥ: durch nach innen gewandte Menschen; tad-ādṛtyam: zu schätzen; toṣāya eṣā teṣām: diese zu ihrer Freude; ataḥ: daher; pradiṣṭā: gelehrt; rahasya-varivasyā: geheime Verehrung.

Vers 163

etāmutsṛjya jaḍaiḥ kriyamāṇā bāhyaḍambaropāstiḥ |
prāṇavihīneva tanurvigalitasūtreva puttalikā || 163 ||

Übersetzung: Äußerlich prunkvolle Verehrung, die ohne dieses innere Leben von Unverständigen vollzogen wird, gleicht einem Körper ohne Atem oder einer Marionette, deren Fäden abgefallen sind.

Wort für Wort: etām utsṛjya: diese preisgegeben habend; jaḍaiḥ kriyamāṇā: von Unverständigen ausgeführt; bāhya-ḍambara-upāstiḥ: äußerlich prunkvolle Verehrung; prāṇa-vihīnā iva tanuḥ: wie ein atemloser Körper; vigalita-sūtrā iva puttalikā: wie eine Puppe mit abgefallenen Fäden.

Vers 164

bījānmūlaṃ mūlāt kṣetrasyāntaḥsthabāhyavistārau |
yadyapyanayoḥ sāmyaṃ prādhānyamathāpi cāntaraṅgasya || 164 ||

Übersetzung: Aus dem Samen wächst die Wurzel; aus ihr entfaltet sich das Gewächs nach innen und außen. Obwohl beide Entfaltungen zusammengehören, kommt dem Inneren Vorrang zu.

Wort für Wort: bījāt mūlam: aus dem Samen die Wurzel; mūlāt: aus der Wurzel; kṣetrasya: des Feldes/Gewächses; antaḥ-stha-bāhya-vistārau: innere und äußere Ausbreitung; yadyapi anayoḥ sāmyam: obwohl Gleichrangigkeit beider; prādhānyam athāpi: dennoch Vorrang; ca antaraṅgasya: des inneren Gliedes.

Vers 165

sadgurukulataḥ kṛpayā labdhā kāmāniyaṃ sūte |
nijabuddhimātrajanyā pāpaṃ kanyā yathā svīyā || 165 ||

Übersetzung: Durch die Gnade einer echten Lehrerüberlieferung empfangen, bringt diese Vidya die ersehnten Früchte hervor. Allein aus eigenem Einfall erzeugt, führt sie nach der Warnung des Autors zur Verfehlung – ein drastischer Vergleich mit der eigenen Tochter unterstreicht das Verbot eigenmächtiger Aneignung.

Wort für Wort: sad-guru-kulataḥ: aus der Überlieferung eines wahren Lehrers; kṛpayā labdhā: durch Gnade empfangen; kāmān iyam sūte: diese bringt Wünsche/gewünschte Früchte hervor; nija-buddhi-mātra-janyā: allein aus eigenem Verstand entstanden; pāpam: Verfehlung; kanyā yathā svīyā: wie die eigene Tochter. Der historische Vergleich setzt den Unterschied zwischen legitimer Ehe und einer verbotenen Verbindung voraus; er ist keine Gleichsetzung von Frauen mit Lehrmitteln für heutige Praxis.

Vers 166

akathāsanaṃ ha-lakṣāntaraṃ samāsādya māmakaṃ jñānam |
māmakamevānandaṃ mahyaṃ dadato jayanti gurucaraṇāḥ || 166 ||

Übersetzung: Es triumphieren die Füße des Gurus: An dem Sitz jenseits des Aussprechbaren und doch im Bereich andeutender Erkenntnis geben sie mir mein eigenes Wissen und meine eigene Glückseligkeit zurück.

Wort für Wort: a-kathā-āsanam: Sitz jenseits der Rede, zugleich Lautsymbolik a-ka-tha; ha: gewiss/zudem Laut h; lakṣa-antaram: Bereich andeutender Bestimmung, zugleich Lautsymbolik; samāsādya: erreicht habend; māmakam jñānam: mein eigenes Wissen; māmakam eva ānandam: eben meine eigene Glückseligkeit; mahyam dadataḥ: mir gebend; jayanti guru-caraṇāḥ: die Füße des Gurus triumphieren.

Vers 167

gūcarṇaikasahāyo bhāskararāyo jaganmātuḥ |
varivasyātirahasyaṃ vīranamasyaṃ prajagrantha || 167 ||

Übersetzung: Allein auf die Füße des Gurus gestützt verfasste Bhaskararaya dieses tiefste Geheimnis der Verehrung der Weltenmutter, das von den spirituellen Helden verehrt wird.

Wort für Wort: guru-caraṇa-eka-sahāyaḥ: allein durch die Guru-Füße unterstützt; bhāskararāyaḥ: Bhaskararaya; jagan-mātuḥ: der Weltenmutter; varivasyā-atirahasyam: tiefstes Geheimnis der Verehrung; vīra-namasyam: von spirituellen Helden zu verehren; prajagrantha: verfasste. „gūcarṇaikasahāyo“ wird hier vorsichtig im Sinne von „gurucaraṇaikasahāyo“ verstanden.

Vereinfachte Gesamtübertragung

Diese sinngemäße Lesefassung folgt dem gesamten Gedankengang der 167 Verse. Sie fasst zusammengehörige Verse zu flüssigen Absätzen zusammen und erläutert technische Begriffe in einfacher Sprache. Einzelne Lautableitungen und Zahlenlisten sind verdichtet; ihr genauer Wortlaut und ihre Einzelübersetzung stehen vollständig im Haupttext.

Das Licht, das alles erkennen lässt · Verse 1–8

Ich verneige mich vor dem göttlichen Lehrer, der Dunkelheit und Hochmut überwindet. Möge diese Arbeit Menschen erfreuen, die aufrichtig nach Erkenntnis suchen, wo immer sie leben. Gepriesen sei das große Licht des Bewusstseins. Wer es erkennt, entdeckt den Grund alles Erkennbaren. Seine Kraft ist kein fremder Zusatz: Es ist seine eigene lebendige Fähigkeit, sich zu erfahren. Durch sie entstehen die Welt, ihr Fortbestehen und ihre Rückkehr in den Ursprung.

Diese Kraft gilt es zu erkennen. Gegenstände, Worte, heilige Formen und unser Körper sind ihre Entfaltungen. Die Wissensgebiete und die Veden wollen zu dieser Erkenntnis führen. Ihre Essenz wird hier in Gayatri gesehen, die eine offen ausgesprochene und eine verborgene Gestalt besitzt. Die verborgene Gestalt ist in symbolischen Kennworten enthalten: Nicht jedes Wort erschließt seinen tiefsten Sinn beim ersten Lesen.

Den Mantra bewusst sprechen · Verse 9–19

Die fünfzehnsilbige Vidya besteht aus drei Abschnitten: ka e ī la hrīṃ; ha sa ka ha la hrīṃ; sa ka la hrīṃ. Jeder Abschnitt endet mit hrīṃ. In dieser Silbe unterscheidet die Tradition neben h, r und ī neun immer feinere Klangstufen. Zählt man diese Bestandteile einzeln, ergeben sich achtzehn, zweiundzwanzig und nochmals achtzehn Elemente, zusammen achtundfünfzig.

Auch die Dauer wird genau betrachtet. Die langen Vokale e und ī benötigen zwei Zeiteinheiten, hrī ohne den subtilen Nachklang drei. Bei den übrigen Lauten werden eineinhalb Einheiten angesetzt. Der Nachklang wird von Stufe zu Stufe feiner und kürzer. So ergeben sich für die drei Abschnitte elf, elfeinhalb und achteinhalb Einheiten, jeweils um einen winzigen Zeitteil vermindert. Ebenso beachte man, wo im Mund die Laute entstehen. Aufmerksames Sprechen verbindet Klarheit des Klanges mit Sammlung des Geistes.

Der innere Weg des Klanges · Verse 20–31

Innerlich wird der erste Abschnitt vom Wurzelzentrum bis zum Herzen als feuriges Licht erfahren. Der zweite reicht sonnenhell zum Ajna-Zentrum, der dritte mondhell weiter zur Stirnmitte. Die Laute stehen wie Perlen einer Kette übereinander. Der subtile Klang verbindet sie wie ein Faden. In der Stirnmitte leuchtet Bindu, der Punkt des gesammelten Lichtes.

Die weiteren Stufen werden mit Halbmond, Dreieck, feiner Linie und Punkten beschrieben. Diese Bilder dienen einer immer feineren inneren Sammlung. Samana hat die Gestalt einer Linie zwischen zwei Punkten; ohne den oberen Punkt wird sie Unmana genannt. Oberhalb liegt der große Bindu. Die Kraftstufen erscheinen von überwältigendem Licht erfüllt.

Man soll die drei Mantraabschnitte innerlich nicht auseinanderreißen. Der Nachklang des ersten geht in den zweiten über, der des zweiten in den dritten. Im dritten sammelt sich das Vorangegangene; sein Klang löst sich schließlich in Unmana auf. Für diese verbundene, hörbare Rezitation nennt der Kommentar insgesamt neunundzwanzig Zeiteinheiten weniger einen winzigen Zeitteil. Die äußere Genauigkeit begleitet eine Bewegung nach innen.

Vielfalt als Entfaltung einer Kraft · Verse 32–36

Die drei Abschnitte und ihre Gesamtheit lassen sich als vier Samen betrachten: Schöpfung, Erhaltung, Auflösung und das Unnennbare. Auch heilige Sitze, Wirklichkeitsprinzipien, Überlieferungen und erkennendes Bewusstsein werden auf diese vierfache Ordnung bezogen. Jede kosmische Tätigkeit enthält wiederum schöpferische, erhaltende und auflösende Aspekte. Brahma, Vishnu und Shiva sowie ihre göttlichen Kräfte sind darin gegenwärtig. Der Mantra wird so zum verdichteten Bild des gesamten Lebens.

Wachen, Träumen, Tiefschlaf und das darüber Hinausgehende · Verse 37–43

Im Wachen wirken unsere Sinne und Handlungsorgane. Im Traum entfaltet sich die Tätigkeit des inneren Geistes. Im Tiefschlaf sind seine gewöhnlichen Bewegungen versunken. Der Text ordnet diese Erfahrungen verschiedenen Klangstufen zu. Er lädt dazu ein, nicht nur die wechselnden Zustände, sondern ihre bewusstseinsartige Grundlage zu beachten.

Turiya, der vierte Zustand, wird als Wahrnehmen des Bewusstsein offenbarenden Nada beschrieben. Jenseits davon wird eine ungeteilte Glückseligkeit betrachtet, die Worte nicht erreichen. Auf dem Weg liegen fünf symbolische Leerräume; in Unmana wird als sechster die gestaltlose große Leere vergegenwärtigt. Der folgende Abschnitt beginnt mit der Verbindung von Lebensatem, Selbst und Geist: Sammlung heißt hier, das scheinbar Getrennte zusammenzuführen.

Sieben innere Verbindungen · Verse 44–53

Die vier Mantrasamen und das eigene Selbst werden als eine Klangwirklichkeit betrachtet. Dies heißt Mantra-Vishuva. Der aufsteigende Klang durchdringt auf dem Weg der Sushumna die Knoten der Chakras; die Einheit von Energiebahn, Klang und Laut heißt Nadi-Vishuva. Wenn der immer feinere Klang in Shakti aufgeht, wird dies Prashanta-Vishuva genannt. Sein weiterer Übergang in Samana und Unmana heißt Shakti- und Kala-Vishuva.

Die letzte Verbindung, Tattva-Vishuva, eröffnet die Erkenntnis der Wirklichkeit. Dafür enthält der Text auch eine besondere Zeitangabe in Truti und Nimesha. Entscheidend ist das Ziel: Bewusstsein wird offenbar. Japa umfasst deshalb nicht bloß Lautwiederholung, sondern das Erinnern an Zustände, Leerräume, Übergänge, Chakras und Bedeutungen. Mit Dank an die Gnade des Lehrers schließt der erste Teil.

Der Sinn belebt die Wiederholung · Verse 54–63

Worte ohne verstandenen Sinn sind wie eine Opfergabe in erkalteter Asche. Wer nur Lautfolgen trägt, gleicht dem Esel, der Sandelholz transportiert, ohne dessen Wert zu kennen. Wer die Ziele des Lebens anstrebt, soll deshalb die Bedeutung achten. Nun werden fünfzehn Deutungsweisen des fünfzehnsilbigen Mantras entfaltet: von Gayatri und der schöpferischen Wirklichkeit über Überlieferung, innere Einheit und Kaula bis zu Namen, Kräften, Eigenschaften und dem großen Erkenntnissatz.

Zuerst wird die Vidya als Entsprechung der Gayatri gelesen. Ka bezeichnet den göttlichen Schöpfungswillen, e das höchste schöpferische Licht, ī dessen inneres Leuchten und la die tragende Erde. Hrīṃ erschließt weitere Teile der erweiterten Gayatri. Die entsprechenden Bezüge werden in allen drei Abschnitten wiedergefunden. Diese Auslegung versteht Bhaskararaya als durch ältere heilige Texte gestützt.

Shiva und Shakti sind keine zwei getrennten Wirklichkeiten · Verse 64–73

Den drei Mantraabschnitten entsprechen drei göttliche Paare und die Kräfte von Wille, Erkenntnis und Wirken. In ihrer Gesamtheit erscheinen sie als ein höchstes Paar. Alle Kräfte zusammen sind die höchste Göttin. Sie umfasst sämtliche Wirklichkeitsprinzipien und ist von unserem tiefsten Wesen nicht verschieden.

Shiva und Shakti werden durch a und ha versinnbildlicht: Licht und lebendiges Aufleuchten, untrennbar verbunden. Aus dem Wunsch nach Schöpfung erscheint das Eine als zwei Punkte, in der Bildsprache als weißer Mondpunkt und roter Kraftpunkt. Ihre Einheit wird als Sonnenpunkt und Kamakala betrachtet. Daraus entfalten sich Wort und Welt. „Ich“ bezeichnet hier die schöpferische Bewusstheit, nicht das persönliche Sichwichtignehmen. Mutter, Mantra und Welt sind Erscheinungen derselben Wirklichkeit.

Die ganze Welt im Mantra · Verse 74–82

Die Laute werden den fünf Elementen, ihren Eigenschaften, den verschiedenen Arten gebundener Wesen und den höheren göttlichen Prinzipien zugeordnet. Aus dieser Betrachtung ergeben sich sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien und das über sie Hinausgehende. Die Zahlensysteme wollen sichtbar machen, dass nichts aus der göttlichen Wirklichkeit herausfällt.

Die Wirkung ist von ihrer Ursache nicht wirklich getrennt. Ebenso gehören ein Zeichen und das von ihm Bezeichnete zusammen. So ruht die Welt in Brahman, und die Vidya ist von dieser Welt nicht getrennt. Die innerste Bedeutung richtet denselben Blick auf die Unterweisung: Der höchste Lehrer weist auf das ungeteilte Bewusstsein hin. Durch seine Gnade wird diese Einheit im eigenen Selbst erkannt.

Göttin, Mantra und heilige Form · Verse 83–102

Die Mutter ist Herrin der vielen göttlichen Kräfte, weil diese ihre eigenen Lichtstrahlen sind. Sie wird mit den neun Grahas, siebenundzwanzig Mondstationen, sechs Yoginis und zwölf Tierkreiszeichen verbunden. Dieselben Zahlenordnungen entdeckt der Text in der Vidya und im Shri Chakra. Sinnesorgane, geistige Funktionen, Lebensatem und Weltordnung werden aufeinander bezogen.

Auch die Geometrie des Chakras trägt diese Bedeutungen. Seine Linien, Lotosblätter und Dreiecke bilden eine geordnete Vielfalt. Seine neun Umhüllungen, siebenundzwanzig nach einer bestimmten Zählung unterschiedenen Bereiche, sechs Gruppen und zwölf Hauptelemente spiegeln die genannten Ordnungen. Die einundfünfzig Laute beziehungsweise heiligen Sitze werden um vier Hauptsitze zu fünfundfünfzig ergänzt; dieselbe Zahl entsteht aus eins, neun, siebenundzwanzig, sechs und zwölf.

Der Mantra gilt als Ursprung der heiligen Form: Bindu, Dreieckskreise, Lotoskreise und Umfassung werden aus seinen Lauten hergeleitet. Wer diese Zusammengehörigkeit erkennt, findet sie auch in Guru und eigenem Selbst. So lautet die Kaula-Deutung: Mutter, Vidya, Chakra, Lehrer und Übender sind fünf Ausdrucksweisen einer ungeteilten Wirklichkeit.

Der Aufstieg und die Heimkehr Kundalinis · Verse 103–109

Kundalini ist nicht von den Lauten und ihren Kräften getrennt. Fein wie eine Lotosfaser und leuchtend wie ein Blitz erhebt sie sich vom Wurzelzentrum. Sie durchdringt die Bereiche von Feuer, Sonne und Mond und vereinigt sich im Bewusstseinsraum mit Shiva. Aus dieser Verbindung fließt in der Bildsprache des Textes Nektar. Von dieser Freude erfüllt kehrt sie auf ihrem Weg zurück und ruht glücklich an ihrem Ort.

Diese Kraft ist die Vidya selbst, die Weltenmutter. Ihre Einheit mit dem eigenen Selbst ist das Geheimnis der Praxis. Das höchste Brahman bleibt jenseits aller Begriffe und Wahrnehmungsorgane, größer als das Große und feiner als das Feine, und ist dennoch nicht von der Welt verschieden. In dieses Bewusstsein und diese Glückseligkeit soll das eigene Selbst versenkt werden.

Namen, Körper und göttliche Kräfte · Verse 110–120

Jeder Laut kann als Name der Göttin und zugleich als ihre Lautgestalt betrachtet werden. Ein einziger Anfangslaut ruft ganze Namen und ihre Bedeutungen in Erinnerung. Bhaskararaya zeigt diese Fülle an den dreihundert Namen Lalitas und nennt eine außerordentlich große Zahl möglicher Verknüpfungen.

Die drei Abschnitte bilden auch den Leib der Mutter: den oberen Bereich bis zum Hals, den mittleren Bereich und den Bereich bis zu den Füßen. Die einzelnen Laute werden göttlichen Paaren zugeordnet; alle diese Kräfte sind Formen der einen Kamakala. Shiva-Laute und Shakti-Laute begegnen sich im abschließenden hrīṃ. Jeder Abschnitt sagt auf seine Weise: Shiva und Shakti sind Brahman. Ihre Einheit heißt Samarasya.

Auch die Wünsche des Lebens haben ihren Ort · Verse 121–133

In einer weiteren Auslegung gewinnt Bhaskararaya Bedeutungen aus sprachlichen Wurzeln. Die Laute weisen auf erhellenden Verstand, dessen Ausweitung und gesteigerte Kraft. Andere werden als Tapferkeit, Vermögen, begehrte Partnerinnen und Ruhm gedeutet. Der Text schließt damit ausdrücklich die weltlichen Wünsche seiner historischen Adressaten ein.

Die Göttin umfasst diese Kräfte, bringt die Welt hervor, erhält sie und nimmt sie wieder in sich zurück. Zugleich wird hrīṃ mit dem Licht im Herzen verbunden, das Leid wegnimmt. Die grammatischen Ableitungen sind ungewöhnlich; der Autor verteidigt sie durch die Bedeutungsvielfalt von Wurzeln und Freiheiten heiliger Sprache. „Gesamtbedeutung“ heißt diese Ebene, weil sie viele Einzelbedeutungen bündelt und alle menschlichen Lebensziele einbezieht.

Vom verehrten Göttlichen zur Erkenntnis der Einheit · Verse 134–147

Die Vidya wird auch als Lobpreis verstanden. Der erste Abschnitt bezeichnet Brahman, das von Brahma, Vishnu und Shiva gepriesen wird. Der zweite beschreibt das lichtvolle Bewusstsein als unbegrenzte Glückseligkeit, mit Sonne und Mond als Augen. Der dritte bezeichnet die göttliche Fülle aller Kräfte. Dies ist die Auslegung mit Eigenschaften.

Von hier führt der Text zur höchsten Erkenntnisaussage. Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Gnade beschreiben das Wirken Brahmans. Wahrheit, Erkenntnis, Unendlichkeit und Glückseligkeit beschreiben sein Wesen. Der dritte Mantraabschnitt bezieht dieses Brahman auf das Einzelwesen in Wachen, Traum und Tiefschlaf. Werden die begrenzenden Zuschreibungen durchschaut, zeigt sich ihre Einheit. Noch umfassender lautet die Aussage: All dies ist wahrlich Brahman.

Warum ein Mantra viele Bedeutungen tragen kann · Verse 148–158

Bhaskararaya beantwortet nun einen Einwand: Nicht jede Deutung lässt sich aus dem gewöhnlichen Sprachgebrauch ableiten. Manche Bedeutungen beruhen nach seiner Auffassung auf unmittelbarer Bezeichnung, andere auf Übertragung, weitere auf göttlicher Unterweisung. Auch ein ganzer Satz kann verstanden werden, ohne dass jedes einzelne Wort gesondert analysiert wird. Das Ganze erschließt einen eigenen Sinn.

Im alltäglichen Sprechen wählt der Zusammenhang meist eine Bedeutung aus mehreren aus. Bei diesem Mantra soll dagegen die ganze Bedeutungsfülle gegenwärtig werden. Man kann ihn als Wort, Satz, zusammengesetzte Aussage oder großen Erkenntnissatz verstehen. Die Tradition betrachtet die aufmerksame Verbindung dieser Bedeutungen als geistig wirksam. Der Autor begründet dies innerhalb seiner Schriftauffassung mit unsichtbaren Wirkungen, wie sie auch in der Lehre vom vedischen Opfer angenommen werden.

Die Wurzel der Verehrung · Verse 159–167

Zu den inneren Gliedern der Praxis gehören Kenntnis der Laute, ihrer Bildung und Dauer, ihrer inneren Orte, ihrer Gestalten und vor allem ihres Sinnes. Zu den äußeren Gliedern zählt der Text die rituellen Zuordnungen, Nyasa, vorgeschriebene Visualisationen, Regeln und Opferhandlungen. Das Äußere ist verbreitet; das innere Verstehen ist schwerer zugänglich. Für die Menschen, die sich nach innen wenden, wurde dieses Geheimnis gelehrt.

Äußere Pracht ohne inneres Leben gleicht einem Körper ohne Atem oder einer Marionette ohne Fäden. Beides darf zusammenwirken, wie Wurzel und sichtbares Wachstum aus demselben Samen hervorgehen. Doch die innere Wurzel hat Vorrang. Der Text mahnt deshalb zu einer tragfähigen Unterweisung und warnt mit einem drastischen historischen Vergleich vor bloß eigenmächtiger Erfindung der Praxis.

Am Ende steht Dankbarkeit: Der Guru führt nicht zu etwas, das dem Menschen für immer fremd bleiben müsste. Er erschließt ihm die Erkenntnis und Glückseligkeit seines eigenen tiefsten Wesens. Auf diese Lehrerfüße gestützt widmet Bhaskararaya sein Werk der Weltenmutter.

Vollständiger Haupttext in Devanagari

Die folgende Fassung enthält dieselben 167 Hauptverse wie die IAST-Ausgabe. Versnummern und Halbversgliederung sind entsprechend vereinheitlicht; die Devanagari-Lesungen stammen aus der bereitgestellten Datei. Die Hinweise zur Textgestalt gelten auch für diesen Abschnitt. Für das Lernen und Rezitieren lassen sich die Versnummern unmittelbar mit der IAST-Fassung und den Worterklärungen vergleichen.

Erster Teil · Verse 1–53

प्रह्लादाभीष्टदाने विबुधसमुदयस्तूयमानापदाने (ऽ)शेषक्षोणीभृदन्तःप्रविलसितपदाहोबलक्षेत्रगर्भात् |
प्रादुर्भूते हिरण्यद्विरदमतिमदध्वान्ततन्त्रं निहन्तुं धीरे सच्छास्त्रयोनौ मम भुवनगुरावस्तु भक्तिर्नृसिंहे || 1 ||

आ प्राचः कामरूपाद् द्रुहिणसुतनदप्लावितादा प्रतीचो गान्धारात् सिन्धुसान्द्राद्रघुवरचरितादा च सेतोरवाचः |
आ केदारादुदीचस्तुहिनगहनतः सन्ति विद्वत्समाजा ये ये तानेष यत्नः सुखयतु समजान् कश्चमत्कर्तुमीष्टे || 2 ||

स जयति महान् प्रकाशो यस्मिन् दृष्टे न दृश्यते किमपि |
कथमिव तस्मिञ्ज्ञाते सर्वं विज्ञातमुच्यते वेदे || 3 ||

नैसर्गिकी स्फुरत्ता विमर्शरूपास्य वर्तते शक्तिः |
तद्योगादेव शिवो जगदुत्पादयति पाति संहरति || 4 ||

सावश्यं विज्ञेया यत्परिणामादभूदेषा |
अर्थमयी शब्दमयी चक्रमयी देहमययपि च सृष्टिः || 5 ||

तज्ज्ञानार्थमुपाया विद्या लोके चतुर्दश प्रोक्ताः |
तेष्वपि च सारभूता वेदास्तत्रापि गायत्री || 6 ||

तस्या रूपद्वितयं तत्रैकं यत् प्रपठ्यते ()स्पष्टम् |
वेदेषु चतुर्ष्वपि परमत्यन्तं गोपनीयतरम् || 7 ||

कामो योनिः कमलेत्येवं सांकेतिकैः शब्दैः |
व्यवहरति न तु प्रकटं यां विद्यां वेदपुरुषोऽपि || 8 ||

क्रोधीशः श्रीकण्ठारूढः कोणत्रयं लक्ष्मीः |
मांसमनुत्तररूढं वाग्भवकूटं प्रकीर्तितं प्रथमम् || 9 ||

शिवहंसब्रह्मवियच्छक्राः प्रत्येकमक्षरारूढाः |
द्वैतीयीकं कूटं कथितं तत् कामराजाख्यम् || 10 ||

शिवतो वियतो मुक्तं तृतीयमिदमेव शक्तिकूटाख्यम् |
हृल्लेखानां त्रितयं कूटत्रितयेऽपि योज्यमन्ते स्यात् || 11 ||

हृल्लेखायाः स्वरूपं तु व्योमाग्निर्वामलोचना |
बिन्द्वर्धचन्द्ररोधिन्यो नादनादान्तशक्तयः || 12 ||

व्यापिकासमनोन्मन्य इति द्वादशसंहतिः |
बिन्द्वादीनां नवानां तु समष्टिर्नाद उच्यते || 13 ||

प्रथमेऽष्टादश वर्णा द्वाविंशतिरक्षराणि मध्ये स्युः |
प्रथमेन तुल्यमन्त्यं संघातेनाष्टपञ्चाशत् || 14 ||

मात्राद्वितयोच्चार्या कामकला च त्रिकोण च |
बिन्दुरहितहृल्लेखा मात्राकालत्रयोच्चार्याः || 15 ||

अन्येषां वर्णानां मात्राकालोऽर्धमात्रया सहितः |
बिन्दोरर्धं मात्रा परे परे चापि पूर्वपूर्वार्धाः || 16 ||

संहत्यैकलवोनो मात्राकालोऽस्य नादस्य |
एकादश वाक्कूटे सार्धा एकादशोदिता मध्ये || 17 ||

सार्धा अष्टौ शक्तावेकैकलवोनिता मात्राः |
संहत्यैकत्रिंशन्मात्रा मन्त्रे लवत्रयन्यूनाः || 18 ||

कण्ठे च कण्ठतालुनि तालुनि दन्तेषु मूर्ध्नि नासायाम् |
स्पृष्टविवाराद्यान्तरबाह्यैर्यत्नैस्तदक्षरोत्पत्तिः || 19 ||

प्रलयाग्निनिभं प्रथमं मूलाधारादनाहतं स्पृशति |
तस्मादाज्ञाचक्रं द्वितीयकूटं तु कोटिसूर्याभम् || 20 ||

तस्माल्ललाटमध्यं तार्तीयं कोटिचन्द्राभम् |
मालामणिवद्वर्णाः क्रमेण भाव्या उपर्युपरि || 21 ||

आधारोत्थितनादो गुण इव परिभाति वर्णमध्यगतः |
मध्येफालं बिन्दुर्दीप इवाभाति वर्तुलाकारः || 22 ||

तदुपरि गतोऽर्धचन्द्रोऽन्वर्थः कान्त्या तथाकृत्या |
अथ रोधिनी तदूर्ध्वं त्रिकोणरूपा च चन्द्रिकाकान्तिः || 23 ||

नादस्तु पद्मरागवदण्डद्वयमध्यवर्तिनीव सिरा |
नादान्तस्तडिदाभः सव्यस्थितबिन्दुयुक्तलाङ्गलवत् || 24 ||

तिर्यग्बिन्दुद्वितये वामोद्गच्छत्सिराकृतिः शक्तिः |
बिन्दूद्गच्छत्त्र्यश्राकारधरा व्यापिका प्रोक्ता || 25 ||

ऊर्ध्वाधोबिन्दुद्वयसंयुतरेखाकृतिः समना |
सैवोर्ध्वबिन्दुहीनोन्मना तदूर्ध्वं महाबिन्दुः || 26 ||

शक्त्यादीनां तु वपुर्द्वादशरविकान्तिपुञ्जाभम् |
इत्येवं वर्णानां स्थानं ज्ञात्वोच्चरेद्यत्नात् || 27 ||

नादः प्राथमिकस्तु द्वितीयकूटेन साकमुच्चार्यः |
द्वैतीयीकं नादं तार्तीयेनोच्चरेन्न पृथक् || 28 ||

बिन्द्वादिनवकयोस्तु प्राक्तनकूटस्थयोरनयोः |
संमेलनेन शबलं तार्तीयीकं विभावयेत् कूटम् || 29 ||

बिन्द्वादिकसमनान्तं क्रमेण तार्तीयमुच्चरेन्नादम् |
उन्मन्यन्तर्लीनं विभावयेदेतदुच्चरणम् || 30 ||

आद्ये दश मध्ये ताः सार्धास्तार्तीयकूटेऽष्टौ |
एकलवोना ऊनत्रिंशन्मात्रा मनोर्जपे कालः || 31 ||

व्यष्टिसमष्टिविभेदादस्यां चत्वारि बीजानि |
सृष्टिस्थितिसंहारानाख्यारूपाणि भावनीयानि || 32 ||

पुटधामतत्त्वपीठान्वयलिङ्गकमातृतत्समष्टीनाम् |
रूपान्तराणि बीजान्यमूनि चत्वारि चिन्तनीयानि || 33 ||

एकैकस्मिन् कर्मणि सृष्ट्यादिविभेदतस्त्रिविधे |
ब्रह्माद्या अधिपतयो भारत्यादिस्वशक्तिभिः सहिताः || 34 ||

ब्रह्मादयस्त्रयोऽमी भारत्याद्याश्च शक्तयस्तिस्रः |
प्रत्यक्षरस्वरूपाः शाक्तार्थे वक्ष्यमाणया रीत्या || 35 ||

हृल्लेखाकामकलासपरार्धकलाख्यकुण्डलिन्युत्थाः |
नादाश्चक्रत्रितयत्रितयात्मानो विभावनीया रयुः || 36 ||

इन्द्रियदशकव्यवहृतिरूपा या जागरावस्था |
तत्र प्रकाशरूपो हेतुर्भाव्यस्तृतीयगे रेफे || 37 ||

अन्तःकरणचतुष्कव्यवहारः स्वाप्निकावस्था |
सा तार्तीयेकाराद्बोध्यापि गलस्थले चिन्त्या || 38 ||

आन्तरवृत्तेर्लयतो लीनप्रायस्य जीवस्य |
वेदनमेव सुषुप्तिश्चिन्त्या तार्तीयबिन्दौ सा || 39 ||

तुर्यावस्था चिदभिव्यञ्जकनादस्य वेदनं प्रोक्तम् |
तद्भावनार्धचन्द्रादिकं त्रयं व्याप्य कर्तव्या || 40 ||

आनन्दैकघनत्वं यद्वाचामपि न गोचरो नॄणाम् |
तुर्यातीतावस्था सा नादान्तादिपञ्चके भाव्या || 41 ||

तार्तीयीके रेफस्थाने बिन्दौ च रोधिन्याम् |
नादान्तव्यापिकयोश्चन्द्रकतुल्यानि पञ्च शून्यानि || 42 ||

उन्मन्यां नीरूपं षष्ठं चिन्त्यं महाशून्यम् |
प्राणात्ममानसानां संयोगः प्राणविषुवाख्यः || 43 ||

प्राथमिककूटनादे त्वनाहताद् ब्रह्मरन्ध्रान्ते |
व्यष्टिसमष्टिविभेदाद् बीजचतुष्कस्य च स्वस्य || 44 ||

ऐक्येन नादमयताविभावनं मन्त्रविषुवाख्यम् |
आधारोत्थितनादस्योच्चाराद् ब्रह्मरन्ध्रान्तम् || 45 ||

षट्चक्राणां ग्रन्थीन् द्वादश भिन्दन् सुषुम्णयैव पथा |
नाडीनादार्णानां संयोगो नाडिकाविषुवम् || 46 ||

रेफे कामकलार्णे हार्दकलायां च बिन्द्वादौ |
नादान्तावधि नादः सूक्ष्मतरो जायते तत्र || 47 ||

शक्तेर्मध्ये तल्लयचिन्तनमुदितं प्रशान्तविषुवाख्यम् |
शक्त्यन्तर्गतनादं समनायां भावयेल्लीनम् || 48 ||

समनागतमुन्मन्यामेते द्वे शक्तिकालविषुवाख्ये |
श्रीविद्याकूटावयवेषु ककारादिषून्मनान्तेषु || 49 ||

अकुलादिकोन्मनान्तप्रदेशसंस्थेषु सकलेषु |
अध्युष्टनिमेषोत्तरसप्तदशाधिकशतत्रयत्रुटिभिः || 50 ||

उच्चरिते नादे सति तस्यान्ते तत्त्ववेदनं भवति |
तदिदं चैतन्याभिव्यक्तिनिदानं तु तत्त्वविषुवाख्यम् || 51 ||

एवमवस्थाशून्यविषुवन्ति चक्राणि पञ्च षट् सप्त |
नव च मनोरर्थांश्च स्मरतोऽर्णोच्चारणं तु जपः || 52 ||

भास्कररायेण गोरोः करुणावशतः समुन्मिषिते |
वरिवस्यातिरहस्ये पूर्वांशः पूर्णतामगमत् || 53 ||

Zweiter Teil · Verse 54–167

नार्थज्ञानविहीनं शब्दस्योच्चारणं फलति |
भस्मनि वह्निविहीने न प्रक्षिप्तं हविर्ज्वलति || 54 ||

अर्थमजानानानां नानाविधशब्दमात्रपाठवताम् |
उपमेयश्चक्रीवान् मलयजभारस्य वोढैव || 55 ||

पुरुषार्थानिच्छद्भिः पुरुषैरर्थाः परिज्ञेयाः |
अर्थानादरभाजां नैवार्थः प्रत्युतानर्थः || 56 ||

अथातः पूर्णगायत्र्याः प्रतिपाद्योऽर्थ आदिमः |
भावार्थः संप्रदायार्थो निगर्भार्थस्तुरीयकः || 57 ||

कौलिकार्थो रहस्यार्थो महातत्त्वार्थ एव च |
नामार्थः शब्दरूपार्थश्चार्थो नामैकदेशगः || 58 ||

शक्तार्थः सामरस्यार्थः समस्तसगुणार्थकौ |
महावाक्यार्थ इत्यर्थाः पञ्चदश्याः स्वसंमिताः || 59 ||

कामयते स ककारः कामो ब्रह्मैव तत्पदस्यार्थः |
सवितुर्वरेण्यमिति वै सवितुः श्रेष्ठं द्वितीयवर्णार्थः || 60 ||

सर्वान्तर्यामि दधद्भर्गो देवस्य धीति तुर्यार्थः |
पृथ्वी मही लकारस्तृतीयतुर्याङ्घ्रिबोधिका माया || 61 ||

त्रिपदी त्रिवर्णबोध्या तुर्यस्तदुपरिषडक्षरीगमकः |
अथ तार्तीये वर्णद्वितयं त्रिपदीषडक्षरीगमकम् || 62 ||

कूटद्वितये शेषं पूर्ववदुन्नेयमिति तु विद्यायाः |
गायत्र्यर्थस्त्रिपुरोपनिषदि कथितस्तथैव भागवते || 63 ||

वामेच्छे ब्रह्मभारत्यौ ज्येष्ठाज्ञाने हरिक्षिती |
रौद्रीक्रिये शिवापर्णे इत्येतन्मिथुनत्रयम् || 64 ||

त्रिभिः कूटैः क्रमाद्वाच्यमीकारत्रितयेन तु |
एतत्त्रयसमष्ट्यात्म वाच्यं शान्तम्बिकात्मकम् || 65 ||

यद्वा गीःसकलब्रह्मप्रभृतीनां त्रयं त्रयम् |
त्रिकूटवाच्यं मायायास्तुरीयं मिथुनं मतम् || 66 ||

वामेच्छाद्याः षडीकार इति सप्तभिरक्षरैः |
त्रिरावृत्तैरियं विद्या संजाता तेन तन्मयी || 67 ||

वामादिसप्तशक्तीनां समष्टिः परदेवता |
षट्त्रिंशत्तत्त्वरूपास्मान्मात्रयापि न भिद्यते || 68 ||

अहकारौ शिवशक्ती शून्याकारौ परस्पराश्लिष्टौ |
स्फुरणप्रकाशरूपावुपनिषदुक्तं परं ब्रह्म || 69 ||

विश्वसिसृक्षावशतः स्वार्धां शक्तिं विलोकयद्ब्रह्म |
बिन्दूभवति तमिन्दुं प्रविशति शक्तिस्तु रक्तबिन्दुतया || 70 ||

एतत् पिण्डद्वितयं विसर्गसंज्ञं हकारचैतन्यम् |
मिश्रस्तु तत्समष्टिः कामाख्यो रविरकारचैतन्यम् || 71 ||

एषाहंपदतुर्यस्वरकामकलादिशब्दनिर्देश्या |
वागर्थसृष्टिबीजं तेनाहं तामयं विश्वम् || 72 ||

अन्त्यप्रथमे मध्यचतुर्थे मन्त्रेऽपि तौ व्यक्तौ |
तेनाम्बामनुजगतामभेद एवात्र भावार्थः || 73 ||

व्योमादिजनकहकरसलार्णैर्घटनेन पञ्चभूतमयी |
पञ्चचतुस्त्रिद्व्येकगशब्दादिगुणात्मपञ्चदशवर्णा || 74 ||

तत्तज्जनकैर्वर्णैस्तत्तत्संख्यैस्तु तद्गुणा जाताः |
कामकलाभिश्चतसृभिरासीत् स्पर्शश्चतुर्विधो न तु कैः || 75 ||

भुवनत्रयसंबधादासीत् त्रेधा लकारोऽपि |
ये ये यद्यज्जनकास्तेषां तेषां त एवार्थाः || 76 ||

ककारत्रयवाच्यास्तु सकलाः प्रलयाकलाः |
विज्ञानकेवलाश्चेति त्रिप्रकारा उपासकाः || 77 ||

अकारैर्दशसंख्याकैरुच्यन्ते जीवराशयः |
विद्यायाः प्राणभूतः संस्तद्वाच्येकादशः स्वरः || 78 ||

बिन्दुभिरित्रभिरुच्यन्ते रुद्रेश्वरसदाशिवाः |
शान्तिः शक्तिश्च शंभुश्च नादत्रितयबोधनाः || 79 ||

एवं सप्तत्रिंशत्संख्याकपदैर्महाविद्या |
षट्त्रिंशत्तत्त्वानां तत्त्वातीतस्य चाभिधात्रीयम् || 80 ||

जन्यजनकयोर्भेदाभावाद् वाच्यस्य वाचकेनापि |
ब्रह्मणि जगतो जगति च विद्याभेदस्तु संप्रदायार्थः || 81 ||

परमशिवे निष्कलता तदभिन्नत्वं स्वदेशिकेन्द्रस्य |
तत्करुणातः स्वस्मिन्नपि तदभेदो निगर्भार्थः || 82 ||

माता निरुपमतेजोमययाः स्वस्या मरीचिरूपाणाम् |
आवरणदेवतानामीशत्वादुच्यते गणेशीति || 83 ||

इच्छादित्रिसमष्टिर्गुणत्रयाढ्यानलेन्दुरविनेत्रा |
एवं नवभिर्योगाद् ग्रहरूपेत्युच्यते माता || 84 ||

इन्द्रियदशकेनान्तःकरणचतुष्केण विषयदशकेन |
प्रकृतिपुरुषगुणतत्त्वैर्जाता नक्षत्ररूपिणी माता || 85 ||

नरपतिरविकाष्ठाषट्समुद्रद्विसंख्यैरकडबवहपूर्वैरक्षरैर्वेष्टिताभिः |
डरलकसहवर्णाद्याकिनीभिस्तु षड्भिर्घटिततनुरितीयं कथ्यते योगिनीति || 86 ||

पञ्चभिर्नागकूर्माद्यैः प्राणापानादिपञ्चभिः |
जीवात्मपरमात्मभ्यां चैषा राशिस्वरूपिणी || 87 ||

अकथादिकषोडशाक्षरात्मकतार्तीयककामवाग्भवैः |
घटिता च परादिवाग्गणैरिति विद्यापि गणेशरूपिणी || 88 ||

बिन्दुत्रयनादत्रयतदन्यकूटत्रयैर्ग्रहत्वमिह |
नक्षत्रत्वं च दशाकाराणां व्यञ्जनैरपार्थक्यात् || 89 ||

हृल्लेखाभिस्तिसृभिस्तदन्यकूटैश्च योगिनी योगत् |
राशीभृताप्येषा तिसृणां पूर्वाक्षरैरैक्यात् || 90 ||

देव्या रूपान्तरत्वेन विद्यायास्तदभेदतः |
गणेशग्रहनक्षत्रयोगिनीराशिपीठता || 91 ||

रेखादलकोणगणैर्घटनाच्चक्रे गणेशत्वम् |
त्रैलोक्यमोहनाद्यैर्नवभिश्चक्रैर्ग्रहत्वं च || 92 ||

वृत्तत्रयधरणीत्रयमन्वश्राणां विभज्य गणनेन |
सप्तभिरितरैश्चक्रैश्चक्रे नक्षत्ररूपत्वम् || 93 ||

स्थितिसंहृतिचक्रे द्वे पद्मे द्वे वृत्तभूगृहे च द्वे |
एवं षड्भिर्योगाच्छ्रीचक्रं योगिनीरूपम् || 94 ||

पञ्चचतुःशक्त्यनला बिन्दुर्वृत्तं च भूबिम्बम् |
एवं द्वादशसंख्यैर्घटनाच्चक्रस्य राशित्वम् || 95 ||

चक्रं विद्याक्षरैरेव जननात् तदभेदवत् |
देव्या रूपान्तरत्वाच्च तेन युक्तोक्तरूपता || 96 ||

यावन्मातृकमुदितान्येकसमेतानि पञ्चाशत् |
पीठानि पुनर्गणितान्योजापूकानि चत्वारि || 97 ||

गणपग्रहभादीनां शशिनिधितारर्तुसूर्यस.ख्यानाम् |
मेलनतः पीठानि ज्ञेयान्येतेषु पञ्चपञ्चाशत् || 98 ||

कत्रितयादीकाराद्बिन्दुर्जातस्तदग्रिमे चक्रे |
हृल्लेखाभिस्तत्परचक्रत्रितयं हकाराभ्याम् || 99 ||

एकारेण च तत्परचक्रे जाते सकाराभ्याम् |
चतुरश्राणि लकारैरेवं विद्याक्षरेण चक्रजनिः || 100 ||

एतत्त्रितयाभिन्नः स्वगुरुस्तदभेदभावनादार्ढ्यात् |
तेन गणेशादिमयस्तद्दयया च स्वयं तथारूपः || 101 ||

इत्थं माता विद्या चक्रं स्वगुरुः स्वयं चेति |
पञ्चानामपि भेदाभावो मन्त्रस्य कौलिकार्थोऽयं || 102 ||

द्वादशषोडशदशभिस्तपनशशिदहनकलाभिराकीर्णैः |
पञ्चाशद्भिर्वर्णैरभिन्नदेहा कुलीनकुण्डलिनी || 103 ||

बिसतन्वी तडिदाभा मूलाधाररथपद्मशृङ्गाटात् |
भित्त्वा मूलहृदाज्ञागतवह्निरवीन्दुमण्डलत्रितयम् || 104 ||

व्योमनि चिच्छशिमण्डलमध्ये त्वकुलेन संगम्य |
उभयाङ्गसङ्गजन्यं प्रवाहयन्ती सुधापूरम् || 105 ||

स्वयमपि तत्पानवशान्मत्ता भूत्वा पुनश्च तेनैव |
मार्गेण परावृत्य स्वस्मिन् स्थाने सुखं स्वपिति || 106 ||

साक्षाद्विद्यैवैषा न ततो भिन्ना जगन्माता |
अस्याः स्वाभिन्नत्वं श्रीविद्याया रहस्यार्थः || 107 ||

वागिन्द्रियैरगम्ये तत्त्वातीते महतरेऽणुतरे |
व्योम्नोऽप्युपरि स्थितिमतिविश्वाभिन्ने चिदानन्दे || 108 ||

ब्रह्मणि परे नियोज्यः स्वात्मा तदभेदसंप्राप्यै |
एष महातत्वार्थः श्रीविद्यायाः शिवेनोक्तः || 109 ||

तत्तद्वर्णार्थेयं तत्तद्वर्णस्वरूपेयम् |
इति तु श्रीविद्याया नामार्थः शब्दरूपार्थः || 110 ||

कल्याण्येकाक्षर्यावीशित्री चापि ललिता च |
इत्थं नामत्रिशतीवाच्योऽर्थस्तत्तदक्षरस्यापि || 111 ||

नामैकदेशमात्रे नामग्रहणस्य लोकसिद्धत्वात् |
नामोपस्थितिगम्यः प्रोक्तो नामैकदेशार्थः || 112 ||

तिथिमितबिन्दुगणोत्तरगजरसगिरिदस्ररामसंख्याकाः |
अर्था भवन्ति योगान्नाम्नो नामैकदेशस्य || 113 ||

वाक्कामशक्तिकूटैरवयवशो विग्रहो मातुः |
प्रतिपाद्योऽत्रा कण्ठादा मध्यादा च पादाग्रात् || 114 ||

वेधोभारत्यौ माधवलक्ष्म्यौ रुद्रपार्वत्यौ |
रेफान्तवर्णष्ट्कस्यार्थान् क्रमशो विजानीयात् || 115 ||

ता एताः सकला अपि कामकला एव न ततोऽन्याः |
सामानाधिकरण्यादीकारेणायमर्थोऽस्य || 116 ||

अयमेव कूटयोरपि परयोरर्थः परं तु तार्तीये |
द्वैतीयीकद्वैतीयीकहकारः सकारतः पूर्वः || 117 ||

अन्वयितव्योऽक्षरशः शक्तेः शाक्तैर्विभाव्यत्वात् |
वामेच्छादिकशक्तिमयत्वोक्तेरेष शाक्तार्थः || 118 ||

कहयोर्लसयोरर्थौ शिवशक्ती शुद्धयोरचोः शक्तिः |
उभयोः समरसभावो हृल्लेखायाः परं ब्रह्म || 119 ||

ब्रह्मैव शिवः शक्तिश्चेति प्रत्येककूटार्थः |
शिवशक्तिसामरस्याद्विद्याया एष सामरस्यार्थः || 120 ||

कनदीप्ताविति धातोः प्रकाशकत्वं ककारार्थः |
अध्ययनार्थकतेङः स्यादेकारस्तदीयकरणार्थः || 121 ||

वर्णद्वयमेलनतः प्रकाशिका बुद्धिरित्यर्थः |
ई व्याप्ताविति धातोस्तस्या व्याप्तिस्तृतीयवर्णार्थः || 122 ||

तस्य लहर्याधिक्यं तन्निर्माणं मकारार्थः |
हन हिंसायामिति हं शौर्यं प्रत्यर्थिहननकरणत्वात् || 123 ||

सं भोगसाधनं धनमुपभोगार्थात् स्यतेः सुनोतेर्वा |
कमु कान्तविति धातोरिच्छाविषयोङ्गनादिःकम् || 124 ||

एषां गमनं प्रापणमोहाङ्गत्यर्थधातुजन्यं हम् |
तस्यातिशयो लहरी तत्र श्लिष्टः सवर्णदीर्घेण || 125 ||

ईकारस्तस्यार्थः कीर्तिः सर्वासु दिक्षु दीप्तत्वात् |
ईदीप्ताविति धातोर्निर्मितरनयोर्मकारार्थः || 126 ||

वाग्भवकूटस्यार्थः सूक्ष्ममतिव्यापनाधिक्यम् |
शौर्यधनस्त्रीयशसामाधिक्यं कामराजार्थः || 127 ||

एते सम्यक् कलयति सकला हरतेर्हृकारः स्यात् |
निखिलजगत्संहर्त्रीत्यर्थस्तस्यापि वर्णस्य || 128 ||

ईकारः प्रश्लिष्टः सृष्टिस्थितिरूपदीप्तिकर्त्रर्थः |
यद्वा हृदि खेदहरे प्रकाशते तेन माता ह्रीयः || 129 ||

सकलान्तेन पदेन ह्रीकारे कर्मधारयः कार्यः |
तस्य विशेष्यो मः स्यानादार्थः संविदर्थो वा || 130 ||

धातोर्बह्वर्थत्वाद् बहुलग्रहणात् पृषोदरादित्वात् |
आकृतिगणपाठेन स्वेच्छानुगुणादुणादिकल्पनतः || 131 ||

छन्दसि सर्वविधीनां वैकल्पिकतावशादमुष्य मनोः |
सिद्धैः कथितेऽर्थेऽस्मिन् वैयाकरणानुशासनानुमतिः || 132 ||

बहुतरसमासयागात् समस्तपुरुषार्थसाधनत्वोक्तेः |
संक्षेपात् सारोक्तेः श्रीविद्यायाः समस्तार्थः || 133 ||

को विधिरेकारो हरिरकार ईशः स्तवार्थमीडपदम् |
द्विस्वरमध्यगतस्य डकारस्य लकार आदेशः || 134 ||

तेनर्ग्वेदात्मत्वं सूचितमाद्यस्य कूटस्य |
क्रमशोऽग्रिमकूटयुगे तेन यजुःसामता सिद्धा || 135 ||

ह्रीमिति नाम विशेष्यं नपुंसकं ब्रह्मलक्षकत्वेन |
विधिहरिगिरिशैरीड्यं ब्रह्मेति प्रथमकूटार्थः || 136 ||

हसकं तु हसद्वदनं मतं ककारस्य वदनवाचित्वात् |
यद्वा हस आनन्दः कः सूर्यो हस्तु चन्द्रः स्यात् || 137 ||

एतौ लौ नयने यस्य तत्तु कहलं रविन्दुनेत्रमिति |
तेन प्रकाशकत्वाच्चिद्रूपत्वं च निगदितं भवति || 138 ||

विधिहरिगिरिशेड्यत्वे हेतू एते हसत्वकहलत्वे |
तेनात्यमितानन्दं चिद्ब्रह्मेति द्वितीयकूटार्थः || 139 ||

सकलकलाभिः सहितं सकलं ब्रह्म तु तृतीयकूटार्थः |
इत्थं गुणगणकथनाद्विद्याया एष सगुणार्थः || 140 ||

विधिहरिशिववचना अपि ककार एकारकोऽकारः |
सृष्टिस्थितिभङ्गात्मकतत्तज्जनकत्वलाक्षणिकाः || 141 ||

ईश्वरवाचीकारो वक्ति डकारः सदाशिवं ताभ्याम् |
लक्षणया तत्र तिरोधानानुग्रहणकृत्यता गदिता || 142 ||

हस आनन्दः सत्यं कं हमनन्तं च लं ज्ञानम् |
इत्थं ब्रह्म तटस्थस्वरूपलक्षणयुगेन निर्णीय || 143 ||

तदभेदं जीवगणे वक्ति तृतीयेन कूटेन |
जाग्रत्स्वप्नसुषुप्त्याख्यकलात्रितयेन साहित्यात् || 144 ||

सकलपदं जीवपरं ब्रह्मपरं शक्तिबीजं स्यात् |
सामानाधिकरण्यात् तल्लक्षितशुद्धयोरभेदार्थः || 145 ||

अत्यल्पमिदं कथितं यत् सर्वं खल्विदं ब्रह्म |
इत्येवं बोधयितुं सकलपदं वा तृतीयकूटगतम् || 146 ||

एवमवान्तरवाक्यैर्जीवब्रह्मस्वरूपमभिधाय |
तदभेदो वर्णित इत्येष महापूर्ववाक्यार्थः || 147 ||

शक्त्या लक्षणया वा ये येऽर्था दर्शिता मनोरस्य |
तेषु न कोऽपि विवादः प्रत्यक्षेणैव सिद्धत्वात् || 148 ||

ये पुनरिह भावार्थदयः षडर्था मनोरुक्ताः |
तेषु यदि शक्तिभक्ती न हि संभवतस्तदापि का हानिः || 149 ||

आस्तामन्या वृत्तिर्विलक्षणा तद्ग्रहस्तु मनोः |
शिववचनेन भविष्यति यद्वैषा शाक्तिरेवास्तु || 150 ||

एतस्मादयमर्थो बोद्धव्य इतीश्वरेच्छात्वात् |
प्रतिपदमर्थविशेषाज्ञानेऽप्यास्तामखण्डवाक्यस्य || 151 ||

अर्थोऽप्यखण्डरूपो विशिष्टमतिरिक्तमिति हि सिद्धान्तः |
आसेचनकव्याप्त्यादिपदवदास्तां पदत्वमपि || 152 ||

एकस्यानेकार्था दृष्टा हरिसैन्धवादिषु पदेषु |
अन्यतमैकावगतौ प्रकरणतात्पर्ययोर्विशेषकता || 153 ||

प्रकृते तु सर्वबोधस्येष्टत्वान्नो विशेषकाकाङ्क्षा |
अथवा सकलार्थेष्वपि शक्त्यैक्यं पुष्पवन्तपदवदिह || 154 ||

यत्र प्रतिपदमर्थस्तान् प्रत्यस्यास्तु वाक्यत्वम् |
क्वचनावान्तरवाक्यं समासवाक्यं महावाक्यम् || 155 ||

एकस्यानेकार्थे विनियोगादर्थबाहुल्यम् |
वेदे बहुशः स्वीकृतमत्र त्वेकत्र विनियोगात् || 156 ||

अखिलार्थबोधनियमो नियमादृष्टं प्रकल्पयति |
सिद्धे प्रमाणदार्ढ्ये सकलं कल्प्यं हि तदविरोधाय || 157 ||

यागस्य स्वर्गं प्रति संसिद्धे हेतुहेतुमद्भावे |
तदनुपपत्तिं निरसितुमलौकिकापूर्वमपि कॢप्तम् || 158 ||

विद्यावर्णेयत्तोद्धारः कालस्तदुच्चारः |
उत्पत्तिस्थानं तद्यत्नो रूपं स्थितिस्थानम् || 159 ||

आकारः स्वं रूपं विभाव्यमर्थोऽन्तरङ्गाणि |
ऋषयश्छन्दोदैवतविनियोगा बीजशक्तिकीलानि || 160 ||

न्यासा ध्यानं नियमाः पूजादीनि बहिरङ्गाणि |
बाह्यान्यङ्गानि पुनः प्रायो लोके प्रसिद्धकल्पानि || 161 ||

दुर्लभमान्तरमङ्गं प्रायोऽन्तर्मुखजनैस्तदादृत्यम् |
तोषायैषा तेषामतः प्रदिष्टा रहस्यवरिवस्या || 162 ||

एतामुत्सृज्य जडैः क्रियमाणा बाह्यडम्बरोपास्तिः |
प्राणविहीनेव तनुर्विगलितसूत्रेव पुत्तलिका || 163 ||

बीजान्मूलं मूलात् क्षेत्रस्यान्तःस्थबाह्यविस्तारौ |
यद्यप्यनयोः साम्यं प्राधान्यमथापि चान्तरङ्गस्य || 164 ||

सद्गुरुकुलतः कृपया लब्धा कामानियं सूते |
निजबुद्धिमात्रजन्या पापं कन्या यथा स्वीया || 165 ||

अकथासनं ह-लक्षान्तरं समासाद्य मामकं ज्ञानम् |
मामकमेवानन्दं मह्यं ददतो जयन्ति गुरुचरणाः || 166 ||

गूचर्णैकसहायो भास्कररायो जगन्मातुः |
वरिवस्यातिरहस्यं वीरनमस्यं प्रजग्रन्थ || 167 ||

64 Verse für Studium und Kontemplation

Die folgende Auswahl verbindet besonders unmittelbar ansprechende Verse mit einigen Schlüsselversen zum Verständnis der Mantra-Praxis. Jeder Vers wird vollständig in IAST und deutscher Übersetzung wiederholt. Die jeweils anschließende Kontemplation ist eine heutige redaktionelle Anregung und kein Bestandteil des Sanskrittextes. Satzübergreifende Aussagen stehen gemeinsam in einem Lesestück, damit ihr Sinn vollständig erhalten bleibt. Die Auswahl umfasst 64 verschiedene Verse; die Nummern der Lesestücke zählen die zusammengestellten Einheiten.

Das dreidimensionale Shri Yantra lädt zur Kontemplation von Mittelpunkt und Entfaltung ein. Die ausgewählten Verse führen von der Aufmerksamkeit für den Klang zur Erkenntnis der Einheit.

1. Hingabe und Offenheit · Vers 1

prahlādābhīṣṭadāne vibudhasamudayastūyamānāpadāne (')śeṣakṣoṇībhṛdantaḥpravilasitapadāhobalakṣetragarbhāt |
prādurbhūte hiraṇyadviradamatimadadhvāntatantraṃ nihantuṃ dhīre sacchāstrayonau mama bhuvanagurāvastu bhaktirnṛsiṃhe || 1 ||

Möge meine Hingabe dem mutigen Narasimha gelten, meinem Lehrer der Welt und Quell wahrer Lehre: Er erfüllt Prahladas Wünsche, wird von Scharen göttlicher und gelehrter Wesen gepriesen und erschien aus dem Inneren des heiligen Ahobala-Gebietes, wo sein Fuß im Berg Shesha erstrahlt, um die Finsternis des übermächtigen Hochmuts des elefantengleichen Hiranya zu vernichten.

Kontemplation: Beginne dein Studium mit einem Augenblick dankbarer Sammlung.

2. Das Licht des Erkennens · Vers 3

sa jayati mahān prakāśo yasmin dṛṣṭe na dṛśyate kimapi |
kathamiva tasmiñjñāte sarvaṃ vijñātamucyate vede || 3 ||

Es triumphiert jenes große Licht: Ist es geschaut, wird nichts anderes mehr gesehen. Wie könnte sonst der Veda sagen, dass mit seiner Erkenntnis alles erkannt ist?

Kontemplation: Frage still: Was macht jede meiner Erfahrungen erkennbar?

3. Lebendige Bewusstheit · Vers 4

naisargikī sphurattā vimarśarūpāsya vartate śaktiḥ |
tadyogādeva śivo jagadutpādayati pāti saṃharati || 4 ||

Seine Shakti ist das ihm von Natur aus eigene lebendige Aufleuchten, das die Gestalt bewusster Selbstwahrnehmung besitzt. Allein durch die Verbindung mit ihr bringt Shiva die Welt hervor, erhält sie und löst sie auf.

Kontemplation: Nimm wahr, wie Stille und Wachheit zusammen gegenwärtig sein können.

4. Die Welt als Entfaltung · Vers 5

sāvaśyaṃ vijñeyā yatpariṇāmādabhūdeṣā |
arthamayī śabdamayī cakramayī dehamayyapi ca sṛṣṭiḥ || 5 ||

Diese Shakti muss erkannt werden: Aus ihrer Entfaltung entstand diese Schöpfung als Welt der Gegenstände, der Worte, der Chakras und auch der Körper.

Kontemplation: Betrachte einen alltäglichen Gegenstand aufmerksam, ohne ihn sofort zu bewerten.

5. Die Essenz suchen · Vers 6

tajjñānārthamupāyā vidyā loke caturdaśa proktāḥ |
teṣvapi ca sārabhūtā vedāstatrāpi gāyatrī || 6 ||

Als Mittel zu ihrer Erkenntnis werden in der Welt vierzehn Wissensgebiete genannt. Deren Essenz sind die Veden, und innerhalb dieser ist es die Gayatri.

Kontemplation: Wähle einen tragenden Gedanken und gib ihm Zeit, sich zu vertiefen.

6. Drei Abschnitte, ein Zusammenhang · Vers 11

śivato viyato muktaṃ tṛtīyamidameva śaktikūṭākhyam |
hṛllekhānāṃ tritayaṃ kūṭatritaye'pi yojyamante syāt || 11 ||

Derselbe Abschnitt ohne Shiva und Raum heißt als dritter Śakti-Kūṭa: sa ka la. Am Ende jedes der drei Abschnitte ist eine Hṛllekhā, die Silbe hrīṃ, hinzuzufügen.

Kontemplation: Erinnere dich bei deiner vertrauten Praxis an ihren inneren Zusammenhang.

7. Vom Klang zur Stille · Vers 13

vyāpikāsamanonmanya iti dvādaśasaṃhatiḥ |
bindvādīnāṃ navānāṃ tu samaṣṭirnāda ucyate || 13 ||

Hinzu kommen Vyapika, Samana und Unmana: zusammen zwölf Bestandteile. Die Gesamtheit der neun Stufen von Bindu an wird Nada genannt.

Kontemplation: Lausche nach einer Wiederholung auf ihr natürliches Verklingen.

8. Achtsam sprechen · Vers 19

kaṇṭhe ca kaṇṭhatāluni tāluni danteṣu mūrdhni nāsāyām |
spṛṣṭavivārādyāntarabāhyairyatnaistadakṣarotpattiḥ || 19 ||

Die Laute entstehen an Kehle, Kehle und Gaumen gemeinsam, Gaumen, Zähnen, oberem Mundraum und Nase, mittels innerer und äußerer Artikulationsvorgänge wie Verschluss und Öffnung.

Kontemplation: Sprich einen vertrauten Mantra langsam und mit entspannter Artikulation.

9. Licht und Sammlung · Vers 20

pralayāgninibhaṃ prathamaṃ mūlādhārādanāhataṃ spṛśati |
tasmādājñācakraṃ dvitīyakūṭaṃ tu koṭisūryābham || 20 ||

Der erste Abschnitt leuchtet wie das Feuer der Weltauflösung und reicht vom Muladhara bis zum Anahata. Von dort reicht der zweite, strahlend wie zehn Millionen Sonnen, bis zum Ajna-Chakra.

Kontemplation: Lies die Lichtbilder als Einladungen zur inneren Sammlung, ohne Intensität erzwingen zu wollen.

10. Die Perlen einer Kette · Vers 21

tasmāllalāṭamadhyaṃ tārtīyaṃ koṭicandrābham |
mālāmaṇivadvarṇāḥ krameṇa bhāvyā uparyupari || 21 ||

Von dort reicht der dritte Abschnitt, strahlend wie zehn Millionen Monde, bis zur Stirnmitte. Die Laute sind der Reihe nach übereinander vorzustellen, wie Perlen einer Kette.

Kontemplation: Verbinde die Wiederholungen deines Mantras durch ruhige Aufmerksamkeit.

11. Der verbindende Faden · Vers 22

ādhārotthitanādo guṇa iva paribhāti varṇamadhyagataḥ |
madhyephālaṃ bindurdīpa ivābhāti vartulākāraḥ || 22 ||

Der vom Wurzelzentrum aufsteigende Nada erscheint wie ein Faden, der die Laute durchzieht. In der Stirnmitte leuchtet der kreisförmige Bindu wie eine Lampe.

Kontemplation: Beachte die stille Kontinuität zwischen zwei Lauten oder Gedanken.

12. Sorgfalt ohne Anspannung · Vers 27

śaktyādīnāṃ tu vapurdvādaśaravikāntipuñjābham |
ityevaṃ varṇānāṃ sthānaṃ jñātvoccaredyatnāt || 27 ||

Die Gestalten von Shakti und den folgenden Stufen strahlen wie die vereinte Lichtfülle von zwölf Sonnen. Wer die Orte der Laute so kennt, soll sie aufmerksam artikulieren.

Kontemplation: Wähle Klarheit und Ruhe als Maßstab für deine Rezitation.

13. Übergänge wahrnehmen · Vers 28

nādaḥ prāthamikastu dvitīyakūṭena sākamuccāryaḥ |
dvaitīyīkaṃ nādaṃ tārtīyenoccarenna pṛthak || 28 ||

Der Nada des ersten Abschnitts ist zusammen mit dem zweiten Abschnitt auszusprechen; den Nada des zweiten soll man mit dem dritten aussprechen, nicht gesondert.

Kontemplation: Achte auf den Übergang zwischen zwei Wiederholungen ebenso wie auf die Wiederholung selbst.

14. Das Vorangegangene integrieren · Vers 29

bindvādinavakayostu prāktanakūṭasthayoranayoḥ |
saṃmelanena śabalaṃ tārtīyīkaṃ vibhāvayet kūṭam || 29 ||

Man vergegenwärtige sich den dritten Abschnitt als durchwirkt von der Vereinigung der beiden Neunergruppen von Bindu an, die zu den vorhergehenden Abschnitten gehören.

Kontemplation: Lass eine Einsicht aus dem gestrigen Studium heute wieder gegenwärtig werden.

15. In Stille ausklingen · Vers 30

bindvādikasamanāntaṃ krameṇa tārtīyamuccarennādam |
unmanyantarlīnaṃ vibhāvayedetaduccaraṇam || 30 ||

Den dritten Nada artikuliere man stufenweise von Bindu bis Samana und stelle sich vor, dass er in Unmana aufgeht. Dies ist das hier gelehrte innere Aussprechen.

Kontemplation: Beende deine Übung mit einer kurzen offenen Stille.

16. Entstehen und Vergehen · Vers 32

vyaṣṭisamaṣṭivibhedādasyāṃ catvāri bījāni |
sṛṣṭisthitisaṃhārānākhyārūpāṇi bhāvanīyāni || 32 ||

Durch die Unterscheidung von Einzelgliedern und Gesamtheit ergeben sich in dieser Vidya vier Samen. Sie sind als Schöpfung, Erhaltung, Auflösung und das Unnennbare zu vergegenwärtigen.

Kontemplation: Beobachte, wie ein Gedanke entsteht, besteht und wieder vergeht.

17. Kräfte im Zusammenspiel · Vers 34

ekaikasmin karmaṇi sṛṣṭyādivibhedatastrividhe |
brahmādyā adhipatayo bhāratyādisvaśaktibhiḥ sahitāḥ || 34 ||

Jede der Tätigkeiten gliedert sich wiederum dreifach nach Schöpfung und den weiteren Funktionen. Ihre Lenker sind Brahma und die anderen Götter, jeweils mit ihren eigenen Kräften, Bharati und den anderen Göttinnen.

Kontemplation: Erkenne an einer Aufgabe das Beginnen, Bewahren und Abschließen.

18. Erkenntnis braucht Kraft · Vers 35

brahmādayastrayo'mī bhāratyādyāśca śaktayastisraḥ |
pratyakṣarasvarūpāḥ śāktārthe vakṣyamāṇayā rītyā || 35 ||

Diese drei Götter, Brahma und die anderen, und die drei Kräfte, Bharati und die anderen, verkörpern die einzelnen Laute, wie später bei der Shakti-Deutung erklärt wird.

Kontemplation: Verbinde eine verstandene Einsicht mit einer kleinen passenden Handlung.

19. Wachheit im Alltag · Vers 37

indriyadaśakavyavahṛtirūpā yā jāgarāvasthā |
tatra prakāśarūpo heturbhāvyastṛtīyage rephe || 37 ||

Der Wachzustand besteht in der Tätigkeit der zehn Sinnes- und Handlungsorgane. Seine lichtartige Grundlage ist im r-Laut des dritten Abschnitts zu meditieren.

Kontemplation: Bemerke einen Augenblick lang bewusst das Sehen, Hören und Handeln.

20. Den inneren Geist beobachten · Vers 38

antaḥkaraṇacatuṣkavyavahāraḥ svāpnikāvasthā |
sā tārtīyekārādbodhyāpi galasthale cintyā || 38 ||

Der Traumzustand ist die Tätigkeit des vierfachen inneren Organs. Obwohl er durch das ī des dritten Abschnitts bezeichnet wird, soll er im Kehlbereich meditiert werden.

Kontemplation: Unterscheide eine gegenwärtige Wahrnehmung von der Geschichte, die dein Geist daraus macht.

21. Die Ruhe unter den Bewegungen · Vers 39

āntaravṛtterlayato līnaprāyasya jīvasya |
vedanameva suṣuptiścintyā tārtīyabindau sā || 39 ||

Tiefschlaf ist das Erleben des nahezu versunkenen Einzelwesens nach dem Aufgehen der inneren geistigen Bewegungen. Man meditiere ihn im Bindu des dritten Abschnitts.

Kontemplation: Erinnere dich daran, dass geistige Aktivität Pausen kennt.

22. Bewusstsein wird offenbar · Vers 40

turyāvasthā cidabhivyañjakanādasya vedanaṃ proktam |
tadbhāvanārdhacandrādikaṃ trayaṃ vyāpya kartavyā || 40 ||

Turiya heißt das Wahrnehmen jenes Nada, der Bewusstsein offenbar macht. Die entsprechende Meditation erstreckt sich über die drei Stufen von Ardhachandra an.

Kontemplation: Verweile kurz bei der schlichten Tatsache, dass du gerade wahrnimmst.

23. Jenseits der Beschreibung · Vers 41

ānandaikaghanatvaṃ yadvācāmapi na gocaro nṝṇām |
turyātītāvasthā sā nādāntādipañcake bhāvyā || 41 ||

Die ausschließlich aus Glückseligkeit bestehende Dichte, die menschliche Worte nicht erreichen, ist der Zustand jenseits von Turiya. Er ist in den fünf Stufen von Nadanta an zu meditieren.

Kontemplation: Lass einen stillen Moment stehen, ohne ihn sofort benennen zu müssen.

24. Atem, Geist und Gegenwart · Vers 43

unmanyāṃ nīrūpaṃ ṣaṣṭhaṃ cintyaṃ mahāśūnyam |
prāṇātmamānasānāṃ saṃyogaḥ prāṇaviṣuvākhyaḥ || 43 ||

In Unmana ist als sechster die gestaltlose große Leere zu betrachten. Die Verbindung von Lebensatem, Selbst und Geist heißt Prāṇa-Viṣuva.

Kontemplation: Spüre drei natürliche Atemzüge und sammle dich im gegenwärtigen Erleben.

25. Die Einheit im Klang · Vers 44; Vers 45; Vers 46

prāthamikakūṭanāde tvanāhatād brahmarandhrānte |
vyaṣṭisamaṣṭivibhedād bījacatuṣkasya ca svasya || 44 ||

Im Nada des ersten Abschnitts, vom Anahata bis zur Scheitelöffnung, [vergegenwärtige man sich] die vier Samen in Einzelheit und Gesamtheit sowie das eigene Selbst. Diese Betrachtung wird im folgenden Vers als Einheit im Nada bestimmt.

aikyena nādamayatāvibhāvanaṃ mantraviṣuvākhyam |
ādhārotthitanādasyoccārād brahmarandhrāntam || 45 ||

Die Vergegenwärtigung ihrer Einheit als Nada heißt Mantra-Viṣuva. Durch das innere Aussprechen des am Wurzelzentrum entstandenen Nada bis zur Scheitelöffnung [vollzieht sich die folgende Verbindung].

ṣaṭcakrāṇāṃ granthīn dvādaśa bhindan suṣumṇayaiva pathā |
nāḍīnādārṇānāṃ saṃyogo nāḍikāviṣuvam || 46 ||

Auf dem Weg der Sushumna werden die zwölf Knoten der sechs Chakras durchdrungen. Die Verbindung von Nadi, Nada und Lauten heißt Nāḍikā-Viṣuva.

Kontemplation: Verbinde bei deinem vertrauten Mantra Aufmerksamkeit und Bedeutung.

26. Den Klang feiner wahrnehmen · Vers 47; Vers 48

rephe kāmakalārṇe hārdakalāyāṃ ca bindvādau |
nādāntāvadhi nādaḥ sūkṣmataro jāyate tatra || 47 ||

Beim r-Laut, beim Kamakala-Laut, bei der Herz-Kala und bei Bindu und den folgenden Stufen bis Nadanta wird der Nada zunehmend feiner.

śaktermadhye tallayacintanamuditaṃ praśāntaviṣuvākhyam |
śaktyantargatanādaṃ samanāyāṃ bhāvayellīnam || 48 ||

Sein Aufgehen in Shakti zu betrachten heißt Praśānta-Viṣuva. Den in Shakti befindlichen Nada vergegenwärtige man sich sodann als in Samana aufgegangen.

Kontemplation: Höre auf das natürliche Verklingen, ohne es zu verlängern oder zu erzwingen.

27. Erkenntnis als Ziel · Vers 51

uccarite nāde sati tasyānte tattvavedanaṃ bhavati |
tadidaṃ caitanyābhivyaktinidānaṃ tu tattvaviṣuvākhyam || 51 ||

Ist Nada so entfaltet, ereignet sich an seinem Ende die Erkenntnis der Wirklichkeit. Dies heißt Tattva-Viṣuva und ist der Anlass für das Offenbarwerden des Bewusstseins.

Kontemplation: Frage nach der Übung: Ist meine Wahrnehmung etwas klarer geworden?

28. Japa mit innerem Sinn · Vers 52

evamavasthāśūnyaviṣuvanti cakrāṇi pañca ṣaṭ sapta |
nava ca manorarthāṃśca smarato'rṇoccāraṇaṃ tu japaḥ || 52 ||

Japa ist somit das Artikulieren der Laute im bewussten Erinnern an die fünf Zustände, sechs Leerräume, sieben Vishuvas, neun Chakras und die Bedeutungen des Mantras.

Kontemplation: Erinnere vor der Wiederholung an die Bedeutung, die dir für dein Mantra vermittelt wurde.

29. Die Glut der Bedeutung · Vers 54

nārthajñānavihīnaṃ śabdasyoccāraṇaṃ phalati |
bhasmani vahnivihīne na prakṣiptaṃ havirjvalati || 54 ||

Das Aussprechen eines Lautes ohne Kenntnis seiner Bedeutung trägt keine Frucht. Eine Opfergabe, die in feuerlose Asche geworfen wird, flammt nicht auf.

Kontemplation: Lies einen Satz über deinen Mantra und nimm seinen Sinn in die nächste Übung mit.

30. Mehr als eine Last von Worten · Vers 55

arthamajānānānāṃ nānāvidhaśabdamātrapāṭhavatām |
upameyaścakrīvān malayajabhārasya voḍhaiva || 55 ||

Wer allerlei Worte lediglich rezitiert, ohne ihre Bedeutung zu kennen, gleicht einem Esel, der nichts als eine Last Sandelholz trägt.

Kontemplation: Wähle lieber einen verstandenen Gedanken als viele nur überflogene Sätze.

31. Die Bedeutung achten · Vers 56

puruṣārthānicchadbhiḥ puruṣairarthāḥ parijñeyāḥ |
arthānādarabhājāṃ naivārthaḥ pratyutānarthaḥ || 56 ||

Menschen, die die Ziele des menschlichen Lebens anstreben, sollen die Bedeutungen gründlich erkennen. Wer die Bedeutung missachtet, gewinnt keinen Nutzen, sondern das Gegenteil.

Kontemplation: Halte fest, welche Lebensausrichtung deine Praxis nähren soll.

32. Die göttliche Wirklichkeit ist nah · Vers 68

vāmādisaptaśaktīnāṃ samaṣṭiḥ paradevatā |
ṣaṭtriṃśattattvarūpāsmānmātrayāpi na bhidyate || 68 ||

Die höchste Gottheit ist die Gesamtheit der sieben Kräfte von Vama an. Sie besteht aus den sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien und unterscheidet sich nicht im Geringsten von uns.

Kontemplation: Erinnere dich an dein tieferes Wesen, ohne dich mit anderen zu vergleichen.

33. Licht und Kraft in Einheit · Vers 69

ahakārau śivaśaktī śūnyākārau parasparāśliṣṭau |
sphuraṇaprakāśarūpāvupaniṣaduktaṃ paraṃ brahma || 69 ||

Die Laute a und ha sind Shiva und Shakti, von leerer, ungebundener Gestalt und einander umschlingend. Als lebendiges Aufleuchten und Licht sind sie das höchste Brahman der Upanishaden.

Kontemplation: Betrachte Bewusstheit und lebendiges Erleben als zusammengehörig.

34. Schöpfung aus innerer Fülle · Vers 70

viśvasisṛkṣāvaśataḥ svārdhāṃ śaktiṃ vilokayadbrahma |
bindūbhavati taminduṃ praviśati śaktistu raktabindutayā || 70 ||

Vom Willen zur Weltschöpfung bewegt betrachtet Brahman Shakti als seine eigene Hälfte und wird zum Bindu. In diesen mondartigen Punkt tritt Shakti als roter Bindu ein.

Kontemplation: Achte darauf, wie aus einer inneren Regung ein Gedanke und eine Handlung werden.

35. Bewusstheit und Welt · Vers 72

eṣāhaṃpadaturyasvarakāmakalādiśabdanirdeśyā |
vāgarthasṛṣṭibījaṃ tenāhaṃ tāmayaṃ viśvam || 72 ||

Diese Wirklichkeit wird mit „aham“, dem vierten Vokal, Kamakala und weiteren Namen bezeichnet. Sie ist der Same der Schöpfung von Wort und Gegenstand; deshalb besteht das Universum aus Ich-Bewusstheit.

Kontemplation: Unterscheide die grundlegende Ich-Gegenwart von persönlichem Besitzanspruch.

36. Mutter, Mantra und Welt · Vers 73

antyaprathame madhyacaturthe mantre'pi tau vyaktau |
tenāmbāmanujagatāmabheda evātra bhāvārthaḥ || 73 ||

Auch im Mantra treten diese beiden Laute hervor: im letzten Abschnitt an erster Stelle und im mittleren an vierter Stelle, wie es der Zusammenhang erklärt. Daher ist Bhavartha hier die Nichtverschiedenheit von Mutter, Mantra und Welt.

Kontemplation: Lass deine Hingabe auch deinem Umgang mit der Welt zugutekommen.

37. Nichts fällt aus der Betrachtung · Vers 80

evaṃ saptatriṃśatsaṃkhyākapadairmahāvidyā |
ṣaṭtriṃśattattvānāṃ tattvātītasya cābhidhātrīyam || 80 ||

So bezeichnet die große Vidya mit siebenunddreißig Bedeutungsgliedern die sechsunddreißig Wirklichkeitsprinzipien und das über diese Prinzipien Hinausgehende.

Kontemplation: Beziehe Körper, Geist und Alltag in dein spirituelles Lernen ein.

38. Wirkung und Ursprung · Vers 81

janyajanakayorbhedābhāvād vācyasya vācakenāpi |
brahmaṇi jagato jagati ca vidyābhedastu saṃpradāyārthaḥ || 81 ||

Da Hervorgebrachtes und Hervorbringendes nicht getrennt sind, und ebenso Bezeichnetes und Bezeichnendes, ist die Welt von Brahman und die Vidya von der Welt nicht verschieden. Dies ist die Bedeutung der Überlieferung.

Kontemplation: Frage bei einer Erfahrung nach ihren Bedingungen und Zusammenhängen.

39. Unterweisung verinnerlichen · Vers 82

paramaśive niṣkalatā tadabhinnatvaṃ svadeśikendrasya |
tatkaruṇātaḥ svasminnapi tadabhedo nigarbhārthaḥ || 82 ||

Paramashiva ist ungeteilt. Der eigene höchste Lehrer ist von ihm nicht verschieden; durch dessen Mitgefühl erkennt man diese Nichtverschiedenheit auch im eigenen Selbst. Dies ist Nigarbhartha, die innerste Bedeutung.

Kontemplation: Prüfe eine empfangene Lehre an deiner eigenen aufmerksamen Erfahrung.

40. Viele Strahlen, ein Licht · Vers 83

mātā nirupamatejomayyāḥ svasyā marīcirūpāṇām |
āvaraṇadevatānāmīśatvāducyate gaṇeśīti || 83 ||

Die Mutter heißt Ganeshi, Herrin der Scharen, weil sie über die Gottheiten der Umhüllungen herrscht: Diese sind Strahlen ihres eigenen unvergleichlichen Lichtes.

Kontemplation: Würdige Verschiedenheit, ohne die gemeinsame Würde aus dem Blick zu verlieren.

41. Die heilige Form · Vers 96

cakraṃ vidyākṣaraireva jananāt tadabhedavat |
devyā rūpāntaratvācca tena yuktoktarūpatā || 96 ||

Das Chakra ist von der Vidya nicht verschieden, weil es aus ihren Lauten entsteht; zugleich ist es eine andere Gestalt der Göttin. Darum sind ihm die genannten Gestalten zu Recht zugeordnet.

Kontemplation: Betrachte ein Yantra ruhig und erinnere dich an die Bedeutung seiner Mitte.

42. Die Lehre wird lebendig · Vers 101

etattritayābhinnaḥ svagurustadabhedabhāvanādārḍhyāt |
tena gaṇeśādimayastaddayayā ca svayaṃ tathārūpaḥ || 101 ||

Durch die gefestigte Vergegenwärtigung seiner Nichtverschiedenheit von diesen dreien ist der eigene Guru eins mit ihnen und damit von der Gestalt Ganeshas und der übrigen. Durch sein Mitgefühl ist auch man selbst von eben dieser Gestalt.

Kontemplation: Lass eine hilfreiche Unterweisung im eigenen Verhalten sichtbar werden.

43. Fünf Gestalten einer Wirklichkeit · Vers 102

itthaṃ mātā vidyā cakraṃ svaguruḥ svayaṃ ceti |
pañcānāmapi bhedābhāvo mantrasya kaulikārtho'yaṃ || 102 ||

So sind Mutter, Vidya, Chakra, eigener Guru und man selbst fünf, zwischen denen keine wesentliche Verschiedenheit besteht. Dies ist die Kaula-Bedeutung des Mantras.

Kontemplation: Betrachte Verehrung als Beziehung, in der das eigene Bewusstsein mit angesprochen ist.

44. Körper und Klang · Vers 103

dvādaśaṣoḍaśadaśabhistapanaśaśidahanakalābhirākīrṇaiḥ |
pañcāśadbhirvarṇairabhinnadehā kulīnakuṇḍalinī || 103 ||

Die edle Kundalini ist leiblich nicht verschieden von den fünfzig Lauten, erfüllt von den zwölf Sonnen-, sechzehn Mond- und zehn Feuerkräften.

Kontemplation: Spüre beim Sprechen die natürliche Resonanz, ohne eine besondere Erfahrung zu fordern.

45. Feinheit statt Gewalt · Vers 104; Vers 105; Vers 106

bisatanvī taḍidābhā mūlādhārarathapadmaśṛṅgāṭāt |
bhittvā mūlahṛdājñāgatavahniravīndumaṇḍalatritayam || 104 ||

Fein wie eine Lotosfaser und blitzartig steigt sie vom dreieckigen Bereich des Muladhara-Lotos auf und durchdringt die drei Mandalas von Feuer, Sonne und Mond in Wurzel, Herz und Ajna.

vyomani cicchaśimaṇḍalamadhye tvakulena saṃgamya |
ubhayāṅgasaṅgajanyaṃ pravāhayantī sudhāpūram || 105 ||

Im inneren Raum vereinigt sie sich mitten im Mondkreis des Bewusstseins mit Akula, Shiva, und lässt den Nektarstrom fließen, der aus der Vereinigung beider entsteht.

svayamapi tatpānavaśānmattā bhūtvā punaśca tenaiva |
mārgeṇa parāvṛtya svasmin sthāne sukhaṃ svapiti || 106 ||

Selbst vom Trinken dieses Nektars berauscht, kehrt sie auf demselben Weg zurück und ruht glücklich an ihrem eigenen Ort.

Kontemplation: Nimm die gesamte Bewegung wahr: Sammlung, Entfaltung und die ruhige Rückkehr. Gib auch deiner alltäglichen Praxis einen bewussten Abschluss.

46. Die Weltenmutter im eigenen Wesen · Vers 107

sākṣādvidyaivaiṣā na tato bhinnā jaganmātā |
asyāḥ svābhinnatvaṃ śrīvidyāyā rahasyārthaḥ || 107 ||

Diese Kundalini ist unmittelbar die Vidya selbst; die Weltenmutter ist von ihr nicht verschieden. Ihre Nichtverschiedenheit vom eigenen Selbst ist die geheime Bedeutung der Shri Vidya.

Kontemplation: Richte deine Hingabe auch auf die Pflege des Lebens in dir und um dich.

47. Größer als jedes Bild · Vers 108; Vers 109

vāgindriyairagamye tattvātīte mahatare'ṇutare |
vyomno'pyupari sthitimativiśvābhinne cidānande || 108 ||

[Das höchste Brahman ist] Worten und Sinnen unzugänglich, jenseits der Wirklichkeitsprinzipien, größer als das Große und feiner als das Feine. Es besteht selbst über dem Raum, ist von der Welt nicht verschieden und ist Bewusstsein und Glückseligkeit.

brahmaṇi pare niyojyaḥ svātmā tadabhedasaṃprāpyai |
eṣa mahātatvārthaḥ śrīvidyāyāḥ śivenoktaḥ || 109 ||

– in dieses höchste Brahman soll man das eigene Selbst versenken, um seine Nichtverschiedenheit davon zu verwirklichen. Dies ist die von Shiva gelehrte Bedeutung der höchsten Wirklichkeit in der Shri Vidya.

Kontemplation: Lies beide Verse langsam. Lass die Worte anschließend ruhen und verweile einen Moment in wacher Gegenwart.

48. Name und Gegenwart · Vers 110

tattadvarṇārtheyaṃ tattadvarṇasvarūpeyam |
iti tu śrīvidyāyā nāmārthaḥ śabdarūpārthaḥ || 110 ||

„Sie ist die Bedeutung jedes einzelnen Lautes“ bezeichnet die Namensbedeutung; „sie ist die Gestalt jedes einzelnen Lautes“ bezeichnet die Lautgestaltbedeutung der Shri Vidya.

Kontemplation: Sprich einen vertrauten Gottesnamen mit bewusster Zuwendung.

49. Der Körper als Ort der Verehrung · Vers 114

vākkāmaśaktikūṭairavayavaśo vigraho mātuḥ |
pratipādyo'trā kaṇṭhādā madhyādā ca pādāgrāt || 114 ||

Die Abschnitte Vāgbhava, Kama und Shakti bezeichnen gliedweise den Leib der Mutter: bis zum Hals, von dort bis zur Mitte und weiter bis zu den Zehenspitzen.

Kontemplation: Begegne dem eigenen Körper mit Achtung und einem ruhigen, aufmerksamen Atem.

50. Shiva und Shakti · Vers 119

kahayorlasayorarthau śivaśaktī śuddhayoracoḥ śaktiḥ |
ubhayoḥ samarasabhāvo hṛllekhāyāḥ paraṃ brahma || 119 ||

ka und ha bedeuten Shiva, la und sa bedeuten Shakti; die reinen Vokale bedeuten ebenfalls Shakti. Hṛllekhā bedeutet das höchste Brahman als Gleichklang beider.

Kontemplation: Erinnere dich daran, dass Klarheit und lebendige Kraft einander ergänzen.

51. Einheit des Wesens · Vers 120

brahmaiva śivaḥ śaktiśceti pratyekakūṭārthaḥ |
śivaśaktisāmarasyādvidyāyā eṣa sāmarasyārthaḥ || 120 ||

„Shiva und Shakti sind Brahman selbst“ ist die Bedeutung jedes Abschnitts. Wegen der Wesenseinheit von Shiva und Shakti heißt dies Sāmarasyārtha, Deutung des gleichen Wesens.

Kontemplation: Verbinde eine stille Meditation mit einer hilfreichen Handlung.

52. Bewusstsein und Glückseligkeit · Vers 139

vidhiharigiriśeḍyatve hetū ete hasatvakahalatve |
tenātyamitānandaṃ cidbrahmeti dvitīyakūṭārthaḥ || 139 ||

Freude und das Haben von Sonne und Mond als Augen begründen seine Preiswürdigkeit durch Brahma, Hari und Girisha. Der zweite Abschnitt bedeutet deshalb: Bewusstseins-Brahman von grenzenloser Glückseligkeit.

Kontemplation: Suche für einen Moment nichts Zusätzliches und nimm die schlichte Gegenwart wahr.

53. Wahrheit und Erkenntnis · Vers 143

hasa ānandaḥ satyaṃ kaṃ hamanantaṃ ca laṃ jñānam |
itthaṃ brahma taṭasthasvarūpalakṣaṇayugena nirṇīya || 143 ||

Hasa bedeutet Glückseligkeit, ka Wahrheit, ha Unendlichkeit und la Erkenntnis. So wird Brahman sowohl durch seine Wirkungen als auch durch sein eigenes Wesen bestimmt.

Kontemplation: Wähle heute eine Situation, in der du zugleich wahrhaftig und freundlich sprechen kannst.

54. All dies ist Brahman · Vers 146

atyalpamidaṃ kathitaṃ yat sarvaṃ khalvidaṃ brahma |
ityevaṃ bodhayituṃ sakalapadaṃ vā tṛtīyakūṭagatam || 146 ||

Doch damit ist erst sehr wenig gesagt. Der Ausdruck Sakala im dritten Abschnitt kann vielmehr lehren: „All dies ist wahrlich Brahman.“

Kontemplation: Erinnere dich mitten in einer gewöhnlichen Begegnung an die Würde des Gegenübers.

55. Die Freude des inneren Weges · Vers 162

durlabhamāntaramaṅgaṃ prāyo'ntarmukhajanaistadādṛtyam |
toṣāyaiṣā teṣāmataḥ pradiṣṭā rahasyavarivasyā || 162 ||

Das innere Glied ist selten zugänglich und wird vor allem von nach innen gewandten Menschen geschätzt. Zu ihrer Freude wurde daher diese geheime Verehrung gelehrt.

Kontemplation: Schütze einen kleinen täglichen Zeitraum für Sammlung und Studium.

56. Die Praxis mit Leben erfüllen · Vers 163

etāmutsṛjya jaḍaiḥ kriyamāṇā bāhyaḍambaropāstiḥ |
prāṇavihīneva tanurvigalitasūtreva puttalikā || 163 ||

Äußerlich prunkvolle Verehrung, die ohne dieses innere Leben von Unverständigen vollzogen wird, gleicht einem Körper ohne Atem oder einer Marionette, deren Fäden abgefallen sind.

Kontemplation: Vereinfache eine äußere Handlung und vollziehe sie dafür ganz bewusst.

57. Die Wurzel nähren · Vers 164

bījānmūlaṃ mūlāt kṣetrasyāntaḥsthabāhyavistārau |
yadyapyanayoḥ sāmyaṃ prādhānyamathāpi cāntaraṅgasya || 164 ||

Aus dem Samen wächst die Wurzel; aus ihr entfaltet sich das Gewächs nach innen und außen. Obwohl beide Entfaltungen zusammengehören, kommt dem Inneren Vorrang zu.

Kontemplation: Frage, welche innere Haltung deine regelmäßige Praxis trägt.

58. Eigene Erkenntnis, eigene Freude · Vers 166

akathāsanaṃ ha-lakṣāntaraṃ samāsādya māmakaṃ jñānam |
māmakamevānandaṃ mahyaṃ dadato jayanti gurucaraṇāḥ || 166 ||

Es triumphieren die Füße des Gurus: An dem Sitz jenseits des Aussprechbaren und doch im Bereich andeutender Erkenntnis geben sie mir mein eigenes Wissen und meine eigene Glückseligkeit zurück.

Kontemplation: Schließe mit Dankbarkeit für alles, was dir hilft, dein tieferes Wesen zu erkennen.

Die wichtigsten Mantras und Erkenntnisformeln

Matrika bezeichnet die Lautkräfte. Im Varivasyarahasya werden sie als lebendige Ausdrucksformen der göttlichen Mutter betrachtet.

Die fünfzehnsilbige Kādi-Vidyā · Grundlage der Verse 8–18

ka e ī la hrīṃ |
ha sa ka ha la hrīṃ |
sa ka la hrīṃ ||

क ए ई ल ह्रीं |
ह स क ह ल ह्रीं |
स क ल ह्रीं ||

Die drei Abschnitte heißen Vāgbhava-Kūṭa, Kāmarāja-Kūṭa und Shakti-Kūṭa. Ihre Silbenzahlen sind fünf, sechs und vier. „Kādi“ bedeutet „mit ka beginnend“. Der Mantra wird nicht wie ein gewöhnlicher Satz Wort für Wort übersetzt: Seine fünfzehn Bedeutungsebenen werden im Werk entfaltet. In der kürzesten geistigen Zusammenfassung weist er auf die eine göttliche Wirklichkeit hin, die als Bewusstsein, schöpferische Kraft und ganze Welt erscheint.

Hṛllekhā: hrīṃ

hrīṃ ||
ह्रीं ||

Diese Silbe steht am Ende jedes Abschnitts. Verse 12–13 unterscheiden ihre lautlichen und subtilen Bestandteile; Verse 119–120 deuten sie als Einheit von Shiva und Shakti. Das lange ī ist von kurzem i zu unterscheiden. Das Zeichen bezeichnet den nasalen Abschluss; die feinstofflichen Stufen des Kommentars sind zusätzliche meditative Zuordnungen, keine neun gewöhnlichen Buchstaben, die man dahinter schreiben müsste.

Die drei Abschnitte als Studienhilfe

Abschnitt Lautfolge Ein Zugang aus dem Werk
Vāgbhava ka e ī la hrīṃ Licht, Erkenntnis und der Ursprung der Rede
Kāmarāja ha sa ka ha la hrīṃ schöpferischer Wille und die Fülle des Bewusstseins
Shakti sa ka la hrīṃ allumfassende Kraft und Einheit von Selbst und Brahman

Diese Zuordnungen sind ausgewählte Zugänge, keine abschließende Wörterbuchübersetzung. Der Text bietet ausdrücklich mehrere gleichzeitig gültige Deutungsebenen. Die in Vers 117 erwähnte Ergänzung von ha betrifft ausschließlich eine Bedeutungszuordnung: Sie verändert die hier angegebene fünfzehnsilbige Rezitationsform nicht. Für formelle Shri-Vidya-Sadhana betont der Text die Unterweisung durch einen Guru; die vollständige Auflistung der Silben ersetzt diese Unterweisung nicht. Wer bereits ein persönliches Mantra erhalten hat, kann die allgemeine Lehre des Werkes unmittelbar anwenden: bewusst wiederholen, die empfangene Bedeutung erinnern und in der anschließenden Stille verweilen.

Ein Erkenntnissatz zur Kontemplation · Vers 146

sarvaṃ khalvidaṃ brahma |
सर्वं खल्विदं ब्रह्म |

„All dies ist wahrlich Brahman.“ Dies ist der aus Vers 146 herausgelöste Erkenntnissatz, keine zusätzliche geheime Mantraformel. Er erweitert die Meditation über das eigene Selbst zur Wahrnehmung der ganzen Welt als Ausdruck derselben Wirklichkeit. Die Einsicht kann sich im Alltag als Respekt, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl ausdrücken.

Fünf Lehren und fünf Praxistipps

Fünf Lehren für Aspiranten

  1. Verstehen belebt die Wiederholung. Verse 54–56 und 163 verbinden den geistigen Sinn mit der Fruchtbarkeit der Praxis. Liebevolle Regelmäßigkeit gewinnt Tiefe, wenn du weißt, worauf sich dein Herz richtet.
  2. Bewusstsein und seine Kraft gehören zusammen. Verse 3–5 und 119–120 betrachten Stille und lebendige Entfaltung als zusammengehörig. Das spirituelle Leben darf Klarheit und Tatkraft verbinden.
  3. Die göttliche Wirklichkeit ist auch in dir. Verse 68, 82 und 107–109 führen von der Verehrung zu innerer Erkenntnis. Gemeint ist das tiefste Selbst, nicht die Überhöhung der eigenen Person.
  4. Äußere Formen brauchen eine innere Wurzel. Verse 159–164 würdigen das Zusammenwirken von Ritual und Kontemplation und geben dem inneren Leben Vorrang. Schon eine schlichte Handlung kann von großer Hingabe erfüllt sein.
  5. Unterweisung soll Selbsterkenntnis ermöglichen. Verse 165–166 zeigen den Wert einer lebendigen Überlieferung. Das Ziel ist die Erschließung eigener Erkenntnis und Glückseligkeit; die Anerkennung eines Lehrers bleibt mit wacher Unterscheidungskraft verbunden.

Fünf konkrete Praxistipps

Die folgenden Übungen sind allgemeine, redaktionell abgeleitete Anregungen. Sie bilden keine Initiationsfolge und keine Rekonstruktion der technischen Kundalini-Praxis des Werkes.

  1. Fünf Minuten Japa mit Bedeutung. Setze dich bequem hin. Erinnere dich einen Moment an die Bedeutung deines vertrauten Mantras. Wiederhole es etwa vier Minuten ruhig, ohne den Atem zu erzwingen. Verweile anschließend eine Minute still. Beobachte, ob der Sinn während der Wiederholung lebendig blieb.
  2. Einen Vers durch drei Schritte erschließen. Lies täglich einen ausgewählten Vers erst in der deutschen Übersetzung, dann langsam in IAST und zuletzt mit den Worterklärungen. Formuliere seinen Kerngedanken in einem eigenen Satz. Bleibe bei diesem Satz zwei Minuten in stiller Kontemplation.
  3. Den Nachklang wahrnehmen. Sprich dein vertrautes Mantra dreimal in natürlicher Lautstärke. Höre nach jeder Wiederholung aufmerksam auf das Verklingen und die anschließende Stille. Versuche nicht, besondere Klänge zu erzeugen oder bestimmte innere Stufen zu erreichen.
  4. Eine einfache Handlung zur Verehrung machen. Stelle bewusst eine Blume oder ein Licht vor deinen Meditationsplatz, verneige dich oder beginne eine hilfreiche Tätigkeit. Halte kurz inne: „Möge diese Handlung von Aufmerksamkeit und Güte getragen sein.“ So erhält das Äußere eine innere Wurzel.
  5. Die Einheit im Umgang mit anderen erproben. Erinnere dich vor einem alltäglichen Gespräch an Vers 146. Höre die andere Person ausreden, sprich wahrhaftig und wähle eine konkrete hilfreiche Handlung. Prüfe abends, wo deine Vorstellung von Einheit tatsächlich zu mehr Mitgefühl geführt hat.

Spirituelle Gesamtsynthese

Die Erkenntnis soll das Herz erreichen. Die innere Bedeutung von Verehrung kann sich in Sammlung, Dankbarkeit und einem mitfühlenden Alltag entfalten.

Das Varivasyarahasya bewegt sich von der genauen Betrachtung eines Lautes zur weitesten Aussage über das Dasein: All dies ist Brahman. Zwischen diesen beiden Polen liegt eine Schule der Aufmerksamkeit. Der Übende lernt, den Klang nicht von seinem Sinn, die Form nicht von ihrer lebendigen Kraft und die verehrte Gottheit nicht vom Licht des eigenen Bewusstseins abzusondern.

Sein besonderer Beitrag ist die Verbindung von Mantra, Weltdeutung und Selbsterkenntnis. Die fünfzehn Silben sind nicht bloß eine kurze Gebetsformel. In ihnen findet der Autor die kosmischen Kräfte, die heilige Geometrie, den Leib der Göttin und schließlich die Einheit von Einzelwesen und höchster Wirklichkeit. Für das Studium heißt das: Mehrere Bedeutungsebenen dürfen nebeneinander bestehen. Man muss die komplexen Zahlensysteme nicht vorschnell auf eine einzige psychologische Aussage reduzieren.

Für den spirituellen Alltag bleibt die Botschaft unmittelbar: Lass deine Praxis von innen leben. Ein stilles, bewusstes Mantra, ein Augenblick dankbarer Hingabe und eine uneigennützige Handlung können dieselbe Richtung besitzen. Die äußere Form gibt Halt; ihr innerer Sinn nährt sie. Wie bei einer Pflanze werden sichtbares Wachstum und verborgene Wurzel gemeinsam gebraucht.

Der Schlussvers über den Guru gibt dieser Bewegung eine warme menschliche Gestalt. Die Unterweisung erschließt eine Glückseligkeit, die dem tiefsten Selbst schon zugehört. Das Ziel ist daher kein endloses Sammeln spiritueller Besonderheiten. Es ist ein klareres Erkennen, ein liebevolleres Herz und eine Verehrung, die im ganzen Leben Ausdruck findet. In der Verbindung von Yoga, Meditation, Studium und Karma Yoga kann diese Einsicht Gestalt annehmen.

Verwandte Schriften und weiterführende Begriffe

Die folgenden Verbindungen dienen der vergleichenden Lektüre. Eine thematische Nähe bedeutet nicht, dass alle Texte dieselbe Praxis oder dieselben Lehrbegriffe vertreten.

Weitere Begriffe: Tantra, Shaktismus, Shri Vidya, Tripura Sundari, Lalita, Shri Yantra, Shakti, Shiva, Kundalini, Nada, Bindu, Japa, Guru, Bhakti, Jnana Yoga, Vedanta, Brahman, Atman, Turiya.

Seminare und vertiefende Praxis

Studium gewinnt Tiefe, wenn es mit regelmäßiger Meditation und achtsamer Übung verbunden wird. Die folgenden Seminarbereiche können dabei unterstützen; sie sind keine Voraussetzung für das Lesen des Werkes.

Kundalini Yoga

30.10.2026 - 01.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Arjuna Wingen
13.11.2026 - 15.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

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Manuel Hirning

Indische Schriften

26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung

Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…
Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta

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Meditation

18.10.2026 - 23.10.2026 Yoga und Meditation Intensiv-Praxis

Die Kernpraktiken des Yoga werden intensiv geübt: längere Meditation, ausgedehntes Mantra-Singen, Pranayama intensiv und meditative Yoga Asanas beflü…
Dana Oerding, Chamundi Wollweber
18.10.2026 - 23.10.2026 Shivalaya Meditationsretreat

Stille – Schweigen – Sein. In der Abgeschiedenheit des Shivalaya Retreatzentrums fühlst du dich dem Himmel ganz nah. Mit intensiver Meditations- un…
Swami Nirgunananda, Rukmini Keilbar

Quellen und Hinweise zur Textgestalt

Primäre Textgrundlage

  • Bhaskararaya: Varivasyārahasya mit dem Eigenkommentar Prakāśa. Herausgeber laut Dateikopf: Subrahmanya Shastri. Adyar Library and Research Centre, Adyar 1932.
  • Muktabodha Indological Research Institute, Katalognummer M00098: varivasyArahasya-M00098-IAST.txt und varivasyArahasya-M00098-DEV.txt. Der Dateikopf nennt Revision 0 vom 7. August 2007 und die Betreuung der Digitalisierung durch Mark S. G. Dyczkowski.
  • Deutsche Übersetzung, Worterklärungen, sinngemäße Lesefassung und Praxisimpulse: für diesen Artikel erarbeitete redaktionelle Übertragung anhand dieser Sanskritgrundlage. Der Eigenkommentar wurde zur Auflösung der Mantra-Kennworte und ausgewählter schwieriger Stellen herangezogen.

Lizenz der Sanskrit-Digitalisierung

Der Dateikopf stellt die Verwendung des Muktabodha-E-Textes unter Creative Commons BY-NC 4.0. Diese Herkunfts- und Lizenzangabe gilt für den übernommenen Sanskrit-E-Text; durch die Wiedergabe im Wiki wird daraus keine anders lizenzierte Digitalisierung. Die deutsche Übertragung ist von den übernommenen Sanskritdaten zu unterscheiden.

Umfang und redaktionelle Eingriffe

Die 167 Hauptverse sind in beiden Schriften wiedergegeben. Die kurzen unnummerierten Einleitungs- und Schlussstücke des Eigenkommentars sowie dessen ausgedehnte Prosa und Fremdzitate gehören nicht zu diesen 167 Hauptversen und werden hier nicht als zusätzliche Hauptverse ausgegeben. Die Nummerierung läuft über beide Teile weiter; Teil zwei beginnt mit Vers 54.

In der Kommentarausgabe stehen mehrere erste Halbverse vor langen Erläuterungen, während der zweite Halbvers erst danach folgt. Für die Verse 17, 22, 27, 43, 45, 48, 49, 100, 123, 143, 148, 151, 160 und 162 wurden die zugehörigen Halbverse im Artikel zusammengeführt. Vers 88 steht im E-Text ohne Nummer vor seiner Erklärung; die Nummer erscheint erst an deren Ende. Die unnummerierten Verse 23, 132 und 157 erhalten ihre aus dem Zusammenhang eindeutigen Nummern. Zeilenumbrüche und Versschlusszeichen sind vereinheitlicht; die Wortfolge bleibt erhalten. Wo sich ein Sanskritsatz über mehrere Verse erstreckt, ergänzen eckige Klammern in der deutschen Übersetzung den für das Verständnis nötigen Bezug. Solche Ergänzungen sind keine zusätzlichen Sanskritwörter.

Einzelne Lesefragen

  • Vers 1: Der Anfang des zweiten Druckzeilenabschnitts enthält ein eingeschobenes Apostrophzeichen. Der Vers arbeitet mit doppelten Bezügen auf Narasimha und den Guru; die deutsche Fassung gibt den erkennbaren Hauptsinn wieder.
  • Vers 7: Die leeren Klammern vor spaṣṭam haben keinen eigenständigen übersetzbaren Sinn.
  • Vers 31: Der Eigenkommentar bezieht sārdhāḥ erneut auf die acht Einheiten des dritten Abschnitts: 10 + 10½ + 8½ − ein Lava = 29 − ein Lava. Eine bloße Addition von 10 + 10½ + 8 würde die Erklärung verfehlen.
  • Vers 36: Das abschließende rayuḥ ist gestört. Der klare Aussagekern über die drei Dreiergruppen wird übersetzt; für dieses Wort wird kein neuer Sinn erfunden.
  • Verse 53, 72, 79 und 133: Die Übersetzung versteht goroḥ als guroḥ, ahaṃ tāmayaṃ als ahantāmayaṃ, itrabhiḥ als tribhiḥ und samāsayāgāt sinngemäß als samāsayogāt. Die Vorlage bleibt im Sanskrit erkennbar.
  • Vers 73: Die knappe Zuordnung der beiden Laute bleibt in ihrer Positionsangabe erklärungsbedürftig. Die ausdrückliche Schlussaussage zur Einheit von Mutter, Mantra und Welt ist davon nicht betroffen.
  • Verse 86 und 104: Einzelne Schreibungen der Yogini-Anfänge beziehungsweise des Muladhara-Kompositums sind unsicher. Die bekannten Bezugsgrößen ergeben sich aus dem unmittelbaren Kontext und dem Eigenkommentar.
  • Vers 113: Die große Zahl ist keine redaktionelle Hochrechnung; der Eigenkommentar schreibt sie ausdrücklich als 32,768,000,000,000,000,000 aus.
  • Verse 121–142: Die oft ungewöhnlichen Wortableitungen gehören zur Deutungsmethode des Autors. Sie werden als solche wiedergegeben und nicht als allgemeinsprachlich zwingende Etymologien präsentiert.
  • Vers 165: Der drastische Tochtervergleich wird in seinem historischen Sinn erläutert. Die daraus abgeleitete heutige Praxisanregung betrifft tragfähige Unterweisung und eigenständige Unterscheidungskraft.
  • Vers 167: Die gestörte Lesung gūcarṇaikasahāyo wird vorsichtig als Hinweis auf die Guru-Füße verstanden; eine gesicherte Textemendation wird damit nicht behauptet.

Die Abbildungen und die vier über den Artikel verteilten Videos stammen aus der für das Projekt bereitgestellten Medienauswahl. Sie begleiten die Themen des Artikels; sie sind keine historischen Abbildungen aus der Sanskritausgabe und keine versweise Kommentierung des Varivasyarahasya.