Maharthamanjari

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Maharthamanjari (Sanskrit: महार्थमञ्जरी mahārthamañjarī f.), auch Mahārthamañjarī oder Mahartha Manjari, ist ein bedeutender nichtdualer Tantra-Text des Maheśvarānanda. Das Werk entfaltet in siebzig konzentrierten Gāthās den „großen Sinn“ – mahārtha – der Śaiva-Erkenntnis: Alles, was als Welt, Körper, Sinneswahrnehmung, Sprache, Ritual, Mantra, Mudra, Bindung oder Befreiung erscheint, ist eine Entfaltung des einen selbstleuchtenden Bewusstseins von Shiva und seiner untrennbaren Shakti.

Die Maharthamanjari gehört in den geistigen Umkreis des nichtdualen kaschmirischen Shivaismus und steht besonders der Pratyabhijñā, dem Spanda-Denken und tantrischen Krama- und Kaula-Lehren nahe. Sie ist zugleich philosophisch und praktisch: Der Text erklärt die Natur des Selbst, Prakāśa und Vimarśa, die 36 Tattvas, den Körper als heiligen Ort, innere Puja, Guru, Mantra und Mudrā sowie die Freiheit des zu Lebzeiten Befreiten.

Die Maharthamanjari sieht die Vielheit der Welt nicht als Gegensatz zum Einen. Wie in einem Yantra entfalten sich zahlreiche Ebenen aus einer gemeinsamen Mitte.

Autor und Parimala-Kommentar
Die bereitgestellte Muktabodha-Fassung nennt Maheśvarānanda als Autor und überliefert die Maharthamanjari zusammen mit seinem eigenen Kommentar, dem Parimala. In den einleitenden Versen erklärt der Autor selbst: In weltlicher Sicht werde er Gorakṣa genannt, aus der Sicht des Lehrers Maheśvarānanda. Der Parimala ist deshalb keine spätere fremde Auslegung, sondern Maheśvarānandas ausführliche Selbsterklärung seines eigenen knappen Lehrtextes.

Die Muktabodha-Datei beruht auf der Ausgabe der Trivandrum Sanskrit Series Nr. 66 und nennt als Publikationsjahr 1919. Der Parimala sagt ausdrücklich, dass die Maharthamanjari aus siebzig Gāthās besteht, die gleichsam als Sūtras dienen; die dreizehn vorausgehenden Verse bilden die einleitende Rahmung. Der Kommentar legt außerdem selbst die thematische Folge der siebzig Gāthās dar.

Was bedeutet Maharthamanjari?
Mahārtha bedeutet „großer Sinn“, „höchste Bedeutung“ oder „große Wirklichkeit“. Mañjarī ist eine Blütenrispe oder ein Blütenbüschel. Der Titel lässt sich deshalb als „Blütenrispe des großen Sinnes“ verstehen. Das Bild ist bewusst gewählt: Viele einzelne Gāthās erscheinen wie einzelne Blüten, bilden aber zusammen eine einzige duftende Einheit.

Der „große Sinn“ ist für Maheśvarānanda nicht bloß eine philosophische Theorie. Er ist das Wiedererkennen der eigenen Bewusstheit als Paramaśiva – als jene Wirklichkeit, die Welt und Transzendenz zugleich umfasst.

Die Grundidee des Werkes
Die Maharthamanjari beginnt mit einer radikalen These: Das Selbst ist die Grundlage jeder Erkenntnis und kann deshalb nicht wie ein gewöhnlicher Gegenstand durch ein anderes Erkenntnismittel bewiesen werden. So wie ein Mensch, der bereits mitten im Strom der Ganga steht, kein weiteres Wasser suchen muss, steht jede Wahrnehmung bereits im Licht des Bewusstseins.

Dieses Licht nennt die Tradition Prakāśa. Es ist jedoch keine passive Helligkeit. Bewusstsein erkennt und erfasst sich selbst – diese dynamische Selbstbezogenheit heißt Vimarśa. Prakāśa und Vimarśa sind nicht zwei Dinge. Sie sind zwei Aspekte derselben göttlichen Wirklichkeit.

Das „Herz“ – hṛdaya – ist in der Maharthamanjari nicht nur ein körperlicher Ort, sondern Sinnbild der Mitte des Bewusstseins, in der die Welt erscheint und wieder zur Ruhe kommt.

Einleitende Verse Maheśvarānandas

Einleitungsvers 1
namo nālayate śuṇḍāṃ viṣāṇena mṛṇāline |
pratyakkamalakandāya karṇābhyāṃ parṇaśāline || 1 ||

Übersetzung: Verehrung sei dem, der den Rüssel wie eine Lotusfaser bewegt und dessen Stoßzahn wie ein Stängel erscheint – der im inneren Lotus wurzelt und dessen Ohren wie Blätter sind.

Einleitungsvers 2
jayatyamūlamamlānamauttaraṃ tattvamadvayam |
spandāspandaparispandamakarandamahotpalam || 2 ||

Übersetzung: Siegreich ist die wurzellose, unverwelkliche, höchste nichtduale Wirklichkeit – die große Lotusblüte, deren Nektar Spanda, Nicht-Spanda und allumfassende Schwingung ist.

Einleitungsvers 3
kāruṇyāmṛtasindhoruditamivāvartamīkṣaṇāpāṅgāt |
mauktikamayaṃ dadhānā tāṭaṅkaṃ jayati gauravī mūrtiḥ || 3 ||

Übersetzung: Siegreich ist die ehrwürdige Gestalt, die wie eine Welle aus dem Ozean des Nektars des Mitgefühls aufsteigt und am Seitenblick einen perlenbesetzten Ohrschmuck trägt.

Einleitungsvers 4
sphūrtaye viśvaśilpasya śrīśivānandamūrtaye |
nityonmeṣanimeṣāyai nistuṣāyai namastviṣe || 4 ||

Übersetzung: Verehrung sei jenem reinen Licht, der Gestalt von Śivānanda, aus der das Kunstwerk des Universums hervorleuchtet und in der Öffnen und Schließen ewig geschehen.

Einleitungsvers 5
yasmādanuttaramahāhradamajjanaṃ me
saubhāgyaśāmbhavasukhānubhavaśca yasmāt |
tatsvātmacitkramavimarśamayaṃ gurūṇā-
movalliyugmamuditoditavīryamīḍe || 5 ||

Übersetzung: Ich preise die beiden Lianen der Guru-Füße, erfüllt von der Betrachtung des eigenen Bewusstseins und des Krama: durch sie tauchte ich in den großen See des Anuttara ein und erfuhr das Glück der Śāmbhava-Gnade.

Einleitungsvers 6
namo nikhilamālinyavilāpanapaṭīyase |
mahāprakāśapādābjaparāgaparamāṇave || 6 ||

Übersetzung: Verehrung sei selbst dem kleinsten Staubkorn am Lotusfuß des Großen Lichtes, mächtig genug, alle Unreinheit aufzulösen.

Einleitungsvers 7
gorakṣo lokadhiyā deśikadṛṣṭyā maheśvarānandaḥ |
unmīlayāmi parimalamantargrāhyaṃ mahārthamañjaryām || 7 ||

Übersetzung: Nach weltlicher Auffassung heiße ich Gorakṣa, aus der Sicht des Lehrers Maheśvarānanda. Ich entfalte den innerlich wahrnehmbaren Duft der Maharthamanjari.

Einleitungsvers 8
svakriyāyā api vyākhyāṃ svayameva prayuñjmahe |
uparyapyātmasaṃrambhasambhogāmreḍanotsukāḥ || 8 ||

Übersetzung: Wir legen sogar unser eigenes Werk selbst aus, weil wir auch weiterhin danach verlangen, die Freude der inneren Selbstentfaltung immer wieder zu vertiefen.

Einleitungsvers 9
yadvā vineyajanacittacamatkriyārtha-
matrodyamo'yamudito'stu tadetadāstām |
saṃkṣepavistaravibhāgaviviktaśobhaḥ
puṣpāñjalirbhavatu vāṅmaya eṣa śambhoḥ || 9 ||

Übersetzung: Oder möge dieses Unternehmen dazu dienen, im Geist der Schüler Staunen zu wecken. Diese sprachliche Blumengabe an Śambhu möge durch die Verbindung von Kürze und Ausführlichkeit schön erblühen.

Einleitungsvers 10
avagataśivadṛṣṭipratyabhijñārthatattva-
kramasaraṇirahasyollāsasarvasvavedī |
gurucaraṇasaparyācāturīcidghano'haṃ
gahanamapi hṛdantarvyoma tad vyākaromi || 10 ||

Übersetzung: Ich kenne den Sinn von Śivadṛṣṭi und Pratyabhijñā sowie die Geheimnisse des Krama-Weges; durch die Verehrung der Guru-Füße bin ich in Bewusstheit gegründet und erläutere selbst den tiefen inneren Raum des Herzens.

Einleitungsvers 11
iha mahati rahasyonmīlane maṅgalāya
prabhavati mama saṃvidyoginīnāṃ prasādaḥ |
api tu kulasaparyābimbasaṃbandhyavandhyāḥ
sakṛdapi matimanto nainamudghāṭayantu || 11 ||

Übersetzung: Bei dieser großen Enthüllung des Geheimnisses wirkt die Gnade der Yoginīs des Bewusstseins segensreich. Wer jedoch ohne lebendige Verbindung zur Kula-Verehrung ist, möge diese Lehre nicht voreilig aufdecken.

Einleitungsvers 12
svapnasamayopalabdhā sā sumukhī siddhayoginī devī |
gāthābhiḥ saptatyā svāpitabhāṣābhirastu samprītā || 12 ||

Übersetzung: Möge jene liebliche Siddhayoginī-Göttin, die mir im Traum erschien, durch die siebzig Gāthās in ihrer besonderen Sprache erfreut werden.

Einleitungsvers 13
vardhatāṃ deśikaḥ śrīmān saṃvinmārgaśca vardhatām |
māheśvarāśca vardhantāṃ vardhatāṃ ca maheśvaraḥ || 13 ||

Übersetzung: Möge der ehrwürdige Lehrer gedeihen, möge der Weg der Bewusstheit gedeihen; mögen die Anhänger Maheśvaras gedeihen, und möge Maheśvara selbst in Herrlichkeit erstrahlen.


Grundlegung: Selbst, Prakāśa und Vimarśa

Gāthā 1
natvā nityaśuddhau guroścaraṇau mahāprakāśasya |
grathnāti mahārthamañjarīmimāṃ surabhi maheśvarānandaḥ || 1 ||

Übersetzung: Nachdem er die ewig reinen Füße des Gurus, des Großen Lichtes, verehrt hat, fügt Maheśvarānanda diese duftende Maharthamanjari zusammen.

Gāthā 2
vardhatāṃ mahāprakāśo vimarśavicchuritaniśchalodyotaḥ |
saṃjñāviśeṣanirṇayamātrapravṛttāni yatra śāstrāṇi || 2 || iti |

Übersetzung: Möge das Große Licht wachsen, dessen ruhiger Glanz von Vimarśa durchstrahlt ist und bei dem die Lehrsysteme letztlich nur verschiedene Benennungen festlegen.

Gāthā 3
ātmā khalu viśvamūlaṃ tatra pramāṇaṃ na ko'pyarthayate |
kasya vā bhavati pipāsā gaṅgāsrotasi nimagnasya || 3 ||

Übersetzung: Das Selbst ist wahrhaft die Wurzel des Universums; dort verlangt niemand nach einem weiteren Beweis. Wer mitten im Strom der Ganga eingetaucht ist – wie könnte der noch Durst haben?

Gāthā 4
yaṃ jānanti jaḍā api jalahāryo'pi yaṃ vijānanti |
yasyaiva namaskāraḥ sa kasya sphuṭo na bhavati kulanāthaḥ || 4 ||

Übersetzung: Ihn kennen selbst die Einfachen, selbst Wasserträgerinnen erkennen ihn; ihm gilt letztlich jede Verehrung. Für wen wäre dieser Herr des Kula nicht offenbar?

Gāthā 5
avacchinnaṃ pratyakṣamavacchinnaṃ tanmukhaṃ cānumānam |
āgamadīpālokastasya prakāśayati kimapi māhātmyam || 5 ||

Übersetzung: Wahrnehmung ist begrenzt, und auch die darauf gegründete Schlussfolgerung ist begrenzt. Das Licht des Āgama aber offenbart etwas von seiner Größe.

Gāthā 6
yeṣāṃ nirupaṇīyo vyatiriktaḥ ko'pyātmano bhāvaḥ |
ātmavimukhānāṃ teṣāmadhikārivibhāgavibhramo bhavatu || 6 ||

Übersetzung: Mögen diejenigen, die irgendein vom Selbst getrenntes Ding bestimmen wollen, sich mit der Verwirrung verschiedener Grade geistiger Berechtigung befassen – sie haben sich vom Selbst abgewandt.

Gāthā 7
yatra rucistatra vidhiryatreyaṃ nāsti tatra ca niṣedhaḥ |
ityasmākaṃ viveko hṛdayaparispandamātraśāstrāṇām || 7 ||

Übersetzung: Wo Neigung ist, dort liegt Gebot; wo sie fehlt, dort Verbot. So lautet unsere Unterscheidung in einer Lehre, deren Schrift das bloße Pulsieren des Herzens ist.

Gāthā 8
paryālocanavimukhe vastusvabhāvasyātmano hṛdaye |
śaṅkāviṣavegeneva saṃsārabhayena muhyati lokaḥ || 8 ||

Übersetzung: Weil der Mensch sich von der Betrachtung des wahren Wesens des Selbst im Herzen abwendet, wird er vom Schrecken des Samsara betäubt wie von der Gewalt eingebildeten Giftes.

Gāthā 9
māṇikyapraveka iva nicolito nijamayūkhalekhayā |
pratibhāti laukikānāmatyantasphuṭo'pyasphuṭa ātmā || 9 ||

Übersetzung: Wie ein kostbarer Edelstein, der von seinen eigenen Lichtstrahlen verhüllt wird, erscheint das Selbst den gewöhnlichen Menschen trotz äußerster Offenbarkeit als undeutlich.

Gāthā 10
ūrdhvo jvalati prakāśo lokālokasya maṅgalapradīpaḥ |
vimarśadaśāmukhānītadahyamānamalālitailavicchardaḥ ||

Übersetzung: Das Licht flammt empor als segensreiche Lampe für Erkennendes und Erkanntes; wenn es in den Zustand des Vimarśa eintritt, verbrennt es die angesammelten Unreinheiten wie Öl in einer Flamme.

Gāthā 11
san hṛdayaprakāśo bhavanasya kriyāyāṃ bhavati kartā |
saiva kriyā vimarśaḥ svasthā kṣubhitā ca viśvavistāraḥ || 11 ||

Übersetzung: Das im Herzen leuchtende Sein ist der Handelnde im Geschehen des Werdens. Eben diese Tätigkeit ist Vimarśa: in sich ruhend – und, wenn bewegt, die Ausbreitung des Universums.

Gāthā 12
pṛthvīparamaśivayoḥ pratyāhāre prakāśaparamārthe |
yo'nyonyaviśeṣaḥ sa eva hṛdayasya vimarśonmeṣaḥ ||

Übersetzung: Wenn Erde und Paramashiva auf ihren gemeinsamen Grund, das Licht, zurückgeführt werden, ist gerade ihre jeweilige Besonderheit das Aufblühen des Vimarśa im Herzen.

Die Entfaltung des Bewusstseins und die Tattvas

Gāthā 13
tathā tathā dṛśyamānānāṃ śaktisahasrāṇāmekasaṃghaṭṭaḥ |
nijahṛdayodyamarūpo bhavati śivo nāma paramasvacchandaḥ || 13 ||

Übersetzung: Die tausendfach erscheinenden Shaktis sind in Wahrheit ein einziger Zusammenklang. Als Aufbruch des eigenen Herzens wird er Shiva genannt, der vollkommen Freie.

Gāthā 14
sa eva viśvameṣituṃ jñātuṃ kartu conmukho bhavan |
śaktisvabhāvaḥ kathito hṛdayatrikoṇamadhumāṃsalollāsaḥ || 14 ||

Übersetzung: Wenn derselbe sich anschickt, die Welt zu wollen, zu erkennen und hervorzubringen, wird er als Shakti bezeichnet – als üppiges Aufblühen des honigsüßen Herzensdreiecks.

Gāthā 15
jñānaṃ kriyeti dvayorapi prathamonmeṣe sadāśivo devaḥ |
dvitīyāyā ullekhe dvitīyaḥ sa bhavatīśvaro nāma || 15 ||

Übersetzung: Beim ersten Hervortreten von Erkenntnis und Handlung erscheint Gott als Sadashiva; beim deutlicheren Hervortreten der zweiten als Ishvara.

Gāthā 16
jñātā sa ātmā jñeyasvabhāvaśca lokavyavahāraḥ |
ekarasāṃ saṃsṛṣṭi yatra gatau sā khalu nistuṣā vidyā || 16 ||

Übersetzung: Das Selbst ist der Erkennende und der Weltvollzug besitzt die Natur des Erkennbaren. Wo beide in einen einzigen Geschmack eingehen, dort ist die reine Vidya.

Gāthā 17
ekarase svabhāve udbhāvayantī vikalpaśilpāni |
māyeti lokapateḥ paramasvatantrasya mohanī śaktiḥ || 17 ||

Übersetzung: Jene Macht des vollkommen freien Herrn, die in der einen Wirklichkeit die Kunstwerke der Unterscheidung hervorbringt, wird Maya genannt, die täuschende Shakti.

Gāthā 18
sarvakaraḥ sarvajñaḥ pūrṇo nityo'saṃkucaṃśca |
viparīta iva maheśo yābhistā bhavanti pañca śaktayaḥ || 18 ||

Übersetzung: Durch fünf Kräfte erscheint Mahesha, obwohl er alles tut, alles weiß, vollkommen, ewig und unbegrenzt ist, gleichsam als das Gegenteil davon.

Gāthā 19
ya eṣa viśvanāṭakaśailūṣaḥ śuddhasaṃvicchambhuḥ |
varṇakaparigrahamayī tasya daśā kāpi puruṣo bhavati || 19 ||

Übersetzung: Der reine Bewusstseins-Shambhu ist der Schauspieler im Welttheater; eine besondere Rolle, die er durch das Anlegen einer Maske annimmt, wird Puruṣa genannt.

Gāthā 20
jñānakriyāmāyānāṃ guṇānāṃ sattvarajastamassvabhāvānām |
avibhāgāvasthāyāṃ tattvaṃ prakṛtiriti śāmbhavī śaktiḥ || 20 ||

Übersetzung: Wenn Erkenntnis, Handlung und Maya als die Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas noch ungeschieden sind, heißt diese Shambhavi-Shakti Prakriti.

Gāthā 21
kallolāyamānāni sadā hṛdayāmbunidhau trīṇi karaṇāni |
ākarṣantīdantāṃ tatrāhantāṃ cātrārpayanti || 21 ||

Übersetzung: Wie Wellen im Ozean des Herzens bewegen sich ständig die drei inneren Organe: Sie ziehen das „Dies“ hinein und tragen das „Ich“ nach außen.

Gāthā 22
hṛdayasthitasya vibhorviṣayāloko viśṛṅkhalo bhavati |
jñānendriyadīpeṣu nijanijagolāgranityalagneṣu || 22 ||

Übersetzung: Für den im Herzen ruhenden Allgegenwärtigen wird die Schau der Gegenstände frei, wenn die Lampen der Erkenntnissinne an ihren jeweiligen Sinnesorganen leuchten.

Gāthā 23
bhavanti karaṇāni pañca khalu karmapradhānāni lokanāthasya |
spandate svairaṃ yairjano jaḍād vilakṣaṇo bhavan || 23 ||

Übersetzung: Fünf Werkzeuge des Herrn der Welt sind vor allem auf Handlung gerichtet; durch sie bewegt sich der Mensch frei und unterscheidet sich vom Unbelebten.

Gāthā 24
viśvodyānavirūḍhāni gandhapramukhāni sugandhīni puṣpāṇi |
pañcāpyājighran krīḍati trailokyadhūrtto devaḥ || 24 ||

Übersetzung: Der Gott, der Meister der drei Welten, spielt, indem er die fünf duftenden Blumen – beginnend mit Geruch – riecht, die im Garten des Universums aufgeblüht sind.

Gāthā 25
styānasya kramavaśādikṣurasasyeva śivaprakāśasya |
guḍapiṇḍā iva pañcāpi bhūtāni madhuratāṃ na muñcanti || 25 ||

Übersetzung: Wie zu Zucker verdickter Zuckerrohrsaft seine Süße nicht verliert, so verlieren auch die fünf Elemente trotz der stufenweisen Verdichtung des Shiva-Lichtes dessen Süße nicht.

Die Maharthamanjari entfaltet die Ebenen des Bewusstseins bis zu den Sinneskräften und Elementen, ohne deren Ursprung im einen Shiva-Licht aus den Augen zu verlieren.


Gāthā 26
sarvasya bhuvanavibhramayantrollāsasya tantuvalliva |
vimarśasaṃrambhamayī ujjṛmbhate śambhormahāśaktiḥ || 26 ||

Übersetzung: Wie ein Faden durch das ganze bewegliche Kunstwerk der Welten läuft, so entfaltet sich Shambhus große Shakti als machtvoller Vimarśa durch alles hindurch.

Gāthā 27
yadadhvanāṃ ca ṣaṭkaṃ tatra prakāśārthalakṣaṇamardham |
vimarśaśabdasvabhāvamardhamiti śivasya yāmalollāsaḥ || 27 ||

Übersetzung: Von den sechs Pfaden ist die Hälfte ihrem Wesen nach Licht und Gegenstand, die andere Hälfte Vimarśa und Wort. Darin besteht die zwiefache Entfaltung Shivas.

Gāthā 28
ālekhyaviśeṣa iva gajavṛṣabhayordvayaḥ pratibhāsam |
ekasminnevārthe śivaśaktivibhāgakalpanāṃ kurmaḥ || 28 ||

Übersetzung: Wie in einer Zeichnung Elefant und Stier verschieden erscheinen können, obwohl sie in demselben Bildgrund liegen, so stellen wir in einer Wirklichkeit die Unterscheidung von Shiva und Shakti vor.

Gāthā 29
tilamātre'pi śarīre prekṣadhvaṃ kīṭasyaitāvatī śaktiḥ |
sā svacchandaśriyo viśvaśarīrasya kiyatī bhavatu || 29 ||

Übersetzung: Seht, welche Kraft selbst im winzigen Körper eines Insekts wirkt! Wie groß muss dann die Herrlichkeit der freien Shakti des kosmischen Leibes sein.

Gāthā 30
viśvonmeṣadaśāyāṃ deśikanāthasya yāvān prasaraḥ |
kalalāvasthayā sthito'pi viśvanimeṣe'pi tāvān bhavati || 30 ||

Übersetzung: So weit sich der Herr und Guru bei der Entfaltung des Universums ausbreitet, ebenso umfassend bleibt er auch beim Einziehen der Welt, selbst wenn alles nur keimhaft ruht.

Gāthā 31
tripuṭīmayaṃ khalu samastaṃ tatra ca jñeye jñātari ca samam |
dṛḍhagranthirjñānakalā kalayati trailokyamekalam || 31 ||

Übersetzung: Alles erscheint als Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem; doch in Erkanntem wie Erkennendem gleichermaßen bindet die Erkenntniskraft die drei Welten zu einer Einheit.

Gāthā 32
kaḥ sadbhāvaviśeṣaḥ kusumād bhavati gaganakusumasya |
yat sphuraṇānuprāṇo lokaḥ sphuraṇaṃ ca sarvasāmānyam || 32 ||

Übersetzung: Welchen wirklichen Seinsunterschied gäbe es zwischen einer Blume und einer „Blume im Himmel“? Die Welt lebt durch das Leuchten, und dieses Leuchten ist allem gemeinsam.

Gāthā 33
māṇikyamaratakayoriva bhāvābhāvayorbhedapratibhāsam |
ekaraso'nyonyaṃ dvayorapyunmārṣṭi sphuraṇasaṃbhedaḥ || 33 ||

Übersetzung: Wie Rubin und Smaragd verschieden erscheinen, so auch Sein und Nichtsein; doch ihr einheitliches Leuchten wischt die gegenseitige Trennung beider fort.

Innere Pūjā, Guru, Mantra und Mudrā

Gāthā 34
aṇḍamaye nijapiṇḍe pīṭhe sphuranti karaṇadevyaḥ |
prasphurati ca paramaśivo jñānanidhistāsāṃ madhye || 34 ||

Übersetzung: Im eigenen Körper, der den Kosmos widerspiegelt, erstrahlen die Sinneskräfte als Göttinnen; in ihrer Mitte leuchtet Paramashiva, der Schatz der Erkenntnis.

Gāthā 35
sa tatrārcanīyo vimarśapuṣpādhivāsasurabhibhiḥ |
cittacaṣakārpitairvedyasudhāvīrapāṇavastubhīḥ || 35 ||

Übersetzung: Dort soll er verehrt werden mit den duftenden Blumen des Vimarśa und mit dem Nektar der erkennbaren Welt, der im Becher des Geistes dargebracht wird.

Gāthā 36
śrīpīṭhapañcavāhanetratrayavṛndacakrāṇi smarata |
smarata ca gurūṇāṃ paṅkti pañca ca śaktīḥ sṛṣṭipramukhāḥ || 36
||

Übersetzung: Erinnert euch an das heilige Pitha, die fünf Ströme, die drei Augen und das Kreisgefüge; erinnert euch an die Reihe der Gurus und an die fünf Shaktis, beginnend mit Schöpfung.

Gāthā 37
pīṭhe kalā nava pañcaiva pañcavāhapadavyām |
saptadaśa phālanetre dvādaśa ṣoḍaśa cānyanetrayoḥ || 37 ||

Übersetzung: Im Pitha sind neun Kalas, im Bereich der fünf Ströme fünf; im Stirnauge siebzehn, in den beiden anderen Augen zwölf und sechzehn.

Gāthā 38
na khalu maṇḍale gurūṇāṃ niyamo niyamātilaṅghināṃ yuktaḥ ||

Übersetzung: Im Kreis der Gurus ist eine starre Begrenzung nicht angemessen, denn die Gurus haben die Begrenzungen überschritten.

Gāthā 39
sṛṣṭau daśa kalāḥ sthitau dvāviṃśatirbhavanti śaktayaḥ |
ekādaśa saṃhāre trayodaśa tāsturīyaparvaṇi || 39 ||

Übersetzung: In der Schöpfung wirken zehn Kalas, in der Erhaltung zweiundzwanzig Shaktis, in der Auflösung elf und auf der vierten Ebene dreizehn.

Gāthā 40
bhāsāyāṃ na vikalpaḥ sphurati sphuradekaniṣkalaśriyām |
yadi pratibimbagatyā sphurati paraṃ ṣoḍaśādhikā devī || 40 ||

Übersetzung: In Bhāsa erscheint keine begriffliche Trennung für jene, deren Herrlichkeit als das eine ungeteilte Licht erstrahlt; wenn sie spiegelbildlich hervortritt, erscheint die Göttin in mehr als sechzehn Formen.

Gāthā 41
sṛṣṭeḥ pañcamakalā bhāseti jano gaṇayati vyavadhānam |
sṛṣṭermūlakando bhāsā bhāsāyāḥ pallavaḥ sṛṣṭiḥ || 41 ||

Übersetzung: Die Menschen zählen Bhāsa als fünfte Kala nach der Schöpfung und schaffen so einen Abstand. In Wahrheit ist Bhāsa die Wurzel der Schöpfung und Schöpfung ihr Spross.

Gāthā 42
nijabalanibhālanameva varivasyā sā ca durlabhā loke |
sulabhāni viśvapaterāsavatāmbūlagandhapuṣpāṇi || 42 ||

Übersetzung: Die eigentliche Verehrung besteht im Schauen der eigenen Kraft; doch diese ist in der Welt schwer zu finden. Leicht verfügbar sind dagegen Wein, Betel, Duft und Blumen für den Herrn des Universums.

Zur Vertiefung der Verbindung von innerer Verehrung, Bewusstheit und tantrischer Praxis kann dieses Yoga-Vidya-Video ergänzend eingebunden werden:


Gāthā 43
vimraṣṭuṃ nijasattvaṃ vibhave kāryonmukhe stimite'pi |
bāhyavṛttāntānāṃ bhaṅgaḥ prāṇasya saṃyamo jñeyaḥ || 43 ||

Übersetzung: Das eigene Wesen soll erkannt werden, sowohl wenn die Kraft zur Handlung drängt als auch wenn sie still ist. Das Zurücktreten äußerer Vorgänge ist als Sammlung des Prana zu verstehen.

Gāthā 44
śoṣo malasya nāśo dāha etasya vāsanocchedaḥ |
āplāvanaṃ tanūnāṃ jñānasudhāsekanirmitā śuddhiḥ || 44 ||

Übersetzung: Austrocknen ist das Schwinden der Unreinheit, Verbrennen die Vernichtung ihrer latenten Prägungen; Überflutung ist die Reinigung der Körper durch den Nektar der Erkenntnis.

Gāthā 45
avikalpatayā marśo vikalpavargasyāṅgasannāhaḥ |
arghyaṃ vedyavilāsaḥ puṣpāṇi svabhāvapoṣakā bhāvāḥ || 45 ||

Übersetzung: Begriffsfreies Gewahrsein ist die unmittelbare Berührung; das Bereitmachen der begrifflichen Kräfte ist die rituelle Ausstattung. Die erscheinende Welt ist das Arghya, und jene Zustände, die das eigene Wesen nähren, sind die Blumen.

Gāthā 46
pūrṇāhantāyā mukhe viśvavikalpāṅkurāṇāṃ vikṣepam |
mantrollekhaviśuddhaṃ pūrṇa kulabindutarpaṇaṃ bhaṇāmaḥ || 46 ||

Übersetzung: Das Ausschütten der Keime aller Weltvorstellungen in den Mund der vollständigen Ichheit nennen wir die volle Darbringung an den Kula-Bindu, gereinigt durch das Aufleuchten des Mantras.

Gāthā 47
yo yasya bhāvayogastasya khalu sa eva devatā bhavati |
tadbhāvabhāvitā abhilaṣitaṃ tathā phalanti pratimāḥ || 47 ||

Übersetzung: Welche Seinsweise jemand verwirklicht, eben diese wird für ihn zur Gottheit. Von diesem Zustand durchdrungen, tragen auch Bilder entsprechend die ersehnte Frucht.

Gāthā 48
citraṃ na likhati citraṃ citrakaraḥ paśyata likhati taccitram |
tad bhaṇata kutra yogyā kartuṃ dvayorapi devatābuddhiḥ || 48 ||

Übersetzung: Ein Bild malt sich nicht selbst; seht, der Maler malt das Bild. Sagt also: Wo wäre es angemessen, beiden in gleicher Weise die Vorstellung selbständiger Göttlichkeit zuzuschreiben?

Gāthā 49
mananamayī nijavibhave nijasaṅkoce bhaye trāṇamayī |
kavalitaviśvavikalpā anubhūtiḥ kāpi mantraśabdārthaḥ || 49 ||

Übersetzung: In der eigenen Fülle ist sie die Kraft des inneren Erwägens, in der eigenen Verengung und Angst die Kraft des Schutzes; eine Erfahrung, die alle Weltvorstellungen verschlingt – das ist der Sinn des Wortes Mantra.

Gāthā 50
vaikharikā nāma kriyā jñānamayī bhavati madhyamā vāk |
icchā punaḥ paśyantī sūkṣmā sarvāsāṃ samarasā vṛttiḥ || 50 ||

Übersetzung: Vaikhari ist die Sprache als Handlung, Madhyama ist erkenntnishaft, Pashyanti ist Willenskraft; die feine, allen gemeinsame und harmonische Bewegung ist die höchste Sprache.

Gāthā 51
ānandollāsaśrīḥ kṣullakitāṣṭamahāsiddhisaubhāgyā |
dṛśyate yatra daśāyāṃ saiva devasya sarvamudrāḥ || 51 ||

Übersetzung: Der Zustand, in dem die Herrlichkeit der Glückseligkeit aufleuchtet und selbst die acht großen Siddhis klein erscheinen, ist die allumfassende Mudra des Gottes.

Gāthā 52
hṛdayasthānaprarūḍho vimarśakalpadrumo mahāśākhaḥ |
puṣpyati bhogaśriyā phalati ca niṣkalasukhotsavālokam || 52 ||

Übersetzung: Der Wunschbaum des Vimarśa, tief im Ort des Herzens verwurzelt und mit mächtigen Ästen versehen, blüht als Herrlichkeit des Genusses und trägt als Frucht die Schau des Festes ungegliederter Glückseligkeit.

Jīvanmukti, Yoga und die unmittelbare Erkenntnis

Gāthā 53
kramiko bhavati na devastasya kathaṃ kālakalmaṣasparśaḥ |
nityanirāvaraṇasyāpi ko jīvato mokṣapratyūhaḥ || 53 ||

Übersetzung: Der Gott ist nicht an Abfolge gebunden – wie könnte ihn dann der Makel der Zeit berühren? Und was könnte für den ewig unverhüllten Lebenden ein Hindernis der Befreiung sein?

Gāthā 54
yat kimapi yena kenāpi rūpeṇa yatra kutrāpi kiṃ nāsti |
tasmādātmā nityasthiraḥ kṣaṇabhaṅga evāsthiro bhavati || 54 ||

Übersetzung: Es gibt nichts, das nicht in irgendeiner Form, durch irgendetwas und irgendwo gegenwärtig wäre. Darum ist das Selbst ewig beständig; unstet ist nur die Folge augenblicklicher Erscheinungen.

Gāthā 55
nanvātmanaḥ priyārthaṃ sarvasya priyatvaṃ bhaṇati śrutiḥ |
tasmādānandasvabhāva ātmā mukto'mukto vā || 55 ||

Übersetzung: Die Shruti sagt, dass alles um des Selbstes willen lieb ist. Darum ist das Selbst seinem Wesen nach Glückseligkeit – ob es sich als befreit oder als unbefreit erlebt.

Gāthā 56
yadi nijahṛdayollāsaṃ nirṇetuṃ nityaniṣkalamicchā |
madhyatuṭistruṭitavyā'straṃ yatoḥ somasūryayoḥ || 56 ||

Übersetzung: Wer das ewig ungeteilte Aufleuchten des eigenen Herzens bestimmen will, muss die mittlere Verbindung zwischen den beiden Strömen von Mond und Sonne durchtrennen.

Gāthā 57
sthūlatareṣvapi prekṣadhvaṃ bhūteṣu khasya niṣkalāvasthām |
ṣaṭtriṃśikā'tilaṅghī kīdṛśo bhavatu somanāthaḥ saḥ || 57 ||

Übersetzung: Schaut selbst in den gröbsten Elementen den ungeteilten Zustand des Raumes. Wie muss dann erst jener Herr Soma sein, der die sechsunddreißig Tattvas übersteigt!

Gāthā 58
ye kulakumbhasudhāsavapānamahotsavasukhe pravartante |
te khalu vikalpāṅkurān rasikā upadaṃṣṭuṃ pragalbhante || 58 ||

Übersetzung: Wer in das Fest des Genusses des Nektars aus dem Kula-Gefäß eintritt, ist fähig, die Keime der begrifflichen Vorstellungen gleichsam als Beigabe zu verzehren.

Gāthā 59
hanta mukhaṃ pratibimbatu pratibimbayatu tathā tadapi darpaṇaḥ |
darpaṇaḥ punaryasmin pratibimbati so'pi jñātavyaḥ || 59 ||

Übersetzung: Mag das Gesicht sich spiegeln und der Spiegel es wiedergeben – doch auch das, worin der Spiegel selbst erscheint, muss erkannt werden.

Gāthā 60
avikārobhayapārśve cāṣapiñjasadṛkṣe'rthe |
antarmukho yogī bahirmukha iti kalpanā kutaḥ || 60 ||

Übersetzung: Wenn auf beiden Seiten ein unveränderter, gleicher Grund besteht, wie könnte man dann sinnvoll zwischen einem nach innen und einem nach außen gewandten Yogi unterscheiden?

Gāthā 61
yogī jāgarasvapnasauṣuptaturīyaparvaparipāṭim |
citrāmiva maṇimālāṃ vimarśasūtraikagumphitāmudvahati || 61 ||

Übersetzung: Der Yogi trägt Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turya wie eine bunte Perlenkette, die von dem einen Faden des Vimarśa zusammengehalten wird.

Zur Vertiefung von Meditation und der Erfahrung verschiedener Bewusstseinszustände kann dieses Yoga-Vidya-Video ergänzend eingebunden werden:


Gāthā 62
ullokānandasudhāśīdhurasodvejitena hṛdayena |
abhilaṣati lokayātrātintiṇicarvaṇarasāntaraṃ yogī || 62 ||

Übersetzung: Mit einem Herzen, das vom Nektar der höchsten Glückseligkeit berauscht ist, begehrt der Yogi selbst im gewöhnlichen Weltleben noch einen anderen Geschmack – wie eine würzige Beigabe zum höchsten Genuss.

Gāthā 63
yābhirgṛhṇāti yogī karaṇapraṇālībhirviṣayasaukhyāni |
nijahṛdayodvamanaśīlābhiḥ sphuraṇamayaṃ tābhiḥ karoti
trailokyam || 63 ||

Übersetzung: Durch dieselben Kanäle der Sinne, durch die der Yogi die Freuden der Gegenstände aufnimmt, lässt er aus seinem eigenen Herzen das leuchtende Universum hervorgehen.

Gāthā 64
yathā tava sthitistathāssva niścinta iti khalu pratiṣṭhito'rthaḥ |
tatrāpyasti viveka evamupadiśati tasya ko'nyaḥ ||

Übersetzung: Bleibe einfach so, wie du wirklich bist, sorglos. Selbst bei dieser Unterweisung gilt es jedoch zu erkennen: Wer könnte hier eigentlich wem etwas lehren?

Gāthā 65
aho saṃsārasukhātiśayaḥ aho sulabhaṃ mokṣamārgasaubhāgyam |
truṭitātaṅkakalaṅkā aho śivayogināṃ yāmalī siddhiḥ || 65 ||

Übersetzung: Welch überwältigende Freude des Samsara! Welch leicht zugängliches Glück des Befreiungsweges! Wenn die Makel der Angst zerbrochen sind, welch wunderbare Einheit verwirklichen die Shiva-Yogis!

Gāthā 66
kṣaṇamātraspṛṣṭenāpyamṛtasvabhāvenānena bhavena |
sarvottirṇaḥ sarvaḥ sarvaciraṃ labhate sarvasaubhāgyam || 66 ||

Übersetzung: Schon wer diesen nektargleichen Zustand nur einen Augenblick berührt, überschreitet alles und gewinnt in allem und für lange Zeit die ganze Fülle des Glücks.

Gāthā 67
gūḍhād guḍhataro bhavati sphuṭādapi sphuṭatara eṣaḥ |
deśikakaṭākṣapāte pakṣaḥ prathamo na bhavati dhanyānām || 67 ||

Übersetzung: Er ist verborgener als das Verborgenste und zugleich deutlicher als das Deutlichste. Wenn der Blick des Gurus fällt, gibt es für die Gesegneten keine erste, verhüllende Seite mehr.

Gāthā 68
āstāmanyā vidyā catuḥsrotasāmapi sāgarāṇāmiva |
enamevāmṛtamayaṃ mathnāti manthānabhairavo devaḥ || 68 ||

Übersetzung: Andere Wissenschaften mögen beiseitebleiben – selbst die Ozeane der vier großen Überlieferungsströme. Der Gott Manthana-Bhairava quirlt genau diesen nektargleichen Sinn hervor.

Gāthā 69
hanta rahasyaṃ bhaṇāmo muḍhā ! mā bhramata garbhagoleṣu |
atyāsannaṃ hṛdayaṃ paryālocayata tasyodyogam || 69 ||

Übersetzung: Hört das Geheimnis, ihr Verwirrten: Irrt nicht in den Kreisen des Werdens umher. Das Herz ist ganz nahe – betrachtet seine schöpferische Bewegung.

Gāthā 70
enameva mahārtha yuddhārambhe pāṇḍuputrasya |
ṣoḍaśasahasraśaktirdeva upadiśati mādhava iti śivam || 70 ||

Übersetzung: Genau diesen großen Sinn lehrt Mādhava, der Herr mit seinen sechzehntausend Kräften, dem Sohn Pandus zu Beginn des Kampfes. So endet es im Heil Shivas.


Vollständiger Grundtext in Devanagari

Einleitende Verse

Einleitungsvers 1
नमो नालयते शुण्डां विषाणेन मृणालिने |
प्रत्यक्कमलकन्दाय कर्णाभ्यां पर्णशालिने || १ ||

Einleitungsvers 2
जयत्यमूलमम्लानमौत्तरं तत्त्वमद्वयम् |
स्पन्दास्पन्दपरिस्पन्दमकरन्दमहोत्पलम् || २ ||

Einleitungsvers 3
कारुण्यामृतसिन्धोरुदितमिवावर्तमीक्षणापाङ्गात् |
मौक्तिकमयं दधाना ताटङ्कं जयति गौरवी मूर्तिः || ३ ||

Einleitungsvers 4
स्फूर्तये विश्वशिल्पस्य श्रीशिवानन्दमूर्तये |
नित्योन्मेषनिमेषायै निस्तुषायै नमस्त्विषे || ४ ||

Einleitungsvers 5
यस्मादनुत्तरमहाह्रदमज्जनं मे
सौभाग्यशाम्भवसुखानुभवश्च यस्मात् |
तत्स्वात्मचित्क्रमविमर्शमयं गुरूणा-
मोवल्लियुग्ममुदितोदितवीर्यमीडे || ५ ||

Einleitungsvers 6
नमो निखिलमालिन्यविलापनपटीयसे |
महाप्रकाशपादाब्जपरागपरमाणवे || ६ ||

Einleitungsvers 7
गोरक्षो लोकधिया देशिकदृष्ट्या महेश्वरानन्दः |
उन्मीलयामि परिमलमन्तर्ग्राह्यं महार्थमञ्जर्याम् || ७ ||

Einleitungsvers 8
स्वक्रियाया अपि व्याख्यां स्वयमेव प्रयुञ्ज्महे |
उपर्यप्यात्मसंरम्भसम्भोगाम्रेडनोत्सुकाः || ८ ||

Einleitungsvers 9
यद्वा विनेयजनचित्तचमत्क्रियार्थ-
मत्रोद्यमोऽयमुदितोऽस्तु तदेतदास्ताम् |
संक्षेपविस्तरविभागविविक्तशोभः
पुष्पाञ्जलिर्भवतु वाङ्मय एष शम्भोः || ९ ||

Einleitungsvers 10
अवगतशिवदृष्टिप्रत्यभिज्ञार्थतत्त्व-
क्रमसरणिरहस्योल्लाससर्वस्ववेदी |
गुरुचरणसपर्याचातुरीचिद्घनोऽहं
गहनमपि हृदन्तर्व्योम तद् व्याकरोमि || १० ||

Einleitungsvers 11
इह महति रहस्योन्मीलने मङ्गलाय
प्रभवति मम संविद्योगिनीनां प्रसादः |
अपि तु कुलसपर्याबिम्बसंबन्ध्यवन्ध्याः
सकृदपि मतिमन्तो नैनमुद्घाटयन्तु || ११ ||

Einleitungsvers 12
स्वप्नसमयोपलब्धा सा सुमुखी सिद्धयोगिनी देवी |
गाथाभिः सप्तत्या स्वापितभाषाभिरस्तु सम्प्रीता || १२ ||

Einleitungsvers 13
वर्धतां देशिकः श्रीमान् संविन्मार्गश्च वर्धताम् |
माहेश्वराश्च वर्धन्तां वर्धतां च महेश्वरः || १३ ||


Gāthā 1
नत्वा नित्यशुद्धौ गुरोश्चरणौ महाप्रकाशस्य |
ग्रथ्नाति महार्थमञ्जरीमिमां सुरभि महेश्वरानन्दः || १ ||

Gāthā 2
वर्धतां महाप्रकाशो विमर्शविच्छुरितनिश्छलोद्योतः |
संज्ञाविशेषनिर्णयमात्रप्रवृत्तानि यत्र शास्त्राणि || २ || इति |

Gāthā 3
आत्मा खलु विश्वमूलं तत्र प्रमाणं न कोऽप्यर्थयते |
कस्य वा भवति पिपासा गङ्गास्रोतसि निमग्नस्य || ३ ||

Gāthā 4
यं जानन्ति जडा अपि जलहार्योऽपि यं विजानन्ति |
यस्यैव नमस्कारः स कस्य स्फुटो न भवति कुलनाथः || ४ ||

Gāthā 5
अवच्छिन्नं प्रत्यक्षमवच्छिन्नं तन्मुखं चानुमानम् |
आगमदीपालोकस्तस्य प्रकाशयति किमपि माहात्म्यम् || ५ ||

Gāthā 6
येषां निरुपणीयो व्यतिरिक्तः कोऽप्यात्मनो भावः |
आत्मविमुखानां तेषामधिकारिविभागविभ्रमो भवतु || ६ ||

Gāthā 7
यत्र रुचिस्तत्र विधिर्यत्रेयं नास्ति तत्र च निषेधः |
इत्यस्माकं विवेको हृदयपरिस्पन्दमात्रशास्त्राणाम् || ७ ||

Gāthā 8
पर्यालोचनविमुखे वस्तुस्वभावस्यात्मनो हृदये |
शङ्काविषवेगेनेव संसारभयेन मुह्यति लोकः || ८ ||

Gāthā 9
माणिक्यप्रवेक इव निचोलितो निजमयूखलेखया |
प्रतिभाति लौकिकानामत्यन्तस्फुटोऽप्यस्फुट आत्मा || ९ ||

Gāthā 10
ऊर्ध्वो ज्वलति प्रकाशो लोकालोकस्य मङ्गलप्रदीपः |
विमर्शदशामुखानीतदह्यमानमलालितैलविच्छर्दः ||

Gāthā 11
सन् हृदयप्रकाशो भवनस्य क्रियायां भवति कर्ता |
सैव क्रिया विमर्शः स्वस्था क्षुभिता च विश्वविस्तारः || ११ ||

Gāthā 12
पृथ्वीपरमशिवयोः प्रत्याहारे प्रकाशपरमार्थे |
योऽन्योन्यविशेषः स एव हृदयस्य विमर्शोन्मेषः ||

Gāthā 13
तथा तथा दृश्यमानानां शक्तिसहस्राणामेकसंघट्टः |
निजहृदयोद्यमरूपो भवति शिवो नाम परमस्वच्छन्दः || १३ ||

Gāthā 14
स एव विश्वमेषितुं ज्ञातुं कर्तु चोन्मुखो भवन् |
शक्तिस्वभावः कथितो हृदयत्रिकोणमधुमांसलोल्लासः || १४ ||

Gāthā 15
ज्ञानं क्रियेति द्वयोरपि प्रथमोन्मेषे सदाशिवो देवः |
द्वितीयाया उल्लेखे द्वितीयः स भवतीश्वरो नाम || १५ ||

Gāthā 16
ज्ञाता स आत्मा ज्ञेयस्वभावश्च लोकव्यवहारः |
एकरसां संसृष्टि यत्र गतौ सा खलु निस्तुषा विद्या || १६ ||

Gāthā 17
एकरसे स्वभावे उद्भावयन्ती विकल्पशिल्पानि |
मायेति लोकपतेः परमस्वतन्त्रस्य मोहनी शक्तिः || १७ ||

Gāthā 18
सर्वकरः सर्वज्ञः पूर्णो नित्योऽसंकुचंश्च |
विपरीत इव महेशो याभिस्ता भवन्ति पञ्च शक्तयः || १८ ||

Gāthā 19
य एष विश्वनाटकशैलूषः शुद्धसंविच्छम्भुः |
वर्णकपरिग्रहमयी तस्य दशा कापि पुरुषो भवति || १९ ||

Gāthā 20
ज्ञानक्रियामायानां गुणानां सत्त्वरजस्तमस्स्वभावानाम् |
अविभागावस्थायां तत्त्वं प्रकृतिरिति शाम्भवी शक्तिः || २० ||

Gāthā 21
कल्लोलायमानानि सदा हृदयाम्बुनिधौ त्रीणि करणानि |
आकर्षन्तीदन्तां तत्राहन्तां चात्रार्पयन्ति || २१ ||

Gāthā 22
हृदयस्थितस्य विभोर्विषयालोको विशृङ्खलो भवति |
ज्ञानेन्द्रियदीपेषु निजनिजगोलाग्रनित्यलग्नेषु || २२ ||

Gāthā 23
भवन्ति करणानि पञ्च खलु कर्मप्रधानानि लोकनाथस्य |
स्पन्दते स्वैरं यैर्जनो जडाद् विलक्षणो भवन् || २३ ||

Gāthā 24
विश्वोद्यानविरूढानि गन्धप्रमुखानि सुगन्धीनि पुष्पाणि |
पञ्चाप्याजिघ्रन् क्रीडति त्रैलोक्यधूर्त्तो देवः || २४ ||

Gāthā 25
स्त्यानस्य क्रमवशादिक्षुरसस्येव शिवप्रकाशस्य |
गुडपिण्डा इव पञ्चापि भूतानि मधुरतां न मुञ्चन्ति || २५ ||

Gāthā 26
सर्वस्य भुवनविभ्रमयन्त्रोल्लासस्य तन्तुवल्लिव |
विमर्शसंरम्भमयी उज्जृम्भते शम्भोर्महाशक्तिः || २६ ||

Gāthā 27
यदध्वनां च षट्कं तत्र प्रकाशार्थलक्षणमर्धम् |
विमर्शशब्दस्वभावमर्धमिति शिवस्य यामलोल्लासः || २७ ||

Gāthā 28
आलेख्यविशेष इव गजवृषभयोर्द्वयः प्रतिभासम् |
एकस्मिन्नेवार्थे शिवशक्तिविभागकल्पनां कुर्मः || २८ ||

Gāthā 29
तिलमात्रेऽपि शरीरे प्रेक्षध्वं कीटस्यैतावती शक्तिः |
सा स्वच्छन्दश्रियो विश्वशरीरस्य कियती भवतु || २९ ||

Gāthā 30
विश्वोन्मेषदशायां देशिकनाथस्य यावान् प्रसरः |
कललावस्थया स्थितोऽपि विश्वनिमेषेऽपि तावान् भवति || ३० ||

Gāthā 31
त्रिपुटीमयं खलु समस्तं तत्र च ज्ञेये ज्ञातरि च समम् |
दृढग्रन्थिर्ज्ञानकला कलयति त्रैलोक्यमेकलम् || ३१ ||

Gāthā 32
कः सद्भावविशेषः कुसुमाद् भवति गगनकुसुमस्य |
यत् स्फुरणानुप्राणो लोकः स्फुरणं च सर्वसामान्यम् || ३२ ||

Gāthā 33
माणिक्यमरतकयोरिव भावाभावयोर्भेदप्रतिभासम् |
एकरसोऽन्योन्यं द्वयोरप्युन्मार्ष्टि स्फुरणसंभेदः || ३३ ||

Gāthā 34
अण्डमये निजपिण्डे पीठे स्फुरन्ति करणदेव्यः |
प्रस्फुरति च परमशिवो ज्ञाननिधिस्तासां मध्ये || ३४ ||

Gāthā 35
स तत्रार्चनीयो विमर्शपुष्पाधिवाससुरभिभिः |
चित्तचषकार्पितैर्वेद्यसुधावीरपाणवस्तुभीः || ३५ ||

Gāthā 36
श्रीपीठपञ्चवाहनेत्रत्रयवृन्दचक्राणि स्मरत |
स्मरत च गुरूणां पङ्क्ति पञ्च च शक्तीः सृष्टिप्रमुखाः || ३६
||

Gāthā 37
पीठे कला नव पञ्चैव पञ्चवाहपदव्याम् |
सप्तदश फालनेत्रे द्वादश षोडश चान्यनेत्रयोः || ३७ ||

Gāthā 38
न खलु मण्डले गुरूणां नियमो नियमातिलङ्घिनां युक्तः ||

Gāthā 39
सृष्टौ दश कलाः स्थितौ द्वाविंशतिर्भवन्ति शक्तयः |
एकादश संहारे त्रयोदश तास्तुरीयपर्वणि || ३९ ||

Gāthā 40
भासायां न विकल्पः स्फुरति स्फुरदेकनिष्कलश्रियाम् |
यदि प्रतिबिम्बगत्या स्फुरति परं षोडशाधिका देवी || ४० ||

Gāthā 41
सृष्टेः पञ्चमकला भासेति जनो गणयति व्यवधानम् |
सृष्टेर्मूलकन्दो भासा भासायाः पल्लवः सृष्टिः || ४१ ||

Gāthā 42
निजबलनिभालनमेव वरिवस्या सा च दुर्लभा लोके |
सुलभानि विश्वपतेरासवताम्बूलगन्धपुष्पाणि || ४२ ||

Gāthā 43
विम्रष्टुं निजसत्त्वं विभवे कार्योन्मुखे स्तिमितेऽपि |
बाह्यवृत्तान्तानां भङ्गः प्राणस्य संयमो ज्ञेयः || ४३ ||

Gāthā 44
शोषो मलस्य नाशो दाह एतस्य वासनोच्छेदः |
आप्लावनं तनूनां ज्ञानसुधासेकनिर्मिता शुद्धिः || ४४ ||

Gāthā 45
अविकल्पतया मर्शो विकल्पवर्गस्याङ्गसन्नाहः |
अर्घ्यं वेद्यविलासः पुष्पाणि स्वभावपोषका भावाः || ४५ ||

Gāthā 46
पूर्णाहन्ताया मुखे विश्वविकल्पाङ्कुराणां विक्षेपम् |
मन्त्रोल्लेखविशुद्धं पूर्ण कुलबिन्दुतर्पणं भणामः || ४६ ||

Gāthā 47
यो यस्य भावयोगस्तस्य खलु स एव देवता भवति |
तद्भावभाविता अभिलषितं तथा फलन्ति प्रतिमाः || ४७ ||

Gāthā 48
चित्रं न लिखति चित्रं चित्रकरः पश्यत लिखति तच्चित्रम् |
तद् भणत कुत्र योग्या कर्तुं द्वयोरपि देवताबुद्धिः || ४८ ||

Gāthā 49
मननमयी निजविभवे निजसङ्कोचे भये त्राणमयी |
कवलितविश्वविकल्पा अनुभूतिः कापि मन्त्रशब्दार्थः || ४९ ||

Gāthā 50
वैखरिका नाम क्रिया ज्ञानमयी भवति मध्यमा वाक् |
इच्छा पुनः पश्यन्ती सूक्ष्मा सर्वासां समरसा वृत्तिः || ५० ||

Gāthā 51
आनन्दोल्लासश्रीः क्षुल्लकिताष्टमहासिद्धिसौभाग्या |
दृश्यते यत्र दशायां सैव देवस्य सर्वमुद्राः || ५१ ||

Gāthā 52
हृदयस्थानप्ररूढो विमर्शकल्पद्रुमो महाशाखः |
पुष्प्यति भोगश्रिया फलति च निष्कलसुखोत्सवालोकम् || ५२ ||

Gāthā 53
क्रमिको भवति न देवस्तस्य कथं कालकल्मषस्पर्शः |
नित्यनिरावरणस्यापि को जीवतो मोक्षप्रत्यूहः || ५३ ||

Gāthā 54
यत् किमपि येन केनापि रूपेण यत्र कुत्रापि किं नास्ति |
तस्मादात्मा नित्यस्थिरः क्षणभङ्ग एवास्थिरो भवति || ५४ ||

Gāthā 55
नन्वात्मनः प्रियार्थं सर्वस्य प्रियत्वं भणति श्रुतिः |
तस्मादानन्दस्वभाव आत्मा मुक्तोऽमुक्तो वा || ५५ ||

Gāthā 56
यदि निजहृदयोल्लासं निर्णेतुं नित्यनिष्कलमिच्छा |
मध्यतुटिस्त्रुटितव्याऽस्त्रं यतोः सोमसूर्ययोः || ५६ ||

Gāthā 57
स्थूलतरेष्वपि प्रेक्षध्वं भूतेषु खस्य निष्कलावस्थाम् |
षट्त्रिंशिकाऽतिलङ्घी कीदृशो भवतु सोमनाथः सः || ५७ ||

Gāthā 58
ये कुलकुम्भसुधासवपानमहोत्सवसुखे प्रवर्तन्ते |
ते खलु विकल्पाङ्कुरान् रसिका उपदंष्टुं प्रगल्भन्ते || ५८ ||

Gāthā 59
हन्त मुखं प्रतिबिम्बतु प्रतिबिम्बयतु तथा तदपि दर्पणः |
दर्पणः पुनर्यस्मिन् प्रतिबिम्बति सोऽपि ज्ञातव्यः || ५९ ||

Gāthā 60
अविकारोभयपार्श्वे चाषपिञ्जसदृक्षेऽर्थे |
अन्तर्मुखो योगी बहिर्मुख इति कल्पना कुतः || ६० ||

Gāthā 61
योगी जागरस्वप्नसौषुप्ततुरीयपर्वपरिपाटिम् |
चित्रामिव मणिमालां विमर्शसूत्रैकगुम्फितामुद्वहति || ६१ ||

Gāthā 62
उल्लोकानन्दसुधाशीधुरसोद्वेजितेन हृदयेन |
अभिलषति लोकयात्रातिन्तिणिचर्वणरसान्तरं योगी || ६२ ||

Gāthā 63
याभिर्गृह्णाति योगी करणप्रणालीभिर्विषयसौख्यानि |
निजहृदयोद्वमनशीलाभिः स्फुरणमयं ताभिः करोति
त्रैलोक्यम् || ६३ ||

Gāthā 64
यथा तव स्थितिस्तथास्स्व निश्चिन्त इति खलु प्रतिष्ठितोऽर्थः |
तत्राप्यस्ति विवेक एवमुपदिशति तस्य कोऽन्यः ||

Gāthā 65
अहो संसारसुखातिशयः अहो सुलभं मोक्षमार्गसौभाग्यम् |
त्रुटितातङ्ककलङ्का अहो शिवयोगिनां यामली सिद्धिः || ६५ ||

Gāthā 66
क्षणमात्रस्पृष्टेनाप्यमृतस्वभावेनानेन भवेन |
सर्वोत्तिर्णः सर्वः सर्वचिरं लभते सर्वसौभाग्यम् || ६६ ||

Gāthā 67
गूढाद् गुढतरो भवति स्फुटादपि स्फुटतर एषः |
देशिककटाक्षपाते पक्षः प्रथमो न भवति धन्यानाम् || ६७ ||

Gāthā 68
आस्तामन्या विद्या चतुःस्रोतसामपि सागराणामिव |
एनमेवामृतमयं मथ्नाति मन्थानभैरवो देवः || ६८ ||

Gāthā 69
हन्त रहस्यं भणामो मुढा ! मा भ्रमत गर्भगोलेषु |
अत्यासन्नं हृदयं पर्यालोचयत तस्योद्योगम् || ६९ ||

Gāthā 70
एनमेव महार्थ युद्धारम्भे पाण्डुपुत्रस्य |
षोडशसहस्रशक्तिर्देव उपदिशति माधव इति शिवम् || ७० ||


Die Maharthamanjari in einer zusammenhängenden deutschen Übersetzung

Nachdem er die ewig reinen Füße des Gurus, des Großen Lichtes, verehrt hat, fügt Maheśvarānanda diese duftende Maharthamanjari zusammen. Möge das Große Licht wachsen, dessen ruhiger Glanz von Vimarśa durchstrahlt ist und bei dem die Lehrsysteme letztlich nur verschiedene Benennungen festlegen. Das Selbst ist wahrhaft die Wurzel des Universums; dort verlangt niemand nach einem weiteren Beweis. Wer mitten im Strom der Ganga eingetaucht ist – wie könnte der noch Durst haben? Ihn kennen selbst die Einfachen, selbst Wasserträgerinnen erkennen ihn; ihm gilt letztlich jede Verehrung. Für wen wäre dieser Herr des Kula nicht offenbar? Wahrnehmung ist begrenzt, und auch die darauf gegründete Schlussfolgerung ist begrenzt. Das Licht des Āgama aber offenbart etwas von seiner Größe. Mögen diejenigen, die irgendein vom Selbst getrenntes Ding bestimmen wollen, sich mit der Verwirrung verschiedener Grade geistiger Berechtigung befassen – sie haben sich vom Selbst abgewandt. Wo Neigung ist, dort liegt Gebot; wo sie fehlt, dort Verbot. So lautet unsere Unterscheidung in einer Lehre, deren Schrift das bloße Pulsieren des Herzens ist. Weil der Mensch sich von der Betrachtung des wahren Wesens des Selbst im Herzen abwendet, wird er vom Schrecken des Samsara betäubt wie von der Gewalt eingebildeten Giftes. Wie ein kostbarer Edelstein, der von seinen eigenen Lichtstrahlen verhüllt wird, erscheint das Selbst den gewöhnlichen Menschen trotz äußerster Offenbarkeit als undeutlich. Das Licht flammt empor als segensreiche Lampe für Erkennendes und Erkanntes; wenn es in den Zustand des Vimarśa eintritt, verbrennt es die angesammelten Unreinheiten wie Öl in einer Flamme.

Das im Herzen leuchtende Sein ist der Handelnde im Geschehen des Werdens. Eben diese Tätigkeit ist Vimarśa: in sich ruhend – und, wenn bewegt, die Ausbreitung des Universums. Wenn Erde und Paramashiva auf ihren gemeinsamen Grund, das Licht, zurückgeführt werden, ist gerade ihre jeweilige Besonderheit das Aufblühen des Vimarśa im Herzen. Die tausendfach erscheinenden Shaktis sind in Wahrheit ein einziger Zusammenklang. Als Aufbruch des eigenen Herzens wird er Shiva genannt, der vollkommen Freie. Wenn derselbe sich anschickt, die Welt zu wollen, zu erkennen und hervorzubringen, wird er als Shakti bezeichnet – als üppiges Aufblühen des honigsüßen Herzensdreiecks. Beim ersten Hervortreten von Erkenntnis und Handlung erscheint Gott als Sadashiva; beim deutlicheren Hervortreten der zweiten als Ishvara. Das Selbst ist der Erkennende und der Weltvollzug besitzt die Natur des Erkennbaren. Wo beide in einen einzigen Geschmack eingehen, dort ist die reine Vidya. Jene Macht des vollkommen freien Herrn, die in der einen Wirklichkeit die Kunstwerke der Unterscheidung hervorbringt, wird Maya genannt, die täuschende Shakti. Durch fünf Kräfte erscheint Mahesha, obwohl er alles tut, alles weiß, vollkommen, ewig und unbegrenzt ist, gleichsam als das Gegenteil davon. Der reine Bewusstseins-Shambhu ist der Schauspieler im Welttheater; eine besondere Rolle, die er durch das Anlegen einer Maske annimmt, wird Puruṣa genannt. Wenn Erkenntnis, Handlung und Maya als die Eigenschaften Sattva, Rajas und Tamas noch ungeschieden sind, heißt diese Shambhavi-Shakti Prakriti.

Wie Wellen im Ozean des Herzens bewegen sich ständig die drei inneren Organe: Sie ziehen das „Dies“ hinein und tragen das „Ich“ nach außen. Für den im Herzen ruhenden Allgegenwärtigen wird die Schau der Gegenstände frei, wenn die Lampen der Erkenntnissinne an ihren jeweiligen Sinnesorganen leuchten. Fünf Werkzeuge des Herrn der Welt sind vor allem auf Handlung gerichtet; durch sie bewegt sich der Mensch frei und unterscheidet sich vom Unbelebten. Der Gott, der Meister der drei Welten, spielt, indem er die fünf duftenden Blumen – beginnend mit Geruch – riecht, die im Garten des Universums aufgeblüht sind. Wie zu Zucker verdickter Zuckerrohrsaft seine Süße nicht verliert, so verlieren auch die fünf Elemente trotz der stufenweisen Verdichtung des Shiva-Lichtes dessen Süße nicht. Wie ein Faden durch das ganze bewegliche Kunstwerk der Welten läuft, so entfaltet sich Shambhus große Shakti als machtvoller Vimarśa durch alles hindurch. Von den sechs Pfaden ist die Hälfte ihrem Wesen nach Licht und Gegenstand, die andere Hälfte Vimarśa und Wort. Darin besteht die zwiefache Entfaltung Shivas. Wie in einer Zeichnung Elefant und Stier verschieden erscheinen können, obwohl sie in demselben Bildgrund liegen, so stellen wir in einer Wirklichkeit die Unterscheidung von Shiva und Shakti vor. Seht, welche Kraft selbst im winzigen Körper eines Insekts wirkt! Wie groß muss dann die Herrlichkeit der freien Shakti des kosmischen Leibes sein. So weit sich der Herr und Guru bei der Entfaltung des Universums ausbreitet, ebenso umfassend bleibt er auch beim Einziehen der Welt, selbst wenn alles nur keimhaft ruht.

Alles erscheint als Dreiheit von Erkennendem, Erkenntnis und Erkanntem; doch in Erkanntem wie Erkennendem gleichermaßen bindet die Erkenntniskraft die drei Welten zu einer Einheit. Welchen wirklichen Seinsunterschied gäbe es zwischen einer Blume und einer „Blume im Himmel“? Die Welt lebt durch das Leuchten, und dieses Leuchten ist allem gemeinsam. Wie Rubin und Smaragd verschieden erscheinen, so auch Sein und Nichtsein; doch ihr einheitliches Leuchten wischt die gegenseitige Trennung beider fort. Im eigenen Körper, der den Kosmos widerspiegelt, erstrahlen die Sinneskräfte als Göttinnen; in ihrer Mitte leuchtet Paramashiva, der Schatz der Erkenntnis. Dort soll er verehrt werden mit den duftenden Blumen des Vimarśa und mit dem Nektar der erkennbaren Welt, der im Becher des Geistes dargebracht wird. Erinnert euch an das heilige Pitha, die fünf Ströme, die drei Augen und das Kreisgefüge; erinnert euch an die Reihe der Gurus und an die fünf Shaktis, beginnend mit Schöpfung. Im Pitha sind neun Kalas, im Bereich der fünf Ströme fünf; im Stirnauge siebzehn, in den beiden anderen Augen zwölf und sechzehn. Im Kreis der Gurus ist eine starre Begrenzung nicht angemessen, denn die Gurus haben die Begrenzungen überschritten. In der Schöpfung wirken zehn Kalas, in der Erhaltung zweiundzwanzig Shaktis, in der Auflösung elf und auf der vierten Ebene dreizehn. In Bhāsa erscheint keine begriffliche Trennung für jene, deren Herrlichkeit als das eine ungeteilte Licht erstrahlt; wenn sie spiegelbildlich hervortritt, erscheint die Göttin in mehr als sechzehn Formen.

Die Menschen zählen Bhāsa als fünfte Kala nach der Schöpfung und schaffen so einen Abstand. In Wahrheit ist Bhāsa die Wurzel der Schöpfung und Schöpfung ihr Spross. Die eigentliche Verehrung besteht im Schauen der eigenen Kraft; doch diese ist in der Welt schwer zu finden. Leicht verfügbar sind dagegen Wein, Betel, Duft und Blumen für den Herrn des Universums. Das eigene Wesen soll erkannt werden, sowohl wenn die Kraft zur Handlung drängt als auch wenn sie still ist. Das Zurücktreten äußerer Vorgänge ist als Sammlung des Prana zu verstehen. Austrocknen ist das Schwinden der Unreinheit, Verbrennen die Vernichtung ihrer latenten Prägungen; Überflutung ist die Reinigung der Körper durch den Nektar der Erkenntnis. Begriffsfreies Gewahrsein ist die unmittelbare Berührung; das Bereitmachen der begrifflichen Kräfte ist die rituelle Ausstattung. Die erscheinende Welt ist das Arghya, und jene Zustände, die das eigene Wesen nähren, sind die Blumen. Das Ausschütten der Keime aller Weltvorstellungen in den Mund der vollständigen Ichheit nennen wir die volle Darbringung an den Kula-Bindu, gereinigt durch das Aufleuchten des Mantras. Welche Seinsweise jemand verwirklicht, eben diese wird für ihn zur Gottheit. Von diesem Zustand durchdrungen, tragen auch Bilder entsprechend die ersehnte Frucht. Ein Bild malt sich nicht selbst; seht, der Maler malt das Bild. Sagt also: Wo wäre es angemessen, beiden in gleicher Weise die Vorstellung selbständiger Göttlichkeit zuzuschreiben? In der eigenen Fülle ist sie die Kraft des inneren Erwägens, in der eigenen Verengung und Angst die Kraft des Schutzes; eine Erfahrung, die alle Weltvorstellungen verschlingt – das ist der Sinn des Wortes Mantra. Vaikhari ist die Sprache als Handlung, Madhyama ist erkenntnishaft, Pashyanti ist Willenskraft; die feine, allen gemeinsame und harmonische Bewegung ist die höchste Sprache.

Der Zustand, in dem die Herrlichkeit der Glückseligkeit aufleuchtet und selbst die acht großen Siddhis klein erscheinen, ist die allumfassende Mudra des Gottes. Der Wunschbaum des Vimarśa, tief im Ort des Herzens verwurzelt und mit mächtigen Ästen versehen, blüht als Herrlichkeit des Genusses und trägt als Frucht die Schau des Festes ungegliederter Glückseligkeit. Der Gott ist nicht an Abfolge gebunden – wie könnte ihn dann der Makel der Zeit berühren? Und was könnte für den ewig unverhüllten Lebenden ein Hindernis der Befreiung sein? Es gibt nichts, das nicht in irgendeiner Form, durch irgendetwas und irgendwo gegenwärtig wäre. Darum ist das Selbst ewig beständig; unstet ist nur die Folge augenblicklicher Erscheinungen. Die Shruti sagt, dass alles um des Selbstes willen lieb ist. Darum ist das Selbst seinem Wesen nach Glückseligkeit – ob es sich als befreit oder als unbefreit erlebt. Wer das ewig ungeteilte Aufleuchten des eigenen Herzens bestimmen will, muss die mittlere Verbindung zwischen den beiden Strömen von Mond und Sonne durchtrennen. Schaut selbst in den gröbsten Elementen den ungeteilten Zustand des Raumes. Wie muss dann erst jener Herr Soma sein, der die sechsunddreißig Tattvas übersteigt! Wer in das Fest des Genusses des Nektars aus dem Kula-Gefäß eintritt, ist fähig, die Keime der begrifflichen Vorstellungen gleichsam als Beigabe zu verzehren. Mag das Gesicht sich spiegeln und der Spiegel es wiedergeben – doch auch das, worin der Spiegel selbst erscheint, muss erkannt werden. Wenn auf beiden Seiten ein unveränderter, gleicher Grund besteht, wie könnte man dann sinnvoll zwischen einem nach innen und einem nach außen gewandten Yogi unterscheiden?

Der Yogi trägt Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turya wie eine bunte Perlenkette, die von dem einen Faden des Vimarśa zusammengehalten wird. Mit einem Herzen, das vom Nektar der höchsten Glückseligkeit berauscht ist, begehrt der Yogi selbst im gewöhnlichen Weltleben noch einen anderen Geschmack – wie eine würzige Beigabe zum höchsten Genuss. Durch dieselben Kanäle der Sinne, durch die der Yogi die Freuden der Gegenstände aufnimmt, lässt er aus seinem eigenen Herzen das leuchtende Universum hervorgehen. Bleibe einfach so, wie du wirklich bist, sorglos. Selbst bei dieser Unterweisung gilt es jedoch zu erkennen: Wer könnte hier eigentlich wem etwas lehren? Welch überwältigende Freude des Samsara! Welch leicht zugängliches Glück des Befreiungsweges! Wenn die Makel der Angst zerbrochen sind, welch wunderbare Einheit verwirklichen die Shiva-Yogis! Schon wer diesen nektargleichen Zustand nur einen Augenblick berührt, überschreitet alles und gewinnt in allem und für lange Zeit die ganze Fülle des Glücks. Er ist verborgener als das Verborgenste und zugleich deutlicher als das Deutlichste. Wenn der Blick des Gurus fällt, gibt es für die Gesegneten keine erste, verhüllende Seite mehr. Andere Wissenschaften mögen beiseitebleiben – selbst die Ozeane der vier großen Überlieferungsströme. Der Gott Manthana-Bhairava quirlt genau diesen nektargleichen Sinn hervor. Hört das Geheimnis, ihr Verwirrten: Irrt nicht in den Kreisen des Werdens umher. Das Herz ist ganz nahe – betrachtet seine schöpferische Bewegung. Genau diesen großen Sinn lehrt Mādhava, der Herr mit seinen sechzehntausend Kräften, dem Sohn Pandus zu Beginn des Kampfes. So endet es im Heil Shivas.

Prakasha und Vimarsha – Licht und Selbsterkenntnis
Eine der wichtigsten Leistungen der Maharthamanjari besteht darin, Bewusstsein nicht als bloßes passives Licht zu verstehen. Ein Spiegel kann etwas widerspiegeln, weiß aber nicht, dass er spiegelt. Bewusstsein dagegen ist vimarśa – es erfasst sich selbst.

Darum wird die Welt nicht als etwas betrachtet, das einem stummen Absoluten äußerlich gegenübersteht. Die Welt ist der freie Ausdruck der Selbsterkenntnis Shivas. Was als Denken, Wahrnehmen, Handeln und Fühlen erscheint, ist eine begrenzte oder entfaltete Form derselben göttlichen Kraft.

Die 36 Tattvas als Stufen der Selbstentfaltung
Die Gāthās 13–33 führen durch zentrale Ebenen der 36 Tattvas. Shiva ist zunächst die Einheit zahlloser Shaktis. Sobald dieses Bewusstsein sich zur Welt hin öffnet, wird es als Shakti beschrieben. Sodann erscheinen Sadashiva, Ishvara und Shuddhavidya. Mit Maya beginnt die ausgeprägte Erfahrung von Verschiedenheit.

Die fünf Kañcukas lassen das unbegrenzte Bewusstsein so erscheinen, als könne es nur wenig tun, wenig wissen, sei unvollständig, zeitlich und an bestimmte Ordnungen gebunden. Puruṣa ist für Maheśvarānanda deshalb kein völlig anderes Wesen als Shiva, sondern Shiva in einer angenommenen Rolle – wie ein Schauspieler, der im Welttheater ein Kostüm anlegt.

Körper, Prana, Sinne und innere Organe werden im Tantra nicht bloß als Hindernisse angesehen. In der Maharthamanjari werden sie als Ausdrucksformen der einen Shakti gedeutet.

Der Körper als Pitha
Ab Gāthā 34 verschiebt sich der Text von Kosmologie zu innerer Verehrung. Der eigene Körper ist ein pīṭha, ein heiliger Sitz. Die Sinneskräfte werden als Göttinnen verstanden, und Paramashiva leuchtet in ihrer Mitte.

Damit wird das gewöhnliche Erleben selbst zum Ritualraum. Sehen, Hören, Riechen, Denken und Fühlen können als Bewegungen des Bewusstseins erkannt werden. Das bedeutet nicht, dass jede spontane Regung automatisch heilig wäre; vielmehr verändert sich durch Vimarśa die Weise, in der Erfahrung verstanden wird.

Innere Puja
Gāthās 35 und 42–46 gehören zu den eindrucksvollsten Passagen des Werkes. Äußere Opfergaben werden nach innen gedeutet. Die eigentliche Verehrung ist die Erkenntnis der eigenen Kraft. Der Nektar der wahrgenommenen Welt wird im Becher des Geistes dargebracht; begriffsfreies Gewahrsein wird zur rituellen Berührung, die Welt selbst zum Arghya, und die das eigene Wesen stärkenden Zustände werden zu Blumen.

Dies ist keine bloße Ablehnung äußerer Puja. Vielmehr zeigt Maheśvarānanda die innere Bedeutung des Rituals. Der Parimala lässt äußere Formen bestehen, macht aber deutlich, dass ihre Vollendung im Wiedererkennen des Bewusstseins liegt.

Mantra und die Ebenen der Sprache
Gāthā 49 definiert Mantra nicht nur als Lautfolge. Mantra ist eine Kraft, die in der Fülle als Erkenntnis und in der Begrenzung als Schutz wirkt und die Vielzahl der Weltvorstellungen in Bewusstheit aufnehmen kann.

Gāthā 50 verbindet die Ebenen der Sprache mit den drei Grundkräften:

  • Vaikharī – Sprache als ausgeführte Handlung.
  • Madhyamā – Sprache auf der Ebene von Erkenntnis und innerer Form.
  • Paśyantī – Sprache als Willenskraft und ursprüngliche Schau.
  • Die feinste gemeinsame Bewegung führt darüber hinaus zur ungeteilten höchsten Sprache.

So wird Sprache zum kosmischen und yogischen Prozess: vom ungeteilten Bewusstsein bis zum ausgesprochenen Wort – und in der Meditation wieder zurück.

Mudra als Zustand des Bewusstseins
Auch Mudra wird radikal verinnerlicht. Gāthā 51 beschreibt den Zustand, in dem die Fülle der Glückseligkeit so stark aufleuchtet, dass selbst die berühmten acht großen Siddhis klein erscheinen. Dieser Zustand selbst ist die umfassende Mudrā des Gottes.

Damit verlagert sich der Akzent von außergewöhnlichen Fähigkeiten zur eigentlichen spirituellen Freiheit.

Die späteren Gāthās führen von Ritual und Tattva-Lehre in die unmittelbare Erfahrung des Herzens und zur Freiheit mitten im Leben.

Jivanmukti – Befreiung mitten im Leben
Ab Gāthā 52 rückt das Werk die Freiheit des lebenden Yogis in den Mittelpunkt. Der Wunschbaum des Vimarśa ist im Herzen verwurzelt: Er kann sowohl die Herrlichkeit des Erlebens als auch die Frucht ungeteilter Glückseligkeit hervorbringen.

Maheśvarānanda fragt ausdrücklich: Wenn der höchste Gott nicht von Zeitfolge berührt wird und in Wahrheit niemals verhüllt ist, was könnte dann Befreiung während des Lebens verhindern? Jivanmukti bedeutet in diesem Sinn nicht, die Welt zu verlassen, sondern ihren Grund im freien Bewusstsein zu erkennen.

Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turya
Gāthā 61 enthält ein besonders schönes Bild. Der Yogi trägt Wachen, Traum, Tiefschlaf und Turya wie verschiedenfarbige Perlen einer Kette. Der eine Faden, der alle zusammenhält, ist Vimarśa.

Die Zustände wechseln; die zugrunde liegende Bewusstheit bleibt. Gerade deshalb muss spirituelle Erkenntnis nicht auf einen einzigen außergewöhnlichen Zustand beschränkt werden.

„Bleibe, wie du bist“
Gāthā 64 führt die Lehre an ihren äußersten Punkt:

yathā tava sthitistathāssva niścinta

„Bleibe so, wie du wirklich bist – frei von Sorge.“

Doch Maheśvarānanda fügt sofort die nichtduale Konsequenz hinzu: Wenn Lehrer und Schüler in Wahrheit nicht zwei sind, wer lehrt hier eigentlich wen? Die Unterweisung wird nicht wertlos; sie erfüllt sich vielmehr in der Erkenntnis jener Einheit, aus der Lehrer, Schüler und Lehre hervorgehen.

Samsara wird nicht einfach verworfen
Gāthā 65 ruft geradezu überrascht aus: „Welch Freude des Samsara!“ Das ist keine Verherrlichung von Leiden. Gemeint ist vielmehr, dass dieselbe Welt, die aus begrenzter Sicht als Bindung erscheint, in der Erkenntnis Shivas zum Ausdruck seiner Freiheit wird.

Dies steht der Lehre des Vijnana Bhairava Tantra nahe: Nicht nur abgeschiedene Meditation, sondern auch Wahrnehmung und intensives Erleben können – richtig erkannt – zum Tor in die Bewusstheit werden.

Guru-Gnade
Gāthā 67 unterstreicht die Bedeutung des Guru. Das höchste Selbst ist zugleich „verborgener als das Verborgenste“ und „offenbarer als das Offenbarste“. Der Blick des Lehrers kann jene Verschiebung auslösen, durch die das bereits Gegenwärtige erkannt wird.

Der Guru erzeugt die Wirklichkeit nicht. Er hilft, das zu erkennen, was immer schon da ist.

Der große Sinn und die Bhagavad Gita
Die letzte Gāthā verbindet die Maharthamanjari überraschend mit der Bhagavad Gita. Maheśvarānanda erklärt, genau diesen mahārtha, diesen großen Sinn, habe Mādhava – Krishna – dem Sohn Pandus am Beginn des Kampfes gelehrt.

Damit beansprucht der Text nicht nur eine sektiererische Śaiva-Lehre. Er sieht seine nichtduale Erkenntnis als tiefen Sinn, der auch in anderen großen Offenbarungstexten wiedererkannt werden kann.

Inspirationen aus der Maharthamanjari

„Das Selbst ist die Wurzel des Universums.“
ātmā khalu viśvamūlam

Inspiration: Bewusstheit ist nicht ein Gegenstand innerhalb der Welt. Jede Welt, die wir kennen, erscheint bereits in Bewusstheit.

„Wie könnte jemand Durst haben, der im Strom der Ganga eingetaucht ist?“
kasya vā bhavati pipāsā gaṅgāsrotasi nimagnasya

Inspiration: Das Gesuchte ist bereits die Grundlage des Suchens.

„Die tausend Shaktis sind ein einziger Zusammenklang.“
śaktisahasrāṇām ekasaṃghaṭṭaḥ

Inspiration: Vielfalt muss Einheit nicht zerstören. Sie kann deren lebendige Entfaltung sein.

„Die fünf Elemente verlieren die Süße des Shiva-Lichtes nicht.“
pañcāpi bhūtāni madhuratāṃ na muñcanti

Inspiration: Auch das Grobe und Materielle bleibt im tiefsten Grund Ausdruck des Bewusstseins.

„Die eigentliche Verehrung ist das Schauen der eigenen Kraft.“
nijabalanibhālanam eva varivasyā

Inspiration: Äußere Verehrung kann in die unmittelbare Erkenntnis der göttlichen Kraft im eigenen Herzen führen.

„Der Yogi trägt die Bewusstseinszustände wie Perlen an einem Faden.“
vimarśasūtraikagumphitām udvahati

Inspiration: Wachen, Traum, Tiefschlaf und Meditation wechseln – der Faden der Bewusstheit verbindet sie alle.

„Bleibe so, wie du wirklich bist.“
yathā tava sthitistathāssva niścinta

Inspiration: Die höchste Praxis ist nicht immer ein neues Tun. Sie kann das vollständige Ruhen in der bereits gegenwärtigen Bewusstheit sein.

„Das Herz ist ganz nahe.“
atyāsannaṃ hṛdayam

Inspiration: Die höchste Wirklichkeit ist nicht fern. Der Weg führt in die unmittelbare Mitte der eigenen Erfahrung.

Beziehung zu anderen Schriften
Die Maharthamanjari ist besonders eng mit dem geistigen Netzwerk des nichtdualen Śaivismus verbunden:

  • Shiva Sutra – Bewusstsein, Bindung, Guru und die Identität des Yogis mit Shiva.
  • Spanda Karika – Spanda als lebendige Dynamik der Bewusstheit.
  • Pratyabhijna – Wiedererkennen des eigenen Wesens als höchste Wirklichkeit.
  • Pratyabhijna Hridayam – kompakte Darstellung zentraler Pratyabhijñā-Lehren.
  • Tantraloka – Abhinavaguptas große Synthese tantrischer Philosophie und Praxis.
  • Tantrasara – konzentrierte Darstellung der tantrischen Wege.
  • Vijnana Bhairava Tantra – unmittelbare meditative Zugänge zur Bhairava-Bewusstheit.
  • Paryanta Panchashika – verwandte Lehren über Bewusstsein, Weltentfaltung und das Überschreiten der Mittel.
  • Bodhapanchadashika – über Shiva, Shakti, Freiheit, Samsara und Jivanmukti.
  • Anuttarashtika – radikale Nichtdualität des Anuttara.
  • Kaula Upanishad – Kaula-Perspektiven auf Selbsterkenntnis und Befreiung.

Bedeutung für Yoga-Aspiranten
Die Maharthamanjari kann heutigen Aspiranten helfen, Yoga nicht nur als eine Sammlung von Übungen, sondern als Weg des Wiedererkennens zu verstehen. Körper, Atem, Sinne und Gedanken müssen nicht grundsätzlich bekämpft werden. Sie können als Bewegungen derselben Bewusstheit erkannt werden.

Meditation erhält dadurch eine besondere Ausrichtung: Nicht nur Gedankenstille ist wichtig, sondern das Erkennen dessen, was Gedanken, Stille, Wahrnehmung und Körpererfahrung überhaupt bewusst macht.

Der Text fordert allerdings eine reife Lektüre. Tantrische Bilder von Wein, Kula, inneren Darbringungen oder Siddhis gehören in ihren traditionellen symbolischen, rituellen und initiatorischen Kontext. Sie sollten nicht isoliert als moderne Handlungsanweisung gelesen werden.

Abschließende Betrachtung
Die Maharthamanjari ist tatsächlich eine „Blütenrispe des großen Sinnes“. Ihre siebzig Gāthās führen durch nahezu das gesamte Panorama nichtdualer Śaiva-Spiritualität: vom selbstleuchtenden Selbst über Prakāśa und Vimarśa, Shiva und Shakti, die Tattvas, Sinne und Elemente bis zu innerer Pūjā, Mantra, Mudrā, Guru und Jīvanmukti.

Doch hinter dieser Vielfalt bleibt eine Aussage beständig: Nichts verlässt das Bewusstsein. Die Welt ist nicht das Gegenteil des Göttlichen; sie ist seine Entfaltung. Bindung entsteht dort, wo diese Entfaltung als vom eigenen Selbst getrennt erscheint. Befreiung ist das Wiedererkennen der Einheit.

So führt der Text am Ende zurück zum allernächsten Ort: zum hṛdaya, zum Herzen der Bewusstheit. Dort liegt der „große Sinn“ nicht als abstrakter Begriff, sondern als unmittelbar erfahrbare Wirklichkeit.

Textgrundlage
Der Sanskrittext folgt ausschließlich der bereitgestellten Muktabodha-Fassung M00035: Mahārthamañjarī with the Parimala commentary, verfasst von Maheśvarānanda und herausgegeben von T. Ganapati Śāstrī. Die Datei basiert auf der Trivandrum Sanskrit Series Nr. 66. Der vorliegende Artikel gibt die dreizehn einleitenden Sanskritverse sowie alle siebzig Gāthās des eigentlichen Lehrtextes vollständig wieder. Der umfangreiche Parimala wurde nicht vollständig übersetzt, sondern als maßgebliche Selbstauslegung des Autors zur Erklärung schwieriger Begriffe und Zusammenhänge herangezogen.

Siehe auch

Seminare

Meditation
Die Maharthamanjari führt immer wieder zur unmittelbaren Bewusstheit im Herzen zurück. Meditation kann diesen Zugang praktisch vertiefen.

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