Manipravalam

Aus Yogawiki

Manipravalam (Sanskrit/Tamil/Malayalam: Maṇipravāḷam; von maṇi, „Juwel, Rubin“, und pravāḷa, „Koralle“) bezeichnet eine Sprach- und Stilform Südindiens, in der Sanskrit mit einer dravidischen Sprache verbunden wird, vor allem mit Tamil oder mit frühem Malayalam. Der Name vergleicht diese Verbindung mit einer Kette, in der rote Rubine und rote Korallen so aufgereiht sind, dass sie sich kaum voneinander unterscheiden lassen: Beide Sprachen sollen harmonisch ineinanderfließen.

Manipravalam hatte zwei große Wirkungsfelder. In Kerala war es eine Sprache der Dichtung, deren Regeln ein eigenes Lehrwerk, das Lilatilakam, beschreibt. Im tamilischen Sri Vaishnavismus wurde es zur Sprache der großen Kommentare zu den Hymnen der Alvars und der theologischen Lehrschriften. Für das Verständnis der tamilischen Bhakti-Tradition nach Ramanuja ist Manipravalam deshalb von zentraler Bedeutung.

Lakshmi, die göttliche Mutter in der vishnuitischen Verehrung: Die sri-vaishnavischen Kommentare in Manipravalam erschließen die Hymnen an Vishnu und Lakshmi.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Manipravalam
Bedeutung „Rubin und Koralle“
Art Mischsprache beziehungsweise Stilform aus Sanskrit und einer dravidischen Sprache
Verbreitung Tamil Nadu und Kerala
Blütezeit Etwa 12. bis 16. Jahrhundert
Wichtige Verwendungen Kommentare und Lehrschriften des Sri Vaishnavismus; höfische Dichtung in Kerala; einige jainistische Texte
Lehrwerk Lilatilakam (Kerala, 14. Jahrhundert)
Schrift Häufig in Grantha-Schrift, die sowohl Sanskrit- als auch Tamil-Laute wiedergeben kann

Name und Wesen

Das Bild von Rubin und Koralle drückt ein Ideal aus: Die beiden Sprachen sollen sich nicht wie Fremdkörper gegenüberstehen, sondern so selbstverständlich verbinden wie zwei ähnlich leuchtende Steine in einer Kette. Das Lilatilakam beschreibt Manipravalam entsprechend als Verbindung von Sanskrit und Landessprache, die ohne jeden Missklang zusammenklingen soll.

Typisch für Manipravalam ist, dass Sanskritwörter und oft ganze Sanskritwendungen mit ihren eigenen Endungen in einen Satz eingefügt werden, dessen Grundgerüst tamilisch oder malayalam ist. So konnte man die Fachsprache der Philosophie und der heiligen Schriften unmittelbar mit der vertrauten Sprache des Alltags und der Andacht verbinden.

Manipravalam im Sri Vaishnavismus

Die Sprache der großen Kommentare

Die Sri Vaishnavas verehren die tamilischen Hymnen der Alvars, besonders das Tiruvaymoli von Nammalvar, als „tamilischen Veda“. Zugleich stützt sich ihre Philosophie auf die Sanskrit-Schriften und auf Ramanujas Visishtadwaita Vedanta. Manipravalam wurde zu der Sprache, in der beide Welten zusammenfinden konnten: Die Kommentatoren erklärten die tamilischen Hymnen mit den Begriffen und Belegen der Sanskrit-Tradition und machten so sichtbar, dass beide dieselbe Wahrheit ausdrücken.

Diese Kommentartradition begann im 12. Jahrhundert. Tirukkurugai Piran Pillan, ein Schüler Ramanujas, verfasste den ersten Kommentar zum Tiruvaymoli, das Arayirappadi, den „Sechstausender“. Die Zahl bezieht sich auf die Länge des Werkes, gemessen in Padi, einer traditionellen Einheit von zweiunddreißig Silben.

Eine Kette von Kommentaren

Auf Pillans Werk folgten weitere große Kommentare, die jeweils ausführlicher wurden:

  • Onpadinayirappadi („Neuntausender“) von Nanjiyar, dem Schüler von Parasara Bhattar, auf der Grundlage von dessen Auslegungen.
  • Irupattunalayirappadi („Vierundzwanzigtausender“) von Periyavachan Pillai, der wegen seiner zahlreichen Kommentare als „Fürst der Kommentatoren“ verehrt wird.
  • Idu oder Muppattarayirappadi („Sechsunddreißigtausender“), die Aufzeichnung der Vorträge von Nampillai durch seinen Schüler Vadakku Tiruvidhi Pillai. Das Idu gilt als der wichtigste und am meisten geschätzte Kommentar zum Tiruvaymoli.

Auch die großen Lehrschriften späterer Acharyas sind in Manipravalam verfasst, etwa das Sri Vachana Bhushanam von Pillai Lokacharya, das Rahasya Traya Sara von Vedanta Desika und zahlreiche Werke von Manavala Mamunigal. In diesen Texten sind Geschichten aus dem Leben der Lehrer bewahrt, wie die von Tirukkannamangai Andan, den das Sri Vachana Bhushanam als Beispiel vollkommenen Vertrauens nennt.

Eine Sprache für Kenner

Das sri-vaishnavische Manipravalam diente nicht in erster Linie der dichterischen Wirkung, sondern der genauen Auslegung und Unterweisung. Es war die Sprache gelehrter Kreise, die sowohl im Sanskrit als auch im Tamil zu Hause waren. Für heutige Tamil-Sprecher ohne Sanskritkenntnisse ist es oft schwer verständlich; viele der Kommentare sind deshalb in modernes Tamil und in andere Sprachen übertragen worden.

Manipravalam in Kerala

In Kerala entwickelte sich Manipravalam zu einer eigenständigen Sprache der Dichtung, die frühes Malayalam mit Sanskrit verband. Sie wurde für höfische Dichtung, Lobgedichte und sogenannte Botengedichte (Sandesha Kavya) verwendet, in denen ein Liebender einer fernen Geliebten eine Botschaft sendet.

Das anonyme Lilatilakam aus dem 14. Jahrhundert, in Sanskrit verfasst, bezeichnet sich als das einzige Lehrwerk über Manipravalam und beschreibt dessen Grammatik und Poetik. Anders als die sri-vaishnavischen Kommentatoren legte es großen Wert auf die ästhetische Wirkung: Manipravalam sollte beim Hörer einen besonderen dichterischen Genuss (Rasa) hervorrufen. Manipravalam hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der Malayalam-Literatur und der modernen Malayalam-Schrift.

Weitere Verwendungen

Auch jainistische Gelehrte in Tamil Nadu verwendeten im Mittelalter Manipravalam für Kommentare und erzählende Texte. Die Verbindung von Sanskrit und Tamil ist zudem in vielen Handschriften und deren Schlussvermerken über lange Zeiträume belegt; manche Forscher sehen darin eine der Wurzeln des Manipravalam.

Bedeutung für das Verständnis der Tradition

Manipravalam zeigt, wie lebendig der Austausch zwischen Sanskrit und den Sprachen Südindiens war. Es macht deutlich, dass die Weisheit der Veden und die Hingabe der tamilischen Heiligen nicht als Gegensätze verstanden wurden, sondern als zwei Ausdrucksformen derselben Wahrheit, die sich wie Rubin und Koralle zu einer Kette verbinden.

Für Yoga-Übende kann darin eine schöne Anregung liegen: Die großen Lehren müssen nicht in einer fernen Fachsprache bleiben. Sie können in die eigene, vertraute Sprache übersetzt und mit dem eigenen Leben verbunden werden, ohne ihre Tiefe zu verlieren. Diese Verbindung von Überlieferung und lebendiger Sprache ist auch ein Anliegen der Arbeit von Yoga Vidya, die Lehren Indiens in deutscher Sprache zugänglich zu machen.

Symbolbild: Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Siehe auch

Quellen und Literatur

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