Srivaishnavismus
Srivaishnavismus (auch Sri Vaishnavismus, Sri Vaishnava Sampradaya oder Sri Sampradaya; Sanskrit: श्रीवैष्णव śrīvaiṣṇava; Tamil: ஸ்ரீவைணவம் Śrīvaiṇavam) ist eine der großen Traditionen des Vaishnavismus, der Verehrung Vishnus. Im Mittelpunkt steht die Hingabe an Narayana gemeinsam mit seiner göttlichen Gefährtin Sri, der Göttin Lakshmi. Der Srivaishnavismus entstand in Südindien, vor allem in Tamil Nadu, und verbindet die Weisheit der Veden und Upanishaden mit der glühenden Gottesliebe der tamilischen Dichterheiligen, der Alvars.
Seine philosophische Grundlage ist der Visishtadwaita Vedanta, der „qualifizierte Nicht-Dualismus“, den Ramanuja im 11. und 12. Jahrhundert systematisch ausgearbeitet hat. Zentrale Lehren sind die Wirklichkeit der Seelen und der Welt in ihrer vollkommenen Abhängigkeit von Gott, der Weg der Bhakti und vor allem Prapatti, die vertrauensvolle Zuflucht zum Herrn. Heute zählt der Srivaishnavismus Millionen Anhänger. Seine großen Tempel wie Srirangam und Tirupati gehören zu den meistbesuchten Pilgerorten der Welt.

| Merkmal | Einordnung |
|---|---|
| Name | Srivaishnavismus, Sri Vaishnava Sampradaya, Sri Sampradaya |
| Bedeutung | Tradition der Verehrer Vishnus gemeinsam mit Sri (Lakshmi) |
| Verehrte Gottheit | Vishnu als Narayana mit Lakshmi; besonders als Ranganatha, Venkateshvara und Varadaraja |
| Philosophie | Visishtadwaita Vedanta (qualifizierter Nicht-Dualismus) |
| Heilige Schriften | Veden, Upanishaden, Brahma Sutras, Bhagavad Gita, Pancharatra-Agamas, Vishnu Purana und das tamilische Nalayira Divya Prabandham |
| Dichterheilige | Die zwölf Alvars, darunter Nammalvar, Andal und Periyalvar |
| Große Lehrer | Nathamuni, Yamunacharya, Ramanuja, Parasara Bhattar, Pillai Lokacharya, Vedanta Desika, Manavala Mamunigal |
| Zentraler Weg | Bhakti und Prapatti (Zuflucht, auch Sharanagati) |
| Zentrale Mantras | Om Namo Narayanaya, das Dvaya-Mantra, der Charama Shloka (Bhagavad Gita 18.66) |
| Wichtigste Tempel | Srirangam, Tirupati, Kanchipuram, Melkote; insgesamt 108 Divya Desams |
| Zweige | Vadakalai und Tenkalai |
Name und Bedeutung
Der Name Srivaishnava setzt sich aus Sri und Vaishnava zusammen. Vaishnava bezeichnet einen Verehrer Vishnus. Sri ist der Name der Göttin Lakshmi, der göttlichen Mutter, die untrennbar mit Vishnu verbunden ist. Der Name drückt damit ein Kennzeichen dieser Tradition aus: Gott wird nie allein verehrt, sondern immer zusammen mit Sri. Narayana heißt deshalb Sriman Narayana, „Narayana, der mit Sri verbunden ist“.
Die Tradition wird auch Sri Sampradaya genannt, die von Sri ausgehende Lehrüberlieferung. Nach dem Selbstverständnis der Srivaishnavas beginnt die Kette der Lehrer bei Narayana selbst, geht über Lakshmi und Vishvaksena zu Nammalvar und von dort über die menschlichen Lehrer bis in die Gegenwart.
Die Zeit der Alvars
Die Wurzeln des Srivaishnavismus liegen in der Bhakti-Bewegung Südindiens. Zwischen etwa dem 6. und 9. Jahrhundert lebten die zwölf Alvars, tamilische Dichterheilige, deren Name „die in Gott Eingetauchten“ bedeutet. Sie zogen von Tempel zu Tempel und besangen Vishnu in über viertausend Versen voller Sehnsucht, Liebe und Hingabe. Unter ihnen waren Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft: Brahmanen und Bauern, ein König, eine Frau und ein Sänger aus einer als niedrig geltenden Kaste.
Die zwölf Alvars sind:
- Poigai Alvar, Bhutattalvar und Peyalvar, die drei „ersten Alvars“
- Tirumalisai Alvar
- Nammalvar, der größte der Alvars, und sein Schüler Madhurakavi Alvar
- Kulasekhara Alvar, ein König aus Kerala
- Periyalvar und seine Ziehtochter Andal, die einzige Frau unter den Alvars
- Tondaradippodi Alvar
- Tiruppanalvar
- Tirumangai Alvar
Die Zeit der Acharyas
Nach der Überlieferung waren die Hymnen der Alvars zeitweise verloren. Im 10. Jahrhundert fand der Gelehrte Nathamuni sie wieder: Durch eine Vision Nammalvars empfing er die viertausend Verse und ordnete sie als Nalayira Divya Prabandham. Damit beginnt die Zeit der Acharyas, der Lehrer, die die Hymnen der Alvars mit der Sanskrit-Philosophie des Vedanta verbanden.
Auf Nathamuni folgte sein Enkel Yamunacharya, auch Alavandar genannt. Der bedeutendste Lehrer aber wurde Ramanuja (traditionell 1017–1137). Er schrieb das Sri Bhashya, den großen Kommentar zu den Brahma Sutras, ordnete das Tempelleben in Srirangam, gründete viele Klöster und öffnete die Lehre auch Menschen, die bis dahin von ihr ausgeschlossen waren. Seit Ramanuja gilt der Srivaishnavismus als voll ausgebildete Tradition mit eigener Philosophie, Liturgie und Lehrerfolge.
Nach Ramanuja
Ramanujas Schüler, darunter Kuresa, Embar und Mudaliyandan, führten sein Werk fort. In der folgenden Generation leitete Parasara Bhattar die Gemeinschaft in Srirangam, auf ihn folgten Nanjiyar und Nampillai. In dieser Zeit entstanden die großen Kommentare zu den Hymnen der Alvars, geschrieben in Manipravalam, einer Verbindung von Tamil und Sanskrit.
Im 13. und 14. Jahrhundert wirkten Pillai Lokacharya und Vedanta Desika, zwei große Lehrer, auf die sich später die beiden Zweige der Tradition besonders berufen. Im 14. und 15. Jahrhundert fasste Manavala Mamunigal die Überlieferung noch einmal zusammen. Er gilt vor allem im Tenkalai-Zweig als letzter der großen Acharyas.
Das Gottesbild
Narayana und Sri
Im Srivaishnavismus ist Narayana, also Vishnu, der höchste Gott, der Ursprung, Erhalter und das innere Selbst aller Dinge. Er besitzt unendlich viele heilsame Eigenschaften (Kalyana Gunas) wie Güte, Wissen, Macht, Schönheit und Barmherzigkeit und ist frei von jedem Makel.
Sri, die Göttin Lakshmi, ist untrennbar mit ihm verbunden. Sie gilt als Purushakara, als Fürsprecherin: Wie eine Mutter, die beim Vater für ihr Kind eintritt, führt sie die Seele zu Gott und bittet ihn um Gnade. Deshalb wendet sich der Verehrer zuerst an Sri, um durch sie zu Narayana zu gelangen.

Die fünf Erscheinungsformen Gottes
Nach der Lehre der Pancharatra-Agamas zeigt sich Gott in fünf Formen, damit die Seelen ihn auf verschiedene Weise erreichen können:
- Para: die höchste, transzendente Gestalt Gottes in seiner ewigen Welt Vaikuntha.
- Vyuha: vier Emanationen, durch die Gott die Welt erschafft, erhält und auflöst.
- Vibhava: die Inkarnationen (Avataras), vor allem Rama und Krishna.
- Antaryamin: Gott als innerer Lenker im Herzen jedes Wesens.
- Archa: Gott in der geweihten Gestalt im Tempel oder im häuslichen Schrein.
Die Archa-Gestalt hat im Srivaishnavismus eine besondere Bedeutung. Sie gilt nicht als bloßes Symbol, sondern als wirkliche, gnadenvolle Gegenwart Gottes, der sich aus Liebe zu den Menschen in eine sichtbare, berührbare Form begibt. Gerade in dieser Form sei Gott am leichtesten zugänglich.
Die Philosophie: Visishtadwaita Vedanta
Einheit mit wirklicher Vielfalt
Die Philosophie des Srivaishnavismus ist der Visishtadwaita Vedanta, der qualifizierte oder unterschiedene Nicht-Dualismus. Er unterscheidet sich vom Advaita Vedanta Shankaras dadurch, dass die Welt und die einzelnen Seelen als wirklich gelten und nicht als Täuschung. Zugleich betont er, dass es nur eine höchste Wirklichkeit gibt, Brahman, von dem alles vollständig abhängig ist.
Ramanuja erklärt dieses Verhältnis mit dem Bild von Leib und Seele: So wie der Körper von der Seele getragen, gelenkt und beseelt wird, so sind die Seelen und die Welt der „Leib“ Gottes. Gott ist ihr inneres Selbst. Deshalb ist alles eins in Gott und doch in seiner Eigenart wirklich.
Die drei Wirklichkeiten (Tattva Traya)
Der Srivaishnavismus unterscheidet drei Grundwirklichkeiten:
- Chit: die unzähligen bewussten Seelen (Jivas).
- Achit: die nicht-bewusste Materie, aus der die Welt besteht.
- Ishvara: Gott, der Herr, von dem Chit und Achit abhängen.
Die Seele ist ihrem Wesen nach ewig, bewusst und voller Freude. Sie steht zu Gott in der Beziehung von Shesha und Sheshi: Sie gehört ihm, so wie ein Teil zum Ganzen gehört, und findet ihre Erfüllung im Dienst an ihm.
Befreiung als ewiger Dienst
Befreiung (Moksha) bedeutet im Srivaishnavismus nicht, dass die Seele in Gott aufgelöst wird. Die befreite Seele gelangt nach dem Tod in Vaikuntha, die ewige Welt Gottes, und lebt dort in seliger Gemeinschaft mit Narayana und Lakshmi. Ihr höchstes Glück ist Kainkarya, der liebevolle Dienst an Gott und an seinen Verehrern.
Bhakti und Prapatti: Der Weg zu Gott
Bhakti
Der Weg der Bhakti umfasst Hingabe, Gebet, Meditation und ein Leben, das ganz auf Gott ausgerichtet ist. Ramanuja beschrieb Bhakti als liebevolles, ununterbrochenes Gedenken an Gott, das aus dem Wissen und der Übung erwächst.
Prapatti oder Sharanagati
Da der Weg der Bhakti sehr anspruchsvoll ist, betont der Srivaishnavismus besonders Prapatti, auch Sharanagati genannt: die vollständige Zuflucht zu Gott. Der Mensch erkennt, dass er aus eigener Kraft die Befreiung nicht erreichen kann, und vertraut sich ganz der Gnade Narayanas an. Diese Zuflucht steht jedem Menschen offen, unabhängig von Herkunft, Bildung oder Lebensumständen.
Nach der Überlieferung gehören zur Prapatti fünf Haltungen: der Entschluss, nur das zu tun, was Gott gefällt; das Unterlassen dessen, was ihm missfällt; das feste Vertrauen, dass er schützen wird; die Bitte um seinen Schutz; und das Bewusstsein der eigenen Hilflosigkeit, verbunden mit der Hingabe des eigenen Selbst.
Wie das Vertrauen in die göttliche Gnade im Leben aussehen kann, zeigen viele Geschichten der Tradition, etwa die von Tirukkannamangai Andan, der zum Sinnbild vollkommener Zuflucht wurde.
Die drei heiligen Geheimnisse (Rahasya Traya)
Die Lehre von der Zuflucht ist in drei heiligen Formeln verdichtet, den Rahasya Traya („drei Geheimnisse“). Sie werden bei der Einweihung weitergegeben und von großen Lehrern wie Parasara Bhattar, Pillai Lokacharya und Vedanta Desika ausführlich erklärt.
1. Das Tirumantra ist das achtsilbige Mantra Om Namo Narayanaya. Es drückt aus, dass die Seele ganz Narayana gehört. Nach der bekannten Legende verkündete Ramanuja dieses Mantra vom Tempelturm aus allen Menschen, obwohl er es geheim halten sollte, weil er wollte, dass alle Befreiung finden.
2. Das Dvaya-Mantra besteht aus zwei Sätzen und gilt als Herz der Zuflucht:
श्रीमन्नारायणचरणौ शरणं प्रपद्ये।
श्रीमते नारायणाय नमः॥
Śrīman-nārāyaṇa-caraṇau śaraṇaṁ prapadye.
Śrīmate nārāyaṇāya namaḥ.
Ich nehme Zuflucht zu den Füßen Narayanas, der mit Sri verbunden ist. Verehrung Narayana, der mit Sri verbunden ist.
3. Der Charama Shloka ist der „letzte Vers“, das Versprechen Krishnas in der Bhagavad Gita (18.66):
सर्वधर्मान्परित्यज्य मामेकं शरणं व्रज।
अहं त्वा सर्वपापेभ्यो मोक्षयिष्यामि मा शुचः॥
Sarva-dharmān parityajya mām ekaṁ śaraṇaṁ vraja,
ahaṁ tvā sarva-pāpebhyo mokṣayiṣyāmi mā śucaḥ.
Gib alle anderen Wege auf und nimm Zuflucht zu mir allein. Ich werde dich von allen Sünden befreien; sei nicht bekümmert.

Die heiligen Schriften: Ubhaya Vedanta
Der Srivaishnavismus versteht sich als Ubhaya Vedanta, als „zweifacher Vedanta“. Er stützt sich gleichermaßen auf Schriften in Sanskrit und in Tamil.
Sanskrit-Schriften
- die Veden und Upanishaden
- die Brahma Sutras mit Ramanujas Kommentar Sri Bhashya
- die Bhagavad Gita mit Ramanujas Gita Bhashya
- die Pancharatra-Agamas, die Grundlage des Tempelrituals
- das Vishnu Purana und das Bhagavata Purana
- das Ramayana und das Mahabharata
Tamil-Schriften
Das Nalayira Divya Prabandham, die „viertausend heiligen Hymnen“ der Alvars, gilt als „tamilischer Veda“. Besonders verehrt wird das Tiruvaymoli von Nammalvar, das als Entsprechung zum Sama Veda gilt. Auch das Tiruppavai von Andal, dreißig Verse über die Sehnsucht nach Krishna, wird bis heute in jedem Srivaishnava-Haus und -Tempel gesungen, besonders im Wintermonat Margazhi.
In der Gottesverehrung werden die tamilischen Hymnen den Sanskrit-Veden gleichgestellt. In Prozessionen gehen die Sänger der Divya Prabandham oft vor der Gottesgestalt her, die Rezitatoren der Veden hinter ihr.
Die großen Kommentare
Die Lehrer nach Ramanuja schrieben ausführliche Kommentare zu den Hymnen der Alvars. Sie sind meist in Manipravalam verfasst. Der berühmteste ist das Idu, die Aufzeichnung der Vorträge Nampillais über das Tiruvaymoli.
Vadakalai und Tenkalai: Die zwei Zweige
Ab etwa dem 14. Jahrhundert bildeten sich zwei Zweige des Srivaishnavismus heraus, die bis heute bestehen:
- Die Vadakalai („nördliche Kultur“) berufen sich besonders auf Vedanta Desika und betonen die Bedeutung der Sanskrit-Tradition.
- Die Tenkalai („südliche Kultur“) berufen sich besonders auf Pillai Lokacharya und Manavala Mamunigal und legen besonderes Gewicht auf die tamilischen Hymnen und ihre Kommentare.
Der bekannteste Unterschied betrifft die Frage, wie die göttliche Gnade wirkt. Die Tradition veranschaulicht ihn mit zwei Bildern aus der Natur:
- Nach dem Affen-Prinzip (Markata Nyaya), das den Vadakalai zugeschrieben wird, klammert sich das Affenjunge selbst an seine Mutter. So muss auch die Seele durch ihre Zuflucht einen eigenen Beitrag leisten.
- Nach dem Katzen-Prinzip (Marjara Nyaya), das den Tenkalai zugeschrieben wird, trägt die Katzenmutter ihr Junges im Maul, ohne dass es selbst etwas tun muss. So wird die Seele allein von Gottes Gnade getragen.
Beide Zweige teilen jedoch die Grundlagen der Lehre, die Verehrung der Alvars und Ramanujas und die Überzeugung, dass allein Gottes Gnade befreit. Äußerlich unterscheiden sie sich unter anderem durch die Form ihres Stirnzeichens (Namam): Das Zeichen der Vadakalai ähnelt einem U, das der Tenkalai einem Y, dessen Linie bis auf den Nasenrücken reicht.
Praxis und religiöses Leben
Die Einweihung (Pancha Samskara)
Wer Srivaishnava wird, empfängt von einem Lehrer die Pancha Samskara, die „fünf Weihen“:
- Tapa: Die Zeichen Vishnus, Muschel (Shankha) und Rad (Chakra), werden auf die Schultern aufgebracht.
- Pundra: das senkrechte Stirnzeichen (Urdhva Pundra oder Namam).
- Nama: ein neuer Name, der ausdrückt, dass man Diener Gottes ist.
- Mantra: die Weitergabe der drei heiligen Formeln.
- Yaga: die Unterweisung in der Verehrung Gottes.
Verehrung im Alltag
Das tägliche Leben eines Srivaishnava ist von der Verehrung Gottes geprägt: Gebete am Morgen und Abend, die Verehrung der Gottesgestalt im Haus, die Rezitation der Hymnen der Alvars, das Wiederholen der Mantras und das Darbringen der Speisen an Gott, bevor sie gegessen werden. Besonders geschätzt ist der Dienst an anderen Verehrern (Bhagavata Kainkarya), der als noch wertvoller gilt als der unmittelbare Dienst an Gott.
Feste
Zu den wichtigsten Festen gehören Vaikuntha Ekadashi, an dem in den Tempeln das „Tor zum Himmel“ geöffnet wird, das jährliche Adhyayana Utsava in Srirangam mit der Rezitation aller viertausend Verse, der Monat Margazhi mit dem Singen des Tiruppavai, sowie die Geburtstage der Alvars und Acharyas.
Die 108 Divya Desams: Heilige Tempel
Die Srivaishnavas verehren 108 Divya Desams, „göttliche Orte“, die in den Hymnen der Alvars besungen werden. 106 davon liegen auf der Erde, vor allem in Tamil Nadu und Kerala, einige in Nordindien und Nepal; die beiden letzten sind Vaikuntha und das Milchmeer, die himmlischen Wohnstätten Vishnus.
Zu den bedeutendsten gehören:
- Srirangam: der Tempel Ranganathas auf einer Insel im Kaveri-Fluss, der größte noch genutzte Hindutempel der Welt und das Zentrum des Srivaishnavismus.
- Tirupati (Tirumala): der Tempel Venkateshvaras, einer der meistbesuchten Pilgerorte der Erde.
- Kanchipuram: der Tempel Varadarajas, eng mit dem Leben Ramanujas verbunden.
- Melkote: das Heiligtum in Karnataka, in dem Ramanuja viele Jahre wirkte.
Soziale Offenheit
Eine Besonderheit des Srivaishnavismus ist seine Offenheit über die Grenzen von Kaste und Herkunft hinaus. Unter den Alvars waren Menschen aus allen Schichten, und der Heilige Tiruppanalvar stammte aus einer Kaste, der der Zutritt zum Tempel verwehrt war. Nach der Legende ließ Gott selbst ihn auf den Schultern eines Priesters in den Tempel tragen.
Ramanuja setzte diese Linie fort. Er verkündete das heilige Mantra allen Menschen, verehrte Lehrer aus niedrigen Kasten wie Tirukkachi Nambi und gewährte in Melkote auch den Ausgestoßenen an bestimmten Tagen Zugang zum Tempel. Im Srivaishnavismus zählt der Mensch nach seiner Hingabe, nicht nach seiner Geburt. Zugleich blieben in der Geschichte der Tradition auch soziale Unterschiede bestehen; die Spannung zwischen dem Ideal der Gleichheit vor Gott und den gesellschaftlichen Ordnungen durchzieht ihre Geschichte.
Swami Sivananda, der Lehrer von Swami Vishnudevananda und geistiger Ahnherr von Yoga Vidya, hatte große Achtung vor allen großen Lehrern Indiens. Er sagte: „Alle Acharyas haben ihre Aufgabe. Shankara hat seine Aufgabe, Ramanuja eine andere.“ In seinem Buch Lives of Saints beschrieb er ausführlich das Leben Ramanujas und anderer Heiliger dieser Tradition.
Die Tradition von Yoga Vidya steht in der Linie des integralen Yoga Swami Sivanandas, der Advaita Vedanta mit Bhakti Yoga verbindet. Aus dem Srivaishnavismus stammen viele Elemente, die auch in der Praxis bei Yoga Vidya lebendig sind: das Mantra Om Namo Narayanaya, das in Kirtans gesungen wird, die Verehrung von Rama, Krishna und Lakshmi sowie die Haltung der Hingabe und des selbstlosen Dienstes. Der Srivaishnavismus zeigt eindrucksvoll, wie tiefe Philosophie und innige Gottesliebe zusammenfinden können.
Anregungen für Yoga und Meditation
Der Srivaishnavismus lädt dazu ein, Gottesliebe und Vertrauen in den Alltag zu bringen:
- Mantra-Meditation: Wiederhole in einer Meditation einige Minuten lang das Mantra Om Namo Narayanaya. Spüre, wie das Mantra das Herz öffnet und Vertrauen schenkt.
- Übung der Zuflucht: Bringe eine Sorge, die dich beschäftigt, im Gebet vor das Göttliche. Tu, was dir möglich ist, und vertraue das Übrige der göttlichen Gnade an.
- Kainkarya im Alltag: Verstehe eine alltägliche Tätigkeit als Dienst an Gott und an anderen Menschen. Im Yoga nennt man diese Haltung Karma Yoga.
- Das Göttliche im Herzen: Vergegenwärtige dir, dass Gott als Antaryamin, als innerer Lenker, in deinem Herzen und im Herzen jedes Menschen wohnt.

Was ist der Srivaishnavismus?
Der Srivaishnavismus ist eine südindische Tradition der Vishnu-Verehrung, in der Vishnu als Narayana gemeinsam mit seiner Gefährtin Sri Lakshmi verehrt wird. Seine Philosophie ist der Visishtadwaita Vedanta Ramanujas.
Wer hat den Srivaishnavismus begründet?
Die Tradition geht auf die tamilischen Dichterheiligen, die Alvars, zurück. Als Lehrtradition wurde sie von Nathamuni und Yamunacharya begründet und von Ramanuja im 11. und 12. Jahrhundert vollständig ausgearbeitet.
Was ist der Unterschied zwischen Srivaishnavismus und Advaita Vedanta?
Im Advaita Vedanta Shankaras ist die Welt letztlich eine Täuschung, und die Seele ist mit dem Absoluten identisch. Im Srivaishnavismus sind Welt und Seelen wirklich, bleiben aber vollständig von Gott abhängig. Befreiung ist nicht Auflösung, sondern ewige, liebende Gemeinschaft mit Gott.
Was bedeutet Prapatti?
Prapatti oder Sharanagati bedeutet die vollständige Zuflucht zu Gott. Der Mensch vertraut sich ganz der Gnade Narayanas an und erkennt, dass er aus eigener Kraft nicht befreit werden kann.
Was ist der Unterschied zwischen Vadakalai und Tenkalai?
Beide Zweige teilen die gleichen Grundlagen. Sie unterscheiden sich unter anderem in der Frage, welchen Beitrag die Seele zur Befreiung leistet, veranschaulicht durch das Bild des Affenjungen und des Katzenjungen, sowie in der Gewichtung der Sanskrit- und der Tamil-Schriften.
Welches Mantra ist im Srivaishnavismus am wichtigsten?
Das achtsilbige Mantra Om Namo Narayanaya, das Dvaya-Mantra und der Charama Shloka aus der Bhagavad Gita bilden zusammen die drei heiligen Formeln der Tradition.
Videos zur Vertiefung
Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.
Sukadev erzählt, wie Ramanuja das Mantra Om Namo Narayanaya in die Welt brachte
Bhakti Yogastunde mit Sukadev und Aruna
Herz-Chakra Segensmeditation
Siehe auch
- Vaishnavismus
- Vishnu
- Narayana
- Lakshmi
- Ramanuja
- Visishtadwaita Vedanta
- Alvar
- Nammalvar
- Andal
- Periyalvar
- Nalayira Divya Prabandham
- Parasara Bhattar
- Nampillai
- Pillai Lokacharya
- Vedanta Desika
- Tirukkannamangai Andan
- Manipravalam
- Prapatti
- Om Namo Narayanaya
- Bhakti Yoga
Quellen und Literatur
- Swami Sivananda: Lives of Saints. Divine Life Society, Rishikesh.
- Wikipedia (englisch): Sri Vaishnavism, Überblick über Geschichte, Lehre und Praxis.
- Ramanuja: Sri Bhashya, englische Übersetzung von George Thibaut.
- A. Govindacharya: The Life of Ramanujacharya. 1906.
- Sri Vaishnava Guruparamparai (koyil.org): Lebensbeschreibungen der Alvars und Acharyas.
- Ramanuja.org: Texte und Artikel zur Srivaishnava-Tradition.
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