Sanskrit Kurs Lektion 62

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Der Partizip Präsens Aktiv (2)

In Lektion 61 haben wir die Bildung und Verwendung des Partizip Präsens Aktiv betrachtet. Der folgende Beispielvers enthält ein solches Partizip.

Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem vierten Kapitel (Upadesha), das der Praxis der Meditation und Versenkung (Samadhi) gewidmet ist. Der 79. Vers steht im Kontext der Meditation auf den inneren Ton (Nada) und unterstreicht die Bedeutung des als Rajayoga bezeichneten Zustandes der meditativen Versenkung.


राजयोगमजानन्तः केवलं हठकर्मिणः |
एतानभ्यासिनो मन्ये प्रयासफलवर्जितान् || ४.७९ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
rājayogam ajānantaḥ kevalaṃ haṭhakarmiṇaḥ |
etān abhyāsino manye prayāsaphalavarjitān || 4.79 ||


  • vereinfachte Transkription:
rajayogam ajanantah kevalam hathakarminah |
etan abhyasino manye prayasaphalavarjitan || 4.79 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
rāja-yogam : den Zustand der meditativen Versenkung ("königlichen Yoga", Rajayoga, Akk. Sg. m.)
ajānantaḥ : diejenigen, die nicht kennen, erfahren (a + jñā, Akk. Pl. m.)
kevalam : nur, lediglich (Kevala, Akk. Sg. n., Adverb)
haṭha-karmiṇaḥ : die Hatha(-Yoga) praktizieren (Karmin, Akk. Pl. m.)
etān : diese (Etad, Akk. Pl. m.)
abhyāsinaḥ : Praktizierenden (Abhyasin, Akk. Pl. m.)
manye : halte ich (man, Verb)
prayāsa-phala-varjitān : für welche, die den Erfolg (die "Frucht", Phala, n.) ihrer Bemühungen, Anstrengungen (Prayasa, m.) verfehlen ("vermieden haben", Varjita, Akk. Pl. m.)


  • Übersetzung:
Diejenigen, die den Zustand der meditativen Versenkung (Rajayoga) nicht kennen und lediglich Hatha(-Yoga) praktizieren,
diese halte ich für welche, die den Erfolg ihrer Bemühungen verfehlen.


Anmerkung: Mit Hatha(-Yoga) ist hier die Praxis von Asana, Pranayama und Mudra gemeint, die in den Kapiteln 1 - 3 der Hatha Yoga Pradipika gelehrt werden. All diese Praktiken dienen jedoch nur der Vorbereitung auf die als Rajayoga bezeichnete Meditationspraxis, der das gesamte vierte Kapitel gewidmet ist. Zur Definition und Bedeutung des Begriffes Rajayoga in diesem Text vergleiche auch die Verse 1 - 3 und 70 des ersten Kapitels, die Verse 74 und 76 - 77 des zweiten Kapitels, den Vers 126 des dritten Kapitels sowie die Verse 3, 4, 8, 77 - 78, 80 und 103 des vierten Kapitels).


Erläuterungen

  • Der Akkusativ (Dvitiya) rāja-yogam ist ein Kompositum (Samasa) vom Typ Tatpurusha und das logische Objekt der als Partizip Präsens Aktiv ausgedrückten Verbalhandlung ajānantaḥ.
  • Das Adverb kevalam bezieht sich auf das Adjektiv haṭha-karmiṇaḥ.
  • Der Akkusativ haṭha-karmiṇaḥ ist ein Kompositum vom Typ Tatpurusha und als Adjektiv eine weitere Ergänzung zu abhyāsinaḥ, weshalb dieses gleichfalls im Akkusativ Plural Maskulinum steht.
  • Der Akkusativ etān bezieht sich als Demonstrativpronomen auf das Substantiv abhyāsinaḥ und steht daher gleichfalls im Akkusativ Plural Maskulinum.
  • Der Akkusativ abhyāsinaḥ ist das direkte Objekt (Mukhyakarman) der Verbalhandlung manye.
  • Die Verbform manye ("ich halte für, erachte als") ist die 1. Person Singular Aktiv Medium (Atmanepada) der Gegenwart der Verbalwurzel man "meinen, denken, für etwas halten" (4. bzw. Div Klasse). Das Verb manye ist in der Bedeutung "jemanden für etwas halten" doppelt transitiv (Dvikarmaka), d.h. es hat ein direktes Objekt (Mukhyakarman, hier: wen man für etwas hält) und ein indirektes Objekt (Gunakarman, hier: wofür man jemanden hält).
  • Syntax: Das Verb manye (Wurzel man) hat in diesem Beispielvers ein direktes Objekt (abhyāsinaḥ) und ein indirektes Objekt (prayāsa-phala-varjitān). Das direkte Objekt (abhyāsinaḥ) wurde noch um ein Adjektiv (haṭha-karmiṇaḥ) und ein Partizip Präsens Aktiv (ajānantaḥ) erweitert. Dieses Partizip hat seinerseits noch ein eigenes logisches Objekt (rāja-yogam).
  • Sandhi: Die Endung -m von kevalam geht vor folgendem Konsonanten (hier: k) in Anusvara () über, welcher wie m ausgesprochen wird. Die Form abhyāsino steht für abhyāsinaḥ, da auslautendes -aḥ vor stimmhaftem Konsonant (hier: m) zu -o wird.


Metrische Analyse des 3. und 4. Pada

Betrachten wir das dritte (Tritiya) und vierte (Chaturtha) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari ता भ्या सि नो न्ये प्र या र्जि तान्
Transliteration e na bhyā si no ma nye pra sa pha la va rji tān
Silbenlänge lang lang lang* lang kurz lang lang* lang kurz lang kurz kurz kurz lang* kurz lang
Symbol υ υ υ υ υ υ


Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten. Die Positionslänge der 3. u. 7. Silbe (Pada 3) sowie der 6. Silbe (Pada 4) ergibt sich durch die Aufteilung in n-abh-yā und man-ye sowie var-ji.


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