Raurava Agama: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Datei:Sahasrara-Chakra-sharada.jpg|thumb|Der Scheitel ist im Raurava Agama ein wichtiger Ort der Ishana-Dharana und des Aufstiegs des Bewusstseins.]]
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== Sanskrittext des Vidyāpāda mit deutscher Abschnittsübersetzung ==
== Sanskrittext des Vidyāpāda mit vollständiger deutscher Vers-für-Vers-Übersetzung ==
Die folgende Lesefassung gibt alle 314 nummerierten Verse des hier erschlossenen zehn Kapitel umfassenden ''Rauravasūtrasaṃgraha'' in IAST wieder. Die deutsche Übersetzung ist abschnittsweise zusammenhängend formuliert. Sie orientiert sich am Sanskrit und an der Erläuterung von S. P. Sabharathnam Sivacharyar, ist aber bewusst eine gut lesbare Yoga-Vidya-Übersetzung und keine neue kritische Edition. Offensichtliche typographische Eigenheiten der zugänglichen Romanisierung wurden sparsam normalisiert; strittige Einzellesungen werden nicht spekulativ rekonstruiert.
Die folgende Lesefassung gibt alle 314 nummerierten Verse des hier erschlossenen zehn Kapitel umfassenden ''Rauravasūtrasaṃgraha'' in IAST wieder. '''Jeder nummerierte Sanskritvers wird unmittelbar vollständig ins Deutsche übersetzt.''' Die Übersetzung orientiert sich am Sanskrit sowie zur Kontrolle an der englischen Erläuterung von S. P. Sabharathnam Sivacharyar. Sie ist bewusst gut lesbar und spirituell verständlich formuliert, ohne den Inhalt zu bloßen Zusammenfassungen zu verkürzen. Wo ein Satz syntaktisch über zwei Versnummern hinweg läuft, bleibt auch die deutsche Übersetzung entsprechend anschlussfähig. Offensichtliche typographische Eigenheiten der zugänglichen Romanisierung wurden nur sparsam normalisiert; strittige Einzellesungen werden nicht spekulativ rekonstruiert.




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'''1.1''' śivavidyātma vijñāna tattvādi śikharānvitam |<br>bhānumantam ivābhāntam bhābhirapratimaujasam ||
'''1.1''' śivavidyātma vijñāna tattvādi śikharānvitam |<br>bhānumantam ivābhāntam bhābhirapratimaujasam ||
'''Übersetzung:''' Ruru, dessen Scheitel gleichsam mit den höchsten Gipfeln der Erkenntnis von Shiva, Vidya und Atman geschmückt war, leuchtete wie die Sonne und strahlte in unvergleichlicher Herrlichkeit.


'''1.2''' tejorāśim mahāprājñam rurum munivarottamam |<br>prasanna manasam śāntam śivajñānaika kāraṇam ||
'''1.2''' tejorāśim mahāprājñam rurum munivarottamam |<br>prasanna manasam śāntam śivajñānaika kāraṇam ||
'''Übersetzung:''' Er war eine Fülle von Licht, von höchster Weisheit, der vortrefflichste unter den Weisen, mit klarem, friedvollem Geist und ganz in der Erkenntnis Shivas gegründet.


'''1.3''' bhargavāṅgirasātreya paulastyāḥ samaricayaḥ |<br>papracchur vinayānamrā ṛṣayo hṛṣitananaḥ ||
'''1.3''' bhargavāṅgirasātreya paulastyāḥ samaricayaḥ |<br>papracchur vinayānamrā ṛṣayo hṛṣitananaḥ ||
'''Übersetzung:''' Die Weisen Bhargava, Angirasa, Atreya und Paulastya kamen zusammen mit Marichi zu ihm; freudig und in Demut verneigt richteten sie ihre Frage an ihn.


'''1.4''' bhagavacchiva vidyātma tattva vijñāna vāridhe |<br>yāgasaṃskāra yogāṃśca vidhivat prabravīhi naḥ ||
'''1.4''' bhagavacchiva vidyātma tattva vijñāna vāridhe |<br>yāgasaṃskāra yogāṃśca vidhivat prabravīhi naḥ ||
'''Übersetzung:''' O Ehrwürdiger, du Ozean der Erkenntnis über Shiva, Vidya, Atman und die Tattvas: Lehre uns bitte in rechter Ordnung die Opfer, die heiligen Weihen und die Wege des Yoga.


'''1.5''' sa mantrapūtān saṃspṛśya puśpa pūrṇojjvalāñjalīn |<br>harṣādudgata romāñcaḥ prāha vākhyam idam ruruḥ ||
'''1.5''' sa mantrapūtān saṃspṛśya puśpa pūrṇojjvalāñjalīn |<br>harṣādudgata romāñcaḥ prāha vākhyam idam ruruḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Ruru berührte die mit Mantra gereinigten und mit Blumen gefüllten, leuchtenden Hände; von Freude erschauernd sprach er darauf diese Worte.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Ruru wird als höchster der Weisen beschrieben: strahlend, von Shiva-Erkenntnis erfüllt, friedvoll und gesammelt. Bhargava, Angirasa, Atreya, Paulastya und Marichi treten ehrfürchtig zu ihm und bitten um eine geordnete Darlegung von Tattva-Lehre, Opfer, Weihen und Yoga. Ruru nimmt gereinigte Blumen, richtet sich innerlich auf Shiva aus und beginnt mit einer Anrufung.
 


''' Verse 1.6–1.10 '''
''' Verse 1.6–1.10 '''


'''1.6''' suradhipam namaskṛtya śaśāṅka kṛta śekharam |<br>kapāla mālinam devam praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.6''' suradhipam namaskṛtya śaśāṅka kṛta śekharam |<br>kapāla mālinam devam praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Nachdem ich mich vor dem Herrn der Götter verneigt habe, dessen Haupt die Mondsichel schmückt, vor dem Gott mit der Schädelgirlande, verbeuge ich mich vor Sadashiva.


'''1.7''' kāleśvaram mahākālam kālañjara nivāsinam |<br>kālakṛt kālavettāram praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.7''' kāleśvaram mahākālam kālañjara nivāsinam |<br>kālakṛt kālavettāram praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem Herrn der Zeit, dem großen Zeitprinzip, dem Bewohner von Kalanjara, dem Schöpfer und Kenner der Zeit – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.8''' sarvakṛt sarvavettāram sarvajñam aparājitam |<br>sarva bhūtātma bhūtastham praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.8''' sarvakṛt sarvavettāram sarvajñam aparājitam |<br>sarva bhūtātma bhūtastham praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem, der alles tut und alles kennt, dem Allwissenden und Unbesiegbaren, der als innerstes Selbst in allen Wesen gegenwärtig ist – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.9''' yo asṛjat sarva bhūtāni brahmādyāṃśca surāsurān |<br>tamaham loka kartāram praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.9''' yo asṛjat sarva bhūtāni brahmādyāṃśca surāsurān |<br>tamaham loka kartāram praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem Schöpfer der Welten, der alle Wesen, Brahma und die übrigen Götter sowie die Devas und Asuras hervorgebracht hat – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.10''' varam vareṇyam varadam variṣṭham vara vāhanam |<br>vanamālādharam devam praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.10''' varam vareṇyam varadam variṣṭham vara vāhanam |<br>vanamālādharam devam praṇatosmi sadāśivam ||


 
'''Übersetzung:''' Vor dem Höchsten, Verehrungswürdigen und Gnadenschenkenden, vor dem Erhabensten, der auf seinem edlen Reittier erscheint und eine Waldblumengirlande trägt – vor Sadashiva verbeuge ich mich.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Ruru verneigt sich vor Sadashiva: vor dem Herrn der Götter mit dem Mondsichel-Schmuck, vor dem Herrn und Kenner der Zeit, vor dem Allwissenden und Allwirkenden, der in allen Wesen gegenwärtig ist. Er preist Shiva als Ursprung der geschaffenen Wesen und Welten, als den Verehrungswürdigen, der Gaben gewährt und in göttlicher Herrlichkeit erscheint.
 


''' Verse 1.11–1.15 '''
''' Verse 1.11–1.15 '''


'''1.11''' prītimatprītidātāram supriyam priyadarśanam |<br>umāpatim sadākāntam praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.11''' prītimatprītidātāram supriyam priyadarśanam |<br>umāpatim sadākāntam praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem von Liebe Erfüllten, der Liebe schenkt, dem überaus Geliebten und Lieblichen, dem Gemahl Umas, dem ewig Anziehenden – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.12''' dharmādharma mayam devam sukhaduhkha phalodayam |<br>bandha mokṣa praṇetāram praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.12''' dharmādharma mayam devam sukhaduhkha phalodayam |<br>bandha mokṣa praṇetāram praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem Gott, in dessen Ordnung Dharma und Adharma stehen und aus dem die Früchte von Freude und Leid hervorgehen, vor dem Lenker von Bindung und Befreiung – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.13''' manobuddhirahaṅkāra tanmatrendriya gocaram |<br>pradhāna puruṣeśānam praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.13''' manobuddhirahaṅkāra tanmatrendriya gocaram |<br>pradhāna puruṣeśānam praṇatosmi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem Herrn über Pradhana und Purusha, der jenseits von Geist, Buddhi, Ahamkara, Tanmatras und Sinnesorganen liegt – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.14''' yam dhyāyanti mahātmāno munayaḥ saṃśita vratāḥ |<br>tamoṅkāra param sūkṣmam praṇato'smi sadāśivam ||
'''1.14''' yam dhyāyanti mahātmāno munayaḥ saṃśita vratāḥ |<br>tamoṅkāra param sūkṣmam praṇato'smi sadāśivam ||
'''Übersetzung:''' Vor dem, über den die großen, in ihren Gelübden gefestigten Weisen meditieren, dem äußerst Subtilen jenseits der Dunkelheit und dem höchsten Om – vor Sadashiva verbeuge ich mich.


'''1.15''' sūkṣmam sarvagatam nityam sarva vidyeśvareśvaram |<br>sarvatattvāśrayam devam praṇatosmi sadāśivam ||
'''1.15''' sūkṣmam sarvagatam nityam sarva vidyeśvareśvaram |<br>sarvatattvāśrayam devam praṇatosmi sadāśivam ||


 
'''Übersetzung:''' Vor dem Subtilen, Alldurchdringenden und Ewigen, dem Herrn aller Vidyeshvaras und der Grundlage aller Tattvas – vor Sadashiva verbeuge ich mich.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Sadashiva wird als der von Liebe erfüllte Geliebte Umas verehrt, als derjenige, in dessen Ordnung Dharma und Adharma ihre Früchte tragen und der Bindung wie Befreiung lenkt. Er übersteigt Geist, Intellekt, Ichbewusstsein, Tanmatras und Sinne. Die großen Weisen meditieren über ihn als den subtilen, ewigen und alles durchdringenden Herrn, der allen Tattvas zugrunde liegt.
 


''' Verse 1.16–1.21 '''
''' Verse 1.16–1.21 '''


'''1.16''' bhūmirāpo agniranilaḥ khamātmā candra bhāskarau |
'''1.16''' bhūmirāpo agniranilaḥ khamātmā candra bhāskarau |
'''Übersetzung:''' Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, die Seele, Mond und Sonne –


'''1.17''' manobuddhirahaṅkāraḥ paraprakṛtireva ca || yasyecchāmanuvartante bhāvābhāva vikāriṇīm |<br>tasmai parama devāya parāya paramātmane ||
'''1.17''' manobuddhirahaṅkāraḥ paraprakṛtireva ca || yasyecchāmanuvartante bhāvābhāva vikāriṇīm |<br>tasmai parama devāya parāya paramātmane ||
'''Übersetzung:''' ebenso Geist, Buddhi, Ahamkara und die höchste Prakriti – all das, was in Sein und Nichtsein Wandel erfährt, folgt seinem Willen. Diesem höchsten Gott, dem Transzendenten, dem höchsten Selbst, gilt meine Verehrung.


'''1.18''' namaste kālabodhāya kālāntaka namo astu te |<br>kālādhipa namaste astu sarvakāla pravartaka ||
'''1.18''' namaste kālabodhāya kālāntaka namo astu te |<br>kālādhipa namaste astu sarvakāla pravartaka ||
'''Übersetzung:''' Verehrung dir, der du die Zeit erkennst; Verehrung dir, Bezwinger der Zeit. Verehrung dir, Herr der Zeit und Beweger aller Zeiten.


'''1.19''' kalāsakala rūpeṇa kalābhir viśvarūpa dhṛt |<br>viśveśvara namaste astu hyādikāla pravartaka ||
'''1.19''' kalāsakala rūpeṇa kalābhir viśvarūpa dhṛt |<br>viśveśvara namaste astu hyādikāla pravartaka ||
'''Übersetzung:''' Du trägst in kalahaften und kalalosen Formen durch deine Kräfte die Gestalt des ganzen Universums. Verehrung dir, Herr des Alls und Urheber der ursprünglichen Zeit.


'''1.20''' mahadbhyaścāpi mahate mahāmāyāti māyine |<br>sūkṣmebhyopyati sukṣmāya namaskṛtyāmitātmane ||
'''1.20''' mahadbhyaścāpi mahate mahāmāyāti māyine |<br>sūkṣmebhyopyati sukṣmāya namaskṛtyāmitātmane ||
'''Übersetzung:''' Verehrung dem, der größer ist als das Große, der große Maya ist und doch über Maya hinausgeht; dem, der subtiler ist als das Subtile und dessen Selbst unermesslich ist.


'''1.21''' devadevāya śarvāya vidyāvidyeśvaraissaha |<br>śaivam jñānam prvakṣyāmi tacchṛṇudhvam samāhitāḥ ||
'''1.21''' devadevāya śarvāya vidyāvidyeśvaraissaha |<br>śaivam jñānam prvakṣyāmi tacchṛṇudhvam samāhitāḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Nachdem ich mich vor dem Gott der Götter, Sharva, zusammen mit den Vidyas und Vidyeshvaras verneigt habe, werde ich nun das shaivische Wissen verkünden. Hört es mit gesammeltem Geist.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum, Seele, Mond, Sonne, Geist, Buddhi, Ahamkara und Prakriti folgen der göttlichen Ordnung. Verehrt wird der höchste Gott und das höchste Selbst, der Herr der Zeit und der kosmischen Formen. Er ist größer als das Große und subtiler als das Subtile, trägt Maya und übersteigt sie zugleich. Nach dieser Verehrung kündigt Ruru an, das shaivische Wissen darzulegen, und fordert die Hörer zu gesammelter Aufmerksamkeit auf.
 


=== 2. Śivatattvāni – Die Shiva-Tattvas ===
=== 2. Śivatattvāni – Die Shiva-Tattvas ===
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'''2.1''' athāpanīta kupathāś china māyādi bandhanāḥ |<br>surāsura guroḥ pādau praṇamya vidhivasthitāḥ ||
'''2.1''' athāpanīta kupathāś china māyādi bandhanāḥ |<br>surāsura guroḥ pādau praṇamya vidhivasthitāḥ ||
'''Übersetzung:''' Nachdem sie den falschen Weg aufgegeben und die Fesseln von Maya und den übrigen Bindungen durchtrennt hatten, verneigten sie sich vorschriftsgemäß vor den Füßen des Lehrers der Devas und Asuras.


'''2.2''' teṣam tathopapannānām śivatattvam ca pṛcchatām |<br>padmayoniḥ prasannātmā samutthāpyedam abravīt ||
'''2.2''' teṣam tathopapannānām śivatattvam ca pṛcchatām |<br>padmayoniḥ prasannātmā samutthāpyedam abravīt ||
'''Übersetzung:''' Als diese so vorbereiteten Weisen nach dem Shiva-Tattva fragten, erhob sich der lotusgeborene Brahma mit heiterem Geist und sprach zu ihnen.


'''2.3''' yathā śṛtam mayāpūrvam anateśa mukhodgatam |<br>nandīśāt parameśāna niyogāmṛtam uttamam ||
'''2.3''' yathā śṛtam mayāpūrvam anateśa mukhodgatam |<br>nandīśāt parameśāna niyogāmṛtam uttamam ||
'''Übersetzung:''' So wie ich es einst vernommen habe, hervorgegangen aus dem Mund Ananteshas und mir durch Nandisha auf Geheiß des höchsten Herrn als unübertrefflicher Nektar der Lehre übermittelt –


'''2.4''' śiva tattvam param hyetat acalam sarvatomukham |<br>katham vibhinnam bahudha māyāñjana vivarjitam ||
'''2.4''' śiva tattvam param hyetat acalam sarvatomukham |<br>katham vibhinnam bahudha māyāñjana vivarjitam ||
'''Übersetzung:''' dieses höchste Shiva-Tattva ist unbeweglich und allgegenwärtig. Wie kann das eine, von der Färbung durch Maya freie Prinzip dennoch vielfach unterschieden erscheinen?


'''2.5''' evam pṛṣṭo mahātejā hasan nandīśvaro mahān |<br>pratyuvāca manodivyam mano me nandayanniva ||
'''2.5''' evam pṛṣṭo mahātejā hasan nandīśvaro mahān |<br>pratyuvāca manodivyam mano me nandayanniva ||


 
'''Übersetzung:''' So gefragt, lächelte der große, strahlende Nandishvara und antwortete mit göttlicher Einsicht, als erfreute er dadurch mein Herz.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Weisen, die sich vom falschen Weg abgewandt und die Bindungen von Maya und den übrigen Fesseln gelockert haben, verneigen sich vor dem göttlichen Lehrer und fragen nach dem Shiva-Tattva. Brahma erklärt, dass er die Lehre durch die Überlieferung von Ananteshvara und Nandishvara empfangen habe. Auf die Frage, wie die eine, von Maya unberührte Wirklichkeit in eine Vielheit von Lehren und Formen erscheinen könne, beginnt Nandishvara seine Antwort.
 


''' Verse 2.6–2.11 '''
''' Verse 2.6–2.11 '''


'''2.6''' śṛṇuṣvaika manāḥ brahman yatparam parameṣṭhinaḥ |<br>acityasyāprameyasya tadekam bahudha sthitam ||
'''2.6''' śṛṇuṣvaika manāḥ brahman yatparam parameṣṭhinaḥ |<br>acityasyāprameyasya tadekam bahudha sthitam ||
'''Übersetzung:''' Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit, o Brahma: Das Höchste des unbegreiflichen und unermesslichen Herrn ist seinem Wesen nach eins und besteht doch in vielerlei Gestalt.


'''2.7''' parameśāt purāvāptam idam jñāmṛtam mayā |<br>tatsamāsena te vakṣye tattvānām prati sañcaram ||
'''2.7''' parameśāt purāvāptam idam jñāmṛtam mayā |<br>tatsamāsena te vakṣye tattvānām prati sañcaram ||
'''Übersetzung:''' Diesen Nektar der Erkenntnis habe ich einst vom höchsten Herrn empfangen. Nun will ich dir in Kürze den Hervorgang und die Rückkehr der Tattvas erklären.


'''2.8''' prasannam paramam śāntam ajam īśānam avyayam |<br>śivatattvam sunirvāṇam acyutam ca sanātanam ||
'''2.8''' prasannam paramam śāntam ajam īśānam avyayam |<br>śivatattvam sunirvāṇam acyutam ca sanātanam ||
'''Übersetzung:''' Das Shiva-Tattva ist klar, höchst, friedvoll, ungeboren, herrschend und unvergänglich; es ist vollkommenes Nirvana, unerschütterlich und ewig.


'''2.9''' tasamāttejāḥ susampūrṇam śaktyaṣṭaka samanvitam |<br>vibhinnam tvaṣṭadhā bhūyaḥ śivecchā vidhicoditam ||
'''2.9''' tasamāttejāḥ susampūrṇam śaktyaṣṭaka samanvitam |<br>vibhinnam tvaṣṭadhā bhūyaḥ śivecchā vidhicoditam ||
'''Übersetzung:''' Aus ihm ging eine vollkommen erfüllte Lichtfülle hervor, verbunden mit acht Shaktis; auf Shivas Willen hin teilte sie sich erneut in acht Formen.


'''2.10''' ananteśastataḥ pūrvam tataḥ sūkṣmaḥ śivottamaḥ |<br>ekantraikarudro ca trimūrtiścānala dyutiḥ ||
'''2.10''' ananteśastataḥ pūrvam tataḥ sūkṣmaḥ śivottamaḥ |<br>ekantraikarudro ca trimūrtiścānala dyutiḥ ||
'''Übersetzung:''' Zuerst Anantesha, dann Sukshma und Shivottama, ferner Ekanetra und Ekarudra sowie Trimurti, strahlend wie Feuer –


'''2.11''' śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca sūryakoṭi samaprabhau |<br>aṣṭāvete mahātmānas tasmattejo vinihsṛtāḥ ||
'''2.11''' śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca sūryakoṭi samaprabhau |<br>aṣṭāvete mahātmānas tasmattejo vinihsṛtāḥ ||


 
'''Übersetzung:''' dazu Shrikantha und Shikhandin, beide leuchtend wie zehn Millionen Sonnen: Diese acht großen Wesen gingen aus jener Lichtfülle hervor.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die höchste Erkenntnis ist ihrem Wesen nach eine, obwohl sie in vielen Formen überliefert wird. Shiva-Tattva ist klar, friedvoll, ungeboren, unvergänglich und mit vollkommener Befreiung verbunden. Aus seiner Lichtfülle treten, dem Willen Shivas folgend, acht große Vidyeshvaras hervor: Anantesha, Sukshma, Shivottama, Ekanetra, Ekarudra, Trimurti, Shrikantha und Shikhandin, strahlend wie unzählige Sonnen.
 


''' Verse 2.12–2.18 '''
''' Verse 2.12–2.18 '''


'''2.12''' te adikāram prakurvanti śivecchā vidhicoditāḥ |<br>teṣām ananta śaktīnām anantaḥ parameśvaraḥ ||
'''2.12''' te adikāram prakurvanti śivecchā vidhicoditāḥ |<br>teṣām ananta śaktīnām anantaḥ parameśvaraḥ ||
'''Übersetzung:''' Sie üben ihre jeweiligen Ämter aus, von Shivas Willen dazu angeregt. Unter diesen mit grenzenloser Kraft begabten Wesen ist Ananta der höchste Herr.


'''2.13''' anantaḥ paramasteṣām mahato cakravartinām |<br>vihitam sarva kartṛtva kāraṇam paramam padam ||
'''2.13''' anantaḥ paramasteṣām mahato cakravartinām |<br>vihitam sarva kartṛtva kāraṇam paramam padam ||
'''Übersetzung:''' Ananta ist der Höchste unter diesen mächtigen Weltenherrschern; ihm ist die höchste Stellung als Ursache umfassender Handlungsmacht übertragen.


'''2.14''' tato adiṣṭhāya vidyeśo māyām sa parameśvaraḥ |<br>kṣobhayitva svakiraṇaiḥ sṛjate taijasīm kalām ||
'''2.14''' tato adiṣṭhāya vidyeśo māyām sa parameśvaraḥ |<br>kṣobhayitva svakiraṇaiḥ sṛjate taijasīm kalām ||
'''Übersetzung:''' Darauf nimmt der Vidyeshvara seine Herrschaft über Maya wahr; er erschüttert sie mit seinen eigenen Strahlen und bringt die leuchtende Kala hervor.


'''2.15''' kalātattvadrāga vidye dve tattve saṃbabhūvatuḥ |<br>avyaktam ca tatastasmād guṇāṃścaivāsṛjat prabhuḥ ||
'''2.15''' kalātattvadrāga vidye dve tattve saṃbabhūvatuḥ |<br>avyaktam ca tatastasmād guṇāṃścaivāsṛjat prabhuḥ ||
'''Übersetzung:''' Aus dem Kala-Tattva entstehen die beiden Tattvas Raga und Vidya. Aus demselben Ursprung entsteht das Unmanifestierte, und daraus bringt der Herr die Gunas hervor.


'''2.16''' guṇebhyo dhiṣaṇā jajñe yāṣṭarūpa guṇānvitā |<br>buddheścāpyatra saṃkṣobhād ahaṅkāro vyajāyata ||
'''2.16''' guṇebhyo dhiṣaṇā jajñe yāṣṭarūpa guṇānvitā |<br>buddheścāpyatra saṃkṣobhād ahaṅkāro vyajāyata ||
'''Übersetzung:''' Aus den Gunas entsteht Buddhi, ausgestattet mit acht Formen von Eigenschaften; durch die Bewegung der Buddhi geht daraus Ahamkara hervor.


'''2.17''' ahaṅkārāttu sūkṣmāṇi tanmātrāṇīndriyāṇi ca |<br>bhūtādi karaṇānīkam samastam cāpyajāyata ||
'''2.17''' ahaṅkārāttu sūkṣmāṇi tanmātrāṇīndriyāṇi ca |<br>bhūtādi karaṇānīkam samastam cāpyajāyata ||
'''Übersetzung:''' Aus Ahamkara entstehen die subtilen Tanmatras, die Sinnesorgane und die Gesamtheit der grobstofflichen Elemente und ihrer Wirkorgane.


'''2.18''' evam susūkṣmām saṃkṣobhya mayām sa parameśvaraḥ |<br>tattvānutpādayāmāsa yairotam jagatāturam ||
'''2.18''' evam susūkṣmām saṃkṣobhya mayām sa parameśvaraḥ |<br>tattvānutpādayāmāsa yairotam jagatāturam ||


 
'''Übersetzung:''' Indem der höchste Herr auf diese Weise die äußerst subtile Maya in Bewegung versetzt, bringt er die Tattvas hervor, von denen die Welt in alle Richtungen durchwoben ist.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Vidyeshvaras verrichten die kosmischen Aufgaben gemäß Shivas Willen. Ananta steht an ihrer Spitze und wirkt auf Maya ein. Aus Kala entfalten sich Raga und Vidya sowie das Unmanifestierte; daraus folgen Guna, Buddhi und Ahamkara. Aus Ahamkara gehen Tanmatras, Sinne, Wirkorgane und grobstoffliche Elemente hervor. Auf diese Weise entsteht die geordnete Vielheit der Tattvas und der Welten.
 


''' Verse 2.19–2.23 '''
''' Verse 2.19–2.23 '''


'''2.19''' bhuvanāni vicitrāṇi nānārūpākṛtīnyatha |<br>so asṛjad bhagavān īśo viṣāyānanda bhūmayaḥ ||
'''2.19''' bhuvanāni vicitrāṇi nānārūpākṛtīnyatha |<br>so asṛjad bhagavān īśo viṣāyānanda bhūmayaḥ ||
'''Übersetzung:''' Der Herr erschuf außerdem mannigfaltige Welten von vielerlei Form und Gestalt als Bereiche entsprechender Erfahrungen und Freuden.


'''2.20''' patayaścāñjanātītāḥ sāñjanāśca pṛthagvidhaḥ |<br>bhuvane bhuvane vāpi tanniyogādvyavasthitaḥ ||
'''2.20''' patayaścāñjanātītāḥ sāñjanāśca pṛthagvidhaḥ |<br>bhuvane bhuvane vāpi tanniyogādvyavasthitaḥ ||
'''Übersetzung:''' In jeder dieser Welten sind nach seinem Auftrag unterschiedliche Herrscher eingesetzt – manche jenseits der verdunkelnden Unreinheit, andere noch mit ihr verbunden.


'''2.21''' aiśvarya saṃpadvibhava vilayānugrahaiṣiṇaḥ |<br>yajanti vividhairyajñair mantra tantra viśāradaḥ ||
'''2.21''' aiśvarya saṃpadvibhava vilayānugrahaiṣiṇaḥ |<br>yajanti vividhairyajñair mantra tantra viśāradaḥ ||
'''Übersetzung:''' Nach Herrschaft, Entfaltung, Auflösung und Gnade strebend, verehren die in Mantra und Tantra Kundigen den Herrn durch verschiedenartige Opfer.


'''2.22''' gurutantrābhyanujñāta dīkṣā viccihnna bandhnāḥ |<br>paśūṃśca dīnabandhaṃstu munjanto api maheśvarāḥ ||
'''2.22''' gurutantrābhyanujñāta dīkṣā viccihnna bandhnāḥ |<br>paśūṃśca dīnabandhaṃstu munjanto api maheśvarāḥ ||
'''Übersetzung:''' Durch Guru und Tantra autorisiert und durch Diksha von ihren Fesseln gelöst, befreien diese großen Herren auch die hilflos gebundenen Pashus, die individuellen Seelen.


'''2.23''' deva dānava gandharva rakṣa yakṣoragādiṣu |<br>aṇḍānyaneka rupāṇi darśayantaḥ pṛthagvidhāḥ ||
'''2.23''' deva dānava gandharva rakṣa yakṣoragādiṣu |<br>aṇḍānyaneka rupāṇi darśayantaḥ pṛthagvidhāḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Für Devas, Danavas, Gandharvas, Rakshasas, Yakshas, Nagas und andere Wesen lassen sie mannigfaltige Welten und Daseinsräume in verschiedenen Formen erscheinen.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Ananteshvara bringt verschiedenartige Welten mit ihren Erfahrungsmöglichkeiten hervor. In diesen wirken zahlreiche göttliche Mächte als Hüter und Lenker. Einige haben Unreinheiten überwunden und sind in Mantra und Tantra vollkommen bewandert. Sie unterstützen, durch Shiva bevollmächtigt, die Befreiung gebundener Seelen und ordnen die unterschiedlichen Ebenen des Daseins für Devas, Gandharvas, Yakshas und andere Wesen.
 


=== 3. Tantrāvatāra – Die Herabkunft und Überlieferung des Tantra ===
=== 3. Tantrāvatāra – Die Herabkunft und Überlieferung des Tantra ===
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'''3.1''' śṛtvā maheśvaram tattvam ajam īśānam avyayam |<br>prabhavam sarvatattvānām sthitisamhāra kārakam ||
'''3.1''' śṛtvā maheśvaram tattvam ajam īśānam avyayam |<br>prabhavam sarvatattvānām sthitisamhāra kārakam ||
'''Übersetzung:''' Nachdem die Weisen vom Maheshvara-Tattva gehört hatten – ungeboren, herrschend, unvergänglich, Ursprung aller Tattvas sowie Ursache ihrer Erhaltung und Auflösung –


'''3.2''' atha sadbhāvam īpsanto munayo bhṛgunandanam |<br>rurum praṇamya vidhivad ūcaste vacanam punaḥ ||
'''3.2''' atha sadbhāvam īpsanto munayo bhṛgunandanam |<br>rurum praṇamya vidhivad ūcaste vacanam punaḥ ||
'''Übersetzung:''' verneigten sie sich, vom Wunsch nach der höchsten Wirklichkeit erfüllt, erneut vorschriftsgemäß vor Ruru, dem Sohn Bhrigus, und sprachen.


'''3.3''' kenāvatāritam hyetat tantram tantravidām vara |<br>guravaḥ kathitāstantre tatsamkhyā ca kati smṛtā ||
'''3.3''' kenāvatāritam hyetat tantram tantravidām vara |<br>guravaḥ kathitāstantre tatsamkhyā ca kati smṛtā ||
'''Übersetzung:''' O Bester der Kenner des Tantra, durch wen wurde dieses Tantra herabgebracht? Welche Lehrer werden darin genannt, und wie viele sind es?


'''3.4''' mantrāṇām kiyatī saṃkhyā maṇḍalānām tathaiva ca |<br>tattvānām bhuvanānām ca yathāvadvaktumarhasi ||
'''3.4''' mantrāṇām kiyatī saṃkhyā maṇḍalānām tathaiva ca |<br>tattvānām bhuvanānām ca yathāvadvaktumarhasi ||
'''Übersetzung:''' Wie groß ist die Zahl der Mantras und der Mandalas? Wie viele Tattvas und Welten gibt es? Bitte erkläre uns dies so, wie es tatsächlich gelehrt wird.


'''3.5''' parameśamukhodkīrṇam uttamam paramam matam |<br>guruvaṃśam rururdhīmān pravaktum upcakrame ||
'''3.5''' parameśamukhodkīrṇam uttamam paramam matam |<br>guruvaṃśam rururdhīmān pravaktum upcakrame ||


 
'''Übersetzung:''' Darauf begann der weise Ruru, die höchste und erhabene Guru-Linie zu schildern, die aus dem Mund des höchsten Herrn hervorgegangen ist.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Nachdem die Weisen vom ewigen Shiva-Tattva gehört haben, wollen sie die Überlieferung des Tantra genauer kennen. Sie fragen Ruru, wie das Agama herabgekommen sei, wie viele Gurus, Mantras, Mandalas, Tattvas und Welten gelehrt werden. Ruru beginnt daraufhin mit der Linie der Lehrer, deren Ursprung im höchsten Shiva liegt.
 


''' Verse 3.6–3.10 '''
''' Verse 3.6–3.10 '''


'''3.6''' śivānala viniṣkrāntam adhūmajyoti rūpiṇam |<br>jagataḥ kāraṇam devam ananteśam param gurum ||
'''3.6''' śivānala viniṣkrāntam adhūmajyoti rūpiṇam |<br>jagataḥ kāraṇam devam ananteśam param gurum ||
'''Übersetzung:''' Anantesha, der höchste Guru, ging aus dem Feuer Shivas hervor, in der Gestalt eines rauchlosen Lichtes; er ist der göttliche Ursprung der Welten.


'''3.7''' tenoktam parameśāna śrīkaṇṭhāya mahātmane |<br>surāsurāṇām guruṇā devyai sarvam udāhṛtam ||
'''3.7''' tenoktam parameśāna śrīkaṇṭhāya mahātmane |<br>surāsurāṇām guruṇā devyai sarvam udāhṛtam ||
'''Übersetzung:''' Von ihm wurde die Lehre dem großen Shrikantha übermittelt, dem Lehrer der Devas und Asuras; Shrikantha verkündete sie vollständig der Göttin.


'''3.8''' devī ca prāha nandīśaskandayor guhyam uttamam |<br>nandīśād brahmaṇāvāptam śakreṇa ca mahātmanā ||
'''3.8''' devī ca prāha nandīśaskandayor guhyam uttamam |<br>nandīśād brahmaṇāvāptam śakreṇa ca mahātmanā ||
'''Übersetzung:''' Die Göttin offenbarte darauf das höchste Geheimnis Nandisha und Skanda; von Nandisha empfingen Brahma und der große Indra die Lehre.


'''3.9''' tasmādvāptamūrveṇa ṛcihena tataḥ punaḥ |<br>tasmādavāptam rāmeṇa rāmāccāham adhītavān ||
'''3.9''' tasmādvāptamūrveṇa ṛcihena tataḥ punaḥ |<br>tasmādavāptam rāmeṇa rāmāccāham adhītavān ||
'''Übersetzung:''' Von Indra empfing sie Uru, danach Richiha; von diesem erhielt Rama sie, und von Rama habe ich selbst sie studiert.


'''3.10''' iti vaṃśaḥ kramaḥ proktaḥ saṃkṣepeṇa mayā dvijāḥ |<br>śatāni pañcaśiṣyāṇām śakrasyāpi mahātmanaḥ ||
'''3.10''' iti vaṃśaḥ kramaḥ proktaḥ saṃkṣepeṇa mayā dvijāḥ |<br>śatāni pañcaśiṣyāṇām śakrasyāpi mahātmanaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' So habe ich euch, o Zweimalgeborene, die Folge dieser Überlieferung kurz erklärt. Der große Indra hatte fünfhundert Schüler.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Anantesha erscheint aus dem Feuer Shivas als rauchloses Licht und wird zum höchsten Guru. Von ihm gelangt die Lehre zu Shrikantha, von dort zur Göttin, weiter zu Nandisha und Skanda und von Nandisha zu Brahma und Indra. Danach wird sie über Uru, Richiha und Rama weitergegeben; Ruru selbst empfängt sie von Rama. So wird eine ununterbrochene Guru-Überlieferung beschrieben.
 


''' Verse 3.11–3.16 '''
''' Verse 3.11–3.16 '''


'''3.11''' itare śāstra vaktāram tantre asmin pārameśvare |<br>daśaite guravaḥ proktās tantre dantā mahaujasaḥ ||
'''3.11''' itare śāstra vaktāram tantre asmin pārameśvare |<br>daśaite guravaḥ proktās tantre dantā mahaujasaḥ ||
'''Übersetzung:''' In diesem dem höchsten Herrn geweihten Tantra werden außerdem zehn Lehrer genannt, die als Verkünder der Schrift gelten, selbstbeherrscht und von großer Kraft.


'''3.12''' anyepi vīrabhadrādyā brahmāntāḥ guravaḥ smṛtāḥ |<br>saṃhitāpāragaḥ prokā aṣṭādaśa mahaujasaḥ ||
'''3.12''' anyepi vīrabhadrādyā brahmāntāḥ guravaḥ smṛtāḥ |<br>saṃhitāpāragaḥ prokā aṣṭādaśa mahaujasaḥ ||
'''Übersetzung:''' Auch andere, von Virabhadra bis Brahma, werden als Gurus erinnert; achtzehn von ihnen gelten als machtvolle Meister, die die Samhitas vollständig durchdrungen haben.


'''3.13''' mantratantra vidāḥ sarve vāstavajñā viśāradāḥ |<br>pāśavicchettaye nṛṇām nityamāhita buddhayaḥ ||
'''3.13''' mantratantra vidāḥ sarve vāstavajñā viśāradāḥ |<br>pāśavicchettaye nṛṇām nityamāhita buddhayaḥ ||
'''Übersetzung:''' Sie alle sind Kenner von Mantra und Tantra, erfahren in der wahren Wirklichkeit und beständig darauf ausgerichtet, die Fesseln der Menschen zu durchtrennen.


'''3.14''' ye ca te guravaḥ proktās tantre svāyambhuve purā |<br>eteṣāmapi śiṣyāṇām sahasram parisamkhyayā ||
'''3.14''' ye ca te guravaḥ proktās tantre svāyambhuve purā |<br>eteṣāmapi śiṣyāṇām sahasram parisamkhyayā ||
'''Übersetzung:''' Diese Gurus wurden bereits im Svayambhuva-Tantra genannt; auch ihre Schüler werden der Zahl nach zu Tausenden gerechnet.


'''3.15''' tantrasamkhyā sahasrāṇām śatamuktam samāsataḥ |<br>brahmaṇā maṇḍaleśāna vidhiyajña prasiddhaye ||
'''3.15''' tantrasamkhyā sahasrāṇām śatamuktam samāsataḥ |<br>brahmaṇā maṇḍaleśāna vidhiyajña prasiddhaye ||
'''Übersetzung:''' Die Zahl der Tantra-Verse wird zusammenfassend mit hunderttausend angegeben; Brahma lehrte sie zur vollkommenen Kenntnis von Mandalas, ihren Herren und den Opferregeln.


'''3.16''' bhārgaveṇāpyathaiśāna tantrānujñāta karmaṇā |<br>proktam purādvādaśabhiḥ sahasrair mantralakṣaṇam ||
'''3.16''' bhārgaveṇāpyathaiśāna tantrānujñāta karmaṇā |<br>proktam purādvādaśabhiḥ sahasrair mantralakṣaṇam ||


 
'''Übersetzung:''' Bhargava wiederum, durch das Tantra zu den entsprechenden Handlungen bevollmächtigt, verkündete einst in zwölftausend Versen die Kennzeichen und Lehren der Mantras.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Neben diesen Hauptlehrern kennt die Überlieferung weitere Gurus, die Mantra und Tantra beherrschen und auf die Lösung der Fesseln der Wesen ausgerichtet sind. Die ursprüngliche Lehre wird als ungeheuer umfangreich beschrieben; sie wird für die Bedürfnisse der Schüler zusammengefasst. Mandala-Riten und Mantra-Lehre bilden dabei wichtige Teile der Übermittlung.
 


''' Verse 3.17–3.22 '''
''' Verse 3.17–3.22 '''


'''3.17''' mudrāsamaya tattvārtha maṇḍlejyāparigrahaḥ |<br>uttare abhihitaḥ sarvo mantrāṇam caiva saṃgarahaḥ ||
'''3.17''' mudrāsamaya tattvārtha maṇḍlejyāparigrahaḥ |<br>uttare abhihitaḥ sarvo mantrāṇam caiva saṃgarahaḥ ||
'''Übersetzung:''' Mudras, Samayas, die Bedeutung der Tattvas, die Verehrung in den Mandalas und die Sammlung der Mantras werden im späteren Teil vollständig dargelegt.


'''3.18''' saptakoṭyastu mantrāṇām śivavaktrādvinihsṛtāḥ |<br>yāḥ sādhaka mahāmāyā pāśavicchittihetavaḥ ||
'''3.18''' saptakoṭyastu mantrāṇām śivavaktrādvinihsṛtāḥ |<br>yāḥ sādhaka mahāmāyā pāśavicchittihetavaḥ ||
'''Übersetzung:''' Siebzig Millionen Mantras gingen aus dem Mund Shivas hervor; für die Sadhakas sind sie Mittel, die mächtigen Fesseln der Maya zu durchtrennen.


'''3.19''' tā janmamṛtyukahcitām pitāmahakṛtām imām |<br>sṛṣṭim dṛṣṭvaiśvarīm mūrtim praviṣṭāḥ punareva hi ||
'''3.19''' tā janmamṛtyukahcitām pitāmahakṛtām imām |<br>sṛṣṭim dṛṣṭvaiśvarīm mūrtim praviṣṭāḥ punareva hi ||
'''Übersetzung:''' Als diese Mantras die von Geburt und Tod geprägte Schöpfung Brahmas sahen, nahmen sie erneut göttliche Gestalten an.


'''3.20''' antarhitāṃstān anaghān mantrarājeśvaraḥ prabhuḥ |<br>dadhāra bhagavān īśo lokānām hitakāmyayā ||
'''3.20''' antarhitāṃstān anaghān mantrarājeśvaraḥ prabhuḥ |<br>dadhāra bhagavān īśo lokānām hitakāmyayā ||
'''Übersetzung:''' Der Herr, der König über die Mantras, hielt diese makellosen, verborgen wirkenden Kräfte in sich und offenbarte sie aus dem Wunsch nach dem Wohl der Welten.


'''3.21''' teṣāmakalpayad devo mantrādhvara vibhūtayaḥ |<br>maṇḍalejyā vidhānena mantra sadbhāva sttamaḥ ||
'''3.21''' teṣāmakalpayad devo mantrādhvara vibhūtayaḥ |<br>maṇḍalejyā vidhānena mantra sadbhāva sttamaḥ ||
'''Übersetzung:''' Für sie ordnete der Gott die wirksamen Kräfte der Mantras und Opfer und die Verehrung in Mandalas, damit die innere Wirklichkeit des Mantras verwirklicht werde.


'''3.22''' guhyāni maṇḍlānyaṣṭau navanābhādi saṃjñayā |<br>anantavijayādīśam śatamanyat prakīrtitam ||
'''3.22''' guhyāni maṇḍlānyaṣṭau navanābhādi saṃjñayā |<br>anantavijayādīśam śatamanyat prakīrtitam ||


 
'''Übersetzung:''' Acht geheime Mandalas werden besonders genannt, beginnend mit Navanabha und Anantavijaya; darüber hinaus werden hundert weitere gelehrt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Mudras, geistliche Verpflichtungen, Tattvas, Mandalas, Opfer und Mantras werden in weiterführenden Teilen des Raurava entfaltet. Unzählige Mantras gehen aus Shiva hervor und dienen dazu, die Fesseln der Maya zu durchtrennen. Der höchste Herr ist in ihnen verborgen gegenwärtig. Für die spirituelle Praxis werden Mandalas und ihre Gottheiten geordnet; acht Hauptmandalas werden hervorgehoben, daneben werden viele weitere genannt.
 


''' Verse 3.23–3.28 '''
''' Verse 3.23–3.28 '''


'''3.23''' teṣvijyo bhagavānebhir maṇḍalī satatam śivaḥ |<br>ṛṣidevāsuranarair vinirmokṣārtha kāṅkṣibhiḥ ||
'''3.23''' teṣvijyo bhagavānebhir maṇḍalī satatam śivaḥ |<br>ṛṣidevāsuranarair vinirmokṣārtha kāṅkṣibhiḥ ||
'''Übersetzung:''' In diesen Mandalas wird der selige Shiva als der Herr des Mandalas beständig von Rishis, Devas, Asuras und Menschen verehrt, die nach endgültiger Befreiung verlangen.


'''3.24''' vidyāmaṇḍal rajānām maṇḍalāṃśa vibhūtayaḥ |<br>na sakyāḥ parisamkhyātum mantrāṇam ca tadātmanām ||
'''3.24''' vidyāmaṇḍal rajānām maṇḍalāṃśa vibhūtayaḥ |<br>na sakyāḥ parisamkhyātum mantrāṇam ca tadātmanām ||
'''Übersetzung:''' Die Kräfte und Teilbereiche der Herren der Vidya-Mandalas und die Mantras, deren Wesen sie sind, lassen sich nicht vollständig aufzählen.


'''3.25''' yāvanto rudradevāśca rakṣoyakṣa maheśvarāḥ |<br>tāvan mantrāḥ samakhyātas teṣām saṃkhyā na vidyate ||
'''3.25''' yāvanto rudradevāśca rakṣoyakṣa maheśvarāḥ |<br>tāvan mantrāḥ samakhyātas teṣām saṃkhyā na vidyate ||
'''Übersetzung:''' So zahlreich Rudras, Devas, Rakshasas, Yakshas und große Herrscher sind, so zahlreich sind auch die Mantras; ihre Zahl kann nicht bestimmt werden.


'''3.26''' deśabhāṣā nibaddhaśca divyākṣarapadairyutāḥ |<br>sarvajñāḥ sarvagāḥ śuddhāḥ sarve sarvajña bhāvitāḥ ||
'''3.26''' deśabhāṣā nibaddhaśca divyākṣarapadairyutāḥ |<br>sarvajñāḥ sarvagāḥ śuddhāḥ sarve sarvajña bhāvitāḥ ||
'''Übersetzung:''' Sie sind in den Sprachen verschiedener Länder gefasst und mit göttlichen Silben und Worten verbunden; sie sind wissend, alldurchdringend, rein und von allwissender Kraft erfüllt.


'''3.27''' na mīmāṃśā vicāryā vā mantrā svalpadhiyā naraiḥ |<br>pramāṇam āgamam kṛtvā śraddhatavyam hitaiṣibhiḥ ||
'''3.27''' na mīmāṃśā vicāryā vā mantrā svalpadhiyā naraiḥ |<br>pramāṇam āgamam kṛtvā śraddhatavyam hitaiṣibhiḥ ||
'''Übersetzung:''' Menschen von geringem Verständnis sollen Mantras nicht bloß durch spekulative Mimamsa oder willkürliche Erörterung beurteilen. Wer das Gute sucht, soll die Agama-Überlieferung als maßgebliche Grundlage nehmen und vertrauensvoll praktizieren.


'''3.28''' sarve mantrātmakāḥ devāḥ sarve mantrā śivātmakāḥ |<br>śivātmakam idam jñātvā śivamevānucintayet ||
'''3.28''' sarve mantrātmakāḥ devāḥ sarve mantrā śivātmakāḥ |<br>śivātmakam idam jñātvā śivamevānucintayet ||


 
'''Übersetzung:''' Alle Gottheiten sind ihrem Wesen nach Mantra, und alle Mantras sind ihrem Wesen nach Shiva. Wer erkennt, dass alles von Shiva durchdrungen ist, soll daher allein Shiva beständig vergegenwärtigen.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Shiva wird in den Mandalas von Weisen, Göttern und Menschen verehrt, die Befreiung suchen. Die Zahl der Mantras und ihrer göttlichen Entsprechungen gilt als unermesslich. Mantras können sich in verschiedenen Sprachen und Lautgestalten ausdrücken, bleiben aber von heiliger Kraft getragen. Sie sollen nicht durch oberflächliche Spekulation entwertet, sondern in der Autorität der Agama-Überlieferung, mit Sorgfalt und Vertrauen, aufgenommen werden. Alle Gottheiten sind von Mantra durchdrungen, alle Mantras tragen Shiva in sich; darum soll der Praktizierende Shiva beständig vergegenwärtigen.
 


=== 4. Adhva Vidhiḥ – Die Ordnung des metaphysischen Weges ===
=== 4. Adhva Vidhiḥ – Die Ordnung des metaphysischen Weges ===
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'''4.1''' athādhvānām prasamkhyānam mantratantrānuvartinām |<br>varṇayiṣye samāsena lokālokānusamcayam ||
'''4.1''' athādhvānām prasamkhyānam mantratantrānuvartinām |<br>varṇayiṣye samāsena lokālokānusamcayam ||
'''Übersetzung:''' Nun werde ich in Kürze die Ordnung und Zählung der Adhvas, der metaphysischen Wege, darlegen, wie sie in Mantra und Tantra gelehrt werden, einschließlich der sichtbaren und unsichtbaren Welten.


'''4.2''' atha kālāgnirudro vai narakaścānupūrvaśaḥ |<br>rauravaḥ kumbhīpākaśca avīcītyevamādayaḥ ||
'''4.2''' atha kālāgnirudro vai narakaścānupūrvaśaḥ |<br>rauravaḥ kumbhīpākaśca avīcītyevamādayaḥ ||
'''Übersetzung:''' Zuunterst steht Kalagnirudra; darüber folgen der Reihe nach die Höllenwelten wie Raurava, Kumbhipaka, Avichi und andere.


'''4.3''' pātālāni tataḥ sapta pātālapatayā tathā |<br>hāṭakaśca mahāvīryo vidyāvidyeśvaraiḥ smṛtāḥ ||
'''4.3''' pātālāni tataḥ sapta pātālapatayā tathā |<br>hāṭakaśca mahāvīryo vidyāvidyeśvaraiḥ smṛtāḥ ||
'''Übersetzung:''' Darüber liegen die sieben Patalas mit ihren jeweiligen Herrschern. Der mächtige Hataka gilt unter den Vidyas und Vidyeshvaras als ihr oberster Herr.


'''4.4''' saptadvīpā mahīkṛtsnā samudraiḥ saptabhirvṛtāḥ |<br>nānājana padākīrṇā vicitra racanojjvalā ||
'''4.4''' saptadvīpā mahīkṛtsnā samudraiḥ saptabhirvṛtāḥ |<br>nānājana padākīrṇā vicitra racanojjvalā ||
'''Übersetzung:''' Die ganze Erde besteht aus sieben Inselkontinenten und ist von sieben Ozeanen umgeben; sie ist erfüllt von vielen Völkern und Ländern und leuchtet durch vielfältige Gestaltungen.


'''4.5''' tasyāmadhye mahāmeruḥ sthito hyamarapūjitaḥ |<br>praviṣṭaḥ ṣoḍaśadhastāc caturaśītirucchritaḥ ||
'''4.5''' tasyāmadhye mahāmeruḥ sthito hyamarapūjitaḥ |<br>praviṣṭaḥ ṣoḍaśadhastāc caturaśītirucchritaḥ ||
'''Übersetzung:''' In ihrer Mitte erhebt sich der große, von den Göttern verehrte Meru; sechzehn Yojanas reichen unter die Erde, vierundachtzig ragen darüber empor.


'''4.6''' brahmaṇoṇḍam mahāśaile rājate cāvabhāsitaḥ |<br>amara ṛṣigandharva vimāna nagarākulam ||
'''4.6''' brahmaṇoṇḍam mahāśaile rājate cāvabhāsitaḥ |<br>amara ṛṣigandharva vimāna nagarākulam ||
'''Übersetzung:''' An diesem großen Berg erscheint das Brahmanda, das kosmische Ei, strahlend und erfüllt von Städten und himmlischen Wohnstätten der Devas, Rishis und Gandharvas.


'''4.7''' anekākāra vinyāsa pramāṇa racanādibhiḥ |<br>bhuvanāni niviṣṭāni tasminnaṇḍe caturdaśa ||
'''4.7''' anekākāra vinyāsa pramāṇa racanādibhiḥ |<br>bhuvanāni niviṣṭāni tasminnaṇḍe caturdaśa ||
'''Übersetzung:''' In diesem Weltenei sind vierzehn Bhuvanas angeordnet, von mannigfaltiger Form, Bauart, Ausdehnung und Gestaltung.


'''4.8''' bhūloko atha bhuvarlokaḥ svarloko atha mahastathā |<br>janastapastathā satyam etāvān lokasamgrahaḥ ||
'''4.8''' bhūloko atha bhuvarlokaḥ svarloko atha mahastathā |<br>janastapastathā satyam etāvān lokasamgrahaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Bhurloka, Bhuvarloka, Svarloka, Maharloka, Janaloka, Tapoloka und Satyaloka – dies sind die sieben oberen Welten der kosmischen Ordnung.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der vierte Abschnitt beschreibt den Adhva, den gestuften kosmischen Weg. Er beginnt bei Kalagni und den Höllenwelten, führt über die sieben Patalas zur Erde mit ihren Inseln und Ozeanen und zum symbolischen Weltenberg Meru. Innerhalb des Brahmanda werden vierzehn Welten unterschieden; die sieben oberen Ebenen heißen Bhur, Bhuvar, Svar, Mahas, Jana, Tapas und Satya. Diese Kosmologie dient weniger einer Geographie als einer geistigen Ordnung der Erfahrungsräume.
 


''' Verse 4.9–4.16 '''
''' Verse 4.9–4.16 '''


'''4.9''' teṣāmutpatti saṃhārasthityanugraha kāraṇam |<br>umāpatirmahātejāḥ parameśa samo guruḥ ||
'''4.9''' teṣāmutpatti saṃhārasthityanugraha kāraṇam |<br>umāpatirmahātejāḥ parameśa samo guruḥ ||
'''Übersetzung:''' Der glanzvolle Umapati, ein Guru von der Stellung des höchsten Herrn, ist die Ursache ihrer Hervorbringung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Begnadung.


'''4.10''' padmajanmāṇḍam adhvānam atītyānal varcasaḥ |<br>śatarudrā itikhyātā vīrabhadra puraḥ sarāḥ ||
'''4.10''' padmajanmāṇḍam adhvānam atītyānal varcasaḥ |<br>śatarudrā itikhyātā vīrabhadra puraḥ sarāḥ ||
'''Übersetzung:''' Jenseits des aus dem Lotusgeborenen hervorgegangenen Brahmanda stehen hundert feuerstrahlende Rudras, angeführt von Virabhadra.


'''4.11''' śrīkaṇṭhādhiṣṭhitāḥ santo devānām manasepsitam |<br>aiśvaryam saṃprayacchanti haranti ca mahaujasaḥ ||
'''4.11''' śrīkaṇṭhādhiṣṭhitāḥ santo devānām manasepsitam |<br>aiśvaryam saṃprayacchanti haranti ca mahaujasaḥ ||
'''Übersetzung:''' Unter Shrikanthas Herrschaft gewähren diese machtvollen Wesen den Göttern die gewünschte göttliche Herrlichkeit und ziehen sie zur Zeit der Auflösung wieder zurück.


'''4.12''' pañca pañaṣṭakam caiva pratyatmakamathāditaḥ |<br>guhyam tathātiguhyam ca pavitram sthāṇu saṃjñitam ||
'''4.12''' pañca pañaṣṭakam caiva pratyatmakamathāditaḥ |<br>guhyam tathātiguhyam ca pavitram sthāṇu saṃjñitam ||
'''Übersetzung:''' Darüber werden fünf Gruppen zu je acht Welten gelehrt: Guhya, Atiguhya, noch tiefer verborgen, Pavitra und die als Sthanu bezeichnete Gruppe.


'''4.13''' paiśācam rākṣasam yākṣam gāndharvam caindrameva ca |<br>saumyam tvata prajeśam ca brāhmam caivāṣṭamam tataḥ ||
'''4.13''' paiśācam rākṣasam yākṣam gāndharvam caindrameva ca |<br>saumyam tvata prajeśam ca brāhmam caivāṣṭamam tataḥ ||
'''Übersetzung:''' Es folgen acht Welten: Paishacha, Rakshasa, Yaksha, Gandharva, Aindra, Saumya, Prajesha und als achte Brahma.


'''4.14''' akṛtam ca kṛtam caiva bhairavam brāhmam eva ca |<br>vaiṣṇavam tvatha kaumāram aumam śrīkaṇṭham eva ca ||
'''4.14''' akṛtam ca kṛtam caiva bhairavam brāhmam eva ca |<br>vaiṣṇavam tvatha kaumāram aumam śrīkaṇṭham eva ca ||
'''Übersetzung:''' Darüber liegen Akrita, Krita, Bhairava, Brahma, Vaishnava, Kaumara, Auma und Shrikantha – acht weitere Welten.


'''4.15''' vāmadevo atha bhīmaśca ugraścaiva bhavastathā |<br>sarveśāneśvarau caiva ekavīraḥ pracaṇḍa dṛk ||
'''4.15''' vāmadevo atha bhīmaśca ugraścaiva bhavastathā |<br>sarveśāneśvarau caiva ekavīraḥ pracaṇḍa dṛk ||
'''Übersetzung:''' Ferner werden Vamadeva, Bhima, Ugra, Bhava, Sarvesha, Ishvara, Ekavira mit furchtbarem Blick und weitere hohe Herrscher genannt.


'''4.16''' īśvaro atha umābhartā ajeśo ananta eva ca |<br>tatastvekaśivaścaiva sarveṣām mūrdhni saṃsthitāḥ ||
'''4.16''' īśvaro atha umābhartā ajeśo ananta eva ca |<br>tatastvekaśivaścaiva sarveṣām mūrdhni saṃsthitāḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Ishvara, Umabharta, Ajesha, Ananta und schließlich Ekashiva stehen an der Spitze und überragen die übrigen Bereiche.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Shrikantha beziehungsweise Umapati wird als machtvoller Lenker der kosmischen Funktionen beschrieben. Oberhalb des Brahmanda folgen weitere Gruppen von Rudras und Welten, darunter die Bereiche verschiedener Gottheiten und Yogasphären. Der Text ordnet die Ebenen in immer feinere, von mächtigen Shiva-Formen beaufsichtigte Bereiche und führt schließlich zu höchsten Welten, die über der gewöhnlichen Prakriti liegen.
 


''' Verse 4.17–4.21 '''
''' Verse 4.17–4.21 '''


'''4.17''' krodheśaścaṇḍa saṃvarto jyotiḥ piṅgala śūrakāḥ |<br>pañcāntakaikavīrau ca śikedaśca tadīśvarāḥ ||
'''4.17''' krodheśaścaṇḍa saṃvarto jyotiḥ piṅgala śūrakāḥ |<br>pañcāntakaikavīrau ca śikedaśca tadīśvarāḥ ||
'''Übersetzung:''' Krodhesha, Chanda, Samvarta, Jyotis, Pingala, Shuraka, Panchantaka, Ekavira und Shikheda werden als Herrscher weiterer hoher Welten genannt.


'''4.18''' aṣṭāvete mahātmāno vīrabhadrāt pare sthitāḥ |<br>śrīkaṇṭhānumatāḥ sarve devānām adhidevatāḥ ||
'''4.18''' aṣṭāvete mahātmāno vīrabhadrāt pare sthitāḥ |<br>śrīkaṇṭhānumatāḥ sarve devānām adhidevatāḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese großen Wesen stehen oberhalb von Virabhadra; mit Shrikanthas Zustimmung sind sie die übergeordneten Gottheiten der Devas.


'''4.19''' ūrdhvatejā mahātejā vāmadevo bhavodbhavau |<br>ekapiṅgekṣaṇeśāna bhuvaneśa puraḥ sarāḥ ||
'''4.19''' ūrdhvatejā mahātejā vāmadevo bhavodbhavau |<br>ekapiṅgekṣaṇeśāna bhuvaneśa puraḥ sarāḥ ||
'''Übersetzung:''' Urdhvatejas, Mahatejas, Vamadeva, Bhavodbhava, Ekapinga, Ekekshana, Ishana und Bhuvanesha stehen an der Spitze der nächsten Sphäre.


'''4.20''' aṅguṣṭmātra sahitā mahādevāṣṭakāḥ śivāḥ |<br>māyāñjana vinirmuktāḥ parameśāna saṃmitāḥ ||
'''4.20''' aṅguṣṭmātra sahitā mahādevāṣṭakāḥ śivāḥ |<br>māyāñjana vinirmuktāḥ parameśāna saṃmitāḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese acht, zusammen als Mahadevas bezeichnet, sind von der Trübung durch Maya befreit und stehen in Übereinstimmung mit dem höchsten Herrn.


'''4.21''' maṇḍalādhipatibhyo atha tattvamārgaḥ pratiṣṭhitaḥ |<br>ūrdhvam bhogakriyāyoge parameśāna bhāṣite ||
'''4.21''' maṇḍalādhipatibhyo atha tattvamārgaḥ pratiṣṭhitaḥ |<br>ūrdhvam bhogakriyāyoge parameśāna bhāṣite ||


 
'''Übersetzung:''' Von den Herren der Mandalas aus ist der Weg der Tattvas geordnet; darüber liegen Bereiche von Erfahrung und Tätigkeit, wie sie vom höchsten Herrn verkündet wurden.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Weitere Gruppen von acht großen Gottheiten werden genannt, die unter Shrikanthas Führung wirken. Oberhalb von ihnen erscheinen die Mahadevas, frei von der Verdunkelung durch Maya und in besonderer Nähe zum höchsten Herrn. So führt der Tattva-Weg von den groben Bereichen hinauf zu immer subtileren Sphären, die mit Erkenntnis und göttlicher Wirkkraft verbunden sind.
 


''' Verse 4.22–4.28 '''
''' Verse 4.22–4.28 '''


'''4.22''' majjāsthi śukla saṃghāta snāyu ca pitṛjam smṛtam |<br>romāṇi lohitam māṃsam mātṛkam trikam ucyate ||
'''4.22''' majjāsthi śukla saṃghāta snāyu ca pitṛjam smṛtam |<br>romāṇi lohitam māṃsam mātṛkam trikam ucyate ||
'''Übersetzung:''' Mark, Knochen, Samen und Sehnen gelten als vom Vater stammend; Haare, Blut und Fleisch werden als die drei vom mütterlichen Anteil stammenden Bestandteile bezeichnet.


'''4.23''' etadannena satatam pānena vivardhitam |<br>sarvam yoni śarīram tu ṣaḍbhiḥ śritamahāhradam ||
'''4.23''' etadannena satatam pānena vivardhitam |<br>sarvam yoni śarīram tu ṣaḍbhiḥ śritamahāhradam ||
'''Übersetzung:''' Durch Nahrung und Trank wächst dieser aus dem Mutterschoß geborene Körper beständig; er ist gleichsam ein großes Becken, das von diesen sechs Strömen gespeist wird.


'''4.24''' pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśam eva ca |<br>śabdaḥ sparśaśca rūpam ca raso gandhaśca pañcamaḥ ||
'''4.24''' pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśam eva ca |<br>śabdaḥ sparśaśca rūpam ca raso gandhaśca pañcamaḥ ||
'''Übersetzung:''' Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum sowie Klang, Berührung, Form, Geschmack und Geruch sind die fünf groben Elemente und die fünf subtilen Sinnesqualitäten.


'''4.25''' pādau pāyurupastham ca karau vāgindriyam tathā |<br>śrotram tvak cakṣuṣī jihvā nāsikā punareva ca ||
'''4.25''' pādau pāyurupastham ca karau vāgindriyam tathā |<br>śrotram tvak cakṣuṣī jihvā nāsikā punareva ca ||
'''Übersetzung:''' Füße, Ausscheidungsorgan, Geschlechtsorgan, Hände und Sprachorgan sind die fünf Handlungsorgane; Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase sind die fünf Erkenntnisorgane.


'''4.26''' ahaṅkārastridhā jñeyā buddhiraṣṭvidhā smṛtā |<br>guṇatrayam ca vijñeyam pradhāna puruṣeśvarāḥ ||
'''4.26''' ahaṅkārastridhā jñeyā buddhiraṣṭvidhā smṛtā |<br>guṇatrayam ca vijñeyam pradhāna puruṣeśvarāḥ ||
'''Übersetzung:''' Ahamkara ist dreifach, Buddhi wird in achtfacher Gestalt beschrieben, und die drei Gunas sind zu erkennen; darüber stehen Pradhana, Purusha und ihr Herr.


'''4.27''' parataśca mahāmāyā vidyeśānā vyavasthitāḥ |<br>sarvavidyā parivṛtaḥ sarvaiśvarya vāridhiḥ ||
'''4.27''' parataśca mahāmāyā vidyeśānā vyavasthitāḥ |<br>sarvavidyā parivṛtaḥ sarvaiśvarya vāridhiḥ ||
'''Übersetzung:''' Jenseits davon liegt Mahamaya, in deren Bereich die Vidyeshvaras geordnet sind; der höchste Vidyeshvara ist von allen Vidyas umgeben und ein Ozean göttlicher Macht.


'''4.28''' jagataḥ pralayotpatti vibhūti nidhiravyayaḥ |<br>māyopari mahāmāyā sarva kāraṇa kāraṇam ||
'''4.28''' jagataḥ pralayotpatti vibhūti nidhiravyayaḥ |<br>māyopari mahāmāyā sarva kāraṇa kāraṇam ||


 
'''Übersetzung:''' Er ist der unvergängliche Schatz der Kräfte für Entstehung und Auflösung der Welt. Oberhalb der unreinen Maya liegt Mahamaya, die Ursache aller Ursachen.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der Text wendet sich dem menschlichen Körper zu: Bestandteile, Elemente, Tanmatras, Handlungs- und Erkenntnisorgane, Ahamkara, Buddhi und Gunas werden als Ausdruck derselben kosmischen Ordnung betrachtet. Über Pradhana und Purusha hinaus liegt Maya. Die höhere Mahamaya wird als ursprüngliche, reine Quelle verstanden, aus der die tieferen Ebenen hervorgehen.
 


''' Verse 4.29–4.39 '''
''' Verse 4.29–4.39 '''


'''4.29''' aṣṭvidyeśvarairyukto vītamāyo nirañjanaḥ |<br>sūkṣmaḥ sarvagato nityo devadevo maheśvaraḥ ||
'''4.29''' aṣṭvidyeśvarairyukto vītamāyo nirañjanaḥ |<br>sūkṣmaḥ sarvagato nityo devadevo maheśvaraḥ ||
'''Übersetzung:''' Dort ist Maheshvara, verbunden mit den acht Vidyeshvaras, frei von Maya und unbefleckt, subtil, alldurchdringend, ewig und der Gott der Götter.


'''4.30''' ananteśaśca sūkṣmaśca tṛtīyaśca śivottamaḥ |<br>ekanetraikarudrau ca trimūrtiścānala dyutiḥ ||
'''4.30''' ananteśaśca sūkṣmaśca tṛtīyaśca śivottamaḥ |<br>ekanetraikarudrau ca trimūrtiścānala dyutiḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese Vidyeshvaras sind Anantesha, Sukshma, Shivottama, Ekanetra, Ekarudra, Trimurti von feurigem Glanz –


'''4.31''' śrīkaṇṭhaśca śikhaṅḍī ca sūryakoṭi samaprabhau |<br>vidyeśāstu mahātmānaḥ śivaśakti samanvitāḥ ||
'''4.31''' śrīkaṇṭhaśca śikhaṅḍī ca sūryakoṭi samaprabhau |<br>vidyeśāstu mahātmānaḥ śivaśakti samanvitāḥ ||
'''Übersetzung:''' Shrikantha und Shikhandin, strahlend wie zehn Millionen Sonnen. Diese großen Vidyeshvaras sind mit Shivas Kraft verbunden.


'''4.32''' tisrastu śaktayo jñeyāḥ kāraṇasyāvyayātmanaḥ |<br>vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca śaktayaḥ samudāhṛtāḥ ||
'''4.32''' tisrastu śaktayo jñeyāḥ kāraṇasyāvyayātmanaḥ |<br>vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca śaktayaḥ samudāhṛtāḥ ||
'''Übersetzung:''' Drei Shaktis des unvergänglichen höchsten Ursprungs sind zu erkennen: Vama, Jyeshtha und Raudri.


'''4.33''' jñānaśaktiḥ kriyāśaktiḥ śaktidvayam anantaram |<br>jñanaśaktiḥ śivā nityasṛṣṭsamhārakṛt kriyā ||
'''4.33''' jñānaśaktiḥ kriyāśaktiḥ śaktidvayam anantaram |<br>jñanaśaktiḥ śivā nityasṛṣṭsamhārakṛt kriyā ||
'''Übersetzung:''' Daneben bestehen Jnana Shakti und Kriya Shakti. Die Kraft des Wissens ist immer mit Shiva verbunden; die Kraft des Handelns bewirkt Schöpfung, Erhaltung, Auflösung und die übrigen kosmischen Funktionen.


'''4.34''' sadyo vāmo apyaghoraśca puruṣeśāna eva ca |<br>sakalastu śivo hyeṣa niṣkalastu sadāśivaḥ ||
'''4.34''' sadyo vāmo apyaghoraśca puruṣeśāna eva ca |<br>sakalastu śivo hyeṣa niṣkalastu sadāśivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana sind seine fünf großen Mantra-Aspekte. In manifestierter Gestalt ist er Sakala-Shiva, in transzendenter Gestalt Nishkala-Sadashiva.


'''4.35''' sakalam niṣkalam caiva yo hi vetti sadāśivam |<br>saṃsārāddhi vinirmuktaḥ śivamevādhi gacchati ||
'''4.35''' sakalam niṣkalam caiva yo hi vetti sadāśivam |<br>saṃsārāddhi vinirmuktaḥ śivamevādhi gacchati ||
'''Übersetzung:''' Wer Sadashiva in seiner manifesten und unmanifesten Wirklichkeit erkennt, wird aus dem Samsara befreit und gelangt zu Shiva selbst.


'''4.36''' sarvajñaḥ sarvakartā ca śivaḥ śakti samanvitaḥ |<br>vidyārājādhirājeśo jagadbhramayatīcchayā ||
'''4.36''' sarvajñaḥ sarvakartā ca śivaḥ śakti samanvitaḥ |<br>vidyārājādhirājeśo jagadbhramayatīcchayā ||
'''Übersetzung:''' Shiva ist allwissend und allwirkend, untrennbar mit Shakti verbunden; als Herr über die Könige der Vidya bewegt er die Welt durch seinen Willen.


'''4.37''' apāvṛttaḥ susampūrṇaḥ śuddhastvātmā vyavasthitaḥ |<br>paraḥ parama nirvāṇo hyavyayaḥ paramaḥ śivaḥ ||
'''4.37''' apāvṛttaḥ susampūrṇaḥ śuddhastvātmā vyavasthitaḥ |<br>paraḥ parama nirvāṇo hyavyayaḥ paramaḥ śivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Von allen Verhüllungen befreit, vollkommen erfüllt und rein, ruht das Selbst in seiner eigenen Wirklichkeit; es gelangt zum höchsten Nirvana, zum unvergänglichen höchsten Shiva.


'''4.38''' enam yajanti munayo guhyamantrair mahamakhaiḥ |<br>mantrapuṣpopahāreṇa śivam parama mānasam ||
'''4.38''' enam yajanti munayo guhyamantrair mahamakhaiḥ |<br>mantrapuṣpopahāreṇa śivam parama mānasam ||
'''Übersetzung:''' Die Weisen verehren ihn mit geheimen Mantras und großen Opferhandlungen, indem sie Shiva, der im höchsten inneren Bewusstsein gegenwärtig ist, Mantra-Blumen darbringen.


'''4.39''' iṣṭvā paramasadbhāvam śivatantra viduttamam |<br>kāraṇeśāna kamalam śivamabhyeti sādhakaḥ ||
'''4.39''' iṣṭvā paramasadbhāvam śivatantra viduttamam |<br>kāraṇeśāna kamalam śivamabhyeti sādhakaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Wer die höchste Wirklichkeit in rechter Weise verehrt und das Shiva-Tantra erkannt hat, gelangt zu Shiva, der wie eine Lotusblüte im innersten Ursprung des Herzens gegenwärtig ist.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Im reinen Bereich stehen die acht Vidyeshvaras unter Shiva. Drei Shaktis - Vama, Jyeshtha und Raudri - sowie Jnana Shakti und Kriya Shakti werden unterschieden. Die fünf großen Shiva-Mantras Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana bilden den Mantra-Körper des Herrn. Wer Shiva zugleich als Sakala und Nishkala, als manifest und transzendent, erkennt, wird vom Samsara frei. Shiva ist allwissend, allwirkend und untrennbar mit Shakti verbunden; die Weisen verehren ihn durch Mantra, Opfer und innere Ausrichtung, bis der Sadhaka zur Einheit mit ihm gelangt.
 


''' Verse 4.40–4.47 '''
''' Verse 4.40–4.47 '''


'''4.40''' mantradīkṣādhvara snāto mantrālaṅkāra vigrahaḥ |<br>dhyayet pañca mahāmantra tanumīśānam avyayam ||
'''4.40''' mantradīkṣādhvara snāto mantrālaṅkāra vigrahaḥ |<br>dhyayet pañca mahāmantra tanumīśānam avyayam ||
'''Übersetzung:''' Durch Mantra, Diksha und Opfer gereinigt und seinen Körper mit Mantra-Nyasa geschmückt, soll der Sadhaka über Ishana meditieren, dessen Leib aus den fünf großen Mantras besteht und der unvergänglich ist.


'''4.41''' pradhāna puruṣeśānam hṛdvyoma saṃsthitam |<br>śuddhasphaṭika saṃkāśam adhūmajyoti rūpiṇam ||
'''4.41''' pradhāna puruṣeśānam hṛdvyoma saṃsthitam |<br>śuddhasphaṭika saṃkāśam adhūmajyoti rūpiṇam ||
'''Übersetzung:''' Er soll ihn als den Herrn über Pradhana und Purusha meditieren, im Raum des Herzens gegenwärtig, klar wie reiner Kristall und leuchtend wie rauchloses Licht.


'''4.42''' sarvajīva kalāvyāpi sarvajñam sarvatomukham |<br>tatstho līnasvatattvena tām kalām cintayet sadā ||
'''4.42''' sarvajīva kalāvyāpi sarvajñam sarvatomukham |<br>tatstho līnasvatattvena tām kalām cintayet sadā ||
'''Übersetzung:''' Diese göttliche Kala durchdringt die Kräfte aller Lebewesen, ist allwissend und in alle Richtungen gegenwärtig. In ihr gegründet und in sein eigenes Wesen versunken, soll der Sadhaka beständig über sie meditieren.


'''4.43''' sarvāñjana vinirmuktam śivaśakti kalaidhitam |<br>ātmatattvam idam śuddham sādhakānām prakīrtitam ||
'''4.43''' sarvāñjana vinirmuktam śivaśakti kalaidhitam |<br>ātmatattvam idam śuddham sādhakānām prakīrtitam ||
'''Übersetzung:''' Frei von jeder Verunreinigung und von den Kräften Shivas und Shaktis erfüllt, wird diese reine Wirklichkeit als das Atma-Tattva der Sadhakas bezeichnet.


'''4.44''' aṇimādi guṇairyuktā yogaiśvaryāvalambitāḥ |<br>yāvatyaḥ kathitā vidyā sarvāḥ śivakalānvitāḥ ||
'''4.44''' aṇimādi guṇairyuktā yogaiśvaryāvalambitāḥ |<br>yāvatyaḥ kathitā vidyā sarvāḥ śivakalānvitāḥ ||
'''Übersetzung:''' Alle Vidyas, die gelehrt werden, sind mit den Kalas Shivas verbunden, mit Kräften wie Anima ausgestattet und von yogischer Herrschaftskraft getragen.


'''4.45''' śivaśakti kalāḥ sarvāḥ etāḥ sarvajña bhāṣitāḥ |<br>yo mokṣasukhaiśvarya dhanavīryapradāḥ śubhāḥ ||
'''4.45''' śivaśakti kalāḥ sarvāḥ etāḥ sarvajña bhāṣitāḥ |<br>yo mokṣasukhaiśvarya dhanavīryapradāḥ śubhāḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese Kalas von Shiva und Shakti wurden vom Allwissenden verkündet; sie sind segensreich und verleihen Befreiung, Glück, göttliche Macht, Wohlstand und Kraft.


'''4.46''' vidyātattvam idam puṃsām tṛtīyam sarvakāmikam |<br>śivatattva vidhānajño jñatvā siddhyati netaraḥ ||
'''4.46''' vidyātattvam idam puṃsām tṛtīyam sarvakāmikam |<br>śivatattva vidhānajño jñatvā siddhyati netaraḥ ||
'''Übersetzung:''' Dies ist das Vidya-Tattva, das den Menschen alle erwünschten Güter schenken kann. Nur wer die Ordnung des Shiva-Tattva erkennt, gelangt zur Vollendung, nicht der andere.


'''4.47''' śivātmavidyā tattvāni trīṇyetān yanupūrvaśaḥ |<br>viditvā sādhakaḥ kṣipram mantrasiddhim avāpnuyāt ||
'''4.47''' śivātmavidyā tattvāni trīṇyetān yanupūrvaśaḥ |<br>viditvā sādhakaḥ kṣipram mantrasiddhim avāpnuyāt ||


 
'''Übersetzung:''' Wer diese drei – das reine Atma-Tattva, das reine Vidya-Tattva und das Shiva-Tattva – in ihrer Reihenfolge erkennt, erlangt rasch Mantra-Siddhi.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der Eingeweihte soll den aus den fünf großen Mantras gebildeten Shiva im Herzraum meditieren: klar wie reiner Kristall, lichtvoll und jenseits der Tattvas. In der Vertiefung erkennt er eine reine Kala, die alles Lebendige durchdringt und von Shivas Kraft erfüllt ist. Diese reine Wirklichkeit wird als Atma-Tattva und Vidya-Tattva beschrieben. Die damit verbundenen Kalas tragen yogische Kräfte; ihr höchstes Ziel ist jedoch Befreiung und die Verwirklichung des Shiva-Tattva.
 


''' Verse 4.48–4.52 '''
''' Verse 4.48–4.52 '''


'''4.48''' parārdhāḥ pañca vikhyātā vidyeśa vadanodgatāḥ |<br>vidhikriye kālayogau śivaśceti samāsataḥ ||
'''4.48''' parārdhāḥ pañca vikhyātā vidyeśa vadanodgatāḥ |<br>vidhikriye kālayogau śivaśceti samāsataḥ ||
'''Übersetzung:''' Die aus dem Mund des Vidyeshvara hervorgegangene Lehre wird in fünf große Bereiche gegliedert: Vidhi, Kriya, Kala, Yoga und Shiva.


'''4.49''' śivaḥ kalā rāga vidye puruṣo avyaktam eva ca |<br>guṇabuddhirahaṅkāras tanmātrāṇīndriyāṇi ca ||
'''4.49''' śivaḥ kalā rāga vidye puruṣo avyaktam eva ca |<br>guṇabuddhirahaṅkāras tanmātrāṇīndriyāṇi ca ||
'''Übersetzung:''' Shiva, Kala, Raga, Vidya, Purusha, Avyakta, Guna, Buddhi und Ahamkara sowie die Tanmatras und die Sinnesorgane –


'''4.50''' mahābhūtāni cāpyatra pṛthivyantāni pañca ca |<br>eṣām saṃkhyā samākhyātā śivatattvarthakovidaiḥ ||
'''4.50''' mahābhūtāni cāpyatra pṛthivyantāni pañca ca |<br>eṣām saṃkhyā samākhyātā śivatattvarthakovidaiḥ ||
'''Übersetzung:''' und die fünf groben Elemente bis hin zur Erde: So wird ihre Zahl von den Kennern der Bedeutung des Shiva-Tattva erklärt.


'''4.51''' śivatantra mahāvidyā susaṃskṛta mahādhiyaḥ |<br>śivānala mahājvālā dagdha bījāḥ sukevalāḥ ||
'''4.51''' śivatantra mahāvidyā susaṃskṛta mahādhiyaḥ |<br>śivānala mahājvālā dagdha bījāḥ sukevalāḥ ||
'''Übersetzung:''' Durch die große Vidya des Shiva-Tantra wird der Geist der Sadhakas vollkommen veredelt; im mächtigen Feuer Shivas werden die Samen des Karma verbrannt, sodass nur das reine Wesen bleibt.


'''4.52''' pārameśānakiraṇa prakāśīkṛta cakṣuṣaḥ |<br>sādhakāḥ paramam śāntam praviśanti tanukṣye ||
'''4.52''' pārameśānakiraṇa prakāśīkṛta cakṣuṣaḥ |<br>sādhakāḥ paramam śāntam praviśanti tanukṣye ||


 
'''Übersetzung:''' Ihre Augen werden durch die Strahlen des höchsten Herrn erleuchtet; wenn der Körper vergeht, treten diese Sadhakas in den höchsten Frieden ein.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Überlieferung gliedert ihre Lehre in große Bereiche wie Vidhi, Kriya, Kala, Yoga und Shiva. Der Text zählt seine Tattvas in einer eigenen, verdichteten Ordnung auf. Wer sein Bewusstsein durch die große Vidya der Shiva-Tantras verfeinert, verbrennt die Samen des Karma im Feuer der Shiva-Erkenntnis. Von den Strahlen des höchsten Herrn erhellt, tritt der Sadhaka beim Ende des Körpers in höchsten Frieden ein.
 


=== 5. Mudrā Lakṣaṇam – Die Mudras ===
=== 5. Mudrā Lakṣaṇam – Die Mudras ===
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'''5.1''' athātaḥ saṃpravakṣyāmi guhya mudrāḥ śivodbhavāḥ |<br>prayujyante arcana vidhau balikarma japeṣu ca ||
'''5.1''' athātaḥ saṃpravakṣyāmi guhya mudrāḥ śivodbhavāḥ |<br>prayujyante arcana vidhau balikarma japeṣu ca ||
'''Übersetzung:''' Nun werde ich die geheimen, von Shiva hervorgebrachten Mudras erklären, die bei Verehrung, Bali-Ritualen, Japa und anderen heiligen Handlungen verwendet werden.


'''5.2''' namaskāro dhvajaścaiva tathā ca śaśakarṇikā |<br>mukulā padma mudrā ca tathā cāvāhinī bhavet ||
'''5.2''' namaskāro dhvajaścaiva tathā ca śaśakarṇikā |<br>mukulā padma mudrā ca tathā cāvāhinī bhavet ||
'''Übersetzung:''' Es sind die Namaskara-Mudra, Dhvaja-Mudra, Shashakarnika, Mukula, Padma und Avahani –


'''5.3''' niṣṭhurā kālakaṇṭhī ca liṅgamudrā tathaiva ca |<br>atha vakṣye lakṣaṇāni mudraṇām anupūrvaśaḥ ||
'''5.3''' niṣṭhurā kālakaṇṭhī ca liṅgamudrā tathaiva ca |<br>atha vakṣye lakṣaṇāni mudraṇām anupūrvaśaḥ ||
'''Übersetzung:''' ferner Nishthura, Kalakanthi und die Linga-Mudra. Nun werde ich ihre Merkmale der Reihe nach erläutern.


'''5.4''' namaskāreṇa vandeta dhvajena dhyānam ācaret |<br>śaśakarṇyā niyujyeta mukulyā cāsanākṛtiḥ ||
'''5.4''' namaskāreṇa vandeta dhvajena dhyānam ācaret |<br>śaśakarṇyā niyujyeta mukulyā cāsanākṛtiḥ ||
'''Übersetzung:''' Mit der Namaskara-Mudra verehrt man; mit der Dhvaja-Mudra beginnt man die Meditation. Shashakarnika stellt die Verbindung her, und Mukula formt den Sitz.


'''5.5''' āsanam kalpayedatra kramaśaḥ padma mudrayā |<br>āvāhanyāvāhanam ca deveśasya prayojayet ||
'''5.5''' āsanam kalpayedatra kramaśaḥ padma mudrayā |<br>āvāhanyāvāhanam ca deveśasya prayojayet ||
'''Übersetzung:''' Darauf wird mit der Padma-Mudra der Sitz bereitet; mit Avahani ruft man den Herrn der Götter herbei.


'''5.6''' niṣṭhurayā niruddhyeta vighnotsāraṇam eva ca |<br>kālakaṇṭhyā prayuñjīta śivapūjā prabodhakā ||
'''5.6''' niṣṭhurayā niruddhyeta vighnotsāraṇam eva ca |<br>kālakaṇṭhyā prayuñjīta śivapūjā prabodhakā ||


 
'''Übersetzung:''' Mit Nishthura wird seine Gegenwart gefestigt und Hindernisse werden abgewehrt; Kalakanthi wird zur Vollendung und Bekräftigung der Shiva-Puja verwendet.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der fünfte Abschnitt lehrt geheime Mudras, die in Verehrung, Bali und Japa eingesetzt werden. Genannt werden unter anderem Namaskara-, Dhvaja-, Shashakarnika-, Mukula-, Padma-, Avahana-, Nishthura-, Kalakanthi- und Linga-Mudra. Jede Geste hat eine bestimmte Funktion: Verehrung, Meditation, Einladung der göttlichen Gegenwart, Festigung des heiligen Raumes oder Abschluss der Puja.
 


''' Verse 5.7–5.17 '''
''' Verse 5.7–5.17 '''


'''5.7''' yojanā liṅgamudrāyāḥ śivarūpe hyudāhṛtāḥ |<br>hṛddeśe tu nipīḍyeta hastayorubhayostalam ||
'''5.7''' yojanā liṅgamudrāyāḥ śivarūpe hyudāhṛtāḥ |<br>hṛddeśe tu nipīḍyeta hastayorubhayostalam ||
'''Übersetzung:''' Die Linga-Mudra wird in Verbindung mit der Gestalt Shivas gebraucht. Für die Namaskara-Mudra drückt man beide Handflächen vor dem Herzraum aneinander.


'''5.8''' namaskārā tu vijñeyā mantriṇā mantra vandane |<br>vāmahastasya grīvāyām tarjanīṃ dakṣiṇena tu ||
'''5.8''' namaskārā tu vijñeyā mantriṇā mantra vandane |<br>vāmahastasya grīvāyām tarjanīṃ dakṣiṇena tu ||
'''Übersetzung:''' So wird die Namaskara-Mudra beim Verehren mit Mantra ausgeführt. Für die Dhvaja-Mudra wird die linke Hand im Bereich des Halses gehalten und mit der rechten der Zeigefinger entsprechend geführt.


'''5.9''' aṅguṣṭham unnatam kṛtvā dhvajena dhyānam ārabhet |<br>maṇibandham nipīḍyaiva hastayorubhayorapi ||
'''5.9''' aṅguṣṭham unnatam kṛtvā dhvajena dhyānam ārabhet |<br>maṇibandham nipīḍyaiva hastayorubhayorapi ||
'''Übersetzung:''' Der Daumen wird aufgerichtet; mit dieser Dhvaja-Mudra beginnt die Meditation. Für Shashakarnika werden die Handgelenke und Hände zusammengeführt.


'''5.10''' aṅguṣṭhām tarjanīm caiva tvekām ekatra yojayet |<br>uttānau tu karau kṛtvā darśayec chaśa karṇikām ||
'''5.10''' aṅguṣṭhām tarjanīm caiva tvekām ekatra yojayet |<br>uttānau tu karau kṛtvā darśayec chaśa karṇikām ||
'''Übersetzung:''' Daumen und Zeigefinger beider Hände werden jeweils miteinander verbunden; mit nach oben gerichteten Händen zeigt man so die Shashakarnika-Mudra.


'''5.11''' añjalim niyatām kṛtvā hṛddeśe tu samāhitām |<br>aṅguṣṭhau tu nipīḍyete madhyato nibiḍāṅgulim ||
'''5.11''' añjalim niyatām kṛtvā hṛddeśe tu samāhitām |<br>aṅguṣṭhau tu nipīḍyete madhyato nibiḍāṅgulim ||
'''Übersetzung:''' Für Avahani formt man vor dem Herzen eine gesammelte Anjali-Haltung; die Daumen werden nach innen gedrückt, die übrigen Finger liegen eng beieinander.


'''5.12''' āvāhanī prayoktavyā devadevasya cāsane |<br>nipīḍayettathāṅguṣṭhau hastayorubhayorapi ||
'''5.12''' āvāhanī prayoktavyā devadevasya cāsane |<br>nipīḍayettathāṅguṣṭhau hastayorubhayorapi ||
'''Übersetzung:''' Diese Avahani-Mudra wird beim Anbieten des Sitzes für den Gott der Götter verwendet. Für Nishthura werden die Daumen in beiden Händen fest eingeschlossen.


'''5.13''' tayoścābhimukham kṛtvā niṣṭhurām ca prayojayet |<br>aṅguṣṭhau tu natau kṛtva hastayorubhayorapi ||
'''5.13''' tayoścābhimukham kṛtvā niṣṭhurām ca prayojayet |<br>aṅguṣṭhau tu natau kṛtva hastayorubhayorapi ||
'''Übersetzung:''' Die so gebildeten Hände werden der Gottheit zugewandt; dies ist die Nishthura-Mudra. Für Kalakanthi werden die Daumen beider Hände gebeugt.


'''5.14''' ubhau cābhimukhau kṛtvā kālakaṇṭhīm prayojayet |<br>aṅguṣṭhau unnatam kṛtvā muṣṭim pāṇau tu dakṣiṇe ||
'''5.14''' ubhau cābhimukhau kṛtvā kālakaṇṭhīm prayojayet |<br>aṅguṣṭhau unnatam kṛtvā muṣṭim pāṇau tu dakṣiṇe ||
'''Übersetzung:''' Beide Hände werden zum Praktizierenden hin ausgerichtet; so wird Kalakanthi gezeigt. Für die Linga-Mudra wird der rechte Daumen aufgerichtet und die rechte Hand zur Faust geschlossen.


'''5.15''' prakṣipeddhastamadhye tu vāmahastasya mantravit |<br>dakṣiṇe tu tathā pāṇau śeṣāḥ kuryāt tathopari ||
'''5.15''' prakṣipeddhastamadhye tu vāmahastasya mantravit |<br>dakṣiṇe tu tathā pāṇau śeṣāḥ kuryāt tathopari ||
'''Übersetzung:''' Der Kenner des Mantras legt diese Faust in die linke Hand und umfasst sie von außen mit den Fingern der linken Hand.


'''5.16''' liṅgamudrā mahāvīryā vijñeyā śivapūjane |<br>etāeva mahāmudrāḥ śivasya paramātmanaḥ ||
'''5.16''' liṅgamudrā mahāvīryā vijñeyā śivapūjane |<br>etāeva mahāmudrāḥ śivasya paramātmanaḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese kraftvolle Linga-Mudra ist in der Shiva-Puja zu verwenden. Dies sind die großen Mudras des höchsten Selbst Shiva.


'''5.17''' ānupūrvyā prayoktavyā mantraṇām ca viśeṣataḥ |<br>ityetāḥ sādhaka vidhau guhyamantrāḥ prakīrtitāḥ ||
'''5.17''' ānupūrvyā prayoktavyā mantraṇām ca viśeṣataḥ |<br>ityetāḥ sādhaka vidhau guhyamantrāḥ prakīrtitāḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Sie sollen in der überlieferten Reihenfolge und besonders in Verbindung mit den entsprechenden Mantras gebraucht werden. So sind die geheimen Mantra-Mudras für die Praxis des Sadhaka erklärt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Handstellungen werden körperlich beschrieben und mit ihrer rituellen Funktion verbunden. Namaskara wird vor dem Herzen gehalten; Dhvaja begleitet Meditation; weitere Gesten formen Sitz, Einladung, Schutz und Abschluss. Die Linga-Mudra symbolisiert die Gegenwart Shivas. Der Abschnitt macht deutlich: Mudra ist im Agama keine dekorative Geste, sondern ein verkörpertes Mantra, das im rituellen Zusammenhang und in Verbindung mit der entsprechenden inneren Haltung wirksam wird.
 


''' Belegte Mudra-Mantras '''
''' Belegte Mudra-Mantras '''
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'''6.1''' athabrahmamayam guhyam śivakāyātma saṃsthitam |<br>kalābhedam pravakṣyāmi tacchṛṇudhvam yathākramam ||
'''6.1''' athabrahmamayam guhyam śivakāyātma saṃsthitam |<br>kalābhedam pravakṣyāmi tacchṛṇudhvam yathākramam ||
'''Übersetzung:''' Nun werde ich die geheime, ganz von Brahman erfüllte und im göttlichen Leib Shivas gegründete Unterscheidung der Kalas erklären. Hört sie in der rechten Reihenfolge.


'''6.2''' aṣṭau trayodaśāṣṭau ca catasraḥ pañca eva ca |<br>pañcānāmānupūrvyeṇa kalābhinnā yathākramam ||
'''6.2''' aṣṭau trayodaśāṣṭau ca catasraḥ pañca eva ca |<br>pañcānāmānupūrvyeṇa kalābhinnā yathākramam ||
'''Übersetzung:''' Acht, dreizehn, acht, vier und fünf – so verteilen sich die Kalas in der Reihenfolge der fünf großen Brahma-Mantras.


'''6.3''' tāḥ pravakṣyāmyaśeṣeṇa kalāḥ śaivāgamasthitāḥ |<br>sadyaḥ kalābhiraṣṭabhirvāmadeve trayodaśa ||
'''6.3''' tāḥ pravakṣyāmyaśeṣeṇa kalāḥ śaivāgamasthitāḥ |<br>sadyaḥ kalābhiraṣṭabhirvāmadeve trayodaśa ||
'''Übersetzung:''' Diese im Shaiva-Agama überlieferten Kalas werde ich vollständig erklären: Sadyojata besitzt acht, Vamadeva dreizehn –


'''6.4''' aghoramapi cāṣṭābhiścatasraḥ puruṣe tathā |<br>īśānam pañcadhā bhittvā sakalam vinyasecchivam ||
'''6.4''' aghoramapi cāṣṭābhiścatasraḥ puruṣe tathā |<br>īśānam pañcadhā bhittvā sakalam vinyasecchivam ||
'''Übersetzung:''' Aghora acht, Tatpurusha vier und Ishana fünf. Indem man Ishana fünffach entfaltet, vollzieht man den Nyasa des ganzen Shiva.


'''6.5''' ācāryeca śive agnau ca kalāḥ hyetāḥ prayojayet |<br>sadyojātaśca sadyaśca bhavaścābhava eva ca ||
'''6.5''' ācāryeca śive agnau ca kalāḥ hyetāḥ prayojayet |<br>sadyojātaśca sadyaśca bhavaścābhava eva ca ||
'''Übersetzung:''' Diese Kalas sind beim Acharya, bei Shiva und im heiligen Feuer anzuwenden. Zu Sadyojata gehören Sadyojata, Sadya, Bhava und Abhava –


'''6.6''' tathānādibhavaścaiva bhajasveti bhavodbhavau |<br>vāmo jyaṣṭhaśca rudraśca kālaścaiva kalastathā ||
'''6.6''' tathānādibhavaścaiva bhajasveti bhavodbhavau |<br>vāmo jyaṣṭhaśca rudraśca kālaścaiva kalastathā ||
'''Übersetzung:''' sowie Anadibhava, Bhajasva, Bhava und Udbhava. Zu Vamadeva gehören Vama, Jyeshtha, Rudra, Kala und Kala –


'''6.7''' vikaraṇaśca balaścaiva vikaraṇo atha balastathā |<br>pramatho damanaścaiva manaśconmana eva ca ||
'''6.7''' vikaraṇaśca balaścaiva vikaraṇo atha balastathā |<br>pramatho damanaścaiva manaśconmana eva ca ||
'''Übersetzung:''' Vikarana, Bala, erneut Vikarana und Bala, Pramathana, Damana, Mana und Unmana.


'''6.8''' aghoraścātha ghoraśca ghoro ghorataras tathā |<br>sarvataḥ sarvarudraśca rūpaśca hṛdayam viduḥ ||
'''6.8''' aghoraścātha ghoraśca ghoro ghorataras tathā |<br>sarvataḥ sarvarudraśca rūpaśca hṛdayam viduḥ ||
'''Übersetzung:''' Zu Aghora gehören Aghora, Athaghora, Ghora, Ghoratara, Sarva, Sarvarudra, Rupa und Hridaya.


'''6.9''' tatpuruṣo mahādevo rudraśceti pracodayāt |<br>catvāryetāni vaktrāṇi kalpayenniyataḥ śuciḥ ||
'''6.9''' tatpuruṣo mahādevo rudraśceti pracodayāt |<br>catvāryetāni vaktrāṇi kalpayenniyataḥ śuciḥ ||
'''Übersetzung:''' Zu Tatpurusha gehören die vier Mantra-Glieder Tatpurusha, Mahadeva, Rudra und Prachodayat; der gereinigte Sadhaka ordnet sie den vier Gesichtern zu.


'''6.10''' īśāna īśvaro brahmā śivaśceti sadāśivaḥ |<br>mūrdhānam pañcadhā bhittvā śivasya parikalpayet ||
'''6.10''' īśāna īśvaro brahmā śivaśceti sadāśivaḥ |<br>mūrdhānam pañcadhā bhittvā śivasya parikalpayet ||


 
'''Übersetzung:''' Zu Ishana gehören Ishana, Ishvara, Brahma, Shiva und Sadashiva; damit wird der Kopf Shivas in fünf Bereiche gegliedert.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der sechste Abschnitt entfaltet die achtunddreißig Kalas der fünf Brahma-Mantras. Sadyojata besitzt acht, Vamadeva dreizehn, Aghora acht, Tatpurusha vier und Ishana fünf Kalas. Diese Mantra-Kräfte werden als Glieder des göttlichen Körpers Sadashivas verstanden und in Nyasa-Praxis auf Körper, Gottheit und heiliges Feuer bezogen.
 


''' Verse 6.11–6.21 '''
''' Verse 6.11–6.21 '''


'''6.11''' sadyadvayena pādau tu hastau cāpi bhavābhavau |<br>nāśanādibhavaścaiva bhajasveti c vai śiraḥ ||
'''6.11''' sadyadvayena pādau tu hastau cāpi bhavābhavau |<br>nāśanādibhavaścaiva bhajasveti c vai śiraḥ ||
'''Übersetzung:''' Die beiden Sadyojata-Kalas werden den Füßen zugeordnet, Bhava und Abhava den Händen, Anadibhava der Nase und Bhajasva dem Kopf.


'''6.12''' bhavodbhavau tu bāhū tu hyubhāvetau prakīrtitau |<br>sadyomūrti kalāhyetāḥ śivasya paramātmanaḥ ||
'''6.12''' bhavodbhavau tu bāhū tu hyubhāvetau prakīrtitau |<br>sadyomūrti kalāhyetāḥ śivasya paramātmanaḥ ||
'''Übersetzung:''' Bhava und Udbhava werden den beiden Armen zugeordnet. Dies sind die Kalas der Sadyojata-Gestalt des höchsten Shiva.


'''6.13''' vāmadevam nyasedguhye jyeṣṭham liṅge prakalpayet |<br>tasyorū rudrakālau tu nityameva vinirdiśet ||
'''6.13''' vāmadevam nyasedguhye jyeṣṭham liṅge prakalpayet |<br>tasyorū rudrakālau tu nityameva vinirdiśet ||
'''Übersetzung:''' Vamadeva wird dem verborgenen Bereich, Jyeshtha dem Linga zugeordnet; Rudra und Kala werden den beiden Oberschenkeln zugewiesen.


'''6.14''' kalavikaraṇau devau jānunī tasya kīrtitāḥ |<br>śivasya janghe dvāvetau balo vikaraṇas tathā ||
'''6.14''' kalavikaraṇau devau jānunī tasya kīrtitāḥ |<br>śivasya janghe dvāvetau balo vikaraṇas tathā ||
'''Übersetzung:''' Kala und Vikarana werden den Knien, Bala und Vikarana den beiden Unterschenkeln Shivas zugeordnet.


'''6.15''' balaḥ pramathanaścaiva sphicāvetau prakīrtitau |<br>damanaśca kaṭiḥ pārśve manaśconmana eva ca ||
'''6.15''' balaḥ pramathanaścaiva sphicāvetau prakīrtitau |<br>damanaśca kaṭiḥ pārśve manaśconmana eva ca ||
'''Übersetzung:''' Bala und Pramathana werden den beiden Gesäßseiten zugeordnet; Damana der Hüfte, Mana und Unmana den beiden Körperseiten.


'''6.16''' vāmadeva kalāhyetāḥ guhyāṅgeṣu prakīrtitāḥ |<br>aghoro hṛdayam athāghoro grivā prakīrtitāḥ ||
'''6.16''' vāmadeva kalāhyetāḥ guhyāṅgeṣu prakīrtitāḥ |<br>aghoro hṛdayam athāghoro grivā prakīrtitāḥ ||
'''Übersetzung:''' So werden die Kalas Vamadevas den verborgenen Körperbereichen zugeordnet. Bei Aghora entspricht Aghora dem Herzen und Athaghora dem Hals.


'''6.17''' ghoro ghorataraścaiva tasyāṃsau tu prakīrtitau |<br>sarvo nābhiśca vijñeyaḥ sarvo asya jaṭharam bhavet ||
'''6.17''' ghoro ghorataraścaiva tasyāṃsau tu prakīrtitau |<br>sarvo nābhiśca vijñeyaḥ sarvo asya jaṭharam bhavet ||
'''Übersetzung:''' Ghora und Ghoratara werden den beiden Schultern zugeordnet; Sarva entspricht dem Nabel und Sarvasarva dem Bauch.


'''6.18''' rūpānyurasi sarvāṇi pṛṣṭhe rudram vinirdiśet |<br>aghorasya kalānyāsaḥ sakalasya prakīrtitaḥ ||
'''6.18''' rūpānyurasi sarvāṇi pṛṣṭhe rudram vinirdiśet |<br>aghorasya kalānyāsaḥ sakalasya prakīrtitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Rupa wird der Brust und Rudra dem Rücken zugeordnet. So ist der Kala-Nyasa Aghoras am vollständigen Leib beschrieben.


'''6.19''' vaktram tatpuruṣaḥ pūrvam mahādevaśca paśimam |<br>rudro dakṣiṇataścaiva pracodaśca tathottaram ||
'''6.19''' vaktram tatpuruṣaḥ pūrvam mahādevaśca paśimam |<br>rudro dakṣiṇataścaiva pracodaśca tathottaram ||
'''Übersetzung:''' Beim Tatpurusha-Nyasa entspricht Tatpurusha dem östlichen Gesicht, Mahadeva dem westlichen, Rudra dem südlichen und Prachodayat dem nördlichen.


'''6.20''' catvāryetāni vaktrāṇi kalpayenniyataḥ śuciḥ |<br>īśānaḥ pūrvamūrdhānam īśvaraścaiva dakṣiṇam ||
'''6.20''' catvāryetāni vaktrāṇi kalpayenniyataḥ śuciḥ |<br>īśānaḥ pūrvamūrdhānam īśvaraścaiva dakṣiṇam ||
'''Übersetzung:''' Der reine, gesammelte Sadhaka soll diese vier Gesichter so vorstellen. Beim Ishana-Nyasa entspricht Ishana dem östlichen Teil des Hauptes und Ishvara dem südlichen.


'''6.21''' brahma paścimataścaiva śivaśceti tathottaram |<br>sadāśivastathordhvam tu pañcadhā parikalpayet ||
'''6.21''' brahma paścimataścaiva śivaśceti tathottaram |<br>sadāśivastathordhvam tu pañcadhā parikalpayet ||


 
'''Übersetzung:''' Brahma wird dem Westen, Shiva dem Norden und Sadashiva der oberen Richtung zugeordnet; so wird das Haupt fünffach vorgestellt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die einzelnen Kalas werden bestimmten Körperbereichen zugeordnet: Füßen, Händen, Kopf, Schultern, geheimen Körperzonen, Herz, Hals, Nabel, Rücken und den vier beziehungsweise fünf Gesichtern Shivas. Die Praxis verbindet Mantra, Körper und Vorstellungskraft zu einer sakralen Ganzheit. Der Körper des Sadhaka wird dadurch als ein Ort der Gegenwart Shivas erfahren.
 


''' Verse 6.22–6.23 '''
''' Verse 6.22–6.23 '''


'''6.22''' eṣa ittham kriyākāle dhyāyinām sakalaḥ śivaḥ |<br>yo vettyevam śivam devam kriyākāle maheśvaram ||
'''6.22''' eṣa ittham kriyākāle dhyāyinām sakalaḥ śivaḥ |<br>yo vettyevam śivam devam kriyākāle maheśvaram ||
'''Übersetzung:''' Auf diese Weise erscheint Shiva während des Rituals den Meditierenden als Sakala, als vollständig manifestierte Gestalt. Wer Maheshvara in dieser Weise während der Praxis erkennt –


'''6.23''' śivadhyāna samāyuktaḥ sa gacchati sadāśivam ||
'''6.23''' śivadhyāna samāyuktaḥ sa gacchati sadāśivam ||


 
'''Übersetzung:''' und dabei in Shiva-Meditation gesammelt bleibt, gelangt zu Sadashiva.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Wenn die Nyasas in dieser Weise ausgeführt und die Gestalt Sadashivas aufmerksam meditiert wird, erscheint Shiva als lebendige Einheit der achtunddreißig Kalas. Wer diese Form nicht nur äußerlich vollzieht, sondern in Shiva-Meditation erkennt, gelangt nach Aussage des Textes zur Nähe und schließlich zur Einheit mit Sadashiva.
 


=== 7. Dhāraṇā Vidhiḥ – Die Praxis der Dharana ===
=== 7. Dhāraṇā Vidhiḥ – Die Praxis der Dharana ===
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'''7.1''' athātaḥ saṃpravakṣyāmi dhyānamārga vidhikramam |<br>sakalo niṣkalścaiva dvividhastu śivaḥ smṛtaḥ ||
'''7.1''' athātaḥ saṃpravakṣyāmi dhyānamārga vidhikramam |<br>sakalo niṣkalścaiva dvividhastu śivaḥ smṛtaḥ ||
'''Übersetzung:''' Nun werde ich die geordnete Methode des Meditationsweges erklären. Shiva wird in zweifacher Weise verstanden: als Sakala, mit Gestalt, und als Nishkala, jenseits aller Gestalt.


'''7.2''' sadyo vāmaśca ghoraśca puruṣeśāna eva ca |<br>kalāḥ hyetāḥ samākhyāta nidhaneśasya sūribhiḥ ||
'''7.2''' sadyo vāmaśca ghoraśca puruṣeśāna eva ca |<br>kalāḥ hyetāḥ samākhyāta nidhaneśasya sūribhiḥ ||
'''Übersetzung:''' Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana werden von den Weisen als die fünf Kalas des höchsten Herrn bezeichnet.


'''7.3''' niṣkalastu paro devo vyoma vyāpī maheśvaraḥ |<br>pradhāna puruṣeśānaḥ parātparataraḥ sthitaḥ ||
'''7.3''' niṣkalastu paro devo vyoma vyāpī maheśvaraḥ |<br>pradhāna puruṣeśānaḥ parātparataraḥ sthitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Der Nishkala-Zustand ist der höchste Gott, Maheshvara, der den ganzen Raum durchdringt; er ist der Herr über Pradhana und Purusha und steht jenseits selbst des Höchsten.


'''7.4''' sarvajñaḥ sarvakartā ca sarvagaḥ sarvatomukhaḥ |<br>sarvabhūtātma bhūtasthaḥ śivodhyeyo śāśvataḥ ||
'''7.4''' sarvajñaḥ sarvakartā ca sarvagaḥ sarvatomukhaḥ |<br>sarvabhūtātma bhūtasthaḥ śivodhyeyo śāśvataḥ ||
'''Übersetzung:''' Er ist allwissend, allwirkend, alldurchdringend und in alle Richtungen gegenwärtig; als innerstes Selbst ist er in allen Wesen. Über diesen ewigen Shiva soll meditiert werden.


'''7.5''' pratyāharas tathā dhyānam prāṇāyāmo atha dhāraṇā |<br>tarkaśca samādhiśca ṣaḍaṅgo yoga ucyate ||
'''7.5''' pratyāharas tathā dhyānam prāṇāyāmo atha dhāraṇā |<br>tarkaśca samādhiśca ṣaḍaṅgo yoga ucyate ||


 
'''Übersetzung:''' Pratyahara, Dhyana, Pranayama, Dharana, Tarka und Samadhi – dies wird der sechsgliedrige Yoga genannt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der siebte Abschnitt erklärt einen Weg der Meditation. Shiva wird als Sakala, mit Form, und als Nishkala, jenseits aller Form, betrachtet. Als Nishkala ist er der alles durchdringende höchste Herr, jenseits von Pradhana und Purusha, allwissend, allwirkend und im Innersten aller Wesen gegenwärtig. Yoga wird hier sechsgliedrig gelehrt: Pratyahara, Dhyana, Pranayama, Dharana, Tarka und Samadhi.
 


''' Verse 7.6–7.10 '''
''' Verse 7.6–7.10 '''


'''7.6''' prathamā dhāraṅāgneyī nābhimadhye tu dhārayet |<br>tasyām vai dhāryamāṇāyām pāpam nirdahati kṣaṇāt ||
'''7.6''' prathamā dhāraṅāgneyī nābhimadhye tu dhārayet |<br>tasyām vai dhāryamāṇāyām pāpam nirdahati kṣaṇāt ||
'''Übersetzung:''' Die erste Dharana ist die feurige Agneyi. Sie soll in der Mitte des Nabels gehalten werden; wird sie beständig getragen, verbrennt sie in einem Augenblick die hindernden karmischen Kräfte.


'''7.7''' hṛdaye dhārayedvidvān saumyām somasṛtām kalām |<br>tasyām vai dhāryamāṇāyām sarvatrāpyāyanam bhavet ||
'''7.7''' hṛdaye dhārayedvidvān saumyām somasṛtām kalām |<br>tasyām vai dhāryamāṇāyām sarvatrāpyāyanam bhavet ||
'''Übersetzung:''' Der Wissende soll im Herzen die Saumya-Dharana halten, die Kala, aus der der Nektar des Mondes strömt. Wird sie dort festgehalten, entsteht überall Erfrischung und Stärkung.


'''7.8''' aiśānīm dhārayenmūrdhni sarvasiddhikarīm nṛṇām |<br>yayā prayānti vai kṣipram śivasya paramam padam ||
'''7.8''' aiśānīm dhārayenmūrdhni sarvasiddhikarīm nṛṇām |<br>yayā prayānti vai kṣipram śivasya paramam padam ||
'''Übersetzung:''' Die Aishani-Dharana soll am Scheitel gehalten werden; sie schenkt den Menschen alle Vollendungen und führt rasch zum höchsten Zustand Shivas.


'''7.9''' amṛtā dhāraṇā yā tu vyāpinī tu śivam karī |<br>āpyāyati sarvatra sarvam jñānāmṛtena ca ||
'''7.9''' amṛtā dhāraṇā yā tu vyāpinī tu śivam karī |<br>āpyāyati sarvatra sarvam jñānāmṛtena ca ||
'''Übersetzung:''' Die Amrita-Dharana ist alles durchdringend und heilsam; sie erfüllt den ganzen Menschen überall mit dem Nektar der Erkenntnis.


'''7.10''' omkāra pūrvikāhyetā nābhī hṛdaya saṃsthitāḥ |<br>mūrdhanyā ca tathā cānyā cāmṛtā sarvagā śubhā ||
'''7.10''' omkāra pūrvikāhyetā nābhī hṛdaya saṃsthitāḥ |<br>mūrdhanyā ca tathā cānyā cāmṛtā sarvagā śubhā ||


 
'''Übersetzung:''' Diese Dharanas beginnen mit Om und werden im Nabel, im Herzen, am Scheitel und darüber ausgeführt; die Amrita-Dharana ist allgegenwärtig und segensreich.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Vier Dharanas werden hervorgehoben. Die feurige Agneyi-Dharana wird im Nabel gehalten und verbrennt hindernde Kräfte. Die mondhafte Saumya-Dharana wird im Herzen geübt und lässt nektargleiche Erneuerung ausströmen. Die Aishani-Dharana richtet sich auf den Scheitel und den höchsten Zustand Shivas. Die Amrita-Dharana durchdringt den ganzen Menschen mit dem Nektar der Erkenntnis. Diese Konzentrationen stehen unter dem Zeichen von Om und verbinden Nabel, Herz, Scheitel und den Raum darüber zu einem inneren Aufstiegsweg.
 


''' Belegte Dharana-Mantras '''
''' Belegte Dharana-Mantras '''
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'''8.1''' vacaḥ śṛtvā tatastasya rurostu mahātmanaḥ |<br>ūcuḥ prāñjalayo bhūtvā rurum munivarottamam ||
'''8.1''' vacaḥ śṛtvā tatastasya rurostu mahātmanaḥ |<br>ūcuḥ prāñjalayo bhūtvā rurum munivarottamam ||
'''Übersetzung:''' Nachdem die großen Weisen die Worte Rurus gehört hatten, falteten sie die Hände, verneigten sich und sprachen zum vortrefflichsten der Weisen.


'''8.2''' bhagavan sarvadharmajña dīkṣayā mucyate katham |<br>katham ca śivatām yānti chinnamāyā nibandhanaḥ ||
'''8.2''' bhagavan sarvadharmajña dīkṣayā mucyate katham |<br>katham ca śivatām yānti chinnamāyā nibandhanaḥ ||
'''Übersetzung:''' O Ehrwürdiger, Kenner aller heiligen Ordnungen: Wie wird man durch Diksha befreit, und wie gelangen diejenigen, deren Bindungen durch Maya durchtrennt sind, zur Shiva-Natur?


'''8.3''' yathā sūryodayam prāpya tamaḥ kṣipram vinaśyati |<br>evam dīkśām samāsādya dharmādharmair vimucyate ||
'''8.3''' yathā sūryodayam prāpya tamaḥ kṣipram vinaśyati |<br>evam dīkśām samāsādya dharmādharmair vimucyate ||
'''Übersetzung:''' Wie beim Aufgang der Sonne die Dunkelheit rasch verschwindet, so wird der Mensch durch die empfangene Diksha von den bindenden Wirkungen von Dharma und Adharma frei.


'''8.4''' yathā sūrya imāllokān prakāśayati raśmibhiḥ |<br>tathā mantrādhvare devaḥ śaktibhistu prakāśate ||
'''8.4''' yathā sūrya imāllokān prakāśayati raśmibhiḥ |<br>tathā mantrādhvare devaḥ śaktibhistu prakāśate ||


 
'''Übersetzung:''' Wie die Sonne diese Welten durch ihre Strahlen erhellt, so offenbart sich der Gott im Mantra-Ritual durch seine Shaktis.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Weisen fragen, wie Diksha die Bindungen löst und zur Shiva-Natur führt. Ruru antwortet mit dem Bild des Sonnenaufgangs: Wie Licht die Dunkelheit vertreibt, so löst echte Einweihung die Bindung an die Wirkungen von Dharma und Adharma. Wie die Sonne die Welt mit ihren Strahlen erhellt, erleuchtet Shiva durch seine Shaktis das Bewusstsein des Eingeweihten.
 


''' Verse 8.5–8.9 '''
''' Verse 8.5–8.9 '''


'''8.5''' visphuliṅgā yatha kṣudrā huccaranti hutāśanāt |<br>evam śivasya devasya śaktayaḥ samudāhṛdāḥ ||
'''8.5''' visphuliṅgā yatha kṣudrā huccaranti hutāśanāt |<br>evam śivasya devasya śaktayaḥ samudāhṛdāḥ ||
'''Übersetzung:''' Wie zahllose kleine Funken aus einem lodernden Feuer hervorspringen, so gehen die Shaktis aus dem göttlichen Shiva hervor.


'''8.6''' vyāpnuvanti śarīrāṇi sādhakānām prayojitāḥ |<br>yathādityastu bhūmiṣṭham raśmibhir harate malam ||
'''8.6''' vyāpnuvanti śarīrāṇi sādhakānām prayojitāḥ |<br>yathādityastu bhūmiṣṭham raśmibhir harate malam ||
'''Übersetzung:''' Diese Kräfte durchdringen die Körper der Sadhakas, wenn sie rituell eingesetzt werden. Wie die Sonne mit ihren Strahlen die Unreinheit von der Erde vertreibt –


'''8.7''' evam śakti samāyogād dīkṣitān harate vibhuḥ |<br>jalam jale yathā kṣiptam kṣīre kṣīram ivārpitam ||
'''8.7''' evam śakti samāyogād dīkṣitān harate vibhuḥ |<br>jalam jale yathā kṣiptam kṣīre kṣīram ivārpitam ||
'''Übersetzung:''' so nimmt der allmächtige Herr durch die Verbindung mit Shakti die Unreinheiten der Eingeweihten hinweg. Wie Wasser, das in Wasser gegossen wird, und Milch, die sich mit Milch vermischt –


'''8.8''' tathaiva hyekatām yāti dīkṣāmantreṇa mantravit |<br>yathā pradīpte jvalane tūlarāśiḥ samarpitaḥ ||
'''8.8''' tathaiva hyekatām yāti dīkṣāmantreṇa mantravit |<br>yathā pradīpte jvalane tūlarāśiḥ samarpitaḥ ||
'''Übersetzung:''' so gelangt der Kenner des Mantras durch das Diksha-Mantra zur Einheit. Wie ein Haufen trockenen Grases, der in ein hell loderndes Feuer geworfen wird –


'''8.9''' dagdhau niryāti sarvatra na bhūyastūlatām vrajet |<br>evam vai maṇḍalam prāpya dīkṣāmantra samudbhavaḥ ||
'''8.9''' dagdhau niryāti sarvatra na bhūyastūlatām vrajet |<br>evam vai maṇḍalam prāpya dīkṣāmantra samudbhavaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' vollständig verbrennt und nie wieder zu Gras wird, so gelangt der Eingeweihte durch das aus Diksha und Mantra hervorgegangene Mandala in einen Zustand, aus dem es keine Rückkehr in die frühere Gebundenheit gibt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Shivas Kräfte werden mit Funken aus einem Feuer und mit Sonnenstrahlen verglichen, die Unreinheit beseitigen. Durch die Verbindung mit Shakti werden karmische Fesseln gelöst. Wie Wasser mit Wasser und Milch mit Milch eins wird, so gelangt der Mantra-Kundige durch Diksha zur Einheit. Wie trockenes Gras im lodernden Feuer seine frühere Form verliert, soll die Einweihung eine unwiderrufliche innere Verwandlung bewirken.
 


''' Verse 8.10–8.13 '''
''' Verse 8.10–8.13 '''


'''8.10''' na punarjanmatām yāti dīkṣito manujottamaḥ |<br>bhinne dehe śivo bhūtvā śivadharmaiḥ samanvitaḥ ||
'''8.10''' na punarjanmatām yāti dīkṣito manujottamaḥ |<br>bhinne dehe śivo bhūtvā śivadharmaiḥ samanvitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Der so eingeweihte edle Mensch kehrt nicht erneut in Geburt zurück; wenn sein Körper zerfällt, wird er Shiva gleich und ist mit den Eigenschaften Shivas ausgestattet.


'''8.11''' śivadharmam anuprāpya hyavibhāgāya kalpate |<br>yathā samudram āsādya nadī miṣṭāmbu vāhinī ||
'''8.11''' śivadharmam anuprāpya hyavibhāgāya kalpate |<br>yathā samudram āsādya nadī miṣṭāmbu vāhinī ||
'''Übersetzung:''' Nachdem er die Natur Shivas erlangt hat, ist keine Trennung mehr möglich. Wie ein Fluss mit süßem Wasser, der den Ozean erreicht –


'''8.12''' kṣāratoyatvam āyāti prabhāvādbhi mahodadhaiḥ |<br>evam vai bhinna dehastu śivatattvam upāgataḥ ||
'''8.12''' kṣāratoyatvam āyāti prabhāvādbhi mahodadhaiḥ |<br>evam vai bhinna dehastu śivatattvam upāgataḥ ||
'''Übersetzung:''' durch die Macht des großen Meeres dessen salzige Beschaffenheit annimmt, so gelangt auch der vom Körper gelöste Eingeweihte zum Shiva-Tattva.


'''8.13''' sakṛtsamudra saṃyogād vibhāgo naiva kalpate ||
'''8.13''' sakṛtsamudra saṃyogād vibhāgo naiva kalpate ||


 
'''Übersetzung:''' Hat der Fluss sich einmal mit dem Ozean verbunden, ist eine Trennung nicht mehr denkbar; ebenso verhält es sich mit der Vereinigung des Befreiten mit Shiva.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Am Ende des verkörperten Lebens wird der wahrhaft Eingeweihte als mit Shiva vereint beschrieben. Die Bilder des Flusses, der im Meer seine Sondergestalt verliert, und des Wassers, das sich untrennbar vermischt, verdeutlichen die Nicht-Trennung des befreiten Bewusstseins von Shiva. Befreiung bedeutet hier nicht Auslöschung, sondern Teilnahme an der Shiva-Natur jenseits der bisherigen Begrenzungen.
 


=== 9. Ātmasaṃkrāntiḥ – Der Übergang und die Aufnahme der Seele ===
=== 9. Ātmasaṃkrāntiḥ – Der Übergang und die Aufnahme der Seele ===
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'''9.1''' atha vidyāstraviddhīraḥ śivāgni gurupūjakaḥ |<br>nimittam aśubho dṛṣṭvā gajavāji rathādiṣu ||
'''9.1''' atha vidyāstraviddhīraḥ śivāgni gurupūjakaḥ |<br>nimittam aśubho dṛṣṭvā gajavāji rathādiṣu ||
'''Übersetzung:''' Ein standhafter Sadhaka, der die Vidya und die Bedeutung des Astra kennt und Shiva, das heilige Feuer und den Guru verehrt, soll aufmerksam auf Zeichen eines nahenden Übergangs achten.


'''9.2''' astrāṇām aprasādam vā bhṛśam vā śastra vīkṣitaḥ |<br>dīrghān ārogyasamtapto gṛhīto vātha bhūbhṛtā ||
'''9.2''' astrāṇām aprasādam vā bhṛśam vā śastra vīkṣitaḥ |<br>dīrghān ārogyasamtapto gṛhīto vātha bhūbhṛtā ||
'''Übersetzung:''' Sieht er wiederholt ungünstige Vorzeichen oder leidet er lange unter schwerer Krankheit und erkennt dadurch das Herannahen des Todes –


'''9.3''' tathā pañcātmakam deham vidyāmantrātma saṃskṛtam |<br>mahābhūtāni jñāgnau juhuyad astra saṃbhave ||
'''9.3''' tathā pañcātmakam deham vidyāmantrātma saṃskṛtam |<br>mahābhūtāni jñāgnau juhuyad astra saṃbhave ||
'''Übersetzung:''' dann soll er den aus fünf Elementen bestehenden, durch Vidya und Mantra geheiligten Körper innerlich auflösen und die großen Elemente in das Feuer der Erkenntnis opfern.


'''9.4''' mahītale śucirbhūtvā mantrayuktena cetasā |<br>śaradarbhān paristīrya rudram dhyātvāstra vigraham ||
'''9.4''' mahītale śucirbhūtvā mantrayuktena cetasā |<br>śaradarbhān paristīrya rudram dhyātvāstra vigraham ||
'''Übersetzung:''' An einem reinen Ort auf der Erde, mit einem von Mantra erfüllten Geist, soll er Kusha- und Darbha-Gras ausbreiten und Rudra in der Gestalt der göttlichen Waffe meditieren.


'''9.5''' jagatsamhāra kartāram brahmāstram aparājitam |<br>dhyānī vijñāna yogena cāstram dhyātvā vicakṣaṇaḥ ||
'''9.5''' jagatsamhāra kartāram brahmāstram aparājitam |<br>dhyānī vijñāna yogena cāstram dhyātvā vicakṣaṇaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Er soll Rudra als den Zerstörer der Welten, als unbesiegbare Brahma-Waffe, mit Hilfe von Meditation und Erkenntnis-Yoga kontemplieren.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der neunte Abschnitt behandelt eine besondere, traditionell eingeweihte Praxis für die Zeit des nahenden Todes. Der vollendete Sadhaka, der Shiva, Feuer und Guru verehrt und die Agamas verstanden hat, erkennt Zeichen des bevorstehenden Übergangs. Er soll die Elemente des Körpers in das Feuer der Erkenntnis zurückgeben und Rudra als machtvolle, unbesiegbare Gegenwart meditieren. Dieser Abschnitt gehört zu einem rituellen Initiationskontext und ist nicht als allgemeine Sterbepraxis für Unvorbereitete gedacht.
 


''' Verse 9.6–9.10 '''
''' Verse 9.6–9.10 '''


'''9.6''' āsanam riciram badhvā svastikam padmam eva vā |<br>ūrdhvakaya ṛjugrīvo badhvādhaḥ karakacchapam ||
'''9.6''' āsanam riciram badhvā svastikam padmam eva vā |<br>ūrdhvakaya ṛjugrīvo badhvādhaḥ karakacchapam ||
'''Übersetzung:''' Er soll einen angenehmen, festen Sitz einnehmen, Svastikasana oder Padmasana, den Oberkörper und Nacken aufrecht halten und die Hände in der entsprechenden Schildkröten-Mudra ruhen lassen.


'''9.7''' dantān napīḍayed dantair netre cārdha nimīlite |<br>viṣayorga saṃruddhām vigṛhyendriya vāhinīm ||
'''9.7''' dantān napīḍayed dantair netre cārdha nimīlite |<br>viṣayorga saṃruddhām vigṛhyendriya vāhinīm ||
'''Übersetzung:''' Die Zähne sollen nicht zusammengepresst werden, die Augen halb geschlossen sein. Er zieht die nach Sinnesobjekten strömenden Kräfte zurück und bezwingt die schlangenartige Bindung an äußere Erfahrungen.


'''9.8''' niruddha prāṇa saṃcāro nābherūrdhvam vitastitaḥ |<br>bālasūrya pratīkāśam hṛdayam saṃprakāśate ||
'''9.8''' niruddha prāṇa saṃcāro nābherūrdhvam vitastitaḥ |<br>bālasūrya pratīkāśam hṛdayam saṃprakāśate ||
'''Übersetzung:''' Indem er die Bewegung des Atems sammelt, lässt er den Herzraum oberhalb des Nabels aufleuchten; er erscheint strahlend wie die junge aufgehende Sonne.


'''9.9''' maṇḍalam tatra sūryasya tanmadhye soma maṇḍalam |<br>soma maṇḍala madhye tu vimalam vahni maṇḍalam ||
'''9.9''' maṇḍalam tatra sūryasya tanmadhye soma maṇḍalam |<br>soma maṇḍala madhye tu vimalam vahni maṇḍalam ||
'''Übersetzung:''' In diesem Herzraum befindet sich ein Sonnenmandala, in dessen Mitte ein Mondmandala liegt; im Zentrum des Mondmandalas befindet sich ein reines Feuermandala.


'''9.10''' vahnimaṇḍala madhyastham śuddhasphaṭika sannibham ||
'''9.10''' vahnimaṇḍala madhyastham śuddhasphaṭika sannibham ||


 
'''Übersetzung:''' In der Mitte dieses Feuermandalas ist der Herr gegenwärtig, klar und leuchtend wie reiner Kristall.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der Praktizierende sitzt in einem stabilen Sitz wie Svastikasana oder Padmasana, hält Rücken und Nacken aufrecht, entspannt die Zähne, schließt die Augen halb und zieht die Sinne zurück. Der Atem wird gesammelt. Im inneren Herzraum erscheint zuerst ein Sonnenmandala, darin ein Mondmandala und darin ein reines Feuermandala; im Zentrum wird der Herr wie ein klarer Kristall geschaut.
 


''' Verse 9.11–9.15 '''
''' Verse 9.11–9.15 '''


'''9.11''' tasmin sādhaka caitanyam vidyāstrapada gocaram |<br>tanotyastramayam vahnidagdhām vegena hṛdguhām ||
'''9.11''' tasmin sādhaka caitanyam vidyāstrapada gocaram |<br>tanotyastramayam vahnidagdhām vegena hṛdguhām ||
'''Übersetzung:''' Dort wird das Bewusstsein des Sadhaka mit der Vidya und dem Astra-Mantra verbunden; in der Herzhöhle wird es vom Feuer geläutert und nimmt die Kraft der göttlichen Waffe an.


'''9.12''' astram śiraḥ kapālam ca bhitvā sūryam prapdyate |<br>niścalam mūrdhni dehasya jyotiḥ parama mantravit ||
'''9.12''' astram śiraḥ kapālam ca bhitvā sūryam prapdyate |<br>niścalam mūrdhni dehasya jyotiḥ parama mantravit ||
'''Übersetzung:''' Diese Kraft steigt empor, durchdringt Kopf und Scheitel und erreicht die solare Sphäre; beim Kenner des höchsten Mantras erscheint am Scheitel ein unbewegliches Licht.


'''9.13''' astramāyā samākṛṣṭo raudrīśaktyeka vīrayoḥ |<br>mūrdhni saṃdhānayed yoga dhāraṇābhiśca niṣkramet ||
'''9.13''' astramāyā samākṛṣṭo raudrīśaktyeka vīrayoḥ |<br>mūrdhni saṃdhānayed yoga dhāraṇābhiśca niṣkramet ||
'''Übersetzung:''' Von der Kraft des Astra-Mantras angezogen und auf Raudri-Shakti und Ekavira ausgerichtet, soll der Sadhaka sein Bewusstsein am Scheitel sammeln und durch Yoga-Dharana austreten lassen.


'''9.14''' niṣkramya pādayorābhiḥ punarmūrdhānam āśrayet |<br>mūrdhāne tu tato lokālokam badhvā prabhidya ca ||
'''9.14''' niṣkramya pādayorābhiḥ punarmūrdhānam āśrayet |<br>mūrdhāne tu tato lokālokam badhvā prabhidya ca ||
'''Übersetzung:''' Die in den verschiedenen Körperbereichen verteilten Kräfte werden wieder am Scheitel gesammelt; von dort überschreitet das Bewusstsein die Grenze der sichtbaren und unsichtbaren Welten.


'''9.15''' prakṛtim puruṣam caiva sūkṣmatejomayam mahān |<br>sarvabhūtātmako bhūtvā viśet sūkṣmam maheśvaram ||
'''9.15''' prakṛtim puruṣam caiva sūkṣmatejomayam mahān |<br>sarvabhūtātmako bhūtvā viśet sūkṣmam maheśvaram ||


 
'''Übersetzung:''' Es geht über Prakriti und Purusha hinaus, nimmt eine subtile Lichtgestalt an, wird allumfassend und geht schließlich in den subtilen Maheshvara ein.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Das Bewusstsein des Sadhaka wird im Herzraum mit Mantra und Erkenntnis verbunden und steigt zum Scheitel. Dort erscheint ein stilles Licht. Durch Dharana und Yoga wird die Lebens- und Bewusstseinsenergie nach oben gesammelt, überschreitet die Grenzen der sichtbaren und unsichtbaren Welten sowie die Dualität von Prakriti und Purusha und geht schließlich in den subtilen Maheshvara ein.
 


''' Verse 9.16–9.17 '''
''' Verse 9.16–9.17 '''


'''9.16''' dehasya dehi darbhāstram vastreṇāpyatha vāsanam |<br>saṃhārayeti bhūtāni hiraṇyeti śiraḥ spṛśet ||
'''9.16''' dehasya dehi darbhāstram vastreṇāpyatha vāsanam |<br>saṃhārayeti bhūtāni hiraṇyeti śiraḥ spṛśet ||
'''Übersetzung:''' Nachdem die Seele den Körper verlassen hat, wird der Leib auf Darbha-Gras gebettet und mit einem Tuch bedeckt; mit der entsprechenden Formel berührt der begleitende Sadhaka den Kopf und vollzieht die Auflösungsriten.


'''9.17''' vidyādhipena home ca dhyāyīta vidhirātmakaḥ |<br>evam astrasamāyogān mucyate nātra saṃśayaḥ ||
'''9.17''' vidyādhipena home ca dhyāyīta vidhirātmakaḥ |<br>evam astrasamāyogān mucyate nātra saṃśayaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Beim Feueropfer meditiert der Begleiter mit den Mantras des Herrn der Vidyas die Seele in ihrer göttlichen Wirklichkeit. Durch diese Vereinigung mit der Astra-Kraft wird Befreiung erlangt – daran besteht kein Zweifel.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Nach dem Übergang werden für den Körper und die Seele begleitende Riten beschrieben. Ein eingeweihter Begleiter vollzieht die vorgeschriebenen Handlungen und Opfer und meditiert die befreite Seele als mit dem höchsten Herrn verbunden. Der Text schließt mit der Zusicherung, dass die Vereinigung durch diesen rituell-yogischen Weg die Fesseln löst.
 


=== 10. Mantrārtha Varṇanam – Die Bedeutung des Vyomavyāpi-Mantras ===
=== 10. Mantrārtha Varṇanam – Die Bedeutung des Vyomavyāpi-Mantras ===
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'''10.1''' atha saṅkhyā śivasyoktā cākṣarāṇām śatatrayam |<br>aṣṭaṣaṣṭyadhikam śambhor guhya mantram vinirgatam ||
'''10.1''' atha saṅkhyā śivasyoktā cākṣarāṇām śatatrayam |<br>aṣṭaṣaṣṭyadhikam śambhor guhya mantram vinirgatam ||
'''Übersetzung:''' Nun wird die Zahl der Silben dieses Shiva-Mantras genannt: Das geheime Mantra Shambhus umfasst dreihundertachtundsechzig Zeichen.


'''10.2''' mantrārthaśca purā proktā vidyeśānena śambhave |<br>sa eva bahudhā vyastaḥ samāsāducyate mayā ||
'''10.2''' mantrārthaśca purā proktā vidyeśānena śambhave |<br>sa eva bahudhā vyastaḥ samāsāducyate mayā ||
'''Übersetzung:''' Seine Bedeutung wurde einst vom Vidyeshvara dem Shambhu erklärt. Dieselbe vielfach entfaltete Bedeutung werde ich nun in zusammengefasster Form darlegen.


'''10.3''' padavigraha dhātvartha hetu sadhana varjitaḥ |<br>vyapeta pakṣa dṛṣṭāntaḥ siddha vākhyāvabhāsitaḥ ||
'''10.3''' padavigraha dhātvartha hetu sadhana varjitaḥ |<br>vyapeta pakṣa dṛṣṭāntaḥ siddha vākhyāvabhāsitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese Bedeutung ist nicht auf Wortzerlegung, Wurzeletymologie, Beweisführung oder bloße logische Mittel angewiesen und steht jenseits von These und Beispiel; sie leuchtet aus den verwirklichten Aussagen der Siddhas hervor.


'''10.4''' svabhāva puruṣāvyakta karmajālātma vādibhiḥ |<br>yo na dṛṣṭo mahāmoha timirākrānta dṛṣṭbhiḥ ||
'''10.4''' svabhāva puruṣāvyakta karmajālātma vādibhiḥ |<br>yo na dṛṣṭo mahāmoha timirākrānta dṛṣṭbhiḥ ||
'''Übersetzung:''' Sie wird von denen nicht erkannt, deren Sicht vom dichten Dunkel großer Verblendung bedeckt ist, mögen sie über Natur, Purusha, das Unmanifestierte, das Netz des Karma oder das Selbst theoretisieren.


'''10.5''' tasya devādidevasya vaktrāmala vinirgatam |<br>pravakṣye śivasadbhāva parasattā prakāśakam ||
'''10.5''' tasya devādidevasya vaktrāmala vinirgatam |<br>pravakṣye śivasadbhāva parasattā prakāśakam ||


 
'''Übersetzung:''' Ich werde nun die aus dem reinen Mund des Gottes der Götter hervorgegangene Bedeutung verkünden, welche die wahre Natur Shivas und die höchste Wirklichkeit offenbart.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der zehnte Abschnitt erläutert den Sinn des langen Vyomavyapi-Mantras, das als besonders geheime Shiva-Formel beschrieben wird. Seine Bedeutung sei nicht auf Grammatik, logische Syllogismen oder bloße Spekulation reduzierbar, sondern erschließe sich aus der Siddha- und Guru-Überlieferung. Das Mantra soll die Wirklichkeit des höchsten Shiva offenbaren.
 


''' Verse 10.6–10.15 '''
''' Verse 10.6–10.15 '''


'''10.6''' om ityekakṣaram brahma mantra tantrādi lakṣaṇam |<br>mahatādi viśeṣānta vyāpakam padam avyayam ||
'''10.6''' om ityekakṣaram brahma mantra tantrādi lakṣaṇam |<br>mahatādi viśeṣānta vyāpakam padam avyayam ||
'''Übersetzung:''' Om ist die eine unvergängliche Silbe Brahmans und das Kennzeichen von Mantra und Tantra; sie durchdringt alles vom Mahat bis zu den einzelnen besonderen Erscheinungen.


'''10.7''' otam protam jagattena mātrābhiḥ sarvato bhṛśam |<br>tribhiḥ pādaistu vibhunā sadevāsura mānuṣam ||
'''10.7''' otam protam jagattena mātrābhiḥ sarvato bhṛśam |<br>tribhiḥ pādaistu vibhunā sadevāsura mānuṣam ||
'''Übersetzung:''' Durch ihre Lautmaße ist die ganze Welt in alle Richtungen gewissermaßen längs und quer durchwoben; durch ihre drei Glieder umfasst sie Devas, Asuras und Menschen.


'''10.8''' devayajña tapo dhyāna dānādhyayana karmasu |<br>omkārādyantena saṃbaddho mantravidbhiḥ prakīrtitaḥ ||
'''10.8''' devayajña tapo dhyāna dānādhyayana karmasu |<br>omkārādyantena saṃbaddho mantravidbhiḥ prakīrtitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Bei Gottesverehrung, Opfer, Askese, Meditation, Gabe, Studium und heiligen Handlungen wird Om von den Kennern des Mantras am Anfang und Ende verwendet.


'''10.9''' tasmādihāpi praṇavam agre mantrapadam vibhoḥ |<br>nyasta paścātkalānīka varjitam vyoma ucyate ||
'''10.9''' tasmādihāpi praṇavam agre mantrapadam vibhoḥ |<br>nyasta paścātkalānīka varjitam vyoma ucyate ||
'''Übersetzung:''' Darum steht auch hier Pranava, Om, am Anfang der Mantra-Worte des allgegenwärtigen Herrn. 'Vyoma' bezeichnet jenen Raum, der noch frei von den nachgeordneten formgebenden Kalas ist.


'''10.10''' vyometyākāśa saṃjñeyam nimittāt paribhāṣyate |<br>vyāpakatvāt ameyatvād vyoma ityabhidhīyate ||
'''10.10''' vyometyākāśa saṃjñeyam nimittāt paribhāṣyate |<br>vyāpakatvāt ameyatvād vyoma ityabhidhīyate ||
'''Übersetzung:''' 'Vyoma' bedeutet Raum; aufgrund seiner grenzenlosen Ausdehnung und Unermesslichkeit wird er so genannt.


'''10.11''' tadvācayati yasmātsa bhagavān parameśvaraḥ |<br>śaktiraśmi samūhena tasmād vyāpī sadāśivaḥ ||
'''10.11''' tadvācayati yasmātsa bhagavān parameśvaraḥ |<br>śaktiraśmi samūhena tasmād vyāpī sadāśivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Da der höchste Herr durch diesen Begriff bezeichnet wird und mit den Strahlen seiner Shakti alles durchdringt, heißt Sadashiva 'Vyapin', der Alldurchdringende.


'''10.12''' tadeva rūpam bhagavān bibharti prabhuravyayaḥ |<br>tena dharmeṇa yuktatvād vyomarūpeti cocyate ||
'''10.12''' tadeva rūpam bhagavān bibharti prabhuravyayaḥ |<br>tena dharmeṇa yuktatvād vyomarūpeti cocyate ||
'''Übersetzung:''' Der unvergängliche Herr trägt selbst die Natur dieses grenzenlosen Raumes; weil er mit dieser Eigenschaft verbunden ist, wird er 'Vyomarupa', von der Gestalt des Raumes, genannt.


'''10.13''' tasmai śivāya mahate sarvagāya mahātmane |<br>vyāpine vyomarūpāya parāya prabhave namaḥ ||
'''10.13''' tasmai śivāya mahate sarvagāya mahātmane |<br>vyāpine vyomarūpāya parāya prabhave namaḥ ||
'''Übersetzung:''' Verehrung diesem Shiva, dem Großen, dem überall Gegenwärtigen und höchsten Selbst, dem Alldurchdringenden, dem Raumgestaltigen, dem Transzendenten und allmächtigen Herrn.


'''10.14''' sarvam niravaśeṣam yad vyoma uktam parāparam |<br>tato yasmād bahgavatā sarvavyāpī tato bahavaḥ ||
'''10.14''' sarvam niravaśeṣam yad vyoma uktam parāparam |<br>tato yasmād bahgavatā sarvavyāpī tato bahavaḥ ||
'''Übersetzung:''' 'Vyoma' bezeichnet das alles ohne Rest erfüllende höchste und niedere Raumprinzip. Weil der selige Herr dieses Ganze durchdringt, wird er 'Sarvavyapin', der alles Durchdringende, genannt.


'''10.15''' śāntatvāt sarvakṛttatva bhāvoparati kāraṇāt |<br>śiva ukto mahātantravidbhiḥ sadāśivaḥ ||
'''10.15''' śāntatvāt sarvakṛttatva bhāvoparati kāraṇāt |<br>śiva ukto mahātantravidbhiḥ sadāśivaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Aufgrund seiner vollkommenen Friedlichkeit und weil in ihm die Bewegung des allwirkenden kosmischen Handelns zeitweilig zur Ruhe kommt, nennen die großen Kenner des Tantra Sadashiva 'Shiva'.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Om wird als die eine heilige Silbe beschrieben, die Mantra und Tantra grundlegt und die ganze Welt durchdringt. Vyoma bedeutet den unermesslichen Raum; Shiva ist Vyomavyapi, der alles Durchdringende, und Vyomarupa, dessen Wesen raumgleich grenzenlos ist. Weil er alles erfüllt, wird er Sarvavyapi genannt. Zugleich heißt er Shiva aufgrund seiner tiefen Friedlichkeit und seines Ruhens jenseits der kosmischen Tätigkeit.
 


''' Verse 10.16–10.25 '''
''' Verse 10.16–10.25 '''


'''10.16''' tasmai śivāya gurave vītarāga kalāya vai |<br>ameyatvāt ananto ayam ajatvācca prakīrtitaḥ ||
'''10.16''' tasmai śivāya gurave vītarāga kalāya vai |<br>ameyatvāt ananto ayam ajatvācca prakīrtitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Diesem Shiva, dem Guru, der frei von Raga und von begrenzenden Kalas ist, gilt die Verehrung. Weil er unermesslich und ungeboren ist, wird er 'Ananta', der Unendliche, genannt.


'''10.17''' anādi śivasadbhāva yuktatvāt parameśvaraḥ |<br>sarveṣām svāmibhāvācca anātha iti śaśyate ||
'''10.17''' anādi śivasadbhāva yuktatvāt parameśvaraḥ |<br>sarveṣām svāmibhāvācca anātha iti śaśyate ||
'''Übersetzung:''' Weil er von anfangsloser Shiva-Wirklichkeit erfüllt und der höchste Herr aller ist, wird er als 'Anatha' gepriesen – derjenige, über dem kein anderer Herr steht.


'''10.18''' anāśritasvaśritatvāt anyāśraya vivarjitaḥ |<br>āśrayo na samatvācca anāśrita iti smṛtaḥ ||
'''10.18''' anāśritasvaśritatvāt anyāśraya vivarjitaḥ |<br>āśrayo na samatvācca anāśrita iti smṛtaḥ ||
'''Übersetzung:''' Da er in sich selbst gegründet ist, auf keine andere Zuflucht angewiesen ist und selbst die unvergleichliche Zuflucht aller bildet, wird er 'Anashrita', der Unabhängige, genannt.


'''10.19''' vaināśikatvāt sarveṣām bhuvanānām sadāśive |<br>dhṛveti saṃjñitam nāma sadāśiva lakṣaṇam ||
'''10.19''' vaināśikatvāt sarveṣām bhuvanānām sadāśive |<br>dhṛveti saṃjñitam nāma sadāśiva lakṣaṇam ||
'''Übersetzung:''' Wenn alle Welten der Auflösung verfallen, bleibt Sadashiva bestehen; diese unerschütterliche Beständigkeit wird durch den Namen 'Dhruva' bezeichnet.


'''10.20''' praśasti kāraṇatvena śāsyo yasmān na kasyacit |<br>atītaḥ śāśvatatvācca śāśvato bhagavān śivaḥ ||
'''10.20''' praśasti kāraṇatvena śāsyo yasmān na kasyacit |<br>atītaḥ śāśvatatvācca śāśvato bhagavān śivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Er ist der höchste Lenker und selbst keinem anderen Befehl unterworfen; weil er über die Zeit hinaus ewig besteht, heißt der selige Shiva 'Shashvata', der Ewige.


'''10.21''' yogo asya śivasadbhāvaḥ sadāśivam anāmayam |<br>tasmin vyavasthito yasmad yogapīṭhaḥ sa ucyate ||
'''10.21''' yogo asya śivasadbhāvaḥ sadāśivam anāmayam |<br>tasmin vyavasthito yasmad yogapīṭhaḥ sa ucyate ||
'''Übersetzung:''' Sein Yoga ist das Verweilen in Shivas wahrer Wirklichkeit, im leidfreien Sadashiva. Weil er darin fest gegründet ist, heißt er 'Yogapitha', der auf dem Sitz des Yoga Ruhende.


'''10.22''' anādiśivasadbhava yogayuktaḥ sadāśivaḥ |<br>mantrayogamaye pīṭhe tatrasthastena ucyate ||
'''10.22''' anādiśivasadbhava yogayuktaḥ sadāśivaḥ |<br>mantrayogamaye pīṭhe tatrasthastena ucyate ||
'''Übersetzung:''' Sadashiva ist mit dem anfangslosen Yoga der Shiva-Wirklichkeit verbunden und sitzt auf dem aus Mantra-Yoga gebildeten heiligen Sitz; daher wird er so bezeichnet.


'''10.23''' abhyutthitena yogena śāśvatenānu rañjitaḥ |<br>nityam yogīti tenoktaḥ śivastattvarthakovidaiḥ ||
'''10.23''' abhyutthitena yogena śāśvatenānu rañjitaḥ |<br>nityam yogīti tenoktaḥ śivastattvarthakovidaiḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil er beständig von diesem ewigen, erhabenen Yoga durchdrungen ist, nennen ihn die Kenner der Tattvas den 'Nitya Yogi', den ewigen Yogi.


'''10.24''' dhyānam cintābhāvanārtham kalpanā manasaḥ kriyā |<br>manasaḥ paripūrṇtvāt paritṛpto bhavodbhavaḥ ||
'''10.24''' dhyānam cintābhāvanārtham kalpanā manasaḥ kriyā |<br>manasaḥ paripūrṇtvāt paritṛpto bhavodbhavaḥ ||
'''Übersetzung:''' Dhyana ist die geistige Tätigkeit beständiger Betrachtung und innerer Vergegenwärtigung; weil sein Geist vollkommen erfüllt ist, ruht Bhavodbhava in vollständiger Zufriedenheit.


'''10.25''' svasthatvāt supraśāntatvāt parinirvāṇam uttamam |<br>dhyānāhāram bhagavatī bhavatītyupalakṣṇā ||
'''10.25''' svasthatvāt supraśāntatvāt parinirvāṇam uttamam |<br>dhyānāhāram bhagavatī bhavatītyupalakṣṇā ||


 
'''Übersetzung:''' In sich gegründet und vollkommen friedvoll ist sein Zustand höchstes Parinirvana; deshalb wird der selige Herr als einer bezeichnet, dessen Nahrung die Meditation selbst ist.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Weitere Namen des Herrn werden gedeutet: Ananta weist auf seine Unermesslichkeit, Anashrita auf seine Unabhängigkeit, Dhruva auf seine Beständigkeit und Shashvata auf seine Zeitlosigkeit. Shiva ist im Yogapitha gegründet und deshalb der ewige Yogi. Dhyana wird als beständige Vergegenwärtigung der Wirklichkeit beschrieben; aus der Vollendung des Geistes entstehen tiefer Frieden und höchstes Nirvana.
 


''' Verse 10.26–10.38 '''
''' Verse 10.26–10.38 '''


'''10.26''' praṇavapūrvam uddiśya saṃśayaccheda kāraṇam |<br>om namaḥ śivāya śāntāya sarvasya prabhave tathā ||
'''10.26''' praṇavapūrvam uddiśya saṃśayaccheda kāraṇam |<br>om namaḥ śivāya śāntāya sarvasya prabhave tathā ||
'''Übersetzung:''' Um Zweifel zu durchtrennen, wird mit Pranava begonnen: 'Om, Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Herrn und Ursprung von allem.'


'''10.27''' iti saṃbhāvya deveśagaṇaḥ pūrvam udāhṛtaḥ |<br>tanum pañca mahāmantra lakṣaṇam saṃpracakṣate ||
'''10.27''' iti saṃbhāvya deveśagaṇaḥ pūrvam udāhṛtaḥ |<br>tanum pañca mahāmantra lakṣaṇam saṃpracakṣate ||
'''Übersetzung:''' So wird die zuvor genannte Schar der göttlichen Herrscher vergegenwärtigt. Die Gestalt Shivas wird als aus den fünf großen Mantras gebildet beschrieben.


'''10.28''' īṣṭa agre sa bhagavān īśānaḥ prabhuravyayaḥ |<br>jagatkṛtsnam mahāmantra śaktiyoga marīcibhiḥ ||
'''10.28''' īṣṭa agre sa bhagavān īśānaḥ prabhuravyayaḥ |<br>jagatkṛtsnam mahāmantra śaktiyoga marīcibhiḥ ||
'''Übersetzung:''' An erster Stelle steht der selige Ishana, der unvergängliche Herr; durch die Strahlen der mit den großen Mantras vereinten Shakti erfüllt er die ganze Welt.


'''10.29''' īśāna mūrdhā tenāyam ukto mantre sakāraṇam |<br>mahāmāyottha jālena vyapeta tanurīśvaraḥ ||
'''10.29''' īśāna mūrdhā tenāyam ukto mantre sakāraṇam |<br>mahāmāyottha jālena vyapeta tanurīśvaraḥ ||
'''Übersetzung:''' Darum wird er im Mantra als 'Ishana-Murdha', Ishana als Haupt, bezeichnet. Die Gestalt Ishvaras ist frei vom Netz, das aus der großen Maya hervorgeht.


'''10.30''' paramam vadati jñānam yattatpūrakam uttamam |<br>sarvajñam śivasadbhava prakāśakaraṇam param ||
'''10.30''' paramam vadati jñānam yattatpūrakam uttamam |<br>sarvajñam śivasadbhava prakāśakaraṇam param ||
'''Übersetzung:''' Er verkündet die höchste Erkenntnis, die alles vollkommen erfüllt, allwissend ist und die wahre Natur Shivas offenbart.


'''10.31''' tena mantreṇa mantreśo bhagavān parameśvaraḥ |<br>prayuktam pūrayetkṛtsnam tena tatpuruṣaḥ smṛtaḥ ||
'''10.31''' tena mantreṇa mantreśo bhagavān parameśvaraḥ |<br>prayuktam pūrayetkṛtsnam tena tatpuruṣaḥ smṛtaḥ ||
'''Übersetzung:''' Durch dieses Mantra erfüllt der Herr der Mantras, Bhagavan Parameshvara, alles vollständig; deshalb wird er 'Tatpurusha' genannt.


'''10.32''' aghora raṇaśīlatvāt aghoraḥ procyate budhaiḥ |<br>aghoram śāntam ityuktam sadbhāvo hṛdayam prabhoḥ ||
'''10.32''' aghora raṇaśīlatvāt aghoraḥ procyate budhaiḥ |<br>aghoram śāntam ityuktam sadbhāvo hṛdayam prabhoḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil er den zerstörerischen Mächten furchtlos entgegentritt, nennen ihn die Weisen 'Aghora'. Zugleich bedeutet Aghora tiefe Friedlichkeit; die wahre Wirklichkeit ist das Herz des Herrn.


'''10.33''' tena cārdreṇa yuktatvāt agorahṛdayaḥ śivaḥ |<br>vāmo atha viparītatvāt saṃsārodgiraṇādapi ||
'''10.33''' tena cārdreṇa yuktatvāt agorahṛdayaḥ śivaḥ |<br>vāmo atha viparītatvāt saṃsārodgiraṇādapi ||
'''Übersetzung:''' Weil dieses Herz von Mitgefühl durchfeuchtet ist, heißt Shiva 'Aghora-Hridaya'. 'Vama' weist darauf hin, dass er der Bewegung des Samsara entgegengesetzt ist und dennoch dessen vielfältige Entfaltung hervorbringt.


'''10.34''' sarvabhaveṣu gūḍhatvād guhyam ityabhidhīyate |<br>devo divi sthitatvāddīvyati yasmācca tena vā devaḥ ||
'''10.34''' sarvabhaveṣu gūḍhatvād guhyam ityabhidhīyate |<br>devo divi sthitatvāddīvyati yasmācca tena vā devaḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil er in allen Zuständen verborgen gegenwärtig ist, heißt er 'Guhya', der Geheime. Weil er im göttlichen Raum besteht und alles zum Leuchten bringt, wird er 'Deva' genannt.


'''10.35''' param atiguhyo mantreṇaitena guhyo ayam |<br>sadyaḥ prasāda dānāt kṣipratama āśuriti ca paryāyāḥ ||
'''10.35''' param atiguhyo mantreṇaitena guhyo ayam |<br>sadyaḥ prasāda dānāt kṣipratama āśuriti ca paryāyāḥ ||
'''Übersetzung:''' Obwohl er verborgen ist, ist er noch über das Verborgene hinaus geheim; darum heißt er 'Atiguhya'. 'Sadya' bezeichnet sein unmittelbares Gewähren von Gnade – schnell, unverzüglich und ohne Aufschub.


'''10.36''' gahanena jāyate asmin pradhānapuruṣeśvarāntike ghore |<br>yasmāttasmād bhagavān ajāta iti cocyate devaḥ ||
'''10.36''' gahanena jāyate asmin pradhānapuruṣeśvarāntike ghore |<br>yasmāttasmād bhagavān ajāta iti cocyate devaḥ ||
'''Übersetzung:''' In seiner unergründlichen Macht entstehen Pradhana, Purusha und die übrigen Prinzipien. Weil er alles hervorbringt, selbst aber ungeboren bleibt, wird Bhagavan 'Ajata', der Ungeborene, genannt.


'''10.37''' sadyojātena mantreṇa yuktatvāt parameśvaraḥ |<br>śivamūrtividhānajñaiḥ sā mūrtiriti paṭhyate ||
'''10.37''' sadyojātena mantreṇa yuktatvāt parameśvaraḥ |<br>śivamūrtividhānajñaiḥ sā mūrtiriti paṭhyate ||
'''Übersetzung:''' Weil der höchste Herr mit dem Sadyojata-Mantra verbunden ist, wird diese Form von den Kennern der Shiva-Gestalten als seine Sadyojata-Murti bezeichnet.


'''10.38''' etairmantrair mahāguhyair mūrtim bhagavto avyayām |<br>nirguḍhām sarvatattveṣu dhyāyennityam samāhitaḥ ||
'''10.38''' etairmantrair mahāguhyair mūrtim bhagavto avyayām |<br>nirguḍhām sarvatattveṣu dhyāyennityam samāhitaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Mit diesen höchst geheimen Mantras soll der Sadhaka die unvergängliche Gestalt Bhagavans meditieren, die verborgen in allen Tattvas gegenwärtig ist.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Mantrafolge führt über 'Om namah Shivaya' und die fünf Brahma-Aspekte zum Mantra-Körper des Herrn. Ishana wird dem höchsten Haupt, Tatpurusha dem offenbarenden Gesicht, Aghora dem friedvollen und zugleich schützenden Herzen, Vamadeva der verborgenen Kraft und Sadyojata der unmittelbaren schöpferischen Gegenwart zugeordnet. Der Sadhaka soll diese geheime, unvergängliche Gestalt Shivas in allen Tattvas verborgen erkennen und beständig meditieren.
 


''' Verse 10.39–10.47 '''
''' Verse 10.39–10.47 '''


'''10.39''' durjñeyatvāt padārthānam tattvānam gahanasya ca |<br>sthityutpatti vināśānām guhyādguhyeti varṇitaḥ ||
'''10.39''' durjñeyatvāt padārthānam tattvānam gahanasya ca |<br>sthityutpatti vināśānām guhyādguhyeti varṇitaḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil die wirkliche Natur der Dinge, der Tattvas sowie von Entstehung, Bestand und Auflösung schwer zu erkennen ist, wird sie als 'Geheimnis der Geheimnisse' bezeichnet.


'''10.40''' guhyātiśaya yuktatvāt atiguhyo maheśvaraḥ |<br>prakṛter gopanatvād goptā saṃsārasya sadāśivaḥ ||
'''10.40''' guhyātiśaya yuktatvāt atiguhyo maheśvaraḥ |<br>prakṛter gopanatvād goptā saṃsārasya sadāśivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil Maheshvara in höchstem Maße von dieser verborgenen Wirklichkeit erfüllt ist, heißt er 'Atiguhya'. Da er durch Prakriti den Samsara bewahrt und ordnet, ist Sadashiva zugleich 'Gopta', der Hüter.


'''10.41''' nidhanan nāśo jagatastasya kartā maheśvaraḥ |<br>tenoktam nidhanetyevam jagataḥ parameśvaraḥ ||
'''10.41''' nidhanan nāśo jagatastasya kartā maheśvaraḥ |<br>tenoktam nidhanetyevam jagataḥ parameśvaraḥ ||
'''Übersetzung:''' 'Nidhana' bedeutet die Auflösung der Welt; Maheshvara ist der Vollzieher dieser Auflösung. Darum wird der höchste Herr der Welt in diesem Sinn mit Nidhana verbunden.


'''10.42''' sarvāsām eva vidyānām vidyārājām tathaiva ca |<br>vidhātā paremeśāno yasmāttamācchivādhipaḥ ||
'''10.42''' sarvāsām eva vidyānām vidyārājām tathaiva ca |<br>vidhātā paremeśāno yasmāttamācchivādhipaḥ ||
'''Übersetzung:''' Er ist der Urheber und höchste Herr aller Vidyas und aller Könige der Vidya; deshalb heißt Shiva 'Sarvavidyadhipa', Herr aller Erkenntniswege.


'''10.43''' jyotiḥ prakāśa rupāṇām darśanākṛti lakṣaṇam |<br>aśeṣodbhāsakaraṇāj jyotīrūpaḥ śivo avyayaḥ ||
'''10.43''' jyotiḥ prakāśa rupāṇām darśanākṛti lakṣaṇam |<br>aśeṣodbhāsakaraṇāj jyotīrūpaḥ śivo avyayaḥ ||
'''Übersetzung:''' Licht macht die Gestalt aller leuchtenden Dinge sichtbar. Weil der unvergängliche Shiva alles ohne Ausnahme erhellt, ist er 'Jyotirupa', von der Natur des Lichtes.


'''10.44''' parameśvara rudrāṇām sthitisamhāra karmiṇām |<br>kāraṇecchā pravṛttatvāt parastasmān maheśvaraḥ ||
'''10.44''' parameśvara rudrāṇām sthitisamhāra karmiṇām |<br>kāraṇecchā pravṛttatvāt parastasmān maheśvaraḥ ||
'''Übersetzung:''' Die Rudras führen Erhaltung und Auflösung aus, weil sie vom Willen der höchsten Ursache dazu bewegt werden; Maheshvara steht daher über ihnen.


'''10.45''' tasmai devādidevāya parāya paramāya ca |<br>yāthātathya guṇaughena yuktāya paramātmane ||
'''10.45''' tasmai devādidevāya parāya paramāya ca |<br>yāthātathya guṇaughena yuktāya paramātmane ||
'''Übersetzung:''' Verehrung diesem Gott der Götter, dem Transzendenten und Höchsten, dem höchsten Selbst, das mit der Fülle seiner wirklichen Eigenschaften ausgestattet ist.


'''10.46''' cetanāsarvabhūtānām sukhaduhkhādi lakṣaṇā |<br>sā cenna vidyate yasmāt tena devo hyacetanaḥ ||
'''10.46''' cetanāsarvabhūtānām sukhaduhkhādi lakṣaṇā |<br>sā cenna vidyate yasmāt tena devo hyacetanaḥ ||
'''Übersetzung:''' Das gewöhnliche Bewusstsein der Wesen ist durch Freude, Leid und ähnliche Erfahrungen gekennzeichnet. Da Shiva nicht auf diese begrenzte Bewusstseinsform reduziert werden kann, wird er hier 'Acetana' genannt.


'''10.47''' cetanānām asamparkād acetana itīritaḥ |<br>acetano hyacintyatvāt sūkṣmatvāccāpyacetanaḥ ||
'''10.47''' cetanānām asamparkād acetana itīritaḥ |<br>acetano hyacintyatvāt sūkṣmatvāccāpyacetanaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Weil er von den begrenzten Bewusstseinszuständen unberührt bleibt, weil er unvorstellbar und äußerst subtil ist, wird er als 'Acetana' bezeichnet.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Shiva wird als der noch im Geheimsten Verborgene, als Hüter, als Herr über Entstehen und Vergehen sowie als oberster Herr aller Vidyas gepriesen. Er ist Jyotirupa, die Gestalt des Lichtes, und steht über den Rudras und anderen kosmischen Mächten. Selbst Begriffe wie 'nicht durch gewöhnliches Bewusstsein erfassbar' sollen seine Unbegreiflichkeit und äußerste Subtilität ausdrücken.
 


''' Verse 10.48–10.58 '''
''' Verse 10.48–10.58 '''


'''10.48''' cetanānām agamyatvāt acetana iti smṛtaḥ |<br>dvirabhyāsapadam cāsya saṃśayaccheda kāraṇam ||
'''10.48''' cetanānām agamyatvāt acetana iti smṛtaḥ |<br>dvirabhyāsapadam cāsya saṃśayaccheda kāraṇam ||
'''Übersetzung:''' Auch weil er für das gewöhnliche begrenzte Bewusstsein unerreichbar ist, wird er so genannt. Die Wiederholung dieses Wortes dient dazu, Zweifel an dieser Bedeutung zu beseitigen.


'''10.49''' vyomādiṣvapi boddhavyam dvirabhyāsa padeṣu vai |<br>vyometi pūravamevoktam gaganākhyā samāsataḥ ||
'''10.49''' vyomādiṣvapi boddhavyam dvirabhyāsa padeṣu vai |<br>vyometi pūravamevoktam gaganākhyā samāsataḥ ||
'''Übersetzung:''' Dasselbe gilt für die zweifache Wiederholung bei 'Vyoma' und anderen Mantraworten. Vyoma wurde bereits als Raum, als grenzenloser Himmelsraum, erklärt.


'''10.50''' tena dharmeṇa yuktatvād bhagavān vyoma ucyate |<br>param vyomāparam caiva tantresmin samudāhṛtam ||
'''10.50''' tena dharmeṇa yuktatvād bhagavān vyoma ucyate |<br>param vyomāparam caiva tantresmin samudāhṛtam ||
'''Übersetzung:''' Weil Bhagavan dessen Eigenschaften besitzt, wird er selbst 'Vyoma' genannt. In diesem Tantra werden ein höchster und ein nicht-höchster Raum unterschieden.


'''10.51''' māyātītam param vyoma sāñjanam tvaparam smṛtam |<br>nirañjane pare vyomni nityasthaḥ kāraṇo avyayaḥ ||
'''10.51''' māyātītam param vyoma sāñjanam tvaparam smṛtam |<br>nirañjane pare vyomni nityasthaḥ kāraṇo avyayaḥ ||
'''Übersetzung:''' Der höchste Raum liegt jenseits von Maya und ist unbefleckt; der niedrigere Raum steht noch in Verbindung mit Maya. Im reinen höchsten Raum ist die unvergängliche Ursache ewig gegenwärtig.


'''10.52''' sāñjanam śaktikiraṇair adhitiṣṭhati śamkaraḥ |<br>vyomavyometi tenoktaḥ kāraṇena sadāśivaḥ ||
'''10.52''' sāñjanam śaktikiraṇair adhitiṣṭhati śamkaraḥ |<br>vyomavyometi tenoktaḥ kāraṇena sadāśivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Shankara durchdringt und lenkt auch den von Maya geprägten Raum mit den Strahlen seiner Shakti. Deshalb wird Sadashiva als 'Vyoma Vyoma' bezeichnet.


'''10.53''' vyāpakatvācca sarvasya vyāpī saṃprakīrtitaḥ |<br>rūpiṇām parameśānām brahmādīnām sadāśivaḥ ||
'''10.53''' vyāpakatvācca sarvasya vyāpī saṃprakīrtitaḥ |<br>rūpiṇām parameśānām brahmādīnām sadāśivaḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil er alles durchdringt, heißt er 'Vyapi'. Sadashiva ist zugleich der Ursprung der Gestalten der höchsten Herren und der Gottheiten von Brahma an.


'''10.54''' jñānagamyo mahāmantra yogayogī maheśvaraḥ |<br>sraṣtṛtvātsarvabhūtānām sarvajñatvācca kāraṇāt ||
'''10.54''' jñānagamyo mahāmantra yogayogī maheśvaraḥ |<br>sraṣtṛtvātsarvabhūtānām sarvajñatvācca kāraṇāt ||
'''Übersetzung:''' Maheshvara ist durch Erkenntnis erreichbar und der höchste Yogi des großen Mantra-Yoga. Weil er alle Wesen hervorbringt und allwissend ist, ist er ihre Ursache.


'''10.55''' anādisattvād bhagavān prathamastu nigatyate |<br>prakāśa karaṇatvācca tejasteja iti smṛtaḥ ||
'''10.55''' anādisattvād bhagavān prathamastu nigatyate |<br>prakāśa karaṇatvācca tejasteja iti smṛtaḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil sein Sein anfangslos ist, wird Bhagavan 'Prathama', der Erste, genannt. Weil er selbst das Leuchten aller Dinge ermöglicht, heißt er 'Tejastejas', das Licht des Lichtes.


'''10.56''' sarveṣām jyotiṣām ādinidhiśca bhagavān śivaḥ |<br>yadindhanāgni saṃyogāt somārkamaṇijam ca yat ||
'''10.56''' sarveṣām jyotiṣām ādinidhiśca bhagavān śivaḥ |<br>yadindhanāgni saṃyogāt somārkamaṇijam ca yat ||
'''Übersetzung:''' Der selige Shiva ist der ursprüngliche Schatz aller Lichter. Gewöhnliches Feuer entsteht aus Brennstoff, ebenso kennt man Licht aus Mond-, Sonnen- und Feuersteinen –


'''10.57''' tejastasmāt susampūrṇam kāraṇam jyotiruttamam |<br>tad dhūmabhasma rahitam tejasām anurañjakam ||
'''10.57''' tejastasmāt susampūrṇam kāraṇam jyotiruttamam |<br>tad dhūmabhasma rahitam tejasām anurañjakam ||
'''Übersetzung:''' doch sein eigenes Licht ist vollkommen, ursächlich und höchst; es ist frei von Rauch und Asche und verleiht allen anderen Lichtern ihre Leuchtkraft.


'''10.58''' śaivam paramanirvāṇam ādyantam jyotiṣām nidhiḥ |<br>anādi nidhanābhāvān nityatvāt tejasām nidhiḥ ||
'''10.58''' śaivam paramanirvāṇam ādyantam jyotiṣām nidhiḥ |<br>anādi nidhanābhāvān nityatvāt tejasām nidhiḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Der höchste shaivische Nirvana-Zustand ist Anfang und Ende aller Lichter und ihr Schatz; weil er ohne Anfang und Untergang ist, ist er der ewige Ursprung aller Strahlkraft.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Die Wiederholungen einzelner Mantrawörter werden als Mittel verstanden, Zweifel zu lösen und verschiedene Ebenen derselben Wirklichkeit zu unterscheiden. Es gibt einen höchsten, von Maya unberührten Raum und einen niedrigeren, in dem Maya wirkt; Shiva ist in beiden der Durchdringende. Er bleibt formlos, obwohl er Formen hervorbringt, ist der Erste, Licht des Lichtes und ein Feuer, das nicht aus gewöhnlichem Brennstoff entsteht, ohne Rauch und Asche.
 


''' Verse 10.59–10.68 '''
''' Verse 10.59–10.68 '''


'''10.59''' anādiriti vijñeyam nāma devasya śāśvatam |<br>nānāneti ca yatproktam guhyamantrapadam vibhoḥ ||
'''10.59''' anādiriti vijñeyam nāma devasya śāśvatam |<br>nānāneti ca yatproktam guhyamantrapadam vibhoḥ ||
'''Übersetzung:''' Darum ist 'Anadi', der Anfangslose, ein ewiger Name des Gottes. Nun wird die Bedeutung der geheimen Mantra-Silben 'na na' erklärt.


'''10.60''' parameśvara kṣetrajña pitāmaha iti trikam |<br>nā iti puruṣasyākhyā prathitā parameśvarasya puruṣasya ||
'''10.60''' parameśvara kṣetrajña pitāmaha iti trikam |<br>nā iti puruṣasyākhyā prathitā parameśvarasya puruṣasya ||
'''Übersetzung:''' Die ersten drei beziehen sich auf Parameshvara, Kshetrajna und Pitamaha; die Silbe 'na' kann außerdem Purusha, den höchsten göttlichen Menschen, bezeichnen.


'''10.61''' pūrayati poṣyati ca yasmattasmācchivaḥ puruṣaḥ |<br>nānānāsamhāraḥ proktaḥ puruṣatraya kāraṇasya devasya ||
'''10.61''' pūrayati poṣyati ca yasmattasmācchivaḥ puruṣaḥ |<br>nānānāsamhāraḥ proktaḥ puruṣatraya kāraṇasya devasya ||
'''Übersetzung:''' Weil Shiva alles erfüllt und nährt, wird er Purusha genannt. Die wiederholten Silben verweisen zugleich auf die Auflösung der drei kosmischen Herrscher in ihrer höchsten Ursache.


'''10.62''' guhye mantrapade asmin saṃhārakara padam proktam |<br>om bhūḥ satyavācitvān nitya padārthasya vācakaḥ śabdaḥ |<br>śivamantra padārthānām saṃśayanivṛtti hetvarthaḥ ||
'''10.62''' guhye mantrapade asmin saṃhārakara padam proktam |<br>om bhūḥ satyavācitvān nitya padārthasya vācakaḥ śabdaḥ |<br>śivamantra padārthānām saṃśayanivṛtti hetvarthaḥ ||
'''Übersetzung:''' Im geheimen Mantra gibt es ebenso eine Silbenfolge, die Auflösung bezeichnet. 'Om Bhuh' verweist auf das Wahre und Ewige und dient dazu, Zweifel hinsichtlich der Bedeutung der Shiva-Mantras zu beseitigen.


'''10.63''' om bhuva iti ca proktam bhuvanāni yathākramam |<br>śuddhāśuddhānyaśeṣāṇi nidhaneśavaśāni tu ||
'''10.63''' om bhuva iti ca proktam bhuvanāni yathākramam |<br>śuddhāśuddhānyaśeṣāṇi nidhaneśavaśāni tu ||
'''Übersetzung:''' 'Om Bhuvah' bezeichnet der Reihe nach die Gesamtheit der reinen und unreinen Welten, die unter der Herrschaft des höchsten Auflösers stehen.


'''10.64''' om suvaḥ prabhoḥ padam idam aparam yatprakīrtitam |<br>taddhyeyam yogibhirnityam śivatattvārthakovodaiḥ ||
'''10.64''' om suvaḥ prabhoḥ padam idam aparam yatprakīrtitam |<br>taddhyeyam yogibhirnityam śivatattvārthakovodaiḥ ||
'''Übersetzung:''' 'Om Suvah' bezeichnet eine offenbarte, meditierbare Gestalt des Herrn. Die Yogis, welche die Bedeutung des Shiva-Tattva kennen, sollen beständig darüber meditieren.


'''10.65''' anidhana iti yatproktam nityam vadanti devasya |<br>na vinaśyatīti bhagavān anidhana iti viśeṣataḥ kathitaḥ ||
'''10.65''' anidhana iti yatproktam nityam vadanti devasya |<br>na vinaśyatīti bhagavān anidhana iti viśeṣataḥ kathitaḥ ||
'''Übersetzung:''' 'Anidhana' bezeichnet die ewige Natur des Gottes: Bhagavan vergeht niemals. Deshalb wird er in besonderer Weise der Unvergängliche genannt.


'''10.66''' saṃharati devadevaḥ sṛjati yasmācca sarvabhūtāni |<br>śivatattva vidhānajñaiḥ rudro nidhanodbhavo rudraḥ ||
'''10.66''' saṃharati devadevaḥ sṛjati yasmācca sarvabhūtāni |<br>śivatattva vidhānajñaiḥ rudro nidhanodbhavo rudraḥ ||
'''Übersetzung:''' Der Gott der Götter löst alle Wesen auf und bringt sie erneut hervor; daher nennen die Kenner des Shiva-Tattva Rudra 'Nidhanodbhava', Ursprung aus und Herr über Auflösung und Hervorgang.


'''10.67''' śiva sarveti yaduktam tvaśivābhāvācchivasya devasya |<br>paramātmani sthitatvāt sarveṣām tena paramātmā ||
'''10.67''' śiva sarveti yaduktam tvaśivābhāvācchivasya devasya |<br>paramātmani sthitatvāt sarveṣām tena paramātmā ||
'''Übersetzung:''' Die Worte 'Shiva' und 'Sarva' zeigen, dass in diesem Gott keinerlei Unheil oder Unvollkommenheit ist. Weil er in allen als höchstes Selbst gegenwärtig ist, ist er der Paramatman.


'''10.68''' mahatām parameśānām sarveṣām pralayasarga kartṛṇām |<br>pūjyeśvara bhāvatvāt teneha maheśvaraḥ śambhuḥ ||
'''10.68''' mahatām parameśānām sarveṣām pralayasarga kartṛṇām |<br>pūjyeśvara bhāvatvāt teneha maheśvaraḥ śambhuḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Er steht über allen großen Herren, die Schöpfung und Auflösung vollziehen, und ist selbst ihr verehrungswürdiger Ishvara; deshalb wird Shambhu 'Maheshvara' genannt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Weitere Silben und Namen des Vyomavyapi-Mantras werden gedeutet. Sie beziehen sich auf die drei kosmischen Funktionen, auf Purusha und auf Auflösung, auf die drei ewigen Kategorien Pati, Pashu und Pasha sowie auf die verschiedenen Welten. Shiva wird als Anidhana, der Unvergängliche, als Ursprung von Auflösung und neuer Entfaltung, als Parama Atman und als Maheshvara über den großen kosmischen Mächten verehrt.
 


''' Verse 10.69–10.78 '''
''' Verse 10.69–10.78 '''


'''10.69''' mahān bhavati sarveṣām pūjyatvād yoginām śivaḥ |<br>devo divi sthitatvācca mahādevas tato bhavaḥ ||
'''10.69''' mahān bhavati sarveṣām pūjyatvād yoginām śivaḥ |<br>devo divi sthitatvācca mahādevas tato bhavaḥ ||
'''Übersetzung:''' Weil Shiva von allen Yogis als der Große verehrt wird und im göttlichen Raum besteht, heißt er 'Mahadeva', der große Gott.


'''10.70''' sarveśvara prasaṅgād anīśvare apīśvarābhidhānācca |<br>sadbhāveśvara śabdaḥ sadāśive sūribhiḥ proktaḥ ||
'''10.70''' sarveśvara prasaṅgād anīśvare apīśvarābhidhānācca |<br>sadbhāveśvara śabdaḥ sadāśive sūribhiḥ proktaḥ ||
'''Übersetzung:''' Auch andere Wesen können im übertragenen Sinn Ishvara genannt werden; um Sadashiva von ihnen zu unterscheiden, nennen die Weisen ihn 'Sadbhaveshvara', den Herrn der höchsten Wirklichkeit.


'''10.71''' mahatāmapi sarveṣām paramaśivastejasām mahātejaḥ |<br>yogī ca yogināmapi yogādhipatir bhavastasmāt ||
'''10.71''' mahatāmapi sarveṣām paramaśivastejasām mahātejaḥ |<br>yogī ca yogināmapi yogādhipatir bhavastasmāt ||
'''Übersetzung:''' Paramashiva ist größer als alle Großen und das höchste Licht unter allen Lichtern; selbst unter den Yogis ist er der vollkommene Yogi und daher 'Yogadhipati', Herr des Yoga.


'''10.72''' muñcati gahana nibandhān māyāviṣayitva yoktṛ bandhena |<br>māyābhijño bhagavān dīkṣānipuṇena hastena ||
'''10.72''' muñcati gahana nibandhān māyāviṣayitva yoktṛ bandhena |<br>māyābhijño bhagavān dīkṣānipuṇena hastena ||
'''Übersetzung:''' Der kundige Bhagavan löst die dichten Fesseln der Wesen, die durch Maya und die Bindung an ihre Erfahrungswelt entstanden sind, mit der in Diksha vollendeten Hand des Gurus.


'''10.73''' muñcati tena hi guhyam mantrapadam mudā vipraḥ |<br>prathayati pāśān bahuśaḥ prathametyabhidhīyate tena ||
'''10.73''' muñcati tena hi guhyam mantrapadam mudā vipraḥ |<br>prathayati pāśān bahuśaḥ prathametyabhidhīyate tena ||
'''Übersetzung:''' Darum preist der Weise das geheime Mantrawort 'munca munca' – 'löse, löse'. Zugleich entfaltet der Herr für die gebundenen Seelen vielfältige Erfahrungsbereiche und wird deshalb 'Prathama' genannt.


'''10.74''' śaraṇārthinām aṇūnām trātā mahato bhayātyataḥ śarvaḥ |<br>śaraṇād varaṇācca devaḥ śarva iti vibhāvyate taj jñaiḥ ||
'''10.74''' śaraṇārthinām aṇūnām trātā mahato bhayātyataḥ śarvaḥ |<br>śaraṇād varaṇācca devaḥ śarva iti vibhāvyate taj jñaiḥ ||
'''Übersetzung:''' Er beschützt die kleinen individuellen Seelen, die bei ihm Zuflucht suchen, vor der großen Furcht des Samsara; weil er Zuflucht und Schutz gewährt, heißt er 'Sharva'.


'''10.75''' bhāvena bhavatīti ca bhāvayitavyo bhavodbhavh prakṛtikartā |<br>āmantrāṇādi yuktair guhyapadaiḥ stūyate śambhuḥ ||
'''10.75''' bhāvena bhavatīti ca bhāvayitavyo bhavodbhavh prakṛtikartā |<br>āmantrāṇādi yuktair guhyapadaiḥ stūyate śambhuḥ ||
'''Übersetzung:''' Er wird gemäß der jeweiligen inneren Haltung gegenwärtig und nimmt Gestalt an; als Bhavodbhava ist er der Gestalter der Prakriti und wird mit den geheimen Mantraworten gepriesen.


'''10.76''' sarveṣām bhūtānām saṃsāraviyojakam param sūkṣmam |<br>sukham ātyantikam akṛtakam anupamam upayacchate devaḥ ||
'''10.76''' sarveṣām bhūtānām saṃsāraviyojakam param sūkṣmam |<br>sukham ātyantikam akṛtakam anupamam upayacchate devaḥ ||
'''Übersetzung:''' Allen Wesen gewährt der Gott die endgültige Befreiung vom Samsara und ein höchstes, äußerst subtiles, ungeschaffenes und unvergleichliches Glück.


'''10.77''' sānnidhyam mantroyam smṛtamātraḥ sādhakasya śivaliṅge |<br>kurute yasmāt tasmāt sānnidhyakaraḥ śivaḥ proktaḥ ||
'''10.77''' sānnidhyam mantroyam smṛtamātraḥ sādhakasya śivaliṅge |<br>kurute yasmāt tasmāt sānnidhyakaraḥ śivaḥ proktaḥ ||
'''Übersetzung:''' Schon durch die rechte Vergegenwärtigung dieses Mantras bringt Shiva seine lebendige Gegenwart im Shivalinga hervor; daher heißt er 'Sarvasannidhyakara', der überall Gegenwart schenkt.


'''10.78''' brahmā viṣṇuśca rudrasyo api sarvasya kāraṇam jagataḥ |<br>tebhyaḥ paraḥ prajñaiḥ paramaśvaḥ procyate kartā ||
'''10.78''' brahmā viṣṇuśca rudrasyo api sarvasya kāraṇam jagataḥ |<br>tebhyaḥ paraḥ prajñaiḥ paramaśvaḥ procyate kartā ||


 
'''Übersetzung:''' Brahma, Vishnu und Rudra wirken als Ursachen der kosmischen Schöpfung, Erhaltung und Auflösung; der höchste Shiva steht über ihnen und wird von den Weisen als ihr eigentlicher Urheber erkannt.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Shiva heißt Mahadeva, Sadbhaveshvara und Mahatejas, weil er über allen verehrten Mächten steht und höchste Lichtfülle ist. Als Yogadhipati ist er Herr des Yoga. Die Mantra-Worte 'munca munca' verweisen auf die lösende Kraft der Diksha: Shiva löst die Seelen aus ihren Fesseln. 'Sharva' bezeichnet ihn als Zuflucht und Beschützer; als Bhavodbhava nimmt er Formen an, wie es dem spirituellen Zusammenhang entspricht. Er schenkt den Wesen höchste, nicht gemachte Glückseligkeit und macht seine Gegenwart im Shivalinga erfahrbar. Brahma, Vishnu und Rudra stehen als kosmische Funktionen unter dem höchsten Shiva.
 


''' Verse 10.79–10.89 '''
''' Verse 10.79–10.89 '''


'''10.79''' sūkṣmāṇān sūkṣmatvad vikaraṇa dharmeṣu vikaraṇo bhagavān |<br>gyhyeṣvapi guhyatvāt acintyabhāvo hyacintyatvāt ||
'''10.79''' sūkṣmāṇān sūkṣmatvad vikaraṇa dharmeṣu vikaraṇo bhagavān |<br>gyhyeṣvapi guhyatvāt acintyabhāvo hyacintyatvāt ||
'''Übersetzung:''' In den subtilsten Dingen ist er subtil, in den sich wandelnden Dingen erscheint er als deren innere Wandlungskraft, und in den verborgenen Dingen bleibt er verborgen; seine Natur ist unvorstellbar.


'''10.80''' jñānām sarveṣām pragamatvād anarcito devaḥ |<br>tasmad anarcita iti bhagavān uktaśca tantre asmin ||
'''10.80''' jñānām sarveṣām pragamatvād anarcito devaḥ |<br>tasmad anarcita iti bhagavān uktaśca tantre asmin ||
'''Übersetzung:''' Weil er nur durch höchste Erkenntnis wirklich erreicht wird und nicht durch äußere Verehrung allein, wird Bhagavan in diesem Tantra als 'Anarcita', der nicht bloß äußerlich Verehrbare, bezeichnet.


'''10.81''' na stūyate stuto vā brahmādibhirapyadṛṣṭa pūrvatvāt |<br>tasmad asaṃstuta iti bhagavān uktaśca tantre asmin ||
'''10.81''' na stūyate stuto vā brahmādibhirapyadṛṣṭa pūrvatvāt |<br>tasmad asaṃstuta iti bhagavān uktaśca tantre asmin ||
'''Übersetzung:''' Weil seine höchste Wirklichkeit selbst von Brahma und den übrigen Göttern nicht unmittelbar geschaut wurde, kann sie von ihnen nicht angemessen gepriesen werden; deshalb wird Bhagavan hier 'Asamstuta', der durch Lob nicht zu Erfassende, genannt.


'''10.82''' saṃsthāpyate svato vā nityasthatvācchivaḥ pare vyomni |<br>pūrvasthitopyabhihitaḥ parameśo mantra tantrajñaiḥ ||
'''10.82''' saṃsthāpyate svato vā nityasthatvācchivaḥ pare vyomni |<br>pūrvasthitopyabhihitaḥ parameśo mantra tantrajñaiḥ ||
'''Übersetzung:''' Shiva ist aus sich selbst heraus ewig im höchsten Raum gegründet; weil er von Anfang an dort besteht, nennen ihn die Kenner von Mantra und Tantra 'Purvasthita', den ursprünglich Gegenwärtigen.


'''10.83''' sākṣātsarva paśūnām dharmādharmādikam kṛtam karma |<br>sākṣī ca sarvato akṣaḥ paśyati bhagavān ataḥ sākṣī ||
'''10.83''' sākṣātsarva paśūnām dharmādharmādikam kṛtam karma |<br>sākṣī ca sarvato akṣaḥ paśyati bhagavān ataḥ sākṣī ||
'''Übersetzung:''' Er schaut unmittelbar die guten und schlechten Handlungen aller gebundenen Wesen; weil seine Augen überall sind und er alles sieht, wird Bhagavan 'Sakshin', der Zeuge, genannt.


'''10.84''' tvaritam śivasāyujyam prayacchate sādhakasya deveśaḥ |<br>turuturveti tantrartho ayam kṣipratvāccaiva dīkṣāyāḥ ||
'''10.84''' tvaritam śivasāyujyam prayacchate sādhakasya deveśaḥ |<br>turuturveti tantrartho ayam kṣipratvāccaiva dīkṣāyāḥ ||
'''Übersetzung:''' Der Herr der Götter gewährt dem Sadhaka rasch die Vereinigung mit Shiva. Die Mantraworte 'turu turu' bezeichnen nach der Tantra-Lehre diese Schnelligkeit der Wirkung der Diksha.


'''10.85''' tejomūrtyabhidhānam pataṅga iti mantra lakṣaṇam proktam |<br>piṅga piṅgeti tejastham pravadanti mantratantrajñaḥ ||
'''10.85''' tejomūrtyabhidhānam pataṅga iti mantra lakṣaṇam proktam |<br>piṅga piṅgeti tejastham pravadanti mantratantrajñaḥ ||
'''Übersetzung:''' 'Patanga' wird in der Mantra-Lehre als Bezeichnung einer strahlenden Gestalt erklärt; 'Pinga Pinga' verweist auf das innere Zentrum der Lichtfülle. So wird Shiva als leuchtende Wirklichkeit gepriesen.


'''10.86''' jñānam śivapadabodhaḥ saṃyakcedam parāparam rūpam |<br>yaccānyasmin tantre na vidyate sarva darśitvāt ||
'''10.86''' jñānam śivapadabodhaḥ saṃyakcedam parāparam rūpam |<br>yaccānyasmin tantre na vidyate sarva darśitvāt ||
'''Übersetzung:''' Jnana ist die Erkenntnis des Zustandes Shivas; sie umfasst in rechter Weise die höchste und die niedrigere Wirklichkeit. Diese umfassende Erkenntnis wird in dieser Form in anderen Lehrsystemen nicht vollständig dargelegt.


'''10.87''' yāvan varṇa vivekaḥ saṃyoga vibhāga lakṣaṇaḥ sūkṣmaḥ |<br>śrotrendriyārtha paramaḥ śabdo asau kāraṇeśānaḥ ||
'''10.87''' yāvan varṇa vivekaḥ saṃyoga vibhāga lakṣaṇaḥ sūkṣmaḥ |<br>śrotrendriyārtha paramaḥ śabdo asau kāraṇeśānaḥ ||
'''Übersetzung:''' Der subtile Klang umfasst die Unterscheidung der Laute sowie ihre Verbindung und Trennung; er geht über den gewöhnlichen Hörsinn hinaus. Der Herr der Ursachen ist die höchste Wirklichkeit dieses Shabda.


'''10.88''' sūkṣmo hyacintya rūpo vyākhyātaḥ pūrvameva tantre asmin |<br>dvirabhihitaḥ paramaśivaḥ saṃśayanivṛtti darśibhiḥ sarvaiḥ ||
'''10.88''' sūkṣmo hyacintya rūpo vyākhyātaḥ pūrvameva tantre asmin |<br>dvirabhihitaḥ paramaśivaḥ saṃśayanivṛtti darśibhiḥ sarvaiḥ ||
'''Übersetzung:''' Shiva wurde in diesem Tantra bereits als subtil und von unvorstellbarer Gestalt erklärt. Die zweifache Wiederholung 'Sukshma Sukshma' dient den Wissenden dazu, jeden Zweifel an seiner äußersten Subtilität zu beseitigen.


'''10.89''' sarvajñaḥ sarvaparaḥ sarveśaḥ sarvakṛt svatantraśca |<br>sarvātmā sarveṣām prabhavasthitilayakṛcchivaḥ paramaḥ ||
'''10.89''' sarvajñaḥ sarvaparaḥ sarveśaḥ sarvakṛt svatantraśca |<br>sarvātmā sarveṣām prabhavasthitilayakṛcchivaḥ paramaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Der höchste Shiva ist allwissend, höher als alles, Herr von allem, Täter von allem und völlig frei; er ist das Selbst aller und bewirkt Entstehung, Bestand und Auflösung aller Wesen.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der Herr ist subtiler als das Subtile, in den verborgenen Dingen verborgen und durch gewöhnliche äußere Verehrung nicht vollständig erreichbar. Er ist jenseits selbst der Lobpreisungen, ist im höchsten Raum von Anfang an gegründet und ist Zeuge aller Taten. Er schenkt Shiva-Einheit schnell, wird als strahlende, laut- und erkenntnishafte Wirklichkeit gepriesen und schließlich erneut als Shiva und Sharva: allwissend, frei, Selbst aller und Ursprung, Bestand und Auflösung aller Wesen.
 


''' Verse 10.90–10.97 '''
''' Verse 10.90–10.97 '''


'''10.90''' sarvamiti niravaśeṣam parāparajñānam uttamam guhyam |<br>māyābandha vimokṣam dadāti sarvapradas tasmāt ||
'''10.90''' sarvamiti niravaśeṣam parāparajñānam uttamam guhyam |<br>māyābandha vimokṣam dadāti sarvapradas tasmāt ||
'''Übersetzung:''' 'Sarva' bedeutet das Ganze ohne Rest und verweist auf die geheime höchste Erkenntnis von Para und Apara. Weil Shiva dadurch Befreiung von der Maya-Bindung schenkt, ist er 'Sarvada', der alles Gewährende.


'''10.91''' śiva iti samātmakatvācchāntatvād īśvaraḥ proktaḥ |<br>tasmai śivāya kurute nama iti śāntāya devāya ||
'''10.91''' śiva iti samātmakatvācchāntatvād īśvaraḥ proktaḥ |<br>tasmai śivāya kurute nama iti śāntāya devāya ||
'''Übersetzung:''' Weil Shiva allen Wesen gegenüber gleich und vollkommen friedvoll ist, wird er Ishvara genannt. Diesem Shiva, dem friedvollen Gott, wird mit 'Namah' Verehrung dargebracht.


'''10.92''' nama iti prabhutve ayam dhātvarthaḥ procyate vikarajñaiḥ kāraṇakārya vibhāgam kurute parameśa yogam ca ||
'''10.92''' nama iti prabhutve ayam dhātvarthaḥ procyate vikarajñaiḥ kāraṇakārya vibhāgam kurute parameśa yogam ca ||
'''Übersetzung:''' Die Wurzelbedeutung von 'Namah' wird von den Kundigen auch mit Herrschaft verbunden. Der höchste Herr bewirkt die Unterscheidung von Ursache und Wirkung und zugleich ihre Vereinigung in ihm.


'''10.93''' yugmam proktam tatraikam kāraṇasya devasya |<br>kāryatvasya viyogam kurute vinivṛtti hetvartham ||
'''10.93''' yugmam proktam tatraikam kāraṇasya devasya |<br>kāryatvasya viyogam kurute vinivṛtti hetvartham ||
'''Übersetzung:''' Die zweimalige Form des Grußes bezieht sich auf diese beiden Seiten, Ursache und Wirkung; sie dient dazu, die Bindung an die bloße Wirkungswelt aufzulösen und zur Quelle zurückzuführen.


'''10.94''' evam brahmādīnām yugmāyugmam punarnamaskāraḥ |<br>kāraṇakārya vibhāgam chinatti māyāñjanam sarvam ||
'''10.94''' evam brahmādīnām yugmāyugmam punarnamaskāraḥ |<br>kāraṇakārya vibhāgam chinatti māyāñjanam sarvam ||
'''Übersetzung:''' In gleicher Weise wird bei Brahma und den übrigen Göttern der Gruß teils doppelt, teils einfach gesprochen; die Unterscheidung von Ursache und Wirkung durchtrennt schließlich alle Färbungen der Maya.


'''10.95''' anyat saṃyogakaram nama iti yugmam parasya devasya |<br>aṣṭāvete śuddhāḥ kāryamantre parā namaskārāḥ ||
'''10.95''' anyat saṃyogakaram nama iti yugmam parasya devasya |<br>aṣṭāvete śuddhāḥ kāryamantre parā namaskārāḥ ||
'''Übersetzung:''' Ein weiterer 'Namah'-Gruß bezeichnet ihre erneute Vereinigung im höchsten Gott. Acht dieser reinen Mantra-Glieder werden den höheren Wirkkräften und der transzendenten Verehrung zugeordnet.


'''10.96''' praṇavāśca nava proktā mantraśarīre śivasya sarvasmin |<br>daśa coktā mantraparāḥ śuddhāḥ paramā namaskārāḥ ||
'''10.96''' praṇavāśca nava proktā mantraśarīre śivasya sarvasmin |<br>daśa coktā mantraparāḥ śuddhāḥ paramā namaskārāḥ ||
'''Übersetzung:''' Neun Pranavas werden im gesamten Mantra-Körper Shivas genannt; zehn weitere reine Mantra-Glieder beziehen sich auf die hohen göttlichen Mächte und die höchste Verehrung.


'''10.97''' viṃśati trīṇi yutāni saptaviṃśati saṃpradānāni |<br>śeṣapadāni tu ṣaḍviṃśatiḥ padāni baddhāni sarvataścāntaḥ ||
'''10.97''' viṃśati trīṇi yutāni saptaviṃśati saṃpradānāni |<br>śeṣapadāni tu ṣaḍviṃśatiḥ padāni baddhāni sarvataścāntaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Dreiundzwanzig Glieder stehen für die Huldigung, siebenundzwanzig für das Gewähren göttlicher Kräfte; sechsundzwanzig übrige Mantra-Worte beziehen sich auf den Bereich jenseits der gesamten begrenzten Ordnung.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' 'Sarvada' weist auf Shivas allumfassendes Wissen und seine Befreiung aus den Fesseln der Maya. Die wiederholte Verneigung 'namah' wird mit Ursache und Wirkung sowie ihrer letztlichen Einheit gedeutet. Der Text klassifiziert die Mantra-Glieder in verschiedene Gruppen und macht deutlich, dass dieselben Formeln mehrere Funktionen zugleich tragen können; die genaue Initiation in ihre Anwendung bleibt dem Guru vorbehalten.
 


''' Verse 10.98–10.106 '''
''' Verse 10.98–10.106 '''


'''10.98''' triṃśat tattvāni proktāni śamkareṇa vibhāgaśaḥ |<br>asmin māheśvare tantre parisamkhyāya tattvataḥ ||
'''10.98''' triṃśat tattvāni proktāni śamkareṇa vibhāgaśaḥ |<br>asmin māheśvare tantre parisamkhyāya tattvataḥ ||
'''Übersetzung:''' In diesem Maheshvara-Tantra hat Shankara die Tattvas in ihrer wirklichen Ordnung gegliedert und dreißig Prinzipien aufgezählt.


'''10.99''' vikārāḥ ṣoḍaśa proktā daśa prakṛtayastathā |<br>puruṣo vidya rāga tattvam śivatattvam ca triṃśakam ||
'''10.99''' vikārāḥ ṣoḍaśa proktā daśa prakṛtayastathā |<br>puruṣo vidya rāga tattvam śivatattvam ca triṃśakam ||
'''Übersetzung:''' Sechzehn werden als Vikara, als hervorgegangene Modifikationen, bezeichnet und zehn als Prakriti-nahe Ursachen; hinzu kommen Purusha, Vidya, Raga und Shiva-Tattva, zusammen dreißig.


'''10.100''' kalāvyaktam guṇā buddhirahaṅkāras tathaiva ca |<br>tanmātrāṇi tathā pañca etāḥ prakṛtayo daśa ||
'''10.100''' kalāvyaktam guṇā buddhirahaṅkāras tathaiva ca |<br>tanmātrāṇi tathā pañca etāḥ prakṛtayo daśa ||
'''Übersetzung:''' Kala, Avyakta, Guna, Buddhi, Ahamkara sowie die fünf Tanmatras – diese zehn werden hier als Prakritis, als ursächliche Prinzipien, bezeichnet.


'''10.101''' indriyāṇi daśaikam ca mahābhūtāni pañca ca |<br>vikārāḥ ṣoḍaśa tvete yaistu sarvam idam tatam ||
'''10.101''' indriyāṇi daśaikam ca mahābhūtāni pañca ca |<br>vikārāḥ ṣoḍaśa tvete yaistu sarvam idam tatam ||
'''Übersetzung:''' Die elf inneren und äußeren Sinnesorgane sowie die fünf großen Elemente bilden die sechzehn Vikaras; durch sie ist diese ganze Erfahrungswelt durchdrungen.


'''10.102''' uktaḥ samāsato arthaḥ paramārthavidā śivena tantre asmin |<br>ātreyaviśuddhakulānvayāya guruṇā prbodhāya ||
'''10.102''' uktaḥ samāsato arthaḥ paramārthavidā śivena tantre asmin |<br>ātreyaviśuddhakulānvayāya guruṇā prbodhāya ||
'''Übersetzung:''' So wurde in diesem Tantra von Shiva, dem Kenner der höchsten Wirklichkeit, die Bedeutung in Kürze dargelegt; der Guru übermittelte sie zur Erweckung der reinen Atreya-Linie.


'''10.103''' idam purā kāraṇavaktrapadmādvinihsṛtam tadbahudhā vibhinnam |<br>vidyeśavraiḥ kāraṇatulya rūpair mantrakriyāmaṇḍala saṃprayogaiḥ ||
'''10.103''' idam purā kāraṇavaktrapadmādvinihsṛtam tadbahudhā vibhinnam |<br>vidyeśavraiḥ kāraṇatulya rūpair mantrakriyāmaṇḍala saṃprayogaiḥ ||
'''Übersetzung:''' Diese Lehre ging ursprünglich aus dem lotusgleichen Mund der höchsten Ursache hervor und wurde danach von den Vidyeshvaras, deren Gestalt der Ursache gleicht, in vielfältige Bereiche von Mantra, Kriya und Mandala gegliedert.


'''10.104''' koṭyā nibaddham parameśvareṇa śaivam padam matṛgaṇairupetam |<br>tadeva sarvam kṛtavānmahātmā bhṛgūttamo dvādaśabhis sahasraiḥ ||
'''10.104''' koṭyā nibaddham parameśvareṇa śaivam padam matṛgaṇairupetam |<br>tadeva sarvam kṛtavānmahātmā bhṛgūttamo dvādaśabhis sahasraiḥ ||
'''Übersetzung:''' Die von Parameshvara offenbarte shaivische Lehre, von den Gruppen heiliger Laute getragen, umfasste ursprünglich zehn Millionen Verse; der große Bhrigu fasste ihren gesamten Inhalt in zwölftausend Versen zusammen.


'''10.105''' tadeva buddhva nikhilam hi bhārgavāt parāparajñānam anukrameṇa |<br>sahasramekam dviśatam ca so avadad rururmahātmā jagato hitāya ||
'''10.105''' tadeva buddhva nikhilam hi bhārgavāt parāparajñānam anukrameṇa |<br>sahasramekam dviśatam ca so avadad rururmahātmā jagato hitāya ||
'''Übersetzung:''' Nachdem Ruru von Bhargava diese ganze geordnete Erkenntnis von Para und Apara verstanden hatte, verkündete der große Weise sie zum Wohl der Welt in eintausendzweihundert Versen.


'''10.106''' idam paramaśivārṇavān munirvimathya tantrāmṛtam uttamam śivam |<br>śiverito vidita parāparo ruruś cakāra tantrārṇava saṃgraham punaḥ ||
'''10.106''' idam paramaśivārṇavān munirvimathya tantrāmṛtam uttamam śivam |<br>śiverito vidita parāparo ruruś cakāra tantrārṇava saṃgraham punaḥ ||


 
'''Übersetzung:''' Nachdem der Weise den Ozean der höchsten Shiva-Lehre durchforscht und daraus den ausgezeichneten Nektar des Tantra gewonnen hatte, verfasste Ruru, von Shiva inspiriert und Para wie Apara kennend, erneut diese Zusammenfassung des Ozeans der Tantras.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Der Raurava zählt hier dreißig Tattvas in einer verdichteten Systematik: sechzehn Vikara, zehn Prakriti-nahe Prinzipien sowie Purusha, Vidya, Raga und Shiva-Tattva. Eine traditionelle Erklärung versteht die fünf reinen Tattvas zusammenfassend als Shiva-Tattva und fasst weitere Kategorien in Kala zusammen, sodass die bekannte Ordnung von sechsunddreißig Tattvas mitgemeint ist. Anschließend erklärt der Text seine eigene Überlieferung: Die ungeheure ursprüngliche Agama-Lehre wurde stufenweise verdichtet; Ruru fasste die para- und apara-bezogenen Inhalte zum Rauravasutrasamgraha zusammen.
 


''' Verse 10.107–10.110 '''
''' Verse 10.107–10.110 '''


'''10.107''' imam hi yo rauravasūtrasamgraham paṭhedaṇurvyapagata pāśabandhanaḥ |<br>vibhidya lokān kanakāṇḍjanmanaḥ sa yāti vai paramaśivāntikam budhā ||
'''10.107''' imam hi yo rauravasūtrasamgraham paṭhedaṇurvyapagata pāśabandhanaḥ |<br>vibhidya lokān kanakāṇḍjanmanaḥ sa yāti vai paramaśivāntikam budhā ||
'''Übersetzung:''' Wer diesen Rauravasutrasamgraha studiert, dessen Fesseln des Pasha schwinden; nachdem er die Welten des aus dem goldenen Weltenei Geborenen überschritten hat, gelangt der Weise in die Nähe des höchsten Shiva.


'''10.108''' ye cātrāsanamantrajāta niratāḥ saṃsevanātprāṅmukhāḥ śambhoḥ pādanipāta hṛṣṭa śirasaḥ pratyagra tāpadviṣaḥ |<br>teṣām āśu nigūḍhanūpura ravā cañcacalan mekhalā saṃbhrāntānana paṅkajodyatakarā paryeti lakṣmīḥ padam ||
'''10.108''' ye cātrāsanamantrajāta niratāḥ saṃsevanātprāṅmukhāḥ śambhoḥ pādanipāta hṛṣṭa śirasaḥ pratyagra tāpadviṣaḥ |<br>teṣām āśu nigūḍhanūpura ravā cañcacalan mekhalā saṃbhrāntānana paṅkajodyatakarā paryeti lakṣmīḥ padam ||
'''Übersetzung:''' Wer sich hier beständig Asana, Mantra und hingebungsvollem Dienst widmet, sich nach Osten ausrichtet und freudig sein Haupt zu den Füßen Shambhus neigt, dem nähert sich rasch die Göttin des Segens, mit klingenden Fußreifen, bewegtem Gürtel, lotusgleichem Antlitz und erhobenen Lotusblumen in den Händen.


'''10.109''' śivabhaktasya śāntāsya mahotsāha ratāya ca |<br>trivarṣābhyantarātsiddhir hastameti na saṃśayaḥ ||
'''10.109''' śivabhaktasya śāntāsya mahotsāha ratāya ca |<br>trivarṣābhyantarātsiddhir hastameti na saṃśayaḥ ||
'''Übersetzung:''' Für den ruhigen Shiva-Bhakta, der sich mit großer Begeisterung dieser Praxis widmet, kommt Siddhi innerhalb von drei Jahren in seine Hand – daran besteht kein Zweifel.


'''10.110''' vyaktāvyakta kalāpamālam atulam tyaktvāspadam janmano mohāyāsa jarādiyogakalilam māyāmayam bandhanam |<br>śaivajñāna padārthavāribhiramalam prakṣālitātmā śivam sūkṣmam śāntam ajam prayāti paramam śambhoḥ padam niṣkalam ||
'''10.110''' vyaktāvyakta kalāpamālam atulam tyaktvāspadam janmano mohāyāsa jarādiyogakalilam māyāmayam bandhanam |<br>śaivajñāna padārthavāribhiramalam prakṣālitātmā śivam sūkṣmam śāntam ajam prayāti paramam śambhoḥ padam niṣkalam ||


 
'''Übersetzung:''' Wenn der Sadhaka den aus manifesten und unmanifesten Kräften gebildeten Körper, den Geburtsgrund, und die aus Maya entstandene Bindung mit Verblendung, Mühsal, Alter und den übrigen Leiden hinter sich lässt und sein Selbst mit dem Wasser der shaivischen Erkenntnis reinwäscht, gelangt er zu Shiva: subtil, friedvoll, ungeboren, zum höchsten formlosen Zustand Shambhus.
'''Sinngemäße deutsche Übersetzung des Abschnitts:''' Wer den Rauravasutrasamgraha studiert und die Fesseln des Pasha überwindet, soll die begrenzten Welten durchschreiten und Paramashiva nahekommen. Beständige Praxis von Asana, Mantra, Dienst und Hingabe führt nach dem Text zu Segen und Siddhi. Der Schlussvers bündelt das Ziel: Wer die aus Maya entstandene Bindung ablegt und sein Bewusstsein im Wasser der Shiva-Erkenntnis reinigt, gelangt zum subtilen, friedvollen, ungeborenen und formlosen Zustand Shivas.
 


== Der Vyomavyāpi-Mantra und die Grenze dieser Ausgabe ==
== Der Vyomavyāpi-Mantra und die Grenze dieser Ausgabe ==

Aktuelle Version vom 15. September 2026, 19:31 Uhr

Raurava Agama (Sanskrit: रौरवागम, Rauravāgama) ist eines der achtundzwanzig grundlegenden Shaiva Agamas des Shaivismus und gehört zur Überlieferung des Shaiva Siddhanta. Das Werk verbindet eine ausgeprägte Lehre von Shiva als höchster, allgegenwärtiger Wirklichkeit mit einer differenzierten Kosmologie, Mantra-Lehre, Einweihung, ritueller Praxis und einem eigenen Weg des Yoga und der Meditation. Besonders eindrücklich sind die Abschnitte über den sechsgliedrigen Yoga, die Dharanas im Nabel, Herzen und Scheitel, die Bedeutung des Vyomavyāpi-Mantras und die Bilder für Befreiung: Dunkelheit verschwindet vor der aufgehenden Sonne, Wasser vereinigt sich mit Wasser und der Fluss geht im Meer auf.

Shiva als höchste Wirklichkeit und innerer Herr – das spirituelle Zentrum des Raurava Agama.

Der Name Raurava ist mit dem Weisen Ruru verbunden, der im erhaltenen Wissensabschnitt als Lehrer auftritt. Der Text nennt sich am Ende seiner Kapitel wiederholt Rauravasūtrasaṃgraha, also „Sammlung der Raurava-Sutras“. In der überlieferten Gestalt ist der Raurava-Korpus deutlich umfangreicher als dieser alte Wissenskern: Die kritische Edition von N. R. Bhatt enthält einen zehn Kapitel umfassenden Jñāna- beziehungsweise Vidyāpāda, einen Kriyāpāda mit 46 Kapiteln und in einem weiteren Band 19 zusätzlich aus anderen Werken rekonstruierte Kapitel. Die vollständige französische Übersetzung von Bruno Dagens und Marie-Luce Barazer-Billoret behandelt den Gesamtbestand in 80 Kapiteln und mehr als 3800 Versen.

Diese Yoga-Vidya-Ausgabe konzentriert sich bewusst auf den vollständig zugänglichen zehn Kapitel umfassenden Vidyāpāda/Rauravasūtrasaṃgraha. Er liegt in der hier verwendeten Ausgabe von S. P. Sabharathnam Sivacharyar mit Sanskrittext, Transliteration und englischer Erläuterung vollständig vor. Eine vollständige Neutranskription der wesentlich umfangreicheren Kriyā-Überlieferung wäre für diesen Artikel unverhältnismäßig und würde zudem eine neue kritische Edition vortäuschen. Die Grenzen sind deshalb offen benannt: Der Wissenskern wird hier vollständig in seiner Versfolge dokumentiert, die späteren Ritualteile werden inhaltlich eingeordnet, aber nicht neu übersetzt.

Alle Wiki Artikel zum Raurava Agama:

Stellung innerhalb der Shaiva Agamas

Das Raurava Agama zählt zu den 28 Mūlāgamas, den Grundschriften des klassischen Shaiva Siddhanta. Es ist keine rein philosophische Schrift. Wie andere Agamas verbindet es Weltsicht, Gotteslehre und Befreiungslehre mit konkreter Praxis: Puja, Mantra, Mudra, Initiation, Tempelritual und yogische Versenkung gehören zu einer einzigen spirituellen Ordnung.

Die moderne Forschung unterscheidet im überlieferten Raurava mehrere Schichten. Besonders der Rauravasūtrasaṃgraha, also der hier bearbeitete Wissenskern, gilt als relativ alt. Dominic Goodall hat 2022 eigens Indizien für seine relative Altertümlichkeit und Verbesserungen am edierten Sanskrittext vorgelegt. Eine exakte Datierung ist trotzdem nicht gesichert. Für eine spirituelle Lektüre ist wichtiger, dass der Text eine frühe, kompakte Form siddhāntischer Shiva-Lehre bewahrt, die später in umfangreicheren Ritualsystemen weiter entfaltet wurde.

Shiva und Shakti: Bewusstsein und göttliche Kraft erscheinen im Raurava Agama als untrennbar.

Aufbau des hier erschlossenen Vidyāpāda

Der zugängliche Text umfasst 314 nummerierte Verse in zehn Kapiteln; zusätzlich stehen in den Kapiteln 5 und 7 rituelle Mantrafolgen außerhalb der Verszählung.

  1. Upodghāta Prakaraṇam – Einführung und Lobpreis Sadashivas; Ruru wird um die Lehre gebeten.
  2. Śivatattvāni – Entfaltung der Shiva-Tattvas, Vidyeshvaras und der Welt aus Maya.
  3. Tantrāvatāra – Überlieferungslinie des Tantra, Gurus, Mantras und Mandalas.
  4. Adhva Vidhiḥ – kosmische Ebenen, Tattvas, Shaktis und der Weg vom Groben zum Reinen.
  5. Mudrā Lakṣaṇam – wichtige Mudras und ihre Funktion in der Shiva-Verehrung.
  6. Pañcabrahma Kalā Vidhiḥ – die 38 Kalas der fünf Brahma-Mantras und ihr Nyasa.
  7. Dhāraṇā Vidhiḥ – sechsgliedriger Yoga und vier zentrale Dharanas.
  8. Dīkṣā Vargaḥ – Sinn der Einweihung als Lösung der Fesseln und Hinführung zur Shiva-Natur.
  9. Ātmasaṃkrāntiḥ – ein eingeweihter yogisch-ritueller Weg des Übergangs beim Tod.
  10. Mantrārtha Varṇanam – ausführliche Deutung des Vyomavyāpi-Mantras und abschließende Tattva- und Überlieferungslehre.

Zentrale Lehren

Shiva als höchste Wirklichkeit

Das Raurava Agama spricht von Shiva zugleich als transzendent und immanent. Er ist niṣkala, jenseits aller Gestalt, und kann zugleich sakala, in Gestalt und Mantra, erfahren werden. Er ist „subtiler als das Subtile“, alles durchdringend und doch von den Begrenzungen der Welt unberührt. Gerade diese Verbindung ist für die Praxis wichtig: Das Göttliche ist nicht nur jenseits der Welt, sondern in Atem, Herz, Mantra, Bewusstsein und allen Tattvas gegenwärtig.

Shiva und Shakti

Shakti ist nicht eine zweite, von Shiva getrennte Wirklichkeit. Der Text spricht von Vāmā, Jyeṣṭhā und Raudrī sowie von Jnana Shakti und Kriya Shakti, der Kraft des Erkennens und der Kraft des Wirkens. Shiva ist allwissend und allwirkend, weil er mit Shakti verbunden ist. Kosmos und Befreiung werden damit dynamisch verstanden: Bewusstsein ist nicht passiv, sondern besitzt die Kraft, sich zu offenbaren, zu verhüllen und wieder zu sich selbst zurückzuführen.

Pati, Pashu und Pasha

Die für den Shaiva Siddhanta zentrale Dreigliederung von Pati (Herr), Paśu (gebundene Seele) und Pāśa (Fessel) erscheint im Raurava ausdrücklich. Der spirituelle Weg besteht nicht darin, die individuelle Existenz zu verachten, sondern die bindenden Faktoren zu durchschauen und zu lösen. Diksha wird deshalb als reale Transformation verstanden: Shiva löst durch Guru, Mantra und Shakti die Fesseln, die das Bewusstsein auf seine begrenzte Identität festlegen.

Die Tattvas

Der Text bietet eine eigene verdichtete Zählung von dreißig Tattvas. Eine traditionelle Erklärung führt sie auf die bekanntere Ordnung von 36 Tattvas zurück, indem die fünf reinen Tattvas zusammenfassend als Shiva-Tattva behandelt und weitere Prinzipien gruppiert werden. Entscheidend ist die Bewegung: von Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum über Sinne, Geist, Buddhi und Ahamkara bis zu Purusha, Maya, reiner Vidya und Shiva. Die Tattva-Lehre ist damit zugleich Kosmologie und Meditationskarte.

Virabhadra gehört zu der vielgestaltigen shaivischen Götter- und Weltenordnung, die der Text beschreibt.

Mantra als lebendige Form Shivas

Ein Kernsatz des dritten Kapitels lautet sinngemäß: Alle Gottheiten sind von Mantra durchdrungen und alle Mantras sind von Shiva durchdrungen. Mantra ist damit mehr als ein Wort. Laut, Bedeutung, göttliche Kraft und Bewusstsein gehören zusammen. Der zehnte Abschnitt entfaltet dies am Vyomavyāpi-Mantra: Begriffe wie vyoma – Raum –, vyāpin – der Durchdringende – und jyotir jyotiḥ – Licht des Lichtes – werden zu Kontemplationen über die grenzenlose Natur Shivas.

Diksha – Einweihung als innere Verwandlung

Das achte Kapitel verwendet starke Bilder: Beim Sonnenaufgang verschwindet die Dunkelheit; Wasser mischt sich mit Wasser; trockenes Gras wird im Feuer so vollständig verwandelt, dass es nicht in seine frühere Gestalt zurückkehrt. So soll Diksha die karmische und existenzielle Gebundenheit transformieren. In der klassischen Agama-Tradition ist dies an Guru, Mantra und einen rituellen Kontext gebunden. Für heutige Leser kann der Abschnitt zugleich als Bild für eine tiefgreifende spirituelle Neuorientierung gelesen werden.

Sechsgliedriger Yoga

Das Raurava nennt sechs Glieder des Yoga:

  • Pratyahara – Zurückziehen der Sinne,
  • Dhyana – Meditation,
  • Pranayama – Lenkung des Atems,
  • Dharana – Sammlung des Bewusstseins,
  • Tarka – klärende, unterscheidende Einsicht im meditativen Prozess,
  • Samadhi – Versenkung.

Diese Ordnung unterscheidet sich vom achtgliedrigen Yoga des Patanjali. Sie steht in einer eigenen tantrisch-shaivischen Yogatradition. Tarka meint hier nicht bloß intellektuelles Argumentieren, sondern eine geistige Klärung, durch die die Erfahrung in Richtung der höchsten Wirklichkeit ausgerichtet wird.

Dharana in Nabel, Herz und Scheitel

Das siebte Kapitel beschreibt vier Konzentrationen. Die feurige Dharana wird im Nabel geübt, die mondhafte im Herzen, die Ishana-Dharana am Scheitel und die Amrita-Dharana als nektargleiche, alles durchdringende Kraft oberhalb beziehungsweise jenseits dieser Zentren. Es gibt deutliche Berührungspunkte mit späteren Vorstellungen von Chakra, Prana und Kundalini, doch der Text selbst entfaltet nicht das spätere siebenfache Chakra-System. Man sollte ihn daher nicht einfach in eine spätere Kundalini-Terminologie umdeuten.

Chakras und Nadis sind eine spätere verbreitete yogische Bildsprache. Das Raurava Agama selbst konzentriert sich auf Dharana in Nabel, Herz und Scheitel.

Herzraum, Licht und inneres Mandala

Im neunten Kapitel erscheint im Herzraum ein Sonnenmandala, in ihm ein Mondmandala und darin ein Feuermandala. Im Zentrum wird der Herr wie ein klarer Kristall meditiert. Das Bewusstsein steigt anschließend zum Scheitel und überschreitet die Begrenzung von Prakriti und Purusha. Diese Passage verbindet Meditation, Atem, inneres Licht und kosmologische Erkenntnis zu einer einzigen Praxis.

Befreiung

Moksha bedeutet im Raurava die Lösung der Fesseln und die Annäherung an beziehungsweise Einheit mit Shiva. Dabei verwendet der Text Formulierungen, die sehr weit gehen: Der Befreite wird mit Shiva verbunden und erhält Shiva-Qualitäten. Zugleich bleibt der klassische Siddhanta-Rahmen von Herr, Seele und Fessel wichtig. Gerade diese Spannung macht den Text spirituell interessant: Befreiung ist völlige Durchlichtung des begrenzten Selbst durch die göttliche Wirklichkeit.

Bedeutung für heutige Yoga- und Tantra-Praktizierende

Das Raurava Agama kann heute auf mehreren Ebenen gelesen werden. Wer rituell in einer Agama-Tradition steht, findet präzise Hinweise zu Mantra, Nyasa, Mudra und Initiation. Wer primär Yoga und Meditation praktiziert, kann die Schrift als Weg der Verinnerlichung lesen: vom äußeren Kosmos zum Körper, vom Körper zu Atem und Herz, vom Herz zum Licht und vom Licht zur raumgleichen Gegenwart Shivas.

Dabei ist eine Unterscheidung hilfreich. Allgemeine Meditationen auf Om, Licht, Herzraum, Hingabe und die Allgegenwart Shivas können inspirierend gelesen werden. Spezifische Diksha-, Nyasa-, Todes- und Geheimmantra-Riten gehören dagegen traditionell in die Unterweisung durch einen qualifizierten Guru. Der Text selbst betont immer wieder Überlieferung und Einweihung.

Der Scheitel ist im Raurava Agama ein wichtiger Ort der Ishana-Dharana und des Aufstiegs des Bewusstseins.

Sanskrittext des Vidyāpāda mit vollständiger deutscher Vers-für-Vers-Übersetzung

Die folgende Lesefassung gibt alle 314 nummerierten Verse des hier erschlossenen zehn Kapitel umfassenden Rauravasūtrasaṃgraha in IAST wieder. Jeder nummerierte Sanskritvers wird unmittelbar vollständig ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung orientiert sich am Sanskrit sowie zur Kontrolle an der englischen Erläuterung von S. P. Sabharathnam Sivacharyar. Sie ist bewusst gut lesbar und spirituell verständlich formuliert, ohne den Inhalt zu bloßen Zusammenfassungen zu verkürzen. Wo ein Satz syntaktisch über zwei Versnummern hinweg läuft, bleibt auch die deutsche Übersetzung entsprechend anschlussfähig. Offensichtliche typographische Eigenheiten der zugänglichen Romanisierung wurden nur sparsam normalisiert; strittige Einzellesungen werden nicht spekulativ rekonstruiert.


1. Upodghāta Prakaraṇam – Einführung

Verse 1.1–1.5

1.1 śivavidyātma vijñāna tattvādi śikharānvitam |
bhānumantam ivābhāntam bhābhirapratimaujasam ||

Übersetzung: Ruru, dessen Scheitel gleichsam mit den höchsten Gipfeln der Erkenntnis von Shiva, Vidya und Atman geschmückt war, leuchtete wie die Sonne und strahlte in unvergleichlicher Herrlichkeit.

1.2 tejorāśim mahāprājñam rurum munivarottamam |
prasanna manasam śāntam śivajñānaika kāraṇam ||

Übersetzung: Er war eine Fülle von Licht, von höchster Weisheit, der vortrefflichste unter den Weisen, mit klarem, friedvollem Geist und ganz in der Erkenntnis Shivas gegründet.

1.3 bhargavāṅgirasātreya paulastyāḥ samaricayaḥ |
papracchur vinayānamrā ṛṣayo hṛṣitananaḥ ||

Übersetzung: Die Weisen Bhargava, Angirasa, Atreya und Paulastya kamen zusammen mit Marichi zu ihm; freudig und in Demut verneigt richteten sie ihre Frage an ihn.

1.4 bhagavacchiva vidyātma tattva vijñāna vāridhe |
yāgasaṃskāra yogāṃśca vidhivat prabravīhi naḥ ||

Übersetzung: O Ehrwürdiger, du Ozean der Erkenntnis über Shiva, Vidya, Atman und die Tattvas: Lehre uns bitte in rechter Ordnung die Opfer, die heiligen Weihen und die Wege des Yoga.

1.5 sa mantrapūtān saṃspṛśya puśpa pūrṇojjvalāñjalīn |
harṣādudgata romāñcaḥ prāha vākhyam idam ruruḥ ||

Übersetzung: Ruru berührte die mit Mantra gereinigten und mit Blumen gefüllten, leuchtenden Hände; von Freude erschauernd sprach er darauf diese Worte.

Verse 1.6–1.10

1.6 suradhipam namaskṛtya śaśāṅka kṛta śekharam |
kapāla mālinam devam praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Nachdem ich mich vor dem Herrn der Götter verneigt habe, dessen Haupt die Mondsichel schmückt, vor dem Gott mit der Schädelgirlande, verbeuge ich mich vor Sadashiva.

1.7 kāleśvaram mahākālam kālañjara nivāsinam |
kālakṛt kālavettāram praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem Herrn der Zeit, dem großen Zeitprinzip, dem Bewohner von Kalanjara, dem Schöpfer und Kenner der Zeit – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.8 sarvakṛt sarvavettāram sarvajñam aparājitam |
sarva bhūtātma bhūtastham praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem, der alles tut und alles kennt, dem Allwissenden und Unbesiegbaren, der als innerstes Selbst in allen Wesen gegenwärtig ist – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.9 yo asṛjat sarva bhūtāni brahmādyāṃśca surāsurān |
tamaham loka kartāram praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem Schöpfer der Welten, der alle Wesen, Brahma und die übrigen Götter sowie die Devas und Asuras hervorgebracht hat – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.10 varam vareṇyam varadam variṣṭham vara vāhanam |
vanamālādharam devam praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem Höchsten, Verehrungswürdigen und Gnadenschenkenden, vor dem Erhabensten, der auf seinem edlen Reittier erscheint und eine Waldblumengirlande trägt – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

Verse 1.11–1.15

1.11 prītimatprītidātāram supriyam priyadarśanam |
umāpatim sadākāntam praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem von Liebe Erfüllten, der Liebe schenkt, dem überaus Geliebten und Lieblichen, dem Gemahl Umas, dem ewig Anziehenden – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.12 dharmādharma mayam devam sukhaduhkha phalodayam |
bandha mokṣa praṇetāram praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem Gott, in dessen Ordnung Dharma und Adharma stehen und aus dem die Früchte von Freude und Leid hervorgehen, vor dem Lenker von Bindung und Befreiung – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.13 manobuddhirahaṅkāra tanmatrendriya gocaram |
pradhāna puruṣeśānam praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem Herrn über Pradhana und Purusha, der jenseits von Geist, Buddhi, Ahamkara, Tanmatras und Sinnesorganen liegt – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.14 yam dhyāyanti mahātmāno munayaḥ saṃśita vratāḥ |
tamoṅkāra param sūkṣmam praṇato'smi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem, über den die großen, in ihren Gelübden gefestigten Weisen meditieren, dem äußerst Subtilen jenseits der Dunkelheit und dem höchsten Om – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

1.15 sūkṣmam sarvagatam nityam sarva vidyeśvareśvaram |
sarvatattvāśrayam devam praṇatosmi sadāśivam ||

Übersetzung: Vor dem Subtilen, Alldurchdringenden und Ewigen, dem Herrn aller Vidyeshvaras und der Grundlage aller Tattvas – vor Sadashiva verbeuge ich mich.

Verse 1.16–1.21

1.16 bhūmirāpo agniranilaḥ khamātmā candra bhāskarau |

Übersetzung: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, die Seele, Mond und Sonne –

1.17 manobuddhirahaṅkāraḥ paraprakṛtireva ca || yasyecchāmanuvartante bhāvābhāva vikāriṇīm |
tasmai parama devāya parāya paramātmane ||

Übersetzung: ebenso Geist, Buddhi, Ahamkara und die höchste Prakriti – all das, was in Sein und Nichtsein Wandel erfährt, folgt seinem Willen. Diesem höchsten Gott, dem Transzendenten, dem höchsten Selbst, gilt meine Verehrung.

1.18 namaste kālabodhāya kālāntaka namo astu te |
kālādhipa namaste astu sarvakāla pravartaka ||

Übersetzung: Verehrung dir, der du die Zeit erkennst; Verehrung dir, Bezwinger der Zeit. Verehrung dir, Herr der Zeit und Beweger aller Zeiten.

1.19 kalāsakala rūpeṇa kalābhir viśvarūpa dhṛt |
viśveśvara namaste astu hyādikāla pravartaka ||

Übersetzung: Du trägst in kalahaften und kalalosen Formen durch deine Kräfte die Gestalt des ganzen Universums. Verehrung dir, Herr des Alls und Urheber der ursprünglichen Zeit.

1.20 mahadbhyaścāpi mahate mahāmāyāti māyine |
sūkṣmebhyopyati sukṣmāya namaskṛtyāmitātmane ||

Übersetzung: Verehrung dem, der größer ist als das Große, der große Maya ist und doch über Maya hinausgeht; dem, der subtiler ist als das Subtile und dessen Selbst unermesslich ist.

1.21 devadevāya śarvāya vidyāvidyeśvaraissaha |
śaivam jñānam prvakṣyāmi tacchṛṇudhvam samāhitāḥ ||

Übersetzung: Nachdem ich mich vor dem Gott der Götter, Sharva, zusammen mit den Vidyas und Vidyeshvaras verneigt habe, werde ich nun das shaivische Wissen verkünden. Hört es mit gesammeltem Geist.

2. Śivatattvāni – Die Shiva-Tattvas

Verse 2.1–2.5

2.1 athāpanīta kupathāś china māyādi bandhanāḥ |
surāsura guroḥ pādau praṇamya vidhivasthitāḥ ||

Übersetzung: Nachdem sie den falschen Weg aufgegeben und die Fesseln von Maya und den übrigen Bindungen durchtrennt hatten, verneigten sie sich vorschriftsgemäß vor den Füßen des Lehrers der Devas und Asuras.

2.2 teṣam tathopapannānām śivatattvam ca pṛcchatām |
padmayoniḥ prasannātmā samutthāpyedam abravīt ||

Übersetzung: Als diese so vorbereiteten Weisen nach dem Shiva-Tattva fragten, erhob sich der lotusgeborene Brahma mit heiterem Geist und sprach zu ihnen.

2.3 yathā śṛtam mayāpūrvam anateśa mukhodgatam |
nandīśāt parameśāna niyogāmṛtam uttamam ||

Übersetzung: So wie ich es einst vernommen habe, hervorgegangen aus dem Mund Ananteshas und mir durch Nandisha auf Geheiß des höchsten Herrn als unübertrefflicher Nektar der Lehre übermittelt –

2.4 śiva tattvam param hyetat acalam sarvatomukham |
katham vibhinnam bahudha māyāñjana vivarjitam ||

Übersetzung: dieses höchste Shiva-Tattva ist unbeweglich und allgegenwärtig. Wie kann das eine, von der Färbung durch Maya freie Prinzip dennoch vielfach unterschieden erscheinen?

2.5 evam pṛṣṭo mahātejā hasan nandīśvaro mahān |
pratyuvāca manodivyam mano me nandayanniva ||

Übersetzung: So gefragt, lächelte der große, strahlende Nandishvara und antwortete mit göttlicher Einsicht, als erfreute er dadurch mein Herz.

Verse 2.6–2.11

2.6 śṛṇuṣvaika manāḥ brahman yatparam parameṣṭhinaḥ |
acityasyāprameyasya tadekam bahudha sthitam ||

Übersetzung: Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit, o Brahma: Das Höchste des unbegreiflichen und unermesslichen Herrn ist seinem Wesen nach eins und besteht doch in vielerlei Gestalt.

2.7 parameśāt purāvāptam idam jñāmṛtam mayā |
tatsamāsena te vakṣye tattvānām prati sañcaram ||

Übersetzung: Diesen Nektar der Erkenntnis habe ich einst vom höchsten Herrn empfangen. Nun will ich dir in Kürze den Hervorgang und die Rückkehr der Tattvas erklären.

2.8 prasannam paramam śāntam ajam īśānam avyayam |
śivatattvam sunirvāṇam acyutam ca sanātanam ||

Übersetzung: Das Shiva-Tattva ist klar, höchst, friedvoll, ungeboren, herrschend und unvergänglich; es ist vollkommenes Nirvana, unerschütterlich und ewig.

2.9 tasamāttejāḥ susampūrṇam śaktyaṣṭaka samanvitam |
vibhinnam tvaṣṭadhā bhūyaḥ śivecchā vidhicoditam ||

Übersetzung: Aus ihm ging eine vollkommen erfüllte Lichtfülle hervor, verbunden mit acht Shaktis; auf Shivas Willen hin teilte sie sich erneut in acht Formen.

2.10 ananteśastataḥ pūrvam tataḥ sūkṣmaḥ śivottamaḥ |
ekantraikarudro ca trimūrtiścānala dyutiḥ ||

Übersetzung: Zuerst Anantesha, dann Sukshma und Shivottama, ferner Ekanetra und Ekarudra sowie Trimurti, strahlend wie Feuer –

2.11 śrīkaṇṭhaśca śikhaṇḍī ca sūryakoṭi samaprabhau |
aṣṭāvete mahātmānas tasmattejo vinihsṛtāḥ ||

Übersetzung: dazu Shrikantha und Shikhandin, beide leuchtend wie zehn Millionen Sonnen: Diese acht großen Wesen gingen aus jener Lichtfülle hervor.

Verse 2.12–2.18

2.12 te adikāram prakurvanti śivecchā vidhicoditāḥ |
teṣām ananta śaktīnām anantaḥ parameśvaraḥ ||

Übersetzung: Sie üben ihre jeweiligen Ämter aus, von Shivas Willen dazu angeregt. Unter diesen mit grenzenloser Kraft begabten Wesen ist Ananta der höchste Herr.

2.13 anantaḥ paramasteṣām mahato cakravartinām |
vihitam sarva kartṛtva kāraṇam paramam padam ||

Übersetzung: Ananta ist der Höchste unter diesen mächtigen Weltenherrschern; ihm ist die höchste Stellung als Ursache umfassender Handlungsmacht übertragen.

2.14 tato adiṣṭhāya vidyeśo māyām sa parameśvaraḥ |
kṣobhayitva svakiraṇaiḥ sṛjate taijasīm kalām ||

Übersetzung: Darauf nimmt der Vidyeshvara seine Herrschaft über Maya wahr; er erschüttert sie mit seinen eigenen Strahlen und bringt die leuchtende Kala hervor.

2.15 kalātattvadrāga vidye dve tattve saṃbabhūvatuḥ |
avyaktam ca tatastasmād guṇāṃścaivāsṛjat prabhuḥ ||

Übersetzung: Aus dem Kala-Tattva entstehen die beiden Tattvas Raga und Vidya. Aus demselben Ursprung entsteht das Unmanifestierte, und daraus bringt der Herr die Gunas hervor.

2.16 guṇebhyo dhiṣaṇā jajñe yāṣṭarūpa guṇānvitā |
buddheścāpyatra saṃkṣobhād ahaṅkāro vyajāyata ||

Übersetzung: Aus den Gunas entsteht Buddhi, ausgestattet mit acht Formen von Eigenschaften; durch die Bewegung der Buddhi geht daraus Ahamkara hervor.

2.17 ahaṅkārāttu sūkṣmāṇi tanmātrāṇīndriyāṇi ca |
bhūtādi karaṇānīkam samastam cāpyajāyata ||

Übersetzung: Aus Ahamkara entstehen die subtilen Tanmatras, die Sinnesorgane und die Gesamtheit der grobstofflichen Elemente und ihrer Wirkorgane.

2.18 evam susūkṣmām saṃkṣobhya mayām sa parameśvaraḥ |
tattvānutpādayāmāsa yairotam jagatāturam ||

Übersetzung: Indem der höchste Herr auf diese Weise die äußerst subtile Maya in Bewegung versetzt, bringt er die Tattvas hervor, von denen die Welt in alle Richtungen durchwoben ist.

Verse 2.19–2.23

2.19 bhuvanāni vicitrāṇi nānārūpākṛtīnyatha |
so asṛjad bhagavān īśo viṣāyānanda bhūmayaḥ ||

Übersetzung: Der Herr erschuf außerdem mannigfaltige Welten von vielerlei Form und Gestalt als Bereiche entsprechender Erfahrungen und Freuden.

2.20 patayaścāñjanātītāḥ sāñjanāśca pṛthagvidhaḥ |
bhuvane bhuvane vāpi tanniyogādvyavasthitaḥ ||

Übersetzung: In jeder dieser Welten sind nach seinem Auftrag unterschiedliche Herrscher eingesetzt – manche jenseits der verdunkelnden Unreinheit, andere noch mit ihr verbunden.

2.21 aiśvarya saṃpadvibhava vilayānugrahaiṣiṇaḥ |
yajanti vividhairyajñair mantra tantra viśāradaḥ ||

Übersetzung: Nach Herrschaft, Entfaltung, Auflösung und Gnade strebend, verehren die in Mantra und Tantra Kundigen den Herrn durch verschiedenartige Opfer.

2.22 gurutantrābhyanujñāta dīkṣā viccihnna bandhnāḥ |
paśūṃśca dīnabandhaṃstu munjanto api maheśvarāḥ ||

Übersetzung: Durch Guru und Tantra autorisiert und durch Diksha von ihren Fesseln gelöst, befreien diese großen Herren auch die hilflos gebundenen Pashus, die individuellen Seelen.

2.23 deva dānava gandharva rakṣa yakṣoragādiṣu |
aṇḍānyaneka rupāṇi darśayantaḥ pṛthagvidhāḥ ||

Übersetzung: Für Devas, Danavas, Gandharvas, Rakshasas, Yakshas, Nagas und andere Wesen lassen sie mannigfaltige Welten und Daseinsräume in verschiedenen Formen erscheinen.

3. Tantrāvatāra – Die Herabkunft und Überlieferung des Tantra

Verse 3.1–3.5

3.1 śṛtvā maheśvaram tattvam ajam īśānam avyayam |
prabhavam sarvatattvānām sthitisamhāra kārakam ||

Übersetzung: Nachdem die Weisen vom Maheshvara-Tattva gehört hatten – ungeboren, herrschend, unvergänglich, Ursprung aller Tattvas sowie Ursache ihrer Erhaltung und Auflösung –

3.2 atha sadbhāvam īpsanto munayo bhṛgunandanam |
rurum praṇamya vidhivad ūcaste vacanam punaḥ ||

Übersetzung: verneigten sie sich, vom Wunsch nach der höchsten Wirklichkeit erfüllt, erneut vorschriftsgemäß vor Ruru, dem Sohn Bhrigus, und sprachen.

3.3 kenāvatāritam hyetat tantram tantravidām vara |
guravaḥ kathitāstantre tatsamkhyā ca kati smṛtā ||

Übersetzung: O Bester der Kenner des Tantra, durch wen wurde dieses Tantra herabgebracht? Welche Lehrer werden darin genannt, und wie viele sind es?

3.4 mantrāṇām kiyatī saṃkhyā maṇḍalānām tathaiva ca |
tattvānām bhuvanānām ca yathāvadvaktumarhasi ||

Übersetzung: Wie groß ist die Zahl der Mantras und der Mandalas? Wie viele Tattvas und Welten gibt es? Bitte erkläre uns dies so, wie es tatsächlich gelehrt wird.

3.5 parameśamukhodkīrṇam uttamam paramam matam |
guruvaṃśam rururdhīmān pravaktum upcakrame ||

Übersetzung: Darauf begann der weise Ruru, die höchste und erhabene Guru-Linie zu schildern, die aus dem Mund des höchsten Herrn hervorgegangen ist.

Verse 3.6–3.10

3.6 śivānala viniṣkrāntam adhūmajyoti rūpiṇam |
jagataḥ kāraṇam devam ananteśam param gurum ||

Übersetzung: Anantesha, der höchste Guru, ging aus dem Feuer Shivas hervor, in der Gestalt eines rauchlosen Lichtes; er ist der göttliche Ursprung der Welten.

3.7 tenoktam parameśāna śrīkaṇṭhāya mahātmane |
surāsurāṇām guruṇā devyai sarvam udāhṛtam ||

Übersetzung: Von ihm wurde die Lehre dem großen Shrikantha übermittelt, dem Lehrer der Devas und Asuras; Shrikantha verkündete sie vollständig der Göttin.

3.8 devī ca prāha nandīśaskandayor guhyam uttamam |
nandīśād brahmaṇāvāptam śakreṇa ca mahātmanā ||

Übersetzung: Die Göttin offenbarte darauf das höchste Geheimnis Nandisha und Skanda; von Nandisha empfingen Brahma und der große Indra die Lehre.

3.9 tasmādvāptamūrveṇa ṛcihena tataḥ punaḥ |
tasmādavāptam rāmeṇa rāmāccāham adhītavān ||

Übersetzung: Von Indra empfing sie Uru, danach Richiha; von diesem erhielt Rama sie, und von Rama habe ich selbst sie studiert.

3.10 iti vaṃśaḥ kramaḥ proktaḥ saṃkṣepeṇa mayā dvijāḥ |
śatāni pañcaśiṣyāṇām śakrasyāpi mahātmanaḥ ||

Übersetzung: So habe ich euch, o Zweimalgeborene, die Folge dieser Überlieferung kurz erklärt. Der große Indra hatte fünfhundert Schüler.

Verse 3.11–3.16

3.11 itare śāstra vaktāram tantre asmin pārameśvare |
daśaite guravaḥ proktās tantre dantā mahaujasaḥ ||

Übersetzung: In diesem dem höchsten Herrn geweihten Tantra werden außerdem zehn Lehrer genannt, die als Verkünder der Schrift gelten, selbstbeherrscht und von großer Kraft.

3.12 anyepi vīrabhadrādyā brahmāntāḥ guravaḥ smṛtāḥ |
saṃhitāpāragaḥ prokā aṣṭādaśa mahaujasaḥ ||

Übersetzung: Auch andere, von Virabhadra bis Brahma, werden als Gurus erinnert; achtzehn von ihnen gelten als machtvolle Meister, die die Samhitas vollständig durchdrungen haben.

3.13 mantratantra vidāḥ sarve vāstavajñā viśāradāḥ |
pāśavicchettaye nṛṇām nityamāhita buddhayaḥ ||

Übersetzung: Sie alle sind Kenner von Mantra und Tantra, erfahren in der wahren Wirklichkeit und beständig darauf ausgerichtet, die Fesseln der Menschen zu durchtrennen.

3.14 ye ca te guravaḥ proktās tantre svāyambhuve purā |
eteṣāmapi śiṣyāṇām sahasram parisamkhyayā ||

Übersetzung: Diese Gurus wurden bereits im Svayambhuva-Tantra genannt; auch ihre Schüler werden der Zahl nach zu Tausenden gerechnet.

3.15 tantrasamkhyā sahasrāṇām śatamuktam samāsataḥ |
brahmaṇā maṇḍaleśāna vidhiyajña prasiddhaye ||

Übersetzung: Die Zahl der Tantra-Verse wird zusammenfassend mit hunderttausend angegeben; Brahma lehrte sie zur vollkommenen Kenntnis von Mandalas, ihren Herren und den Opferregeln.

3.16 bhārgaveṇāpyathaiśāna tantrānujñāta karmaṇā |
proktam purādvādaśabhiḥ sahasrair mantralakṣaṇam ||

Übersetzung: Bhargava wiederum, durch das Tantra zu den entsprechenden Handlungen bevollmächtigt, verkündete einst in zwölftausend Versen die Kennzeichen und Lehren der Mantras.

Verse 3.17–3.22

3.17 mudrāsamaya tattvārtha maṇḍlejyāparigrahaḥ |
uttare abhihitaḥ sarvo mantrāṇam caiva saṃgarahaḥ ||

Übersetzung: Mudras, Samayas, die Bedeutung der Tattvas, die Verehrung in den Mandalas und die Sammlung der Mantras werden im späteren Teil vollständig dargelegt.

3.18 saptakoṭyastu mantrāṇām śivavaktrādvinihsṛtāḥ |
yāḥ sādhaka mahāmāyā pāśavicchittihetavaḥ ||

Übersetzung: Siebzig Millionen Mantras gingen aus dem Mund Shivas hervor; für die Sadhakas sind sie Mittel, die mächtigen Fesseln der Maya zu durchtrennen.

3.19 tā janmamṛtyukahcitām pitāmahakṛtām imām |
sṛṣṭim dṛṣṭvaiśvarīm mūrtim praviṣṭāḥ punareva hi ||

Übersetzung: Als diese Mantras die von Geburt und Tod geprägte Schöpfung Brahmas sahen, nahmen sie erneut göttliche Gestalten an.

3.20 antarhitāṃstān anaghān mantrarājeśvaraḥ prabhuḥ |
dadhāra bhagavān īśo lokānām hitakāmyayā ||

Übersetzung: Der Herr, der König über die Mantras, hielt diese makellosen, verborgen wirkenden Kräfte in sich und offenbarte sie aus dem Wunsch nach dem Wohl der Welten.

3.21 teṣāmakalpayad devo mantrādhvara vibhūtayaḥ |
maṇḍalejyā vidhānena mantra sadbhāva sttamaḥ ||

Übersetzung: Für sie ordnete der Gott die wirksamen Kräfte der Mantras und Opfer und die Verehrung in Mandalas, damit die innere Wirklichkeit des Mantras verwirklicht werde.

3.22 guhyāni maṇḍlānyaṣṭau navanābhādi saṃjñayā |
anantavijayādīśam śatamanyat prakīrtitam ||

Übersetzung: Acht geheime Mandalas werden besonders genannt, beginnend mit Navanabha und Anantavijaya; darüber hinaus werden hundert weitere gelehrt.

Verse 3.23–3.28

3.23 teṣvijyo bhagavānebhir maṇḍalī satatam śivaḥ |
ṛṣidevāsuranarair vinirmokṣārtha kāṅkṣibhiḥ ||

Übersetzung: In diesen Mandalas wird der selige Shiva als der Herr des Mandalas beständig von Rishis, Devas, Asuras und Menschen verehrt, die nach endgültiger Befreiung verlangen.

3.24 vidyāmaṇḍal rajānām maṇḍalāṃśa vibhūtayaḥ |
na sakyāḥ parisamkhyātum mantrāṇam ca tadātmanām ||

Übersetzung: Die Kräfte und Teilbereiche der Herren der Vidya-Mandalas und die Mantras, deren Wesen sie sind, lassen sich nicht vollständig aufzählen.

3.25 yāvanto rudradevāśca rakṣoyakṣa maheśvarāḥ |
tāvan mantrāḥ samakhyātas teṣām saṃkhyā na vidyate ||

Übersetzung: So zahlreich Rudras, Devas, Rakshasas, Yakshas und große Herrscher sind, so zahlreich sind auch die Mantras; ihre Zahl kann nicht bestimmt werden.

3.26 deśabhāṣā nibaddhaśca divyākṣarapadairyutāḥ |
sarvajñāḥ sarvagāḥ śuddhāḥ sarve sarvajña bhāvitāḥ ||

Übersetzung: Sie sind in den Sprachen verschiedener Länder gefasst und mit göttlichen Silben und Worten verbunden; sie sind wissend, alldurchdringend, rein und von allwissender Kraft erfüllt.

3.27 na mīmāṃśā vicāryā vā mantrā svalpadhiyā naraiḥ |
pramāṇam āgamam kṛtvā śraddhatavyam hitaiṣibhiḥ ||

Übersetzung: Menschen von geringem Verständnis sollen Mantras nicht bloß durch spekulative Mimamsa oder willkürliche Erörterung beurteilen. Wer das Gute sucht, soll die Agama-Überlieferung als maßgebliche Grundlage nehmen und vertrauensvoll praktizieren.

3.28 sarve mantrātmakāḥ devāḥ sarve mantrā śivātmakāḥ |
śivātmakam idam jñātvā śivamevānucintayet ||

Übersetzung: Alle Gottheiten sind ihrem Wesen nach Mantra, und alle Mantras sind ihrem Wesen nach Shiva. Wer erkennt, dass alles von Shiva durchdrungen ist, soll daher allein Shiva beständig vergegenwärtigen.

4. Adhva Vidhiḥ – Die Ordnung des metaphysischen Weges

Verse 4.1–4.8

4.1 athādhvānām prasamkhyānam mantratantrānuvartinām |
varṇayiṣye samāsena lokālokānusamcayam ||

Übersetzung: Nun werde ich in Kürze die Ordnung und Zählung der Adhvas, der metaphysischen Wege, darlegen, wie sie in Mantra und Tantra gelehrt werden, einschließlich der sichtbaren und unsichtbaren Welten.

4.2 atha kālāgnirudro vai narakaścānupūrvaśaḥ |
rauravaḥ kumbhīpākaśca avīcītyevamādayaḥ ||

Übersetzung: Zuunterst steht Kalagnirudra; darüber folgen der Reihe nach die Höllenwelten wie Raurava, Kumbhipaka, Avichi und andere.

4.3 pātālāni tataḥ sapta pātālapatayā tathā |
hāṭakaśca mahāvīryo vidyāvidyeśvaraiḥ smṛtāḥ ||

Übersetzung: Darüber liegen die sieben Patalas mit ihren jeweiligen Herrschern. Der mächtige Hataka gilt unter den Vidyas und Vidyeshvaras als ihr oberster Herr.

4.4 saptadvīpā mahīkṛtsnā samudraiḥ saptabhirvṛtāḥ |
nānājana padākīrṇā vicitra racanojjvalā ||

Übersetzung: Die ganze Erde besteht aus sieben Inselkontinenten und ist von sieben Ozeanen umgeben; sie ist erfüllt von vielen Völkern und Ländern und leuchtet durch vielfältige Gestaltungen.

4.5 tasyāmadhye mahāmeruḥ sthito hyamarapūjitaḥ |
praviṣṭaḥ ṣoḍaśadhastāc caturaśītirucchritaḥ ||

Übersetzung: In ihrer Mitte erhebt sich der große, von den Göttern verehrte Meru; sechzehn Yojanas reichen unter die Erde, vierundachtzig ragen darüber empor.

4.6 brahmaṇoṇḍam mahāśaile rājate cāvabhāsitaḥ |
amara ṛṣigandharva vimāna nagarākulam ||

Übersetzung: An diesem großen Berg erscheint das Brahmanda, das kosmische Ei, strahlend und erfüllt von Städten und himmlischen Wohnstätten der Devas, Rishis und Gandharvas.

4.7 anekākāra vinyāsa pramāṇa racanādibhiḥ |
bhuvanāni niviṣṭāni tasminnaṇḍe caturdaśa ||

Übersetzung: In diesem Weltenei sind vierzehn Bhuvanas angeordnet, von mannigfaltiger Form, Bauart, Ausdehnung und Gestaltung.

4.8 bhūloko atha bhuvarlokaḥ svarloko atha mahastathā |
janastapastathā satyam etāvān lokasamgrahaḥ ||

Übersetzung: Bhurloka, Bhuvarloka, Svarloka, Maharloka, Janaloka, Tapoloka und Satyaloka – dies sind die sieben oberen Welten der kosmischen Ordnung.

Verse 4.9–4.16

4.9 teṣāmutpatti saṃhārasthityanugraha kāraṇam |
umāpatirmahātejāḥ parameśa samo guruḥ ||

Übersetzung: Der glanzvolle Umapati, ein Guru von der Stellung des höchsten Herrn, ist die Ursache ihrer Hervorbringung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung und Begnadung.

4.10 padmajanmāṇḍam adhvānam atītyānal varcasaḥ |
śatarudrā itikhyātā vīrabhadra puraḥ sarāḥ ||

Übersetzung: Jenseits des aus dem Lotusgeborenen hervorgegangenen Brahmanda stehen hundert feuerstrahlende Rudras, angeführt von Virabhadra.

4.11 śrīkaṇṭhādhiṣṭhitāḥ santo devānām manasepsitam |
aiśvaryam saṃprayacchanti haranti ca mahaujasaḥ ||

Übersetzung: Unter Shrikanthas Herrschaft gewähren diese machtvollen Wesen den Göttern die gewünschte göttliche Herrlichkeit und ziehen sie zur Zeit der Auflösung wieder zurück.

4.12 pañca pañaṣṭakam caiva pratyatmakamathāditaḥ |
guhyam tathātiguhyam ca pavitram sthāṇu saṃjñitam ||

Übersetzung: Darüber werden fünf Gruppen zu je acht Welten gelehrt: Guhya, Atiguhya, noch tiefer verborgen, Pavitra und die als Sthanu bezeichnete Gruppe.

4.13 paiśācam rākṣasam yākṣam gāndharvam caindrameva ca |
saumyam tvata prajeśam ca brāhmam caivāṣṭamam tataḥ ||

Übersetzung: Es folgen acht Welten: Paishacha, Rakshasa, Yaksha, Gandharva, Aindra, Saumya, Prajesha und als achte Brahma.

4.14 akṛtam ca kṛtam caiva bhairavam brāhmam eva ca |
vaiṣṇavam tvatha kaumāram aumam śrīkaṇṭham eva ca ||

Übersetzung: Darüber liegen Akrita, Krita, Bhairava, Brahma, Vaishnava, Kaumara, Auma und Shrikantha – acht weitere Welten.

4.15 vāmadevo atha bhīmaśca ugraścaiva bhavastathā |
sarveśāneśvarau caiva ekavīraḥ pracaṇḍa dṛk ||

Übersetzung: Ferner werden Vamadeva, Bhima, Ugra, Bhava, Sarvesha, Ishvara, Ekavira mit furchtbarem Blick und weitere hohe Herrscher genannt.

4.16 īśvaro atha umābhartā ajeśo ananta eva ca |
tatastvekaśivaścaiva sarveṣām mūrdhni saṃsthitāḥ ||

Übersetzung: Ishvara, Umabharta, Ajesha, Ananta und schließlich Ekashiva stehen an der Spitze und überragen die übrigen Bereiche.

Verse 4.17–4.21

4.17 krodheśaścaṇḍa saṃvarto jyotiḥ piṅgala śūrakāḥ |
pañcāntakaikavīrau ca śikedaśca tadīśvarāḥ ||

Übersetzung: Krodhesha, Chanda, Samvarta, Jyotis, Pingala, Shuraka, Panchantaka, Ekavira und Shikheda werden als Herrscher weiterer hoher Welten genannt.

4.18 aṣṭāvete mahātmāno vīrabhadrāt pare sthitāḥ |
śrīkaṇṭhānumatāḥ sarve devānām adhidevatāḥ ||

Übersetzung: Diese großen Wesen stehen oberhalb von Virabhadra; mit Shrikanthas Zustimmung sind sie die übergeordneten Gottheiten der Devas.

4.19 ūrdhvatejā mahātejā vāmadevo bhavodbhavau |
ekapiṅgekṣaṇeśāna bhuvaneśa puraḥ sarāḥ ||

Übersetzung: Urdhvatejas, Mahatejas, Vamadeva, Bhavodbhava, Ekapinga, Ekekshana, Ishana und Bhuvanesha stehen an der Spitze der nächsten Sphäre.

4.20 aṅguṣṭmātra sahitā mahādevāṣṭakāḥ śivāḥ |
māyāñjana vinirmuktāḥ parameśāna saṃmitāḥ ||

Übersetzung: Diese acht, zusammen als Mahadevas bezeichnet, sind von der Trübung durch Maya befreit und stehen in Übereinstimmung mit dem höchsten Herrn.

4.21 maṇḍalādhipatibhyo atha tattvamārgaḥ pratiṣṭhitaḥ |
ūrdhvam bhogakriyāyoge parameśāna bhāṣite ||

Übersetzung: Von den Herren der Mandalas aus ist der Weg der Tattvas geordnet; darüber liegen Bereiche von Erfahrung und Tätigkeit, wie sie vom höchsten Herrn verkündet wurden.

Verse 4.22–4.28

4.22 majjāsthi śukla saṃghāta snāyu ca pitṛjam smṛtam |
romāṇi lohitam māṃsam mātṛkam trikam ucyate ||

Übersetzung: Mark, Knochen, Samen und Sehnen gelten als vom Vater stammend; Haare, Blut und Fleisch werden als die drei vom mütterlichen Anteil stammenden Bestandteile bezeichnet.

4.23 etadannena satatam pānena vivardhitam |
sarvam yoni śarīram tu ṣaḍbhiḥ śritamahāhradam ||

Übersetzung: Durch Nahrung und Trank wächst dieser aus dem Mutterschoß geborene Körper beständig; er ist gleichsam ein großes Becken, das von diesen sechs Strömen gespeist wird.

4.24 pṛthivyāpastathā tejo vāyurākāśam eva ca |
śabdaḥ sparśaśca rūpam ca raso gandhaśca pañcamaḥ ||

Übersetzung: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum sowie Klang, Berührung, Form, Geschmack und Geruch sind die fünf groben Elemente und die fünf subtilen Sinnesqualitäten.

4.25 pādau pāyurupastham ca karau vāgindriyam tathā |
śrotram tvak cakṣuṣī jihvā nāsikā punareva ca ||

Übersetzung: Füße, Ausscheidungsorgan, Geschlechtsorgan, Hände und Sprachorgan sind die fünf Handlungsorgane; Ohr, Haut, Auge, Zunge und Nase sind die fünf Erkenntnisorgane.

4.26 ahaṅkārastridhā jñeyā buddhiraṣṭvidhā smṛtā |
guṇatrayam ca vijñeyam pradhāna puruṣeśvarāḥ ||

Übersetzung: Ahamkara ist dreifach, Buddhi wird in achtfacher Gestalt beschrieben, und die drei Gunas sind zu erkennen; darüber stehen Pradhana, Purusha und ihr Herr.

4.27 parataśca mahāmāyā vidyeśānā vyavasthitāḥ |
sarvavidyā parivṛtaḥ sarvaiśvarya vāridhiḥ ||

Übersetzung: Jenseits davon liegt Mahamaya, in deren Bereich die Vidyeshvaras geordnet sind; der höchste Vidyeshvara ist von allen Vidyas umgeben und ein Ozean göttlicher Macht.

4.28 jagataḥ pralayotpatti vibhūti nidhiravyayaḥ |
māyopari mahāmāyā sarva kāraṇa kāraṇam ||

Übersetzung: Er ist der unvergängliche Schatz der Kräfte für Entstehung und Auflösung der Welt. Oberhalb der unreinen Maya liegt Mahamaya, die Ursache aller Ursachen.

Verse 4.29–4.39

4.29 aṣṭvidyeśvarairyukto vītamāyo nirañjanaḥ |
sūkṣmaḥ sarvagato nityo devadevo maheśvaraḥ ||

Übersetzung: Dort ist Maheshvara, verbunden mit den acht Vidyeshvaras, frei von Maya und unbefleckt, subtil, alldurchdringend, ewig und der Gott der Götter.

4.30 ananteśaśca sūkṣmaśca tṛtīyaśca śivottamaḥ |
ekanetraikarudrau ca trimūrtiścānala dyutiḥ ||

Übersetzung: Diese Vidyeshvaras sind Anantesha, Sukshma, Shivottama, Ekanetra, Ekarudra, Trimurti von feurigem Glanz –

4.31 śrīkaṇṭhaśca śikhaṅḍī ca sūryakoṭi samaprabhau |
vidyeśāstu mahātmānaḥ śivaśakti samanvitāḥ ||

Übersetzung: Shrikantha und Shikhandin, strahlend wie zehn Millionen Sonnen. Diese großen Vidyeshvaras sind mit Shivas Kraft verbunden.

4.32 tisrastu śaktayo jñeyāḥ kāraṇasyāvyayātmanaḥ |
vāmā jyeṣṭhā ca raudrī ca śaktayaḥ samudāhṛtāḥ ||

Übersetzung: Drei Shaktis des unvergänglichen höchsten Ursprungs sind zu erkennen: Vama, Jyeshtha und Raudri.

4.33 jñānaśaktiḥ kriyāśaktiḥ śaktidvayam anantaram |
jñanaśaktiḥ śivā nityasṛṣṭsamhārakṛt kriyā ||

Übersetzung: Daneben bestehen Jnana Shakti und Kriya Shakti. Die Kraft des Wissens ist immer mit Shiva verbunden; die Kraft des Handelns bewirkt Schöpfung, Erhaltung, Auflösung und die übrigen kosmischen Funktionen.

4.34 sadyo vāmo apyaghoraśca puruṣeśāna eva ca |
sakalastu śivo hyeṣa niṣkalastu sadāśivaḥ ||

Übersetzung: Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana sind seine fünf großen Mantra-Aspekte. In manifestierter Gestalt ist er Sakala-Shiva, in transzendenter Gestalt Nishkala-Sadashiva.

4.35 sakalam niṣkalam caiva yo hi vetti sadāśivam |
saṃsārāddhi vinirmuktaḥ śivamevādhi gacchati ||

Übersetzung: Wer Sadashiva in seiner manifesten und unmanifesten Wirklichkeit erkennt, wird aus dem Samsara befreit und gelangt zu Shiva selbst.

4.36 sarvajñaḥ sarvakartā ca śivaḥ śakti samanvitaḥ |
vidyārājādhirājeśo jagadbhramayatīcchayā ||

Übersetzung: Shiva ist allwissend und allwirkend, untrennbar mit Shakti verbunden; als Herr über die Könige der Vidya bewegt er die Welt durch seinen Willen.

4.37 apāvṛttaḥ susampūrṇaḥ śuddhastvātmā vyavasthitaḥ |
paraḥ parama nirvāṇo hyavyayaḥ paramaḥ śivaḥ ||

Übersetzung: Von allen Verhüllungen befreit, vollkommen erfüllt und rein, ruht das Selbst in seiner eigenen Wirklichkeit; es gelangt zum höchsten Nirvana, zum unvergänglichen höchsten Shiva.

4.38 enam yajanti munayo guhyamantrair mahamakhaiḥ |
mantrapuṣpopahāreṇa śivam parama mānasam ||

Übersetzung: Die Weisen verehren ihn mit geheimen Mantras und großen Opferhandlungen, indem sie Shiva, der im höchsten inneren Bewusstsein gegenwärtig ist, Mantra-Blumen darbringen.

4.39 iṣṭvā paramasadbhāvam śivatantra viduttamam |
kāraṇeśāna kamalam śivamabhyeti sādhakaḥ ||

Übersetzung: Wer die höchste Wirklichkeit in rechter Weise verehrt und das Shiva-Tantra erkannt hat, gelangt zu Shiva, der wie eine Lotusblüte im innersten Ursprung des Herzens gegenwärtig ist.

Verse 4.40–4.47

4.40 mantradīkṣādhvara snāto mantrālaṅkāra vigrahaḥ |
dhyayet pañca mahāmantra tanumīśānam avyayam ||

Übersetzung: Durch Mantra, Diksha und Opfer gereinigt und seinen Körper mit Mantra-Nyasa geschmückt, soll der Sadhaka über Ishana meditieren, dessen Leib aus den fünf großen Mantras besteht und der unvergänglich ist.

4.41 pradhāna puruṣeśānam hṛdvyoma saṃsthitam |
śuddhasphaṭika saṃkāśam adhūmajyoti rūpiṇam ||

Übersetzung: Er soll ihn als den Herrn über Pradhana und Purusha meditieren, im Raum des Herzens gegenwärtig, klar wie reiner Kristall und leuchtend wie rauchloses Licht.

4.42 sarvajīva kalāvyāpi sarvajñam sarvatomukham |
tatstho līnasvatattvena tām kalām cintayet sadā ||

Übersetzung: Diese göttliche Kala durchdringt die Kräfte aller Lebewesen, ist allwissend und in alle Richtungen gegenwärtig. In ihr gegründet und in sein eigenes Wesen versunken, soll der Sadhaka beständig über sie meditieren.

4.43 sarvāñjana vinirmuktam śivaśakti kalaidhitam |
ātmatattvam idam śuddham sādhakānām prakīrtitam ||

Übersetzung: Frei von jeder Verunreinigung und von den Kräften Shivas und Shaktis erfüllt, wird diese reine Wirklichkeit als das Atma-Tattva der Sadhakas bezeichnet.

4.44 aṇimādi guṇairyuktā yogaiśvaryāvalambitāḥ |
yāvatyaḥ kathitā vidyā sarvāḥ śivakalānvitāḥ ||

Übersetzung: Alle Vidyas, die gelehrt werden, sind mit den Kalas Shivas verbunden, mit Kräften wie Anima ausgestattet und von yogischer Herrschaftskraft getragen.

4.45 śivaśakti kalāḥ sarvāḥ etāḥ sarvajña bhāṣitāḥ |
yo mokṣasukhaiśvarya dhanavīryapradāḥ śubhāḥ ||

Übersetzung: Diese Kalas von Shiva und Shakti wurden vom Allwissenden verkündet; sie sind segensreich und verleihen Befreiung, Glück, göttliche Macht, Wohlstand und Kraft.

4.46 vidyātattvam idam puṃsām tṛtīyam sarvakāmikam |
śivatattva vidhānajño jñatvā siddhyati netaraḥ ||

Übersetzung: Dies ist das Vidya-Tattva, das den Menschen alle erwünschten Güter schenken kann. Nur wer die Ordnung des Shiva-Tattva erkennt, gelangt zur Vollendung, nicht der andere.

4.47 śivātmavidyā tattvāni trīṇyetān yanupūrvaśaḥ |
viditvā sādhakaḥ kṣipram mantrasiddhim avāpnuyāt ||

Übersetzung: Wer diese drei – das reine Atma-Tattva, das reine Vidya-Tattva und das Shiva-Tattva – in ihrer Reihenfolge erkennt, erlangt rasch Mantra-Siddhi.

Verse 4.48–4.52

4.48 parārdhāḥ pañca vikhyātā vidyeśa vadanodgatāḥ |
vidhikriye kālayogau śivaśceti samāsataḥ ||

Übersetzung: Die aus dem Mund des Vidyeshvara hervorgegangene Lehre wird in fünf große Bereiche gegliedert: Vidhi, Kriya, Kala, Yoga und Shiva.

4.49 śivaḥ kalā rāga vidye puruṣo avyaktam eva ca |
guṇabuddhirahaṅkāras tanmātrāṇīndriyāṇi ca ||

Übersetzung: Shiva, Kala, Raga, Vidya, Purusha, Avyakta, Guna, Buddhi und Ahamkara sowie die Tanmatras und die Sinnesorgane –

4.50 mahābhūtāni cāpyatra pṛthivyantāni pañca ca |
eṣām saṃkhyā samākhyātā śivatattvarthakovidaiḥ ||

Übersetzung: und die fünf groben Elemente bis hin zur Erde: So wird ihre Zahl von den Kennern der Bedeutung des Shiva-Tattva erklärt.

4.51 śivatantra mahāvidyā susaṃskṛta mahādhiyaḥ |
śivānala mahājvālā dagdha bījāḥ sukevalāḥ ||

Übersetzung: Durch die große Vidya des Shiva-Tantra wird der Geist der Sadhakas vollkommen veredelt; im mächtigen Feuer Shivas werden die Samen des Karma verbrannt, sodass nur das reine Wesen bleibt.

4.52 pārameśānakiraṇa prakāśīkṛta cakṣuṣaḥ |
sādhakāḥ paramam śāntam praviśanti tanukṣye ||

Übersetzung: Ihre Augen werden durch die Strahlen des höchsten Herrn erleuchtet; wenn der Körper vergeht, treten diese Sadhakas in den höchsten Frieden ein.

5. Mudrā Lakṣaṇam – Die Mudras

Verse 5.1–5.6

5.1 athātaḥ saṃpravakṣyāmi guhya mudrāḥ śivodbhavāḥ |
prayujyante arcana vidhau balikarma japeṣu ca ||

Übersetzung: Nun werde ich die geheimen, von Shiva hervorgebrachten Mudras erklären, die bei Verehrung, Bali-Ritualen, Japa und anderen heiligen Handlungen verwendet werden.

5.2 namaskāro dhvajaścaiva tathā ca śaśakarṇikā |
mukulā padma mudrā ca tathā cāvāhinī bhavet ||

Übersetzung: Es sind die Namaskara-Mudra, Dhvaja-Mudra, Shashakarnika, Mukula, Padma und Avahani –

5.3 niṣṭhurā kālakaṇṭhī ca liṅgamudrā tathaiva ca |
atha vakṣye lakṣaṇāni mudraṇām anupūrvaśaḥ ||

Übersetzung: ferner Nishthura, Kalakanthi und die Linga-Mudra. Nun werde ich ihre Merkmale der Reihe nach erläutern.

5.4 namaskāreṇa vandeta dhvajena dhyānam ācaret |
śaśakarṇyā niyujyeta mukulyā cāsanākṛtiḥ ||

Übersetzung: Mit der Namaskara-Mudra verehrt man; mit der Dhvaja-Mudra beginnt man die Meditation. Shashakarnika stellt die Verbindung her, und Mukula formt den Sitz.

5.5 āsanam kalpayedatra kramaśaḥ padma mudrayā |
āvāhanyāvāhanam ca deveśasya prayojayet ||

Übersetzung: Darauf wird mit der Padma-Mudra der Sitz bereitet; mit Avahani ruft man den Herrn der Götter herbei.

5.6 niṣṭhurayā niruddhyeta vighnotsāraṇam eva ca |
kālakaṇṭhyā prayuñjīta śivapūjā prabodhakā ||

Übersetzung: Mit Nishthura wird seine Gegenwart gefestigt und Hindernisse werden abgewehrt; Kalakanthi wird zur Vollendung und Bekräftigung der Shiva-Puja verwendet.

Verse 5.7–5.17

5.7 yojanā liṅgamudrāyāḥ śivarūpe hyudāhṛtāḥ |
hṛddeśe tu nipīḍyeta hastayorubhayostalam ||

Übersetzung: Die Linga-Mudra wird in Verbindung mit der Gestalt Shivas gebraucht. Für die Namaskara-Mudra drückt man beide Handflächen vor dem Herzraum aneinander.

5.8 namaskārā tu vijñeyā mantriṇā mantra vandane |
vāmahastasya grīvāyām tarjanīṃ dakṣiṇena tu ||

Übersetzung: So wird die Namaskara-Mudra beim Verehren mit Mantra ausgeführt. Für die Dhvaja-Mudra wird die linke Hand im Bereich des Halses gehalten und mit der rechten der Zeigefinger entsprechend geführt.

5.9 aṅguṣṭham unnatam kṛtvā dhvajena dhyānam ārabhet |
maṇibandham nipīḍyaiva hastayorubhayorapi ||

Übersetzung: Der Daumen wird aufgerichtet; mit dieser Dhvaja-Mudra beginnt die Meditation. Für Shashakarnika werden die Handgelenke und Hände zusammengeführt.

5.10 aṅguṣṭhām tarjanīm caiva tvekām ekatra yojayet |
uttānau tu karau kṛtvā darśayec chaśa karṇikām ||

Übersetzung: Daumen und Zeigefinger beider Hände werden jeweils miteinander verbunden; mit nach oben gerichteten Händen zeigt man so die Shashakarnika-Mudra.

5.11 añjalim niyatām kṛtvā hṛddeśe tu samāhitām |
aṅguṣṭhau tu nipīḍyete madhyato nibiḍāṅgulim ||

Übersetzung: Für Avahani formt man vor dem Herzen eine gesammelte Anjali-Haltung; die Daumen werden nach innen gedrückt, die übrigen Finger liegen eng beieinander.

5.12 āvāhanī prayoktavyā devadevasya cāsane |
nipīḍayettathāṅguṣṭhau hastayorubhayorapi ||

Übersetzung: Diese Avahani-Mudra wird beim Anbieten des Sitzes für den Gott der Götter verwendet. Für Nishthura werden die Daumen in beiden Händen fest eingeschlossen.

5.13 tayoścābhimukham kṛtvā niṣṭhurām ca prayojayet |
aṅguṣṭhau tu natau kṛtva hastayorubhayorapi ||

Übersetzung: Die so gebildeten Hände werden der Gottheit zugewandt; dies ist die Nishthura-Mudra. Für Kalakanthi werden die Daumen beider Hände gebeugt.

5.14 ubhau cābhimukhau kṛtvā kālakaṇṭhīm prayojayet |
aṅguṣṭhau unnatam kṛtvā muṣṭim pāṇau tu dakṣiṇe ||

Übersetzung: Beide Hände werden zum Praktizierenden hin ausgerichtet; so wird Kalakanthi gezeigt. Für die Linga-Mudra wird der rechte Daumen aufgerichtet und die rechte Hand zur Faust geschlossen.

5.15 prakṣipeddhastamadhye tu vāmahastasya mantravit |
dakṣiṇe tu tathā pāṇau śeṣāḥ kuryāt tathopari ||

Übersetzung: Der Kenner des Mantras legt diese Faust in die linke Hand und umfasst sie von außen mit den Fingern der linken Hand.

5.16 liṅgamudrā mahāvīryā vijñeyā śivapūjane |
etāeva mahāmudrāḥ śivasya paramātmanaḥ ||

Übersetzung: Diese kraftvolle Linga-Mudra ist in der Shiva-Puja zu verwenden. Dies sind die großen Mudras des höchsten Selbst Shiva.

5.17 ānupūrvyā prayoktavyā mantraṇām ca viśeṣataḥ |
ityetāḥ sādhaka vidhau guhyamantrāḥ prakīrtitāḥ ||

Übersetzung: Sie sollen in der überlieferten Reihenfolge und besonders in Verbindung mit den entsprechenden Mantras gebraucht werden. So sind die geheimen Mantra-Mudras für die Praxis des Sadhaka erklärt.

Belegte Mudra-Mantras Die Ausgabe überliefert nach den nummerierten Versen eine eigene Folge von Mudra-Mantras. Da diese Formeln rituell kontextgebunden sind, werden sie hier nur als Textzeugnisse dokumentiert. Die letzte Formel des Abschnitts besitzt in der zugänglichen Romanisierung eine unsichere Silbenfolge und wird deshalb nicht künstlich korrigiert.

<poem> oṃ namo namaḥ — Namaskara

oṃ upakalpāya dhyānādhipataye — Dhvaja

oṃ śaśakarṇī śaśakarṇī

oṃ mukulī mukulā

oṃ padmodbhave — Padma-Mudra

oṃ anantarūpāya jaṭilāya — Āvāhanī

oṃ prapīḍanāya — Niṣṭhurā

oṃ kālakalpāśani huṃ phaṭ — Kālakaṇṭhikā

oṃ namaḥ śivāya śivatarāya namo namaḥ — Liṅga-Mudra </poem>


6. Pañcabrahma Kalā Vidhiḥ – Die Kalas der fünf Brahma-Mantras

Verse 6.1–6.10

6.1 athabrahmamayam guhyam śivakāyātma saṃsthitam |
kalābhedam pravakṣyāmi tacchṛṇudhvam yathākramam ||

Übersetzung: Nun werde ich die geheime, ganz von Brahman erfüllte und im göttlichen Leib Shivas gegründete Unterscheidung der Kalas erklären. Hört sie in der rechten Reihenfolge.

6.2 aṣṭau trayodaśāṣṭau ca catasraḥ pañca eva ca |
pañcānāmānupūrvyeṇa kalābhinnā yathākramam ||

Übersetzung: Acht, dreizehn, acht, vier und fünf – so verteilen sich die Kalas in der Reihenfolge der fünf großen Brahma-Mantras.

6.3 tāḥ pravakṣyāmyaśeṣeṇa kalāḥ śaivāgamasthitāḥ |
sadyaḥ kalābhiraṣṭabhirvāmadeve trayodaśa ||

Übersetzung: Diese im Shaiva-Agama überlieferten Kalas werde ich vollständig erklären: Sadyojata besitzt acht, Vamadeva dreizehn –

6.4 aghoramapi cāṣṭābhiścatasraḥ puruṣe tathā |
īśānam pañcadhā bhittvā sakalam vinyasecchivam ||

Übersetzung: Aghora acht, Tatpurusha vier und Ishana fünf. Indem man Ishana fünffach entfaltet, vollzieht man den Nyasa des ganzen Shiva.

6.5 ācāryeca śive agnau ca kalāḥ hyetāḥ prayojayet |
sadyojātaśca sadyaśca bhavaścābhava eva ca ||

Übersetzung: Diese Kalas sind beim Acharya, bei Shiva und im heiligen Feuer anzuwenden. Zu Sadyojata gehören Sadyojata, Sadya, Bhava und Abhava –

6.6 tathānādibhavaścaiva bhajasveti bhavodbhavau |
vāmo jyaṣṭhaśca rudraśca kālaścaiva kalastathā ||

Übersetzung: sowie Anadibhava, Bhajasva, Bhava und Udbhava. Zu Vamadeva gehören Vama, Jyeshtha, Rudra, Kala und Kala –

6.7 vikaraṇaśca balaścaiva vikaraṇo atha balastathā |
pramatho damanaścaiva manaśconmana eva ca ||

Übersetzung: Vikarana, Bala, erneut Vikarana und Bala, Pramathana, Damana, Mana und Unmana.

6.8 aghoraścātha ghoraśca ghoro ghorataras tathā |
sarvataḥ sarvarudraśca rūpaśca hṛdayam viduḥ ||

Übersetzung: Zu Aghora gehören Aghora, Athaghora, Ghora, Ghoratara, Sarva, Sarvarudra, Rupa und Hridaya.

6.9 tatpuruṣo mahādevo rudraśceti pracodayāt |
catvāryetāni vaktrāṇi kalpayenniyataḥ śuciḥ ||

Übersetzung: Zu Tatpurusha gehören die vier Mantra-Glieder Tatpurusha, Mahadeva, Rudra und Prachodayat; der gereinigte Sadhaka ordnet sie den vier Gesichtern zu.

6.10 īśāna īśvaro brahmā śivaśceti sadāśivaḥ |
mūrdhānam pañcadhā bhittvā śivasya parikalpayet ||

Übersetzung: Zu Ishana gehören Ishana, Ishvara, Brahma, Shiva und Sadashiva; damit wird der Kopf Shivas in fünf Bereiche gegliedert.

Verse 6.11–6.21

6.11 sadyadvayena pādau tu hastau cāpi bhavābhavau |
nāśanādibhavaścaiva bhajasveti c vai śiraḥ ||

Übersetzung: Die beiden Sadyojata-Kalas werden den Füßen zugeordnet, Bhava und Abhava den Händen, Anadibhava der Nase und Bhajasva dem Kopf.

6.12 bhavodbhavau tu bāhū tu hyubhāvetau prakīrtitau |
sadyomūrti kalāhyetāḥ śivasya paramātmanaḥ ||

Übersetzung: Bhava und Udbhava werden den beiden Armen zugeordnet. Dies sind die Kalas der Sadyojata-Gestalt des höchsten Shiva.

6.13 vāmadevam nyasedguhye jyeṣṭham liṅge prakalpayet |
tasyorū rudrakālau tu nityameva vinirdiśet ||

Übersetzung: Vamadeva wird dem verborgenen Bereich, Jyeshtha dem Linga zugeordnet; Rudra und Kala werden den beiden Oberschenkeln zugewiesen.

6.14 kalavikaraṇau devau jānunī tasya kīrtitāḥ |
śivasya janghe dvāvetau balo vikaraṇas tathā ||

Übersetzung: Kala und Vikarana werden den Knien, Bala und Vikarana den beiden Unterschenkeln Shivas zugeordnet.

6.15 balaḥ pramathanaścaiva sphicāvetau prakīrtitau |
damanaśca kaṭiḥ pārśve manaśconmana eva ca ||

Übersetzung: Bala und Pramathana werden den beiden Gesäßseiten zugeordnet; Damana der Hüfte, Mana und Unmana den beiden Körperseiten.

6.16 vāmadeva kalāhyetāḥ guhyāṅgeṣu prakīrtitāḥ |
aghoro hṛdayam athāghoro grivā prakīrtitāḥ ||

Übersetzung: So werden die Kalas Vamadevas den verborgenen Körperbereichen zugeordnet. Bei Aghora entspricht Aghora dem Herzen und Athaghora dem Hals.

6.17 ghoro ghorataraścaiva tasyāṃsau tu prakīrtitau |
sarvo nābhiśca vijñeyaḥ sarvo asya jaṭharam bhavet ||

Übersetzung: Ghora und Ghoratara werden den beiden Schultern zugeordnet; Sarva entspricht dem Nabel und Sarvasarva dem Bauch.

6.18 rūpānyurasi sarvāṇi pṛṣṭhe rudram vinirdiśet |
aghorasya kalānyāsaḥ sakalasya prakīrtitaḥ ||

Übersetzung: Rupa wird der Brust und Rudra dem Rücken zugeordnet. So ist der Kala-Nyasa Aghoras am vollständigen Leib beschrieben.

6.19 vaktram tatpuruṣaḥ pūrvam mahādevaśca paśimam |
rudro dakṣiṇataścaiva pracodaśca tathottaram ||

Übersetzung: Beim Tatpurusha-Nyasa entspricht Tatpurusha dem östlichen Gesicht, Mahadeva dem westlichen, Rudra dem südlichen und Prachodayat dem nördlichen.

6.20 catvāryetāni vaktrāṇi kalpayenniyataḥ śuciḥ |
īśānaḥ pūrvamūrdhānam īśvaraścaiva dakṣiṇam ||

Übersetzung: Der reine, gesammelte Sadhaka soll diese vier Gesichter so vorstellen. Beim Ishana-Nyasa entspricht Ishana dem östlichen Teil des Hauptes und Ishvara dem südlichen.

6.21 brahma paścimataścaiva śivaśceti tathottaram |
sadāśivastathordhvam tu pañcadhā parikalpayet ||

Übersetzung: Brahma wird dem Westen, Shiva dem Norden und Sadashiva der oberen Richtung zugeordnet; so wird das Haupt fünffach vorgestellt.

Verse 6.22–6.23

6.22 eṣa ittham kriyākāle dhyāyinām sakalaḥ śivaḥ |
yo vettyevam śivam devam kriyākāle maheśvaram ||

Übersetzung: Auf diese Weise erscheint Shiva während des Rituals den Meditierenden als Sakala, als vollständig manifestierte Gestalt. Wer Maheshvara in dieser Weise während der Praxis erkennt –

6.23 śivadhyāna samāyuktaḥ sa gacchati sadāśivam ||

Übersetzung: und dabei in Shiva-Meditation gesammelt bleibt, gelangt zu Sadashiva.

7. Dhāraṇā Vidhiḥ – Die Praxis der Dharana

Verse 7.1–7.5

7.1 athātaḥ saṃpravakṣyāmi dhyānamārga vidhikramam |
sakalo niṣkalścaiva dvividhastu śivaḥ smṛtaḥ ||

Übersetzung: Nun werde ich die geordnete Methode des Meditationsweges erklären. Shiva wird in zweifacher Weise verstanden: als Sakala, mit Gestalt, und als Nishkala, jenseits aller Gestalt.

7.2 sadyo vāmaśca ghoraśca puruṣeśāna eva ca |
kalāḥ hyetāḥ samākhyāta nidhaneśasya sūribhiḥ ||

Übersetzung: Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana werden von den Weisen als die fünf Kalas des höchsten Herrn bezeichnet.

7.3 niṣkalastu paro devo vyoma vyāpī maheśvaraḥ |
pradhāna puruṣeśānaḥ parātparataraḥ sthitaḥ ||

Übersetzung: Der Nishkala-Zustand ist der höchste Gott, Maheshvara, der den ganzen Raum durchdringt; er ist der Herr über Pradhana und Purusha und steht jenseits selbst des Höchsten.

7.4 sarvajñaḥ sarvakartā ca sarvagaḥ sarvatomukhaḥ |
sarvabhūtātma bhūtasthaḥ śivodhyeyo śāśvataḥ ||

Übersetzung: Er ist allwissend, allwirkend, alldurchdringend und in alle Richtungen gegenwärtig; als innerstes Selbst ist er in allen Wesen. Über diesen ewigen Shiva soll meditiert werden.

7.5 pratyāharas tathā dhyānam prāṇāyāmo atha dhāraṇā |
tarkaśca samādhiśca ṣaḍaṅgo yoga ucyate ||

Übersetzung: Pratyahara, Dhyana, Pranayama, Dharana, Tarka und Samadhi – dies wird der sechsgliedrige Yoga genannt.

Verse 7.6–7.10

7.6 prathamā dhāraṅāgneyī nābhimadhye tu dhārayet |
tasyām vai dhāryamāṇāyām pāpam nirdahati kṣaṇāt ||

Übersetzung: Die erste Dharana ist die feurige Agneyi. Sie soll in der Mitte des Nabels gehalten werden; wird sie beständig getragen, verbrennt sie in einem Augenblick die hindernden karmischen Kräfte.

7.7 hṛdaye dhārayedvidvān saumyām somasṛtām kalām |
tasyām vai dhāryamāṇāyām sarvatrāpyāyanam bhavet ||

Übersetzung: Der Wissende soll im Herzen die Saumya-Dharana halten, die Kala, aus der der Nektar des Mondes strömt. Wird sie dort festgehalten, entsteht überall Erfrischung und Stärkung.

7.8 aiśānīm dhārayenmūrdhni sarvasiddhikarīm nṛṇām |
yayā prayānti vai kṣipram śivasya paramam padam ||

Übersetzung: Die Aishani-Dharana soll am Scheitel gehalten werden; sie schenkt den Menschen alle Vollendungen und führt rasch zum höchsten Zustand Shivas.

7.9 amṛtā dhāraṇā yā tu vyāpinī tu śivam karī |
āpyāyati sarvatra sarvam jñānāmṛtena ca ||

Übersetzung: Die Amrita-Dharana ist alles durchdringend und heilsam; sie erfüllt den ganzen Menschen überall mit dem Nektar der Erkenntnis.

7.10 omkāra pūrvikāhyetā nābhī hṛdaya saṃsthitāḥ |
mūrdhanyā ca tathā cānyā cāmṛtā sarvagā śubhā ||

Übersetzung: Diese Dharanas beginnen mit Om und werden im Nabel, im Herzen, am Scheitel und darüber ausgeführt; die Amrita-Dharana ist allgegenwärtig und segensreich.

Belegte Dharana-Mantras Auch die vier Dharanas werden von Mantras begleitet. Die folgende Wiedergabe folgt konservativ der zugänglichen Romanisierung; sie ist als Textdokumentation, nicht als Ersatz für traditionelle Mantra-Einweihung, zu verstehen.

<poem> Agneyī: oṃ jvalad dīpta sahasre jvālāmālini vasa svairaṃ dīpya dīpya paśupatiḥ

Saumyā: oṃ śrīṃ oṃ namaḥ śivāya plāvaya amṛtāyāmṛta yonaye satye satye śāntabrahmaṇe variṣṭhayogaṃ dhara dhara plāvayāmṛtena

Aiśānī: oṃ oṃ śrīyogarūpāyānāśritāya sarvaprabhave jyotīrūpāya namaḥ ṭhaḥ ṭhaḥ

Amṛtā: oṃ namaḥ śivāya amṛtāya paśutattvānugrahāyāmṛtarūpiṇe amṛtīkuru svāhā </poem>


8. Dīkṣā Vargaḥ – Die Bedeutung der Einweihung

Verse 8.1–8.4

8.1 vacaḥ śṛtvā tatastasya rurostu mahātmanaḥ |
ūcuḥ prāñjalayo bhūtvā rurum munivarottamam ||

Übersetzung: Nachdem die großen Weisen die Worte Rurus gehört hatten, falteten sie die Hände, verneigten sich und sprachen zum vortrefflichsten der Weisen.

8.2 bhagavan sarvadharmajña dīkṣayā mucyate katham |
katham ca śivatām yānti chinnamāyā nibandhanaḥ ||

Übersetzung: O Ehrwürdiger, Kenner aller heiligen Ordnungen: Wie wird man durch Diksha befreit, und wie gelangen diejenigen, deren Bindungen durch Maya durchtrennt sind, zur Shiva-Natur?

8.3 yathā sūryodayam prāpya tamaḥ kṣipram vinaśyati |
evam dīkśām samāsādya dharmādharmair vimucyate ||

Übersetzung: Wie beim Aufgang der Sonne die Dunkelheit rasch verschwindet, so wird der Mensch durch die empfangene Diksha von den bindenden Wirkungen von Dharma und Adharma frei.

8.4 yathā sūrya imāllokān prakāśayati raśmibhiḥ |
tathā mantrādhvare devaḥ śaktibhistu prakāśate ||

Übersetzung: Wie die Sonne diese Welten durch ihre Strahlen erhellt, so offenbart sich der Gott im Mantra-Ritual durch seine Shaktis.

Verse 8.5–8.9

8.5 visphuliṅgā yatha kṣudrā huccaranti hutāśanāt |
evam śivasya devasya śaktayaḥ samudāhṛdāḥ ||

Übersetzung: Wie zahllose kleine Funken aus einem lodernden Feuer hervorspringen, so gehen die Shaktis aus dem göttlichen Shiva hervor.

8.6 vyāpnuvanti śarīrāṇi sādhakānām prayojitāḥ |
yathādityastu bhūmiṣṭham raśmibhir harate malam ||

Übersetzung: Diese Kräfte durchdringen die Körper der Sadhakas, wenn sie rituell eingesetzt werden. Wie die Sonne mit ihren Strahlen die Unreinheit von der Erde vertreibt –

8.7 evam śakti samāyogād dīkṣitān harate vibhuḥ |
jalam jale yathā kṣiptam kṣīre kṣīram ivārpitam ||

Übersetzung: so nimmt der allmächtige Herr durch die Verbindung mit Shakti die Unreinheiten der Eingeweihten hinweg. Wie Wasser, das in Wasser gegossen wird, und Milch, die sich mit Milch vermischt –

8.8 tathaiva hyekatām yāti dīkṣāmantreṇa mantravit |
yathā pradīpte jvalane tūlarāśiḥ samarpitaḥ ||

Übersetzung: so gelangt der Kenner des Mantras durch das Diksha-Mantra zur Einheit. Wie ein Haufen trockenen Grases, der in ein hell loderndes Feuer geworfen wird –

8.9 dagdhau niryāti sarvatra na bhūyastūlatām vrajet |
evam vai maṇḍalam prāpya dīkṣāmantra samudbhavaḥ ||

Übersetzung: vollständig verbrennt und nie wieder zu Gras wird, so gelangt der Eingeweihte durch das aus Diksha und Mantra hervorgegangene Mandala in einen Zustand, aus dem es keine Rückkehr in die frühere Gebundenheit gibt.

Verse 8.10–8.13

8.10 na punarjanmatām yāti dīkṣito manujottamaḥ |
bhinne dehe śivo bhūtvā śivadharmaiḥ samanvitaḥ ||

Übersetzung: Der so eingeweihte edle Mensch kehrt nicht erneut in Geburt zurück; wenn sein Körper zerfällt, wird er Shiva gleich und ist mit den Eigenschaften Shivas ausgestattet.

8.11 śivadharmam anuprāpya hyavibhāgāya kalpate |
yathā samudram āsādya nadī miṣṭāmbu vāhinī ||

Übersetzung: Nachdem er die Natur Shivas erlangt hat, ist keine Trennung mehr möglich. Wie ein Fluss mit süßem Wasser, der den Ozean erreicht –

8.12 kṣāratoyatvam āyāti prabhāvādbhi mahodadhaiḥ |
evam vai bhinna dehastu śivatattvam upāgataḥ ||

Übersetzung: durch die Macht des großen Meeres dessen salzige Beschaffenheit annimmt, so gelangt auch der vom Körper gelöste Eingeweihte zum Shiva-Tattva.

8.13 sakṛtsamudra saṃyogād vibhāgo naiva kalpate ||

Übersetzung: Hat der Fluss sich einmal mit dem Ozean verbunden, ist eine Trennung nicht mehr denkbar; ebenso verhält es sich mit der Vereinigung des Befreiten mit Shiva.

9. Ātmasaṃkrāntiḥ – Der Übergang und die Aufnahme der Seele

Verse 9.1–9.5

9.1 atha vidyāstraviddhīraḥ śivāgni gurupūjakaḥ |
nimittam aśubho dṛṣṭvā gajavāji rathādiṣu ||

Übersetzung: Ein standhafter Sadhaka, der die Vidya und die Bedeutung des Astra kennt und Shiva, das heilige Feuer und den Guru verehrt, soll aufmerksam auf Zeichen eines nahenden Übergangs achten.

9.2 astrāṇām aprasādam vā bhṛśam vā śastra vīkṣitaḥ |
dīrghān ārogyasamtapto gṛhīto vātha bhūbhṛtā ||

Übersetzung: Sieht er wiederholt ungünstige Vorzeichen oder leidet er lange unter schwerer Krankheit und erkennt dadurch das Herannahen des Todes –

9.3 tathā pañcātmakam deham vidyāmantrātma saṃskṛtam |
mahābhūtāni jñāgnau juhuyad astra saṃbhave ||

Übersetzung: dann soll er den aus fünf Elementen bestehenden, durch Vidya und Mantra geheiligten Körper innerlich auflösen und die großen Elemente in das Feuer der Erkenntnis opfern.

9.4 mahītale śucirbhūtvā mantrayuktena cetasā |
śaradarbhān paristīrya rudram dhyātvāstra vigraham ||

Übersetzung: An einem reinen Ort auf der Erde, mit einem von Mantra erfüllten Geist, soll er Kusha- und Darbha-Gras ausbreiten und Rudra in der Gestalt der göttlichen Waffe meditieren.

9.5 jagatsamhāra kartāram brahmāstram aparājitam |
dhyānī vijñāna yogena cāstram dhyātvā vicakṣaṇaḥ ||

Übersetzung: Er soll Rudra als den Zerstörer der Welten, als unbesiegbare Brahma-Waffe, mit Hilfe von Meditation und Erkenntnis-Yoga kontemplieren.

Verse 9.6–9.10

9.6 āsanam riciram badhvā svastikam padmam eva vā |
ūrdhvakaya ṛjugrīvo badhvādhaḥ karakacchapam ||

Übersetzung: Er soll einen angenehmen, festen Sitz einnehmen, Svastikasana oder Padmasana, den Oberkörper und Nacken aufrecht halten und die Hände in der entsprechenden Schildkröten-Mudra ruhen lassen.

9.7 dantān napīḍayed dantair netre cārdha nimīlite |
viṣayorga saṃruddhām vigṛhyendriya vāhinīm ||

Übersetzung: Die Zähne sollen nicht zusammengepresst werden, die Augen halb geschlossen sein. Er zieht die nach Sinnesobjekten strömenden Kräfte zurück und bezwingt die schlangenartige Bindung an äußere Erfahrungen.

9.8 niruddha prāṇa saṃcāro nābherūrdhvam vitastitaḥ |
bālasūrya pratīkāśam hṛdayam saṃprakāśate ||

Übersetzung: Indem er die Bewegung des Atems sammelt, lässt er den Herzraum oberhalb des Nabels aufleuchten; er erscheint strahlend wie die junge aufgehende Sonne.

9.9 maṇḍalam tatra sūryasya tanmadhye soma maṇḍalam |
soma maṇḍala madhye tu vimalam vahni maṇḍalam ||

Übersetzung: In diesem Herzraum befindet sich ein Sonnenmandala, in dessen Mitte ein Mondmandala liegt; im Zentrum des Mondmandalas befindet sich ein reines Feuermandala.

9.10 vahnimaṇḍala madhyastham śuddhasphaṭika sannibham ||

Übersetzung: In der Mitte dieses Feuermandalas ist der Herr gegenwärtig, klar und leuchtend wie reiner Kristall.

Verse 9.11–9.15

9.11 tasmin sādhaka caitanyam vidyāstrapada gocaram |
tanotyastramayam vahnidagdhām vegena hṛdguhām ||

Übersetzung: Dort wird das Bewusstsein des Sadhaka mit der Vidya und dem Astra-Mantra verbunden; in der Herzhöhle wird es vom Feuer geläutert und nimmt die Kraft der göttlichen Waffe an.

9.12 astram śiraḥ kapālam ca bhitvā sūryam prapdyate |
niścalam mūrdhni dehasya jyotiḥ parama mantravit ||

Übersetzung: Diese Kraft steigt empor, durchdringt Kopf und Scheitel und erreicht die solare Sphäre; beim Kenner des höchsten Mantras erscheint am Scheitel ein unbewegliches Licht.

9.13 astramāyā samākṛṣṭo raudrīśaktyeka vīrayoḥ |
mūrdhni saṃdhānayed yoga dhāraṇābhiśca niṣkramet ||

Übersetzung: Von der Kraft des Astra-Mantras angezogen und auf Raudri-Shakti und Ekavira ausgerichtet, soll der Sadhaka sein Bewusstsein am Scheitel sammeln und durch Yoga-Dharana austreten lassen.

9.14 niṣkramya pādayorābhiḥ punarmūrdhānam āśrayet |
mūrdhāne tu tato lokālokam badhvā prabhidya ca ||

Übersetzung: Die in den verschiedenen Körperbereichen verteilten Kräfte werden wieder am Scheitel gesammelt; von dort überschreitet das Bewusstsein die Grenze der sichtbaren und unsichtbaren Welten.

9.15 prakṛtim puruṣam caiva sūkṣmatejomayam mahān |
sarvabhūtātmako bhūtvā viśet sūkṣmam maheśvaram ||

Übersetzung: Es geht über Prakriti und Purusha hinaus, nimmt eine subtile Lichtgestalt an, wird allumfassend und geht schließlich in den subtilen Maheshvara ein.

Verse 9.16–9.17

9.16 dehasya dehi darbhāstram vastreṇāpyatha vāsanam |
saṃhārayeti bhūtāni hiraṇyeti śiraḥ spṛśet ||

Übersetzung: Nachdem die Seele den Körper verlassen hat, wird der Leib auf Darbha-Gras gebettet und mit einem Tuch bedeckt; mit der entsprechenden Formel berührt der begleitende Sadhaka den Kopf und vollzieht die Auflösungsriten.

9.17 vidyādhipena home ca dhyāyīta vidhirātmakaḥ |
evam astrasamāyogān mucyate nātra saṃśayaḥ ||

Übersetzung: Beim Feueropfer meditiert der Begleiter mit den Mantras des Herrn der Vidyas die Seele in ihrer göttlichen Wirklichkeit. Durch diese Vereinigung mit der Astra-Kraft wird Befreiung erlangt – daran besteht kein Zweifel.

10. Mantrārtha Varṇanam – Die Bedeutung des Vyomavyāpi-Mantras

Verse 10.1–10.5

10.1 atha saṅkhyā śivasyoktā cākṣarāṇām śatatrayam |
aṣṭaṣaṣṭyadhikam śambhor guhya mantram vinirgatam ||

Übersetzung: Nun wird die Zahl der Silben dieses Shiva-Mantras genannt: Das geheime Mantra Shambhus umfasst dreihundertachtundsechzig Zeichen.

10.2 mantrārthaśca purā proktā vidyeśānena śambhave |
sa eva bahudhā vyastaḥ samāsāducyate mayā ||

Übersetzung: Seine Bedeutung wurde einst vom Vidyeshvara dem Shambhu erklärt. Dieselbe vielfach entfaltete Bedeutung werde ich nun in zusammengefasster Form darlegen.

10.3 padavigraha dhātvartha hetu sadhana varjitaḥ |
vyapeta pakṣa dṛṣṭāntaḥ siddha vākhyāvabhāsitaḥ ||

Übersetzung: Diese Bedeutung ist nicht auf Wortzerlegung, Wurzeletymologie, Beweisführung oder bloße logische Mittel angewiesen und steht jenseits von These und Beispiel; sie leuchtet aus den verwirklichten Aussagen der Siddhas hervor.

10.4 svabhāva puruṣāvyakta karmajālātma vādibhiḥ |
yo na dṛṣṭo mahāmoha timirākrānta dṛṣṭbhiḥ ||

Übersetzung: Sie wird von denen nicht erkannt, deren Sicht vom dichten Dunkel großer Verblendung bedeckt ist, mögen sie über Natur, Purusha, das Unmanifestierte, das Netz des Karma oder das Selbst theoretisieren.

10.5 tasya devādidevasya vaktrāmala vinirgatam |
pravakṣye śivasadbhāva parasattā prakāśakam ||

Übersetzung: Ich werde nun die aus dem reinen Mund des Gottes der Götter hervorgegangene Bedeutung verkünden, welche die wahre Natur Shivas und die höchste Wirklichkeit offenbart.

Verse 10.6–10.15

10.6 om ityekakṣaram brahma mantra tantrādi lakṣaṇam |
mahatādi viśeṣānta vyāpakam padam avyayam ||

Übersetzung: Om ist die eine unvergängliche Silbe Brahmans und das Kennzeichen von Mantra und Tantra; sie durchdringt alles vom Mahat bis zu den einzelnen besonderen Erscheinungen.

10.7 otam protam jagattena mātrābhiḥ sarvato bhṛśam |
tribhiḥ pādaistu vibhunā sadevāsura mānuṣam ||

Übersetzung: Durch ihre Lautmaße ist die ganze Welt in alle Richtungen gewissermaßen längs und quer durchwoben; durch ihre drei Glieder umfasst sie Devas, Asuras und Menschen.

10.8 devayajña tapo dhyāna dānādhyayana karmasu |
omkārādyantena saṃbaddho mantravidbhiḥ prakīrtitaḥ ||

Übersetzung: Bei Gottesverehrung, Opfer, Askese, Meditation, Gabe, Studium und heiligen Handlungen wird Om von den Kennern des Mantras am Anfang und Ende verwendet.

10.9 tasmādihāpi praṇavam agre mantrapadam vibhoḥ |
nyasta paścātkalānīka varjitam vyoma ucyate ||

Übersetzung: Darum steht auch hier Pranava, Om, am Anfang der Mantra-Worte des allgegenwärtigen Herrn. 'Vyoma' bezeichnet jenen Raum, der noch frei von den nachgeordneten formgebenden Kalas ist.

10.10 vyometyākāśa saṃjñeyam nimittāt paribhāṣyate |
vyāpakatvāt ameyatvād vyoma ityabhidhīyate ||

Übersetzung: 'Vyoma' bedeutet Raum; aufgrund seiner grenzenlosen Ausdehnung und Unermesslichkeit wird er so genannt.

10.11 tadvācayati yasmātsa bhagavān parameśvaraḥ |
śaktiraśmi samūhena tasmād vyāpī sadāśivaḥ ||

Übersetzung: Da der höchste Herr durch diesen Begriff bezeichnet wird und mit den Strahlen seiner Shakti alles durchdringt, heißt Sadashiva 'Vyapin', der Alldurchdringende.

10.12 tadeva rūpam bhagavān bibharti prabhuravyayaḥ |
tena dharmeṇa yuktatvād vyomarūpeti cocyate ||

Übersetzung: Der unvergängliche Herr trägt selbst die Natur dieses grenzenlosen Raumes; weil er mit dieser Eigenschaft verbunden ist, wird er 'Vyomarupa', von der Gestalt des Raumes, genannt.

10.13 tasmai śivāya mahate sarvagāya mahātmane |
vyāpine vyomarūpāya parāya prabhave namaḥ ||

Übersetzung: Verehrung diesem Shiva, dem Großen, dem überall Gegenwärtigen und höchsten Selbst, dem Alldurchdringenden, dem Raumgestaltigen, dem Transzendenten und allmächtigen Herrn.

10.14 sarvam niravaśeṣam yad vyoma uktam parāparam |
tato yasmād bahgavatā sarvavyāpī tato bahavaḥ ||

Übersetzung: 'Vyoma' bezeichnet das alles ohne Rest erfüllende höchste und niedere Raumprinzip. Weil der selige Herr dieses Ganze durchdringt, wird er 'Sarvavyapin', der alles Durchdringende, genannt.

10.15 śāntatvāt sarvakṛttatva bhāvoparati kāraṇāt |
śiva ukto mahātantravidbhiḥ sadāśivaḥ ||

Übersetzung: Aufgrund seiner vollkommenen Friedlichkeit und weil in ihm die Bewegung des allwirkenden kosmischen Handelns zeitweilig zur Ruhe kommt, nennen die großen Kenner des Tantra Sadashiva 'Shiva'.

Verse 10.16–10.25

10.16 tasmai śivāya gurave vītarāga kalāya vai |
ameyatvāt ananto ayam ajatvācca prakīrtitaḥ ||

Übersetzung: Diesem Shiva, dem Guru, der frei von Raga und von begrenzenden Kalas ist, gilt die Verehrung. Weil er unermesslich und ungeboren ist, wird er 'Ananta', der Unendliche, genannt.

10.17 anādi śivasadbhāva yuktatvāt parameśvaraḥ |
sarveṣām svāmibhāvācca anātha iti śaśyate ||

Übersetzung: Weil er von anfangsloser Shiva-Wirklichkeit erfüllt und der höchste Herr aller ist, wird er als 'Anatha' gepriesen – derjenige, über dem kein anderer Herr steht.

10.18 anāśritasvaśritatvāt anyāśraya vivarjitaḥ |
āśrayo na samatvācca anāśrita iti smṛtaḥ ||

Übersetzung: Da er in sich selbst gegründet ist, auf keine andere Zuflucht angewiesen ist und selbst die unvergleichliche Zuflucht aller bildet, wird er 'Anashrita', der Unabhängige, genannt.

10.19 vaināśikatvāt sarveṣām bhuvanānām sadāśive |
dhṛveti saṃjñitam nāma sadāśiva lakṣaṇam ||

Übersetzung: Wenn alle Welten der Auflösung verfallen, bleibt Sadashiva bestehen; diese unerschütterliche Beständigkeit wird durch den Namen 'Dhruva' bezeichnet.

10.20 praśasti kāraṇatvena śāsyo yasmān na kasyacit |
atītaḥ śāśvatatvācca śāśvato bhagavān śivaḥ ||

Übersetzung: Er ist der höchste Lenker und selbst keinem anderen Befehl unterworfen; weil er über die Zeit hinaus ewig besteht, heißt der selige Shiva 'Shashvata', der Ewige.

10.21 yogo asya śivasadbhāvaḥ sadāśivam anāmayam |
tasmin vyavasthito yasmad yogapīṭhaḥ sa ucyate ||

Übersetzung: Sein Yoga ist das Verweilen in Shivas wahrer Wirklichkeit, im leidfreien Sadashiva. Weil er darin fest gegründet ist, heißt er 'Yogapitha', der auf dem Sitz des Yoga Ruhende.

10.22 anādiśivasadbhava yogayuktaḥ sadāśivaḥ |
mantrayogamaye pīṭhe tatrasthastena ucyate ||

Übersetzung: Sadashiva ist mit dem anfangslosen Yoga der Shiva-Wirklichkeit verbunden und sitzt auf dem aus Mantra-Yoga gebildeten heiligen Sitz; daher wird er so bezeichnet.

10.23 abhyutthitena yogena śāśvatenānu rañjitaḥ |
nityam yogīti tenoktaḥ śivastattvarthakovidaiḥ ||

Übersetzung: Weil er beständig von diesem ewigen, erhabenen Yoga durchdrungen ist, nennen ihn die Kenner der Tattvas den 'Nitya Yogi', den ewigen Yogi.

10.24 dhyānam cintābhāvanārtham kalpanā manasaḥ kriyā |
manasaḥ paripūrṇtvāt paritṛpto bhavodbhavaḥ ||

Übersetzung: Dhyana ist die geistige Tätigkeit beständiger Betrachtung und innerer Vergegenwärtigung; weil sein Geist vollkommen erfüllt ist, ruht Bhavodbhava in vollständiger Zufriedenheit.

10.25 svasthatvāt supraśāntatvāt parinirvāṇam uttamam |
dhyānāhāram bhagavatī bhavatītyupalakṣṇā ||

Übersetzung: In sich gegründet und vollkommen friedvoll ist sein Zustand höchstes Parinirvana; deshalb wird der selige Herr als einer bezeichnet, dessen Nahrung die Meditation selbst ist.

Verse 10.26–10.38

10.26 praṇavapūrvam uddiśya saṃśayaccheda kāraṇam |
om namaḥ śivāya śāntāya sarvasya prabhave tathā ||

Übersetzung: Um Zweifel zu durchtrennen, wird mit Pranava begonnen: 'Om, Verehrung Shiva, dem Friedvollen, dem Herrn und Ursprung von allem.'

10.27 iti saṃbhāvya deveśagaṇaḥ pūrvam udāhṛtaḥ |
tanum pañca mahāmantra lakṣaṇam saṃpracakṣate ||

Übersetzung: So wird die zuvor genannte Schar der göttlichen Herrscher vergegenwärtigt. Die Gestalt Shivas wird als aus den fünf großen Mantras gebildet beschrieben.

10.28 īṣṭa agre sa bhagavān īśānaḥ prabhuravyayaḥ |
jagatkṛtsnam mahāmantra śaktiyoga marīcibhiḥ ||

Übersetzung: An erster Stelle steht der selige Ishana, der unvergängliche Herr; durch die Strahlen der mit den großen Mantras vereinten Shakti erfüllt er die ganze Welt.

10.29 īśāna mūrdhā tenāyam ukto mantre sakāraṇam |
mahāmāyottha jālena vyapeta tanurīśvaraḥ ||

Übersetzung: Darum wird er im Mantra als 'Ishana-Murdha', Ishana als Haupt, bezeichnet. Die Gestalt Ishvaras ist frei vom Netz, das aus der großen Maya hervorgeht.

10.30 paramam vadati jñānam yattatpūrakam uttamam |
sarvajñam śivasadbhava prakāśakaraṇam param ||

Übersetzung: Er verkündet die höchste Erkenntnis, die alles vollkommen erfüllt, allwissend ist und die wahre Natur Shivas offenbart.

10.31 tena mantreṇa mantreśo bhagavān parameśvaraḥ |
prayuktam pūrayetkṛtsnam tena tatpuruṣaḥ smṛtaḥ ||

Übersetzung: Durch dieses Mantra erfüllt der Herr der Mantras, Bhagavan Parameshvara, alles vollständig; deshalb wird er 'Tatpurusha' genannt.

10.32 aghora raṇaśīlatvāt aghoraḥ procyate budhaiḥ |
aghoram śāntam ityuktam sadbhāvo hṛdayam prabhoḥ ||

Übersetzung: Weil er den zerstörerischen Mächten furchtlos entgegentritt, nennen ihn die Weisen 'Aghora'. Zugleich bedeutet Aghora tiefe Friedlichkeit; die wahre Wirklichkeit ist das Herz des Herrn.

10.33 tena cārdreṇa yuktatvāt agorahṛdayaḥ śivaḥ |
vāmo atha viparītatvāt saṃsārodgiraṇādapi ||

Übersetzung: Weil dieses Herz von Mitgefühl durchfeuchtet ist, heißt Shiva 'Aghora-Hridaya'. 'Vama' weist darauf hin, dass er der Bewegung des Samsara entgegengesetzt ist und dennoch dessen vielfältige Entfaltung hervorbringt.

10.34 sarvabhaveṣu gūḍhatvād guhyam ityabhidhīyate |
devo divi sthitatvāddīvyati yasmācca tena vā devaḥ ||

Übersetzung: Weil er in allen Zuständen verborgen gegenwärtig ist, heißt er 'Guhya', der Geheime. Weil er im göttlichen Raum besteht und alles zum Leuchten bringt, wird er 'Deva' genannt.

10.35 param atiguhyo mantreṇaitena guhyo ayam |
sadyaḥ prasāda dānāt kṣipratama āśuriti ca paryāyāḥ ||

Übersetzung: Obwohl er verborgen ist, ist er noch über das Verborgene hinaus geheim; darum heißt er 'Atiguhya'. 'Sadya' bezeichnet sein unmittelbares Gewähren von Gnade – schnell, unverzüglich und ohne Aufschub.

10.36 gahanena jāyate asmin pradhānapuruṣeśvarāntike ghore |
yasmāttasmād bhagavān ajāta iti cocyate devaḥ ||

Übersetzung: In seiner unergründlichen Macht entstehen Pradhana, Purusha und die übrigen Prinzipien. Weil er alles hervorbringt, selbst aber ungeboren bleibt, wird Bhagavan 'Ajata', der Ungeborene, genannt.

10.37 sadyojātena mantreṇa yuktatvāt parameśvaraḥ |
śivamūrtividhānajñaiḥ sā mūrtiriti paṭhyate ||

Übersetzung: Weil der höchste Herr mit dem Sadyojata-Mantra verbunden ist, wird diese Form von den Kennern der Shiva-Gestalten als seine Sadyojata-Murti bezeichnet.

10.38 etairmantrair mahāguhyair mūrtim bhagavto avyayām |
nirguḍhām sarvatattveṣu dhyāyennityam samāhitaḥ ||

Übersetzung: Mit diesen höchst geheimen Mantras soll der Sadhaka die unvergängliche Gestalt Bhagavans meditieren, die verborgen in allen Tattvas gegenwärtig ist.

Verse 10.39–10.47

10.39 durjñeyatvāt padārthānam tattvānam gahanasya ca |
sthityutpatti vināśānām guhyādguhyeti varṇitaḥ ||

Übersetzung: Weil die wirkliche Natur der Dinge, der Tattvas sowie von Entstehung, Bestand und Auflösung schwer zu erkennen ist, wird sie als 'Geheimnis der Geheimnisse' bezeichnet.

10.40 guhyātiśaya yuktatvāt atiguhyo maheśvaraḥ |
prakṛter gopanatvād goptā saṃsārasya sadāśivaḥ ||

Übersetzung: Weil Maheshvara in höchstem Maße von dieser verborgenen Wirklichkeit erfüllt ist, heißt er 'Atiguhya'. Da er durch Prakriti den Samsara bewahrt und ordnet, ist Sadashiva zugleich 'Gopta', der Hüter.

10.41 nidhanan nāśo jagatastasya kartā maheśvaraḥ |
tenoktam nidhanetyevam jagataḥ parameśvaraḥ ||

Übersetzung: 'Nidhana' bedeutet die Auflösung der Welt; Maheshvara ist der Vollzieher dieser Auflösung. Darum wird der höchste Herr der Welt in diesem Sinn mit Nidhana verbunden.

10.42 sarvāsām eva vidyānām vidyārājām tathaiva ca |
vidhātā paremeśāno yasmāttamācchivādhipaḥ ||

Übersetzung: Er ist der Urheber und höchste Herr aller Vidyas und aller Könige der Vidya; deshalb heißt Shiva 'Sarvavidyadhipa', Herr aller Erkenntniswege.

10.43 jyotiḥ prakāśa rupāṇām darśanākṛti lakṣaṇam |
aśeṣodbhāsakaraṇāj jyotīrūpaḥ śivo avyayaḥ ||

Übersetzung: Licht macht die Gestalt aller leuchtenden Dinge sichtbar. Weil der unvergängliche Shiva alles ohne Ausnahme erhellt, ist er 'Jyotirupa', von der Natur des Lichtes.

10.44 parameśvara rudrāṇām sthitisamhāra karmiṇām |
kāraṇecchā pravṛttatvāt parastasmān maheśvaraḥ ||

Übersetzung: Die Rudras führen Erhaltung und Auflösung aus, weil sie vom Willen der höchsten Ursache dazu bewegt werden; Maheshvara steht daher über ihnen.

10.45 tasmai devādidevāya parāya paramāya ca |
yāthātathya guṇaughena yuktāya paramātmane ||

Übersetzung: Verehrung diesem Gott der Götter, dem Transzendenten und Höchsten, dem höchsten Selbst, das mit der Fülle seiner wirklichen Eigenschaften ausgestattet ist.

10.46 cetanāsarvabhūtānām sukhaduhkhādi lakṣaṇā |
sā cenna vidyate yasmāt tena devo hyacetanaḥ ||

Übersetzung: Das gewöhnliche Bewusstsein der Wesen ist durch Freude, Leid und ähnliche Erfahrungen gekennzeichnet. Da Shiva nicht auf diese begrenzte Bewusstseinsform reduziert werden kann, wird er hier 'Acetana' genannt.

10.47 cetanānām asamparkād acetana itīritaḥ |
acetano hyacintyatvāt sūkṣmatvāccāpyacetanaḥ ||

Übersetzung: Weil er von den begrenzten Bewusstseinszuständen unberührt bleibt, weil er unvorstellbar und äußerst subtil ist, wird er als 'Acetana' bezeichnet.

Verse 10.48–10.58

10.48 cetanānām agamyatvāt acetana iti smṛtaḥ |
dvirabhyāsapadam cāsya saṃśayaccheda kāraṇam ||

Übersetzung: Auch weil er für das gewöhnliche begrenzte Bewusstsein unerreichbar ist, wird er so genannt. Die Wiederholung dieses Wortes dient dazu, Zweifel an dieser Bedeutung zu beseitigen.

10.49 vyomādiṣvapi boddhavyam dvirabhyāsa padeṣu vai |
vyometi pūravamevoktam gaganākhyā samāsataḥ ||

Übersetzung: Dasselbe gilt für die zweifache Wiederholung bei 'Vyoma' und anderen Mantraworten. Vyoma wurde bereits als Raum, als grenzenloser Himmelsraum, erklärt.

10.50 tena dharmeṇa yuktatvād bhagavān vyoma ucyate |
param vyomāparam caiva tantresmin samudāhṛtam ||

Übersetzung: Weil Bhagavan dessen Eigenschaften besitzt, wird er selbst 'Vyoma' genannt. In diesem Tantra werden ein höchster und ein nicht-höchster Raum unterschieden.

10.51 māyātītam param vyoma sāñjanam tvaparam smṛtam |
nirañjane pare vyomni nityasthaḥ kāraṇo avyayaḥ ||

Übersetzung: Der höchste Raum liegt jenseits von Maya und ist unbefleckt; der niedrigere Raum steht noch in Verbindung mit Maya. Im reinen höchsten Raum ist die unvergängliche Ursache ewig gegenwärtig.

10.52 sāñjanam śaktikiraṇair adhitiṣṭhati śamkaraḥ |
vyomavyometi tenoktaḥ kāraṇena sadāśivaḥ ||

Übersetzung: Shankara durchdringt und lenkt auch den von Maya geprägten Raum mit den Strahlen seiner Shakti. Deshalb wird Sadashiva als 'Vyoma Vyoma' bezeichnet.

10.53 vyāpakatvācca sarvasya vyāpī saṃprakīrtitaḥ |
rūpiṇām parameśānām brahmādīnām sadāśivaḥ ||

Übersetzung: Weil er alles durchdringt, heißt er 'Vyapi'. Sadashiva ist zugleich der Ursprung der Gestalten der höchsten Herren und der Gottheiten von Brahma an.

10.54 jñānagamyo mahāmantra yogayogī maheśvaraḥ |
sraṣtṛtvātsarvabhūtānām sarvajñatvācca kāraṇāt ||

Übersetzung: Maheshvara ist durch Erkenntnis erreichbar und der höchste Yogi des großen Mantra-Yoga. Weil er alle Wesen hervorbringt und allwissend ist, ist er ihre Ursache.

10.55 anādisattvād bhagavān prathamastu nigatyate |
prakāśa karaṇatvācca tejasteja iti smṛtaḥ ||

Übersetzung: Weil sein Sein anfangslos ist, wird Bhagavan 'Prathama', der Erste, genannt. Weil er selbst das Leuchten aller Dinge ermöglicht, heißt er 'Tejastejas', das Licht des Lichtes.

10.56 sarveṣām jyotiṣām ādinidhiśca bhagavān śivaḥ |
yadindhanāgni saṃyogāt somārkamaṇijam ca yat ||

Übersetzung: Der selige Shiva ist der ursprüngliche Schatz aller Lichter. Gewöhnliches Feuer entsteht aus Brennstoff, ebenso kennt man Licht aus Mond-, Sonnen- und Feuersteinen –

10.57 tejastasmāt susampūrṇam kāraṇam jyotiruttamam |
tad dhūmabhasma rahitam tejasām anurañjakam ||

Übersetzung: doch sein eigenes Licht ist vollkommen, ursächlich und höchst; es ist frei von Rauch und Asche und verleiht allen anderen Lichtern ihre Leuchtkraft.

10.58 śaivam paramanirvāṇam ādyantam jyotiṣām nidhiḥ |
anādi nidhanābhāvān nityatvāt tejasām nidhiḥ ||

Übersetzung: Der höchste shaivische Nirvana-Zustand ist Anfang und Ende aller Lichter und ihr Schatz; weil er ohne Anfang und Untergang ist, ist er der ewige Ursprung aller Strahlkraft.

Verse 10.59–10.68

10.59 anādiriti vijñeyam nāma devasya śāśvatam |
nānāneti ca yatproktam guhyamantrapadam vibhoḥ ||

Übersetzung: Darum ist 'Anadi', der Anfangslose, ein ewiger Name des Gottes. Nun wird die Bedeutung der geheimen Mantra-Silben 'na na' erklärt.

10.60 parameśvara kṣetrajña pitāmaha iti trikam |
nā iti puruṣasyākhyā prathitā parameśvarasya puruṣasya ||

Übersetzung: Die ersten drei beziehen sich auf Parameshvara, Kshetrajna und Pitamaha; die Silbe 'na' kann außerdem Purusha, den höchsten göttlichen Menschen, bezeichnen.

10.61 pūrayati poṣyati ca yasmattasmācchivaḥ puruṣaḥ |
nānānāsamhāraḥ proktaḥ puruṣatraya kāraṇasya devasya ||

Übersetzung: Weil Shiva alles erfüllt und nährt, wird er Purusha genannt. Die wiederholten Silben verweisen zugleich auf die Auflösung der drei kosmischen Herrscher in ihrer höchsten Ursache.

10.62 guhye mantrapade asmin saṃhārakara padam proktam |
om bhūḥ satyavācitvān nitya padārthasya vācakaḥ śabdaḥ |
śivamantra padārthānām saṃśayanivṛtti hetvarthaḥ ||

Übersetzung: Im geheimen Mantra gibt es ebenso eine Silbenfolge, die Auflösung bezeichnet. 'Om Bhuh' verweist auf das Wahre und Ewige und dient dazu, Zweifel hinsichtlich der Bedeutung der Shiva-Mantras zu beseitigen.

10.63 om bhuva iti ca proktam bhuvanāni yathākramam |
śuddhāśuddhānyaśeṣāṇi nidhaneśavaśāni tu ||

Übersetzung: 'Om Bhuvah' bezeichnet der Reihe nach die Gesamtheit der reinen und unreinen Welten, die unter der Herrschaft des höchsten Auflösers stehen.

10.64 om suvaḥ prabhoḥ padam idam aparam yatprakīrtitam |
taddhyeyam yogibhirnityam śivatattvārthakovodaiḥ ||

Übersetzung: 'Om Suvah' bezeichnet eine offenbarte, meditierbare Gestalt des Herrn. Die Yogis, welche die Bedeutung des Shiva-Tattva kennen, sollen beständig darüber meditieren.

10.65 anidhana iti yatproktam nityam vadanti devasya |
na vinaśyatīti bhagavān anidhana iti viśeṣataḥ kathitaḥ ||

Übersetzung: 'Anidhana' bezeichnet die ewige Natur des Gottes: Bhagavan vergeht niemals. Deshalb wird er in besonderer Weise der Unvergängliche genannt.

10.66 saṃharati devadevaḥ sṛjati yasmācca sarvabhūtāni |
śivatattva vidhānajñaiḥ rudro nidhanodbhavo rudraḥ ||

Übersetzung: Der Gott der Götter löst alle Wesen auf und bringt sie erneut hervor; daher nennen die Kenner des Shiva-Tattva Rudra 'Nidhanodbhava', Ursprung aus und Herr über Auflösung und Hervorgang.

10.67 śiva sarveti yaduktam tvaśivābhāvācchivasya devasya |
paramātmani sthitatvāt sarveṣām tena paramātmā ||

Übersetzung: Die Worte 'Shiva' und 'Sarva' zeigen, dass in diesem Gott keinerlei Unheil oder Unvollkommenheit ist. Weil er in allen als höchstes Selbst gegenwärtig ist, ist er der Paramatman.

10.68 mahatām parameśānām sarveṣām pralayasarga kartṛṇām |
pūjyeśvara bhāvatvāt teneha maheśvaraḥ śambhuḥ ||

Übersetzung: Er steht über allen großen Herren, die Schöpfung und Auflösung vollziehen, und ist selbst ihr verehrungswürdiger Ishvara; deshalb wird Shambhu 'Maheshvara' genannt.

Verse 10.69–10.78

10.69 mahān bhavati sarveṣām pūjyatvād yoginām śivaḥ |
devo divi sthitatvācca mahādevas tato bhavaḥ ||

Übersetzung: Weil Shiva von allen Yogis als der Große verehrt wird und im göttlichen Raum besteht, heißt er 'Mahadeva', der große Gott.

10.70 sarveśvara prasaṅgād anīśvare apīśvarābhidhānācca |
sadbhāveśvara śabdaḥ sadāśive sūribhiḥ proktaḥ ||

Übersetzung: Auch andere Wesen können im übertragenen Sinn Ishvara genannt werden; um Sadashiva von ihnen zu unterscheiden, nennen die Weisen ihn 'Sadbhaveshvara', den Herrn der höchsten Wirklichkeit.

10.71 mahatāmapi sarveṣām paramaśivastejasām mahātejaḥ |
yogī ca yogināmapi yogādhipatir bhavastasmāt ||

Übersetzung: Paramashiva ist größer als alle Großen und das höchste Licht unter allen Lichtern; selbst unter den Yogis ist er der vollkommene Yogi und daher 'Yogadhipati', Herr des Yoga.

10.72 muñcati gahana nibandhān māyāviṣayitva yoktṛ bandhena |
māyābhijño bhagavān dīkṣānipuṇena hastena ||

Übersetzung: Der kundige Bhagavan löst die dichten Fesseln der Wesen, die durch Maya und die Bindung an ihre Erfahrungswelt entstanden sind, mit der in Diksha vollendeten Hand des Gurus.

10.73 muñcati tena hi guhyam mantrapadam mudā vipraḥ |
prathayati pāśān bahuśaḥ prathametyabhidhīyate tena ||

Übersetzung: Darum preist der Weise das geheime Mantrawort 'munca munca' – 'löse, löse'. Zugleich entfaltet der Herr für die gebundenen Seelen vielfältige Erfahrungsbereiche und wird deshalb 'Prathama' genannt.

10.74 śaraṇārthinām aṇūnām trātā mahato bhayātyataḥ śarvaḥ |
śaraṇād varaṇācca devaḥ śarva iti vibhāvyate taj jñaiḥ ||

Übersetzung: Er beschützt die kleinen individuellen Seelen, die bei ihm Zuflucht suchen, vor der großen Furcht des Samsara; weil er Zuflucht und Schutz gewährt, heißt er 'Sharva'.

10.75 bhāvena bhavatīti ca bhāvayitavyo bhavodbhavh prakṛtikartā |
āmantrāṇādi yuktair guhyapadaiḥ stūyate śambhuḥ ||

Übersetzung: Er wird gemäß der jeweiligen inneren Haltung gegenwärtig und nimmt Gestalt an; als Bhavodbhava ist er der Gestalter der Prakriti und wird mit den geheimen Mantraworten gepriesen.

10.76 sarveṣām bhūtānām saṃsāraviyojakam param sūkṣmam |
sukham ātyantikam akṛtakam anupamam upayacchate devaḥ ||

Übersetzung: Allen Wesen gewährt der Gott die endgültige Befreiung vom Samsara und ein höchstes, äußerst subtiles, ungeschaffenes und unvergleichliches Glück.

10.77 sānnidhyam mantroyam smṛtamātraḥ sādhakasya śivaliṅge |
kurute yasmāt tasmāt sānnidhyakaraḥ śivaḥ proktaḥ ||

Übersetzung: Schon durch die rechte Vergegenwärtigung dieses Mantras bringt Shiva seine lebendige Gegenwart im Shivalinga hervor; daher heißt er 'Sarvasannidhyakara', der überall Gegenwart schenkt.

10.78 brahmā viṣṇuśca rudrasyo api sarvasya kāraṇam jagataḥ |
tebhyaḥ paraḥ prajñaiḥ paramaśvaḥ procyate kartā ||

Übersetzung: Brahma, Vishnu und Rudra wirken als Ursachen der kosmischen Schöpfung, Erhaltung und Auflösung; der höchste Shiva steht über ihnen und wird von den Weisen als ihr eigentlicher Urheber erkannt.

Verse 10.79–10.89

10.79 sūkṣmāṇān sūkṣmatvad vikaraṇa dharmeṣu vikaraṇo bhagavān |
gyhyeṣvapi guhyatvāt acintyabhāvo hyacintyatvāt ||

Übersetzung: In den subtilsten Dingen ist er subtil, in den sich wandelnden Dingen erscheint er als deren innere Wandlungskraft, und in den verborgenen Dingen bleibt er verborgen; seine Natur ist unvorstellbar.

10.80 jñānām sarveṣām pragamatvād anarcito devaḥ |
tasmad anarcita iti bhagavān uktaśca tantre asmin ||

Übersetzung: Weil er nur durch höchste Erkenntnis wirklich erreicht wird und nicht durch äußere Verehrung allein, wird Bhagavan in diesem Tantra als 'Anarcita', der nicht bloß äußerlich Verehrbare, bezeichnet.

10.81 na stūyate stuto vā brahmādibhirapyadṛṣṭa pūrvatvāt |
tasmad asaṃstuta iti bhagavān uktaśca tantre asmin ||

Übersetzung: Weil seine höchste Wirklichkeit selbst von Brahma und den übrigen Göttern nicht unmittelbar geschaut wurde, kann sie von ihnen nicht angemessen gepriesen werden; deshalb wird Bhagavan hier 'Asamstuta', der durch Lob nicht zu Erfassende, genannt.

10.82 saṃsthāpyate svato vā nityasthatvācchivaḥ pare vyomni |
pūrvasthitopyabhihitaḥ parameśo mantra tantrajñaiḥ ||

Übersetzung: Shiva ist aus sich selbst heraus ewig im höchsten Raum gegründet; weil er von Anfang an dort besteht, nennen ihn die Kenner von Mantra und Tantra 'Purvasthita', den ursprünglich Gegenwärtigen.

10.83 sākṣātsarva paśūnām dharmādharmādikam kṛtam karma |
sākṣī ca sarvato akṣaḥ paśyati bhagavān ataḥ sākṣī ||

Übersetzung: Er schaut unmittelbar die guten und schlechten Handlungen aller gebundenen Wesen; weil seine Augen überall sind und er alles sieht, wird Bhagavan 'Sakshin', der Zeuge, genannt.

10.84 tvaritam śivasāyujyam prayacchate sādhakasya deveśaḥ |
turuturveti tantrartho ayam kṣipratvāccaiva dīkṣāyāḥ ||

Übersetzung: Der Herr der Götter gewährt dem Sadhaka rasch die Vereinigung mit Shiva. Die Mantraworte 'turu turu' bezeichnen nach der Tantra-Lehre diese Schnelligkeit der Wirkung der Diksha.

10.85 tejomūrtyabhidhānam pataṅga iti mantra lakṣaṇam proktam |
piṅga piṅgeti tejastham pravadanti mantratantrajñaḥ ||

Übersetzung: 'Patanga' wird in der Mantra-Lehre als Bezeichnung einer strahlenden Gestalt erklärt; 'Pinga Pinga' verweist auf das innere Zentrum der Lichtfülle. So wird Shiva als leuchtende Wirklichkeit gepriesen.

10.86 jñānam śivapadabodhaḥ saṃyakcedam parāparam rūpam |
yaccānyasmin tantre na vidyate sarva darśitvāt ||

Übersetzung: Jnana ist die Erkenntnis des Zustandes Shivas; sie umfasst in rechter Weise die höchste und die niedrigere Wirklichkeit. Diese umfassende Erkenntnis wird in dieser Form in anderen Lehrsystemen nicht vollständig dargelegt.

10.87 yāvan varṇa vivekaḥ saṃyoga vibhāga lakṣaṇaḥ sūkṣmaḥ |
śrotrendriyārtha paramaḥ śabdo asau kāraṇeśānaḥ ||

Übersetzung: Der subtile Klang umfasst die Unterscheidung der Laute sowie ihre Verbindung und Trennung; er geht über den gewöhnlichen Hörsinn hinaus. Der Herr der Ursachen ist die höchste Wirklichkeit dieses Shabda.

10.88 sūkṣmo hyacintya rūpo vyākhyātaḥ pūrvameva tantre asmin |
dvirabhihitaḥ paramaśivaḥ saṃśayanivṛtti darśibhiḥ sarvaiḥ ||

Übersetzung: Shiva wurde in diesem Tantra bereits als subtil und von unvorstellbarer Gestalt erklärt. Die zweifache Wiederholung 'Sukshma Sukshma' dient den Wissenden dazu, jeden Zweifel an seiner äußersten Subtilität zu beseitigen.

10.89 sarvajñaḥ sarvaparaḥ sarveśaḥ sarvakṛt svatantraśca |
sarvātmā sarveṣām prabhavasthitilayakṛcchivaḥ paramaḥ ||

Übersetzung: Der höchste Shiva ist allwissend, höher als alles, Herr von allem, Täter von allem und völlig frei; er ist das Selbst aller und bewirkt Entstehung, Bestand und Auflösung aller Wesen.

Verse 10.90–10.97

10.90 sarvamiti niravaśeṣam parāparajñānam uttamam guhyam |
māyābandha vimokṣam dadāti sarvapradas tasmāt ||

Übersetzung: 'Sarva' bedeutet das Ganze ohne Rest und verweist auf die geheime höchste Erkenntnis von Para und Apara. Weil Shiva dadurch Befreiung von der Maya-Bindung schenkt, ist er 'Sarvada', der alles Gewährende.

10.91 śiva iti samātmakatvācchāntatvād īśvaraḥ proktaḥ |
tasmai śivāya kurute nama iti śāntāya devāya ||

Übersetzung: Weil Shiva allen Wesen gegenüber gleich und vollkommen friedvoll ist, wird er Ishvara genannt. Diesem Shiva, dem friedvollen Gott, wird mit 'Namah' Verehrung dargebracht.

10.92 nama iti prabhutve ayam dhātvarthaḥ procyate vikarajñaiḥ kāraṇakārya vibhāgam kurute parameśa yogam ca ||

Übersetzung: Die Wurzelbedeutung von 'Namah' wird von den Kundigen auch mit Herrschaft verbunden. Der höchste Herr bewirkt die Unterscheidung von Ursache und Wirkung und zugleich ihre Vereinigung in ihm.

10.93 yugmam proktam tatraikam kāraṇasya devasya |
kāryatvasya viyogam kurute vinivṛtti hetvartham ||

Übersetzung: Die zweimalige Form des Grußes bezieht sich auf diese beiden Seiten, Ursache und Wirkung; sie dient dazu, die Bindung an die bloße Wirkungswelt aufzulösen und zur Quelle zurückzuführen.

10.94 evam brahmādīnām yugmāyugmam punarnamaskāraḥ |
kāraṇakārya vibhāgam chinatti māyāñjanam sarvam ||

Übersetzung: In gleicher Weise wird bei Brahma und den übrigen Göttern der Gruß teils doppelt, teils einfach gesprochen; die Unterscheidung von Ursache und Wirkung durchtrennt schließlich alle Färbungen der Maya.

10.95 anyat saṃyogakaram nama iti yugmam parasya devasya |
aṣṭāvete śuddhāḥ kāryamantre parā namaskārāḥ ||

Übersetzung: Ein weiterer 'Namah'-Gruß bezeichnet ihre erneute Vereinigung im höchsten Gott. Acht dieser reinen Mantra-Glieder werden den höheren Wirkkräften und der transzendenten Verehrung zugeordnet.

10.96 praṇavāśca nava proktā mantraśarīre śivasya sarvasmin |
daśa coktā mantraparāḥ śuddhāḥ paramā namaskārāḥ ||

Übersetzung: Neun Pranavas werden im gesamten Mantra-Körper Shivas genannt; zehn weitere reine Mantra-Glieder beziehen sich auf die hohen göttlichen Mächte und die höchste Verehrung.

10.97 viṃśati trīṇi yutāni saptaviṃśati saṃpradānāni |
śeṣapadāni tu ṣaḍviṃśatiḥ padāni baddhāni sarvataścāntaḥ ||

Übersetzung: Dreiundzwanzig Glieder stehen für die Huldigung, siebenundzwanzig für das Gewähren göttlicher Kräfte; sechsundzwanzig übrige Mantra-Worte beziehen sich auf den Bereich jenseits der gesamten begrenzten Ordnung.

Verse 10.98–10.106

10.98 triṃśat tattvāni proktāni śamkareṇa vibhāgaśaḥ |
asmin māheśvare tantre parisamkhyāya tattvataḥ ||

Übersetzung: In diesem Maheshvara-Tantra hat Shankara die Tattvas in ihrer wirklichen Ordnung gegliedert und dreißig Prinzipien aufgezählt.

10.99 vikārāḥ ṣoḍaśa proktā daśa prakṛtayastathā |
puruṣo vidya rāga tattvam śivatattvam ca triṃśakam ||

Übersetzung: Sechzehn werden als Vikara, als hervorgegangene Modifikationen, bezeichnet und zehn als Prakriti-nahe Ursachen; hinzu kommen Purusha, Vidya, Raga und Shiva-Tattva, zusammen dreißig.

10.100 kalāvyaktam guṇā buddhirahaṅkāras tathaiva ca |
tanmātrāṇi tathā pañca etāḥ prakṛtayo daśa ||

Übersetzung: Kala, Avyakta, Guna, Buddhi, Ahamkara sowie die fünf Tanmatras – diese zehn werden hier als Prakritis, als ursächliche Prinzipien, bezeichnet.

10.101 indriyāṇi daśaikam ca mahābhūtāni pañca ca |
vikārāḥ ṣoḍaśa tvete yaistu sarvam idam tatam ||

Übersetzung: Die elf inneren und äußeren Sinnesorgane sowie die fünf großen Elemente bilden die sechzehn Vikaras; durch sie ist diese ganze Erfahrungswelt durchdrungen.

10.102 uktaḥ samāsato arthaḥ paramārthavidā śivena tantre asmin |
ātreyaviśuddhakulānvayāya guruṇā prbodhāya ||

Übersetzung: So wurde in diesem Tantra von Shiva, dem Kenner der höchsten Wirklichkeit, die Bedeutung in Kürze dargelegt; der Guru übermittelte sie zur Erweckung der reinen Atreya-Linie.

10.103 idam purā kāraṇavaktrapadmādvinihsṛtam tadbahudhā vibhinnam |
vidyeśavraiḥ kāraṇatulya rūpair mantrakriyāmaṇḍala saṃprayogaiḥ ||

Übersetzung: Diese Lehre ging ursprünglich aus dem lotusgleichen Mund der höchsten Ursache hervor und wurde danach von den Vidyeshvaras, deren Gestalt der Ursache gleicht, in vielfältige Bereiche von Mantra, Kriya und Mandala gegliedert.

10.104 koṭyā nibaddham parameśvareṇa śaivam padam matṛgaṇairupetam |
tadeva sarvam kṛtavānmahātmā bhṛgūttamo dvādaśabhis sahasraiḥ ||

Übersetzung: Die von Parameshvara offenbarte shaivische Lehre, von den Gruppen heiliger Laute getragen, umfasste ursprünglich zehn Millionen Verse; der große Bhrigu fasste ihren gesamten Inhalt in zwölftausend Versen zusammen.

10.105 tadeva buddhva nikhilam hi bhārgavāt parāparajñānam anukrameṇa |
sahasramekam dviśatam ca so avadad rururmahātmā jagato hitāya ||

Übersetzung: Nachdem Ruru von Bhargava diese ganze geordnete Erkenntnis von Para und Apara verstanden hatte, verkündete der große Weise sie zum Wohl der Welt in eintausendzweihundert Versen.

10.106 idam paramaśivārṇavān munirvimathya tantrāmṛtam uttamam śivam |
śiverito vidita parāparo ruruś cakāra tantrārṇava saṃgraham punaḥ ||

Übersetzung: Nachdem der Weise den Ozean der höchsten Shiva-Lehre durchforscht und daraus den ausgezeichneten Nektar des Tantra gewonnen hatte, verfasste Ruru, von Shiva inspiriert und Para wie Apara kennend, erneut diese Zusammenfassung des Ozeans der Tantras.

Verse 10.107–10.110

10.107 imam hi yo rauravasūtrasamgraham paṭhedaṇurvyapagata pāśabandhanaḥ |
vibhidya lokān kanakāṇḍjanmanaḥ sa yāti vai paramaśivāntikam budhā ||

Übersetzung: Wer diesen Rauravasutrasamgraha studiert, dessen Fesseln des Pasha schwinden; nachdem er die Welten des aus dem goldenen Weltenei Geborenen überschritten hat, gelangt der Weise in die Nähe des höchsten Shiva.

10.108 ye cātrāsanamantrajāta niratāḥ saṃsevanātprāṅmukhāḥ śambhoḥ pādanipāta hṛṣṭa śirasaḥ pratyagra tāpadviṣaḥ |
teṣām āśu nigūḍhanūpura ravā cañcacalan mekhalā saṃbhrāntānana paṅkajodyatakarā paryeti lakṣmīḥ padam ||

Übersetzung: Wer sich hier beständig Asana, Mantra und hingebungsvollem Dienst widmet, sich nach Osten ausrichtet und freudig sein Haupt zu den Füßen Shambhus neigt, dem nähert sich rasch die Göttin des Segens, mit klingenden Fußreifen, bewegtem Gürtel, lotusgleichem Antlitz und erhobenen Lotusblumen in den Händen.

10.109 śivabhaktasya śāntāsya mahotsāha ratāya ca |
trivarṣābhyantarātsiddhir hastameti na saṃśayaḥ ||

Übersetzung: Für den ruhigen Shiva-Bhakta, der sich mit großer Begeisterung dieser Praxis widmet, kommt Siddhi innerhalb von drei Jahren in seine Hand – daran besteht kein Zweifel.

10.110 vyaktāvyakta kalāpamālam atulam tyaktvāspadam janmano mohāyāsa jarādiyogakalilam māyāmayam bandhanam |
śaivajñāna padārthavāribhiramalam prakṣālitātmā śivam sūkṣmam śāntam ajam prayāti paramam śambhoḥ padam niṣkalam ||

Übersetzung: Wenn der Sadhaka den aus manifesten und unmanifesten Kräften gebildeten Körper, den Geburtsgrund, und die aus Maya entstandene Bindung mit Verblendung, Mühsal, Alter und den übrigen Leiden hinter sich lässt und sein Selbst mit dem Wasser der shaivischen Erkenntnis reinwäscht, gelangt er zu Shiva: subtil, friedvoll, ungeboren, zum höchsten formlosen Zustand Shambhus.

Der Vyomavyāpi-Mantra und die Grenze dieser Ausgabe

Kapitel 10 erklärt einen langen Vyomavyāpi-Mantra Ausdruck für Ausdruck und nennt für die geheime Formel 368 Zeichen. Die zugängliche Ausgabe legt jedoch im betreffenden Kapitel vor allem die einzelnen Mantraglieder und ihre Bedeutungen aus; sie bietet an dieser Stelle keine für eine moderne Neuedition zweifelsfrei zusammenzusetzende, durchgehend normalisierte 368-Zeichen-Fassung. Deshalb wird hier keine vollständige Langform aus den Einzelteilen rekonstruiert. Das entspricht dem Grundsatz, bei Mantras keine fehlenden oder textkritisch unsicheren Bestandteile zu erfinden.

Sicher und wiederholt belegt ist dagegen das universale Shaiva-Mantra:

<poem> oṃ namaḥ śivāya </poem>

Raurava Agama und Kundalini Yoga

Das Raurava Agama ist für Kundalini Yoga interessant, weil es mit inneren Zentren, Atemlenkung, Dharana, Licht, Nektar und dem Aufstieg des Bewusstseins arbeitet. Es wäre aber historisch ungenau, jedes Detail des späteren Kundalini- und Chakra-Modells in den Text hineinzulesen. Der Raurava-Weg ist in erster Linie ein shaivischer Mantra- und Meditationsweg. Seine Dynamik lässt sich dennoch in einer für Yoga-Praktizierende vertrauten Sprache ausdrücken: Energie wird gesammelt, der Geist verinnerlicht, das Herz durchlichtet und das Bewusstsein nach oben und schließlich über alle begrenzten Tattvas hinaus geführt.

Ein Yantra verdichtet kosmische Ordnung in eine meditative Form. Das Raurava Agama spricht ausführlich über Mandala, Mantra und die innere Struktur der Wirklichkeit.


Alle Wiki Artikel zum Raurava Agama:

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Textgrundlage und Editionshinweise

Diese Seite ist eine spirituell orientierte Lese- und Übersetzungsausgabe, keine neue kritische Edition.

  • Grundlage für den vollständig wiedergegebenen zehn Kapitel umfassenden Vidyāpāda: S. P. Sabharathnam Sivacharyar, Rauravāgama – Vidyāpāda. Rauravāgama – Knowledge Section, Sanskrit/Transliteration mit englischer Übersetzung.
  • Zum größeren Textbestand: N. R. Bhatt (Hg.), Rauravāgama, 3 Bände, Institut Français de Pondichéry, Publications de l’Institut Français d’Indologie 18; Erstauflagen Band 1: 1961, Band 2: 1972, Band 3: 1988.
  • Bruno Dagens / Marie-Luce Barazer-Billoret, Le Rauravāgama. Un traité de rituel et de doctrine śivaïtes, 2 Bände, Institut Français de Pondichéry, 2000, Publications du département d’indologie 89.
  • Dominic Goodall, „The Rauravasūtrasaṅgraha Revisited: Some Indications of its Relative Antiquity with an Appendix of Improvements to the Edited Text“, in: D. Goodall, P.-S. Filliozat, P. Pasedach (Hg.), Studies in Memory of Pandit N. R. Bhatt, Collection Indologie 152, IFP/EFEO, 2022.

Zur Sanskritdarstellung

Die IAST-Wiedergabe folgt dem zugänglichen Vidyāpāda-Text. Die separate Seite Raurava Agama Sanskrit Devanagari setzt diese Lesefassung in Unicode-Devanagari um. Wo die moderne Romanisierung der Vorlage erkennbare Druck- oder Kodierungsbesonderheiten zeigt, wurde nur zurückhaltend normalisiert. Für textkritische Forschung ist weiterhin die kritische Bhatt-Ausgabe heranzuziehen.

Siehe auch

Weblinks