Schulterstand Gefahren und positive gesundheitliche Wirkungen

Aus Yogawiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Schulterstand Gefahren und positive gesundheitliche Wirkungen: Gehen Gefahren vom Schulterstand aus? Welche positiven gesundheitliche Wirkungen hat der Schulterstand? Der Yogalehrer Heinz Grill gibt in folgendem Artikel einige Anregungen zu diesem Thema.

Gefahren, Grenzen und positive gesundheitliche Wirkungen des Schulterstandes

Artikel von Heinz Grill

In den letzten Jahren bewertete man in Deutschland den Schulterstand als problematische Übung und warnte von Krankenkassen ausgehend vor unvorsichtiger Praxis dieser Übung. Der Neurophysiologe Russell kam zu dem Ergebnis, dass durch die starke Druckbelastung im Bereich der Medulla oblongata, dem verlängerten Rückenmark, die Arteria basilaris abgeklemmt würde und es sogar zu Schlaganfällen kommen könne (siehe W. J. Broad, zitiert in "Die Presse 01.10.2017"). Im Allgemeinen beziehen sich jedoch die meisten Warnungen auf die Druckbelastung des Nackens und auf die Überdehnung der Halswirbelsäulenmuskulatur (Oberer M. trapezius, kurze Nackenmuskeln und die oberen Anteile des langen Rückenstreckers, M. levator scapulae). Allgemein kann eine unsolide Praxis Bandscheibenvorfälle im Halswirbelsäulenbereich verursachen. Insbesondere für den Yoga unterrichtenden Lehrer erscheint es wichtig, die Stellung gut zu kennen und einerseits die Grenzen aufzuzeigen und andererseits die Vorteile, die diese Position bietet, anzuregen.

Verhärtete Schulter-Nackenmuskulatur

Der moderne europäische Bürger leidet vielfach unter starken Spannungen und Verhärtungen der Schulter-Nackenmuskulatur, das ist ein Umstand, der vor 70 Jahren, als Sivananda den Schulterstand bis zu einer halben Stunde Praxiszeitdauer vorschlug, noch gar nicht als Problematik existierte. Zudem dürfte im Allgemeinem der indische Körper etwas weicher und geschmeidiger als der europäische konstituiert sein. Infolge dieser, im Westen sehr weit verbreiteten Schulter- Nackenverspannungen empfiehlt sich ein solider und langsamer Aufbau von Sarvangasana.

BKS Iyengar zum Schulterstand

Iyengar beschreibt die Stellung mit einem 90 Grad Winkel, der zwischen dem aufliegenden Kopf, Nacken und dem nach oben exakt vertikal strebenden Körper besteht. Diese Forderung eines exakten Aufrichtens des Rumpfes und der Beine in die vertikale Linie belastet bei ungeübten Praktizierenden den Nacken und der Halteapparat, der die Bandscheiben stabilisiert, wird gefordert. Die Heilwirkungen, die Iyengar hauptsächlich erwähnt, beziehen sich auf die Schilddrüse und die Nebenschilddrüse, die durch die feste Abriegelung des Kinnes eine erhöhte Blutzufuhr erhalten, weiterhin auf alle anderen endokrinen Drüsen und schließlich erwähnt er die heilsamen Wirkungen auf die Verdauung und auf die Unterleibsorgane.

Der Mensch erhalte neue vitale Kräfte, wenn er den Schulterstand täglich zweimal ausführt. (siehe B.K.S. Iyengar „Licht auf Yoga“ 143 ff.) Der positive Effekt des Schulterstandes für die Gesundheit dürfte jedoch nicht so sehr in der Anregung der Schilddrüse liegen, die durch den komprimierenden Druck erheblich massiert wird und eine frische Blutzufuhr erhält, sondern in der Dynamik der Wirbelsäule, die in umgekehrter Weise entgegen der Schwerkraft nach dem Becken und den Beinen dynamisiert wird. Der M. trapezius und der M. latissimus dorsi erfahren eine außerordentlich positive Anregung, denn sie werden zum umgekehrten dynamischen Krafteinsatz gefordert. Otto Albrecht Isbert beschreibt den Nutzen des Schulterstandes in der Aufladung mit einer besonders positiven Energie, wobei er diese nicht näher charakterisiert.

Schulterstand als Umkehrbewegung

Beim Schulterstand übt die Wirbelsäule eine dynamische Umkehrbewegung aus und streckt sich vom obersten Brustwirbelsäulenansatz nach unten entgegen der Schwerkraft bis in das Kreuzbein und Becken hinein. Diese Bewegung nimmt man im normalen Leben nicht wahr, denn man ist mehr an die sitzende und an die stehende Position gewohnt. Deshalb gewinnt sie, in der Yogaübung praktiziert, eine nennenswerte Bedeutung für die Gesundheit. Es werden nicht nur die Beine, der Unterleib und das Verdauungssystem durch die Umkehrung und dem daraus resultierenden erleichterten Blutfluss entlastet, vielmehr hebt sich die Wirbelsäule entgegen der Gewohnheit nach oben hinaus, in steter Überwindung der Schwerkraft, und so versorgen sich der Rumpf, das Becken und die Beine mit neuen Lebenskräften. Die Aktivität, die in Sarvangasana geleistet wird, und die eine Art Geschicklichkeit im Aufrichten erfordert, wohl dosiert und dennoch dynamisch, führt zur harmonisierenden und erbauenden Lebensenergie.

Der Schulterstand als Umkehrposition besitzt gerade durch diese ungewöhnliche Aktivierung der Bewegungsrichtung eine harmonisierende und anregende Wirkung auf das Verdauungssystem. Des weiteren fördert er eine Steigerung der Ausscheidungsprozesse, da infolge der dynamischen Bewegung der Wirbelsäule in die Becken- und Beinrichtung das Prana zu einem umfassenden Apana, das heißt zu einer abwärts fließenden Bewegung, motiviert wird. Diese Bewegung der Umkehrung des Prana führt des weiteren zu einer Stimulierung der Vagusnerven und beruhigt im Allgemeinen das Vegetativum. Auf dieser Grundlage der Stärkung und Harmonisierung der Gangliengeflechte (z.B. Plexus cardiacus, Plexus coeliacus und Plexi mesenterii) gleicht sich rückwirkend die Schilddrüsenfunktion aus. Die mechanische Einwirkung auf die Schilddrüse durch die KinnBrustbein Kompression im Sinne einer Effektivität besitzt eine untergeordnete Bedeutung.

Die Praxis des Schulterstands

Die Praxis des Schulterstandes erfordert für die meisten Personen heute ein langsames Vorgehen, (wie beispielsweise im Video zum Sarvangasana zu sehen ist). Der Schwung von oben nach unten in die Stellung kann für den Anfänger außerordentlich hilfreich sein, da sich dieser ohne Krafteinsatz entfaltet und anfängliche Fixierungen vermieden werden. Auch ein Schwung, bei dem die Arme nach oben gehalten werden, würde sich empfehlen.

Eine ganz besondere Aufmerksamkeit verdient die Praxis des Schulterstandes in Bezug auf den Atem. Wenn dieser leicht, tief, die Flanke berührend und, gemäß dem Luftelement, nicht zu stark an den Körper fixiert wird, lösen sich leichter Verspannungen im gesamten Körper. Der Schulterstand ist keine Kraftübung, sondern er erlebt sich mehr durch seine geschmeidige und leichte Aufrichtekraft. Je leichter der Atem als kosmisches Element erlebt wird, desto mehr gewinnt der Schulterstand eine ästhetische Schönheit. Er wirkt wie schwebend nach oben anstelle eines mühsamen muskulären Hochdrückens. Sobald der Übende die Beine und den Rumpf in den Lüften hält, kann er langsam die oberste Brustwirbelsäule, das ist die Region zwischen den Schulterblättern, aktivieren lernen. Damit diese ungewöhnliche Aktivierung innerhalb der Stellung gelingt, spürt er in die Region zwischen den Schulterblättern hinein, beobachtet die Verhältnisse der Spannung und lernt die Wirbel mit Hilfe der Muskulatur nach und nach zu aktivieren. Indem nämlich eine wachsende Dynamik die oberste Brustwirbelsäule entlang in die Lenden, in das Becken bis hinein zu den Beinen strömt, dehnt sich die Nackenmuskulatur physiologisch sinnvoll aus, ohne dass die Gefahr bestehen muss, dass die Bandscheiben nach hinten und an die Seite überlastet werden. Die entwickelte Spannung zwischen den Schulterblättern entlastet sogar die großen arteriellen Gefäße, wie die Arterie vertebrales und die Arteria basilaris.

Hilfestellung durch Yogalehrer/in

Der Yogalehrer kann mit geschickten Handgriffen an diese oberste Brustwirbelsäule greifen und die Bewegung entlang nach oben beziehungsweise im Flusse der Wirbelsäule nach ventral und caudal andeuten und fördern. Eine Berührung sowohl zwischen den Schulterblättern als auch am oberen Brustbein rückt diese meist schwer zugängliche Region mehr in das Bewusstsein.

Eine Einschränkung in der Praxis des Schulterstandes sind Bandscheibenvorfälle in den zervikalen Sektoren, da die Halswirbelsäule naturgemäß eine Lordose aufweist und die Gefahr einer zur starken, im Moment der Krankheitssituation nicht mehr tolerierbaren Belastung entsteht. Da sich die Bandscheibenvorfälle meistens nach hinten seitlich zeigen, sollte der Schulterstand bei Ungeübten im Allgemeinen langsam entwickelt werden. Sobald eine Stärkung im Brustwirbelsäulenbereich erfolgt, entlasten sich relativ schnell die Nackenverspannungen und die allgemeine Geschmeidigkeit der Halswirbelsäule wird größer. Das ist ein Umstand, der schließlich den degenerativen Problemen entgegenwirkt.

Wenn der Schulterstand aus diesem dynamischen Ansatz der Brustwirbelsäule ausgeführt wird, das ist eine Tatsache die erfahrene Yogins intuitiv und damit gefahrlos praktizierten, kann die Zeitdauer im Halten der Stellung zunehmend länger erfolgen. Die Anregung von Sivananda, die Stellung bis zu einer halben Stunde zu praktizieren, wird gefahrlos möglich, wenn der Praktizierende die Kraft nicht aus einer verspannten Schulter-Nackenregion nehmen muss, und sich auch nicht zu einseitig mit den Händen stützend nach oben drückt, sondern sich aus den oberen Wirbelabschnitten von Th 2 bis etwa Th 6 dynamisch nach oben bewegen lernt. Diese Aktivität bewirkt die größte Heilwirkung auf die endokrinen Drüsen, jedoch mehr indirekt, indem er die parasympathischen Nerven wie auch die im Verhältnis dazu stehenden sympathischen Nerven des Grenzstranges an der Brustwirbelsäule aktiviert. Denn diese Aktivierung über die vegetativen Geflechte führt zur hormonellen Harmonisierung. Die Entlastung der unteren beinwärts und bauchwärts orientierten Blutgefäße wirkt intensiv entstauend und fördert die ohnehin schon angeregte Ausscheidungsfähigkeit des Körpers.

Der Energiefluss, von dem die Yogins berichten und dem sie eine außerordentlich verjüngende und vitalisierende Wirkung zuschreiben, entwickelt sich aus einem harmonischen und intensiven Apana, aus einer Sammlung in Samana und aus einer Aktivierung des Vyana.

Heinz Grill ist Heilpraktiker, Autor spiritueller Literatur und der Begründer eines geistigen Schulungsweges, des „Yoga aus der Reinheit der Seele“, später von ihm auch als „Neuer Yogawille“ benannt.