Jugupsa

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Jugupsa (Sanskrit: जुगुप्सा jugupsā f.) wörtl.: "das Verlangen zu beschützen"; Abscheu, Widerwille, Ekel.

Bedeutungen von Jugupsa

Jugupsa von der Wurzel gup "beschützen, behüten, verbergen"; jugupsate = "er wünscht zu beschützen") bedeutet einerseits Abneigung, Abscheu und Widerwille, andererseits steht es für den Wunsch zu behüten. Die erste, standardmäßige, Definition hat ihren Ursprung im Yogasutra (Kap. 2 Sutra 40), wo Jugupsa in Verbindung mit dem Reinheitsbegriff (Shaucha) verwendet wird. Jugupsa ist hier mit Abneigung, bzw. Widerwille übersetzt, der im Bezug auf den eigenen Körper und den Kontakt mit anderen aufgrund von Reinheit auftreten kann. In diesem Zusammenhang kann Jugupsa als körperfeindlich interpretiert werden.

Demgegenüber gibt es eine weitere, wörtliche, Interpretation des Wortes Jugupsa, von Helmuth Maldoner, die 2002 im Rahmen der Yogasutra-Übersetzung im Raja-Verlag erschien. In Anlehnung an seine Wortwurzel heißt Jugupsa hier "Wunsch, zu schützen". Dies bedeutet, dass mit zunehmender Reinheit ein Wunsch den eigenen Körper vor äußeren Kontakten zu schützen auftreten kann.

Etymologische Betrachtung über Jugupsa

Das Nomen (Naman) Jugupsa ist eine sogenannte Desiderativbildung, d.h. zur Grundbedeutung des Verbs (Akhyata) bzw. der Verbalwurzel (Dhatu) tritt die Bedeutung des Wünschens (Ichchha) hinzu: man wünscht das zu tun, was die Bedeutung der Verbalwurzel ist.

Im Sanskrit kann dies mit einem einzigen Wort ausgedrückt werden, entweder als Verb oder als ein davon abgeleitetes Substantiv (Naman) bzw. Adjektiv (Visheshana), z.B.:

Von der Wurzel muc "losmachen, freimachen, befreien" - wovon auch Mukti und Moksha ("Befreiung, Erlösung") abgeleitet sind - kann ein Desiderativum mumukṣate "er wünscht sich zu befreien" gebildet werden. Davon wiederum kann das Adjektiv mumukṣu (Mumukshu) "nach Erlösung verlangend" und das Substantiv mumukṣā (Mumuksha) "das Verlangen nach Erlösung" gebildet werden.

Analog dazu kann von der Wurzel gup "hüten, bewahren, bewachen, schützen" ein Desiderativum jugupsate "er wünscht zu beschützen" gebildet werden, ein Adjektiv jugupsu (Jugupsu) bzw. jugupiṣu (Jugupishu) "zu schützen beabsichtigend" wie auch ein Substantiv jugupsā "das Verlangen zu beschützen". Dies ist die regelmäßige, von der Wurzelbedeutung (Dhatvartha) abgeleitete Bedeutung der Desiderativbildung.

Die übliche, in den Wörterbüchern verzeichnete Bedeutung von Jugupsa ist jedoch "Abscheu, Widerwille, Ekel" und nicht "das Verlangen zu beschützen". Wie kommt es nun zu dieser offensichtlichen Bedeutungsdiskrepanz? Diese kann mit dem sogenannten Sprachwandel erklärt werden, d.h., die Bedeutung eines Wortes wandelt sich im Laufe der Zeit ("Bedeutungsverschiebung"), was innerhalb von Jahrhunderten oder auch von Jahrzehnten geschehen kann.

Dies bedeutet im Falle des Bedeutungswandels von Jugupsa, dass sich die ursprüngliche "wörtliche" Bedeutung ("das Verlangen zu beschützen") in Richtung "Abscheu, Widerwille, Ekel" verschoben hat, und schließlich nur noch letzteres verstanden wurde. Der semantische Zusammenhang zwischen Dingen, vor denen man sich schützen will und Dingen, die Abscheu erregen, lässt sich leicht nachvollziehen: bspw. geht der Wunsch, sich vor einer giftigen Spinne zu schützen, oft mit Abscheu einher, die schließlich durch das Wort Jugupsa bezeichnet wird. Die Entwicklung einer speziellen Bedeutung, die von der Bedeutung der Verbalwurzel nicht mehr unmittelbar abgeleitet werden kann, nennt man auch "Lexikalisierung".

Möglicherweise haben nun die späteren, uns überlieferten Kommentatoren des Yoga Sutra (d.h. Vyasa und seine Nachfolger) ganz selbstverständlich die "lexikalisierte" Bedeutung von Jugupsa ("Abscheu, Widerwille, Ekel") angenommen, die ihrer Zeit entsprach, insofern gerade in asketisch orientierten buddhistischen und jainistischen Texten und Lehren eine zunehmende körperfeindliche Einstellung festzustellen ist. Dies schließt jedoch nicht aus, dass Patanjali (Kap. 2 Sutra 40) ursprünglich Jugupsa im Sinne eines Desiderativums der Wurzelbedeutung von gup gemeint hat, also "das Verlangen zu beschützen".

Jugupsa im Yoga Sutra

Im 40. Sutra des zweiten Adhyaya des Yoga Sutra heißt es im Zusammenhang mit der Vervollkommnung von Shaucha ("Reinheit"), dem ersten Niyama:

शौचात्स्वाङ्गजुगुप्सा परैरसंसर्गः || 2.40 ||

śaucāt svāṅga-jugupsā parair asaṃsargaḥ || 2.40 ||

Aufgrund von Reinheit (Shaucha) entsteht hinsichtlich der eigenen Glieder (Sva-Anga, d.h. des eigenen Körpers) (a) der Wunsch zu Beschützen (bzw. b) Abscheu (Jugupsa), sowie das Nicht-in-Kontakt-Kommen(-Wollen, Asamsarga) mit anderen (Para).


Siehe auch

Literatur