Svadharma

Aus Yogawiki
Swami Sivananda

Svadharma (Sanskrit: svadharma m.) eigene Pflicht; vgl, evtl. auch Berufung.

Was ist Svadharma?

Artikel von Swami Sivananda aus dem Buch: „Practice of Karma Yoga

Im Englischen gibt es keinen richtigen Ausdruck für den Sanskritbegriff „Dharma“. Im allgemeinen wird er mit „Pflicht“, „Rechtschaffenheit“ übersetzt. Eine jede Handlung, die auf Sreyas (höchste Wonne) und Abhyudaya ausgerichtet ist, ist Dharma. Was den Menschen Wohlergehen beschert, bezeichnet man als Dharma. Das Wort leitet sich vom Wortstamm „Dhri“ ab, was so viel wie „unterstützen“ oder „aufrechterhalten“ bedeutet. Was aufrechterhält ist Dharma. Durch Dharma werden auch die Menschen aufrechterhalten. Da es unterstützt und zusammenhält wird es Dharma genannt. Das, was die Fortdauer des Seins sichert, ist Dharma. „Svadharma“ meint die eigene Pflicht in Übereinstimmung mit der Varnashrama (die Gesetze von Kaste und Lebensabschnitt), die sich auf die Gunas bauen.

Gott, Religion und Dharma sind eins. Der Mensch entwickelt sich durch die Praxis von Dharma gemäß seiner Kaste und Lebensordnung und erreicht schließlich Selbstverwirklichung, das Endziel des Lebens, das unendliche Wonne, höchsten Frieden, ungetrübte Freude, höchstes Wissen, ewige Zufriedenheit und Unsterblichkeit mit sich bringt.

Die Essenz von Svadharma

Die Essenz von Dharma ist Achara. Achara ist die Essenz des Guten. Über aller Lehre steht Achara. Aus Achara leitet sich Dharma ab und Dharma verbessert das Leben. Durch Achara erlangt der Mensch Ruhm, Macht und Stärke jetzt und immer. Achara ist das höchste Dharma und die Wurzel aller Tapas.

Purusharthas und Svadharma

Dharma kommt an erster Stelle der vier Purusharthas, nämlich Dharma, Artha, Kama und Moksha. Dharma verleiht Wohlstand, Wunschbefriedigung und schließlich Befreiung.

„Der Brahmana (Angehöriger der Priesertkaste) war Brahmas (Schöpfergott) Mund; Rajanya bildete seine beiden Arme; Vaishya seine zwei Schenkel; Sudra (Angehöriger der vierten Kaste: Handwerker, Arbeiter, Angestellte der drei anderen Gruppen) seine beiden Füße“. Die vier Kasten sind die Brahmana, Kshatriya (Krieger), Vaishya und Sudra. Die Pflichten eines Brahmanen sind seiner Natur nach Selbstdisziplin, Gelassenheit, Geduld, Härte, Reinheit, Gottesglauben, Vergebung, Selbstaufopferung, Rechtschaffenheit, Wahrheitsliebe, Weisheit, das Lehren und das Studium der Veden, die Opfergabe, aber auch andere zu leiten, in dem man Opfer und Geschenke darbringt und Geschenke erhält.

Mut, Großzügigkeit, Kraft, Können, Glanz, Festigkeit, Energie, die Auseinandersetzung nicht scheuend, die Natur eines Regenten, Menschen in Schutz nehmend, Geschenke bringend, Opfergabe und das Studium der Veden sind die natürlichen Pflichten eines Kshatriyas.

Pflügen, der Schutz des Viehs, Handel, Wohltätigkeit, Opfergabe und Studium der Veden, Tätigkeit in der Wirtschaft, Finanzwelt und Landwirtschaft sind die natürlichen Pflichten eines Vaishyas.

Die Pflicht, all diesen Kasten ohne zu murren zu dienen, obliegt naturgemäß einem Sudra.

Viel Unheil entsteht durch jene Menschen einer Kaste, die die Aufgaben einer anderen Kaste anstreben und die mehr über die Rechte als die Pflichten ihrer eigenen Kaste nachsinnen.

Die Brahmanen und Kshatriyas haben ihre Privilegien energisch in Anspruch genommen, sich von der schweren Verantwortung ihrer Kasten jedoch gedrückt. Natürlich ruft ihr Verhalten Widerstand hervor und Feindseligkeit verdrängt den gegenseitigen guten Willen und die Hilfsbereitschaft. Anstatt einen alles glücklich regelnden Rahmen darzustellen, entwickelte sich demzufolge aus dem Kastenwesen soziale Bitternis. Wenn die verschiedenen Kastenzugehörigen ihre Dharmas erfüllen, wird die Verwirrung über die Kasten verschwinden und Frieden und Freude im Überschwang wird vorherrschen.

Svadharma der vier Ashramas

Die Ashramas sind vier, nämlich Brahmacharya, die Lehrzeit, Garhasthya, die Zeit des Familienlebens, Vanaprastha, die Zeit des Waldbewohnens oder der Abgeschiedenheit und Sannyasa, die Berufung zum totalen Verzicht. Jeder Lebensabschnitt hat seine eigenen Pflichten. Der Mensch darf in keinem dieser Zeiten nach den besonderen Aufgaben der anderen Bereiche streben. Momentan ist es schwierig, die genauen Details dieser alten Regeln beizubehalten und zu befolgen, da die Umstände sich sehr geändert haben. Wenn wir jedoch eine klare Vorstellung unserer grundlegenden Pflichten haben können, sind wir noch in der Lage, unser Leben an den geregelten Verlauf der Entwicklung und des stetigen Wachstums anzupassen.

Das Leben des Studenten beginnt mit der Upanayana Zeremonie (Einführungszeremonie), seiner zweiten Geburt. Du findest im Manu Smriti: „Sieh zu, dass der Student sich immer mit dem Studium der Veden befasst und seinem Lehrer dient. Halte den Studenten fern von Wein, Fleisch, Parfüm, herzhaften Gerichten, Girlanden, der Gesellschaft von Frauen, Verletzungen durch empfindungsfähigen Kreaturen. Lass ihn auf Lust, Ärger, Gier, Tanz, Gesang und Spielen auf Musikinstrumenten, Würfelspiel, Tratsch, üble Nachrede und Unwahrheit verzichten“.

„Lass den Studenten alleine schlafen und lass ihn nicht seinen Samen verschwenden; wer aus Lust seinen Samen zerstört, zerstört sein Gelübde. Er soll den Geist des Dienens entwickeln, Bescheidenheit und Gehorsam. Er soll seinen Charakter richtig formen. Er soll keusch in Gedanken, Worten und Taten sein“.

Dann folgt die Zeit des Familienlebens. Nach Beendigung seiner Pflichten und wenn er bereit ist für die Aufgaben und Verantwortungen eines Familienvorstands, betritt der Student den Orden des Garhasthya. Unter allen Ashrama hat der Familienvorstand die höchste Position, da er die anderen drei direkt unterstützt. So wie allen Ströme und Flüsse sich im Ozean treffen, so kommen all Ashrama Familienvorstand zusammen. Auf diesem Gebiet werden verschiedene Tugenden entwickelt wie Barmherzigkeit, Liebe, Großzügigkeit, Geduld, Toleranz, Reinheit, Vorsicht und richtiges Urteilen. Angesichts des modernen Übels der Kinderehe ist es ist ein Jammer festzustellen, dass die Großartigkeit, Feierlichkeit und Würde dieses Lebensalters verloren geht durch die Vermischung seiner Pflichten mit denen eines Studenten. Es gibt kein Ideal im Leben eines Familienvorstands. Deshalb nimmt die Zahl der Sannyasins jetzt zu. Die zentrale Lehre der Gita und Yoga Vasishtha besagt, dass Selbstverwirklichung in und durch die Welt erlangt werden soll.

Svadharma in der Bhagavad Gita

Erinnern wir uns an eine wichtige Lehre aus der Gita, die uns Seelenfrieden und Wonne beschert: „Es ist besser seine Pflicht zu erfüllen, auch wenn man keinen Lohn dafür erhält, als die Pflicht eines anderen gut zu erfüllen. Tod durch Erfüllung der eigenen Pflicht ist besser, denn die Pflicht eines anderen steckt voller Gefahr“.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Punkt. Du verstehst genau, dass die richtige Pflichtausübung ohne Verhaftung in jedem Lebensstadium Selbstverwirklichung und Befreiung bringt. Vernimm nun mit großer Aufmerksamkeit die folgende Anekdote einer frommen Frau und eines Metzgers:

Die Geschichte eines Sannyasins und einer Karma Yogini

Ein Sannyasin zog sich zur Yogapraxis in einen Wald zurück. Er verweilte zwölf Jahre in einer Höhle. Er übte Pranayama, Khechari Mudra und verschiedene yogische Kriyas (Handlungen). So saß er eines Tages im Schatten eines Baumes. Ein Kranich saß auf einem Ast des Baumes. Er ließ Exkremente auf den Kopf des Sannyasins fallen, was diesen erzürnte. Er starrte den Kranich an. Sofort entströmte yogisches Feuer vom Scheitelpunkt seines Kopfes und verbrannte den Kranich zu Asche. Der Sannyasin erfreute sich an der wunderbaren Macht, die er besaß.

Nun zog er in die Stadt, um seine üblichen Almosen einzusammeln. Er rief „Narayana Hari“ vor der Tür eines Familienvorstandes aus. Die Hausfrau war gerade dabei, ihren kranken Ehemann zu pflegen. Sie war eine sehr züchtige Frau, die ihrem Mann sehr ergeben war. Sie hielt Pativrata Dharma (dem Ehemann ergeben dienen). Sie antwortete aus dem Zimmer: „Oh, Bhikshu (wandernder Bettelmönch), bitte warte ein wenig.“ Der Sannyasin war recht verärgert. Er dachte sich: „Schau dir diese arrogante Frau an. Sie bat mich zu warten. Sie ist sich meiner yogischen Kräfte nicht bewusst“. Während er dies dachte, sagte die Frau: „Oh, Bhikshu! Hier gibt es keinen Kranich. Überschätze dich nicht. Blase dich nicht mit deinen Siddhis auf". Der Sannyasin verharrte völlig überrascht. Er musste still warten. Schließlich kam die Frau mit Almosen für den Sannyasin heraus. Er richtete sich ihr zu Füßen auf und fragte: „Oh Devi, wie konntest du meine Gedanken lesen?“ Die Frau antwortete: „Oh Swami! Ich weiß nichts über Pranayama oder irgendeine yogische Kriya. Ich ließ dich warten, weil ich mich gerade um meinen kranken Ehemann kümmerte. Ich bin eine unwissende Frau. Ich bin meinem Ehemann aufrichtig zugetan. Ich betrachte ihn als meinen Guru und Gott. Ich bete ihn an. Ich besuche keine Tempel und sage keine Mantras (heilige Wörter oder Gebetsformeln) auf. Ich diene meinem Mann Tag und Nacht. Ich gehorche ausdrücklich seinem Wort. Ich wasche seine Füße. Ich gehe in den Fußstapfen von Savitri, Nalayani und Anasuya. Ich schlafe erst, wenn er schläft. Ich stehe morgens vor ihm auf. Er ist mein ein und alles. Durch derartigen Dienst, Verehrung und Pflicht an meinem Ehemann habe ich Erleuchtung erfahren. Ich habe ein reines Herz. Ich könnte deine Gedanken lesen. Dies ist das Geheimnis meines Abhyasa (ernsthafte, regelmäßige Ausführung der Übungen). Wenn du mehr wissen möchtest, dann gehe zu einem Metzger, der auf dem großen Markt Fleisch verkauft. Er wird dich etwas höchst Interessantes und Wichtiges lehren. Tatsächlich wirst du hocherfreut sein. Du wirst sehr viel davon profitieren“.

Der Sannyasin ging geradewegs zum Markt, wo der Metzger lebte. Er traf direkt dort ein als der Metzger Fleisch hackte. Der Sannyasin dachte bei sich: „Oh mein Gott! Dies soll der Mann sein, von dem ich etwas Interessantes und Nützliches erfahren soll! Er ist der Teufel in Person. Er ist ein Bösewicht“. Der Metzger las die Gedanken des Sannyasin und sagte: Oh Swami! Schickte dich diese Frau? Nimm bitte Platz hier. Ich bin gleich für dich da“. Der Metzger bediente seine Kunden fertig und bat den Sannyasin, ihn zu seinem Haus zu folgen. Er ersuchte ihn draußen zu warten und ging hinein. Er kümmerte sich um seine alten Eltern, badete sie und trank deren Charanamrita (heiliges Wasser mit dem zuvor Götterstatuen oder Füße gewaschen wurden). Er speiste sie gut und brachte sie zu Bett. Dann kam er zum Sannyasin und sagte: „Oh Swamiji, nun bin ich dir zu Füßen. Du kannst über mich verfügen.“ Der Sannyasin fragte ihn einiges über Vedanta. Der Metzger gab ihm wundervolle, die Seele berührende Antworten über Atman, die Natur der Freiheit, Sadhana, den Zustand eines Jivanmukta usw. Der Sannyasin war erstaunt. Viele seiner Zweifel klärten sich. Er war sehr über den Metzger erfreut. Er fragte ihn: „wie kommt es, dass du ein solch großes Wissen hast?“ der Metzger antworte: „Swami, du hast Unrecht. Keine Pflicht oder keine Arbeit ist unrein oder entwürdigend. Mit jeder Arbeit betet man Gott an. Ich erfülle meine Pflicht gut ohne Verhaftung oder Motiv. Ich diene meinen Eltern tagein, tagaus. Sie sind mein Gott auf Erden. Ich bete sie täglich an. Ich kenne keine yogische Praxis. Ich bin kein gebildeter Mensch. Ich erfülle meine Pflichten zufriedenstellend. Dies ist meine Religion. Dies ist mein Yoga. Ich erlange Erleuchtung, Perfektion, Reinheit und Freiheit durch die Erfüllung meiner Pflichten als Haushaltsvorstand und durch den Dienst an meinen Eltern. Darin liegt das Geheimnis meines Yogas und der Selbstverwirklichung.”

Svadharma, Pflicht und Sklaverei

Ein unwissender weltlich eingestellter Mann sagt: „Ich muss meine Pflichten erfüllen. Ich muss meine vier Söhne und drei Töchter erziehen. Ich muss meinem Arbeitgeber zusagen. Ich habe viel Arbeit im Büro. Ich muss meiner verwitweten Schwester Geld überweisen. Ich habe eine große Familie mit sechs Brüdern und fünf Schwestern. Wann soll ich Sandhya (heilige Zeit, die der spirituellen Praxis gewidmet sein sollte) und Japa erledigen und religiöse Bücher lesen? Ich habe nicht einmal Zeit zu atmen. Ich habe keine Freizeit. Selbst während Feiertagen muss ich arbeiten. Ich nehme mir Büroarbeit nach Hause und arbeite bis elf. Ich möchte kein Sannaysa oder Yoga. Die Büroarbeit und der Erhalt meiner Familie ist bereits Yoga“.

Nennst du das Pflicht? Es bedeutet nur Sklaverei. Es ist Bindung. Der Mensch lebt in ständiger Angst vor seinem Vorgesetzen. Er träumt sogar von seinen Bürokollegen und dem Arbeitgeber und verbucht Zahlen. Das bedeutet Pflichtbewusstsein aber nicht. Dieser Mensch kann nicht einmal eine Sekunde lang beten. Er hat keine Zeit, auch nur einen einzigen Sloka (Vers) der Gita zu lesen. Er denkt nicht ein Mal im Monat an Gott. Er nimmt Tee und Nahrung zu sich, sitzt bei Tisch, um zu schreiben, schläft und pflanzt sich fort. Das ganze Leben geht so weiter. Dies ist selbstsüchtige Arbeit. Dies ist keine Pflicht. Dies ist Arbeit um des Gewinns und der Befriedigung niederer Triebe willen. Alles, was unter Zwang und Erwartung geschieht, ist keine Pflicht. Man darf Sklaverei nicht mit Pflicht verwechseln. Man darf keine selbstsüchtigen Arbeiten aufnehmen, die mit Verhaftung, Gier und Leidenschaft als Pflicht ausgeführt werden. Du begehst großes Unrecht. Dies ist selbstgemacht Plackerei.

Ein Büroangestellter oder Beamter nimmt Geld durch Bestechlichkeit ein und wenn ihn sein Gewissen zwickt, speist er einige Brahmins und sagt: “Ich habe fünfzehn Brahmins mit Dakshina (rituelles Geschenk) für jeweils vier Annas gespeist“. So ist sein Verständnis von Pflicht. Er fügt noch hinzu: „ Weshalb sollte ich Sannyasa aufnehmen und Yoga üben? Ich verdiene viel Geld und bin wohltätig. Dies ist die beste Lebensart“. Arme getäuschte Seele! Möge Gott ihm Verständnis verleihen.

Svadharma und Ahimsa

Ahimsa Paramo Dharmah kann von Familienmenschen nicht streng praktiziert werden. Es kann von Sannyasins ausgeführt werden, die den Weg des Nivritti Marga (Weg der Rückkehr) gehen. Sie werden ihn praktizieren müssen. Wenn ein Landstreicher in ein Haus eindringt und eine Frau zu belästigen sucht, dann kann ein Familienmensch nicht untätig bleiben. Er wird nicht sagen: „Ich widersetze mich dem Bösen jetzt nicht“. Statt dessen wird er zum Knüppel greifen und den Mann verprügeln. Stelle dir vor, eine Frau ist in Gefahr. Jemand möchte sie ermorden, um an ihre Juwelen zu gelangen. Sie sucht Zuflucht bei einem jungen, starken Mann. Es ist nun seine Pflicht, dem Bösen Einhalt zu gebieten und sie zu verteidigen, indem er den brutalen Menschen angreift. Er kann jetzt nicht sagen: „Nichtverletzen ist die höchste Tugend“. Es ist sogar seine Pflicht, das Leben der Frau zu retten, in dem er das Böse abwehrt. Bleibt er passiv, so erfüllt er seine Pflicht nicht.

Moral und Pflicht hängen von den Umständen ab. Dem Bösen die Stirn zu bieten wird unter bestimmten Umständen zur Pflicht eines Menschen. Der König soll immer sein Zepter erheben, um Frieden und Ordnung in seinem Land aufrechtzuerhalten. Er kann nicht sagen: „Ich tue nichts gegen das Böse.“ Ahimsa Paramo Dharma“. Er versagt in seinen Pflichten, wenn er die Kriminellen nicht bestraft und sein Land verfällt in absoluten Chaos. Einen Mörder oder einen Räuber zu hängen, bedeutet für einen König Ahimsa. Himsa (Verletzen) und Ahimsa sind relativ. Einen Menschen zu töten, der viele andere tötet, ist Ahimsa. Hast du das Geheimnis von Ahimsa nun verstanden? Ein wahrer Sannyasin soll sich auch unter Lebensgefahr nicht verteidigen. Ein Sannyasin ist jemand, der keinen Körper hat und der sich mit Atman identifiziert. Einem Hund oder einem Pferd den Gnadenstoß zu versetzen, bedeutet für einen Europäer Ahimsa. Er möchte den Hund von seiner Qual erlösen. Dies ist ein gutes Motiv.

Bhagavad Gita über Pflicht und Svadharma

Krishna sagt in der Gita: Besser ist die eigene Pflicht, (sogar) ohne Verdienst, als die richtig erfüllte Pflicht eines anderen. Wer die Pflicht erfüllt, die die Natur ihm auferlegt hat, sündigt nicht. Die Pflicht, zu der man geboren wurde, darf nicht aufgegeben werden, Oh Arjuna, auch wenn sie fehlerhaft ist; denn alles, was man tut, ist in Übel gehüllt, so wie Feuer in Rauch. Kap. XVIII-47,48.

Dann sagt Krishna wieder: Sarvadharman parityajya mamekam saranam vraja, Alham tva sarvapapebhyo mokshayishyami ma suchaha.

„Gib alle Pflichten auf und suche Zuflucht nur bei Mir alleine: Ich werde dich von allen Sünden befreien; sorge dich nicht“. Kap. XVIII-66

In den vorhergehenden zwei Slokas verlangt Er von Arjuna, all seine Pflichten aufzugeben. Ist dies nun ein Widerspruch? Atmet Gott gleichzeitig heiße und kalte Luft aus? Nein, dies ist nicht widersprüchlich. Arjuna sagt zu Gott: „Mein Herz ist vom Makel des Mitleids überwältigt; mein Geist verwirrt hinsichtlich meiner Pflicht. Ich bitte Dich: Sage Du mir klar, was für mich richtig ist. Ich bin Dein Schüler. Lehre mich, da ich bei Dir Zuflucht gesucht habe“. Kap. II-7. Krishna erteilt die Antwort in der Sloka 66 in Kap. XVIII.

Was bedeuten die Worte „Sarva Dharman (alle Pflichten)“ wirklich? Manche meinen: „Gib alle Darmas der Indriyas auf“. Wie könnte dies funktionieren? Sogar ein Jivanmukta sieht, isst, geht, gibt dem natürlichen Drang nach. Nach Sri Sankara bedeutet es: „Sowohl aufrechte als auch unaufrichtige Taten, Verzicht auf alle Taten“. Laut Ramanuja bedeutet es: „Der Wunsch nach den Früchten der Handlungen und Verhaftung daran sowie die Mentalität, dass man während einer Handlung selbst der Handelnde ist. Handlungen sollten ohne Verhaftung an letztere bzw. auf deren Lohn durchgeführt werden. Sie sollten dem Höchsten geweiht sein, indem man die Vorstellung der Eigenregie aufgibt“. Für Madhva (Name eines Philosophen) bedeutet es: „ Die Früchte der Handlung – Verzicht auf die Früchte der Handlung“. Tilak versteht darunter: „Verschiedene Pflichten wie die der Gewaltlosigkeit, Wahrheit, des Dienstes an den Eltern und Lehrern, Opfer, Wohltätigkeit, Verzicht usw.“. Der Abschnitt besagt, dass Arjuna die Fußangeln dieser Pflichten vermeiden soll und im Höchsten Zuflucht suchen soll. Mit anderen Worten, welche Handlungen man auch immer ausführen muss, entsprechend seiner Disposition und inneren Natur, so soll man sie tun und dabei im Höchsten Zuflucht suchen. Krishna gibt Arjuna einen Befehl, eine Zusicherung und einen Trost.

Shloka 66 ist der wichtigste Vers in der Gita. Kann man im Geiste dieser Sloka leben, dann kann man Sreyas haben. Vedantin erklären diese Sloka wie folgt: „Gib Jiva-bhavana (Einswerdung mit dem Leben) auf und beginne mit Brahma-bhavana mittels Meditation über Aham Brahma Asmi (Ich bin Brahman – das Allumfassende) Mahavakya (Bezeichnung für die bedeutenden vedischen Lehrsätze). Du wirst Befreiung erlangen. Alle Sünden sind getilgt“.

Moral, Pflicht und Svadharma: Moral ist relativ

Ich möchte unterstreichen, dass Moral und Pflicht relative Begriffe sind. Sie sind abhängig vom Lebensabschnitt, der geistigen Reife und Entwicklung des Einzelnen, von Zeit und Begleitumständen und dem Land, in dem man lebt. Es ist durchaus moralisch für einen bengalischen Brahmin in Kaschmir Fleisch zu essen. In den Augen eines Madrasi Brahmin ist dies höchst unmoralisch. Für einen Muslim oder Chinesen ist es durchaus moralisch vier Ehefrauen (Polygamie) zu haben, für einen Hindu jedoch ist dies total unmoralisch. Ein Mann oder eine Frau können sich im Westen sehr einfach scheiden lassen. Im Westen handelt es sich bei der Ehe um einen Vertrag, wohingegen es in Indien ein Sakrament oder eine heilige Handlung ist, die vor dem heiligen Feuer begangen wird. Scheidung ist im Westen ziemlich moralisch, während es im Osten höchst unmoralisch ist. Für einen Arya Samaji(Hinduistische Sekte im Punjab) st stellt die Witwenehe etwas völlig moralisches dar, Für einen Sanatanaist ist sie dagegen höchst unmoralisch. Poliandrie (wobei eine Frau mehrere Ehemänner heiratet, das Gegenteil von Polygamie) ist ganz moralisch in Tibet, aber äußerst unmoralisch in den Augen der Menschen anderer Länder. Für einen Sikh ist es höchst moralisch zu trinken, jedoch nicht zu rauchen. Die Menschen in kalten Ländern benötigen Fleisch und ein wenig Alkohol, um sich warm zu halten und die Verdauung anzuregen. Ein Soldat braucht Fleisch, um seine Stärke und seinen Kampfgeist aufrechtzuerhalten. Ein Brahmin oder ein Sannyasin möchte Gemüse, Milch und Früchte, die ihn bei seiner Meditation unterstützen und seine geistige Verfassung sattvig halten. Rishi Visvamitra (Name eines berühmten Heiligen) musste verbotenes Fleisch essen, als sein Leben in Gefahr war. Die Moral ändert sich, wenn das Leben auf dem Spiel steht. Unwissende Menschen hassen andere, wenn sie bemerken, dass jene etwas tun, was sie selbst nicht tun. Ein vegetarischer Madrasi Brahmin hasst einen Fisch essenden bengalischen Brahmin. Dies ist ein trauriger Irrtum, der den spirituellen Fortschritt hemmt. Ein Madrasi ist entsetzt, wenn er einen Hindustani sieht, der mit seinen Händen aus der selben Schüssel wie seine Kinder isst. Ähnlich variieren auch die Vorstellungen von Pflicht bei den Menschen unterschiedlicher Länder. Ein afrikanischer Schwarzer kann im Sommer in seinem heißen Land nicht Agnihotra betreiben. Ein Pandit aus Kaschmir kann bei sich im Winter kein Morgenbad nehmen. Die Pflicht einer Gruppe Mensch kann nicht die Pflicht einer anderen Gruppe Mensch sein. Die Pflicht eines Menschen während eines bestimmten Lebensabschnitts ist nicht die selbe wie die Pflicht eines Menschen während eines anderen Stadiums. Die Pflichten der Brahmin, Vaishya, Kshatriya und Sudra, sowie diejenigen der Brahmachari (jemand, der Brahmacharya lebt), Familienmenschen, Waldbewohner und eines Sannyasin sind ziemlich unterschiedlich. Ein Brahmin kann nicht die Aufgabe eines Soldaten erfüllen. Den Feind am Schlachtfeld zu töten, ist die Pflicht eines Kshatriya. Ahimsa in Gedanken, Worten und Werken zu praktizieren ist die Pflicht eines Sannyasin und eines Brahmin Der Mensch entwickelt sich schnell, wenn er die seinem Lebensstadium gemäßen Pflichten zielstrebig verfolgt.

Erfüllt euer Svadharma

Söhne des Nektars! Kinder der Unsterblichkeit! Schüttelt alle Schwäche von euch! Erhebt euch und gürtet euch. Erfüllt Svadharma zufriedenstellend und gemäß euerer Kaste oder eurem Lebensstadium. Entwickelt euch rasch auf spirituellem Gebiet. Ewige Wonne, höchster Frieden, unendliches Wissen und Zufriedenheit kann nur in Atman erlangt werden. Das Üben von Svadharma führt sicher zum Gottesbewusstsein. In vergänglichen Dingen liegt kein Glück. Nur das Unendliche ist Wonne. Begreife die Wahrheit durch die Praxis von Svadharma. Diese Welt ist unwirklich. Sie ist wie ein Trugbild. Die Sinne und der Verstand täuschen dich ständig. Wache auf! Öffne deine Augen und lerne zu unterscheiden. Traue deinen Indriyas nicht. Sie sind deine Feinde. Es ist schwierig, als Mensch geboren zu werden. Das Leben ist kurz, die Zeit rennt. Wer in dieser Welt an Vergänglichem haftet, begeht fürwahr Selbstmord. Bemühe dich fest, Svadharma auszuüben. Halte dir immer das Ideal vor Augen. Stelle dir ein Lebensprogramm auf und versuche es zu verwirklichen. Halte fest an Svadharma mit der Zähigkeit eines Blutegels und gelange zum Erfolg. Übe und verwirkliche den Zustand von Satchidananda gerade jetzt in dieser Sekunde. Möge der Segen Gottes auf euch allen sein! Mögen Freude, Wonne, Unsterblichkeit, Frieden und Gelassenheit für immer mit euch sein!