Tirumazhisai Alvar

Aus Yogawiki

Tirumazhisai Alvar (Tamil: திருமழிசை ஆழ்வார், Tirumaḻicai Āḻvār), auch Tirumalisai Alvar oder ehrfürchtig Tirumazhisai Piran („der Herr von Tirumazhisai“), ist einer der zwölf Alvars, der großen tamilischen Dichterheiligen der Vishnu-Verehrung. In der traditionellen Reihenfolge ist er der vierte, nach den drei „ersten Alvars“ Poigai Alvar, Bhutam Alvar und Pey Alvar. Er trägt den Ehrennamen Bhaktisara, „Essenz der Hingabe“.

Tirumazhisai Alvar gilt als der Gottsucher unter den Alvars: Nach der Überlieferung erforschte er zuerst viele andere religiöse und philosophische Wege, bevor er durch Pey Alvar zur Vishnu-Verehrung fand. Von seinen Werken sind zwei erhalten, die zum Nalayira Divya Prabandham, den „Viertausend göttlichen Versen“, gehören: das Tiruchanda Viruttam mit 120 Versen und die Nanmukan Tiruvantati mit 96 Versen.

Berühmt ist die Geschichte von seinem Schüler Kanikannan, die zeigt, wie sehr Gott seine Verehrer liebt: Als Kanikannan aus Kanchipuram verbannt wurde, bat der Alvar Vishnu, ihnen zu folgen, und der Gott rollte nach der Legende sein Schlangenbett zusammen und ging mit ihnen. Seither wird Vishnu in Kanchipuram als Sonna Vannam Seitha Perumal verehrt, „der Herr, der tat, wie ihm gesagt wurde“.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Tirumazhisai Alvar, Tirumalisai Alvar, Tirumazhisai Piran
Tamil திருமழிசை ஆழ்வார்
Ehrenname Bhaktisara („Essenz der Hingabe“)
Herkunft Tirumazhisai bei Chennai
Eltern (nach der Legende) Der Weise Bhargava und die Himmelstänzerin Kanakangi
Ziehvater Ein Korbflechter namens Tiruvalan
Guru Pey Alvar
Schüler Kanikannan
Zeit Historisch meist ins 7.–8. Jahrhundert datiert; traditionell weit früher
Werke Tiruchanda Viruttam (120 Verse), Nanmukan Tiruvantati (96 Verse)
Sammlung Nalayira Divya Prabandham
Gilt als Verkörperung von Vishnus Diskus Sudarshana
Geburtsstern Magha im Monat Thai (Januar/Februar)

Leben und Legenden

Eine ungewöhnliche Geburt

Nach der Überlieferung wurde Tirumazhisai Alvar als Sohn des Weisen Bhargava und der Himmelstänzerin (Apsara) Kanakangi geboren, nach einer ungewöhnlich langen Schwangerschaft von zwölf Monaten. Das Kind kam als formloser Klumpen zur Welt. Die Eltern ließen es unter einem Bambusgebüsch zurück. Doch das Kind wurde durch die Gnade Vishnus lebendig und kräftig.

Ein Korbflechter namens Tiruvalan und seine Frau, die selbst kinderlos waren, fanden das Kind und nahmen es zu sich. Das Kind weigerte sich jedoch, Milch zu trinken, und lebte dennoch. Ein alter Mann aus dem Ort brachte ihm täglich Milch; nach langem Zögern trank der Junge eines Tages davon und gab den Rest dem alten Mann und seiner Frau. Diese wurden daraufhin wieder jung und bekamen einen Sohn: Kanikannan, der später der treue Schüler des Alvars wurde.

Die Tradition sieht in Tirumazhisai Alvar eine Verkörperung des Sudarshana, des Diskus Vishnus.

Die Suche nach der Wahrheit

Schon als junger Mensch wollte der Alvar die Wahrheit selbst erkennen. Nach der Überlieferung studierte er nacheinander viele religiöse und philosophische Lehren seiner Zeit, darunter die Lehren der Jainas und der Buddhisten sowie den Shivaismus. Manche Überlieferungen setzen ihn in dieser Lebensphase mit dem Siddha-Dichter Sivavakkiyar gleich, der ebenfalls den Namen Bhaktisara getragen haben soll; diese Gleichsetzung ist umstritten.

Schließlich begegnete er Pey Alvar, einem der drei ersten Alvars. Dieser führte ihn zur Verehrung Vishnus, in der er die Erfüllung seiner Suche fand.

Die Begegnung mit Shiva

Eine bekannte Legende erzählt, dass Shiva und Parvati den Alvar einst in tiefer Meditation sahen und ihm einen Wunsch gewähren wollten. Der Alvar bat um die Befreiung (Moksha). Shiva antwortete, diese könne nur Vishnu gewähren. Da bat der Alvar, ironisch, ihm den Faden in eine Nadel einzufädeln. Die Erzählung endet damit, dass Shiva von der Kraft seiner Hingabe beeindruckt war und ihm den Ehrennamen Bhaktisara verlieh, „Essenz der Hingabe“.

Kanikannan und der Gott, der mitging

Die berühmteste Geschichte über Tirumazhisai Alvar spielt in Kanchipuram. Dort diente eine alte Frau dem Alvar treu. Aus Dankbarkeit bat er Vishnu, sie wieder jung zu machen, und sie wurde eine schöne junge Frau. Der Pallava-König heiratete sie. Als er selbst alterte, wollte er ebenfalls wieder jung werden und verlangte von Kanikannan, dem Schüler des Alvars, ein Loblied auf ihn zu singen. Kanikannan weigerte sich: Er singe nur zum Lob Gottes, nicht zum Lob eines Menschen. Der König verbannte ihn daraufhin aus der Stadt.

Der Alvar beschloss, mit seinem Schüler zu gehen. Zuvor ging er in den Tempel von Tiruvehka, wo Vishnu auf der Weltenschlange ruhend verehrt wird, und sang:

கணிகண்ணன் போகின்றான் காமருபூங் கச்சி
மணிவண்ணா நீகிடக்க வேண்டா – துணிவுடைய
செந்நாப் புலவனும் போகின்றேன் நீயும்உன்
பைந்நாகப் பாய்சுருட்டிக் கொள்.
Kaṇikaṇṇaṉ pōkiṉṟāṉ kāmarupūṅ kacci
maṇivaṇṇā nīkiṭakka vēṇṭā – tuṇivuṭaiya
cennāp pulavaṉum pōkiṉṟēṉ nīyumuṉ
painnākap pāycuruṭṭik koḷ.

Kanikannan verlässt das schöne, blühende Kanchi.
O du Juwelenfarbener, du brauchst hier nicht länger zu liegen.
Auch ich, der kühne Dichter mit der feurigen Zunge, gehe.
Roll auch du dein Bett aus der grünen Schlange zusammen.

Eigene Übersetzung nach der verbreiteten Textgestalt.

Nach der Legende stand Vishnu auf, rollte sein Schlangenbett zusammen und folgte seinen Verehrern. Mit dem Gott verließen auch alles Glück und aller Glanz die Stadt. Der König erkannte seinen Fehler, bat um Vergebung und holte Kanikannan zurück. Der Alvar sang nun, Vishnu möge sein Schlangenbett wieder ausbreiten, und der Gott kehrte zurück und legte sich wieder nieder.[1]

Seither wird Vishnu in diesem Tempel als Yathoktakari verehrt, tamilisch Sonna Vannam Seitha Perumal, „der Herr, der tat, wie ihm gesagt wurde“. Die Geschichte ist ein Bild dafür, dass Gott sich von der Liebe seiner Verehrer lenken lässt, und dafür, dass wahre Hingabe nur Gott gilt, nicht den Mächtigen dieser Welt.

Der Gott, der sich aufrichtete

Eine weitere Legende erzählt, dass der Alvar in Kumbakonam vor Vishnu als Aravamudan stand, der dort ruhend verehrt wird. Er bat den Gott, sich zu erheben, und Vishnu begann, sich aufzurichten. Der Alvar sah dies und bat ihn, so zu bleiben. Seither, so die Überlieferung, wird Vishnu dort in einer halb aufgerichteten Haltung verehrt.

Die Werke im Fluss

Nach der Überlieferung lebte der Alvar sehr lange und schrieb viele Werke. Am Ende seines Lebens warf er alle seine Schriften in den Fluss Kaveri. Nur zwei trieben gegen die Strömung zurück ans Ufer: das Tiruchanda Viruttam und die Nanmukan Tiruvantati. Diese beiden bewahrte er auf; sie sind die einzigen erhaltenen Werke.

Die Werke

Tiruchanda Viruttam

Das Tiruchanda Viruttam („Heilige rhythmische Verse“) umfasst 120 Verse. Es ist in einem besonders rhythmischen, fast musikalischen Versmaß geschrieben. Inhaltlich preist es Vishnu als höchste Ursache allen Seins und erzählt Episoden aus dem Leben Krishnas und Ramas. Es lehrt, dass die völlige Hingabe des Ichs an Gott der Weg zur Befreiung ist. Kenner sehen darin eine frühe dichterische Ausprägung der Philosophie, die später Ramanuja als Vishishtadvaita darlegte.[2]

Nanmukan Tiruvantati

Die Nanmukan Tiruvantati umfasst 96 Verse in der Form der Antati, in der das letzte Wort eines Verses das erste des nächsten bildet, sodass die Verse wie eine Blumengirlande ineinandergreifen. Der Name bezieht sich auf den ersten Vers, der mit Nanmukan beginnt, dem „Viergesichtigen“, also Brahma.

Das Werk betont die Vorrangstellung Vishnus (Narayana) über alle anderen Götter. Es beginnt mit den Worten:

நான்முகனை நாராயணன் படைத்தான் …
Nāṉmukaṉai nārāyaṇaṉ paṭaittāṉ …

Narayana schuf den Viergesichtigen (Brahma) …

Die Nanmukan Tiruvantati spiegelt die religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit, in der Vaishnavas, Shaivas, Jainas und Buddhisten um Anhänger rangen. Manche Verse enthalten scharfe Abgrenzungen gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Sie sind aus ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen; im Zentrum steht die glühende Liebe des Alvars zu dem einen Gott, in dem er die Erfüllung seiner langen Suche fand.

Im Nalayira Divya Prabandham

Beide Werke gehören zum Nalayira Divya Prabandham, der Sammlung der viertausend Verse der zwölf Alvars, die Nathamuni im 10. Jahrhundert zusammenstellte. Sie werden bis heute in den Vishnu-Tempeln Südindiens gesungen, besonders an seinem Geburtstag im Monat Thai.

Symbolbild: Die Hingabe, die nach langer Suche ihre Erfüllung findet.

Die Alvars

Die zwölf Alvars („die in Gott Eingetauchten“) waren tamilische Dichterheilige, die zwischen etwa dem 6. und 9. Jahrhundert lebten und Vishnu in tamilischen Liedern besangen. Zu ihnen gehören die drei ersten Alvars Poigai Alvar, Bhutam Alvar und Pey Alvar, deren Hymnen Mudhal Tiruvantati, Irandam Tiruvantati und Munram Tiruvantati am Anfang der Tradition stehen, außerdem Tirumazhisai Alvar, Nammalvar, Madhurakavi Alvar, Kulasekhara Alvar, Periyalvar, Andal, Tondaradippodi Alvar, Tiruppanalvar und Tirumangai Alvar.

Tirumazhisai Alvar war ein Zeitgenosse der ersten drei Alvars. Durch Pey Alvar ist er unmittelbar mit ihnen verbunden.

Bedeutung

Der Gottsucher

Tirumazhisai Alvar verkörpert den Suchenden, der viele Wege prüft, bevor er seinen Weg findet. Seine Geschichte zeigt, dass ehrliche Suche zum Ziel führt.

Unbestechliche Hingabe

Die Geschichte von Kanikannan zeigt eine Hingabe, die sich nicht von Macht und Ansehen beeindrucken lässt. Der Schüler singt nicht für den König, und der Meister geht lieber in die Verbannung, als seinen Schüler zu verlassen.

Gott, der auf seine Verehrer hört

Die Legenden vom mitgehenden und vom sich aufrichtenden Vishnu drücken einen zentralen Gedanken der Bhakti aus: Gott ist nicht fern und unnahbar, sondern lässt sich von der Liebe seiner Verehrer bewegen.

Philosophische Tiefe

Seine Verse gelten als besonders philosophisch und bereiten die Lehre des Vishishtadvaita vor, die später Ramanuja systematisch darlegte.

Bedeutung für Yoga-Übende

  • Die ehrliche Suche: Wie der Alvar viele Wege erforschte, darf auch der Yoga-Übende fragen, prüfen und suchen, bis er seinen Weg findet. Svadhyaya, das Studium und die Selbsterforschung, gehört dazu.
  • Bhakti: Seine Lieder sind Ausdruck tiefer Gottesliebe und laden zum Bhakti Yoga ein.
  • Der Guru: Die Begegnung mit Pey Alvar zeigt, wie wichtig ein Lehrer auf dem Weg sein kann.
  • Treue zum Wesentlichen: Kanikannans Weigerung, einem König zu schmeicheln, erinnert daran, die eigenen spirituellen Werte nicht für äußeren Vorteil aufzugeben.
  • Gott lässt sich bewegen: Die Legende vom mitgehenden Vishnu kann das Vertrauen stärken, dass aufrichtiges Gebet gehört wird.

Beziehungen zu anderen Persönlichkeiten

Pey Alvar war sein Guru; mit Poigai Alvar und Bhutam Alvar bildet dieser die Gruppe der ersten Alvars. Kanikannan war sein treuer Schüler. Nathamuni sammelte seine Werke im Nalayira Divya Prabandham. Ramanuja legte die Philosophie, die in seinen Versen anklingt, später systematisch dar. Die Gleichsetzung mit dem Siddha-Dichter Sivavakkiyar ist eine umstrittene Überlieferung.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Deine eigene Suche: Erinnere dich in der Meditation an die Stationen deiner spirituellen Suche. Was hat dich zu deinem heutigen Weg geführt?
  • Ein Gebet mit Vertrauen: Sprich ein einfaches, ehrliches Gebet, in dem Vertrauen, dass Gott auf aufrichtige Liebe antwortet.
  • Nur für Gott singen: Singe einen Kirtan oder ein Mantra ganz für das Göttliche, ohne an Zuhörer oder Anerkennung zu denken.
  • Treue zum Lehrer: Denke an Menschen, die dich auf deinem Weg begleitet haben, und sende ihnen Dankbarkeit, auch als Abschluss deiner Yogapraxis.

Der Gott, der mitging

Tirumazhisai Alvar war ein Suchender, der durch viele Lehren ging und schließlich in der Liebe zu Vishnu sein Zuhause fand. Die Geschichte von Kanikannan, in der Gott sein Bett zusammenrollt, um seinen Verehrern zu folgen, gehört zu den schönsten Bildern der indischen Bhakti: Wo die Liebenden hingehen, geht auch Gott mit.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

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