Manimekalai
Manimekalai (Tamil: மணிமேகலை, Maṇimēkalai) ist ein klassisches Epos der tamilischen Literatur und das einzige vollständig erhaltene buddhistische Epos in tamilischer Sprache. Verfasst wurde es von dem Dichter Sittalai Sattanar, der Überlieferung nach ein Getreidehändler aus Madurai. Es setzt die Geschichte des Silappatikaram fort und erzählt vom Weg der jungen Manimekalai, der Tochter Kovalans und der Tänzerin Madhavi, die der Liebe eines Prinzen entsagt, eine unerschöpfliche Almosenschale empfängt, die Hungrigen speist und schließlich als buddhistische Nonne nach Befreiung strebt.
Das Epos ist die Geschichte einer spirituellen Reifung. Manimekalai erinnert sich an frühere Leben, erlernt geheime Kräfte, erlebt Gefahr und Verfolgung, bleibt aber in Güte und Standhaftigkeit gegründet. Ihr eigentlicher Weg ist der Weg des Mitgefühls: Hunger ist für sie das größte Leid, und die Speisung der Bedürftigen wird zu ihrer spirituellen Praxis.
Zugleich ist die Manimekalai ein bedeutendes philosophisches Dokument. In einem eigenen Gesang hört die Heldin die Vertreter der verschiedenen indischen Denkschulen, darunter vedische, shivaitische, vishnuitische, jainistische und materialistische Lehrer, bevor sie die Lehre des Buddha annimmt. So gewährt das Werk einen seltenen Einblick in die religiöse und philosophische Vielfalt Südindiens vor rund 1.500 Jahren.
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Das Wichtigste auf einen Blick
| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Titel | Manimekalai |
| Tamil | மணிமேகலை |
| Transliteration | Maṇimēkalai |
| Verfasser | Sittalai Sattanar (சீத்தலைச் சாத்தனார்), Dichter und Getreidehändler aus Madurai |
| Entstehungszeit | Umstritten; meist im 5. oder 6. Jahrhundert n. Chr. angesetzt |
| Gattung | Epos (Kappiyam), buddhistisch |
| Umfang | 30 Gesänge (Kathai) in rund 4.800 Versen |
| Stellung | Eines der „Fünf großen Epen“ der tamilischen Literatur; „Zwillingsepos“ zum Silappatikaram |
| Hauptfiguren | Manimekalai, Madhavi, Prinz Udayakumaran, die Göttin Manimekalai, der Lehrer Aravana Adigal |
Name und Verfasser
Die Heldin ist nach der Meeresgöttin Manimekalai benannt, einer Schutzgottheit der buddhistischen Überlieferung. Die Göttin hatte der Legende nach einst einen Vorfahren Kovalans aus Seenot gerettet. Im Epos greift sie erneut ein und führt die junge Manimekalai zu ihrer spirituellen Bestimmung.
Der Dichter Sittalai Sattanar stammte der Überlieferung nach aus einem Ort namens Sittalai und lebte als Getreidehändler in Madurai. Die Tradition macht ihn zu einem Zeitgenossen und Freund von Ilango Adigal, dem Dichter des Silappatikaram. Nach einer Legende soll Sattanar diesem sogar die Geschichte Kannagis erzählt haben. Historisch ist diese Verbindung nicht gesichert; viele Forscher datieren die Manimekalai etwas später als das Silappatikaram. Unter dem Namen Sattanar sind außerdem einige Gedichte der Sangam-Anthologien überliefert.
Aufbau und Stil
Die Manimekalai umfasst 30 Gesänge, die fortlaufend im Versmaß Akaval gedichtet sind. Anders als das Silappatikaram ist sie nicht in Bücher gegliedert. Die Handlung ist reich an eingeschobenen Geschichten, Erinnerungen an frühere Leben und Lehrgesprächen. Die letzten Gesänge sind fast ganz der Darlegung philosophischer Lehren gewidmet, darunter die buddhistische Logik und die Lehre vom abhängigen Entstehen.
Die Geschichte
Madhavi und Manimekalai im Kloster
Nach dem Tod Kovalans wendet sich die Tänzerin Madhavi von ihrem bisherigen Leben ab. Sie schneidet ihr Haar und tritt in ein buddhistisches Kloster ein. Ihre Tochter Manimekalai, jung und von großer Schönheit, folgt ihr auf diesem Weg. Die Mutter Madhavis ist darüber unglücklich, denn sie wünscht, dass Manimekalai die Familientradition als Tänzerin fortsetzt.
Der Prinz und der Kristallpavillon
In der Stadt Puhar sieht der Chola-Prinz Udayakumaran die junge Manimekalai und verliebt sich in sie. Als sie mit einer Freundin im Blumengarten weilt, versteckt sie sich vor ihm in einem Pavillon aus Kristall. Der Prinz erkennt sie hinter der durchsichtigen Wand, kann aber nicht zu ihr gelangen. Manimekalai spürt, dass auch ihr Herz sich zu ihm hingezogen fühlt, und ist darüber zutiefst beunruhigt.
Die Insel Manipallavam
In der Nacht erscheint die Göttin Manimekalai und trägt die schlafende junge Frau durch die Luft auf die Insel Manipallavam, die oft mit einer Insel vor der Küste Sri Lankas in Verbindung gebracht wird. Dort findet Manimekalai einen heiligen Sitz des Buddha. Als sie ihn verehrt, erinnert sie sich an ihr früheres Leben: Sie war einst die Prinzessin Ilakkumi, und der Prinz Udayakumaran war damals ihr Gatte Rahula. So versteht sie, woher ihre Zuneigung zu ihm stammt, und findet die Kraft, sich davon zu lösen.
Die Göttin lehrt sie drei Mantras: eines, mit dem sie ihre Gestalt verwandeln kann, eines, mit dem sie durch die Luft reisen kann, und eines, das sie von Hunger befreit.
Die unerschöpfliche Schale
Auf der Insel führt die Wächterin Tivatilakai Manimekalai zu einem heiligen Teich. Aus ihm steigt die Almosenschale Amudasurabhi (Amrita-Surabhi) empor, eine Schale, die niemals leer wird, so viel man auch daraus austeilt.
Die Schale hatte einst Aputtiran gehört, einem verlassenen Kind, das von einer Kuh gesäugt und von Brahmanen aufgezogen worden war. Aputtiran widmete sein Leben der Speisung der Hungrigen und geriet dabei in Konflikt mit den orthodoxen Priestern seiner Zeit. Die Göttin der Weisheit schenkte ihm die unerschöpfliche Schale. Seine Geschichte wird im Epos ausführlich erzählt und bildet ein Herzstück seiner Botschaft: Das Speisen der Hungrigen ist höchste Tugend.
Die Speisung der Hungrigen
Mit der Schale kehrt Manimekalai nach Puhar zurück. Sie zieht als Bettelnonne durch die Straßen und speist Arme, Kranke, Gefangene und alle Hungrigen. Die erste Gabe in ihre Schale erhält sie von der tugendhaften Frau Atirai; von da an vermehrt sich die Nahrung ohne Ende.
In einer eindrucksvollen Episode begegnet sie Kayasandikai, einer Frau aus dem Geschlecht der Vidyadharas, die unter einem Fluch unstillbaren Hungers leidet. Manimekalai stillt ihren Hunger mit einer einzigen Handvoll aus der Schale.
Der Tod des Prinzen
Um sich vor den Nachstellungen Udayakumarans zu schützen, nimmt Manimekalai mit Hilfe ihres Mantras die Gestalt Kayasandikais an. Doch Kayasandikais Ehemann sieht, wie der Prinz sich der vermeintlichen Frau nähert. Aus Eifersucht erschlägt er Udayakumaran. Manimekalai ist tief erschüttert. Eine Stimme aus einer Statue erklärt ihr, dass dieser Tod die Folge von Karma aus früheren Leben ist.
Gefangenschaft und Vergebung
Die Königin, die Mutter des getöteten Prinzen, lässt Manimekalai gefangen nehmen. Sie versucht, ihr Schaden zuzufügen und sie zu brechen, doch Manimekalai bleibt unversehrt und gelassen. Schließlich erkennt die Königin ihre Unschuld und ihre Güte und bittet sie um Vergebung. Manimekalai tröstet die trauernde Mutter und belehrt sie über die Vergänglichkeit und das Gesetz des Karma. Auf ihre Bitte hin wird das Gefängnis in eine Stätte der Nächstenliebe umgewandelt.
Die Suche nach der Wahrheit
Manimekalai verlässt Puhar und reist in die Chera-Hauptstadt Vanci. Dort befragt sie die Lehrer der verschiedenen philosophischen und religiösen Schulen. Sie hört Vertreter der vedischen Tradition, Verehrer von Shiva und Vishnu, Anhänger der Ajivikas und des Jainismus, Lehrer der Samkhya- und der Vaisheshika-Philosophie sowie Materialisten. Keine dieser Lehren stillt ihre Suche vollständig.
In Vanci begegnet sie auch ihrem Großvater Masattuvan, dem Vater Kovalans, der inzwischen selbst buddhistischer Mönch geworden ist.
Die Lehre des Buddha in Kanchi
Schließlich gelangt Manimekalai nach Kanchipuram, wo eine Hungersnot herrscht. Mit ihrer Schale speist sie die Menschen der Stadt. Dort trifft sie auf den ehrwürdigen buddhistischen Lehrer Aravana Adigal. Von ihm empfängt sie die Unterweisung in die Lehre des Buddha: die Vier edlen Wahrheiten und die zwölf Glieder des abhängigen Entstehens (Pratitya Samutpada). Sie nimmt Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha, legt das Gewand der Nonne an und widmet sich der Übung, um sich vom Kreislauf der Wiedergeburten zu befreien.
Was ist Dharma?
Ein berühmter Vers der Manimekalai fasst ihre ethische Botschaft zusammen:
அறம் எனப்படுவது யாது எனக் கேட்பின்
மறவாது இது கேள் மன் உயிர்க்கு எல்லாம்
உண்டியும் உடையும் உறையுளும் அல்லது
கண்டது இல்
Aṟam eṉappaṭuvatu yātu eṉak kēṭpiṉ
maṟavātu itu kēḷ maṉ uyirkku ellām
uṇṭiyum uṭaiyum uṟaiyuḷum allatu
kaṇṭatu il
Wenn du fragst, was man Dharma nennt, so höre dies und vergiss es nicht:
Für alle lebenden Wesen Nahrung, Kleidung und Obdach zu geben –
etwas anderes habe ich nicht gesehen.
Eigene Übersetzung nach der verbreiteten Textgestalt.
Diese Aussage ist von eindrucksvoller Schlichtheit. Hohe Philosophie und tiefe Meditation haben ihren Platz, doch der Prüfstein der Tugend ist die tätige Sorge für die Grundbedürfnisse aller Wesen.

Religiöse und philosophische Bedeutung
Ein buddhistisches Epos in Tamil
Die Manimekalai ist die wichtigste literarische Quelle für den Buddhismus im alten Tamil-Land. Sie zeigt, dass Städte wie Puhar und Kanchipuram einst bedeutende buddhistische Zentren waren. Die Darstellung der buddhistischen Logik in den letzten Gesängen steht der Lehre des großen Logikers Dignaga nahe, der selbst aus Kanchipuram stammen soll.
Ein Panorama der Denkschulen
Der Gesang, in dem Manimekalai die Vertreter der verschiedenen Schulen befragt, ist für die Geschichte der indischen Philosophie wertvoll. Er fasst Lehren zusammen, die aus anderen Quellen nur bruchstückhaft bekannt sind, etwa die der Ajivikas oder der Materialisten (Lokayata). Auch wenn das Epos die Überlegenheit der buddhistischen Lehre darstellen will, lässt es die anderen Schulen zu Wort kommen.
Karma und frühere Leben
Wie im Silappatikaram spielt das Karma eine zentrale Rolle. Die Erinnerung an frühere Leben hilft Manimekalai, ihre gegenwärtigen Gefühle zu verstehen und sich von Anhaftung zu lösen. Der Tod des Prinzen und die Leiden der Menschen werden als Folge früherer Taten gedeutet, nicht um Mitgefühl zu verhindern, sondern um den Weg zur Befreiung zu zeigen.
Hunger als größtes Leid
Die Manimekalai stellt den Hunger als eines der größten Übel dar, das Menschen zu Verzweiflung und Unrecht treiben kann. Die unerschöpfliche Schale wird zum Sinnbild eines Mitgefühls, das sich nicht erschöpft, je mehr es gibt. Diese Botschaft verbindet das Epos mit vielen spirituellen Traditionen Indiens, in denen das Speisen der Hungrigen (Annadana) als besonders verdienstvoll gilt.
Die fünf großen Epen
Die Manimekalai gehört zu den fünf großen Epen (Aimperunkappiyam) der tamilischen Literatur:
- Silappatikaram von Ilango Adigal
- Manimekalai von Sittalai Sattanar
- Sivaka Sintamani, ein jainistisches Epos
- Valaiyapati, nur in Bruchstücken erhalten
- Kundalakesi, ein buddhistisches Werk, nur in Bruchstücken erhalten
Silappatikaram und Manimekalai werden als „Zwillingsepen“ bezeichnet. Das erste erzählt vom Schicksal Kovalans und Kannagis, das zweite vom spirituellen Weg Manimekalais, der Tochter Kovalans und Madhavis. Während das Silappatikaram von Leidenschaft, Treue und Gerechtigkeit handelt, führt die Manimekalai zu Entsagung, Mitgefühl und Befreiung.
Wiederentdeckung und Überlieferung
Anders als das Silappatikaram besitzt die Manimekalai keinen erhaltenen mittelalterlichen Kommentar. Nachdem der Buddhismus in Südindien an Bedeutung verloren hatte, geriet das Werk weitgehend in Vergessenheit. Der große tamilische Gelehrte U. V. Swaminatha Iyer gab es 1898 nach alten Palmblatthandschriften heraus und machte es so wieder zugänglich.
Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten
Das Silappatikaram ist das unmittelbare Vorgängerwerk, dessen Figuren in der Manimekalai weiterleben. Das Tolkappiyam liefert die poetische Tradition, in der beide Epen stehen. Das Tirukkural des Tiruvalluvar teilt mit der Manimekalai die Hochschätzung von Freigebigkeit und Gastfreundschaft. Die unerschöpfliche Schale und das Speisen aller Hungrigen ohne Ansehen der Person erinnern an das Wirken von Ramalinga Swamigal, der in Vadalur eine Speisungsstätte gründete, deren Herdfeuer bis heute brennt. Auch Tirumulars Einsicht, dass Liebe und das Göttliche nicht zwei sind, klingt im tätigen Mitgefühl Manimekalais an.
Anregungen für Yoga und Meditation
- Mitgefühl üben: Beginne eine Meditation mit dem Wunsch, dass alle Wesen Nahrung, Kleidung und ein Obdach haben mögen. Lass diesen Wunsch im Herzen weit werden.
- Die unerschöpfliche Schale: Liebe und Güte werden nicht weniger, wenn man sie verschenkt. Überlege, wem du heute etwas geben kannst: Zeit, Aufmerksamkeit, Nahrung oder ein freundliches Wort.
- Loslassen von Anhaftung: Manimekalai versteht ihre Gefühle, indem sie ihre Herkunft erkennt. Beobachte in der Meditation eine Anziehung oder Abneigung, ohne ihr zu folgen, und frage, woher sie kommt.
- Offenheit für viele Wege: Manimekalai hört viele Lehrer an, bevor sie ihren Weg wählt. Auch im Yoga kann es bereichernd sein, verschiedene Traditionen kennenzulernen und das zu vertiefen, was dem eigenen Herzen entspricht.
Die Schale, die niemals leer wird
Die Manimekalai erzählt von einer jungen Frau, die der Leidenschaft entsagt und im Mitgefühl ihre Erfüllung findet. Ihre unerschöpfliche Schale ist ein Bild für ein Herz, das umso reicher wird, je mehr es gibt. Die Botschaft des alten Epos ist heute so aktuell wie damals: Der Weg zur Befreiung führt über die tätige Sorge für alle Wesen.
Siehe auch
- Silappatikaram
- Tolkappiyam
- Tirukkural
- Tiruvalluvar
- Buddha
- Buddhismus
- Vier edle Wahrheiten
- Karma
- Dharma
- Mitgefühl
- Jainismus
- Samkhya
- Ramalinga Swamigal
- Tirumular
- Tamil
Quellen und Weblinks
- Project Madurai: Manimekalai, tamilischer Volltext.
- Project Madurai: Manimekalai Araycci von Auvai Duraisami Pillai, tamilische Studie.
- Alain Daniélou (Übers.): Manimekhalai. The Dancer with the Magic Bowl, New York 1989.
- Paula Richman: Women, Branch Stories, and Religious Rhetoric in a Tamil Buddhist Text, Syracuse 1988.
- Kamil V. Zvelebil: Tamil Literature, Leiden 1975.
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