Civaka Cintamani

Aus Yogawiki

Civaka Cintamani (Tamil: சீவக சிந்தாமணி, Cīvaka Cintāmaṇi), auch Sivaka Sintamani oder Jivaka Chintamani geschrieben, ist eines der fünf großen Epen der tamilischen Literatur. Der Titel bedeutet „Jivaka, das wunscherfüllende Juwel“. Verfasst wurde das Werk im frühen 10. Jahrhundert von dem jainistischen Mönch Tiruttakkatevar, der der Überlieferung nach aus dem Königshaus der Chola stammte und in Madurai lebte.

Das Epos erzählt das Leben des Prinzen Jivaka (tamilisch Civakan): Er wird auf einem Verbrennungsplatz geboren, nachdem sein Vater durch Verrat Thron und Leben verloren hat, wächst unerkannt bei einem Kaufmann auf, meistert alle Künste, besteht zahllose Abenteuer, gewinnt acht Ehefrauen und erobert schließlich sein Königreich zurück. Auf dem Höhepunkt von Macht und Glück erkennt er die Vergänglichkeit aller Dinge, entsagt der Welt, wird Mönch und erlangt die Befreiung.

Wegen der vielen Hochzeiten des Helden wird das Werk auch Mana Nul, „Buch der Hochzeiten“, genannt. Doch seine eigentliche Botschaft ist der Weg von den Freuden der Welt zur Entsagung. Das Civaka Cintamani gilt als eines der sprachlich vollendetsten Werke der tamilischen Dichtung. Es machte das Versmaß Viruttam populär und beeinflusste spätere Dichter wie Kamban, den Verfasser des tamilischen Ramayana. Für die Geschichte des Jainismus in Südindien ist es ein bedeutendes Zeugnis.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Civaka Cintamani
Tamil சீவக சிந்தாமணி
Transliteration Cīvaka Cintāmaṇi
Bedeutung „Jivaka, das wunscherfüllende Juwel“ (Cintamani)
Andere Namen Mana Nul („Buch der Hochzeiten“)
Verfasser Tiruttakkatevar (திருத்தக்கதேவர்), jainistischer Mönch
Entstehungszeit Frühes 10. Jahrhundert n. Chr.
Gattung Epos (Kappiyam), jainistisch
Umfang 13 Bücher (Ilampakam) mit 3.145 Vierzeilern im Versmaß Viruttam
Stellung Eines der „Fünf großen Epen“ der tamilischen Literatur
Hauptfigur Prinz Jivaka (Civakan)

Der Dichter Tiruttakkatevar

Tiruttakkatevar stammte der Überlieferung nach aus der Familie der Chola-Könige. Schon in jungen Jahren wurde er jainistischer Mönch und lebte in Madurai.

Eine bekannte Legende erzählt, wie das Epos entstand. Dichter anderer Glaubensrichtungen spotteten, die Jainas könnten wohl über Entsagung und Askese schreiben, aber nicht über Liebe und die Freuden des Lebens. Tiruttakkatevar nahm die Herausforderung an. Sein Lehrer prüfte zunächst seine Begabung und ließ ihn ein kurzes Gedicht über einen Schakal verfassen, das Nari Viruttam, eine Lehrdichtung über die Vergänglichkeit. Überzeugt von seinem Können, erlaubte ihm der Lehrer, das große Epos zu schreiben, und verfasste selbst den einleitenden Segensvers.

Nach den Schlussversen des Werkes stammen etwa 2.700 der 3.145 Strophen von Tiruttakkatevar selbst. Die übrigen werden seinem Lehrer und einem weiteren Dichter zugeschrieben, der später Ergänzungen einfügte.

Quellen des Stoffes

Die Geschichte des Prinzen Jivaka (in Sanskrit Jivandhara) war in der jainistischen Literatur weit verbreitet. Sie findet sich unter anderem im Uttarapurana des Gunabhadra sowie in den Sanskrit-Werken Kshatrachudamani und Gadyachintamani des Vadibhasimha. Tiruttakkatevar hat den Stoff jedoch frei und mit großer dichterischer Eigenständigkeit gestaltet, reich an tamilischen Landschafts- und Liebesbildern.

Aufbau des Werkes

Das Epos ist in 13 Bücher (Ilampakam) gegliedert. Die meisten sind nach einer der Frauen benannt, die Jivaka heiratet, oder nach einem entscheidenden Abschnitt seines Lebens. Das erste Buch erzählt von seiner Geburt, das letzte, das Mutti Ilampakam („Buch der Befreiung“), von seiner Entsagung und seinem Eingang in die Erlösung.

Jede Strophe besteht aus vier gleich gebauten Zeilen im Versmaß Viruttam. Tiruttakkatevar war der erste, der ein ganzes großes Epos in diesem Versmaß dichtete. Spätere Dichter übernahmen es, allen voran Kamban mit seinem tamilischen Ramayana.

Die Geschichte

Verrat und Geburt auf dem Verbrennungsplatz

König Saccandan herrscht über das Land Hemangada. Er liebt seine Königin Vijaya so sehr, dass er die Regierungsgeschäfte vernachlässigt und sie seinem Minister Kattiyangaran überträgt. Dieser nutzt die Gelegenheit und plant einen Umsturz.

Als die Verräter den Palast angreifen, rettet der König seine schwangere Frau: Er setzt sie in eine kunstvoll gebaute Flugmaschine in Gestalt eines Pfaus, die sie aus der Stadt trägt. Der König selbst fällt im Kampf. Die Flugmaschine landet auf einem Verbrennungsplatz, und dort, zwischen den Scheiterhaufen, bringt Vijaya ihren Sohn zur Welt.

Jugend beim Kaufmann

Eine Gottheit hilft der Königin. Der wohlhabende Kaufmann Kandukkadan, der gerade um sein eigenes verstorbenes Kind trauert, findet den Säugling und nimmt ihn als eigenen Sohn auf. Vijaya zieht sich in eine Einsiedelei zurück und wird Asketin. Der Junge erhält den Namen Jivaka, „der Lebende“, und wächst ohne Wissen um seine Herkunft auf.

Jivaka erhält Unterricht bei dem weisen Lehrer Accanandi, der ihn in allen Künsten und Wissenschaften ausbildet: Waffenkunst, Musik, Heilkunde, Reiten und Elefantenführung. Am Ende seiner Ausbildung enthüllt ihm der Lehrer seine königliche Abstammung. Er ermahnt ihn jedoch, erst nach einem Jahr Rache zu nehmen, und lehrt ihn Geduld und Selbstbeherrschung.

Acht Ehefrauen und viele Abenteuer

In den folgenden Büchern erlebt Jivaka zahlreiche Abenteuer, in denen er Mut, Geschicklichkeit und Edelmut beweist. In jedem gewinnt er eine Frau:

  • Gandharvadattai, eine Prinzessin der Vidyadharas, die nur den heiraten will, der sie im Wettstreit auf der Laute (Vina) übertrifft. Jivaka besiegt sie.
  • Gunamalai, die er vor einem rasenden Elefanten rettet.
  • Padumai, eine Prinzessin, die er von einem Schlangenbiss heilt.
  • Kemasari, Kanakamalai, Vimalai, Suramanjari und schließlich Ilakkanai, die Tochter seines Onkels.

Unterwegs begegnet er auch jainistischen Lehrern und legt Gelübde ab. Eine bekannte Episode erzählt, wie Jivaka einem sterbenden Hund das heilige Mantra der Jainas (Namokar Mantra) ins Ohr flüstert. Der Hund wird daraufhin als Gottheit wiedergeboren und hilft Jivaka später in der Not.

Die Rückeroberung des Königreichs

Mit Unterstützung seines Onkels und vieler Verbündeter zieht Jivaka gegen den Usurpator Kattiyangaran. Er besiegt ihn in der Schlacht, gewinnt das Königreich seines Vaters zurück und besteigt den Thron. Er ehrt seine Mutter, die Asketin Vijaya, die ihn ermahnt, gerecht zu regieren und das Dharma nicht zu vergessen. Viele Jahre herrscht er weise und glücklich mit seinen Frauen.

Der Affe und die Jackfrucht

Auf dem Höhepunkt seines Glücks besucht Jivaka einen Garten. Dort beobachtet er eine unscheinbare Szene: Ein Affe bringt seiner Gefährtin eine Jackfrucht. Da kommt der Gärtner, verjagt die Affen und nimmt die Frucht für sich.

Diese kleine Begebenheit trifft Jivaka tief. Er erkennt in ihr ein Bild seines eigenen Lebens: So wie der Affe die Frucht verlor, hatte sein Vater sein Königreich an einen Stärkeren verloren, und so hatte er selbst es zurückgenommen. Alles, was man besitzt, kann einem genommen werden. Macht, Reichtum und Genuss sind vergänglich.

Entsagung und Befreiung

Jivaka übergibt die Herrschaft seinem Sohn und wird jainistischer Mönch. Auch seine Frauen wählen den Weg der Entsagung und werden Nonnen. Jivaka übt strenge Askese und Meditation. Am Ende erlangt er die vollkommene Erkenntnis (Kevala Jnana) und die endgültige Befreiung (Moksha) aus dem Kreislauf der Geburten.

Die jainistische Lehre im Epos

Das Civaka Cintamani ist eine kunstvolle Darstellung jainistischer Werte:

  • Die drei Juwelen: rechter Glaube, rechte Erkenntnis und rechter Wandel, der Kern des jainistischen Weges.
  • Ahimsa: Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen, auch gegenüber Tieren.
  • Die fünf Gelübde: Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit und Nicht-Besitzergreifen, die für Mönche in strenger, für Laien in gemilderter Form gelten.
  • Vergänglichkeit und Entsagung: Alle weltlichen Freuden sind vergänglich; wahres Glück liegt in der Befreiung der Seele.
  • Karma: Die Taten früherer Leben prägen das Schicksal, und durch Askese kann das angesammelte Karma getilgt werden.

Bemerkenswert ist, dass das Epos die Freuden des Lebens nicht verurteilt. Es schildert Liebe, Schönheit und Kunst mit großer Hingabe. Doch es zeigt, dass all dies letztlich über sich hinausweist: Wer das Leben ganz gekostet hat, kann umso klarer seine Grenzen erkennen.

Sprache und Wirkung

Das Civaka Cintamani gilt als Meisterwerk der tamilischen Dichtkunst. Seine Sprache ist reich an Bildern, sein Rhythmus elegant, seine Naturschilderungen sind berühmt.

Die tamilische Überlieferung erzählt, Kamban habe gesagt, er habe für sein Ramayana nur eine Handvoll aus dem Civaka Cintamani geschöpft. Ob die Anekdote historisch ist oder nicht, sie zeigt die hohe Wertschätzung des Werkes. Auch der berühmte Kommentator Naccinarkkiniyar schrieb im 14. Jahrhundert einen ausführlichen Kommentar dazu.

Im 19. Jahrhundert gab der große Gelehrte U. V. Swaminatha Iyer das Civaka Cintamani 1887 als erstes der großen Epen heraus. Um die jainistischen Begriffe zu verstehen, suchte er Jaina-Gelehrte auf und lernte ihre Lehren kennen. Diese Ausgabe leitete die Wiederentdeckung der klassischen tamilischen Literatur ein, zu der später auch das Silappatikaram und die Manimekalai gehörten.

Die fünf großen Epen

Das Civaka Cintamani gehört zu den fünf großen Epen (Aimperunkappiyam) der tamilischen Literatur:

  1. Silappatikaram von Ilango Adigal
  2. Manimekalai von Sittalai Sattanar, ein buddhistisches Epos
  3. Civaka Cintamani von Tiruttakkatevar, ein jainistisches Epos
  4. Valaiyapati, nur in Bruchstücken erhalten
  5. Kundalakesi, ein buddhistisches Werk, nur in Bruchstücken erhalten

Während das Silappatikaram von Treue und Gerechtigkeit und die Manimekalai von Mitgefühl erzählt, zeigt das Civaka Cintamani den ganzen Bogen eines Lebens: von der Geburt im Unglück über den Glanz weltlichen Erfolgs bis zur freiwilligen Entsagung.

Symbolbild: Vom äußeren Glanz zur inneren Freiheit

Spirituelle Bedeutung

Die vier Lebensziele

Das Epos lässt sich im Licht der indischen Lehre von den vier Lebenszielen (Purusharthas) lesen: Dharma (rechtes Handeln), Artha (Wohlstand und Macht), Kama (Liebe und Genuss) und Moksha (Befreiung). Jivaka erfüllt die ersten drei in vollkommener Weise, bevor er sich dem vierten zuwendet. So zeigt das Werk einen Weg, der das Leben in der Welt nicht verachtet, aber über es hinausführt.

Vairagya: Entsagung aus Einsicht

Jivakas Entsagung ist keine Flucht vor dem Leben. Sie entsteht aus einer klaren Einsicht, ausgelöst durch eine alltägliche Beobachtung. Im Yoga nennt man diese innere Loslösung Vairagya. Das Epos zeigt, dass wahre Entsagung nicht durch Zwang entsteht, sondern durch Verstehen reift.

Geduld und Selbstbeherrschung

Jivakas Lehrer ermahnt ihn, seinen Zorn zu zügeln und ein Jahr mit der Rache zu warten. Diese Lektion in Geduld zieht sich durch das ganze Epos. Selbstbeherrschung erscheint als Voraussetzung für weises Handeln.

Die Kraft des Mantras

Die Geschichte vom sterbenden Hund, der durch das Hören eines Mantras eine höhere Geburt erlangt, drückt eine Überzeugung aus, die viele indische Traditionen teilen: Der heilige Klang wirkt über die Grenzen des Verstehens hinaus, und Mitgefühl gilt allen Wesen.

Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten

Das Silappatikaram und die Manimekalai sind die älteren Schwesterepen. Das Tolkappiyam liefert die poetische Tradition, in der das Werk steht. Das Tirukkural des Tiruvalluvar, das manche Forscher ebenfalls jainistischen Kreisen zuordnen, teilt mit dem Civaka Cintamani die Gliederung des Lebens nach Dharma, Artha und Kama. Kambans tamilisches Ramayana übernahm das Versmaß Viruttam. Heilige wie Tirumular, Manikkavacakar und Arunagirinathar schrieben in einer literarischen Welt, die durch diese großen Epen geprägt war.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die Jackfrucht-Betrachtung: Wähle in der Meditation etwas, das dir wertvoll ist. Mache dir bewusst, dass es vergänglich ist. Beobachte, ob sich daraus Angst oder eher Dankbarkeit und Gelassenheit ergibt.
  • Alles zu seiner Zeit: Jivaka lebt die Freuden des Lebens voll und findet dann den Weg zur Entsagung. Überlege, welche Lebensphase du gerade erlebst und was sie von dir verlangt.
  • Geduld üben: Wenn Ärger oder der Wunsch nach Vergeltung aufsteigen, übe bewusstes Innehalten. Atme mehrmals tief ein und aus, bevor du handelst.
  • Gewaltlosigkeit im Alltag: Wähle einen Bereich, in dem du Ahimsa in deiner Yogapraxis und deinem Leben vertiefen kannst: in Worten, in der Ernährung oder im Umgang mit anderen Wesen.

Das wunscherfüllende Juwel

Das Civaka Cintamani erzählt von einem Prinzen, der alles erreicht, was ein Mensch sich wünschen kann, und der dennoch erkennt, dass das eigentliche Juwel im Inneren liegt. Seine Geschichte lädt dazu ein, das Leben mit Freude zu leben und zugleich frei zu werden von der Anhaftung an seine vergänglichen Gaben.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

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