Setubandha Sanskrit Auswahl

Aus Yogawiki

Setubandha Sanskrit Auswahl bietet 54 ausgewählte Passagen aus dem Setubandha von Bhāskararāya: Grundverse des Nityāṣoḍaśikārṇava, charakteristische Erläuterungen des Kommentators, einen Vers des vorgeschalteten Mātṛkā-Lobpreises und ausdrücklich gekennzeichnete Zitate innerhalb des Kommentars. Die Stellen führen von Guru-Hingabe und Bhakti über Mantra und Śrīcakra zur inneren Verehrung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Wissen zu gelebter Erkenntnis werden kann.

Tripurasundari: Die Texte erschließen die Einheit von göttlicher Gestalt, Mantra und Bewusstsein.

Hauptartikel: Setubandha

Lies die Auswahl langsam. Eine einzige Stelle kann das eigene Studium und die Meditation bereichern, wenn du ihre Worte, ihren Zusammenhang und ihre innere Frage auf dich wirken lässt. Die Erläuterungen unterscheiden den ursprünglichen Sinn von einer möglichen heutigen Annäherung. Komplexe Mantra- und Ritualpassagen werden nicht zu einer frei zusammengesetzten Selbstpraxis erweitert.

Ein Zugang für deine Lektüre

Du kannst mit der deutschen Übersetzung beginnen und anschließend die Erläuterung lesen. IAST und Devanagari ermöglichen das Studium des Sanskrittextes. Bei jeder Stelle ist angegeben, ob sie zum Tantra-Grundtext, zu Bhāskararāyas Erklärung oder zu einer von ihm zitierten Schrift gehört. Die Nummern 1–54 dienen dieser Auswahl; die ursprünglichen Fundstellen stehen jeweils darunter.

Für einen ersten Zugang bieten sich vier Lesewege an:

  • Hingabe und Erkenntnis verbinden: Beginne mit Passage 4 und Passage 7. Beide zeigen, wie Lernen und Liebe zusammenwirken.
  • Freude und Bewusstsein betrachten: Lies Passage 23 und die anschließende Erklärung. Was meint eine Freude, die im Wesen des Bewusstseins liegt?
  • Die eigene Praxis vertiefen: Passage 20 spricht von Beständigkeit, Passage 49 von einer äußeren Form, deren innerer Sinn wachsen kann.
  • Verehrung in den Alltag hinein verstehen: Passage 48 und Passage 53 führen zur Frage nach der göttlichen Gegenwart in allem Erleben.

Eine ausführliche Einführung und den Zusammenhang der acht Viśrāmas findest du im Hauptartikel zum Setubandha.

Ausgewählte Passagen mit Übersetzung

1. Die beiden Teile gemeinsam erschließen

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Eingangsstrophe 2.

IAST:

vāmakeśvaratantrasthe nityāṣoḍaśikārṇave |
pūrvottaracatuḥśatyau vyācaṣṭe bhāskaraḥ sudhīḥ || 2 ||

Devanagari:

वामकेश्वरतन्त्रस्थे नित्याषोडशिकार्णवे |
पूर्वोत्तरचतुःशत्यौ व्याचष्टे भास्करः सुधीः || २ ||

Deutsche Übersetzung:

Der verständige Bhāskara erklärt die vordere und hintere Catuḥśatī im Nityāṣoḍaśikārṇava, das zum Vāmakeśvara-Tantra gehört.

Erläuterung:

Die Autorstrophe belegt die Textidentität und den Umfang des Kommentierungsanspruchs. Die beiden Teile werden als ein zusammengehöriges Werk gelesen.

2. Eine Brücke aus Guru-Hingabe

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Eingangsstrophe 4.

IAST:

yadyapyevamathāpi tu pūrvācāryaiḥ pradarśitaṃ setum |
dṛḍhabandhairuddhartuṃ gurubhaktyaiva pravartito'smi balāt || 4 ||

Devanagari:

यद्यप्येवमथापि तु पूर्वाचार्यैः प्रदर्शितं सेतुम् |
दृढबन्धैरुद्धर्तुं गुरुभक्त्यैव प्रवर्तितोऽस्मि बलात् || ४ ||

Deutsche Übersetzung:

Obwohl es sich so verhält, bin ich doch allein durch die Hingabe an den Guru mit Macht dazu bewegt worden, die von früheren Lehrern gezeigte Brücke durch feste Verbindungen zu stärken.

Erläuterung:

Bhāskararāya hatte zuvor die Schwierigkeit des Tantra betont. Sein Kommentar setzt die Arbeit früherer Lehrer fort. Die Brücke entsteht aus empfangener Unterweisung und eigener sorgfältiger Auslegung.

3. Acht Rastplätze auf dem Weg

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Eingangsstrophe 5.

IAST:

nityāṣoḍaśikāmbhodheḥ paraṃ pāraṃ yiyāsavaḥ |
viśrāmairaṣṭabhiryuktaṃ setubandhaṃ bhajantvimam || 5 ||

Devanagari:

नित्याषोडशिकाम्भोधेः परं पारं यियासवः |
विश्रामैरष्टभिर्युक्तं सेतुबन्धं भजन्त्विमम् || ५ ||

Deutsche Übersetzung:

Wer das jenseitige Ufer des Ozeans der Nityāṣoḍaśī erreichen möchte, möge sich diesem Brückenbau mit seinen acht Rastplätzen anvertrauen.

Erläuterung:

Das Bild gibt dem Titel seinen spirituellen Sinn. Viśrāma bezeichnet zugleich einen Abschnitt des Kommentars und eine Rast, die den weiteren Weg ermöglicht.

4. Wissen und unmittelbare Erfahrung

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Einleitung, Druckseite 3.

IAST:

brahmajñānaṃ ca dvividhaṃ śābdamaparokṣānubhavarūpaṃ ca |

Devanagari:

ब्रह्मज्ञानं च द्विविधं शाब्दमपरोक्षानुभवरूपं च |

Deutsche Übersetzung:

Die Erkenntnis des Brahman ist zweifach: durch Worte vermittelt und als unmittelbare Erfahrung.

Erläuterung:

Diese Unterscheidung eröffnet den Weg der Vertiefung. Ein verstandener Satz ist wertvoll; seine Wahrheit soll aber auch unmittelbar erkannt werden.

5. Schrift, Lehrerwort und eigene Gewissheit

Zitat innerhalb von Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Einleitung, Druckseite 3; angeführter Vers.

IAST:

śāstradṛṣṭirgurorvākyaṃ tṛtīyaḥ svātmaniścayaḥ |
antargataṃ tamaśchettuṃ śābdo bodhonahi kṣamaḥ ||

Devanagari:

शास्त्रदृष्टिर्गुरोर्वाक्यं तृतीयः स्वात्मनिश्चयः |
अन्तर्गतं तमश्छेत्तुं शाब्दो बोधोनहि क्षमः ||

Deutsche Übersetzung:

Die Sicht der Schrift, das Wort des Gurus und als Drittes die Gewissheit über das eigene Selbst: Bloß durch Worte vermitteltes Verstehen vermag die innere Dunkelheit nicht zu durchtrennen.

Erläuterung:

Der Kommentar führt diesen Vers als Beleg an; er ist kein Grundvers des Tantra. Die Schreibung „bodhonahi“ wird sinngemäß als „bodho na hi“ verstanden.

6. Hingabe als eigene Wegstufe

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Einleitung, Druckseite 3.

IAST:

saptabhūmikāntargatadvitīyatṛtīyayośca madhye bhaktirūpaikā mahatī bhūmikā tadupayogitvena bhaktimīmāṃsādhyayanam | bhaktiśca pañcamabhūmikāntamanuvartate |

Devanagari:

सप्तभूमिकान्तर्गतद्वितीयतृतीययोश्च मध्ये भक्तिरूपैका महती भूमिका तदुपयोगित्वेन भक्तिमीमांसाध्ययनम् | भक्तिश्च पञ्चमभूमिकान्तमनुवर्तते |

Deutsche Übersetzung:

Zwischen der zweiten und dritten der sieben Stufen liegt eine bedeutende Stufe in Gestalt der Hingabe; ihr dient das Studium der Untersuchung über Bhakti. Die Hingabe begleitet den Weg bis zum Ende der fünften Stufe.

Erläuterung:

Bhāskararāya fügt Bhakti ausdrücklich in seine Darstellung des Erkenntnisweges ein. Die Zählung gehört zu diesem konkreten Auslegungsgang und ist nicht unbesehen auf jede Darstellung der sieben Bhūmikās zu übertragen.

7. Geübte und höhere Hingabe

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Einleitung, Druckseite 4.

IAST:

sā ca bhaktirdvividhā - gauṇī parā ceti | tatrā'dyā saguṇasya brahmaṇo dhyānārcanajapanāmakīrtanādirupā saṃbhavatsamuccayikā | parabhaktistvetajjanyānurāgaviśeṣarūpā |

Devanagari:

सा च भक्तिर्द्विविधा - गौणी परा चेति | तत्राऽद्या सगुणस्य ब्रह्मणो ध्यानार्चनजपनामकीर्तनादिरुपा संभवत्समुच्चयिका | परभक्तिस्त्वेतज्जन्यानुरागविशेषरूपा |

Deutsche Übersetzung:

Diese Hingabe ist zweifach: vorbereitend und höher. Die erste besteht in Meditation, Verehrung, Japa, Singen der Namen und ähnlichen Übungen für das mit Eigenschaften erscheinende Brahman; soweit möglich, werden diese miteinander verbunden. Die höhere Hingabe besteht in der besonderen Liebe, die daraus hervorgeht.

Erläuterung:

Gauṇī wird hier funktional als „vorbereitend“ übersetzt. Die geübten Formen sind nicht wertlos: Sie nähren die Liebe, in der die Praxis innerlich reift.

8. Äußere und innere Verehrung

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Einleitung, Druckseite 6.

IAST:

sundaryupāstistāvaddvividhā | bahiryāgāntaryāgabhedāt | antaryāgo'pi trividhaḥ - sakalaḥ sakalaniṣkalo niṣkalaśceti | tenaitāścatasro bhūmikāḥ |

Devanagari:

सुन्दर्युपास्तिस्तावद्द्विविधा | बहिर्यागान्तर्यागभेदात् | अन्तर्यागोऽपि त्रिविधः - सकलः सकलनिष्कलो निष्कलश्चेति | तेनैताश्चतस्रो भूमिकाः |

Deutsche Übersetzung:

Die Verehrung Sundarīs ist zunächst zweifach, entsprechend dem Unterschied zwischen äußerer und innerer Verehrung. Auch die innere Verehrung ist dreifach: mit Teilen, mit und ohne Teile sowie ohne Teile. So ergeben sich diese vier Stufen.

Erläuterung:

Die drei inneren Formen heißen sakala, sakala-niṣkala und niṣkala. Zusammen mit der äußeren Verehrung bilden sie hier vier Stufen; die Begriffe werden im sechsten Viśrāma weiter erläutert.

9. Das Ungeteilte jenseits der drei Zugänge

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Einleitung zum Mātṛkā-Lobpreis, Druckseite 9.

IAST:

etatritayātītaṃ tu vāṅmanasātītaṃ muktairahaṃtayā'nubhūyamānamakhaṇḍaṃ rūpam |

Devanagari:

एतत्रितयातीतं तु वाङ्मनसातीतं मुक्तैरहंतयाऽनुभूयमानमखण्डं रूपम् |

Deutsche Übersetzung:

Jenseits dieser Dreiheit liegt die ungeteilte Gestalt, die Sprache und Denken übersteigt und von Befreiten als das eigene Ich erfahren wird.

Erläuterung:

Die Dreiheit sind die gestaltete, die mantrische und die innere betrachtende Annäherung an die Göttin. Das höchste Ich meint hier nicht die begrenzte Persönlichkeit.

10. Die Göttin als Mutter der Laute

Vorgeschalteter Mātṛkā-Lobpreis: Vorgeschalteter Lobpreis, Strophe 1; kommentiert in Viśrāma 1.

IAST:

gaṇeśagrahanakṣatrayoginīrāśirūpiṇīm |
devīṃ mantramayīṃ naumi mātṛkāṃ pīṭharūpiṇīm || 1 ||

Devanagari:

गणेशग्रहनक्षत्रयोगिनीराशिरूपिणीम् |
देवीं मन्त्रमयीं नौमि मातृकां पीठरूपिणीम् || १ ||

Deutsche Übersetzung:

Ich preise die Göttin, die Mātṛkā, deren Wesen Mantra ist, die in Gestalt der Gaṇeśas, Planeten, Mondhäuser, Yoginīs und Tierkreiszeichen sowie der heiligen Sitze erscheint.

Erläuterung:

Bhāskararāya grenzt den zwölfstrophigen Lobpreis vom eigentlichen Tantra ab. Die vielen Entsprechungen werden in der einen göttlichen Lautmatrix zusammengefasst.

11. Laut, Kraft und Shiva

Zitat innerhalb von Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Kommentar zum Lobpreis 11; angeführter Vers.

IAST:

sarve varṇātmakā mantrāste ca śaktyātmakāḥ priye |
śaktistu mātṛkā jñeyā sā ca jñeyā śivātmikā ||

Devanagari:

सर्वे वर्णात्मका मन्त्रास्ते च शक्त्यात्मकाः प्रिये |
शक्तिस्तु मातृका ज्ञेया सा च ज्ञेया शिवात्मिका ||

Deutsche Übersetzung:

Alle Mantras bestehen aus Lauten, Geliebte, und diese haben Śakti zum Wesen. Śakti ist als Mātṛkā zu erkennen, und diese wiederum ist als śiva-wesenhaft zu erkennen.

Erläuterung:

Die Stelle wird im Kommentar zitiert und nicht als eigenständiger Grundvers ausgegeben. Sie verbindet die Vielheit der Laute mit der Einheit von Bewusstsein und Kraft.

12. Durch die Gestalt zum Gestaltlosen

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Kommentar zum Lobpreis 12, Druckseite 23.

IAST:

tenāsminstotre saguṇadvārā nirguṇa brahmaiva stutamiti dhvanitam |

Devanagari:

तेनास्मिन्स्तोत्रे सगुणद्वारा निर्गुण ब्रह्मैव स्तुतमिति ध्वनितम् |

Deutsche Übersetzung:

Damit ist angedeutet, dass in diesem Lobpreis durch das mit Eigenschaften Erscheinende gerade das eigenschaftslose Brahman gepriesen wird.

Erläuterung:

Die Verehrung einer göttlichen Gestalt kann über die Bindung an Gestalt hinausführen. Die elektronische Lesung „nirguṇa brahma“ ist grammatisch auffällig; der gemeinte Zusammenhang ist eindeutig.

13. Das Sri Chakra in neun Bereichen

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 1, Zählmarken 43–46, zusammenhängender Abschnitt.

IAST:

madhyaṃ tryasraṃ tathā'ṣṭāraṃ dve daśāre caturdaśa || 43 ||
tadbāhyato'ṣṭapatraṃ ca ṣoḍaśāraṃ mahīpuram |
sarvānandamayaṃ cā'dau sarvasiddhipradaṃ param || 44 ||
sarvarogaharaṃ cānyat sarvarakṣākaraṃ tathā |
sarvārthasādhakaṃ cakraṃ sarvasaubhāgyadāyakam || 45 ||
sarvasaṃkṣomaṇaṃ cānyat sarvāśāparipūrakam |
trailokyamohanaṃ ceti navadhā navabhirbhavet || 46 ||

Devanagari:

मध्यं त्र्यस्रं तथाऽष्टारं द्वे दशारे चतुर्दश || ४३ ||
तद्बाह्यतोऽष्टपत्रं च षोडशारं महीपुरम् |
सर्वानन्दमयं चाऽदौ सर्वसिद्धिप्रदं परम् || ४४ ||
सर्वरोगहरं चान्यत् सर्वरक्षाकरं तथा |
सर्वार्थसाधकं चक्रं सर्वसौभाग्यदायकम् || ४५ ||
सर्वसंक्षोमणं चान्यत् सर्वाशापरिपूरकम् |
त्रैलोक्यमोहनं चेति नवधा नवभिर्भवेत् || ४६ ||

Deutsche Übersetzung:

Der Mittelpunkt, das Dreieck, der Achtspitz, die beiden Zehnerkränze und der Vierzehnerkranz; außerhalb davon der achtblättrige Lotus, der sechzehnteilige Lotus und die Erdenumfriedung. Zuerst steht das ganz von Freude erfüllte Cakra, danach das alle Vollendungen verleihende; ferner das alle Krankheiten beseitigende, das umfassenden Schutz bewirkende, das alle Ziele verwirklichende und das alles Glückverheißende schenkende; weiterhin das alles erschütternde, das alle Wünsche erfüllende und das die drei Welten bezaubernde. So ist es durch neun Bereiche neunfach.

Erläuterung:

Die Reihenfolge führt von innen nach außen. Die Namen bezeichnen rituelle Funktionen, keine medizinischen Wirkungszusagen. Die elektronische Fassung schreibt „saṃkṣomaṇa“; gemeint ist die in diesem Zusammenhang übliche Bezeichnung Saṃkṣobhaṇa. Die örtliche Nummerierung teilt die Sätze nicht durchgehend an ihren inhaltlichen Grenzen.

14. Ein Cakra mit neun Teilbereichen

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 1, Kommentar zu 1.43–46.

IAST:

ityevaṃprakāreṇaikaṃ cakraṃ navabhiravāntaracakrairnavavidhaṃ bhavedityarthaḥ | ete'dhyuṣṭaślokāḥ kvaciṭṭīkāyāṃ na dṛśyante pustakeṣu tūpalabhyante || 43 || 44 || 45 || 46 ||

Devanagari:

इत्येवंप्रकारेणैकं चक्रं नवभिरवान्तरचक्रैर्नवविधं भवेदित्यर्थः | एतेऽध्युष्टश्लोकाः क्वचिट्टीकायां न दृश्यन्ते पुस्तकेषु तूपलभ्यन्ते || ४३ || ४४ || ४५ || ४६ ||

Deutsche Übersetzung:

Der Sinn ist: Das eine Cakra ist durch seine neun Teilbereiche neunfach gegliedert. Diese dreieinhalb Strophen fehlen in einem Kommentar, sind jedoch in den Textzeugen vorhanden.

Erläuterung:

Bhāskararāya erläutert die Einheit des Cakra und vermerkt zugleich einen Unterschied der Textüberlieferung. Auch eine spirituelle Auslegung kann Lesarten und unterschiedliche Textbestände ernst nehmen.

Das Śrīcakra wird als Einheit von neun Bereichen und als Ausdruck des höchsten Lichtes betrachtet.

15. Der Übergang zur inneren Lehre

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 5, Schlusskommentar zu 5.44.

IAST:

evaṃ catuścatvāriṃśatā ślokairmantrasādhanasyaiva prakāro bāhya āntaraśca saṃkṣipyoktaḥ | ita uttaro granthasaṃdarbhantu prāyeṇā'ntaraikaviṣayako bhaviṣyatīti sarvaṃ śivam || 44 ||

Devanagari:

एवं चतुश्चत्वारिंशता श्लोकैर्मन्त्रसाधनस्यैव प्रकारो बाह्य आन्तरश्च संक्षिप्योक्तः | इत उत्तरो ग्रन्थसंदर्भन्तु प्रायेणाऽन्तरैकविषयको भविष्यतीति सर्वं शिवम् || ४४ ||

Deutsche Übersetzung:

So ist in vierundvierzig Strophen die äußere und innere Weise der Mantra-Sādhana zusammenfassend dargestellt worden. Der nun folgende Textzusammenhang wird sich jedoch überwiegend allein mit dem Inneren befassen. So ist alles Śiva.

Erläuterung:

Die Stelle bezeichnet ausdrücklich die große Wende des Werkes. Die folgenden drei Viśrāmas entfalten den inneren Sinn von Cakra, Mantra und Pūjā.

16. Das Herz der Yogini

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Zählmarke 2 und anschließender Halbvers.

IAST:

śṛṇu devi mahāguhyaṃ yoginīhṛdayaṃ param || 2 ||
tvatprītyā kathayāmyadya gopitavyaṃ viśeṣataḥ |

Devanagari:

शृणु देवि महागुह्यं योगिनीहृदयं परम् || २ ||
त्वत्प्रीत्या कथयाम्यद्य गोपितव्यं विशेषतः |

Deutsche Übersetzung:

Höre, Göttin, das höchste, tief verborgene Yoginīhṛdaya. Aus Liebe zu dir erkläre ich es heute; es ist besonders zu bewahren.

Erläuterung:

Der Titel wird zugleich als „Herz der Yoginī“ verstanden. Die Weitergabe erfolgt im Grundtext als liebevoller Dialog, dessen Inhalt besondere Reife voraussetzt.

17. Was das Verborgene bedeutet

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 6, Kommentar zu 6.2.

IAST:

guhāyāṃ bhavaṃ guhyaṃ jīvātmaparamātmanoraikyam |

Devanagari:

गुहायां भवं गुह्यं जीवात्मपरमात्मनोरैक्यम् |

Deutsche Übersetzung:

Das Verborgene liegt in der inneren Höhle: Es ist die Einheit des individuellen mit dem höchsten Selbst.

Erläuterung:

Die „innere Höhle“ weist auf die Tiefe des eigenen Seins. Bhāskararāya versteht das Geheimnis als Selbsterkenntnis: Jīvātman, das individuelle Selbst, und Paramātman, das höchste Selbst, werden in ihrer Einheit erkannt.

18. Das Cakra entsteht aus dem Sich-Offenbaren der Shakti

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Zählmarke 9 und anschließender Halbvers.

IAST:

yadā sā paramā śaktiḥ svecchayā viśvarūpiṇī || 9 ||
sphurattāmātmanaḥ paśyettadā cakrasya saṃbhavaḥ ||

Devanagari:

यदा सा परमा शक्तिः स्वेच्छया विश्वरूपिणी || ९ ||
स्फुरत्तामात्मनः पश्येत्तदा चक्रस्य संभवः ||

Deutsche Übersetzung:

Wenn jene höchste Śakti, die die Gestalt des Alls besitzt, aus freiem Willen ihr eigenes lebendiges Aufleuchten schaut, dann entsteht das Cakra.

Erläuterung:

Sphurattā bezeichnet das lebendige Sich-Zeigen. Die Gestalt des Cakra wird aus der Selbstoffenbarung der Göttin verstanden.

19. Bindu und Dreieck als Bewusstsein

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 6, Kommentar zu 6.19–21.

IAST:

antaḥśabdena bindurityucyate | sa ca trikoṇaṃ cetyetaddvayaṃ cidrūpam | bindutrikoṇayorabhedasya pūrvaṃ jñāpitatvāt |

Devanagari:

अन्तःशब्देन बिन्दुरित्युच्यते | स च त्रिकोणं चेत्येतद्द्वयं चिद्रूपम् | बिन्दुत्रिकोणयोरभेदस्य पूर्वं ज्ञापितत्वात् |

Deutsche Übersetzung:

Mit dem Wort „innen“ wird der Bindu bezeichnet. Er und das Dreieck – diese beiden – haben Bewusstsein zum Wesen, denn die Nichtverschiedenheit von Bindu und Dreieck ist bereits zuvor angezeigt worden.

Erläuterung:

Dies ist eine bestimmte innere Deutung. Das Zeichen wird nicht nur räumlich betrachtet; sein geistiger Gehalt steht im Mittelpunkt.

20. Eine passende Betrachtung beständig üben

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 6, Kommentar zu 6.23–24.

IAST:

etāsu catasṛṣu vāsanāsu śiṣyāya yathādhikāramekaikāṃ vāsanāmupadiśet | sa ca tathaiva bhāvayet, natu vāsanāntarasāṃkaryaṃ kuryāt | ato vyavasthito vikalpaḥ |

Devanagari:

एतासु चतसृषु वासनासु शिष्याय यथाधिकारमेकैकां वासनामुपदिशेत् | स च तथैव भावयेत्, नतु वासनान्तरसांकर्यं कुर्यात् | अतो व्यवस्थितो विकल्पः |

Deutsche Übersetzung:

Unter diesen vier inneren Deutungen soll dem Schüler jeweils eine entsprechend seiner Eignung vermittelt werden. Er soll sie genau so vergegenwärtigen und sie nicht mit einer anderen inneren Deutung vermischen. Deshalb liegt eine geregelte Wahl zwischen Möglichkeiten vor.

Erläuterung:

Vāsanā bezeichnet hier die Bedeutung, die in der Betrachtung lebendig werden soll. Eine passende Übung erhält Zeit, sich zu vertiefen. Für das eigene Lernen lässt sich daraus mitnehmen: Beständigkeit kann fruchtbarer sein als ein ständiger Wechsel der Methode.

21. Sakala, Sakala-nishkala und Nishkala

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Zählmarke 27 und anschließender Halbvers.

IAST:

ājñāntaṃ sakalaṃ proktaṃ tataḥ sakalaniṣkalam || 27 ||
unmanyante pare sthāne niṣkalaṃ ca tridhā sthitam |

Devanagari:

आज्ञान्तं सकलं प्रोक्तं ततः सकलनिष्कलम् || २७ ||
उन्मन्यन्ते परे स्थाने निष्कलं च त्रिधा स्थितम् |

Deutsche Übersetzung:

Bis zur Ājñā wird die Betrachtung „mit Teilen“ genannt, von dort an „mit und ohne Teile“; am Ende der Unmanī, am höchsten Ort, „ohne Teile“. So besteht sie dreifach.

Erläuterung:

Die Übersetzung ergänzt „Betrachtung“ aus dem Zusammenhang. Bhāskararāya erläutert genaue innere Orte und verschiedene überlieferte Lesarten; es handelt sich nicht bloß um drei beliebige Entspannungsgrade.

22. Die vier Zustände als Mantrabedeutung

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Zählmarke 48 und anschließender Halbvers.

IAST:

bījatritayayuktasya sakalasya manoḥ punaḥ |
etāni vācyarūpāṇi kulakaulamayāni tu || 48 ||
jāgratsvapnasuṣuptyākhyaturyarūpāṇyamūni tu |

Devanagari:

बीजत्रितययुक्तस्य सकलस्य मनोः पुनः |
एतानि वाच्यरूपाणि कुलकौलमयानि तु || ४८ ||
जाग्रत्स्वप्नसुषुप्त्याख्यतुर्यरूपाण्यमूनि तु |

Deutsche Übersetzung:

Diese sind wiederum die bezeichneten Gestalten des vollständigen, mit drei Bījas verbundenen Mantra; sie sind von Kula und Kaula erfüllt. Es sind die Gestalten, die Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turīya heißen.

Erläuterung:

„Diese“ verweist auf die zuvor beschriebenen vier Liṅgas. Der Kommentar versteht den vollständigen Mantra hier als Pañcadaśī und die drei Bījas im Zusammenhang der drei Kūṭas.

23. Bewusstsein und natürliche Freude

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Zählmarken 49–50.

IAST:

atītaṃ tu paraṃ tejaḥ svasaṃvidudayātmakam || 49 ||
svecchāviśvamayollekhakhacitaṃ viśvarūpakam |
caitanyamātmano rūpaṃ nisargānandasundaram || 50 ||

Devanagari:

अतीतं तु परं तेजः स्वसंविदुदयात्मकम् || ४९ ||
स्वेच्छाविश्वमयोल्लेखखचितं विश्वरूपकम् |
चैतन्यमात्मनो रूपं निसर्गानन्दसुन्दरम् || ५० ||

Deutsche Übersetzung:

Das darüber hinausreichende höchste Licht leuchtet als eigenes Bewusstsein auf. Aus freiem Willen trägt es das Bild des ganzen Alls in sich und nimmt dessen Gestalt an. Bewusstsein ist die Natur des Selbst, schön durch seine natürliche Freude.

Erläuterung:

„Darüber hinaus“ bezieht Bhāskararāya auf den zuvor behandelten Bindu. Die Stelle verbindet das aus sich selbst leuchtende Bewusstsein mit der Erscheinung der Welt und natürlicher Freude. Als heutige Leseanregung kannst du beim letzten Satz verweilen und ihn in deiner Meditation nachklingen lassen.

24. Freude, die nicht vom Gegenstand abhängt

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 6, Kommentar zu 6.49–50.

IAST:

viśvarūpakaṃ sarvātmakaṃ caitanyamātmano rūpaṃ caitanyamātmeti śivasūtre prasiddhaṃ rūpaṃ nisargānandaḥ svābhāvikānando natu viṣayasaṃparkoditaḥ | tena sundaraṃ ramaṇīyam || 49 || 50 ||

Devanagari:

विश्वरूपकं सर्वात्मकं चैतन्यमात्मनो रूपं चैतन्यमात्मेति शिवसूत्रे प्रसिद्धं रूपं निसर्गानन्दः स्वाभाविकानन्दो नतु विषयसंपर्कोदितः | तेन सुन्दरं रमणीयम् || ४९ || ५० ||

Deutsche Übersetzung:

„Von der Gestalt des Alls“ bedeutet: alles zum Wesen habend. Bewusstsein ist die Natur des Selbst; so ist es aus dem Śivasūtra „Bewusstsein ist das Selbst“ bekannt. „Natürliche Freude“ bedeutet wesenseigene Freude. Sie entsteht nicht erst durch den Kontakt mit Gegenständen. Durch sie ist es schön und lieblich.

Erläuterung:

Hier erläutert der Kommentator die vorangehenden Grundverse. Das ist ein wichtiger Unterschied: Angenehme Erfahrung kann wechseln; die gesuchte Freude wird auf das Wesen des Bewusstseins bezogen.

25. Die Einheit entfaltet sich als Erkennen

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Vers 51.

IAST:

meyamātṛpramāmānaprasaraiḥ saṃkucatprabham |
śṛṅgāṭarūpamāpannamicchājñānakriyātmakam || 51 ||

Devanagari:

मेयमातृप्रमामानप्रसरैः संकुचत्प्रभम् |
शृङ्गाटरूपमापन्नमिच्छाज्ञानक्रियात्मकम् || ५१ ||

Deutsche Übersetzung:

Sein Leuchten zieht sich in den Entfaltungen als Erkanntes, Erkennender, Erkenntnis und Erkenntnismittel zusammen. Es nimmt die Gestalt des Dreiecks an und hat Wollen, Erkennen und Handeln zum Wesen.

Erläuterung:

Die Beziehungen des Erkennens werden als gegliederte Erscheinung des einen Lichtes verstanden. Die Übersetzung von śṛṅgāṭa als Dreieck folgt der ausdrücklichen Erklärung des Kommentars.

26. Die Göttin im Schoß Kameshvaras

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Vers 52.

IAST:

viśvākāraprathādhāranijarūpaśivāśrayam |
kāmeśvarāṅkaparyaṅkaniviṣṭamatisundaram || 52 ||

Devanagari:

विश्वाकारप्रथाधारनिजरूपशिवाश्रयम् |
कामेश्वराङ्कपर्यङ्कनिविष्टमतिसुन्दरम् || ५२ ||

Deutsche Übersetzung:

Es ruht auf Śiva als seiner eigenen Natur, dem Grund der Entfaltung in Gestalt des Alls; überaus schön sitzt es auf dem Lager, das Kāmeśvaras Schoß bildet.

Erläuterung:

Das sächliche „es“ setzt das höchste Licht der vorangehenden Verse fort. Die Gestalt der Göttin auf Kāmeśvaras Schoß wird als Aussage über die Einheit von Bewusstsein und Kraft ausgelegt.

27. Die Attribute als Kräfte des Bewusstseins

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Vers 53.

IAST:

icchāśaktimayaṃ pāśamaṅkuśaṃ jñānarūpiṇam |
kriyāśaktimaye bāṇadhanuṣī dadhadujjvalam || 53 ||

Devanagari:

इच्छाशक्तिमयं पाशमङ्कुशं ज्ञानरूपिणम् |
क्रियाशक्तिमये बाणधनुषी दधदुज्ज्वलम् || ५३ ||

Deutsche Übersetzung:

Leuchtend trägt es die Schlinge aus Willenskraft, den Haken in Gestalt der Erkenntnis sowie Pfeile und Bogen aus Handlungskraft.

Erläuterung:

Die Attribute Tripurasundarīs erschließen die drei Kräfte Icchā, Jñāna und Kriyā. Der Kommentar setzt diese Deutung zu weiteren überlieferten Erklärungen in Beziehung.

28. Das Cakra als Leib des höchsten Lichtes

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 6, Vers 55.

IAST:

evaṃrūpaṃ paraṃ tejaḥ śrīcakravapuṣā sthitam |
tadīyaśaktinikarasphuradūrmisamāvṛtam || 55 ||

Devanagari:

एवंरूपं परं तेजः श्रीचक्रवपुषा स्थितम् |
तदीयशक्तिनिकरस्फुरदूर्मिसमावृतम् || ५५ ||

Deutsche Übersetzung:

So steht das höchste Licht in der Gestalt des Śrīcakra da, umgeben von den aufleuchtenden Wellen seiner eigenen Kräfte.

Erläuterung:

Die vielen Kräfte gehören zum einen Licht. Das Śrīcakra erscheint als dessen Leib. Diese Sicht lädt dazu ein, die einzelnen Formen aufmerksam zu betrachten und dabei ihren gemeinsamen Grund im Blick zu behalten.

29. Erkenntnis des Cakra und Befreiung

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 6, Schlusskommentar zu 6.86.

IAST:

etatsaṃketajñānaphalaṃ jīvanmuktiriti sarvaṃ śivam || 86 ||

Devanagari:

एतत्संकेतज्ञानफलं जीवन्मुक्तिरिति सर्वं शिवम् || ८६ ||

Deutsche Übersetzung:

Die Frucht der Erkenntnis dieses verborgenen Sinnes ist Befreiung zu Lebzeiten. So ist alles Śiva.

Erläuterung:

Die Stelle nennt ausdrücklich das Ziel der inneren Cakra-Auslegung. Saṃketa ist hier der erschlossene Sinnzusammenhang, nicht lediglich ein auswendig gelerntes Zeichensystem.

Die folgende Einführung zum Śrīyantra ergänzt die Lektüre; sie kommentiert nicht die einzelnen Sanskritstellen.

30. Die göttliche Mantrabedeutung

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Vers 1.

IAST:

mantrasaṃketakaṃ divyamadhunā kathayāmi te |
yadvettā tripurākāro vīracakreśvaro bhavet || 1 ||

Devanagari:

मन्त्रसंकेतकं दिव्यमधुना कथयामि ते |
यद्वेत्ता त्रिपुराकारो वीरचक्रेश्वरो भवेत् || १ ||

Deutsche Übersetzung:

Nun erkläre ich dir den göttlichen verborgenen Sinn des Mantra. Wer ihn erkennt, nimmt Tripurās Gestalt an und wird zum Herrn des Kreises der Vīras.

Erläuterung:

Der Kommentar deutet das Annehmen von Tripurās Gestalt auf Befreiung hin. Vīra bezeichnet hier einen tantrischen Verehrer, nicht einen weltlichen Eroberer.

31. Ein Mantra in neun Formen

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 7, Einführung zu 7.2–4.

IAST:

eka eva mantro navacakreśvarīrūpopādhibhedānnavadhā jātaḥ | te ca mantrāḥ prathamapaṭala evoddhṛtāstānnāmamātreṇoddiśati -

Devanagari:

एक एव मन्त्रो नवचक्रेश्वरीरूपोपाधिभेदान्नवधा जातः | ते च मन्त्राः प्रथमपटल एवोद्धृतास्तान्नाममात्रेणोद्दिशति -

Deutsche Übersetzung:

Ein und derselbe Mantra hat durch die neun Cakra-Herrscherinnen neun verschiedene Formen angenommen. Die Mantras sind bereits im ersten Kapitel erschlossen worden; hier werden nur ihre Namen genannt.

Erläuterung:

Der Kommentar unterscheidet zwischen dem Nennen einer Bezeichnung und dem Ausschreiben einer Formel. Das schützt davor, aus jedem Namen einen frei zusammengestellten Mantra zu machen.

32. Bedeutung wird durch Überlieferung erschlossen

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Vers 14.

IAST:

mantrasaṃketakastasyā nānākāro vyavasthitaḥ |
nānāmantrakrameṇaiva pāramparyeṇa labhyate || 14 ||

Devanagari:

मन्त्रसंकेतकस्तस्या नानाकारो व्यवस्थितः |
नानामन्त्रक्रमेणैव पारम्पर्येण लभ्यते || १४ ||

Deutsche Übersetzung:

Der verborgene Mantrasinn jener Göttin besteht in verschiedenen Gestalten. Er wird durch die Überlieferung entsprechend den unterschiedlichen Mantrafolgen erlangt.

Erläuterung:

Die vielen Auslegungen gehören zu bestimmten Überlieferungszusammenhängen. Der folgende Kommentar unterscheidet insbesondere Kādi und Hādi.

33. Keine beliebige Mischung der Mantratraditionen

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 7, Kommentar zu 7.14, Druckseite 251.

IAST:

kecittūbhayasādhāraṇāḥ | saṃhatya ṣaḍavidhaḥ saṃketaḥ | tatra kasyā vidyāyāḥ ko'rtha iti tu pāramparyakrameṇaiva vyavasthā labhyata ityarthaḥ |

Devanagari:

केचित्तूभयसाधारणाः | संहत्य षडविधः संकेतः | तत्र कस्या विद्यायाः कोऽर्थ इति तु पारम्पर्यक्रमेणैव व्यवस्था लभ्यत इत्यर्थः |

Deutsche Übersetzung:

Einige Bedeutungen sind dagegen beiden gemeinsam. Zusammengenommen ist der verborgene Sinn sechsfach. Welche Bedeutung zu welcher Vidyā gehört, wird durch die Ordnung der Überlieferung bestimmt – das ist der Sinn.

Erläuterung:

„Beide“ meint die Kādi- und Hādi-Tradition. Manche Deutungen gehören zu einer der beiden, andere sind ihnen gemeinsam. Bhāskararāya achtet darauf, jede Erklärung an ihrem passenden Ort zu verstehen.

34. Sechs Tiefen der Mantrabedeutung

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Abschnitt mit Zählmarke 15.

IAST:

bhāvārthaḥ saṃpradāyāryo nigarbhārthaśca kaulikaḥ || 15 ||
tathā sarvarahasyārtho mahātattvārtha eva ca ||

Devanagari:

भावार्थः संप्रदायार्यो निगर्भार्थश्च कौलिकः || १५ ||
तथा सर्वरहस्यार्थो महातत्त्वार्थ एव च ||

Deutsche Übersetzung:

Die aus dem Laut erschlossene Bedeutung, die Bedeutung der Überlieferung, der tief verborgene Sinn und der Kaula-Sinn; ebenso der Sinn aller Geheimnisse und die Bedeutung der höchsten Wirklichkeit.

Erläuterung:

Die Vorlage schreibt „saṃpradāyāryo“; aus der folgenden Auslegung ist Saṃpradāyārtha gesichert. Die sechs Ebenen werden im Hauptartikel erläutert. Die lokale Zählung dieses Abschnitts enthält mehrfach die Marke 15.

35. Mantra aus der Verbindung von Shiva und Shakti

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Vers 17.

IAST:

yoginībhistathā vīrairvīrendraiḥ sarvadā priye |
śivaśaktisamāyogājjanito mantrarājakaḥ || 17 ||

Devanagari:

योगिनीभिस्तथा वीरैर्वीरेन्द्रैः सर्वदा प्रिये |
शिवशक्तिसमायोगाज्जनितो मन्त्रराजकः || १७ ||

Deutsche Übersetzung:

Durch die Yoginīs, die Vīras und die Herren der Vīras, Geliebte, ist der königliche Mantra stets aus der Verbindung von Śiva und Śakti hervorgegangen.

Erläuterung:

Die beteiligten Gruppen werden im Kommentar als Kräfte, Verehrer und göttliche Aspekte ausgelegt. Der Vers darf daher nicht auf eine ausschließlich äußere Personengruppe reduziert werden.

36. Die Hrllekha als Bezeichnung der Göttin

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 7, Kommentar zu 7.17, Druckseite 252.

IAST:

ayaṃ bhāvaḥ - asyāṃ hi vidyāyāṃ prañcadaśākṣarāṇi teṣu hṛllekhākṣaratrayaṃ devyā vācakattrena prasiddhārthakameva | hrīṃkāravācyā hrīṃkāravedyeti nāmatriśatyāṃ kathanāt |

Devanagari:

अयं भावः - अस्यां हि विद्यायां प्रञ्चदशाक्षराणि तेषु हृल्लेखाक्षरत्रयं देव्या वाचकत्त्रेन प्रसिद्धार्थकमेव | ह्रींकारवाच्या ह्रींकारवेद्येति नामत्रिशत्यां कथनात् |

Deutsche Übersetzung:

Gemeint ist Folgendes: In dieser Vidyā gibt es fünfzehn Silben. Unter ihnen sind die drei Hṛllekhā-Silben in ihrer Bedeutung bereits als Bezeichnungen der Göttin bekannt, denn die Namenstrihundert sagt, dass sie durch hrīṃ bezeichnet und durch hrīṃ erkannt wird.

Erläuterung:

Die drei Hṛllekhās gehören zu den drei Kūṭas, den Silbengruppen des Mantra. Mit der „Namenstrihundert“ ist die Lalita Trishati gemeint. Die elektronische Fassung enthält „prañcadaśa“ und „vācakattrena“; die Übersetzung folgt den klar erkennbaren Wörtern pañcadaśa und vācakatvena.

37. Die Einheit von Shiva, Guru und Selbst

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Versabschnitt 48.

IAST:

nigarbhārtho mahādevi śivagurvātmagocaraḥ || 48 ||

Devanagari:

निगर्भार्थो महादेवि शिवगुर्वात्मगोचरः || ४८ ||

Deutsche Übersetzung:

Der tief verborgene Sinn, große Göttin, bezieht sich auf Śiva, den Guru und das eigene Selbst.

Erläuterung:

Der folgende Kommentar erläutert, dass es um ihre Nichtverschiedenheit geht. Die kurze Grundtextaussage erhält durch diese Erklärung ihren präzisen Sinn.

38. Was mit dem tief verborgenen Sinn gemeint ist

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 7, Kommentar zu 7.48.

IAST:

nitarāṃ garbha iva nigarbho rahasyatama ityarthaḥ | śivagurvātmāno yasminnabhedena gocarā viṣayāstādṛśabodhaviṣayo'rtho nigarbhārtha iti yāvat || 48 ||

Devanagari:

नितरां गर्भ इव निगर्भो रहस्यतम इत्यर्थः | शिवगुर्वात्मानो यस्मिन्नभेदेन गोचरा विषयास्तादृशबोधविषयोऽर्थो निगर्भार्थ इति यावत् || ४८ ||

Deutsche Übersetzung:

Nigarbha bedeutet: gleichsam ganz im Innersten verborgen, also höchst geheim. Nigarbha-artha ist die Bedeutung, durch die Śiva, Guru und eigenes Selbst als nicht verschieden erkannt werden.

Erläuterung:

Die Einheit wird auf der Ebene des höchsten Wesens ausgesagt. Die Stelle erklärt nicht jede persönliche Eigenschaft eines Lehrers zu einer Eigenschaft des Absoluten.

39. In Hingabe die Shiva-Natur erkennen

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Zählmarke 50 und anschließender Halbvers.

IAST:

niṣkalatvaṃ śive buddhvā tadrūpatvaṃ gurorapi |
tannirīkṣaṇasāmarthyādātmanaśca śivātmatām || 50 ||
bhāvayedbhaktinamraḥ sañśaṅkonmeṣākalaṅkitaḥ |

Devanagari:

निष्कलत्वं शिवे बुद्ध्वा तद्रूपत्वं गुरोरपि |
तन्निरीक्षणसामर्थ्यादात्मनश्च शिवात्मताम् || ५० ||
भावयेद्भक्तिनम्रः सञ्शङ्कोन्मेषाकलङ्कितः |

Deutsche Übersetzung:

Nachdem man Śivas Ungeteiltheit und ebenso die Gleichartigkeit des Gurus mit ihm erkannt hat, soll man kraft seines Blickes auch die Śiva-Natur des eigenen Selbst vergegenwärtigen: in Hingabe demütig, ungetrübt vom Aufkommen des Zweifels.

Erläuterung:

Die Übersetzung von „seines Blickes“ folgt der Erklärung des Kommentars als gnadenvollem Blick des Gurus. Die Passage gehört zu einer inneren Betrachtung der Nichtdualität.

40. Hingabe lässt Bedeutung aufleuchten

Zitat innerhalb von Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 7, Kommentar zu 7.50, Druckseite 287; Śruti-Zitat.

IAST:

yasya deve parā bhaktiryathā deve tathā gurau |
tasyaite kathitā hyarthāḥ prakāśante mahātmanaḥ ||

Devanagari:

यस्य देवे परा भक्तिर्यथा देवे तथा गुरौ |
तस्यैते कथिता ह्यर्थाः प्रकाशन्ते महात्मनः ||

Deutsche Übersetzung:

Wer dem Göttlichen höchste Hingabe entgegenbringt und ebenso dem Guru, dem leuchten diese gelehrten Bedeutungen auf – einem solchen großen Menschen.

Erläuterung:

Bhāskararāya führt die Strophe ausdrücklich als Śruti an. Sie ist ein Zitat im Kommentar, kein eigener Grundvers dieses Tantra.

41. Die höchste Bedeutung des Mantra

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 7, Verse 73–74.

IAST:

mahātattvārtha iti yattacca devi vadāmi te |
niṣkale parame sūkṣme nirlakṣye bhāvavartite || 73 ||
vyomātīte pare tattve prakāśānandavigrahe |
viśvottīrṇe viśvamaye tattve svātmaniyojanam || 74 ||

Devanagari:

महातत्त्वार्थ इति यत्तच्च देवि वदामि ते |
निष्कले परमे सूक्ष्मे निर्लक्ष्ये भाववर्तिते || ७३ ||
व्योमातीते परे तत्त्वे प्रकाशानन्दविग्रहे |
विश्वोत्तीर्णे विश्वमये तत्त्वे स्वात्मनियोजनम् || ७४ ||

Deutsche Übersetzung:

Nun erkläre ich dir, Göttin, was die Bedeutung der höchsten Wirklichkeit genannt wird: das eigene Selbst in jene Wirklichkeit einfügen, die ungeteilt, höchst und fein ist. Sie entzieht sich der gegenständlichen Erfassung und wird in der inneren Betrachtung zugänglich. Sie liegt jenseits des Raumes und hat Licht und Freude zum Wesen. Sie übersteigt die Welt und erfüllt zugleich die Welt.

Erläuterung:

Diese große Passage bündelt den Mantraweg in der Nichtdualität. Die Erklärung von „in der inneren Betrachtung zugänglich“ folgt Bhāskararāyas Auslegung von bhāvavartita.

42. Jiva und Shiva als nicht verschieden betrachten

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 7, Kommentar zu 7.73–74.

IAST:

svasya jīvātmana ātmano manasaśca niyojanaṃ jīvaśivayorabhedena manasā vibhāvanam |

Devanagari:

स्वस्य जीवात्मन आत्मनो मनसश्च नियोजनं जीवशिवयोरभेदेन मनसा विभावनम् |

Deutsche Übersetzung:

Das Einfügen des eigenen individuellen Selbst und des Geistes bedeutet, geistig die Nichtverschiedenheit von Jīva und Śiva zu vergegenwärtigen.

Erläuterung:

Der Kommentator erklärt die scheinbar räumliche Sprache des „Einfügens“ als Erkenntnis- und Betrachtungsvorgang. Das Selbst wird nicht wie ein Gegenstand an einen anderen Ort versetzt.

43. Der Sinn der Puja und die Freude des Befreiten

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 8, Vers 1.

IAST:

pūjāsaṃketamadhunā kathayāmi tavānaghe |
yasya prabodhamātreṇa jīvanmuktaḥ pramodate || 1 ||

Devanagari:

पूजासंकेतमधुना कथयामि तवानघे |
यस्य प्रबोधमात्रेण जीवन्मुक्तः प्रमोदते || १ ||

Deutsche Übersetzung:

Nun erkläre ich dir, Makellose, den verborgenen Sinn der Pūjā. Schon das Erwachen zu diesem Sinn erfreut den zu Lebzeiten Befreiten.

Erläuterung:

Prabodha bezeichnet hier das Erwachen zum Sinn. Der Kommentar folgert: Wenn schon das Erkennen diese Bedeutung hat, gilt dies umso mehr für eine mit solcher Betrachtung erfüllte Verehrung.

44. Drei Formen der täglichen Verehrung

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 8, Vers 2.

IAST:

tava nityoditā pūjā tribhirbhedairvyavasthitā |
parā cāpyaparā gauri tṛtīyā ca parāparā || 2 ||

Devanagari:

तव नित्योदिता पूजा त्रिभिर्भेदैर्व्यवस्थिता |
परा चाप्यपरा गौरि तृतीया च परापरा || २ ||

Deutsche Übersetzung:

Die dir geltende, als täglich gelehrte Verehrung besteht in drei Formen, Gaurī: Parā, die höchste; Aparā, die äußere; und als dritte Parāparā, die beide verbindet.

Erläuterung:

Die Bezeichnungen bedeuten wörtlich „höchste“, „andere beziehungsweise niedere“ und „höchste-und-andere“. Die Übersetzung macht ihre Funktion im Kommentar verständlich. Gemeint ist hier die tägliche Pūjā.

45. Verehrung in Nichtdualität

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 8, Verse 3–4.

IAST:

prathamā'dvaitabhāvasthā sarvapracaragocarā |
dvitī'yā cakrapūjā ca sadā niṣpādyate mayā || 3 ||
evaṃ jñānamaye devi tṛtīyā svaprathāmayī |
uttamā sā parā jñeyā vidhānaṃ śṛṇu sāṃpratam || 4 ||

Devanagari:

प्रथमाऽद्वैतभावस्था सर्वप्रचरगोचरा |
द्वितीऽया चक्रपूजा च सदा निष्पाद्यते मया || ३ ||
एवं ज्ञानमये देवि तृतीया स्वप्रथामयी |
उत्तमा सा परा ज्ञेया विधानं शृणु सांप्रतम् || ४ ||

Deutsche Übersetzung:

Die erste ruht in der Nichtdualität und umfasst das Feld aller Sinnestätigkeit. Die zweite ist die Cakra-Verehrung, die ich beständig vollziehe. Die dritte, Göttin, besteht darin, dass das eigene Selbst im reinen Bewusstsein aufleuchtet. Als höchste ist jene Parā zu erkennen. Höre nun, wie sie vollzogen wird.

Erläuterung:

Die deutsche Fassung folgt dem erklärenden Zusammenhang Bhāskararāyas. Die elektronische Schreibweise „dvitī’yā“ ist auffällig, bezeichnet aber eindeutig „die zweite“.

46. Die drei Formen genauer unterschieden

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 8, Kommentar zu 8.3–4.

IAST:

dvaitabhānasāmānyābhāve parā | advaitabhānasāmānyābhāve tvaparā | dvaitavilayābhyāsadaśāyāṃ parāpareti pūjātrayalakṣaṇāni |

Devanagari:

द्वैतभानसामान्याभावे परा | अद्वैतभानसामान्याभावे त्वपरा | द्वैतविलयाभ्यासदशायां परापरेति पूजात्रयलक्षणानि |

Deutsche Übersetzung:

Wo keinerlei Zweiheit erscheint, ist Parā. Wo die Nichtdualität noch nicht erscheint, ist Aparā. Wo das Auflösen der Zweiheit geübt wird, ist Parāparā. Dies kennzeichnet die drei Formen der Verehrung.

Erläuterung:

Der Kommentar macht die vermittelnde Form verständlich: Die höchste Sicht wird geübt, bevor sie die Erfahrung vollständig prägt.

47. Im Wahrgenommenen Sein, Bewusstsein und Freude erkennen

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 8, Kommentar zu 8.3–4.

IAST:

sarvendriyajanyeṣu jñāneṣu ye viṣayāsteṣu saccidānandāṃśasyānugatasya bhānaṃ natvanugatayornāmarūpayoḥ |

Devanagari:

सर्वेन्द्रियजन्येषु ज्ञानेषु ये विषयास्तेषु सच्चिदानन्दांशस्यानुगतस्य भानं नत्वनुगतयोर्नामरूपयोः |

Deutsche Übersetzung:

In den Gegenständen aller durch die Sinne entstandenen Erkenntnisse erscheint der durchgängige Anteil von Sein, Bewusstsein und Freude, nicht aber Name und Form als das durchgängig Bleibende.

Erläuterung:

Name und Form wechseln. Bhāskararāya beschreibt eine Erkenntnis, die den gemeinsamen Grund erfasst. Dies erläutert die höchste Verehrung und ist nicht einfach eine Aufforderung, äußere Unterschiede zu leugnen.

48. Wohin der Geist auch geht

Zitat innerhalb von Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 8, Kommentar zu 8.3–4; angeführter Vers.

IAST:

yatra yatra mano yāti bāhye vā'bhyantare priye |
tatra tatrākṣamārgeṇa caitanyaṃ vyajyate prabhoḥ ||

Devanagari:

यत्र यत्र मनो याति बाह्ये वाऽभ्यन्तरे प्रिये |
तत्र तत्राक्षमार्गेण चैतन्यं व्यज्यते प्रभोः ||

Deutsche Übersetzung:

Wohin auch immer der Geist geht, nach außen oder nach innen, Geliebte: Überall wird auf dem Weg der Sinne das Bewusstsein des Höchsten offenbar.

Erläuterung:

Bhāskararāya führt diesen Vers als überlieferte Aussage an. Er beschreibt eine Erkenntnis, die auch in wechselnden Wahrnehmungen ihren Grund im Bewusstsein erkennt. Für die heutige Betrachtung kann daraus eine Frage entstehen: Kann ich mitten im Sehen und Hören einen Augenblick lang ganz gegenwärtig sein?

49. Äußere Praxis bleibt bedeutsam

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 8, Kommentar zu 8.3–4.

IAST:

yā pūrvatantre bhūgṛhādibindvantapūjā varṇitā yā mayā pratyahaṃ kriyate sā dvitīyā | seyaṃ parapūjādhikāriṇā'pi kāryetidyotanāyetthamuktam |

Devanagari:

या पूर्वतन्त्रे भूगृहादिबिन्द्वन्तपूजा वर्णिता या मया प्रत्यहं क्रियते सा द्वितीया | सेयं परपूजाधिकारिणाऽपि कार्येतिद्योतनायेत्थमुक्तम् |

Deutsche Übersetzung:

Die im vorderen Tantra beschriebene Verehrung vom äußeren Quadrat bis zum Bindu, die ich täglich vollziehe, ist die zweite. Die Formulierung deutet an, dass sie auch von jemandem vollzogen werden soll, der zur höchsten Verehrung befähigt ist.

Erläuterung:

Die Verinnerlichung führt nach dieser Erklärung nicht notwendig zum Wegfall der äußeren Handlung. Dieselbe Form kann aus tieferem Verständnis heraus vollzogen werden.

50. Gedanken als Darbringung

Zitat innerhalb von Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 8, Kommentar zu 8.3–4; angeführter Vers.

IAST:

prakāśaikavane dhāmni vikalpānprasavādikān |
nikṣipāmyarcanadvārā vahnāviva ghṛtāhutīḥ ||

Devanagari:

प्रकाशैकवने धाम्नि विकल्पान्प्रसवादिकान् |
निक्षिपाम्यर्चनद्वारा वह्नाविव घृताहुतीः ||

Deutsche Übersetzung:

In die Stätte, den einen Hain des Lichtes, lege ich durch Verehrung die Vorstellungen, angefangen mit ihrem Hervorbringen, wie Butteropfer in das Feuer.

Erläuterung:

Die Metapher erklärt die vermittelnde innere Pūjā. „Prasavādikān“ bleibt bildhaft und wird hier zurückhaltend wiedergegeben: Die Vorstellungen werden in ihren Bewusstseinsgrund zurückgegeben.

51. Einwärts gewandt und von Enge befreit

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 8, Verse 5–7.

IAST:

mahāpadmavanāntasthe vāgbhave gurupādukām |
āpyāyitajagadrūpāṃ paramāmṛtavarṣiṇīm || 5 ||
saṃcintya paramādvaitabhāvanāmadaghūrṇitaḥ |
daharāntarasaṃsarpannādālokanatatparaḥ || 6 ||
vikalparūpasaṃjalpavimukho'ntarmukhaḥ sadā |
citkalollāsadalitasaṃkocastvatisundaraḥ || 7 ||

Devanagari:

महापद्मवनान्तस्थे वाग्भवे गुरुपादुकाम् |
आप्यायितजगद्रूपां परमामृतवर्षिणीम् || ५ ||
संचिन्त्य परमाद्वैतभावनामदघूर्णितः |
दहरान्तरसंसर्पन्नादालोकनतत्परः || ६ ||
विकल्परूपसंजल्पविमुखोऽन्तर्मुखः सदा |
चित्कलोल्लासदलितसंकोचस्त्वतिसुन्दरः || ७ ||

Deutsche Übersetzung:

Nachdem er im Vāgbhava, das sich im großen Lotuswald befindet, die Guru-Pādukā vergegenwärtigt hat – die das All in seiner Gestalt nährt und höchsten Nektar regnen lässt –, ist er vom Entzücken der Betrachtung höchster Nichtdualität bewegt. Er widmet sich der Schau des im inneren Herzraum sich regenden Nāda, wendet sich vom begrifflichen Geplauder ab und ist stets nach innen gerichtet. Überaus schön ist er, dessen Enge durch das Aufleuchten der Bewusstseinskraft aufgebrochen ist.

Erläuterung:

Die Guru-Pādukā, wörtlich die Sandalen des Gurus, steht hier im Zusammenhang der inneren Guru-Verehrung. Nāda bezeichnet den inneren Klang. Vāgbhava bleibt als besonderer Mantrabegriff stehen. Der Abschnitt verbindet diese Elemente mit der Betrachtung der Nichtdualität; die genaue Praxis gehört zur überlieferten Unterweisung.

52. Turiya und Turiyatita im inneren Japa

Grundtext des Nityashodashikarnava: Paṭala 8, Verse 188–189.

IAST:

caitanyavyaktihetostu nādarūpasya vadanam |
turyarūpaṃ tasya cātra vṛttārdhādestu saṃgrahaḥ || 188 ||
turyātītaṃ sukhasthānaṃ nādāntādisthitaṃ priye |
atraiva japakāle tu pañcāvasthāḥ smaredbudhaḥ || 189 ||

Devanagari:

चैतन्यव्यक्तिहेतोस्तु नादरूपस्य वदनम् |
तुर्यरूपं तस्य चात्र वृत्तार्धादेस्तु संग्रहः || १८८ ||
तुर्यातीतं सुखस्थानं नादान्तादिस्थितं प्रिये |
अत्रैव जपकाले तु पञ्चावस्थाः स्मरेद्बुधः || १८९ ||

Deutsche Übersetzung:

Die Vergegenwärtigung dessen, was als Nāda das Bewusstsein offenbar werden lässt, hat die Gestalt des Turīya; dabei sind die mit Kreis und Halbkreis beginnenden Formen einbezogen. Turīyātīta ist die Stätte der Freude, Geliebte, angesiedelt in Nādānta und den folgenden Stufen. Beim Japa soll der Verständige hier die fünf Zustände erinnern.

Erläuterung:

Die Wiedergabe von „vadanam“ folgt dem erklärenden Zusammenhang der inneren Vergegenwärtigung. Die geometrischen und lautlichen Angaben gehören zum besonderen Mantrasystem dieses Abschnitts. Die fünf Zustände sind Wachen, Traum, Tiefschlaf, Turīya und Turīyātīta.

53. Nichts vom höchsten Selbst getrennt betrachten

Bhaskararayas Kommentar: Viśrāma 8, Schlusskommentar zu 8.211–212.

IAST:

sarvatra svayameva dṛśyate'taḥ svāpekṣayā bhinnaṃ kimapi na cintayedityetadupāsanāsāramiti sarvaṃ śivam || 211 || 212 ||

Devanagari:

सर्वत्र स्वयमेव दृश्यतेऽतः स्वापेक्षया भिन्नं किमपि न चिन्तयेदित्येतदुपासनासारमिति सर्वं शिवम् || २११ || २१२ ||

Deutsche Übersetzung:

Überall erscheint allein das Selbst; deshalb soll man nichts als vom eigenen Selbst verschieden betrachten. Darin liegt der Kern der Verehrung. So ist alles Śiva.

Erläuterung:

Gemeint ist das höchste Selbst, der gemeinsame Grund des Seins. Die Aussage schließt die Auslegung des Werkes ab. Für heutige Übende kann sie zum Anlass werden, das Gefühl der Verbundenheit im achtsamen und freundlichen Umgang mit anderen auszudrücken.

54. Der Kommentar bleibt offen für Prüfung

Bhaskararayas Kommentar: Abschließende Autorstrophen, Strophe 3, Druckseite 388.

IAST:

śrutismṛtinyāyapurāṇatantrasutrāgamaśrīgurusaṃpradāyān |
nirmathya niścitya kṛtā'pi ṭīkā śodhyaiva sadbhirmayi hārdavadbhiḥ || 3 ||

Devanagari:

श्रुतिस्मृतिन्यायपुराणतन्त्रसुत्रागमश्रीगुरुसंप्रदायान् |
निर्मथ्य निश्चित्य कृताऽपि टीका शोध्यैव सद्भिर्मयि हार्दवद्भिः || ३ ||

Deutsche Übersetzung:

Dieser Kommentar entstand durch gründliches Durchdenken und Prüfen von Śruti, Smṛti, Begründungslehre, Purāṇas, Tantras, Sūtras, Āgamas und der ehrwürdigen Guru-Überlieferung. Dennoch soll er von guten Menschen, die mir herzlich zugetan sind, weiter geprüft und berichtigt werden.

Erläuterung:

Bhāskararāya schließt mit Offenheit für eine bessere Einsicht. Seine Gelehrsamkeit geht mit Bescheidenheit einher. Auch für das eigene Svadhyaya ist das ein hilfreiches Vorbild: gründlich lernen und zugleich lernbereit bleiben. Die Schreibweise „sutra“ der Vorlage wird im Deutschen als Sūtra wiedergegeben.

Mantra, Bija und die innere Bedeutung

Die Auswahl zeigt, weshalb Mantra im Setubandha mehr ist als eine Folge hörbarer Laute. Lautgestalt, überlieferte Bedeutung und innere Betrachtung gehören zusammen. Besonders die Stellen zu Mātṛkā, Hṛllekhā, den sechs Mantrabedeutungen und der Einheit von Śiva, Guru und Selbst erschließen diesen Zusammenhang.

Hṛllekhā: hrīṃ — ह्रीं. Die Form ist im Kommentar zu 7.17 ausdrücklich belegt. Sie bezeichnet dort die Göttin; eine gewöhnliche Wort-für-Wort-Übersetzung wäre irreführend. Die drei Hṛllekhās gehören zum Zusammenhang der drei Kūṭas der fünfzehnsilbigen Vidyā.

Eingangsverehrung: oṃ tatsadbrahmaṇe namaḥ — ओं तत्सद्ब्रह्मणे नमः. „Verehrung dem Brahman, dem Tat-Sat.“ Diese Formel steht vor dem Kommentar. Sie wird hier als belegte Eingangsverehrung wiedergegeben, nicht als vollständige Śrī-Vidyā-Initiationsformel.

Bezeichnungen wie Vāgbhava, Kāmarāja, Śakti und Bālā erhalten ihren genauen Sinn aus dem jeweiligen Zusammenhang. Verschlüsselte oder nur benannte Formeln werden nicht spekulativ ausgeschrieben. Die weiterführenden Ritualsysteme gehören zur Unterweisung durch einen kundigen Lehrer.

Mit einer Textstelle üben

Wähle eine Passage, deren Übersetzung dich anspricht. Lies sie zunächst vollständig, dann ihre Erläuterung. Verweile anschließend bei einer Frage: Welche Einsicht beschreibt diese Stelle? Welche Annahme über mich selbst stellt sie infrage? Was könnte sich an meiner Aufmerksamkeit, meiner Hingabe oder meinem Umgang mit anderen verändern, wenn ich sie ernst nehme?

Diese einfache Form des Svadhyaya kann mit einer vertrauten Yoga- und Meditationspraxis verbunden werden. Sie ist eine heutige Anregung zur Lektüre, keine im Setubandha vorgeschriebene Ersatzform für Diksha, Nyasa oder komplexe Cakra-Verehrung.

Zur Textgestalt

Grundlage sind die IAST- und Devanagari-Fassungen von Muktabodha M00052. Die ausgewählten Sanskritpassagen sind in beiden Fassungen nachgewiesen. Das Devanagari entspricht dem vorhandenen Quellentext; es ist keine aus dem fehlerhaften zusätzlichen OCR-Text rekonstruierte Fassung. Beide Schriftfassungen repräsentieren dieselbe elektronische Überlieferung und gelten nicht als voneinander unabhängige Textzeugen.

Die Nummern 1–54 gliedern diese Auswahl. Sie sind keine neuen Sanskrit-Versnummern. Die jeweils angegebene Fundstelle nennt Viśrāma beziehungsweise Paṭala und örtliche Verszählung. Wo die Prosa keine Versnummer besitzt, werden Abschnitt oder Druckseite angegeben. Bei mehreren Stellen überschreitet ein inhaltlich vollständiger Satz die örtliche Versmarke; deshalb werden auch die zugehörigen anschließenden Halbverse aufgenommen. Die Sanskrit-Zählmarken bleiben erhalten.

Grundtext des Nityashodashikarnava bezeichnet einen Vers des kommentierten Tantra. Bhaskararayas Kommentar bezeichnet seine eigene Erklärung einschließlich der Autorstrophen. Zitat innerhalb von Bhaskararayas Kommentar bezeichnet einen von ihm angeführten fremden Beleg. Der vorgeschaltete zwölfstrophige Lobpreis wird gesondert bezeichnet, weil Bhāskararāya ihn ausdrücklich vom eigentlichen Tantra abgrenzt.

Die Sanskritwiedergabe bewahrt erkennbare Schreibauffälligkeiten der elektronischen Fassung; notwendige Erläuterungen stehen direkt an der betreffenden Stelle. Technische Seitenmarker und bloße Zeilenumbrüche der Vorlage sind entfernt. Diese Auswahl ist keine neue kritische Edition und ersetzt keine vollständige Übersetzung des Kommentars.

Quellen und weiterführende Lektüre

  • Muktabodha Indological Research Institute, M00052: Nityāṣoḍaśikārṇavatantra with the commentary called Setubandha, IAST- und Devanagari-Datei, Revision 0, 6. Dezember 2008. Nach dem Dateikopf: K. V. Abhyaṃkara, Ānandāśrama Sanskrit Series 56, 1946. Die elektronischen Dateien enthalten Lücken für die Druckseiten 25–40 und 105–112; die hier ausgewählten Stellen liegen außerhalb dieser Lücken.
  • Quellenlizenz der Sanskrittexte: Creative Commons BY-NC 4.0, gemäß Muktabodha-Dateikopf. Sanskritauszüge werden mit Quellenangabe, angepasster Formatierung und örtlichen Erläuterungen wiedergegeben. Die deutschen Übersetzungen und Erläuterungen wurden für diese Ausgabe neu erstellt.
  • Setubandha: ausführlicher Hauptartikel mit Erklärung der acht Viśrāmas, des Śrīcakra, von Bahiryāga und Antaryāga sowie fünf Lehren und fünf Praxisanregungen.
  • Yoga-Wiki: Tripurasundari und Yoga-Wiki: Shri Yantra: ergänzende Medien und Einführung.

Siehe auch

Seminare

Kundalini Yoga

06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung

Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…
Arjuna Wingen
13.11.2026 - 15.11.2026 Kundalini Yoga Mittelstufe

Intensives Kundalini Yoga Seminar zur Erweckung der inneren Kundalini Energie, Erweiterung des Bewusstseins und Entfaltung des vollen Potentials. Yoga A…
Manuel Hirning

Indische Schriften

26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung

Du interessierst dich für indische Rituale? Du hast die einzigartige Gelegenheit, in dieser Rituale Ausbildung bei Yoga Vidya die kleine Puja, große P…
Sukadev Bretz, Shankari Winkelbauer
01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta

Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…
Vedamurti Dr Olaf Schönert

Chakras

20.11.2026 - 22.11.2026 Heilreise durch die Chakren

Tauche ein in eine transformative Reise durch die sieben Hauptchakren und erfahre, wie du deine Energiezentren aktivieren, ausbalancieren und für dein …
Nese Niekrens, Gajendra Sebastian Niekrens
26.12.2026 - 01.01.2027 Kundalini Yoga Intensiv Praxis - Live Online

Intensives Praktizieren der im Mittelstufen-Seminar gelernten Übungen für noch tiefere Erfahrung und Erweiterung des Bewusstseins ohne viel Theorie. L…
Sukadev Bretz, Shaktipriya Vogt, Radharani Birkner

Energiearbeit

04.11.2026 - 04.11.2026 Einführung in die Chakratherapie - Online Workshop

Uhrzeit: 18 - 21 Uhr
Ein Chakra ist ein feinstoffliches Kraftzentrum des Körpers, welches wichtige Körperfunktionen steuert und bestimmten Organen zug…
Beate Menkarski
06.11.2026 - 08.11.2026 Kundalini Yoga Einführung

Gründliche Einführung in die Theorie und Praxis des Kundalini Yoga, Yoga der Energie. Die praktischen Übungen des Kundalini Yoga umfassen Pranayama (…
Arjuna Wingen