Mahanirvana Tantra

Aus Yogawiki

Mahanirvana Tantra (Sanskrit: महानिर्वाणतन्त्र, Mahānirvāṇatantra, „Tantra der großen Befreiung“) ist eine Schrift des shaktischen Kaula-Tantra, die die Verehrung der ursprünglichen Kali mit der Erkenntnis des einen Brahman verbindet. Im Gespräch zwischen Sadashiva und Parvati entfaltet sie einen Weg aus Mantra, Meditation, Puja, Einweihung und verantwortlicher Lebensführung. Ihre besondere Spannweite reicht von der stillen Erkenntnis des Selbst über die Heiligung des Alltags bis zu ausführlichen Vorschriften für Familie, Gemeinschaft, Recht und Tempel. Befreiung erscheint dabei als das Erwachen zu jener Wirklichkeit, die in allen Wesen gegenwärtig ist.

Shiva und Parvati: Das Mahanirvana Tantra entfaltet seine Lehre als Gespräch über das Wohl der Welt.

Am Anfang steht eine Frage, die auch einen heutigen Aspiranten bewegen kann: Wie kann ich mitten in einem anspruchsvollen Leben innerlich frei werden? Parvati fragt aus Mitgefühl mit den Menschen, deren Kraft begrenzt ist und deren Geist leicht zerstreut wird. Shiva antwortet mit einer Lehre, die spirituelle Übung, Hingabe und Erkenntnis zusammenführt. Das Herz kann zum Tempel werden; ein aufrichtiges Wort, eine hilfreiche Handlung und ein bewusst gesprochenes Mantra können Ausdruck derselben Hinwendung zum Göttlichen sein.

Eine besonders schöne Stelle beschreibt die Blumen der inneren Verehrung: Gewaltlosigkeit, Sinnesbeherrschung, Mitgefühl, Geduld und Erkenntnis (5.149). Diese Gaben sind auch dort möglich, wo kein Altar steht. Sie lassen sich in einer schwierigen Begegnung, bei der Arbeit und im Umgang mit den eigenen Gedanken darbringen. So stellt das Mahanirvana Tantra eine lebendige Verbindung zwischen dem Meditationssitz und dem übrigen Leben her.

Seine tiefste Verheißung lautet: Das Selbst ist bereits frei (14.127). Der Weg besteht darin, diese Freiheit zu erkennen und die Verwechslung des Selbst mit Körper, Gedanken und wechselnden Rollen zu durchschauen. Dazu gehören die geduldige Läuterung des Geistes, Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft, dem Wohl anderer zu dienen. „Wer der Welt Gutes tut, erfreut den Herrn der Welt“, lehrt 2.33. Innere Freiheit und tätiges Mitgefühl finden hier zusammen.

Die folgenden vierzehn Kapitel entfalten diesen Weg von der ersten Frage bis zur Lehre der Befreiung. Ergänzend laden der Sanskrittext in IAST und der Sanskrittext in Devanagari zum vertieften Studium ein. Für die tägliche Betrachtung bietet die Auswahl von 108 Versen und Mantras einen eigenen Zugang.

Ein erster Leseweg
Wer zunächst die spirituelle Mitte kennenlernen möchte, kann mit der Brahman-Meditation in Kapitel 3, den inneren Gaben in 5.143–156, der Lebensführung in 8.35–74 und der Selbsterkenntnis in 14.104–139 beginnen. Von dort aus erschließen sich auch die ausführlicheren Ritualkapitel leichter. Die vollständige Lektüre zeigt, wie weit der Text das Verhältnis von innerer Freiheit und äußerer Lebensordnung spannt.

Bedeutung und Einordnung

Maha bedeutet „groß“, Nirvana bezeichnet hier die höchste Befreiung, das Erlöschen der Bindung an Unwissenheit und begrenztes Ichbewusstsein. Der Ausdruck meint im Mahanirvana Tantra die Verwirklichung Brahmans; er ist in diesem Zusammenhang nicht einfach mit einer bestimmten buddhistischen Nirvana-Lehre gleichzusetzen. Tantra bezeichnet die zusammenhängende Lehre und Praxis, die diesen Weg erschließt.

Tradition und Geschichte

Traditionell spricht Shiva selbst zur Göttin. Diese Offenbarungssituation begründet die Autorität der Lehre und lässt Wissen als Antwort auf eine mitfühlende Frage erscheinen. Historisch wird das Werk dagegen meist dem neuzeitlichen bengalischen Tantra zugeordnet; häufig wird eine Entstehung oder wesentliche Ausgestaltung im späten 18. Jahrhundert angenommen. Datierung, Textschichten und die Frage nach einer zweiten Hälfte sind umstritten. Die göttliche Erzählsituation ist deshalb von einer historischen Altersbestimmung zu unterscheiden. Zur Diskussion siehe Hiroki Watanabe, Textual Problems of the Mahanirvanatantra.

Die Verbindung von Brahman-Lehre, Göttinnenverehrung und sozialer Ordnung gibt dem Werk innerhalb der vielfältigen Traditionen von Shaktismus und Shaivismus ein eigenes Profil. Seine Kaula-Sprache lässt sich mit dem Kularnava Tantra und dem Niruttara Tantra vergleichen; seine starke Betonung nichtdualer Erkenntnis eröffnet zugleich eine Begegnung mit Vedanta. Zum Vergleich mit anderen Formen nichtdualer Shiva-Lehre dienen etwa Pratyabhijnahridaya, Shiva Sutra und Paramarthasara, ohne dass daraus eine gemeinsame Textgeschichte abgeleitet werden muss.

Die unter dem Namen Arthur Avalon veröffentlichte englische Übersetzung The Great Liberation (Mahānirvāṇa Tantra) von 1913 trug zur internationalen Bekanntheit bei. Die Sanskritgrundlage dieser Ausgabe folgt der von Arthur Avalon herausgegebenen Edition mit dem Kommentar Hariharananda Bharatis; der Kommentar ist von den übersetzten Grundversen zu unterscheiden.

Mahanirvana Tantra महानिर्वाणतन्त्र Mahā-nirvāṇa-tantra Aussprache

Hier kannst du hören, wie das Sanskritwort Mahanirvana Tantra, महानिर्वाणतन्त्र, Mahā-nirvāṇa-tantra ausgesprochen wird:

Sukadev über Mahanirvana Tantra

Niederschrift eines Vortragsvideos (2014) von Sukadev über Mahanirvana Tantra

Tantra heißt Gewebe, Zusammensetzung. Tantra heißt Werk. Tantra ist also ursprünglich die Bezeichnung für einen Text, ein Werk oder auch für ein Gewebe. Erst in späterer Zeit ist Tantra gleichbedeutend geworden mit dem Wort „Shaktismus“. Eigentlich, es gibt in Indien drei Hauptrichtungen im Hinduismus: Es gibt den Shaktismus, Shaivismus und den Vaishnavismus, also Vaishnavas, Shaktas und Shaivas sind die Anhänger dieser drei. Und später wurden die Shaktas auch als Trantrikas bezeichnet.

Eine Theorie besagt, dass das die westlichen Orientalisten waren, die zunächst mal diesen Ausdruck „Tantra“ dafür verwendet haben. Und wenn du in Südindien z.B. hörst, dass jemand ein Tantriker ist, dann heißt das nicht, dass er jetzt irgendwelche Sexualpraktiken übt, es heißt noch nicht mal, dass er fortgeschrittenes Kundalini Yoga macht, sondern es heißt, er kennt sich mit den Schriften gut aus. Es heißt, er kennt sehr gut auch die ganzen vedischen Schriften und die anderen Schriften, er ist ein Tantriker, er beherrscht die Werke, er beherrscht auch das Gewebe der Puja.

Eine tantrische Puja ist so eine sehr korrekt ausgeführte Puja. In heutiger Zeit gehört zur tantrischen Puja auch immer die Verehrung der göttlichen Mutter dazu, das ist dann auch eine zusätzliche Besonderheit. Denn heutzutage ist Tantra das, was Verehrung der göttlichen Mutter ist.

Was ist jetzt Mahanirvana Tantra? Das ist einer der bekannten oder wichtigen Texte über Tantra, mit dem Ziel, einen auf großartige Weise, Maha, zum Nirvana zu führen, zur Erleuchtung, zur Selbstverwirklichung, zur Gottverwirklichung. Mahanirvana Tantra – ein wichtiger Text aus der Tantra-Tradition, aus der Shaktismus-Tradition, will führen zu Nirvana, zur Erleuchtung, auf großartige Weise, Maha.

Aufbau und zentrale Lehren

Die vierzehn Kapitel heißen Ullasa, etwa „Entfaltung“ oder „Aufleuchten“. Ihre Bewegung führt von der Frage nach dem Heil im Kali Yuga zur Brahman-Verehrung, von dort zur Adya-Kali-Praxis und zur Gestaltung des gesamten Lebens. Am Ende wird die Erkenntnis des Selbst als der eigentliche Grund der Befreiung herausgestellt.

Kapitel Schwerpunkt
1–2 Parvatis Frage, Bedingungen des Kali-Zeitalters, tantrischer Weg und das eine Brahman
3 Brahman-Mantra, Meditation, innere und äußere Verehrung, Ethik und Einweihung
4 Die Göttin als ursprüngliche Kraft; Kula-Weg und Wahrhaftigkeit
5–6 Mantras, Guru-Verehrung, Nyasa, innere Puja, Yantra, Ritualkreis und Opfer
7 Namen und Schutzgebet Kalis, vereinfachte Verehrung und Bedeutung des Kula
8 Lebensführung der Haushälter, gemeinschaftliche Riten und Entsagung
9–10 Lebenssakramente, Ehe, Ahnen- und Totenriten sowie vollständige Initiation
11–12 Historische Regeln zu Verfehlungen, Sühne, Strafe, Erbe und Vermögen
13 Symbolik der Göttin; Weihe von Wasseranlagen, Häusern, Tempeln und Götterbildern
14 Shiva-Linga, Selbsterkenntnis, Avadhutas, Om Tat Sat und abschließender Lobpreis

Einheit und Vielfalt

Brahman ist das eine, aus sich selbst leuchtende Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Die Vielheit der Gottheiten wird nicht als Konkurrenz voneinander unabhängiger letzter Wahrheiten verstanden. Wie die Bewässerung einer Wurzel den ganzen Baum nährt, so erreicht die Verehrung des einen Grundes alle göttlichen Erscheinungen (2.48). Die Vielfalt der Formen erhält ihren Sinn durch die unterschiedliche Aufnahmefähigkeit der Übenden.

Shiva und Shakti

Shiva ist das unveränderliche Bewusstsein; Shakti ist die Kraft, durch die die Welt erscheint, besteht und sich wieder auflöst. Zugleich sagt Shiva ausdrücklich, zwischen ihm und der Göttin bestehe kein Unterschied (1.16). Bewusstsein und göttliche Kraft sind in dieser Sicht untrennbar verbunden. Als Adya ist sie die ursprüngliche Mutter, als Kali verschlingt sie selbst die Zeit. Ihre furchterregende Symbolik verweist auf die Vergänglichkeit aller begrenzten Formen und die Freiheit, die nicht von ihnen abhängt.

Kapitel 13 erläutert das Meditationsbild, statt seine Einzelheiten nur aufzuzählen: Dunkelheit, Mond, drei Augen, rotes Gewand und Segensgesten werden auf göttliche Eigenschaften und Wirkungen bezogen. Das Bild wird so zu einer Hilfe für die Sammlung des Geistes. Verwandte Themen der Göttinnenverehrung erschließen Yogini Hridaya, Nitya Shodashikarnava und Vamakeshvara Tantra, jeweils in ihrem eigenen Überlieferungszusammenhang.

Guru, Mantra und Einweihung

Der Guru erschließt mit dem Mantra eine Weise des Sehens: das Göttliche im eigenen Herzen und in allen Wesen zu erkennen. Diksha und Abhisheka stehen für Aufnahme und Vertiefung in eine lebendige Praxis. In 3.31 wird deshalb betont, dass Wiederholung ohne Verständnis der Bedeutung und des lebendigen Bewusstseins eines Mantras nicht zur Vollendung führt. Japa verbindet Klang, Sinn, Aufmerksamkeit und Hingabe.

Besonders hervorgehoben werden das Brahman-Mantra, die Mantras Adya Kalis und die schlichte Formel „Om Tat Sat“. Verschlüsselte Bija-Angaben gehören zur traditionellen Unterweisungssprache und sind von vollständig ausgeschriebenen Rezitationsformeln zu unterscheiden. Die gesonderte Mantrasammlung verbindet sicher lesbare Formeln mit ihrer Bedeutung und kurzen Anregungen zur Betrachtung. Für den Aspiranten liegt darin eine Einladung, beim Japa immer wieder zum Sinn des Mantras zurückzukehren: Wem gilt meine Hinwendung? Welche Wahrheit möchte ich mir vergegenwärtigen?

Spirituelle Praxis und Lebensführung

Kali und Shiva veranschaulichen das Zusammenspiel von göttlicher Kraft und Bewusstsein.

Von der äußeren zur inneren Verehrung

Die ausführliche Puja ist eine Schule der Aufmerksamkeit. Bei der inneren Verehrung wird der Herzlotus zum Sitz der Göttin, der Geist zur Ehrengabe und Prana zum Räucherwerk (5.143–146). Die kostbarsten Blumen sind innere Haltungen: Gewaltlosigkeit, Sinnesbeherrschung, Mitgefühl, Geduld und Erkenntnis (5.149). Ein äußerer Gegenstand weist dadurch über sich hinaus auf eine Qualität, die im eigenen Leben Gestalt gewinnen soll. Eine solche Blume kann heute die Geduld sein, mit der du einem Menschen zuhörst; morgen die Wahrhaftigkeit, mit der du einen Fehler eingestehst. So lässt sich die Lehre der inneren Puja auch als Anregung verstehen, das eigene Handeln zu einer Gabe werden zu lassen.

Der Text enthält zugleich konkrete Riten mit den fünf Tattvas beziehungsweise Panchamakara: Wein, Fleisch, Fisch, geröstetem Getreide und sexueller Vereinigung. Nicht jede dieser Stellen ist bloß symbolisch gemeint. Auch Tieropfer werden beschrieben. Diese historischen Ritualvorschriften werden in der Übersetzung als solche erkennbar gehalten. Für die heutige persönliche Auseinandersetzung lässt sich davon die ausdrücklich gelehrte innere Darbringung unterscheiden; sie darf jedoch nicht als angeblich einziger ursprünglicher Sinn aller Riten ausgegeben werden.

Yoga und Meditation

Für Yoga ist die Verbindung von Atem, Aufmerksamkeit und Selbstverständnis bedeutsam. Pranayama bereitet die Sammlung vor, Nyasa deutet den Körper als heiligen Raum, und Kundalini, Nadis sowie Chakras gehören zur Sprache innerer Vergegenwärtigung. Im Mittelpunkt steht dabei die Ausrichtung des ganzen Menschen auf die Erkenntnis des göttlichen Grundes.

Meditation führt von einer gewählten Form zur Erkenntnis ihres Grundes. Dharana sammelt den Geist, Dhyana vertieft die Betrachtung; Samadhi bezeichnet in 3.8 die unmittelbare Erkenntnis jenseits begrenzender Unterscheidungen. Das Werk verbindet diese Aspekte mit seiner eigenen Mantra- und Verehrungspraxis. Einen eigenständigen Zugang über die Vielfalt kontemplativer Methoden bietet zum Vergleich das Vijnana Bhairava Tantra.

Ethik, Alltag und Verantwortung

Befreiung hebt die Bedeutung verantwortlichen Handelns auf dem Weg nicht auf. Wahrhaftigkeit, Fürsorge für Eltern, Bildung der Kinder, freundliche Rede, Unterstützung Bedürftiger und Werke für das Gemeinwohl werden ausdrücklich gelehrt. Der Hausstand kann ein Ort spiritueller Reifung sein. Handeln ohne Anhaften und Erkenntnis werden in 14.112 und 14.153 eng verbunden.

Die soziale Ordnung des Werkes enthält zugleich Kastenunterschiede, patriarchale Abhängigkeiten und harte Strafnormen. Diese sind historische Aussagen des Textes und keine zeitlosen Empfehlungen für das Zusammenleben. Besonders deutlich wird die Spannung zwischen der rituellen Überwindung von Rangunterschieden und ihrer Beibehaltung im sozialen Recht. Daneben stehen die ausdrückliche Zurückweisung der Witwenverbrennung (10.79–80) und die Öffnung des Kaula-Weges über Herkunfts- und Geschlechtergrenzen hinweg (14.184–190). Eine aufmerksame Lektüre lässt diese Spannungen sichtbar, statt das Werk pauschal als modern oder ausschließlich rückwärtsgewandt zu beschreiben.

Das Ziel: Erkenntnis und Befreiung

Das Schlusskapitel erklärt, dass heilsame und unheilsame Handlungen wie goldene und eiserne Fesseln binden können, wenn das Bewusstsein an ihren Früchten haftet (14.110). Riten läutern und bereiten vor; Moksha erwächst aus der Erkenntnis des Selbst. Wie der Raum nicht zerbricht, wenn ein Krug zerbricht, bleibt das Selbst von den Veränderungen des Körpers unberührt (14.134). Die spirituelle Frage lautet deshalb: Was in mir ist wechselnde Erfahrung, und was ist das Bewusstsein, in dem sie erscheint? Wenn Unruhe bemerkt wird, ist zugleich das Bewusstsein dieser Unruhe gegenwärtig. Wenn ein Gedanke vergeht, muss mit ihm nicht die innere Gegenwart verloren gehen. Solche Betrachtungen können den Sinn der Lehre vom Zeugenbewusstsein erschließen. Sie laden zu geduldigem Forschen ein; eine bloß übernommene Vorstellung vom freien Selbst ersetzt die eigene Erkenntnis nicht.

Deutsche Übersetzung des Mahanirvana Tantra

Die Verszählung folgt den vierzehn Kapiteln. Über mehrere Verse laufende Sätze bleiben zusammenhängend lesbar. Aussagen über rituelle Wirkungen, gesellschaftliche Rangordnungen und Strafvorschriften gehören zur Stimme des historischen Textes. Eckige Klammern kennzeichnen kurze Erläuterungen; Hinweise zur Textgestalt stehen am Ende.

Kapitel 1 – Die Frage nach dem Heil

Ganga: Heilige Orte gehören zur Bildwelt des Textes; die Frage nach Befreiung richtet sich auf alle Menschen.

1.1 Auf dem lieblichen Gipfel des Königs der Berge, geschmückt mit vielerlei Edelsteinen, bedeckt von Bäumen und Schlingpflanzen, erfüllt vom Rufen mannigfacher Vögel,

1.2 bezaubernd durch den Duft der Blüten aller Jahreszeiten, überaus anmutig, von kühlen, duftenden, sanften Winden umfächelt,

1.3 widerhallend vom melodischen Gesang der Apsaras, überdacht vom beständigen Schatten der Bäume, lieblich und friedvoll,

1.4 mit Waldlichtungen voller berauschter Kuckucksrufe, stets besucht vom König der Jahreszeiten, dem Frühling, mit seinem Gefolge,

1.5 umgeben von Siddhas, Charanas, Gandharvas und den Scharen Ganapatis, verweilte schweigend der Gott, der Lehrer der beweglichen und unbeweglichen Welt:

1.6 Sadashiva, immerwährende Wonne, ein Meer des Nektars des Mitgefühls, weiß wie Kampfer und Jasmin, ganz aus reinem Sattva, alldurchdringend;

1.7 mit den Himmelsrichtungen bekleidet, Beschützer der Bedrängten, Herr und Geliebter der Yogis, geschmückt mit verfilztem Haar, das von den Tropfen der Ganga benetzt war;

1.8 mit heiliger Asche geziert, friedvoll, mit Schlangen als Girlande und einer Schädelschale, dreiäugig, Herr der drei Welten, Träger des herrlichen Dreizacks;

1.9 leicht zu erfreuen, aus Erkenntnis bestehend, Spender der Frucht der Befreiung, frei von begrifflicher Unterscheidung, Furcht, Besonderung und Befleckung;

1.10 Wohltäter aller, Gott der Götter, frei von Leiden. Als Parvati sein heiteres Antlitz sah, verneigte sie sich demütig und sprach zu Shiva, weil sie das Wohl der Welten wünschte.

1.11 Parvati sprach: Gott der Götter, Herr der Welt, mein Herr, Schatz des Mitgefühls! Ich stehe unter deiner Obhut und folge stets deiner Weisung.

1.12 Ohne deine Erlaubnis vermag ich nichts zu sagen. Wenn du mir auch nur ein wenig Gnade und Zuneigung entgegenbringst, möchte ich dir vortragen, was ich im Herzen bedacht habe.

1.13 Wer außer dir, großer Herr, wäre in den drei Welten fähig, diesen Zweifel zu lösen, du Allwissender, Kenner aller Schriften?

1.14 Sadashiva sprach: Was soll diese Zurückhaltung, du überaus Weise, Geliebte meines Lebens? Sprich! Selbst was Ganesha und dem Heerführer Skanda nicht mitgeteilt werden darf,

1.15 werde ich dir sagen, und sei es noch so geheim. Was in den drei Welten müsste vor dir verborgen werden?

1.16 Du bist meine eigene Gestalt, Göttin; zwischen dir und mir besteht kein Unterschied. Was wüsstest du als Allwissende nicht? Dennoch fragst du, als wüsstest du es nicht.

1.17 Als Parvati die Worte des Gottes hörte, wurde ihr Herz froh. Demütig geneigt fragte die tugendhafte Göttin Shankara.

1.18 Die ursprüngliche Göttin sprach: Erhabener, Herr aller Wesen, höchster Kenner des Dharma! Einst hast du aus Mitgefühl, als innerer Lenker Brahmas,

1.19 die vier Veden offenbart, in denen alle Pflichten und die Ordnungen der gesellschaftlichen Stände und Lebensstufen begründet sind.

1.20 Im Krita-Zeitalter erfreuten die Menschen durch die dort gelehrten Übungen des Yoga, Opfer und andere Handlungen die Götter und Ahnen und lebten tugendhaft.

1.21 Durch Schriftstudium, Meditation, Askese, Mitgefühl und Freigebigkeit beherrschten sie ihre Sinne. Sie waren stark, tatkräftig, mutig und von großer innerer Festigkeit.

1.22 Sie besuchten die Heiligtümer, glichen Göttern und hielten ihre Gelübde. Alle waren rechtschaffen, wahrhaftig und der Wahrheit und dem Dharma ergeben.

1.23 Die Könige standen zu ihrem Wort und waren dem Schutz ihrer Untertanen gewidmet. Die Menschen betrachteten die Frauen anderer wie ihre Mütter, deren Kinder wie ihre eigenen Kinder

1.24 und fremdes Vermögen wie einen Erdklumpen. Sie erfüllten ihre eigenen Pflichten und wandelten stets auf dem guten Weg.

1.25 Niemand log oder gab sich der Achtlosigkeit hin. Es gab keine Diebe, keine Menschen, die anderen Schaden zufügten, und keine böswilligen Absichten.

1.26 Niemand war neidisch, maßlos zornig, gierig oder lüstern. Alle waren reinen Herzens und stets von innerer Freude erfüllt.

1.27 Die Erde trug reiche Ernten, die Wolken regneten zur rechten Zeit, die Kühe gaben reichlich Milch und die Bäume waren voller Früchte.

1.28 Es gab keinen vorzeitigen Tod, keine Hungersnot und keine Krankheit. Die Menschen waren froh, wohlgenährt, gesund und mit Glanz, Schönheit und guten Eigenschaften begabt. Die Frauen waren ihren Ehemännern treu und ergeben.

1.29 Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras lebten nach den Regeln ihres Standes. Indem sie durch ihre jeweiligen Pflichten verehrten, erreichten sie den Weg der Erlösung.

1.30 Als das Krita-Zeitalter vergangen war und im Treta-Zeitalter der Dharma verletzt wurde, vermochten die Menschen ihre Ziele nicht mehr durch die vedischen Handlungen zu erreichen.

1.31 Die vedischen Riten erforderten große Mühe und viele Mittel; die von Sorgen bedrängten Menschen waren ihnen nicht mehr gewachsen.

1.32 Sie konnten diese Riten weder aufgeben noch vollziehen und waren ständig verzagt. Da offenbartest du auf Erden die als Smriti bekannten Schriften, die den Sinn der Veden bewahren,

1.33 und rettetest die Menschen, deren Kraft zu Askese und Schriftstudium geschwunden war, vor dem Unheil, das Leiden, Kummer und Krankheit hervorbringt.

1.34 Wer außer dir beschützt, erhält und rettet die Lebewesen im schrecklichen Meer des Samsara, du Herr, der ihnen wie ein Vater Gutes tut?

1.35 Als das Dvapara-Zeitalter kam, die guten Handlungen der Smriti vernachlässigt wurden, die Hälfte des Dharma verloren ging und die Menschen von seelischen und körperlichen Leiden bedrängt waren, rettetest du sie durch die Unterweisung in Samhitas und anderen Schriften.

1.36 Doch wenn das sündhafte Kali-Zeitalter anbricht, das alle heilige Ordnung zerstört, schlechtes Verhalten und Täuschung fördert und zu bösen Taten antreibt,

1.37 dann haben die Veden keine Kraft mehr; wie sollten die Smritis noch in Erinnerung bleiben? Auch die vielen Puranas mit ihren mannigfachen Geschichten und Wegen

1.38 werden untergehen, o Herr. Dann werden sich die Menschen von religiöser Pflicht und heilsamem Handeln abwenden.

1.39 Sie werden zügellos, von Hochmut berauscht, stets dem Unrecht zugewandt, lüstern, habgierig, grausam, hartherzig, schmähsüchtig und betrügerisch sein.

1.40 Ihr Leben wird kurz, ihr Verstand schwach; Krankheit und Kummer werden sie bedrängen. Ohne Glanz und Kraft werden sie sich erniedrigendem Verhalten hingeben.

1.41 Sie werden schlechte Gesellschaft suchen, fremdes Vermögen an sich bringen, andere verleumden, schädigen und beschuldigen.

1.42 Ohne Furcht vor Schuld werden sie die Frauen anderer rauben; mittellos, unrein, elend, arm und dauernd krank werden sie sein.

1.43 Brahmanen werden wie Shudras leben, die Gebete der Tagesübergänge unterlassen, für Unberechtigte opfern, gierig, sittenlos und sündhaft handeln.

1.44 Sie werden lügen, unwissend und heuchlerisch sein, betrügen, ihre Töchter verkaufen, ihre religiösen Pflichten aufgeben und Askese und Gelübde meiden.

1.45 Nur um die Menschen zu täuschen, werden sie Mantras wiederholen und Gottesverehrung betreiben: falsche Lehrer, die sich für Gelehrte halten, ohne Vertrauen und Hingabe.

1.46 Sie werden schlechte Nahrung essen, schlecht leben, Lohnarbeit und Dienste für Shudras verrichten, deren Speise annehmen, grausam sein und Beziehungen zu Frauen niedriger Herkunft suchen.

1.47 Aus Geldgier werden sie ihre Frauen Männern niedriger Kaste überlassen. Das Tragen der heiligen Schnur wird das einzige Kennzeichen ihres Brahmanentums sein.

1.48 Es wird keine Regeln für das Trinken geben und keine Unterscheidung zwischen erlaubten und verbotenen Speisen. Sie werden die Dharmaschriften schmähen und guten Menschen fortgesetzt schaden.

1.49 Nicht einmal der Wunsch nach einem heilsamen Gespräch wird in ihrem Herzen entstehen. Du hast die Tantras zur Erlösung der Lebewesen geschaffen,

1.50 die als Nigamas und Agamas Genuss und Befreiung gewähren. Darin werden die Verehrung der Götter und Göttinnen durch Mantras und Yantras sowie viele Nyasas beschrieben, die Schöpfung, Erhaltung und andere Vorgänge darstellen.

1.51 Ebenso werden zahlreiche Haltungen wie der gebundene Lotussitz und die Einstellungen des Pashu, Vira und Divya gelehrt sowie Gottheiten, die den Mantras Vollendung verleihen.

1.52 Du hast tausendfach Übungen auf einem Leichnam, das Besteigen des Scheiterhaufens, Schädelrituale und die Verehrung mit einer weiblichen Partnerin beschrieben.

1.53 Doch die Einstellungen des Pashu und des Divya hast du selbst ausgeschlossen: Im Kali-Zeitalter gibt es keine Pashu-Haltung; wie sollte es da die göttliche Haltung geben?

1.54 Der Pashu muss Blätter, Blüten, Früchte und Wasser selbst beschaffen; er soll keinen Shudra sehen und nicht einmal im Geist an eine Frau denken.

1.55 Der Divya dagegen gleicht einer Gottheit: stets reinen Herzens, jenseits der Gegensatzpaare, frei von Anhaften, gegenüber allen Wesen gleichmütig und geduldig.

1.56 Wie sollten Menschen, die vom Makel des Kali-Zeitalters geprägt, ständig unruhig und Schlaf und Trägheit verfallen sind, solche Reinheit ihrer inneren Haltung erreichen?

1.57 Die Übungen des Vira werden mit den fünf Tattvas vollzogen: Wein, Fleisch, Fisch, geröstetem Getreide und sexueller Vereinigung. Diese fünf hast du gelehrt, Shankara.

1.58 Doch die im Kali-Zeitalter geborenen Menschen sind gierig und auf Geschlechtstrieb und Essen ausgerichtet. Aus Begierde werden sie darin abstürzen und keine wirkliche Sadhana üben.

1.59 Sie werden für den Genuss ihrer Sinne übermäßig Wein trinken, berauscht werden und nicht mehr zwischen Heilsamem und Schädlichem unterscheiden.

1.60 Einige werden sich an den Frauen anderer vergehen, viele zu Räubern werden. Im Rausch werden sie nicht mehr bedenken, welche sexuellen Verbindungen sündhaft sind.

1.61 Durch übermäßiges Trinken und andere Verfehlungen werden viele krank, kraftlos, urteilsunfähig und in ihren Sinnen beeinträchtigt.

1.62 Vom Rausch überwältigt werden Menschen in Seen, Gruben und auf ödes Gelände, von Häusern und Bergen stürzen und sterben.

1.63 Manche werden mit ihren Lehrern und Angehörigen streiten, andere wie Tote verstummen, wieder andere unablässig reden.

1.64 Sie werden Verbotenes tun, grausam sein und den Weg des Dharma zerstören. Die Handlungen, die du zu ihrem Wohl gelehrt hast, Herr,

1.65 werden bei diesen Menschen, so fürchte ich, das Gegenteil bewirken, Mahadeva. Wer wird noch Yoga oder die verschiedenen Nyasas ausführen,

1.66 Hymnen rezitieren, Yantras zeichnen und eine vorbereitende Mantrapraxis vollziehen, Herr der Welt? Unter dem Einfluss des Zeitalters werden die Menschen von selbst sehr schlecht leben und auf jede Weise Unrecht tun.

1.67 Lehre aus Mitgefühl einen Weg für sie, Beschützer der Bedrängten, der Lebensdauer, Gesundheit, Ausstrahlung, Kraft und Tatvermögen stärkt,

1.68 Wissen und Einsicht schenkt und ohne übermäßige Anstrengung Gutes bewirkt; einen Weg, durch den die Menschen stark und mutig werden,

1.69 reinen Herzens sind, anderen helfen, ihren Eltern Freude bereiten, der eigenen Ehefrau treu bleiben und die Frauen anderer nicht begehren,

1.70 den Gottheiten und dem Guru ergeben sind und ihre Kinder und Angehörigen versorgen,

1.71 Brahman erkennen, seine Weisheit besitzen und ihren Geist auf Brahman richten. Lehre, was dem guten Gelingen des menschlichen Zusammenlebens dient,

1.72 was je nach Stand und Lebensstufe zu tun und zu unterlassen ist. Wer außer dir rettet alle Wesen in den drei Welten?

Ende des 1. Kapitels.

Kapitel 2 – Der tantrische Weg und das höchste Brahman

2.1 Nachdem Shankara, der Wohltäter der Welt und Ozean großen Mitgefühls, die Worte der Göttin gehört hatte, antwortete er wahrheitsgemäß.

2.2 Sadashiva sprach: Gut hast du gefragt, du Glückselige, Wohltäterin der Welten! Eine so heilsame Frage hat noch niemand gestellt.

2.3 Gesegnet bist du, Kennerin des Guten, Helferin der im Kali-Zeitalter Geborenen. Was du gesagt hast, ist wahr, ganz und gar wahr und der Wirklichkeit entsprechend.

2.4 Du bist allwissend, kennst die drei Zeiten und den Dharma, höchste Herrin. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hast du, Geliebte, im Einklang mit dem Dharma dargestellt,

2.5 wahrheitsgemäß, begründet und angemessen, ohne Zweifel. Für die Zweimalgeborenen und die anderen Menschen, die unter den Makeln des Kali-Zeitalters leiden,

2.6 die nicht zwischen rein und unrein unterscheiden, gibt es keine Reinigung durch vedische Riten. Auch Samhitas und Smritis führen sie nicht zum ersehnten Ziel.

2.7 Wahrlich, wahrlich, immer wieder sage ich die Wahrheit: Im Kali-Zeitalter gibt es keinen Weg außer dem Weg der Agamas, Geliebte.

2.8 Schon in Shruti, Smriti und Purana habe ich gelehrt, o Gütige: Im Kali-Zeitalter soll der Einsichtige die Götter nach der Vorschrift der Agamas verehren.

2.9 Wer im Kali-Zeitalter die Agamas übergeht und einen anderen Weg beschreitet, gelangt nicht ans Ziel. Das ist wahr, daran besteht kein Zweifel.

2.10 Alle Veden, Puranas, Smritis und Samhitas lehren mich. Außer mir gibt es keinen Herrn der Welt.

2.11 Sie alle verkünden meinen die Welt reinigenden Zustand. Wer sich von meinem Weg abwendet, wird als Irrlehrer und Brahmanentöter bezeichnet.

2.12 Jede Handlung, die jemand unter Missachtung meiner Lehre vollzieht, bleibt fruchtlos, Göttin; der Handelnde fällt der Hölle anheim.

2.13 Der Tor, der meine Lehre aufgibt und einer anderen folgt, wird einem Brahmanen-, Vater- und Frauenmörder gleichgestellt; daran besteht kein Zweifel.

2.14 Im Kali-Zeitalter sind die in den Tantras gelehrten Mantras wirksam und bringen rasch Früchte. Sie eignen sich für alle Handlungen, für Japa, Opfer und Riten.

2.15 Die vedischen Mantras dagegen sind dann kraftlos wie Schlangen ohne Gift. Im Satya-Zeitalter und den folgenden Zeiten waren sie fruchtbar; im Kali-Zeitalter gleichen sie Toten.

2.16 Wie an die Wand gemalte Gestalten alle Sinnesorgane zu besitzen scheinen und doch nichts ausrichten können, so verhält es sich mit den anderen Mantragruppen.

2.17 Eine mit anderen Mantras vollzogene Handlung gleicht der Vereinigung mit einer unfruchtbaren Frau: Es entsteht keine Frucht, sondern nur Mühe.

2.18 Wer im Kali-Zeitalter durch andere gelehrte Wege Vollendung sucht, gleicht einem Toren, der durstig am Ufer der Ganga einen Brunnen gräbt.

2.19 Wer den aus meinem Mund hervorgegangenen Dharma verlässt und einen anderen sucht, lässt den Nektar im eigenen Haus stehen und begehrt den Milchsaft der Arka-Pflanze.

2.20 Kein anderer Weg führt so zu Befreiung und zu Glück hier und jenseits wie der in den Tantras gelehrte Weg.

2.21 Viele Tantras mit unterschiedlichen Erzählungen und zahlreiche Vorschriften für Vollendete und Übende habe ich verkündet.

2.22 Wegen der unterschiedlichen Befähigung der Menschen und der großen Zahl der Gebundenen habe ich manches so dargestellt, dass der Dharma des Kula-Weges verborgen bleibt.

2.23 Einige Lehren wurden auch gegeben, um den natürlichen Neigungen der Lebewesen entgegenzukommen. Viele Götter und Göttinnen wurden beschrieben, Geliebte:

2.24 Bhairavas, Vetalas, Batukas, Nayikas und Scharen von Begleitwesen sowie die Gottheiten der Shakta-, Shaiva-, Vaishnava-, Saura- und Ganapatya-Traditionen.

2.25 Viele Mantras, Yantras und Wege zur Vollendung wurden gelehrt, die große Anstrengung erfordern und die jeweils verheißenen Früchte schenken.

2.26 Wie, von wem und wann mir Fragen gestellt wurden, so habe ich jeweils zum Nutzen des Fragenden geantwortet, Geliebte.

2.27 Doch zum Wohl aller Menschen und aller Lebewesen, im Einklang mit den Bedingungen des Zeitalters und der Wahrheit, Parvati,

2.28 hat noch niemand Fragen gestellt wie du. Aus Liebe zu dir werde ich das Innerste des Innersten, das Höchste des Höchsten offenbaren.

2.29 Ich werde die Essenz der Veden, Agamas und besonders der Tantras zusammenfassen und sie dir darlegen, Herrin der Götter.

2.30 Wie die Tantrakenner unter den Menschen, die Ganga unter den Flüssen und ich unter den Göttern, so steht diese Lehre unter den Agamas.

2.31 Wozu noch Veden, Puranas und zahlreiche Schriften, o Gütige? Wer dieses große Tantra versteht, erlangt Herrschaft über alle Vollendungen.

2.32 Weil du mich um das Wohl der Welt gebeten hast, werde ich dir das lehren, was der ganzen Welt dient.

2.33 Wer der Welt Gutes tut, erfreut den Herrn der Welt, höchste Göttin; denn er ist ihr innerstes Selbst und die Welt ruht in ihm.

2.34 Er allein ist wirkliches Sein, wahr, ohne Zweites, höher als das Höchste, aus sich selbst leuchtend, immer vollkommen, seinem Wesen nach Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.

2.35 Unveränderlich, auf nichts gestützt, ohne Unterschiede, unerschüttert, jenseits der Gunas, Zeuge aller Dinge, Selbst aller Wesen, allsehend und alldurchdringend ist er.

2.36 In allen Wesen verborgen, allgegenwärtig und ewig, offenbart er sich durch die Fähigkeiten aller Sinne und ist selbst frei von Sinnesorganen.

2.37 Jenseits der Welt und doch ihre Ursache, unerreichbar für Sprache und Denken, kennt er als Allwissender das Universum; ihn aber erkennt niemand vollständig.

2.38 Die ganze Welt, die drei Welten mit allem Beweglichen und Unbeweglichen, hängt von ihm ab. Auf ihn gestützt besteht dieses unergründliche Universum.

2.39 Indem die einzelnen Dinge an seiner Wirklichkeit teilhaben, erscheinen sie als wirklich. Durch ihn als ihre Ursache sind auch wir entstanden, höchste Göttin.

2.40 Er allein, der höchste Herr, ist die Ursache aller Wesen. Weil er die Welten erschafft, wird er als Schöpfer Brahma besungen.

2.41 Auf seinen Willen hin erhält Vishnu die Welt und löse ich sie auf. Indra und alle anderen Weltenhüter stehen unter seiner Macht.

2.42 Ihren jeweiligen Aufgaben hingegeben, herrschen sie auf sein Geheiß. Du bist seine höchste Prakriti, verehrt in den drei Welten.

2.43 Als innerer Lenker weist er jedem seinen Wirkungsbereich zu. Alle verrichten ihre Aufgaben und sind niemals unabhängig von ihm.

2.44 Aus Ehrfurcht vor ihm weht der Wind, scheint die Sonne, regnen die Wolken zur rechten Zeit und blühen die Bäume im Wald.

2.45 Er verschlingt zur rechten Zeit selbst die Zeit, ist der Tod des Todes und die Furcht der Furcht. Er ist der durch den Vedanta zu erkennende Erhabene, auf den die Worte »welches« und »das« hinweisen.

2.46 Alle Götter und Göttinnen bestehen aus ihm, du von den Göttern Verehrte. Von Brahma bis zum Grashalm ist das ganze Universum von ihm erfüllt.

2.47 Ist er zufrieden, ist die Welt zufrieden; ist er erfreut, ist die Welt erfreut. Durch seine Verehrung werden alle erfreut, Göttin.

2.48 Wie durch das Bewässern der Wurzel eines Baumes dessen Äste und Blätter genährt werden, so werden durch seine Verehrung alle Götter und anderen Wesen gestärkt.

2.49 Wie durch deine Verehrung, Meditation und Mantrawiederholung alle herrlichen Göttinnen erfreut werden, ebenso verhält es sich hier, Geliebte; erkenne dies.

2.50 Wie die Flüsse auch ohne eigene Absicht zum Meer gelangen, so zielen alle Handlungen der Verehrung letztlich auf ihn, Parvati.

2.51 Welche Gottheit jemand auch vertrauensvoll verehrt und welches Ziel er dabei sucht: Der höchste Lenker schenkt ihm die entsprechende Frucht durch diese Gottheit.

2.52 Was bedarf es vieler Worte? Dir sage ich, Geliebte: Über ihn ist zu meditieren, er ist zu verehren, ihm leicht zu dienen; ohne ihn gibt es keine Befreiung.

2.53 Bei seiner Verehrung braucht es weder beschwerliche Anstrengung noch Fasten oder körperliche Peinigung, weder starre Verhaltensregeln noch eine Vielzahl von Opfergaben.

2.54 Es gibt keine Bindung an Himmelsrichtung und Zeit, keine Menge von Mudras und Nyasas. Wer sollte bei einer solchen Praxis zu einem anderen seine Zuflucht nehmen, Herrin des Kula?

Ende des 2. Kapitels.

Kapitel 3 – Brahman-Mantra, Verehrung und Erkenntnis

Der Herzraum wird zum Ort der Brahman-Meditation.

3.1 Die Göttin sprach: Gott der Götter, großer Gott, Lehrer der Lehrer der Götter! Du verkündest alle Schriften, Mantras und Übungen.

3.2 Du hast das höchste Brahman beschrieben, den höchsten Herrn jenseits des Höchsten, durch dessen Verehrung der Mensch Genuss und Befreiung erlangt.

3.3 Wie wird dieses höchste Selbst gnädig gestimmt, Erhabener? Worin besteht seine Verehrung und welcher Mantra wird dafür gelehrt?

3.4 Wie sind seine Meditation und sein Ritual? Ich möchte dies wahrheitsgemäß hören; erkläre es aus Mitgefühl, Herr.

3.5 Sadashiva sprach: Höre die tief verborgene höchste Wahrheit, Geliebte meines Lebens. Dieses Geheimnis wurde nirgends enthüllt. Aus Liebe zu dir werde ich es offenbaren; es ist mir teurer als mein Leben.

3.6 Das höchste Brahman, Sein und Bewusstsein, das alles durchdringt, kann seinem eigentlichen Wesen nach oder anhand seiner Kennzeichen erkannt werden.

3.7 Sein Wesen ist reines Sein ohne Unterscheidung, unerreichbar für Sprache und Denken; es lässt die an sich unwirklichen drei Welten als wirklich erscheinen.

3.8 Durch den Yoga des Samadhi erkennen es jene, die überall gleich schauen, die Gegensatzpaare und begrifflichen Unterscheidungen überschritten haben und den Körper nicht länger für das Selbst halten.

3.9 Das, woraus das Universum entsteht, wodurch es nach seiner Entstehung besteht und worin alles wieder aufgeht, erkenne als Brahman anhand seiner Kennzeichen.

3.10 Was durch unmittelbare Wesenseinsicht erkannt wird, ist dasselbe, auf das diese Kennzeichen hinweisen. Für jene, die es durch sie erreichen möchten, ist eine Praxis vorgesehen.

3.11 Diese Praxis werde ich lehren; höre aufmerksam, Geliebte. Zuerst erkläre ich die Bildung des Mantras des höchsten Herrn.

3.12 Zuerst spricht man den Pranava, dann »sat« und »cit«, anschließend »ekam« und zuletzt »brahma«: So wird der Mantra gebildet.

3.13 Nach den Regeln der Lautverbindung besteht dieser Mantra aus sieben Silben; ohne den Pranava sind es sechs.

3.14 Er ist der höchste aller Mantras und schenkt Dharma, Wohlstand, Erfüllung und Befreiung. Hier sind keine Berechnungen über seine Eignung nötig; Unverträglichkeiten wie »Feind« oder »Freund« bestehen nicht.

3.15 Mondtag, Mondhaus und Tierkreiszeichen müssen nicht berechnet werden; Regeln über Kula und Akula und rituelle Mantrareinigungen entfallen. Dieser Mantra ist in jeder Hinsicht vollendet und bedarf keiner solchen Prüfung.

3.16 Wenn man durch Verdienste vieler Leben einen wahren Guru findet und den Mantra aus seinem Mund empfängt, erfüllt sich der Sinn der Geburt.

3.17 Die vier Lebensziele liegen dann in der eigenen Hand; man freut sich hier und jenseits.

3.18 Gesegnet, erfüllt, erfolgreich und rechtschaffen ist dieser Mensch; er gilt als in allen heiligen Wassern gebadet und in alle Opfer eingeweiht,

3.19 als bewandert in allen Schriften und geehrt in allen Welten, wenn das große Mantrajuwel sein Ohr erreicht hat.

3.20 Gesegnet sind seine Mutter und sein Vater, geheiligt seine Familie. Seine Ahnen freuen sich mit den Göttern und singen, von Freude durchschauert:

3.21 »In unserer Familie wurde ein vortrefflicher Mensch geboren, der die Brahman-Unterweisung empfing. Was brauchen wir nun noch die Ahnenopfer in Gaya, Pilgerstätten, Shraddha und Wasserspenden?

3.22 Was brauchen wir Gaben, Japa, Feueropfer und viele andere Übungen? Durch die Praxis dieses guten Nachkommen sind wir unvergänglich gesättigt.«

3.23 Höre, du von der Welt verehrte Göttin, ich sage die Wahrheit: Wozu brauchen Verehrer des höchsten Brahman andere Übungen?

3.24 Schon durch das Empfangen des Mantras wird der verkörperte Mensch von Brahman erfüllt. Was könnte jemand, der Brahman geworden ist, in den drei Welten noch erlangen wollen?

3.25 Was vermögen erzürnte planetarische Mächte, Vetalas, Chetakas, Pishachas, Guhyakas, Bhutas, Dakinis und Matrikas? Schon bei seinem Anblick wenden sie sich zur Flucht.

3.26 Geschützt durch den Brahman-Mantra, umgeben vom Glanz Brahmans, warum sollte er sich vor planetarischen und anderen Mächten fürchten? Er gleicht einer zweiten Sonne.

3.27 Bei seinem Anblick erschrecken sie wie Elefanten beim Anblick eines Löwen; sie fliehen oder vergehen wie Motten im Feuer.

3.28 Für den in Brahman gegründeten, durch Wahrheit geläuterten, reinen Menschen, der allen Wesen Gutes tut, gibt es kein Unheil. Wer wollte ihm schaden, außer jemand, der sich selbst zugrunde richtet?

3.29 Böse Menschen, die dem Empfänger der Brahman-Unterweisung schaden, schaden sich selbst; denn sie sind vom einen Sein nicht getrennt.

3.30 Er ist ein guter Mensch, der allen hilft und allen Freude bereitet. Wer könnte ihm Böses tun und selbst von Unheil frei bleiben?

3.31 Wer Bedeutung und lebendiges Bewusstsein eines Mantras nicht kennt, erreicht dessen Vollendung auch durch zehn Millionen Wiederholungen nicht.

3.32 Deshalb erkläre ich seine Bedeutung und sein Bewusstsein. Höre, Geliebte: Der Laut A bezeichnet den Erhalter der Welt, U ihren Auflöser,

3.33 M ihren Schöpfer. Das ist hier die Bedeutung des Pranava. »Sat« bezeichnet das immer Bleibende, »Cit« das Bewusstsein.

3.34 »Ekam« bedeutet das Eine ohne Zweites; wegen seiner grenzenlosen Größe heißt es Brahman. Damit ist der Sinn des Mantras erklärt, der das ersehnte Ziel des Übenden gewährt.

3.35 Das Bewusstsein des Mantras ist die Gottheit, die ihm innewohnt. Sie zu erkennen führt die Hingebungsvollen zur Vollendung.

3.36 Seine innewohnende Gottheit ist allgegenwärtig, ewig, unergründlich, frei von Furcht, jenseits der Sprache und unbefleckt.

3.37 Wird der Pranava weggelassen und stattdessen das Bija der Sprache, der Maya oder der Kamala vorangestellt, gewährt der Mantra vielfältiges Wissen, Macht der Maya oder umfassendes Gedeihen.

3.38 Mit oder ohne Pranava, mit seinen einzelnen Wörtern oder mit jeweils verbundenen Wortpaaren, kann dieser Mantra verschiedene Formen annehmen.

3.39 Sein Seher ist Sadashiva, sein Versmaß Anushtubh, seine Gottheit das höchste Brahman, der eigenschaftslose innere Lenker aller.

3.40 Seine Anwendung dient der Erlangung der vier Lebensziele. Nun erkläre ich den Nyasa an Gliedern und Händen.

3.41 Pranava, »sat«, »cit«, »ekam«, »brahma« und dann den gesamten Mantra setzt man der Reihe nach an Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger,

3.42 kleine Finger sowie Handflächen und Handrücken, jeweils mit den Endungen »namah«, »svaha«, »vashat«, »hum«, »vaushat« und »phat«.

3.43 Der Übende führt diese Berührungen gesammelt nach der Nyasa-Vorschrift aus; entsprechend verfährt man vom Herzen bis zu den Händen.

3.44 Dann übt man Pranayama mit dem Grundmantra oder dem Pranava. Mit Mittel- und Ringfinger der rechten Hand

3.45 verschließt man das linke Nasenloch und atmet rechts ein, während man den Grundmantra achtmal wiederholt.

3.46 Dann verschließt man mit dem Daumen das rechte Nasenloch, hält den Atem an und wiederholt den Mantra zweiunddreißigmal. Anschließend lässt man durch das rechte Nasenloch

3.47 die Luft sehr langsam ausströmen und wiederholt den Mantra sechzehnmal. Ebenso vollzieht man links Einatmung, Anhalten und Ausatmung.

3.48 Danach verfährt man nochmals rechts wie zuvor. So lautet die Pranayama-Vorschrift dieser Brahman-Mantra-Praxis.

3.49 Nun folgt die Meditation, die das ersehnte Ziel des Übenden verwirklicht.

3.50 Im Inneren des Herzlotus verehre ich Brahman als Bewusstsein: ohne Unterschiede und Begehren, erkennbar für Hari, Hara und Brahma, den Yogis in der Meditation zugänglich, die Furcht vor Geburt und Tod auflösend, reines Sein und Bewusstsein, Same aller Welten.

3.51 Nachdem man so über das höchste Brahman meditiert hat, verehrt man es mit geistigen Opfergaben und tiefster Hingabe, um die Einheit mit Brahman zu erlangen.

3.52 Als Duft schenkt man das Erdelement, als Blüte den Raum, als Räucherwerk die Luft, als Licht das Feuer und als Speisegabe das Wasserelement dem höchsten Selbst.

3.53 Dann wiederholt der vorzügliche Übende den großen Mantra im Geist, bringt die Wiederholung Brahman dar und beginnt die äußere Verehrung.

3.54 Alles, was bereitliegt – Düfte, Blumen, Gewänder, Schmuck, Speisen und Getränke –,

3.55 reinigt er mit dem folgenden Mantra, meditiert über das ewige Brahman und bringt es mit geschlossenen Augen dem höchsten Selbst dar.

3.56 Brahman ist die Darbringung, Brahman die Opfergabe; durch Brahman wird sie in das Feuer Brahmans geopfert. Brahman allein erreicht, wer in der Handlung ganz auf Brahman gesammelt ist.

3.57 Dann öffnet man die Augen, wiederholt den Grundmantra nach Vermögen, übergibt diese Wiederholung Brahman und rezitiert Hymnus und Schutzgebet.

3.58 Höre den Hymnus an Brahman, das höchste Selbst, durch dessen Hören der Übende die Einheit mit Brahman erlangt.

3.59 Verehrung dir, dem Sein, der Zuflucht aller Welten! Verehrung dir, dem Bewusstsein, dessen Gestalt das Universum ist! Verehrung der nichtdualen Wirklichkeit, die Befreiung schenkt; Verehrung dem alldurchdringenden, eigenschaftslosen Brahman!

3.60 Du allein bist Zuflucht, du allein das Höchstersehnte, du allein Weltursache und Weltgestalt; du allein erschaffst, erhältst und löst die Welt auf. Du allein bist das Höchste, unbewegt und ohne Unterscheidung.

3.61 Du bist die Furcht der Furcht, das Schreckliche für alles Schreckliche, die Zuflucht der Wesen, das Reinigende alles Reinen. Du allein lenkst selbst die Höchsten, bist höher als die Hohen und Beschützer der Beschützer.

3.62 Höchster Herr, Offenbarer aller Gestalten, unbeschreibliche, den Sinnen unzugängliche Wahrheit! Undenkbare, unvergängliche, allgegenwärtige, unmanifestierte Wirklichkeit, die die Welt erhellt: Bewahre uns vor Untergang!

3.63 An das Eine denken wir, das Eine wiederholen wir, vor dem Einen als Zeugen der Welt verneigen wir uns. Zu dem einen Sein, dem grundlosen Grund, dem Herrn und Schiff über das Meer des Werdens, nehmen wir Zuflucht.

3.64 Wer diesen Fünf-Juwelen-Hymnus an Brahman, das höchste Selbst, gesammelt rezitiert, erlangt die Einheit mit Brahman.

3.65 Man rezitiere ihn täglich in der Abenddämmerung, besonders am Montag. Der Weise lasse seine in Brahman gegründeten Angehörigen ihn hören und erläutere ihn ihnen.

3.66 Damit habe ich dir die fünf Juwelen des höchsten Herrn erklärt. Höre nun das Schutzgebet »Segen für die Welt«: Wer es rezitiert und trägt, wird gewiss Brahman erkennen.

3.67 Das höchste Selbst beschütze meinen Kopf, der höchste Herr mein Herz; der Erhalter der Welt schütze meine Kehle, der allsehende Allgegenwärtige mein Gesicht.

3.68 Das Selbst des Universums beschütze meine Hände, das reine Bewusstsein meine Füße; das höchste, ewige Brahman schütze jederzeit meinen ganzen Körper.

3.69 Seher dieses Schutzgebets »Segen für die Welt« ist Sadashiva, sein Versmaß Anushtubh, seine Gottheit das höchste Brahman; seine Anwendung dient den vier Lebenszielen.

3.70 Wer den Brahman-Schutz mit vorangehendem Rishi-Nyasa rezitiert, gewinnt Brahman-Erkenntnis und wird unmittelbar von Brahman erfüllt.

3.71 Wer ihn auf Birkenrinde schreibt, in einer goldenen Hülse am Hals oder rechten Arm trägt, wird Herr aller Vollendungen.

3.72 Dieses Schutzgebet des höchsten Brahman habe ich dir offenbart. Man gebe es einem geliebten, verständigen Schüler, der dem Guru ergeben ist.

3.73 Nach Hymnus und Schutzgebet verneigt sich der vorzügliche Übende.

3.74 Verehrung dir, höchstes Brahman; Verehrung dir, höchstes Selbst! Verehrung dir, dem Eigenschaftslosen; immer wieder Verehrung dir, dessen Wesen Sein ist!

3.75 Ob man mit Worten, körperlich oder im Geist verehrt, wie es einem entspricht: Bei der Verehrung des höchsten Herrn ist Reinheit der inneren Haltung vorgeschrieben.

3.76 Nachdem der Einsichtige so verehrt hat, empfängt er mit Angehörigen und Freunden den großen Prasad Brahmans, des höchsten Selbst.

3.77 Bei der Verehrung des höchsten Herrn gibt es weder Herbeirufung noch Verabschiedung. Überall und zu jeder Zeit kann die Brahman-Praxis ausgeübt werden.

3.78 Ob gebadet oder ungebadet, nach dem Essen oder hungrig: Mit reinem Geist soll man stets das höchste Selbst verehren.

3.79 Alles Essbare und Trinkbare, was mit diesem Brahman-Mantra dem höchsten Herrn dargebracht wird, wird zu einer großen reinigenden Gabe.

3.80 Selbst bei Ganga-Wasser und heiligen Steinen kennt man Verunreinigung durch Berührung; bei Brahman dargebrachten Dingen gibt es keine solche Unterscheidung.

3.81 Gekochte wie ungekochte Speisen weiht der Übende mit diesem Mantra Brahman und genießt sie mit seinen Angehörigen.

3.82 Dabei gibt es weder Kastenunterschiede noch Überlegungen über Speisereste, weder Zeitvorschriften noch rituelle Reinheit und Unreinheit.

3.83 Zu welcher Zeit, an welchem Ort und auf welche Weise eine Brahman geweihte Speise erlangt wird: Man soll sie ohne solche Bedenken annehmen.

3.84 Selbst wenn ein Hundeesser sie gebracht hat oder sie aus dem Maul eines Hundes stammt: Diese Speise ist heilig, Göttin, und selbst für Götter schwer zu erlangen.

3.85 Was soll man da erst von der Frucht sprechen, die Menschen durch den Genuss der Opfergabe des höchsten Herrn gewinnen?

3.86 Ob jemand mit schwersten oder anderen Verfehlungen belastet ist: Schon durch einmaliges Empfangen des Prasad wird er davon befreit; daran besteht kein Zweifel.

3.87 Die Frucht des Badens und Spendens an fünfunddreißig Millionen Pilgerstätten erlangt der Mensch durch den Genuss einer Brahman dargebrachten Gabe.

3.88 Wer Brahmans Opfergabe genießt, erlangt eine zehnmillionenfach größere Frucht als durch Pferdeopfer und ähnliche Opferhandlungen.

3.89 Selbst mit tausenden Millionen Zungen und hunderten Millionen Mündern lässt sich die Herrlichkeit des großen Prasad nicht beschreiben.

3.90 Wer auch immer, wo auch immer er sich befindet, den Brahman geweihten Nektar erhält und annimmt, erreicht die Einheit mit Brahman. [Das Personenwort »kīkaśa« ist in dieser Lesung unsicher.]

3.91 Stammt eine in Brahman geschaute Speise von einem Menschen niedriger Kaste, sollen selbst Brahmanen, die den Vedanta vollkommen beherrschen, sie annehmen.

3.92 Beim Prasad des höchsten Selbst darf man keine Kastenunterschiede machen. Wer ihn für unrein hält, begeht nach dieser Lehre eine schwere Verfehlung.

3.93 Eher begehe man hundert Sünden, eher töte man einen Brahmanen, Geliebte, als eine Brahman dargebrachte Speise zu verachten. [Polemische Überhöhung des Textes, keine Aufforderung zu Gewalt.]

3.94 Törichte Menschen, die mit dem großen Mantra geweihte Speisen oder Wasser zurückweisen, lassen ihre Ahnen abstürzen.

3.95 Auch sie selbst fallen in die Hölle tiefster Finsternis bis zur Weltauflösung. Für Verächter der Brahman geweihten Gabe gibt es keine Sühne. [Die Zeitangabe ist im Wortlaut beschädigt.]

3.96 Alle Handlungen werden zu Verdienst, selbst tiefer Schlaf wird heilsam. Bei dieser Mantrapraxis ist freies Handeln zugelassen.

3.97 Was braucht der in Brahman gegründete Weise vedische oder tantrische Verhaltensregeln? Für ihn gilt freies Handeln als Regel.

3.98 Aus dem Vollzug solcher Riten erwächst ihm kein zusätzlicher Gewinn, aus ihrer Unterlassung keine Schuld. Durch die Brahman-Mantra-Praxis gibt es für ihn weder Hindernis noch rituellen Nachteil.

3.99 Wer diesem Dharma folgt, sei wahrhaftig, beherrsche seine Sinne, helfe anderen, bleibe innerlich unerschüttert und sei wohlwollend.

3.100 Er sei frei von Neid und Heuchelei, mitfühlend und reinen Geistes; er erfreue seine Eltern und diene ihnen hingebungsvoll.

3.101 Er höre von Brahman, denke über Brahman nach und richte seinen Geist auf dessen Erforschung. Selbstbeherrscht und entschlossen betrachte er alles als unmittelbar Brahman.

3.102 Der Brahman-Mantra-Übende unterlasse Lügen, Gedanken an die Schädigung anderer und den Verkehr mit der Ehefrau eines anderen.

3.103 Zu Beginn jeder Handlung spreche er »Tat Sat«; beim Essen und Trinken: »Es sei Brahman dargebracht.«

3.104 Was dem guten Gelingen des menschlichen Zusammenlebens dient, sollen Brahmankenner tun. Das ist der ewige Dharma.

3.105 Nun erkläre ich das Gebet zu den Tagesübergängen für den Brahman-Mantra, durch das Menschen die Fülle Brahmans erlangen.

3.106 Morgens, mittags und abends meditiert der vorzügliche Übende, wo und wie er auch sitzt, wie zuvor beschrieben über das höchste Brahman.

3.107 Er wiederholt die Gayatri einhundertachtmal, bringt die Wiederholung vorschriftsmäßig dar und verneigt sich wie zuvor.

3.108 Dies ist das Sandhya der Brahman-Praxis, durch dessen Vollzug der Mantraübende innerlich rein wird.

3.109 Höre die Gayatri, die alle Verfehlungen auflöst: Man spricht »Parameshvara« im Dativ und danach »vidmahe«,

3.110 dann »paratattvaya dhimahi« und anschließend »tanno brahma prachodayat«. Dies ist die Brahma-Gayatri, die die vier Lebensziele gewährt.

3.111 Verehren, Opfern, Baden, Trinken, Essen – welche Handlung man auch vollzieht, man führe sie mit dem Brahman-Mantra aus.

3.112 Zur Brahma-Muhurta steht man auf, verneigt sich vor dem Guru, der Brahman vermittelt, meditiert über das höchste Brahman und wiederholt den Mantra nach Vermögen. Dann verneigt man sich wie zuvor vor Brahman. Das sind die Morgenpflichten.

3.113 Die vorbereitende Intensivpraxis umfasst zweiunddreißigtausend Wiederholungen, ein Feueropfer mit einem Zehntel dieser Zahl und Wasserspenden mit einem Zehntel davon.

3.114 Besprengungen folgen mit einem weiteren Zehntel; nochmals ein Zehntel bestimmt die Zahl der Brahmanen, die bei dieser Intensivpraxis bewirtet werden.

3.115 Dabei gibt es keine Unterscheidung erlaubter und verbotener Speisen, anzunehmender und abzulehnender Dinge, keine Vorschrift über reine Zeiten oder festgelegte Orte.

3.116 Ob nüchtern oder nach dem Essen, gebadet oder ungebadet: Der Übende praktiziere den höchsten Mantra in Freiheit.

3.117 Ohne Mühsal, ohne Qual, ohne Hymnus und Schutzgebet, ohne Nyasa, Mudra oder Setu-Vorsilbe,

3.118 ohne die Wiederholung für Chauraganesha und andere vorbereitende Mantras, ohne Kulluka, kann gewiss unvermittelt die unmittelbare Erkenntnis des höchsten Brahman aufgehen.

3.119 Der Entschluss zu dieser großen Mantrapraxis wird im Geist gefasst. Reinheit der inneren Haltung ist bei der Brahman-Mantra-Praxis vorgeschrieben.

3.120 Der Brahman-Übende schaue alles als von Brahman erfüllt. Für ihn bestehen weder ritueller Nachteil noch Unvollständigkeit der Hilfshandlungen; bei der Praxis dieses großen Mantras wird selbst das Unvollständige vollständig.

3.121 Im schrecklichen, sündhaften, schwer zu überwindenden Kali-Zeitalter, in dem die Askese schwindet, ist diese Brahman-Mantra-Praxis der Same der Erlösung.

3.122 Viele Übungen werden in den Tantras und Agamas gelehrt, doch für die schwachen Menschen des Kali-Zeitalters sind sie unausführbar.

3.123 Ihr Leben ist kurz, ihr Lebensunterhalt gering und ihr Dasein von Nahrung abhängig. Gierig und mit Gelderwerb beschäftigt, sind sie ständig unruhig.

3.124 Ihr Geist bleibt im Samadhi nicht fest, und die Mühen des Yoga ertragen sie nicht. Zu ihrem Wohl und ihrer Befreiung wurde dieser Brahman-Weg gelehrt.

3.125 Wahrlich, wahrlich sage ich: Im Kali-Zeitalter gibt es nach dieser Lehre keinen Weg zu Befreiung und Glück ohne Brahman-Einweihung.

3.126 Die Morgenpflichten am Morgen, Sandhya dreimal täglich und Puja am Mittag: So lautet die Regel aller Tantras. Bei der Verehrung des höchsten Brahman bestimmt hingegen die freie Entscheidung des Übenden.

3.127 Wo Vorschriften dienen und Verbote nicht herrschen, wo freies Handeln zum Ziel führt – wer sollte dort einen anderen Weg suchen?

3.128 Hat man einen friedvollen, geistig gefestigten Guru gefunden, der Brahman kennt, ergreift man seine Lotusfüße und bittet hingebungsvoll:

3.129 »Du Mitfühlender, Beschützer der Bedrängten, ich nehme Zuflucht zu dir. Schenke meinem Haupt den Schatten deiner Lotusfüße, du an Ruhm Reicher.«

3.130 Nach dieser Bitte verehrt man den Guru nach Vermögen und steht mit gefalteten Händen schweigend vor ihm.

3.131 Der Guru prüft vorschriftsmäßig die beschriebenen Eigenschaften des Schülers, ruft den geeigneten Schüler zu sich und schenkt ihm aus Mitgefühl den großen Mantra.

3.132 Der Wissende setzt sich mit dem Gesicht nach Osten oder Norden, lässt den Schüler zu seiner Linken Platz nehmen und schaut ihn mitfühlend an.

3.133 Dann wiederholt er über dem Kopf des Schülers nach dem Rishi-Nyasa den Mantra einhundertachtmal, damit dessen ersehntes Ziel erfüllt werde.

3.134 Der wahre Guru, Schatz des Mitgefühls, lässt einen Brahmanen den Mantra siebenmal ins rechte Ohr, andere ins linke Ohr hören.

3.135 So lautet die Übertragung des Brahman-Mantras, Kali. Puja und andere vorbereitende Riten sind nicht erforderlich; der Entschluss wird geistig gefasst.

3.136 Den Schüler, der sich lang ausgestreckt vor seinen Füßen niedergeworfen hat, richtet der Guru liebevoll auf und spricht:

3.137 »Steh auf, mein Kind, du bist frei! Widme dich der Erkenntnis Brahmans. Beherrsche deine Sinne, sprich die Wahrheit; Kraft und Gesundheit seien stets mit dir!«

3.138 Der Schüler erhebt sich und schenkt dem Guru nach Vermögen eine Gabe, seinen Besitz oder Früchte. Der Weisung des Gurus folgend, lebt er wie ein Gott auf Erden.

3.139 Schon durch den Empfang des Mantras wird er dessen Wesen teilhaftig und von ihm erfüllt. Was bedarf jemand, der Brahman geworden ist, vieler anderer Übungen?

3.140 Damit ist die Brahman-Einweihung kurz erklärt. Allein durch das Mitgefühl des Gurus findet man Zugang zu ihr.

3.141 Shaktas, Shaivas, Vaishnavas, Sauras und Ganapatyas, Brahmanen und Nichtbrahmanen: Alle sind hierzu berechtigt.

3.142 Durch die Gnade dieses Mantras bin ich der Besieger des Todes, Gott der Götter und Lehrer der Welt, frei handelnd und ohne begriffliche Trennung.

3.143 Brahma, die Brahmarshis, die Götter und göttlichen Seher empfingen diesen Brahman-Mantra einst von mir und verehrten ihn.

3.144 Die Weisen empfingen ihn aus dem Mund der göttlichen Seher, die königlichen Seher von ihnen. Durch ihre Verehrung und die Gnade des höchsten Selbst wurden sie Brahman.

3.145 Bei diesem Brahman-Mantra gelten keine solchen Beschränkungen. Der Guru darf seinen eigenen Mantra ohne Bedenken an Schüler weitergeben.

3.146 Ein Vater darf seine Söhne einweihen, ein Bruder seine Brüder, ein Ehemann seine Frau, ein Onkel mütterlicherseits seine Neffen und ein Großvater mütterlicherseits seine Enkel.

3.147 Die sonst mit der Weitergabe des eigenen Mantras oder einer Einweihung durch den Vater verbundenen Einwände bestehen bei diesem vollendeten Brahman-Mantra nicht.

3.148 Wer ihn auf irgendeine Weise aus dem Mund eines Brahmankenners hört, wird gereinigt und Brahman gleich; Verdienst und Schuld haften ihm nicht an.

3.149 Hausväter aus den Brahmanen und anderen Ständen, die den Brahman-Mantra verehren, stehen in ihrem jeweiligen Stand an höchster Stelle und verdienen besondere Ehre.

3.150 Brahmanen unter ihnen gelten als Entsagende, die anderen als Brahmanen gleich. Deshalb sollen alle die in Brahman Eingeweihten und Brahman Erkennenden ehren.

3.151 Wer sie verachtet, wird einem Brahmanentöter gleichgestellt und fällt in eine schreckliche Hölle, solange Sonne und Sterne bestehen.

3.152 Die Schuld, einen Brahman-Verehrer zu schmähen, wird als zehnmillionenfach schwerer bezeichnet als die Tötung einer Frau oder eines ungeborenen Kindes.

3.153 Wie Menschen durch die Brahman-Unterweisung von allen Verfehlungen frei werden und die Einheit mit Brahman erlangen, ebenso geschieht es durch deine Verehrung.

Ende des 3. Kapitels.

Kapitel 4 – Die ursprüngliche Göttin und die Wahrheit

Die Vielfalt der Göttinnen wird auf die eine ursprüngliche Shakti bezogen.

4.1 Nachdem die höchste Göttin die Verehrung Brahmans vollständig gehört hatte, fragte sie Shankara, erfüllt von höchster Freude.

4.2 Die Göttin sprach: Du hast die höchste Brahman-Verehrung gelehrt, Herr, die allen Welten Freude und unmittelbar den Zustand Brahmans schenkt,

4.3 die Glanz, Einsicht, Kraft, Souveränität und Glück verleiht. Im Nektar deiner Worte gebadet, bin ich erfüllt, Herr der Welt.

4.4 Du sagtest, Ozean des Mitgefühls, dass Menschen durch meine Verehrung ebenso die Einheit mit Brahman erreichen wie durch die Verehrung Brahmans.

4.5 Diese höchste, auf mich gerichtete Praxis, die nach deinen Worten zur Einheit mit Brahman führt, möchte ich verstehen.

4.6 Wie lautet ihre Vorschrift, wie wird sie ausgeübt, welcher Mantra ist vorgesehen, wie erfolgen Meditation und Verehrung?

4.7 Erkläre alles von Grund auf und im Einzelnen, zu meiner Freude und zum Wohl der Menschen. Wer außer dir, Shambhu, ist Lehrer und Arzt für die Krankheit des Werdens?

4.8 Nachdem der große Herr diese Worte gehört hatte, antwortete er seiner Gemahlin Parvati mit großer Liebe.

4.9 Sadashiva sprach: Höre, gesegnete Göttin, weshalb deine Verehrung zur Einheit mit Brahman führt.

4.10 Du bist unmittelbar die höchste Prakriti Brahmans, des höchsten Selbst. Aus dir entsteht die ganze Welt; du bist die Mutter des Universums.

4.11 Vom großen kosmischen Prinzip bis zum kleinsten Teilchen hast du alles Bewegliche und Unbewegliche hervorgebracht. Diese Welt hängt von dir ab.

4.12 Du bist der Ursprung aller heiligen Weisheiten und auch unsere Geburtsstätte. Du kennst das ganze Universum; dich aber kennt niemand vollständig.

4.13 Du bist Kali, Tarini, Durga, Shodashi, Bhuvaneshvari, Dhumavati, Bagala, Bhairavi und Chinnamasta.

4.14 Du bist Annapurna, die Göttin der Sprache und die lotusbewohnende Lakshmi. Du bist das Wesen aller Kräfte und die Verkörperung aller Gottheiten.

4.15 Du bist das Feine und das Grobe, das Offenbare und das Verborgene. Gestaltlos nimmst du Gestalt an: Wer vermöchte dich ganz zu erkennen?

4.16 Um die Anliegen der Verehrer zu erfüllen, den Welten Heil zu bringen und die Dämonen zu vernichten, nimmst du verschiedene Körper an.

4.17 Du erscheinst mit vier, zwei, sechs oder acht Armen und trägst zum Schutz der Welt unterschiedliche Waffen.

4.18 Entsprechend diesen Gestalten lehren die Tantras die Praxis mit Mantras und Yantras sowie drei innere Haltungen.

4.19 Im Kali-Zeitalter gibt es die Pashu-Haltung nicht und die göttliche Haltung ist schwer zu finden; die Übungen des Vira sind dagegen unmittelbar wirksam.

4.20 Ohne Kulachara gibt es im Kali-Zeitalter keine Vollendung, Göttin. Deshalb übe man den Kula-Weg mit aller Sorgfalt.

4.21 Durch den Kula-Weg entsteht Brahman-Erkenntnis; wer diese besitzt, ist bereits im Leben befreit, daran besteht kein Zweifel.

4.22 Durch die jeweilige Erkenntnis gilt etwas als rein oder unrein. Wenn Brahman-Erkenntnis aufgeht, bestehen rein und unrein nicht mehr.

4.23 Wer das allgegenwärtige, ewige Brahman kennt und alles als Brahman erkennt: Was könnte vor ihm unrein sein?

4.24 Du bist die Göttin aller Gestalten, die höchste Mutter aller. Wenn du erfreut bist, werden alle erfreut.

4.25 Vor der Schöpfung warst du allein, unzugänglich in Gestalt der Dunkelheit. Aus dir entstand das Universum durch den Schöpfungswillen des höchsten Brahman.

4.26 Von Mahat bis zu den Elementen hast du diese Welt hervorgebracht. Brahman, die Ursache aller Ursachen, ist dabei die veranlassende Ursache.

4.27 Als reines Sein durchdringt und umfasst es alles; stets sich selbst gleich, reines Bewusstsein, bleibt es von allen Dingen unberührt.

4.28 Es handelt und genießt nicht, geht nicht und bleibt nicht stehen. Es ist Wahrheit und Erkenntnis ohne Anfang und Ende, jenseits von Sprache und Denken.

4.29 Allein auf seinen Willen gestützt, erschaffst, erhältst und vernichtest du als höchste große Yogini diese bewegliche und unbewegliche Welt.

4.30 Mahakala, der die Welt auflöst, ist eine deiner Gestalten. Zur großen Weltauflösung verschlingt die Zeit alles.

4.31 Weil er alle Wesen verschlingt, heißt er Mahakala; weil du selbst Mahakala verschlingst, bist du die ursprüngliche höchste Kalika.

4.32 Weil du die Zeit verschlingst, heißt du Kali; weil du der Ursprung aller bist, wirst du Adya Kali, die ursprüngliche Kali, genannt.

4.33 Wieder in dein eigenes, dunkles, gestaltloses Wesen zurückgekehrt, jenseits der Sprache und nur innerlich zu erfassen, bleibst du allein zurück.

4.34 Gestalthaft und doch gestaltlos, durch Maya vielgestaltig, bist du Ursprung aller und selbst ohne Ursprung, Schöpferin, Auflöserin und Erhalterin.

4.35 Deshalb sagte ich: Die Frucht der Einweihung in den Brahman-Mantra wird ebenso durch deine Verehrung erlangt.

4.36 Wegen unterschiedlicher Verhaltensweisen, innerer Haltungen, Orte, Zeiten und Befähigungen wurde diese Praxis teils verborgen gelehrt.

4.37 Wer für einen bestimmten Weg geeignet ist, wird dessen Frucht erlangen, von Schuld frei werden und hinübergelangen.

4.38 Durch Verdienste vieler Geburten erwacht die Neigung zum Kula-Weg. Wer dadurch innerlich gereinigt ist, wird unmittelbar von Shiva erfüllt.

4.39 Wo Genuss im Übermaß herrscht, wie könnte dort Yoga sein? Wo Yoga allein herrscht, fehlt der Genuss. Der Kaula aber vereint beides.

4.40 Wer auch nur einen Kenner der Kula-Wahrheit verehrt, hat alle Götter und Göttinnen verehrt.

4.41 Selbst die Gabe einer mit Gold gefüllten Erde bringt nur einen zehnmillionsten Teil des Verdienstes der Verehrung eines Kaula.

4.42 Selbst ein Hundeesser, der Kula-Erkenntnis besitzt, übertrifft einen Brahmanen; ein Brahmane ohne Kula-Praxis steht nach dieser Wertung unter einem Hundeesser.

4.43 Nach meiner Erkenntnis gibt es keinen höheren Dharma als den Kaula-Dharma, durch dessen Ausübung ein Mensch Brahman erkennt.

4.44 Wahrlich sage ich dir: Bewahre es im Herzen! Es gibt keinen höheren Dharma als den Kaula-Weg, den höchsten unter allen Wegen.

4.45 Dieser höchste Weg bleibt inmitten der Gebundenen verborgen; wenn das Kali-Zeitalter mächtig wird, wird er bald offenbar werden.

4.46 Wahrlich sage ich: Wenn das Kali-Zeitalter zunimmt, werden die Menschen der Pashu-Haltung auf Erden nicht bestehen bleiben; bestehen werden die Kaulas.

4.47 Wenn vedische und puranische Einweihungen nicht mehr bestehen, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.48 Wenn die vedische Unterscheidung von Verdienst und Schuld nicht mehr gilt, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.49 Wenn der Strom der Ganga hier unterbrochen, dort geteilt ist, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.50 Wenn geldgierige Könige fremder Herkunft herrschen, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.51 Wenn Frauen nach der Darstellung des Textes unbeherrscht, schroff und streitsüchtig werden und ihre Männer verachten, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.52 Wenn Männer von Frauen beherrscht, ihrer Begierde dienstbar, Lehrern und Freunden schaden, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.53 Wenn die Erde wenig Ertrag bringt, die Wolken wenig regnen und die Bäume unzureichend Früchte tragen, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.54 Wenn Brüder, Angehörige und Gefährten wegen geringer Geldsummen gegeneinander kämpfen, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.55 Wenn Menschen heimlich trinken, obwohl Wein, Fleisch und Ähnliches öffentlich ohne Tadel oder Strafe zugänglich sind, ist das Kali-Zeitalter mächtig geworden.

4.56 Wie in Satya, Treta und Dvapara sollen Wein und die anderen Mittel auch im Kali-Zeitalter gemäß dem Kula-Weg gebraucht werden.

4.57 Wer den Kula-Weg durch Wahrheit gereinigt, sinnesbeherrscht, offen und mitfühlend ausübt, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.58 Wer dem Guru dient, den Lotusfüßen der Mutter ergeben und der eigenen Ehefrau zugetan ist, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.59 Wer der Wahrheit verpflichtet, in ihr gegründet und dem wahrhaftigen Dharma sowie einer aufrichtigen Kula-Praxis ergeben ist, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.60 Wer einem wahrhaftigen Yogi die nach dem Kula-Weg gereinigten Ritualmittel darbringt, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.61 Wer frei von Gewalt, Neid, Heuchelei und Hass im Kula-Dharma gefestigt ist, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.62 Wer Gemeinschaft mit Kaulas pflegt, bei rechtschaffenen Kula-Praktizierenden wohnt und ihnen dient, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.63 Kaulas in unterschiedlichen äußeren Gewändern, die fest im Kula-Weg stehen und dich entsprechend verehren, werden vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.64 Wer Baden, Spenden, Askese, Pilgerfahrt, Gelübde und Wassergaben gemäß dem Kula-Weg vollzieht, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.65 Wer Lebenssakramente von der Empfängnis an und Ahnenrituale nach dem Kula-Weg vollzieht, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.66 Wer sich hingebungsvoll vor der Kula-Wahrheit, den Ritualgaben und dem Kula-Yogi verneigt, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.

4.67 Für aufrichtige Kula-Praktizierende, frei von Hinterlist und Lüge, die sich dem Wohl anderer verpflichten, wird Kali selbst zum Diener.

4.68 Unter den vielen Mängeln dieses Zeitalters gibt es einen großen Vorzug: Wahrhaftige Kaulas gewinnen schon durch einen guten Entschluss Heil.

4.69 In anderen Zeitaltern brachten Gedanken sowohl Verdienst als auch Schuld hervor; im Kali-Zeitalter entsteht auf diese Weise nur Verdienst, nicht Schuld.

4.70 Wer den Kula-Weg missachtet, ständig lügt und anderen schadet, ist ein Diener Kalis, des verderblichen Zeitalters.

4.71 Wer dem Kula-Weg nicht ergeben ist, die Frauen anderer begehrt und gefestigte Kula-Praktizierende hasst, gilt als Diener dieses Kali.

4.72 Im Zusammenhang mit den Sitten der Zeitalter habe ich dir kurz die Merkmale der zunehmenden Macht Kalis erklärt, zu deiner Freude, Parvati.

4.73 Wenn Kali offenbar wird, sind alle Stützen des Dharma geschwächt. Allein die Wahrhaftigkeit bleibt bestehen; deshalb werde ganz von Wahrheit erfüllt.

4.74 Jede Handlung, die ein Mensch auf den Dharma der Wahrheit gründet, wird fruchtbar. Erkenne dies als wahr.

4.75 Es gibt keinen höheren Dharma als Wahrheit und keine schwerere Verfehlung als Unwahrheit. Deshalb nehme der Mensch mit seinem ganzen Wesen Zuflucht zur Wahrheit.

4.76 Ohne Wahrheit ist Puja vergeblich, ohne Wahrheit Japa vergeblich, ohne Wahrheit Askese nutzlos – wie Aussaat auf unfruchtbarem Boden.

4.77 Das höchste Brahman ist Wahrheit; Wahrheit ist die höchste Askese. Alle heiligen Handlungen wurzeln in ihr; nichts steht höher als Wahrheit.

4.78 Deshalb habe ich gesagt: Im mächtigen, von Unrecht geprägten Kali-Zeitalter muss auch der Kula-Weg wahrhaftig und offen ausgeübt werden.

4.79 Durch Verheimlichung wird Wahrheit geschwächt; Verheimlichung kommt nicht ohne Unwahrheit aus. Deshalb übe der Kaula seine Praxis offen.

4.80 Dass eine Unwahrheit zum Schutz des Kula-Geheimnisses nicht verwerflich sei, wie manche Kula-Tantras lehren, ist im mächtigen Kali-Zeitalter nicht angebracht.

4.81 Im Krita-Zeitalter steht der Dharma auf vier Füßen, im Treta fehlt einer, im Dvapara bleiben zwei, im Kali nur einer.

4.82 Dann ist allein Wahrheit kräftig, während Askese und Mitgefühl lahmen. Wird auch der Fuß der Wahrheit zerstört, vergeht der Dharma. Deshalb gründe alle Handlungen auf Wahrheit.

4.83 Wo es keinen Ausweg außer dem Kula-Weg gibt: Wie könnte höchstes Heil entstehen, wenn selbst in ihn Unwahrheit eindringt?

4.84 Durch Wahrheit ganz gereinigt, vollziehe der Mensch die Pflichten seines Standes und seiner Lebensstufe auf dem aus meinem Mund gelehrten Weg.

4.85 Einweihung, Verehrung, Japa, Feueropfer, Intensivpraxis, Wasserspenden, Gelübde beziehungsweise Schülerweihe, Hochzeit, Pumsavana und das Scheiteln des Haares einer Schwangeren,

4.86 Geburtsritus, Namensgebung, erste Haarschur, Totenriten und Ahnenopfer soll man im Einklang mit den Agamas ausführen.

4.87 Ebenso Ahnenopfer an Pilgerstätten, Freilassung eines Stieres, Herbstfest, Reise, Hauseinzug und Anlegen neuer Gewänder,

4.88 die Weihe von Wasserbecken, Brunnen und Teichen, Riten an bestimmten Mondtagen, Baubeginn und Hausweihe sowie die Aufstellung von Gottheiten,

4.89 Tages- und Nachtpflichten, Festtagsriten, jahreszeitliche, monatliche und jährliche Handlungen, regelmäßige und anlassbezogene Pflichten.

4.90 Was zu tun oder zu unterlassen, zu verwerfen oder anzunehmen ist: Alles richte der Mensch nach der von mir gelehrten Vorschrift aus.

4.91 Wer dies aus Verblendung, Unverstand oder mangelndem Vertrauen nicht tut, verliert die Früchte seiner Handlungen und wird als Wurm im Kot geboren.

4.92 Wenn jemand im mächtigen Kali-Zeitalter meine Lehre verlässt, wird seine Handlung das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken.

4.93 Eine meiner Lehre widersprechende Einweihung zerstört das Leben des Übenden; seine Verehrung ist fruchtlos, sein Opfer wie eine Gabe in Asche. Die Gottheit ist erzürnt, jeder Schritt wird zum Hindernis.

4.94 Wer im fortgeschrittenen Kali-Zeitalter meine Schrift kennt und dennoch Riten auf anderen Wegen ausführt, begeht nach dieser Lehre eine schwere Verfehlung.

4.95 Wer Schülerweihe und Hochzeit auf einem anderen Weg vollzieht, gelangt in eine schreckliche Hölle, solange Mond und Sonne bestehen.

4.96 Bei der Schülerweihe wird dies der Tötung eines Brahmanen gleichgestellt. Der Junge bleibt ohne gültige Einweihung, trägt nur die Schnur und gilt als niedriger als ein Chandala.

4.97 Eine auf solche Weise verheiratete Frau gilt nach dieser Lehre als nicht rechtmäßig vermählt; ihr Mann wird durch den Umgang mit ihr schuldig und zieht täglich die Schuld eines Prostituiertenbesuchs auf sich.

4.98 Götter und Ahnen nehmen aus seiner Hand weder Speise noch Wasser an; die Gaben gelten ihnen wie Kot und Eiter.

4.99 Das Kind einer solchen Verbindung gilt als unehelich, von religiösen Rechten ausgeschlossen und nicht berechtigt zu Götter-, Ahnen- und Kula-Riten.

4.100 Wird eine Gottheit auf einem nicht von Shambhu gelehrten Weg eingesetzt, kommt ihre Gegenwart dort nicht zustande. Es gibt weder hier noch jenseits eine Frucht, nur körperliche Mühe und Geldverlust.

4.101 Wer beim Ahnenopfer die Agama-Vorschrift verlässt, opfert vergeblich und fällt mit seinen Ahnen in die Hölle.

4.102 Sein Opferwasser gilt als Blut, der Reiskloß als Kot. Deshalb soll der Mensch mit Sorgfalt Shankaras Lehre folgen.

4.103 Was bedarf es vieler Worte? Wahrlich sage ich: Jede Handlung außerhalb des Weges Shambhus ist nach dieser Lehre ohne Nutzen.

4.104 Von einem höheren Dharma kann keine Rede sein; selbst früherer Verdienst geht verloren. Wer Shambhus Lebensweise verlässt, findet keinen Ausgang aus der Hölle.

4.105 Die Ausführung regelmäßiger und anlassbezogener Pflichten nach meinem gelehrten Weg ist bereits deine Verehrung, höchste Göttin.

4.106 Höre nun die besondere Verehrung mit Mantras und Yantras, die ich als Heilmittel gegen die Krankheit des Kali-Zeitalters lehre.

Ende des 4. Kapitels.

Kapitel 5 – Mantra, innere Verehrung und Ritualvorbereitung

Kali-Yantra: Geometrische Formen dienen der Sammlung und Verehrung.

5.1 Sadashiva sprach: Du bist die ursprüngliche höchste Shakti, das Wesen aller Kräfte. Durch deine Kraft vermögen wir Schöpfung, Erhaltung und Auflösung zu vollziehen.

5.2 Deine Gestalten mit ihren mannigfachen Farben und Formen sind unendlich. Wer könnte sie und ihre mühevollen Verehrungsweisen vollständig beschreiben?

5.3 Durch einen Hauch deines Mitgefühls habe ich ihre Verehrung in Kula-Tantras und Agamas nach meinem Vermögen gelehrt.

5.4 Diese geheime Praxis aber wurde nirgends offenbart. Ihrem Segen verdanke ich deine große Gnade.

5.5 Da du jetzt danach fragst, kann ich sie nicht verbergen. Zu deiner Freude erkläre ich sie, Geliebte, die mir teurer ist als mein Leben.

5.6 Sie stillt alles Leiden, wehrt alle Bedrängnis ab, ist die Grundlage, dich rasch zu erreichen, und erfreut dich.

5.7 Für kurzlebige Menschen, die unter dem Kali-Zeitalter leiden und zu großen Anstrengungen unfähig sind, ist sie der höchste Schatz.

5.8 Sie erfordert keine Vielzahl von Nyasas, kein Fasten und ähnliche Entbehrungen. Sie ist leicht auszuführen, nicht überladen und schenkt den Hingebungsvollen große Frucht.

5.9 Höre zuerst die Bildung des Mantras, durch dessen bloßes Hören man schon zu Lebzeiten befreit werden kann.

5.10 Pranesha, auf Taijasa ruhend, versehen mit Bherunda, Raum und Bindu, bildet das erste Bija. Nach diesem bilde das zweite. [Die Lautnamen verschlüsseln die Mantrasilben.]

5.11 Sandhya auf Rakta, verbunden mit dem linken Auge und dem Mond, bildet das zweite. Höre das dritte: Prajapati auf Dipa,

5.12 verbunden mit Govinda und Bindu, bringt den Übenden Glück. Nach diesen drei Bijas folgt die Anrede »Parameshvari«.

5.13 Mit der Gemahlin des Feuers als Schluss lautet der zehnsilbige Mantra. Diese höchste Vidya umfasst alle heiligen Mantrawissenschaften.

5.14 Zur Erfüllung von Dharma, Begehren und Wohlstand wiederholt der hervorragende Übende jedes der drei Anfangsbijas einzeln oder alle drei zusammen.

5.15 Ohne die drei Anfangsbijas wird aus dem zehnsilbigen Mantra ein siebensilbiger. Mit Kama-, Vagbhava-Bija oder Pranava entstehen drei achtsilbige Formen.

5.16 Nach der Anrede des zehnsilbigen Mantras spricht man »Kalike«, wiederholt die drei Anfangsbijas und fügt die Gemahlin des Feuers hinzu.

5.17 Dies heißt die sechzehnsilbige, in allen Tantras verborgene Form. Mit Vadhu-Bija oder Pranava davor entstehen zwei siebzehnsilbige Formen.

5.18 Deine Mantras sind zahllos, Millionen und Abermillionen. Hier wurden zwölf Formen kurz gelehrt.

5.19 Alle in irgendeinem Tantra gelehrten Mantras sind deine Mantras, denn du bist die ursprüngliche Prakriti.

5.20 Für sie alle besteht eine gemeinsame Praxis. Ich erkläre sie zu deiner Freude und zum Wohl der Welt.

5.21 Ohne Kula-Praxis schenkt der Shakti-Mantra keine Vollendung. Deshalb verehre man Shakti als dem Kula-Weg Ergebener.

5.22 Wein, Fleisch, Fisch, geröstetes Getreide und sexuelle Vereinigung werden als die fünf Tattvas der Shakti-Verehrung bezeichnet.

5.23 Verehrung ohne diese fünf wirkt nach dieser Lehre schädlich: Das ersehnte Ziel bleibt aus, bei jedem Schritt entstehen Hindernisse.

5.24 Wie auf Stein ausgesäter Same nicht keimt, bringt eine Verehrung ohne die fünf Tattvas keine Frucht.

5.25 Ohne die Morgenpflichten ist man zu weiteren Riten nicht berechtigt. Deshalb lehre ich zuerst die angemessenen Morgenpflichten.

5.26 In der zweiten Hälfte der letzten Nachtwache, zur nahenden Morgenröte, erhebt sich der Übende vom Schlaf, setzt sich und meditiert über den zweiäugigen, zweiarmigen Guru in einem weißen Lotus über seinem Kopf.

5.27 Der Guru trägt weiße Gewänder, weiße Girlanden und Salben; seine Hände gewähren Segen und Furchtlosigkeit. Er ist friedvoll, die Verkörperung des Mitgefühls.

5.28 Seine Shakti, die einen Lotus in der linken Hand trägt, umarmt ihn. Sein Gesicht lächelt gütig; er erfüllt das spirituelle Streben des Schülers.

5.29 Nach dieser Meditation verehrt man ihn mit geistigen Gaben und wiederholt das höchste Vagbhava-Bija.

5.30 Man übt Japa nach Vermögen, legt ihn in die rechte Hand des Gurus und verneigt sich mit diesem Gebet:

5.31 Verehrung dir, wahrer Guru, der du die Fesseln des Werdens löst, die Sicht der Erkenntnis eröffnest und Erfüllung und Befreiung schenkst.

5.32 Verehrung dem ehrwürdigen Guru, dem höchsten Brahman in Menschengestalt, der Unwissenheit beseitigt und den Kula-Dharma offenbart.

5.33 Nachdem man sich so verneigt hat, vergegenwärtigt man seine gewählte Gottheit, verehrt sie ebenso und wiederholt ihren Grundmantra.

5.34 Den nach Vermögen vollzogenen Japa legt man in die linke Hand der Göttin und verneigt sich mit diesem Gebet:

5.35 Verehrung dir, deren Wesen alle Gestalten sind; immer wieder Verehrung der Trägerin der Welt! Verehrung dir, ursprüngliche Kalika, Schöpferin und Auflöserin!

5.36 Danach geht man, mit dem linken Fuß beginnend, hinaus, entleert Blase und Darm und reinigt die Zähne.

5.37 Man begibt sich zum Wasser, berührt es zunächst und steigt dann zum vorgeschriebenen Bad hinein.

5.38 Im nabeltiefen Wasser badet man einmal zur Entfernung des Schmutzes, taucht auf und vollzieht das rituelle Wasserschlürfen mit Mantras.

5.39 Mit den Formeln für Atma-, Vidya- und Shiva-Tattva, jeweils mit »svaha« endend, schlürft man dreimal Wasser, wischt zweimal den Mund ab und vollzieht so Achamana.

5.40 Man zeichnet das Kula-Yantra mit dem Mantra in seiner Mitte auf das Wasser und wiederholt darüber zwölfmal den Grundmantra.

5.41 Das Wasser als Lichtkraft schauend, bringt man der Sonne drei Handvoll dar, besprengt dreimal den eigenen Kopf und verschließt die sieben Öffnungen des Kopfes.

5.42 Zur Freude der Gottheit taucht man dreimal unter, steigt heraus, trocknet sich ab und legt zwei reine Gewänder an.

5.43 Mit Erde oder Asche zeichnet man drei horizontale Linien mit einem Punkt auf die Stirn und bindet unter Rezitation der Gayatri das Haar.

5.44 Der Mantraübende vollzieht nacheinander das vedische und das tantrische Sandhya. Höre nun das tantrische.

5.45 Nach dem Wasserschlürfen wie zuvor ruft man die heiligen Flüsse in das Wasser:

5.46 Ganga, Yamuna, Godavari, Sarasvati, Narmada, Sindhu und Kaveri: Seid in diesem Wasser gegenwärtig!

5.47 Mit diesem Mantra und der Ankusha-Mudra ruft man die heiligen Wasser herbei und wiederholt zwölfmal den Grundmantra.

5.48 Mit Mittel- und Ringfinger sprengt man dreimal Tropfen auf die Erde und spricht jeweils den Grundmantra.

5.49 Nachdem man siebenmal den Kopf besprengt hat, nimmt man Wasser in die linke Hand und bedeckt sie mit der rechten.

5.50 Die fünf Bijas von Ishana, Luft, Wasser, Feuer und Indra werden viermal gesprochen; dann bringt man das Wasser in die rechte Hand.

5.51 Man betrachtet es als Lichtkraft, zieht es innerlich durch Ida ein und lässt mit ihm die Unreinheit des Körpers durch Pingala ausströmen.

5.52 Man wirft es vor sich auf einen als Vajra-Stein gedachten Stein, spricht den Waffenmantra, vollzieht dies dreimal und wäscht die Hände.

5.53 Nach dem rituellen Schlürfen bringt man der Sonne mit dem folgenden Mantra eine Wassergabe dar.

5.54 Man spricht Pranava, Maya-Bija, »hamsa«, »ghrini surya«, »idam arghyam tubhyam« und übergibt die Gabe mit »svaha«.

5.55 Dann meditiert man über die große Göttin Gayatri, die entsprechend den Gunas morgens, mittags und abends drei Gestalten annimmt.

5.56 Morgens ist sie Brahmi: rot, zweiarmig, jungfräulich, mit einem Gefäß voller heiligen Wassers und einer Gebetskette, bekleidet mit schwarzem Antilopenfell, auf einem Schwan reitend, rein lächelnd.

5.57 Mittags erscheint sie dunkel als vierarmige Vaishnavi, mit Muschel, Diskus, Keule und Lotus, auf Garuda sitzend,

5.58 jugendlich, mit vollen Brüsten und einer Waldblumengirlande. So meditiert man über sie inmitten der Sonnenscheibe.

5.59 Abends vergegenwärtigt sich der Beherrschte die segenspendende Gayatri: weiß, weiß gekleidet, auf einem Stier sitzend,

5.60 dreiäugig, mit segnender Hand, Schlinge, Dreizack und Menschenschädel; eine alte Frau, deren Jugend vergangen ist.

5.61 Nach dieser Meditation gibt man der Göttin drei Handvoll Wasser und wiederholt die Gayatri zehn- oder hundertmal.

5.62 Höre deine Gayatri, Herrin der Götter: Zuerst spricht man »adyayai«, danach »vidmahe«,

5.63 dann »parameshvaryai dhimahi tannah kali prachodayat«. Dies ist deine Gayatri, die schwere Verfehlungen auflöst.

5.64 Wer sie an den drei Tagesübergängen wiederholt, empfängt die Frucht des Sandhya. Danach bringt man Göttern, Sehern, Ahnen und der eigenen Gottheit Wasserspenden dar.

5.65 Man spricht Pranava, den Namen im Akkusativ, »tarpayami namah«. Bei einer Shakti tritt das Maya-Bija an die Stelle des Pranava und »svaha« an die Stelle von »namah«.

5.66 Nach dem Grundmantra folgen die Anreden »der in allen Wesen Wohnenden«, »der alle Gestalten Annehmenden« und »der mit ihren Waffen Ausgestatteten« im Dativ,

5.67 ebenso »der von ihrem Gefolge Umgebenen«, »der Höchsten über dem Höchsten«, »der ursprünglichen Kalika«, dann »dir diese Wassergabe« und »svaha«.

5.68 Mit dieser Formel bringt man der Göttin Arghya dar, wiederholt den Grundmantra nach Vermögen und legt den Japa in ihre linke Hand.

5.69 Man verneigt sich vor der Göttin, nimmt Wasser zur Puja mit, grüßt die heilige Wasserstätte und geht hymnensingend und über die Gottheit meditierend

5.70 zum Verehrungsraum. Dort reinigt man Hände und Füße und bereitet vor der Tür das allgemeine Arghya.

5.71 Man zeichnet Dreieck, Kreis und Quadrat, verehrt die tragende Shakti und stellt darauf den Gefäßuntersatz.

5.72 Das Gefäß wird mit dem Waffenmantra gespült, mit dem Herzmantra gefüllt und mit Duft und Blüten versehen; dann ruft man die heiligen Wasser herbei.

5.73 In Untersatz, Gefäß und Wasser verehrt man Feuer-, Sonnen- und Mondkreis und weiht das Wasser zehnmal mit dem Maya-Bija.

5.74 Man zeigt Dhenu- und Yoni-Mudra. Dies heißt allgemeines Arghya. Mit dessen Wasser und Blüten verehrt man die Türgottheiten:

5.75 Ganesha, Kshetrapala, Batuka, Yogini, Ganga, Yamuna, Lakshmi und Vani.

5.76 Den linken Türpfosten leicht berührend, tritt man mit dem linken Fuß zuerst ein und gedenkt der Lotusfüße der Göttin.

5.77 Im Südwesten verehrt man den Herrn des Baugrunds und Brahma; mit Arghya-Wasser besprengt man den Verehrungsraum.

5.78 Durch den göttlichen Blick vertreibt man himmlische Hindernisse, durch mit dem Waffenmantra geweihtes Wasser die Hindernisse des Luftraums,

5.79 durch dreimaliges Aufstampfen mit der Ferse die irdischen. Dann räuchert man den Raum mit Sandelholz, Aloeholz, Moschus und Kampfer.

5.80 Für den Sitz zeichnet man Quadrat und Dreieck und verehrt darin Kamarupa mit der auf »namah« endenden Formel.

5.81 Darauf breitet man den Sitz aus und verehrt ihn mit Kama-Bija und der Formel »Verehrung der tragenden Shakti des Lotussitzes«.

5.82 Nach Osten oder Norden gewandt setzt man sich im Virasana und reinigt rituell Vijaya, das Cannabispräparat.

5.83 Man spricht Pranava und Maya-Bija, dann: »Du Nektarhafte, aus Nektar Geborene, Nektar Regnende, ziehe Nektar herbei, ziehe ihn herbei!«

5.84 Es folgen: »Schenke Vollendung; führe Kalika mir zu«, und »svaha«. Dies ist der Reinigungsmantra für Samvida.

5.85 Über Vijaya wiederholt man siebenmal den Grundmantra und zeigt die Mudras der Herbeirufung sowie Dhenu und Yoni.

5.86 Mit der überlieferten Mudra spendet man dreimal dem Guru im tausendblättrigen Lotus und, unter dem Grundmantra, der Göttin im Herzen.

5.87 Man spricht Vagbhava-Bija und »Sprich, sprich, Göttin der Rede! Verweile fest auf meiner Zungenspitze, du, die alle Wesen gewinnt! Svaha«, und opfert in den Mund Kundalinis.

5.88 Nach dem Empfang von Samvida grüßt man mit gefalteten Händen den Guru über dem linken Ohr, Ganesha rechts und die ewige Adya in der Mitte, ganz in Meditation über die Göttin versunken.

5.89 Rechts stellt man alle Verehrungsgegenstände auf, links das duftende Wasser und die Kula-Ritualmittel.

5.90 Mit dem Grundmantra samt Waffenendung und Arghya-Wasser besprengt man alles, zieht einen Wasserkreis und bildet mit dem Feuer-Bija eine Feuerumwallung.

5.91 Zur Reinigung der Hände reibt man eine mit Sandelpaste versehene Blüte unter dem Waffenmantra zwischen ihnen und wirft sie fort.

5.92 Zeige- und Mittelfinger schlagen dreimal zunehmend höher auf die linke Handfläche; mit Fingerschnippen und Waffenmantra verschließt man die Richtungen. Dann folgt Bhuta Shuddhi.

5.93 Man legt die Hände mit den Flächen nach oben in den Schoß, sammelt den Geist an der Wurzel und erweckt durch »hum« Kundalini.

5.94 Mit dem Hamsa-Mantra führt man sie zusammen mit dem Erdelement zum Svadhishthana und lässt ein Prinzip im jeweils folgenden aufgehen.

5.95 Die Erde mit Geruch und Geruchssinn geht im Wasser auf, das Wasser mit Geschmack und Zunge im Feuer.

5.96 Das Feuer mit Gestalt und Sehsinn geht in der Luft auf, die Luft mit Berührung und Tastsinn im Raum.

5.97 Der Raum mit dem Klang geht im Ichprinzip auf, dieses in Mahat, Mahat in Prakriti und diese in Brahman.

5.98 Danach stellt man sich im linken Bauch eine schwarze Gestalt mit rotem Bart und roten Augen vor,

5.99 in rotes Fell gekleidet, zornig, daumengroß, die Verkörperung aller Verfehlungen, stets mit gesenktem Gesicht.

5.100 Im linken Nasenloch stellt man sich das rauchfarbene Bija »yam« vor, atmet während sechzehn Wiederholungen ein und trocknet damit den von Schuld geprägten Körper aus.

5.101 Am Nabel meditiert man über das rote »ram« und verbrennt mit dessen Feuer den schuldhaften Körper während vierundsechzig Wiederholungen in der Atemhaltung.

5.102 An der Stirn stellt man sich das weiße Wasser-Bija vor und überflutet den Körper bei der Ausatmung über zweiunddreißig Wiederholungen mit Nektarwasser.

5.103 Von den Füßen bis zum Kopf überströmt, entsteht in der Vorstellung ein neuer, ganz von der Gottheit erfüllter Körper.

5.104 Über das gelbe Erd-Bija im Muladhara meditierend, festigt man diesen Körper durch die göttliche Schau.

5.105 Die Hand auf dem Herzen, spricht man »am, hrim, krom, hamsa« und setzt mit »so'ham« die Lebenskräfte der Göttin in diesen Körper ein.

5.106 Nach dieser Elementreinigung, ganz der Identität mit der Göttin hingegeben, vollzieht man gesammelt den Matrika-Nyasa.

5.107 Der Seher der Matrika ist Brahma, ihr Versmaß Gayatri, ihre Gottheit die Göttin Matrika; die Konsonanten sind ihre Bijas,

5.108 die Vokale ihre Shaktis und der Visarga ihr Verschluss. Ihre Anwendung gilt dem Buchstaben-Nyasa. Nach dem Rishi-Nyasa folgen Hand- und Glieder-Nyasa.

5.109 Zwischen »am« und »am« mit langem Vokal setzt man die ka-Gruppe, zwischen »im« und langem »im« die ca-Gruppe, zwischen »um« und langem »um« die ta-Gruppe der retroflexen Laute, zwischen »em« und »aim« die dentale ta-Gruppe.

5.110 Zwischen »om« und »aum« steht die pa-Gruppe, zwischen Bindu und Visarga die Folge von ya bis ksha. Dies sind die Mantras für den sechsfachen Nyasa.

5.111 Nachdem man sie vorschriftsmäßig eingesetzt hat, meditiert man über die Mutter Sarasvati.

5.112 Ich nehme Zuflucht zur dreiäugigen, strahlend weißen Göttin der Sprache: Die fünfzig Buchstaben gliedern Gesicht, Arme, Füße, Mitte und Brust; ihre leuchtende Krone trägt die Mondsichel. Sie hat volle Brüste und hält in ihren Lotushänden Gebärde, Gebetskette, nektargefüllten Krug und Buch.

5.113 Nach dieser Meditation setzt man die Göttin der Buchstaben in die sechs Chakras ein: ha und ksha in den Lotus zwischen den Brauen, die sechzehn Vokale an die Kehle,

5.114 ka bis tha in den Herzlotus, da bis pha der entsprechenden Buchstabenfolge an den Nabel, ba bis la in den Genitalbereich,

5.115 va bis sa in den vierblättrigen Muladhara. Nach dieser inneren Einsetzung folgt der äußere Buchstaben-Nyasa.

5.116 Die Buchstaben werden der Reihe nach an Stirn, Gesichtsumkreis, Augen, Ohren, Nase, Wangen, Lippen, Zähnen, Scheitel und Mund sowie Gelenken und Enden der Arme und Beine eingesetzt,

5.117 an Seiten, Rücken, Nabel, Bauch, Herz, Schultern und Nacken; anschließend vom Herzen aus an Hände und Füße,

5.118 an Bauch und Gesicht. Nach diesem Buchstaben-Nyasa übt man Pranayama.

5.119 Während sechzehn Wiederholungen des Maya-Bijas atmet man links ein; während vierundsechzig hält man den Atem an.

5.120 Mit kleinem Finger, Ringfinger und Daumen werden die Nasenlöcher entsprechend verschlossen; bei zweiunddreißig Bija-Wiederholungen atmet man rechts aus.

5.121 Dies wird dreimal wiederholt und heißt Pranayama. Danach folgt der Rishi-Nyasa.

5.122 Die Seher dieses Mantras sind Brahma und die Brahmarshis, seine Metren Gayatri und andere, seine Gottheit Adya Kali.

5.123 Das Adya-Bija ist sein Same, Maya seine Kraft und Kamala sein Verschluss. Diese Zuordnungen setzt man an Kopf, Mund, Herz, Genitalbereich, Füßen und dem ganzen Körper ein.

5.124 Mit beiden Händen und dem Grundmantra streicht man von den Füßen zum Kopf und zurück, sieben- oder dreimal. Dies heißt umfassender Nyasa und gewährt die gelehrte Frucht.

5.125 Der Glieder-Nyasa erfolgt mit dem Bija, mit dem die jeweilige Vidya beginnt, oder mit dem Grundmantra ohne die sechs langen Vokalformen.

5.126 An Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger, kleinen Fingern sowie Handflächen und Handrücken verwendet man der Reihe nach »namah«, »svaha«, »vashat«, »hum«, »vaushat« und »phat«.

5.127 Zuerst »dem Herzen namah«, dann »dem Kopf svaha«, »der Haarlocke vashat« und »dem Schutzpanzer hum«,

5.128 anschließend »den drei Augen vaushat« und »der Waffe phat«. Nach diesem sechsfachen Nyasa folgt der Pitha-Nyasa.

5.129 Die tragende Shakti, Schildkröte, Shesha, Erde, Nektarmeer, Juweleninsel und den Parijata-Baum,

5.130 das Haus aus Wunschjuwelen, den Altar aus Edelsteinen und Rubinen und den Lotussitz darin setzt der Vira in den Herzlotus ein.

5.131 An rechte und linke Schulter sowie linke und rechte Hüfte setzt man der Reihe nach Dharma, Erkenntnis, Herrschaftskraft und Loslösung.

5.132 An Mund, linke Seite, Nabel und rechte Seite setzt man entsprechend deren Gegenteile: Nicht-Dharma, Unwissenheit, Machtlosigkeit und Anhaftung.

5.133 Im Herzen vergegenwärtigt man die Wurzel der Freude, Sonne, Mond, Feuer sowie Sattva, Rajas und Tamas mit ihren Anfangsbuchstaben samt Bindu, außerdem Staubfäden, Samenboden und auf den Blütenblättern die Herrinnen des Sitzes.

5.134 Die acht Herrinnen sind Mangala, Vijaya, Bhadra, Jayanti, Aparajita, Nandini, Narasimhi und Vaishnavi.

5.135 An die Blattspitzen setzt man die acht Bhairavas: Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, den furchterregenden Unmatta, Kapali, Bhishana und Samhari. Danach folgt Pranayama.

5.136 Duft und Blüten mit der Schildkröten-Mudra aufnehmend, legt man die Hände ans Herz und meditiert über die ewige Göttin.

5.137 Meditation wird zweifach gelehrt: mit Gestalt und ohne Gestalt. Die gestaltlose Meditation über dich liegt jenseits von Sprache und Denken.

5.138 Sie betrifft das Unmanifestierte, Allgegenwärtige, das sich nicht als »dies« oder »so« bestimmen lässt; schwer zugänglich wird es Yogis durch ausdauernde geistige Beruhigung und weitere Disziplinen erreichbar.

5.139 Um den Geist zu sammeln, das ersehnte Ziel rasch zu erreichen und die subtile Meditation zu erschließen, lehre ich die Meditation über eine sichtbare Gestalt.

5.140 Für die gestaltlose Kalika, die strahlende Mutter der Zeit, wird entsprechend ihren Eigenschaften und Wirkungen eine Gestalt vorgestellt.

5.141 Ich verehre die ursprüngliche Kalika: wolkendunkel, mondgekrönt, dreiäugig, rot gekleidet, mit Händen, die Furchtlosigkeit und Segen gewähren, auf einem strahlend roten Lotus. Ihr Antlitz erblüht in Freude beim Anblick Mahakalas, der vor ihr tanzt, nachdem er süßen Honigwein getrunken hat.

5.142 Nach dieser Meditation legt der Übende eine Blüte auf den eigenen Kopf und verehrt die Göttin mit tiefer Hingabe durch geistige Gaben.

5.143 Er bietet den Herzlotus als Sitz an, den aus dem Sahasrara strömenden Nektar als Fußwasser und den Geist als Arghya.

5.144 Derselbe Nektar dient zum Mundspülen und Baden; das Raumelement ist das Gewand, das Duftprinzip die Salbe.

5.145 Das innere Bewusstsein wird zur Blüte, die Lebenskräfte zum Räucherwerk, das Feuerprinzip zum Licht und das Nektarmeer zur Speisegabe.

5.146 Der ungeschlagene innere Klang wird zur Glocke, die Luft zum Wedel; die Tätigkeiten der Sinne und die Bewegtheit des Geistes werden zum Tanz.

5.147 Zur Vollendung der inneren Haltung bringt man vielfältige Blüten dar: Freiheit von Täuschung, Ichbezogenheit, Anhaftung und Hochmut,

5.148 von Verblendung, Heuchelei, Hass, innerer Erregung, Neid und Gier. Dies sind die zehn Blüten.

5.149 Die höchste Blüte ist Gewaltlosigkeit; weitere sind Sinnesbeherrschung, Mitgefühl, Geduld und Erkenntnis. Mit diesen fünfzehn Blüten innerer Haltungen soll man verehren.

5.150 Man bringt innerlich ein Nektarmeer, einen Fleischberg, einen Berg gebratenen Fisches, Haufen gerösteten Getreides, guten Reis und mit Ghee bereiteten Milchreis dar,

5.151 ferner Kula-Nektar, die zugehörige Blüte und das Wasser der Sitzwaschung. Begehren und Zorn, die Hindernisse schaffen, werden als Opfer übergeben; dann folgt Japa.

5.152 Die Gebetskette besteht aus den Buchstaben; Kundalini ist die Schnur, die sie verbindet.

5.153 Man spricht den jeweiligen Laut mit Bindu und danach den Grundmantra, von a bis la. Dies heißt die Vorwärtsfolge.

5.154 Dann beginnt man bei la und wiederholt rückwärts bis a. Dies heißt Rückwärtsfolge; ksha ist die Meru-Perle.

5.155 Mit den Endbuchstaben der acht Lautgruppen und dem Grundmantra folgen acht weitere Wiederholungen. Nach insgesamt einhundertacht bringt man den Japa so dar:

5.156 Du Wohnstatt des innersten Selbst aller, du eigenes inneres Licht! Nimm diesen inneren Japa an, Mutter, ursprüngliche Kali; Verehrung dir!

5.157 Danach verneigt man sich im Geist mit acht Körperteilen. Nach dieser inneren Verehrung beginnt die äußere Puja.

5.158 Zuerst höre die Weihe des besonderen Arghya, durch dessen Aufstellung die Gottheit erfreut wird.

5.159 Beim Anblick des Arghya-Gefäßes tanzen Yoginis, Götter von Brahma an und Bhairavas voller Freude und schenken Vollendung.

5.160 Links vor sich zeichnet man mit allgemeinem Arghya-Wasser ein Dreieck mit dem Maya-Bija im Inneren, einen Kreis und ein Quadrat.

5.161 Darin verehrt man die tragende Shakti mit Maya-Bija, ihrem Namen im Dativ und »namah«.

5.162 Den gereinigten Untersatz stellt man auf das Mandala und spricht »mam«, dann die Anrede an den Feuerkreis mit seinen zehn Kräften,

5.163 gefolgt von »namah«. Danach spült man das Arghya-Gefäß mit dem Waffenmantra und stellt es auf den Untersatz.

5.164 Mit »am«, der Anrede an den Sonnenkreis mit seinen zwölf Kräften und »namah« verehrt man das Gefäß und füllt es unter dem Grundmantra.

5.165 Drei Viertel werden mit Wein, der Rest mit Wasser gefüllt. Man fügt Duft und Blüten hinzu und verehrt mit folgender Formel:

5.166 Der sechste Vokal mit Bindu, dann die Anrede an den Mondkreis mit seinen sechzehn Kräften, zuletzt »namah«.

5.167 Auf ein Bilva-Blatt legt man rote Sandelpaste, Durva-Gras, Blüten und ungebrochene Reiskörner und gibt es hinein.

5.168 Mit dem Grundmantra ruft man die heiligen Wasser herbei, vergegenwärtigt die Göttin, verehrt sie mit Duft und Blüten und wiederholt den Mantra zwölfmal.

5.169 Nach Dhenu- und Yoni-Mudra zeigt man Räucherwerk und Licht und gießt etwas Wasser in das Sprenggefäß.

5.170 Damit besprengt man sich selbst und die Opfergaben. Bis zum Ende der Puja darf das Arghya-Gefäß nicht bewegt werden.

5.171 Damit ist die Weihe des besonderen Arghya erklärt. Nun lehre ich den König der Yantras, der alle menschlichen Lebensziele gewährt.

5.172 Man zeichnet ein Dreieck mit Maya-Bija, außen zwei Kreise und dazwischen sechzehn Staubfäden in Paaren.

5.173 Darum einen achtblättrigen Lotus, außen ein anmutiges, sauber gezeichnetes Quadrat mit vier Toren.

5.174 Gold, Silber oder Kupfer wird mit den als Kunda und Gola bezeichneten rituellen Substanzen, selbstentstandener Blüte, Sandelholz, Aloeholz und Safran bestrichen,

5.175 oder mit Kushida. Unter dem Grundmantra zeichnet man mit goldenem Stift oder Bilva-Dorn den König der Yantras, um die Vergegenwärtigung der Gottheit zu vollenden. [Die Bezeichnungen der Ritualsubstanzen sind erklärungsbedürftig; »Blüte« kann im Kaula-Kontext Menstrualblut bezeichnen.]

5.176 Oder ein geschickter Handwerker fertigt das Yantra mit gravierten Linien auf Kristall, Koralle oder Beryll.

5.177 Nach glückverheißender Weihe stellt man es im Haus auf. Nach der Verheißung des Textes schwinden böse Geister, planetarisches Unheil, Krankheiten und Ängste.

5.178 Das Haus erfreut sich an Kindern, Enkeln, Glück und Wohlstand; durch den Segen des Yantras wird sein Bewohner freigebig, fürsorglich und angesehen.

5.179 Man stellt das gezeichnete Yantra vor sich auf einen Juwelenthron, verehrt die Sitzgottheiten gemäß dem Pitha-Nyasa und in seiner Mitte die Hauptgottheit.

5.180 Nun lehre ich die Aufstellung des Kalasha und das Kreisritual. Deren Vollzug erfreut die Gottheit und führt nach dem Text zu Mantravollendung und Wunscherfüllung.

5.181 Weil Vishvakarman den Krug aus je einem Anteil der Götter geschaffen hat, heißt er Kalasha.

5.182 Seine Maße: sechsunddreißig Fingerbreiten Umfang, sechzehn Höhe, vier am Hals, sechs an der Öffnung und fünf am Boden.

5.183 Man fertige zur Freude der Gottheit einen unbeschädigten Krug aus Gold, Silber, Kupfer, Bronze, Ton, Stein oder Glas; man vermeide geizige Täuschung über die eigenen Mittel.

5.184 Gold gewährt Genuss, Silber Befreiung, Kupfer Freude und Bronze Gedeihen.

5.185 Glas gilt als Mittel zur Anziehung, Stein zur Stillstellung; ein schöner, sorgfältig bereiteter Tonkrug eignet sich für alle Zwecke.

5.186 Links von sich zeichnet man einen Sechsstern mit Brahmarandhra in der Mitte, außen einen Kreis und darum ein Quadrat.

5.187 Mit Zinnober oder roter Sandelpaste wird das Mandala angelegt; darin verehrt man die tragende Gottheit mit Maya-Bija, »Adharashakti« im Dativ und »namah«.

5.188 Der mit »namah« gereinigte Untersatz kommt auf das Mandala, der mit dem Waffenmantra gereinigte Krug auf den Untersatz.

5.189 Mit den Buchstaben samt Bindu von ksha rückwärts bis a und dem Grundmantra füllt man ihn mit der rituellen Flüssigkeit.

5.190 Ganz der Göttin hingegeben, verehrt man wie zuvor Feuer, Sonne und Mond in Untersatz, Krug und Flüssigkeit.

5.191 Mit rotem Sandelholz, Zinnober, roten Girlanden und Salben schmückt man den Krug und vollzieht die fünffache Behandlung.

5.192 Mit »phat« berührt man ihn schlagend mit Darbha-Gras, mit »hum« umhüllt man ihn, mit »hrim« schaut man ihn göttlich an und mit »namah« besprengt man ihn.

5.193 Mit dem Grundmantra gibt man dreimal Duft hinzu. Dies ist die fünffache Behandlung. Man verneigt sich vor dem Krug, gibt eine rote Blüte hinzu und reinigt:

5.194 Om. Das höchste Brahman ist eines, beständig, das Grobe und Feine umfassend. Durch diese Wahrheit tilge ich an dir die durch Kacha entstandene Schuld der Brahmanentötung.

5.195 Du in der Sonnenscheibe Wohnende, aus Varunas Reich Entstandene, Göttin aus dem Samen des Neumondes: Werde vom Fluch Shukras befreit!

5.196 Wenn der Pranava der Same der Veden und von Brahmans Wonne erfüllt ist, möge durch diese Wahrheit die Schuld der Brahmanentötung von dir weichen, Göttin.

5.197 Hrim. Er ist der Schwan im Reinen, der Vasu im Luftraum, der Opferpriester am Altar, der Gast im Haus; er wohnt in Menschen, im Erhabenen, in der Ordnung und im Raum, ist aus Wasser, Erde, kosmischer Ordnung und Berg geboren: die große Wahrheit.

5.198 Mit dem Wasser-Bija in den sechs langen Vokalformen spricht man die Anrede »der vom Fluch Brahmas befreiten Nektargöttin« und »namah« siebenmal, um den Fluch zu lösen.

5.199 Das Ankusha-Bija mit sechs langen Vokalen, verbunden mit Shri und Maya, dann »Sudha«, »Löse Brahmas Fluch! Lass Nektar strömen, lass ihn strömen!« und »svaha« bilden den Mantra.

5.200 Nach der Lösung des Fluches verehrt man gesammelt Anandabhairava und Anandabhairavi darin.

5.201 Man verbindet die Laute »ha sa ksha ma la« mit »va ra yum«, spricht »Anandabhairava« im Dativ und endet mit »vashat«.

5.202 Für die Göttin werden die bezeichneten Lautbestandteile umgestellt und verändert; es folgen »Sudhadevyai« und »vaushat«. [Die verschlüsselte Lautanweisung wird hier nicht zu einer ungesicherten Rezitationsformel ergänzt.]

5.203 Man meditiert über beider vollkommene Vereinigung, schaut die Flüssigkeit als von deren Nektar durchströmt und wiederholt darüber zwölfmal den Grundmantra.

5.204 Sie als Gottheit erkennend, bringt man unter dem Grundmantra eine Handvoll Blüten dar und zeigt unter Glockenklang Räucherwerk und Licht.

5.205 So erfolgt die Weihe der rituellen Flüssigkeit bei Götterverehrung, Gelübden, Feueropfern, Hochzeiten und Festen.

5.206 Fleisch wird auf ein dreieckiges Mandala gelegt, mit »phat« besprengt und dreimal mit Luft- und Feuer-Bija geweiht.

5.207 Mit dem Schutzmantra umhüllt, mit dem Waffenmantra geschützt und durch Dhenu-Mudra und »vam« in Nektar verwandelt, wird folgende Formel gesprochen:

5.208 Die Göttin an Vishnus Brust und die Göttin Shankaras: Reinige mir dieses Fleisch, reinige es – jenes höchste Ziel Vishnus!

5.209 Ebenso bringt man Fisch herbei, reinigt ihn mit der genannten Formel und weiht ihn mit folgendem Mantra:

5.210 Om. Wir verehren den Dreiäugigen, den Wohlriechenden, der das Gedeihen mehrt. Wie eine reife Gurke vom Stiel möge ich vom Tod gelöst werden, nicht von der Unsterblichkeit.

5.211 Ebenso reinigt man das geröstete Getreide: Om. Vishnus höchsten Ort schauen die Seher immerdar, wie ein am Himmel weit geöffnetes Auge.

5.212 Om. Die einsichtigen, wachen Weisen lassen ihn aufleuchten: jenen höchsten Ort Vishnus.

5.213 Oder man reinigt alle Ritualmittel allein mit dem Grundmantra. Wer Vertrauen in die Wurzel hat, wozu braucht er Blätter und Zweige?

5.214 Was allein mit dem Grundmantra gereinigt wurde, erkläre ich als besonders geeignet, die Gottheit zu erfreuen.

5.215 Bei Zeitmangel oder fehlender Gelegenheit reinige der Übende alles mit dem Grundmantra und bringe es der großen Göttin dar.

5.216 Hier entstehen weder ritueller Nachteil noch Fehler wegen unvollständiger Hilfshandlungen. Wahrlich, wahrlich, nochmals wahrlich: So lautet Shankaras Weisung.

Ende des 5. Kapitels.

Kapitel 6 – Ritualkreis, Opfer und Japa

Puja verbindet Darbringungen, Mantra und hingebungsvolle Aufmerksamkeit.

6.1 Die Göttin sprach: Erkläre die fünf Tattvas für Verehrung und andere Riten genauer, Herr, wenn du mir gnädig bist.

6.2 Sadashiva sprach: Drei vorzügliche Arten berauschenden Getränks sind aus Zucker, Mehl und Honig bereitet; weitere stammen von Fächer- und Dattelpalmen.

6.3 Je nach Land und Grundstoff gibt es viele Sorten, die zur Götterverehrung geeignet sind.

6.4 Wer sie hergestellt oder gebracht hat, begründet hier keinen Kastenunterschied. Rituell gereinigt gewähren sie alle Vollendungen.

6.5 Fleisch stammt von Wasser-, Land- oder Lufttieren. Woher es kommt und wer das Tier getötet hat: Nach dieser Rituallehre kann es der Freude der Gottheit dienen.

6.6 Bei den Opfergaben zählt die Neigung des Übenden: Was ihm selbst lieb ist, soll er seiner erwählten Gottheit darbringen.

6.7 Für das Tieropfer ist ein männliches Tier vorgeschrieben; ein weibliches darf nach Shambhus Weisung nicht getötet werden.

6.8 Die vorzüglichsten Fische sind Shala, Pathina und Rohita; grätenlose gelten als mittlere, grätenreiche als geringere. Gut gebraten dürfen auch diese der Göttin dargebracht werden.

6.9 Auch Mudra, das geröstete Getreide, ist dreifach: Die beste Art ist weiß wie der Mond, aus Reis, Gerste oder Weizen, in Ghee bereitet und wohlschmeckend.

6.10 Die mittlere Art besteht aus geröstetem Korn; andere geröstete Samen gelten als geringere Art.

6.11 Fleisch, Fisch, Getreide, Früchte und Wurzeln heißen bei der Darbringung des Nektargetränks »Shuddhi«, die begleitenden Reinigungsgaben.

6.12 Ohne diese Beigaben bleiben Darbringung des Getränks, Verehrung und Wasserspende fruchtlos; die Gottheit wird nicht erfreut.

6.13 Wein ohne Shuddhi zu trinken wird mit Giftgenuss verglichen: Der Übende werde dadurch chronisch krank, kurzlebig und sterbe früh.

6.14 Beim letzten Tattva ist im kraftlosen, mächtigen Kali-Zeitalter allein die eigene Ehefrau als fehlerfreie Partnerin anzusehen.

6.15 Oder die als selbstentstandene Blüte und ähnlich bezeichnete Substanz dient als Stellvertretung; auch Kushida wird genannt.

6.16 Ungereinigte Ritualmittel, Blätter, Blüten und Früchte darf man der Göttin nicht geben; wer es tut, verfällt nach dem Text der Hölle.

6.17 Die Aufstellung des Shri-Patra erfolgt mit der eigenen tugendhaften Partnerin. Man besprengt sie mit der rituellen Flüssigkeit oder allgemeinem Arghya-Wasser.

6.18 Man spricht zuerst Bala, dann »Tripurayai namah«, anschließend »diese Shakti«,

6.19 »reinige; mache sie zu meiner Shakti«, und »svaha«.

6.20 Ist die Frau nicht eingeweiht, spricht man das Maya-Bija in ihr Ohr. Andere Shaktis sind zu verehren, aber nicht zur sexuellen Vereinigung heranzuziehen.

6.21 Zwischen sich und dem Yantra zeichnet man ein Dreieck mit Maya-Bija, einen Kreis, einen Sechsstern und außen ein Quadrat.

6.22 An den Ecken verehrt man Purnashaila, Uddiyana, Jalandhara und Kamarupa, jeweils mit dem Anfangsbuchstaben als Bija, Namen im Dativ und »namah«.

6.23 Im Sechsstern verehrt man die sechs Glieder, im Dreieck mit dem Grundmantra die Göttin und mit Maya-Bija und »namah« die tragende Shakti.

6.24 Wie zuvor stellt man den mit »namah« gereinigten Untersatz auf und verehrt im Kreis die Feuerkräfte mit ihren Anfangsbuchstaben.

6.25 Sie heißen Dhūmrārciḥ, Jvalinī, Sūkṣmā, Jvālinī, Viṣphuliṅginī, Suśrī, Surūpā, Kapilā, Havyavahā und Kavyavahā — die beiden letzten sind die Trägerinnen der Götter- und Ahnengaben.

6.26 Diese zehn Kräfte des Feuers werden mit Namen im Dativ und abschließendem »namah« verehrt.

6.27 Mit »mam«, »dem Feuerkreis«, »dessen Wesen zehn Kräfte sind«, und »namah« verehrt man den Feuerkreis.

6.28 Man reinigt das Arghya-Gefäß mit »phat«, stellt es auf den Untersatz und verehrt die zwölf Sonnenkräfte mit den zugeordneten Buchstabenpaaren von ka/bha bis tha/da.

6.29 Sie heißen Tapini, Tapini mit langem ersten Vokal, Dhumra, Marichi, Jvalini, Ruchi, Sudhumra, Bhogada, Vishva, Bodhini, Dharini und Kshama.

6.30 Mit »am«, »dem Sonnenkreis«, »dessen Wesen zwölf Kräfte sind«, und »namah« verehrt man den Sonnenkreis im Gefäß.

6.31 Unter der rückläufigen Buchstabenfolge und dem Grundmantra füllt man das Gefäß zu drei Vierteln mit der Flüssigkeit des Kalasha.

6.32 Den Rest füllt man mit besonderem Arghya-Wasser und verehrt die sechzehn Mondkräfte mit den sechzehn Vokalen als Bijas, ihren Namen im Dativ und »namah«.

6.33 Die wunscherfüllenden Mondkräfte heißen Amrita, Manada, Pusha, Tushti, Pushti, Rati, Dhriti, Shashini, Chandrika, Kanti, Jyotsna, Shri, Priti, Angada, Purna und Purnamrita.

6.34 Mit »um« mit langem Vokal, »dem Mondkreis«, »dessen Wesen sechzehn Kräfte sind«, und »namah« verehrt man den Mondkreis.

6.35 Unter dem Maya-Bija gibt man Durva-Gras, Reiskörner, rote Blüten, Barbara und Aparajita hinein und ruft die heiligen Wasser herbei.

6.36 Mit dem Schutzmantra umhüllt man es, mit der Waffen-Mudra schützt man es, mit Dhenu verwandelt man es in Nektar und bedeckt es mit Matsya-Mudra.

6.37 Nach zehn Wiederholungen des Grundmantras ruft man die Gottheit herbei, verehrt sie mit einer Handvoll Blüten und spricht die fünf folgenden Formeln.

6.38 Quelle ungeteilter Wonne eines einzigen Geschmacks, Wesen des höchsten Nektars, Gestalt des Kula: Lass hier dein freies Erstrahlen gegenwärtig werden!

6.39 Du Nektargestalt im Körperlosen, Leib reiner Erkenntnis, du von Wonne Durchströmte: Setze Unsterblichkeit in diese Substanz ein!

6.40 Mache das Arghya deinem Wesen gleich, du, deren Gestalt es ist. Als Kula-Nektar offenbare dich in mir!

6.41 Rufe den Nektarsaft in das große, gefüllte Gefäß, hervorgegangen aus dem Saft des Weltalls, Ursprung aller Säfte!

6.42 Dieser höchste Nektar des »Dies«, eingefüllt in das Gefäß des »Ich«, wird im Feuer des höchsten Ichbewusstseins als Opfer angenommen.

6.43 Nach diesen Formeln meditiert man darin über die Einheit von Shiva und Shakti, verehrt sie und zeigt Räucherwerk und Licht.

6.44 So wird das Shri-Patra bei der Kula-Verehrung geweiht. Unterbleibt dies, zieht der Übende Schuld auf sich und seine Verehrung bleibt fruchtlos.

6.45 Zwischen Kalasha und Shri-Patra stellt man weitere Gefäße: Guru-Patra, Bhoga-Patra und Shakti-Patra,

6.46 Yogini-Patra, Vira-Patra, Bali-Patra sowie Gefäße für Fußwasser und Mundspülung. Mit dem Shri-Patra sind es neun; ihre Aufstellung erfolgt wie beim allgemeinen Arghya.

6.47 Man füllt sie zu drei Vierteln mit dem Nektar des Kalasha und legt ein bohnengroßes Stück Shuddhi hinein.

6.48 Für alle Trankspenden nimmt man die Flüssigkeit mit linkem Daumen und Ringfinger auf; die rechte Hand hält die Beigabe in Tattva-Mudra.

6.49 Mit einem vorzüglichen Tropfen aus dem Shri-Patra samt Beigabe spendet man Anandabhairava und Bhairavi.

6.50 Mit dem Guru-Gefäß spendet man der Lehrerfolge: dem eigenen Guru mit seiner Gemahlin im Sahasrara und den vier Guru-Stufen, jeweils mit Vagbhava-Bija und Namen.

6.51 Im eigenen Herzlotus spendet man aus dem Bhoga-Gefäß mit dem eigenen Bija und »Adya Kali sättige ich«.

6.52 Mit »svaha« schließt man die dreimalige Gabe an die erwählte Göttin; aus dem Shakti-Gefäß spendet man entsprechend ihren Glieder- und Umkreisgottheiten.

6.53 Aus dem Yogini-Gefäß spendet man Adya Kalika samt Waffen und Gefolge; dann bringt man den Batukas eine Bali-Gabe.

6.54 Links zeichnet und verehrt man ein einfaches Mandala und setzt darauf Fleischspeise mit Nektargetränk.

6.55 Mit Vagbhava-, Maya-, Kamala- und va-Bija sowie »Batukaya namah« verehrt man Batuka im Osten und bringt seine Gabe dar.

6.56 Im Süden gibt man mit »yam yoginibhyah svaha« die Gabe an die Yoginis.

6.57 Im Westen spendet man Kshetrapala mit dem Samvarta-Bija in sechs langen Vokalformen und »Kshetrapalaya namah«.

6.58 Man nimmt das entsprechende Bija mit sechs langen Vokalen, fügt »Ganapati« im Dativ und die Feuer-Gemahlin hinzu.

6.59 Mit diesem Mantra erhält Ganesha im Norden seine Gabe; in der Mitte folgt vorschriftsmäßig die Gabe für alle Wesen.

6.60 Man spricht »hrim shrim«, dann »allen Hindernisbereitern, allen Wesen«, und »hum phat svaha«.

6.61 Danach bereitet man eine Gabe für Shiva, die weibliche Erscheinung der Göttin: »Nimm an, gesegnete Göttin, Gütige in Gestalt des Weltbrandes!

6.62 Offenbare das günstige oder ungünstige Ergebnis und nimm deine Gabe an.« Dann folgen Grundmantra und »Diese Gabe der Shiva, namah«. Damit ist das Kreisritual erklärt.

6.63 Eine schöne, mit Sandelholz, Aloeholz und Moschus duftende Blüte nimmt man mit beiden Händen in Schildkröten-Mudra,

6.64 führt sie zum Herzlotus und meditiert über Adya, die Höchste über dem Höchsten.

6.65 Man führt sie auf dem Brahman-Weg der Sushumna zum großen Lotus des Sahasrara, lässt sie dort Wonne erfahren und überträgt sie mit einem tiefen Ausatmen in die Blüte, wie Licht von einer Lampe auf eine andere.

6.66 Voll fester Hingabe legt man die Blüte auf das Yantra, faltet die Hände und bittet die gewählte Gottheit:

6.67 Herrin der Götter, durch Hingabe leicht erreichbar, von deinem Gefolge umgeben: Bleibe fest gegenwärtig, solange ich dich verehre!

6.68 »Krim, ursprüngliche Göttin Kalika, komm mit deinem Gefolge hierher, komm hierher! Bleibe hier, bleibe hier!

6.69 Sei hier gegenwärtig, verweile hier und nimm meine Verehrung an!«

6.70 Nach dieser Herbeirufung setzt man die Lebenskräfte der Göttin ein.

6.71 »Am hrim krom shrim svaha« bilden die Weiheformel. Danach sagt man: »Die Lebenskräfte dieser Gottheit sind hier als Lebenskräfte«, und wiederholt die fünf Mantrabestandteile.

6.72 »Ihr lebendiges Selbst ist hier gegenwärtig«; nach erneutem Sprechen der fünf Bestandteile nennt man alle ihre Sinne.

6.73 Wieder folgen die fünf Bestandteile und dann die Worte für ihre Sprache, Geist, Augen, Nase, Ohren und Haut,

6.74 anschließend: »Ihre Lebenskräfte mögen hierherkommen und lange glücklich verweilen. Svaha.«

6.75 So setzt man dreimal mit Lelihana-Mudra die Lebenskräfte in der Mitte des Yantras ein und spricht mit gefalteten Händen:

6.76 Adya Kali, willkommen, von Herzen willkommen! Dies ist dein Sitz; nimm hier Platz, höchste Herrin!

6.77 Mit besonderem Arghya-Wasser und dreimaligem Grundmantra besprengt man die Gottheit zur Reinigung und vervollständigt ihre Gestalt durch den sechsfachen Nyasa. Danach folgen sechzehn Verehrungsgaben.

6.78 Fußwasser, Arghya, Mundspülwasser, Bad, Gewand, Schmuck, Duft, Blüten, Räucherwerk, Licht, Speise und erneutes Mundspülwasser,

6.79 Nektar, Betel, Trankspende und Verneigung: Diese sechzehn sind bei der Verehrung anzuwenden.

6.80 Mit Adya-Bija, »dieses Fußwasser«, dem Namen der Gottheit im Dativ und »namah« gibt man Fußwasser an die Füße; Arghya wird dem Haupt dargebracht.

6.81 Mit »svaha« gibt man Arghya, mit »svadha« Mundspülwasser, dann Madhuparka an den Lotusmund und mit »vam svadha« nochmals Mundspülwasser.

6.82 Badewasser für den ganzen Körper, Gewand und Schmuck werden mit »Ich bringe dar« übergeben.

6.83 Mit Mittel- und Ringfinger gibt man Duft an den Herzlotus, die Formel endet mit »namah«; die Blütengabe endet mit »vaushat«.

6.84 Räucherwerk und Licht stellt man vorne auf, reinigt sie durch Besprengen und übergibt sie mit »Ich bringe dar«.

6.85 Man verehrt die Glocke mit der Formel »Mutter der Mantras des Siegesklangs, svaha«, läutet sie links und nimmt rechts

6.86 das Räucherwerk, das unterhalb der Nase gezeigt wird; das Licht führt man bis Augenhöhe zehnmal kreisend vor der Gottheit.

6.87 Dann hält man Gefäß und Beigabe in beiden Händen und bringt sie mit dem Grundmantra in der Mitte des Yantras dar.

6.88 Du, die Millionen Weltzeitalter beendet: Nimm diesen vorzüglichen Varuni-Nektar mit seiner Beigabe an und schenke mir unvergängliche Befreiung!

6.89 Vorne zeichnet man ein gewöhnliches Mandala und stellt darauf ein mit Speisegaben gefülltes Gefäß.

6.90 Man besprengt, umhüllt, schützt und verwandelt die Gabe in Nektar, weiht sie siebenmal mit dem Grundmantra und übergibt sie mit Arghya-Wasser.

6.91 Nach dem Grundmantra: »Diese gekochte Speise mit allen Beigaben bringe ich meiner Göttin dar. Genieße diese Opfergabe, Gütige!«

6.92 Mit den fünf Mudras für Prana und die anderen Lebenswinde reicht man die Gabe.

6.93 Links zeigt man die Speise-Mudra wie einen erblühten Lotus; mit dem Grundmantra bietet man einen mit heiliger Flüssigkeit gefüllten Krug zum Trinken,

6.94 danach nochmals Mundspülwasser und dreimal Nektar aus dem Shri-Patra.

6.95 Mit dem Grundmantra bringt man fünf Handvoll Blüten an Kopf, Herz, Wurzel, Füßen und ganzem Körper dar.

6.96 Mit gefalteten Händen bittet man: »Ich verehre nun die Gottheiten deines Umkreises. Namah.«

6.97 Im Südosten, Südwesten, Nordwesten, Nordosten, vorne und hinten verehrt man die sechs Glieder und danach die Guru-Reihen.

6.98 Man verehrt den Guru, Parama-Guru, Parapara-Guru und Parameshthi-Guru: diese Kula-Lehrer.

6.99 Jedem spendet man dreimal aus dem Guru-Gefäß; dann verehrt man in den acht Lotusblättern die acht Herrinnen.

6.100 Die acht Mütter sind Mangala, Vijaya, Bhadra, Jayanti, Aparajita, Nandini, Narasimhi und Kaumari.

6.101 An den Blattspitzen verehrt man die acht Bhairavas.

6.102 Sie heißen Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, der furchterregende Unmatta, Kapali, Bhishana und Samhara.

6.103 Innerhalb der äußeren Einfassung verehrt man die zehn Richtungshüter von Indra an, außerhalb ihre Waffen; dann spendet man ihnen.

6.104 Nach vollständiger Verehrung mit allen Gaben bringt man gesammelt das Opfer dar.

6.105 Zehn Tiere werden genannt: Hirsch, Ziege, Schaf, Büffel, Schwein, Stachelschwein, Hase, Waran, Schildkröte und Nashorn.

6.106 Auch andere Tiere können nach dem Wunsch des Übenden dargebracht werden.

6.107 Ein Tier mit günstigen Merkmalen wird vor die Göttin gestellt, mit Arghya-Wasser besprengt und durch Dhenu-Mudra in Nektar verwandelt.

6.108 Mit »Verehrung dem Ziegentier« wird es mit Duft, Zinnober, Blüten, Speise und Wasser verehrt; in sein rechtes Ohr spricht man die fessellösende Gayatri.

6.109 Man spricht »pashupashaya vidmahe«, dann »vishvakarmani dhimahi«,

6.110 anschließend »tanno jivah prachodayat«. Dies ist die Pashu-Gayatri, welche die Fesseln des Lebewesens lösen soll.

6.111 Man nimmt das Schwert, verehrt es mit dem Kurcha-Bija und an Spitze, Mitte und Griff folgende Gottheiten:

6.112 Vagishvari und Brahma, Lakshmi und Narayana, am Griff Uma und Maheshvara.

6.113 Das Schwert wird danach mit der Formel »Verehrung dem Schwert, das mit den Kräften Brahmas, Vishnus und Shivas verbunden ist« verehrt.

6.114 Mit der großen Widmungsformel übergibt man das Opfer und spricht gefalteten Händen: »Nach der vorgeschriebenen Weise sei es dir dargebracht.«

6.115 Nach dieser Widmung wird das Tier auf den Boden gebracht und, ganz auf die Göttin ausgerichtet, mit einem kräftigen Schlag getötet.

6.116 Dies soll der Opfernde selbst, ein Neffe, Bruder, Freund oder Blutsverwandter tun; ein Angehöriger der feindlichen Seite darf nicht beauftragt werden.

6.117 Das noch warme Blut wird den Batukas als Bali gegeben; das Haupt mit einem Licht wird der Göttin mit »namah« dargebracht.

6.118 So lautet die Opfervorschrift für die Kula-Verehrung der Kaulas; anders werde nach dem Text die Göttin nicht erfreut.

6.119 Danach vollzieht man das Feueropfer. Höre seine Vorschrift: Rechts von sich bereitet man aus Sand einen quadratischen Platz,

6.120 vier Ellen messend; man schaut ihn mit dem Grundmantra an, berührt ihn mit dem Waffenmantra schlagend und besprengt ihn damit.

6.121 Mit dem Kurcha-Bija wird er umhüllt und mit dem Namen der Gottheit sowie »Verehrung dem Opferplatz« verehrt.

6.122 Je drei Linien von einer Handspanne Länge zieht man nach Osten und Norden; darauf verehrt man folgende Gottheiten:

6.123 auf den ostwärts gerichteten Linien Mukunda, Isha und Purandara, auf den nordwärts gerichteten Brahma, Vaivasvata und Indu.

6.124 In die Mitte zeichnet man ein Dreieck mit »hasauh«, einen Sechsstern, einen Kreis, einen achtblättrigen Lotus und außen die quadratische Einfassung.

6.125 Man verehrt mit Grundmantra und Blütengabe, besprengt die Opfermittel mit dem Pranava und verehrt in der Mitte die tragende Shakti und die folgenden Sitzgottheiten, einzeln oder gemeinsam.

6.126 In den Ecken von Südosten an verehrt man Dharma, Erkenntnis, Loslösung und Herrschaftskraft; in den Hauptrichtungen von Osten an

6.127 deren Gegenteile: Nicht-Dharma, Unwissenheit, Anhaftung und Machtlosigkeit. In der Mitte verehrt man Ananta und den Lotus.

6.128 Man verehrt Sonnen- und Mondkreis mit ihren Kräften; an den Staubfäden von Osten an und in der Mitte folgen

6.129 Pita, Shveta, Aruna, Krishna, Dhumra, Tivra, Sphulingini, Ruchira und Jvalini.

6.130 Alle Verehrungen beginnen mit Pranava und enden mit »namah«. Mit »ram, dem Sitz des Feuers, namah« verehrt man den Feuersitz.

6.131 Darauf meditiert man über Vagishvari, nach der Menstruation gebadet, mit Augen wie blaue Lotusse, vereint mit Vagishvara.

6.132 Nach ihrer Verehrung mit dem Maya-Bija holt man vorschriftsmäßig das Feuer, schaut es mit dem Grundmantra an und ruft es mit »phat« herbei.

6.133 Mit Pranava und »dem Yoga-Sitz des Feuers, namah« verehrt man den Sitz im Yantra; in den Richtungen verehrt man Vama, Jyeshtha, Raudri und Ambika.

6.134 Man verehrt den Opferplatz mit dem Namen der Gottheit und »namah«; in seiner Mitte meditiert man über die Göttin in ihrer ursprünglichen Gestalt,

6.135 Vagishvari. Mit Feuer-Bija und Grundmantra nimmt man Feuer auf und spricht Kurcha- und Waffen-Bija.

6.136 Mit der Formel an die Fleischverzehrer und »svaha« sondert man deren Feueranteil ab; mit dem Waffenmantra schaut man das Feuer an und umhüllt es mit Kurcha.

6.137 Durch Dhenu-Mudra wird es in Nektar verwandelt. Man hebt es mit beiden Händen und führt es im Uhrzeigersinn

6.138 dreimal über den Opferplatz; die Knie berühren den Boden. Das Feuer als Shivas Samen betrachtend, setzt man es sich zugewandt in das Yoni-Yantra ein.

6.139 Mit Maya-Bija und »der Gestalt des Feuers, namah« verehrt man seine Gestalt; mit »ram, dem Bewusstsein des Feuers, namah« sein Bewusstsein.

6.140 Nachdem Gestalt und Bewusstsein des Feuers so vergegenwärtigt wurden, entfacht man es mit folgendem Mantra:

6.141 Zuerst Pranava, dann »Chitpingala, schlage, schlage; verbrenne, verbrenne; reife, reife«,

6.142 »Allwissender, gebiete! Svaha.« Dies ist der Entfachungsmantra. Mit gefalteten Händen folgt der Feuergruß.

6.143 Ich verehre das entflammte Feuer, Jatavedas, den Verzehrer der Opfergaben, goldfarben, makellos, hell brennend, nach allen Seiten gewandt.

6.144 So wird das Feuer gegenwärtig gemacht. Man bedeckt den Opferplatz mit Kusha-Gras, benennt das Feuer nach der erwählten Gottheit und verehrt es.

6.145 Pranava, »Vaishvanara, Jatavedas, bringe hierher, bringe hierher, Rotäugiger«,

6.146 »vollende alle Handlungen, svaha«: So verehrt man, danach die sieben Feuerzungen von Hiranya an.

6.147 Mit »dem Tausendflammigen, dem Herzen namah« und den entsprechenden weiteren Formeln verehrt man die sechs Glieder des Feuers, dann seine Gestalten.

6.148 Acht Gestalten werden gelehrt, beginnend mit Jatavedas.

6.149 Danach verehrt man die acht Shaktis von Brahmi an, die acht Schätze von Padma an und die Richtungshüter von Indra an.

6.150 Nach der Verehrung ihrer Waffen von Vajra an legt man zwei handspannenlange Kusha-Halme in das Ghee.

6.151 Links meditiert man über Ida, rechts über Pingala, in der Mitte über Sushumna. Aus dem rechten Teil

6.152 nimmt man gesammelt Ghee und opfert es in das rechte Auge des Feuers mit Pranava, »agnaye«

6.153 und »svaha«. Aus dem linken Teil nimmt man die Gabe für das linke Feuerauge und spricht »Om somaya svaha«.

6.154 Aus der Mitte nimmt man Ghee und opfert an der Stirn des Feuers mit Pranava und »Agni und Soma« im Dativ Dual,

6.155 gefolgt von »svaha«. Wieder nimmt man von rechts eine Gabe, spricht »namah«, dann Pranava,

6.156 »agnaye svishtikrite svaha« und opfert in den Mund des Feuers. Mit »bhur, bhuvah, svar« und jeweils »svaha« folgen die Vyahriti-Opfer.

6.157 Mit »Om Vaishvanara Jatavedas, bringe hierher, bringe hierher, Rotäugiger, vollende alle Handlungen, svaha« bringt man drei Gaben dar.

6.158 Dann ruft man die erwählte Gottheit ins Feuer, verehrt sie samt Sitzgottheiten und bringt mit dem Grundmantra und »svaha« fünfundzwanzig Gaben dar.

6.159 Feuer, eigenes Selbst und Göttin als eins schauend, folgen elf Gaben; mit dem Grundmantra werden auch ihre Gliedergottheiten bedacht.

6.160 Für das eigene Anliegen opfert man mit Sesam, Ghee und Honig vermischte

6.161 Blüten, Bilva-Blätter oder andere vorgeschriebene Stoffe, nach Vermögen, jedoch nicht weniger als acht Gaben.

6.162 Die vollständige Schlussgabe mit Früchten und Blättern folgt unter dem Grundmantra und »svaha«. Mit Samhara-Mudra führt man die Göttin aus dem Feuer in den eigenen Herzlotus zurück.

6.163 Mit »Vergib!« entlässt man das Feuer, gibt die Opfergabe an den Priester und erklärt das Ritual für vollständig.

6.164 Etwas Opferrückstand trägt man zwischen den Augenbrauen auf.

6.165 Dies ist die Feueropfervorschrift für Agama-Riten. Nach ihrem Abschluss übt man Japa.

6.166 Höre die Weise, durch die die Vidya gnädig wird: Man vergegenwärtigt die Einheit von Gottheit, Guru und Mantra.

6.167 Die Mantrabuchstaben sind die Gottheit; die Gottheit erscheint als Guru. Wer sie ohne Trennung verehrt, erlangt höchste Vollendung.

6.168 Den Guru über dem Kopf, die Gottheit im Herzlotus und die strahlende Grundvidya auf der Zunge vergegenwärtigend, schaut man sich selbst als eins mit dem Licht aller drei.

6.169 Den Grundmantra umschließt man mit Pranava und wiederholt ihn siebenmal; danach wiederholt man ihn von den Matrika-Buchstaben umschlossen.

6.170 Über dem Kopf wiederholt man zehnmal das Maya-Bija, am Mund ebenso den Pranava und im Herzen siebenmal Maya; dann folgt Pranayama.

6.171 Man nimmt eine Kette aus Koralle oder anderem geeignetem Material und spricht: »Mala, Mala, Gesegnete, Wesen aller Kräfte!

6.172 Die vier Lebensziele sind dir anvertraut; schenke mir daher Vollendung.« So verehrt man die Kette und spendet ihr aus dem Shri-Patra

6.173 dreimal unter dem Grundmantra. Dann übt man mit festem Geist eintausendacht oder einhundertacht Wiederholungen.

6.174 Nach Pranayama und mit Wasser und Blüten aus dem Shri-Patra spricht man: »Du Hüterin des geheimsten Geheimnisses, nimm unseren Japa an!

6.175 Durch deine Gnade möge mir Vollendung zuteilwerden, höchste Göttin!« Mit dieser Formel legt man in die linke Lotushand der Göttin

6.176 die Frucht des Japa als Licht, verneigt sich zur Erde und rezitiert mit gefalteten Händen Hymnus und Schutzgebet.

6.177 Nach der Rechtsumkreisung vollzieht man mit dem besonderen Arghya und dessen umgekehrter Darbringung die Selbstübergabe.

6.178 Man nennt alles bisher aufgrund von Lebenskräften, Verstand, Körper, Lebenspflichten und Befähigungen in den Zuständen von Wachen, Traum und Tiefschlaf

6.179 mit Geist, Sprache, Handlung, Händen, Füßen, Bauch

6.180 und Geschlechtsorgan Getane, Erinnerte und Gesprochene und erklärt: »All dies sei Brahman dargebracht. Mich und alles Meinige

6.181 übergebe ich den Lotusfüßen Adya Kalis. Om Tat Sat.« So vollzieht man die Selbstübergabe.

6.182 Mit gefalteten Händen bittet man die gewählte Göttin, spricht Maya-Bija und »Ehrwürdige ursprüngliche Kalika,

6.183 ich habe dich nach meinem Vermögen verehrt; vergib!« Dann entlässt man sie, riecht mit Samhara-Mudra an einer Blüte und setzt sie ins Herz ein.

6.184 Im Nordosten zeichnet man ein sauberes Dreieck und verehrt darin die Göttin der Opferreste mit verbleibenden Blüten und Wasser sowie »Hrim Nirmalyavasinyai namah«.

6.185 Man verteilt die Speisegabe an Brahma, Vishnu, Shiva und alle Götter; danach empfängt sie der Shakti-Übende.

6.186 Die eigene Partnerin sitzt links auf einem eigenen oder gemeinsamen Sitz; man bereitet ein ansprechendes Trinkgefäß.

6.187 Es soll aus Gold oder Silber sein, nicht mehr als fünf Tola fassen. [Der überlieferte zweite Halbvers nennt »weniger als drei Tola«; die Untergrenze bleibt dadurch widersprüchlich.]

6.188 Auch Glas oder Kokosnussschale sind möglich. Das Gefäß steht auf einem Untersatz rechts vom Gefäß der Beigaben.

6.189 Den großen Prasad verteilt man selbst oder durch Neffen in der Reihenfolge des Vorrangs.

6.190 Das Nektargetränk kommt in die Trinkgefäße, die Beigaben in ihre Gefäße. Dann isst und trinkt man mit den in die gemeinsame Ordnung Eingeweihten.

6.191 Zuerst nimmt man eine gute Beigabe als Unterlage; dann nehmen alle Kula-Praktizierenden mit freudigem Geist

6.192 ihr Gefäß mit höchstem Nektar und vergegenwärtigen die bewusste Kulakundalini vom Muladhara bis zur Zunge.

6.193 Mit dem Grundmantra und gegenseitiger Erlaubnis opfern sie in ihren Lotusmund, den Mund Kundalinis.

6.194 Für Kula-Frauen besteht der Weingenuss im Annehmen seines Duftes; für praktizierende Hausväter werden fünf Gefäße genannt.

6.195 Durch übermäßiges Trinken verlieren Kula-Praktizierende ihre Vollendung.

6.196 Nur solange Blick und Geist ungetrübt bleiben, darf getrunken werden. Alles darüber hinaus ist das Trinken eines Gebundenen.

6.197 Wer beim Trinken verwirrt wird oder einen Shakti-Übenden verachtet: Wie könnte dieser Verfehlende sagen »Ich verehre Adya Kali«?

6.198 Wie Brahman geweihte Speise nicht durch Berührung verunreinigt wird, so darf man auch bei deinem Prasad keine Kastenunterschiede machen.

6.199 So soll das gemeinsame Essen und Trinken erfolgen. Beim Genuss deiner Opfergabe gibt es kein rituelles Händewaschen; Speisereste entfernt man mit einem Tuch oder Wasser.

6.200 Schließlich trägt man eine Opferblüte auf dem Kopf und Yantra-Salbe zwischen den Brauen und wandelt wie ein Gott auf Erden.

Ende des 6. Kapitels.

Kapitel 7 – Kalis Namen, vereinfachte Praxis und Kula

Kali-Verehrung verbindet die Erinnerung an Vergänglichkeit mit der Suche nach Befreiung.

7.1 Nachdem Parvati die fruchtbare Bildung der Mantras Adya Kalikas gehört hatte, die Glück und Befreiung schenkt und zur Brahman-Erkenntnis führt,

7.2 dazu Morgenpflichten, Bad, Sandhya, Reinigung von Samvida, Nyasa sowie äußere und innere Verehrung,

7.3 Opfergabe, Feueropfer, Kreisritual und Empfang des großen Prasad, sprach die Göttin froh und demütig zu Shankara.

7.4 Die Göttin sprach: Sadashiva, Herr und Wohltäter der Welten! Gnädig hast du die Praxis der höchsten Prakriti gelehrt,

7.5 die allen Wesen dient, Genuss und Befreiung gewährt und besonders im Kali-Zeitalter rasch zur Vollendung führt.

7.6 Mein Geist versinkt im Nektarmeer deiner Worte und möchte nicht wieder auftauchen. Von selbst drängt er zu einer weiteren Bitte.

7.7 Beim Verehrungsritual hast du Hymnus und Schutzgebet erwähnt, aber noch nicht enthüllt. Offenbare sie jetzt!

7.8 Sadashiva sprach: Höre diesen unübertrefflichen Hymnus, durch dessen Rezitation und Hören man Herr aller Vollendungen wird.

7.9 Er stillt Unglück, mehrt Glück und Wohlergehen, wehrt vorzeitigen Tod und alle Bedrängnis ab,

7.10 und vermittelt die beglückende Nähe Adya Kalikas. Durch den Segen dieses Hymnus bin ich zum Bezwinger der drei Städte geworden.

7.11 Sein Seher ist Sadashiva, sein Versmaß Anushtubh, seine Gottheit Adya Kalika; seine Anwendung dient Dharma, Begehren, Wohlstand und Befreiung.

7.12 Hrim: Kali, die Dunkle; Shrim: Karali, die Furchtbare; Krim: Kalyani, die Heilbringende; Kalavati, die Kunst- und Kraftvolle; Kamala, die Lotusgleiche; Bezwingerin des Hochmuts Kalis; von der Gnade des Herrn mit verfilztem Haar erfüllt.

7.13 Kalika, Mutter der Zeit, leuchtend wie das Feuer der Zeit, Haarflechtenträgerin, Furchtgesichtige, Ozean des Nektars des Mitgefühls.

7.14 Ganz Gnade, Trägerin und grenzenlose Fülle der Gnade, durch Gnade erreichbar; Feuer, die Goldbraune, die Dunkle, die Krishnas Freude mehrt.

7.15 Nacht der Zeit, die jede gewünschte Gestalt annimmt, Löserin der Fesseln des Begehrens, Wolkenreiche, Trägerin der Kräfte, Vernichterin der Makel des Kali-Zeitalters.

7.16 Erfreut durch die Verehrung der Jungfrau, wohnhaft beim Verehrer der Jungfrau, freudig über deren Bewirtung, selbst in Jungfrauengestalt.

7.17 Wanderin und Bewohnerin des Kadamba-Waldes, erfreut durch Kadamba-Blüten, geschmückt mit deren Girlanden.

7.18 Jugendliche, Wohlklingende, von süßer Stimme Widerhallende, dem Kadambari-Trank Zugeneigte, Liebhaberin dieses Getränks.

7.19 Der Schädelschale Zugewandte, Trägerin einer Knochengirlande, erfreut durch den Lotussitz, auf dem Lotus Wohnende.

7.20 In der Lotuswohnung Gegenwärtige, vom Lotusduft Erfreute, mit dem Gang eines Schwans, Überwinderin der Kraftlosigkeit, Gestalt des Begehrens.

7.21 Bewohnerin Kamarupas, im heiligen Sitz des Begehrens Spielende, Liebenswerte, wunscherfüllende Ranke, mit lieblichem Schmuck Gezierten.

7.22 Durch liebenswerte Eigenschaften zu Verehrende, Zartgliedrige, Schlanktaillige, durch den rituellen Nektar Erfreute, Spenderin der Vollendung seiner Wonne.

7.23 Im Japa der rituellen Wonne Verehrte, durch die Verehrung mit dem Ritualgetränk Beglückte, in dessen Meer Versunkene, Hüterin seines Gelübdes.

7.24 Am Moschusduft Erfreute, mit Moschuszeichen Leuchtende, der Moschusverehrung Zugeneigte, Liebhaberin ihrer Verehrer.

7.25 Urheberin des Moschusräucherns, Erfreuerin der Moschushirsche, an Moschusgaben und Kampferduft Erfreute, mit Kampfergirlanden Geschmückte, mit Kampfer und Sandelholz Gesalbte.

7.26 Vom kampferhaltigen Ritualgetränk Beglückte, Trinkerin des Kampfernektars, im Kampfermeer Gebadete und Wohnende.

7.27 Durch Kurcha-Bija-Japa Erfreute, diesem Japa Ergebene, die Edle des Kula, von Kaulas Verehrte, Wohltäterin der Kaulas.

7.28 Verkörperung der Kula-Lebensweise, Spielfreudige, Zeigerin des Kula-Weges, Herrin von Kashi, Leidenslöserin, Segenspenderin für Kashis Herrn.

7.29 Durch Kashis Herrn Erfreute und sein Herz Beglückende.

7.30 Mit lieblich klingenden Fußglöckchen und schellendem Gürtel Geschmückte, Bewohnerin des goldenen Berges, dessen Mondlicht.

7.31 Durch Kama-Bija-Japa Beglückte, Wesen dieses Bijas, Zerstörerin falschen Denkens, Löserin des Leidens der Kula-Angehörigen, Geliebte des Kula.

7.32 Mit den Mantralauten »krim hrim shrim«: Bezwingerin des Stachels der Zeit. Damit sind die hundert Namen der Göttin Adya Kalika verkündet.

7.33 Sie bestehen aus einer Folge von Namen mit dem Anfangslaut ka und verkörpern Kalis Wesen.

7.34 Wer sie während der Puja mit ganz auf Kalika gerichtetem Geist rezitiert, erreicht rasch Mantravollendung; Kali wird ihm gnädig.

7.35 Schon durch die Weisung des Gurus gewinnt er Einsicht und Wissen; er wird wohlhabend, angesehen, freigebig und mitfühlend.

7.36 Mit Kindern, Enkeln, Glück und Wohlstand erfreut sich der Übende auf Erden.

7.37 Wer in einer Neumondnacht, die auf einen Dienstag fällt, mit den fünf M die ursprüngliche Mahakali, Herrin der drei Welten, verehrt

7.38 und die hundert Namen rezitiert, wird unmittelbar von Kali erfüllt. In den drei Welten bleibt für ihn nichts unerreichbar.

7.39 Im Wissen gleicht er dem Herrn der Sprache, im Reichtum dem Herrn der Schätze, an Tiefe dem Meer, an Kraft dem Wind.

7.40 Wie die Sonne ist er schwer anzublicken, wie der Mond erfreulich; an Schönheit gleicht er dem verkörperten Liebesgott und gewinnt die Herzen der Frauen.

7.41 Durch den Segen dieses Hymnus siegt er überall. Welchen Wunsch er seiner Rezitation voranstellt,

7.42 den erfüllt die Gnade Adyas. Im Kampf, am Königshof, beim Glücksspiel, im Streit, in Lebensgefahr,

7.43 bei Räuberüberfällen, Dorfbränden und inmitten von Löwen oder Tigern,

7.44 im Wald, in der Wildnis, an schwer zugänglichen Orten, bei Furcht vor Planetenmächten oder Königen, bei Fieberhitze, chronischen und schweren Krankheiten,

7.45 bei Kinderkrankheiten, die schädlichen Mächten zugeschrieben werden, bei bösen Träumen, in gefährlichen Gewässern oder auf einem sturmgefährdeten Schiff:

7.46 Wer die höchste Maya, die ursprüngliche Kali jenseits des Höchsten, vergegenwärtigt und die hundert Namen mit fester Hingabe rezitiert,

7.47 wird nach der Verheißung des Hymnus aus jeder Bedrängnis frei; weder Schuld noch Krankheit sollen ihm Furcht bereiten.

7.48 Überall erwartet ihn Sieg, nirgends Niederlage; schon bei seinem Anblick fliehen die Scharen der Gefahren.

7.49 Er kann alle Schriften erläutern, genießt Wohlergehen, erfüllt die Pflichten seiner Gemeinschaft und wird ihr angesehenes Oberhaupt.

7.50 Sarasvati wohnt in seinem Mund, Lakshmi beständig in seinem Haus; bei seinem Namen verneigen sich die Menschen ehrerbietig.

7.51 Die acht Kräfte von Anima an erscheinen ihm wie Gras. Damit wurden die hundert Namen gelehrt, die Adya Kalis Wesen darstellen.

7.52 Einhundertacht Rezitationen gelten als ihre vorbereitende Intensivpraxis. So vervollständigt, schenkt der Hymnus alle ersehnten Früchte.

7.53 Wer diesen Lobpreis der hundert Namen, der Adya Kali verkörpert, rezitiert, rezitieren lässt, hört oder anderen zu hören gibt,

7.54 wird von allen Verfehlungen frei und erlangt die Einheit mit Brahman.

7.55 Sadashiva sprach: Der große Hymnus an die Prakriti des höchsten Brahman ist gelehrt. Höre nun das Schutzgebet Adya Kalikas.

7.56 Seher dieses Schutzes »Sieg über die drei Welten« ist Shiva, sein Versmaß Anushtubh, seine Gottheit Adya Kali.

7.57 Maya ist sein Bija, Rama seine Kraft, »krim« sein Verschluss; seine Anwendung dient der Erfüllung des Erstrebten.

7.58 Hrim: Adya schütze meinen Kopf; Shrim: Kali mein Gesicht; Krim: die höchste Shakti mein Herz, die Höchste über dem Höchsten meine Kehle.

7.59 Die Trägerin der Welt schütze meine Augen, Shankari meine Ohren, Mahamaya meine Nase, die Allheilbringende meine Zunge.

7.60 Kaumari schütze meine Zähne, die Lotusbewohnerin meine Wangen, Kshama meine Lippen, die Schönlächelnde mein Kinn.

7.61 Die Kula-Herrin schütze meinen Hals, die Mitfühlende meinen Nacken, die Vielgewährende beide Arme, die Befreiungsschenkende meine Hände.

7.62 Kapardini schütze meine Schultern, die Retterin der drei Welten meinen Rücken, Aparna meine Seiten, die auf der Schildkröte Sitzende meine Hüfte.

7.63 Die Großäugige schütze meinen Nabel, Prabhavati die Zeugungsorgane, Kalyani meine Oberschenkel und Parvati meine Füße.

7.64 Jayadurga behüte meine Lebenskräfte, die Spenderin aller Vollendungen meinen ganzen Körper. Was ungeschützt bleibt und im Schutzgebet nicht genannt ist,

7.65 all dies beschütze stets die ewige Adya Kali. Damit habe ich dir den göttlichen Schutz »Sieg über die drei Welten« gelehrt,

7.66 das überaus wunderbare Schutzgebet der ursprünglichen Göttin Kalika.

7.67 Wer es während der Verehrung mit ganz auf Adya gerichtetem Geist rezitiert, erlangt alle Wünsche und ihre Gnade. Mantravollendung kommt rasch; geringere Kräfte werden zu Dienern.

7.68 Kinderlose gewinnen einen Sohn, nach Reichtum Strebende Reichtum, Lernende Wissen und Wünschende ihre ersehnten Ziele.

7.69 Tausend Rezitationen bilden seine vorbereitende Praxis; nach deren Vollendung bringt der Schutz die beschriebenen Früchte.

7.70 Wer ihn mit Sandelholz, Aloeholz, Moschus, Safran und rotem Sandelholz auf Birkenrinde schreibt und in einer goldenen Hülse trägt,

7.71 an Haarlocke, rechtem Arm, Hals oder Hüfte, dem werde Adya Kalika zugewandt und erfülle seine Wünsche.

7.72 Er habe nirgends Furcht, siege überall, sei dichterisch begabt, gesund, langlebig, stark und von guter geistiger Sammlung.

7.73 Er werde geschickt in allen Wissensgebieten, kenne den Sinn aller Schriften; Könige seien ihm gewogen, Genuss und Befreiung lägen in seiner Hand.

7.74 Dieser Schutz schenkt den von Kali-Makeln Geprägten höchstes Heil.

7.75 Die Göttin sprach: Gnädig hast du Hymnus und Schutzgebet gelehrt. Nun möchte ich die Vorschrift der vorbereitenden Intensivpraxis hören.

7.76 Sadashiva sprach: Die für den Brahman-Mantra gelehrte Intensivpraxis gilt auch für die Mantras Adya Kalikas.

7.77 Vermag ein Übender Japa, Puja und Feueropfer nicht vollständig auszuführen, sollen Verehrung und Intensivpraxis verkürzt werden.

7.78 Denn wenig Übung ist besser als gar keine. Höre zuerst die verkürzte Verehrung.

7.79 Nach Achamana mit dem Grundmantra vollzieht man Rishi-Nyasa, reinigt die Hände und setzt die Mantras an Händen und Körper ein.

7.80 Nach dem umfassenden Körper-Nyasa folgen Pranayama, Meditation, Verehrung und Japa. So lautet die verkürzte Puja.

7.81 Durch viermal so viele Mantrawiederholungen wie die sonst vorgeschriebene Japa-Zahl wird die vorbereitende Praxis erfüllt.

7.82 Eine weitere Möglichkeit: Am vierzehnten Tag der dunklen Mondhälfte, wenn er auf Dienstag oder Samstag fällt, beschafft man die fünf Tattvas und verehrt die Weltgöttin.

7.83 In der tiefen Nacht wiederholt man zehntausendmal den Mantra mit ungeteilter Aufmerksamkeit und bewirtet in Brahman Gefestigte. So ist die Vorbereitung vollzogen.

7.84 Oder man wiederholt von einem Dienstag bis zum nächsten täglich tausendmal den Mantra.

7.85 Durch diese acht Einheiten der Wiederholung wird die vorbereitende Mantrapraxis erfüllt.

7.86 Die Mantras Adya Kalikas sind vollendete Mantras, die in allen Zeitaltern, besonders aber im Kali-Zeitalter, sichere Vollendung schenken.

7.87 Viele Gestalten Kalis sind im Kali-Zeitalter wirksam; in dessen mächtiger Entfaltung dient diese Gestalt besonders dem Wohl der Welt.

7.88 Berechnungen über Mantra-Eignung, Feindschaft oder Freundschaft sind hier nicht erforderlich. Mit oder ohne feste Regel kann Japa Adya erfreuen.

7.89 Durch Adyas Gnade entsteht Brahman-Erkenntnis; wer sie besitzt, ist bereits im Leben befreit.

7.90 Weder große Mühe noch körperliche Peinigung sind erforderlich. Die Praxis der Verehrer Adya Kalis ist ein freudvoll ausführbarer Weg.

7.91 Allein die Reinigung des Geistes lässt die Mantrapraxis hier Frucht tragen.

7.92 Solange der Übende die Trübung des Geistes noch nicht ablegen kann, vollziehe er die Riten mit Hingabe an Kula.

7.93 Richtig ausgeführte Handlung bewirkt Reinigung des Geistes. Zuerst empfange man den Mantra aus dem Mund des Gurus, wie den Brahman-Mantra.

7.94 Nach Morgenpflichten und weiteren Regeln vollzieht man die Intensivpraxis. Im reinen Geist entsteht Brahman-Erkenntnis; wenn sie aufgegangen ist, gibt es keine Bindung an vorgeschriebene und untersagte Riten mehr.

7.95 Parvati sprach: Was ist Kula, höchster Herr, und was Kulachara? Auch die Merkmale der fünf Tattvas möchte ich wahrheitsgemäß hören.

7.96 Sadashiva sprach: Gut hast du gefragt, Kula-Herrin, die du das Wohl der Übenden suchst. Ich erkläre es zu deiner Freude; höre aufmerksam.

7.97 Individuelles Lebewesen, Prakriti, Richtung, Zeit, Raum, Erde, Wasser, Feuer und Luft werden zusammen Kula genannt.

7.98 In all dem ohne Trennung im Bewusstsein Brahmans zu leben, heißt Kulachara. Dieser Weg schenkt Dharma, Erfüllung, Wohlstand und Befreiung.

7.99 Durch Verdienste vieler Geburten, Askese, Freigebigkeit und feste Gelübde schwindet Schuld, und in den Übenden erwacht die Hinwendung zu Kulachara.

7.100 Ein auf Kulachara gerichteter Geist wird rasch rein; dann erwacht die Hingabe an Adyas Lotusfüße.

7.101 Durch Dienst am wahren Guru empfängt man diese höchste Weisheit, widmet sich dem Kula-Weg und verehrt mit den fünf Tattvas die Kula-Herrin,

7.102 die ursprüngliche Kalika. Die vorzüglichen, Kula erkennenden Übenden genießen hier die Freuden des Lebens und gelangen schließlich zum leidlosen Zustand.

7.103 Das große Mittel, das die Wesen ihr Leid vergessen lässt und Freude hervorruft, kennzeichnet das erste Tattva.

7.104 Ungereinigt aber bringt es Verblendung, Verwirrung, Streit und Krankheit; so sollen Kaulas es stets meiden.

7.105 Was von Haus-, Luft- und Waldtieren stammt, nährt und nach dem Text Einsicht, Glanz und Kraft fördert, kennzeichnet das zweite Tattva.

7.106 Was aus dem Wasser stammt, begehrenswert und erfreulich ist und die Nachkommenschaft fördern soll, kennzeichnet das dritte.

7.107 Was leicht erhältlich aus der Erde wächst, die Wesen erhält und Lebensgrundlage der drei Welten ist, kennzeichnet das vierte.

7.108 Was große Freude hervorruft, Ursache der Entstehung der Lebewesen und Wurzel der anfangs- und endlosen Welt ist, kennzeichnet das letzte Tattva.

7.109 Erkenne das erste als Feuer, das zweite als Luft, das dritte als Wasser und das vierte als Erde.

7.110 Das fünfte erkenne als den Raum, die Grundlage der Welt.

7.111 Wer Kula, die fünf Tattvas und den Lebensweg des Kula-Dharma so erkennt, wird bereits im Leben befreit.

Ende des 7. Kapitels.

Kapitel 8 – Hausstand, Lebensführung und Entsagung

Annapurna erinnert an Nahrung, Fürsorge und die Heiligung des Alltags.

8.1 Nachdem Bhavani, die Weltmutter und Befreierin aus dem Werden, diese vielfältigen Lehren gehört hatte, sprach sie erneut zum Wohl der Welt.

8.2 Die Göttin sprach: Ich habe viele Lehren gehört, die hier und jenseits Glück, Dharma, Wohlstand und Erfüllung schenken, Hindernisse lösen und zur Befreiung führen.

8.3 Nun erläutere mir bitte die gesellschaftlichen Stände, Lebensstufen und die ihnen zugeordneten Verhaltensweisen.

8.4 Sadashiva sprach: Vier Stände und vier Lebensstufen mit jeweils eigenen Pflichten wurden gelehrt,

8.5 nämlich in den früheren Zeitaltern. Im Kali-Zeitalter werden fünf Stände genannt: Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas, Shudras und die allgemeine beziehungsweise gemischte Bevölkerungsgruppe.

8.6 Für alle diese Stände gibt es zwei Lebensweisen. Höre ihre Pflichten und Regeln.

8.7 Das Verhalten der im Kali-Zeitalter Geborenen ist bereits beschrieben: Ohne Kraft zu Askese und Studium, kurzlebig und Mühen nicht gewachsen – wie könnten sie schwere körperliche Disziplin ertragen?

8.8 Deshalb bestehen im Kali-Zeitalter weder der gesonderte Schülerstand noch das Waldeinsiedlertum, sondern Hausleben und wandernde Entsagung.

8.9 Für Hausleute sind im Kali-Zeitalter alle Riten nach den Agamas auszuführen; andere Wege führen ihre Handlungen nicht zur Vollendung.

8.10 Auch im Bettelmönchsstand entfällt das vedische Tragen des Stabes, weil es eine vedische Weihe voraussetzt.

8.11 Stattdessen wird nach Shaiva-Weihe der Avadhuta-Stand angenommen; dies heißt im Kali-Zeitalter die Annahme von Sannyasa.

8.12 Brahmanen und Angehörige aller anderen Stände haben im mächtigen Kali-Zeitalter Zugang zu beiden Lebensweisen.

8.13 Aller Sakramente und Handlungen folgen dem Shaiva-Weg; äußere Kennzeichen und einzelne Pflichten unterscheiden sich nach Stand.

8.14 Von Geburt an gehört man zunächst zum häuslichen Leben; durch Sakramente erhält man den geordneten Lebensstand. Zuerst führe man das Hausleben vorschriftsmäßig.

8.15 Wenn Wahrheitserkenntnis und Loslösung entstehen, gebe man alles auf und trete in die Entsagung ein.

8.16 In der Kindheit erwerbe man Bildung, in der Jugend Lebensunterhalt und Ehegemeinschaft, im reifen Alter übe man Dharma; im letzten Lebensviertel ziehe der Einsichtige fort.

8.17 Man darf nicht die Mutter, den alten Vater, eine treue Ehefrau oder ein kleines Kind verlassen, um Avadhuta zu werden.

8.18 Wer Eltern, kleine Kinder, Ehefrau und versorgungsbedürftige Angehörige zurücklässt und fortzieht, begeht eine schwere Verfehlung.

8.19 Wer ohne ausreichende Fürsorge für Eltern und andere den Bettelmönchsstand annimmt, wird einem Mutter-, Vater-, Frauen- und Brahmanentöter gleichgestellt.

8.20 Brahmanen und Nichtbrahmanen vollziehen die ihrem Stand entsprechenden Sakramente auf dem Shaiva-Weg: Das ist der Dharma dieses Zeitalters.

8.21 Die Göttin sprach: Was sind die Pflichten von Hausleuten und Entsagenden? Erkläre mir auch die Sakramente der verschiedenen Stände.

8.22 Sadashiva sprach: Das Hausleben ist die erste Lebenspflicht aller Menschen. Deshalb lehre ich es zuerst; höre aufmerksam.

8.23 Der Hausmensch sei in Brahman gegründet und dessen Erkenntnis hingegeben. Jede Handlung bringe er Brahman dar.

8.24 Er lüge und betrüge nicht; der Verehrung der Gottheit und der Aufnahme von Gästen widme er sich.

8.25 Mutter und Vater betrachte er als unmittelbar gegenwärtige Gottheiten und diene ihnen stets mit aller Sorgfalt.

8.26 Wenn Mutter und Vater zufrieden sind, wirst du erfreut, Parvati, und das höchste Brahman wird gnädig.

8.27 Du bist die Mutter der Welten, das höchste Brahman ihr Vater. Welche Askese wäre für Hausleute größer, als euch beide zu erfreuen?

8.28 Sitz, Bett, Kleidung, Getränke und Speisen stelle man den Eltern jeweils zur rechten Zeit bereit.

8.29 Man spreche sanft zu ihnen, tue ihnen Gutes und folge ihrer Weisung. Ein solcher guter Nachkomme heiligt die Familie.

8.30 Wer sein Wohl wünscht, vermeide vor den Eltern Überheblichkeit, Spott, Drohungen und Beschimpfung.

8.31 Beim Anblick der Eltern stehe man ehrerbietig auf und verneige sich; ohne Erlaubnis setze man sich nicht wieder.

8.32 Wer, berauscht von Bildung oder Reichtum, seine Eltern verachtet, verliert allen Dharma und fällt in eine schreckliche Hölle.

8.33 Selbst wenn das Leben an der Kehle hängt, esse ein Hausmensch nicht unter Vernachlässigung von Eltern, Kindern, Ehefrau, Gästen und Geschwistern.

8.34 Wer Ehrwürdige und Angehörige übervorteilt, um nur den eigenen Bauch zu füllen, wird hier verachtet und fällt jenseits in die Hölle.

8.35 Der Hausmensch schütze seine Ehegemeinschaft, ermögliche seinen Kindern Bildung und versorge Angehörige und Freunde. Dies ist ewiger Dharma.

8.36 Die Mutter ließ den Körper wachsen, der Vater ernährte ihn, Angehörige erzogen ihn liebevoll. Niedrig handelt, wer sie im Stich lässt.

8.37 Auch unter hundert Mühen soll man sie nach Kräften beständig erfreuen. Das ist der ewige Dharma.

8.38 Gesegnet, erfolgreich und des höchsten Sinnes kundig ist der Mensch, der in Brahman gegründet und seinem Wort treu ist.

8.39 Niemals schlage man die Ehefrau; man behüte sie wie die eigene Mutter. Eine rechtschaffene, treue Frau verlasse man selbst in schwerster Not nicht.

8.40 Wer eine eigene Ehefrau hat, berühre keine andere mit begehrlicher Absicht; andernfalls verfällt er nach dem Text der Hölle.

8.41 Man vermeide abgeschiedenes Wohnen oder Lagern mit der Frau eines anderen, unangemessene Rede und das Prahlen mit männlicher Stärke vor ihr.

8.42 Durch materielle Fürsorge, Kleidung, Liebe, Achtung und sanfte Worte erfreue man die Ehefrau; man tue ihr nichts Kränkendes.

8.43 Zu Festen, öffentlichen Zusammenkünften, Pilgerstätten oder fremden Häusern soll nach dieser historischen Vorschrift eine Frau nicht ohne männliche Begleitung geschickt werden.

8.44 Wer seine treue Ehefrau glücklich macht, hat alle Pflichten erfüllt und ist dir lieb, höchste Göttin.

8.45 Bis zum vierten Lebensjahr umsorge und verwöhne der Vater seine Kinder; danach lehre er sie bis zum sechzehnten gute Eigenschaften und Wissen.

8.46 Nach dem zwanzigsten Lebensjahr betraue er die Söhne mit häuslicher Verantwortung und begegne ihnen liebevoll wie Gleichgestellten.

8.47 Ebenso sorgfältig ist die Tochter zu pflegen und zu bilden; mit Vermögen und Schmuck soll sie einem gebildeten Bräutigam anvertraut werden.

8.48 Danach versorge und erfreue der Hausmensch Brüder, Kinder von Schwestern und Brüdern, Verwandte, Freunde und Bedienstete.

8.49 Auch pflichtbewusste Dorfbewohner, Ankommende und Menschen ohne enge Bindung soll er unterstützen.

8.50 Wer dies trotz vorhandener Mittel unterlässt, wird einem Tier gleichgestellt, gilt als schuldig und wird von den Menschen getadelt.

8.51 Schlaf, Trägheit, Körperpflege, Frisur sowie Beschäftigung mit Essen und Kleidung sollen nicht übermäßig werden.

8.52 Maßvoll in Nahrung, Schlaf, Rede und Sexualität, ordentlich, bescheiden, rein und geschickt, sei man jeder Aufgabe gewachsen.

8.53 Gegenüber Feinden sei man mutig, vor Angehörigen und Lehrern bescheiden. Verwerfliche Menschen verherrliche man nicht, Achtungswürdige verachte man nicht.

8.54 Erst nachdem man Freundlichkeit, Verhalten, Neigungen und Wesen eines Menschen durch Zusammenleben und Prüfung erkannt hat, schenke man Vertrauen.

8.55 Selbst einen unbedeutenden Feind unterschätze der Weise nicht. Er wähle den rechten Zeitpunkt zur Offenbarung seiner Absichten und verletze dabei den Dharma nicht.

8.56 Eigene Berühmtheit, Heldentaten, anvertraute Geheimnisse und geleistete Wohltaten soll ein Dharmakundiger nicht zur Schau stellen.

8.57 Bei verwerflichen Auseinandersetzungen oder sicherer Niederlage streite ein auf seinen Ruf Bedachter weder mit Höher- noch mit Niedriggestellten.

8.58 Mit Bemühen erwerbe man Bildung, Wohlstand, guten Ruf und Tugend; Laster, schlechte Gesellschaft, Lüge und Schädigung anderer gebe man auf.

8.59 Handlungen müssen zur Lage und zum Zeitpunkt passen. Deshalb handle man nach Prüfung beider.

8.60 Tüchtig in Erwerb und Erhaltung, rechtschaffen und seinen Angehörigen zugetan, sei man maßvoll in Rede und Lachen, besonders vor Ehrwürdigen.

8.61 Sinnesbeherrscht, heiter, umsichtig, entschlossen, aufmerksam und vorausschauend prüfe man die Sinneseindrücke.

8.62 Der Besonnene spreche wahr, sanft, freundlich und hilfreich. Eigenlob und Herabsetzung anderer vermeide er.

8.63 Wer Wasserstellen anlegt, Bäume pflanzt, Raststätten am Weg und Brücken errichtet, hat die drei Welten gewonnen.

8.64 Wer zufriedene Eltern und zugewandte Freunde hat und dessen guter Ruf besungen wird, hat die drei Welten gewonnen.

8.65 Wer Wahrheit gelobt, Bedürftigen Mitgefühl schenkt und Begehren und Zorn beherrscht, hat die drei Welten gewonnen.

8.66 Wer die Frauen anderer nicht begehrt, fremdes Eigentum nicht verlangt und frei von Heuchelei und Neid ist, hat die drei Welten gewonnen.

8.67 Wer den Kampf nicht fürchtet, im Gefecht nicht flieht oder in einem gerechten Kampf stirbt, hat die drei Welten gewonnen.

8.68 Wer frei von Zweifel, voller Vertrauen und Shambhus Lebensweise sowie meiner Weisung ergeben ist, hat die drei Welten gewonnen.

8.69 Der Wissende, der überall gleich schaut und zum Gelingen des Zusammenlebens handelt, hat die drei Welten gewonnen.

8.70 Reinheit ist zweifach: äußerlich und innerlich. Das eigene Selbst Brahman darzubringen heißt innere Reinheit.

8.71 Schmutz durch Wasser, Asche oder andere geeignete Mittel zu entfernen und den Körper zu reinigen heißt äußere Reinheit.

8.72 Ganga, Flüsse, Seen, Wasserbecken und kleine Brunnen reinigen; in dieser Reihenfolge gilt jeweils das Vorhergehende als vorzüglicher.

8.73 Die beste Asche ist Opferasche, geeignete Erde ist frei von Schmutz. Auch Tücher, Felle und Gras können entsprechend zur Reinigung dienen.

8.74 Wozu viele Worte über Reinheit? Der Hausmensch tue, wodurch sein Geist rein wird.

8.75 Nach Schlaf, Geschlechtsverkehr, Stuhlgang, Wasserlassen, Essen und Berührung von Schmutz ist äußere Reinigung vorgeschrieben.

8.76 Dreimal täglich vollziehe man nacheinander vedisches und tantrisches Sandhya; Puja erfolgt gemäß der jeweiligen Verehrungsweise.

8.77 Für Brahman-Mantra-Verehrer besteht das vedische Sandhya im Gayatri-Japa mit der Erkenntnis, dass ihr Sinn Brahman ist.

8.78 Für andere umfasst es Sonnenverehrung, Arghya an die Sonne und Gayatri-Japa.

8.79 Bei den täglichen Pflichten werden eintausendacht, einhundertacht oder zehn Wiederholungen vorgeschrieben.

8.80 Shudras und Angehörige des allgemeinen Standes haben nach dieser Ordnung nur Zugang zu den Agama-Riten; durch sie erlangen sie alle Vollendung.

8.81 Die drei Zeiten sind Sonnenaufgang, Mittag und Sonnenuntergang.

8.82 Die Göttin sprach: Du selbst hast doch für alle Stände tantrische Riten vorgeschrieben, wenn Kali mächtig geworden ist.

8.83 Warum verpflichtest du Brahmanen nun zu vedischen Handlungen? Erkläre mir dies genauer.

8.84 Sadashiva sprach: Du sprichst wahr: Tantrische Riten schenken allen Menschen Erfüllung, Befreiung und Vollendung ihrer Handlungen.

8.85 Doch diese Brahma-Savitri ist sowohl vedisch als auch tantrisch und eignet sich für beide Ritualformen.

8.86 Deshalb haben Zweimalgeborene im mächtigen Kali-Zeitalter Zugang zur Gayatri, nicht zu den übrigen vedischen Mantras.

8.87 Für Brahmanen beginnt die Savitri mit Pranava, für Kshatriyas mit Kamala-Bija, für Vaishyas mit Vagbhava-Bija.

8.88 Zur Unterscheidung der Zweimalgeborenen von Shudras wird dieses vedische Sandhya vor den übrigen Tagespflichten gelehrt.

8.89 Im Übrigen gelangt man allein durch Shambhus Wege zur Vollendung; dies ist wahr, wahr, nochmals wahr.

8.90 Auch wenn die vorgesehene Zeit verstrichen ist, vollziehe ein nicht durch Krankheit gehinderter Befreiungssuchender Sandhya mit »Om Tat Sat Brahma«.

8.91 Sitz, Kleidung, Gefäß, Bett, Fahrzeug, Wohnung und alle Hausgegenstände sind umso besser, je sauberer sie sind.

8.92 Nach den Tagesriten widme man sich beständig dem Studium oder häuslichen Aufgaben und bleibe nicht untätig.

8.93 Japa und Spenden an heiligen Orten, heiligen Tagen und bei Sonnen- oder Mondfinsternissen machen den Menschen zur Wohnstatt des Guten.

8.94 Im Kali-Zeitalter hängt die Lebenskraft stark von Nahrung ab; Fasten wird daher nicht empfohlen. Als Ersatz gilt eine Spende.

8.95 Spenden können im Kali-Zeitalter jede Vollendung fördern. Als geeigneter Empfänger gilt ein armer Mensch von gutem Handeln.

8.96 Die Anfänge von Monat, Jahr und Monatshälfte, der vierzehnte, achte, volle und elfte Mondtag sowie Neumond,

8.97 der eigene Geburtstag, die Todestage der Eltern und vorgeschriebene Festtage gelten als verdienstvolle Zeiten.

8.98 Ganga und andere große Flüsse, das Haus des Gurus und bekannte Heiligtümer gelten als heilige Pilgerstätten.

8.99 Wer wegen einer Pilgerreise Studium, Elterndienst und Fürsorge für die Ehefrau vernachlässigt, macht seine Pilgerfahrt zum Weg in die Hölle.

8.100 Nach der Geschlechterordnung des Textes haben Frauen keine gesonderte Pflicht zu Pilgerfahrt, Fasten und Gelübden neben dem Dienst am Ehemann.

8.101 Der Ehemann gilt ihnen als Pilgerstätte, Askese, Spende, Gelübde und Guru; deshalb soll die Frau ihm mit ganzem Wesen dienen.

8.102 Durch Worte und Fürsorge erfreue sie ihn, folge seiner Weisung und behandle seine Angehörigen freundlich.

8.103 Sie schaue ihn nicht zornig an, spreche keine harten Worte und denke nichts, was ihn verletzen soll.

8.104 Wer den Ehemann mit Körper, Geist und Sprache durch liebevolle Handlungen erfreut, erlange dadurch den Zustand Brahmans.

8.105 Sie soll nach dieser Vorschrift keinen anderen Mann begehrlich ansehen, nicht vertraulich mit ihm sprechen oder ihm ihren Körper zeigen, sondern der Weisung des Ehemanns folgen.

8.106 In der Kindheit stehe sie unter den Eltern, in der Jugend unter dem Ehemann, im Alter unter dessen Angehörigen; nirgends sei sie selbständig.

8.107 Ein Vater soll eine Tochter nicht verheiraten, solange sie Achtung vor dem Ehemann, eheliche Fürsorge und die religiösen Regeln noch nicht versteht.

8.108 Menschenfleisch, menschenähnliche Tiere, die vielfach nützlichen Rinder, Fleischfresser und ungenießbare Tiere darf man nicht essen.

8.109 Früchte aus Garten und Wald, verschiedene Wurzeln und andere essbare Erzeugnisse der Erde können nach Belieben genossen werden.

8.110 Lehren und Opferdienst sind die vorzüglichen Berufe der Brahmanen; bei Unvermögen dürfen sie Tätigkeiten der Kshatriyas oder Vaishyas ausüben.

8.111 Kampf und Regierung sind die Aufgaben der Kshatriyas; ist dies unmöglich, dürfen sie Handel oder dienende Arbeit aufnehmen.

8.112 Vaishyas, die keinen Handel treiben können, dürfen ohne Schuld dienende Arbeit verrichten; für Shudras ist Dienst vorgesehen.

8.113 Angehörige des allgemeinen Standes dürfen alle Erwerbstätigkeiten außer den besonderen Brahmanenaufgaben ausüben.

8.114 Ein Brahmane sei ohne Hass und Besitzfixierung, friedlich, wahrhaftig, sinnesbeherrscht, neidlos und aufrichtig in seinem Beruf.

8.115 Er unterrichte rechtschaffene Schüler wie eigene Kinder, wünsche allen Menschen Wohl und bleibe unparteiisch.

8.116 Lüge, Missgunst, Laster, verletzende Rede, schlechte Gesellschaft und Heuchelei gebe er vollständig auf.

8.117 Wenn Frieden möglich ist, ist Kriegslust verwerflich. Ein ehrenvoller Friede ist vorzuziehen; im Kampf gelten für den Krieger Sieg oder Tod.

8.118 Ein Herrscher begehre nicht das Vermögen seiner Untertanen, erhebe angemessene Abgaben, schütze den anerkannten Dharma und behüte die Menschen wie Kinder.

8.119 Rechtsprechung, Krieg, Frieden und alle weiteren Staatsangelegenheiten berate der König sorgfältig mit seinen Ministern.

8.120 Er führe nur gerechten Krieg, richte Strafe und Belohnung nach Recht und Schrift und schließe Frieden entsprechend seinen Kräften.

8.121 Mit geeigneten Mitteln verfolge er seine Ziele, führe Krieg oder schließe Frieden: Sieg, Sicherheit und Gedeihen hängen von angemessenen Mitteln ab.

8.122 Er meide schlechte Gesellschaft, schätze Gebildete, bleibe in Not standhaft, geschickt und tugendhaft und halte seine Ausgaben im Maß.

8.123 Er verstehe Festungsbau und Waffenkunde, kenne die Stimmung seines Heeres und lehre Kriegskunst.

8.124 Im Kampf töte er keine Bewusstlosen, Entwaffneten, Fliehenden, Gefangenen, Frauen oder Kinder des Feindes.

8.125 Durch Sieg oder Friedensvertrag erworbene Güter verteile er angemessen unter den Soldaten.

8.126 Er kenne Mut und Verhalten jedes Kämpfers und überlasse im eigenen Interesse nicht einem Einzelnen die Führung zu großer Truppenmengen.

8.127 Er vertraue nicht nur einer Person, setze nicht einen Einzelnen zum alleinigen Richter ein und vermeide vertrauliches Spiel und Spott mit Niedriggesinnten.

8.128 Er höre viel, spreche wenig, bleibe selbst als Wissender wissbegierig, trotz Ansehen bescheiden und bei Strafe wie Gnade besonnen.

8.129 Selbst oder durch Beobachter erforsche er die Lage seiner Untertanen, ebenso die Haltung von Angehörigen und Bediensteten.

8.130 Aus Zorn, Hochmut oder Unachtsamkeit soll ein urteilsfähiger Herr weder Auszeichnung noch Strafe vorschnell verhängen.

8.131 Heer, Heerführer, Minister, Frauen, Kinder und Bedienstete soll er schützen und bei Verfehlungen vorschriftsmäßig maßregeln.

8.132 Geistig Verwirrte, Unfähige, Kinder, Hinterbliebene, Fieberkranke und Alte beschütze er wie ein Vater.

8.133 Landwirtschaft und Handel sind die überlieferten Tätigkeiten der Vaishyas; durch sie wird der Lebensunterhalt der Menschen gesichert.

8.134 Daher vermeide man dabei Nachlässigkeit, Laster, Trägheit, Lüge und Betrug.

8.135 Wenn Ware und Preis bestimmt sind und beide Seiten zustimmen, wird der Kauf durch gegenseitiges Einverständnis wirksam.

8.136 Schenkungen und Verkäufe durch Betrunkene, geistig Verwirrte, Kinder, unter Zwang Stehende oder krankheitsbedingt Urteilsunfähige sind nicht gültig.

8.137 Bei ungesehener Ware kommt der Kauf aufgrund der beschriebenen Eigenschaften zustande; fehlen diese, kann der Kauf rückgängig gemacht werden.

8.138 Werden verborgene Mängel bei Elefanten, Kamelen oder Pferden erkennbar, kann der Kauf auch nach Ablauf eines Jahres rückgängig gemacht werden.

8.139 Der menschliche Körper ist Träger von Dharma, Wohlstand, Erfüllung und Befreiung. Deshalb ist nach meiner Weisung der Kauf eines Menschen nicht gültig.

8.140 Bei Gerste, Weizen und anderem Getreide gilt nach einem Jahr ein Viertel Zuwachs als angemessen, bei Metallen ein Achtel.

8.141 Bei Darlehen, Landwirtschaft, Handel und allen anderen Geschäften halte man die rechtmäßigen Vereinbarungen ein.

8.142 Wer dient, sei geschickt, sauber, wahrhaftig, wachsam, sinnesbeherrscht, aufmerksam und frei von Trägheit.

8.143 Der Dienstherr sei wie Vishnu zu achten, seine Frau wie eine Mutter; auch seine Angehörigen soll der Dienende ehren.

8.144 Die Freunde des Herrn betrachte er als Freunde, dessen Feinde als Feinde; ehrfürchtig erwarte er seine Weisung.

8.145 Er halte Kränkungen, Schwächen des Hauses, anvertraute Geheimnisse und alles, was den Herrn beschämen würde, sorgfältig verborgen.

8.146 Er begehre dessen Vermögen nicht, suche sein Wohl und vermeide in seiner Gegenwart unpassende Rede, Spiel und Gelächter.

8.147 Selbst die Dienerinnen des Hauses sehe er nicht begehrlich an; heimliches Zusammensein und anzüglichen Scherz mit ihnen meide er.

8.148 Bett, Sitz, Fahrzeug, Kleidung, Gefäße, Schuhe, Schmuck und Waffen des Herrn benutze er nicht eigenmächtig.

8.149 Hat er sich vergangen, bitte er aufrichtig um Vergebung; Anmaßung, großspuriges Reden und Auftreten als Gleichgestellter vermeide er.

8.150 Alle Stände sollen Brahma-Ehen und gemeinsame Mahlzeiten innerhalb ihres Standes halten, außer im Bhairavi- und Tattva-Kreis.

8.151 In beiden Kreisen gilt die Shaiva-Ehe; beim Geben und Trinken besteht dort kein Kastenunterschied.

8.152 Die Göttin sprach: Was sind Bhairavi-Chakra und Tattva-Chakra? Ich möchte alles darüber hören; erkläre es gnädig.

8.153 Sadashiva sprach: Das zuvor beschriebene Kreisritual der Kula-Verehrung ist bei besonderen Pujas von geeigneten Übenden auszuführen.

8.154 Für den Bhairavi-Kreis gelten nicht dieselben strengen Voraussetzungen; man kann ihn bei geeigneter Gelegenheit veranstalten.

8.155 Ich lehre seine heilsame Ordnung, durch die die verehrte Göttin das Erstrebte rasch schenkt.

8.156 Der Kula-Lehrer breitet an einem schönen Ort einen guten Sitz aus, reinigt ihn mit Kama- und Waffen-Bija und setzt sich.

8.157 Mit Zinnober, Kushida oder bloßem Wasser zeichnet er ein Dreieck und ein Quadrat als Mandala.

8.158 Ein geschmückter Krug wird mit Joghurt und Reiskörnern bestrichen, mit Früchten und Zweigen versehen und mit Zinnober gezeichnet.

8.159 Mit duftendem Wasser gefüllt, wird er unter dem Pranava aufgestellt; Räucherwerk und Licht werden gezeigt.

8.160 Mit Duft und Blüten verehrt man, vergegenwärtigt die erwählte Gottheit und vollzieht die verkürzte Puja.

8.161 Höre die Besonderheit: Die neun Gefäße vom Guru-Gefäß an brauchen hier nicht aufgestellt zu werden.

8.162 Man stellt die verfügbaren Ritualmittel vor sich, besprengt sie mit dem Waffenmantra und betrachtet sie mit göttlichem Blick.

8.163 Im Gefäß des Getränks gibt man Duft und Blüten hinzu und meditiert über Anandabhairavi und Anandabhairava.

8.164 Die Göttin ist jugendlich, morgenglühenrot, mit einem Lotusgesicht, das durch schönes Lächeln und nektargleiche Worte erstrahlt,

8.165 erfreut durch Tanz und Gesang, mit vielerlei Schmuck und bunten Gewändern; ihre Lotushände gewähren Segen und Furchtlosigkeit.

8.166 Nach dieser Meditation über die Wonnevolle vergegenwärtigt man Anandabhairava.

8.167 Ich gedenke des kampferweißen Gottes mit weit geöffneten Lotusaugen, dessen Gestalt in himmlischen Gewändern und Schmuck strahlt. Links hält er einen nektargefüllten Becher, rechts ein Stück der rituellen Beigabe.

8.168 Über beider vollkommene Einheit meditierend, verehrt man sie mit ihren Namen, Pranava und »namah«, Duft und Blüten; danach reinigt man die Ritualflüssigkeit.

8.169 Mit den drei Bijas von Pasha an und der Endung »svaha«, einhundertachtmal gesprochen, wird das Getränk geweiht.

8.170 Für Hausleute, deren Geist im mächtigen Kali-Zeitalter ganz an häuslichen Wünschen hängt, werden als Ersatz des ersten Tattva die drei süßen Stoffe vorgeschrieben.

8.171 Milch, Zucker und Honig sind diese drei. Man betrachtet sie als Wein und bringt sie der Gottheit dar.

8.172 Von Natur aus ist der Geist vieler Menschen dieses Zeitalters durch Begehren verwirrt; sie erkennen in der Partnerin nur eine gewöhnliche Frau, nicht Shakti.

8.173 Deshalb treten für sie an die Stelle des letzten Tattva die Meditation über die Lotusfüße der Göttin und der Japa ihres gewählten Mantras.

8.174 Fleisch und die anderen verfügbaren Mittel weiht man jeweils hundertmal mit diesem Mantra.

8.175 Alles als Brahman schauend, schließt man die Augen, bringt es Kali wie zuvor dar und hält das gemeinsame Mahl.

8.176 Dieser in allen Tantras verborgene Bhairavi-Kreis wurde dir offenbart: die Essenz der Essenz, das Höchste des Höchsten.

8.177 Im Bhairavi- wie im Tattva-Kreis ist die eheliche Verbindung nach dem Shaiva-Weg vorgeschrieben.

8.178 Wer ohne solche Verbindung sexuell mit einer Shakti verkehrt, zieht die Schuld des Verkehrs mit der Frau eines anderen auf sich.

8.179 Während des Bhairavi-Kreises gelten alle Stände als höchste Zweimalgeborene; nach seinem Ende bestehen die Standesunterschiede wieder.

8.180 Im Kreis gibt es keine Kastenunterscheidung oder Bedenken über Speisereste. Die dort versammelten Viras sind meine Gestalten in menschlicher Erscheinung.

8.181 Es gibt keine Bindung an Ort und Zeit oder Prüfung des Überbringers; wer auch immer die Mittel gebracht hat, sie dürfen verwendet werden.

8.182 Aus fernem Land gebracht, gekocht oder ungekocht, von Vira oder Pashu beschafft: Was in den Kreis gelangt, gilt als rein.

8.183 Zu Beginn des Kreises geraten alle Hindernismächte in Furcht und fliehen vor dem Brahman-Glanz der Viras.

8.184 Pishachas, Guhyakas, Yakshas, Vetalas und andere grausame Wesen weichen erschrocken, sobald sie vom Bhairavi-Kreis hören.

8.185 Alle heiligen Stätten und alle Götterscharen mit Indra kommen ehrerbietig dorthin.

8.186 Der Kreisort ist eine große Pilgerstätte, höher als alle anderen; selbst die Götter verlangen dort nach deiner Opfergabe.

8.187 Auch von Fremden, Hundeessern, Kiratas oder Hunnen gebrachte rohe oder gekochte Speise ist rein, sobald sie einem Vira übergeben wird.

8.188 Schon durch den Anblick des Bhairavi-Kreises und der Übenden als meiner Gestalten werden von Kali-Makeln belastete Menschen aus ihren Fesseln gelöst.

8.189 Im mächtigen Kali-Zeitalter halte man den Kreis nicht geheim; der Vira kann Kula-Praxis überall und jederzeit ausüben.

8.190 Im Kreis vermeide man leeres Gerede, Unruhe, Geschwätzigkeit, Spucken, Windlassen und Kastenunterscheidungen.

8.191 Grausame, boshafte, unvorbereitete, sündhaft Handelnde, Glaubensverächter und Verleumder des Kula und seiner Schriften halte man fern.

8.192 Wer aus Zuneigung, Furcht oder Anhänglichkeit einen Ungeeigneten in den Kreis aufnimmt, fällt selbst als Vira vom Kula-Dharma ab und verfällt der Hölle.

8.193 Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas, Shudras und Menschen des allgemeinen Standes, die den Kula-Dharma leben, sind stets wie Gottheiten zu ehren.

8.194 Wer im Kreis aus Standeshochmut Unterschiede macht, fällt selbst als vollkommener Vedantakenner in eine schreckliche Hölle.

8.195 Wie könnte bei rechtschaffenen, reinen Kaulas im Kreis, die unmittelbar Shiva verkörpern, ein Verdacht auf Unreinheit entstehen?

8.196 Solange die Shaiva-Praktizierenden im Kreis verweilen, folgen sie nach Shivas Weisung dessen gemeinsamer Ordnung.

8.197 Nach dem Verlassen erfüllen sie wieder ihre jeweiligen Standes- und Lebenspflichten, damit das Zusammenleben gelingt.

8.198 Was hundert Intensivübungen oder Übungen auf Leichen, Schädeln und Scheiterhaufen bewirken, erreicht ein Einsichtiger durch einen einzigen Japa im Kreis.

8.199 Wer vermöchte dessen Herrlichkeit zu beschreiben? Schon einmaliger Vollzug befreie von allen Verfehlungen.

8.200 Nach sechs Monaten werde man Herrscher, nach einem Jahr dem Todesbezwinger gleich; durch beständige Praxis erlange man Brahman-Nirvana.

8.201 Wozu viele Worte? Erkenne als wahr: Der Kula-Weg führt zu Glück hier und jenseits wie kein anderer.

8.202 Wenn Kali mächtig wird und alle heilige Ordnung schwindet, fällt selbst ein Kaula durch Verheimlichung des Kula-Dharma in die Hölle.

8.203 Der Bhairavi-Kreis als Weg zu Erfüllung und Befreiung ist erklärt. Höre nun den Tattva-Kreis.

8.204 Er heißt König der Kreise und göttlicher Kreis. Zugang haben nur Brahman erkennende Übende.

8.205 Verehrer des höchsten Brahman, die es erkennen und ihm ganz zugewandt sind, reinen Herzens, friedvoll und dem Wohl aller Wesen ergeben,

8.206 unerschüttert, ohne trennende Vorstellungen, mitfühlend, entschlossen und wahrhaftig: Solche Brahmanmenschen sind geeignet.

8.207 Wer alles Bewegliche und Unbewegliche als Brahman schaut, besitzt als Wahrheitskenner Zugang zum Tattva-Kreis.

8.208 Wer dort die innere Gewissheit gewinnt, dass alles Brahman ist, ist ein wahrer Teilnehmer dieses Kreises.

8.209 Hier braucht es weder Krugaufstellung noch umfangreiche Puja. Die Praxis besteht darin, überall Brahman zu vergegenwärtigen.

8.210 Ein in Brahman gegründeter Brahman-Mantra-Übender leitet den Kreis und beginnt ihn mit anderen Brahmankundigen.

8.211 An einem schönen, ganz sauberen, angenehmen Ort bereitet man einen reinen, passenden Sitz.

8.212 Der Kreisleiter setzt sich mit den Brahman-Übenden, beschafft die Ritualmittel und stellt sie vor sich auf.

8.213 Über allen Mitteln spricht er hundertmal den Mantra vom Pranava bis zum Prana-Bija und dann die folgende Formel.

8.214 Brahman ist die Darbringung, Brahman die Opfergabe; durch Brahman wird sie in Brahmans Feuer geopfert. Brahman erreicht, wer in der Handlung auf Brahman gesammelt ist.

8.215 Sieben- oder dreimalige Wiederholung reinigt alle Mittel.

8.216 Mit dem Brahman-Mantra bringt man alles dem höchsten Selbst dar und isst und trinkt gemeinsam mit den Brahman erkennenden Übenden.

8.217 In diesem Kreis vermeide man Kastenunterschiede; es bestehen keine besonderen Bindungen an Ort, Zeit oder Gefäße.

8.218 Wer darin aus Torheit oder Unachtsamkeit Familien- und Standesunterschiede geltend macht, gelangt in einen niedrigen Zustand.

8.219 Deshalb sollen geeignete Brahmankenner den Tattva-Kreis sorgfältig für Dharma, Erfüllung, Wohlstand und Befreiung vollziehen.

8.220 Die Göttin sprach: Du hast die Pflichten der Hausleute umfassend gelehrt. Erkläre nun gnädig die Pflichten der Entsagung.

8.221 Sadashiva sprach: Der Avadhuta-Stand heißt im Kali-Zeitalter Sannyasa. Höre, wie er angenommen wird.

8.222 Wenn Brahman-Erkenntnis entstanden ist und die Bindung an Handlungen endet, trete der in Selbsterkenntnis Erfahrene in die Entsagung ein.

8.223 Wer dabei alte Eltern, kleines Kind, treue Ehefrau oder hilflose Angehörige verlässt, verfällt der Hölle.

8.224 Alle fünf Stände haben Zugang zur Weihe zum Kula-Avadhuta.

8.225 Nach Erfüllung häuslicher Pflichten und ausreichender Fürsorge für andere verlasse man das Haus ohne Besitzanspruch, Begehren und Sinnesabhängigkeit.

8.226 Wer fortziehen möchte, rufe Angehörige, Freunde, Dorfbewohner und Nachbarn zusammen und bitte sie liebevoll um Zustimmung.

8.227 Nach ihrer Zustimmung verneige er sich vor der höchsten Gottheit, umschreite das Dorf rechtsherum und verlasse das Haus ohne Erwartung.

8.228 Frei von weltlichen Fesseln und in höchster Freude erfüllt, suche er einen Brahman erkennenden Kula-Avadhuta und bitte:

8.229 »Höchstes Brahman, meine bisherige Lebenszeit ist im Hausstand vergangen. Sei mir gnädig, Herr, und gewähre mir die Entsagung.«

8.230 Der Guru prüfe, ob die häuslichen Pflichten erfüllt sind und der Schüler friedvoll und unterscheidungsfähig ist; dann weise er ihn in die zweite Lebensweise ein.

8.231 Nach Bad, Selbstsammlung und Tagespflichten verehre der Schüler Götter, Seher und Ahnen, um von den drei Schulden frei zu werden.

8.232 Die Götter sind Brahma, Vishnu und Rudra mit ihrem Gefolge; die Seher Sanaka und die anderen göttlichen und Brahman-Seher.

8.233 Höre auch, welche Ahnen hierbei verehrt werden.

8.234 Vater, Großvater, Urgroßvater; Mutter, Großmutter und Urgroßmutter; ebenso Großvater und weitere Vorfahren mütterlicherseits samt ihren weiblichen Gegenstücken.

8.235 Im Osten verehrt man Götter und Seher, im Süden die väterlichen, im Westen die mütterlichen Ahnen.

8.236 In dieser Reihenfolge bereitet man je zwei Sitze, ruft die Gruppen herbei und verehrt sie.

8.237 Nach vorschriftsmäßiger Puja gibt man ihnen einzeln die Reisklöße in der vorgeschriebenen Reihenfolge und bittet mit gefalteten Händen:

8.238 »Ahnen, Götter, Seher und Mütter, seid gesättigt! Befreit mich rasch von meinen Schulden für den Zustand jenseits der Gunas.«

8.239 Nach dieser Bitte und wiederholter Verneigung vollzieht man, von den drei Schulden frei, das eigene Ahnenritual.

8.240 Das Selbst ist aller Vater, Großvater und Urgroßvater. Um das Selbst im Selbst darzubringen, vollzieht der Einsichtige den eigenen Totenritus.

8.241 Nach Norden gewandt, auf dem bereiteten Sitz, ruft er die als Selbst verstandenen Ahnen herbei, verehrt sie und gibt Reisklöße.

8.242 Das Darbha-Gras wird für die jeweiligen Gruppen mit den Spitzen nach Osten, Süden und Westen ausgelegt, beim eigenen Ritual nach Norden.

8.243 Nach Abschluss des Shraddha auf dem vom Guru gezeigten Weg wiederholt der zur Einheit Strebende den folgenden Mantra hundertmal zur Reinigung des Geistes.

8.244 Hrim. Wir verehren den Dreiäugigen, den Wohlriechenden, der das Gedeihen mehrt. Wie eine reife Gurke vom Stiel möge ich vom Tod gelöst werden, nicht von der Unsterblichkeit.

8.245 Gemäß seiner Verehrungstradition errichtet der Guru auf dem Altar Mandala und Kalasha und beginnt die Puja.

8.246 Der Brahmankenner meditiert über das höchste Brahman, verehrt nach Shambhus Weg und setzt das Feuer ein.

8.247 Im wie zuvor geweihten Feuer bringt der Guru die in seiner Ritualordnung bestimmten Gaben dar, ruft den Schüler und lässt ihn die vollständige Opfermischung darbringen.

8.248 Nach den Vyahriti-Opfern folgt das Opfer der Lebenswinde: Prana, Apana, Samana, Udana und Vyana.

8.249 Danach opfert man die Prinzipien, um die Gleichsetzung von Körper und Selbst zu lösen: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum,

8.250 Geruch, Geschmack, Gestalt, Berührung und Klang; dann Sprache, Hände, Füße, Ausscheidungs- und Geschlechtsorgan,

8.251 die Erkenntnissinne Hören, Tasten, Sehen, Schmecken und Riechen; Geist, unterscheidende Vernunft, inneres Bewusstsein und Ichgefühl sowie die körperlichen Tätigkeiten,

8.252 alle Sinnestätigkeiten und Funktionen der Lebenskräfte.

8.253 Dazu spricht man: »Mögen diese in mir gereinigt werden! Hrim. Ich bin Licht; möge ich frei von Leidenschaft und Schuld sein.«

8.254 Nach dem Opfer der vierundzwanzig Prinzipien und aller körperlichen Handlungen schaue man den Körper als tätigkeitslos, wie tot.

8.255 So den Körper als tot und handlungslos betrachtend, des höchsten Brahman gedenkend, nimmt man die heilige Schnur ab.

8.256 Mit »aim klim hum« zieht man sie von der Schulter, hält sie in der Hand, spricht die drei Vyahritis und »svaha« und wirft sie mit Ghee bestrichen ins Feuer.

8.257 Danach schneidet man unter dem Kama-Bija die Haarlocke ab, nimmt sie in die Hand und legt sie in Ghee.

8.258 »Tochter Brahmans, Haarlocke, junge Asketin! Im Feuer wird dir ein Platz gegeben. Gehe dorthin, Göttin; Verehrung dir!«

8.259 Unter Kama-, Maya- und Kurcha-Bija sowie »svaha« opfert man die Haarlocke im geweihten Feuer.

8.260 Auf der Haarlocke ruhen Ahnen, Götter, göttliche Seher und alle Pflichten der Lebensstände.

8.261 Nachdem diese alle gesättigt wurden, wird der Mensch durch Aufgabe von Haarlocke und heiliger Schnur von Brahman erfüllt.

8.262 Für Zweimalgeborene bedeutet dies Sannyasa; bei Shudras und den übrigen erfolgt die Weihe allein durch das Haarlockenopfer.

8.263 Ohne Haarlocke und Schnur verneigt sich der Schüler lang ausgestreckt vor dem Guru. Dieser richtet ihn auf und spricht ins rechte Ohr:

8.264 »Das bist du, großer Weiser! Vergegenwärtige Hamsa und ›Ich bin Das‹. Frei von Meinheit und Ichsucht lebe glücklich aus deinem eigenen Wesen.«

8.265 Nach Entlassung von Krug und Feuer erkennt der Guru den Schüler als sein eigenes Selbst und verneigt sich vor ihm.

8.266 »Verehrung dir, Verehrung mir; dir und mir immer wieder Verehrung! Du bist jenes, jenes bist du, Gestalt des Universums; Verehrung dir!«

8.267 Für selbstbeherrschte, wahrheitserkennende Brahman-Mantra-Verehrer genügt das Abschneiden der Haarlocke mit ihrem eigenen Mantra zur Annahme von Sannyasa.

8.268 Was brauchen durch Brahman-Erkenntnis Gereinigte Opfer, Shraddha und Puja? Für die in Freiheit Lebenden entsteht kein ritueller Nachteil.

8.269 Frei von Gegensatzpaaren, wunschlos und geistig fest, wandelt der Schüler nun frei auf Erden, unmittelbar von Brahman erfüllt.

8.270 Von Brahma bis zum Grashalm schaut er alles als Sein, vergisst Namen und Formen und meditiert über das Selbst im Selbst.

8.271 Ohne feste Wohnstatt, geduldig, furchtlos und ungebunden, frei von Meinheit und Ichsucht, wandert der Entsagende auf Erden.

8.272 Frei von Geboten, Verboten und Sorge um Erwerb und Erhalt, erkennt er das Selbst, bleibt in Freude und Leid gleich, besonnen, beherrscht und ohne Verlangen.

8.273 Bei Leiden bleibt er fest, bei Glück ohne Anhaften; immer freudvoll, rein, friedlich, erwartungslos und unerschüttert.

8.274 Er beunruhigt keine Wesen und dient stets ihrem Wohl, frei von Groll und Furcht, selbstbeherrscht, ohne eigensüchtige Pläne und Betriebsamkeit.

8.275 Frei von Trauer und Hass, begegnet er Freund und Feind gleich, erträgt Kälte, Wind und Hitze und bleibt bei Ehre und Kränkung gleichmütig.

8.276 In günstigem und ungünstigem Geschehen gleich, zufrieden mit dem zufällig Erlangten, jenseits der drei Gunas und trennender Vorstellungen, ist er ohne Gier und hortet nichts.

8.277 Wie die unwirkliche Welt auf der Wahrheit ruht, so ruht der Körper auf dem Selbst. Wer dies erkennt, lebt glücklich.

8.278 Die Sinne verrichten jeweils ihre eigenen Tätigkeiten; das Selbst bleibt unberührter Zeuge. Wer dies erkennt, wird der Befreiung teilhaftig.

8.279 Der Entsagende vermeide Annahme von Edelmetallen, Verleumdung, Lüge, erotisches Spiel, Samenvergießen und Missgunst.

8.280 Er schaue gleich auf Insekt, Gottheit und Mensch und erkenne bei allen Handlungen alles als Brahman.

8.281 Speise von Brahmanen oder Hundeessern, woher auch immer sie kommt, darf er ohne Unterscheidung von Ort, Zeit oder Geber annehmen.

8.282 Mit Studium der Selbstlehre und beständiger Wahrheitserforschung verbringe der Avadhuta seine Zeit und lebe in innerer Freiheit.

8.283 Den Leichnam eines Entsagenden verbrenne man nicht; nach Verehrung mit Duft und Blüten werde er begraben oder im Wasser versenkt.

8.284 Bei Menschen, die Yoga noch nicht verwirklicht haben und voller Wünsche sind, entsteht natürlicherweise die Neigung zu vielfältigem Handeln.

8.285 Sind sie dabei Meditation, Verehrung und Japa zugeneigt, mögen sie das als heilsam erkennen, worin ihre feste Überzeugung ruht.

8.286 Deshalb wurden Ritualhandlungen zur Reinigung des Geistes gelehrt; dafür habe ich vielfältige Namen und Gestalten entworfen.

8.287 Ohne Brahman-Erkenntnis und Loslösung von der Bindung ans Handeln wird niemand frei, selbst wenn er hundert Weltzeitalter lang Riten vollzieht.

8.288 Den wahrheitskundigen Kula-Avadhuta, bereits im Leben befreit und in Menschengestalt, verehre der Hausmensch als unmittelbar gegenwärtigen Narayana.

8.289 Schon sein Anblick befreie von allen Verfehlungen und gewähre die Frucht von Pilgerfahrten, Gelübden, Askese, Spenden und allen Opfern.

Ende des 8. Kapitels.

Kapitel 9 – Lebenssakramente und Ehe

Die Göttin begleitet im tantrischen Verständnis die Übergänge des Lebens.

9.1 Sadashiva sprach: Die Pflichten der Stände und Lebensweisen sind erklärt. Höre nun die Sakramente aller Stände.

9.2 Ohne Sakramente entsteht nach dieser Ordnung keine rituelle Körperreinheit und keine Berechtigung zu Götter- und Ahnenriten.

9.3 Deshalb vollziehe jeder Stand sorgfältig seine vorgesehenen Sakramente, wenn er Wohl hier und jenseits sucht.

9.4 Zehn werden genannt: Zeugungsweihe, Pumsavana, Scheitelung des Haares der Schwangeren, Geburtsritus, Namensgebung, erstes Hinaustragen, erste feste Nahrung, erste Haarschur, Schülerweihe und Hochzeit.

9.5 Für Shudras und die übrigen nicht zweimalgeborenen Gruppen entfällt die heilige Schnur; sie haben neun, die Zweimalgeborenen zehn Sakramente.

9.6 Regelmäßige, anlassbezogene und wunscherfüllende Riten vollziehe man auf Shambhus Weg.

9.7 Die Vorschriften für die verschiedenen Handlungen habe ich bereits früher in der Gestalt Brahmas gelehrt.

9.8 Bei allen Sakramenten und anderen Riten wurden Reihenfolge und Mantras nach den jeweiligen Ständen bestimmt.

9.9 In Satya, Treta und Dvapara werden diese Mantras mit Pranava am Anfang verwendet.

9.10 Im Kali-Zeitalter vollzieht man dieselben Handlungen nach Shankaras Weisung mit dem Maya-Bija am Anfang der Mantras.

9.11 Alle Mantras der Nigamas, Agamas, Tantras, Veden und Samhitas stammen von mir; ihre Anwendung richtet sich nach dem Zeitalter.

9.12 Die Menschen des Kali-Zeitalters sind kraftarm und von Nahrung abhängig. Zu ihrem Wohl wurde der Kula-Dharma bestimmt.

9.13 Für diese geschwächten und großen Mühen nicht gewachsenen Menschen erkläre ich die Sakramente auch in verkürzter Form.

9.14 Kushandika ist die Grundlage aller glückverheißenden Riten; deshalb erläutere ich sie zuerst.

9.15 An einem schönen, sauberen Ort ohne Spreu oder Kohlen bereitet man einen eine Elle messenden Opferplatz.

9.16 Darauf zieht man drei ostwärts gerichtete Linien, besprengt sie mit dem Kurcha-Bija und bringt unter dem Feuer-Bija das Feuer herbei.

9.17 Mit dem Vagbhava-Bija stellt man es daneben ab.

9.18 Aus ihm nimmt man rechts ein brennendes Holz und sondert mit »Hrim kravyadebhyo namah svaha« den Anteil der fleischverzehrenden Mächte ab.

9.19 Dann hebt man das Feuer mit beiden Händen sich zugewandt an und setzt es unter den mit Maya beginnenden Vyahritis auf die Linien.

9.20 Mit Gras und Holz verstärkt man es, opfert zwei mit Ghee bestrichene Hölzer, gibt ihm den zum Ritus gehörenden Namen und meditiert über Agni.

9.21 Er leuchtet wie die junge rote Sonne, hat sieben Zungen und zwei Köpfe, reitet auf einem Ziegenbock, trägt eine Lanze und eine Krone aus Haarflechten.

9.22 Nach dieser Meditation ruft man den Träger der Opfergaben mit gefalteten Händen herbei.

9.23 Maya-Bija: »Komm, komm, Träger der Gaben aller Götter, mit den Sehern und deinem Gefolge! Schütze, schütze das Opfer! Namah svaha.«

9.24 Mit »Dies ist dein Schoß« empfängt man ihn, verehrt ihn mit den Gaben und danach seine sieben Zungen.

9.25 Die sieben flackernden Zungen heißen Kali, Karali, Manojava, Sulohita, Sudhumravarna, Sphulingini und Vishvanirupini.

9.26 Mit Wasser in der Hand besprengt man dreimal den Bereich von Osten bis Norden des Feuers.

9.27 Ebenso besprengt man von Süden bis Norden dreimal und danach die Opfergegenstände.

9.28 Darbha-Gras wird von Osten bis Norden ausgelegt: im Norden mit nordwärts, in den übrigen Richtungen mit ostwärts gerichteten Spitzen.

9.29 Das Feuer zur Rechten haltend, geht man zum Brahma-Sitz, nimmt mit linkem Daumen und kleinem Finger

9.30 einen Kusha-Halm vom vorgesehenen Sitz und wirft ihn mit »Hrim, Paravasu ist vertrieben« südlich des Feuers zum Auswurfplatz.

9.31 »Setze dich, Opferherr Brahman; dies ist dein Sitz.« Der Brahma-Priester antwortet »Ich setze mich« und nimmt nordwärts gewandt Platz.

9.32 Man verehrt ihn mit Duft und Blüten und bittet:

9.33 »Behüte das Opfer, Opferherr! Schütze es, Brihaspati; schütze auch mich, den Opferherrn, du Zeuge der Handlung. Verehrung dir!«

9.34 Der Brahma-Priester antwortet »Ich behüte es«. Fehlt er, spricht man selbst und stellt zu seiner Vertretung eine Gestalt aus Darbha-Gras her.

9.35 Mit »Brahman, komm hierher, komm« ruft man ihn, verehrt ihn mit Fußwasser und weiteren Gaben und bittet ihn, bis zum Opferende zu bleiben.

9.36 Mit wassergefüllter Hand besprengt man dreimal vom Nordosten des Feuers zum Brahma-Sitz hin und danach dreimal das Feuer.

9.37 Auf demselben Weg kehrt man zum eigenen Sitz zurück und breitet nördlich des Opferplatzes Darbha-Gras mit nordwärts gerichteten Spitzen aus.

9.38 Darauf legt man alle Opfermittel: Sprenggefäß mit Wasser, Ghee-Schale, Brennholz und Kusha-Gras,

9.39 Schöpf- und Opferlöffel sowie weitere Geräte. Mit »hram hrim hrum«, göttlichem Blick und Besprengung werden sie gereinigt.

9.40 Mit rechtem Knie am Boden schöpft man Ghee und bringt im Wunsch nach Heil drei Gaben mit »Hrim vishnave svaha« dar.

9.41 Prajapati vergegenwärtigend, gießt man einen Ghee-Strom vom Nordwesten zum Südosten.

9.42 Indra vergegenwärtigend, gießt man einen weiteren Strom vom Südwesten zum Nordosten.

9.43 Im Norden, Süden und in der Mitte des Feuers werden Agni, Soma sowie Agni und Soma gemeinsam angerufen.

9.44 Mit Maya-Bija, den Namen im Dativ und »namah« bringt man drei Gaben, danach das eigentliche, für den Anlass vorgeschriebene Feueropfer.

9.45 Die Handlung bis einschließlich dieser drei Gaben heißt Dhara-Homa.

9.46 Für wen eine Gabe bestimmt ist, dessen Widmung spreche man. Nach dem Hauptritus folgt das Svishtakrit-Opfer zur Vervollständigung.

9.47 Ein gesondertes Sühneopfer ist im Kali-Zeitalter nicht nötig; Svishtakrit und die Vyahritis leisten die Sühne.

9.48 Man nimmt eine Gabe wie zuvor, denkt an Brahma und spricht: »Was bei dieser Handlung, Herr der Götter, aus Unachtsamkeit oder Irrtum

9.49 zu wenig oder zu viel getan wurde, mache vollständig wohlgeopfert.« Mit Maya am Anfang und »svaha« am Ende bringt man die Gabe dar.

9.50 »Agni, Reiniger aller Welten, Herr, der das Opfer vervollständigt, Zeuge des Opfers, Wohltäter: Erfülle alle Wünsche!« Auch hierbei stehen Maya-Bija und »svaha« am Anfang und Ende.

9.51 Nach diesem Svishtakrit-Opfer spricht man: »Höchstes Brahman, was in dieser Handlung unangemessen ausgeführt wurde,

9.52 zu dessen Befriedung und zur Vollendung des Opfers bringe ich die Vyahriti-Gaben dar.« Mit Maya und »svaha« spricht man bhur, bhuvah und svar.

9.53 Mit jeder der drei Formeln bringt man eine Gabe dar, ebenso mit allen gemeinsam; danach lässt man den Opferherrn die vollständige Schlussgabe opfern.

9.54 Vollzieht der Opferherr den Ritus selbst, gibt er auch selbst die Schlussgabe. So gilt es ebenfalls bei Weihen und verwandten Handlungen.

9.55 »Hrim. Herr des Opfers, mein Opfer werde vollständig! Die Opfergottheiten mögen sich freuen und die Früchte ganz gewähren! Svaha.«

9.56 Mit dieser Formel erhebt man sich gesammelt und bringt die Gabe samt Früchten und Betel ins Feuer.

9.57 Danach folgt die Friedenshandlung: Mit Kusha-Gras und Wasser aus dem Sprenggefäß streicht man über den Kopf.

9.58 »Die Wasser und Heilpflanzen seien mir gute Freunde! Die Wasser mögen mich stets schützen; die Wasser sind Narayana selbst.«

9.59 »Ihr Wasser seid Freudenbringer; gebt uns Kraft!« Mit diesen beiden Formeln reinigt man sich und sprengt Tropfen zur Erde.

9.60 »Denen, die uns stets hassen, und denen, die wir hassen, mögen die Wasser feindlich werden und sie verzehren.«

9.61 Mit dieser Formel wirft man die Tropfen nach Nordosten, legt das Gras weg und bittet mit gefalteten Händen den Träger der Opfergaben:

9.62 »Schenke mir Einsicht, Wissen, Kraft, Gedächtnis, Weisheit, Vertrauen, guten Ruf, Gedeihen, Gesundheit, Glanz und langes Leben!«

9.63 Nach dieser Bitte entlässt man das Feuer mit folgender Formel.

9.64 »Opfer, gehe zum Herrn des Opfers! Feuer, gehe zum Opfer! Opferherr, kehre in deinen Ursprung zurück und erfülle unser Herzensanliegen!«

9.65 Mit »Agni, vergib! Svaha« gibt man nördlich des Feuers eine Joghurtgabe und bewegt das Feuer nach Süden.

9.66 Man gibt dem Brahma-Priester seinen Lohn, verneigt sich und entlässt ihn. Mit der Asche am Opferlöffel zeichnet man ein Stirnzeichen.

9.67 Mit Maya- und Kama-Bija sowie »Sei der Stifter allen Friedens« wird das Zeichen angebracht.

9.68 »Friede und Heil seien durch die Gnade Indras, Agnis, der Maruts, Brahmas, der Vasus, Rudras und Prajapatis!«

9.69 Mit dieser Formel trägt man eine Blüte auf dem Kopf und gibt nach Vermögen die Gaben für Feueropfer und Hauptritus.

9.70 So ist die allgemeine Kushandika erklärt; Kula-Praktizierende wenden sie sorgfältig am Anfang glückverheißender Handlungen an.

9.71 Wo die eigene Familienüberlieferung Charu als Bestandteil des Hauptritus vorsieht, folgt dessen Zubereitung zur Vollendung der Handlung.

9.72 Das Charu-Gefäß sei aus Kupfer oder Ton.

9.73 Nachdem die Kushandika bis zur Reinigung der Opfermittel vollzogen ist, stellt man das Gefäß vor sich.

9.74 Man prüft es auf Unversehrtheit und legt einen handspannenlangen reinen Kusha-Halm hinein.

9.75 Reis wird neben dem Opferplatz bereitgestellt. Für jede Gottheit, die im jeweiligen Ritus zu verehren ist,

9.76 spricht man ihren Namen im Dativ und nacheinander: »Dich als ihr wohlgefällig nehme ich, lege ich ein, besprenge ich.«

9.77 So nimmt man für jede Gottheit vier Handvoll Reis, legt sie in den Topf und besprengt sie mit Wassertropfen.

9.78 Milch und Zucker werden hinzugefügt; auf dem geweihten Feuer kocht man alles aufmerksam nach der Zubereitungsvorschrift.

9.79 Ist es weich und gar, gibt man einen Löffel Ghee hinzu.

9.80 Man stellt das Gefäß nördlich des Feuers auf Kusha-Gras, fügt nochmals dreimal Ghee hinzu und bedeckt es mit Gras.

9.81 Mit Ghee als Unterlage nimmt man etwas Charu auf den Löffel und vollzieht das kniende Opfer.

9.82 Nach dem Dhara-Homa opfert man mit den Mantras der im Hauptritus vorgesehenen Gottheiten.

9.83 Danach schließen Svishtakrit, Sühnegaben und die Abschlussriten die Handlung ab.

9.84 Diese Vorschrift gilt bei Sakramenten und Einsetzungen und ist zur Vollendung vor heilsamen Hauptriten auszuführen.

9.85 Nun folgen die Handlungen von der Empfängnisweihe an. Zuerst erläutere ich die Weihe der fruchtbaren Zeit.

9.86 Nach den Tagespflichten verehrt man gereinigt die fünf Gruppen: Brahma, Durga, Ganesha, Planeten und Richtungshüter.

9.87 Östlich des Opferplatzes verehrt man sie in Krügen; danach die sechzehn Mütter von Gauri an.

9.88 Gauri, Padma, Shachi, Medha, Savitri, Vijaya, Jaya, Devasena, Svadha, Svaha, Shanti, Pushti, Dhriti, Kshama, die eigene Gottheit und die Familiengottheit.

9.89 »Alle Mütter, die ihr die Götter erfreut, kommt! Lasst alle ersehnten Früchte von Hochzeit, Weihe und Opfer entstehen!«

9.90 »Auf euren kraftvollen Fahrzeugen, stets von milder Gestalt, kommt, ihr Mütter, zum Gedeihen dieses Opferfestes!«

9.91 Nach Herbeirufung und Verehrung zeichnet man am Türbereich in Nabelhöhe auf einer Handspanne fünf oder sieben Punkte aus Zinnober und Sandelholz.

9.92 Unter Kama-, Maya- und Rama-Bija lässt man zu jedem Punkt einen ununterbrochenen Ghee-Strom fließen und verehrt Vasu.

9.93 Nach dieser Vasudhara errichtet man nach der beschriebenen Weise Opferplatz und Feuer, reinigt die Mittel und bereitet das vorzügliche Charu.

9.94 Das Charu gehört Prajapati; das Feuer heißt Vayu. Nach dem Dhara-Homa beginnt die Weihe der fruchtbaren Zeit.

9.95 Mit »Hrim prajapataye svaha« gibt man drei Charu-Gaben, danach eine mit folgender Formel:

9.96 »Vishnu bereite den Schoß, Tvashtar forme die Gestalt, Prajapati gieße den Samen ein, Dhatar setze dir die Leibesfrucht ein!«

9.97 Mit Ghee, Charu oder beiden opfert man, Sonne, Prajapati und Vishnu vergegenwärtigend.

9.98 »Sinivali, setze die Leibesfrucht ein! Sarasvati, setze sie ein! Die beiden lotusbekränzten Ashvins mögen dir die Leibesfrucht einsetzen!«

9.99 Sinivali, Sarasvati und die Ashvins vergegenwärtigend, bringt man mit dieser Formel und »svaha« eine Gabe dar.

9.100 Mit Kama-, Vadhu-, Maya-, Rama- und Kurcha-Bija sowie »Setze dieser nach einem Sohn verlangenden Frau eine Leibesfrucht ein, svaha« opfert man unter der Vorstellung von Sonne und Vishnu.

9.101 »Wie diese Göttin Erde ausgestreckt die Leibesfrucht aufnahm, so empfange du sie zur Geburt im zehnten Monat.« Mit »svaha« und der Vorstellung Vishnus folgt eine Gabe.

9.102 »Vishnu, setze durch deine höchste Gestalt in diese Frau einen vortrefflichen Sohn ein, svaha.« Mit erneutem Ghee opfert man an den höchsten Vishnu.

9.103 Man spricht Maya von Kama umschlossen, Vadhu von Maya umschlossen, nochmals Kama und Maya, und berührt ihren Kopf.

9.104 Umgeben von Frauen, deren Ehemänner und Söhne leben, berührt der Gatte mit beiden Händen ihren Kopf und legt in ihren Schoß

9.105 drei Früchte, wobei er Vishnu, Durga, Brahma und Sonne vergegenwärtigt. Svishtakrit und Sühneritus schließen ab.

9.106 Oder beide Ehepartner werden durch abendliche Verehrung Gauris und Shankaras und eine Arghya-Gabe an die Sonne geweiht.

9.107 Damit ist die Weihe der fruchtbaren Zeit erklärt; höre nun die Empfängnisweihe.

9.108 In jener oder einer anderen geradzahligen Nacht begibt man sich mit der Ehefrau ins Hausinnere und meditiert über Prajapati.

9.109 Sie berührend, spricht der Gatte mit Maya-Bija: »Lagerstätte, sei uns zur guten Nachkommenschaft heilbringend!«

9.110 Mit der Frau besteigt er das Bett, sitzt nach Osten oder Norden, legt eine Hand auf ihren Kopf, umfasst sie links und spricht an den jeweiligen Körperstellen die Mantras.

9.111 Am Kopf hundertmal Kama, am Kinn hundertmal Vagbhava, an der Kehle zwanzigmal Rama und an beiden Brüsten jeweils hundertmal.

9.112 Am Herzen zehnmal Maya, am Nabel fünfundzwanzigmal; an der Yoni wiederholt er Kama und Vagbhava

9.113 einhundertachtmal und ebenso am eigenen Linga. Mit Maya-Bija leitet er zur Vereinigung über, um ein Kind zu zeugen.

9.114 Beim Samenerguss denkt der Gatte an den Weltschöpfer und gibt den Samen in den als Bewusstseins-Feuergrube gedachten Schoß unterhalb des Nabels.

9.115 Nach dem Samenerguss spricht er folgenden Mantra:

9.116 »Wie die Erde das Feuer, der Himmel den Donnerkeilträger und die Richtungen den Wind in sich tragen, so werde du schwanger!«

9.117 Nach eingetretener Schwangerschaft vollzieht der Hausvater im dritten Schwangerschaftsmonat Pumsavana.

9.118 Nach den Tagespflichten verehrt er die fünf Gottheitsgruppen und die Mütter von Gauri an und bereitet die Vasudhara.

9.119 Nach dem Zuwachs-Ahnenritus und den Handlungen bis zum Dhara-Homa beginnt Pumsavana.

9.120 Das Charu gehört Prajapati; das Feuer heißt Chandra.

9.121 In Kuhmilchjoghurt legt man ein Gerstenkorn und zwei schwarze Bohnen. Dreimal fragt der Ehemann: »Was trinkst du, Liebe?«

9.122 Dreimal antwortet sie mit Maya-Bija und »Pumsavana« und trinkt drei kleine Portionen des Joghurts mit Gerste und Bohnen.

9.123 Frauen mit lebenden Kindern führen sie zum Opferplatz; links vom Gatten sitzend nimmt sie am Charu-Opfer teil.

9.124 Nach dem Aufnehmen des Charu spricht man Maya- und Kurcha-Bija: »Alle, die die Schwangerschaft behindern oder zerstören,

9.125 Bhutas, Pretas, Pishachas und kinderbedrohende Vetalas: Vernichte sie, vernichte sie! Schütze die Leibesfrucht! Svaha.«

9.126 Das Feuer als Abwehr schädlicher Mächte und Rudra und Prajapati vergegenwärtigend, gibt man zwölf Gaben mit dieser Formel.

9.127 Fünf weitere mit »Hrim chandramase svaha« folgen; dann berührt man das Herz der Frau und wiederholt Maya und Lakshmi hundertmal.

9.128 Nach Svishtakrit und Sühne endet der Ritus. Im fünften Monat gibt man der Frau Panchamrita.

9.129 Zucker, Honig, Milch, Ghee und Joghurt zu gleichen Teilen heißen die fünf Nektare und werden zur rituellen Reinigung verwendet.

9.130 Die genannten Bijas – Vagbhava, Madana, Lakshmi, Maya, Kurcha und Purandara – werden je fünfmal über den fünf Stoffen gesprochen; dann vermischt und reicht der Gatte sie seiner Frau. [Sechs Namen stehen fünf Stoffen gegenüber; die Zuordnung bleibt unklar.]

9.131 Die Scheitelungsweihe vollzieht man im sechsten oder achten Monat; sie kann bis zur Geburt vorgenommen werden.

9.132 Nach den Vorriten sitzt man mit der Frau und gibt drei Gaben an Vishnu, Sonne und Dhatar, jeweils mit »svaha«.

9.133 Über Chandra meditierend, bringt man im Shiva genannten Feuer sieben Gaben an Soma dar.

9.134 Danach je fünf an die Ashvins, Indra, Vishnu, Shiva, Durga und Prajapati.

9.135 Der Gatte nimmt rechts einen goldenen Kamm und führt ihn vom Scheitel bis zum gebundenen Haar,

9.136 wobei er Shiva, Vishnu und Brahma vergegenwärtigt und Maya-Bija spricht.

9.137 »Liebe, heilvolle, gesegnete Frau, mögest du im zehnten Monat durch die Gnade des Weltschöpfers glücklich gebären!

9.138 Dieser lebenspendende, glanzvolle Kamm bringe dir Heil.« Svishtakrit und weitere Schlussriten beenden die Handlung.

9.139 Nach dem Anblick des neugeborenen Kindes gibt man Gold als Gabe und vollzieht im Haus die Vorriten bis zum Dhara-Homa.

9.140 Fünf Gaben folgen an Agni, Indra, Prajapati, die Allgötter und Brahma.

9.141 In einer Bronzeschale mischt man Honig und Ghee in ungleichen Anteilen, spricht hundertmal Vagbhava und gibt dem Kind davon.

9.142 Mit dem rechten Ringfinger und den Worten: »Leben, Glanz, Kraft und Einsicht mögen stets in dir wachsen, Kind!«

9.143 Nach diesem Lebenssegen bestimmt man einen geheimen Namen, mit dem man den Sohn nach seiner Schülerweihe anspricht.

9.144 Nach Sühne und Abschluss des Geburtsritus durchtrennt die Hebamme die Nabelschnur.

9.145 Solange diese nicht durchtrennt ist, gilt die Geburtsunreinheit noch nicht; Götter- und Ahnenriten werden deshalb vorher vollzogen.

9.146 Für ein Mädchen erfolgen diese Handlungen ohne die Mantras. Im sechsten oder achten Monat wird der öffentliche Name gegeben.

9.147 Die Mutter badet und kleidet das Kind, bringt es zum Vater und setzt es ostwärts gewandt vor ihn.

9.148 Mit Wasser, in dem Gold und Kusha liegen, besprengt man seinen Kopf: »Ganga, Yamuna, Reva, die reine Sarasvati,

9.149 Narmada, Varada, Kunti, Meere und Seen mögen dich zur Erfüllung von Dharma, Begehren und Wohlstand weihen!«

9.150 Hrim. Ihr Wasser seid Freudenbringer; verleiht uns Kraft und große, freudige Schau!

9.151 Hrim. Lasst uns an eurem heilsamsten Saft teilhaben wie liebevolle Mütter!

9.152 Hrim. Zu jener Wohnstatt möchten wir gelangen, zu der ihr uns stärkt; ihr Wasser, lasst uns neu entstehen!

9.153 Nach der Besprengung mit diesen drei Mantras weiht man das Feuer wie zuvor und gibt nach dem Dhara-Homa fünf Gaben.

9.154 An Agni, Indra, Prajapati, die Allgötter und Brahma werden sie im Parthiva genannten Feuer dargebracht.

9.155 Dann nimmt man das Kind in den Schoß und spricht ihm ins rechte Ohr einen kurzen, leicht aussprechbaren, glückverheißenden Namen.

9.156 Dreimal lässt man den Namen hören, teilt ihn den Brahmanen mit und schließt durch Svishtakrit und weitere Riten ab.

9.157 Für Mädchen entfallen nach dieser Ordnung das erste rituelle Hinaustragen und der Zuwachs-Ahnenritus; Namensgebung, erste Nahrung und Haarschur geschehen ohne Mantras.

9.158 Das erste Hinaustragen des Kindes erfolgt im vierten oder sechsten Monat.

9.159 Nach Tagespflichten und Ganesha-Verehrung badet man das Kind, schmückt es mit Kleidung und Schmuck, setzt es vor sich und spricht:

9.160 »Brahma, Vishnu, Shiva, Durga, Ganesha, Sonne, Indra, Vayu, Kubera, Varuna, Agni und Brihaspati mögen dem Kind Heil bringen und es auf allen Wegen schützen!«

9.161 Mit Musik und Gesang trägt man das Kind hinaus, begleitet von freudigen Angehörigen.

9.162 Nach einer kurzen Wegstrecke zeigt man dem Kind die Sonne.

9.163 Hrim. Jenes göttliche Auge steigt leuchtend vor uns auf. Mögen wir hundert Herbste sehen, hundert Herbste leben!

9.164 Danach kehrt der Vater heim, gibt der Sonne Arghya und bewirtet die Angehörigen.

9.165 Im sechsten oder achten Monat vollzieht der Vater oder väterliche Onkel die erste feste Speise.

9.166 Nach Götterverehrung, Feuerweihe und Vorriten bis zum Dhara-Homa

9.167 gibt man im Shuchi genannten Feuer fünf Gaben, zuerst an Agni, dann an Indra,

9.168 danach an Prajapati, die Allgötter und als fünfte an Brahma.

9.169 Nach fünf weiteren Gaben an die Nahrungsschenkerin nimmt der Vater das geschmückte Kind am Opferort oder in einem anderen Raum in den Schoß und reicht Milchreis.

9.170 Mit den Mantras der fünf Lebenswinde gibt er fünf kleine Portionen, danach etwas Reis und Beikost.

9.171 Unter Muschelklang und Musik schließen die Sühneriten ab. Damit ist die erste Speisung erklärt; höre die Haarschur.

9.172 Nach Familientradition erfolgt sie im dritten oder fünften Lebensjahr zur Vollendung der Kindheitsweihe.

9.173 Nach den Vorriten bis zum Dhara-Homa stellt man nördlich des Satya genannten Feuers

9.174 eine Schale mit Stiermist, Sesam und Weizen bereit, dazu lauwarmes Wasser und ein gut geschärftes Rasiermesser.

9.175 Der Vater setzt das Kind links von sich in den Schoß der Mutter und befeuchtet mit dem lauwarmen Wasser

9.176 unter zehn Wiederholungen des Wasser-Bijas sein Haar. Mit Maya-Bija und zwei Kusha-Halmen fasst er eine Haarsträhne zusammen.

9.177 Nach dreimaligem Maya- und Lakshmi-Bija schneidet er sie mit dem eisernen Messer an der Wurzel ab und legt sie in die Hand der Mutter.

9.178 Sie legt die Strähne in die Schale mit dem Kuhmist. Der Vater spricht zum Barbier:

9.179 »Rasierkundiger, vollziehe die Haarschur des Kindes schonend, svaha.« Den Barbier anblickend, gibt er drei Gaben an Prajapati im Satya-Feuer.

9.180 Nach der Schur badet man das Kind, schmückt es mit Gewand, Schmuck und Girlanden und setzt es nahe beim Feuer

9.181 links vom Vater. Dieser vollzieht Svishtakrit, Sühne und die vollständige Schlussgabe.

9.182 Mit »Hrim, der allgegenwärtige Weltschöpfer bringe dir Heil, Kind« erfolgt die Ohrdurchstechung mit einem goldenen, silbernen oder eisernen Stift.

9.183 Mit »Ihr Wasser seid Freudenbringer« wird das Kind besprengt; Friedensriten und Gaben schließen die Haarschur ab.

9.184 Von der Empfängnisweihe bis zur Haarschur gelten die Handlungen für alle Stände; Shudras und der allgemeine Stand vollziehen sie ohne die besonderen Mantras.

9.185 Für Mädchen gelten in allen fünf Ständen die Handlungen von Geburt bis Haarschur ebenfalls ohne Mantras und ohne das besondere Hinaustragen.

9.186 Nun folgt die Schülerweihe der Zweimalgeborenen, durch die sie Berechtigung zu Götter- und Ahnenriten erlangen.

9.187 Sie erfolgt im achten Jahr seit Empfängnis oder Geburt. Nach dem sechzehnten soll diese Weihe nicht mehr geschehen; der Betreffende bleibt ohne die entsprechende Ritualberechtigung.

9.188 Nach Tagespflichten verehrt man die fünf Gottheitsgruppen und die Mütter und vollzieht die Vasudhara.

9.189 Danach folgt das Zuwachs-Shraddha zur Freude von Göttern und Ahnen sowie Kushandika bis zum Dhara-Homa.

9.190 Der Junge hat morgens gegessen, ist gebadet, geschmückt, bis auf die Haarlocke geschoren und mit Leinen bekleidet.

9.191 Er wird in den Schattenpavillon geführt und links vom Lehrer nahe dem Samudbhava-Feuer auf einen reinen Sitz gesetzt.

9.192 Der Lehrer sagt: »Mein Kind, übe Brahmacharya.« Der Junge antwortet: »Ich übe Brahmacharya.«

9.193 Freundlich gibt der Lehrer dem ruhigen Jungen zwei ockerfarbene Gewänder für langes Leben und Glanz.

9.194 Schweigend gibt er ihm einen dreifachen, geknoteten Gürtel aus Munja- oder Kusha-Gras.

9.195 Mit Maya-Bija und »Der glückverheißende Gürtel bringe Heil« bindet der Junge ihn um und steht schweigend vor dem Guru.

9.196 Die heilige Schnur ist höchste Reinheit, ursprünglich mit Brihaspati geboren. Lege diese vorzügliche, leuchtende, lebensfördernde Schnur an; sie sei dir Kraft und Glanz!

9.197 Mit dieser Formel erhält der Junge die Schnur samt schwarzem Antilopenfell und einen Stab aus Bambus, Khadira, Palasha oder einem milchsaftführenden Baum.

9.198 Mit »Ihr Wasser seid Freudenbringer«, von Maya-Bija umschlossen, besprengt man ihn dreimal mit Kusha-Wasser und füllt seine gefalteten Hände.

9.199 Während er das Wasser der Sonne darbringt, zeigt der Guru ihm diese mit der Formel »Jenes Auge«.

9.200 Danach spricht der Lehrer: »Richte deinen Geist auf mein Gelübde. Ich gebe dir meinen Geist. Nimm meine Worte mit ungeteiltem Herzen an, mein Kind; Heil sei dir!«

9.201 Sein Herz berührend, fragt er: »Wie heißt du?« Der Schüler nennt seinen Namen und sagt: »Ich grüße dich ehrerbietig.«

9.202 Auf die Frage »Wessen Schüler bist du?« antwortet er aufmerksam: »Ich bin dein Schüler.«

9.203 »Du bist Indras Schüler; Agni ist dein Lehrer.« Dann vertraut der Guru ihn den Göttern an.

9.204 »Ich übergebe dich Prajapati, Savitar, Varuna, der Erde, den Allgöttern und allen Gottheiten. Sie mögen dich stets schützen.«

9.205 Der Junge umschreitet Feuer und Guru rechtsherum und nimmt wieder seinen Sitz ein.

9.206 Vom Schüler berührt, gibt der Guru fünf Gaben an die fünf Gottheiten im Samudbhava-Feuer:

9.207 Prajapati, Indra, Vishnu, Brahma und Shiva.

9.208 Ihre Namen mit Maya am Anfang und »svaha« am Ende bilden die Formeln; so gilt es überall, wo kein besonderer Mantra genannt ist.

9.209 Danach opfert man Durga, Mahalakshmi, Sundari, Bhuvaneshvari, den zehn Richtungshütern und neun Planeten.

9.210 Mit den jeweiligen Namen vollzieht man die Gaben, bedeckt den Jungen mit einem Tuch und fragt: »Welchen Lebensstand suchst du, mein Kind? Sage, was dein Herz wünscht.«

9.211 Die Füße des Gurus ergreifend, bittet der Schüler: »Führe mich durch Unterweisung in Brahman-Wissen in den Lebensstand ein.«

9.212 Dreimal spricht ihm der Guru den alle Mantras umfassenden Pranava ins rechte Ohr, dann die drei Vyahritis und die Savitri.

9.213 Als Seher wird Sadashiva, als Versmaß Trishtubh und als Gottheit Savitri genannt; die Anwendung dient der Befreiung. [Die traditionelle metrische Einordnung der zitierten Savitri ist Gayatri; hier wird die Angabe des Grundtextes bewahrt.]

9.214 Zuerst »tat savitur varenyam«, danach »bhargo devasya dhimahi«,

9.215 dann »dhiyo yo nah prachodayat«. Nach erneutem Pranava erklärt der Guru die Bedeutung.

9.216 Der dreilautige Pranava bezeichnet den höchsten Herrn jenseits der Prakriti, Erhalter, Auflöser und Schöpfer.

9.217 Als Selbst der drei Welten durchdringt er die drei Gunas. Deshalb bezeichnen die drei Vyahritis das alles umfassende Brahman.

9.218 Dasselbe, worauf Pranava und Vyahritis weisen, ist durch die Savitri zu erkennen: das große innere Licht des strahlenden Weltschöpfers,

9.219 das die Selbstbeherrschten erwählen. Über diese höchste, ewige, allgegenwärtige Wahrheit meditieren wir.

9.220 Möge jener Glanz, der allbezeugende Herr, unseren Geist, Verstand und unsere Sinne zu Dharma, Wohlstand, Erfüllung und Befreiung anregen!

9.221 Nach dieser bedeutungsvollen Unterweisung in Brahman-Wissen weist der Guru den Schüler in die Pflichten des Hauslebens ein.

9.222 »Mein Kind, lege nun die Tracht des Schülerstandes ab und verehre Götter und Ahnen auf Shambhus Weg.

9.223 Durch die Brahman-Unterweisung ist dein Körper geheiligt; du hast Zugang zum Hausstand. Erfülle dessen Pflichten.

9.224 Nimm zwei heilige Schnüre, schöne Gewänder, Schmuck, Schuhe, Schirm, Duft, Girlanden und Salben an.«

9.225 Ockergewand, Antilopenfell, bisherige Schnur, Gürtel, Stab und Bettelschale

9.226 sowie die vorschriftsmäßig gesammelten Almosen gibt der Schüler dem Guru; er legt zwei reine Schnüre und gute Gewänder an.

9.227 Duft und Girlanden tragend, steht er schweigend vor dem Lehrer, der zum nunmehrigen Hausstandsanwärter spricht:

9.228 »Beherrsche die Sinne, sprich die Wahrheit, widme dich Brahman-Erkenntnis. Vollziehe Studium und Lebenspflichten rechtschaffen.«

9.229 Dann lässt der Lehrer ihn im Samudbhava-Feuer mit den drei Vyahritis, Maya am Anfang und Pranava am Ende,

9.230 dreimal opfern, vollzieht Svishtakrit und die Schlussgabe und beendet die Weihe.

9.231 Die neun Sakramente von der Zeugungsweihe bis zur Schülerweihe vollzieht der Vater; die Hochzeit kann durch ihn oder den Betroffenen selbst verwirklicht werden.

9.232 Am Hochzeitstag badet man, erfüllt die Tagespflichten, verehrt die fünf Gottheitsgruppen und die Mütter, vollzieht Vasudhara und Zuwachs-Shraddha.

9.233 Abends wird der zugesagte Bräutigam mit Gesang und Musik in den Pavillon geführt und auf einen guten Sitz gesetzt,

9.234 nach Osten gewandt; der Brautgeber sitzt westwärts. Nach Achamana spricht man mit den Brahmanen Segenswünsche.

9.235 Der Brautgeber fragt nach seinem Wohlergehen und der Erlaubnis zur Verehrung; nach der Antwort verehrt er ihn mit Fußwasser und weiteren Gaben.

9.236 Mit »Ich bringe dar« übergibt er die Gegenstände, Fußwasser an die Füße, Arghya ans Haupt,

9.237 Mundspülwasser, Duft, Girlande, zwei Gewänder, Schmuck, Juwelen und eine heilige Schnur.

9.238 In einer Bronzeschale werden Joghurt, Ghee und Honig vermischt und als Madhuparka mit »Ich bringe dar« in seine Hand gegeben.

9.239 Der Bräutigam hält die Schale links und berührt mit rechtem Daumen und Ringfinger die Gabe unter den Mantras der Lebenswindopfer.

9.240 Er riecht fünfmal daran und stellt die Schale nach Norden; danach erhält er erneut Mundspülwasser.

9.241 Mit Durva-Gras und Reiskörnern berührt der Brautgeber das rechte Knie des Bräutigams, gedenkt Vishnus und nennt nach »Tat Sat« Monat, Monatshälfte und Mondtag.

9.242 Er nennt Anlass und Absicht sowie Familie, Seherlinie und Namen der Vorfahren des Bräutigams vom Urgroßvater an,

9.243 jeweils im Genitiv bis zum Vater, dann den Bräutigam selbst im Akkusativ mit seinen Angaben.

9.244 Entsprechend nennt er die Braut und sagt: »Um sie in Brahma-Ehe zu geben, erwähle ich dich.«

9.245 Der Bräutigam antwortet: »Ich bin erwählt.« Auf »Vollziehe die Hochzeit nach Vorschrift« erwidert er: »Ich werde es nach meinem Wissen tun.«

9.246 Die bekleidete und geschmückte Braut wird herbeigeführt und hinter einem Tuch vor den Bräutigam gestellt.

9.247 Nach erneuter Verehrung des Bräutigams mit Gewändern und Schmuck legt man ihre Hand in seine rechte Hand.

9.248 Dazwischen gibt man fünf Juwelen oder Früchte und Betel; die verehrte Tochter wird dem geeigneten Bräutigam anvertraut.

9.249 Wieder nennt man drei Ahnengenerationen, Anlass und eigenen Wunsch, dann den Bräutigam im Dativ,

9.250 die Braut im Akkusativ als verehrt, geschmückt und bekleidet, mit Prajapati als Gottheit der Übergabe.

9.251 »Dir gebe ich sie.« Der Bräutigam nimmt mit »Heil!« an. Der Brautgeber spricht:

9.252 »In Dharma, Wohlstand und Liebe sollst du mit deiner Frau gemeinsam leben.« Der Bräutigam bejaht und rezitiert den Lobpreis des Begehrens.

9.253 »Kama ist Geber und Empfänger; dem Begehren wurde die Geliebte gegeben. Mit Liebe nehme ich dich an; unser beider Wunsch sei erfüllt.«

9.254 Der Brautgeber spricht zu beiden: »Durch Prajapatis Gnade erfülle sich euer Wunsch; Heil sei euch! Bewahrt gemeinsam den Dharma.«

9.255 Unter einem Tuch und mit Segenssprüchen lässt er Braut und Bräutigam einander glückverheißend anschauen.

9.256 Dem Bräutigam gibt er nach Vermögen Gold und Juwelen und erklärt den Ritus für vollständig.

9.257 In derselben Nacht oder am Tag setzt der Bräutigam mit seiner Frau das Feuer nach der Kushandika-Vorschrift ein.

9.258 Es heißt Yojaka; das Charu gehört Prajapati. Nach dem Dhara-Homa gibt der Bräutigam fünf Gaben.

9.259 Je eine an Shiva, Durga, Vishnu, Brahma und Indra, jede Gottheit einzeln vergegenwärtigend.

9.260 Er nimmt ihre beiden Hände: »Ich ergreife deine Hand, Gesegnete. Sei Guru und Gottheiten ergeben und erfülle mit mir die häuslichen Pflichten nach dem Dharma.«

9.261 Mit Ghee vom Ehemann und geröstetem Reis vom Bruder gibt die Braut vier Gaben an Prajapati.

9.262 Beide stehen auf und umschreiten das Feuer rechtsherum; je dreimal wird an die Paare Durga-Shiva, Lakshmi-Vishnu und Brahmi-Brahma geopfert.

9.263 Steinbesteigung, Betreten des Kreises und die sieben Schritte erfolgen ohne besondere Mantras. Bei Nacht zeigt man mit den Frauen den Polarstern und Arundhati.

9.264 Wieder sitzend, beendet der Bräutigam die Handlung mit Svishtakrit und vollständiger Schlussgabe.

9.265 Die Brahma-Ehe gilt als fehlerfrei mit einer Frau desselben Standes, aber anderer Gotra und ohne verbotene Blutsverwandtschaft, nach Familientradition.

9.266 Die so Vermählte ist die Hauptgemahlin und Hausherrin; ohne ihre Zustimmung soll keine weitere Brahma-Ehe geschlossen werden.

9.267 Solange ihre Nachkommen beziehungsweise deren Linie bestehen, haben Kinder einer Shaiva-Ehe nach dieser Ordnung kein Erbrecht am Hauptnachlass.

9.268 Die Shaiva-Gemahlin und ihre Nachkommen erhalten jedoch entsprechend dem Vermögen Kleidung und Nahrung von den Erben.

9.269 Zwei Shaiva-Ehen werden im Kula-Kreis gelehrt: eine für die Dauer des Kreises und eine auf Lebenszeit.

9.270 Im Kreis vollzieht der Vira inmitten seiner Mitübenden die Verbindung nur nach beiderseitigem Wunsch.

9.271 Er erklärt den Bhairavis und Viras: »Stimmt unserer Shaiva-Verbindung zu.«

9.272 Nach ihrer Zustimmung wiederholt er einhundertachtmal den siebensilbigen Mantra und verneigt sich vor der höchsten Kalika.

9.273 Vor den Kaulas bittet er die Frau: »Erwähle mich mit aufrichtigem Herzen zu deinem Gatten.«

9.274 Sie erwählt ihn mit Duft, Blüten und Reis und legt vertrauensvoll ihre Hände auf die seinen.

9.275 Der Kreisleiter besprengt das Paar mit der folgenden Formel; die Kaulas sprechen ehrerbietig »Heil!«

9.276 Rajarajeshvari, Kali, Tarini, Bhuvaneshvari, Bagala, Kamala, Nitya und Bhairavi mögen euch beschützen!

9.277 Zwölfmal wird mit Honigtrank oder Arghya-Wasser besprengt; dem verneigten Paar werden Vagbhava- und Rama-Bija mitgeteilt.

9.278 Was beide vereinbart haben, müssen sie nach Shambhus Vorschrift sorgfältig einhalten.

9.279 Bei der Shaiva-Ehe werden Alter und Stand nicht als entsprechende Ausschlusskriterien geprüft; die Frau darf nicht in verbotener Blutsverwandtschaft stehen und keinen Ehemann haben.

9.280 Wer in einer auf den Kreis begrenzten Shaiva-Verbindung Nachkommenschaft wünscht, beachte ihre fruchtbare Zeit; nach Ende des Kreises löse er die zeitlich begrenzte Verbindung.

9.281 Kinder einer Shaiva-Ehe folgen bei Verbindung eines höherrangigen Vaters mit einer niedriger eingeordneten Mutter deren Stand; bei umgekehrter Rangfolge gelten sie als allgemeiner Stand.

9.282 Bei ihren Ahnenriten sind Speisegaben und die Bewirtung von Kaulas vorgeschrieben.

9.283 Essen und Sexualität sind Menschen von Natur aus lieb. Der Shaiva-Dharma ordnet sie, um sie zu begrenzen und zum Wohl zu wenden.

9.284 Deshalb wird man durch Befolgung dieses Dharma Herr über Dharma, Wohlstand, Erfüllung und Befreiung; anders nicht.

Ende des 9. Kapitels.

Kapitel 10 – Ahnenriten und vollständige Einweihung

Einweihung und Verehrung stehen im Zusammenhang einer überlieferten Praxis.

10.1 Die Göttin sprach: Kushandika und die zehn Sakramente habe ich gehört. Offenbare mir nun das Zuwachs-Shraddha.

10.2 Bei welchen Sakramenten und Einsetzungen sollen Kushandika und Zuwachs-Ahnenritus

10.3 vollzogen werden, bei welchen nicht? Erkläre dies zu meiner Freude und zum Heil der Lebewesen.

10.4 Sadashiva sprach: Bei den zehn Sakramenten von der Empfängnis bis zur Hochzeit ist jeweils genau beschrieben, was vorgeschrieben ist.

10.5 So sollen kundige Menschen handeln, die Heil wünschen. Höre nun die Vorschriften für andere Anlässe.

10.6 Bei der Weihe von Wasserbecken, Brunnen, Teichen, Götterbildern, Häusern und Gärten sowie bei Gelübden

10.7 sind die fünf Gottheitsgruppen und Mütter zu verehren; Vasudhara, Zuwachs-Shraddha und Kushandika gehören dazu.

10.8 Bei von Frauen veranstalteten Riten entfällt das Zuwachs-Shraddha; zur Zufriedenheit von Göttern und Ahnen geben sie eine Speisegabe.

10.9 Götter- und Mütterverehrung, Vasudhara und Kushandika lässt die Frau hingebungsvoll durch einen Ritualpriester ausführen.

10.10 Sohn, Enkel, Tochtersohn, Verwandter, Schwestersohn, Schwiegersohn oder Priester sind geeignete Stellvertreter bei Götter- und Ahnenriten.

10.11 Höre nun die genaue Darstellung des Zuwachs-Shraddha.

10.12 Nach den täglichen Pflichten verehrt man gesammelt Ganga, Vishnu als Opferherrn, den Herrn des Baugrunds und den Herrn der Erde.

10.13 Mit dem Pranava fertigt man Brahmanenfiguren aus fünf, neun, sieben oder drei Kusha-Halmen.

10.14 Die unbeschädigten Halme mit Spitzen werden zweieinhalbmal rechtsherum gewunden; die Spitzen weisen nach oben.

10.15 Für Zuwachs-Shraddha und Parvana werden sechs Figuren, für das einer einzelnen verstorbenen Person gewidmete Opfer eine verwendet.

10.16 Nach Norden gewandt legt man sie in ein Gefäß und badet sie mit folgender Formel.

10.17 Hrim. Die göttlichen Wasser seien uns zum erwünschten Heil und zum Trinken günstig; mit Heil und Frieden mögen sie uns überströmen.

10.18 Danach verehrt man die Kusha-Brahmanen mit Duft und Blüten.

10.19 Im Westen und Süden stellt man paarweise sechs Gefäße mit Darbha, Tulasi und Sesam auf.

10.20 In die beiden westlichen Gefäße setzt man die Figuren ostwärts, in die vier südlichen nordwärts gewandt.

10.21 Der Westen gehört den Göttern; die beiden südlichen Gruppen vertreten die väterlichen und mütterlichen Ahnenlinien.

10.22 Beim Zuwachs-Ritus nennt man die männlichen Ahnen »freudig zugewandt« und die weiblichen entsprechend, ebenso die mütterliche Linie.

10.23 Götterriten vollzieht man nordwärts gewandt mit Rechtswendung, Ahnenriten südwärts mit Linkswendung.

10.24 Alles beginnt mit den Göttern. Werden die weiblichen Ahnen übergangen, bleibt das Shraddha fruchtlos.

10.25 Die Erlaubnisformel für die Götter spricht man nordwärts, für beide Ahnenlinien südwärts. Höre zuerst die Götterformel.

10.26 Man nennt Zeit, Anlass und das Gedeihen der beabsichtigten Handlung,

10.27 die drei väterlichen Männer und Frauen sowie die drei mütterlichen Männer und Frauen,

10.28 jeweils mit Gotra und Namen im Genitiv, anschließend die Allgötter und das Wort »Shraddha«.

10.29 »An den beiden aus Kusha gefertigten Brahmanen werde ich es vollziehen«: So lautet die Bitte um Erlaubnis.

10.30 Für die väterliche und mütterliche Ahnenlinie lautet die Formel entsprechend, jedoch ohne Nennung der Allgötter.

10.31 Danach wiederholt man zehnmal die Gayatri als Brahman-Wissen.

10.32 Verehrung den Gottheiten, Ahnen und großen Yogis, dem Gedeihen und Svaha; möge dies immer Bestand haben!

10.33 Dreimal spricht man dies, nimmt Wasser und reinigt die Opfermittel mit »vam hum phat«.

10.34 Im Südosten stellt man ein Gefäß auf und spricht: »Schädliche Mächte abwehrender Nektar, schütze mein Opfer!« Mit Tulasi-Blättern

10.35 wird Wasser hineingegeben. Dann reicht man den Figuren in der Reihenfolge von den Göttern an Mundspülwasser und Kusha-Sitze.

10.36 Man ruft Allgötter, väterliche Männer und Frauen sowie mütterliche Männer und Frauen herbei.

10.37 Zuerst verehrt man die Allgötter, dann die jeweils drei männlichen und weiblichen Ahnen beider Linien

10.38 mit Fußwasser, Arghya, Mundspülwasser, Räucherwerk, Licht und Gewändern; danach bittet man um Erlaubnis zur Aufstellung der Speisegefäße.

10.39 Mit Maya-Bija zeichnet man ein Quadrat für die Götter und je zwei für die beiden Ahnenlinien.

10.40 Mit dem Wasser-Bija besprengt man sie und die Gefäße, stellt diese auf und verteilt darin Speisen mit Beilagen und Trinkwasser.

10.41 Honig und Gerste werden hinzugefügt, alle Speisen mit »hram hrum phat« besprengt und den Allgöttern sowie Ahnen

10.42 beider Geschlechter und Linien gewidmet; dann rezitiert man Gayatri und die Formel »Den Gottheiten« dreimal.

10.43 Es folgen die Fragen nach der Verwendung der restlichen Speise und den Reisklößen.

10.44 Nach der Zustimmung des Brahmanen formt man aus den übrigen Speisen zwölf Klöße von der Größe einer Bilva-Frucht.

10.45 Ein dreizehnter gleicher Kloß wird bereitet; im Südwesten legt man Darbha mit Gerste auf ein Mandala.

10.46 »Die in meiner Familie keine Reiskloßgaben mehr erhalten, die ohne Kinder oder Ehepartner blieben, die verbrannten oder durch Schlangen und Tiger starben,

10.47 Verwandte und Nichtverwandte sowie Verwandte früherer Leben: Sie mögen durch meine Reiskloß- und Wassergaben unvergänglich gesättigt werden!«

10.48 Nach dieser Gabe für die sonst Unversorgten wäscht man die Hände, vollzieht Achamana, rezitiert Savitri und dreimal »Den Gottheiten« und bereitet weitere Mandalas.

10.49 Vor den Gefäßen mit Speiseresten zeichnet man nach der beschriebenen Weise je zwei Mandalas für die Ahnenlinien.

10.50 Man besprengt sie, legt Kusha aus, reinigt dieses mit dem Luft-Bija und legt jeweils drei Klöße an Spitzen, Wurzeln und Mitte.

10.51 Unter individueller Anrede und Namensnennung gibt man jeden Kloß mit Gerste und Honigtrank sowie »svadha«.

10.52 Reste verteilt man um die Klöße und erfreut die nur an Resten teilhabenden Ahnen mit dem an den Händen Haftenden. Beim Einzel-Shraddha entfällt dies.

10.53 Zur Zufriedenheit von Göttern und Ahnen spricht man zehnmal Savitri, dreimal »Den Gottheiten« und verehrt die Klöße.

10.54 Man entzündet Räucherwerk und Licht, schließt die Augen und schaut die Ahnen in göttlichen Körpern die Gaben genießen. Sich verneigend, spricht man:

10.55 Mein Vater ist mein höchster Dharma, meine höchste Askese und mein Himmel. Ist er zufrieden, ist die ganze Welt zufrieden.

10.56 Nach dem Abnehmen der Opferblüten erbittet man den Segen der Ahnen.

10.57 Mitfühlende Ahnen, schenkt mir Segen! Vedenwissen, Nachkommenschaft und Angehörige mögen stets gedeihen!

10.58 Meine Beschützer mögen zunehmen; reichlich Nahrung sei mir gegeben. Mögen immer Bittende kommen, während ich niemanden anbetteln muss!

10.59 In der Reihenfolge von den Göttern an entlässt man Figuren und Reisklöße und gibt für alle drei Gruppen die vorgeschriebenen Gaben.

10.60 Zehnmal Gayatri und fünfmal »Den Gottheiten« sprechend, schaut man Feuer, Sonne und Brahmanen an und fragt mit gefalteten Händen:

10.61 »Ist dieses Shraddha vollständig geworden?« Der Brahmane antwortet: »Es ist vorschriftsmäßig ganz und vollständig geworden.«

10.62 Zur Befriedung möglicher Mängel wiederholt man zehnmal Pranava, erklärt das Ritual für vollständig und übergibt Speisen und Klöße einem Brahmanen.

10.63 Fehlt ein Brahmane, gibt man sie Rindern oder Ziegen oder übergibt sie dem Wasser. Dies ist das Zuwachs-Shraddha bei den Lebenssakramenten.

10.64 Beim Parvana-Ahnenritus bezeichnet man es ausdrücklich als Parvana.

10.65 Bei Göttereinsetzungen sowie Aufbruch zur und Rückkehr von der Pilgerfahrt wird dieser Ritus in der Parvana-Form vollzogen.

10.66 Dabei nennt man die Ahnen nicht Nandimukha; in der Formel steht »svadhayai« statt »pushtyai«.

10.67 Lebt jemand unter Vater, Großvater und Urgroßvater noch, nennt man für ihn den nächsthöheren Verstorbenen.

10.68 Leben alle drei, entfällt dieses Shraddha; sie zu erfreuen bringt die Frucht des Ahnenopfers.

10.69 Solange der Vater lebt, sind andere Shraddhas außer für Mutter, Ehefrau und dem Zuwachs-Ritus nicht vorgesehen.

10.70 Beim Einzel-Shraddha werden die Allgötter nicht verehrt; die Erlaubnisformel nennt nur den einen Verstorbenen.

10.71 Nach Süden gewandt gibt man Speise und Reiskloß; Sesam ersetzt Gerste, alles andere bleibt wie zuvor.

10.72 Beim Preta-Shraddha entfallen Ganga und die übrigen vorbereitenden Verehrungen; der Verstorbene wird in Widmung, Speise- und Kloßgabe als Preta genannt.

10.73 Ein einer Person gewidmetes Shraddha heißt Ekoddishta. Für den Preta fügt man Speise und Kloß Fisch und Fleisch hinzu.

10.74 Das Shraddha am zweiten Tag nach Ende der Trauerunreinheit heißt Preta-Shraddha.

10.75 Abgesehen von Fehl- und Totgeburt richtet sich die rituelle Unreinheitszeit bei Geburt und Tod nach der Familientradition.

10.76 Für die drei zweimalgeborenen Stände gelten zehn, zwölf beziehungsweise fünfzehn Tage, für Shudras und den allgemeinen Stand ein Monat.

10.77 Beim Tod nicht eng blutsverwandter Angehöriger gelten drei Nächte, ebenso bei verspäteter Nachricht vom Tod eines nahen Blutsverwandten.

10.78 Während der Unreinheitszeit sind Götter- und Ahnenriten nicht zulässig, außer Kula-Verehrung und bereits begonnenen Riten.

10.79 Verstorbene über fünf Jahre werden am Verbrennungsplatz verbrannt. Eine Kula-Frau darf nicht zusammen mit ihrem Mann verbrannt werden.

10.80 Jede Frau ist deine Gestalt in verhüllter Erscheinung. Wer aus Verblendung den Scheiterhaufen des Ehemanns besteigt, gelangt nach dieser Lehre in die Hölle.

10.81 Brahman-Mantra-Verehrer werden ihrem eigenen Wunsch entsprechend dem Wasser übergeben, begraben oder verbrannt.

10.82 An heiliger Stätte, bei der Göttin oder nahe bei Kula-Praktizierenden zu sterben gilt als günstig.

10.83 Wer beim Sterben allein die eine Wahrheit vergegenwärtigt und die drei Welten vergisst, bleibt in seinem eigenen Wesen gegründet.

10.84 Man bringt den Leichnam zum Verbrennungsplatz, badet ihn, bestreicht ihn mit Ghee und legt ihn mit dem Kopf nach Norden auf den Scheiterhaufen.

10.85 Unter Nennung von Gotra und Preta-Namen gibt man einen Reiskloß an den Mund und entzündet unter dem Feuer-Mantra den Scheiterhaufen.

10.86 Der Kloß wird aus gekochtem Reis, Reiskörnern oder Gersten- beziehungsweise Weizenmehl bereitet, etwa amlagroß.

10.87 Unter vorhandenen Söhnen ist der älteste zum Shraddha berechtigt; fehlt er, folgen die anderen nach Alter und Verwandtschaft.

10.88 Am Abschluss der Unreinheitszeit badet man und gibt Sesam und Gold, damit der Verstorbene aus dem Preta-Zustand frei werde.

10.89 Ein guter Nachkomme gibt Rind, Land, Kleidung, Fahrzeug, Metallgefäße und vielerlei Speise für den Himmelsweg des Verstorbenen.

10.90 Duft, Girlanden, Früchte, Wasser, ein angenehmes Bett und alles, was ihm lieb war, werden zu seinem Heil gespendet.

10.91 Ein mit Dreizackzeichen und Gold geschmückter Stier wird für seinen Himmelsweg freigelassen.

10.92 Nach hingebungsvollem Preta-Shraddha bewirtet man Brahmankenner, Brahmanen, Kaulas und Hungernde.

10.93 Wer große Gaben nicht leisten kann, vollziehe Shraddha nach Vermögen und speise Hungernde; auch so befreie er den Vater aus dem Preta-Zustand.

10.94 Dieses erste Einzel-Shraddha bewirkt die Lösung aus dem Preta-Zustand. Jährlich am Todestag wird dem Verstorbenen Speise gegeben.

10.95 Wozu viele Vorschriften und Handlungen? Durch die Verehrung von Kaulas erlangt der Mensch alle Vollendung.

10.96 Bei Sakramenten und anderen Riten kann allein die Kaula-Verehrung die vollständige Frucht gewähren, auch ohne Feueropfer, Japa oder Shraddha.

10.97 Glückverheißende Handlungen vollziehe man vom vierten Tag der hellen bis zum fünften Tag der dunklen Mondhälfte.

10.98 Unaufschiebbare Handlungen dürfen mit Zustimmung von Guru, Priester oder Kaula auch an sonst ungünstigen Tagen geschehen.

10.99 Vor Baubeginn, Einzug, Reise und Anlegen von Juwelen verehrt der Kaula Adya mit den fünf Tattvas.

10.100 Für eine kurze Reise genügt es, an die Göttin und den Mantra zu denken, sich zu verneigen und dann aufzubrechen.

10.101 Bei Götterverehrungen und Herbstfesten richtet man Meditation und Puja nach der jeweiligen Ritualordnung.

10.102 Opfergabe und Feueropfer folgen der Adya-Puja; Kaula-Verehrung und Gaben schließen ab.

10.103 Allgemein verehrt man zuerst Ganga, Vishnu, Shiva, Sonne und Brahma, danach die eigentlich beabsichtigte Gottheit.

10.104 Der Kaula gilt als höchster Dharma, höchste Gottheit und höchste Pilgerstätte; deshalb soll man ihn stets ehren.

10.105 Fünfunddreißig Millionen heilige Stätten und alle Götter von Brahma an wohnen im Kaula-Körper: Was wäre durch seine Verehrung nicht erreichbar?

10.106 Wo ein rechtschaffener, vollständig geweihter Kaula lebt, ist der Ort gesegnet, ehrwürdig, hochheilig und selbst von Göttern begehrt.

10.107 Wer auf Erden kennt die Macht eines vollständig geweihten, mit Shiva einen Übenden jenseits von Verdienst und Schuld?

10.108 In Menschengestalt wandelt er auf Erden, hilft der Welt hinüber und lehrt das rechte Zusammenleben.

10.109 Die Göttin sprach: Die Größe des vollständig geweihten Kaula ist erklärt. Lehre mir nun die Weihe selbst.

10.110 Sadashiva sprach: Diese höchste Ordnung war in drei Zeitaltern verborgen; damals erreichten Menschen durch geheime Ausübung Befreiung.

10.111 Im mächtigen Kali-Zeitalter, wenn der Kula-Weg offenliegt, kann die Weihe öffentlich bei Tag oder Nacht erfolgen.

10.112 Ohne Weihe wird niemand allein durch Weintrinken zum Kaula. Erst vollständige Weihe berechtigt zum Kreisleiter und Kula-Verehrer.

10.113 Am Vortag verehrt der Guru den Herrn der Hindernisse nach Vermögen, damit alle Hindernisse gestillt werden.

10.114 Ist der eigene Guru zur vollständigen Weihe nicht berechtigt, soll ein vollständig geweihter Kaula sie vollziehen.

10.115 Der auf kha folgende Laut, mit Bindu versehen, bildet das Ganesha-Bija gam.

10.116 Seher ist Ganaka, Versmaß Nivrit, Gottheit der Herr der Hindernisse; die Anwendung dient der Hindernisbeseitigung für den Ritus.

10.117 Mit dem Grund-Bija in sechs langen Vokalformen vollzieht man den sechsfachen Nyasa, danach Pranayama und Ganesha-Meditation.

10.118 Verehrt Ganapati, zinnoberrot, dreiäugig, großbäuchig, mit Schwert, Schlinge, Haken und Segensgabe in den Lotushänden; sein mächtiger Rüssel trägt einen Krug voller Varuni. Die junge Mondsichel schmückt die Krone, das Elefantengesicht ist von Zitronensaft benetzt; Schlangen bilden seinen Schmuck, rot sind Gewand und Salbe.

10.119 Nach geistiger Verehrung folgen die Sitz-Shaktis: Tivra, Jvalini, Nanda, Bhogada, Kamarupini,

10.120 Ugra, Tejasvati und Satya von Osten an, in der Mitte Vighnavinashini. Danach verehrt man den Lotussitz.

10.121 Erneut über Ganesha meditierend, verehrt man ihn mit den fünf Tattvas; in den vier Richtungen folgen Ganesha, Gananayaka,

10.122 Gananatha und Ganakrida, dann Ekadanta, Raktatunda, Lambodara und Gajanana,

10.123 Mahodara, Vikata, Dhumrabha und Vighnanashana.

10.124 Nach Brahmi und den anderen Shaktis, Richtungshütern und ihren Waffen wird der Hindernisherr entlassen.

10.125 Danach vollzieht man die vorbereitende Weihe und bewirtet Brahman erkennende Kula-Übende mit den fünf Tattvas.

10.126 Am folgenden Tag badet man, erfüllt die Tagespflichten und spendet Sesam und Gold zur Tilgung lebenslanger Schuld sowie eine Speisegabe für die Kaulas.

10.127 Man gibt der Sonne Arghya, verehrt Brahma, Vishnu, Shiva, Planeten und Mütter und vollzieht Vasudhara.

10.128 Für das Gedeihen des Vorhabens folgt Zuwachs-Shraddha. Dann verneigt man sich vor dem Guru und bittet:

10.129 »Rette mich, Herr, Geliebter des Lotuswaldes des Kulachara! Gib meinem Haupt den Schatten deiner Lotusfüße, Schatz des Mitgefühls!

10.130 Erlaube die glückverheißende vollständige Weihe; durch deine Gnade möge sie ohne Hindernisse gelingen.«

10.131 »Nach Shivas und Shaktis Weisung vollziehe die vollständige Weihe, mein Kind! Durch Shivas Gebot möge dein Herzensziel erfüllt werden.«

10.132 Nach dieser Erlaubnis fasst man den Entschluss zur Stillung aller Bedrängnisse und zur Erlangung von Leben, Gedeihen, Kraft und Gesundheit.

10.133 Mit Gewändern, Schmuck und Ritualgetränk samt Beigaben verehrt und bestellt man den Guru als Weihenden.

10.134 In einem schönen, mit Ockerfarben geschmückten Haus, mit bunten Fahnen, Früchten und Zweigen,

10.135 Glöckchennetzen, Girlanden und Baldachin, durch Reihen von Ghee-Lampen von jeder Dunkelheit befreit,

10.136 duftend nach Kampfer und Räucherwerk, geziert mit Fächern, Wedeln, Pfauenfedern und Spiegeln,

10.137 errichtet der Guru einen anderthalb Ellen messenden, vier Finger hohen Lehmaltar. Mit Reismehlpulvern

10.138 in Gelb, Rot, Schwarz, Weiß und Dunkelgrün zeichnet er darauf ein schönes Sarvatobhadra-Mandala.

10.139 Nach den Riten der eigenen Überlieferung bis zur geistigen Puja reinigt er die fünf Tattvas mit den genannten Mantras.

10.140 Auf das bereitete Mandala stellt er einen Krug aus Gold, Silber, Kupfer oder Ton,

10.141 mit dem Waffen-Bija gespült, mit Joghurt und Reiskörnern bestrichen; unter Brahman-Bija stellt er ihn auf und zeichnet mit Shri-Bija Zinnoberzeichen darauf.

10.142 Unter den Buchstaben von ksha bis a samt Bindu und dreimaligem Grundmantra füllt er ihn mit der Ritualflüssigkeit,

10.143 oder mit Pilgerwasser beziehungsweise reinem Wasser, und legt neun Juwelen oder Gold hinein.

10.144 Mit Vagbhava-Bija kommen Zweige von Jackfruchtbaum, Udumbara, Ashvattha, Bakula und Mango auf die Öffnung.

10.145 Mit Rama- und Maya-Bija setzt er eine Tonschale mit Früchten und Reiskörnern auf die Zweige.

10.146 Zwei Tücher werden um den Hals gebunden: rot bei Shakti-, weiß bei Shiva- oder Vishnu-Verehrung.

10.147 Mit »stham sthim«, Maya und Rama wird der Krug gefestigt; die fünf Tattvas werden hineingegeben, danach die neun Gefäße aufgestellt.

10.148 Das Shakti-Gefäß sei silbern, das Guru-Gefäß golden, das Shri-Patra eine große Schädelschale; die übrigen seien aus Kupfer.

10.149 Stein-, Holz- und Eisengefäße meide man; für die Göttinnenverehrung beschaffe man die Gefäße nach Vermögen.

10.150 Nach ihrer Aufstellung spendet man Gurus und Göttin und verehrt den nektargefüllten Krug.

10.151 Man zeigt Räucherwerk und Licht, gibt Bali für alle Wesen, verehrt die Sitzgottheiten und vollzieht den sechsfachen Nyasa.

10.152 Nach Pranayama, Meditation und Herbeirufung verehrt man die Göttin nach Vermögen ohne geizige Täuschung.

10.153 Nach den Handlungen bis zum Feueropfer verehrt der Guru Jungfrauen und Shakti-Übende mit Blüten, Sandelholz und Gewändern.

10.154 »Ihr Kaulas, seid meinem Schüler gnädig; gebt eure Zustimmung zu seiner vollständigen Weihe!«

10.155 Sie antworten dem Kreisleiter ehrerbietig: »Durch Mahamayas Gnade und die Kraft des höchsten Selbst werde dein Schüler vollständig und der höchsten Wahrheit ergeben.«

10.156 Guru und Schüler verehren die Göttin; der Guru bewegt den geweihten Krug unter Kama-, Maya- und Rama-Bija.

10.157 »Erhebe dich, Brahman-Krug, Verkörperung der Gottheiten, Vollendungsspender! Durch dein Wasser und deine Zweige besprengt, werde mein Schüler Brahman ergeben!«

10.158 Den Krug erhebend, besprengt der mitfühlende Guru den nach Norden gewandten Schüler mit den folgenden Mantras.

10.159 Seher der vollständigen Weihe ist Sadashiva, Versmaß Anushtubh, Gottheit Adya, Bija Pranava; die Anwendung gilt der glückverheißenden vollständigen Weihe.

10.160 Die Gurus, Brahma, Vishnu und Maheshvara mögen dich weihen; die Mütter Durga, Lakshmi und Bhavani mögen dich weihen!

10.161 Shodashi, Tarini, Nitya, Svaha und Mahishamardini mögen dich mit mantra-geheiligtem Wasser weihen!

10.162 Jayadurga, Vishalakshi, Brahmani, Sarasvati, Bagala, Varada und Shiva mögen dich weihen!

10.163 Narasimhi, Varahi, Vaishnavi, Vanamalini, Indrani, Varuni und Raudri, diese Shaktis mögen dich weihen!

10.164 Bhairavi, Bhadrakali, Zufriedenheit, Gedeihen, Uma, Geduld, Vertrauen, Schönheit, Mitgefühl und Frieden mögen dich stets weihen!

10.165 Mahakali, Mahalakshmi, Mahanilasarasvati, Ugrachanda und Prachanda mögen dich immer weihen!

10.166 Matsya, Kurma, Varaha, Narasimha, Vamana, Rama und Parashurama mögen dich mit Wasser weihen!

10.167 Asitanga, Ruru, Chanda, Krodha, der furchterregende Unmatta, Kapali und Bhishana mögen dich mit Wasser weihen!

10.168 Kali, Kapalini, Kulla, Kurukulla, Virodhini, Viprachitta und Mahogra mögen dich stets weihen!

10.169 Indra, Agni, Yama, Nirriti, Varuna, Vayu, Kubera und Maheshana, die Richtungsherren, mögen dich besprengen!

10.170 Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn, Rahu und Ketu samt Mondhäusern mögen dich weihen!

10.171 Mondhäuser, Karanas, Yogas, Wochentage, Monatshälften, Tage, Jahreszeiten, Monate und Jahre mögen dich stets weihen!

10.172 Die Meere aus Salz, Zuckerrohrsaft, Wein, Ghee, Joghurt, Milch und Wasser mögen dich mit mantra-geheiligtem Wasser weihen!

10.173 Ganga, Yamuna, Reva, Chandrabhaga, Sarasvati, Sarayu, Gandaki, Kunti, Shvetaganga und Kaushiki mögen dich mit geheiligtem Wasser weihen!

10.174 Die großen Nagas von Ananta an, die Vögel von Suparna an, die Bäume von den Wunschbäumen an und die Berge mögen dich besprengen!

10.175 Die heilsamen Wesen der Unterwelt, Erde und Himmel, durch diese Weihe erfreut, mögen dich mit Wasser weihen!

10.176 Unglück, schlechter Ruf, Krankheit, Niedergeschlagenheit und Kummer mögen durch die Weihe und das Licht des höchsten Brahman vergehen!

10.177 Ungedeihen, Kalakarni, schädliche Dakinis und Yoginis mögen, vom Kali-Bija getroffen, durch die Weihe weichen!

10.178 Bhutas, Pretas, Pishachas und unheilbringende Mächte mögen, vom Rama-Bija getroffen, fliehen und verschwinden!

10.179 Schäden durch feindliche Rituale und Mantras sowie Verfehlungen von Geist, Sprache und Körper mögen durch die Weihe vergehen!

10.180 Alle Gefahren mögen schwinden, Wohlergehen beständig sein; durch die vollständige Weihe mögen die Herzenswünsche erfüllt werden!

10.181 Nachdem der Schüler mit diesen einundzwanzig Mantras besprengt wurde, überträgt der Guru einen zuvor von einem Ungeeigneten empfangenen Mantra erneut.

10.182 Unter Nennung des bisherigen Namens und Bekanntgabe an die Shakti-Übenden gibt der Guru einen neuen Namen mit der Endung »Anandanatha«.

10.183 Nach Empfang des Mantras verehrt der Schüler seine Gottheit im Yantra des Gurus und danach den Guru mit den fünf Tattvas.

10.184 Er schenkt nach Vermögen Rinder, Land, Gold, Gewänder, Getränke und Schmuck und verehrt die Kaulas als Shiva.

10.185 Nach ihrer Verehrung berührt er friedvoll und demütig die Füße des Gurus und bittet:

10.186 »Ehrwürdiger Herr, Herr der Welt, mein Herr, Schatz des Mitgefühls! Erfülle unser Herzensanliegen durch die Gabe des höchsten Nektars.«

10.187 Der Guru bittet: »Ihr Kaulas, unmittelbar Shivas Gestalten, erlaubt mir, diesem guten, demütigen Schüler den höchsten Nektar zu geben.«

10.188 Sie antworten: »Kreisleiter, höchster Herr, Sonne der Kaula-Lotusse, erfülle diesen guten Schüler; gib ihm Kula-Nektar!«

10.189 Nach ihrer Zustimmung legt er ihm das nektargefüllte Trinkgefäß mit Beigabe in die Hand.

10.190 Die Göttin ins Herz zurückführend, zeichnet der Guru mit Asche vom Opferlöffel sich selbst, dem Schüler und den Kaulas ein Zeichen zwischen die Brauen.

10.191 Der geweihte Prasad wird verteilt; Essen und Trinken folgen der Kreisordnung.

10.192 So ist die vollständige Weihe erklärt, die Brahman-Erkenntnis hervorbringt und zum Shiva-Sein führt.

10.193 Sie kann über neun, sieben, fünf, drei oder eine Nacht vollzogen werden.

10.194 Diese fünf Formen werden gelehrt. Bei neun Nächten verwendet man das Sarvatobhadra-Mandala,

10.195 bei sieben das Navanabha, bei fünf das Fünf-Lotus-Mandala, bei drei oder einer Nacht einen achtblättrigen Lotus.

10.196 In Sarvatobhadra und Navanabha stellt man neun Krüge, im Fünf-Lotus-Mandala fünf auf.

10.197 Im achtblättrigen Lotus wird ein Krug aufgestellt; Glieder- und Umkreisgottheiten verehrt man an Staubfäden und den entsprechenden Stellen.

10.198 Blick, Berührung und Riechen vollständig geweihter, reiner Kaulas gelten als Reinigung der Ritualmittel.

10.199 Shaktas, Vaishnavas, Shaivas, Sauras und Ganapatyas sollen rechtschaffene Anhänger des Kula-Dharma sorgfältig ehren.

10.200 Für Shakti-Verehrer gilt ein Shakta-Guru, für Shaivas ein Shaiva-Guru, für Vaishnavas ein Vaishnava-, für Sauras ein Saura-Guru als geeignet,

10.201 für Ganapatyas ein Ganapatya-Guru; ein Kaula gilt überall als wahrer Guru. Deshalb suche der Einsichtige bei ihm Einweihung.

10.202 Wer Kaulas hingebungsvoll mit den fünf Tattvas verehrt, führt seine ganze Ahnenfolge hinüber und gelangt zum höchsten Ziel.

10.203 Wer einen Mantra von einem Gebundenen empfängt, bleibt gebunden; vom Vira wird er Vira, vom Kaula Brahmankenner.

10.204 Eine Shakta-Weihe macht zum Vira und berechtigt zur Reinigung der fünf Tattvas für die eigene Puja, jedoch noch nicht zur Kreisleitung.

10.205 Vira-Tötung, zweckloses Trinken, Verkehr mit der Frau eines Vira und Diebstahl sind schwere Verfehlungen; als fünfte gilt Gemeinschaft mit solchen Tätern.

10.206 Wer Kula-Weg, Kula-Mittel oder Kula-Übende verleumdet, gelangt in einen niedrigen Zustand.

10.207 Wilde Dakinis und Bhairavas tanzen, erfreut am Zerkauen von Fleisch und Knochen derer, die das Ritualgetränk und die Kaulas hassen.

10.208 Die Kaulas seien mitfühlend, wahrhaftig und stets auf das Wohl anderer bedacht; wer sie schmäht, finde keinen Ausgang aus der Hölle.

10.209 Viele Anwendungen und Riten sind gelehrt. Für den allein in Brahman gegründeten Kaula sind deren Vollzug und Unterlassung gleich.

10.210 Das eine höchste Brahman umfasst die Welt. Verehrung der Welt ist seine Verehrung, denn alles ist von ihm erfüllt.

10.211 Selbst jene, die an Ergebnissen und Wünschen hängen und viele Riten unter der Vorstellung von Verschiedenheit vollziehen, gelangen letztlich zu ihm und gehen in ihm auf.

10.212 Wer alles in Brahman und überall nur Brahman sieht, ist ein wahrer Kaula, bereits im Leben befreit – daran besteht kein Zweifel.

Ende des 10. Kapitels.

Kapitel 11 – Verfehlungen, Sühne und historische Strafordnung

Dharma umfasst im Werk spirituelle Orientierung und historisch geprägte gesellschaftliche Regeln.

11.1 Nach den Lehren über Stände und Lebensweisen fragte Aparna Shankara voller Freude.

11.2 Die Göttin sprach: Gnädig hast du Lebenspflichten und Sakramente zum guten Zusammenleben gelehrt, allwissender Herr.

11.3 Doch im Kali-Zeitalter leben Menschen schlecht, von Begehren und Zorn verblendet, ungläubig, zweifelnd und ständig auf Sinnengenuss aus.

11.4 Sie werden deinem Weg nicht folgen. Welches Schicksal erwartet sie? Erkläre dies genauer.

11.5 Sadashiva sprach: Gut fragst du, Wohltäterin der Welt, Mutter Durga, Befreierin aus Geburt und Wiedergeburt.

11.6 Du bist die ursprüngliche Trägerin und höchste Erhalterin der Welt; alles Bewegliche und Unbewegliche wird von dir getragen.

11.7 Du bist Erde, Wasser, Luft, Feuer, Raum, Ichprinzip und kosmische Vernunft.

11.8 Du bist individuelles Leben, Wissen, höchste Gottheit, Sinne, Geist und Verstand, aller Wesen Ziel und Halt.

11.9 Du bist Veden, Pranava, Smritis, Samhitas, Nigamas, Agamas und Tantras: die heilsame Verkörperung aller Schriften.

11.10 Du bist Mahakali, Mahalakshmi, Mahanilasarasvati, Mahodari, Mahamaya, Maharaudri und Maheshvari.

11.11 Allwissend und ganz Erkenntnis, kennst du alles; dennoch fragst du. Zu deiner Freude antworte ich.

11.12 Wahr hast du das menschliche Verhalten beschrieben: Obwohl sie das Gute kennen, berauschen sie sich an Verfehlungen, die rasches Vergnügen geben.

11.13 Ohne Unterscheidung von heilsam und schädlich verlassen sie den guten Weg. Nun erkläre ich, was ihrem Heil dient.

11.14 Verbotenes zu tun und Gebotenes zu unterlassen erzeugt Schuld, die Mühe, Kummer und Krankheit hervorbringt.

11.15 Schuld ist zweifach: Sie schadet nur dem Täter oder zugleich anderen.

11.16 Von fremdschädigender Schuld reinigt königliche Strafe; von anderer Schuld reinigen Sühne und innere Sammlung.

11.17 Wer weder durch Sühne noch Strafe gereinigt wird, bleibt hier und jenseits getadelt und findet aus der Hölle nicht heraus.

11.18 Zuerst erkläre ich die königliche Strafordnung; verletzt der König sie, fällt er selbst in einen niedrigen Zustand.

11.19 Bedienstete, Söhne, Fremde, Geliebte und Ungeliebte behandle er in Rechtsprechung und Strafe gleich.

11.20 Hat er selbst Unrecht getan oder Unschuldige gequält, reinige er sich durch Fasten, Gaben und Wiedergutmachung gegenüber den Betroffenen.

11.21 Erkennt er seine Tat als todeswürdig, gebe er die Herrschaft auf, gehe in den Wald und suche durch Askese Läuterung.

11.22 Für geringe Verfehlungen verhänge er keine schwere, für schwere keine leichte Strafe, sofern kein begründeter Ausnahmefall vorliegt.

11.23 Bei vielfach rückfälligen, vor Schuld furchtlosen Tätern kann auch auf ein geringes Vergehen eine schwere Strafe folgen.

11.24 Bei einem erstmalig Fehlenden, der Scham, Ehrgefühl und Scheu vor Unrecht zeigt, kann auch ein schweres Vergehen milder bestraft werden.

11.25 Ein Kaula oder Brahmane mit geringem Vergehen muss trotz seines Ansehens vom König wenigstens durch Worte zurechtgewiesen werden.

11.26 Wer als König Recht, Strafe und Gnade nicht mit seinen Beratern sorgfältig prüft, begeht schwere Schuld.

11.27 Kinder sollen ihre Eltern, Untertanen den König und die Frau den Gatten nicht verlassen, außer bei besonders schweren Verfehlungen der betreffenden Person.

11.28 Reich, Vermögen und Leben eines gerechten Königs sollen die Untertanen sorgfältig schützen; andernfalls fallen sie ab.

11.29 Wissentlich begangener Inzest mit Mutter, Schwester oder Tochter, Tötung eines höchsten Lehrers,

11.30 Aufgabe des angenommenen Kula-Dharma und Vertrauensbruch gelten als besonders schwere Verfehlungen.

11.31 Für Verkehr mit Mutter, Schwester oder Tochter setzt der Text die Todesstrafe fest, ebenso für wissentlich zustimmende Beteiligte.

11.32 Zu den weiteren verbotenen Beziehungen gehören Tanten mütterlicher- und väterlicherseits, Schwiegertochter, Schwiegermutter, Frau des Gurus und der Großväter,

11.33 Töchter und Frauen der Onkel, Schwägerin, Nichten sowie Frau und unverheiratete Tochter des Dienstherrn.

11.34 Für Männer schreibt der Text Genitalverstümmelung, für wissentlich zustimmende Frauen Nasenverstümmelung und Ausweisung aus dem Haus vor.

11.35 Bei Frauen und Töchtern naher Blutsverwandter sowie Frauen vertrauender Freunde werden Vermögensentzug und Kopfrasur vorgeschrieben.

11.36 Wurde eine solche Brahma- oder Shaiva-Ehe unwissentlich geschlossen, ist sie nach Erkennen des Hindernisses sofort aufzulösen.

11.37 Für Ehebruch mit einer Frau gleichen oder niedriger eingeordneten Standes werden Vermögensentzug und ein Monat Kornkost festgesetzt.

11.38 Für Nichtbrahmanen, die wissentlich mit einer Brahmanenfrau verkehren, bestimmt der Text Genitalverstümmelung.

11.39 Die Frau soll verstümmelt und ausgewiesen werden; dieselbe Strafe gilt bei Verkehr mit der Frau eines Vira.

11.40 Beim sonstigen Verkehr mit einer verheirateten Frau höher eingeordneten Standes gelten Vermögensentzug und drei Monate Kornkost.

11.41 Für eine zustimmende Frau gilt entsprechend dieselbe Strafe. Eine vergewaltigte Ehefrau soll getrennt leben, aber weiter versorgt werden.

11.42 Nach dieser historischen Vorschrift wird eine Brahma- oder Shaiva-Ehefrau nach fremdem Geschlechtsverkehr aus der Ehegemeinschaft ausgeschlossen, ob freiwillig oder unfreiwillig.

11.43 Verkehr mit Prostituierten oder Tieren wird durch drei Nächte Kornkost gesühnt.

11.44 Für Analverkehr mit einem Mann oder einer Frau schreibt diese Strafordnung die Todesstrafe vor.

11.45 Wer eine Frau vergewaltigt, auch eine Chandala-Frau, soll getötet werden; die Tat darf nicht nachgesehen werden.

11.46 Nur durch Brahma- oder Shaiva-Ehe verbundene Frauen gelten als eigene Ehefrauen; alle anderen als fremde Frauen.

11.47 Begehrliches Ansehen, heimliches Gespräch, Berühren und Umarmen einer fremden Frau werden durch Fastenzeiten von jeweils verdoppelter Dauer gesühnt.

11.48 Für eine verheiratete Frau, die sich entsprechend einem fremden Mann zuwendet, gilt dieselbe Sühne.

11.49 Schamlose Rede, absichtliches Betrachten fremder Genitalien und grob anzügliches Lachen werden durch zwei Fastentage gesühnt.

11.50 Absichtliches Entblößen seiner selbst oder eines anderen wird durch drei Nächte ohne Nahrung gesühnt.

11.51 Beweist ein Ehemann Ehebruch, bestrafe der König Frau und Liebhaber nach der Schrift.

11.52 Gelingt der Beweis nicht, kann er getrennt leben, muss die Frau aber mit Nahrung versorgen, sofern sie sich an die Haushaltsordnung hält.

11.53 Tötet ein Mann Frau und Liebhaber, die er beim Verkehr antrifft, sieht diese Ordnung für ihn keine Todesstrafe vor.

11.54 Besucht eine Ehefrau Personen oder führt Gespräche entgegen ausdrücklichem Verbot des Mannes, gilt dies hier als Trennungsgrund.

11.55 Nach dem Tod des Mannes hat eine pflichtgemäß unter dessen Angehörigen, ersatzweise ihren eigenen Angehörigen lebende Witwe Anspruch auf den Nachlass.

11.56 Die Witwe soll nach dieser Ordnung zweimaliges tägliches Essen, fremde Speise, Sexualität, Fleisch, Schmuck, Prunkbett und rote Gewänder meiden.

11.57 Sie verzichte auf duftende Körperpflege und weltliches Gerede und verbringe ihre Zeit der Gottheit ergeben im Witwendharma.

11.58 Fehlen einem Kind Vater, Mutter und väterlicher Großvater, wird ein mütterlicher Verwandter als Betreuer empfohlen.

11.59 Dazu zählen die Eltern und Brüder der Mutter, deren Söhne und die Geschwister ihres Vaters.

11.60 Väterliche Angehörige sind dessen Eltern, Brüder, Kinder seiner Geschwister und Geschwister seines Vaters.

11.61 Angehörige des Ehemanns sind entsprechend seine Eltern, Brüder, Kinder seiner Geschwister und Geschwister seines Vaters.

11.62 Vater, Mutter, väterliche Großeltern, Ehefrau, hilfsbedürftiger Sohn und kinderlose mütterliche Großeltern:

11.63 Sind sie bedürftig, lasse der König ihnen durch den Verpflichteten nach dessen Vermögen Nahrung und Kleidung zukommen.

11.64 Wer seine Frau beschimpft, faste einen Tag, wer sie schlägt drei, wer Blut fließen lässt sieben Tage.

11.65 Wer aus Zorn oder Verblendung seine Frau als Mutter, Schwester oder Tochter bezeichnet, reinige sich nach dieser Vorschrift durch sieben Fastentage.

11.66 Erkennt der König, dass ein Mädchen mit einem impotenten Mann verheiratet wurde, soll er ihre Wiederverheiratung auch nach Ablauf der üblichen Zeit ermöglichen.

11.67 Eine verwitwete, noch nicht sexuell vereinigte Ehefrau darf der Vater erneut verheiraten; so lautet die Shaiva-Regel.

11.68 Wird ein Kind vor Ablauf von zwölf Monatshälften nach der Hochzeit oder mehr als ein Jahr nach dem Tod des Mannes geboren, erkennt der Text die Frau und das Kind nicht als rechtmäßige Angehörige seiner Linie an.

11.69 Bei absichtlich herbeigeführtem Schwangerschaftsabbruch bis zum fünften Monat werden Frau und Helfer mit schwerer körperlicher Strafe belegt.

11.70 Nach dem fünften Monat wird ihnen die Schuld einer Tötung zugerechnet.

11.71 Wer vorsätzlich einen Menschen tötet, soll vom König mit dem Tod bestraft werden.

11.72 Bei Tötung durch Unachtsamkeit, Irrtum oder Unwissenheit gelten Vermögensstrafe und schwere körperliche Züchtigung.

11.73 Wer selbst oder durch andere eine Todesursache schafft, wird wie bei nichtvorsätzlicher Tötung bestraft.

11.74 Wer einen kämpfenden Gegner oder einen angreifenden Gewalttäter tötet, zieht keine Schuld auf sich.

11.75 Bei absichtlicher Verstümmelung sieht der Text entsprechende Verstümmelung vor, bei Schlägen entsprechende körperliche Strafe.

11.76 Wer Brahmanen oder Lehrer bedroht, wird mit Vermögensentzug, wer sie schlägt, mit Verbrennen der Hand bestraft.

11.77 Stirbt ein Verletzter erst nach mehr als sechs Monaten, ist der Angreifer strafbar, aber nicht mit dem Tod zu bestrafen.

11.78 Aufrührer, Thronräuber, heimliche Helfer feindlicher Könige und Spalter von Herrscher und Heer,

11.79 bewaffnete Rebellen und gewalttätige Straßenräuber darf der König nach dieser Ordnung ohne Schuld töten.

11.80 Bei Tötung auf unabwendbaren Befehl eines Herrn trifft die Todesstrafe den Befehlgeber, nicht den Ausführenden.

11.81 Stirbt jemand durch Tiere oder Waffen, die ein anderer fahrlässig unbeaufsichtigt ließ, gilt Geld- oder Körperstrafe.

11.82 Befehlsverweigerer, anmaßende Redner vor dem König und Verächter des Kula-Dharma soll der König bestrafen.

11.83 Veruntreuer anvertrauten Gutes, grausame Betrüger, Spalter und Aufhetzer soll er ausweisen.

11.84 Wer seine Tochter verkauft oder seinen Sohn einem impotenten Mann übergibt, soll als Verfehlender ausgewiesen werden. [Die zweite Handlung bleibt in ihrem genauen sozialen Bezug unklar.]

11.85 Wer durch falsche Beschuldigung schaden will, soll die Strafe erhalten, die seiner Beschuldigung entspricht.

11.86 Wer einen bezifferbaren Schaden verursacht, muss dem Geschädigten entsprechenden Ersatz leisten.

11.87 Für Diebstahl von Juwelen, Perlen, Gold und anderen Metallen werden je nach Wert Hand- oder Armverstümmelung vorgeschrieben.

11.88 Gewaltsamer Raub von Vieh, Pferden, Kostbarkeiten oder Kindern wird wie Diebstahl bestraft.

11.89 Bei Speisen oder geringwertigen Gütern werden sieben oder fünfzehn Tage Kornkost als Strafe genannt.

11.90 Vertrauensbruch und Undankbarkeit lassen sich nach der scharfen Aussage des Textes weder durch Opfer noch Gelübde, Askese, Gaben oder Sühne ausgleichen.

11.91 Falsche Zeugen und parteiische Schiedsrichter soll der König schwer bestrafen und ausweisen.

11.92 Sechs, vier oder drei Zeugen gelten als Beweis; notfalls auch zwei, wenn sie als rechtschaffen bekannt sind.

11.93 Widersprechen Aussagen einander hinsichtlich Ort, Zeit oder Gegenstand, sind sie nicht anzunehmen.

11.94 Auch blinde und gehörlose Menschen können Zeugnis geben; Stumme und gehörlose Stumme durch zustimmende Zeichen oder Schrift.

11.95 Schriftliche Belege sind überall, besonders im Rechtsverkehr, wertvoll, weil sie lange erhalten bleiben.

11.96 Wer zu eigenem oder fremdem Vorteil Urkunden fälscht, erhält die doppelte Strafe eines falschen Zeugen.

11.97 Das einmalige Eingeständnis eines urteilsfähigen, nicht berauschten Menschen ist in seiner eigenen Sache beweiskräftiger als viele Zeugenaussagen.

11.98 Wie alle Tugenden auf Wahrheit ruhen, so alle Verfehlungen auf Unwahrheit.

11.99 Deshalb zieht der König durch angemessene Bestrafung eines lügenhaften Täters nach Shivas Weisung keine Schuld auf sich.

11.100 »Ich spreche die Wahrheit« geloben und dabei Kaula, Guru, Brahmanen, Ganga-Wasser, Götterbild, Kula-Schrift oder Kula-Nektar

11.101 oder eine Opferblüte der Göttin berühren heißt Eid. Falschaussage darunter führt nach dem Text bis zur Weltauflösung in die Hölle.

11.102 Was man eidlich zur Ausführung oder Unterlassung einer nicht sündhaften Handlung verspricht, muss eingehalten werden.

11.103 Vorsätzlicher Eidbruch wird durch fünfzehn Fastentage, irrtümlicher durch zwölf Tage Kornkost gesühnt.

11.104 Selbst Kula-Dharma führt ohne Wahrheit und rechte Ausführung nicht zu Befreiung, sondern zu Schuld.

11.105 Das Ritualgetränk wird als flüssige Tara, Retterin der Wesen, Mutter von Genuss und Befreiung, Abwehr von Not und Krankheit gepriesen,

11.106 als Verbrennerin der Schuld, Reinigerin der Welt, Vollendungsspenderin und Förderin von Erkenntnis, Einsicht und Wissen.

11.107 Befreite, Befreiungssuchende, Vollendete, Übende, Könige und Götter gebrauchen es nach der Rituallehre für ihre Ziele.

11.108 Wer es vorschriftsmäßig und gesammelt empfängt, wird als Gott auf Erden gepriesen.

11.109 Schon der rechte Empfang eines Tattva mache den Menschen Shiva gleich; die Frucht aller fünf sei kaum auszumessen.

11.110 Wird Varuni jedoch ohne die Regeln getrunken, zerstört sie Verstand, Leben, Ansehen und Vermögen.

11.111 Durch übermäßiges Trinken geht die Einsicht verloren, welche die vier Lebensziele ermöglicht.

11.112 Wer verwirrt nicht mehr zwischen richtig und falsch unterscheidet, schadet sich und anderen bei jedem Schritt.

11.113 Deshalb sollen König oder Kreisleiter übermäßige Bindung an Wein und Rauschmittel durch Körper- oder Geldstrafen ahnden.

11.114 Je nach Getränk, Person, Ort und Zeit kann wenig oder viel die Urteilskraft beeinträchtigen.

11.115 Daher bemisst sich Übermaß nicht allein an der Menge, sondern an unsicherer Sprache, Händen, Füßen und Blick.

11.116 Wer berauscht die Sinne nicht beherrscht, Gottheit und Guru missachtet und andere erschreckt,

11.117 zu jedem Unheil bereit ist und Shiva verhöhnt, dem schreibt der Text Zungenbrand, Vermögensentzug und körperliche Strafe zu.

11.118 Bei Taumeln, lallender Rede, unkontrollierten Händen, Verwirrung, Raserei und Anmaßung werden Züchtigung und Vermögensentzug gefordert.

11.119 Einen scham- und furchtlos Beschimpfenden soll der um das Gemeinwohl bemühte König durch Geldstrafe maßregeln.

11.120 Selbst hundertfach geweiht gilt ein Kaula bei Trunksucht als Gebundener außerhalb des Kula-Dharma.

11.121 Wer übermäßig trinkt, ob geweihten oder ungeweihten Wein, wird aus der Kaula-Gemeinschaft ausgeschlossen und königlich bestraft.

11.122 Ein Zweimalgeborener, der berauscht seine Brahma-Ehefrau Wein trinken lässt, soll mit ihr fünf Tage Kornkost halten.

11.123 Ungeweihtes Weintrinken wird durch drei Fastentage, ungeweihtes Fleisch durch zwei gesühnt.

11.124 Ungeweihter Fisch oder geröstetes Getreide erfordern einen Fastentag; unrechtmäßiges fünftes Tattva königliche Strafe.

11.125 Wissentlich gegessenes Menschen- oder Rindfleisch wird durch fünfzehn Fastentage gesühnt.

11.126 Fleisch menschenähnlicher oder fleischfressender Tiere durch drei Fastentage.

11.127 Speise von Fremden, Hundeessern, Unvorbereiteten oder Kula-Feinden wird außerhalb des Ritualkreises mit fünfzehn Fastentagen belegt.

11.128 Deren Speisereste wissentlich zu essen erfordert einen Fastenmonat, unwissentlich eine halbe Monatsspanne.

11.129 Einmalige Speiseannahme von einem in der Standesfolge niedriger Eingestuften wird hier durch drei Fastentage gesühnt.

11.130 Wird dieselbe Speise im Kreis oder durch die Hand eines Vira dargebracht, entsteht dagegen keine Schuld.

11.131 Bei Nahrungslosigkeit, Hungersnot und Lebensgefahr begeht niemand Schuld, der sich mit sonst verbotener Speise rettet.

11.132 Bei Speisen auf Elefantenrücken oder auf nur von vielen bewegbaren Stein- und Holzflächen begründet eine unbemerkte verunreinigende Berührung keinen Speisefehler.

11.133 Tiere mit nicht essbarem Fleisch oder kranke Tiere darf man auch nicht für eine Gottheit töten.

11.134 Absichtliche Rindertötung erfordert das volle Kricchra-Gelübde, unabsichtliche die Hälfte.

11.135 Bis zur Erfüllung unterbleiben Haar- und Nagelschnitt sowie Reinigung der Kleidung mit Lauge.

11.136 Einen Monat fasten, einen Monat Kornkost, einen Monat Almosennahrung: So lautet hier das Kricchra-Gelübde.

11.137 Nach Kopfrasur und Bewirtung von Kaulas, Verwandten und Freunden gilt die vorsätzliche Rindertötung als gesühnt.

11.138 Tod eines Rindes durch Vernachlässigung erfordert acht Fastentage; für die folgenden Stände wird jeweils um ein Viertel vermindert.

11.139 Vorsätzliche Tötung von Elefant, Kamel, Büffel oder Pferd wird mit drei Fastentagen gesühnt.

11.140 Bei Hirsch, Schaf, Ziege oder Katze gilt ein Fastentag; bei Pfau, Papagei oder Schwan wird bis zum Ende des Tages nicht gegessen.

11.141 Bei anderen knochenbesitzenden Tieren isst man nur nachts vegetarisch; bei knochenlosen Lebewesen gilt Reue als Reinigung.

11.142 Ein König zieht bei der Jagd auf Landtiere, Fische und Vögel nach dieser Ordnung keine Schuld auf sich.

11.143 Abgesehen von ausdrücklichem Götteropfer ist Gewalt zu meiden; vorgeschriebene Opfergewalt wird hier nicht als Schuld bewertet.

11.144 Bei unvollendetem Gelübde, Übersteigen von Opferresten oder Berühren der Gottheit in Unreinheit übt man Gayatri-Japa.

11.145 Mutter, Vater und Brahman-Lehrer gelten als höchste Gurus. Ihre Beschimpfung oder harte Anrede erfordert fünf Fastentage.

11.146 Bei anderen Lehrern, Kaulas und Brahmanen werden zweieinhalb Fastentage genannt.

11.147 Zum Erwerb darf man in alle Länder reisen; Länder und Schriften, die Kula-Praxis verbieten, soll man meiden.

11.148 Wer freiwillig in ein solches Land geht und vom Kula-Dharma abfällt, wird durch erneute vollständige Weihe aufgenommen.

11.149 Ein Fastentag bedeutet bei Sühne acht Nachtwachen, also einen ganzen Tageskreis, vom Sonnenaufgang an ohne Nahrung.

11.150 Eine Handvoll Wasser und das Einatmen von Luft zur Lebenserhaltung brechen dieses Fasten nicht.

11.151 Wer wegen Krankheit oder Alter nicht fasten kann, bewirte für jeden Fastentag zwölf Brahmanen.

11.152 Verleumdung, Eigenlob, lasterhafte oder unangemessene Rede und andere Fehlhandlungen werden durch aufrichtige Reue gereinigt.

11.153 Andere wissentlich oder unwissentlich begangene Verfehlungen schwinden durch Göttinnen-Mantra, Savitri-Japa und Bewirtung von Kaulas.

11.154 Die allgemeinen Regeln gelten auch für Frauen und Menschen ohne männliche Zeugungsfähigkeit; für Frauen gilt hier besonders der Ehemann als höchster Guru.

11.155 Bei schwerer oder langdauernder Krankheit gilt eine Goldgabe als rituelle Reinigung zur Wiederaufnahme von Götter- und Ahnenriten.

11.156 Ein durch gewaltsamen Tod, Blitz oder Brand verunreinigtes Haus wird mit hundert Vyahriti-Feueropfern gereinigt.

11.157 Wird ein Tier- oder Menschenleichnam in einem Wasserbecken, Brunnen oder Teich gefunden, muss er entfernt und das Wasser gereinigt werden.

11.158 Einundzwanzig Krüge reinen, mit den Vollweihe-Mantras geweihten Wassers werden zur rituellen Reinigung hineingegossen.

11.159 Bei geringer Wassermenge und Verwesungsgeruch wird das gesamte Wasser samt Schlamm entfernt und durch frisches ersetzt.

11.160 Bei großer, elefantentiefer Wassermenge schöpft man hundert Krüge aus und vollzieht anschließend die Besprengungsweihe.

11.161 Ohne diese Reinigung darf das verunreinigte Wasser nicht getrunken und die Wasserstätte nicht geweiht werden.

11.162 Baden oder Ritualvollzug damit gilt als unwirksam; ein Fastentag und Panchamrita dienen der rituellen Sühne.

11.163 Nach dem Anblick eines wohlhabenden Bettlers, fliehenden Kriegers, Kula-Verächters, einer trinkenden Kula-Frau,

11.164 eines Freundesverräters oder wissentlich sündig Handelnden soll man die Sonne anschauen, an Vishnu denken und bekleidet baden.

11.165 Zweimalgeborene, die Esel, Hähne oder Schweine verkaufen oder als niedrig bewertete Berufe ausüben, werden durch ein dreitägiges Gelübde gereinigt.

11.166 Am ersten Tag ohne Nahrung, am zweiten Kornkost, am dritten nur Wasser: Dies ist das Dreitagegelübde.

11.167 Wer ungerufen in ein Haus mit geschlossener Tür eintritt oder Vertrauliches offenbart, faste fünf Tage.

11.168 Wer aus Hochmut bei Ankunft eines Gurus oder einer Kula-Schrift nicht aufsteht, reinige sich durch einen Fastentag.

11.169 Wer dieser klar formulierten Shambhu-Schrift durch Verdrehung einen anderen Sinn unterschiebt, gilt als abgefallen und gelangt in einen niedrigen Zustand.

11.170 Damit ist dir die höchste Essenz gelehrt, die hier und jenseits dient, rechtschaffen, reinigend und heilsam ist.

Ende des 11. Kapitels.

Kapitel 12 – Erbe, Vermögen und gesellschaftliches Recht

Die Rechtskapitel behandeln Verantwortung, Vermögen und geregelten Ausgleich.

12.1 Sadashiva sprach: Nun lehre ich die überlieferten Rechtsregeln, durch deren Kenntnis und Schutz ein König seine Untertanen ungehindert behüten kann.

12.2 Ohne königliche Ordnung streiten geldgierige Menschen miteinander, mit Lehrern, Verwandten und Freunden.

12.3 Aus Eigennutz töten sie um des Vermögens willen und verfallen Gewalt, Raub und Schuld.

12.4 Deshalb wird zu ihrem Wohl eine dem Dharma entsprechende Ordnung festgesetzt, die sie vor dem Abfall vom Guten bewahrt.

12.5 Wie der König Täter zur Tilgung ihrer Schuld bestraft, so teile er Erbschaften nach Verwandtschaftsverhältnissen zu.

12.6 Verwandtschaft entsteht durch Ehe oder Geburt; die durch Geburt gilt als stärker.

12.7 Nachkommen gehen Vorfahren vor; innerhalb der jeweiligen Linie erhalten Männer hier Vorrang.

12.8 Unter ihnen erbt der näher Verwandte. Nach diesen Regeln teilen Einsichtige den Nachlass.

12.9 Hinterlässt jemand Sohn, Enkel, Töchter, Vater und Ehefrau, erbt nach dieser Ordnung allein der Sohn.

12.10 Mehrere Söhne erben gleich; die Königsherrschaft fällt nach dynastischer Ordnung an den ältesten.

12.11 Zuerst sind Schulden des Vaters aus seinem Vermögen zu begleichen; vorher darf der Nachlass nicht geteilt werden.

12.12 Wurde schon geteilt, fordert der König das nötige Geld von den Erben zurück und lässt die Schuld begleichen.

12.13 Wie jeder für seine eigene Schuld einsteht, so bindet eine Geldschuld zunächst ihren Schuldner, nicht einen anderen.

12.14 Gemeinsames bewegliches und unbewegliches Vermögen wird entsprechend den Anteilen aufgeteilt.

12.15 Bei Einverständnis der Teilhaber gilt die Teilung; fehlt es, teilt der König unparteiisch.

12.16 Unteilbare Güter werden nach ihrem Wert oder durch Verteilung ihrer Nutzungsrechte geteilt.

12.17 Wer nachträglich einen übergangenen Anteil nachweist, erhält ihn durch erneute Teilung.

12.18 Wer eine von allen gebilligte Teilung unbegründet erneut bestreitet, wird vom König gemaßregelt.

12.19 Bestehen Enkel, Ehefrau und Vater, erbt der Enkel aufgrund des Vorrangs der absteigenden Geburtslinie.

12.20 Fehlen Nachkommen und bestehen Vater, Bruder und Großvater, erbt der Vater als nächster Geburtsverwandter.

12.21 Selbst gegenüber einer näher verwandten Tochter erhält der Enkel nach der männlich bevorzugenden Ordnung Vorrang.

12.22 Durch den verstorbenen Sohn gelangt das Vermögen vom Großvater zum Enkel; deshalb heißt es, der Vater lebe selbst in Sohnesgestalt fort.

12.23 Unter ehelichen Beziehungen steht die Brahma-Gemahlin voran; als andere Hälfte des Mannes erbt sie beim Fehlen seiner Nachkommen.

12.24 Eine kinderlose Witwe darf den ererbten Nachlass nicht verschenken oder verkaufen; über ihr eigenes Frauenvermögen kann sie verfügen.

12.25 Rechtmäßige Gaben der Eltern oder Schwiegereltern sowie selbst Erworbenes heißen Frauenvermögen.

12.26 Stirbt sie, fällt der vom Mann ererbte Nachlass in dessen Linie zurück und geht an den dort nächstberechtigten Erben.

12.27 Erbberechtigt ist nach dieser Ordnung die pflichtgemäß bei den Angehörigen des Mannes, ersatzweise den eigenen Angehörigen lebende Witwe.

12.28 Bei Verdacht auf Ehebruch erhält sie keinen Erbteil, sondern Unterhalt von den Nachlassinhabern.

12.29 Mehrere pflichtgemäß lebende Witwen teilen das Vermögen des Mannes gleich.

12.30 Stirbt die erbende Witwe und besteht eine Tochter des Mannes, geht der Nachlass über dessen Rechtsstellung an diese Tochter.

12.31 Ebenso geht das von einer Schwiegertochter ererbte Vermögen bei deren Tod über Ehemann und Schwiegervater an dessen Tochter, sofern diese berechtigt ist.

12.32 Ist Vermögen an die Mutter gelangt, geht es nach ihrem Tod über Sohn und Ehemann an den vorhandenen väterlichen Großvater.

12.33 Wie der Vater aufsteigendes Vermögen des Verstorbenen erhält, so auch dessen verwitwete Mutter.

12.34 Solange die leibliche Mutter lebt, erbt die Stiefmutter nicht; nach dem Tod der Mutter kann das Vermögen über Sohn und Vater zur Stiefmutter gelangen.

12.35 Fehlen Nachkommen, fließt der Nachlass auf demselben Verwandtschaftsweg zurück, auf dem er abwärts gelangt ist.

12.36 Deshalb geht an eine Schwester gelangtes Familienvermögen bei ihrem kinderlosen Tod trotz vorhandenen Ehemanns an den väterlichen Onkel zurück.

12.37 Abwärts fließendes Vermögen bevorzugt männliche Erben; deshalb erbt der Halbbruder väterlicherseits vor der leiblichen Schwester.

12.38 Ist es bereits an den Halbbruder gelangt, erbt dessen Nachkommenschaft vor der Schwester des ursprünglichen Erblassers.

12.39 Leiblicher Bruder und Halbbruder väterlicherseits teilen gleich, da beide über den gemeinsamen Vater erben.

12.40 Solange eine Tochter selbst lebt, erben ihre Kinder nicht an ihrer Stelle; erst ihr Tod öffnet den Übergang.

12.41 Beim Fehlen männlicher Nachkommen teilen Töchter das väterliche Vermögen; eine unverheiratete Schwester wird zuvor aus dem gemeinsamen Nachlass verheiratet.

12.42 Stirbt eine Frau kinderlos, geht ihr eigenes Frauenvermögen an den Ehemann; anders ererbtes Gut in die Herkunftslinie zurück.

12.43 Vom ererbten Vermögen darf sie sich unterhalten und aus dessen Erträgen religiöse Gaben leisten; das Stammvermögen darf sie nicht verschenken oder verkaufen.

12.44 Stehen die Schwiegertochter des Großvaters und dessen Witwe zur Wahl, geht das auf den Großvater bezogene Vermögen über seinen Sohn an dessen Witwe.

12.45 Bei Großvater, väterlichem Onkel und Bruder erbt der Bruder wegen des Vorrangs der absteigenden Linie.

12.46 Bruder und Großvater sind über den Vater gleich nah; das Vermögen gelangt über den Vater abwärts zum Bruder.

12.47 Auch gegenüber dem Vater des Verstorbenen erben die Kinder seiner Tochter, da Vermögen vorzugsweise abwärts fließt.

12.48 Bestehen Vater und Mutter, erbt aufgrund des männlichen Vorrangs der Vater.

12.49 Ein väterlicher Blutsverwandter erbt vor dem mütterlichen Onkel, weil die väterliche Verbindung höher gewichtet wird.

12.50 Kann Vermögen nicht abwärts fließen, geht es aufwärts und aufgrund des männlichen Vorrangs zunächst in die Vaterlinie; selbst ein näherer mütterlicher Onkel erhält es daher nicht.

12.51 Ein Enkel mit verstorbenem Vater erhält neben den väterlichen Onkeln aus dem Großvatersnachlass den Anteil seines Vaters.

12.52 Eine bruderlose Enkelin, deren Mutter gestorben ist, erhält entsprechend neben den Onkeln einen Anteil am Großvatersvermögen.

12.53 Auch gegenüber Großmutter und väterlicher Tante ist diese Enkelin am ihrem Vater zufallenden Anteil berechtigt.

12.54 Bei abwärts gehendem Vermögen hat der männliche Nachkomme, bei aufwärts gehendem der männliche Vorfahr Vorrang.

12.55 Deshalb kann der Vater des Verstorbenen nicht erben, solange berechtigte Schwiegertochter, Enkelin oder Tochter vorhanden sind.

12.56 Fehlen Berechtigte in der Vaterlinie, geht der Nachlass nach denselben Regeln in die Linie des mütterlichen Großvaters.

12.57 Dort geht er über mütterliche Onkel und ihre Nachkommen entsprechend der ab- und aufsteigenden Ordnung an Männer oder Frauen.

12.58 Solange Nachkommen einer Brahma-Ehe oder berechtigte Blutsverwandte bestehen, erbt ein Sohn aus Shaiva-Ehe nicht den väterlichen Hauptnachlass.

12.59 Shaiva-Ehefrau und ihre Kinder erhalten jedoch Nahrung und Kleidung aus dem Vermögen des Verstorbenen.

12.60 Für eine Frau in Shaiva-Ehe sorgt der Shaiva-Ehemann; sie hat nach dieser Ordnung keinen Anspruch auf väterliches Familienvermögen.

12.61 Wer eine Tochter aus guter Familie aus Zorn oder Gier in Shaiva-Ehe gibt, wird daher getadelt.

12.62 Fehlen auch Shaiva-Ehefrau und deren Nachkommen, erben nacheinander entferntere Wasseropferverwandte, der Brahman-Lehrer und der König.

12.63 Sieben Generationen vom Reiskloßspender an gelten als Sapindas; bis zur zehnten reicht die Wasseropfergemeinschaft, danach bleibt nur die gemeinsame Gotra.

12.64 Freiwillig wieder zusammengelegtes, bereits geteiltes Vermögen wird erneut nach den Regeln ungeteilten Eigentums geteilt.

12.65 Welchen Anteil jemand an geteiltem oder ungeteiltem Vermögen hat, denselben Anteil erhalten nach seinem Tod seine Erben.

12.66 Die Empfänger seines Vermögens geben ihm lebenslang Ahnenklöße; ausgenommen von dieser Regel sind hier Shaiva-Ehefrau und deren Sohn.

12.67 Wie Geburtsverwandtschaft rituelle Trauer begründet, so begründet bloße Erbfolge drei Nächte Trauerunreinheit.

12.68 Wird der Tod innerhalb der vorgeschriebenen Frist bekannt, dauern volle oder verkürzte Trauerzeiten nur bis zu deren ursprünglichem Ende.

12.69 Nach Ablauf entfällt die verkürzte Frist; bei ursprünglich voller Frist gelten drei Nächte, sofern noch kein Jahr vergangen ist.

12.70 Auch nach einem Jahr gelten bei Nachricht vom Tod eines Elternteils für das Kind, beim Tod des Mannes für die Frau drei Nächte.

12.71 Tritt während einer Trauerzeit ein weiterer Anlass ein, bestimmt die schwerere Unreinheit die Reinigung.

12.72 Schwerer heißt hier zeitlich umfassender; die längere Frist schließt die kürzere ein.

12.73 Tritt am letzten Tag ein weiterer Geburts- oder Todesanlass ein, wird die erste Frist um zwei Tage verlängert.

12.74 Bis zur Heirat gelten für eine Frau die Trauerregeln ihrer Vaterfamilie; danach beim Tod ihrer Eltern drei Tage.

12.75 Durch Heirat erhält die Frau die Gotra des Mannes, durch Adoption das Kind die Gotra des Annehmenden.

12.76 Mit Zustimmung von Mutter und Vater wird der Sohn angenommen und unter Nennung der neuen Gotra und des Namens im Kreis der Angehörigen geweiht.

12.77 Wie ein leiblicher Sohn hat der Adoptivsohn Erb- und Ahnenopferrechte bei seinen Adoptiveltern, die nun als seine Eltern gelten.

12.78 Ein Kind bis zum fünften Jahr soll aus demselben Stand angenommen und versorgt werden; eine spätere Adoption wird nicht empfohlen.

12.79 Auch beim adoptierten Brudersohn gilt in allen Riten der Annehmende als Vater, der leibliche Vater als Onkel.

12.80 Wer Vermögen erbt, wahre die rechtmäßigen Verpflichtungen des Erblassers, schütze seine Anordnungen und versorge dessen Angehörige.

12.81 Für außerehelich Geborene der hier genannten Klassen und besonders schwer Verfehlende sieht der Text weder Trauerunreinheit noch Erbrecht vor.

12.82 Ebenso nicht bei Personen, deren Vergehen mit Genital- oder Nasenverstümmelung belegt sind, und anderen schweren Tätern.

12.83 Bei Verschollenen schütze der König Familie und Vermögen zwölf Jahre.

12.84 Danach wird eine Ersatzgestalt aus Darbha verbrannt; nach drei Trauernächten vollziehen die Nachkommen die Preta-Riten.

12.85 Der König verteilt dann das Vermögen unter den Berechtigten, beginnend bei den Söhnen; unterlässt er dies, wird er schuldig.

12.86 Wer bedrängt und hilflos keinen Beschützer hat, dessen Beschützer ist der König als Herr der Untertanen.

12.87 Kehrt der Verschollene auch nach erfolgter Teilung zurück, gehören ihm wieder seine Ehegemeinschaft und sein Vermögen; seine Kinder bleiben seine Kinder.

12.88 Geerbten Grundbesitz darf niemand ohne Zustimmung der Miterbberechtigten an Verwandte oder Fremde verschenken.

12.89 Über selbst erworbenes bewegliches und unbewegliches Gut sowie geerbtes bewegliches Vermögen darf man frei verfügen.

12.90 Auch bei vorhandenen Söhnen, Ehefrau, Tochter, Tochtersohn, Vater, Mutter, Bruder oder Schwester

12.91 darf man das gesamte selbst erworbene Vermögen und geerbtes bewegliches Gut verschenken.

12.92 Eine solche rechtmäßige Schenkung oder religiöse Stiftung können die Nachkommen nicht rückgängig machen.

12.93 Religiös gestiftetes Vermögen darf der Geber verwalten, aber nicht zurücknehmen; es gehört dem Stiftungszweck.

12.94 Kapital oder Ertrag verwendet er selbst oder durch einen Vertreter entsprechend der erklärten Widmung.

12.95 Gibt ein Vermögender die Hälfte des selbst Erworbenen aus Zuneigung einem Erben, kann ein anderer dies nicht anfechten.

12.96 Auch die übrigen Erben können eine solche Zuwendung der Hälfte an einen Einzelnen nicht verhindern.

12.97 Vermehrt ein Einzelner das väterliche Vermögen, teilen alle dessen ursprünglichen Bestand; den durch seine Arbeit erzielten Gewinn beansprucht nur der Erwerbende.

12.98 Wer verlorenes Familienvermögen wiedererlangt, erhält daraus gegenüber den anderen einen doppelten Anteil.

12.99 Verdienst, Vermögen und Wissen bestehen nicht ohne Körper; weil der Körper vom Vater stammt, könnte man einwenden, jedes Gut sei väterlich.

12.100 Dann wäre selbst bei getrennten Haushalten und Finanzen jeder Erwerb väterliches Gut – wo bliebe eigenes Vermögen?

12.101 Deshalb gilt: Was jemand durch eigene Mühe erwirbt, ist sein eigenes Vermögen; er allein ist dessen Eigentümer.

12.102 Wer Eltern, Guru oder Großeltern schlägt, verliert hier seinen Erbanspruch.

12.103 Auch wer einen anderen tötet, erbt dessen Vermögen nicht; es fällt an die übrigen Berechtigten.

12.104 Menschen ohne männliche Zeugungsfähigkeit und Menschen mit Gehbehinderung erhalten nach dieser historischen Ordnung lebenslangen Unterhalt, aber keinen Erbanteil.

12.105 Gefundenes Gut mit bekanntem Eigentümer lasse der König nach Prüfung zurückgeben.

12.106 Herrenlose Tiere und Güter gehören dem Finder; ein Zehntel gibt er dem König.

12.107 Grundbesitz darf nicht an einen anderen verkauft werden, wenn ein geeigneter unmittelbarer Nachbar ihn kaufen möchte.

12.108 Unter Nachbarn haben Verwandte und Standesgleiche Vorrang, danach Freunde; fehlt dies, entscheidet der Verkäufer.

12.109 Selbst wenn mit einem anderen ein Preis vereinbart wurde, hat der Nachbar Vorrang, sofern er denselben Preis bietet.

12.110 Kann er nicht zahlen oder stimmt dem Verkauf zu, darf der Eigentümer an einen anderen verkaufen.

12.111 Wurde in Abwesenheit des Nachbarn verkauft, darf dieser nach Kenntnis gegen Zahlung des Kaufpreises eintreten.

12.112 Hat der Käufer jedoch schon Häuser oder Gärten errichtet oder beseitigt, kann der Nachbar den Besitz nicht mehr durch bloße Kaufpreiszahlung beanspruchen.

12.113 Steuerfreies, unbestrittenes, wildes und schwer zugängliches Land darf man auch ohne besonderen Auftrag erschließen.

12.114 Für das mühevoll erschlossene Land gibt man dem König ein Zehntel und nutzt es; der König gilt als Oberherr des Landes.

12.115 Brunnen, Teiche, Bäume oder Häuser dürfen nicht so angelegt werden, dass sie anderen schaden.

12.116 Aus religiös gewidmeten Brunnen und fließenden Gewässern dürfen alle trinken; Bewässerungsrechte haben die Anwohner.

12.117 Würde Bewässerung andere in Wassernot bringen, dürfen auch Anwohner kein Wasser dafür entnehmen.

12.118 Ungeteiltes Vermögen ohne Zustimmung der Teilhaber sowie Eigentum ungeklärter Zuordnung können nicht wirksam verpfändet oder verkauft werden.

12.119 Wer anvertraute oder verpfändete Güter vorsätzlich oder fahrlässig verliert, muss deren Wert ersetzen.

12.120 Darf ein Verwahrer mit Zustimmung des Eigentümers anvertraute Tiere nutzen, muss er sie auch versorgen.

12.121 Bei gewinnbringender Überlassung von Immobilien und anderen Gütern müssen Dauer und Ertrag vereinbart werden; andernfalls ist die Vereinbarung unbestimmt.

12.122 Nach dem Tod des Vaters darf gemeinsames Vermögen ohne Zustimmung aller Teilhaber nicht zu Gewinnzwecken eingesetzt werden.

12.123 Bei Verkäufen mit regelwidriger Preisgestaltung darf der König korrigierend eingreifen.

12.124 Wie Geburt und Tod eines Körpers einmal erfolgen, so gelten Brautübergabe und Brahma-Ehe grundsätzlich als einmalig.

12.125 Ein auf das Wohl der Ahnen Bedachter gebe weder seinen einzigen Sohn zur Adoption noch seine einzige Frau fort noch seine einzige Tochter in die hier beschriebene Shaiva-Ehe.

12.126 Was ein Vertreter in Götter- und Ahnenriten, Handel oder besonders vor Gericht tut, gilt als Handlung seines Auftraggebers.

12.127 Für allein vom Auftraggeber verursachtes Unrecht wird weder Vertreter noch Bote bestraft; so lautet die überlieferte Regel.

12.128 Bei Darlehen, Landwirtschaft, Handel und allen Geschäften sind rechtmäßige Vereinbarungen einzuhalten.

12.129 Die Welt wird vom höchsten Herrn beschützt; ihre Zerstörer gehen zugrunde. Der Weltenherr schützt ihre Beschützer: Deshalb wirke zum Wohl der Welt.

Ende des 12. Kapitels.

Kapitel 13 – Weihe von Wasseranlagen, Häusern und Götterbildern

Die Weihe eines Götterbildes verknüpft Form, Mantra und göttliche Gegenwart.

13.1 Als Mahesha, der Gott der Götter, so gesprochen hatte — er, der die Essenz aller heiligen Überlieferung und der einzige Same von Himmel und Befreiung ist —, wandte sich Parvati, die Mutter der drei Welten, voll Hingabe an ihn. Ihr ganzes Sinnen galt der Läuterung der vom Schmutz des Kali-Zeitalters erfassten Menschen.

13.2 Die Göttin sprach: Wie kann man die Gestalt der großen ursprünglichen Kraft, der strahlenden Mahakali, bestimmen, die der Ursprung des Weltenschoßes und feiner als das Feinste ist?

13.3 Gestalt gehört doch den Wirkungen der Prakriti an; sie selbst aber ist unmittelbar das Höchste über allem Höchsten. Bitte löse mir diesen Zweifel gründlich, o Gott.

13.4 Shri Sadashiva sprach: Schon zuvor, Geliebte, sagte ich: Zum Nutzen der Verehrenden wird die Gestalt der Göttin entsprechend ihren Eigenschaften und ihrem Wirken vorgestellt.

13.5 Wie Weiß, Gelb und die übrigen Farben im Schwarz aufgehen, so gehen alle Wesen in Kali ein, Tochter des Berges.

13.6 Deshalb wird jene Kraft der Zeit, die ohne Eigenschaften und ohne Gestalt ist, zum Wohl der zum Yoga Gelangten als schwarz beschrieben.

13.7 Da sie ewig, von der Natur der Zeit, unvergänglich, ihrem Wesen nach Shiva und unsterblich ist, wird an ihrer Stirn das Zeichen des Mondes dargestellt.

13.8 Weil sie durch die ewigen Kräfte von Mond, Sonne und Feuer die ganze zeitliche Welt sieht, werden ihr drei Augen zugeschrieben.

13.9 Sie verschlingt alle Wesen und zermalmt sie mit den Zähnen der Zeit. Die Ansammlung ihres Blutes wird als das Gewand der Herrin der Götter bezeichnet.

13.10 Dass sie die Lebewesen immer wieder vor Gefahr schützt und sie zu ihren jeweiligen Aufgaben bewegt, wird durch ihre Gesten der Wunschgewährung und Furchtlosigkeit ausgedrückt.

13.11 Sie besteht, indem sie die aus Rajas hervorgehenden Welten trägt. Darum, Gütige, heißt es, dass sie auf einem roten Lotus sitzt.

13.12 Die Göttin, reines Bewusstsein und Zeugin von allem, schaut die zeitliche Macht Kala an, die spielt, nachdem sie den Wein der Verblendung getrunken hat.

13.13 So werden entsprechend ihren Eigenschaften verschiedene Gestalten vorgestellt, zum Wohl jener Verehrenden, deren Einsicht noch begrenzt ist.

13.14 Die Göttin sprach: Wenn ein Übender nach dem zur Rettung der Lebewesen gelehrten Meditationsbild Kalis ein Bild aus Ton oder Stein,

13.15 aus Holz oder Metall anfertigen lässt, einen schönen Tempel errichtet und dort die Herrin der Götter, mit Kleidern und Schmuck versehen, aufstellt: Welche Frucht erwächst ihm daraus?

13.16 Nach welchem Verfahren ist die Weihe ihres Bildes vorzunehmen, Herr? Offenbare mir dies aus Güte vollständig.

13.17 Die Weihe von Teichen, Brunnen, Häusern, Gärten und Götterbildern wurde bereits erwähnt, aber noch nicht ausführlich beschrieben.

13.18 Auch ihre Ordnung möchte ich aus deinem Lotusmund hören. Sprich darüber, höchster Herr, wenn es dir gefällt.

13.19 Shri Sadashiva sprach: Höchste Herrin, wonach du fragst, ist eine tiefe verborgene Wahrheit. Aus Liebe zu dir erkläre ich sie. Höre mit gesammeltem Geist.

13.20 Die Menschen auf Erden sind zweierlei Art: solche, die nach Früchten verlangen, und solche, die ohne Verlangen handeln. Für die Wunschlosen ist Befreiung das Ziel; für die Wünschenden werden besondere Früchte genannt.

13.21 Wer das Bild einer bestimmten Gottheit weiht, Geliebte, gelangt in deren Welt und genießt die dort vorhandenen Freuden.

13.22 Bei einem Tonbild soll er zehntausend Weltperioden im Himmel wohnen; bei Holz, Stein und Metall wird jeweils die zehnfache Dauer genannt.

13.23 Höre vom Verdienst dessen, der einen Tempel aus Gras, Holz und anderen Stoffen, mit Banner und Reittierbild versehen, einer Gottheit oder einem bestimmten Wunsch widmet, ihn weiht oder als Gabe überlässt.

13.24 Wer ein aus Gras und ähnlichem Material errichtetes Haus schenkt, höchste Herrin, soll tausendmal zehn Millionen Jahre im Haus der Gottheit wohnen.

13.25 Die Gabe eines Ziegelhauses trägt hundertmal so viel Frucht; ein Haus aus Stein wird mit nochmals zehntausendfachem Verdienst verbunden.

13.26 Wer einen Damm oder Übergang stiftet, Urgöttin, sieht Yamas Welt nicht. Er gelangt glücklich in den Götterhimmel und erfreut sich mit dessen Bewohnern.

13.27 Wer Bäume oder einen Garten weiht, gelangt zum Wohnsitz der Götter. Zwischen Wunschbäumen, in einer himmlischen Wohnung, genießt er die lieblichen Freuden, nach denen sein Herz verlangt.

13.28 Wer zum Wohl aller Wesen ein Wasserbecken stiftet, wird von Schuld gereinigt und gelangt in die leidfreie Welt Brahmas; für jeden Wassertropfen soll er dort hundert Jahre wohnen.

13.29 Wer ein Reittierbild schenkt, das der Gottheit Freude macht, wird von ihr stets beschützt und verweilt lange in ihrer Welt.

13.30 Die Frucht eines Reittierbildes aus Holz gilt als zehnmal so groß wie die eines aus Ton; die eines steinernen wiederum als zehnmal größer.

13.31 Bei Reittierbildern aus Messing, Bronze, Kupfer und ähnlichen Metallen wird eine jeweils hundertfache Steigerung der Frucht genannt.

13.32 Der vortreffliche Übende stifte der Göttin einen großen Löwen, Shankara einen Stier und Keshava einen Garuda für ihren jeweiligen Tempel.

13.33 Der große Löwe wird mit scharfen Fangzähnen, furchtbarem Rachen, mähnengeschmücktem Hals, vier Beinen und diamantgleichen Krallen beschrieben.

13.34 Der Stier hat Hörner als Waffen, einen hellen Leib, vier Beine mit schwarzen Hufen, einen großen Höcker, einen schwarzen Schwanz und dunkle Schultern.

13.35 Garuda hat Vogelbeine, ein menschliches Gesicht und eine lange Nase; er sitzt mit angezogenen Beinen, trägt Flügel und hält die Hände ehrfürchtig zusammen.

13.36 Die Gabe von Flagge und Banner erfreut die Gottheit hundert Jahre. Die Fahnenstange soll zweiunddreißig Ellen lang sein.

13.37 Sie sei sehr fest, ohne Löcher, gerade und schön, mit rotem Stoff umwickelt und an der Spitze mit einem Rad versehen.

13.38 Daran werde eine Fahne mit dem Zeichen des jeweiligen Reittieres befestigt. Als Fahne gilt ein an der Stangenspitze schön erscheinendes Tuch aus kostbarem Stoff, unten breit und am Ende schmal.

13.39 Kleider, Schmuck, Betten, Fahrzeuge, Throne, Gefäße zum Trinken, Essen und für Betel sowie ein Spuckgefäß,

13.40 Edelsteine, Perlen, Korallen und was einem selbst lieb ist — wer dies einer Gottheit mit Vertrauen und Hingabe schenkt, gelangt in deren Welt und empfängt es dort zehnmillionenfach.

13.41 So wurde die Frucht für die Wünschenden beschrieben. Sie vergeht wie ein Königreich im Traum. Den Wunschlosen hingegen wird Nirvana zuteil, aus dem es keine Rückkehr gibt.

13.42 Bei der Weihe von Wasseranlagen, Häusern, Gärten, Dämmen, Übergängen, Bäumen und Gottheiten soll man den Vastu-Daitya verehren.

13.43 Wer solche Werke ohne Verehrung des Vastu vollzieht, dem bereitet Vastu mit seinem Gefolge Hindernisse.

13.44 Kapilasya, Pingakesha, Bhishana, Raktalochana, Kotaraksha, Lambakarna, Dirghajangha und Mahodara,

13.45 Ashvatunda, Kakakantha, Vajrabahu und Vratantaka sind Vastus Begleiter; sie sollen sorgfältig verehrt werden.

13.46 Höre, ich beschreibe das Mandala, in dem Vastu verehrt werden soll.

13.47 Auf einer Opferplattform oder einer ebenen, mit geeignetem Wasser gereinigten Fläche messe man zwischen der Nordwest- und der Nordostecke eine Elle ab.

13.48 Mit Hilfe einer gespannten Schnur ziehe man dort eine Linie und eine weitere von Nordosten nach Südosten.

13.49 Von Südosten nach Südwesten und von dort nach Nordwesten ziehe man zwei weitere Linien und zeichne so ein quadratisches Mandala.

13.50 Durch diagonale Schnurlinien teile man es in vier Teile, sodass vier Fischschwanzformen entstehen, Göttin.

13.51 Dann ziehe der Verständige zwei Linien durch deren Ansatzpunkte, eine von Westen nach Osten, die andere von Norden nach Süden.

13.52 In den vier bereits diagonal geteilten Ecken zeichne er nochmals vier Linien, jeweils von Ecke zu Ecke.

13.53 Auf diese beschriebene Weise zeichne er sechzehn Felder und gestalte das vortreffliche Yantra mit Pulver in fünf Farben.

13.54 In den vier mittleren Feldern zeichne er einen schönen vierblättrigen Lotus mit gelbrotem Mittelpunkt und roten Staubfäden.

13.55 Die Blätter gestalte er weiß oder gelb; die Zwischenräume fülle er nach Belieben mit Farben.

13.56 Die zwölf äußeren Felder fülle er, im Nordosten beginnend, nacheinander mit Weiß, Schwarz, Gelb und Rot.

13.57 Das Füllen der Felder erfolgt rechtsherum, Geliebte; die Verehrung der darin befindlichen Gottheiten linksherum.

13.58 Im Lotus verehre er den Vastu-Daitya zur Beseitigung von Hindernissen; in den zwölf Feldern vom Nordosten an die Dämonen Kapilasya und die übrigen.

13.59 Er weihe das Feuer nach dem beim Kushandika-Ritus beschriebenen Verfahren, bringe nach Vermögen Opfergaben dar und vollende das Vastu-Opfer.

13.60 Damit ist dir die glückbringende Vastu-Verehrung erklärt, Göttin. Wer sie vollzieht, wird nirgends von Vastus Hindernissen bedrängt.

13.61 Die Göttin sprach: Mandala und Verehrungsordnung des Vastu hast du beschrieben, Herr, aber noch nicht sein Meditationsbild. Offenbare es jetzt.

13.62 Shri Sadashiva sprach: Höre, große Herrin, das Meditationsbild des Vastu-Rakshasa, durch dessen Betrachtung alle Gefahren sogleich schwinden sollen.

13.63 Man stelle ihn sich vierarmig vor, mit gewaltigem Leib und verfilztem Haar, dreiäugig, mit furchtbarem Gesicht, mit Halsketten und Ohrringen geschmückt,

13.64 mit hängendem Bauch, langen Ohren, behaartem Körper und gelbem Gewand; seine Hände halten Keule, Dreizack, Axt und Khatvanga-Stab.

13.65 Umgeben von den mit Schwert und Schild bewaffneten Helden Kapilasya und den anderen, ist er der Tod seiner Feinde und gleicht der aufgehenden Sonne.

13.66 So meditiere man über den göttlichen Vastu-Herrn, der auf einem Schildkröten-Lotossitz ruht. Bei Furcht vor Seuchen, Krankheiten, Dakinis und ähnlichen Wesen,

13.67 bei unheilvollen Vorzeichen, Störungen der Nachkommenschaft sowie Gefahr durch wilde Tiere und Rakshasas verehre man Vastu samt seinem Gefolge nach dieser Meditation.

13.68 Durch Feueropfer mit Sesam, Ghee und Milchspeise soll man umfassenden Frieden erlangen. Wie Vastu bei den genannten Handlungen verehrt werden soll, du Gelübdetreue,

13.69 so auch die Planetengottheiten mit den zehn Richtungshütern sowie Brahma, Vishnu, Rudra, Vani, Lakshmi und Shankari.

13.70 Die Muttergöttinnen samt Ganesha und die Vasus sollen verehrt werden. Sind aber bei diesen Handlungen die Ahnen nicht zufriedengestellt, Kalika,

13.71 so wird alles vergeblich, und Hindernisse entstehen auf Schritt und Tritt. Daher soll man bei den genannten Weiheriten sorgfältig

13.72 ein glückförderndes Ahnenopfer vollziehen, um die Vorfahren zufriedenzustellen. Ich beschreibe nun das Frieden stiftende Planeten-Yantra.

13.73 Die darin zusammen mit Indra verehrten Planetengottheiten gewähren das Ersehnte. Man zeichne ein Yantra aus drei Dreiecken und außen einen Kreis.

13.74 An den Kreis anschließend gestalte man acht Blätter und außen eine schöne Einfassung mit vier Toren.

13.75 Außerhalb der Einfassung, zwischen Osten und Nordosten, zeichne man einen Kreis von einer Spanne Durchmesser,

13.76 und ebenso einen weiteren zwischen Südwesten und Westen.

13.77 Die neun Winkel fülle man mit den Farben der neun Planetengottheiten. Die linke und rechte Seite des mittleren Dreiecks

13.78 gestalte man weiß und gelb, seine Rückseite schwarz. Die acht Blätter fülle man mit den Farben der acht Richtungshüter.

13.79 Die Umfassung des äußeren Bereichs gestalte man mit weißem, rotem und schwarzem Pulver. Von den beiden äußeren Kreisen von je einer Spanne,

13.80 Göttin, färbe man den oberen rot und den unteren weiß. Die Zwischenräume des Yantras kann der Verständige nach eigenem Gefallen färben.

13.81 Höre nun die Anordnung: welcher Planet in welchem Feld, welcher Richtungshüter in welchem Blatt und welche Gottheiten an welchem Tor stehen.

13.82 Im mittleren Winkel verehre man die Sonne, seitlich Aruna und Shikha, hinter ihr die beiden Stabträger Prachanda und Chanda.

13.83 Im östlichen Winkel oberhalb der Sonne verehre man den Mond, im Südosten Mars, im Süden Merkur, im Südwesten

13.84 Jupiter, im Westen den Lehrer der Daityas, Venus; im Nordwesten Saturn, im Norden und Nordosten Rahu und Ketu. Rings um den Mond verehre man die Schar der Sterne.

13.85 Die Sonne ist rot, der Mond weiß, Mars hat einen rötlichen Leib; Merkur und Jupiter sind blass beziehungsweise gelb, Venus weiß und Saturn schwarz; Rahu und Ketu haben vielfarbigen Glanz. So werden die Planetenfarben beschrieben.

13.86 Über die Sonne meditiere man als vierarmig, mit zwei Lotussen und den Gesten der Wunschgewährung und Furchtlosigkeit; über den Mond mit der Gebegeste und Nektar in seinen Lotushänden.

13.87 Mars stelle man sich leicht gebeugt vor, mit einem Stab in beiden Händen; den Sohn des Mondes, Merkur, als Knaben mit Locken, die über seine Stirn fallen.

13.88 Über Jupiter meditiere man mit heiliger Schnur, Buch und Gebetskette in den Händen, ebenso über den Lehrer der Daityas, Venus; über Saturn als einäugig und hinkend.

13.89 Rahu und Ketu sind Kopf und Rumpf, entstellt und von heftigem Wesen. Nach Verehrung der Planeten mit ihren jeweiligen Meditationsbildern verehre man Indra und die übrigen Richtungshüter.

13.90 Auf den acht Blättern, im Osten beginnend, verehre der vortreffliche Übende zuerst den Tausendäugigen in gelbem Seidengewand,

13.91 mit Donnerkeil in der Hand, gelb leuchtend, auf Airavata sitzend; dann den roten Feuergott auf einem Widder, mit einem Speer in der Hand.

13.92 Über Yama meditiere man mit schwarzem Leib, Stab und Büffel als Reittier; über Nirriti dunkel, mit Schwert, auf einem Pferd.

13.93 Varuna sitzt auf einem Makara, hält eine Schlinge und leuchtet weiß; Vayu stelle man sich dunkel vor, auf einer Antilope, mit einem Treibstachel bewaffnet.

13.94 Kubera ist goldfarben, sitzt auf einem mit Edelsteinen geschmückten Thron, wird von allen Yakshas gepriesen und hält Schlinge und Treibstachel in seinen Lotushänden.

13.95 Ishana reitet auf einem Stier, hält den Dreizack und zeigt die Wunschgewährung, trägt ein Tigerfell und leuchtet wie der volle Mond.

13.96 Nachdem man sie der Reihe nach so meditiert und verehrt hat, verehre man Brahma und Ananta in den oberen und unteren Kreisen außerhalb der Einfassung; dann folgen die Torgottheiten.

13.97 Ugra, Bhima, Prachanda und Isha gelten als Wächter des Osttors; Jayanta, Kshetrapala, Nakulesha und Brihachchhiras stehen am Südtor; am Westtor Vrika, Ashva, Ananda und Durjaya.

13.98 Trishiras, Purajit, Bhimanada und Mahodara sind die Wächter des Nordtors. Alle halten Waffen und Geschosse in den Händen.

13.99 Höre nun auch die Meditationsbilder Brahmas und Anantas, du Gelübdetreue.

13.100 Brahma gleicht einem roten Lotus, hat vier Gesichter und vier Arme und reitet auf einem Schwan. Seine Hände zeigen Wunschgewährung und Furchtlosigkeit und halten Gebetskette und Buch.

13.101 Über Ananta sollen Götter und Asuras meditieren: weiß wie Schnee, Jasmin und Mond, mit tausend Augen, tausend Füßen, tausend Händen und Gesichtern.

13.102 Meditationsbilder, Verehrungsfolge und Yantra sind erklärt, Geliebte. Höre jetzt auch die Mantras, mit Vastu beginnend.

13.103 Der Laut ksha, auf den Feuerlaut gesetzt, mit den sechs langen Vokalen verbunden und mit Nada und Bindu geschmückt, bildet das sechsgliedrige Vastu-Mantra.

13.104 Man spreche Tara, Maya und die Anrede an den Scharfstrahlenden im Dativ, dazu „Gesundheit schenkend“, und füge die Gemahlin des Feuers an; so bildet man das Sonnenmantra.

13.105 Kama, Maya und Vani, dann „Nektarstrahlender“ und zweimal „überschwemme mit Nektar“, abgeschlossen durch Svaha: Dies gilt als Mondmantra.

13.106 Aim, Hram, Hrim, dann „vernichte, vernichte alle Übeltäter“, mit Svaha am Ende: So wird das Marsmantra gelehrt.

13.107 Man spreche Hrim, Shrim, die Anrede „Saumya“, dann „erfülle alle Wünsche“ und am Schluss die Geliebte des Feuers. Dies ist das Mantra des Mondsohns Merkur.

13.108 Vani, von Tara umschlossen, danach „Lehrer der Götter, gewähre, gewähre das Ersehnte“, und Svaha: Dies ist das Mantra Jupiters.

13.109 Die Reihe der mit Bindu versehenen Sha-Laute mit den Vokalen a, i, u, ai und au sowie die abschließende Sha-Form wird als Mantra der Venus bezeichnet. [Die Lautnotation des Schlussgliedes ist in der Textgrundlage nicht eindeutig.]

13.110 Hram, Hram, Hrim, Hrim, „vertreibe, vertreibe alle Feinde“, danach „dem Sohn der Sonne Verehrung“: Dies ist das Saturnmantra.

13.111 Ram, Hraum, Bhraum, Hrim, „Feind des Mondes, vernichte, vernichte die Feinde“, dann „Rahu Verehrung“: So wird Rahus Mantra angegeben.

13.112 Krum, Hram, Kraim, „Ketu Svaha“: Dies wird als Ketus Mantra bezeichnet.

13.113 Lam, Ram, Mrim, Strum, Vam, Yam, Ksham, Haum, Brim und Am werden der Reihe nach als die zehn Mantras der Richtungshüter von Indra bis Ananta angegeben.

13.114 Für die übrigen Begleitgottheiten werden Namensmantras vorgeschrieben. Wo kein Mantra genannt wird, gilt überall diese von Shiva gelehrte Regel.

13.115 Bei einem Mantra, das bereits mit Namas endet, füge man kein weiteres Namas hinzu, Herrin der Götter; ebenso bei einem auf Svaha endenden kein weiteres Svaha.

13.116 Den Planetengottheiten und den anderen gebe man Blumen, Kleider und Schmuck entsprechend ihrer jeweiligen Farbe; anders erfreuen diese Gaben sie nicht.

13.117 Der Verständige richte das Feuer nach dem Kushandika-Verfahren ein und vollziehe das Feueropfer mit verschiedenen Blumen oder mit Brennhölzern.

13.118 Bei Friedens- und Gedeihensriten heißt das Opferfeuer Varada, bei Weihungen Lohitaksha, bei gewaltsamen Handlungen Shatruha.

13.119 Wer bei Friedens-, Gedeihens- oder gewaltsamen Riten ein Planetenopfer vollzieht, große Herrin, soll das angestrebte Ziel erreichen.

13.120 Wie bei Weihungen die Verehrung der Gottheiten und die Sättigung der Ahnen vorgeschrieben sind, so auch beim Vastu- und Planetenopfer.

13.121 Finden an einem Tag zwei oder drei Weihungen oder Opferhandlungen statt, genügen dafür eine gemeinsame Götterverehrung, ein Ahnenopfer und eine Feuerweihe.

13.122 Wasseranlagen, Häuser, Gärten, Dämme, Übergänge, Bäume, Reittierbilder, Sitze, Fahrzeuge, Kleider und Schmuck,

13.123 Trink- und Essgefäße und alle sonstigen Gaben soll, wer nach ihrer Frucht verlangt, der Gottheit nicht ungeweiht schenken.

13.124 Bei jeder Handlung mit einem bestimmten Wunschziel fasse der Verständige einen Sankalpa gemäß der Vorschrift, um das volle Verdienst zu erlangen.

13.125 Wer eine geweihte und verehrte Gabe darbringt, dabei ihren Namen und den Empfänger nennt, erhält ihre volle Frucht.

13.126 Nun werden die Besprengungsmantras für Wasseranlagen, Häuser, Gärten, Dämme, Übergänge und Bäume gelehrt; sie sind zusammen mit der Brahmavidya zu verwenden.

13.127 „Du Lebensgrund der Lebewesen, du Lebensspender, dem Varuna zugehöriges Wasser! Bei deiner Besprengung mögen die Wesen im Wasser, auf der Erde und in der Luft zufrieden werden.“

13.128 „Du aus Gras, Holz und anderen Stoffen entstandene Wohnung, Brahma lieb! Ich besprenge dich mit Wasser; mögest du stets Freude bereiten.“

13.129 Bei einem Ziegelhaus soll man stattdessen „aus Ziegeln und anderen Stoffen entstanden“ sagen.

13.130 „Ihr, die ihr durch Früchte, Blätter, Zweige und Schatten Freude bereitet: Mit heiligem Wasser besprengt, erfüllt mir alle Wünsche.“

13.131 „Du bist eine Brücke, die über die Meere des Werdens führt, den Wandernden lieb. Von mir besprengt, o Brücke, gewähre die verheißene Frucht.“

13.132 „Übergang, ich besprenge dich. Wie du den Menschen hier das Hinübergehen ermöglichst, so möge mir der Übergang zum Himmel gewährt werden.“

13.133 Das für die Besprengung eines Gartens genannte Mantra, Geliebte, sollen die Verständigen auch bei der Weihe eines Baumes verwenden.

13.134 Pranava, Varuna-Bija und Astra-Bija, diese drei Keimsilben, Mutter, dienen allgemein zum Besprengen von Gegenständen.

13.135 Kann ein Reittierbild gebadet werden, bade man es mit der Brahmavidya; andernfalls reinige man es mit Arghya-Wasser und einer Kusha-Grasspitze.

13.136 Nach der Einsetzung der Lebenskraft mit dem jeweiligen Namen des Reittieres wird das verehrte und geschmückte Bild der Gottheit dargebracht.

13.137 Bei einer Wasseranlage verehre man Varuna, den Herrn der Wasserwesen; bei einem Haus Prajapati Brahma; bei Gärten, Dämmen und Übergängen Vishnu, den Erhalter der Welt, das allgegenwärtige Selbst aller, das alles sieht.

13.138 Die Göttin sprach: Du hast für diese Handlungen verschiedene Vorschriften erklärt, aber noch nicht die Reihenfolge gezeigt, in der ein Mensch sie vollziehen soll.

13.139 Handlungen, deren Reihenfolge vertauscht wird, schenken den auf Werke angewiesenen Menschen nicht die volle Frucht, selbst wenn sie unter großer Mühe ausgeführt werden.

13.140 Shri Sadashiva sprach: Was du sagst, höchste Herrin, die du wie eine Mutter für das Wohl sorgst, dient dem höchsten Guten der Menschen, deren Geist mit Handlungsfrüchten beschäftigt ist.

13.141 Ich erkläre dir die Ausführung dieser einzelnen Handlungen, Göttin, beginnend mit dem Vastu-Opfer. Höre aufmerksam.

13.142 Am Vortag esse man maßvoll, am folgenden Morgen bade man. Nach den morgendlichen Pflichten verehre man den Guru und Narayana.

13.143 Dann fasse der Mantraübende nach der vorgeschriebenen Ordnung einen auf seinen Wunsch gerichteten Sankalpa und verehre Ganesha und die übrigen Gottheiten.

13.144 Verehrt Ganapati: rot wie eine Bandhuka-Blüte, dreiäugig, mit dem Gesicht eines mächtigen Elefanten und einer Schlange als heiliger Schnur. Seine Lotushände tragen Muschelhorn, Rad, Schwert und reinen Lotus. Der junge aufsteigende Mond schmückt sein Haupt; Gewand und Glieder strahlen wie Sonnenlicht. Mit vielerlei Schmuck versehen sitzt er auf einem roten Lotus.

13.145 Nachdem man so über Ganesha meditiert und ihn nach Vermögen verehrt hat, verehre man Brahma, Vani, Vishnu und Lakshmi,

13.146 Shiva, Durga, die Planetengottheiten und die sechzehn Muttergöttinnen; dann die Vasus in den Gheeströmen und vollziehe anschließend den Ahnenritus.

13.147 Darauf errichte man nach der beschriebenen Ordnung das Mandala des Vastu-Rakshasa und verehre darin den Vastu-Daitya mit seinem Gefolge.

13.148 Dann bereite man den Opferplatz und weihe das Feuer wie zuvor. Nachdem die Handlungen bis zum Gussopfer ausgeführt sind, beginne man das Vastu-Homa.

13.149 Man gebe ihm, seinem Gefolge und den verehrten Gottheiten nach Vermögen Opfergaben und vollende die Handlung.

13.150 Dies ist die Reihenfolge für ein eigenständig ausgeführtes Vastu-Opfer. Entsprechend ist auch das Planetenopfer vorgeschrieben, Geliebte.

13.151 Weil dort die Planetengottheiten die Hauptgottheiten sind, werden sie nicht bloß als Nebengottheiten verehrt. Unmittelbar nach dem Sankalpa erfolgt die Vastu-Verehrung.

13.152 Die Verehrung Ganeshas und der übrigen entspricht dem Vastu-Opfer. Yantra, Mantras und Meditationsbilder der Planeten wurden bereits genannt.

13.153 Im Zusammenhang damit wurden die Ordnungen des Planeten- und Vastu-Opfers erklärt, Gütige. Nun folgt von den angekündigten Handlungen die Brunnenweihe.

13.154 Nach dem ordnungsgemäßen Sankalpa verehre man Vastu nach eigener Wahl in einem Mandala, einem Gefäß oder einem Shalagrama-Stein.

13.155 Darauf verehre man Ganapati, Brahma, Vani, Hari, Rama, Shiva, Durga, die Planetengottheiten und Richtungshüter,

13.156 die Muttergöttinnen und die acht Vasus; dann folgt der Ahnenritus. Varuna ist hier die Hauptgottheit und besonders zu verehren.

13.157 Nachdem man Varuna nach Vermögen mit vielerlei Gaben verehrt hat, vollziehe man im ordnungsgemäß geweihten Feuer das Varuna-Homa.

13.158 Jeder verehrten Gottheit bringe man eine Opfergabe dar und schließe das Feueropfer mit den bis zur Vollgabe reichenden Handlungen ab.

13.159 Dann besprenge man den mit Fahnen, Bannern, Girlanden, Duftstoffen und Zinnober geschmückten Brunnen mit dem dafür genannten Mantra.

13.160 Darauf überlasse man den Brunnen oder das Wasserbecken zum Wohl aller Wesen, sei es zur Erfüllung eines Wunsches oder als Gabe an eine Gottheit.

13.161 Mit ehrfürchtig zusammengelegten Händen bete der vortreffliche Übende: „Alle Wesen, die im Luftraum, auf der Erde und im Wasser wohnen, mögen glücklich sein.

13.162 Dieses vortreffliche Wasser habe ich allen Wesen überlassen. Mögen alle Wesen durch Baden, Trinken und Eintauchen Erquickung finden.

13.163 Dieses Wasser habe ich allen Lebewesen gemeinsam geschenkt. Sollte jemand durch die Reifung seiner eigenen Handlungen darin zu Schaden kommen,

13.164 so möge mich dessen Schuld nicht beflecken; meine Handlung möge fruchtbar sein.“ Dann gebe man die Opfervergütung und vollziehe die Friedensriten und die übrigen Handlungen.

13.165 Man speise Brahmanen, Kaulas, Arme und Hungernde. Dies ist überall die Reihenfolge bei der Weihe von Wasseranlagen, Shiva.

13.166 Bei Teichen und ähnlichen Anlagen sollen auch eine Naga-Säule und Darstellungen von Wassertieren angefertigt werden.

13.167 Fische, Frösche, Makaras und Schildkröten sind diese Wasserwesen; sie sollen nach dem Vermögen des Stifters aus Metall hergestellt werden.

13.168 Zwei Fische und zwei Frösche fertige man aus Gold, zwei Makaras aus Silber und ein Schildkrötenpaar aus Kupfer und Messing.

13.169 Nachdem man einen Teich, ein langgestrecktes Becken oder ein großes Wasserbecken samt diesen Wassertieren übergeben hat, verehre man mit einem Gebet den Naga.

13.170 Ananta, Vasuki, Padma, Mahapadma, Takshaka, Kulira, Karkata und Shankha sind die Hüter der Gewässer.

13.171 Diese acht Naga-Namen schreibe man auf Ashvattha-Blätter und lege sie, Pranava und Gayatri vergegenwärtigend, in ein Gefäß.

13.172 Sonne und Mond nehme man als Zeugen, mische die Blätter und ziehe eines heraus. Der darauf erscheinende Naga werde zum Wasserhüter bestimmt.

13.173 Man bringe eine schöne, gerade Holzsäule von zwanzig Ellen Länge herbei und bestreiche sie mit Öl und Kurkuma.

13.174 Man bade sie mit heiligem Wasser unter den Vyahritis und Pranava und verehre an ihr den Naga zusammen mit Hri, Shri, Kshama und Shanti.

13.175 „Naga, du bist Vishnus Lager und Mahadevas Schmuck. Nimm diese Säule ein und beschütze mir das Wasser.“

13.176 Nach diesem Gebet richte der Stifter die Naga-Säule in der Mitte des Wasserbeckens auf und umschreite den Teich rechtsherum.

13.177 Ist die Säule schon zuvor aufgestellt worden, verehre man den Naga in einem Gefäß, gieße dessen Wasser dort aus und vollende die übrigen Handlungen.

13.178 Ebenso fasse der Verständige bei der Hausweihe einen Sankalpa und vollziehe wie bei der Brunnenweihe die Handlungen von der Vastu- bis zur Vasu-Verehrung sowie den Ahnenritus.

13.179 Hier verehre der vortreffliche Übende besonders den Gott Prajapati und vollziehe das ihm zugehörige Feueropfer.

13.180 Er besprenge das Haus mit dem zuvor genannten Mantra, verehre es mit Duft und anderen Gaben und bete mit zusammengelegten Händen nach Nordosten gewandt:

13.181 „Haus, dessen Herr Prajapati ist, mit Blumen und Girlanden geschmückt: Bereite uns eine segensreiche Wohnung und schenke uns in jeder Hinsicht Glück.“

13.182 Dann gebe man die Vergütung, erbitte Frieden und Segen und speise nach Vermögen Brahmanen, Kaulas und Arme.

13.183 Wird das Haus für einen anderen geweiht, füge man stattdessen „zu dessen Wohnen“ ein. Höre nun, Tochter des Berges, die Ordnung für ein einer Gottheit gewidmetes Haus.

13.184 Hat man das Haus so geweiht, trete man unter dem Klang von Muschelhörnern und Instrumenten vor die Gottheit und bete mit zusammengelegten Händen:

13.185 „Erhebe dich, Herr der Götter, der du die Wünsche deiner Verehrenden erfüllst. Komm, Meer des Mitgefühls, und lass mein Leben seine Erfüllung finden.“

13.186 Nach dieser Bitte bringe der Übende die Gottheit in die Nähe des Hauses, stelle sie an dessen Eingang auf und setze das Reittierbild vor sie.

13.187 Auf dem Haus befestige er einen Dreizack oder ein Rad und stelle im Nordosten des Tempels ein Banner mit Fahne auf.

13.188 Mit Baldachinen, Glöckchen, Blumengirlanden und Mangoblättern schmücke er das Haus schön und bedecke es mit kostbaren Tüchern.

13.189 Die Gottheit richte er nach Norden aus und bade sie mit den vorgeschriebenen Stoffen nach der nun zu erklärenden Ordnung. Höre ihre Reihenfolge.

13.190 Nach Aim, Hrim, Shrim spreche man das Wurzelmantra: „Mit Milch bade ich dich; behüte mich wie eine Mutter.“

13.191 Wieder verbinde man die drei Keimsilben mit dem Wurzelmantra: „Mit Dickmilch bade ich dich heute; sei der Beseitiger der Qual des Daseins.“

13.192 Wieder folgen die drei Keimsilben und das Wurzelmantra: „Du, der allen Freude schenkt, mit Honig gebadet, sei zufrieden und erfülle mich mit Glückseligkeit.“

13.193 Wie zuvor spreche man das Wurzelmantra und vergegenwärtige Savitri und Pranava: „Mit der den Göttern lieben Opferbutter, der Kraft des Lebens und dem strahlenden Saft, bereite ich dir das Bad, Herr; erhalte mich stets frei von Krankheit.“

13.194 Ebenso spreche man Wurzelmantra, Gayatri und Vyahriti: „Herr der Götter, mit Zuckerwasser gebadet, gewähre mir das Ersehnte.“

13.195 Ebenso spreche man Wurzelmantra, Gayatri und Varuna-Mantra: „Mit dem von Brahma geschaffenen köstlichen, angenehmen, milden und außergewöhnlichen Kokoswasser bereite ich dir das Bad. Verehrung sei dir.“

13.196 Mit Gayatri und Wurzelmantra bade man die Gottheit in Zuckerrohrsaft.

13.197 Man spreche Kama-Bija, Tara, Savitri und Wurzelmantra: „Mit Wasser, das Kampfer, Aloeholz, Safran, Moschus und Sandel enthält, wohl gebadet, sei erfreut und schenke mir Genuss und Befreiung.“

13.198 Nachdem der Herr der Welt so aus acht Gefäßen gebadet wurde, bringe man ihn in das Haus und stelle ihn auf seinen Sitz.

13.199 Ist das Bild zum Baden ungeeignet, vollziehe man Bad und Verehrung an seinem Yantra, seinem Mantra oder einem Shalagrama-Stein.

13.200 Wenn die Mittel fehlen, bade man es mit dem Wurzelmantra aus acht, fünf oder sieben Gefäßen reinen Wassers.

13.201 Das Maß des Gefäßes wurde bereits bei der Kreisverehrung erklärt. Dieses Gefäß ist für alle Handlungen der Agama-Überlieferung vorgesehen.

13.202 Danach verehre man die Gottheit nach ihrer jeweiligen Verehrungsordnung. Ich beschreibe die Darbringungen; höre, Göttin, Höchste über allem Höchsten.

13.203 Sitz, Willkommensgruß, Fußwasser, Arghya, Mundspülwasser, Honigtrank, erneutes Mundspülwasser, Badewasser, Kleidung und Schmuck,

13.204 Duft, Blumen, Räucherwerk, Licht, Speise und Verneigung: Dies sind die sechzehn vorgeschriebenen Darbringungen der Götterverehrung.

13.205 Fußwasser, Arghya, Mundspülwasser, Honigtrank, erneutes Mundspülwasser und die fünf mit Duft beginnenden Gaben gelten als zehn Darbringungen.

13.206 Duft, Blumen, Räucherwerk, Licht und Speise, Kalika, werden als die fünf Darbringungen zur Verehrung der Gottheit bezeichnet.

13.207 Man besprenge die Gabe mit Arghya-Wasser unter dem Astra-Mantra, zeige die Dhenu-Mudra, verehre sie mit Duft und Blumen und nenne ihren Namen.

13.208 Dann vergegenwärtige man das noch zu nennende Mantra, spreche Wurzelmantra und Namen der Gottheit im Dativ und füge die Formel der Übergabe an.

13.209 Dies ist die Ordnung für Gegenstände, die einer Gottheit dargebracht werden. Nach dieser Weise übergebe der Kundige die Gabe.

13.210 Bei der Verehrung Adyas wurden bereits Fußwasser, Arghya und die übrigen Darbringungen sowie die Gabe von Wein und anderem vollständig erklärt.

13.211 Höre nun, Geliebte, die dort noch nicht genannten Mantras. Man verwende sie bei der Darbringung des Sitzes und der übrigen Gaben.

13.212 „Dir, der in allen Wesen wohnt und das innere Selbst aller Wesen ist, bereite ich einen Sitz zum Niederlassen. Verehrung, Verehrung sei dir.“

13.213 Nachdem man nach der beschriebenen Ordnung den vortrefflichen Sitz gegeben hat, Herrin der Götter, erbitte man mit zusammengelegten Händen das Willkommen.

13.214 „Dich, dessen Anblick die Götter zur Erfüllung ihrer Wünsche ersehnen, dich, höchstes Selbst, heiße ich herzlich willkommen.“

13.215 „Heute ist meine Geburt erfüllt, mein Leben und meine Handlungen sind fruchtbar. Da du gekommen bist, ist mir die Frucht meiner Askese zuteilgeworden.“

13.216 Nachdem man die Gottheit angerufen und begrüßt hat, Mutter, nehme man das vorgeschriebene Fußwasser und spreche dieses Mantra:

13.217 „Durch die Berührung des Wassers deiner Füße wurden die drei Welten rein. Zum Besprengen dieser Lotusfüße bereite ich dir das Fußwasser.“

13.218 „Durch dessen Gnade die Fülle höchster Glückseligkeit entsteht, ihm, der das Selbst aller ist, bringe ich das Arghya der Freude dar.“

13.219 Man nehme mit Jasmin, Gewürznelken und Kakkola versetztes oder auch schlichtes Wasser, besprenge und verehre es und bringe es mit diesem Mantra dar:

13.220 „Durch die Berührung dessen, was du gekostet hast, wird die ganze Welt rein. Für deinen Lotusmund bereite ich dieses Mundspülwasser.“

13.221 Man nehme den Honigtrank und bringe ihn hingebungsvoll mit dieser Formel dar:

13.222 „Zur Vernichtung des dreifachen Leidens und als Anlass ungeteilter Glückseligkeit gebe ich dir heute den Honigtrank. Sei gnädig, höchster Herr.“

13.223 „Durch die bloße Berührung dessen, was dich berührt hat, wird Unreines rein. Für deinen Lotusmund sei nochmals Mundspülwasser dargebracht.“

13.224 Das Badewasser nehme man, besprenge und verehre es wie zuvor, stelle es vor die Gottheit und spreche dieses Mantra:

13.225 „Durch deinen Glanz ist die Welt durchdrungen, aus dir ist diese Welt entstanden. Dir, dem Grund der Welt, bringe ich Wasser zum Bad dar.“

13.226 Nach Bad, Kleidung und Speise gebe man Mundspülwasser; nach jeder anderen Gabe reiche man jeweils einmal Wasser.

13.227 Man bringe das wie zuvor gereinigte Gewand vor die Gottheit, halte es mit beiden Händen hoch und spreche dieses Mantra:

13.228 „Dir, der ohne jede Hülle ist, dessen Glanz jedoch durch Maya verhüllt erscheint, bereite ich Gewänder zum Anlegen. Verehrung sei dir.“

13.229 Man nehme Schmuck aus Gold, Silber und anderen Stoffen, besprenge und verehre ihn und gebe ihn der Gottheit mit diesen Worten:

13.230 „Dir, der selbst der Schmuck des Weltalls und die einzige Quelle seiner Schönheit ist, bringe ich Schmuck dar, um die durch Maya angenommene Gestalt zu zieren.“

13.231 „Du hast durch das feine Geruchsprinzip die dufttragende Erde geschaffen. Dir, dem höchsten Selbst, bringe ich erlesenen Duft dar.“

13.232 „Diese schöne, anmutige, wohlriechende, von göttlicher Macht geschaffene Blume bringe ich mit Hingabe dar. Nimm diese Blume an.“

13.233 „Dieses köstliche Harz der Bäume, reich an Duft und sehr angenehm, das alle Wesen einatmen können, bringe ich dir als Räucherwerk zum Riechen dar.“

13.234 „Dieses hell leuchtende, mächtig strahlende Licht vertreibt überall die Dunkelheit und erhellt außen wie innen. Nimm dieses Licht an.“

13.235 „Diese wohlschmeckende Speise mit vielerlei Gerichten bringe ich mit Hingabe dar. Genieße sie, höchster Herr.“

13.236 „Klares Wasser, mit Kampfer und anderem wohlriechend gemacht und alle erquickend, bringe ich dir zum Trinken dar, Gott. Verehrung sei dir.“

13.237 Danach gebe man Betel mit Kampfer, Khadira, Gewürznelken, Kardamom und anderem, nochmals Mundspülwasser und vollziehe die Verneigung.

13.238 Wird das Gefäß einer Darbringung mitgeschenkt, nenne man die Gabe samt ihrem Träger; oder man schenke das Gefäß gesondert und nenne jeweils seinen Namen.

13.239 Der so verehrten Gottheit bringe man dreimal eine Handvoll Blumen dar, besprenge das mit Tüchern bedeckte Haus und spreche mit zusammengelegten Händen:

13.240 „Haus, von allen Welten verehrt, Spender heiligen Verdienstes und guten Rufes: Sei dem Sumeru gleich, indem du der Gottheit Wohnung gibst.

13.241 Du bist Kailasa und Vaikuntha, du bist Brahmas Wohnsitz, o Haus. Weil du die Gottheit trägst, wirst du von den Göttern verehrt.

13.242 In ihrem Inneren besteht die ganze bewegliche und unbewegliche Welt. Weil du die Gestalt dessen trägst, der durch Maya einen Leib angenommen hat,

13.243 bist du der Mutter der Gottheit gleich und verkörperst alle heiligen Orte. Gewähre alle Wünsche und schenke mir Frieden. Verehrung sei dir.“

13.244 Nach diesem Gebet und dreimaliger Verehrung übergebe der Übende das mit Rad und anderem versehene Haus der Gottheit, seinen Wunsch im Sinn.

13.245 „Dir, der Wohnung des Alls und dem All selbst, ist dieses Haus dargebracht. Nimm es an, großer Herr, und sei aus Gnade gegenwärtig.“

13.246 Nach diesen Worten und der Gabe der Vergütung stelle man die Gottheit, der das Haus geschenkt wurde, unter Muschel- und Instrumentenklang auf den Altar.

13.247 Man berühre ihre beiden Füße, spreche das Wurzelmantra und „Stham, Sthim, sei fest; deine Wohnung habe ich bereitet“. Nachdem man die Gottheit so gefestigt hat, richte man erneut eine Bitte an das Haus:

13.248 „Haus, bereite in jeder Weise Freude als Wohnung der Gottheit. Durch deine Stiftung mögen meine Welten dauerhaft und leidfrei sein.

13.249 Lass vierzehn vergangene und vierzehn zukünftige Generationen, mich selbst und meine Angehörigen in der Welt der Gottheit wohnen.

13.250 Die Frucht aller Opfer und des Besuchs aller heiligen Orte möge mir heute durch deine Gnade zuteilwerden.

13.251 Solange die Erde besteht, solange die Berge und die Herrscher von Tag und Nacht bestehen, solange möge meine Familie fortbestehen.“

13.252 Nach diesem Gebet an das Haus verehre der Verständige erneut die Gottheit und bringe Spiegel, andere Gegenstände und das Banner dar.

13.253 Dann schenke er das für die jeweilige Gottheit genannte Reittierbild. Nachdem er Shiva den Stier dargebracht hat, bete er mit zusammengelegten Händen:

13.254 „Stier, du bist von mächtigem Leib, mit scharfen Hörnern versehen und vernichtest Feinde. Auf deinem Rücken trägst du den Herrn der Götter; selbst die Götter verehren dich.

13.255 In deinen Hufen wohnen alle heiligen Orte, in deinen Haaren die ewigen Veden; an deinen Zahnspitzen wohnen Nigamas, Agamas und Tantras.

13.256 Durch deine Stiftung erfreut, möge Parvatis Gemahl mir eine Wohnung auf Kailasa schenken. Du Glücklicher, beschütze mich stets.“

13.257 Wie man nach der Gabe eines Löwen an die große Göttin und eines Garuda an Vishnu den Lobpreis spricht, große Herrin, höre von mir.

13.258 „In den Kämpfen zwischen Göttern und Asuras zeigst du gewaltige Kraft und Tapferkeit. Furchtbar bist du, schenkst den Göttern Sieg und vernichtest die Danavas.

13.259 Du bist der Göttin stets lieb, ebenso Brahma, Vishnu und Shiva. Hingebungsvoll bist du der Göttin dargebracht: Vernichte die Feinde. Verehrung sei dir.“

13.260 „Garuda, bester der Vögel, der du dem Gemahl Shris Freude bereitest! Dein Schnabel ist wie ein Donnerkeil, deine Krallen sind scharf, deine Flügel golden. Verehrung sei dir, Herr der Vögel; Verehrung sei dir, Vogelkönig.

13.261 Wie du mit zusammengelegten Händen vor Vishnu stehst, so lass auch mich vor Vishnu wohnen, du Bezwinger feindlichen Stolzes.

13.262 Bist du erfreut, so ist der Herr der Welt erfreut und gewährt Vollendung.“

13.263 Zu den der Gottheit geschenkten Gegenständen gebe man ihr auch die Vergütung und bringe ihr hingebungsvoll die Frucht der Handlung dar. Mit seinen Begleitern und Angehörigen, unter Tanz, Gesang und Instrumentenspiel,

13.264 umschreite man das Haus, verneige sich vor der Gottheit und speise die Zweimalgeborenen.

13.265 Die hier beschriebene Ordnung der Tempelweihe gilt auch für Gärten, Dämme, Übergänge und Bäume.

13.266 Bei diesen Handlungen ist besonders der ewige Vishnu zu verehren. Verehrung, Feueropfer und alles Weitere entsprechen der Stiftung eines Hauses.

13.267 Einer noch nicht geweihten Gottheit soll man kein Haus und Ähnliches schenken. Solange ihre Weihe noch aussteht, sind jedoch Verehrung und Opfergaben vorgeschrieben.

13.268 Nun wird die Ordnung der Weihe der erhabenen Adya erklärt, durch die die geweihte Göttin rasch das Ersehnte gewährt.

13.269 Am Morgen dieses Tages bade der Übende, sei rein, wende sich nach Norden, fasse ordnungsgemäß den Sankalpa und verehre den Vastu-Herrn.

13.270 Nach Verehrung der Planeten, Richtungshüter, Heramba und der übrigen sowie nach dem Ahnenritus trete er mit Übenden und Brahmanen zum Bild.

13.271 Er bringe es in ein geweihtes Haus oder an einen anderen schönen Ort, verehre und bade es.

13.272 Das erste Bad erfolgt mit Asche, dann mit Erde eines Ameisenhügels, danach mit Erde von den Hauern eines Ebers und eines Elefanten, mit Erde vom Eingang einer Prostituierten und aus dem Pradyumna-See.

13.273 Danach bade der Verständige das Bild mit den fünf adstringierenden Pflanzenauszügen, den fünf Blumen, den drei Blättern und wohlriechenden Ölen.

13.274 Vatyala, Badari, Jambu, Bakula und Shalmali sind die fünf genannten Bäume für die adstringierenden Badeauszüge.

13.275 Karavira, Jati, Champaka, Lotus und Patali werden als die fünf Blumen bezeichnet.

13.276 Varvara, Tulasi und Bilva werden als die drei Blätter genannt.

13.277 Den genannten Stoffen soll Wasser zugesetzt werden; bei den fünf Nektaren und dem Duftöl unterlasse man den Wasserzusatz.

13.278 Man spreche Gayatri mit Vyahriti und Pranava sowie das Wurzelmantra und dann: „Mit dem Wasser dieses Stoffes bade ich dich; Verehrung.“

13.279 Darauf bade der Verständige das Bild nach der zuvor genannten Ordnung aus den acht Gefäßen mit Milch und den übrigen Stoffen sowie mit lauwarmem Wasser.

13.280 Man reibe die Göttin mit weißem Weizenmehl, Sesampaste oder Mehl aus geschältem Reis ab und trockne sie.

13.281 Nach einem Bad aus acht Gefäßen heiligen Wassers trockne man die Glieder des Bildes mit einem schönen Tuch und bringe es an den Verehrungsplatz.

13.282 Fehlen die Mittel, bade der vortreffliche Übende das Bild hingebungsvoll aus fünfundzwanzig Gefäßen reinen Wassers.

13.283 Bei jedem Bad verehre man die große Göttin nach Vermögen. Dann stelle man das Bild auf einen schön bereiteten Sitz, verehre es mit Fußwasser, Arghya und den übrigen Gaben und bete mit zusammengelegten Händen:

13.285 „Verehrung sei dir, Bild, von Vishvakarman geschaffen. Verehrung sei dir, Wohnung der Gottheit, die du die Wünsche der Verehrenden erfüllst.

13.286 In dir verehre ich Adya, die höchste Herrin über allem Höchsten. Vervollkommne, was an den Gliedern durch Mängel der handwerklichen Ausführung unvollkommen blieb. Verehrung sei dir.“

13.287 Dann lege man die Hand auf das Haupt des Bildes, wahre Schweigen, wiederhole das Wurzelmantra hundertachtmal und berühre seine Glieder.

13.288 Man vollziehe den sechsgliedrigen und den Matrika-Nyasa an den Gliedern des Bildes sowie den sechsgliedrigen Nyasa mit dem Wurzelmantra in Verbindung mit den sechs langen Vokalen.

13.289 Mit den acht Lautgruppen, jeweils mit Bindu versehen, Tara, Maya und Rama vorangestellt und Namas am Ende, lege man die Buchstaben auf die Glieder der Gottheit.

13.290 Die Vokale lege der Verständige auf das Gesicht, die Ka-Gruppe auf den Hals, die Cha-Gruppe auf den Bauch und die mit retroflexem Ta beginnenden Laute auf den rechten Arm.

13.291 Die dentale Ta-Gruppe lege er auf den linken Arm, die Pa- und Ya-Gruppen auf den rechten und linken Oberschenkel, die Sha-Gruppe auf den Kopf.

13.292 Nach diesem Buchstaben-Nyasa vollziehe man den Tattva-Nyasa.

13.293 Das Erdprinzip lege man auf die Füße, das Wasserprinzip auf den Genitalbereich, das Feuerprinzip auf die Nabelregion und das Luftprinzip auf den Herzlotus,

13.294 das Raumprinzip auf den Mund, das Formprinzip auf die Augen, das Geruchsprinzip auf die Nase und das Klangprinzip auf beide Ohren.

13.295 Das Geschmacksprinzip lege man auf die Zunge, das Berührungsprinzip auf die Haut und das Geistprinzip zwischen die Brauen; im tausendblättrigen Lotus

13.296 lege der vortreffliche Übende das Shiva-, Erkenntnis- und höchste Prinzip nieder, in der Brust die Prinzipien von Jiva und Prakriti, im ganzen Körper nacheinander Mahat und Ahamkara.

13.297 Bei der Einsetzung stehen Tara und Maya am Anfang, der jeweilige Prinzipienname im Dativ und Namas am Ende.

13.298 Das Wurzelmantra, von den mit Bindu versehenen Matrika-Lauten umschlossen und mit Namas abgeschlossen, spreche man beim Mantra-Nyasa an den Matrika-Stellen.

13.299 „Dein Glanz umfasst alle Opfer, dein Leib umfasst alle Wesen. Diese Gestalt ist für dich bereitet; hier setze ich dich ein.“

13.300 Dann vollziehe man nach der Verehrungsordnung Meditation, Einladung und die übrigen Schritte, setze die Lebenskraft ein und verehre die höchste Gottheit.

13.301 Die bei der Stiftung eines Götterhauses genannten Mantras sind auch hier bei der Verehrung zu verwenden, jeweils mit entsprechend angepasster Bezeichnung.

13.302 Im ordnungsgemäß geweihten Feuer bringe man den verehrten Gottheiten Opfergaben dar, lade die Göttin ein, verehre sie und vollziehe Geburt und weitere Lebensriten.

13.303 Geburt und Namensgebung, erster Ausgang, erste feste Nahrung, Haarschnitt und Einführung in die Unterweisung: Diese sechs Samskaras hat Shiva gelehrt.

13.304 Man spreche Pranava, Vyahriti, Gayatri, Wurzelmantra, die anrufende Namensform und den Namen des jeweiligen Ritus, beginnend mit der Geburt,

13.305 dann „vollziehe ich“ und Svaha. Der Verfahrenskundige bringe für jeden einzelnen Samskara fünf Opfergaben dar.

13.306 Unter dem verliehenen Namen und nach dem Wurzelmantra bringe man der Göttin hundert Opfergaben dar und lege einen Teil des Opfers auf das Haupt des Bildes.

13.307 Der Verständige vollende die übrigen Handlungen einschließlich der Sühneriten, speise Übende und Brahmanen und stelle Arme und Schutzlose zufrieden.

13.308 Ist man zu den genannten Handlungen nicht imstande, bade man die Gottheit aus sieben Wassergefäßen, verehre sie nach Vermögen und spreche ihr den Namen zu.

13.309 Damit ist dir die Weihe der erhabenen Adya erklärt, Geliebte. Ebenso verfahre man bei Durga und den übrigen Göttinnen sowie bei Mahesha und den anderen Göttern.

13.310 Auch für die Weihe eines beweglichen Shiva-Lingas sollen die Verfahrenskundigen diese Ordnung anwenden, nachdem sie die Namen in den Mantras entsprechend angepasst haben.

Ende des 13. Kapitels.

Kapitel 14 – Shiva-Linga, Selbsterkenntnis und Befreiung

Das Schlusskapitel führt von der Linga-Verehrung zur Erkenntnis des freien Selbst.

14.1 Die Göttin sprach: Herr des Mitgefühls, aus Güte hast du mir durch die Verehrung der ursprünglichen Kraft viele Formen spiritueller Übung erklärt. Deine Gesinnung hat mich erfüllt.

14.2 Die Weihe eines beweglichen Shiva-Lingas wurde beschrieben. Welche Frucht hat die Weihe eines unbeweglichen Lingas, und wie wird sie vollzogen?

14.3 Erkläre mir dies nun ausführlich, Herr der Welten. Dies ist eine hohe Wahrheit; sage, wen sollte ich sonst danach fragen?

14.4 Wer außer dir ist allwissend, mitfühlend und allgegenwärtig, leicht zufriedenzustellen, ein Beschützer der Armen und einer, der meine Freude mehrt?

14.5 Shri Sadashiva sprach: Was soll ich dir von der Größe der Einsetzung eines Shiva-Lingas sagen? Durch sie soll man von schweren Verfehlungen frei werden und das höchste Ziel erreichen.

14.6 Was ein Mensch durch die Gabe der mit Gold gefüllten Erde, durch zehntausend Pferdeopfer, durch die Anlage von Wasserstellen in wasserloser Gegend und durch Hilfe für Arme und Leidende

14.7 an Frucht erlangt, das erhält er zehnmillionenfach durch die Weihe eines Shiva-Lingas; daran besteht kein Zweifel.

14.8 Wo Mahadeva in Linga-Gestalt weilt, Kalika, dort wohnen auch Brahma, Vishnu und die Götter mit Indra.

14.9 Die fünfunddreißig Millionen sichtbaren und unsichtbaren heiligen Orte und alle heiligen Stätten sind in Shivas Gegenwart versammelt.

14.10 Der Bereich von hundert Ellen rings um Shambhu in Linga-Gestalt, in allen Haupt- und Zwischenrichtungen, wird Shiva-Feld genannt.

14.11 Shivas Feld ist höchst heilig, der vortrefflichste aller heiligen Orte; dort sind die Unsterblichen und alle heiligen Stätten stets gegenwärtig.

14.12 Wer auch nur einen Augenblick mit hingegebenem Herzen in Shivas Feld verweilt, wird von allen Verfehlungen frei und gelangt am Ende in Shankaras Wohnstatt.

14.13 Jede dort vollzogene Handlung, klein oder groß, wird durch die Macht des Trägers verfilzten Haares millionenfach vermehrt.

14.14 Von anderswo begangenen Verfehlungen wird man in Shivas Nähe frei; eine in Shivas Feld begangene Verfehlung aber haftet wie diamantfester Leim, Geliebte.

14.15 Purashcharana, Japa, Gaben, Ahnenopfer und Wasserspenden — was man in Shivas Feld vollzieht, wird unermesslich fruchtbar.

14.16 Die Frucht von hundert Purashcharanas bei Mond- und Sonnenfinsternis erlangt man durch eine einzige Mantrawiederholung in Shivas Nähe.

14.17 Was ein Mensch durch zehn Millionen Totenkloßgaben in Gaya, an der Ganga und in Prayaga erlangt, erhält er hier durch eine einzige solche Gabe.

14.18 Selbst Menschen, die schwerste und große Verfehlungen begangen haben, gelangen zum höchsten Ziel, wenn für sie an einem Shiva-Heiligtum das Ahnenopfer vollzogen wird.

14.19 Wo der Herr der Welt in Linga-Gestalt zusammen mit Shri Durga auf dem Sockel steht, dort bestehen die vierzehn Welten.

14.20 Damit wurde ein wenig von der Größe des eingesetzten Herrn offenbart. Die Herrlichkeit des anfangslosen Herrn der Wesen liegt jenseits der Sprache.

14.21 An einem großen Shakti-Heiligtum gilt die Berührung deines Bildes durch einen als unberührbar geltenden Menschen als Verunreinigung; dies gilt jedoch nicht für Hara in Linga-Gestalt.

14.22 Wie bei der Kreisverehrung daraus kein Makel entsteht, Göttin, so wisse es auch vom großen heiligen Shiva-Feld, Kalika.

14.23 Wozu viele Worte? Wahrhaftig sage ich dir: Die Macht des Shiva-Lingas vermag selbst ich nicht vollständig auszudrücken.

14.24 Der Übende verehre ein Linga, ob ohne oder mit Sockel, hingebungsvoll zur Erfüllung seines ersehnten Ziels.

14.25 Wer am Abend vor der Weihe die vorbereitende Adhivasa-Zeremonie für die Gottheit vollzieht, soll die Frucht von zehntausend Pferdeopfern erlangen.

14.26 Erde, Duftstoff, Stein, Getreide, Durva-Gras, Blume, Frucht, Dickmilch, Ghee, ein Svastika-Zeichen, Zinnober, Muschelhorn, Augenschminke und Rochana,

14.27 weißer Senf, Gold, Silber, Kupfer, Lampe und Spiegel: Diese zwanzig Gegenstände verwende man beim Adhivasa-Ritus.

14.28 Man nehme jeden Gegenstand einzeln, spreche Maya und Brahmavidya und dann: „Durch dieses möge die vorbereitende Weihe dieser Gottheit glückverheißend sein.“

14.29 So berühre man die Stirn der zu weihenden Gottheit mit Erde und allen übrigen Stoffen. Danach vollziehe man die Vorbereitung dreimal mit der Schale der glückverheißenden Gegenstände.

14.30 Hat der Kundige die Gottheit so vorbereitet, bade er sie anschließend mit Milch und den übrigen Stoffen nach der bei der Hausstiftung beschriebenen Ordnung.

14.31 Er trockne das Linga mit einem Tuch, stelle es auf einen Sitz und verehre Ganesha und die übrigen Gottheiten nach der Verehrungsordnung.

14.32 Mit Pranava vollziehe er die Nyasas an Händen und Gliedern sowie Pranayama und meditiere über den friedvollen Sadashiva, der wie zehn Millionen Monde leuchtet,

14.33 mit Tigerfell bekleidet, einer Schlange als heiliger Schnur, am ganzen Körper mit heiliger Asche bestrichen und mit Schlangen geschmückt,

14.34 mit fünf Gesichtern in den Farben Rauchgrau, Gelb, Rötlich, Weiß und Rot, dreiäugig, allgegenwärtig, mit aufgetürmten Haarflechten,

14.35 die Ganga tragend, zehnarmig und mit dem Mond auf dem Haupt. Seine linken Hände halten Schädelschale, Feuer, Schlinge, Pinaka-Bogen und Axt,

14.36 seine rechten Dreizack, Donnerkeil, Treibstachel und Pfeil und zeigen Wunschgewährung. Alle Götter und großen Weisen preisen ihn.

14.37 Seine leicht geschlossenen Augen erstrahlen in der Fülle höchster Glückseligkeit; er gleicht Schnee, Jasmin und Mond und thront auf dem Stier.

14.38 Tag und Nacht besingen ihn ringsum Siddhas, Gandharvas und Apsaras: Umas Geliebten, dem die allein bei ihm Zuflucht Suchenden lieb sind.

14.39 Nachdem man so über Mahesha meditiert und ihn mit inneren Darbringungen verehrt hat, lade man ihn in das Linga ein und verehre ihn nach Vermögen gemäß der Ordnung.

14.40 Die Mantras für die Darbringung des Sitzes und der übrigen Gaben wurden bereits genannt. Hier erkläre ich das Wurzelmantra des großen Mahesha.

14.41 Maya, Tara und der Klang-Keimlaut, verbunden mit dem letzten der zusammengesetzten Vokale und geschmückt mit Halbmond und Bindu: So wird das Shiva-Bija beschrieben.

14.42 Man bedecke Shankara mit duftenden Blumengirlanden und einem Gewand, lege ihn auf ein schönes Lager und reinige ebenso die Göttin.

14.43 Auf dem Sockel verehre man die Göttin nach derselben Ordnung; hier vollziehe man mit Maya die Nyasas und Pranayama.

14.44 Ich meditiere über die Makellose, die wie tausend aufgehende Sonnen leuchtet, deren Augen Feuer, Sonne und Mond sind. Goldene, mit Perlen besetzte Ohrringe schmücken ihr lächelndes Lotusgesicht. Ihre Lotushände zeigen Furchtlosigkeit und Wunschgewährung und halten Rad und Lotus. Sie hat volle, hohe Brüste, vertreibt die Furcht und trägt ein gelbes Gewand.

14.45 Nach dieser Meditation verehre man die große Göttin nach Vermögen, dann die zehn Richtungshüter und den Stier.

14.46 Ich werde das Mantra der Bhagavati erklären, mit dem die das All erfüllende Göttin verehrt werden soll.

14.47 Man spreche Maya und Lakshmi, dann den auf tha folgenden Laut, mit dem sechsten Vokal und Bindu verbunden, und füge am Ende die Geliebte des Feuers an.

14.48 Nachdem man die Göttin wie zuvor aufgestellt hat, bringe man allen Gottheiten eine Bali-Gabe aus mit Dickmilch vermischtem Reis und schwarzen Bohnen, Zucker und weiteren Zutaten dar.

14.49 Man stelle die Bali-Gabe im Nordosten auf, reinige sie mit dem Varuna-Mantra, verehre sie mit Duft und Blumen und bringe sie mit diesem Mantra dar:

14.50 „Alle Götter, Siddhas, Gandharvas, Nagas, Rakshasas, Pishachas, Muttergöttinnen, Yakshas, Geister und Ahnen,

14.51 Rishis und sonstigen Gottheiten mögen gesammelt die Bali-Gabe annehmen und Mahadeva sowie die Tochter des Berges umgeben und bei ihnen bleiben.“

14.52 Dann wiederhole man das genannte Mantra der großen Göttin nach Wunsch und gestalte mit guten Gesängen und Instrumentalklängen die glückverheißende Feier.

14.53 Nach dieser Vorbereitung vollziehe man am folgenden Tag die vorgeschriebenen Pflichten, fasse ordnungsgemäß den Sankalpa und verehre die fünf Gottheiten.

14.54 Man vollziehe die Verehrung der Muttergöttinnen, den Vasu-Gheestrom und das glückfördernde Ahnenopfer und verehre gesammelt und hingebungsvoll Maheshas Torwächter.

14.55 Nandi, Mahabala, Kishavadana und Gananayaka sind Shivas Torwächter; alle halten Waffen und Geschosse.

14.56 Dann bringe man das Linga und die Rettende in Gestalt des Sockels herbei und stelle sie in ein Sarvatobhadra-Mandala oder auf einen glückverheißenden Sitz.

14.57 Man bade Shambhu aus acht Gefäßen mit dem Tryambaka-Mantra und verehre ihn hingebungsvoll mit sechzehn Darbringungen.

14.58 Ebenso stelle und verehre man den Sockel mit dem Wurzelmantra. Dann bete der Gute mit zusammengelegten Händen zu Shankara, dem Gütigen:

14.59 „Komm, erhabener Shambhu, von allen Göttern verehrt! Träger des Pinaka-Bogens, Herr aller, großer Gott, Verehrung sei dir.

14.60 Komm in den Tempel, Gott, der du deinen Verehrenden Gnade schenkst. Komm mit Bhagavati, erweise dein Mitgefühl. Verehrung, Verehrung!

14.61 Mutter, Göttin, große Maya, die du alles Heil bewirkst, sei gnädig zusammen mit Shambhu. Verehrung sei dir, Geliebte Haras.

14.62 Komm, wunscherfüllende Göttin, in dieses segenspendende Haus. Sei erfreut, große Herrin, und schenke umfassendes Gedeihen.

14.63 Erhebe dich, Herrin der Götter, mit eurem jeweiligen Gefolge. Ihr beiden, die ihr eure Verehrenden liebt, wohnt glücklich in diesem Haus und seid erfreut.“

14.64 Nachdem man Shiva und die Göttin so gebeten hat, führe man sie unter glückverheißendem Klang dreimal rechtsherum um das Haus und lasse sie eintreten.

14.65 In einer in Stein gehauenen oder mit Ziegeln ausgekleideten Vertiefung versenke man das untere Drittel des Lingas unter Rezitation des Wurzelmantras.

14.66 „Solange Mond und Sonne bestehen, solange Erde und Meere bestehen, solange bleibe hier fest, großer Gott. Verehrung sei dir.“

14.67 Mit diesem Mantra befestige man Sadashiva sicher und setze mit dem Wurzelmantra den Sockel ein, dessen Auslauf nach Norden zeigt.

14.68 „Bleibe fest, Trägerin der Welt, die du Schöpfung, Erhaltung und Auflösung bewirkst. Solange die Herrscher von Tag und Nacht bestehen, solange bleibe hier fest.“

14.69 Nachdem man ihn damit gefestigt hat, berühre man das Linga und spreche:

14.70 „Tiger, Geister, Pishachas, Gandharvas, Siddhas und Charanas, Yakshas, Nagas, Vetalas, Weltenhüter und große Rishis,

14.71 Muttergöttinnen, Gana-Herren, Vishnu, Brahma und Brihaspati, Erden- und Himmelsbewohner sind mit dessen Thron verbunden.

14.72 Diesen unvergänglichen, dreiäugigen Herrn lade ich ein. Komm, Erhabener, hierher in das von Brahma geschaffene Yantra.

14.73 Sei zum Bestand, zum Heil und zum Glück aller gegenwärtig.“ Dann bade man Shiva nach der bei der Götterweihe genannten Ordnung.

14.74 Man meditiere wie zuvor über ihn und verehre ihn mit inneren Darbringungen, Geliebte. Man bereite das besondere Arghya, verehre die Begleitgottheiten, meditiere erneut über Mahesha und lege eine Blume auf das Linga.

14.75 Shakti, von Schlinge und Treibstachel umschlossen, die mit Bindu versehenen Laute von Ya bis Sa, dann Haum und Hamsa: Mit diesem Mantra setze man dort die Lebenskräfte ein. Man bestreiche Girijas Gemahl mit Sandel, Aloeholz und Safran.

14.76 Nach der zuvor genannten Ordnung verehre man ihn mit sechzehn Darbringungen und vollziehe Geburt, Namensgebung und die übrigen Samskaras wie zuvor.

14.77 Nachdem alles vorschriftsgemäß vollendet ist, verehre man die große Göttin auf dem Sockel und dort die acht Gestalten des Gottes.

14.78 Sharva wird als Erde bezeichnet, Bhava als Wasser, Rudra als Feuer, Ugra als Luft und Bhima als Raum.

14.79 Pashupati ist der Opfernde, Mahadeva der Mond und Ishana die Sonne: Diese werden als die acht Gestalten genannt.

14.80 Mit Pranava am Anfang, dem jeweiligen Namen und Namas am Ende verehre man die acht Gestalten nacheinander vom Osten bis zum Nordosten.

14.81 Nach Verehrung der Richtungshüter von Indra an und der acht Muttergöttinnen von Brahmi an schenke der Übende dem Herrn Stier, Baldachin, Haus und die übrigen Dinge.

14.82 Dann bete er hingebungsvoll mit zusammengelegten Händen zum Gemahl Parvatis:

14.83 „In diesem Haus habe ich dich eingesetzt, Herr, Meer des Mitgefühls. Sei gnädig, erhabener Shambhu, Ursache aller Ursachen.

14.84 Solange die Erde mit ihren Meeren besteht, solange Mond und Sonne bestehen, solange bleibe in diesem Haus. Verehrung sei dir, höchster Herr.

14.85 Sollte irgendein Lebewesen in diesem Haus sterben, so möge ich durch deine Gnade, Träger der Haarflechten, von der damit verbundenen Schuld unberührt bleiben.“

14.86 Nach Umschreitung und Verneigung gehe man nach Hause; am nächsten Morgen komme man wieder und bade den Mondgekrönten.

14.87 Zuerst bereite man das Bad mit den reinen fünf Nektaren, danach mit hundert Gefäßen duftenden Wassers.

14.88 Man verehre ihn nach Vermögen und bete mit hingebungsvollem Herzen:

14.89 „Was an meiner Verehrung an Vorschrift, Ausführung oder Hingabe fehlte, möge durch deine Gnade vollständig werden, Gemahl Umas.

14.90 Solange Mond und Sonne bestehen, solange Erde und Meere bestehen, solange möge mein unvergleichlicher guter Ruf in der Welt fortdauern.

14.91 Verehrung dem dreiäugigen Rudra, der Pinaka hält und Segen gewährt; Verehrung, Verehrung ihm, den Vishnu, Brahma, Indra, Sonne und die anderen verehren.“

14.92 Danach gebe man die Vergütung und speise Kaulas und Zweimalgeborene. Arme stelle man durch Speisen, Getränke und Kleidung zufrieden.

14.93 Täglich verehre man die Gottheit entsprechend den eigenen Mitteln. Ein fest eingesetztes Shiva-Linga darf niemals verrückt werden.

14.94 Damit ist dir die aus allen Agamas zusammengefasste Weihe des unbeweglichen Shiva-Lingas kurz erklärt, höchste Herrin.

14.95 Die Göttin sprach: Wenn die Verehrung der Gottheiten unerwartet unterbrochen wird, Allgegenwärtiger, was sollen die Verehrenden dann tun? Erkläre es mir genau.

14.96 Durch welche Mängel werden Götterbilder zur Verehrung ungeeignet, und wegen welcher Mängel sind sie aufzugeben? Nenne auch die Abhilfe.

14.97 Shri Sadashiva sprach: Bei Ausfall eines Tages verdopple man die Verehrung, bei zwei Tagen verdopple man diese Menge und bei drei Tagen verdopple man nochmals.

14.98 Kann die Verehrung danach bis zu sechs Monate lang nicht stattfinden, bade der Verständige die Gottheit aus acht Gefäßen und verehre sie.

14.99 Nach mehr als sechs Monaten weihe der vortreffliche Übende die Gottheit erneut nach dem früheren Verfahren und verehre sie.

14.100 Ein abgebrochenes, gesprungenes oder verstümmeltes Bild, eines, das von einem an Lepra Erkrankten berührt wurde oder auf unreinen Boden gefallen ist, soll der Verständige nicht verehren.

14.101 Ein Bild mit fehlenden Gliedern, Rissen oder Brüchen übergebe man dem Wasser. Ein durch Berührung und Ähnliches als verunreinigt geltendes Bild weihe man erneut und verehre es wieder.

14.102 An einem großen heiligen Sitz und einem anfangslosen Linga, die von allen solchen Mängeln frei sind, verehre man stets die eigene erwählte Gottheit, um Glück zu erlangen.

14.103 Alles, wonach du zum höchsten Wohl der auf Handlungen angewiesenen Menschen gefragt hast, große Maya, ist nun ausführlich erklärt.

14.104 Verkörperte Wesen bleiben nicht einmal einen halben Augenblick ohne Tätigkeit. Selbst wenn sie nicht wollen, werden sie machtlos vom Wind des Handelns fortgezogen.

14.105 Durch Handeln erfahren sie Glück, durch Handeln erfahren sie Leid. Sie werden geboren und vergehen und bestehen unter der Macht des Handelns.

14.106 Darum wurden vielerlei Handlungen samt ihrer Ausführung gelehrt: damit Menschen mit begrenzter Einsicht tätig werden und sich von schädlichem Tun abwenden.

14.107 Handeln ist zweifach: heilsam und unheilsam. Durch unheilsames Handeln geraten Lebewesen in heftige Qual.

14.108 Aber auch durch heilsames Handeln gehen diejenigen, deren Geist an den Früchten haftet, zwischen jener und dieser Welt hin und her, von den Ketten des Karma gebunden.

14.109 Solange das heilsame wie das unheilsame Karma nicht erschöpft ist, entsteht für Menschen keine Befreiung, selbst nach Hunderten von Weltperioden.

14.110 Wie man durch eiserne und auch durch goldene Fesseln gebunden wird, so wird das Lebewesen durch unheilsame und heilsame Handlungen gebunden.

14.111 Mag jemand unablässig handeln und hundert Mühen auf sich nehmen: Solange er keine Erkenntnis findet, erlangt er keine Befreiung.

14.112 Erkenntnis entsteht durch Erforschung der Wahrheit und durch wunschloses Handeln bei verständigen Menschen mit geläutertem Inneren, deren Dunkelheit geschwunden ist.

14.113 Von Brahma bis zum Grashalm ist die Welt durch Maya gestaltet. Allein das höchste Brahman ist wirklich. Wer dies erkennt, wird glücklich.

14.114 Wer Namen und Formen loslässt und im ewigen, unbewegten Brahman die Wahrheit gewiss erkannt hat, ist von der Bindung durch Karma frei.

14.115 Nicht durch Japa, Feueropfer oder Hunderte von Fastenübungen kommt Befreiung. Der verkörperte Mensch wird frei, indem er erkennt: „Ich bin Brahman selbst.“

14.116 Das Selbst ist Zeuge, alldurchdringend, vollkommen, wirklich, nichtdual und das Höchste über allem Höchsten. Obwohl es im Körper ist, ist es nicht an den Körper gebunden. Wer dies erkennt, erlangt Befreiung.

14.117 Wer alle Vorstellungen von Formen, Namen und anderem wie Kinderspiel hinter sich lässt und in Brahman ruht, ist befreit; daran besteht kein Zweifel.

14.118 Wenn eine vom Geist vorgestellte Gestalt allein den Menschen Befreiung verleihen könnte, dann würden Menschen durch ein im Traum gewonnenes Königreich zu Königen.

14.119 Wer Gott ausschließlich in Bildern aus Ton, Stein, Metall, Holz und anderen Stoffen erkennt und sich mit Askese quält, gelangt ohne Erkenntnis nicht zur Befreiung.

14.120 Ob durch Nahrungseinschränkung gequält oder durch Essen nach Belieben wohlbeleibt: Wie sollten Menschen ohne Brahman-Erkenntnis Erlösung erlangen?

14.121 Wenn Menschen allein dadurch frei würden, dass sie von Luft, Blättern, Körnern oder Wasser leben, dann wären auch Schlangen, Weidetiere, Vögel und Wasserwesen befreit.

14.122 Das Höchste ist das unmittelbare Sein in Brahman; die Haltung der Meditation steht in der Mitte. Lobpreis und Mantrawiederholung stehen darunter, äußere Verehrung noch darunter.

14.123 Yoga ist die Einheit des individuellen mit dem höchsten Selbst; Verehrung setzt Dienenden und Herrn voraus. Wer erkennt, dass alles Brahman ist, für den gibt es weder Vereinigung noch Verehrung als Getrenntes.

14.124 Wem die höchste Erkenntnis, die Brahman-Erkenntnis, im Herzen leuchtet, was bedarf der noch der Mantrawiederholung, Opfer, Askese, Regeln und Gelübde?

14.125 Wer Brahman als die eine Wirklichkeit, Erkenntnis und Glückseligkeit sieht und seiner Natur nach Brahman geworden ist — was bedeuten für ihn Verehrung, Meditation und Konzentration?

14.126 Für den, der erkennt, dass alles Brahman ist, gibt es weder Verfehlung noch Verdienst, weder Himmel noch Wiedergeburt, weder Gegenstand der Meditation noch Meditierenden.

14.127 Dieses Selbst ist immer frei und bleibt von allen Dingen unberührt. Was könnte es binden? Warum begehren Unverständige seine Befreiung?

14.128 Durch seine eigene Maya hat es das Weltall hervorgebracht, das selbst die Götter nicht ergründen können. Es leuchtet darin aus sich selbst; ohne eingetreten zu sein, erscheint es wie eingetreten.

14.129 Wie der Raum außerhalb und innerhalb aller Dinge ist, so leuchtet das Selbst seinem Wesen nach als Sein und als Zeuge.

14.130 Für das Selbst gibt es weder Kindheit noch Alter, weder Jugend noch Geburt. Es ist stets von derselben Natur, reines Bewusstsein und frei von Veränderung.

14.131 Geburt, Jugend und Alter gehören allein dem Körper, nicht dem Selbst. Obwohl sie sehen, erkennen dies diejenigen nicht, deren Einsicht von Maya verhüllt ist.

14.132 Wie man die Sonne in vielen wassergefüllten Schalen vielfach sieht, so erblickt man durch Maya das eine Selbst in den Körpern als vielfältig.

14.133 Wie man die Unruhe des Wassers dem darin gespiegelten Mond zuschreibt, so sehen Unkundige die Unruhe des Denkens im Selbst.

14.134 Wie der Raum im Krug derselbe bleibt, wenn der Krug zerbricht, so leuchtet das Selbst unverändert, wenn der Körper vergeht.

14.135 Diese Erkenntnis des Selbst, Göttin, ist das höchste und unmittelbare Mittel zur Befreiung. Wer sie besitzt, ist schon hier frei. Wahrlich, wahrlich, daran besteht kein Zweifel.

14.136 Nicht durch Werke, Nachkommenschaft oder Reichtum wird man frei. Indem der Mensch durch das Selbst das Selbst erkennt, wird er befreit.

14.137 Allen ist das Selbst lieb; nichts ist ihnen lieber als das Selbst. Andere werden in dieser Welt durch ihre Beziehung zum Selbst lieb, Shiva.

14.138 Erkenntnis, Erkanntes und Erkennender erscheinen durch Maya als Dreiheit. Wird diese Dreiheit erforscht, bleibt allein das eine Selbst übrig.

14.139 Erkenntnis ist das Selbst als Bewusstsein; das Erkannte ist das Selbst, von Bewusstsein erfüllt; der Erkennende ist das Selbst selbst. Wer dies weiß, ist ein Kenner des Selbst.

14.140 Damit ist dir jene Erkenntnis erklärt, die unmittelbar Nirvana bewirkt. Sie ist der höchste Schatz der vier Arten von Avadhutas.

14.141 Die Göttin sprach: Du hast zwei Lebensstände genannt: den des Haushälters und den des von Almosen Lebenden. Wie ist nun diese erstaunliche Aussage zu verstehen, dass es vier Arten von Avadhutas gibt?

14.142 Nachdem ich davon gehört habe, möchte ich es wissen. Erkläre mir die Merkmale der vier Arten von Avadhutas genau und ausführlich, Herr.

14.143 Shri Sadashiva sprach: Brahmanen, Kshatriyas und andere, die das Brahman-Mantra verehren, sind als Entsagende zu erkennen, auch wenn sie im Hausstand leben, Geliebte.

14.144 Menschen, die durch die vollständige Abhisheka-Weihe geheiligt wurden, sind als Shaiva-Avadhutas zu erkennen und zu verehren, du im Kula Verehrte.

14.145 Brahma-Avadhutas und Shaiva-Avadhutas sollen entsprechend den Pflichten ihres Lebensstandes alle Handlungen auf dem von mir gelehrten Weg vollziehen.

14.146 Verbotene Speise und verbotenes Getränk sollen sie niemals annehmen, sofern diese nicht Brahman beziehungsweise im heiligen Kreis dargebracht wurden.

14.147 Die Pflichten und Lebensweise der Kaulas, die Brahma-Avadhutas sind, sowie der durch Abhisheka geweihten Kaulas wurden bereits erklärt, Schönangesichtige.

14.148 Baden, Sandhya, Essen, Trinken, Geben und der Schutz der Ehefrau richten sich für beide Arten von Avadhutas nach dem Weg der Agamas.

14.149 Jede der genannten Arten ist wiederum zweifach: vollendet und unvollendet. Der Vollendete heißt Paramahamsa, der andere Parivraj, Geliebte.

14.150 Hat jemand die Avadhuta-Weihe empfangen, ist aber noch schwach in Erkenntnis, so soll er unter den Menschen bleiben und sich selbst läutern.

14.151 Er behalte die Kennzeichen seines Standes, vollziehe die Handlungen wie ein Kaula, richte sich stets auf Brahman aus und verwirkliche die höchste Erkenntnis.

14.152 Er spreche „Om Tat Sat“, betrachte „Das bin ich“ und vollziehe die ihm angemessenen Handlungen, stets in Losgelöstheit gegründet.

14.153 Er handle ohne Anhaften, wie Wasser auf einem Lotusblatt, und bemühe sich, sich durch die Unterscheidung der Wahrheit zu erheben.

14.154 Welche Handlung jemand mit dem Mantra „Om Tat Sat“ vollzieht, ob Haushälter oder Entsagender, sie gereicht ihm zur Erfüllung seines Ziels.

14.155 Japa, Feueropfer, Weihung und alle Samskaras und anderen Handlungen werden, mit dem Mantra „Om Tat Sat“ vollzogen, vollständig; daran besteht kein Zweifel.

14.156 Wozu viele andere Mantras und zahlreiche andere Übungen? Mit diesem Brahman-Mantra kann man alle Handlungen vollziehen.

14.157 Kein anderes Mittel ist so leicht auszuführen, so wenig aufwendig und so vollständig fruchtbringend wie dieses große Mantra, Mutter.

14.158 Wer es an der Vorderseite seines Hauses oder am Körper aufschreibt und trägt, dessen Haus wird ein großer heiliger Ort und dessen Körper von Heiligkeit erfüllt.

14.159 Dieses Mantra „Om Tat Sat“ ist die innerste Essenz von Nigamas, Agamas und Tantras, Herrin der Götter. Wahrhaftig habe ich es dir gesagt.

14.160 Durch Gaumen, Haupt und Haarschopf Brahmas, Vishnus und Maheshas hindurch trat dieses „Om Tat Sat“ hervor, das Höchste aller Mantras.

14.161 Sind die vier Arten von Nahrung und andere Gegenstände durch dieses Mantra gereinigt, bedürfen sie keiner Reinigung durch andere Mantras.

14.162 Wer überall das Sein sieht, das große Tat-Sat-Mantra wiederholt, aus eigener innerer Freiheit handelt und reinen Herzens ist, der ist wahrhaft ein König der Kaulas auf Erden.

14.163 Durch seine Wiederholung erlangt man Vollendung, durch Betrachtung seiner Bedeutung Befreiung. Wer dieses Mantra mit seinem Sinn wiederholt, wird schon als verkörpertes Wesen Brahman gleich.

14.164 Dieses dreigliedrige große Mantra ist die Ursache aller Ursachen. Durch seine Übung wird man selbst zu einem Überwinder des Todes.

14.165 Ob man seine Glieder gemeinsam, paarweise oder einzeln wiederholt, große Herrin, der Übende erlangt dadurch Vollendung.

14.166 Für den, dessen sämtliche rituellen Verpflichtungen durch die Shaiva-Avadhuta-Weihe abgestreift sind, besteht keine Zuständigkeit mehr für Riten der Götter, Ahnen oder Rishis.

14.167 Unter den vier Avadhutas heißt der vierte Hamsa. Die drei anderen besitzen Yoga und Genuss; alle sind frei und Shiva gleich.

14.168 Der Hamsa soll keinen Geschlechtsverkehr haben und keine Edelmetalle ansammeln. Er wandere, nehme an, was ihm durch bereits wirksames Karma zufällt, und sei jenseits von Verbot und Gebot.

14.169 Der vierte lege die Zeichen seines Standes und die Handlungen des Haushälters ab. Ohne eigennützige Absicht und ohne Unternehmungen wandere er über die Erde.

14.170 Stets im Selbst zufrieden, frei von Kummer und Verblendung, ohne feste Behausung, sei er duldsam, furchtlos und ohne Bedrängnis.

14.171 Für ihn gibt es keine rituelle Darbringung von Speise und Trank und keine vorgeschriebene Meditation oder Konzentration. Frei, losgelöst und jenseits der Gegensätze folgt der Entsagende der Lebensweise des Hamsa.

14.172 Damit sind dir die Merkmale der vier Kula-Yogins ausführlich erklärt, Göttin — der Guten, die meine eigene Natur verkörpern.

14.173 Sie zu sehen, zu berühren, mit ihnen zu sprechen und sie zufriedenzustellen gewährt den Menschen die Frucht aller heiligen Orte.

14.174 Alle heiligen Orte und verdienstvollen Stätten auf Erden sind stets im Körper der Kula-Sannyasins gegenwärtig, Geliebte.

14.175 Gesegnet, erfüllt und heilig sind jene Menschen; sie haben gleichsam alle Opfer vollzogen, die solche Kula-Heiligen mit Kula-Gaben verehrt haben.

14.176 Durch ihre bloße Berührung wird als unrein Geltendes rein, ein als unberührbar Geltender berührbar und selbst verbotene Nahrung zulässig.

14.177 Kiratas, Sünder, Gewalttätige, Pulindas, Yavanas und Khasas werden durch ihre Berührung geläutert. Wen außer ihnen sollte man verehren?

14.178 Auch Menschen, die Kaulas und Kula-Yogins nur einmal hingebungsvoll mit Kula-Prinzipien und Kula-Gaben verehren, verdienen auf Erden Verehrung.

14.179 Keinen höheren Dharma gibt es als den Kaula-Dharma, Lotusgesichtige. Selbst wer am Rand der gesellschaftlichen Ordnung steht, wird durch seine Zuflucht geläutert und erreicht die Kaula-Stellung.

14.180 Wie die Fußspuren aller Tiere in der Spur eines Elefanten Platz finden, so sind alle Dharmas im Kula-Dharma enthalten, Geliebte.

14.181 Wie heilig sind die Kaulas, Geliebte, selbst Verkörperungen heiliger Orte! Sie läutern durch die Verbindung mit ihnen Fremde, Menschen der als niedrig geltenden Gruppen und Verachtete.

14.182 Wie Wasser, das in die Ganga fließt, zu Ganga-Wasser wird, so werden alle, die in den Kula-Weg eintreten, zu Kaulas.

14.183 Wie Wasser, das ins Meer gelangt ist, kein getrenntes Dasein mehr besitzt, so bleiben Menschen, die in den Ozean des Kula eingetaucht sind, nicht voneinander getrennt.

14.184 Alle Menschen auf dieser Erde, vom Brahmanen bis zu den außerhalb der Rangordnung Stehenden, sind für diesen Kula-Weg berechtigt.

14.185 Wer in diesen Kula-Dharma eingeladen wird und sich abwendet, fällt, so heißt es, aus allen Dharmas heraus und gelangt zu einem niedrigen Dasein.

14.186 Wer Menschen, die den Kula-Weg erbitten, darum bringt, gelangt selbst als Kaula in die Raurava-Hölle.

14.187 Ein Kaula, der jemanden aus Verachtung für einen Chandala, einen Yavana, einen vermeintlich Niedrigen oder eine Frau nicht in den Kaula-Weg aufnimmt, ist selbst niedrig und sinkt herab.

14.188 Größer als das Verdienst von hundert Weihungen und hundert Purashcharanas ist das millionenfache Verdienst, einen einzigen Menschen zum Kaula zu machen.

14.189 Welcher gesellschaftlichen Gruppe Menschen auf Erden auch angehören und welchem Dharma sie folgen: Werden sie Kaulas, so werden sie von den Fesseln frei und gelangen zum höchsten Ziel.

14.190 Kaulas, die im Shiva-Dharma ruhen, sind heilige Orte und von Shivas Wesen. Sie sollen einander mit Zuneigung, Vertrauen und Liebe ehren und achten.

14.191 Wozu viele Worte? Wahrhaftig sage ich dir: Der Kula-Dharma ist die Brücke über den Ozean des Werdens; eine andere gibt es nicht.

14.192 Alle Zweifel werden durchschnitten, angesammelte Verfehlungen schwinden, die Netze des Karma werden verbrannt, wenn man dem Kula-Dharma folgt.

14.193 Als höchste Kaulas sind jene zu erkennen, die der Wahrheit verpflichtet und in Brahman gegründet sind, Menschen aus Mitgefühl einladen und sie durch den Kula-Weg läutern.

14.194 Damit habe ich dir, Göttin, die erste Hälfte des Mahanirvana Tantra erklärt, die alle Dharmas erörtert und die Welt läutert.

14.195 Wer sie täglich hört oder anderen Menschen vorträgt, wird von allen Verfehlungen frei und erlangt am Ende Nirvana.

14.196 Wer diesen König der Tantras kennt, die innerste Essenz aller Agamas und Tantras, das Höchste über allem Höchsten, wird ein Kenner aller Lehrschriften.

14.197 Was braucht er noch Pilgerreisen, Opfer und Mantraübungen? Wer dieses große Tantra erkennt, wird von den Fesseln der Werke frei.

14.198 Er ist kundig in allen Lehrschriften, der Beste unter den Kennern aller Dharmas; er ist ein Wissender, ein Brahman-Kenner und ein Heiliger, der dies versteht, Kalika.

14.199 Genug mit Veden, Puranas, Smritis und Samhitas! Wozu viele andere Tantras? Wer dieses erkennt, soll alles erkennen.

14.200 Meine zuvor verborgenste Übung und höchste Erkenntnis wurden durch deine Fragen in diesem Tantra vollständig offenbart.

14.201 Wie du als Kraft Brahmans mir lieber als mein Leben bist, so ist mir auch das Mahanirvana Tantra lieb; wisse dies, du Gelübdetreue.

14.202 Wie der Himalaya unter den Bergen, der Mond unter den Sternen und die Sonne unter den leuchtenden Dingen, so ist dieser König der Tantras unter den Tantras.

14.203 Dieses Tantra umfasst alle Dharmas und ist ein Mittel zur Brahman-Erkenntnis. Wer es liest oder lehrt, kann ein Kenner Brahmans werden.

14.204 In wessen Haus dieses vortrefflichste aller Tantras gegenwärtig ist, in dessen Familie, Herrin der Götter, soll niemals ein im gebundenen Pashu-Zustand verharrender Mensch entstehen.

14.205 Selbst ein vom Dunkel des Nichtwissens Geblendeter, ein Unverständiger oder ein in Werken Erstarrter wird durch das Hören dieses großen Tantra von der Bindung des Handelns frei.

14.206 Lesen, Hören, Verehren und Ehrfurcht vor diesem Tantra verleihen den Menschen Kaivalya, höchste Herrin.

14.207 Vielerlei Tantras mit jeweils einzelnen Lehrgegenständen wurden verkündet; doch ein dieses übertreffendes Tantra, das alle Dharmas umfasst, gibt es nirgends.

14.208 Wer seine zweite Hälfte kennt, die den Kreis der Unterwelt, den Erdkreis und den Kreis der Himmelslichter umfasst, ist allwissend; daran besteht kein Zweifel.

14.209 Wer dieses Werk samt seiner zweiten Hälfte kennt, vermag von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sowie von den Geschehnissen der drei Welten zu berichten.

14.210 Zahlreiche Tantras und verschiedenartige Lehrschriften bestehen; sie erreichen nicht einmal ein Sechzehntel des Mahanirvana Tantra.

14.211 Was soll ich dir von der Größe des Mahanirvana Tantra sagen? Wer dieses große Tantra erkennt, gelangt zum Nirvana in Brahman.

Ende des 14. Kapitels.

Damit endet die erste Hälfte des Mahanirvana Tantra.

Bedeutung für heutige Aspiranten

Das Mahanirvana Tantra kann dazu ermutigen, die eigene Praxis mit neuem Vertrauen aufzunehmen. Nicht jeder Tag ist still, nicht jedes Mantra wird mit ungeteilter Aufmerksamkeit wiederholt, und nicht jede Begegnung gelingt. Gerade dann ist die Rückkehr zur gewählten Ausrichtung wertvoll: wahrhaftiger werden, das Herz öffnen und die Frage nach dem Selbst wachhalten. Der Text verbindet die Läuterung des Geistes mit der Einsicht, dass seine Bewegungen das Selbst nicht verändern.

Das Herz als Ort der Verehrung

Die innere Puja in Kapitel 5 gibt der Hingabe eine anschauliche Sprache. Der Herzlotus ist der Sitz der Göttin; die Lebenskräfte werden zur Gabe. Für die persönliche Betrachtung kann daraus die Frage entstehen: Was möchte ich heute darbringen? Vielleicht eine festgehaltene Kränkung, vielleicht den Wunsch, unbedingt recht zu behalten, vielleicht die Früchte einer gelungenen Arbeit. Die Blumen der Gewaltlosigkeit und des Mitgefühls erinnern daran, wie eine solche Hingabe im Zusammenleben sichtbar wird.

Wahrheit als tägliche Sadhana

Kapitel 4 stellt Wahrhaftigkeit in die Mitte des Weges. Kapitel 8 ergänzt die Wahrheit durch eine sanfte, freundliche und hilfreiche Sprache (8.62). Beides zusammen ist anspruchsvoll: ehrlich sprechen und dabei den anderen achten. Ein Gespräch, eine Zusage oder der Umgang mit einem eigenen Irrtum können so zum Feld spiritueller Übung werden.

Handeln mit Hingabe, loslassen in Erkenntnis

Die Verbindung von wunschlosem Handeln und Erkenntnis in 14.112 ist besonders für Menschen im Familien- und Berufsleben bedeutsam. Eine Aufgabe sorgfältig erfüllen, ihre Wirkung bedenken und das Ergebnis innerlich loslassen: Darin kann Karma Yoga Gestalt annehmen. Die Formel „Om Tat Sat“ erinnert im Schlusskapitel an die Widmung des Handelns an das Höchste. In der Stille kann anschließend die Frage Raum gewinnen, wer das Handeln und seine wechselnden Erfahrungen wahrnimmt.

Eine einfache Begleitung für den Tag

Die folgenden Anregungen übertragen Motive des Textes in die heutige persönliche Betrachtung:

  • Am Morgen: Lies einen Vers aus den 108 ausgewählten Versen. Verweile bei einem Gedanken, der dein Herz anspricht, und verbinde deine vertraute Meditation oder Mantrawiederholung mit diesem Sinn.
  • Im Alltag: Wähle eine der inneren Blumen, etwa Geduld oder Mitgefühl. Lass sie in einer konkreten Begegnung wirksam werden.
  • Am Abend: Blicke freundlich und ehrlich zurück: Wo war ich aufmerksam? Wo habe ich mich in Ärger oder Erwartungen verloren? Was kann ich jetzt loslassen?

Das Bild des Raumes im Krug aus 14.134 kann diese Betrachtung begleiten: Der Krug verändert sich, der Raum wird dadurch nicht verletzt. In ähnlicher Weise lädt die Lehre dazu ein, das Selbst jenseits wechselnder Zustände zu erkennen. Aus dieser Tiefe können Gelassenheit, Hingabe und die Bereitschaft wachsen, der Welt Gutes zu tun.

Siehe auch

Literatur

  • Swami Sivananda: Kundalini Yoga
  • Swami Sivananda: Göttliche Erkenntnis, Mangalam Books Verlag
  • Sukadev Bretz: Die Kundalini-Energie erwecken, Yoga Vidya Verlag
  • Arthur Avalon (Hrsg.): Mahānirvāṇa Tantra, mit dem Kommentar Hariharananda Bharatis. Tantrik Texts, Band 13, 1926.
  • Arthur Avalon: The Great Liberation (Mahānirvāṇa Tantra). Englische Übersetzung, 1913.
  • Hiroki Watanabe: Textual Problems of the Mahanirvanatantra. In: Journal of Indian and Buddhist Studies, 46/2, 1998, S. 1060–1056. DOI und bibliographische Angaben.

Weblinks

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Sukadev Bretz

Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Grundlage ist der Sanskrit-Grundtext des Mahānirvāṇatantra, Muktabodha-Katalog M00049, nach der von Arthur Avalon herausgegebenen Ausgabe der Tantrik Texts, Band 13 (1926), mit dem Kommentar Hariharananda Bharatis. Die Erfassung erfolgte durch Mitarbeitende des Muktabodha Indological Research Institute unter der Leitung von Mark S. G. Dyczkowski. Die vierzehn Ullasas bilden den ausdrücklich so bezeichneten Purvardha. Die in 14.208–209 erwähnte zweite Hälfte gehört nicht zu dieser Textgrundlage. Hariharananda Bharatis Kommentar ist nicht als Bestandteil der Grundverse wiedergegeben.

Zählung und Lesungen: Das Kali-Meditationsbild zwischen 5.140 und 5.142 sowie die Venus-Mantra-Zeile zwischen 13.108 und 13.110 stehen ohne eigene Versziffer; sie werden hier als 5.141 und 13.109 erschlossen. In den Sanskritfassungen stehen die ergänzten Schlussziffern in eckigen Klammern. Nach 13.283 folgt in der Grundlage unmittelbar 13.285; ein selbständig ausgewiesener Vers 13.284 fehlt. Es wird kein Text dafür ergänzt. Auch kürzere und längere Versgruppen behalten ihre vorgefundene Zählung. Der Kolophon des vierten Kapitels trägt in der Grundlage abweichend die Ziffer 2; diese Lesung bleibt im Sanskrit erhalten. Die Ausgabe bietet damit 2516 Textabschnitte bei einer bis 2517 Positionen reichenden Kapitelzählung.

Schreibweise: IAST und Devanagari folgen den korrespondierenden Lesungen derselben Grundlage. Seitenmarken entfallen; Trennungen innerhalb fortlaufender Wörter werden aufgehoben. Die dort verwendete Schrägstrichnotation für Bindu wird als Anusvara (ṃ beziehungsweise ं) wiedergegeben, Om entsprechend als oṃ beziehungsweise ओं; die Rezitationssammlung verwendet dafür auch ॐ. Ungewöhnliche Lesungen werden nicht zu vermeintlich sicheren Mantras umgeformt; insbesondere bleibt das Schlussglied von 13.109 unsicher. Vereinzelte offenkundig gestörte Wörter sind in der deutschen Übersetzung sinngemäß erschlossen oder kurz markiert. Es handelt sich um eine Lesefassung, nicht um eine neue kritische Edition.

Übersetzung: Die deutsche Fassung ist eine eigenständige Übertragung des Grundtextes. Kurze Verständniszusätze stehen in eckigen Klammern. Brahman bezeichnet das höchste Sein, Brahma den Schöpfergott; Kali als Göttin und Kali als Zeitalter sind nach dem Zusammenhang zu unterscheiden. Mudra kann eine Handgeste, im Zusammenhang der fünf Tattvas aber geröstetes Getreide bezeichnen. Lautnamen wie Maya, Tara oder „Gemahlin des Feuers“ bleiben bei verschlüsselten Mantraangaben erkennbar. Rituelle Heilszusagen und historische Rechts- und Reinheitsnormen werden als Aussagen des Textes übersetzt. Die beschriebenen Atemzählungen und rituellen Verfahren sind keine individuell angepasste Übungsanleitung.

Rechtehinweis: Der Muktabodha-E-Text nennt die Lizenz Creative Commons Namensnennung–Nicht kommerziell 4.0. Diese Quellen- und Lizenzangabe ist bei Weitergabe der darauf beruhenden Sanskrit-Lesefassungen und Bearbeitungen zu erhalten; eine Freigabe für kommerzielle Nutzung wird damit nicht erklärt. Gegenüber dem E-Text bestehen die oben beschriebenen redaktionellen Änderungen sowie die deutsche Übersetzung und die Auswahl der Praxisverse.