Nariviruttam
Nariviruttam (Tamil: நரிவிருத்தம், Narivirutam), auch Nari Viruttam, „die Verse vom Schakal“, ist ein kurzes jainistisches Lehrgedicht in tamilischer Sprache. Die Überlieferung schreibt es dem Dichter Tiruttakkatevar zu, dem Verfasser des großen Epos Civaka Cintamani. In rund fünfzig Strophen erzählt es die Fabel von einem gierigen Schakal, der vor einem reichen Beutevorrat steht und dennoch an seiner Gier zugrunde geht, und entfaltet daraus eine Lehre über Vergänglichkeit, Freigebigkeit und rechtes Leben.
Nach der tamilischen Tradition war das Nariviruttam eine Art Probestück: Bevor sein Lehrer ihm erlaubte, das große Epos über Liebe und Entsagung zu dichten, sollte Tiruttakkatevar seine Kunst an einem kleinen Werk beweisen. So steht das Nariviruttam am Anfang einer der bedeutendsten Dichterlaufbahnen der tamilischen Literatur.
Obwohl es ein kleines Werk ist, trägt es eine zeitlose Botschaft: Wer Reichtum nur anhäuft, ohne ihn zu genießen und zu teilen, gleicht dem Schakal, der an einer Sehne stirbt, während Nahrung für viele Monate vor ihm liegt. Jugend, Schönheit, Macht und Besitz vergehen; bleibend ist allein das Gute, das man tut.
Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Nariviruttam |
| Tamil | நரிவிருத்தம் |
| Transliteration | Nariviruttam |
| Bedeutung | „Verse (Viruttam) vom Schakal (Nari)“; Viruttam kann hier auch „alte Erzählung“ bedeuten |
| Verfasser | Der Überlieferung nach Tiruttakkatevar, jainistischer Mönch und Dichter |
| Entstehungszeit | Umstritten (siehe unten) |
| Gattung | Jainistisches Lehrgedicht mit Fabeln |
| Umfang | 50 Strophen, dazu eine vermutlich später angefügte Zusatzstrophe; Strophe 49 ist nur unvollständig erhalten |
| Themen | Gier, Geiz, Vergänglichkeit, Freigebigkeit (Dana), Gewaltlosigkeit, Entsagung |
Entstehung und Verfasser
Die Legende vom Probestück
Die Jaina-Überlieferung erzählt: Zur Zeit Tiruttakkatevars behaupteten manche, die Jainas könnten zwar Sittenlehren verfassen, aber nicht über Liebe und die Freuden des Lebens dichten, die doch alle Menschen bewegen. Tiruttakkatevar wollte beweisen, dass er ein großes Epos über dieses Thema schreiben konnte. Er ging zu seinem Lehrer und bat um Erlaubnis. Der Lehrer forderte ihn auf, zuerst in einem kleinen Werk sein Können zu zeigen. Daraufhin dichtete Tiruttakkatevar das Nariviruttam. Überzeugt von seiner Begabung, erteilte ihm der Lehrer den Segen, und es entstand das Civaka Cintamani.
In einigen Strophen des Nariviruttam finden sich bereits Beschreibungen weiblicher Schönheit, die als Vorübung für die späteren Liebesschilderungen des großen Epos gedeutet werden.
Die Frage der Datierung
Die Datierung ist schwierig. Das Civaka Cintamani wird meist ins frühe 10. Jahrhundert gesetzt. Der Shiva-Heilige Appar, der im 7. Jahrhundert lebte, erwähnt jedoch in einer seiner Hymnen bereits ein „Nariviruttam“. Auch Sambandar nennt in seinen Liedern jainistische Werke mit ähnlichen Titeln, etwa „Kiliviruttam“ (Verse vom Papagei) und „Eliviruttam“ (Verse von der Maus). Ein Kommentator des 11. Jahrhunderts zählt das Nariviruttam zusammen mit diesen und dem „Kundalakesi Viruttam“ zu einer Gruppe alter Viruttam-Dichtungen.
Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder ist das Nariviruttam deutlich älter als das Civaka Cintamani, und die Zuschreibung an Tiruttakkatevar ist spätere Legende; oder der Dichter lebte früher, als gewöhnlich angenommen wird. Sicher ist, dass es sich um ein altes Werk der jainistischen Lehrdichtung handelt.
Die Fabel vom Schakal
Die ersten Strophen erzählen die Hauptgeschichte.
Jäger, Elefant und Schlange
In den Bergen lebt ein Jäger, der von allem isst, was der Wald hergibt, und gedankenlos tötet. Als die Bergbewohner nach dem Regen ihre Hirsefelder bestellt haben und die Ernte heranreift, bricht ein wilder Elefant in das Feld ein. Der Jäger läuft zornig herbei, klettert auf einen Termitenhügel, spannt seinen Bogen und trifft den Elefanten mit einem Pfeil mitten auf die Stirn.
Doch im Termitenhügel wohnt eine giftige Schlange. Aufgeschreckt schießt sie hervor und beißt den Jäger. Mit letzter Kraft zieht der Jäger sein Messer und erschlägt die Schlange. Dann stirbt er selbst. Auch der Elefant bricht zusammen. So liegen drei tote Körper nebeneinander: der Elefant, der Jäger und die Schlange. Der Bogen liegt noch gespannt neben der Hand des Jägers.
Die Rechnung des Schakals
Ein hungriger Schakal kommt vorbei und sieht die reiche Beute. Voller Freude beginnt er zu rechnen: Der Elefant wird ihn sechs Monate ernähren, der Jäger sieben Tage, die Schlange einen Tag. Doch statt dankbar zu sein und vom Vorrat zu essen, will er nichts verschwenden. Er beschließt, zuerst das kleinste Stück zu verzehren: das Ende der Bogensehne aus Tiersehne.
Er beißt in die gespannte Sehne. Sie reißt, der Bogen schnellt zurück, und die Spitze durchbohrt ihm die Kehle. Der Schakal stirbt neben einem Vorrat, der ihn ein halbes Jahr hätte ernähren können.
Die Lehre
Das Gedicht zieht sofort die Folgerung: So wie dieser Schakal sind die unwissenden Menschen, die Reichtum anhäufen, aber keine guten Taten damit tun. Sie vergraben ihren Besitz in der Erde, geben nichts ab und genießen nichts, und am Ende nehmen Könige oder andere ihnen alles. So verbringen sie ihr Leben, ohne ihm einen Sinn zu geben.
Die Fabel ähnelt einer bekannten Geschichte des Panchatantra, in der ebenfalls ein gieriger Schakal an einer Bogensehne stirbt. Solche Erzählungen waren in den verschiedenen religiösen Traditionen Indiens verbreitet und wurden jeweils für die eigene Lehre genutzt.
Der zweite Schakal
In einer weiteren Strophe erzählt das Gedicht von einem anderen Schakal. Er sieht ein Heer, das in die Schlacht zieht, und denkt: Wenn ich mich tot stelle, werde ich nach dem Kampf viele Tage lang von den Gefallenen fressen können. Er legt sich hin und schließt die Augen. Da kommt ein Krieger vorbei, hält ihn für tot und schneidet ihm Ohren und Schwanz ab und zieht ihm das Fell ab, weil er es gebrauchen kann. So stirbt auch dieser Schakal an seiner List und seiner Gier.
Die weiteren Lehren
Nach den Schakal-Geschichten entfaltet das Nariviruttam eine Reihe von Lehren. Viele Strophen spielen in wenigen Worten auf Erzählungen an, die damals bekannt waren, heute aber teilweise nicht mehr sicher zu deuten sind. Darunter sind Beispiele von Geizhälsen, die ihren Besitz verloren, und von Menschen, die durch eine einzige Gabe an Asketen großen Segen erlangten. Auch Duryodhana aus dem Mahabharata wird als Beispiel genannt: Aus maßloser Habgier verweigerte er den Pandavas ihren Anteil am Land und ging mit seiner ganzen Sippe zugrunde.
Nichts ist beständig
Eine der schönsten Strophen des Werkes beschreibt die Vergänglichkeit aller Dinge:
இளமையும் வனப்பு நில்லா இன்பமும் நின்ற அல்ல
வளமையும் வலிதுநில்லா வாழ்வுநாள் நின்ற அல்ல
களிமகள் நேசம் நில்லா கைப்பொருள் கள்வர் கொள்வர்
அளவிலா அறத்தின் மிக்க யாதும் மற்(று)இல்லை மாதோ.
Iḷamaiyum vaṉappu nillā iṉpamum niṉṟa alla
vaḷamaiyum valitu nillā vāḻvunāḷ niṉṟa alla
kaḷimakaḷ nēcam nillā kaipporuḷ kaḷvar koḷvar
aḷavilā aṟattiṉ mikka yātum maṟṟu illai mātō.
Jugend und Schönheit bleiben nicht, die Freuden bleiben nicht;
Wohlstand und Kraft bleiben nicht, die Tage des Lebens bleiben nicht;
die Zuneigung der Verführerin bleibt nicht, den Besitz in der Hand nehmen Diebe –
nichts ist größer als grenzenloses Dharma.
Eigene Übersetzung nach dem Text von Project Madurai (Strophe 15).
Freigebigkeit als höchste Tugend
Das Gedicht vergleicht eine Gabe an würdige Empfänger mit einem Samen, der auf gutes Land fällt: Er wächst und bringt reiche Frucht. Wer den heiligen Asketen Nahrung gibt, erlangt Glück in dieser Welt und in himmlischen Welten. Freigebigkeit (Dana) erscheint als ein Weg, der den Menschen aus Geiz und Anhaftung befreit.
Die zwei Wege
Das Nariviruttam kennt zwei gute Wege: entweder als Hausvater in Wohlstand zu leben und mit anderen zu teilen, oder der Welt zu entsagen und in strenger Askese zu leben. Wer keines von beidem tut, sondern in Geiz und Anhaftung verharrt, stürzt in das „Meer des Leidens“.
Die ethischen Gebote
In einer knappen Strophe fasst das Gedicht die jainistische Ethik zusammen: Hütet euch vor dem Töten; hütet euch davor, das Fleisch getöteter Wesen zu essen; hütet euch vor Rauschmitteln; hütet euch davor, Böses zu reden. Löst euch von der Anhaftung, denn sie bindet die Seele mit den Fesseln des Karma. Hier klingen Ahimsa, Wahrhaftigkeit und Reinheit an, die auch im Yoga als Yamas gelehrt werden.
Die Zusatzstrophe
Am Ende der Überlieferung steht eine kurze Strophe, die vermutlich später angefügt wurde, aber den Geist des Werkes wunderbar zusammenfasst:
ஆக்குவதே எனில் அறத்தை ஆக்குக
போக்குவதே எனில் வெகுளியைப் போக்குக
நோக்குவதே எனில் ஞானம் நோக்குக
காக்குவதே எனில் விரதம் காக்குக
Ākkuvatē eṉil aṟattai ākkuka
pōkkuvatē eṉil vekuḷiyaip pōkkuka
nōkkuvatē eṉil ñāṉam nōkkuka
kākkuvatē eṉil viratam kākkuka
Willst du etwas aufbauen, so baue das Dharma auf.
Willst du etwas vertreiben, so vertreibe den Zorn.
Willst du auf etwas schauen, so schaue auf die Weisheit.
Willst du etwas bewahren, so bewahre deine Gelübde.
Eigene Übersetzung nach dem Text von Project Madurai.

Bedeutung
Das Nariviruttam ist ein kleines, aber aufschlussreiches Werk. Es zeigt, wie die jainistischen Dichter volkstümliche Fabeln nutzten, um tiefe ethische Wahrheiten verständlich zu machen. Zugleich ist es ein frühes Zeugnis des Versmaßes Viruttam, das später durch das Civaka Cintamani und Kambans tamilisches Ramayana zu einem der wichtigsten Versmaße der tamilischen Dichtung wurde.
Die Botschaft des Werkes ist allgemein menschlich und in vielen Traditionen zu finden: Das Tirukkural widmet der Freigebigkeit und der Vergänglichkeit eigene Kapitel, und auch die Heiligen der Bhakti-Tradition mahnen immer wieder, das kostbare menschliche Leben nicht in Gier zu vergeuden.
Spirituelle Bedeutung für den Yoga-Übenden
Aparigraha: Nicht-Horten
Der Schakal ist ein Bild für das, was das Yoga Parigraha nennt: das Anhäufen und Festhalten. Im Raja Yoga des Patanjali gehört Aparigraha, das Nicht-Horten und Nicht-Anhaften, zu den fünf Yamas. Die Fabel zeigt auf einprägsame Weise, dass Horten nicht Sicherheit, sondern Unfreiheit bringt.
Vergänglichkeit erkennen
Die Einsicht, dass Jugend, Schönheit, Besitz und Lebenszeit vergehen, ist in vielen Traditionen der Anfang des spirituellen Weges. Sie führt nicht zu Traurigkeit, sondern zu Klarheit: Wer weiß, dass nichts bleibt, kann das Wesentliche wählen.
Freigebigkeit als Befreiung
Geben ist im Nariviruttam nicht nur eine moralische Pflicht, sondern ein Weg der Befreiung. Wer teilt, löst sich von Anhaftung und öffnet sein Herz. Im Karma Yoga wird dieser Gedanke zur Übung des selbstlosen Dienens.
Den Zorn loslassen
Die Zusatzstrophe nennt den Zorn als das, was vor allem abzulegen ist. Auch im Yoga gilt die Überwindung von Zorn (Krodha) als wichtiger Schritt zu innerem Frieden.
Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten
Das Civaka Cintamani ist das große Werk, dem das Nariviruttam der Legende nach als Vorübung diente; beide verbinden die Freude an der Welt mit der Einsicht in ihre Vergänglichkeit. Die Hymnen des Tevaram in der Tirumurai erwähnen das Nariviruttam und zeugen so vom Alter dieser Dichtung. Das Panchatantra enthält eine verwandte Fabel. Mit der Manimekalai teilt das Werk die Hochschätzung des Gebens, mit dem Silappatikaram die Lehre vom Karma. Das Tirukkural des Tiruvalluvar behandelt dieselben Tugenden in klassischer Kürze.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Die Schakal-Frage: Frage dich in der Meditation: Wo halte ich etwas fest, das ich eigentlich genießen oder teilen könnte? Das kann Besitz sein, aber auch Zeit, Wissen oder Zuwendung.
- Vergänglichkeitsbetrachtung: Lies die Strophe „Jugend und Schönheit bleiben nicht“ langsam und lass jede Zeile nachklingen. Frage dann: Was ist für mich das bleibende Gute?
- Eine Gabe am Tag: Nimm dir vor, heute eine bewusste Gabe zu geben, ohne etwas zurückzuerwarten.
- Die vier Entschlüsse: Nimm die vier Zeilen der Zusatzstrophe als Tagesvorsatz: Gutes aufbauen, Zorn loslassen, auf Weisheit schauen, Vorsätze bewahren. Übe sie auch in deiner Yogapraxis.
Der Schakal und die Bogensehne
Das Nariviruttam ist ein kleines Gedicht mit einem großen Bild: Ein Schakal stirbt an einer Sehne, während Nahrung für ein halbes Jahr vor ihm liegt. Es erinnert daran, dass nicht der Mangel, sondern die Gier den Menschen unfrei macht. Wer das Gute aufbaut, den Zorn loslässt und auf die Weisheit schaut, findet einen Reichtum, den kein Dieb nehmen kann.
Siehe auch
- Civaka Cintamani
- Tirumurai
- Silappatikaram
- Manimekalai
- Tolkappiyam
- Tirukkural
- Panchatantra
- Jainismus
- Aparigraha
- Ahimsa
- Yama
- Karma
- Karma Yoga
- Dharma
- Tamil
Quellen und Weblinks
- Project Madurai: Nariviruttam von Tiruttakkatevar, tamilischer Volltext mit Einführung und Erläuterungen von N. D. Logasundaram.
- Wikipedia (englisch): Cīvaka Cintāmaṇi, zum Verfasser.
- Kamil V. Zvelebil: Tamil Literature, Leiden 1975.
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