Periya Tiruvantati

Aus Yogawiki

Periya Tiruvantati (Tamil: பெரிய திருவந்தாதி, Periya Tiruvantāti), „Die große heilige Antati“, ist ein tamilisches Hymnenwerk des großen Dichterheiligen Nammalvar. Es umfasst 87 Verse und ist Teil des Nalayira Divya Prabandham, der „Viertausend göttlichen Verse“ der zwölf Alvars. Die Tradition sieht in ihm die Essenz des Atharvaveda.

Das Werk ist in der Form der Antati geschrieben: Das letzte Wort jedes Verses ist zugleich das erste des nächsten, sodass die Verse wie eine Girlande ineinandergreifen. Obwohl es mit 87 Versen kürzer ist als die anderen Tiruvantatis, etwa die je hundert Verse der ersten drei Alvars, trägt es den Beinamen Periya, „groß“. Die Tradition erklärt dies mit seinem Inhalt: In einem berühmten Vers fragt Nammalvar Gott, wer von ihnen beiden eigentlich größer sei, Gott, der die ganze Welt in sich trägt, oder der Verehrer, der Gott in seinem Herzen trägt.

Die Periya Tiruvantati ist ein Werk voller Innigkeit, Sehnsucht und Vertrauen. Sie spricht von der menschlichen Schwäche, von der Gnade Gottes und von der beglückenden Gewissheit, dass das Göttliche im eigenen Herzen wohnt. Damit ist sie auch für heutige Yoga-Übende eine Quelle der Inspiration.

Das Wichtigste auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Periya Tiruvantati
Tamil பெரிய திருவந்தாதி
Bedeutung „Die große heilige Antati“
Verfasser Nammalvar
Umfang 87 Verse
Form Antati (Kettengedicht) im Versmaß Venba
Sammlung Nalayira Divya Prabandham, dritter Teil (Iyarpa), Verse 2585–2671
Entspricht nach der Tradition Dem Atharvaveda
Zeit Nammalvar wird meist ins 8./9. Jahrhundert datiert

Nammalvar und seine vier Werke

Nammalvar („Unser Alvar“) gilt als der bedeutendste der zwölf Alvars. Nach der Legende saß er als Kind schweigend sechzehn Jahre unter einem Tamarindenbaum in Alvar Tirunagari in Tamil Nadu, bis sein späterer Schüler Madhurakavi Alvar zu ihm kam und ihn mit einer Frage zum Sprechen brachte. Von ihm stammen vier Werke, die die Tradition mit den vier Veden gleichsetzt:

Werk Verse Entspricht nach der Tradition
Tiruviruttam 100 Rigveda
Tiruvasiriyam 7 Yajurveda
Periya Tiruvantati 87 Atharvaveda
Tiruvaymoli 1102 Samaveda

Wegen dieser Gleichsetzung werden die Werke Nammalvars auch als „tamilischer Veda“ bezeichnet. Die drei kürzeren Werke gehören zum dritten Teil des Nalayira Divya Prabandham, dem Iyarpa; die Tiruvaymoli bildet einen eigenen Teil.

Warum heißt sie „groß“?

Die Frage, warum dieses kurze Werk „groß“ genannt wird, hat die Kommentatoren der Tradition beschäftigt. Sie geben mehrere Antworten:

  • Der Vers von der Größe: Im 75. Vers fragt Nammalvar Gott, wer von ihnen beiden größer sei (siehe unten). Weil der Alvar sich hier selbst „groß“ nennt, heißt das Werk Periya. Nammalvar trägt in seinem Geburtsort Alvar Tirunagari deshalb auch den Beinamen Periyan, „der Große“.
  • Die Süße: Die Lehrer der Tradition sagen, das Werk sei zwar kürzer als andere, aber von großer Süße in Worten und Bedeutung.
  • Die Lehre: Das Werk gilt als Ausdruck des Charama Shloka, des Verses der Bhagavad Gita, in dem Krishna sagt: „Gib alle Pflichten auf und nimm Zuflucht zu mir allein; ich werde dich von allen Sünden befreien“ (Gita 18.66). Diese Lehre der vollständigen Hingabe gilt in der Shrivaishnava-Tradition als die größte aller Lehren.[1]

Der Vers von der Größe

Der berühmteste Vers des Werkes ist der 75.:

புவியும் இருவிசும்பும் நின்னகத்த நீயென்
செவியின் வழிபுகுந்து என்னுள்ளாய் அவிவின்றி
யான்பெரியன் நீபெரியை என்பதனை யாரறிவார்
ஊன்பருகு நேமியாய் உள்ளு.
Puviyum iruvicumpum niṉṉakatta nīyeṉ
ceviyiṉ vaḻipukuntu eṉṉuḷḷāy aviviṉṟi
yāṉ periyaṉ nī periyai eṉpataṉai yār aṟivār
ūṉparuku nēmiyāy uḷḷu.

Die Erde und der weite Himmel sind in dir.
Du aber bist durch mein Ohr eingetreten und wohnst in mir, ohne zu weichen.
Wer weiß nun, ob ich der Größere bin oder du?
Bedenke es, du Träger des Diskus.

Eigene Übersetzung.[2]

Der Gedanke ist von überraschender Kühnheit: Gott umfasst das ganze Universum. Aber durch das Hören von seinem Namen und seinen Eigenschaften (durch mein Ohr) ist er in das Herz des Verehrers eingezogen und wohnt dort. Wenn das Herz des Verehrers Gott umfasst, der das ganze Universum umfasst, wer ist dann größer?

Dieser Vers ist kein Ausdruck von Stolz, sondern von staunender Freude über die Gnade Gottes, der sich vom Herzen eines Menschen umfangen lässt. Er erinnert an die Aussage der Upanishaden, dass das Selbst, das im Herzen wohnt, kleiner als ein Reiskorn und größer als alle Welten ist.

Inhalt und Themen

Menschliche Schwäche

Die Periya Tiruvantati beginnt mit einem ehrlichen Eingeständnis. Im dritten Vers sagt der Alvar sinngemäß: Ich weiß, welche Taten gut und welche schlecht sind, aber ich habe nicht die Kraft, mich selbst zu beherrschen. O Herr, was soll ich tun? Diese Ehrlichkeit über die eigene Schwäche öffnet den Weg zur Gnade.

Die Bitte um Gnade

Immer wieder wendet sich der Alvar an Vishnu mit der Bitte, ihm trotz seiner Fehler gnädig zu sein. Er vertraut darauf, dass Gott nicht nach den Verdiensten des Menschen urteilt, sondern aus Liebe hilft.

Krishna

Viele Verse besingen Krishna, seine Taten und seine Schönheit. Die Shrivaishnava-Tradition sieht in der Periya Tiruvantati besonders die Verherrlichung der Krishna-Herabkunft. Der Alvar beschreibt Krishna als den, der unter den Hirtinnen lebte, der die Feinde besiegte und der zugleich der Herr des Universums ist.

Das Herz als Wohnung Gottes

Ein durchgehendes Thema ist die Gegenwart Gottes im eigenen Herzen. Der Alvar spricht oft zu seinem Herzen (Nenje, „o mein Herz“) und ermahnt es, Gott nicht zu vergessen.

Der Abschluss

Der letzte, 87. Vers fasst die Botschaft zusammen: Das Herz soll den Träger des Diskus jetzt und immer preisen, dann wird er das Karma beseitigen; es soll stets seine geschmückten Füße preisen. Das Ende ist eine Aufforderung zur beständigen Erinnerung an Gott.

Symbolbild: Gott, der im Herzen des Verehrers wohnt.

Die Form: Antati und Venba

Die Antati ist eine besondere Form der tamilischen Dichtung. Das Wort bedeutet „Ende–Anfang“: Das Ende jedes Verses wird zum Anfang des nächsten, und der letzte Vers kehrt zum ersten zurück. So entsteht ein geschlossener Kreis, der mit einer Blumengirlande verglichen wird, die man Gott darbringt.

Die Verse sind im Versmaß Venba geschrieben, einem der strengsten und angesehensten Versmaße der tamilischen Dichtung, das auch im Tirukkural verwendet wird.

Dieselbe Form verwendeten schon die drei ersten Alvars in ihren Werken Mudhal Tiruvantati, Irandam Tiruvantati und Munram Tiruvantati, ebenso Tirumazhisai Alvar in seiner Nanmukan Tiruvantati. Auch in der shivaitischen Tradition wurde die Form gepflegt, etwa von Karaikkal Ammaiyar.

Bedeutung

In der Shrivaishnava-Tradition

Die Periya Tiruvantati wird in den Vishnu-Tempeln Südindiens rezitiert und von den Lehrern der Tradition ausführlich kommentiert. Sie gilt als Teil des „tamilischen Veda“ und wird ebenso geehrt wie die Sanskrit-Veden.

Für die Bhakti

Das Werk zeigt die Grundhaltung der Bhakti: ehrliches Eingeständnis der eigenen Schwäche, Vertrauen auf die Gnade Gottes und die innige Gewissheit seiner Gegenwart im Herzen.

Für die tamilische Dichtung

Durch seine kunstvolle Form und seine Bildkraft gehört das Werk zu den Meisterwerken der tamilischen religiösen Dichtung.

Bedeutung für Yoga-Übende

  • Gott im Herzen: Der Vers von der Größe ist eine wunderbare Meditation über die Gegenwart des Göttlichen im eigenen Herzen. Er verbindet Bhakti Yoga mit der Einsicht des Jnana Yoga, dass das Unendliche im Inneren wohnt.
  • Ehrlichkeit über die eigenen Schwächen: Der dritte Vers ermutigt, die eigenen Grenzen ehrlich anzuerkennen und nicht allein auf die eigene Kraft zu bauen.
  • Hingabe: Die Lehre der vollständigen Zuflucht zu Gott entspricht Ishvarapranidhana, der Hingabe an Gott, die Patanjali im Yogasutra als Weg zur Versenkung nennt.
  • Hören als Weg: Gott ist nach dem Vers „durch das Ohr“ ins Herz eingezogen. Das erinnert an Shravana, das Hören der Lehre, und an Kirtan und Satsang, das Hören und Singen der göttlichen Namen.
  • Beständige Erinnerung: Der letzte Vers fordert auf, Gott jetzt und immer zu preisen. Das ist der Kern der Mantra-Praxis, des Japa.

Beziehungen zu anderen Werken und Persönlichkeiten

Nammalvar ist der Verfasser. Seine anderen Werke sind Tiruviruttam, Tiruvasiriyam und Tiruvaymoli. Madhurakavi Alvar war sein Schüler und besang ihn im Kanninun Siruttambu. Nathamuni sammelte die Verse im Nalayira Divya Prabandham. Die Mudhal Tiruvantati, Irandam Tiruvantati und Munram Tiruvantati der ersten drei Alvars sind die älteren Vorbilder der Antati-Form. Ramanuja und die Lehrer der Shrivaishnava-Tradition stützten sich auf Nammalvars Werke als Grundlage ihrer Philosophie.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die Meditation der Größe: Setze dich still hin und betrachte den Gedanken: Das Göttliche, das das ganze Universum umfasst, wohnt in meinem Herzen. Verweile in der Meditation in dem Staunen, das dieser Gedanke auslöst.
  • Ehrliches Gebet: Sprich wie Nammalvar ehrlich mit Gott über deine Schwächen und bitte um Kraft.
  • Zum Herzen sprechen: Sprich, wie der Alvar, innerlich zu deinem eigenen Herzen und ermutige es, das Göttliche nicht zu vergessen.
  • Eine Girlande aus Gedanken: Verbinde in deiner Yogapraxis die Übungen wie eine Girlande: Lass das Ende jeder Übung zum bewussten Beginn der nächsten werden.

Wer ist größer?

Die Periya Tiruvantati ist klein an Umfang, aber groß an Innigkeit. Ihre Frage „Wer ist größer, du oder ich?“ ist keine Anmaßung, sondern das staunende Bekenntnis eines Menschen, der erfahren hat, dass das Unendliche in seinem Herzen wohnt. Darin liegt ihre bleibende Einladung: das Göttliche nicht nur in der Weite des Kosmos zu suchen, sondern im eigenen Herzen zu finden.

Siehe auch

Quellen und Weblinks

Seminare

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