Sanskrit Kurs Lektion 63

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Dieser Sanskrit Kurs führt anhand einfacher Beispielsätze und -verse in die Grammatik des Sanskrit ein. Einen ausführlichen Überblick über das Sanskrit findest Du im Artikel Sanskrit. Hinweise zur indischen Schrift, der wissenschaftlichen Umschrift (Transliteration) sowie der korrekten Aussprache gibt der Artikel Devanagari. Stichwörter, nach denen Du in der Yoga Vidya Wiki suchen kannst, sind in vereinfachter Schreibweise (Transkription) wiedergegeben.

Der Partizip Präsens Aktiv (3)

In Lektion 61 und 62 haben wir die Bildung und Verwendung des Partizip Präsens Aktiv betrachtet. Der folgende Beispielvers enthält ein solches Partizip.

Beispielvers aus der Hatha Yoga Pradipika

Die gesamte Hatha Yoga Pradipika besteht aus Versen, deren häufigstes Versmaß (Chhandas) der Shloka (Anushtubh) ist. Hier folgt ein Vers aus dem vierten Kapitel (Upadesha), das der Praxis der Meditation und Versenkung (Samadhi) gewidmet ist. Der 93. Vers steht im Kontext der Meditation auf den inneren Ton (Nada).


सर्वचिन्तां परित्यज्य सावधानेन चेतसा |
नाद एवानुसन्धेयो योगसाम्राज्यमिच्छता || ४.९३ ||


  • wissenschaftliche Transliteration:
sarvacintāṃ parityajya sāvadhānena cetasā |
nāda evānusandheyo yogasāmrājyam icchatā || 4.93 ||


  • vereinfachte Transkription:
sarvachintam parityajya savadhanena chetasa |
nada evanusandheyo yogasamrajyam ichchhata || 4.93 ||


  • Wort-für-Wort-Übersetzung:
sarva-cintām : alle (Sarva) Gedanken (Chinta, Akk. Sg. f.)
parityajya : aufgebend ("aufgegeben habend", pari + tyaj, Absolutivum)
sāvadhānena : mit konzentriertem (Savadhana, Instr. Sg. n.)
cetasā : Geist (Chetas, Instr. Sg. n.)
nādaḥ : (der unangeschlagene) Klang, Ton (Nada, Nom. Sg. m.)
eva : nur, allein (Eva, Partikel)
anusandheyaḥ : soll im Fokus der Aufmerksamkeit sein ("soll meditiert werden", Anusandheya, Nom. Sg. m.)
yoga-sāmrājyam : nach uneingeschränkter Beherrschung (Samrajya, Akk. Sg. n.) des Yoga (m.)
icchatā : (eines Yogi) mit dem Wunsch ("wünschend", iṣ, Instr. Sg. m.)


  • Übersetzung:
Einer, der sich die uneingeschränkte Beherrschung des Yoga wünscht, soll alle Gedanken aufgeben und mit konzentriertem Geist seine Aufmerksamkeit nur auf den unangeschlagenen Ton ausrichten.
Anmerkung: Die im Sanskrit vorliegende passive Konstruktion wird im Deutschen meist in der gängigeren aktiven Form wiedergegeben.


Erläuterungen

  • Das Absolutivum parityajya bezeichnet eine Nebenhandlung (Guna Kriya), die (in der Regel) vor der eigentlichen Haupthandlung (Mukhya Kriya, hier dem Gerundivum anusandheyaḥ) erfolgt, und mit dieser dasselbe logische Subjekt (hier: der nicht ausdrücklich erwähnte yogī) hat. Die Form parityajya ist von der Wurzel tyaj "verlassen, aufgeben" abgeleitet, die in Verbindung mit dem Verbalpräfix pari ebenfalls "aufgeben" bedeutet.
  • Der Adjektiv sāvadhānena bezieht sich auf das Substantiv cetasā und steht somit gleichfalls im Instrumental Singular Neutrum.
  • Der Instrumental (Tritiya) cetasā bezeichnet das Instrument der Handlung (Karana).
  • Der Nominativ (Prathama) nādaḥ ist logisches Objekt (Karman) der als Gerundivum erscheinenden Verbalhandlung anusandheyaḥ. Im Sanskrit liegt hier eine passive Konstruktion (Karmani Prayoga) zugrunde, wörtl.: "der Klang soll meditiert werden".
  • Die Partikel (Nipata) eva "nur, eben, gerade" bezieht sich auf das ihr vorangehende Wort.
  • Das Gerundivum anusandheyaḥ bezieht sich als Verbaladjektiv auf nādaḥ und steht daher auch im Nominativ Singular Maskulinum. Es erfordert eine passive Konstruktion, bei der das logische Objekt im Nominativ steht (s.o.). Das Gerundivum anusandheyaḥ ist von der Wurzel dhā "setzen, stellen, legen" abgeleitet, die in Verbindung mit den Verbalpräfix anu und sam "seine Aufmerksamkeit richten, beobachten, nachforschen" bedeutet.
  • Der Akkusativ yoga-sāmrājyam ist ein Kompositum (Samasa) vom Typ Tatpurusha und das logische Objekt (Karman) der als Partizip Präsens ausgedrückten Verbalhandlung icchatā.
  • Das Partizip Präsens Aktiv icchatā ist von der Wurzel iṣ "wünschen" abgeleitet. Es bezeichnet das hier nicht näher benannte logische Subjekt (Agens, Kartri) in dreierlei Weise: 1. in Bezug auf die als Absolutivum erscheinende Nebenhandlung parityajya; 2. in Bezug auf das Gerundivum anusandheyaḥ in der passiven Konstruktion; 3. in Bezug auf den Akkusativ yoga-sāmrājyam.
  • Sandhi: Die Endung -m von sarva-cintām geht vor folgendem Konsonanten (hier: p) in Anusvara () über, welcher wie m ausgesprochen wird. Die Form nāda steht für nādaḥ, da Visarga nach einem kurzen a vor allen anderen Vokalen außer kurzem a ausfällt. Das auslautende kurze a von eva und das anlautende kurze a von anusandheyo verschmilzt zu einem langen ā in evānusandheyo. Die Form anusandheyo steht für anusandheyaḥ, da auslautendes -aḥ vor stimmhaftem Konsonant (hier: y) zu -o wird. Im wortinternen Sandhi von anusandheya-, das aus anu + sam + dheya besteht, wird das m des Verbalpräfix sam an das folgende dentale d von -dheya assimiliert und somit zu n.

Metrische Analyse des 3. und 4. Pada

Betrachten wir das dritte (Tritiya) und vierte (Chaturtha) Versviertel (Pada) dieses Shloka noch einmal hinsichtlich der Längen (Dirgha) und Kürzen (Hrasva) der einzelnen Silben (Akshara). Lange Silben enden auf langen Vokal, oder auf einen kurzen Vokal (Svara), der von zwei Konsonanten (Vyanjana) gefolgt wird (inklusive Anusvara und Visarga). Dies nennt man Positionslänge*. Kurze Silben enden auf kurzen Vokal:


Silbe 1 2 3 4 5 6 7 8 1 2 3 4 5 6 7 8
Devanagari ना वा नु न्धे यो यो सा म्रा ज्य मि च्छ ता
Transliteration da e nu sa ndhe yo yo ga mrā jya mi ccha
Silbenlänge lang kurz lang lang kurz lang* lang lang lang kurz lang lang kurz lang* kurz lang
Symbol υ υ υ υ υ


Hinweise zur Aussprache: Alle acht Silben jedes Pada werden in einem Zuge, also ohne Pause, ausgesprochen. Zwischen den Versvierteln wird eine kurze Pause (Yati) eingehalten. Die Positionslänge der 6. Silbe in Pada 3 und 4 ergibt sich durch die Aufteilung in san-dhe und m-ic-cha.


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