Sanskrit Kurs Lektion 51

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Das Gerundivum (3)

In Lektion 49 und 50 haben wir die Bildung und Verwendung des Gerundivums betrachtet. Der folgende Beispielvers enthält zwei Gerundiva in passiver Konstruktion.


Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem zweiten Kapitel (Upadesha) der Hatha Yoga Pradipika, das der Praxis des Pranayama gewidmet ist. Der 45. Vers führt in die Praxis der Bandhas ein.


पूरकान्ते तु कर्तव्यो बन्धो जालन्धराभिधः |
कुम्भकान्ते रेचकादौ कर्तव्यस्तूड्डियानकः || २.४५ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
pūrakānte tu kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ |
kumbhakānte recakādau kartavyas tūḍḍiyānakaḥ || 2.45 ||


  • vereinfachte Transkription:
purakante tu kartavyo bandho jalandharabhidhah |
kumbhakante rechakadau kartavyas tuddiyanakah || 2.45 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
pūrakānte : am Ende (Anta, Lok. Sg. m.) der Einatmung (Puraka)
tu : aber, jedoch, nun (Tu, Partikel)
kartavyaḥ : ist auszuführen (Kartavya, Nom. Sg. m., Gerundivum)
bandhaḥ : (der) Verschluss (Bandha, Nom. Sg. m)
jālandharābhidhaḥ : namens ("mit Namen", Abhidha) Jalandhara (das "Halten des Netzes")
kumbhakānte : am Ende (Anta, Lok. Sg. m.) der Atemverhaltung (Kumbhaka)
recakādau : am Anfang (Adi, Lok. Sg. m.) der Ausatmung (Rechaka)
kartavyaḥ : ist auszuführen (Nom. Sg. m., Gerundivum)
tu : aber, jedoch, wiederum
uḍḍiyānakaḥ : Uddiyanaka (Nom. Sg. m., d.h. Uddiyana Bandha das "Auffliegen")


  • Übersetzung:
Am Ende der Einatmung ist der Jalandhara Bandha genannte Verschluss auszuführen.
Am Ende der Atemverhaltung, zu Beginn der Ausatmung, ist wiederum Uddiyana Bandha auszuführen.

Anmerkung: Im nachfolgenden Vers (2.46) wird auf Mula Bandha eingegangen.


Erläuterungen

  • Syntax: Dieser Vers besteht aus zwei Sätzen (Vakya), die sich jeweils über zwei Versviertel (Pada) bzw. einen Halbvers erstrecken. In beiden Sätzen nimmt das Gerundivum die Stellung der Verbalhandlung (Kriya) ein.
  • Die drei Komposita (Samasa) pūrakānte (pūraka + ante), kumbhakānte (kumbhaka + ante) und recakādau (recaka + ādau) stehen im Lokativ (Saptami) und bezeichnen den Zeitpunkt (Adhikarana) der beiden Handlungen näher. Sie gehören zum Typ Tatpurusha.
  • Das Gerundivum kartavyaḥ im ersten Satz (Pada 1 - 2) bezieht sich als Verbaladjektiv auf bandhaḥ und steht daher auch im Nominativ Singular Maskulinum. Es erfordert eine passive Konstruktion, bei der das logische Objekt im Nominativ steht (s.u.). Das Gerundivum kartavyaḥ ist von der Wurzel kṛ "machen, tun, ausführen" abgeleitet.
  • Der Nominativ bandhaḥ ist logisches Objekt (Karman) der als Gerundivum erscheinenden Verbalhandlung kartavyaḥ im ersten Halbvers. Im Sanskrit liegt hier eine passive Konstruktion (Karmani Prayoga) zugrunde, wörtl.: "der Verschluss (bandhaḥ) soll gemacht werden (kartavyaḥ)".
  • Das Kompositum jālandharābhidhaḥ ("namens Jalandhara", jālandhara + abhidhaḥ) bezieht sich als Apposition auf bandhaḥ und steht daher auch im Nominativ Singular Maskulinum. Gemeint ist Jalandhara Bandha (jālandhara-bandha), das hier aus metrischen Gründen als bandho jālandharābhidhaḥ erscheint.
  • Das Gerundivum kartavyaḥ im zweiten Satz (Pada 3 - 4) bezieht sich als Verbaladjektiv auf uḍḍiyānakaḥ und steht daher auch im Nominativ Singular Maskulinum.
  • Der Nominativ uḍḍiyānakaḥ verweist über die Satzgrenze hinaus auf bandhaḥ im ersten Halbvers, zu dem es eine Apposition ist. Gemeint ist somit Uddiyana Bandha.
  • Die Partikel tu "jedoch, wiederum" im 1. und 4. Pada muss im Deutschen nicht zweimal wiedergegeben werden. Sie steht häufig metri causa, d.h. "aus metrischen Gründen" bzw. "um das Versmaß aufzufüllen".
  • Sandhi: Die Formen kartavyo und bandho stehen für kartavyaḥ bzw. bandhaḥ, da -aḥ vor stimmhaften Konsonanten (hier: b bzw. j) zu -o wird. Die Form kartavyas (Pada 4) steht für kartavyaḥ, da Visarga vor stimmlosem t zu s wird. Die beiden kurzen u von tu und uḍḍiyānakaḥ verschmelzen zu langem ū in tūḍḍiyānakaḥ.


Metrische Analyse des 3. und 4. Pada

Betrachten wir das dritte (Tritiya) und vierte (Chaturtha) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari कु म्भ का न्ते रे का दौ र्त व्य स्तू ड्डि या कः
Transliteration ku* mbha nte re ca dau ka* rta* vya* stū ḍḍi na kaḥ
Silbenlänge lang* kurz lang lang lang kurz lang lang lang* lang* lang* lang kurz lang kurz lang
Symbol υ υ υ υ


Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten**. Die Positionslänge der 1. Silbe (Pada 3) bzw. der 1., 2. und 3. Silbe (Pada 4) ergibt sich durch die Aufteilung in kum-bha bzw. kar-tav-yas-tū.


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