Amrita Siddhi: Unterschied zwischen den Versionen
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==Amrita Siddhi – deutsche Fassung, inspirierend und textnah== | |||
Nur deutsche Versfassung mit exakter Verszählung. Für Verwendung im Yoga Unterricht, in [https://www.yoga-vidya.de/yoga Yoga] Weiterbildungen, bei denen [[Inspiration]] wichtiger ist als textkritische Genauigkeit. | |||
0.1. Im Nabel leuchtet der weiße [[Lotus]]; darüber strahlt der reine Sonnenkreis. In der Mitte des dreifachen Weges verehre ich die Yogini, die Gestalt der [[Weisheit]], die Mutter der drei Welten, die Yoga-Mudra, die die [[Furcht]] vor dem [[Tod]] nimmt. | |||
1.1. Verehrung dem ehrwürdigen [[Virupa]], dem Bewahrer der Überlieferung, dem [[Guru]], der die Karawane derer führt, die dem Weg der Vollkommenen folgen. | |||
1.2. Verehrung dem verehrungswürdigen Guru, dem [[heil]]enden [[Meister]]: Mit dem Nektarstrom der Erkenntnis hat er den Schlaf zerstört, den das Gift der Unwissenheit in mir hervorgerufen hatte. | |||
1.3. Hier wird die [[Vollendung]] des Nektars der [[Unsterblichkeit]] gelehrt: zum [[Erwachen]] der Würdigen, zur eigenen Ermutigung, zur [[Beruhigung]] und zur Befriedung des [[Stolz]]es der Unreifen. | |||
1.4. Was hier gelehrt wird, wird von den Erkennenden geschätzt; denn die [[Weise]]n, frei von Anhaftung, erfreuen sich an höchster [[Glückseligkeit]]. | |||
1.5. Aus Unwissenheit soll niemand diese [[Lehre]] verwerfen. Vor dem Wort der [[Wahrheit]] soll man vielmehr die eigene Unwissenheit erkennen. | |||
1.6. Wie aus Milch durch Quirlen die [[Essenz]] gewonnen wird, so wurde diese Lehre durch die [[Gnade]] des Gurus aus vielen tantrischen Lehrwerken herausgezogen. | |||
1.7. Das Wissen ist eines; die [[Vollkommen]]en haben es in großer Weite auf verschiedene Weise gelehrt. Wer den Weg verfehlt, bringt es in Verwirrung. | |||
1.8. Manche kennen alle [[Schriften]] und durchwandern die Erde bis zu den Ozeanen; dennoch verirren sie sich auf den Wegen der Erkenntnis wie Gazellen im Sonnenlicht. | |||
1.9. Aus dem Mund eines vollkommenen Gurus habe ich die höchste Wahrheit samt ihrer Methode empfangen; daher lehre ich nun kurz die geheime Bedeutung der Lehren. | |||
1.10. Die inneren Essenzen des Körpers und die verschiedenen Dinge, die zu meistern sind, werde ich kurz und der Reihe nach darlegen. | |||
1.11. Es geht um den Körper, die mittlere Kraft, den Mond, die Sonne und das Feuer, um das Prinzip des Atems, um [[Bindu]], [[Geist]], [[Prakriti]] und die [[Gunas]]. | |||
1.12. Es geht um [[Mahamudra]], [[Mahabandha]] und [[Vedha]], um Praxis und Praktizierende, um Stufen des Weges, um [[Amrita]], Zeit, Glückseligkeit, [https://www.yoga-vidya.de/meditation/ Meditation] und [[Nichtdualität]]. | |||
1.13. Es geht um den großen Segen, die große Vollkommenheit, das Vergehen der groben Elemente, die wahre Bedeutung von Mahamudra und den Bereich des großen Nirvana. | |||
1.14. All dies kann hier nicht ausführlich entfaltet werden; darum wird zuerst die Größe des Körpers kurz beschrieben. | |||
1.15. Im Körper ist der heilige Meru, umgeben von den sieben Kontinenten, verbunden mit den drei Welten und den vierzehn Ebenen. | |||
1.16. Dort sind Ozeane und Flüsse, heilige Felder und ihre Hüter, geheime Versammlungsorte, heilige Badeplätze, Kraftorte und die Gottheiten dieser Kraftorte. | |||
1.17. Dort sind Mondhäuser und Planeten, Seher und Weise, Mond und Sonne, die sich bewegen und Schöpfung und Auflösung bewirken. | |||
1.18. Dort sind Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde; dort sind Vishnu, Shiva, Brahma und die göttlichen Kräfte in sichtbarer und transzendenter Gestalt. | |||
1.19. Alle Grundprinzipien der drei Welten sind im Körper enthalten. Was im Körper als Grundprinzip erkannt wird, ist nicht anderswo zu suchen. | |||
1.20. Durch großes spirituelles Verdienst wird das Menschsein erlangt. Wer im Wort des Gurus fest gegründet ist, geht nicht wieder in den Kreislauf ein. | |||
1.21. Erkenne den wahren Guru und verneige den Körper zu seinen Füßen; dadurch lösen sich die großen Leiden des Daseins auf. | |||
2.1. Um Meru herum entfaltet sich überall das Wirken des Lebens. Inmitten von Meru steht der unvergleichliche Weg, genannt die Mittlere. | |||
2.2. In ihr sind zwei heilige Tore, eines oben und eines unten. Das untere Tor öffnet sich von selbst bei Schöpfung und Tod. | |||
2.3. Gesegnet sind die Weisen in dieser sterblichen Welt, kraftvoll und stark: Sie sind durch das Tor der Schöpfung eingetreten und gehen nun zum Tor der Befreiung. | |||
2.4. Diese Göttin ist die Große Weisheit, selbst für die Götter schwer zu erlangen. Sie wird Mutter aller genannt und lässt Unwissenheit vergehen. | |||
2.5. Am Tor der Schöpfung stehen alle machtvollen Göttinnen; am Tor der Befreiung steht der Herr in seiner sichtbaren und transzendenten Gestalt. | |||
2.6. Manche nennen sie Avadhuti, manche Verbrennungsplatz, manche den Großen Pfad; andere nennen sie Grundlage, Sushumna oder Sarasvati. | |||
2.7. Die Namen unterscheiden sich je nach Lehre; für die mit dem inneren Auge Schauenden ist sie immer die Eine. Auf ihr beruhen die Grundprinzipien im menschlichen Körper. | |||
2.8. Zwischen Ganga und Yamuna fließt die Eine, von Freude erfüllt. Wer im Zusammenfluss dieser Ströme badet, gelangt gesegnet zum höchsten Ziel. | |||
3.1. Auf dem Gipfel des Meru steht der Mond mit sechzehn Phasen. Nach unten gewandt lässt er Tag und Nacht taugleichen Nektar herabregnen. | |||
3.2. Der Nektar der Unsterblichkeit, der von ihm kommt, ist von den Wirklichkeitserkennenden als zweifach zu verstehen: Durch Ida fließt das Wasser der Mandakini zur Ernährung. | |||
3.3. Durch die Wege der feinen Nadis nährt es den ganzen Körper. Diese Mondgestalt befindet sich im linken Kanal. | |||
3.4. Der andere Mond, hell wie Jasminblüten, bewegt sich, wenn seine Kraft zusammengezogen wird, zum Zweck der Schöpfung durch den mittleren Weg herab. | |||
4.1. Am Wurzelort der Mittleren steht die Sonnenscheibe, erfüllt von zwölf Kräften und leuchtend aus ihren eigenen Strahlen. | |||
4.2. Durch den rechten Kanal strömt der Herr der Geschöpfe aufwärts, von scharfer, feuriger Gestalt. Durch die Räume der feinen Nadis durchdringt er den ganzen Körper. | |||
4.3. Die Sonne verschlingt den Ausfluss des Mondes, bewegt sich in den Kreisen der Winde und verbrennt die sieben Körpergewebe in allen Körpern. | |||
4.4. Diese Sonne ist im Menschen eine höchste Gestalt. Im rechten Weg fließt sie gemäß der Verbindung der Kräfte und bewirkt Schöpfung und Auflösung. | |||
4.5. Wenn die Sonne ihren südlichen und nördlichen Lauf verlässt und mit Meru im Gleichgewicht steht, erkenne dies als innere Tagundnachtgleiche, als heilige Zeit im Körper. | |||
4.6. Yogis, die durch Praxis kraftvoll geworden sind und diese innere Tagundnachtgleiche erkannt haben, vollziehen zur rechten Zeit den Hinausgang mit Leichtigkeit. | |||
4.7. Jahreszeit, Dämmerung, Tag und Nacht, die kleinsten Zeitmaße, Aufnahme und Ausströmung: Alles entsteht aus der Sonne. | |||
4.8. Wenn durch Yoga eine Verbindung von Sonne und Mond entsteht, ist dies außen Schöpfung; im Inneren aber entsteht Yoga. | |||
4.9. Erkenne dies als Finsternis, außen und innen. Außen ist es die heiligste Zeit; innen aber entsteht Befreiung. | |||
4.10. Wenn die Sonne die Mondscheibe aus dem Himmelskreis ergreift, entsteht ihre gegenseitige Verbindung. Darum wird es Yoga, Vereinigung, genannt. | |||
4.11. Wenn Sonne, Feuer und Rahu im Körper aufwärts steigen und der Mondnektar nach unten geht, entsteht für den Menschen der Tod. | |||
4.12. Wenn jedoch alle Grundprinzipien im Körper aufwärts streben, dann werden Sonne und Mond zu Spendern der Befreiung. | |||
5.1. Unterhalb der Mitte der Sonnenscheibe wohnt, mit zehn Kräften versehen, im Bereich unterhalb des Nabels das Feuer, das die Nahrung verdaut. | |||
5.2. Wahrlich, das Feuer ist die Sonne, und die Sonne ist das Feuer. Beide werden als eins erkannt, nur durch einen feinen Unterschied unterschieden. | |||
5.3. Solange das Zeitfeuer im Körper in der Mitte der Sonne steht, solange bleibt der nektarvolle Strom des Bindu ununterbrochen. | |||
5.4. Das Feuer schenkt Kraft, das Feuer schenkt Leben. Solange dieses Feuer in seinem natürlichen Zustand ist, ist der Mensch frei von Krankheit. | |||
6.1. Verehrung dem Atem, dem Lebenshauch der Welten, der in den Verkörperten als Bewusstsein erscheint, der Essenz der Elemente, dem Herrn Vayu. | |||
6.2. Durch seine Gnade allein entfaltet sich die Tätigkeit des Lebens; durch ihn werden Erde und die anderen Elemente jeweils getragen. | |||
6.3. Alle Welten, alle Meere und alle Ebenen des Daseins bestehen in jeder Hinsicht durch die Kraft der Winde. | |||
6.4. Die Planeten kreisen auf ihren Bahnen und halten die Welt in ihrer Ordnung allein durch den einen mächtigen Wind. | |||
6.5. Wie der Wind in den äußeren Kreisen und Welten gepriesen wird, so ist der Atem im Inneren des Körpers der eine höchste Herrscher. | |||
6.6. Der Lebenswind wirkt an vielen Orten und vollbringt viele Aufgaben. Im Körper gibt es kein wichtigeres Prinzip als den Atem. | |||
6.7. Prana wohnt beständig im Herzen, Apana im unteren Bereich, Samana in der Nabelgegend und Udana immer in der Kehle. | |||
6.8. Vyana durchdringt den ganzen Körper. Diese fünf sind die wichtigsten Winde; ihre Unterscheidung kann hier nicht vollständig ausgeführt werden. | |||
6.9. Die fünf Nebenwinde, Naga und die anderen, wirken in den fünf Sinnesorganen; durch ihre jeweiligen Aufgaben ermöglichen sie die Verarbeitung der Wahrnehmungen. | |||
6.10. Auch wenn im Körper unzählige Winde genannt werden, gelten Prana und Apana als die beiden wichtigsten Wirkkräfte. | |||
6.11. Prana ist als mondhaft zu erkennen, Apana als sonnenhaft. Diese beiden Lenker des Körpers bewirken Kommen und Gehen. | |||
6.12. Sie bewirken Schöpfung und Auflösung, sie geben Glück und Leid. Durch sie wachsen die Wesen, und durch sie vergehen sie. | |||
6.13. Die Vereinigung dieser beiden soll von denen, die Befreiung suchen, eifrig und beständig geübt werden. Durch sie entsteht für Entschlossene jede Vollendung. | |||
6.14. Im Körper gibt es nichts Höheres als das Prinzip des Atems; er wirkt beständig, denn als bewusste Kraft vollbringt der Wind alle Aufgaben. | |||
6.15. Er entzündet das Feuer, verdaut die Nahrung und lässt den Nahrungssaft wachsen, ganz ohne unser bewusstes Denken. | |||
6.16. Die verschiedenen Krankheiten, die die Weisen im Körper erkennen, entstehen aus scheinbar unbegreiflichen Ursachen; sie alle haben ihren Ursprung im Wind. | |||
6.17. Der Wind bringt Tod und Befreiung, Schöpfung und Beständigkeit. Durch die Verbindung mit dem Wind wird im Körper Bewusstsein erfahren. | |||
6.18. Selbst Brahma und die anderen Götter, mit den drei Gunas versehen, können ihre Aufgaben nicht erfüllen, wenn sie vom Wind verlassen sind. | |||
6.19. Alle verschiedenen Elemente erscheinen nur so lange, wie der Wind-Löwe im Herzen der Wesen wacht. | |||
6.20. Ergreife das Schwert des Windes, durchtrenne damit das Kommen und Gehen des Atems, durchbohre den Weg Brahmas und genieße glückselige Freude. | |||
6.21. Wer die Praxis des Atems aufgibt und nach einer anderen Methode sucht, gleicht einem Toren, der vom Gipfel eines Berges springt und hofft zu leben. | |||
7.1. Der Same, Bindu, wird in den Körpern als die eine ursprüngliche Essenz gepriesen. Alles, was in der Welt erscheint, entsteht aus dieser Essenz. | |||
7.2. Diese Essenz der Körpergewebe ist immer segensreich. In ihr wohnen alle Gottheiten in feiner Gestalt. | |||
7.3. Dies ist Bindu, dies ist der Mond, dies ist der Same, dies ist der heilige Rausch. Dies ist das Prinzip, dies ist das Leben, dies ist die Essenz von allem. | |||
7.4. Alle Wonnen, die im Körper erfahren werden und bis zur Wonne des Aufhörens reichen, entstehen aus Bindu, so wie Mondlicht aus dem Mond entsteht. | |||
7.5. Bindu weist den Weg, schenkt Himmel, Erlösung und Freude. Er kann Ordnung und Unordnung hervorbringen; allzeit und überall wirkt er als Geber von allem. | |||
7.6. Bindu wird durch den Atem gemeistert; es gibt kein anderes Mittel zu seiner Meisterung. In den Zustand, in den der Atem gelangt, dorthin gelangt auch Bindu. | |||
7.7. Wenn Bindu zur Ruhe gebracht wird, vertreibt er Krankheit; gebunden führt er zur Freiheit des Raumes; absorbiert bringt er alle Siddhis; unbeweglich schenkt er Befreiung. | |||
7.8. Bindu ist zweifach zu erkennen: als männlich und als aus der Frau hervorgegangen. Der männliche heißt Same, der weibliche wird Rajas genannt. | |||
7.9. Durch ihre äußere Vereinigung entsteht die Erschaffung der Menschen. Wenn ihre Vereinigung innerlich geschieht, wird man Yogi genannt. | |||
7.10. In Kamarupa wohnt der Same im Gemach des inneren Palastes; durch die Berührung mit Purnagiri bewegt er sich auf dem mittleren Weg. | |||
7.11. In der Mitte des Perineums, an dem großen heiligen Ort, wohnt das Rajas der Wesen, rot wie Hibiskus und getragen vom Prinzip der Göttin. | |||
7.12. Bindu ist als mondhaft zu erkennen, Rajas als sonnenhaft. Ihre Vereinigung ist im schwer zugänglichen inneren Palast zu vollbringen. | |||
7.13. Dies ist die Essenz, dies ist die höchste Lehre, dies gilt als der höchste Yoga. Dies ist der Weg, der Befreiung schenkt; dies ist das tiefste Geheimnis. | |||
7.14. Wer die Vereinigung des Bindu aufgibt und aus Verblendung etwas anderes sucht, wacht wie ein Verwirrter nutzlos unter Shakhotaka-Bäumen. | |||
7.15. Bindu ist Buddha, Bindu ist Shiva, Bindu ist Vishnu und der Herr der Geschöpfe. Bindu ist der Gott, der in allem wohnt, der Spiegel der drei Welten. | |||
7.16. Wie der Atem gemeistert wird, so wird auch Bindu gemeistert. Wie der Zustand des Bindu ist, genau so ist der Zustand des Geistes. | |||
7.17. Wenn der Atem sich bewegt, gilt Bindu als bewegt. Wessen Bindu bewegt ist, dessen Geist ist unruhig. | |||
7.18. Der Herr aller Elemente, Gott in Gestalt des Daseins, der Reine, wohnt in allen Wesen in der Form des Bindu. | |||
7.19. Solange der Atem unstet ist, ist auch Bindu unstet. Solange Bindu im Körper bewegt ist, bleibt auch der Geist unruhig. | |||
7.20. Wenn Bindu sich bewegt, wenn der Geist sich bewegt und wenn der Wind immerzu unstet ist, wird der Mensch geboren und stirbt. Wahr, wahr ist dieses Wort. | |||
7.21. Wahrlich, Nada ist Bindu; und Bindu wird Geist genannt. Nada, Bindu und Geist werden in der Praxis zur Einheit geführt. | |||
7.22. Auch wenn diese im Körper einzeln bestehen, werden sie alle gewiss vollendet, sobald der Wind gemeistert ist. | |||
7.23. Wenn der Atem durch die Verbindung mit der Mitte zur Ruhe kommt, dann kommen Bindu und Geist gemeinsam mit dem Atem zur Ruhe. | |||
7.24. Alle Elemente im Körper sind aus sich selbst unbeweglich. Sie bewegen sich durch die Bewegung der Lebensenergie und kommen zur Ruhe, wenn die Lebensenergie still wird. | |||
7.25. Der Fall des Samens bedeutet Sterben; das Bewahren des Samens bedeutet Leben. Wenn Bindu, das große Juwel, gemeistert ist, entsteht jede Siddhi. | |||
7.26. Wenn der Mondnektar nach unten fließt, folgt für alle Verkörperten der Tod. Wessen Bindu unerschütterlich bleibt, der ist ein Vollkommener im Diamantkäfig. | |||
8.1. Der Geist ist der Lenker des Körpers und der Erfahrende von Freude und Leid. Im Herzen der Menschen wohnt er, seinem Wesen nach rein. | |||
8.2. Der Geist ist formlos und nur an seinen Wirkungen erkennbar. Schwer zu erfassen und jenseits fester Merkmale, besteht er doch wie eine Zaubererscheinung. | |||
8.3. Der Geist ist unzerbrechlich und unverbrennbar, frei von Schnitt und Teilung. Unruhig ist er schwach und hart; ruhig wird er zum Träger des Dharma. | |||
8.4. In Freude lacht er und leuchtet auf; in Lust spielt er und erfreut sich. Als Vernunft sorgt er für das Leben, als Einsicht erkennt er Gefahr. | |||
8.5. Er weint aus Kummer um Angehörige, wird durch Besitz verwirrt, zürnt bei feindlichen Handlungen und erfreut sich am Begehren. | |||
8.6. Der Wandel des Juwels Geist lässt sich nicht vollständig beschreiben. Das vielgestaltige Rad des Samsara entsteht aus dem Geist allein. | |||
8.7. Dharma, Artha, Kama und Moksha, die von den Weisen besungen werden, sind Gestalten des Geistes. Nichts anderes als Geist wird erfahren. | |||
8.8. In allen Sichtweisen gilt das Geistprinzip als das eine zu Meisternde. Wer die Lehren nur so betrachtet und die Methode nicht kennt, fällt ins Leere. | |||
8.9. Wer den Geist nur durch selbstgestützte Anstrengung bezwingen will, nagt in Verblendung an einem Stein und trinkt durstig den Raum. | |||
8.10. Wer keinen vollendeten Stand erreicht hat, ohne Guru-Gnade ist, ohne Überlieferung und voller Unreinheit, lässt den Geist ins Leere laufen. | |||
8.11. Feuer wird nicht durch Feuer besiegt, Wind nicht durch Wind und Wasser nicht durch Wasser; ebenso wird der Geist nicht durch den Geist gemeistert. | |||
8.12. Ein Schwert schneidet sich selbst nicht, auch wenn es äußerst scharf ist. Ebenso wird ein noch so gezügelter Gedankengang nicht durch sich selbst vollendet. | |||
8.13. Wer sich auf den Geist stützt, der von sich aus keine feste Stütze gibt, schläft gleichsam im Meer oder auf einer Wolke und hofft auf Bequemlichkeit. | |||
8.14. Wenn der Geist, der von Natur aus überall ist, mit dem Geist betrachtet werden soll, müsste er durch etwas außerhalb des Geistes erkannt werden. | |||
8.15. Wer die Essenz der Lehren darin sieht, den Geist allein durch den Geist zu beherrschen, gerät auf Pfade ohne Rückkehr wie ein Fisch in die Reuse. | |||
8.16. Aus Mitgefühl mit der Welt wurde von den Füßen des Allwissenden gelehrt: Hört mit wahrhaftiger Gesinnung und ohne falsches Wissen. | |||
8.17. Erkenne: Der Geist reitet im Körper stets auf dem Atem. Wo der Atem weilt, dort weilt gewiss auch der Geist. | |||
8.18. An einer Stelle, die etwa durch einen Schlangenbiss vom Atem verlassen ist, wird der Strom des Bewusstseins nicht wahrgenommen, weil dort das Fleisch verletzt ist. | |||
8.19. Solange der Atem rechts und links in Bewegung ist, erfährt der Geist des Wesens die aus Prakriti geborenen Qualitäten. | |||
8.20. Wenn die Bewegung der beiden Seitenwege unterbrochen ist und der Wind in die Mitte eintritt, dann nimmt er alle Prinzipien mit sich, und der Geist wird allgegenwärtig. | |||
8.21. Dann ist Erkenntnis da, dann Meditation, dann Vollendung, dann Unsterblichkeit. Dann geschieht gewiss das Ineinanderfließen der drei Diamanten. | |||
9.1. Prakriti wird als große Fessel des Geistes bezeichnet, als Erstarren des Windprinzips und als Vergehen des Körpers. | |||
9.2. Was in früheren Geburten gut oder schlecht getan wurde, befindet sich stets im Körper in der Form von Prakriti. | |||
9.3. Prakriti ist zweifach zu erkennen: körperlich und geistig entstanden. Die körperliche zeigt sich als Vata, Pitta und ähnliches; die geistige ist im Bereich der Erkenntniskraft wirksam. | |||
9.4. Freude, Leid und alles Augenblickliche, das im Geist entsteht, sowie Verstand und die anderen inneren Funktionen sind Eigenschaften der Prakriti. | |||
9.5. Was im Geist Augenblick für Augenblick entsteht und vergeht, gleicht Wellen aus dem Ozean; all dies sind Prakritis des Geistes. | |||
9.6. Solange Prakritis bestehen, ist der Geist getrübt. Wenn ihre Gesamtheit aufgelöst ist, gelangt der Geist zu seiner Reinheit. | |||
9.7. Im Körper heißen die Prakritis Vata, Pitta, Kapha und so weiter. Auch sie erfüllen ihre Aufgaben beständig und beeinflussen den Geist. | |||
9.8. Vata ist fünffach zu erkennen, Pitta fünffach, Kapha fünffach. Diese gelten als grundlegende Prakritis. | |||
9.9. In Verbindung mit dem Atem bewirken sie gemäß dem Karma des Menschen Krankheiten, sei es zur Erfahrung von Leid oder zum Tod. | |||
9.10. Hunger, Schlaf, Durst, Ohnmacht, Kälte, Hitze und die daraus entstehenden Zustände sind Eigenschaften der Prakriti. | |||
9.11. Falten, graues Haar, Aussatz, Taubheit, Stummheit, Blindheit, Hinken und Gebeugtsein bewirkt Prakriti im Körper. | |||
9.12. In denen die Prakritis im Körper die Führung übernommen haben, entsteht Yoga nicht, so wie im Dickicht kein Keimling gedeiht. | |||
9.13. Wenn durch Yoga mit dem Atem die Gesamtheit der Prakritis verschwindet, entsteht Erkenntnis wie die Sonne am Ende der Nacht. | |||
9.14. Prakriti verschlingt die Welt; sie selbst wird von nichts Gewöhnlichem verschlungen. Wer sie durch Klarheit verschlungen hat, hat den Tod verschlungen. | |||
10.1. Die Gunas, die im Körper der Wesen des Samsara wohnen, entstehen aus Prakriti: Sattva, Rajas und Tamas. | |||
10.2. Der Körper ist durch die drei Stricke gebunden, und ebenso der Geist. Höre nun kurz ihre Unterscheidung, wie sie gelehrt wird. | |||
10.3. Auch wenn die drei Gunas in der Welt als gleichrangig beschrieben werden, entsteht der sattvige Zustand doch nur wie ein Teil unter Tausenden. | |||
10.4. Gier, Zorn, innerer Hunger, Verachtung, Gewalt, Heuchelei und Unwahrheit, wie sie in der Welt erscheinen, entstehen aus Tamas. | |||
10.5. Schlaf, Benommenheit, Unwissenheit, Trägheit und Verlust der Erinnerung entstehen aus Tamas, besonders nahe am Tod. | |||
10.6. Gesang, Tanz, Musik, Kleidung, Schmuck, Lachen, Reden und Begehren entstehen aus Rajas. | |||
10.7. Zustände, die immer wieder aus dem Verlangen nach sinnlicher Verbindung entstehen, und das Sich-Hingeben an Sexualität sind vor allem Eigenschaften von Rajas. | |||
10.8. Der Körper ist gewöhnlich von Rajas und Tamas beherrscht. Wenn diese beiden schwinden, tritt Sattva gewiss hervor. | |||
10.9. Wenn der sattvige Zustand entsteht, wird dem Menschen der wahre Sinn offenbar. Wenn der wahre Sinn gegenwärtig ist, leuchtet reine Erkenntnis klar auf. | |||
10.10. Wer bei einem Körper, der von Rajas, Tamas und Störungen erfüllt ist, sagt: „Ich bin ein Wissender“, gilt als unwissend und verwirrt. | |||
10.11. Durch eine nur auf sich selbst gestützte Praxis verschwinden diese beiden Gunas nicht. Dafür gibt es eine besondere Mudra, die aus dem Lotusmund des Gurus stammt. | |||
11.1. Nun wird Mahamudra gelehrt, das Große Siegel, das in allen Tantras verborgen ist. Wer es erlangt, wird sogar von den Göttern verehrt. | |||
11.2. Nach unzähligen Geburten und vielen guten Werken erlangen Yogis diese Mudra und erreichen das andere Ufer des Ozeans des Werdens. | |||
11.3. Mit der linken Ferse drücke man sorgfältig den Beckenboden; das rechte Bein strecke man aus und halte den Fuß mit beiden Händen fest. | |||
11.4. Auf dem Sitz richte man das Becken aus, lege das Kinn auf die Brust, verschließe die neun Tore und fülle den Bauch mit Atem. | |||
11.5. Die Aufmerksamkeit bringe man an die Kreuzung der vier Wege; dann beginne man die Lenkung des Prana. Den Lauf von Mond und Sonne unterbrechend, halte man den Wind an. | |||
11.6. Diese Mudra löst die inneren Rückstände auf, aktiviert Bindu und Nada, bewegt alle Nadis und entzündet das innere Feuer. | |||
11.7. Durch die Verbindung von Körper, Stimme und Geist werden Körper, Stimme und Geist gemeistert. Für den Yogi, der den Weg betreten hat, entsteht dies unausweichlich durch Praxis. | |||
11.8. Durch diese Mudra wird dem Yogi gewiss alles möglich. Darum soll Mahamudra mit großer Sorgfalt geübt werden. | |||
11.9. Diese aus sich selbst entstandene Mudra ist größer als alle anderen Mudras. Darum nennen die besten Weisen sie Mahamudra, das Große Siegel. | |||
11.10. Durch sie wird der Tod gebunden; deshalb ist sie immer heilsam. Wer sie im Geist bewahrt, beherrscht damit den Körper. | |||
11.11. Ihr berühmter Name wird aus den ersten Silben der Worte gebildet; er wurde zur Freude derer ausgesprochen, die mit Yoga verbunden sind. | |||
12.1. Wodurch Mahamudra den Yogis gewiss gelingt, wird Mahabandha genannt: der Große Verschluss, der Prana im Körper hält. | |||
12.2. Der Bandha ist zweifach zu erkennen, wie zuvor Bindu erklärt wurde: der Beckenbodenverschluss für die Göttinnen und der Kehlverschluss für den Gott. | |||
12.3. Nach Einatmung und Kumbhaka, während man die furchtnehmende Mudra hält, füge man rasch den Bandha hinzu, der vor Göttern und Asuras verborgen ist. | |||
12.4. Man ziehe Anus und Beckenboden zugleich zusammen, führe Apana nach oben und verbinde ihn mit Samana. | |||
12.5. Der Yogi beginne den Bandha am Tor der Mittleren. Indem er die Kreuzung der drei Wege sorgfältig verschließt, schafft er eine starke Fessel für die Lebensenergie. | |||
12.6. Der Wind steigt auf Prana, lenkt Prana nach unten und reitet dann zum Zweck des Aufstiegs, damit Prana und Apana eins werden. | |||
12.7. Dies ist die höchste Vereinigung im Körper, die den Weg der Vollkommenen offenbart. Erfolg, Einsicht und Stärkung sind nicht anderswo zu finden, wenn man dies verwirft. | |||
12.8. Alle Energieströme, die gewöhnlich abwärts fließen, werden durch diesen großen Bandha umgekehrt. | |||
12.9. Durch den Abwärtsstrom fliehen die Essenzen aus dem Körper, so wie Flüsse ihr eigenes Bett verlassen. | |||
12.10. Wie ein Damm in der äußeren Welt den Strom zurückhält, so sollen Yogis diesen inneren Bandha im Körper verstehen. | |||
12.11. Dieser Bandha wird für alle Nadis gelehrt. Durch seine Gnade werden die Gottheiten offenbar. | |||
12.12. Dieser Bandha an der Kreuzung der vier Wege verschließt drei Pfade und öffnet den einen Weg, durch den die Siddhas zur Glückseligkeit gelangten. | |||
12.13. Dieser Weg, wenn er nach unten führt, wird als Weg von Schöpfung und Tod bezeichnet. Die beiden seitlichen Wege bewirken Verdienst und Schuld. | |||
12.14. Wenn alle Prinzipien im Kumbhaka gesammelt und durch festen Verschluss gehalten werden, wird Udana zum Riegel für die Vereinigung von Prana und Apana. | |||
12.15. Dieser Kehlverschluss hemmt den Aufwärtsfluss aller Nadis. Durch seine Gnade gelingt der Beckenbodenverschluss. | |||
12.16. Diese Methode gilt als Schmelztiegel, jener als Wurzelverschluss. Durch diese allein gelingt den guten Praktizierenden die Dreiheit der Praxis. | |||
13.1. Auch Mudra ist zweifach zu erkennen, wie Bandha zweifach erklärt wurde: Yoni-Mudra für die Göttinnen und Linga-Mudra für den Gott. | |||
13.2. Durch Frau und Mann entsteht die äußere Schöpfung; im Äußeren aber führt diese Verbindung im Körper auch zum Vergehen der schöpferischen Kraft. | |||
13.3. Eine Frau voller Schönheit und Eigenschaften bleibt ohne Mann unfruchtbar. Ebenso bleiben Mahamudra und Mahabandha ohne Vedha fruchtlos. | |||
13.4. Nachdem der Yogi die Kreise des Atems gesammelt und den Bandha wie gelehrt ausgeführt hat, beginne er Vedha, das Durchdringen, mit Atem und Aufmerksamkeit. | |||
13.5. Nachdem die Lebensenergie sehr stark gemacht und zur unteren Öffnung der Mittleren ausgerichtet wurde, durchdringe man die vier heiligen Orte nacheinander mit dem Atem. | |||
13.6. Mit beiden Händen setze man das Zeichen Shivas wie einen unbeweglichen Pfahl auf die Erde; ebenso richte man beide Füße fest nach unten. | |||
13.7. Mit beiden geraden Fußsohlen hebe man das Gesäß an und lasse die Wirbelsäule mit der äußersten Spitze des Atem-Donnerkeils beharrlich aufschlagen. | |||
13.8. Dadurch geschieht das Durchdringen, von der Unterwelt aufwärts durch den ganzen Mikrokosmos. Die Götter inmitten des Meru erzittern durch das Auf- und Niederbewegen der Wirbelsäule. | |||
13.9. Durch das Durchdringen des Meru sterben Brahma und die anderen Gottheiten gewiss. Zuerst geschieht das Durchdringen im Knoten Brahmas. | |||
13.10. Nachdem der Knoten Brahmas durchstoßen ist, durchstößt der Wind den Knoten Vishnus. Nachdem der Knoten Vishnus durchstoßen ist, durchstößt er den Knoten Rudras. | |||
13.11. Nachdem der Knoten Rudras durchstoßen und die Schlingpflanze der Verblendung durchschnitten ist, öffnet der Wind die wohlverborgene Tür zum Absoluten. | |||
13.12. Mahamudra, Mahabandha und als drittes Mahavedha: Durch diese drei geheimen Essenzen gelingt Yoga. | |||
13.13. Wer diese drei Prinzipien kennt, kennt die drei Welten. Wer sie durch glückliche Fügung praktiziert, wird allgegenwärtig und alldurchdringend. | |||
13.14. Gerade im Anspruch auf diese geheimsten Dinge der geheimsten Lehren besteht die wahre Größe des Menschseins, selbst vor den Göttern. | |||
13.15. Durch diese drei Praktiken wird der Mensch mit allen Einweihungen geweiht, mit allen Vollmachten versehen und am Weg der Siddhas beteiligt; anders nicht. | |||
13.16. Wer dieses Mysterium kennt, dessen Größe ist wirklich bedeutungsvoll: Alles wird durch ihn erkannt, dank der Göttin des mittleren Stromes. | |||
14.1. Wer dieses Wissen erlangt hat, hat den Stein der Weisen erlangt, einen Glückstopf gewonnen, einen Wunschbaum und einen großen Schatz. | |||
14.2. Diese geheimnisvolle Dreiheit, die höchste Essenz der drei Welten, trägt bei Menschen, die nicht praktizieren, keine Frucht. | |||
14.3. Wie ein Schatz für den nutzlos bleibt, der ihn nicht gebraucht, so bleibt ein Übungsprinzip für den ohne Praxis gewiss fruchtlos. | |||
14.4. Wenn man dies erkannt hat, soll man beständig und mutig üben. Aus Praxis entsteht Yoga; durch Yoga gelingt alles. | |||
14.5. Nachdem man zuerst die Mudra gehalten und die beiden Bandhas fest gemacht hat, bringe man die drei Kanäle zum Erzittern. | |||
14.6. Dann folgt das Aufschlagen des Gesäßes, verbunden mit der festen Haltung des männlichen Zeichens; nach Einatmung und Kumbhaka wird die Bewegung der Winde versperrt. | |||
14.7. So führe der Yogi die Praxis aus, zur Intensivierung aller Erfahrungen, Tag und Nacht, ununterbrochen, in jeder Wache auf dieselbe Weise. | |||
14.8. Durch diese wiederholte Methode wird der Wind geschult. Durch die Schulung des Windes wächst Tag für Tag das Feuer im Körper. | |||
14.9. Wenn das Feuer wächst, wird die Verdauung leicht. Durch gute Verdauung wächst der Nahrungssaft. | |||
14.10. Wenn der Nahrungssaft wächst, stärken sich beständig die Körpergewebe. Durch die Stärkung der Gewebe wächst besonders die Samenessenz. | |||
14.11. Wenn durch regelmäßige Praxis die wichtigste Essenz reichlich vorhanden ist, wird der vorzügliche Yogi genährt, widerstandsfähig und von großer Kraft. | |||
14.12. Durch intensive Praxis entsteht Mahabandha ganz von selbst. Durch intensive Praxis von Mahabandha wird die Samenessenz aufgenommen und verwandelt. | |||
14.13. Alle gestörten Säfte, Kot, Urin und Unreinheiten trocknen aus; die Essenz der Lebenskraft wird im Körper jederzeit in den feinen Nadis aktiviert. | |||
14.14. Durch regelmäßige Praxis gelingen dem Yogi der Stillstand des Windes zur rechten Zeit, die Vereinigung der beiden Essenzen und der Eintritt des Lebenshauchs in die Mitte. | |||
14.15. Menschen, die den Guru als Steuermann gewonnen, den Körper zum Boot gemacht und sich dem Segel der Praxis anvertraut haben, überqueren den Ozean des Werdens. | |||
14.16. Selbst wenn die Götter persönlich immer wieder Wissen mitteilen würden: Den Yogis wird Yoga doch nur durch Praxis offenbar. | |||
14.17. Alle Verfehlungen, selbst aus zehn Millionen Leben, werden durch Praxis noch in diesem Leben verbrannt wie Grashalme im Feuer. | |||
14.18. Opfer, Gaben, Gelübde und Bußübungen gewinnen durch Praxis unermesslich an Kraft. | |||
14.19. Prakritis, Gunas, Doshas und die verschiedenen Krankheiten im Körper verschwinden durch Praxis wie Wolken am Himmel durch den Wind. | |||
15.1. Die Menschen sind vierfach zu erkennen: schwach, mittelmäßig, ausgezeichnet und überaus ausgezeichnet; sie sind verschieden fähig, den Ozean des Werdens zu überqueren. | |||
15.2. Weil unter diesen vier zuerst die Schwachen genannt wurden, werden auch ihre Merkmale zuerst beschrieben. | |||
15.3. Kränkliche, schwache, alte, teilnahmslose, häuslich gebundene, willensschwache und furchtsame Menschen werden als Schwache erkannt. | |||
15.4. Ihnen gelingt innerhalb von zwölf Jahren eine Stufe. Der schwache Mensch wird als der geringste unter den Praktizierenden bezeichnet. | |||
16.1. Wer älter als mittleren Alters ist, im weltlichen Dasein steht, von mittlerem Mut und mittlerer Kraft, mittlerer Einsicht und Praxis, mittlerem Körper und mittlerer Bildung geprägt ist, | |||
16.2. wer sich auf den mittleren Wegen des Yoga bewegt, im mittleren Alter steht, von mittlerer Entschlusskraft, mittlerer Leidenschaft und mittlerem Mut ist, | |||
16.3. dem gelingt innerhalb von acht Jahren die zweite Stufe. Weil sein Verdienst und sein Glück mittelmäßig sind, gilt er als mittelmäßiger Praktizierender. | |||
17.1. Energiegeladen, geduldig, mitfühlend, hochgesinnt, in der eigenen Stellung zufrieden, gesund, im besten Alter und von fester Entschlossenheit sind die Ausgezeichneten. | |||
17.2. Sie sind beredt, sehr tüchtig, mutig, beständig übend und selbstbeherrscht; sie behandeln andere freundlich, sind kultiviert und reich an guten Eigenschaften. | |||
17.3. Sie sind als gut handelnde Yogis auf dem Weg der Vollkommenen zu erkennen. Den Ausgezeichneten gelingt die dritte Stufe innerhalb von sechs Jahren. | |||
18.1. Überaus stark, von stattlicher Gestalt, von großer Wirksamkeit und voller Tugend sind die Allerhöchsten; sie leuchten wie große Lichter, sind friedvoll und von tiefem Mitgefühl erfüllt. | |||
18.2. Sie haben alle Lehrtexte studiert, sind mit glückverheißenden Zeichen geschmückt, gleichen in ihrer Erscheinung dem Allwissenden und sind von allen Krankheiten frei. | |||
18.3. Sie stehen in voller Jugendkraft, sind unbeeinträchtigt, die Besten unter den Menschen, frei von Illusion, ohne Leid zu verursachen, ohne Hindernisse und ohne Verwirrung. | |||
18.4. Durch Praxis aus früheren Leben sind sie mit einer spirituellen Linie verbunden und mit Vorzügen ausgestattet; sie führen alle Wesen hinüber und überqueren auch selbst den Ozean. | |||
18.5. An all diesen Merkmalen erkennt man die allerhöchsten Praktizierenden. Innerhalb von drei Jahren gelingt ihnen die vierte Stufe. | |||
19.1. Yoga gelangt über vier Stufen zur Vollendung. Ihre Unterscheidung wird nun der Reihe nach kurz gelehrt. | |||
19.2. Beginn, Topf, als drittes Vertrautheit und zuletzt der Vollendete: So werden die Stufen des Yoga genannt. | |||
19.3. Die jeweilige Stufe, die der Yogi durch Praxis erreicht, und die Zeichen ihres Erreichens werden nun kurz gelehrt. | |||
19.4. Durch die Gnade der Füße des Gurus und nach Verehrung der eigenen Gottheit soll der Yogi in der Nähe des Gurus sorgfältig mit der Praxis beginnen. | |||
19.5. An einem guten Ort, mit guter Lebensweise, in Gesellschaft guter Menschen, bei ausreichender Nahrung und ohne Störung soll man den Yogaweg üben. | |||
19.6. Ob Haushalter oder Avadhuta: Wer immer in der Yogapraxis Freude hat, soll ohne Ablenkung und mit großer Sorgfalt sein Ziel verwirklichen. | |||
19.7. Zu viel Gehen, schlechte Wege, üble Gesellschaft und vieles, was Unruhe erzeugt, sind für den Yogi hinderlich und sollen gemieden werden. | |||
19.8. Die Praxis soll so ausgeführt werden, dass der Atem nicht bedrängt wird. Wird der Atem-Wind gequält, verbrennt das Feuer die Gewebe. | |||
19.9. Darum soll der verlängerte Atem so gehalten werden, dass er am Ende der Praxis wieder natürlich und unverändert fließt. | |||
19.10. Für den gut Unterwiesenen wird achtfache Praxis in Tag und Nacht gelehrt; der Anfänger soll jedoch Schritt für Schritt üben. | |||
19.11. Wenn die Praxis zum ersten Mal begonnen wird, entstehen gewiss Ermüdung des Körpers, Kraftlosigkeit und ähnliche Zeichen. | |||
19.12. Unmittelbar nach dem Essen soll die Praxis nicht ausgeführt werden, denn dann wird der Bandha für den Yogi hinderlich. | |||
19.13. Auch ein Hungriger soll sie nicht ausführen, ebenso nicht jemand, dessen inneres Feuer sehr schwach ist oder dessen Körper nicht bereit ist. | |||
19.14. Wenn eine Stufe vollendet ist, geschieht das Durchdringen im Knoten Brahmas. Dann entsteht ein stechendes Gefühl in der Mitte. | |||
19.15. Dann entsteht der Eintritt in die Leere, hervorgerufen durch den wunderbaren Augenblick. Dann erscheint ein Klang, der einer Biene gleicht. | |||
19.16. Dann erscheinen äußere Zeichen am Körper der Yogis. Diese werden nun der Reihe nach kurz genannt. | |||
19.17. Der Körper wird ansehnlich, der Appetit gut, das Feuer stark, die Kraft wächst, und die Gestalt wird gefestigt. | |||
19.18. Der Yogi wird liebenswürdig, wohlriechend, glücklich und am ganzen Körper schön. Diese Zeichen entstehen auf der ersten Stufe. | |||
20.1. Auf der zweiten Stufe wird der Yogi fest in der Sitzhaltung. Wenn die Sitzhaltung sehr stabil geworden ist, tritt der Wind in die Mitte ein. | |||
20.2. Durch ein geringes Eintreten des Windes in den mittleren Kanal entsteht den Yogis ein hoher Grad von Glück. | |||
20.3. Sein Leben wird leicht, sein Gemüt freudig, er wird mutig; Wangen, Augen und Kehle werden voll, der Körper wird stark und frei von Trägheit. | |||
20.4. Er wird sehr kraftvoll, voller Energie, jederzeit begeistert und fröhlich; er erkennt die Lehre und bleibt in der Praxis lebendig. | |||
20.5. Er wird scharfsichtig, verständig, weise, kontemplativ, fähig zur Meditation und von schöner Ausstrahlung. | |||
20.6. Er wird mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattet und von allen Mängeln frei; so erkennt man den Yogi auf der zweiten Stufe. | |||
20.7. Wenn die zweite Stufe vollendet ist, entsteht die außerordentliche Leere. Dann erklingt in der Mitte der Klang von Kesselpauken. | |||
20.8. Durch die Methode der Vereinigung der beiden Lebenswinde auf der zweiten Stufe wird dem Yogi große Freude zuteil. | |||
21.1. Wenn er den ganzen Körper wie ein Gefäß verschlossen und die beiden seitlichen Kanäle unterbrochen hat, fließt der Atem-Wind in die Mitte. | |||
21.2. Wenn der verstärkte Wind den Riegel der Mittleren aufgesprengt hat, entsteht die Glückseligkeit des Fallens der Tropfen. | |||
21.3. Die Glückseligkeit des Fallens der Tropfen ist im Körper der Tod. Durch das Fallen des Samens kommen Alter und Vergehen. | |||
22.1. Gerade der entleerende Wind ist von Yogis stets zu meistern; er wirkt zusammen mit dem im Körper befindlichen Feuer. | |||
22.2. Wenn dieser gemeisterte Wind durch die Mitte aufwärts strömt, wird die zeitgebundene Freude überwunden und natürliche Glückseligkeit entsteht. | |||
22.3. Nachdem frühere Handlungen, ob mit Leid oder ohne Leid getan, gereinigt sind, geht diese Glückseligkeit auf wie die Sonne in der Dunkelheit. | |||
23.1. Dann werden die Prakritis vernichtet, denn sie haben ihren Ursprung in den früheren Handlungen. Durch ihre Vernichtung vergehen die Krankheiten des Körpers. | |||
23.2. Wenn alle Gunas der Yogis, die durch frühere Handlungen verbunden sind, verschwinden, dann verschwindet auch die Gebundenheit durch die Gunas. | |||
24.1. Wenn die Beseitigung der fünf Unreinheiten und die Vereinigung der beiden Bindu gelungen sind, erkennt man den Körper als vollkommen und mit allen Vorzügen ausgestattet. | |||
24.2. Frei von Kälte, Hitze, Durst, Furcht, Verlangen und Gier gelangt der Yogi ans andere Ufer des Ozeans von seelischer Not, Krankheit, Alter, Leid und Kummer. | |||
25.1. Wenn der Yogi einen solchen vollkommenen Körper besitzt, kommt durch das Durchstoßen des Herzknotens die Große Leere und der nicht beschreibbare Augenblick. | |||
25.2. Dann entsteht in der Mitte der Klang einer Trommel. Dann ist der Atem-Wind unbeweglich und verweilt durch anhaltende Sammlung im mittleren Kanal. | |||
25.3. Dann erkennen die Yogis die Vollkommenheit des Atem-Windes im Körper. Wenn diese Vollkommenheit erkannt wird, entsteht vollkommenes Gewahrsein. | |||
25.4. Durch vollkommenes Gewahrsein entstehen den Yogis alle Siddhis. Wenn Siddhi erscheint, ist Befreiung nicht mehr fern. | |||
26.1. Wenn der vollendete und unbewegliche Atem-Wind am Ort der Mittleren weilt, wird das Bewusstsein glückselig und einheitlich wie der Himmelsraum. | |||
26.2. Wenn das Bewusstsein glückselig und frei von äußerer Mühsal ist, entsteht Samadhi und beendet die Leiden des weltlichen Daseins. | |||
27.1. Wenn das Bewusstsein mit Samadhi vollkommen vertraut und von natürlicher Glückseligkeit genährt ist, wird es vollendet und nimmt die Furcht vor allem künftigen Leid. | |||
28.1. Wenn alles, was ein Yogi tut, im selben Augenblick geschieht, erkenne dies als sicheres Zeichen eines Yogis, dessen Körper vollendet ist. | |||
29.1. Erkenntnis der Anordnung der Körperteile, Eintritt in den Körper eines anderen, Sehen und Hören aus der Ferne: Dies sind Zeichen des gemeisterten Atem-Windes. | |||
29.2. Allwissenheit, die Erkenntnis der drei Körper erweckt, wird von den Wissenden als Zeichen des vollkommenen Geistes erkannt. | |||
29.3. So wird die Vollkommenheit von Körper, Stimme und Geist bestimmt. Alle Zeichen, die in ihren verschiedenen Formen gelehrt wurden, sind Zeichen der Yogis auf der dritten Stufe. | |||
29.4. Weil durch Meditation über die Mittlere die äußeren Wahrnehmungen verschwinden und Vertrautheit mit Erkenntnis entsteht, heißt diese dritte Stufe Vertrautheit. | |||
30.1. Dann, nachdem der Knoten Rudras durchstoßen ist, fließt der Atem-Wind durch alle heiligen Orte des feinen Körpers. Das Bewusstsein leuchtet vollständig, geschmückt vom Augenblick der Reife. | |||
30.2. Das Bewusstsein ist dann einheitlich und leuchtend, jenseits genauer Beschreibung. In der Heimstatt der Vollkommenen entsteht der Klang der Kesselpauke. | |||
30.3. Wenn Körper, Atem-Wind und Geist vollendet sind, wird die Große Vollkommenheit erkannt, die die Frucht der Befreiung zu Lebzeiten schenkt. | |||
30.4. Vollkommen vertraut damit, nach Belieben in Samadhi zu verweilen, wird der vorzügliche Yogi einer, dem die Große Vereinigung zuteilwurde und dessen Ruf reinigend wirkt. | |||
30.5. Dann ist der Yogi glückselig, allwissend, gleichmütig schauend, von allen Wesen zu preisen und in den drei Welten zu verehren. | |||
30.6. Seine Bewegung ist ungehindert, sein Sehen und Hören grenzenlos. Seine Glückseligkeit ist grenzenlos, und er ist von grenzenlosem Wissen erfüllt. | |||
30.7. Mit allen Kräften der Allmacht versehen, ein Schatz unendlichen Wissens, überall gegenwärtig, ist der Yogi von der Großen Vollkommenheit erfüllt und eine Wohnstätte aller Siddhis. | |||
30.8. Er verbrennt nicht durch Feuer und geht nicht durch Wasser zugrunde. Der vorzügliche Yogi, frei von den Gunas, ist durch niemanden zu töten. | |||
30.9. Darum enthält der Yogi alles in sich; er besteht sogar aus allen Wesen. Er ist ein Schatz allen Wissens und wird stets von der ganzen Welt geehrt. | |||
30.10. Wenn er zufrieden ist, kann er Menschen erlösen; wenn er zürnt, kann er Erfolg zerstören. Der vorzügliche Yogi, durch Erkenntnis vollendet, ist selbst für die Götter ehrfurchtgebietend. | |||
30.11. Das Rad des weltlichen Daseins durchwandernd und den Käfig der drei Welten leicht durchbrechend, geht der Yogi glückselig als freier Herr dahin. | |||
30.12. So spielen die vollkommenen Yogis Hunderte, Tausende oder Hunderttausende von Jahren auf Berggipfeln oder in Höhlen. | |||
30.13. Frei von äußerer Wahrnehmung, entzückt im Allbewusstsein, verweilen die Yogis mit innerem Auge an einem menschenleeren Ort. | |||
30.14. So leben sie weiter, deren Wirken rühmenswert ist. Diese Vollkommenen in der Gestalt von Jinas sind als zu Lebzeiten Befreite zu erkennen. | |||
31.1. Die Yogis werden auf dieser Stufe vollendet, wenn sie auf den drei übrigen Stufen beständig sind. Darum heißt ihre Erscheinungsform in den drei Welten „der Vollendete“. | |||
31.2. Wenn der vollendete Yogi durch die Tür zum Absoluten hinausgetreten ist, ertönt dort der Atem-Wind sanft wie der Klang einer Vina. | |||
31.3. Durch das Durchdringen mit Mahamudra und den anderen Methoden gelingt den Yogis das Große Mysterium, zusammen mit den unzähligen Zeichen des Yoga. | |||
32.1. Für den Yogi auf Erden gibt es keinen zweiten Weg zur Befreiung. Wer Befreiung zu Lebzeiten erreicht hat, gelangt in den Zustand der Großen Befreiung. | |||
32.2. Keine Befreiung gibt es für den, dessen Körper gestorben ist, oder für den, der auf falschen Weg geraten ist. Wer die Wirkungen der Natur durchschaut, erkennt den Tod als Eigenschaft der Prakriti. | |||
32.3. Selbst wenn er erwacht ist, gilt er noch als unvollkommen und im Kreislauf des Lebens stehend, solange die Essenz des Samens in der Gestalt Brahmas aus dem Körper fließt. | |||
32.4. Als unvollkommen soll man den Körper derer erkennen, die keine Enthaltsamkeit üben; er ist von Alter und Tod gezeichnet und Wohnstätte vieler Beschwerden. | |||
33.1. Solange der Atem auf dem falschen Pfad läuft, nicht still ist und nicht in der Mitte verweilt, soll man ihn als unvollkommen erkennen, da er mit Bewegung behaftet ist. | |||
34.1. Solange der Geist im Körper hin und her wandert und durch äußere Wahrnehmungen verwirrt ist, soll man ihn als unvollkommen erkennen, da er an die Stricke der Aktivität gebunden ist. | |||
34.2. Wenn der Yogi die Essenz oben bewahrt und Geist und Atem zur Ruhe gebracht hat, erkennt er allein durch Kontemplation die Vollkommenheit von Körper, Stimme und Geist. | |||
34.3. Wenn er so vollkommen mit Samadhi vertraut und in den drei Wonnen selig ist, kann der Yogi durch seine Siddhi sogar die Unsichtbarkeit des Körpers bewirken. | |||
35.1. Dann ist der Yogi glückselig, eine Wohnstatt des Wissens, des großen Segens teilhaftig, unveränderlich, ganz, alldurchdringend, segensreich, allgegenwärtig und machtvoll. | |||
35.2. Er besitzt einen Körper reiner Erkenntnis, ist frei von den Eigenschaften der Erscheinungswelt, allwissend, allgegenwärtig, ewig, auf die Wahrheit ausgerichtet und in letzter Befreiung gegründet. | |||
36.1. Die Essenz aller tantrischen Lehrwerke, die mit der Essenz aller philosophischen Systeme übereinstimmt, wurde von mir sorgfältig herausgezogen wie Ghee aus reichlich Milch. | |||
36.2. Dieser leiterartige Leitfaden zur Vollkommenheit, genannt Amrita Siddhi, das Erlangen der Unsterblichkeit, wurde von mir, dem ehrwürdigen Madhava Chandra, als Licht für die Yogis verfasst. | |||
36.3. Solange das Rad des Samsara sich dreht, das ergreift und trennt, solange möge die Überlieferung des ehrwürdigen Virupa in den drei Welten siegreich sein. | |||
36.4. Dieses Werk dient dem Erwachen des Selbst und der großen Freude der Yogis; den Unwissenden bringt es nur Staunen. | |||
36.5. Zum Erwachen der Reiferen, ebenso für die, die auf falschem Weg stehen, und für die, die durch schlechte Logik und falsche Ansichten gebunden sind, wurde dieses Netz der Lehre geschaffen. | |||
36.6. Mit Amrita, dem Nektar der Unsterblichkeit, sind Bindu, Leben und Befreiung gemeint. Die Vollkommenheit dieser drei wird als Beseitigung des Todes gelehrt. | |||
36.7. Möge allen verkörperten Wesen, im Himmel, auf der Erde und in den unteren Welten, ununterbrochenes Glück zuteilwerden, weit wie der Himmelsraum. | |||
36.8. In dreihundert Versen wurde die ganze Methode des Yoga samt den Zeichen des Fortschritts sorgfältig gelehrt, als klares Auge für alle, die mit guten Eigenschaften versehen sind. | |||
==Verse aus dem Amrita Siddhi== | ==Verse aus dem Amrita Siddhi== | ||
Aktuelle Version vom 27. Juni 2026, 08:52 Uhr

Amrita Siddhi (Sanskrit: अमृतसिद्धि amṛta-siddhi f.) ist der Name eines Sanskrit-Werkes, das sich mit Hatha Yoga beschäftigt. Amrita Siddhi wurde von Virupaksha bzw. Madhava Chandra geschrieben, vermutlich im 11. oder 12. Jahrhundert. Es gilt als eines der ältesten Sanskrit Werke des Hatha Yoga, geschrieben im elften Jahrhundert n.Chr. Die wichtigen Mudras Mahabandha, Mahamudra und Mahavedha werden beschrieben.
Amrita Siddhi bedeutet wörtlich "Die Erlangung (Siddhi) der Unsterblichkeit (Amrita)".
Hier findest du alle Verse auf Sanskrit in der IAST Transliteration mit deutscher Übersetzung von Oliver Hahn. Hier im Wiki findest du auch den [[Amrita Siddhi Sanskrittext und Übersetzung|Vollständigen Text mit Wort-für-Wort Übersetzung
Inhalt und Aufbau von Amrita Siddhi
Der Text der Amrita Siddhi besteht aus 303 Versen, die in 35 kurze Vivekas (Kurzkapitel, wörtlich "Überlegungen", "Unterscheidungen", unterteilt sind.
- Die ersten zehn Vivekas lehren die Bestandteile des yogischen Körpers
- Die Vivekas 11-13 lehren drei Methoden, diese Bestandteile zu manipulieren
- Viveka 14 lehrt die Praxis, d.h. wie die drei Methoden zusammen angewendet werden sollen
- Die Vivekas 15-18 lehren die vier Grade des Aspiranten
- Vivekas 19-33 beschreiben die vier Zustände des Yoga
- Vivekas 34-35 beschreiben die endgültige Transformation des Körpers, die zum Nirvana führt.
Anmerkung: Obwohl die Verbindung haṭhayoga in früheren Vajrayāna-Werken zu finden ist (Birch 2011, 535-536) und seine Lehren zentral für spätere Hatha Yoga Texte sind, nennt das Amṛtasiddhi seine Yogamethode nicht haṭha.
Es wird angenommen, dass Amrita Siddhi aus dem buddhistischen Kontext stammt, was heißen würde, dass die älteste bekannte Hatha Yogaschrift buddhistischen Ursprungs ist.
Amrita Siddhi im Hatha Yoga Kontext
Die Amṛtasiddhi ist ein Sanskrit-Handbuch der Yoga-Lehren, das von Madhavacandra geschrieben wurde, wahrscheinlich nicht später als in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich im Dekkan im mittleren Indien. Es ist der erste Text, der ein System des Yoga lehrt, Yoga lehrt, dessen primäre Methode körperlich ist, und er führt viele Praktiken und Prinzipien ein, die für die Yogamethode grundlegend sind. Diese werden in späteren Sanskrit Texten als Hatha Yoga Praktiken bezeichnet werden. Das Amṛtasiddhi öffnet und schließt mit Anrufungen des Vajrayana Siddha (Meister) Virupa. Dies und andere Merkmale des Textes weisen darauf hin, dass er in einem buddhistischen Vajrayana Kontext verfasst wurde. Dieser Text ist insofern unorthodox, als seine Yogamethode für einzelne zölibatäre männliche Yogis ist. Der Text betrachtet Zölibat als überlegen gegenüber den Praktiken des rituellen Sex, wie sie in den Vajrayana-Traditionen gelehrt werden. Amrita Siddhi ist ein Grundlagentext, auf dem viele spätere Hatha Yoga Texte aufbauen.
Die Amṛtasiddhi florierte auch in Tibet, wo sie die Grundlage eines Textzyklus bildete bekannt als 'Chi med grub pa bzw. als Amarasiddhi.
Quellen zu Amrita Siddhi
- The Amrtasiddhi: Hathayoga’s tantric Buddhist source text, by James Mallinson, 2016
- Amṛtasiddhi, Critically Edited and Translated by James Mallinson and Péter-Dániel Szántó, 2021
- The Amṛtasiddhi und Amṛtasiddhimūla, Critically Edited and Translated by James Mallinson and Péter-Dániel Szántó, 2021
Amrita Siddhi - vollständiger Text Sanskrit mit Deutscher Übersetzung
Deutsche Übersetzung von Dr. Oliver Hahn.
Eröffnungsvers
nābhau śubhrāravindaṃ tad-upari vimalaṃ maṇḍalaṃ caṇḍa-raśmeḥ
saṃsārasyaika-sārā tri-bhuvana-jananī dharma-vartmodayā yā |
tasmin madhye tri-mārge tritaya-tanu-dharāṃ chinna-mastā-praśastāṃ
tāṃ vande jñāna-rūpāṃ maraṇa-bhaya-harāṃ yoginīṃ yoga-mudrām||0.1 ||
Im Nabel(zentrum sei) eine weiße Lotusblüte. Darüber der makellose Kreis der Sonne. Die die eine Essenz des weltlichen Daseins ist, die Mutter der drei Welten, deren Sichtbarwerden auf dem Pfad der Lehre (erfolgt), die einen dreifachen Körper trägt, die als Chinnamasta verehrt wird - in dieser (Sonne im Nabel), mitten (am Kreuzungspunkt) im dreifachen Pfad verehre ich sie - die die Gestalt der Weisheit hat, die die Furcht vor dem Sterben nimmt, die Yogini, die die Geste der Einheit (ausführt).
Kapitel 1: Die Untersuchung des Körpers – śarīra-vivekaḥ
śrīmad-virūpa-nāthāya namaḥ santāna-dhāriṇe |
gurave sārtha-vāhāya siddha-vartmānugacchatām||1.1 ||
Verehrung dem ehrwürdigen Schutzherrn Virupa, dem Bewahrer der Tradition, dem Lehrer, dem Führer der Karavane derjenigen, die dem Weg der Vollkommenen folgen.
ajñāna-viṣa-nidrā me jñāna-pīyūṣa-dhārayā |
nihatā yena vaidyena tasmai śrī-gurave namaḥ||1.2 ||
Durch den mein durch das Gift der Unwissenheit (bewirkter) Schlaf mit dem (steten) Tropfen des Nektars der Erkenntnis zerstört wurde - diesem Arzt, (meinem) verehrungswürdigen Meister, sei Verehrung.
su-sabhyānāṃ prabodhāyāmṛta-siddhir ihocyate |
protsāhāyātmanaḥ śāntyāsabhyānāṃ mada-śāntaye||1.3 ||
Im Folgenden wird das Erlangen der Unsterblichkeit gelehrt - für das Erwachen der Wohlgebildeten, zur Inspiration für mich selbst durch den (daraus erwachsenden) Segen, (und) für die Besänftigung des Dünkels der Ungebildeten.
ślāghyaṃ jñānavatāṃ sarvaṃ proktaṃ hi yad idaṃ mayā |
jñānino yat parānandair nandante vīta-rāgiṇaḥ||1.4 ||
Alles, was hier durch mich gelehrt ist, wird von den über Erkenntnis Verfügenden gewiss gepriesen werden, denn die Weisen erfreuen sich höchster Wonnen, (indem) sie sich an (ihren erfüllten) Wünschen ergötzen.
ajñāne naiva vaktavyaṃ dūṣanaṃ mama bhāṣaṇe |
ajñānam ātmanaś caiva vaktavyaṃ satya-bhāṣaṇe||1.5 ||
Aus Unwissenheit sollte keinerlei Makel an meiner Rede verkündet werden. Die eigene Unwissenheit ist (sich selbst) allerdings angesichts des Aussprechens der Wahrheit einzugestehen.
kṣīra-sāraṃ yathā kṣīrān mathanāt sāram uddhṛtam |
idaṃ guru-prasādena tathā tantrāntarān mayā||1.6 ||
So wie frische Butter durch Quirlen als die Essenz aus der Milch extrahiert wird, so wurde dieses (Lehrwerk) von mir durch die Gnade der Meister aus verschiedenen tantrischen Lehrwerken extrahiert.
jñānam ekaṃ su-vistārair uktaṃ siddhaiḥ pṛthak pṛthak |
avartma-saṃsthitair mūḍhaiḥ sarvaṃ tad vyākulī-kṛtam||1.7 ||
Ein und dasselbe Wissen wurde von den Vollkommenen sehr ausführlich in verschiedener (Weise) gelehrt. All das wurde von Verwirrten, die sich auf dem falschen Weg befinden, in Verwirrung gebracht.
jñātvā ca sarva-śāstrāṇi bhrāntvā pṛthvīṃ sa-sāgarām |
muhyanti jñāna-mārgeṣu sūrya-raśmau mṛgā yathā||1.8 ||
Nachdem sie sämtliche Lehrtexte kennen gelernt, (und) die Erde samt den Ozeanen durchstreift haben, verirren sie sich (schließlich) auf den Wegen zur Erkenntnis, wie Gazellen in den Strahlen der Sonne.
siddha-guru-mukhāl labdhvā sopāyaṃ tattvam uttamam |
tantrāṇāṃ tena guhyārthaṃ samāsena vadāmy aham||1.9 ||
Nachdem ich aus dem Munde eines vollkommenen Meisters die höchste Wahrheit samt der (zu ihr führenden) Methode erhalten habe, lehre ich entsprechend derselben zusammenfassend die geheime Bedeutung der Lehren.
śarīre yāni sārāṇi sādhyāni vividhāni ca |
kathayāmi samāsena paripāṭyānupūrvaśaḥ||1.10 ||
Die inneren Bestandteile im Körper, und verschiedene (andere Dinge), die zu meistern sind, behandle ich in Kürze (und) der Reihenfolge nach - eins nach dem anderen:
śarīraṃ madhyamā-rūpaṃ candraṃ sūryaṃ tathānalam |
vāyu-tattvaṃ tathā binduṃ cittaṃ ca prakṛtiṃ guṇam||1.11 ||
Den Körper, die Natur der in der Mitte Befindlichen (Göttin), den Mond, die Sonne und das Feuer, desgleichen das Wind-Element, den Samen und den Geist, die Prakriti(s und die) Guna(s) ...
mahā-mudrāṃ mahā-bandhaṃ vedham abhyāsa-sādhakau |
avasthām amṛtaṃ kālam ānandaṃ dhyānam advayam||1.12 ||
das Große Siegel, den Großen Verschluss, das (Große) Durchbohren, die Übungspraxis und den Praktizierenden, den Grad (des Fortschritts), den Unsterblichkeitsnektar, die Zeit, die Glückseligkeit, die Meditation, die Nichtdualität ...
mahodayaṃ mahā-siddhiṃ mahā-bhūta-parikṣayam |
mahā-mudrābhilāpaṃ ca mahā-nirvāṇa-go-caram||1.13 ||
den Großen Segen, die Große Vollkommenheit, das Verschwinden der grobstofflichen Elemente, und die (wahre) Bedeutung von Mahamudra, das Reich des vollständigen Erlöschens der Individualität.
vistareṇa samākhyātuṃ jhaṭity atra na śakyate |
saṅkṣepataḥ śarīrasya māhātmyam ucyate mayā||1.14 ||
(Da) es nicht möglich ist, (sie) hier und jetzt ausführlich zu beschreiben, wird die Großartigkeit des Körpers von mir in aller Kürze behandelt.
asti meruḥ śarīre ca sapta-dvīpa-samanvitaḥ |
loka-traya-samāyuktaḥ sa-catur-daśa-bhūmikaḥ||1.15 ||
Es existiert aber im Körper der (heilige Berg) Meru, umgeben von den sieben (Ring-)Kontinenten, verbunden mit den drei Welten nebst den vierzehn Ebenen.
sāgarāḥ saritas tatra kṣetrāṇi kṣetra-pālakāḥ |
chandohāḥ puṇya-tīrthāni pīṭhāni pīṭha-devatāḥ||1.16 ||
Dort (existieren) Ozeane, Flüsse, Felder, Feldhüter, (mystische) Versammlungsplätze, heilige Badeplätze, Heiligtümer (und die) Gottheiten der Heiligtümer, ...
nakṣatrāṇi grahāḥ sarve ṛṣayo munayas tathā |
sṛṣṭi-saṃhāra-kartārau bhramantau śaśi-bhāskarau||1.17 ||
Mondhäuser, alle Planeten, Seher und Weise, die beiden Bewirker von Schöpfung und Zerstörung: Mond und die Sonne, die sich im Kreise bewegen ...
nabho vāyuś ca vahniś ca jalaṃ vasumatī tathā |
sakalo niṣkalo viṣṇur bhūta-nāthaḥ prajā-patiḥ||1.18 ||
der Himmelsraum und der Wind und das Feuer, das Wasser und ebenso die Erde, Vishnu, der Gebieter der Geister (Shiva, und Brahma), der Herr der Geschöpfe (in ihrem) materiellen (und) transzendenten (Aspekt).
trailokye yāni tattvāni tāni sarvāṇi dehataḥ |
śarīre yāni tattvāni na santy anyatra tāni vai||1.19 ||
Die Grundbestandteile in den drei Welten (existieren) alle im Körper - die Grundbestandteile im Körper existieren gewiss nicht (alle) anderswo.
mahā-puṇyānubhāgena mānuṣyaṃ labhyate khalu |
pratiṣṭhito guror vākye gatim ekāṃ na gacchati||1.20 ||
Durch die Auswirkung großer spiritueller Verdienste erlangt man bekanntlich das Menschsein. Verwurzelt in den Worten des Meisters gelangt man zu keiner einzigen Wiedergeburt (mehr).
parīkṣya sad-guroḥ pāde śarīraṃ praṇataṃ kuru |
yena saṃsāra-duḥkhāni vilīyante mahānti ca||1.21 ||
(Nachdem man ihn als solchen) erkannt hat, verneige man (seinen) Körper zu Füßen eines wahrhaftigen Meisters, wodurch sich die Leiden des Daseinswandels auflösen - (seien sie) auch (noch so) groß.
Kapitel 2: Die allgemeine Untersuchung (der göttlichen Energie) der Mitte – madhyamāyāḥ sāmānya-vivekaḥ
meruṃ saṃveṣṭya sarvatra vyavahāraḥ pravartate |
madhyety anupamo mārgo meruṃ saṃvedhya tiṣṭhati||2.1 ||
Überall um Meru herum findet die Aktivität (des Lebens) statt. Inmitten von Meru existiert eine unvergleichliche (Energie-)Bahn namens "Die Mittlere".
tatra dvāra-dvayaṃ puṇyam upary-adho-vibhāgataḥ |
adho-dvārasya saṃbhedaḥ sṛṣṭi-mṛtyvoḥ svayaṃ bhavet||2.2 ||
In ihm gibt es zwei heilige Tore - am oberen und unteren Ende. Das Öffnen des unteren Tores geschieht beim Schöpfungsakt und beim Tode von selbst.
ye dhanyā jñānino martye vīryavanto mahā-balāḥ |
sṛṣṭi-dvāreṇa saṃviśya mukti-dvāraṃ vrajanti te||2.3 ||
Diejenigen gesegneten Weisen, die in der Welt der Sterblichen tüchtig und mächtig sind, sind durch das Tor des Schöpfungsprozesses eingetreten und begeben sich zum Tor der Erlösung.
eṣā devī mahā-vidyā devānām api durlabhā |
sarveṣāṃ jananī proktā ajñānasya kṣayaṅkarī||2.4 ||
Diese Göttin, die Große Weisheit, die selbst für die Götter schwer zu erlangen ist, wird die Mutter von Allem genannt, die Zerstörerin der Unwissenheit.
sṛṣṭi-dvāre sthitāś cāsyāḥ sarvā devyo mahā-balāḥ |
sakalo niṣkalo nātho mukti-dvāre vyavasthitaḥ||2.5 ||
Am Tor des Schöpfungsprozesses dieser (Göttin) befinden sich aber alle überaus mächtigen Göttinnen. Am Tor der Erlösung befindet sich der Herr – (in seinem) materiellen und transzendenten (Aspekt).
avadhūtī-padaṃ ke-cic chmaśānaṃ ca mahā-patham |
ke-cid vadanti ādhārāṃ suṣumnāṃ ca sarasvatīm||2.6 ||
Einige (nennen sie) den Ort der Avadhuti, oder Verbrennungsplatz, den Großen Pfad – andere nennen sie die Grundlage, Sushumna oder Sarasvati.
nāmni matāntare bhedo nityaikā jñāna-cakṣuṣām |
enām āśritya tattvāni vasanti nṛ-kalevare||2.7 ||
Hinsichtlich (ihres) Namens (gibt es eine) Unterscheidung in verschiedenen Lehren – für diejenigen, die mit dem inneren Auge schauen, ist sie immer (nur) Eine. Abhängig von ihr existieren die Grundbestandteile im Körper des Menschen.
gaṅgā-yamunayor madhye vahaty ekā sukhānvitā |
āsāṃ tu saṅgame snātvā dhanyā yānti parāṃ gatim||2.8 ||
Zwischen Ganga und Yamuna fließt sie leicht für sich dahin. Aber nachdem sie im Zusammenfluss dieser (drei Flüsse) gebadet haben, gelangen die Gesegneten zur höchsten Zuflucht.
Kapitel 3 : Die Untersuchung des Mondes – candra-vivekaḥ
meru-śṛṅge sthitaś candro dvir-aṣṭa-kalayā yutaḥ |
ahar-niśaṃ tuṣārābhāṃ sudhāṃ varṣaty adho-mukhaḥ||3.1 ||
Über dem Gipfel des Meru befindet sich der Mond, der sechzehn Phasen hat. Herniederschauend regnet er Tag und Nacht tauähnlichen Nektar.
tato'mṛtaṃ dvidhā-bhūtaṃ jñātavyaṃ tāttvikair naraiḥ |
iḍā-mārgeṇa puṣṭy-artham eti mandākinī-jalam||3.2 ||
Den von ihm kommenden Unsterblichkeitsnektar ist von den Männern, die die Wirklichkeit kennen, als zweigeteilt zu kennen. Das Wasser der Mandakini fließt zu nährenden Zwecken durch den Ida-Kanal.
puṣṇāti sakalaṃ dehaṃ sūkṣma-nāḍī-pathāgatam |
eṣa candra-sva-rūpo hi vāma-mārge vyavasthitaḥ||3.3 ||
Es nährt den gesamten Körper über die Wege der feinstofflichen Kanäle. Diese Erscheinungsform des Mondes befindet sich im linken Energiekanal.
aparaḥ kunda-vṛndābho harṣākarṣita-maṇḍalaḥ |
madhyamā-madhya-mārgeṇa sṛṣṭy-arthaṃ yāti candramāḥ||3.4 ||
Der andere Mond - von der Farbe eines Büschels Jasminblüten - fließt, (wenn sein) Hof aufgrund sexueller Erregung zusammengezogen ist, zum Zwecke des Schöpfungsvorgangs durch den mittleren Kanal der (Göttin der) Mitte herab.
Kapitel 4 : Die Untersuchung der Sonne – sūrya-vivekaḥ
madhyamā-mūla-saṃsthāne tiṣṭhati sūrya-maṇḍalaḥ |
kalā-dvādaśa-saṃpūrṇo dīpyamānaḥ sva-raśmibhiḥ||4.1 ||
Am Ort der Basis der (Göttin der) Mitte befindet sich die Sonnenscheibe, vollständig mit zwölf Strahlen, mit ihren eigenen Strahlen scheinend.
ūrdhvaṃ vahati dakṣeṇa tīkṣṇa-mūrtiḥ prajā-patiḥ |
vyāpnoti sakalaṃ dehaṃ nāḍy-ākāśa-pathāśritaḥ||4.2 ||
Aufwärts – durch den rechten (Kanal) – fließt der Herr der Geschöpfe, von feuriger Gestalt. Er durchdringt den gesamten Körper vermittels der Wege des Raumes in den feinstofflichen Kanälen.
grasati candra-niryāsaṃ bhramati vāyu-maṇḍalaiḥ |
dahati sapta dhātūṃś ca sūryaḥ sarva-śarīrake||4.3 ||
Sie verschlingt den Ausfluss des Mondes, bewegt sich auf den Bahnen der Winde, und verbrennt die sieben Körpergewebe in allen Körpern – die Sonne.
eṣa sūryaḥ paro mūrtir narāṇāṃ dakṣiṇe pathi |
vahati lagna-yogena sṛṣṭi-saṃhāra-kārakaḥ||4.4 ||
Diese Sonne ist die höchste Manifestation (innerhalb) der Menschen, in (deren) rechtem Kanal sie entsprechend der Konstellation der Schnittpunkte der Bahnen der Gestirne fließt und Schöpfung und Zerstörung bewirkt.
dakṣottara-gatiṃ tyaktvā yadā meru-samo raviḥ |
viṣuvaṃ tad vijānīyāt puṇya-kālaṃ kalevare||4.5 ||
Wenn die Sonne (ihren) südlichen und nördlichen Lauf verlassen hat, (und sich) auf gleicher Höhe mit Meru (befindet), soll man das als Tagundnachtgleiche erkennen – eine heilige Zeit im Körper.
jñātvā ca viṣuvaṃ dehe sābhyāsa-vīrya-śālinaḥ |
utkrāntiṃ kāla-yogena sukhāt kurvanti yoginaḥ||4.6 ||
Und nachdem die Yogins, die aufgrund (ihrer) Übungspraxis über (ihre) Energie verfügen, die Tagundnachtgleiche im Körper erkannt haben, vollziehen sie den (rituellen) Hinausgang zum richtigen Zeitpunkt mit Leichtigkeit.
ṛtuḥ sandhyā divā-rātri-kalā-kāṣṭhā-kṣaṇādayaḥ |
ādānaṃ ca visargaś ca sarvaṃ ca sūryato bhavet||4.7 ||
Die Jahreszeit, die Dämmerung, Tag und Nacht (und die Zeitabschnitte mit den Bezeichnungen) Kala, Kashtha, Kshana usw., die Zeit der nordwärts und der südwärts wandernden Sonne - das alles entsteht aufgrund (der Bewegung) der Sonne.
sūrya-somābhisaṃbandho yadā bhavati yogataḥ |
bāhye sṛṣṭis tadā jñeyā yogo 'bhyantarato bhavet||4.8 ||
Wenn in entsprechender Weise eine Verbindung zwischen Sonne und Mond besteht, dann ist das im Außen als Schöpfung zu erkennen, und im Innern entsteht (der Zustand des) Yoga.
grahaṇaṃ tad vijānīyād bāhyābhyantarato dhruvam |
bāhye puṇyatamaḥ kālo muktiś cābhyantare bhavet||4.9 ||
Man soll gewiss wissen, dass das eine Finsternis ist - im Außen und im Innern. Im Außen ist es der allerheiligste Zeitpunkt, im Innern aber entsteht Befreiung.
candra-bimbaṃ yadā sūryo gṛhṇāti cābhra-maṇḍalāt |
anyonyaṃ jāyate yogas tasmād yogo hi bhaṇyate||4.10 ||
Und wenn die Sonne die Mondscheibe aus dem Himmelskreis raubt, entsteht eine wechselseitige Verbindung (dieser beiden) - deshalb wird es ja Konjunktion genannt.
sūryo vahnir yadā rāhur ūrdhvaṃ vrajati dehataḥ |
adhaś candrāmṛtaṃ yāti tadā mṛtyur nṛṇāṃ bhavet||4.11 ||
Wenn die Sonne - das Feuer, Rahu - im Körper aufwärts steigt, und der Mondnektar herab fällt, dann tritt der Tod der Männer ein.
sarvāṇy eva hi tattvāni vrajanty ūrdhvaṃ kalevare |
etau mukti-pradau khyātau sūryā-candramasau tadā||4.12 ||
Denn nur (wenn) alle Grundbestandteile im Körper nach oben streben, dann werden diese zwei - Sonne und Mond - als die beiden Erlösung Verleihenden benannt.
Kapitel 5: Die Untersuchung des Feuers – vahni-vivekaḥ
kalābhir daśabhir yuktaḥ sūrya-maṇḍala-madhyataḥ |
vasati vasti-deśe ca vahnir anna-vipācakaḥ||5.1 ||
Mit zehn Strahlen versehen - unterhalb der Mitte der Sonnenscheibe - wohnt wiederum in der Gegend unterhalb des Nabels das Feuer, das die Nahrung verdaut.
yo vai vahniḥ sa vai sūryo yaḥ sūryaḥ sa hutāśanaḥ |
etāv ekatarau dṛṣṭau sūkṣma-bhedena bheditau||5.2 ||
Wahrlich, das Feuer ist ja die Sonne, und die Sonne ist das Feuer. Diese beiden werden als ein und dasselbe angesehen, (doch) unterscheiden sie sich durch einen subtilen Unterschied.
yāvat sūryasya madhyasthaḥ kālānalaḥ kalevare |
tāvad bindu-pravāho 'yam avicchinnaḥ sudhā-mayaḥ||5.3 ||
Solange wie das Feuer der Zeit im Körper (sich) in der Mitte der Sonne (befindet), solange ist der Strom des aus Nektar bestehenden Tropfens ungebrochen.
vahnir bala-prado loke vahnir āyuḥ-pradāyakaḥ |
svastho yāvad ayaṃ vahnir naras tāvan nirāmayaḥ||5.4 ||
Das Feuer verleiht dem Menschen Kraft, das Feuer verleiht ein langes Leben. Solange wie das Feuer sich in seinem natürlichen Zustand befindet, solange ist der Mensch frei von Krankheit.
Kapitel 6: Die allgemeine Untersuchung des Windes – sāmānya-vāyu-vivekaḥ
jagatāṃ prāṇa-bhūtāya jñāna-rūpāya dehinām |
tattvānāṃ sāra-bhūtāya namo nāthāya vāyave||6.1 ||
Dem Lebenshauch des Lebendigen, der in Gestalt des Bewusstseins der verkörperten (Wesen erscheint), dem Wichtigsten der (fünf) Elemente - dem Schutzherrn Atem (sei) Verehrung, ...
yasyaikasya prasādena vyavahāraḥ pravartate |
pṛthivy-ādīni catvāri vidhṛtāni pṛthak pṛthak||6.2 ||
... durch dessen alleinige Gnade die Aktivität (der Lebensvorgänge) stattfindet, (und) die vier (übrigen Elemente) Erde usw. im einzelnen bewahrt werden.
lokāś ca sāgarāḥ sarve sarvāṇi bhuvanāni ca |
tāni sarvāṇi tiṣṭhanti sarvataś ca samīraṇaiḥ||6.3 ||
Alle Welten und Meere, auch alle Existenzebenen - diese bestehen aber in jeder Hinsicht durch die (Kraft der) Winde.
bhrāmyanti cakra-madhyasthā grahādyā muni-sattamāḥ |
bhuvanaṃ kroḍataḥ kṛtvā mahataikena vāyunā||6.4 ||
Es kreisen die Planeten – die besten der Weisen – auf (ihren) Bahnen, die Welt in (ihr) Inneres nehmend, allein durch den mächtigen Wind.
bāhya-maṇḍala-cakreṣu yathā vāyuḥ praśasyate |
tathā śarīra-madhyeṣu vāyur ekaḥ paro vibhuḥ||6.5 ||
So wie der Wind in den äußeren Bahnen und Regionen gepriesen wird, genau so ist der Atem im Innereren der Körper der eine, höchste Gebieter.
nānā-sthāna-gato vāyur nānā-kārya-prasādhakaḥ |
dehe kim api tattvaṃ ca vāyor anyan na vidyate||6.6 ||
Der (Lebens-)Wind, der sich in verschiedenen Bereichen (im Körper) befindet, vollbringt verschiedene Aufgaben. Es gibt aber im Körper kein wichtigeres Element als den (Lebens-)Wind.
hṛdi prāṇo vasen nityam apāno guda-maṇḍale |
samāno nābhi-deśe tu sadodānaś ca kaṇṭhake||6.7 ||
Der Prana sitzt stets im Herzen, der Apana im Bereich des Afters, der Samana aber in der Region des Nabels, und der Udana immer in der Kehle.
vyāno vyāpī śarīre ca pradhānāḥ pañca vāyavaḥ |
eṣāṃ vistarato bhedaḥ kathituṃ naiva śakyate||6.8 ||
Der Vyana aber ist allgemein im Körper verbreitet. Das sind die fünf wichtigsten Winde (im Körper). Deren Unterscheidung (hier) ausführlich auseinanderzusetzen ist gar nicht möglich.
nāgādi-vāyavaḥ pañca tathā pañcendriye gatāḥ |
kurvanti jñāna-saṃbhāraṃ preritāś ca sva-karmabhiḥ||6.9 ||
Ebenso bewirken die fünf (Neben-)Winde (namens) Naga usw., die auf die fünf Sinnesvermögen gerichtet sind, das Verarbeiten der Sinneseindrücke, und sie werden durch ihre jeweiligen Funktionen ausgerichtet.
asaṅkhyā vāyavo dehe santi yady apy udāhṛtāḥ |
tad api śreṣṭha-kartārau prāṇāpānau kṛtāv ubhau||6.10 ||
Obwohl in Bezug auf den Körper unzählige (Lebens-)Winde genannt werden, so werden doch Prana und Apana als die beiden wichtigsten Faktoren bezeichnet.
prāṇaś candra-mayo jñeyo'pānaḥ sūrya-mayas tathā |
ubhau śarīra-netārau yātāyātaṃ prakurvataḥ||6.11 ||
Der Prana soll als lunar verstanden werden, und der Apana als solar. Diese beiden Lenker des Körpers bewirken das Gehen und Kommen.
sṛṣṭi-saṃhāra-kartārau sukha-duḥkha-pradāyinau |
etābhyāṃ bhūta-vṛddhiś ca bhūtānāṃ ca tathā kṣayaḥ||6.12 ||
Sie bewirken Schöpfung und Zerstörung, sie verleihen Glück und Leid. Durch diese beiden (kommt) das Gedeihen der Lebewesen, und ebenso der Untergang der Lebewesen.
anayor yatnato yogaḥ sadābhyasyo mumukṣubhiḥ |
etad-dvāreṇa dhīrāṇāṃ sarva-siddhiḥ prajāyate||6.13 ||
Die Vereinigung dieser beiden ist von denen, die nach Erlösung streben, eifrig (und) kontinuierlich zu praktizieren. Vermittels dieser (Vereinigung) erwächst den Entschlossenen jegliche übernatürliche Kraft.
vāyu-tattvāt paraṃ nāsti śarīre ca sadā vibhuḥ |
karoti sarva-kāryāṇi yato vāyuś cid-ātmanā||6.14 ||
Es existiert nichts Höheres als das Wind-Element, und im Körper (ist es) jederzeit wirksam, weil der Wind durch reine Intelligenz alle Funktionen (im Körper) ausführt.
vahniṃ prajvālya yatnena pacaty annādikaṃ yataḥ |
karoti rasa-saṃvṛddhim eko vāyuś citiṃ vinā||6.15 ||
Weil er Reis und dergleichen (Nahrung) verdaut, indem er das (Verdauungs-)Feuer heftig entfacht, bewirkt allein der Wind eine Vermehrung des Nahrungssafts – ohne (unser bewusstes) Denken.
dṛśyante ye śarīre ca vyādhayo vividhā budhaiḥ |
acintyād eva jāyante sarve te vāyu-saṃbhavāḥ||6.16 ||
Die verschiedenartigen Krankheiten aber, die von den Verständigen im Körper erkannt werden, (und die scheinbar) aus etwas Unbegreiflichem entstehen - all diese haben ihren Ursprung im Wind.
mṛtyudo mokṣado vāyuḥ sṛṣṭidaḥ sthitidas tathā |
cetanā vāyu-yogena budhyate ca kalevare||6.17 ||
Der (Lebens-)Wind bewirkt den Tod, bewirkt Erlösung, bewirkt Schöpfung und bewirkt Beständigkeit. Und vermittels des (Lebens-)Windes wird im Körper Bewusstsein erfahren.
yadi brahmādayo devās tiṣṭhanti tri-guṇānvitāḥ |
na kurvanti sva-kāryāṇi yadā vāyu-vivarjitāḥ||6.18 ||
Wenn die Götter Brahma usw. mit den drei Eigenschaften versehen sind, führen sie ihre jeweiligen Funktionen nicht aus, wenn sie vom Wind verlassen sind.
tāvat sarvāṇi dṛśyante tattvāni vividhāni ca |
vāyu-siṃho yadā pāti jantūnāṃ hṛdi saṃsthitaḥ||6.19 ||
All die verschiedenartigen Elemente erscheinen aber (nur) solange, wie der Wind-Löwe wacht, der im Herzen der Wesen weilt.
gṛhītvā vāyu-khaḍgaṃ ca chittvā vāyor gamāgamam |
bhittvā brahmādi-mārgaṃ ca bhuṅkṣvānanda-mayaṃ sukham||6.20 ||
Nachdem du aber das Wind-Schwert ergriffen, (mit ihm) das Gehen und Kommen des Atems durchschnitten, und den Weg von Brahma usw. durchbohrt hast - genieße glückselige Freude!
vāyu-yogaṃ parityajya yo'nya-yogaṃ samācaret |
sa mūḍhaḥ parvatāgrāc ca patati jīvitāśayā||6.21 ||
Wer die Atem-Praxis aufgibt (und stattdessen) eine andere Methode praktizieren möchte, der ist doch (wie) ein Narr, der sich vom Gipfel eines Berges stürzt, in der Hoffnung, zu überleben.
Kapitel 7: Die Untersuchung des Bindu-Elements – bindu-tattva-vivekaḥ
bījam ekaṃ śarīreṣu mūla-sāraṃ prakīrtitam |
yad atra dṛśyate loke tat sarvaṃ bīja-saṃbhavam||7.1 ||
Der Same wird in den Körpern die eine grundlegende Essenz genannt. Alles, was in dieser Welt zum Vorschein kommt, hat seinen Ursprung im Samen.
dhātu-tattvaṃ samārabdhaṃ bījam asti sadā śivam |
tan-madhye devatāḥ sarvās tiṣṭhanti sūkṣma-rūpataḥ||7.2 ||
Der Same, der die Essenz der Körpergewebe darstellt, ist immer segensreich. In ihm finden sich alle Gottheiten in feinstofflicher Form.
idaṃ bindur idaṃ candra idaṃ bījam idaṃ madaḥ |
idaṃ tattvam idaṃ jīvaḥ sarva-sāra-mayaṃ tv idam||7.3 ||
Das ist der Tropfen, das ist der Mond, das ist der Same, das ist der Rauschtrank. Er ist das (Grund-)Prinzip, er ist das Lebensprinzip, er bildet die Essenz von allem.
ānandā ye prakathyante viramāntāḥ śarīrataḥ |
te'pi bindūdbhavāḥ sarve jyotsnā candra-bhavā yathā||7.4 ||
Diejenigen Wonnen - endend mit (der) "das Aufhören" (genannten Wonne) - die in Bezug auf den Körper überliefert werden, die haben ebenfalls alle ihren Ursprung im Samen - so wie das Mondlicht (seinen) Ursprung im Mond hat.
mārgadaḥ svargado bindur mokṣadaḥ sukhadas tathā |
dharmado'dharmadaḥ so'pi sarvadaḥ sarvadā vibhuḥ||7.5 ||
Der Same weist den Weg, verleiht den Himmel, bewirkt Erlösung und schafft Freude. Er bewirkt sowohl (religiöse) Ordnung als auch Unordnung. Er bewirkt allezeit alles - überall gegenwärtig.
vāyunā sādhyate bindur na cānyad bindu-sādhanam |
yām avasthāṃ vrajed vāyur bindus tām eva gacchati||7.6 ||
Der Same wird durch den Atem gemeistert - und (es gibt) kein anderes Mittel (zur Meisterung) des Samens. In den Zustand, in welchen der Atem gelangt, in denselben gelangt der Same.
mūrcchito harate vyādhiṃ baddhaḥ khecaratāṃ nayet |
sarva-siddhi-karo līno niścalo mukti-dāyakaḥ||7.7 ||
Erstarrt, beseitigt er Krankheit. Gebunden, bringt er die Zauberkraft zu fliegen. Absorbiert, bewirkt er alle übernatürlichen Fähigkeiten. Bewegungslos bewirkt er Erlösung.
sa bindur dvi-vidho jñeyaḥ pauruṣo vanitā-bhavaḥ |
bījaṃ ca pauruṣaṃ proktaṃ rajaś ca strī-samudbhavaḥ||7.8 ||
Der Tropfen ist als von zweifacher Art zu kennen: männlich (und) der, dessen Ursprung die Frau ist. Same wird der männliche genannt, und Blütenstaub der, dessen Ursprung die Frau ist.
anayor bāhya-yogena sṛṣṭiḥ sañjāyate nṛṇām |
yadābhyantarato yogas tadā yogīti gīyate||7.9 ||
Aufgrund der äußerlichen Vereinigung dieser beiden entsteht die Erschaffung der Menschen. Wenn die Vereinigung innerlich (stattfindet), dann wird man als Yogin bezeichnet.
kāma-rūpe vased binduḥ kūṭāgārasya koṭare |
pūrṇa-giri-mudā-sparśād vrajati madhyamā-pathā||7.10 ||
In Kamarupa wohnt der (männliche) Same im Gemach des mehrstöckigen Palastes. Aufgrund des lustvollen Kontakts mit Purnagiri wandert er durch den Kanal (der göttlichen Energie) der Mitte.
yoni-madhye mahā-kṣetre javā-sindūra-sannibham |
rajo vasati jantūnāṃ devī-tattva-samādhṛtam||7.11 ||
In der Mitte des Perineums, an dem mächtigen heiligen Ort, wohnt - dem Zinnoberrot des Chinesischen Roseneibischs (an Farbe) gleichend - der Blütenstaub der Lebewesen, der auf dem Prinzip der Göttin beruht.
binduś candra-mayo jñeyo rajaḥ sūrya-mayas tathā |
anayoḥ saṅgamaḥ sādhyaḥ kūṭāgāre 'ti-dur-ghaṭe||7.12 ||
Der (männliche) Same ist als lunar zu verstehen, und der Blütenstaub als solar. Dieser beider Vereinigung ist im mehrstöckigen Palast zu vollbringen, in den äußerst schwer zu gelangen ist.
eṣa tattvaṃ paro dharma eṣa yogaḥ paro mataḥ |
eṣa mukti-prado mārga eṣa guhya-tamaḥ paraḥ||7.13 ||
Diese (Vereinigung) ist die Essenz, die höchste Lehre, sie wird als die beste Methode geschätzt. Sie ist der zur Erlösung führende Pfad, sie ist das allergeheimste Höchste.
bindu-yogaṃ parityajya yo mohād anyam icchati |
sa śākhoṭaka-vṛkṣeṣu mūḍho jāgarti niṣphalam||7.14 ||
Wer die Vereinigung des (lunaren und solaren Aspekts des) Bindu aufgibt, (und) aus Verblendung eine andere (Methode) sucht, dieser Verwirrte wacht vergeblich unter Shakhotaka-Bäumen.
bindur buddhaḥ śivo bindur bindur viṣṇuḥ prajā-patiḥ |
binduḥ sarva-gato devo bindus trailokya-darpaṇaḥ||7.15 ||
Der Tropfen (Bindu) ist Buddha. Shiva ist der Tropfen. Der Tropfen ist Vishnu (und) der Herr der Geschöpfe. Der Tropfen ist der in allem befindliche Gott. Der Tropfen ist der Spiegel der drei Welten.
yathā hi sādhyate vāyus tathā bindu-prasādhanam |
yathāvasthā bhaved bindoś cittāvasthā tathā tathā||7.16 ||
Auf welche Weise der Wind gemeistert wird, auf dieselbe Weise (geschieht) das Meistern des Tropfens. So wie der Zustand des Tropfens ist, genau so ist der Zustand des Geistes.
calaty ayaṃ yadā vāyus tadā binduś calaḥ smṛtaḥ |
binduś calati yasyāyaṃ cittaṃ tasyaiva cañcalam||7.17 ||
Wenn der Atem sich bewegt, dann wird der Same unstet genannt. Wessen Same sich bewegt, desselben Geist (wird) unstet (genannt).
sarva-tattvādhipo devo bhava-rūpī nirañjanaḥ |
ayaṃ ca bindu-rūpeṇa vasati sarva-jantuṣu||7.18 ||
Herr über alle Elemente, Gott in Gestalt der Existenz, der Reine - er wohnt auch in Form der Essenz der Lebensenergie in allen Wesen.
yāvad eva calo vāyus tāvad binduś ca cañcalaḥ |
yāvad binduś calo dehe tāvac cittaṃ ca cañcalam||7.19 ||
Genau solange wie der Atem unstet ist, solange ist auch der Same unstet. Solange wie der Same im Körper beweglich ist, solange ist auch der Geist unruhig.
cale bindau cale citte cale vāyau ca sarvadā |
jāyate mriyate lokaḥ satyaṃ satyam idaṃ vacaḥ||7.20 ||
Wenn der Same beweglich, wenn der Geist unruhig und wenn der Wind immerzu unstet ist, wird der Mensch geboren und stirbt - wahr, wahr ist diese Aussage!
yo vai nādaḥ sa vai bindus tad vai cittaṃ prakīrtitam |
nādo binduś ca cittaṃ ca tribhir aikyaṃ prasādhane||7.21 ||
Wahrlich, der Klang ist ja der Same. Der wird wahrlich Geist genannt. Klang, Same und Geist - vermittels (dieser) drei (besteht) in der Praxis Einheit.
yady apy ekatayā hy ete śarīre saṃvyavasthitāḥ |
tad api sādhite vāyau sarve sidhyanti niścitam||7.22 ||
Wenngleich diese zwar im Körper einzeln vorhanden sind, so fügen sie sich dennoch alle gewiss, sobald der Wind gemeistert ist.
yadāsau mriyate vāyur madhyamā-madhya-yogataḥ |
tadā binduś ca cittaṃ ca mriyate vāyunā saha||7.23 ||
Wenn der Atem aufgrund seines Kontakts mit dem Inneren (des Kanals der Göttin) der Mitte erstarrt, dann erstarrt der Same und auch der Geist zusammen mit dem Atem.
vyaṅgāni sarva-tattvāni śarīre nivasanti ca |
caranti vāyu-sañcāre mriyante vāyu-māraṇāt||7.24 ||
Alle Elemente im Körper sind aber (von sich aus) bewegungsunfähig. Sie bewegen sich bei der Bewegung der Lebensenergie, und sie erstarren aufgrund des zum Stillstand Bringens der Lebensenergie.
maraṇaṃ bindu-pātena jīvanaṃ bindu-dhāraṇāt |
siddhe bindau mahā-ratne sarva-siddhiḥ prajāyate||7.25 ||
Das Sterben (erfolgt) durch den Fall des Samens – das Leben aufgrund des Erhaltens des Samens. Sobald der Same gemeistert ist, entsteht im großartigen (Geist-)Juwel jegliche übernatürliche Fähigkeit.
adhaś candrāmṛtaṃ yāti maraṇaṃ sarva-dehinām |
yasyābhedya ayaṃ binduḥ sa siddho vajra-pañjare||7.26 ||
Fließt der Mondnektar abwärts, (so folgt) für alle Verkörperten der Tod. Wessen Same nicht zu verführen ist, der ist ein Vollkommener im Diamant-Körper.
Kapitel 8: Die Untersuchung des Geistes – citta-vivekaḥ
adhiṣṭhātā śarīrasya bhoktā ca sukha-duḥkhayoḥ |
cittaṃ nāma hi lokānāṃ hṛdi tiṣṭhati nirmalam||8.1 ||
Der Beherrscher des Körpers und der Erfahrende von Freude und Leid: Geist genannt ist er gewiss im Herzen der Menschen gegenwärtig - unbefleckt.
śūnyam ākārataś cittaṃ pratyakṣaṃ kārya-lakṣaṇāt |
dur-lakṣyaṃ lakṣaṇātītam asti māyopamaṃ tv idam||8.2 ||
Ohne Form ist der Geist, erkennbar (nur) aufgrund der Anzeichen (seiner) Wirkungen. Schwer wahrnehmbar, entzieht er sich einer Definition. Er existiert, doch so wie eine Illusion.
avimardyam adāhyaṃ ca cheda-bhedādi-varjitam |
cañcalaṃ vikalaṃ krūraṃ śāntaṃ dharma-dhurandharam||8.3 ||
(Der Geist ist) unzerbrechlich und unverbrennbar, ohne Abschnitte, Teile oder ähnliches. (Sobald) er unruhig ist, ist er schwach - (sobald) ruhig, ist er der Lehre dienlich.
hasaty ullasati prītyā krīḍate modate mudā |
tanoty ājīvanaṃ buddhyā bibheti bhayato dhiyā||8.4 ||
Mit Freude lacht er und ist ausgelassen. Mit Lust spielt er und ist fröhlich. Als Vernunft sorgt er für den Lebensunterhalt. Als Weisheit ängstigt er sich vor Gefahr.
roditi bandhu-śokena muhyati dhana-saṃpadā |
krudhyati śatru-kāryeṣu kāmena ramate 'balām||8.5 ||
Er weint aus Kummer um (vertorbene) Verwandte. Er lässt sich irre machen durch das Erlangen von Besitz. Er gerät in Zorn angesichts der Vorhaben von Feinden. Er ergötzt sich mit Begehren an einer Frau.
caritaṃ citta-ratnasya bhāṣituṃ naiva śakyate |
cakraṃ sāṃsārikaṃ citraṃ cittād eva prajāyate||8.6 ||
Der Wandel des Geist-Juwels kann gewiss nicht beschrieben werden. Das Rad des wundersamen Kreislaufs des Lebens entsteht nur aufgrund des Geistes.
dharmaś cārthaś ca kāmaś ca mokṣo yad gīyate budhaiḥ |
tat sarvaṃ cetaso rūpaṃ cittād anyan na dṛśyate||8.7 ||
Religion, der Erwerb von Gütern, Vergnügen und die Erlösung, die von den Weisen gepriesen werden - das alles ist (jeweils) eine Erscheinungsform des Geistes. Es wird nichts anderes als Geist erfahren.
sādhyam ekaṃ ca cit-tattvaṃ sarveṣām eva darśane |
ity avalokya tantrāṇi śūnye pataty apaṇḍitaḥ||8.8 ||
Das Geist-Element ist in der Philosophie aller (anderen Traditionen) doch als einziges zu meistern - ein Ungebildeter, der die Schriften so betrachtet, fällt ins Leere.
svādhiṣṭhānena yogena yas tu cittaṃ prasādhyati |
śilāṃ carvati mohena tṛṣitaḥ khaṃ pibaty api||8.9 ||
Wer aber den Geist durch (ausschließlich) auf sich selbst gestützte Anstrengung in seine Gewalt bringt, der nagt irrtümlicherweise an einem Stein, und durstig trinkt er Luft.
asiddha-padam ārūḍho guru-prasāda-varjitaḥ |
agotraḥ pāpa-saṃpūrṇaś cittaṃ śūnyaṃ pravartayet||8.10 ||
Wer nicht den Rang eines Vollkommenen erlangt hat, ohne die Hilfe eines Lehrers ist, keiner Traditionslinie angehört, voller Übel ist - der schickt (seinen) Geist ins Leere.
nāgninā jīyate vahnir vātena pavanaṃ yathā |
pānīyena ca pānīyaṃ tathā cittena mānasam||8.11 ||
So wie Feuer nicht durch Feuer besiegt wird , Wind nicht durch Wind, und Wasser nicht durch Wasser - genau so der Geist nicht durch den Geist.
khaḍgaś chinatti nātmānaṃ yadi tīkṣṇataro bhavet |
su-dānta-citta-santāna ātmanā naiva sādhyate||8.12 ||
Ein Schwert schneidet nicht sich selbst, wenngleich es äußerst scharf ist. Ein sehr disziplinierter, ununterbrochener Gedankengang des Geistes wird gewiss nicht durch sich selbst gemeistert.
nirālambe sadā citte yaḥ karoty avalambanam |
sa svapiti samudrānte nabhasi vā sukhāśayā||8.13 ||
Wer auf dem Geist, der keine Stütze bietet, (seinen) Halt errichtet, der schläft im Meer oder auf einer Wolke, in der Hoffnung auf Bequemlichkeit.
svayaṃ sarva-gataṃ cittaṃ buddhyāvalokyate yadi |
tadā bāhya-gatenaiva smartavyaṃ bāhya-cittataḥ||8.14 ||
Wenn der Geist, der naturgemäß überall befindlich ist, mit dem Geist betrachtet wird, dann müsste er ja durch etwas außerhalb (von ihm) Befindliches als ein äußerlicher Geist betrachtet werden.
ye buddhyā tantra-niryāsaṃ kurvate citta-nigraham |
anivartaka-mārgeṣu matsyopamāḥ patanti te||8.15 ||
Diejenigen, die die Beherrschung des Geistes durch den Geist - als (missverstandene) Essenz der Schriften - praktizieren, die geraten auf unumkehrbare Pfade, Fischen vergleichbar (die in Reusen hineinschwimmen).
uktaṃ sarva-jña-pādaiś ca lokānugraha-hetunā |
śrūyatāṃ satya-bhāvena mṛṣā-jñāna-vivarjitāḥ||8.16 ||
Es wurde aber von dem erhabenen Allwissenden, aus Mitgefühl mit der Welt, (folgendes) gelehrt - hört mit wahrhaftiger Gesinnung, die ihr frei von falschem Wissen seid!
prāṇārūḍhaṃ sadā cittaṃ vijānīyāt kalevare |
yatra deśe vased vāyus tatra cittaṃ vased dhruvam||8.17 ||
Mann muss wissen, dass der Geist stets auf dem Wind reitet. Im Körper weilt das Bewusstsein gewiss an dem Ort, wo der Atem weilt.
sarpādi-daṣṭa-deśe tu daivād vāyu-vivarjite |
na vetti citta-santānaṃ tatra māṃsa-vidāraṇāt||8.18 ||
An einer Stelle des Körpers aber, die verhängnisvollerweise von einer Schlange o.ä. gebissen wurde, und der es (folglich) an Lebensenergie mangelt, empfindet man den Strom des Bewusstseins nicht, weil dort die Muskulatur verletzt wurde.
yāvad vāyu-pracāro 'yaṃ dṛśyate savya-vāmataḥ |
cittam eva tadā jantor bhuṅkte prakṛtijaṃ guṇam||8.19 ||
Sobald die Aktivität des Atems rechts und links wahrgenommen wird, da erlebt das Bewusstsein eines Lebewesens schon eine aus der (Ur-)Natur hervorgegangene Qualität.
ubhayor gati-bhaṅgena vāyur madhya-gato yadā |
gṛhītvā sarva-tattvāni cittaṃ sarva-gataṃ tadā||8.20 ||
Wenn der Atem durch die Unterbrechung (seines) Flusses in den beiden (seitlichen Kanälen) durch den mittleren (Kanal) fließt, (und) alle Elemente mit sich zieht - dann befindet sich das Bewusstsein (wieder) überall.
tadā jñānaṃ tadā dhyānaṃ tadā siddhis tadāmṛtam |
tri-vajrāṇāṃ samāveśas tadā vai jāyate dhruvam||8.21 ||
Dann ist da Erkenntnis, da ist Meditation, da ist Vollkommenheit, da ist Unsterblichkeit. Genau dann entsteht gewiss das Ineinanderfließen der Drei Diamanten.
Kapitel 9: Die Untersuchung der prakṛti – prakṛti-vivekaḥ
prakṛtir eva cittasya mahā-bandhaḥ prakīrtitaḥ |
maraṇaṃ vāyu-tattvasya nāśaṃ ca vapuṣaḥ smṛtaḥ||9.1 ||
Die Prakriti wird Große Fessel des Geistes genannt. Es heißt, (sie sei) das Ersterben des Wind-Elements, und das Verderben des Körpers.
su-kṛtaṃ duṣ-kṛtaṃ caiva yat kṛtaṃ pūrva-janmani |
sarvaṃ prakṛti-rūpeṇa śarīre 'vasthitaṃ sadā||9.2 ||
Was gut getan und gewiss was schlecht getan, was in einer früheren Geburt verursacht wurde - alles befindet sich allezeit in einer Form der Prakriti im Körper.
prakṛtir dvi-vidhā jñeyā śārīrī citta-saṃbhavā |
śārīrī vāta-pittādyā caittikī buddhi-gocarā||9.3 ||
Die Prakriti ist als von zweifacher Art zu kennen: körperlichen und geistigen Ursprungs. Die körperliche (Art bezieht sich auf) Wind, Galle usw., die geistige hat den Intellekt als Wirkungsbereich.
sukha-duḥkhādikaṃ citte kṣaṇikaṃ yad utpadyate |
buddhi-prabhṛtayo ye ca te sarve prakṛter guṇāḥ||9.4 ||
Etwas Momentanes wie Freude, Leid usw., das im Geist entsteht, und der Verstand und die übrigen (mentalen Funktionen) - all diese sind Eigentümlichkeiten der Prakriti.
cittād yā yāḥ praṇaśyanti bhavanti ca kṣaṇaṃ kṣaṇam |
citta-prakṛtayas tās tāḥ sāgarād urmayo yathā||9.5 ||
Welche (Erscheinungen) auch immer aus dem Geist verschwinden oder (darin) zum Vorschein kommen, Augenblick für Augenblick, wie Wellen aus dem Ozean - all diese sind Prakritis des Geistes.
yāvat prakṛtayaḥ santi tāvac cittaṃ malīmasam |
naṣṭe prakṛti-saṅghāte cittaṃ nirmalatāṃ vrajet||9.6 ||
Solange wie Prakritis existieren, solange ist der Geist verunreinigt. Sobald die Gesamtheit der Prakritis verschwunden ist, gelangt der Geist zur (ursprünglichen) Reinheit.
dehe prakṛtayaḥ khyātā vāta-pitta-kaphādayaḥ |
cittam ākṣipya kurvanti te 'pi kāryāṇi sarvadā||9.7 ||
Im Körper werden die Prakritis Wind, Galle, Schleim usw. genannt. Den Geist außer acht lassend, führen auch diese jederzeit (ihre jeweiligen) Funktionen aus.
vātaḥ pañca-vidho jñeyaḥ pittaṃ pañca-vidhaṃ smṛtam |
kaphaḥ pañca-vidhaḥ khyāto mūla-prakṛtayaḥ smṛtāḥ||9.8 ||
Wind ist als von fünferlei Art zu kennen, Galle wird als von fünferlei Art gelehrt, Schleim wird als von fünferlei Art bezeichnet - (alle zusammen) gelten sie als die Wurzel-Prakritis.
vāyunā saha yogena puṃsaḥ karmānusārataḥ |
kurvanti duḥkha-bhogāya vyādhīn vā maraṇāya vā||9.9 ||
In Verbindung mit dem Atem bewirken diese - gemäß den (früheren) Handlungen des Menschen - Krankheiten: Entweder zugunsten der Erfahrung von Leid, oder zugunsten des Todes.
kṣudhā nidrā tṛṣā mūrcchā śīta-santāpa-saṃbhavāḥ |
saṃbhavanti ca ye bhāvās te sarve prakṛter guṇāḥ||9.10 ||
Hunger, Schläfrigkeit, Durst, Taubheitsgefühl und Empfindungen, die aufgrund von Kälte und Hitze entstehen - all diese sind Eigentümlichkeiten der Prakriti.
valiṃ ca palitaṃ kuṣṭhaṃ bādhiryaṃ mūkatāṃ tathā |
prakṛtiḥ kurute dehe kāṇaṃ khañjaṃ ca kubjakam||9.11 ||
Auch Falten, graues Haar, Lepra, Taubheit und Stummheit bewirkt die Prakriti im Körper, (wie auch) den Einäugigen, den Hinkenden und den Buckligen.
yeṣāṃ prakṛtayo dehe nivasanti puraḥ-sarāḥ |
teṣāṃ na jāyate yogo vane bījāṅkuro yathā||9.12 ||
In deren Körper die Prakritis als Anführer wohnen, für diejenigen ist die (mystische) Vereinigung nicht möglich - so wie (kein) Keimling im Dickicht (wächst).
naṣṭe prakṛti-saṅghāte vāyunā saha yogataḥ |
tadā sañjāyate jñānaṃ niśānte bhāskaro yatha||9.13 ||
Sobald die Gesamtheit der Prakritis verschwunden ist - aufgrund der Verbindung mit dem Atem - da kommt (reines) Bewusstsein zum Vorschein - wie die Sonne am Ende der Nacht.
prakṛtyā khādyate viśvaṃ sā kenāpi na khādyate |
prasādāt khāditā yena maraṇaṃ tena khāditam||9.14 ||
Durch die Prakriti wird alles verschlungen. Sie wird durch nichts (beliebiges) verschlungen. Durch wen sie aufgrund von (geistiger) Klarheit verschlungen wurde, von dem ist der Tod verschlungen.
Kapitel 10: Die Untersuchung der guṇas – guṇa-vivekaḥ
guṇāḥ sāṃsārikāṇāṃ ca nivasanti kalevare |
prakṛter eva jāyante te 'pi sattva-rajas-tamāḥ||10.1 ||
Auch die (drei) Grundeigenschaften, die im Körper derjenigen wohnen, die sich im Kreislauf des Lebens und Sterbens befinden - Sattva, Rajas und Tamas - diese gehen alle aus ebender Urnatur hervor.
nibaddhas tri-guṇaiḥ piṇḍo nibaddhaṃ cittam eva ca |
teṣāṃ samāsato bhedaḥ śrūyatāṃ ca yathoditaḥ||10.2 ||
Der Körper ist durch die drei Stricke gebunden, gewiss auch der Geist. Auch deren kurzgefasste Unterscheidung soll vernommen werden, wie sie gelehrt wird.
yady apy ete guṇā loke bhaṇyante sama-bhāṣayā |
tad api sāttviko bhāvo jāyate 'ṃśa-sahasrataḥ||10.3 ||
Wenngleich diese Grundeigenschaften in der Welt gemäß ihrer Definition als gleichrangig geschildert werden, tritt dennoch der sattvische Gemütszustand im Verhältnis eins zu tausend auf.
lobha-krodha-kṣudhā-garhā-hiṃsā-dambha-mṛṣā-bhavam |
yad atra dṛśyate martye tat sarvaṃ tāmasodbhavam||10.4 ||
Was an Gier, Zorn, (psychischem) Hunger, Widerwillen, Gewalt, Heuchelei und Lügen in dieser Welt der Sterblichen zum Vorschein kommt - das alles hat seinen Ursprung in tamasischer Unwissenheit.
nidrā tandrā tathājñānam ālasyaṃ smṛti-lopatā |
tamasy eva prajāyante pradhānaṃ maraṇāntikam||10.5 ||
Schläfrigkeit, Mattigkeit, Unverstand, Mangel an Energie und Vergesslichkeit entstehen in tamasischer Dunkelheit - insbesondere in der Nähe des Todes.
gītaṃ nṛtyaṃ tathā vādyaṃ vastraṃ caiva vilepanam |
hasanaṃ kathanaṃ kāmāt sarvam etad rajo-bhavam||10.6 ||
Gesang und Tanz, Musik und Kleidermode, Schminken, Lachen, Flirten - all das verdankt seine Existenz der Leidenschaftlichkeit.
strīṇāṃ saṅgāśayā bhāvāḥ kriyante ye kṣaṇaṃ kṣanam |
pravṛttir maithune yā ca pradhānaṃ rajaso guṇaḥ||10.7 ||
Gefühle, denen man sich in Erwartung auf den Verkehr mit Frauen - Augenblick für Augenblick - hingibt, und das Sichhingeben beim Geschlechtsakt - das ist hauptsächlich die Eigenart der Leidenschaftlichkeit.
rajas-tamobhibhūtaṃ ca śarīraṃ sarvadā sthitam |
vināśam anayoḥ kṛtvā sattvam utpadyate dhruvam||10.8 ||
Der Körper wird aber allezeit von Leidenschaftlichkeit und Dunkelheit dominiert. Sobald das Verschwinden dieser beiden bewirkt worden ist, tritt gewiss das (ursprüngliche) gute Wesen in Erscheinung.
utpanne sāttvike bhāve satyārtho jāyate nṛṇām |
satyārthe ca sati jñānaṃ nirmalaṃ bhavati sphuṭam||10.9 ||
Sobald der sattvische Gemütszustand hervorgetreten ist, wird den Menschen ihr wahrer Zweck verfügbar. Und sobald der wahre Zweck erfüllt ist, wird reine Erkenntnis offenbar.
rajas-tamobhyāṃ saṃyukte śarīre doṣa-pūrite |
yo 'tra bravīty ahaṃ jñānī so 'jñānī vātulaḥ smṛtaḥ||10.10 ||
Wer da - solange sein Körper mit Leidenschaftlichkeit und Dunkelheit gebunden und mit den gestörten Fluida angefüllt ist - spricht: "ich habe die Erkenntnis", der wird als ein unwissender Verrückter betrachtet.
svādhiṣṭhānena yogena na kṣīyete guṇau nṛṇām |
asti mudrā viśeṣeṇa guru-mukhābja-saṃbhavā||10.11 ||
Durch eine auf sich selbst gestützte Praxis nehmen die beiden Grundeigenschaften der Menschen kein Ende. (Dafür) existiert speziell ein Siegel, dessen Ursprung im Lotusmund des Lehrers liegt.
Kapitel 11: Die Untersuchung der mahā-mudrā – mahāmudrā-vivekaḥ
kathyate 'sau mahā-mudrā sarva-tantreṣu gopitā |
yāṃ saṃprāpya manuṣyāś ca bhavanti sura-pūjitāḥ||11.1 ||
Dieses Große Siegel, das in allen Geheimlehren verborgen ist, wird (nun) gelehrt. Menschen, die es erlangt haben, werden sogar von den Göttern verehrt.
janma-koṭi-sahasreṇa kṛtvā sat-karma-vistaram |
enāṃ prāpya bhavāmbhodheḥ pāraṃ gacchanti yoginaḥ||11.2 ||
Nachdem sie im Verlauf von 10 Milliarden Geburten eine Menge guter Werke vollbracht haben, erlangen es die Yogins und erreichen das jenseitige Ufer des Ozeans der Existenzen.
yoniṃ saṃpīḍya vāmena pāda-mūlena yatnataḥ |
savyaṃ prasāritaṃ pādaṃ karābhyāṃ dhārayed dṛḍham||11.3 ||
Indem man mit der linken Ferse unablässig das Perineum drückt, halte man das rechte ausgestreckte Bein (am Fuß) mit beiden Händen fest.
āsane kaṭim āropya cibukaṃ hṛdayopari |
nava-dvārāṇi saṃyamya kukṣim āpūrya vāyunā||11.4 ||
Das Gesäß auf eine Sitzunterlage setzend, das Kinn an die Brust legend, die neun Tore verschließend, den Bauch mit Luft füllend, ...
cittaṃ catuḥ-pathe kṛtvā ārabhet prāṇa-yantraṇam |
candrārkayor gatiṃ bhaṅktvā kuryād vāyu-nivāraṇam||11.5 ||
Die Aufmerksamkeit an der Kreuzung der vier Kanäle haltend, beginne man die Atemregulierung. Den Lauf von Mond und Sonne unterbrechend, praktiziere man das Anhalten des Windes.
jāraṇeyaṃ kaṣāyasya cāraṇaṃ bindu-nādayoḥ |
cālanaṃ sarva-nāḍīnām analasya ca dīpanam||11.6 ||
Sie (bedeutet) das Auflösen der Leidenschaft, das Aktivieren von Bindu und Nada, das Reinigen aller feinstofflichen Energiekanäle, und das Stimulieren des (Verdauungs-)Feuers.
kāya-vāk-citta-yogena kāya-vāk-citta-sādhanam |
bhaved abhyāsato 'vaśyaṃ mārgārūḍhasya yoginaḥ||11.7 ||
Durch das Praktizieren mit Körper, Stimme und Geist kommt das Beherrschen von Körper, Stimme und Geist infolge (regelmäßiger) Wiederholung zwangsläufig zustande - für den Yogin, der den (rechten) Weg beschritten hat.
anayā mudrayā sarvaṃ jāyate yogino dhruvam |
tasmād enāṃ prayatnena mahā-mudrāṃ samabhyaset||11.8 ||
Durch dieses Siegel ist dem Yogin gewiss alles möglich. Deshalb soll er dieses Große Siegel eifrig üben.
sarvāsām eva mudrāṇāṃ mahatīyaṃ svayaṃ-bhuvā |
mahā-mudrāṃ ca tenaināṃ vadanti ca budhottamāḥ||11.9 ||
Dieses - aus sich selbst entstandene - ist mächtiger als wirklich alle (übrigen) Siegel. Deshalb nennen es ja die besten der Weisen gerade Großes Siegel.
anayā bādhyate mṛtyur hiteyaṃ tena sarvadā |
cetasā vidhṛtā yena yantraṃ tenaiva nirjitam||11.10 ||
Durch sie wird der Tod beseitigt - deshalb ist sie heilsam. Von wem sie jederzeit im Gewahrsein behalten wird - nur durch den wird der Körper beherrscht.
asyāś ca prathitaṃ nāma padānāṃ prathamākṣaraiḥ |
uktaṃ ca yoga-yuktānāṃ pramodāya ca kevalam||11.11 ||
Sogar ihr Name wird öffentlich verbreitet und mit den ersten Lauten (seiner) Wörter verkündet - und zwar zur Freude allein derjenigen, die der Praxis hingegeben sind.
Kapitel 12: Die Untersuchung der bandhas – bandha-vivekaḥ
iyaṃ yena mahā-mudrā yogināṃ sidhyati dhruvam |
kathyate 'sau mahā-bandhaḥ śarīre prāṇa-dhārakaḥ||12.1 ||
(Das Mittel,) wodurch das Große Siegel den Yogins gewiss gelingt, heißt Großer Verschluss. Er hält die Lebensenergie im Körper.
bandhaś ca dvi-vidho jñeyo yathā bindur udāhṛtaḥ |
yoni-bandho hi devīnāṃ kaṇṭha-bandho hi devataḥ||12.2 ||
Auch der (Große) Verschluss ist als von zweifacher Art zu kennen - so wie der Tropfen bezeichnet wurde. Denn der Beckenboden-Verschluss ist für die Göttinnen, (und) der Kehl-Verschluss ist nämlich für den Gott.
pūrakaṃ kumbhakaṃ kṛtvā dhṛtvā mudrāṃ bhayāpahām |
bandhaṃ saṃyojayet kṣipraṃ surāsura-su-gopitam||12.3 ||
(Erst) die Einatmung, (dann) die Atemverhaltung ausführend (und) das die Furcht nehmende (Große) Siegel haltend, füge man unverzüglich den Verschluss (des Beckenbodens) hinzu, der vor den Göttern und ihren Widersachern wohlverborgen ist.
gudaṃ yoni-samāyuktam ākuñcya caika-kālataḥ |
apānam ūrdhva-gaṃ kṛtvā samānena ca yojayet||12.4 ||
Indem man aber den Anus gemeinsam mit dem Beckenboden zusammenzieht, (und dadurch) gleichzeitig den Apana aufwärts lenkt, verbinde man ihn auch mit dem Samana.
bandhaṃ samārabhed yogī madhyamā-dvāra-pārśvataḥ |
saṃrodhya tri-pathaṃ yatnāt kuryād vāyoḥ su-śṛṅkhalām||12.5 ||
Der Yogin soll den (Großen) Verschluss auf einer Seite an der Öffnung der (Göttin der) Mitte beginnen. (Danach) mache er - den Kreuzungspunkt der drei Kanäle (auf der anderen Seite) sorgfältig verschließend - eine feste Fessel für die Lebensenergie.
prāṇe cāropya vāyuś ca kṛtvā prāṇam adho-mukham |
vāhayed ūrdhva-gaty-arthaṃ prāṇāpānaika-yogataḥ||12.6 ||
Und nachdem sich der (Lebens-)Wind aber auf den Prana gesetzt hat, und er den Prana veranlasst hat, abwärts zu fließen, kann er (auf Apana) reiten - zum Zwecke (dessen) Aufwärtsflusses zur Vereinigung von Prana und Apana.
eṣa yoga-varo dehe siddha-mārga-prakāśakaḥ |
samṛddhiḥ pratyayaḥ puṣṭir vihāyainaṃ hi nānyataḥ||12.7 ||
Dies ist die vorzüglichste Vereinigung (der Polaritäten) im Körper, die den Weg der Vollkommenen offenbar macht. Erfolg, Erkenntnis und Wohlbefinden sind nicht woanders (zu finden), wenn man sie verschmäht.
nāḍyaḥ sravanti yāḥ sarvā hy adho-mārgeṇa sarvadā |
mahatānena bandhena viparītā bhavanti tāḥ||12.8 ||
All diejenigen Energieströme nämlich, die (gewöhnlich) stets abwärts fließen - diese werden durch den Großen Verschluss umgekehrt.
adho-vāhena tattvāni śarīrād bāhya-gāni ca |
sārāṇi prapalāyante sva-kṣetrāt srotaso yathā||12.9 ||
Durch den Abwärts-Fluss fließen aber die essentiellen Elemente aus dem Körper heraus, so wie Flüsse ihr Bett verlassen.
yathā bāhya-gataḥ setuḥ pravāhasya nirodhakaḥ |
tathā śarīra-gaś cāyaṃ jñātavyo yogibhiḥ sadā||12.10 ||
So wie ein in der äußeren (Welt) befindlicher Damm einen Fluss zurückhält, genau so ist auch dieser im Körper befindliche (Große Verschluss) von den Yogins stets zu verstehen.
sarvāsām eva nāḍīnām eṣa bandhaḥ prakīrtitaḥ |
bandhasyāsya prasādena sphuṭī-bhavanti devatāḥ||12.11 ||
Dieser (Große) Verschluss wird (zur Beherrschung) aller Energieströme empfohlen. Dank dieses Verschlusses werden die Gottheiten offenbar.
so 'yaṃ catuḥ-pathe bandho mārga-traya-nirodhakaḥ |
ekaṃ vikāsayen mārgaṃ yena siddhāḥ sukhaṃ gatāḥ||12.12 ||
Dieser Verschluss, der an der Kreuzung der vier Wege drei Energie-Kanäle versperrt, kann den einen Kanal öffnen, durch den die Vollkommenen zur Glückseligkeit gelangt sind.
sṛṣṭi-mṛtyu-prado mārgaḥ kathito 'yam adho-gataḥ |
pāpa-puṇyasya kartārau dvāv etau pārśva-gāminau||12.13 ||
Dieser (mittlere) Kanal wird als "der Schöpfung und Tod verleihende" bezeichnet, (wenn) er abwärts führt. Die beiden seitlich verlaufenden (Kanäle) sind Verursacher von Schuld und (religiösem) Verdienst.
kumbhake sarva-tattvāni nikṣipya dṛḍha-bandhanāt |
udānam argalaṃ kṛtvā prāṇāpānaika-yogataḥ||12.14 ||
Alle Elemente in den Topf hineinlegend, durch ein festes Anhalten (der Luft) den Udana - zur Vereinigung von Prana und Apana - zu einem Riegel machend ...
bandho 'yaṃ sarva-nāḍīnām ūrdhva-gati-nirodhakaḥ |
etasyaiva prasādena yoni-bandhaḥ prasidhyati||12.15 ||
... unterbindet dieser (Kehl-)Verschluss den Aufwärtsfluss aller feinstofflichen Energieströme. Nur mit seiner Hilfe ist der Beckenboden-Verschluss erfolgreich.
ayaṃ ca saṃpuṭo yogo mūla-bandho 'py ayaṃ mataḥ |
yoga-trayam anenaiva sidhyaty abhyasyatāṃ satām||12.16 ||
Diese Methode ist auch als Schmelztiegel, jene aber als Wurzel-Verschluss bekannt. Nur durch sie gelingt den vorzüglichen Praktizierenden die Dreiheit der Übungspraxis.
Kapitel 13: Die Untersuchung des vedha – vedha-vivekaḥ
mudrā ca dvi-vidhā jñeyā yathā bandho dvi-dhā kṛtaḥ |
yoni-mudrā ca devīnāṃ liṅga-mudrā ca daivakī||13.1 ||
Auch die Handhaltung ist als von zweifacher Art zu kennen - so wie der Verschluss in zwei Arten unterteilt ist: Yoni Mudra ist aber für die Göttinnen, und Linga Mudra ist für den Gott.
yathā strī-puruṣābhyāṃ ca bāhya-sṛṣṭiḥ prajāyate |
bāhye tu strī-puruṣābhyāṃ sṛṣṭi-nāśaḥ śarīrataḥ||13.2 ||
Damit durch Frau und Mann aber eine äußere Schöpfung gezeugt wird, entsteht im Außen aber der Frau und dem Mann die Vernichtung der Schöpfung im (eigenen) Körper.
guṇa-rūpavatī nārī niṣphalā puruṣaṃ vinā |
mahā-mudrā-mahā-bandhau vinā vedhena niṣphalau||13.3 ||
Eine tugendhafte und schöne Frau (bleibt) fruchtlos ohne (Ehe-)Mann. Das Große Siegel und der Große Verschluss (bleiben) ohne das (Große) Durchbohren fruchtlos.
gṛhītvā vāyu-cakrāṇi kṛtvā bandhaṃ yathoditam |
vedhaṃ samārabhed yogī sa-cittenaiva vāyunā||13.4 ||
(Zuerst) die Energie-Wirbel (im Gewahrsein) haltend, (dann) den (Großen) Verschluss ausführend, wie er gelehrt wurde, beginne der Yogin das Durchbohren vermittels des Atems (gemeinsam) mit der Aufmerksamkeit.
prāṇaṃ mahā-balaṃ kṛtvā madhyamā-dvāra-saṃmukham |
vedhayet krama-yogena catuḥ-pīṭhaṃ ca vāyunā||13.5 ||
Nachdem man die Lebensenergie überaus stark und der (unteren) Öffnung der (Göttin der) Mitte zugewandt gemacht hat, durchbohre man die vier heiligen Plätze nacheinander vermittels des Atems.
karābhyāṃ liṅgam āropya pṛthivyāṃ dhruva-sannibham |
tathā hi niścalaṃ kṛtvā pāda-dvayam adho-mukham||13.6 ||
Mit beiden Händen das Kennzeichen (Shivas) auf die Erde setzend - ähnlich einem (unbeweglichen) Pfahl - ebenso unbeweglich die beiden Füße nach unten ausrichtend, ...
avakra-pāda-mūlābhyāṃ kaṭim utthāpya su-sthiraḥ |
āsphālayen mahā-meruṃ vāyu-vajrāgra-koṭitaḥ||13.7 ||
... mit beiden gerade (aneinander gelegten) Fußsohlen das Gesäß anhebend, lasse man sehr beharrlich die Wirbelsäule zusammen mit der äußersten Spitze des Atem-Donnerkeils aufschlagen.
vedhaḥ sañjāyate tena sa-brahmāṇḍa-rasātalāt |
meru-madhya-gatā devāḥ kampante meru-cālanāt||13.8 ||
Infolgedessen geschieht das Durchbohren, (ausgehend) von der Unterwelt durch den gesamten Mikrokosmos (hindurch aufwärts). Die Götter, die sich inmitten des Meru befinden, erzittern aufgrund des Aufundniederbewegens der Wirbelsäule.
mriyante meru-vedhena brahmādyā devatā dhruvam |
ādau sañjāyate kṣipraṃ vedho 'yaṃ brahma-granthitaḥ||13.9 ||
Durch das Durchbohren des Meru sterben Brahma und die anderen Gottheiten gewiss. Zu Beginn geschieht sogleich das Durchbohren im Knoten Brahmas.
brahma-granthiṃ tato bhittvā viṣṇu-granthiṃ bhinatty asau |
viṣṇu-granthiṃ tato bhittvā rudra-granthiṃ bhinatty asau||13.10 ||
Dann, nachdem er den Knoten Brahmas durchstoßen hat, durchstößt (der Wind) den Knoten Vishnus. Dann, nachdem er den Knoten Vishnus durchstoßen hat, durchstößt er den Knoten Rudras.
rudra-granthiṃ tato bhittvā chittvā moha-mayīṃ latām |
udghāṭayaty ayaṃ vāyur brahma-dvāraṃ su-gopitam||13.11 ||
Dann, nachdem er den Knoten Rudras durchstoßen und die aus Verblendung bestehende Schlingpflanze durchschnitten hat, öffnet der Wind die wohlverborgene Tür zum Absoluten.
mahā-mudrā mahā-bandho mahā-vedhas tṛtīyakaḥ |
tri-tattvair guhya-niryāsair ebhir yogaḥ prasidhyati||13.12 ||
Das Große Siegel, der Große Verschluss (und als) drittes das Große Durchbohren - mit diesen drei Prinzipien, deren Essenz geheim ist, gelingt die (Praxis der) Vereinigung.
yas tri-tattvam idaṃ vetti sa vetti bhuvana-trayam |
yenābhyastam idaṃ daivāt sa syāt sarva-gato vibhuḥ||13.13 ||
Wer diese drei Prinzipien kennt, der kennt die drei Welten. Von wem dies durch glückliche Fügung praktiziert wird, der ist allgegenwärtig, alldurchdringend.
guhya-guhyeṣu tantreṣu guhya-guhyeṣu devataḥ |
anenaivādhikāreṇa nṛṇām evādhikāritā||13.14 ||
Gerade in diesem Anspruch - (selbst) vor den Göttern - auf die allergeheimsten (Dinge) in den allergeheimsten Lehrtexten (besteht) eigentlich der Menschen Menschsein.
sarvābhiṣeka-saṃsiktaḥ sarvādhikāra-saṃbhṛtaḥ |
siddha-mārgeṇa saṃyukto naro bhavati nānyathā||13.15 ||
(Durch diese drei Praktiken) wird ein Mensch mit allen Weihungen geweiht, mit allen Ansprüchen versehen, (und) des Weges der Vollkommenen teilhaftig - (aber) auf keine andere Weise.
yo jānāti tv imāṃ mudrāṃ garvas tasyaiva sārthakaḥ |
vijñātaṃ sakalaṃ tena nāḍyo devyāḥ prasādataḥ||13.16 ||
Wer aber dieses Mysterium kennt, dessen Stolz ist wirklich bedeutungsvoll: alles wird von ihm erkannt - dank der Göttin des (Mittleren) Energiestromes.
Kapitel 14: Die Untersuchung der Praxis – abhyāsa-vivekaḥ
yena labdham idaṃ jñānaṃ labdhaś cintā-maṇis tathā |
prāpto bhadra-ghaṭas tena kalpa-drumo mahā-nidhiḥ||14.1 ||
Von wem dieses Wissen erlangt wurde, von dem wurde ebenso der Stein der Weisen erlangt, wurde ein Glückstopf gewonnen, ein Wunschbaum, ein großer Schatz.
idaṃ tattva-trayaṃ guhyaṃ trailokya-sāram uttamam |
anabhyāsa-ratānāṃ tu narāṇāṃ niṣphalāyate||14.2 ||
Diese geheimnisvolle Dreiheit von Prinzipien - die höchste Essenz der drei Welten - trägt jedoch bei Menschen, die am Nichtpraktizieren Gefallen finden, keine Früchte.
yathāprayoga-śīlānāṃ nidhiś ca niṣphalāyate |
tathābhyāsa-vihīnānāṃ tattvaṃ ca niṣphalaṃ dhruvam||14.3 ||
So wie für diejenigen, die die Gewohnheit der Nichtanwendung haben, sogar ein Schatz nutzlos ist, genauso ist ein (Übungs-)Prinzip für diejenigen, denen es an Praxis mangelt, gewiss nutzlos.
evaṃ buddhvā sadābhyāsaḥ kartavyaḥ sāttvikair naraiḥ |
abhyāsāj jāyate yogo yogāt sarvaṃ prasidhyati||14.4 ||
Indem man es auf diese Weise erkannt hat, ist stets die Praxis von mutigen Menschen durchzuführen. Aufgrund der Praxis entsteht das Einheitsbewusstsein - infolge des Einheitsbewusstseins gelingt alles.
dhṛtvā prāthamikīṃ mudrāṃ kṛtvā bandhau mahā-dṛḍhau |
āndolanaṃ tataḥ kuryāc charīrasya tri-mārgataḥ||14.5 ||
Indem man das zuerst (genannte) Siegel hält, die beiden Verschlüsse sehr fest macht, führe man daraufhin das Erzitternlassen der drei Kanäle aus.
punar āsphālanaṃ kaṭyāḥ sthiraṃ puruṣa-mudrayā |
vāyūnāṃ gatim āvṛtya kṛtvā pūraka-kumbhakau||14.6 ||
(Nun erfolgt) wieder das Aufschlagen des Gesäßes, (verbunden) mit der stabil (fixierten) Handhaltung des Mannes. (Mit dieser) nach erfolgter Einatmung und Atemverhaltung die Bewegung der Winde (symbolisch) versperrend, ...
abhyāsam ārabhed yogī sarvopabhoga-vṛddhaye |
divā-rātram avicchinnaṃ yāme yāme tathā tathā||14.7 ||
... führe der Yogin die Praxis aus - zur Intensivierung aller Erfahrungen, bei Tage und bei Nacht, ununterbrochen, in jeder dreistündigen Wache auf dieselbe Weise.
anenābhyāsa-yogena vāyur abhyasito bhavet |
vāyor abhyāsato vahniḥ praty-ahaṃ vardhate tanau||14.8 ||
Durch diese Methode der Wiederholung wird der Wind trainiert. Durch das Training des Windes vermehrt sich Tag für Tag das Feuer im Körper.
vahnau vivardhamāne ca sukham annasya pākatā |
annasya paripākena rasa-vṛddhiḥ prajāyate||14.9 ||
Wenn das Feuer sich vermehrt, (vollzieht sich) die Verdauung leicht. Durch die (vollkommenere) Verdauung entsteht eine Vermehrung des Nahrungssafts.
rase vṛddhi-gate nityaṃ vardhante dhātavas tadā |
dhātoḥ saṃvardhanād eva pradhānaṃ vardhate rasaḥ||14.10 ||
Wenn der Nahrungssaft eine Vermehrung erreicht, dann erstarken beständig die Körpergewebe. Eben infolge der Stärkung des Körpergewebes vermehrt sich insbesondere die Samenflüssigkeit.
pradhāna-rasa-saṃpattau satatābhyāsa-yogataḥ |
puṣṭo bhavati yogīndro dṛḍha-kāyo mahā-balaḥ||14.11 ||
Bei einer Fülle der wichtigsten Essenz infolge des regelmäßigen Praktizierens ist der vorzügliche Yogin wohlgenährt, hat einen widerstandsfähigen Körper (und) große Kraft.
mahā-bandho mahābhyāsād balād eva prajāyate |
mahā-bandha-mahābhyāsād rasasya jāraṇaṃ bhavet||14.12 ||
Der Große Verschluss entsteht ganz zwangsläufig aufgrund intensiver Praxis. Aufgrund der intensiven Praxis des Großen Verschlusses geschieht die Assimilierung der Samenflüssigkeit.
śuṣyanti sarva-doṣāś ca mala-mūtra-kaṣāyakāḥ |
rasasya cāraṇaṃ gātre nāḍī-dvāreṇa sarvadā||14.13 ||
Es trocknen auch sämtliche gestörten Säfte ein, (einschließlich) Kot, Urin und (ähnlicher) Unreinheiten. (Dadurch erfolgt) das Aktivieren der Essenz (der Lebenskraft) im Körper innerhalb der feinstofflichen Energikanäle zu jeder Zeit.
māraṇaṃ kāla-yogena rasa-dvayasya melakam |
madhyamānupraveśo 'pi yogino 'bhyāsa-yogataḥ||14.14 ||
Der Stillstand des Windes in Verbindung mit dem richtigen Zeitpunkt, die Vereinigung der beiden Essenzen, wie auch der Eintritt (des Lebenshauchs) in die (Göttin der) Mitte (gelingt) dem Yogin infolge des (regelmäßigen) Praktizierens.
karṇa-dhāraṃ guruṃ prāpya kṛtvā naukāṃ tanuṃ narāḥ |
abhyāsa-vāhanāsaktās taranti bhava-sāgaram||14.15 ||
Die Menschen, die einen Lehrer als Steuermann gewonnen haben, den Körper zu einem Boot gemacht haben, (und) an das Segel der Praxis gewöhnt sind, überqueren den Ozean der weltlichen Existenzen.
yadi devāḥ svayaṃ jñānaṃ kathayanti muhur muhuḥ |
tadāpy abhyāsato yogaḥ sphuṭī-bhavati yoginām||14.16 ||
Wenn die Götter höchstpersönlich das Wissen mitteilen (sollten), noch und noch - trotzdem wird den Yogins die Einheitserfahrung (nur) durch Übungspraxis offenbar.
dahyante sarva-pāpāni janma-koṭi-kṛtāni ca |
ihaivābhyāsa-yogena tṛṇāni vahninā yathā||14.17 ||
Alle Vergehen, selbst wenn sie in zehn Millionen Leben begangen wurden, werden infolge der Praxis noch in diesem Leben verbrannt - wie Grashalme im Feuer.
tapāṃsi yāni kathyante yajña-dāna-vratāni ca |
koṭi-koṭi-guṇais tāni bhavanty abhyāsa-yogataḥ||14.18 ||
Opfer, Spenden und Gelübde aber, die als Bußübungen gelten, gedeihen infolge der Praxis um das zehn Millionen mal Zehnmillionenfache.
prakṛtayo guṇā doṣā vyādhayo vividhās tanau |
naśyanty abhyāsa-yogena khe meghā vāyunā yathā||14.19 ||
Die Prakritis, die Gunas, die Doshas (und daraus resultierende) verschiedenartige Krankheiten im Körper verschwinden infolge der Praxis wie Wolken am Himmel durch den Wind.
Kapitel 15: Die Untersuchung der schwachen (Person) – mṛdu-vivekaḥ
sattvāś catur-vidhā jñeyā mṛdu-madhyādhimātrakāḥ |
adhimātratarāḥ śreṣṭhā bhavābdhi-laṅghane kṣamāḥ||15.1 ||
Die Personen sind als von vierfacher Art zu kennen: die Schwachen, Mittelmäßigen, Ausgezeichneten (und) die Aller-ausgezeichnetsten, die am besten zur Überquerung des Ozeans der Existenzen imstande sind.
caturṇām eva sattvānāṃ prathame kathite mṛduḥ |
kathyante prathame tena mṛdūnāṃ lakṣaṇāni ca||15.2 ||
Da von diesen vier Personen der Schwache als erster genannt wurde, werden daher auch die Merkmale der Schwachen zuerst genannt.
vyādhitā dur-balā vṛddhā niḥsattvā gṛha-vāsinaḥ |
mandotsāhā manda-vīryā jñātavyā mṛdavo narāḥ||15.3 ||
Kränkliche, schwächliche, alte, teilnahmslose, in Häusern wohnende, willensschwache, ängstliche Menschen sollen als die "Schwachen" erkannt werden.
eṣāṃ dvādaśa-varṣeṇa caikāvasthā prasidhyati |
mṛduś ca sarva-sattvānāṃ kaniṣṭhaḥ samudāhṛtaḥ||15.4 ||
Und innerhalb von zwölf Jahren gelingt ihnen eine Stufe. Die schwache (Person) wird aber als die geringste von allen Personen bezeichnet.
Kapitel 16: Die Untersuchung der mittelmäßigen (Person) – madhya-vivekaḥ
ati-prauḍhā bhavārūḍhāḥ sama-vīrya-balānvitāḥ |
sama-buddhi-samābhyāsāḥ sama-kāyāḥ samāgamāḥ||16.1 ||
Älter als von mittleren Jahren, im weltlichen Dasein stehend, mit mittelmäßiger Tapferkeit und Kraft begabt, von mittelmäßiger Intelligenz und Praxis, von mittelmäßigem Körper, von mittelmäßiger Bildung, ...
madhya-sthā yoga-mārgeṣu tathā madhya-vayo-gatāḥ |
madhyotsāhā madhya-rāgā jñātavyā madhya-vikramāḥ||16.2 ||
... sie befinden sich im mittleren Bereich der Pfade des Yoga, desgleichen befinden sie sich im mittleren Alter, (und) sollen erkannt werden als von mittelmäßiger Entschlusskraft, von mittelmäßiger Leidenschaft (und) als von mittelmäßigem Mut.
varṣair aṣṭabhir eṣāṃ dvitīyāvasthā prasidhyati |
madhya-puṇyā gatau madhyās tenaite madhyamāḥ smṛtāḥ||16.3 ||
Innerhalb von acht Jahren gelingt ihnen die zweite Stufe. Sie sind von mittelmäßigem religiösem Verdienst (und) hinsichtlich ihres Glücks mittelmäßig - daher gelten sie als die Mittelmäßigen.
Kapitel 17: Die Untersuchung der ausgezeichneten (Person) – adhi-mātra-vivekaḥ
vīryavantaḥ kṣamāvanto dayāvanto mahāśayāḥ |
sva-sthāna-sukhitāḥ sva-sthā vayaḥ-sthāḥ sthira-buddhayaḥ||17.1 ||
Energetisch, geduldig, mitfühlend, hochgesinnt, zufrieden mit der eigenen (sozialen) Stellung, gesund, im besten Alter, entschlossen, ...
sākṣarāḥ saṃpadāḥ śūrāḥ sābhyāsāś ca damānvitāḥ |
sadā sat-kāra-saṃyuktāḥ sabhyāḥ sad-guṇa-śālinaḥ||17.2 ||
... beredt, überaus tüchtig, mutig, (stets) praktizierend und selbstbeherrscht, jederzeit freundliche Behandlung erweisend, kultiviert, reichlich versehen mit guten Eigenschaften, ...
jñātavyāḥ puṇya-karmāṇo yoginaḥ siddha-mārgataḥ |
trikāvasthādhi-mātrāṇāṃ ṣaḍbhir varṣaiḥ prasidhyati||17.3 ||
... sind sie als gut handelnde Yogins auf dem Pfad der Vollkommenen zu erkennen. Die dritte Stufe gelingt den Ausgezeichneten innerhalb von sechs Jahren.
Kapitel 18: Die Untersuchung der aller-ausgezeichnetsten Person – adhi-mātratara-sattva-vivekaḥ
mahā-balā mahā-kāyā mahā-vīryā guṇānvitāḥ |
mahā-mahoṣitāḥ śāntā mahā-kāruṇikā narāḥ||18.1 ||
Überaus stark, von stattlicher Statur, von großer Wirksamkeit, tugendreich - als große Lichter leuchtende, friedvolle, überaus mitfühlende Männer, ...
sarva-śāstra-kṛtābhyāsāḥ sarva-lakṣaṇa-bhūṣitāḥ |
sarva-jña-sadṛśākārāḥ sarva-vyādhi-vivarjitāḥ||18.2 ||
... die in allen Lehrtexten ihre Studien gemacht haben, mit allerlei glücksverheißenden Kennzeichen geschmückt sind, deren äußere Erscheinung der des Allwissenden ähnelt, die von jeglichen Krankheiten frei sind, ...
nava-yauvana-saṃpannā nirvikārā narottamāḥ |
nirmohāś ca nirātaṅkā nirvighnās tu nirākulāḥ||18.3 ||
... die in der vollen Jugendblüte stehen, unbeeinträchtigt, die besten unter den Menschen, auch frei von Illusion, (daher) kein Leiden verursachend, auf keinerlei Hindernisse stoßend, (da) nicht verwirrt, ...
janmāntara-kṛtābhyāsā gotravanto guṇānvitāḥ |
tārayanti sarva-sattvāṃs taranti svayam eva ca||18.4 ||
... haben sie bereits in vorangegangenen Leben ihre Praxis gemacht, sind (also) mit einer spirituellen Linie verbunden (und daraus resultierenden) Vorzügen versehen (und) lassen alle Wesen (den Ozean der weltlichen Existenzen) überqueren und überqueren (ihn) auch selbst.
adhi-mātratarāḥ sattvā jñātavyāḥ sarva-lakṣaṇaiḥ |
tribhiḥ saṃvatsarair eṣāṃ turyāvasthā prasidhyati||18.5 ||
Die aller-ausgezeichnetsten Personen sollen an all (diesen) Merkmalen erkannt werden. Innerhalb von drei Jahren gelingt ihnen die vierte Stufe.
Kapitel 19: Die Untersuchung des Zustandekommens der ersten Stufe – prathamāvasthā-niṣpatti-vivekaḥ
avasthābhiś catasṛbhir yogaḥ saṃpūrṇatāṃ vrajet |
tāsāṃ saṅkṣepato bhedaḥ kathyate cānupūrvaśaḥ||19.1 ||
Die (mystische) Vereinigung gelangt über vier Stufen zur Vollendung. Deren Unterscheidung wird (nun) auch in aller Kürze der Reihe nach gelehrt.
ārambhaś ca ghaṭaś caiva paricayas tṛtīyakaḥ |
niṣpannaḥ sarva-śeṣeṣu yogāvasthāḥ prakīrtitāḥ||19.2 ||
"Beginn" und "Topf" sowie "Vertrautheit" als drittes, "der Vollendete" zu guter letzt - (so) werden die Grade der (mystischen) Vereinigung genannt.
yāṃ yāṃ praviśaty avasthāṃ yogī cābhyāsa-yogataḥ |
tāṃ ca tāṃ ca gateś cihnaṃ kathyate ca samāsataḥ||19.3 ||
Die jeweilige Stufe, die der Yogin aber infolge der Praxis erreicht, und das (entsprechende) Anzeichen für (deren) Erreichen wird (nun) in aller Kürze gelehrt.
guroḥ pāda-prasādena samabhyarcya sva-devatām |
abhyāsam ārabhed yogī guru-pārśve prayatnataḥ||19.4 ||
Nachdem er - (geleitet) von der Gunst der Füße des Meisters - seine persönliche Gottheit verehrt hat, soll der Yogin an der Seite des Meisters eifrig die Übungspraxis beginnen.
śubhe deśe śubhācāre saj-janair vā samanvite |
abhyased yoga-mārgaṃ tu su-bhikṣe nirupadrave||19.5 ||
In einem geeigneten Landesteil, in dem eine tugendhafte Lebensweise (herrscht) oder wo es (zumindest) wohlwollende Menschen gibt, wo es reiche Almosen (gibt und) keinerlei Gefahr, praktiziere er nun den Pfad des Yoga.
gṛha-stho vāvadhūto vā yogābhyāse sadā rataḥ |
anupalambhato yatnāt svam arthaṃ sādhayed bhṛśam||19.6 ||
Ob Haushalter oder Asket, jederzeit der Yoga-Praxis ganz hingegeben, verfolge er - unter Nichtbeachtung (von allem anderen) - eifrig (und) ohne Zaudern sein Ziel.
agni-sevābalā-sevā patha-sevā ca sarvadā |
prathamābhyāsa-kāle tu santyājyā yoginā sadā||19.7 ||
Der Gebrauch des Feuers, geschlechtlicher Verkehr mit Frauen, und die Benutzung von (öffentlichen) Wegen sind aber in der ersten Zeit der Praxis vom Yogin stets und kontinuierlich zu meiden.
prāṇa-pīḍā yathā na syād abhyāsaḥ kriyate tathā |
pīdite prāṇa-vāte hi dhātuṃ dahati pāvakaḥ||19.8 ||
Die Übungspraxis wird so ausgeführt, dass keine Beeinträchtigung des Atems erfolgt. Denn wenn der Atem-Wind beeinträchtigt ist, verbrennt das (innere) Feuer das Körpergewebe.
tasmāt tathā niroddhavyaḥ prāṇo 'yaṃ vitataḥ sadā |
anuṣṭhānāvasāneṣu vahaty avikṛto yathā||19.9 ||
Deshalb ist der verlängerte Atem stets so anzuhalten, dass er bei (jedem) Beenden des Praktizierens natürlich fließt.
aho-ratre 'ṣṭadhābhyāsaḥ samyak-śikṣāvataḥ smṛtaḥ |
yaḥ punaḥ prathamābhyāsī tena kāryaḥ kramāt kramāt||19.10 ||
Für denjenigen, der einen traditionellen Unterricht erhält, wird die Übungspraxis innerhalb eines Tages und einer Nacht in achtmaliger Folge empfohlen. Wer hingegen in der Anfangsphase praktiziert, der soll (die Praxis) schrittweise (steigernd) ausführen.
abhyāse prathamārabdhe aṅga-sādo bhaved dhruvam |
aśaktiś ca kṛśatvaṃ ca nānuṣṭhānaṃ tyajed budhaḥ||19.11 ||
Wenn die Übungspraxis zum ersten mal unternommen wird, entsteht gewiss eine Ermattung des Körpers, auch Kraftlosigkeit und Abmagerung. Der Verständige soll das Praktizieren (deswegen) nicht aufgeben.
sadya-bhujya na kāryo 'yaṃ tasya bandho hi duṣ-karaḥ |
anna-vyavahite kukṣau jāyate vedanaiva ca||19.12 ||
Wenn er soeben (erst) gegessen hat, soll die (Praxis) nicht ausgeführt werden, weil der Verschluss für den (Yogin dann) schwierig ist. Wenn der Bauch durch Nahrung blockiert ist, entsteht auch nur Schmerz.
na kāryaḥ kṣudhitenāpi tathā viṇ-mūtra-veginā |
abhyāsinā ca bhoktavyaṃ stoka-stokam anekadhā||19.13 ||
(Die Praxis) soll auch nicht von einem ausgeführt werden, der hungrig ist, desgleichen (nicht) von einem, der den inneren Drang verspürt, Stuhl oder Urin (auszuscheiden). Der Praktizierende soll aber öfters - immer ganz wenig - essen.
ekāvasthā yadā pūrṇā vedho 'yaṃ brahma-granthitaḥ |
tadā daṃśo bhaven madhye kiñ-cid ānanda-darśanam||19.14 ||
Wenn eine Stufe abgeschlossen ist, (geschieht) das Durchbohren im Knoten Brahmas. Dann entsteht ein Stechen in der Mitte, (und) ein wenig das Wahrnehmen von Glückseligkeit.
śūnyatānupraveśo 'pi vicitra-kṣaṇa-saṃbhavaḥ |
anāhatas tadā śabdo bhaveta madhyamā-mukhāt||19.15 ||
Ferner (geschieht) der Eintritt in die Leere, dessen Entstehungsursache der wunderbare Augenblick ist. Dann entsteht der unangeschlagene Ton, aus der Öffnung (der Göttin) der Mitte heraus.
tadā cihnāni jāyante yogināṃ bāhya-dehataḥ |
kathyante tāni sarvāṇi saṅkṣepād anupūrvaśaḥ||19.16 ||
Dann erscheinen Anzeichen am äußeren Körper der Yogis. Diese alle werden in aller Kürze der Reihe nach genannt.
śubha-kāyaḥ su-bhojī ca prauḍha-vahnir balānvitaḥ |
su-matiś ca su-kāntiś ca su-netraḥ sa-rasādharaḥ||19.17 ||
(Er hat) einen ansehnlichen Körper, auch einen guten Appetit, ein starkes (Verdauungs-)Feuer, (er ist) kräftig und verständig, von großem Liebreiz auch, (er hat) schöne Augen, feuchte Lippen, ...
su-bhagaś ca su-gandhaś ca sukhī sarvāṅga-sundaraḥ |
saṃpūrṇa-hṛdayo bhogī yogī prathamato bhavet||19.18 ||
... (er ist) liebenswürdig und wohlriechend auch, glücklich, am ganzen Körper schön. Aufgrund (des Erreichens) der ersten (Stufe) wird der Yogin zu einem, der mit erfülltem Herzen genießt.
Kapitel 20: Die Untersuchung der Topf-Stufe – ghaṭāvasthā-vivekaḥ
dvitīyāyām avasthāyāṃ yogī dṛḍhāsano bhavet |
āsane su-dṛḍhe bhūte vāyur madhyaṃ viśaty asau||20.1 ||
Auf der zweiten Stufe bekommt der Yogin eine stabile Sitzhaltung. Wenn die Sitzhaltung sehr stabil geworden ist, tritt der (Lebens-)Wind in die Mitte ein.
kiñ-cid-vāyu-praveśena yogināṃ jñāna-saṃbhṛtiḥ |
sañjāte jñāna-saṃbhāre yogī deva-samo bhavet||20.2 ||
Durch ein geringfügiges Eintreten des (Lebens-)Windes (in den zentralen Energiekanal entsteht) den Yogis ein hoher Grad an Erkenntnis. Wenn ein hoher Grad an Erkenntnis entstanden ist, ist der Yogin einer, der den Göttern gleicht.
su-jīvī su-manāḥ śūro gaṇḍākṣa-kaṇṭha-pūritaḥ |
dṛḍha-deho dṛḍhāsphālaḥ sphītaḥ sarvāṅga-niṣṭhuraḥ||20.3 ||
Er hat ein leichtes Leben, ist wohlgemut, mutig, seine Wangen, Augen und Kehle sind voll. Sein Körper ist stark, das Zurückprallen ist intensiv, er ist in einem gedeihlichen Zustand, mit ganzem Körper hingegeben, ...
mahā-balo mahā-vīryo nityotsāhī pramoditaḥ |
tattva-jño vidhi-jño vijñaḥ sarva-jña-bodhi-bodhitaḥ||20.4 ||
... (er ist körperlich) überaus stark, hat große Manneskraft, ist allzeit enthusiastisch, fröhlich, kennt die (höchste) Wirklichkeit, kennt die vorgeschriebenen (rituellen) Regeln, ist durch das Erwachen des Allwissenden erwacht, ...
prabuddho vibudho dhīmān dhyānī dhyāna-vidhānakaḥ |
śubhākāraḥ śubhācāraḥ śubhādhāraḥ śubhāśayaḥ||20.5 ||
... (er ist) hellsichtig, verständig, weise, (stets) kontemplativ, bringt Meditation(stechniken) hervor, hat eine hübsche Erscheinung, eine tugendhafte Lebensweise, ist bodenständig, gutherzig, ...
sarva-lakṣaṇa-saṃpūrṇo aśeṣa-doṣa-varjitaḥ |
jñāta-jñāno dvitīyāyāṃ yogī loke virājate||20.6 ||
... (er ist) mit allen glücksverheißenden Merkmalen vollständig (versehen), von sämtlichen Mängeln frei: als einer, der die (höchste) Erkenntnis erkannt hat, erstrahlt der Yogin auf der zweiten (Stufe) in der Welt.
saṃpūrṇāyāṃ dvitīyāyām ati-śūnyaṃ prajāyate |
bherī-śabdas tadā madhye vimarda-kṣaṇa-saṃbhavaḥ||20.7 ||
Wenn die zweite (Stufe) vollendet ist, entsteht die außerordentliche Leere. Dann (entsteht) der Klang von Kesselpauken inmitten (des Kehl-Chakras), dessen Entstehungsursache der Augenblick der Vernichtung ist.
dvitīyāyām avasthāyāṃ vāyu-saṃpuṭa-yogataḥ |
tenāsyāḥ sarvato lokair ghaṭa ity abhidhīyate||20.8 ||
Aufgrund der Methode (der Verschmelzung der beiden) Lebens-Winde auf der zweiten Stufe - (wie) in einem Schmelztiegel - wird diese überall von den Leuten "Topf" genannt.
Kapitel 21: Die Untersuchung des Feuers der Zeit – kālānala-vivekaḥ
ghaṭitvā sarva-gātrāṇi chittvā mārgau ca pārśvataḥ |
gṛhītvā sarva-tattvāni vāyur bhavati madhya-gaḥ||21.1 ||
Wenn er den gesamten Körper (wie einen Topf) verschlossen, und die beiden seitlichen Energiekanäle unterbrochen hat, fließt der (Lebens-)Wind - alle Elemente mit sich ziehend - durch den mittleren (Kanal).
yadā vāyuḥ pravṛddho 'yaṃ madhyamā-sphuṭitārgalaḥ |
tadā sañjāyate vahniḥ kālānala-kṣayaṅ-karaḥ||21.2 ||
Wenn der intensivierte (Lebens-)Wind den Riegel (vor dem Kanal der Göttin) der Mitte aufspringen lassen hat, dann entsteht ein Feuer, das das Feuer der Zeit vernichtet.
bindūnāṃ patanānandaḥ kālo 'yaṃ ca kalevare |
bindu-pātena vṛddhatvaṃ mṛtyur bhavati dehinām||21.3 ||
Die Glückseligkeit des Fallens der Tropfen (ist) aber der Tod im Körper. Durch das Fallen des Samens kommt das Greisenalter (und) der Tod der Menschen zustande.
Kapitel 22: Die Untersuchung der natürlichen Glückseligkeit – sahajānanda-vivekaḥ
sa eva recako vāyur jetavyo yogibhiḥ sadā |
yo 'sau bāhya-gato dehe bindunā saha yogataḥ||22.1 ||
Gerade der entleerende (Lebens-)Wind ist von den Yogins allzeit zu meistern, der in Verbindung mit dem im Körper (befindlichen) Samen nach außen geht.
jitvā sa ūrdhva-go vāyur yadā madhya-gato bhavet |
kālānandaṃ tadā jitvā sahajānanda-saṃbhavaḥ||22.2 ||
Sobald dieser (nun) gemeisterte (Lebens-)Wind durch den mittleren (Kanal) aufwärts fließt, dann tritt - da die an die Zeit (gebundene) Glückseligkeit überwunden wurde - die natürliche Glückseligkeit in Erscheinung.
saṃśodhya pūrva-karmāṇi kleṣākleśa-kṛtāni ca |
udayaty ayam ānandas tamasīva divā-karaḥ||22.3 ||
Nachdem sie frühere Handlungen, die (in Verbindung mit) Leiden (oder) ohne Leiden vollführt wurden, bereinigt hat, kommt diese Glückseligkeit zum Vorschein – wie die Sonne in der Finsternis.
Kapitel 23: Die Untersuchung von prakṛti und guṇa – prakṛti-guṇa-vivekaḥ
tadā prakṛtayo naṣṭā yatas tāḥ karma-saṃbhavāḥ |
prakṛter nāśataḥ śīghraṃ guṇā naśyanti yoginaḥ||23.1 ||
Dann sind die Prakritis vernichtet, weil diese ihren Ursprung in den (früheren) Handlungen haben. Aufgrund der Vernichtung der Prakriti verschwinden schnell die Gunas des Yogin.
yadā naṣṭā guṇāḥ sarve yogināṃ karma-yogataḥ |
tadā pañca kaṣāyāś ca nimajjanti niyantritāḥ||23.2 ||
Sobald alle Gunas der Yogis - aufgrund iher Verbindung mit den (früheren) Handlungen - verschwunden sind, dann verschwinden auch die fünf Unreinheiten, (da sie nun) eingedämmt sind.
Kapitel 24: Die Untersuchung der Vollkommenheit des Körpers – kāya-siddhi-vivekaḥ
yadā siddhiḥ kaṣāyānāṃ bindu-dvayasya melakam |
siddhaṃ tadā vijānīyāt kāyaṃ sarva-guṇānvitam||24.1 ||
Wenn die Beseitigung der (fünf) Unreinheiten (und) die Vereinigung der beiden Tropfen gelungen ist, dann kann man erkennen, dass der Körper vollkommen (und) mit allen Vorzügen versehen ist.
śītātapa-tṛṣā-trāsa-kāma-lobhādi-varjitaḥ |
ādhi-vyādhi-jarā-duḥkha-śoka-sāgara-pāragaḥ||24.2 ||
Frei von Kälte, Hitze, Durst, Furcht, Verlangen, Gier usw., (ist er) ans jenseitige Ufer des Ozeans von Seelennot, Krankheit, Alter, Leid und Kummer (gelangt).
Kapitel 25: Die Untersuchung der Vollkommenheit des Atems – vāyu-siddhi-vivekaḥ
siddha-kāyo yadā yogī hṛdaya-granthi-bhedataḥ |
mahā-śūnyaṃ tadāyātaṃ kṣaṇaṃ vilakṣaṇaṃ tadā||25.1 ||
Wenn der Yogin einen (derart) vollkommenen Körper hat, dann ist aufgrund des Durchstoßens des Knotens im Herzen die Große Leere gekommen – (und) dann: der nicht näher zu charakterisierende Augenblick.
śabdo 'pi mardalo madhye tadā sañjāyate dhruvam |
tadāsau niścalo vāyuḥ sthira-samādhi-madhya-gaḥ||25.2 ||
Dann entsteht gewiss auch der Klang einer Trommel in der Mitte (zwischen den Augenbrauen). Dann ist der (Lebens-)Wind unbeweglich (und) befindet sich aufgrund einer anhaltenden Sammlung im mittleren (Kanal).
vāyu-siddhis tadā dehe jñātavyā yogibhiḥ sadā |
vāyu-siddhir yadā dehe saṃvittir jāyate tadā||25.3 ||
Dann ist von den Yogis die Vollkommenheit des (Lebens-)Windes im Körper zu bemerken. Wenn die Vollkommenheit des (Lebens-)Windes im Körper (bemerkt wird), dann entsteht (vollkommenes) Gewahrsein.
saṃvitter ṛddhayaḥ sarvāḥ saṃbhavanti ca yoginām |
yadā saṃdṛśyate ṛddhis tadā siddhir adūrataḥ||25.4 ||
Infolge des (vollkommenen) Gewahrseins entstehen den Yogis auch sämtliche übernatürlichen Kräfte. Wenn die übernatürliche Kraft zum Vorschein kommt, dann ist die Erlösung nicht mehr weit.
Kapitel 26: Die Untersuchung des samādhi – samādhi-vivekaḥ
yo 'sau siddhi-mayo vāyur madhyamā-pada-niścalaḥ |
tadānanda-mayaṃ cittam eka-rūpaṃ nabhaḥ-samam||26.1 ||
Wenn der (Lebens-)Wind – vollkommen (und) bewegungslos – am Ort (der Göttin) der Mitte (weilt), dann ist das Bewusstsein glückselig (und) – gleich dem Himmelsraum – homogen.
yadānanda-mayaṃ cittaṃ bāhya-kleśa-vivarjitam |
bhava-duḥkhāni saṃhṛtya samādhir jāyate tadā||26.2 ||
Wenn das Bewusstsein glückselig ist, frei von äußerlicher Mühsal, dann tritt die Einheitserfahrung ein, (und) beendet die Leiden der weltlichen Existenz.
Kapitel 27: Die Untersuchung des vollkommenen Geistes – siddha-citta-vivekaḥ
yadā samādhi-saṃpannaṃ sahajānanda-saṃbhṛtam |
cittam eva tadā siddhaṃ sarva-duḥkha-bhayāpaham||27.1 ||
Wenn es vollkommen vertraut mit dem Einheitsbewusstsein ist, (und) von der innewohnenden Glückseligkeit genährt, dann ist das Bewusstsein wahrlich wunderkräftig (und) nimmt die Furcht vor allem (zukünftigem) Leid.
Kapitel 28: Die Untersuchung des Kennzeichens der Vollkommenheit des Körpers – kāya-siddhi-lakṣaṇa-vivekaḥ
yat karoti yadā yogī sarvaṃ bhavati tat-kṣaṇāt |
yoginaḥ kāya-siddhasya jānīyāl lakṣaṇaṃ dhruvam||28.1 ||
Wenn alles, was ein Yogin tut, in demselben Augenblick geschieht, (dann) erkenne man (darin) ein sicheres Kennzeichen für einen Yogin, dessen Körper vollendet ist.
Kapitel 29: Die Untersuchung des dritten Zustandes – tṛtīyāvasthā-vivekaḥ
kāya-vyūhādikaṃ yac ca para-pura-praveśanam |
īkṣaṇaṃ śravaṇaṃ dūrāt tat siddha-vāyu-lakṣaṇam||29.1 ||
Was aber die (Erkenntnis der) Anordnung der Teile des Körpers usw. (betrifft, die Fähigkeit des) Eindringens in den Körper eines anderen, das Sehen (und) Hören aus der Ferne - das (sind die) Kennzeichen des gemeisterten (Lebens-)Windes.
sarva-jñatvaṃ tri-kāyasya sarva-jñānāvabodhakam |
lakṣaṇaṃ siddha-cittasya jñātavyaṃ jñāna-śālibhiḥ||29.2 ||
Die Allwissenheit (eines Buddha), die jegliche Erkenntnis (hinsichtlich) der Drei Körper erweckt, ist von denen, die über Erkenntnis (der höheren Wahrheiten) verfügen, als Kennzeichen des vollkommenen Geistes zu erkennen.
[ iti kāya-vāk-cittānāṃ kathyate siddhi-lakṣaṇam | ]
nānā-prakārato yāni sarvāṇi kathitāni ca |
tṛtīyāyām avasthāyāṃ tāni cihnāni yoginām||29.3 ||
[ So wird die Definition der Vollkommenheit von Körper, Stimme und Geist gelehrt. ] All die (Kennzeichen) aber, die hinsichtlich ihrer verschiedenen Außprägungsformen gelehrt wurden, diese (sind) Kennzeichen der Yogis auf der dritten Stufe.
bāhya-jñāna-praṇāśena madhyamā-dhyāna-yogataḥ |
jñāna-paricayo yasmāt tasmāt paricayo mataḥ||29.4 ||
Weil aufgrund des Verschwindens äußerer Wahrnehmungen infolge der Meditation über die (Göttin der) Mitte eine Vertrautheit mit der Erkenntnis (der Wahrheit entsteht), deshalb ist (die dritte als die Stufe der) Vertrautheit bekannt.
Kapitel 30: Die Untersuchung der Kennzeichen der Erlösung zu Lebzeiten – jīvan-mukti-lakṣaṇa-vivekaḥ
rudra-granthiṃ tadā bhittvā pavanaḥ sarva-pīṭha-gaḥ |
prabhāsvara-mayaṃ cittaṃ vipāka-kṣaṇa-bhūṣitam||30.1 ||
Dann, nachdem er den Knoten Rudras durchstoßen hat, fließt der (Lebens-)Wind durch alle heiligen Plätze (des feinstofflichen Körpers). Das Bewusstsein ist (dann) durch und durch leuchtend - geschmückt mit dem Augenblick der Reife.
ekākāraṃ tadā cittaṃ jyotir-maya-vilakṣaṇam |
tadā dundubhi-śabdaś ca siddhālaye prajāyate||30.2 ||
Das Bewusstsein ist dann homogen - nicht näher zu charakterisieren als leuchtend. Dann entsteht in der Heimstatt der Vollkommenen auch der Klang der Kesselpauke.
trayāṇāṃ ca yadā siddhiḥ syāt kāya-vāyu-cetasām |
mahā-siddhis tadā jñeyā jīvan-mukti-phala-pradā||30.3 ||
Aber wenn die Vollkommenheit der Drei - Körper, (Lebens-)Wind und Geist - besteht, dann kann die Große Vollkommenheit erkannt werden, welche die Frucht der Erlösung zu Lebzeiten verleiht.
icchā-samādhi-saṃpanno yogīndro 'pi tadā bhavet |
tadā mahā-samādhiś ca puṇya-śloko vṛkodaraḥ||30.4 ||
Vollkommen vertraut damit, nach Belieben im Einheitsbewusstsein (zu verweilen), wird der vorzügliche Yogin zu einem, dem die Große Vereinigung zuteil geworden ist, dessen Ruf reinigend ist - zu einem Wolfsbauch(-Geistwesen).
tadānanda-mayo yogī sarva-jñaḥ sama-darśanaḥ |
sa vandyaḥ sarva-bhūtānāṃ pūjyaś caiva tri-lokataḥ||30.5 ||
Dann ist der Yogin glückselig, allwissend, schaut auf alles mit gleichen Augen, von allen Wesen zu preisen und gewiss in den drei Welten zu verehren.
avyāhata-gatir nityam avvyāhatekṣaṇa-śrutiḥ |
avyāhatānanda-sandoho 'vyāhata-jñāna-saṃvṛtaḥ||30.6 ||
(Seine) Bewegung ist stets ungehindert, (sein) Sehen und Hören unbeschränkt. Die Fülle (seiner) Glückseligkeit ist unbeschränkt, (und) er ist erfüllt von uneingeschränktem Wissen.
sarvaiśvarya-guṇopeto 'nanta-jñānāśrayo vibhuḥ |
mahā-siddhy-anvito yogī sarva-siddheḥ samāśrayaḥ||30.7 ||
Mit allen Eigenschaften der Allmacht versehen, ein Hort unendlichen Wissens - überall gegenwärtig, ist der Yogin von der Großen Vollkommenheit erfüllt (und) eine Wohnstätte aller übernatürlichen Kräfte.
na dahaty agnitaś cāsau na majjati jalād api |
avadhyaḥ sarva-lokānāṃ yogīndro guṇa-varjitaḥ||30.8 ||
Und er verbrennt nicht durch Feuer, auch geht er nicht durch Wasser zu Grunde. Nicht zu töten - durch wen auch immer - ist der vorzügliche Yogin, der von den (drei) Eigenschaften frei ist.
tasmāt sarva-mayo yogī sarva-bhūta-mayo 'pi saḥ |
sarva-jñānāśrayo nityaṃ sarva-loka-prapūjitaḥ||30.9 ||
Aufgrund dessen enthält der Yogin alles in sich, er (selbst) besteht sogar aus allen Wesen. Er ist ein Hort sämtlichen Wissens, der stets von aller Welt geehrt wird.
santuṣṭas tārayel lokān kruddhaḥ siddhi-vināśakaḥ |
jñāna-siddho hi yogīndro devānāṃ vai bhayaṅkaraḥ||30.10 ||
(Wenn er) zufrieden ist, kann er die Menschen erlösen. (Wenn) zornig, ist er ein Zerstörer (ihres) Erfolgs - denn der durch Erkenntnis vollkommene, vorzügliche Yogin ist sogar für die Götter furchterregend.
bhraman sāṃsārikaṃ cakraṃ bhuvana-traya-pañjaram |
tad bhittvā helayā yogī yāty ānanda-mayo vibhuḥ||30.11 ||
Das Rad des weltlichen Daseins durchwandernd, den Käfig der drei Welten mit Leichtigkeit durchbrechend, geht der Yogin glückselig - (als freier) Herr - von dannen.
evaṃ varṣa-sahasrāṇi lakṣāṇi ca śatāni ca |
parvatāgre guhāyāṃ ca krīḍanti siddha-yoginaḥ||30.12 ||
In dieser Weise - für Hunderte oder Tausende oder Hunderttausende von Jahren - spielen die vollkommenen Yogis auf einem Berggipfel oder in einer Höhle.
viraktā bāhya-vijñāne raktāḥ samādhi-madhyataḥ |
tiṣṭhanti vijane sthāne yogino jñāna-cakṣuṣaḥ||30.13 ||
Gleichgültig gegenüber äußerlicher Wahrnehmung, verzückt inmitten des Allbewusstseins, weilen die Yogis, die mit dem inneren Auge schauen, an einem menschenleeren Ort.
evaṃ-bhūtāś ca tiṣṭhanti dṛśyante kārya-śālinaḥ |
jīvan-muktāś ca te jñeyā ye siddhā jina-rūpiṇaḥ||30.14 ||
Und so leben sie fort, deren Wirken sich als rühmenswert erweist. Diese Vollkommenen aber, die die Gestalt von Jinas haben, sind als zu Lebzeiten Erlöste zu erkennen.
Kapitel 31: Die Untersuchung der mahā-mudrā – mahā-mudrā-vivekaḥ
niṣpannā yoginaś cātra śeṣāvasthāsv avasthitāḥ |
niṣpanna iti tenāsyā nāmākhyātaṃ jagat-traye||31.1 ||
(Diejenigen) Yogis werden aber auf dieser (Stufe) vollendet, die auf den (drei) übrigen Stufen beständig sind - deshalb wird ihre Erscheinungsform in den drei Welten mit "der Vollendete" bezeichnet.
niṣpanno 'yaṃ yadā yogī brahma-dvāreṇa niḥsṛtaḥ |
tadā vīṇā-dhvanis tatra vāyuḥ śabdāyate kalam||31.2 ||
Wenn der vollendete Yogin durch die Tür zum Absoluten (aus der Sushumna) herausgetreten ist, dann ertönt dort zart der (Lebens-)Wind als der Klang einer Vina.
mahā-mudrādi-bhedena mahā-mudrā ca yoginām |
saṃpadyate tadāvaśyam asaṅkhyaṃ yoga-lakṣaṇam||31.3 ||
Durch das Durchbohren (der drei Granthis) mit dem Großen Siegel usw. gelingt dann den Yogis auch das Große Mysterium - zwangsläufig (zusammen mit den) ungezählten Kennzeichen der mystischen Vereinigung.
Kapitel 32: Die Untersuchung der Anzeichen eines unvollkommenen Körpers – asiddha-kāya-lakṣaṇa-vivekaḥ
nānyaḥ panthā dvitīyo 'sti muktaye yogino bhuvi |
jīvan-muktiṃ gato yogī mahā-mukti-padaṃ vrajet||32.1 ||
Es gibt keinen anderen, zweiten Weg zur Befreiung für den Yogin auf Erden. Der Yogin, der die Befreiung zu Lebzeiten erreicht hat, gelangt in den Bewusstseinszustand der Großen Befreiung.
na muktir mṛta-kāyasya vimārga-patitasya ca |
prakṛtiṃ karmato dṛṣṭvā maraṇaṃ prakṛter guṇaḥ||32.2 ||
Es gibt keine Befreiung für den, dessen Körper gestorben ist, oder der auf einen falschen Weg geraten ist. Nachdem man die Natur hinsichtlich (ihrer) Wirkungen durchschaut hat, (erkennt man, dass) das Sterben eine Eigenschaft der Prakriti ist.
tāvad buddho 'py asiddho 'sau naraḥ sāṃsāriko mataḥ |
yāvad dravati bījendro dehato brahma-rūpakaḥ||32.3 ||
Sogar wenn er erwacht ist, wird er als ein Unvollkommener, noch im Kreislauf des Lebens sich befindender Mann betrachtet, solange die Essenz (in Form) des Samens in Gestalt von (Gott) Brahma aus (seinem) Körper läuft.
asiddhaṃ tad vijānīyād vapur abrahma-cāriṇām |
jarā-maraṇa-saṅkīrṇaṃ sarva-kleśa-samāśrayam||32.4 ||
(Als) unvollkommen soll man den Körper der nicht Enthaltsamkeit Übenden erkennen, (da) er mit Alter und Tod befleckt (und) eine Wohnstätte sämtlicher Beschwerden ist.
Kapitel 33: Die Untersuchung der Anzeichen eines unvollkommenen Atems – asiddha-vāyu-lakṣaṇa-vivekaḥ
yāvad vimārga-go vāyur niścalo naiva madhya-gaḥ |
asiddhaṃ taṃ vijānīyād vāyuṃ karma-guṇānvitam||33.1 ||
Solange wie der Atem sich auf dem falschen Pfad bewegt (und daher) weder bewegungslos ist, noch gar sich in der Mitte befindet, soll man den Atem als unvollkommen erkennen, (da) er mit den Eigenschaften der Bewegung behaftet ist.
Kapitel 34: Die Untersuchung der Transformation der grobstofflichen Elemente – mahā-bhūta-pariṇāma-vivekaḥ
yāvac cittaṃ calad dehe bāhya-jñāna-samākulam |
asiddhaṃ tad vijānīyān nibaddhaṃ karma-rajjubhiḥ||34.1 ||
Solange wie der Geist sich im Körper hin und her bewegt - verworren durch äußere Wahrnehmungen - soll man ihn als unvollkommen erkennen, (da) er mit den Stricken der Aktivität gebunden ist.
ūrdhva-retā yadā yogī gṛhīta-citta-mārutaḥ |
kāya-vāk-citta-saṃsiddhiṃ dhyānād evopalakṣayet||34.2 ||
Wenn der Yogin (seinen) Samen oben (behält, sowie) den Geist und den Atem zum Stillstand gebracht hat, kann er - allein durch Kontemplation - die Vollkommenheit von Körper, Stimme und Geist erkennen.
evaṃ samādhi-saṃpanna ānanda-traya-nanditaḥ |
śarīra-gopanaṃ kuryād aiśvaryeṇa ca yoga-dhṛk||34.3 ||
(Wenn) er auf diese Weise vollkommen vertraut mit dem Einheitsbewusstsein (und) in den drei Wonnen selig ist, (dann) kann der Yogin auch vermöge (seiner) übernatürlichen Kraft das Unsichtbarwerden (seines) Körpers bewirken.
Kapitel 35: Die Untersuchung des nirvāṇa – nirvāṇa-vivekaḥ
tadānanda-mayo yogī jñāna-kāyo mahodayaḥ |
avyayo niṣkalo vyāpī śivaḥ sarva-gato vibhuḥ||35.1 ||
Dann ist der Yogin glückselig, eine Wohnstatt des Wissens, des Großen Segens (teilhaftig), unveränderlich, ganz, alldurchdringend, segensreich, allgegenwärtig, mächtig.
viśuddha-jñāna-deho 'sau prapañca-guṇa-varjitaḥ |
sarva-jñaḥ sarva-go nityaḥ satyārtho 'pi mahodayaḥ||35.2 ||
Er (besitzt einen) Körper reiner Erkenntnis, ist frei von den Eigenschaften der Welt der Erscheinungen, allwissend, allgegenwärtig, ewig, hat die Wahrheit zum Ziel (und verfügt über die) letzte Befreiung der Seele.
Kapitel 36: Abschluss
niryāsaṃ sarva-tantrāṇāṃ sarva-darśana-saṃmatam |
ghṛtam iva bahu-kṣīrād uddhṛtaṃ yatnato mayā||36.1 ||
Die Essenz aller tantrischen Lehrwerke, die mit (der Essenz) aller philosophischen Systeme übereinstimmt, wurde von mir sorgfältig extrahiert - wie Butterschmalz aus reichlich Milch ...
nāmnā amṛta-siddhiś ca siddhi-sopāna-paddhatiḥ |
śrīman-mādhava-candreṇa kṛteyaṃ yogināṃ śubhā||36.2 ||
... und dieser (wie eine Stufen-)Leiter (hilfreiche) Leitfaden zur Vollkommenheit namens Das Erlangen der Unsterblichkeit wurde (schließlich von mir,) dem erhabenen Madhava Chandra, (als) ein Licht für die Yogis verfasst.
yāvat sāṃsārikam cakraṃ bhramati graha-vigraham |
tāvaj jīyāt tri-lokeṣu śrī-virūpākhya-santatiḥ||36.3 ||
Solange wie das ergreifende und trennende Rad des Kreislaufs des Lebens sich dreht, solange möge die Traditionslinie des erhabenen (Meisters) namens Virupa in den drei Welten siegreich sein.
kṛtam ātma-prabodhāya pramodāya ca yoginām |
mṛṣā-jñānavatāṃ puṃsāṃ camat-kārāya kevalam||36.4 ||
(Dieses) Werk (dient) dem Erwachen des Selbstes, und der großen Freude der Yogis, (jedoch) den Menschen, die unwissend sind, lediglich dem Erstaunen.
su-sabhyānāṃ prabodhāya tathā vivartma-śālinām |
ku-tarka-ku-matīnāṃ ca kṛto 'yaṃ capala-grahaḥ||36.5 ||
Für das Erwachen der Wohlgebildeten, (doch) ebenso für diejenigen, die sich auf dem falschen Weg befinden, und für diejenigen, die eine schlechte Dialektik bzw. Logik und falsche Ansichten haben, wurde diese Fisch-Reuse (bzw. dieser Wind-Fänger) gemacht.
śukrasya amṛtaṃ vācyaṃ mokṣasya jīvitasya ca |
trayāṇāṃ kathitā siddhir (a)mṛta-siddhir ihocyate||36.6 ||
Mit Unsterblichkeitsnektar ist der (männliche) Samen, das Leben und die Erlösung gemeint. Die Vollkommenheit dieser (genannten) drei, die gelehrt wurde, wird nun die Beseitigung des Todes genannt.
svarge martye ca pātāle ye ca tiṣṭhanti dehinaḥ |
teṣāṃ sukham avicchinnaṃ pravartatāṃ nabhaḥ-samam||36.7 ||
Möge den Verkörperten (Wesen), die sich im Himmel, und in der Welt der Sterblichen, und in der Unterwelt befinden, Glück - ununterbrochen wie der Himmelsraum - zuteil werden.
tribhir grantha-śataiḥ sarvaṃ yogopāya-sa-lakṣaṇam |
proktaṃ guṇavatāṃ yatnāc cakṣur-bhūtaṃ ca nirmalam||36.8 ||
In dreihundert Versen ist (somit) das ganze (Werk, d.h.) die Methode der Mystischen Vereinigung samt den Anzeichen (der Fortschritte) sorgfältig - und als ein klares Auge für diejenigen, die mit (löblichen) Eigenschaften versehen sind - gelehrt.
Schluss
|| ity amṛta-siddhiḥ samāptā '||
Somit ist (das Werk namens) "Das Erlangen der Unsterblichkeit" vollendet.
Amrita Siddhi – deutsche Fassung, inspirierend und textnah
Nur deutsche Versfassung mit exakter Verszählung. Für Verwendung im Yoga Unterricht, in Yoga Weiterbildungen, bei denen Inspiration wichtiger ist als textkritische Genauigkeit.
0.1. Im Nabel leuchtet der weiße Lotus; darüber strahlt der reine Sonnenkreis. In der Mitte des dreifachen Weges verehre ich die Yogini, die Gestalt der Weisheit, die Mutter der drei Welten, die Yoga-Mudra, die die Furcht vor dem Tod nimmt.
1.1. Verehrung dem ehrwürdigen Virupa, dem Bewahrer der Überlieferung, dem Guru, der die Karawane derer führt, die dem Weg der Vollkommenen folgen.
1.2. Verehrung dem verehrungswürdigen Guru, dem heilenden Meister: Mit dem Nektarstrom der Erkenntnis hat er den Schlaf zerstört, den das Gift der Unwissenheit in mir hervorgerufen hatte.
1.3. Hier wird die Vollendung des Nektars der Unsterblichkeit gelehrt: zum Erwachen der Würdigen, zur eigenen Ermutigung, zur Beruhigung und zur Befriedung des Stolzes der Unreifen.
1.4. Was hier gelehrt wird, wird von den Erkennenden geschätzt; denn die Weisen, frei von Anhaftung, erfreuen sich an höchster Glückseligkeit.
1.5. Aus Unwissenheit soll niemand diese Lehre verwerfen. Vor dem Wort der Wahrheit soll man vielmehr die eigene Unwissenheit erkennen.
1.6. Wie aus Milch durch Quirlen die Essenz gewonnen wird, so wurde diese Lehre durch die Gnade des Gurus aus vielen tantrischen Lehrwerken herausgezogen.
1.7. Das Wissen ist eines; die Vollkommenen haben es in großer Weite auf verschiedene Weise gelehrt. Wer den Weg verfehlt, bringt es in Verwirrung.
1.8. Manche kennen alle Schriften und durchwandern die Erde bis zu den Ozeanen; dennoch verirren sie sich auf den Wegen der Erkenntnis wie Gazellen im Sonnenlicht.
1.9. Aus dem Mund eines vollkommenen Gurus habe ich die höchste Wahrheit samt ihrer Methode empfangen; daher lehre ich nun kurz die geheime Bedeutung der Lehren.
1.10. Die inneren Essenzen des Körpers und die verschiedenen Dinge, die zu meistern sind, werde ich kurz und der Reihe nach darlegen.
1.11. Es geht um den Körper, die mittlere Kraft, den Mond, die Sonne und das Feuer, um das Prinzip des Atems, um Bindu, Geist, Prakriti und die Gunas.
1.12. Es geht um Mahamudra, Mahabandha und Vedha, um Praxis und Praktizierende, um Stufen des Weges, um Amrita, Zeit, Glückseligkeit, Meditation und Nichtdualität.
1.13. Es geht um den großen Segen, die große Vollkommenheit, das Vergehen der groben Elemente, die wahre Bedeutung von Mahamudra und den Bereich des großen Nirvana.
1.14. All dies kann hier nicht ausführlich entfaltet werden; darum wird zuerst die Größe des Körpers kurz beschrieben.
1.15. Im Körper ist der heilige Meru, umgeben von den sieben Kontinenten, verbunden mit den drei Welten und den vierzehn Ebenen.
1.16. Dort sind Ozeane und Flüsse, heilige Felder und ihre Hüter, geheime Versammlungsorte, heilige Badeplätze, Kraftorte und die Gottheiten dieser Kraftorte.
1.17. Dort sind Mondhäuser und Planeten, Seher und Weise, Mond und Sonne, die sich bewegen und Schöpfung und Auflösung bewirken.
1.18. Dort sind Raum, Wind, Feuer, Wasser und Erde; dort sind Vishnu, Shiva, Brahma und die göttlichen Kräfte in sichtbarer und transzendenter Gestalt.
1.19. Alle Grundprinzipien der drei Welten sind im Körper enthalten. Was im Körper als Grundprinzip erkannt wird, ist nicht anderswo zu suchen.
1.20. Durch großes spirituelles Verdienst wird das Menschsein erlangt. Wer im Wort des Gurus fest gegründet ist, geht nicht wieder in den Kreislauf ein.
1.21. Erkenne den wahren Guru und verneige den Körper zu seinen Füßen; dadurch lösen sich die großen Leiden des Daseins auf.
2.1. Um Meru herum entfaltet sich überall das Wirken des Lebens. Inmitten von Meru steht der unvergleichliche Weg, genannt die Mittlere.
2.2. In ihr sind zwei heilige Tore, eines oben und eines unten. Das untere Tor öffnet sich von selbst bei Schöpfung und Tod.
2.3. Gesegnet sind die Weisen in dieser sterblichen Welt, kraftvoll und stark: Sie sind durch das Tor der Schöpfung eingetreten und gehen nun zum Tor der Befreiung.
2.4. Diese Göttin ist die Große Weisheit, selbst für die Götter schwer zu erlangen. Sie wird Mutter aller genannt und lässt Unwissenheit vergehen.
2.5. Am Tor der Schöpfung stehen alle machtvollen Göttinnen; am Tor der Befreiung steht der Herr in seiner sichtbaren und transzendenten Gestalt.
2.6. Manche nennen sie Avadhuti, manche Verbrennungsplatz, manche den Großen Pfad; andere nennen sie Grundlage, Sushumna oder Sarasvati.
2.7. Die Namen unterscheiden sich je nach Lehre; für die mit dem inneren Auge Schauenden ist sie immer die Eine. Auf ihr beruhen die Grundprinzipien im menschlichen Körper.
2.8. Zwischen Ganga und Yamuna fließt die Eine, von Freude erfüllt. Wer im Zusammenfluss dieser Ströme badet, gelangt gesegnet zum höchsten Ziel.
3.1. Auf dem Gipfel des Meru steht der Mond mit sechzehn Phasen. Nach unten gewandt lässt er Tag und Nacht taugleichen Nektar herabregnen.
3.2. Der Nektar der Unsterblichkeit, der von ihm kommt, ist von den Wirklichkeitserkennenden als zweifach zu verstehen: Durch Ida fließt das Wasser der Mandakini zur Ernährung.
3.3. Durch die Wege der feinen Nadis nährt es den ganzen Körper. Diese Mondgestalt befindet sich im linken Kanal.
3.4. Der andere Mond, hell wie Jasminblüten, bewegt sich, wenn seine Kraft zusammengezogen wird, zum Zweck der Schöpfung durch den mittleren Weg herab.
4.1. Am Wurzelort der Mittleren steht die Sonnenscheibe, erfüllt von zwölf Kräften und leuchtend aus ihren eigenen Strahlen.
4.2. Durch den rechten Kanal strömt der Herr der Geschöpfe aufwärts, von scharfer, feuriger Gestalt. Durch die Räume der feinen Nadis durchdringt er den ganzen Körper.
4.3. Die Sonne verschlingt den Ausfluss des Mondes, bewegt sich in den Kreisen der Winde und verbrennt die sieben Körpergewebe in allen Körpern.
4.4. Diese Sonne ist im Menschen eine höchste Gestalt. Im rechten Weg fließt sie gemäß der Verbindung der Kräfte und bewirkt Schöpfung und Auflösung.
4.5. Wenn die Sonne ihren südlichen und nördlichen Lauf verlässt und mit Meru im Gleichgewicht steht, erkenne dies als innere Tagundnachtgleiche, als heilige Zeit im Körper.
4.6. Yogis, die durch Praxis kraftvoll geworden sind und diese innere Tagundnachtgleiche erkannt haben, vollziehen zur rechten Zeit den Hinausgang mit Leichtigkeit.
4.7. Jahreszeit, Dämmerung, Tag und Nacht, die kleinsten Zeitmaße, Aufnahme und Ausströmung: Alles entsteht aus der Sonne.
4.8. Wenn durch Yoga eine Verbindung von Sonne und Mond entsteht, ist dies außen Schöpfung; im Inneren aber entsteht Yoga.
4.9. Erkenne dies als Finsternis, außen und innen. Außen ist es die heiligste Zeit; innen aber entsteht Befreiung.
4.10. Wenn die Sonne die Mondscheibe aus dem Himmelskreis ergreift, entsteht ihre gegenseitige Verbindung. Darum wird es Yoga, Vereinigung, genannt.
4.11. Wenn Sonne, Feuer und Rahu im Körper aufwärts steigen und der Mondnektar nach unten geht, entsteht für den Menschen der Tod.
4.12. Wenn jedoch alle Grundprinzipien im Körper aufwärts streben, dann werden Sonne und Mond zu Spendern der Befreiung.
5.1. Unterhalb der Mitte der Sonnenscheibe wohnt, mit zehn Kräften versehen, im Bereich unterhalb des Nabels das Feuer, das die Nahrung verdaut.
5.2. Wahrlich, das Feuer ist die Sonne, und die Sonne ist das Feuer. Beide werden als eins erkannt, nur durch einen feinen Unterschied unterschieden.
5.3. Solange das Zeitfeuer im Körper in der Mitte der Sonne steht, solange bleibt der nektarvolle Strom des Bindu ununterbrochen.
5.4. Das Feuer schenkt Kraft, das Feuer schenkt Leben. Solange dieses Feuer in seinem natürlichen Zustand ist, ist der Mensch frei von Krankheit.
6.1. Verehrung dem Atem, dem Lebenshauch der Welten, der in den Verkörperten als Bewusstsein erscheint, der Essenz der Elemente, dem Herrn Vayu.
6.2. Durch seine Gnade allein entfaltet sich die Tätigkeit des Lebens; durch ihn werden Erde und die anderen Elemente jeweils getragen.
6.3. Alle Welten, alle Meere und alle Ebenen des Daseins bestehen in jeder Hinsicht durch die Kraft der Winde.
6.4. Die Planeten kreisen auf ihren Bahnen und halten die Welt in ihrer Ordnung allein durch den einen mächtigen Wind.
6.5. Wie der Wind in den äußeren Kreisen und Welten gepriesen wird, so ist der Atem im Inneren des Körpers der eine höchste Herrscher.
6.6. Der Lebenswind wirkt an vielen Orten und vollbringt viele Aufgaben. Im Körper gibt es kein wichtigeres Prinzip als den Atem.
6.7. Prana wohnt beständig im Herzen, Apana im unteren Bereich, Samana in der Nabelgegend und Udana immer in der Kehle.
6.8. Vyana durchdringt den ganzen Körper. Diese fünf sind die wichtigsten Winde; ihre Unterscheidung kann hier nicht vollständig ausgeführt werden.
6.9. Die fünf Nebenwinde, Naga und die anderen, wirken in den fünf Sinnesorganen; durch ihre jeweiligen Aufgaben ermöglichen sie die Verarbeitung der Wahrnehmungen.
6.10. Auch wenn im Körper unzählige Winde genannt werden, gelten Prana und Apana als die beiden wichtigsten Wirkkräfte.
6.11. Prana ist als mondhaft zu erkennen, Apana als sonnenhaft. Diese beiden Lenker des Körpers bewirken Kommen und Gehen.
6.12. Sie bewirken Schöpfung und Auflösung, sie geben Glück und Leid. Durch sie wachsen die Wesen, und durch sie vergehen sie.
6.13. Die Vereinigung dieser beiden soll von denen, die Befreiung suchen, eifrig und beständig geübt werden. Durch sie entsteht für Entschlossene jede Vollendung.
6.14. Im Körper gibt es nichts Höheres als das Prinzip des Atems; er wirkt beständig, denn als bewusste Kraft vollbringt der Wind alle Aufgaben.
6.15. Er entzündet das Feuer, verdaut die Nahrung und lässt den Nahrungssaft wachsen, ganz ohne unser bewusstes Denken.
6.16. Die verschiedenen Krankheiten, die die Weisen im Körper erkennen, entstehen aus scheinbar unbegreiflichen Ursachen; sie alle haben ihren Ursprung im Wind.
6.17. Der Wind bringt Tod und Befreiung, Schöpfung und Beständigkeit. Durch die Verbindung mit dem Wind wird im Körper Bewusstsein erfahren.
6.18. Selbst Brahma und die anderen Götter, mit den drei Gunas versehen, können ihre Aufgaben nicht erfüllen, wenn sie vom Wind verlassen sind.
6.19. Alle verschiedenen Elemente erscheinen nur so lange, wie der Wind-Löwe im Herzen der Wesen wacht.
6.20. Ergreife das Schwert des Windes, durchtrenne damit das Kommen und Gehen des Atems, durchbohre den Weg Brahmas und genieße glückselige Freude.
6.21. Wer die Praxis des Atems aufgibt und nach einer anderen Methode sucht, gleicht einem Toren, der vom Gipfel eines Berges springt und hofft zu leben.
7.1. Der Same, Bindu, wird in den Körpern als die eine ursprüngliche Essenz gepriesen. Alles, was in der Welt erscheint, entsteht aus dieser Essenz.
7.2. Diese Essenz der Körpergewebe ist immer segensreich. In ihr wohnen alle Gottheiten in feiner Gestalt.
7.3. Dies ist Bindu, dies ist der Mond, dies ist der Same, dies ist der heilige Rausch. Dies ist das Prinzip, dies ist das Leben, dies ist die Essenz von allem.
7.4. Alle Wonnen, die im Körper erfahren werden und bis zur Wonne des Aufhörens reichen, entstehen aus Bindu, so wie Mondlicht aus dem Mond entsteht.
7.5. Bindu weist den Weg, schenkt Himmel, Erlösung und Freude. Er kann Ordnung und Unordnung hervorbringen; allzeit und überall wirkt er als Geber von allem.
7.6. Bindu wird durch den Atem gemeistert; es gibt kein anderes Mittel zu seiner Meisterung. In den Zustand, in den der Atem gelangt, dorthin gelangt auch Bindu.
7.7. Wenn Bindu zur Ruhe gebracht wird, vertreibt er Krankheit; gebunden führt er zur Freiheit des Raumes; absorbiert bringt er alle Siddhis; unbeweglich schenkt er Befreiung.
7.8. Bindu ist zweifach zu erkennen: als männlich und als aus der Frau hervorgegangen. Der männliche heißt Same, der weibliche wird Rajas genannt.
7.9. Durch ihre äußere Vereinigung entsteht die Erschaffung der Menschen. Wenn ihre Vereinigung innerlich geschieht, wird man Yogi genannt.
7.10. In Kamarupa wohnt der Same im Gemach des inneren Palastes; durch die Berührung mit Purnagiri bewegt er sich auf dem mittleren Weg.
7.11. In der Mitte des Perineums, an dem großen heiligen Ort, wohnt das Rajas der Wesen, rot wie Hibiskus und getragen vom Prinzip der Göttin.
7.12. Bindu ist als mondhaft zu erkennen, Rajas als sonnenhaft. Ihre Vereinigung ist im schwer zugänglichen inneren Palast zu vollbringen.
7.13. Dies ist die Essenz, dies ist die höchste Lehre, dies gilt als der höchste Yoga. Dies ist der Weg, der Befreiung schenkt; dies ist das tiefste Geheimnis.
7.14. Wer die Vereinigung des Bindu aufgibt und aus Verblendung etwas anderes sucht, wacht wie ein Verwirrter nutzlos unter Shakhotaka-Bäumen.
7.15. Bindu ist Buddha, Bindu ist Shiva, Bindu ist Vishnu und der Herr der Geschöpfe. Bindu ist der Gott, der in allem wohnt, der Spiegel der drei Welten.
7.16. Wie der Atem gemeistert wird, so wird auch Bindu gemeistert. Wie der Zustand des Bindu ist, genau so ist der Zustand des Geistes.
7.17. Wenn der Atem sich bewegt, gilt Bindu als bewegt. Wessen Bindu bewegt ist, dessen Geist ist unruhig.
7.18. Der Herr aller Elemente, Gott in Gestalt des Daseins, der Reine, wohnt in allen Wesen in der Form des Bindu.
7.19. Solange der Atem unstet ist, ist auch Bindu unstet. Solange Bindu im Körper bewegt ist, bleibt auch der Geist unruhig.
7.20. Wenn Bindu sich bewegt, wenn der Geist sich bewegt und wenn der Wind immerzu unstet ist, wird der Mensch geboren und stirbt. Wahr, wahr ist dieses Wort.
7.21. Wahrlich, Nada ist Bindu; und Bindu wird Geist genannt. Nada, Bindu und Geist werden in der Praxis zur Einheit geführt.
7.22. Auch wenn diese im Körper einzeln bestehen, werden sie alle gewiss vollendet, sobald der Wind gemeistert ist.
7.23. Wenn der Atem durch die Verbindung mit der Mitte zur Ruhe kommt, dann kommen Bindu und Geist gemeinsam mit dem Atem zur Ruhe.
7.24. Alle Elemente im Körper sind aus sich selbst unbeweglich. Sie bewegen sich durch die Bewegung der Lebensenergie und kommen zur Ruhe, wenn die Lebensenergie still wird.
7.25. Der Fall des Samens bedeutet Sterben; das Bewahren des Samens bedeutet Leben. Wenn Bindu, das große Juwel, gemeistert ist, entsteht jede Siddhi.
7.26. Wenn der Mondnektar nach unten fließt, folgt für alle Verkörperten der Tod. Wessen Bindu unerschütterlich bleibt, der ist ein Vollkommener im Diamantkäfig.
8.1. Der Geist ist der Lenker des Körpers und der Erfahrende von Freude und Leid. Im Herzen der Menschen wohnt er, seinem Wesen nach rein.
8.2. Der Geist ist formlos und nur an seinen Wirkungen erkennbar. Schwer zu erfassen und jenseits fester Merkmale, besteht er doch wie eine Zaubererscheinung.
8.3. Der Geist ist unzerbrechlich und unverbrennbar, frei von Schnitt und Teilung. Unruhig ist er schwach und hart; ruhig wird er zum Träger des Dharma.
8.4. In Freude lacht er und leuchtet auf; in Lust spielt er und erfreut sich. Als Vernunft sorgt er für das Leben, als Einsicht erkennt er Gefahr.
8.5. Er weint aus Kummer um Angehörige, wird durch Besitz verwirrt, zürnt bei feindlichen Handlungen und erfreut sich am Begehren.
8.6. Der Wandel des Juwels Geist lässt sich nicht vollständig beschreiben. Das vielgestaltige Rad des Samsara entsteht aus dem Geist allein.
8.7. Dharma, Artha, Kama und Moksha, die von den Weisen besungen werden, sind Gestalten des Geistes. Nichts anderes als Geist wird erfahren.
8.8. In allen Sichtweisen gilt das Geistprinzip als das eine zu Meisternde. Wer die Lehren nur so betrachtet und die Methode nicht kennt, fällt ins Leere.
8.9. Wer den Geist nur durch selbstgestützte Anstrengung bezwingen will, nagt in Verblendung an einem Stein und trinkt durstig den Raum.
8.10. Wer keinen vollendeten Stand erreicht hat, ohne Guru-Gnade ist, ohne Überlieferung und voller Unreinheit, lässt den Geist ins Leere laufen.
8.11. Feuer wird nicht durch Feuer besiegt, Wind nicht durch Wind und Wasser nicht durch Wasser; ebenso wird der Geist nicht durch den Geist gemeistert.
8.12. Ein Schwert schneidet sich selbst nicht, auch wenn es äußerst scharf ist. Ebenso wird ein noch so gezügelter Gedankengang nicht durch sich selbst vollendet.
8.13. Wer sich auf den Geist stützt, der von sich aus keine feste Stütze gibt, schläft gleichsam im Meer oder auf einer Wolke und hofft auf Bequemlichkeit.
8.14. Wenn der Geist, der von Natur aus überall ist, mit dem Geist betrachtet werden soll, müsste er durch etwas außerhalb des Geistes erkannt werden.
8.15. Wer die Essenz der Lehren darin sieht, den Geist allein durch den Geist zu beherrschen, gerät auf Pfade ohne Rückkehr wie ein Fisch in die Reuse.
8.16. Aus Mitgefühl mit der Welt wurde von den Füßen des Allwissenden gelehrt: Hört mit wahrhaftiger Gesinnung und ohne falsches Wissen.
8.17. Erkenne: Der Geist reitet im Körper stets auf dem Atem. Wo der Atem weilt, dort weilt gewiss auch der Geist.
8.18. An einer Stelle, die etwa durch einen Schlangenbiss vom Atem verlassen ist, wird der Strom des Bewusstseins nicht wahrgenommen, weil dort das Fleisch verletzt ist.
8.19. Solange der Atem rechts und links in Bewegung ist, erfährt der Geist des Wesens die aus Prakriti geborenen Qualitäten.
8.20. Wenn die Bewegung der beiden Seitenwege unterbrochen ist und der Wind in die Mitte eintritt, dann nimmt er alle Prinzipien mit sich, und der Geist wird allgegenwärtig.
8.21. Dann ist Erkenntnis da, dann Meditation, dann Vollendung, dann Unsterblichkeit. Dann geschieht gewiss das Ineinanderfließen der drei Diamanten.
9.1. Prakriti wird als große Fessel des Geistes bezeichnet, als Erstarren des Windprinzips und als Vergehen des Körpers.
9.2. Was in früheren Geburten gut oder schlecht getan wurde, befindet sich stets im Körper in der Form von Prakriti.
9.3. Prakriti ist zweifach zu erkennen: körperlich und geistig entstanden. Die körperliche zeigt sich als Vata, Pitta und ähnliches; die geistige ist im Bereich der Erkenntniskraft wirksam.
9.4. Freude, Leid und alles Augenblickliche, das im Geist entsteht, sowie Verstand und die anderen inneren Funktionen sind Eigenschaften der Prakriti.
9.5. Was im Geist Augenblick für Augenblick entsteht und vergeht, gleicht Wellen aus dem Ozean; all dies sind Prakritis des Geistes.
9.6. Solange Prakritis bestehen, ist der Geist getrübt. Wenn ihre Gesamtheit aufgelöst ist, gelangt der Geist zu seiner Reinheit.
9.7. Im Körper heißen die Prakritis Vata, Pitta, Kapha und so weiter. Auch sie erfüllen ihre Aufgaben beständig und beeinflussen den Geist.
9.8. Vata ist fünffach zu erkennen, Pitta fünffach, Kapha fünffach. Diese gelten als grundlegende Prakritis.
9.9. In Verbindung mit dem Atem bewirken sie gemäß dem Karma des Menschen Krankheiten, sei es zur Erfahrung von Leid oder zum Tod.
9.10. Hunger, Schlaf, Durst, Ohnmacht, Kälte, Hitze und die daraus entstehenden Zustände sind Eigenschaften der Prakriti.
9.11. Falten, graues Haar, Aussatz, Taubheit, Stummheit, Blindheit, Hinken und Gebeugtsein bewirkt Prakriti im Körper.
9.12. In denen die Prakritis im Körper die Führung übernommen haben, entsteht Yoga nicht, so wie im Dickicht kein Keimling gedeiht.
9.13. Wenn durch Yoga mit dem Atem die Gesamtheit der Prakritis verschwindet, entsteht Erkenntnis wie die Sonne am Ende der Nacht.
9.14. Prakriti verschlingt die Welt; sie selbst wird von nichts Gewöhnlichem verschlungen. Wer sie durch Klarheit verschlungen hat, hat den Tod verschlungen.
10.1. Die Gunas, die im Körper der Wesen des Samsara wohnen, entstehen aus Prakriti: Sattva, Rajas und Tamas.
10.2. Der Körper ist durch die drei Stricke gebunden, und ebenso der Geist. Höre nun kurz ihre Unterscheidung, wie sie gelehrt wird.
10.3. Auch wenn die drei Gunas in der Welt als gleichrangig beschrieben werden, entsteht der sattvige Zustand doch nur wie ein Teil unter Tausenden.
10.4. Gier, Zorn, innerer Hunger, Verachtung, Gewalt, Heuchelei und Unwahrheit, wie sie in der Welt erscheinen, entstehen aus Tamas.
10.5. Schlaf, Benommenheit, Unwissenheit, Trägheit und Verlust der Erinnerung entstehen aus Tamas, besonders nahe am Tod.
10.6. Gesang, Tanz, Musik, Kleidung, Schmuck, Lachen, Reden und Begehren entstehen aus Rajas.
10.7. Zustände, die immer wieder aus dem Verlangen nach sinnlicher Verbindung entstehen, und das Sich-Hingeben an Sexualität sind vor allem Eigenschaften von Rajas.
10.8. Der Körper ist gewöhnlich von Rajas und Tamas beherrscht. Wenn diese beiden schwinden, tritt Sattva gewiss hervor.
10.9. Wenn der sattvige Zustand entsteht, wird dem Menschen der wahre Sinn offenbar. Wenn der wahre Sinn gegenwärtig ist, leuchtet reine Erkenntnis klar auf.
10.10. Wer bei einem Körper, der von Rajas, Tamas und Störungen erfüllt ist, sagt: „Ich bin ein Wissender“, gilt als unwissend und verwirrt.
10.11. Durch eine nur auf sich selbst gestützte Praxis verschwinden diese beiden Gunas nicht. Dafür gibt es eine besondere Mudra, die aus dem Lotusmund des Gurus stammt.
11.1. Nun wird Mahamudra gelehrt, das Große Siegel, das in allen Tantras verborgen ist. Wer es erlangt, wird sogar von den Göttern verehrt.
11.2. Nach unzähligen Geburten und vielen guten Werken erlangen Yogis diese Mudra und erreichen das andere Ufer des Ozeans des Werdens.
11.3. Mit der linken Ferse drücke man sorgfältig den Beckenboden; das rechte Bein strecke man aus und halte den Fuß mit beiden Händen fest.
11.4. Auf dem Sitz richte man das Becken aus, lege das Kinn auf die Brust, verschließe die neun Tore und fülle den Bauch mit Atem.
11.5. Die Aufmerksamkeit bringe man an die Kreuzung der vier Wege; dann beginne man die Lenkung des Prana. Den Lauf von Mond und Sonne unterbrechend, halte man den Wind an.
11.6. Diese Mudra löst die inneren Rückstände auf, aktiviert Bindu und Nada, bewegt alle Nadis und entzündet das innere Feuer.
11.7. Durch die Verbindung von Körper, Stimme und Geist werden Körper, Stimme und Geist gemeistert. Für den Yogi, der den Weg betreten hat, entsteht dies unausweichlich durch Praxis.
11.8. Durch diese Mudra wird dem Yogi gewiss alles möglich. Darum soll Mahamudra mit großer Sorgfalt geübt werden.
11.9. Diese aus sich selbst entstandene Mudra ist größer als alle anderen Mudras. Darum nennen die besten Weisen sie Mahamudra, das Große Siegel.
11.10. Durch sie wird der Tod gebunden; deshalb ist sie immer heilsam. Wer sie im Geist bewahrt, beherrscht damit den Körper.
11.11. Ihr berühmter Name wird aus den ersten Silben der Worte gebildet; er wurde zur Freude derer ausgesprochen, die mit Yoga verbunden sind.
12.1. Wodurch Mahamudra den Yogis gewiss gelingt, wird Mahabandha genannt: der Große Verschluss, der Prana im Körper hält.
12.2. Der Bandha ist zweifach zu erkennen, wie zuvor Bindu erklärt wurde: der Beckenbodenverschluss für die Göttinnen und der Kehlverschluss für den Gott.
12.3. Nach Einatmung und Kumbhaka, während man die furchtnehmende Mudra hält, füge man rasch den Bandha hinzu, der vor Göttern und Asuras verborgen ist.
12.4. Man ziehe Anus und Beckenboden zugleich zusammen, führe Apana nach oben und verbinde ihn mit Samana.
12.5. Der Yogi beginne den Bandha am Tor der Mittleren. Indem er die Kreuzung der drei Wege sorgfältig verschließt, schafft er eine starke Fessel für die Lebensenergie.
12.6. Der Wind steigt auf Prana, lenkt Prana nach unten und reitet dann zum Zweck des Aufstiegs, damit Prana und Apana eins werden.
12.7. Dies ist die höchste Vereinigung im Körper, die den Weg der Vollkommenen offenbart. Erfolg, Einsicht und Stärkung sind nicht anderswo zu finden, wenn man dies verwirft.
12.8. Alle Energieströme, die gewöhnlich abwärts fließen, werden durch diesen großen Bandha umgekehrt.
12.9. Durch den Abwärtsstrom fliehen die Essenzen aus dem Körper, so wie Flüsse ihr eigenes Bett verlassen.
12.10. Wie ein Damm in der äußeren Welt den Strom zurückhält, so sollen Yogis diesen inneren Bandha im Körper verstehen.
12.11. Dieser Bandha wird für alle Nadis gelehrt. Durch seine Gnade werden die Gottheiten offenbar.
12.12. Dieser Bandha an der Kreuzung der vier Wege verschließt drei Pfade und öffnet den einen Weg, durch den die Siddhas zur Glückseligkeit gelangten.
12.13. Dieser Weg, wenn er nach unten führt, wird als Weg von Schöpfung und Tod bezeichnet. Die beiden seitlichen Wege bewirken Verdienst und Schuld.
12.14. Wenn alle Prinzipien im Kumbhaka gesammelt und durch festen Verschluss gehalten werden, wird Udana zum Riegel für die Vereinigung von Prana und Apana.
12.15. Dieser Kehlverschluss hemmt den Aufwärtsfluss aller Nadis. Durch seine Gnade gelingt der Beckenbodenverschluss.
12.16. Diese Methode gilt als Schmelztiegel, jener als Wurzelverschluss. Durch diese allein gelingt den guten Praktizierenden die Dreiheit der Praxis.
13.1. Auch Mudra ist zweifach zu erkennen, wie Bandha zweifach erklärt wurde: Yoni-Mudra für die Göttinnen und Linga-Mudra für den Gott.
13.2. Durch Frau und Mann entsteht die äußere Schöpfung; im Äußeren aber führt diese Verbindung im Körper auch zum Vergehen der schöpferischen Kraft.
13.3. Eine Frau voller Schönheit und Eigenschaften bleibt ohne Mann unfruchtbar. Ebenso bleiben Mahamudra und Mahabandha ohne Vedha fruchtlos.
13.4. Nachdem der Yogi die Kreise des Atems gesammelt und den Bandha wie gelehrt ausgeführt hat, beginne er Vedha, das Durchdringen, mit Atem und Aufmerksamkeit.
13.5. Nachdem die Lebensenergie sehr stark gemacht und zur unteren Öffnung der Mittleren ausgerichtet wurde, durchdringe man die vier heiligen Orte nacheinander mit dem Atem.
13.6. Mit beiden Händen setze man das Zeichen Shivas wie einen unbeweglichen Pfahl auf die Erde; ebenso richte man beide Füße fest nach unten.
13.7. Mit beiden geraden Fußsohlen hebe man das Gesäß an und lasse die Wirbelsäule mit der äußersten Spitze des Atem-Donnerkeils beharrlich aufschlagen.
13.8. Dadurch geschieht das Durchdringen, von der Unterwelt aufwärts durch den ganzen Mikrokosmos. Die Götter inmitten des Meru erzittern durch das Auf- und Niederbewegen der Wirbelsäule.
13.9. Durch das Durchdringen des Meru sterben Brahma und die anderen Gottheiten gewiss. Zuerst geschieht das Durchdringen im Knoten Brahmas.
13.10. Nachdem der Knoten Brahmas durchstoßen ist, durchstößt der Wind den Knoten Vishnus. Nachdem der Knoten Vishnus durchstoßen ist, durchstößt er den Knoten Rudras.
13.11. Nachdem der Knoten Rudras durchstoßen und die Schlingpflanze der Verblendung durchschnitten ist, öffnet der Wind die wohlverborgene Tür zum Absoluten.
13.12. Mahamudra, Mahabandha und als drittes Mahavedha: Durch diese drei geheimen Essenzen gelingt Yoga.
13.13. Wer diese drei Prinzipien kennt, kennt die drei Welten. Wer sie durch glückliche Fügung praktiziert, wird allgegenwärtig und alldurchdringend.
13.14. Gerade im Anspruch auf diese geheimsten Dinge der geheimsten Lehren besteht die wahre Größe des Menschseins, selbst vor den Göttern.
13.15. Durch diese drei Praktiken wird der Mensch mit allen Einweihungen geweiht, mit allen Vollmachten versehen und am Weg der Siddhas beteiligt; anders nicht.
13.16. Wer dieses Mysterium kennt, dessen Größe ist wirklich bedeutungsvoll: Alles wird durch ihn erkannt, dank der Göttin des mittleren Stromes.
14.1. Wer dieses Wissen erlangt hat, hat den Stein der Weisen erlangt, einen Glückstopf gewonnen, einen Wunschbaum und einen großen Schatz.
14.2. Diese geheimnisvolle Dreiheit, die höchste Essenz der drei Welten, trägt bei Menschen, die nicht praktizieren, keine Frucht.
14.3. Wie ein Schatz für den nutzlos bleibt, der ihn nicht gebraucht, so bleibt ein Übungsprinzip für den ohne Praxis gewiss fruchtlos.
14.4. Wenn man dies erkannt hat, soll man beständig und mutig üben. Aus Praxis entsteht Yoga; durch Yoga gelingt alles.
14.5. Nachdem man zuerst die Mudra gehalten und die beiden Bandhas fest gemacht hat, bringe man die drei Kanäle zum Erzittern.
14.6. Dann folgt das Aufschlagen des Gesäßes, verbunden mit der festen Haltung des männlichen Zeichens; nach Einatmung und Kumbhaka wird die Bewegung der Winde versperrt.
14.7. So führe der Yogi die Praxis aus, zur Intensivierung aller Erfahrungen, Tag und Nacht, ununterbrochen, in jeder Wache auf dieselbe Weise.
14.8. Durch diese wiederholte Methode wird der Wind geschult. Durch die Schulung des Windes wächst Tag für Tag das Feuer im Körper.
14.9. Wenn das Feuer wächst, wird die Verdauung leicht. Durch gute Verdauung wächst der Nahrungssaft.
14.10. Wenn der Nahrungssaft wächst, stärken sich beständig die Körpergewebe. Durch die Stärkung der Gewebe wächst besonders die Samenessenz.
14.11. Wenn durch regelmäßige Praxis die wichtigste Essenz reichlich vorhanden ist, wird der vorzügliche Yogi genährt, widerstandsfähig und von großer Kraft.
14.12. Durch intensive Praxis entsteht Mahabandha ganz von selbst. Durch intensive Praxis von Mahabandha wird die Samenessenz aufgenommen und verwandelt.
14.13. Alle gestörten Säfte, Kot, Urin und Unreinheiten trocknen aus; die Essenz der Lebenskraft wird im Körper jederzeit in den feinen Nadis aktiviert.
14.14. Durch regelmäßige Praxis gelingen dem Yogi der Stillstand des Windes zur rechten Zeit, die Vereinigung der beiden Essenzen und der Eintritt des Lebenshauchs in die Mitte.
14.15. Menschen, die den Guru als Steuermann gewonnen, den Körper zum Boot gemacht und sich dem Segel der Praxis anvertraut haben, überqueren den Ozean des Werdens.
14.16. Selbst wenn die Götter persönlich immer wieder Wissen mitteilen würden: Den Yogis wird Yoga doch nur durch Praxis offenbar.
14.17. Alle Verfehlungen, selbst aus zehn Millionen Leben, werden durch Praxis noch in diesem Leben verbrannt wie Grashalme im Feuer.
14.18. Opfer, Gaben, Gelübde und Bußübungen gewinnen durch Praxis unermesslich an Kraft.
14.19. Prakritis, Gunas, Doshas und die verschiedenen Krankheiten im Körper verschwinden durch Praxis wie Wolken am Himmel durch den Wind.
15.1. Die Menschen sind vierfach zu erkennen: schwach, mittelmäßig, ausgezeichnet und überaus ausgezeichnet; sie sind verschieden fähig, den Ozean des Werdens zu überqueren.
15.2. Weil unter diesen vier zuerst die Schwachen genannt wurden, werden auch ihre Merkmale zuerst beschrieben.
15.3. Kränkliche, schwache, alte, teilnahmslose, häuslich gebundene, willensschwache und furchtsame Menschen werden als Schwache erkannt.
15.4. Ihnen gelingt innerhalb von zwölf Jahren eine Stufe. Der schwache Mensch wird als der geringste unter den Praktizierenden bezeichnet.
16.1. Wer älter als mittleren Alters ist, im weltlichen Dasein steht, von mittlerem Mut und mittlerer Kraft, mittlerer Einsicht und Praxis, mittlerem Körper und mittlerer Bildung geprägt ist,
16.2. wer sich auf den mittleren Wegen des Yoga bewegt, im mittleren Alter steht, von mittlerer Entschlusskraft, mittlerer Leidenschaft und mittlerem Mut ist,
16.3. dem gelingt innerhalb von acht Jahren die zweite Stufe. Weil sein Verdienst und sein Glück mittelmäßig sind, gilt er als mittelmäßiger Praktizierender.
17.1. Energiegeladen, geduldig, mitfühlend, hochgesinnt, in der eigenen Stellung zufrieden, gesund, im besten Alter und von fester Entschlossenheit sind die Ausgezeichneten.
17.2. Sie sind beredt, sehr tüchtig, mutig, beständig übend und selbstbeherrscht; sie behandeln andere freundlich, sind kultiviert und reich an guten Eigenschaften.
17.3. Sie sind als gut handelnde Yogis auf dem Weg der Vollkommenen zu erkennen. Den Ausgezeichneten gelingt die dritte Stufe innerhalb von sechs Jahren.
18.1. Überaus stark, von stattlicher Gestalt, von großer Wirksamkeit und voller Tugend sind die Allerhöchsten; sie leuchten wie große Lichter, sind friedvoll und von tiefem Mitgefühl erfüllt.
18.2. Sie haben alle Lehrtexte studiert, sind mit glückverheißenden Zeichen geschmückt, gleichen in ihrer Erscheinung dem Allwissenden und sind von allen Krankheiten frei.
18.3. Sie stehen in voller Jugendkraft, sind unbeeinträchtigt, die Besten unter den Menschen, frei von Illusion, ohne Leid zu verursachen, ohne Hindernisse und ohne Verwirrung.
18.4. Durch Praxis aus früheren Leben sind sie mit einer spirituellen Linie verbunden und mit Vorzügen ausgestattet; sie führen alle Wesen hinüber und überqueren auch selbst den Ozean.
18.5. An all diesen Merkmalen erkennt man die allerhöchsten Praktizierenden. Innerhalb von drei Jahren gelingt ihnen die vierte Stufe.
19.1. Yoga gelangt über vier Stufen zur Vollendung. Ihre Unterscheidung wird nun der Reihe nach kurz gelehrt.
19.2. Beginn, Topf, als drittes Vertrautheit und zuletzt der Vollendete: So werden die Stufen des Yoga genannt.
19.3. Die jeweilige Stufe, die der Yogi durch Praxis erreicht, und die Zeichen ihres Erreichens werden nun kurz gelehrt.
19.4. Durch die Gnade der Füße des Gurus und nach Verehrung der eigenen Gottheit soll der Yogi in der Nähe des Gurus sorgfältig mit der Praxis beginnen.
19.5. An einem guten Ort, mit guter Lebensweise, in Gesellschaft guter Menschen, bei ausreichender Nahrung und ohne Störung soll man den Yogaweg üben.
19.6. Ob Haushalter oder Avadhuta: Wer immer in der Yogapraxis Freude hat, soll ohne Ablenkung und mit großer Sorgfalt sein Ziel verwirklichen.
19.7. Zu viel Gehen, schlechte Wege, üble Gesellschaft und vieles, was Unruhe erzeugt, sind für den Yogi hinderlich und sollen gemieden werden.
19.8. Die Praxis soll so ausgeführt werden, dass der Atem nicht bedrängt wird. Wird der Atem-Wind gequält, verbrennt das Feuer die Gewebe.
19.9. Darum soll der verlängerte Atem so gehalten werden, dass er am Ende der Praxis wieder natürlich und unverändert fließt.
19.10. Für den gut Unterwiesenen wird achtfache Praxis in Tag und Nacht gelehrt; der Anfänger soll jedoch Schritt für Schritt üben.
19.11. Wenn die Praxis zum ersten Mal begonnen wird, entstehen gewiss Ermüdung des Körpers, Kraftlosigkeit und ähnliche Zeichen.
19.12. Unmittelbar nach dem Essen soll die Praxis nicht ausgeführt werden, denn dann wird der Bandha für den Yogi hinderlich.
19.13. Auch ein Hungriger soll sie nicht ausführen, ebenso nicht jemand, dessen inneres Feuer sehr schwach ist oder dessen Körper nicht bereit ist.
19.14. Wenn eine Stufe vollendet ist, geschieht das Durchdringen im Knoten Brahmas. Dann entsteht ein stechendes Gefühl in der Mitte.
19.15. Dann entsteht der Eintritt in die Leere, hervorgerufen durch den wunderbaren Augenblick. Dann erscheint ein Klang, der einer Biene gleicht.
19.16. Dann erscheinen äußere Zeichen am Körper der Yogis. Diese werden nun der Reihe nach kurz genannt.
19.17. Der Körper wird ansehnlich, der Appetit gut, das Feuer stark, die Kraft wächst, und die Gestalt wird gefestigt.
19.18. Der Yogi wird liebenswürdig, wohlriechend, glücklich und am ganzen Körper schön. Diese Zeichen entstehen auf der ersten Stufe.
20.1. Auf der zweiten Stufe wird der Yogi fest in der Sitzhaltung. Wenn die Sitzhaltung sehr stabil geworden ist, tritt der Wind in die Mitte ein.
20.2. Durch ein geringes Eintreten des Windes in den mittleren Kanal entsteht den Yogis ein hoher Grad von Glück.
20.3. Sein Leben wird leicht, sein Gemüt freudig, er wird mutig; Wangen, Augen und Kehle werden voll, der Körper wird stark und frei von Trägheit.
20.4. Er wird sehr kraftvoll, voller Energie, jederzeit begeistert und fröhlich; er erkennt die Lehre und bleibt in der Praxis lebendig.
20.5. Er wird scharfsichtig, verständig, weise, kontemplativ, fähig zur Meditation und von schöner Ausstrahlung.
20.6. Er wird mit allen glückverheißenden Merkmalen ausgestattet und von allen Mängeln frei; so erkennt man den Yogi auf der zweiten Stufe.
20.7. Wenn die zweite Stufe vollendet ist, entsteht die außerordentliche Leere. Dann erklingt in der Mitte der Klang von Kesselpauken.
20.8. Durch die Methode der Vereinigung der beiden Lebenswinde auf der zweiten Stufe wird dem Yogi große Freude zuteil.
21.1. Wenn er den ganzen Körper wie ein Gefäß verschlossen und die beiden seitlichen Kanäle unterbrochen hat, fließt der Atem-Wind in die Mitte.
21.2. Wenn der verstärkte Wind den Riegel der Mittleren aufgesprengt hat, entsteht die Glückseligkeit des Fallens der Tropfen.
21.3. Die Glückseligkeit des Fallens der Tropfen ist im Körper der Tod. Durch das Fallen des Samens kommen Alter und Vergehen.
22.1. Gerade der entleerende Wind ist von Yogis stets zu meistern; er wirkt zusammen mit dem im Körper befindlichen Feuer.
22.2. Wenn dieser gemeisterte Wind durch die Mitte aufwärts strömt, wird die zeitgebundene Freude überwunden und natürliche Glückseligkeit entsteht.
22.3. Nachdem frühere Handlungen, ob mit Leid oder ohne Leid getan, gereinigt sind, geht diese Glückseligkeit auf wie die Sonne in der Dunkelheit.
23.1. Dann werden die Prakritis vernichtet, denn sie haben ihren Ursprung in den früheren Handlungen. Durch ihre Vernichtung vergehen die Krankheiten des Körpers.
23.2. Wenn alle Gunas der Yogis, die durch frühere Handlungen verbunden sind, verschwinden, dann verschwindet auch die Gebundenheit durch die Gunas.
24.1. Wenn die Beseitigung der fünf Unreinheiten und die Vereinigung der beiden Bindu gelungen sind, erkennt man den Körper als vollkommen und mit allen Vorzügen ausgestattet.
24.2. Frei von Kälte, Hitze, Durst, Furcht, Verlangen und Gier gelangt der Yogi ans andere Ufer des Ozeans von seelischer Not, Krankheit, Alter, Leid und Kummer.
25.1. Wenn der Yogi einen solchen vollkommenen Körper besitzt, kommt durch das Durchstoßen des Herzknotens die Große Leere und der nicht beschreibbare Augenblick.
25.2. Dann entsteht in der Mitte der Klang einer Trommel. Dann ist der Atem-Wind unbeweglich und verweilt durch anhaltende Sammlung im mittleren Kanal.
25.3. Dann erkennen die Yogis die Vollkommenheit des Atem-Windes im Körper. Wenn diese Vollkommenheit erkannt wird, entsteht vollkommenes Gewahrsein.
25.4. Durch vollkommenes Gewahrsein entstehen den Yogis alle Siddhis. Wenn Siddhi erscheint, ist Befreiung nicht mehr fern.
26.1. Wenn der vollendete und unbewegliche Atem-Wind am Ort der Mittleren weilt, wird das Bewusstsein glückselig und einheitlich wie der Himmelsraum.
26.2. Wenn das Bewusstsein glückselig und frei von äußerer Mühsal ist, entsteht Samadhi und beendet die Leiden des weltlichen Daseins.
27.1. Wenn das Bewusstsein mit Samadhi vollkommen vertraut und von natürlicher Glückseligkeit genährt ist, wird es vollendet und nimmt die Furcht vor allem künftigen Leid.
28.1. Wenn alles, was ein Yogi tut, im selben Augenblick geschieht, erkenne dies als sicheres Zeichen eines Yogis, dessen Körper vollendet ist.
29.1. Erkenntnis der Anordnung der Körperteile, Eintritt in den Körper eines anderen, Sehen und Hören aus der Ferne: Dies sind Zeichen des gemeisterten Atem-Windes.
29.2. Allwissenheit, die Erkenntnis der drei Körper erweckt, wird von den Wissenden als Zeichen des vollkommenen Geistes erkannt.
29.3. So wird die Vollkommenheit von Körper, Stimme und Geist bestimmt. Alle Zeichen, die in ihren verschiedenen Formen gelehrt wurden, sind Zeichen der Yogis auf der dritten Stufe.
29.4. Weil durch Meditation über die Mittlere die äußeren Wahrnehmungen verschwinden und Vertrautheit mit Erkenntnis entsteht, heißt diese dritte Stufe Vertrautheit.
30.1. Dann, nachdem der Knoten Rudras durchstoßen ist, fließt der Atem-Wind durch alle heiligen Orte des feinen Körpers. Das Bewusstsein leuchtet vollständig, geschmückt vom Augenblick der Reife.
30.2. Das Bewusstsein ist dann einheitlich und leuchtend, jenseits genauer Beschreibung. In der Heimstatt der Vollkommenen entsteht der Klang der Kesselpauke.
30.3. Wenn Körper, Atem-Wind und Geist vollendet sind, wird die Große Vollkommenheit erkannt, die die Frucht der Befreiung zu Lebzeiten schenkt.
30.4. Vollkommen vertraut damit, nach Belieben in Samadhi zu verweilen, wird der vorzügliche Yogi einer, dem die Große Vereinigung zuteilwurde und dessen Ruf reinigend wirkt.
30.5. Dann ist der Yogi glückselig, allwissend, gleichmütig schauend, von allen Wesen zu preisen und in den drei Welten zu verehren.
30.6. Seine Bewegung ist ungehindert, sein Sehen und Hören grenzenlos. Seine Glückseligkeit ist grenzenlos, und er ist von grenzenlosem Wissen erfüllt.
30.7. Mit allen Kräften der Allmacht versehen, ein Schatz unendlichen Wissens, überall gegenwärtig, ist der Yogi von der Großen Vollkommenheit erfüllt und eine Wohnstätte aller Siddhis.
30.8. Er verbrennt nicht durch Feuer und geht nicht durch Wasser zugrunde. Der vorzügliche Yogi, frei von den Gunas, ist durch niemanden zu töten.
30.9. Darum enthält der Yogi alles in sich; er besteht sogar aus allen Wesen. Er ist ein Schatz allen Wissens und wird stets von der ganzen Welt geehrt.
30.10. Wenn er zufrieden ist, kann er Menschen erlösen; wenn er zürnt, kann er Erfolg zerstören. Der vorzügliche Yogi, durch Erkenntnis vollendet, ist selbst für die Götter ehrfurchtgebietend.
30.11. Das Rad des weltlichen Daseins durchwandernd und den Käfig der drei Welten leicht durchbrechend, geht der Yogi glückselig als freier Herr dahin.
30.12. So spielen die vollkommenen Yogis Hunderte, Tausende oder Hunderttausende von Jahren auf Berggipfeln oder in Höhlen.
30.13. Frei von äußerer Wahrnehmung, entzückt im Allbewusstsein, verweilen die Yogis mit innerem Auge an einem menschenleeren Ort.
30.14. So leben sie weiter, deren Wirken rühmenswert ist. Diese Vollkommenen in der Gestalt von Jinas sind als zu Lebzeiten Befreite zu erkennen.
31.1. Die Yogis werden auf dieser Stufe vollendet, wenn sie auf den drei übrigen Stufen beständig sind. Darum heißt ihre Erscheinungsform in den drei Welten „der Vollendete“.
31.2. Wenn der vollendete Yogi durch die Tür zum Absoluten hinausgetreten ist, ertönt dort der Atem-Wind sanft wie der Klang einer Vina.
31.3. Durch das Durchdringen mit Mahamudra und den anderen Methoden gelingt den Yogis das Große Mysterium, zusammen mit den unzähligen Zeichen des Yoga.
32.1. Für den Yogi auf Erden gibt es keinen zweiten Weg zur Befreiung. Wer Befreiung zu Lebzeiten erreicht hat, gelangt in den Zustand der Großen Befreiung.
32.2. Keine Befreiung gibt es für den, dessen Körper gestorben ist, oder für den, der auf falschen Weg geraten ist. Wer die Wirkungen der Natur durchschaut, erkennt den Tod als Eigenschaft der Prakriti.
32.3. Selbst wenn er erwacht ist, gilt er noch als unvollkommen und im Kreislauf des Lebens stehend, solange die Essenz des Samens in der Gestalt Brahmas aus dem Körper fließt.
32.4. Als unvollkommen soll man den Körper derer erkennen, die keine Enthaltsamkeit üben; er ist von Alter und Tod gezeichnet und Wohnstätte vieler Beschwerden.
33.1. Solange der Atem auf dem falschen Pfad läuft, nicht still ist und nicht in der Mitte verweilt, soll man ihn als unvollkommen erkennen, da er mit Bewegung behaftet ist.
34.1. Solange der Geist im Körper hin und her wandert und durch äußere Wahrnehmungen verwirrt ist, soll man ihn als unvollkommen erkennen, da er an die Stricke der Aktivität gebunden ist.
34.2. Wenn der Yogi die Essenz oben bewahrt und Geist und Atem zur Ruhe gebracht hat, erkennt er allein durch Kontemplation die Vollkommenheit von Körper, Stimme und Geist.
34.3. Wenn er so vollkommen mit Samadhi vertraut und in den drei Wonnen selig ist, kann der Yogi durch seine Siddhi sogar die Unsichtbarkeit des Körpers bewirken.
35.1. Dann ist der Yogi glückselig, eine Wohnstatt des Wissens, des großen Segens teilhaftig, unveränderlich, ganz, alldurchdringend, segensreich, allgegenwärtig und machtvoll.
35.2. Er besitzt einen Körper reiner Erkenntnis, ist frei von den Eigenschaften der Erscheinungswelt, allwissend, allgegenwärtig, ewig, auf die Wahrheit ausgerichtet und in letzter Befreiung gegründet.
36.1. Die Essenz aller tantrischen Lehrwerke, die mit der Essenz aller philosophischen Systeme übereinstimmt, wurde von mir sorgfältig herausgezogen wie Ghee aus reichlich Milch.
36.2. Dieser leiterartige Leitfaden zur Vollkommenheit, genannt Amrita Siddhi, das Erlangen der Unsterblichkeit, wurde von mir, dem ehrwürdigen Madhava Chandra, als Licht für die Yogis verfasst.
36.3. Solange das Rad des Samsara sich dreht, das ergreift und trennt, solange möge die Überlieferung des ehrwürdigen Virupa in den drei Welten siegreich sein.
36.4. Dieses Werk dient dem Erwachen des Selbst und der großen Freude der Yogis; den Unwissenden bringt es nur Staunen.
36.5. Zum Erwachen der Reiferen, ebenso für die, die auf falschem Weg stehen, und für die, die durch schlechte Logik und falsche Ansichten gebunden sind, wurde dieses Netz der Lehre geschaffen.
36.6. Mit Amrita, dem Nektar der Unsterblichkeit, sind Bindu, Leben und Befreiung gemeint. Die Vollkommenheit dieser drei wird als Beseitigung des Todes gelehrt.
36.7. Möge allen verkörperten Wesen, im Himmel, auf der Erde und in den unteren Welten, ununterbrochenes Glück zuteilwerden, weit wie der Himmelsraum.
36.8. In dreihundert Versen wurde die ganze Methode des Yoga samt den Zeichen des Fortschritts sorgfältig gelehrt, als klares Auge für alle, die mit guten Eigenschaften versehen sind.
Verse aus dem Amrita Siddhi
Die unteren Verse sind inspirert vom Amrita Siddhi. Der untere Text ist aus verschiedenen Internetquellen zusammengestellt - und erhebt keinen Anspruch auf Korrektheit. Wer den vollständigen Text des Amrita Siddhi braucht, sollte auf die Ausgaben von James Mallinson and Péter-Dániel Szántó zurückgreifen. Der untere Text gibt einen Eindruck von in tantrischen Texten behandelten Themen - darunter sind auch einige Shlokas aus dem Amrita Siddhi:
Vers 1
namaḥ śivāya gurave nādabindukalātmane |
nirānandānandaṃ śivam ānandaparamam ||
Verehrung dem Guru Śiva, der selbst aus Klang, Tropfen und Energie besteht – [Er ist] jenseits der Freude, die Freude, Śiva und höchste Freude.
Vers 2
nāsti mṛtyur nāsti janma nāsti bandho na bandhanaṃ |
nāsti jīvo na cājīvaṃ saṃsāro naiva vidyate ||
Es gibt keinen Tod, keine Geburt, kein Gebundensein und keine Fessel. Es gibt weder Lebewesen noch Nicht-Lebewesen – auch kein Daseinskreislauf existiert.
Vers 3
ekaṃ satyaṃ paraṃ jñeyaṃ tadvijñāya vimucyate |
jñeyaṃ tattvaṃ paraṃ jñeyaṃ tadbhedo nāvagamyate ||
Es gibt eine Wahrheit, die höchste, die zu erkennen ist. Wer sie erkannt hat, wird befreit. Diese Wahrheit gilt es zu erkennen – ihre Aufspaltung ist nicht zu erfassen.
Vers 4
binduḥ śarīre niyataṃ yato jīvo na saṃśayaḥ |
yo binduṃ dhārayet prājño nāsya mṛtyurbhaviṣyati ||
Im Körper ist der Bindu fest verankert, aus ihm entsteht das Leben – kein Zweifel daran. Wer, als Weiser, den Bindu bewahrt, für den gibt es keinen Tod.
Vers 5
etajjñātvā mahāprājñaḥ śāstrāṇyadhigamiṣyati |
na jñātvā bindunāśaṃ tu śāstraṃ śāstraparaṃ kutaḥ ||
Wer dies erkennt, der große Weise, wird auch die Schriften verstehen. Wer jedoch nicht den Verlust des Bindu kennt – was nützen ihm dann die heiligen Schriften?
Vers 6
saṃkṣepataḥ śṛṇuṣvātra bindujñānaṃ yathāvidhi |
bindunāśe śarīrasya naṣṭaṃ sarvaṃ bhaviṣyati ||
Höre nun in Kürze die Lehre vom Bindu, wie sie richtig ist: Geht der Bindu im Körper verloren, so ist alles verloren.
Vers 7
kṣīṇe bindau pralīyeta jñānaṃ sarvaṃ na saṃśayaḥ |
ata eva mahāprājñair bindurakṣyaḥ prayatnataḥ ||
Wenn der Bindu versiegt, vergeht auch alle Erkenntnis – daran gibt es keinen Zweifel. Deshalb muss der Bindu von den großen Weisen mit Anstrengung geschützt werden.
Vers 8
kāryakāraṇatattvena śarīraṃ bindudhāraṇāt |
sthitaṃ bhavati vijñeyaṃ nātra kāryā vicāraṇā ||
Durch die Beziehung von Ursache und Wirkung bleibt der Körper durch die Bewahrung des Bindu bestehen. Dies ist zu erkennen – hier bedarf es keines weiteren Nachdenkens.
Vers 9
nāḍīcakre sthitaḥ śreṣṭhaḥ kalātmā śaśisūryayoḥ |
viyadākāśarūpeṇa praviṣṭaḥ sarvadehagaḥ ||
Im Kreis der Nāḍīs befindet sich das Höchste, das aus der Energie von Sonne und Mond besteht. In Gestalt von Raum und Äther ist es in alle Körper eingetreten.
Vers 10
nityamuktasya caitasya naṣṭo bindur na dṛśyate |
yadā yāti parāṃ siddhiṃ tadā tasya na vidyate ||
Bei jenem, der immer befreit ist, wird der Bindu nicht als verloren wahrgenommen. Wenn er die höchste Vollendung erreicht, dann existiert dieser [Verlust] für ihn nicht mehr.
Vers 11
ūrdhvaṃ gacchati vai binduḥ śaktitattvena yujyate |
yatra yāti paraṃ sthānaṃ tatra bindurna dṛśyate ||
Der Bindu steigt aufwärts und vereint sich mit dem Prinzip der Śakti. Dort, wo er den höchsten Ort erreicht, ist der Bindu nicht mehr wahrnehmbar.
Vers 12
piṇḍaṃ sāraṃ paraṃ tattvaṃ śūnyaṃ tattvaṃ nirucyate |
parātparaṃ paraṃ jñeyaṃ tadbinduṃ nāvatiṣṭhate ||
Der Körper enthält das Essenzielle, das höchste Prinzip – dieses wird als leer bezeichnet. Das jenseits des Jenseits liegende Höchste ist zu erkennen – doch darin verweilt der Bindu nicht.
Vers 13
kāyaḥ piṇḍaḥ śarīraṃ ca mṛtyuloke pratiṣṭhitam |
tatra jñeyaḥ paraṃ binduḥ sa ca nāśo na vidyate ||
Der Körper, die Verkörperung, der Leib ist in der Welt des Todes begründet. Dort ist der höchste Bindu zu erkennen – und sein Verlust existiert nicht.
Vers 14
jñānaṃ nāsti vinā dehaṃ deho nāsti vinā kriyām |
kriyāṃ vinā na jānīyāt tattvaṃ sāraṃ sudurlabham ||
Ohne Körper gibt es kein Wissen, und ohne Handlung keinen Körper. Ohne Handlung lässt sich das wahre Prinzip, die Essenz, nicht erkennen – sie ist sehr schwer zu erreichen.
Vers 15
dehe sati paraṃ jñeyaṃ dehaṃ sādhayituṃ śubham |
sādhanaṃ śṛṇu me vākyaṃ yathāvat saphalaṃ bhavet ||
Solange der Körper besteht, ist das Höchste zu erkennen – den Körper gilt es in günstiger Weise zu vervollkommnen. Höre meine Worte über die Praxis, damit sie auf rechte Weise fruchtbar werde.
Vers 16
jīvitaṃ bindunā sthitaṃ jīvo binduḥ sanātanaḥ |
kāyo binduḥ paraṃ tattvaṃ tad rakṣyaṃ yatnataḥ sadā ||
Das Leben besteht durch den Bindu, das Lebewesen selbst ist der ewige Bindu. Der Körper ist der höchste Bindu – deshalb ist er stets mit Anstrengung zu schützen.
Vers 17
yo dhārayati taṃ binduṃ dhārayiṣyati taṃ hṛdi |
yasya binduḥ kṣayaṃ yāti sa yāti narakaṃ dhruvam ||
Wer den Bindu bewahrt, wird von ihm im Herzen getragen. Wem aber der Bindu verloren geht, der geht gewiss in die Hölle.
Vers 18
bindunā rakṣitaḥ kāyaḥ sarvajñatvam avāpnuyāt |
bindunā rakṣitaṃ jñānaṃ sarvaṃ jñātum ahaṃ kṣamaḥ ||
Wer den Körper mit dem Bindu schützt, kann Allwissenheit erlangen. Durch Bewahrung des Bindu bleibt das Wissen erhalten – so kann ich alles erkennen.
Vers 19
mūlena rakṣitaḥ kāyaḥ phalena paripūryate |
phalena rakṣitaṃ jñānaṃ mūlenaiva prapūryate ||
Wird der Körper durch die Wurzel geschützt, so wird er durch die Frucht vollendet. Wird das Wissen durch die Frucht bewahrt, so wird es durch die Wurzel vervollkommnet.
Vers 20
mūlaṃ jñeyaṃ phalaṃ jñeyaṃ dvayaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
mūlaṃ śūnyaṃ phalaṃ śūnyaṃ śūnyaṃ sarvaṃ samāśritam ||
Wurzel und Frucht sind zu erkennen – beide gemäß der richtigen Lehre. Die Wurzel ist leer, die Frucht ist leer – alles gründet sich im Leeren.
Vers 21
binduḥ śūnyaṃ paraṃ tattvaṃ jñātavyaṃ yogibhiḥ sadā |
śūnyasya jñānam evāsti na śūnyād vidyate param ||
Der Bindu ist Leere, das höchste Prinzip – dies ist von Yogis stets zu erkennen. Erkenntnis existiert nur in der Leere – über die Leere hinaus gibt es nichts Höheres.
Vers 22
nāde vinirgate yāti binduḥ śūnyatvam aśnute |
tadā śūnyaṃ paraṃ jñeyaṃ tattvaṃ tatparamaṃ smṛtam ||
Wenn der Klang entweicht, erreicht der Bindu die Leere. Dann gilt die Leere als das Höchste – dieses Prinzip wird als das höchste erinnert.
Vers 23
nādo nādāt paraṃ śūnyaṃ bindur bindor ataḥ param |
kalā tu bindutaḥ proktā tasmāt tattvaṃ trayaṃ smṛtam ||
Der Klang geht aus dem Klang hervor – über diesen hinaus liegt die Leere. Der Bindu geht über den Bindu hinaus, und die Energie (kalā) folgt dem Bindu – deshalb werden diese drei als das höchste Prinzip erinnert.
Vers 24
trayaṃ tat paramaṃ tattvaṃ nātra kāryā vicāraṇā |
yatra yāti paraṃ tattvaṃ na tatra maraṇaṃ dhruvam ||
Diese Dreiheit ist das höchste Prinzip – darüber braucht man nicht weiter nachzudenken. Wo dieses höchste Prinzip erreicht wird, da ist gewiss kein Tod mehr.
Vers 25
maraṇe yatra bindūnāṃ naṣṭir bhavati dhāraṇāt |
tatra nāsti paraṃ jñānaṃ mūḍho jāyeta saṃśayaḥ ||
Dort, wo beim Tod der Bindu verloren geht, da kann es kein höheres Wissen geben. Ein Tor mag darüber noch zweifeln – aber nicht der Wissende.
Vers 26
tritayaṃ yatra saṃyāti tat sthānaṃ paramaṃ smṛtam |
binduḥ śūnyaṃ tathā nādaṃ tatra yukto na saṃśayaḥ ||
Dort, wo die Dreiheit zusammenkommt, gilt dieser Ort als das Höchste. Bindu, Leere und Klang – wer dort vereinigt ist, zweifelt nicht mehr.
Vers 27
samyagjñānān na saṃdeho yuktyā yuktaṃ vicakṣaṇaiḥ |
bindunādakalātītaṃ jñānaṃ jñeyaṃ sukhāvaham ||
Durch wahre Erkenntnis besteht kein Zweifel mehr – mit Vernunft wird sie von Weisen erkannt. Das Wissen, das jenseits von Bindu, Klang und Energie liegt, ist zu erkennen – es bringt Glückseligkeit.
Vers 28
bindunādakalāhīnaṃ jñānaṃ tad dhṛdayaṃ smṛtam |
bindunādakalāyuktaṃ jñānaṃ śāstraṃ prakīrtitam ||
Das Wissen ohne Bindu, Klang und Energie – das wird als das Herz bezeichnet. Das Wissen, das mit Bindu, Klang und Energie verbunden ist – das nennt man die Lehre.
Vers 29
jñeyaṃ śāstraṃ tathā jñeyaṃ hṛdayaṃ nātra saṃśayaḥ |
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ tu kathaṃcana ||
Sowohl die Lehre als auch das Herz sind zu erkennen – daran besteht kein Zweifel. Ohne die Lehre kann das Herz in keinem Fall verwirklicht werden.
Vers 30
jñeyaṃ śāstraṃ hṛdayaṃ ca dvayam etat sudurlabham |
vijñānāya bhaved etad yo jānāti sa paṇḍitaḥ ||
Lehre und Herz sind zu erkennen – beide sind sehr schwer zu erlangen. Wer das erkennt, hat das wahre Wissen – der ist ein Weiser.
Vers 31
hṛdayaṃ śāstram ity etat tattvaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
yogināṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñānapāragam ||
Herz und Lehre – das ist das Prinzip, das gemäß der Wahrheit zu erkennen ist. Für Yogis ist das Herz zu erkennen – das Herz ist das Ziel des Wissens.
Vers 32
jñānaṃ śāstraṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ nātra saṃśayaḥ |
nātra kāryā vicāraṇā hṛdaye nāsti saṃśayaḥ ||
Die Lehre ist Wissen, das Höchste ist zu erkennen – das Herz ist ohne Zweifel. Darüber braucht man nicht zu grübeln – am Herzen gibt es keinen Zweifel.
Vers 33
jñeyaṃ hṛdayam ity evaṃ yo jānāti sa paṇḍitaḥ |
nātra kāryā vicāraṇā jñānino na saṃśayaḥ ||
„Das Herz ist zu erkennen“ – wer dies weiß, ist ein Weiser. Hier bedarf es keiner Überlegung – der Wissende zweifelt nicht.
Vers 34
hṛdayaṃ paramaṃ śreṣṭhaṃ yogināṃ mokṣasādhanam |
hṛdayaṃ jñeyam ity evaṃ yo jānāti sa paṇḍitaḥ ||
Das Herz ist das Höchste, das Beste – es ist das Mittel zur Befreiung für Yogis. „Das Herz ist zu erkennen“ – wer das weiß, ist ein Weiser.
Vers 35
śāstrād yadi hṛdayaṃ jñeyaṃ nāsti śāstraṃ vinā hṛdi |
śāstraṃ jñeyaṃ tathā jñeyaṃ hṛdayaṃ nātra saṃśayaḥ ||
Wenn durch die Lehre das Herz zu erkennen ist, dann gibt es kein Herz ohne Lehre. Die Lehre ist zu erkennen – ebenso das Herz. Daran besteht kein Zweifel.
Vers 36
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ yo jānāti sa paṇḍitaḥ |
nātra kāryā vicāraṇā hṛdayaṃ śāstrapūrvakam ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, ist ein Weiser. Es bedarf keiner weiteren Überlegung – das Herz folgt aus der Lehre.
Vers 37
śāstrasyaiva hi vijñānād hṛdayasya prabodhanam |
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ hṛdayaṃ nātra vidyate ||
Nur durch das Wissen aus der Lehre entsteht das Verstehen des Herzens. Ohne Lehre gibt es kein Herz – das Herz existiert nicht ohne Lehre.
Vers 38
śāstraṃ jñeyaṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ paramaṃ smṛtam |
dvayaṃ jñeyaṃ yathānyāyaṃ hṛdayaṃ śāstrapūrvakam ||
Die Lehre ist zu erkennen, das Höchste ist zu erkennen – das Herz gilt als das Höchste. Beide sind zu erkennen gemäß der rechten Lehre – das Herz folgt aus der Lehre.
Vers 39
śāstrapūrvam idaṃ sarvaṃ hṛdayasya prabodhanam |
yogino hṛdayaṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ yogasādhanam ||
Dies alles beginnt mit der Lehre – so erwacht das Herz. Für Yogis ist das Herz zu erkennen – das Herz ist das Mittel zur Verwirklichung des Yoga.
Vers 40
yogasādhanam ity evaṃ hṛdayaṃ yo na budhyate |
na sa siddhim avāpnoti maraṇe sa na śobhate ||
Wer nicht erkennt, dass das Herz das Mittel zum Yoga ist, der erlangt keine Vollendung – und er wird im Tod nicht leuchten.
Vers 41
hṛdayaṃ nāśayaty āśu maraṇaṃ tasya niścitam |
na jānāti paraṃ tattvaṃ sa bhavaty andhacetanaḥ ||
Wer das Herz schnell zerstört, dessen Tod ist gewiss. Er erkennt das höchste Prinzip nicht – er bleibt geistig blind.
Vers 42
paratattvaṃ na jānāti hṛdayasya vinaśyate |
mūḍhaḥ śāstrārtham ajñātvā hṛdayaṃ vinipātayet ||
Wer das höchste Prinzip nicht erkennt, dessen Herz vergeht. Ein Tor zerstört das Herz, ohne den Sinn der Schriften zu verstehen.
Vers 43
tasmād vijñānavān yogī hṛdayasya sukhāvahaḥ |
śāstraṃ paṭhati yo nityaṃ sa vijñānī na saṃśayaḥ ||
Darum ist der weise Yogi derjenige, dem das Herz Glück bringt. Wer täglich die Lehre studiert, ist ein Wissender – daran gibt es keinen Zweifel.
Vers 44
śāstraṃ hṛdayam ity etat paramaṃ yogasādhanam |
śāstraṃ jñātvā hṛdayaṃ yāti hṛdayaṃ mokṣasādhanam ||
Lehre und Herz – das sind die höchsten Mittel zum Yoga. Wer die Lehre erkannt hat, erreicht das Herz – das Herz ist das Mittel zur Befreiung.
Vers 45
hṛdayasya hi vijñānaṃ mokṣasya paramaṃ padam |
mokṣaṃ labdhvā bhavec chāntaḥ śānto yāti paraṃ padam ||
Die Erkenntnis des Herzens ist die höchste Stufe der Befreiung. Wer Befreiung erlangt hat, wird friedvoll – und der Friedvolle erreicht den höchsten Zustand.
Vers 46
mokṣamārgaṃ hi vijñāya hṛdayaṃ jāyate dhruvam |
jñātvā hṛdayam evāśu yāti mokṣaṃ na saṃśayaḥ ||
Wer den Pfad zur Befreiung erkennt, dem erwacht gewiss das Herz. Wer das Herz erkannt hat, erreicht rasch die Befreiung – ohne Zweifel.
Vers 47
mokṣamārgaṃ vijānāti hṛdayaṃ yatra tiṣṭhati |
hṛdayaṃ yatra vijñātaṃ tatra nāsti punarbhavaḥ ||
Wer den Pfad zur Befreiung erkennt, dessen Herz ist fest verankert. Wo das Herz erkannt ist, da gibt es keine Wiedergeburt mehr.
Vers 48
tatra mokṣaḥ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ yatra labhyate |
hṛdaye sati mokṣo hi hṛdayaṃ mokṣasādhanam ||
Dort, wo das Herz gefunden wird, ist die höchste Befreiung zu erkennen. Solange das Herz besteht, gibt es Befreiung – das Herz ist das Mittel dazu.
Vers 49
hṛdayaṃ paramaṃ jñānaṃ jñānān mokṣo na saṃśayaḥ |
mokṣasyārthaṃ paraṃ jñānaṃ jñātvā yāti paraṃ padam ||
Das Herz ist das höchste Wissen – aus dem Wissen entsteht Befreiung, zweifellos. Wer das höchste Wissen zur Befreiung erkannt hat, der erreicht den höchsten Zustand.
Vers 50
hṛdayasya vinā jñānaṃ mokṣo nāsti kadācana |
jñānaṃ vinā na hṛdayaṃ jñānaṃ hṛdayam ucyate ||
Ohne Herz gibt es kein Wissen – und ohne Wissen keine Befreiung, niemals. Ohne Wissen kein Herz – denn Wissen wird Herz genannt.
Vers 51
jñātvā śāstrārtham evāśu hṛdaye jāyate sthitiḥ |
hṛdayaṃ yasya jātaṃ hi sa jānāti paraṃ padam ||
Wer den Sinn der Lehre erkennt, in dem festigt sich sogleich das Herz. Wem das Herz erwacht ist, der erkennt den höchsten Zustand.
Vers 52
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ jñānasaṃbhavam |
hṛdayena vinā jñānaṃ jñānena labhyate hṛdi ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – Wissen entspringt aus dem Herz. Ohne Herz gibt es kein Wissen – durch Wissen wird das Herz gewonnen.
Vers 53
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ jñānapūrvakam |
jñānaṃ vinā na hṛdayaṃ śāstraṃ jñānārtham ucyate ||
Ohne Lehre entsteht das Herz nicht – es basiert auf Wissen. Ohne Wissen kein Herz – die Lehre ist da, um Wissen zu vermitteln.
Vers 54
hṛdayaṃ paramaṃ śreṣṭhaṃ jñānaṃ mokṣasya sādhanaṃ |
mokṣasādhanam ity etad yo jānāti sa paṇḍitaḥ ||
Das Herz ist das Höchste, das Beste – Wissen ist das Mittel zur Befreiung. Wer erkennt, dass dies das Mittel zur Befreiung ist – der ist ein Weiser.
Vers 55
śāstraṃ mokṣasya vijñeyaṃ jñānaṃ jñeyasya sādhanam |
hṛdayaṃ jñeya ity etad yaḥ paṭhet sa sukhī bhavet ||
Die Lehre ist das zu erkennende Mittel zur Befreiung – Wissen ist Mittel zur Erkenntnis. Das Herz ist zu erkennen – wer das liest, wird glücklich.
Vers 56
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mūḍho hṛdayam ajñātvā punarāvṛttim ṛcchati ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Der Tor jedoch, der das Herz nicht erkennt, kehrt wieder zurück (in Samsāra).
Vers 57
yatra hṛdayam utpannaṃ tatra jñānaṃ pratiṣṭhitam |
tatra jñeyaṃ paraṃ tattvaṃ nātra kāryā vicāraṇā ||
Wo das Herz erwacht ist, ist das Wissen fest gegründet. Dort ist das höchste Prinzip zu erkennen – darüber braucht man nicht weiter zu reflektieren.
Vers 58
tatra jñeyaṃ paraṃ śāstraṃ hṛdayasya prabodhanam |
śāstraṃ vinā na jānīyāt hṛdayaṃ yogisattamaḥ ||
Dort ist die höchste Lehre zu erkennen – das Erwecken des Herzens. Ohne Lehre kann selbst der beste Yogi das Herz nicht erkennen.
Vers 59
śāstraṃ jñeyaṃ paraṃ jñānaṃ hṛdayasya prasādhanam |
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ mokṣasādhanam ||
Die Lehre ist zu erkennen – das höchste Wissen, das zur Vollendung des Herzens führt. Ohne Lehre entsteht kein Herz – das Herz ist Mittel zur Befreiung.
Vers 60
yogis tu hṛdayaṃ jñātvā śāstraṃ paṭhati yo nṛpa |
sa śānto mokṣam āpnoti na saṃśayo mahāmune ||
Ein Yogi, der das Herz erkannt hat und die Lehre liest, oh König, wird friedvoll und erlangt die Befreiung – daran besteht kein Zweifel, oh großer Weiser.
Vers 61
yo jānāti paraṃ śāstraṃ sa vijñānī na saṃśayaḥ |
yo jānāti paraṃ jñānaṃ sa muktaḥ saiva paṇḍitaḥ ||
Wer die höchste Lehre erkennt, ist wahrlich ein Wissender – daran besteht kein Zweifel. Wer das höchste Wissen erkennt, ist befreit – er allein ist ein Weiser.
Vers 62
muktalakṣaṇam ākhyātaṃ yatra śāstraṃ pratiṣṭhitam |
yatra jñānaṃ pratiṣṭhānaṃ tatra mokṣaḥ pratiṣṭhitaḥ ||
Das Kennzeichen der Befreiung ist erklärt: wo die Lehre gegründet ist, wo Wissen seinen festen Platz hat – dort ist die Befreiung verankert.
Vers 63
mokṣaṃ vinā na jñānaṃ syād jñānaṃ vinā na mokṣabhāk |
tasmāj jñānaṃ paraṃ jñeyaṃ mokṣahetuḥ sanātanaḥ ||
Ohne Befreiung gibt es kein Wissen, und ohne Wissen keinen Anteil an Befreiung. Daher ist das höchste Wissen zu erkennen – es ist die ewige Ursache der Befreiung.
Vers 64
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ hṛdayaṃ vinā hi mokṣaḥ |
mokṣaṃ vinā na jñānaṃ syāt tasmāt sarvaṃ pratiṣṭhitam ||
Ohne Lehre kein Herz, ohne Herz keine Befreiung. Ohne Befreiung kein Wissen – deshalb ist alles miteinander verbunden.
Vers 65
śāstraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ jñānaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
trayaṃ jñeyaṃ paraṃ jñānaṃ trayaṃ jñeyaṃ sudurlabham ||
Lehre, Herz und Wissen sind gemäß der Wahrheit zu erkennen. Diese Dreiheit ist das höchste Wissen – und nur schwer zu erreichen.
Vers 66
trayaṃ jñeyaṃ paraṃ jñānaṃ trayaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
yo jānāti paraṃ tattvaṃ sa yogī siddhim āpnuyāt ||
Diese Dreiheit ist das höchste Wissen, sie ist gemäß der Wahrheit zu erkennen. Wer das höchste Prinzip erkennt, der Yogi erlangt Vollendung.
Vers 67
siddhilakṣaṇam ākhyātaṃ mokṣalakṣaṇam ucyate |
mokṣalakṣaṇam ākhyātaṃ nātra kāryā vicāraṇā ||
Das Merkmal der Vollendung ist erklärt – jetzt wird das Merkmal der Befreiung dargelegt. Das Merkmal der Befreiung ist also erklärt – hier ist kein weiteres Nachdenken nötig.
Vers 68
śāstraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ jñeyaṃ jñānam uttamam |
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ trayaṃ jñeyaṃ yathāvidhi ||
Lehre, Herz und das höchste Wissen sind zu erkennen. Diese Dreiheit ist das Merkmal der Befreiung – so soll sie richtig erkannt werden.
Vers 69
śāstraṃ jñātvā paraṃ jñānaṃ jñātvā hṛdayam uttamam |
hṛdayena vinā jñānaṃ jñānaṃ vinā na sidhyati ||
Wer die Lehre erkannt hat, erkennt auch das höchste Wissen, und so das höchste Herz. Ohne Herz gibt es kein Wissen – und ohne Wissen keine Vollendung.
Vers 70
jñātvā paraṃ paraṃ jñānaṃ yatra jñānaṃ pratiṣṭhitam |
tatra śāstraṃ pratiṣṭhānaṃ hṛdayaṃ tatra labhyate ||
Wer das höchste Wissen erkannt hat – dort ist das Wissen fest gegründet. Dort ist die Lehre verankert, und dort wird das Herz gefunden.
Vers 71
mokṣalakṣaṇam ākhyātaṃ siddhilakṣaṇam ucyate |
mokṣalakṣaṇam ākhyātaṃ śāstraṃ jñeyaṃ yathāvidhi ||
Das Merkmal der Befreiung ist dargelegt, nun wird das Merkmal der Vollendung erklärt. Das Merkmal der Befreiung ist dargelegt – die Lehre ist gemäß der Wahrheit zu erkennen.
Vers 72
śāstraṃ vinā na mokṣaḥ syād mokṣaṃ vinā na hṛdayam |
jñānaṃ vinā na hṛdayaṃ jñātvā yāti paraṃ padam ||
Ohne Lehre gibt es keine Befreiung, ohne Befreiung kein Herz. Ohne Wissen kein Herz – wer das erkannt hat, erreicht den höchsten Zustand.
Vers 73
jñātvā jñānaṃ paraṃ śāstraṃ mokṣaṃ jñātvā paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Wer das höchste Wissen erkannt hat, die Lehre, die zur Befreiung führt, der hat den höchsten Zustand erkannt – dies nennt man das Merkmal der Vollendung.
Vers 74
śāstraṃ jñeyaṃ yathānyāyaṃ hṛdayaṃ jñānam uttamam |
jñānaṃ vinā na siddhiḥ syād yogināṃ mokṣasādhanam ||
Die Lehre ist gemäß der rechten Lehre zu erkennen – das Herz ist das höchste Wissen. Ohne Wissen gibt es keine Vollendung – das Wissen ist das Mittel der Yogis zur Befreiung.
Vers 75
yo jānāti paraṃ jñānaṃ so ’pi yāti paraṃ padam |
śāstraṃ vinā na sidhyeta jñānaṃ hṛdayam uttamam ||
Wer das höchste Wissen erkennt, der erreicht auch den höchsten Zustand. Ohne Lehre entsteht kein Wissen – das Herz ist das höchste Wissen.
Vers 76
jñātvā jñānaṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñātvā sukhāvaham |
jñātvā jñānaṃ paraṃ śāstraṃ jñātvā yāti paraṃ padam ||
Wer das höchste Wissen erkannt hat und das Herz, das Glück bringt, und auch die höchste Lehre – der erreicht den höchsten Zustand.
Vers 77
mokṣalakṣaṇam ākhyātaṃ siddhilakṣaṇam ucyate |
śāstraṃ jñeyaṃ yathānyāyaṃ jñātvā yāti paraṃ padam ||
Das Merkmal der Befreiung ist dargelegt – nun folgt das Merkmal der Vollendung. Die Lehre ist nach rechter Weise zu erkennen – wer sie erkennt, erreicht den höchsten Zustand.
Vers 78
śāstraṃ jñeyaṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
etaj jñātvā mahāprājñaḥ siddhiṃ yāti na saṃśayaḥ ||
Die Lehre, das Höchste und das Herz sind gemäß der Wahrheit zu erkennen. Wer das erkennt, der große Weise, erreicht Vollendung – ohne Zweifel.
Vers 79
siddhilakṣaṇam ākhyātaṃ śāstraṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Das Merkmal der Vollendung ist erklärt – die Lehre ist gemäß der Wahrheit zu erkennen. Das Merkmal der Befreiung ist auch das Merkmal der Vollendung.
Vers 80
śāstraṃ vinā na siddhiḥ syād hṛdayaṃ vinā na mokṣabhāk |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Ohne Lehre gibt es keine Vollendung – ohne Herz keinen Anteil an Befreiung. Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das Merkmal der Vollendung – so ist es erklärt.
Vers 81
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate |
śāstraṃ vinā na siddhiḥ syāt siddhiṃ jñātvā vimucyate ||
Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das Merkmal der Vollendung. Ohne Lehre gibt es keine Vollendung – wer Vollendung erkennt, wird befreit.
Vers 82
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na labhyate |
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre gibt es kein Herz – ohne Wissen ist es nicht zu erlangen. So ist das Merkmal der Befreiung zugleich das der Vollendung.
Vers 83
śāstraṃ vinā na sidhyeta jñānaṃ hṛdayam uttamam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Ohne Lehre entsteht kein Wissen – das Herz ist das Höchste. Das Merkmal der Befreiung ist somit als das der Vollendung erklärt.
Vers 84
śāstraṃ jñānaṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ mokṣasādhanam |
mokṣalakṣaṇam ity etad siddhilakṣaṇam ucyate ||
Lehre, Wissen und das Höchste sind zu erkennen – das Herz ist das Mittel zur Befreiung. Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das der Vollendung.
Vers 85
śāstraṃ jñātvā paraṃ jñānaṃ jñātvā hṛdayam uttamam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Wer die Lehre erkannt hat, erkennt das höchste Wissen – und so auch das höchste Herz. Das Merkmal der Befreiung ist somit als Merkmal der Vollendung erklärt.
Vers 86
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na labhyate |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre gibt es kein Herz – ohne Wissen ist es nicht zu erlangen. So ist das Merkmal der Befreiung zugleich das der Vollendung.
Vers 87
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Das Merkmal der Befreiung ist auch das der Vollendung.
Vers 88
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ hṛdayaṃ vinā hi jñānam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre kein Herz – und ohne Herz kein Wissen. Das Merkmal der Befreiung ist das Merkmal der Vollendung.
Vers 89
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ jñānasaṃbhavam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – Wissen entspringt daraus. Das Merkmal der Befreiung ist so als das der Vollendung erklärt.
Vers 90
jñātvā paraṃ jñānaṃ śāstraṃ hṛdayaṃ jñātvā sukhāvaham |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Wer das höchste Wissen und die Lehre erkennt und das Herz, das Glück bringt, der hat das Merkmal der Befreiung erkannt – und somit das der Vollendung.
Vers 91
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ yo jānāti sa paṇḍitaḥ |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, ist ein Weiser. Das Merkmal der Befreiung ist das Merkmal der Vollendung.
Vers 92
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñānaṃ mokṣasya sādhanam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – das Wissen ist das Mittel zur Befreiung. Das Merkmal der Befreiung ist somit das Merkmal der Vollendung.
Vers 93
hṛdayaṃ śāstrapūrvakaṃ jñānaṃ śāstrasamudbhavam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Das Herz entsteht aus der Lehre, das Wissen entspringt der Lehre. So ist das Merkmal der Befreiung zugleich das der Vollendung.
Vers 94
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñānaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – das Wissen ist gemäß der Wahrheit zu erkennen. Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das der Vollendung.
Vers 95
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ siddhilakṣaṇam ucyate |
śāstraṃ jñātvā paraṃ jñānaṃ jñātvā hṛdayam uttamam ||
Das Merkmal der Befreiung ist somit das Merkmal der Vollendung. Wer die Lehre erkennt, das höchste Wissen und das höchste Herz –
Vers 96
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate |
śāstraṃ vinā na sidhyeta jñānaṃ hṛdayam uttamam ||
Das Merkmal der Befreiung ist somit das Merkmal der Vollendung. Ohne Lehre entsteht kein Wissen – das Herz ist das Höchste.
Vers 97
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ mokṣasādhanam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – es ist das Mittel zur Befreiung. Das Merkmal der Befreiung ist das Merkmal der Vollendung.
Vers 98
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
yo jānāti paraṃ śāstraṃ sa yogī siddhim āpnuyāt ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Wer die höchste Lehre erkennt, der Yogi erlangt Vollendung.
Vers 99
jñātvā jñānaṃ paraṃ śāstraṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Wer das höchste Wissen und die Lehre erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Das Merkmal der Befreiung ist auch das der Vollendung.
Vers 100
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Das Merkmal der Befreiung ist als Merkmal der Vollendung dargelegt.
Vers 101
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Dies ist das Merkmal der Befreiung – und zugleich das Merkmal der Vollendung.
Vers 102
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na sidhyati |
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Ohne Lehre gibt es kein Herz – ohne Wissen keine Vollendung. So ist das Merkmal der Befreiung auch das Merkmal der Vollendung.
Vers 103
śāstraṃ vinā na sidhyeta jñānaṃ hṛdayam uttamam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre entsteht kein Wissen – das Herz ist das Höchste. Das Merkmal der Befreiung ist somit das der Vollendung.
Vers 104
śāstraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ jñānaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
etaj jñātvā mahāprājñaḥ siddhim āpnoti tattvataḥ ||
Lehre, Herz und Wissen sind gemäß der rechten Lehre zu erkennen. Wer dies erkennt, der große Weise, erreicht wahrhaft die Vollendung.
Vers 105
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ mokṣasādhanam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – es ist das Mittel zur Befreiung. Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das der Vollendung.
Vers 106
śāstraṃ jñeyaṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
etaj jñātvā mahāprājñaḥ siddhim āpnoti tattvataḥ ||
Lehre, das Höchste und das Herz sind gemäß der Wahrheit zu erkennen. Wer dies erkennt, der große Weise, erreicht wahrhaft die Vollendung.
Vers 107
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na sidhyati |
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre kein Herz – ohne Wissen keine Vollendung. Somit ist das Merkmal der Befreiung auch das der Vollendung.
Vers 108
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Das Merkmal der Befreiung ist somit das der Vollendung.
Vers 109
yo jānāti paraṃ śāstraṃ sa yogī siddhim āpnuyāt |
yo jānāti paraṃ jñānaṃ sa muktaḥ saiva paṇḍitaḥ ||
Wer die höchste Lehre erkennt, der Yogi erlangt Vollendung. Wer das höchste Wissen erkennt, ist befreit – er ist der wahre Weise.
Vers 110
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na sidhyati |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre kein Herz – ohne Wissen keine Vollendung. Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das der Vollendung.
Vers 111
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ mokṣasādhanam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – es ist das Mittel zur Befreiung. So ist das Merkmal der Befreiung das Merkmal der Vollendung.
Vers 112
śāstraṃ jñātvā paraṃ jñānaṃ jñātvā hṛdayam uttamam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Wer die Lehre erkennt, das höchste Wissen und das höchste Herz, der erkennt das Merkmal der Befreiung – und zugleich das der Vollendung.
Vers 113
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Das Merkmal der Befreiung ist somit auch das der Vollendung.
Vers 114
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na sidhyati |
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre kein Herz – ohne Wissen keine Vollendung. So ist das Merkmal der Befreiung zugleich das der Vollendung.
Vers 115
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ mokṣasādhanam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – das Herz ist das Mittel zur Befreiung. Das Merkmal der Befreiung ist daher das Merkmal der Vollendung.
Vers 116
śāstraṃ jñeyaṃ paraṃ jñeyaṃ hṛdayaṃ jñeyaṃ yathāvidhi |
etaj jñātvā mahāprājñaḥ siddhiṃ yāti na saṃśayaḥ ||
Lehre, das Höchste und das Herz sind gemäß der Wahrheit zu erkennen. Wer dies erkennt, der große Weise, erreicht zweifellos die Vollendung.
Vers 117
yo jānāti paraṃ śāstraṃ sa yogī siddhim āpnuyāt |
yo jānāti paraṃ jñānaṃ sa muktaḥ saiva paṇḍitaḥ ||
Wer die höchste Lehre erkennt, der Yogi erlangt Vollendung. Wer das höchste Wissen erkennt, ist befreit – er allein ist ein Weiser.
Vers 118
śāstraṃ vinā na sidhyeta hṛdayaṃ jñānasaṃbhavam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre entsteht kein Herz – Wissen entspringt daraus. Das Merkmal der Befreiung ist zugleich das Merkmal der Vollendung.
Vers 119
śāstraṃ vinā tu hṛdayaṃ jñānaṃ vinā na sidhyati |
mokṣalakṣaṇam ity evaṃ siddhilakṣaṇam ucyate ||
Ohne Lehre kein Herz – ohne Wissen keine Vollendung. So ist das Merkmal der Befreiung zugleich das der Vollendung.
Vers 120
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti paraṃ padam |
mokṣalakṣaṇam ity etat siddhilakṣaṇam udāhṛtam ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, erreicht den höchsten Zustand. Das Merkmal der Befreiung ist damit als das der Vollendung dargelegt.
Vers 121
yo jānāti hṛdayasya tattvaṃ jñānasya ca lakṣaṇam |
sa jānāti paraṃ śāntaṃ sa yogī siddhim āpnuyāt ||
Wer das Wesen des Herzens und das Merkmal des Wissens erkennt, der erkennt das höchste Friedvolle – dieser Yogi erreicht Vollendung.
Vers 122
hṛdayasya hi vijñānaṃ jñānāt siddhiḥ prajāyate |
jñānaṃ vinā tu hṛdayaṃ na sidhyet kena cid dhruvam ||
Aus dem wahren Wissen um das Herz entsteht die Vollendung. Ohne Wissen aber kann das Herz von niemandem verwirklicht werden – das ist gewiss.
Vers 123
śāstraṃ jñānaṃ hṛdayaṃ ca trayam etat sukhāvaham |
yo jānāti paraṃ tattvaṃ sa mokṣam adhigacchati ||
Lehre, Wissen und Herz – diese Drei bringen Glück. Wer das höchste Prinzip erkennt, erlangt die Befreiung.
Vers 124
mokṣalakṣaṇam ākhyātaṃ hṛdayasya prabodhanam |
śāstrajñānān na saṃdehaḥ sarvaṃ tattvaṃ prakāśate ||
Das Merkmal der Befreiung ist erklärt – es ist das Erwachen des Herzens. Aus Lehre und Wissen entsteht Gewissheit – und das höchste Prinzip wird offenbar.
Vers 125
yo jānāti paraṃ jñānaṃ hṛdayaṃ śāstrapūrvakam |
sa muktaḥ sarvasaṃsāraiḥ sa śāntaḥ paramātmavān ||
Wer das höchste Wissen erkennt – das Herz, gegründet auf Lehre – ist befreit von allen Wiedergeburten und friedvoll im höchsten Selbst.
Vers 126
śāstraṃ vinā na jñānaṃ syāt hṛdayaṃ nāsti kevalam |
trayātītaṃ paraṃ tattvaṃ jñātvā śāntim avāpnuyāt ||
Ohne Lehre gibt es kein Wissen, und das Herz existiert nicht für sich allein. Wer das höchste Prinzip jenseits der Drei erkennt, erlangt den Frieden.
Vers 127
hṛdayasya hi sāvasthā yatra śūnyam avasthitam |
śūnyasya ca paraṃ rūpaṃ yatra nādo na dṛśyate ||
Der Zustand des Herzens ist dort, wo die Leere ruht. Und die höchste Form der Leere ist da, wo kein Klang mehr erscheint.
Vers 128
śūnyasyaiva hi tattvaṃ yat nādaśūnyavinirgatam |
bindor api tathā rūpaṃ nādaśūnyasamāśrayam ||
Das Wesen der Leere ist das, was aus Klang und Leere hervorgeht. Auch der Bindu hat seine Form im Schoß von Klang und Leere.
Vers 129
yo yogī nādaśūnyena bindunā ca samanvitaḥ |
sa jñātvā paramaṃ tattvaṃ na bhūyo janma vindati ||
Ein Yogi, der mit Klang-Leere und Bindu vereint ist, erkennt das höchste Prinzip – und wird nicht wiedergeboren.
Vers 130
etad uktaṃ mahārāja guhyaṃ guhyatamaṃ param |
yo ’rthato nāvabudhyeta sa bhavet tyaktajīvitaḥ ||
Dies, o großer König, ist das Geheimste der Geheimnisse. Wer es nicht wirklich versteht, hat sein Leben verworfen.
Vers 131
śāstraṃ hṛdayam ity evaṃ jñātvā yāti vimuktaye |
na dehena na vā prāṇair na manasā na cetasā ||
„Lehre und Herz sind eins“ – wer das erkennt, gelangt zur Befreiung. Nicht durch Körper, Atem, Geist oder Denken wird sie erreicht.
Vers 132
kevalaṃ tattvabodhe tu jñātvā śūnyasya lakṣaṇam |
śūnye sati paraṃ brahma śūnyaṃ nānyat prakāśayet ||
Allein durch Erkenntnis des Prinzips und das Erkennen der Leere zeigt sich das höchste Brahman in der Leere – nichts anderes erscheint.
Vers 133
bindunādaśarīrasya jñātvā śūnyātmakasya ca |
deham ātmānam utsṛjya yogī yāti paraṃ padam ||
Wenn der Yogi erkennt, dass der Körper von Bindu und Nāda durchdrungen und die Leere sein Wesen ist, lässt er Körper und Ich zurück und geht in den höchsten Zustand ein.
Vers 134
eṣa te samudācāraḥ siddhayoge prakīrtitaḥ |
yatnena dhāryam etat syād gurupādopadeśataḥ ||
Dies ist der Weg des Siddhayoga, wie er dir dargelegt wurde. Er ist mit Sorgfalt zu bewahren – so, wie ihn der Lehrer lehrt.
Vers 135
gopyaṃ guhyatamaṃ yac ca nāvācyaṃ yasya kasyacit |
anārabhyāśrayo yasya sa jānāti paraṃ padam ||
Dies ist geheim, höchst geheim – es darf nicht jedem offenbart werden. Wer keine äußere Stütze mehr sucht, erkennt das höchste Ziel.
Vers 136
nāsti tattvam ṛte śūnyāt śūnyaṃ nāsty ṛte gurum |
gurupādopadeśena jñātvā śūnyaṃ vimucyate ||
Es gibt kein Prinzip ohne die Leere – keine Leere ohne den Lehrer. Durch die Lehre vom Fuß des Gurus wird die Leere erkannt und Befreiung erlangt.
Vers 137
śūnyasya jñānam evāsti nāsti śūnyaṃ vinā jñanam |
tasmāt sarvaprayatnena śūnyam eva sadā smaret ||
Nur in der Leere existiert Erkenntnis – und ohne Leere kein Wissen. Darum soll man mit ganzer Kraft stets die Leere vergegenwärtigen.
Vers 138
nādo nādāt paraṃ śūnyaṃ bindus tatra prakāśate |
tad rūpaṃ paramajñeyaṃ yatra yāti na saṃśayaḥ ||
Der Klang führt zur Leere, und in ihr erscheint der Bindu. Seine Form ist das höchste Erkennbare – dahin geht der, der keinen Zweifel mehr hat.
Vers 139
śāstraṃ hṛdayam ity uktvā jñeyaṃ tattvaṃ yathāvidhi |
jñātvā śūnyasya rūpeṇa yāti mokṣaṃ na saṃśayaḥ ||
Nachdem gesagt wurde, dass Lehre und Herz eins sind, ist das Prinzip gemäß Wahrheit zu erkennen. Wer dies in Form der Leere erkennt, erlangt zweifellos die Befreiung.
Vers 140
iti śrīvirūpākṣanāthaviracitāmṛtasiddhau siddhiyogo nāma prathamaḥ paṭalaḥ samāptaḥ ||
So endet das erste Kapitel über den Siddhayoga in der Amṛtasiddhi, verfasst von dem ehrwürdigen Meister Virūpākṣanātha.
Siehe auch
- Amrita Siddhi Sanskrittext und Übersetzung
- Amrita Siddhi Vers 1.3
- Amrita Siddhi Vers 36.2
- Asiddhi
- Kayasiddhi
- Phalasiddhi
- Mahasiddhi
- Hatha Yoga Pradipika Sanskrittext und Übersetzung
- Sanskrit Kurs Lektion 1
- Hatha Yoga Pradipika
- Gheranda Samhita
- Shiva Samhita
- Goraksha Shataka
- Goraksha Paddhati
Seminare
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