Tulasi Upanishad
Die Tulasi Upanishad (Sanskrit: तुलस्युपनिषत्, Tulasyupaniṣat, „Upanishad der Tulasi“) ist eine kurze vaishnavitische Upanishad außerhalb des Kanons der 108 Muktika-Upanishaden. Ihr Thema ist Tulasi, das Heilige Basilikum (Ocimum tenuiflorum), zugleich Pflanze, Göttin und geliebte Gefährtin Vishnus. Der Text beschreibt ihre sakrale Gestalt, gibt Regeln für den achtsamen Umgang mit der Pflanze, überliefert eine Tulasi-Gayatri und preist ihre Bedeutung für Puja, Japa, Shraddha und Befreiung.
Die Tulasi Upanishad ist keine botanische oder medizinische Abhandlung. Aussagen über Reinigung, Krankheit, Tod und die Wirkung des Verzehrs gehören zu ihrer religiösen Lob- und Verheißungssprache. Sie sind keine klinisch geprüften Heilversprechen. Spirituell bemerkenswert ist die Verbindung von Bhakti und Pflanzenachtung: Tulasi soll nicht grundlos verletzt werden; schon ihr Anblick führt zur ehrfürchtigen Umrundung.

Die hier gebotene Fassung folgt dem Text in C. Kunhan Rajas Sammlung Aprakāśitā Upaniṣadaḥ unter Abgleich mit den elektronischen Texten von Sanskritdocuments, Ambuda und Vishvasa. Die Quelle zählt nur die dreizehn metrischen Verse. Eingang, Überlieferungskette, Schlussverheißung und Kolophon sind unnummeriert; die beschreibenden Überschriften dafür sind redaktionelle Orientierungshilfen. Offensichtliche OCR-Fehler wurden anhand der Parallelfassungen berichtigt. Unsichere Lesarten wie yajurmanasaṃ, brahmātharvaprāṇām, tulākoṭinibhe und vicinvati werden nicht stillschweigend geglättet, sondern in den Worterklärungen kenntlich gemacht.
Tulasi Upanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung
Unnummerierter Eingang: Ankündigung und Viniyoga
atha tulasyupaniṣadaṃ vyākhyāsyāmaḥ | nārada ṛṣiḥ | atharvāṅgirāś chandaḥ | amṛtā tulasī devatā | sudhābījam | vasudhā śaktiḥ | nārāyaṇaḥ kīlakam ||
Übersetzung: Nun wollen wir die Tulasi Upanishad erklären. Nārada ist der Seher; Atharvāṅgiras ist die Vers- beziehungsweise Rezitationsform; die unsterbliche Tulasi ist die Gottheit; Nektar ist der Keim, die Erde ist die Kraft und Nārāyaṇa der „Keil“ beziehungsweise die bindende Schlüsselkraft.
Wort-für-Wort-Erläuterung: atha – nun, sodann; tulasī-upaniṣadam – die Tulasi Upanishad; vyākhyāsyāmaḥ – wir werden erklären, auslegen; nāradaḥ – Nārada; ṛṣiḥ – Seher des Mantras; atharva-aṅgirāḥ – Atharvāṅgiras, eine ungewöhnliche Bezeichnung, die auf die Atharvan-Aṅgiras-Tradition verweist; in der Sandhiform atharvāṅgirāś; chandaḥ – Metrum, Vers- oder Rezitationsform; amṛtā – die Unsterbliche, „Nektarhafte“; tulasī – Tulasi; devatā – Gottheit; sudhā – Nektar, Ambrosia; bījam – Keim beziehungsweise Bīja, tragende Keimformel; vasudhā – die Erde, die Reichtum Tragende; śaktiḥ – Kraft, Energie; nārāyaṇaḥ – Nārāyaṇa; kīlakam – Keil, Verschluss oder rituelle Schlüsselkraft. Die traditionelle Viniyoga-Reihe nennt Anwendungselemente eines Mantras; sie beweist keine sichere Zugehörigkeit des Textes zu einem bestimmten Veda.
Unnummerierter Eingang: Die göttliche Gestalt Tulasis
śyāmāṃ śyāmavapurdharāṃ ṛksvarūpāṃ yajurmanasaṃ brahmātharvaprāṇāṃ kalpahastāṃ purāṇapaṭhitām amṛtodbhavām amṛtarasamañjarīm anantām anantarasabhogadāṃ vaiṣṇavīṃ viṣṇuvallabhāṃ mṛtyujanmanibarhiṇīm ||
Übersetzung: [Man vergegenwärtige] die Dunkle, die eine dunkle Gestalt trägt, deren Wesen der Rigveda, deren Geist der Yajurveda und deren Lebensatem Brahma-Atharvan ist, deren Hände die Rituallehre sind, die in den Puranas gepriesen wird, die aus Nektar hervorgegangen und eine Blütentraube voll Nektarsaft ist, die Unendliche, die den Genuss unendlicher Essenz schenkt, die Vaishnavi, Vishnus Geliebte, die Tod und Geburt vertreibt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śyāmām – die Dunkle, Dunkelgrüne; śyāma-vapus-dharām – eine dunkle Gestalt tragend; ṛk-svarūpām – den Rigveda beziehungsweise seine Verse zur Wesensgestalt habend; yajus-manasam – den Yajurveda beziehungsweise die Opferformeln als Geist habend; die Endung ist in der Überlieferung grammatisch auffällig; brahma-atharva-prāṇām – Brahma beziehungsweise Atharvan als Lebensatem habend; das Kompositum ist nicht eindeutig aufzulösen; kalpa-hastām – die Kalpa-Rituallehre als Hände habend; purāṇa-paṭhitām – in den Puranas gelesen, verkündet oder gepriesen; amṛta-udbhavām – aus Nektar beziehungsweise Unsterblichkeit entstanden; amṛta-rasa-mañjarīm – eine Blütentraube voll Nektarsaft; anantām – die Unendliche; ananta-rasa-bhoga-dām – den Genuss unendlicher Essenz oder Wonne schenkend; vaiṣṇavīm – die zu Vishnu Gehörige, Vaishnavi; viṣṇu-vallabhām – Vishnus Geliebte; mṛtyu-janma-nibarhiṇīm – Tod und Geburt vertreibend. Ein ausdrückliches Verb fehlt; „man vergegenwärtige“ ist aus der Form einer meditativen Wesensbeschreibung ergänzt.
Unnummerierter Eingang: Wirkungen der ehrfürchtigen Begegnung
darśanāt pāpanāśinīṃ sparśanāt pāvanīm abhivandanād roganāśinīṃ sevanān mṛtyunāśinīṃ vaikuṇṭhārcanād vipaddhantrīṃ bhakṣaṇād vayunapradāṃ prādakṣiṇyād dāridryanāśinīṃ mūlamṛllepanān mahāpāpabhañjinīṃ ghrāṇatarpaṇād antarmalanāśinīṃ ya evaṃ veda sa vaiṣṇavo bhavati ||
Übersetzung: Durch Anschauen vernichtet sie Verfehlung, durch Berührung reinigt sie, durch ehrfürchtige Begrüßung vertreibt sie Krankheit, durch Dienst an ihr überwindet sie den Tod, durch Vaikuntha- beziehungsweise Vishnu-Verehrung [mit Tulasi] beseitigt sie Not, durch Verzehr schenkt sie Einsicht, durch Umrundung vertreibt sie Armut, durch Bestreichen mit Erde von ihrer Wurzel bricht sie schwere Verfehlung, und durch das Erfreuen des Geruchssinns beseitigt sie innere Unreinheit. Wer dies so weiß, wird ein Vaishnava.
Wort-für-Wort-Erläuterung: darśanāt – durch das Sehen, Anschauen; pāpa-nāśinīm – Verfehlung, Übel oder Unheilsames vernichtend; sparśanāt – durch Berührung; pāvanīm – reinigend, heiligend; abhivandanāt – durch ehrfürchtige Begrüßung oder Verneigung; roga-nāśinīm – Krankheit vernichtend; sevanāt – durch Dienst, Pflege, Gebrauch oder hingebungsvolle Zuwendung; vor mṛtyu in der Sandhiform sevanān; mṛtyu-nāśinīm – Tod vernichtend; vaikuṇṭha-arcanāt – durch Verehrung Vaikunthas beziehungsweise Vishnus; vipad-dhantrīm – Unglück und Not erschlagend, beseitigend; bhakṣaṇāt – durch Essen oder Verzehr; vayuna-pradām – Einsicht, Wissen oder geistige Klarheit schenkend; prādakṣiṇyāt – durch ehrfürchtige Rechtsumkreisung, Pradakshina; dāridrya-nāśinīm – Armut und Mangel vernichtend; mūla-mṛt-lepanāt – durch Bestreichen mit Erde von der Wurzel; vor mahā in der Sandhiform lepanān; mahā-pāpa-bhañjinīm – schwere Verfehlung zerbrechend; ghrāṇa-tarpaṇāt – durch Sättigung oder Erfreuung des Geruchssinns, also durch ihren Duft; antar-mala-nāśinīm – innere Unreinheit vernichtend; yaḥ – wer; evam – so; veda – weiß, erkennt; saḥ – der; vaiṣṇavaḥ – ein Verehrer Vishnus; bhavati – wird. Eine Parallelfassung liest prāṇatarpaṇa statt ghrāṇatarpaṇa; der Zusammenhang mit Duft stützt die hier gewählte Lesart. Die Heilaussagen werden als religiöse Verheißungen übersetzt, nicht als medizinische Wirksamkeitsnachweise.
Unnummerierter Eingang: Regeln des achtsamen Umgangs
vṛthā na chindyāt | dṛṣṭvā pradakṣiṇaṃ kuryāt | dvādaśyāṃ na spṛśet | parvaṇi na vicinvet | yadi vicinvati sa viṣṇuhā bhavati ||
Übersetzung: Man soll sie nicht grundlos abschneiden. Wenn man sie sieht, soll man sie ehrfürchtig umrunden. Am zwölften Mondtag soll man sie nicht berühren; an einem heiligen Fest- oder Übergangstag soll man sie nicht pflücken. Wenn jemand [dann] pflückt, wird er zu einem, der sich an Vishnu vergeht.
Wort-für-Wort-Erläuterung: vṛthā – vergeblich, grundlos, unnötig; na – nicht; chindyāt – man soll schneiden, abbrechen oder verletzen; dṛṣṭvā – gesehen habend, beim Anblick; pradakṣiṇam – ehrfürchtige Umrundung im Uhrzeigersinn; kuryāt – man soll vollziehen; dvādaśyām – am zwölften Mondtag, an Dvādashī; na – nicht; spṛśet – man soll berühren; parvaṇi – an einem Festtag, heiligen Kalendertag oder Zeitübergang; na – nicht; vicinvet – man soll pflücken, sammeln; yadi – wenn; vicinvati – jemand pflückt oder sammelt; die Form ist sprachlich ungewöhnlich; saḥ – derjenige; viṣṇu-hā – wörtlich „Vishnu-Schädiger“ oder „Vishnu-Töter“, hier: einer, der sich am Heiligen Vishnus vergeht; bhavati – wird. Eine abweichende elektronische Fassung liest „nachts“ statt „an Dvādashī“; die Adyar-nahe Lesart dvādaśyām wird beibehalten. Die scharfe Schlussformel ist kultische Mahnsprache und kein Aufruf zu weltlicher Bestrafung.
Unnummerierter Eingang: Drei Opferformeln
śrītulasyai svāhā | viṣṇupriyāyai svāhā | amṛtāyai svāhā ||
Übersetzung: Der ehrwürdigen Tulasi sei die Opfergabe! Der Geliebten Vishnus sei die Opfergabe! Der Unsterblichen sei die Opfergabe!
Wort-für-Wort-Erläuterung: śrī-tulasyai – der ehrwürdigen, glückverheißenden Tulasi; svāhā – Heil, wohl dargebracht; ritueller Zuruf bei einer Opfergabe; viṣṇu-priyāyai – der Vishnu Geliebten; svāhā – sei die Gabe dargebracht; amṛtāyai – der Unsterblichen beziehungsweise Nektarhaften; svāhā – sei die Gabe dargebracht. Die drei Dative bezeichnen die Empfängerin unter drei Namen.
Unnummerierter Eingang: Tulasi-Gayatri
śrītulasyai vidmahe viṣṇupriyāyai dhīmahi | tan no amṛtā pracodayāt ||
Übersetzung: Wir wollen die ehrwürdige Tulasi erkennen; über Vishnus Geliebte wollen wir meditieren. Möge jene Unsterbliche unser Denken anregen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śrī-tulasyai – auf die ehrwürdige Tulasi bezogen, der Tulasi; vidmahe – wir erkennen, wollen erkennen; viṣṇu-priyāyai – auf Vishnus Geliebte bezogen; dhīmahi – wir meditieren, richten unsere Einsicht darauf; tat – jene, das; in der Sandhiform tan vor naḥ; naḥ – unser, uns; amṛtā – die Unsterbliche; pracodayāt – möge antreiben, inspirieren oder das Denken erhellen. Die Formel folgt dem bekannten dreigliedrigen Muster einer Gayatri, auch wenn ihre metrische Form nicht völlig regelmäßig ist.
Vers 1: Bitte um Rettung aus dem Samsara
amṛte 'mṛtarūpāsi amṛtatvapradāyini |
tvaṃ mām uddhara saṃsārāt kṣīrasāgarakanyake || 1 ||
Übersetzung: O Unsterbliche, du bist von unsterblicher Gestalt und schenkst Unsterblichkeit. Erhebe mich aus dem Samsara, du Tochter des Milchozeans.
Wort-für-Wort-Erläuterung: amṛte – o Unsterbliche, o Nektarhafte; amṛta-rūpā – von unsterblicher oder nektarhafter Gestalt; asi – bist du; zusammen amṛtarūpāsi; amṛtatva-pradāyini – o Spenderin der Unsterblichkeit; tvam – du; mām – mich; uddhara – ziehe empor, rette, erhebe; saṃsārāt – aus dem Samsara, dem Kreislauf bedingten Werdens; kṣīra-sāgara-kanyake – o Tochter des Milchozeans. Der Vers spricht Tulasi wie eine rettende Göttin unmittelbar an.
Vers 2: Die Gefährtin Shri Lakshmis
śrīsakhi tvaṃ sadānande mukundasya sadā priye |
varadābhayahastābhyāṃ māṃ vilokaya durlabhe || 2 ||
Übersetzung: Du Gefährtin Shris, du immer Wonnevolle, dem Mukunda stets Liebe: Blicke mich mit deinen Händen des Segens und der Furchtlosigkeit an, du schwer zu Erlangende.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śrī-sakhi – o Freundin oder Gefährtin Shris, Lakshmis; tvam – du; sadā-ānande – o immer Wonnevolle; mukundasya – Mukundas, des Befreiers Vishnu; sadā – immer; priye – o Geliebte; vara-da – Gaben oder Segen gewährend; abhaya – Furchtlosigkeit, Schutz; hastābhyām – mit den beiden Händen; zusammen varadābhayahastābhyām – mit den Händen, die Segen und Furchtlosigkeit zeigen; mām – mich; vilokaya – blicke an, schaue gnädig auf; durlabhe – o schwer zu Erlangende. Der Blick und die beiden Handgesten sind aus der Bildsprache göttlicher Darstellungen bekannt.
Vers 3: Baumgestalt und Unvergleichlichkeit
avṛkṣavṛkṣarūpāsi vṛkṣatvaṃ me vināśaya |
tulasy atularūpāsi tulākoṭinibhe 'jare || 3 ||
Übersetzung: Du bist Nicht-Baum und von Baumgestalt; vernichte mein Baum-Sein. Tulasi, du bist von unvergleichlicher Gestalt, du einer Vielzahl von Maßstäben Vergleichbare, du Alterslose.
Wort-für-Wort-Erläuterung: a-vṛkṣa – Nicht-Baum, jenseits des bloßen Baumseins; vṛkṣa-rūpā – von der Gestalt eines Baumes beziehungsweise einer Pflanze; asi – bist du; vṛkṣatvam – Baumsein; möglicherweise bildlich die Verwurzelung im Samsara oder ein unbeweglicher Daseinszustand; me – mein, für mich; vināśaya – vernichte, löse auf; tulasi – o Tulasi; vor atula in der Sandhiform tulasy; atula-rūpā – von unvergleichlicher Gestalt; asi – bist du; tulā-koṭi-nibhe – o einer Vielzahl, wörtlich „zehn Millionen“, von Waagen, Maßen oder Vergleichsgrößen Ähnliche; die Wendung ist dunkel und kann ein Wortspiel mit tulā, „Vergleich, Waage“, sein; ajare – o Alterslose, nicht Verfallende. Die erste Vershälfte und tulākoṭinibhe sind textlich beziehungsweise semantisch unsicher; die Übersetzung glättet sie nicht zu einer scheinbar eindeutigen Lehre.
Vers 4: Nur Hari ist Tulasi ebenbürtig
atule tvattulāyāṃ hi harir eko 'sti nānyathā |
tvam eva jagatāṃ dhātrī tvam eva viṣṇuvallabhā || 4 ||
Übersetzung: Unvergleichliche, im Vergleich mit dir ist allein Hari dir ebenbürtig, niemand sonst. Du allein bist die Trägerin der Welten; du allein bist Vishnus Geliebte.
Wort-für-Wort-Erläuterung: atule – o Unvergleichliche; tvat-tulāyām – beim Vergleich mit dir, in Gleichheit mit dir; hi – wahrlich, denn; hariḥ – Hari, Vishnu; ekaḥ – allein, der Eine; asti – ist; na – nicht; anyathā – anders, sonst; sinngemäß „kein anderer“; tvam – du; eva – allein, wahrlich; jagatām – der Welten, aller Wesenwelten; dhātrī – Trägerin, Erhalterin; tvam eva – du allein; viṣṇu-vallabhā – Vishnus Geliebte. Der Vers entwickelt das Namenswortspiel Tulasi – die „Unvergleichliche“ – mit tulā, Vergleich oder Maß.
Vers 5: Lakshmi, Vishnu und die göttlichen Wesen
tvam eva surasaṃsevyā tvam eva mokṣadāyinī |
tvacchāyāyāṃ vasel lakṣmīs tvanmūle viṣṇur avyayaḥ |
samantād devatāḥ sarvāḥ siddhacāraṇapannagāḥ || 5 ||
Übersetzung: Du allein wirst von den Göttern verehrt; du allein schenkst Befreiung. In deinem Schatten wohnt Lakshmi, an deiner Wurzel der unvergängliche Vishnu. Ringsum [weilen] alle Gottheiten, Siddhas, Charanas und Schlangengeister.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tvam – du; eva – allein, wahrlich; sura-saṃsevyā – von den Göttern aufgesucht, verehrt oder bedient; tvam eva – du allein; mokṣa-dāyinī – Befreiung schenkend; tvat-chāyāyām – in deinem Schatten; in der Sandhiform tvacchāyāyām; vaset – möge beziehungsweise soll wohnen; vor lakṣmīḥ als vasel; lakṣmīḥ – Lakshmi; tvat-mūle – an deiner Wurzel; in der Sandhiform tvanmūle; viṣṇuḥ – Vishnu; avyayaḥ – unvergänglich; samantāt – ringsum, von allen Seiten; devatāḥ – Gottheiten; sarvāḥ – alle; siddha – vollendete Wesen; cāraṇa – himmlische Sänger oder Wanderer; pannagāḥ – Schlangenwesen, Nāgas. Für die letzte Zeile ist „weilen“ aus dem vorigen Satz zu ergänzen.
Vers 6: Wurzel, Mitte und Spitze
yanmūle sarvatīrthāni yanmadhye brahma devatāḥ |
yadagre vedaśāstrāṇi tulasīṃ tāṃ namāmy aham || 6 ||
Übersetzung: An deren Wurzel alle heiligen Pilgerorte, in deren Mitte Brahma und die Gottheiten und an deren Spitze die Veden und Lehrschriften sind – vor dieser Tulasi verneige ich mich.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yat-mūle – an deren Wurzel; in der Sandhiform yanmūle; sarva-tīrthāni – alle heiligen Furten und Pilgerorte; yat-madhye – in deren Mitte; yanmadhye in Sandhi; brahma – Brahma beziehungsweise das Brahman; die syntaktische Verbindung mit dem folgenden Plural ist locker; devatāḥ – die Gottheiten; yat-agre – an deren Spitze, Vorder- oder oberem Teil; in Sandhi yadagre; veda-śāstrāṇi – die Veden und Lehrschriften; tulasīm – Tulasi; tām – diese, jene; namāmi – ich verneige mich, verehre; aham – ich. Die Pflanze wird als räumliches Bild einer vollständigen heiligen Welt gelesen.
Vers 7: Naradas Lob der Glückverheißenden
tulasi śrīsakhi śubhe pāpahāriṇi puṇyade |
namas te nāradanute nārāyaṇamanaḥpriye || 7 ||
Übersetzung: Tulasi, Gefährtin Shris, Glückverheißende, du nimmst Verfehlung hinweg und schenkst heilsames Verdienst. Verehrung sei dir, die Nārada preist, du dem Herzen Nārāyaṇas Liebe.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tulasi – o Tulasi; śrī-sakhi – o Gefährtin Shris beziehungsweise Lakshmis; śubhe – o Glückverheißende, Gute; pāpa-hāriṇi – Verfehlung und Unheil wegnehmend; puṇya-de – heilsames Verdienst, Puṇya, schenkend; namaḥ – Verneigung, Verehrung; te – dir; nārada-nute – o von Nārada Gepriesene; nārāyaṇa-manaḥ-priye – o dem Geist beziehungsweise Herzen Nārāyaṇas Liebe. Der Vers verbindet den im Viniyoga genannten Seher Nārada mit Tulasis Beziehung zu Nārāyaṇa.
Vers 8: Aus Brahmas Freudentränen geboren
brahmānandāśrusaṃjāte vṛndāvananivāsini |
sarvāvayavasampūrṇe amṛtopaniṣadrase || 8 ||
Übersetzung: Du aus Brahmas Freudentränen Entstandene, du Bewohnerin Vrindavans, in allen Gliedern Vollkommene, du Essenz der Nektar-Upanishad.
Wort-für-Wort-Erläuterung: brahma-ānanda-aśru-saṃjāte – o aus Tränen der Wonne Brahmas entstandene; je nach Kompositumdeutung auch „aus Tränen der Brahman-Wonne“; vṛndāvana-nivāsini – o in Vṛndāvana Wohnende; sarva-avayava-sampūrṇe – o in allen Gliedern oder Teilen Vollkommene; amṛta-upaniṣat-rase – o Saft, Essenz oder Geschmack der unsterblichen beziehungsweise nektarhaften Upanishad. Rasa lässt zugleich an Pflanzensaft, Geschmack und spirituelle Essenz denken. Die Tulasi Upanishad verdichtet so Mythos, Ort, Pflanzenkörper und Offenbarungswort in einem Bild.
Vers 9: Tulasi als Sühne und Geliebte aller Ahnen
tvaṃ mām uddhara kalyāṇi mahāpāpābdhidustarāt |
sarveṣām api pāpānāṃ prāyaścittaṃ tvam eva hi |
devānāṃ ca ṛṣīṇāṃ ca pitṝṇāṃ tvaṃ sadā priyā || 9 ||
Übersetzung: Erhebe mich, Glückverheißende, aus dem schwer zu überquerenden Ozean schwerer Verfehlung. Denn du allein bist die Sühne für alle Verfehlungen. Den Göttern, den Rishis und den Ahnen bist du stets lieb.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tvam – du; mām – mich; uddhara – ziehe empor, rette; kalyāṇi – o Glückverheißende, Heilbringende; mahā-pāpa-abdhi-dustarāt – aus dem schwer zu überquerenden Ozean schwerer Verfehlung; sarveṣām – aller; api – sogar, insgesamt; pāpānām – Verfehlungen, unheilsamer Handlungen; prāyaścittam – Sühne, Läuterungs- oder Wiedergutmachungshandlung; tvam – du; eva – allein; hi – denn, wahrlich; devānām – den Göttern; ca – und; ṛṣīṇām – den Rishis, Sehern; ca – und; pitṝṇām – den Ahnen; tvam – du; sadā – immer; priyā – lieb. Die religiöse Rettungsmetapher hebt persönliche Verantwortung und konkrete Wiedergutmachung nicht auf.
Vers 10: Tulasi beim Ahnenritus
vinā śrītulasīṃ viprā ye 'pi śrāddhaṃ prakurvate |
vṛthā bhavati tac chrāddhaṃ pitṝṇāṃ nopagacchati || 10 ||
Übersetzung: Jene Brahmanen, die ein Shraddha ohne die ehrwürdige Tulasi vollziehen, [tun es vergeblich]: Dieses Ahnenopfer bleibt ohne seine beabsichtigte Frucht und erreicht die Ahnen nicht.
Wort-für-Wort-Erläuterung: vinā – ohne; śrī-tulasīm – die ehrwürdige Tulasi; viprāḥ – Brahmanen, gelehrte Priester; ye – welche, diejenigen, die; api – auch; vor śrāddham in der Sandhiform ye 'pi; śrāddham – Śrāddha, Ritus für die Ahnen; prakurvate – führen aus, vollziehen; vṛthā – vergeblich, ohne die erstrebte Frucht; bhavati – wird, ist; tat – dieses; vor śrāddham in der Sandhiform tac; śrāddham – das Ahnenritual; pitṝṇām – der Ahnen, zu den Ahnen; na upagacchati – gelangt nicht hin, erreicht nicht; zusammen nopagacchati. Das ist eine inner-vaishnavitische Vorrangaussage, keine neutrale Beschreibung aller hinduistischen Shraddha-Traditionen.
Vers 11: Tulasi in der Vishnu-Puja
tulasīpatram utsṛjya yadi pūjāṃ karoti vai |
āsurī sā bhavet pūjā viṣṇuprītikarī na ca || 11 ||
Übersetzung: Wenn jemand das Tulasi-Blatt beiseitelässt und dennoch die Puja vollzieht, dann gilt diese Verehrung [in der Sprache dieses Textes] als dämonisch und erfreut Vishnu nicht.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tulasī-patram – Tulasi-Blatt; utsṛjya – fortlassend, beiseitelegend; yadi – wenn; pūjām – Verehrung, Puja; karoti – vollzieht, macht; vai – wahrlich, gewiss; āsurī – asurisch, dämonisch, den Asuras zugeordnet; sā – diese; bhavet – würde, möge oder gilt als; pūjā – Verehrung; viṣṇu-prīti-karī – Vishnus Freude bewirkend; na – nicht; ca – und. Die polemische Bezeichnung preist eine bestimmte vaishnavitische Ritualform; sie sollte nicht als pauschale Abwertung anderer Wege übernommen werden.
Vers 12: Tulasi in allen religiösen Handlungen
yajñaṃ dānaṃ japaṃ tīrthaṃ śrāddhaṃ vai devatārcanam |
tarpaṇaṃ mārjanaṃ cānyan na kuryāt tulasīṃ vinā || 12 ||
Übersetzung: Opfer, Gabe, Japa, Pilgerfahrt, Shraddha, Verehrung einer Gottheit, Ahnenlabung, rituelle Reinigung und anderes soll man, so der Text, nicht ohne Tulasi vollziehen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yajñam – Opfer, Yajña; dānam – Gabe, Freigebigkeit; japam – Japa, wiederholte Mantrarezitation; tīrtham – heiliger Ort, Pilgerfahrt oder heiliges Wasser; śrāddham – Ahnenritus; vai – wahrlich; devatā-arcanam – Verehrung einer Gottheit; tarpaṇam – Labung, Wasserspende besonders für Götter, Seher oder Ahnen; mārjanam – Abwischen, Besprengen oder rituelle Reinigung; ca – und; anyat – anderes; vor na in der Sandhiform anyan; na kuryāt – man soll nicht vollziehen; tulasīm – Tulasi; vinā – ohne. Die Aufzählung macht Tulasi in der Eigenperspektive des Textes zum verbindenden Element fast jeder religiösen Handlung.
Vers 13: Japa mit einer Tulasi-Mala
tulasīdārumaṇibhir japaḥ sarvārthasādhakaḥ |
evaṃ na veda yaḥ kaścit sa vipraḥ śvapacādhamaḥ || 13 ||
Übersetzung: Japa mit Perlen aus Tulasi-Holz verwirklicht alle Ziele. Ein Brahmane, der dies nicht weiß, sei – so die scharfe Polemik des Textes – niedriger als ein „Hundekocher“.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tulasī-dāru-maṇibhiḥ – mit Perlen aus Tulasi-Holz; japaḥ – Japa, wiederholte Rezitation; sarva-artha-sādhakaḥ – alle Ziele oder Anliegen verwirklichend; evam – so, dies; na – nicht; veda – weiß, erkennt; yaḥ – wer; kaścit – irgendeiner; saḥ – der; vipraḥ – Brahmane, Gelehrter; śvapaca-adhamaḥ – niedriger als ein „Hundekocher“ beziehungsweise ein Mensch, der Hundefleisch zubereitet; ein historisches Kasten-Schimpfwort. Die diskriminierende Schlusswendung wird für eine vollständige Übersetzung offengelegt, aber nicht bejaht. Spirituelle Einsicht oder Menschenwürde sind nicht von Geburt und Kaste abhängig.
Unnummerierter Schluss: Die Überlieferungskette
ity āha bhagavān brahmāṇaṃ nārāyaṇaḥ | brahmā nāradasanakādibhyaḥ | sanakādayo vedavyāsāya | vedavyāsaḥ śukāya | śuko vāmadevāya | vāmadevo munibhyaḥ | munayo manubhyaḥ procuḥ ||
Übersetzung: So sprach der erhabene Nārāyaṇa zu Brahma. Brahma [gab es] an Nārada, Sanaka und die anderen; Sanaka und die anderen an Vedavyāsa; Vedavyāsa an Shuka; Shuka an Vāmadeva; Vāmadeva an die Weisen. Die Weisen verkündeten es den Menschen beziehungsweise den Manus.
Wort-für-Wort-Erläuterung: iti – so; āha – sprach; bhagavān – der Erhabene; brahmāṇam – zu Brahma; nārāyaṇaḥ – Nārāyaṇa; brahmā – Brahma; das Verb „gab/verkündete“ ist in den folgenden Gliedern elliptisch zu ergänzen; nārada-sanaka-ādibhyaḥ – an Nārada, Sanaka und die anderen; sanaka-ādayaḥ – Sanaka und die anderen; vedavyāsāya – an Vedavyāsa; vedavyāsaḥ – Vedavyāsa; śukāya – an Śuka; śukaḥ – Śuka; vāmadevāya – an Vāmadeva; vāmadevaḥ – Vāmadeva; munibhyaḥ – an die Weisen; munayaḥ – die Weisen; manubhyaḥ – an die Manus oder Menschen; procuḥ – sie verkündeten, sprachen weiter. Die Kette verleiht der Tulasi Upanishad eine idealtypische göttlich-weise Autorität; sie ist kein datierbarer historischer Überlieferungsnachweis.
Unnummerierter Schluss: Verheißung der Befreiung
ya evaṃ veda sa strīhatyāyāḥ pramucyate | sa vīrahatyāyāḥ pramucyate | sa brahmahatyāyāḥ pramucyate | sa mahābhayāt pramucyate | sa mahāduḥkhāt pramucyate | dehānte vaikuṇṭham avāpnoti vaikuṇṭham avāpnoti | ity upaniṣat ||
Übersetzung: Wer dies so erkennt, wird von [der Schuld] der Tötung einer Frau befreit; er wird von [der Schuld] der Tötung eines Helden befreit; er wird von [der Schuld] der Tötung eines Brahmanen befreit. Er wird von großer Furcht und von großem Leid frei. Am Ende des verkörperten Lebens erlangt er Vaikuntha, erlangt er Vaikuntha. So lautet die Upanishad.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yaḥ – wer; evam – so; veda – weiß, erkennt; saḥ – der; strī-hatyāyāḥ – von der Tötung einer Frau beziehungsweise deren Schuld; pramucyate – wird völlig befreit; saḥ – er; vīra-hatyāyāḥ – von der Tötung eines Helden oder Mannes; pramucyate – wird befreit; saḥ – er; brahma-hatyāyāḥ – von der Tötung eines Brahmanen; pramucyate – wird befreit; saḥ – er; mahā-bhayāt – aus großer Furcht; pramucyate – wird befreit; saḥ – er; mahā-duḥkhāt – aus großem Leid; pramucyate – wird befreit; deha-ante – am Ende des Körpers beziehungsweise des verkörperten Lebens; vaikuṇṭham – Vaikuntha, Vishnus göttliche Wohnstatt; avāpnoti – erlangt; die Wiederholung vaikuṇṭham avāpnoti bekräftigt die Verheißung; iti – so; upaniṣat – die Upanishad, die Geheimlehre. Die Sühneformeln sind religiöse Sprache radikaler Umkehr; sie ersetzen weder Verantwortung noch Schutz Betroffener, Wiedergutmachung und geltendes Recht.
Kolophon
iti tulasyupaniṣat samāptā ||
Übersetzung: Damit ist die Tulasi Upanishad beendet.
Wort-für-Wort-Erläuterung: iti – so, damit; tulasī-upaniṣat – die Tulasi Upanishad; in der Zusammenschreibung tulasyupaniṣat; samāptā – beendet, abgeschlossen.
Datierung und Überlieferung
Autor und Entstehungszeit der Tulasi Upanishad sind unbekannt. Sie gehört nicht zu den alten Haupt-Upanishaden und fehlt im Muktika-Kanon. Ihr ausgeprägter Vishnu-Kult, die Göttinnenverehrung, Vaikuntha als Heilsziel, die Ritualregeln für Tulasi sowie der mantra-rituelle Viniyoga mit Seher, Metrum, Gottheit, Bīja, Shakti und Kīlaka weisen auf eine späte sektarische Upanishad. Eine Einordnung in die spätmittelalterliche oder frühneuzeitliche vaishnavitische Religionsgeschichte ist plausibel, bleibt aber eine vorsichtige Schlussfolgerung; ein bestimmtes Jahrhundert lässt sich aus der knappen Überlieferung nicht sichern.
Die wichtigste gedruckte Grundlage ist die von C. Kunhan Raja und den Pandits der Adyar Library herausgegebene Sammlung Aprakāśitā Upaniṣadaḥ. Das Titelblatt des zugänglichen Digitalisats nennt 1933; einzelne elektronische Metadaten geben 1938 an. Im Band steht die Tulasi Upanishad in der Abteilung der vaishnavitischen Upanishaden auf den Druckseiten 70–72.
Der Sanskrittext ist nicht überall glatt. Elektronische Wiedergaben enthalten erkennbare OCR-Fehler wie vṛkṣatcaṃ statt vṛkṣatvaṃ, yadayre statt yadagre oder sāsrāṇi statt śāstrāṇi. Andere Varianten sind inhaltlich bedeutsamer: ghrāṇatarpaṇa („Erfreuen des Geruchssinns“) steht neben prāṇatarpaṇa, und eine Fassung verbietet die Berührung „nachts“, während die Adyar-nahe Überlieferung dvādaśyām („am zwölften Mondtag“) liest. Dieser Artikel gibt die jeweils begründete Lesart an, ohne die Varianten zu verschweigen.
Textgestalt und Name
Die Quelle zählt dreizehn Verse. Davor steht ein langer Prosarahmen mit Viniyoga, Wesensbeschreibung, Wirkungsverheißungen, Verhaltensregeln, Opferformeln und Gayatri; danach folgen Überlieferungskette, Phalashruti und Kolophon. Manche Internetseiten zählen diese Prosa künstlich als weitere „Verse“. Der vorliegende Artikel übernimmt diese nachträgliche Zählung nicht.
Die Tulasi Upanishad ist außerdem nicht mit dem verbreiteten elfversigen Tulasi Stotra zu verwechseln, das mit jagaddhātri namas tubhyaṃ beginnt. Beide Texte preisen Tulasi, besitzen aber unterschiedlichen Wortlaut und Aufbau.
Inhalt und Aufbau
1. Sakrale Identität der Pflanze
Der Eingang entfaltet Tulasi als dunkle, nektarhafte und unendliche Göttin. Rigveda, Yajurveda, Atharvan, Kalpa und Purana werden symbolisch in ihren Körper aufgenommen. Damit beansprucht der Text nicht botanische Beschreibung, sondern sakrale Totalität: Eine konkrete Pflanze wird als Trägerin der gesamten religiösen Überlieferung betrachtet.
2. Begegnung, Schutz und Pflege
Sehen, Berühren, Verehren, Umrunden, Riechen und Pflegen werden als reinigende Begegnungsweisen genannt. Zugleich verbietet die Tulasi Upanishad grundloses Abschneiden und begrenzt das Pflücken an heiligen Tagen. Das Verhältnis zur Pflanze ist daher nicht bloß konsumierend; Ehrfurcht zeigt sich in körperlicher Zurückhaltung.
3. Mantra und persönliche Anrufung
Auf drei Opferformeln folgt eine Tulasi-Gayatri. Die dreizehn Verse wechseln danach in die unmittelbare Du-Anrede. Der Beter bittet um Rettung aus Samsara, um Befreiung von Angst, Verfehlung und Leid und um Aufnahme in Vaikuntha.
4. Kosmischer Pflanzenkörper
Lakshmi wohnt im Schatten, Vishnu an der Wurzel; ringsum befinden sich Gottheiten und übermenschliche Wesen. Wurzel, Mitte und Spitze enthalten Pilgerorte, Brahma, Götter, Veden und Shastras. Die Pflanze wird zum lebendigen Kosmos, dessen Pflege zugleich Gottesdienst ist.
5. Vaishnavitische Ritualordnung
Die Verse 10–13 erklären Tulasi zum notwendigen Element von Shraddha, Vishnu-Puja, Japa und weiteren religiösen Handlungen. Solche absoluten Aussagen sind typische sektarische Lobformeln. Historisch zeigen sie die hohe Stellung der Tulasi-Mala und des Tulasi-Blattes im Vaishnavismus; sie liefern kein unparteiisches Urteil über andere hinduistische Traditionen.
6. Weitergabe und Phalashruti
Die Lehre wird von Nārāyaṇa über Brahma und eine Folge berühmter Weiser weitergegeben. Der Schluss verspricht Läuterung von schwerster Schuld, Freiheit von Furcht und Leid sowie Vaikuntha nach dem Tod. Wie andere Phalashrutis steigert diese Passage den Wert des Textwissens in feierlicher Sprache.
Bedeutung der Tulasi Upanishad
Bhakti wird leiblich und alltäglich
Die Tulasi Upanishad bindet Hingabe nicht nur an Tempel oder abstrakte Meditation. Sehen, Riechen, Berühren, Umrunden, Bewässern, Pflücken und das Gleiten einer Mala durch die Finger werden zu Formen von Bhakti. Das Heilige begegnet im täglichen Umgang mit einem Lebewesen.
Pflanze und Göttin
Tulasi ist zugleich natürliche Pflanze und personale Göttin. Vers 3 formuliert dieses Paradox ausdrücklich: Sie ist „Nicht-Baum“ und doch von Baumgestalt. Die sichtbare Pflanze erschöpft das Göttliche nicht, macht es aber ansprechbar. Diese Logik entspricht der Murti-Verehrung: Materielle Gestalt und transzendente Gegenwart schließen einander nicht aus.
Heilige Ökologie
Das Verbot, Tulasi grundlos abzuschneiden, ist kein modernes Umweltprogramm. Dennoch eröffnet es eine aktuelle religiöse Ökologie. Wer die Pflanze als Wohnort Vishnus und Lakshmis wahrnimmt, kann sie nicht beliebig zum Rohstoff reduzieren. Ehrfürchtige Nutzung setzt Pflege, Maß und Dankbarkeit voraus.
Die Unvergleichliche und ihr Gegenüber
Der Name Tulasī wird traditionell als „die Unvergleichliche“ verstanden. Vers 4 sagt, allein Hari könne ihr gleichgestellt werden. Das ist keine Unabhängigkeit von Vishnu, sondern eine Beziehung auf Augenhöhe innerhalb der poetischen Verehrung: Die Geliebte erhält ihre Würde nicht als austauschbares Ritualmittel, sondern als göttliches Gegenüber.
Grenzen der Lob- und Sühnesprache
Die schärfsten Verse erklären eine Puja ohne Tulasi für „asurisch“ und verwenden am Ende des dreizehnten Verses ein herabsetzendes Kastenwort. Historische Genauigkeit verlangt, dies zu übersetzen; spirituelle Redlichkeit verlangt, es nicht zu übernehmen. Ebenso dürfen Verheißungen der Befreiung von Tötungsschuld niemals als moralische oder juristische Straffreiheit gelesen werden.

Tulsi beziehungsweise Tulasi – erläutert von Sukadev Bretz
Bedeutung heute
Heute kann die Tulasi Upanishad als Schule konzentrierter Aufmerksamkeit gelesen werden. Eine Umrundung unterbricht den automatischen Zugriff; der Duft macht den Atem bewusst; eine Mala verbindet Körper, Klang und Erinnerung. Entscheidend ist nicht, der Pflanze magische Automatismen zuzuschreiben, sondern die Begegnung in eine verantwortliche spirituelle Haltung zu verwandeln.
Für Vishnu- und Krishna-Bhaktas vertieft der Text die traditionelle Tulasi-Puja. Ein Blatt wird nicht achtlos genommen, sondern mit Dankbarkeit und möglichst ohne Schädigung der Pflanze dargebracht. Wo Tulasi klimatisch nicht gedeiht oder nur durch ökologisch problematischen Transport verfügbar wäre, kann eine innere Darbringung, eine verantwortungsvoll gefertigte vorhandene Mala oder die Pflege lokaler Pflanzen die Grundhaltung verkörpern.
Gesundheitsbezogene Aussagen des Textes sollten von moderner medizinischer Beratung unterschieden werden. Tulasi wird in Küche und Ayurveda verwendet, kann aber Wechselwirkungen und individuelle Risiken haben. Die Upanishad ersetzt weder Diagnose noch Behandlung. Ihre bleibende Kraft liegt in Bhakti, Symbolik und Ethik der Fürsorge.
Vollständiger Devanagari-Text
अथ तुलस्युपनिषदं व्याख्यास्यामः । नारद ऋषिः । अथर्वाङ्गिराश्छन्दः ।
अमृता तुलसी देवता । सुधाबीजम् । वसुधा शक्तिः । नारायणः कीलकम् ॥
श्यामां श्यामवपुर्धरां ऋक्स्वरूपां यजुर्मनसं ब्रह्माथर्वप्राणां
कल्पहस्तां पुराणपठिताममृतोद्भवाममृतरसमञ्जरीमनन्ताम्
अनन्तरसभोगदां वैष्णवीं विष्णुवल्लभां मृत्युजन्मनिबर्हिणीम् ॥
दर्शनात्पापनाशिनीं स्पर्शनात्पावनीमभिवन्दनाद्रोगनाशिनीं
सेवनान्मृत्युनाशिनीं वैकुण्ठार्चनाद्विपद्धन्त्रीं भक्षणाद्वयुनप्रदां
प्रादक्षिण्याद्दारिद्र्यनाशिनीं मूलमृल्लेपनान्महापापभञ्जिनीं
घ्राणतर्पणादन्तर्मलनाशिनीं य एवं वेद स वैष्णवो भवति ॥
वृथा न छिन्द्यात् । दृष्ट्वा प्रदक्षिणं कुर्यात् । द्वादश्यां न स्पृशेत् ।
पर्वणि न विचिन्वेत् । यदि विचिन्वति स विष्णुहा भवति ॥
श्रीतुलस्यै स्वाहा । विष्णुप्रियायै स्वाहा । अमृतायै स्वाहा ॥
श्रीतुलस्यै विद्महे विष्णुप्रियायै धीमहि । तन्नो अमृता प्रचोदयात् ॥
अमृतेऽमृतरूपासि अमृतत्वप्रदायिनि ।
त्वं मामुद्धर संसारात्क्षीरसागरकन्यके ॥ १ ॥
श्रीसखि त्वं सदानन्दे मुकुन्दस्य सदा प्रिये ।
वरदाभयहस्ताभ्यां मां विलोकय दुर्लभे ॥ २ ॥
अवृक्षवृक्षरूपासि वृक्षत्वं मे विनाशय ।
तुलस्यतुलरूपासि तुलाकोटिनिभेऽजरे ॥ ३ ॥
अतुले त्वत्तुलायां हि हरिरेकोऽस्ति नान्यथा ।
त्वमेव जगतां धात्री त्वमेव विष्णुवल्लभा ॥ ४ ॥
त्वमेव सुरसंसेव्या त्वमेव मोक्षदायिनी ।
त्वच्छायायां वसेल्लक्ष्मीस्त्वन्मूले विष्णुरव्ययः ।
समन्ताद्देवताः सर्वाः सिद्धचारणपन्नगाः ॥ ५ ॥
यन्मूले सर्वतीर्थानि यन्मध्ये ब्रह्म देवताः ।
यदग्रे वेदशास्त्राणि तुलसीं तां नमाम्यहम् ॥ ६ ॥
तुलसि श्रीसखि शुभे पापहारिणि पुण्यदे ।
नमस्ते नारदनुते नारायणमनःप्रिये ॥ ७ ॥
ब्रह्मानन्दाश्रुसञ्जाते वृन्दावननिवासिनि ।
सर्वावयवसम्पूर्णे अमृतोपनिषद्रसे ॥ ८ ॥
त्वं मामुद्धर कल्याणि महापापाब्धिदुस्तरात् ।
सर्वेषामपि पापानां प्रायश्चित्तं त्वमेव हि ।
देवानां च ऋषीणां च पितॄणां त्वं सदा प्रिया ॥ ९ ॥
विना श्रीतुलसीं विप्रा येऽपि श्राद्धं प्रकुर्वते ।
वृथा भवति तच्छ्राद्धं पितॄणां नोपगच्छति ॥ १० ॥
तुलसीपत्रमुत्सृज्य यदि पूजां करोति वै ।
आसुरी सा भवेत्पूजा विष्णुप्रीतिकरी न च ॥ ११ ॥
यज्ञं दानं जपं तीर्थं श्राद्धं वै देवतार्चनम् ।
तर्पणं मार्जनं चान्यन्न कुर्यात्तुलसीं विना ॥ १२ ॥
तुलसीदारुमणिभिर्जपः सर्वार्थसाधकः ।
एवं न वेद यः कश्चित्स विप्रः श्वपचाधमः ॥ १३ ॥
इत्याह भगवान् ब्रह्माणं नारायणः । ब्रह्मा नारदसनकादिभ्यः ।
सनकादयो वेदव्यासाय । वेदव्यासः शुकाय । शुको वामदेवाय ।
वामदेवो मुनिभ्यः । मुनयो मनुभ्यः प्रोचुः ॥
य एवं वेद स स्त्रीहत्यायाः प्रमुच्यते । स वीरहत्यायाः प्रमुच्यते ।
स ब्रह्महत्यायाः प्रमुच्यते । स महाभयात्प्रमुच्यते ।
स महादुःखात्प्रमुच्यते । देहान्ते वैकुण्ठमवाप्नोति
वैकुण्ठमवाप्नोति । इत्युपनिषत् ॥
इति तुलस्युपनिषत् समाप्ता ॥
Vollständiger IAST-Text
atha tulasyupaniṣadaṃ vyākhyāsyāmaḥ | nārada ṛṣiḥ | atharvāṅgirāś chandaḥ |
amṛtā tulasī devatā | sudhābījam | vasudhā śaktiḥ | nārāyaṇaḥ kīlakam ||
śyāmāṃ śyāmavapurdharāṃ ṛksvarūpāṃ yajurmanasaṃ brahmātharvaprāṇāṃ
kalpahastāṃ purāṇapaṭhitām amṛtodbhavām amṛtarasamañjarīm anantām
anantarasabhogadāṃ vaiṣṇavīṃ viṣṇuvallabhāṃ mṛtyujanmanibarhiṇīm ||
darśanāt pāpanāśinīṃ sparśanāt pāvanīm abhivandanād roganāśinīṃ
sevanān mṛtyunāśinīṃ vaikuṇṭhārcanād vipaddhantrīṃ bhakṣaṇād vayunapradāṃ
prādakṣiṇyād dāridryanāśinīṃ mūlamṛllepanān mahāpāpabhañjinīṃ
ghrāṇatarpaṇād antarmalanāśinīṃ ya evaṃ veda sa vaiṣṇavo bhavati ||
vṛthā na chindyāt | dṛṣṭvā pradakṣiṇaṃ kuryāt | dvādaśyāṃ na spṛśet |
parvaṇi na vicinvet | yadi vicinvati sa viṣṇuhā bhavati ||
śrītulasyai svāhā | viṣṇupriyāyai svāhā | amṛtāyai svāhā ||
śrītulasyai vidmahe viṣṇupriyāyai dhīmahi | tan no amṛtā pracodayāt ||
amṛte 'mṛtarūpāsi amṛtatvapradāyini |
tvaṃ mām uddhara saṃsārāt kṣīrasāgarakanyake || 1 ||
śrīsakhi tvaṃ sadānande mukundasya sadā priye |
varadābhayahastābhyāṃ māṃ vilokaya durlabhe || 2 ||
avṛkṣavṛkṣarūpāsi vṛkṣatvaṃ me vināśaya |
tulasy atularūpāsi tulākoṭinibhe 'jare || 3 ||
atule tvattulāyāṃ hi harir eko 'sti nānyathā |
tvam eva jagatāṃ dhātrī tvam eva viṣṇuvallabhā || 4 ||
tvam eva surasaṃsevyā tvam eva mokṣadāyinī |
tvacchāyāyāṃ vasel lakṣmīs tvanmūle viṣṇur avyayaḥ |
samantād devatāḥ sarvāḥ siddhacāraṇapannagāḥ || 5 ||
yanmūle sarvatīrthāni yanmadhye brahma devatāḥ |
yadagre vedaśāstrāṇi tulasīṃ tāṃ namāmy aham || 6 ||
tulasi śrīsakhi śubhe pāpahāriṇi puṇyade |
namas te nāradanute nārāyaṇamanaḥpriye || 7 ||
brahmānandāśrusaṃjāte vṛndāvananivāsini |
sarvāvayavasampūrṇe amṛtopaniṣadrase || 8 ||
tvaṃ mām uddhara kalyāṇi mahāpāpābdhidustarāt |
sarveṣām api pāpānāṃ prāyaścittaṃ tvam eva hi |
devānāṃ ca ṛṣīṇāṃ ca pitṝṇāṃ tvaṃ sadā priyā || 9 ||
vinā śrītulasīṃ viprā ye 'pi śrāddhaṃ prakurvate |
vṛthā bhavati tac chrāddhaṃ pitṝṇāṃ nopagacchati || 10 ||
tulasīpatram utsṛjya yadi pūjāṃ karoti vai |
āsurī sā bhavet pūjā viṣṇuprītikarī na ca || 11 ||
yajñaṃ dānaṃ japaṃ tīrthaṃ śrāddhaṃ vai devatārcanam |
tarpaṇaṃ mārjanaṃ cānyan na kuryāt tulasīṃ vinā || 12 ||
tulasīdārumaṇibhir japaḥ sarvārthasādhakaḥ |
evaṃ na veda yaḥ kaścit sa vipraḥ śvapacādhamaḥ || 13 ||
ity āha bhagavān brahmāṇaṃ nārāyaṇaḥ | brahmā nāradasanakādibhyaḥ |
sanakādayo vedavyāsāya | vedavyāsaḥ śukāya | śuko vāmadevāya |
vāmadevo munibhyaḥ | munayo manubhyaḥ procuḥ ||
ya evaṃ veda sa strīhatyāyāḥ pramucyate | sa vīrahatyāyāḥ pramucyate |
sa brahmahatyāyāḥ pramucyate | sa mahābhayāt pramucyate |
sa mahāduḥkhāt pramucyate | dehānte vaikuṇṭham avāpnoti
vaikuṇṭham avāpnoti | ity upaniṣat ||
iti tulasyupaniṣat samāptā ||
Vollständige deutsche Übersetzung
Nun wollen wir die Tulasi Upanishad erklären. Nārada ist der Seher; Atharvāṅgiras ist die Vers- beziehungsweise Rezitationsform; die unsterbliche Tulasi ist die Gottheit; Nektar ist der Keim, die Erde ist die Kraft und Nārāyaṇa der „Keil“ beziehungsweise die bindende Schlüsselkraft.
Man vergegenwärtige die Dunkle, die eine dunkle Gestalt trägt, deren Wesen der Rigveda, deren Geist der Yajurveda und deren Lebensatem Brahma-Atharvan ist, deren Hände die Rituallehre sind, die in den Puranas gepriesen wird, die aus Nektar hervorgegangen und eine Blütentraube voll Nektarsaft ist, die Unendliche, die den Genuss unendlicher Essenz schenkt, die Vaishnavi, Vishnus Geliebte, die Tod und Geburt vertreibt.
Durch Anschauen vernichtet sie Verfehlung, durch Berührung reinigt sie, durch ehrfürchtige Begrüßung vertreibt sie Krankheit, durch Dienst an ihr überwindet sie den Tod, durch Vaikuntha- beziehungsweise Vishnu-Verehrung mit Tulasi beseitigt sie Not, durch Verzehr schenkt sie Einsicht, durch Umrundung vertreibt sie Armut, durch Bestreichen mit Erde von ihrer Wurzel bricht sie schwere Verfehlung, und durch das Erfreuen des Geruchssinns beseitigt sie innere Unreinheit. Wer dies so weiß, wird ein Vaishnava.
Man soll sie nicht grundlos abschneiden. Wenn man sie sieht, soll man sie ehrfürchtig umrunden. Am zwölften Mondtag soll man sie nicht berühren; an einem heiligen Fest- oder Übergangstag soll man sie nicht pflücken. Wenn jemand dann pflückt, wird er zu einem, der sich an Vishnu vergeht.
Der ehrwürdigen Tulasi sei die Opfergabe! Der Geliebten Vishnus sei die Opfergabe! Der Unsterblichen sei die Opfergabe!
Wir wollen die ehrwürdige Tulasi erkennen; über Vishnus Geliebte wollen wir meditieren. Möge jene Unsterbliche unser Denken anregen.
O Unsterbliche, du bist von unsterblicher Gestalt und schenkst Unsterblichkeit. Erhebe mich aus dem Samsara, du Tochter des Milchozeans.
Du Gefährtin Shris, du immer Wonnevolle, dem Mukunda stets Liebe: Blicke mich mit deinen Händen des Segens und der Furchtlosigkeit an, du schwer zu Erlangende.
Du bist Nicht-Baum und von Baumgestalt; vernichte mein Baum-Sein. Tulasi, du bist von unvergleichlicher Gestalt, du einer Vielzahl von Maßstäben Vergleichbare, du Alterslose. Die beiden Wendungen um „Baum-Sein“ und „Maßstäbe“ sind im Sanskrit nicht sicher zu deuten.
Unvergleichliche, im Vergleich mit dir ist allein Hari dir ebenbürtig, niemand sonst. Du allein bist die Trägerin der Welten; du allein bist Vishnus Geliebte.
Du allein wirst von den Göttern verehrt; du allein schenkst Befreiung. In deinem Schatten wohnt Lakshmi, an deiner Wurzel der unvergängliche Vishnu. Ringsum weilen alle Gottheiten, Siddhas, Charanas und Schlangengeister.
An deren Wurzel alle heiligen Pilgerorte, in deren Mitte Brahma und die Gottheiten und an deren Spitze die Veden und Lehrschriften sind – vor dieser Tulasi verneige ich mich.
Tulasi, Gefährtin Shris, Glückverheißende, du nimmst Verfehlung hinweg und schenkst heilsames Verdienst. Verehrung sei dir, die Nārada preist, du dem Herzen Nārāyaṇas Liebe.
Du aus Brahmas Freudentränen Entstandene, du Bewohnerin Vrindavans, in allen Gliedern Vollkommene, du Essenz der Nektar-Upanishad.
Erhebe mich, Glückverheißende, aus dem schwer zu überquerenden Ozean schwerer Verfehlung. Denn du allein bist die Sühne für alle Verfehlungen. Den Göttern, den Rishis und den Ahnen bist du stets lieb.
Jene Brahmanen, die ein Shraddha ohne die ehrwürdige Tulasi vollziehen, tun es vergeblich: Dieses Ahnenopfer bleibt ohne seine beabsichtigte Frucht und erreicht die Ahnen nicht.
Wenn jemand das Tulasi-Blatt beiseitelässt und dennoch die Puja vollzieht, dann gilt diese Verehrung in der Sprache dieses Textes als dämonisch und erfreut Vishnu nicht.
Opfer, Gabe, Japa, Pilgerfahrt, Shraddha, Verehrung einer Gottheit, Ahnenlabung, rituelle Reinigung und anderes soll man, so der Text, nicht ohne Tulasi vollziehen.
Japa mit Perlen aus Tulasi-Holz verwirklicht alle Ziele. Ein Brahmane, der dies nicht weiß, sei – so die scharfe Polemik des Textes – niedriger als ein „Hundekocher“. Diese historische Kastenbeleidigung wird übersetzt, aber nicht bejaht.
So sprach der erhabene Nārāyaṇa zu Brahma. Brahma gab es an Nārada, Sanaka und die anderen; Sanaka und die anderen an Vedavyāsa; Vedavyāsa an Shuka; Shuka an Vāmadeva; Vāmadeva an die Weisen. Die Weisen verkündeten es den Menschen beziehungsweise den Manus.
Wer dies so erkennt, wird von der Schuld der Tötung einer Frau befreit; er wird von der Schuld der Tötung eines Helden befreit; er wird von der Schuld der Tötung eines Brahmanen befreit. Er wird von großer Furcht und von großem Leid frei. Am Ende des verkörperten Lebens erlangt er Vaikuntha, erlangt er Vaikuntha. So lautet die Upanishad. Die traditionellen Sühneverheißungen heben Verantwortung, Wiedergutmachung und geltendes Recht nicht auf.
Damit ist die Tulasi Upanishad beendet.
Empfehlungen für ernsthafte spirituelle Aspiranten
- Begegne der Pflanze vor jeder Nutzung: Halte vor dem Pflücken einen Moment inne, verneige dich oder umrunde die Tulasi. Nimm nur wenige gesunde Blätter, wenn dies zur eigenen Tradition gehört, und beschädige die Pflanze nicht grundlos.
- Verbinde Tulasi-Gayatri und Japa: Rezitiere die Gayatri der Tulasi Upanishad zunächst langsam und mit Verständnis. Anschließend kann eine Runde deines vertrauten Vishnu-, Rama- oder Krishna-Mantras auf einer verantwortungsvoll hergestellten Tulasi-Mala folgen.
- Pflege statt nur zu entnehmen: Gib Wasser nach dem tatsächlichen Bedarf der Pflanze, sorge für Licht, Wärme und geeignete Erde. Wenn Tulasi an deinem Ort nicht nachhaltig gedeiht, unterstütze eine lokale Pflanzung oder übertrage die Haltung achtsamer Fürsorge auf eine heimische Pflanze.
- Lies Lobformeln kontextbewusst: Absolute Aussagen über Rituale, Sühne und Kaste gehören zur historischen Stimme dieses Textes. Übernimm ihre Hingabe, ohne andere Wege abzuwerten oder diskriminierende Hierarchien fortzuführen.
- Mache Umkehr konkret: Wenn dich die Verheißungen der Reinigung ansprechen, verbinde Gebet mit Wahrhaftigkeit, Schutz Betroffener, Entschuldigung, Wiedergutmachung und dauerhaft verändertem Verhalten.
Siehe auch
- Tulsi
- Tulasi
- Vishnu
- Narayana
- Lakshmi
- Krishna
- Vrindavan
- Vaikuntha
- Vaishnavismus
- Bhakti Yoga
- Puja
- Japa
- Japa Mala
- Gayatri
- Pradakshina
- Shraddha
- Phalashruti
- Ayurveda
- Muktika Upanishad
Literatur und Quellen
- C. Kunhan Raja und die Pandits der Adyar Library (Hrsg.): Aprakāśitā Upaniṣadaḥ. The Adyar Library, Adyar 1933, S. 70–72: Tulasyupaniṣat.
- Friedrich Otto Schrader: A Descriptive Catalogue of the Sanskrit Manuscripts in the Adyar Library. Volume I: Upaniṣads. The Adyar Library, Adyar 1912.
- Swami Sivananda: Lord Krishna and His Lilas. Divine Life Society, Rishikesh. Zum religiösen Umfeld der Krishna- und Vishnu-Bhakti.
- Klaus K. Klostermaier: A Survey of Hinduism. State University of New York Press, Albany. Zum Vaishnavismus und zur hinduistischen Ritual- und Bhakti-Tradition.
Weblinks
- Aprakāśitā Upaniṣadaḥ – Digitalisat der Adyar-Ausgabe
- Tulasi Upanishad – Devanagari-Text bei Sanskritdocuments
- Tulasi Upanishad – elektronischer Sanskrittext und Quellenhinweise bei Ambuda
- Tulasi Upanishad – Adyar-nahe elektronische Fassung bei Vishvasa
- Tulsi im Yoga Wiki
- Bhakti Yoga Seminare bei Yoga Vidya
- Meditation bei Yoga Vidya
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Lerne, Harmonium zu spielen! Wenn vorhanden, bitte eigenes Harmonium mitbringen. Keine Vorkenntnisse nötig.- Nora Aouda
Die Tulasi Upanishad macht aus einer alltäglichen Pflanze einen Ort der Begegnung mit dem Göttlichen. Ihre kultischen Übertreibungen und historischen Wertungen bedürfen kritischer Einordnung; ihre achtsamere Grundbewegung bleibt jedoch klar: sehen, ehren, pflegen, maßvoll nehmen und die äußere Gabe mit innerer Umkehr verbinden. So kann die Tulasi Upanishad bis zum Schluss Bhakti, Svadhyaya und verantwortliche Fürsorge zusammenführen.