Raurava Agama 108 Verse für die spirituelle Praxis
Raurava Agama – 108 Verse und Mantras versammelt 108 besonders für Meditation, Yoga, Mantra, Shiva-Bhakti, Selbsterkenntnis und Befreiung geeignete Aussagen aus dem zehn Kapitel umfassenden Rauravasūtrasaṃgraha beziehungsweise Vidyāpāda des Raurava Agama.
Die deutsche Fassung ist bewusst als fortlaufender spiritueller Lesetext gestaltet. Sanskrit und Einzelquellen stehen nicht zwischen den Versen; die genaue Konkordanz befindet sich gesammelt am Ende.

108 Verse zur Praxis
1. Ich verneige mich vor Sadashiva, dem höchsten Herrn der göttlichen Mächte, dessen Scheitel der Sichelmond schmückt und der die Girlande der Vergänglichkeit trägt.
2. Ich verneige mich vor Sadashiva, dem Herrn der Zeit, dem Großen Zeitlosen, der über die Zeit gebietet, sie hervorbringt und sie in all ihren Bewegungen kennt.
3. Ich verneige mich vor Sadashiva, der alles wirkt und alles erkennt, der unbesiegbar ist und als innerstes Selbst in allen Wesen und Dingen gegenwärtig ist.
4. Ich verneige mich vor Sadashiva, aus dem die Wesen, Brahma und die göttlichen wie auch die widerstreitenden Kräfte hervorgehen, vor dem Schöpfer und Lenker der Welten.
5. Ich verneige mich vor Sadashiva, dem Erhabenen und Verehrungswürdigen, dem Geber des Guten, dem Höchsten, der in göttlicher Schönheit und Fülle erscheint.
6. Ich verneige mich vor Sadashiva, der von Liebe erfüllt ist und Liebe schenkt, dessen Gegenwart beglückt, dem Geliebten Umas, der ewig von den Herzen gesucht wird.
7. Ich verneige mich vor Sadashiva, in dessen Ordnung Dharma und Adharma ihre Früchte tragen und der sowohl Bindung als auch Befreiung in seiner umfassenden Führung hält.
8. Ich verneige mich vor Sadashiva, der Geist, Intellekt, Ichgefühl, feinstoffliche Elemente und Sinne übersteigt und Herr über Prakriti und die individuellen Seelen ist.
9. Ich verneige mich vor Sadashiva, über den die großen, in ihren Gelübden gefestigten Weisen meditieren, der mit dem höchsten Om verbunden und von äußerster Feinheit ist.
10. Ich verneige mich vor Sadashiva, dem subtilen, allgegenwärtigen und ewigen Herrn der Vidyeshvaras, der allen Tattvas zugrunde liegt und sie mit Bewusstsein erfüllt.
11. Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, Seele, Mond und Sonne, Geist, Intellekt, Ichbewusstsein und die höchste Natur stehen in der umfassenden Ordnung des Göttlichen.
12. Alles Entstandene und noch Unentstandene folgt seinem Willen. Ihm, dem höchsten Gott, dem Transzendenten und dem höchsten Selbst, gilt meine Verehrung.
13. Höre mit ungeteilter Aufmerksamkeit: Die höchste Erkenntnis des Unermesslichen ist ihrem Wesen nach eine, auch wenn sie sich in vielen Formen entfaltet.
14. Diese nektargleiche Erkenntnis wurde vom höchsten Herrn empfangen. Nun wird der Weg der Tattvas in geordneter und zusammengefasster Form dargelegt.
15. Das Shiva-Tattva ist klar, höchst, friedvoll, ungeboren und unvergänglich; es ist vollkommene Befreiung, unerschütterlich und ewig.
16. Aus dieser vollkommenen Lichtfülle treten, vom Willen Shivas bewegt, acht große Kräfte und in weiterer Entfaltung acht erhabene Manifestationen hervor.
17. Anantesha, Sukshma, Shivottama, Ekanetra, Ekarudra und Trimurti gehören zu diesen großen, aus der göttlichen Lichtfülle hervorgegangenen Mächten.
18. Mit Shrikantha und Shikhandin sind es acht erhabene Vidyeshvaras, strahlend wie unzählige Sonnen und aus dem einen Licht Shivas hervorgegangen.
19. Sie erfüllen ihre kosmischen Aufgaben, von Shivas Willenskraft bewegt. Unter diesen machtvollen Vidyeshvaras nimmt Ananta die führende Stellung ein.
20. Ananta steht an der Spitze dieser großen kosmischen Herrscher; ihm ist die Macht des Handelns übertragen, damit die göttliche Ordnung sich entfalten kann.
21. Als Herr der Vidya wirkt Ananteshvara auf Maya ein und bringt durch seine Strahlen die leuchtende Kala hervor, von der die weitere Entfaltung ausgeht.
22. Aus Kala entstehen Raga und Vidya; auch das Unmanifestierte tritt hervor, und daraus entfaltet der Herr die Kräfte der Gunas.
23. Aus den Gunas entsteht Buddhi mit ihren verschiedenen Anlagen; aus der Bewegung des Intellekts geht das Ichbewusstsein, Ahamkara, hervor.
24. Aus Ahamkara entfalten sich die feinstofflichen Elemente, die Sinne, die Wirkorgane und die grobstofflichen Elemente: die ganze Welt der Erfahrung.
25. Anantesha, der höchste Guru, erscheint aus dem Feuer Shivas als rauchloses Licht und wirkt als ordnende Ursache der Welten im Bereich der Manifestation.
26. Von Anantesha gelangte die Lehre zu Shrikantha, dem großen Lehrer, und von dort weiter zur Göttin, der Shakti des Herrn.
27. Die Göttin übergab das höchste Geheimwissen an Nandisha und Skanda; von Nandisha empfingen Brahma und Indra die Lehre.
28. Von Indra ging die Überlieferung weiter durch eine Folge von Lehrern, bis Ruru sie von seinem Guru Rama empfing und nun selbst weitergibt.
29. Die Lehren über Mudra, geistliche Verpflichtung, Tattvas, Mandalas, Verehrung und die Sammlung der Mantras werden in den weiterführenden Teilen der Überlieferung entfaltet.
30. Unzählige Mantras gehen aus dem Mund Shivas hervor; sie dienen den Sadhakas dazu, die Fesseln der großen Maya zu durchtrennen.
31. In den Mandalas wird Shiva als der darin gegenwärtige Herr verehrt – von Weisen, Devas und Menschen, die nach Befreiung verlangen.
32. Die Kräfte der Vidyeshvaras und Mandaleshvaras erscheinen durch die entsprechenden Mantras; ihre Zahl und ihre Wirkweisen lassen sich nicht vollständig erfassen.
33. So zahlreich die Rudras, göttlichen Mächte und Hüter der Welten sind, so zahlreich sind auch die Mantras; ihre genaue Zahl entzieht sich dem Zählen.
34. Mantras erscheinen in unterschiedlichen Sprachen und Lautformen; sie sind von heiligen Silben getragen, rein und von der Kraft allumfassender Erkenntnis durchdrungen.
35. Mantra soll nicht durch oberflächliche Spekulation entkräftet werden. Wer das Gute sucht, nähert sich der überlieferten Lehre mit Sorgfalt, Vertrauen und innerer Sammlung.
36. Alle Gottheiten sind von Mantra durchdrungen, und alle Mantras tragen Shiva in sich. Wer dies erkennt, richte sein Bewusstsein immer wieder auf Shiva.
37. Jenseits der niederen Tattvas liegt die große Maya, über die die Vidyeshvaras wachen. Ananteshvara ist von den Vidyas umgeben und ein Ozean göttlicher Macht.
38. Mahamaya liegt jenseits der gebundenen Maya. Sie ist die ursprüngliche Quelle, aus der die weiteren Ursachen der Welt hervorgehen und in die sie zurückkehren.
39. Im Bereich der reinen Mahamaya ist Maheshvara frei von Maya und Befleckung, subtil, allgegenwärtig und ewig, der Gott der Götter.
40. Anantesha, Sukshma, Shivottama, Ekanetra, Ekarudra und Trimurti gehören zu den acht Vidyeshvaras des reinen Bereichs.
41. Mit Shrikantha und Shikhandin sind es acht große Vidyeshvaras, strahlend wie unzählige Sonnen und von Shivas Shakti erfüllt.
42. Drei Shaktis des unvergänglichen Urgrundes werden genannt: Vama, Jyeshtha und Raudri – Ausdrucksweisen der einen göttlichen Kraft.
43. Hinzu treten Jnana Shakti und Kriya Shakti: die Kraft des Erkennens und die Kraft des Wirkens, durch die Erkenntnis und kosmische Tätigkeit möglich werden.
44. Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana bilden die fünf großen Mantra-Aspekte Shivas; Shiva ist zugleich mit Gestalt und jenseits aller Gestalt.
45. Wer Shiva als Sakala und Nishkala, als manifest und transzendent, erkennt, wird aus dem Kreislauf des Samsara gelöst und gelangt zu Shiva.
46. Shiva ist allwissend und allwirkend, untrennbar mit Shakti verbunden; durch seinen Willen hält er die Welten in Bewegung.
47. Wenn alle Hüllen abgelegt sind, ruht das Selbst in seiner eigenen Reinheit und Ganzheit; es gelangt zum höchsten Nirvana, zum unvergänglichen höchsten Shiva.
48. Die Weisen verehren Shiva mit verborgenen Mantras, heiligen Handlungen und mantragetragenen Opfergaben, während ihr Bewusstsein auf das Höchste gerichtet ist.
49. Wer den höchsten inneren Zustand Shivas verehrt und die Shiva-Tantras erkennt, gelangt zum Herrn der Ursachen und nähert sich der Einheit mit Shiva.
50. Der Sadhaka meditiere auf die reine Kala, die alle lebendigen Kräfte durchdringt, alles erkennt, in alle Richtungen wirkt und im eigenen Wesen ruht.
51. Diese reine Wirklichkeit des Selbst ist frei von jeder Verdunkelung und wird von den Kräften Shivas genährt. Sie ist das reine Atma-Tattva, das der Sadhaka verwirklichen soll.
52. Die göttlichen Kalas stehen mit yogischen Kräften in Verbindung; alle Vidyas, von denen die Agamas sprechen, sind von den Kalas Shivas durchdrungen.
53. Die Kalas von Shiva und Shakti sind glückverheißend und können Befreiung, innere Freude, geistige Kraft und die für den Weg nötige Wirksamkeit schenken.
54. Dieses reine Vidya-Tattva führt zur Erfüllung. Wer die Ordnung des Shiva-Tattva wirklich erkennt, kann das Ziel verwirklichen; bloß äußeres Wissen genügt nicht.
55. Nishthura-, Kalakanthi- und Linga-Mudra werden ebenfalls genannt; anschließend beginnt die geordnete Erklärung der einzelnen Mudras und ihrer Merkmale.
56. Mit der Namaskara-Mudra wird verehrt und mit der Dhvaja-Mudra meditiert; Shashakarnika dient der besonderen rituellen Verbindung, während Mukula den heiligen Sitz symbolisiert.
57. Mit der Padma-Mudra wird der heilige Sitz gestaltet; mit der Avahana-Mudra wird die göttliche Gegenwart bewusst eingeladen und im Ritual vergegenwärtigt.
58. Mit der Nishthura-Mudra wird die Gegenwart gefestigt und werden Hindernisse zurückgewiesen; die Kalakanthi-Mudra dient der Vollendung der Shiva-Verehrung.
59. Die Linga-Mudra wird mit der Gestalt Shivas verbunden. Zugleich beginnt die Beschreibung der Namaskara-Geste: Die beiden Handflächen werden im Bereich des Herzens zusammengeführt.
60. Nun wird die geheime Ordnung der Kalas erläutert, die zum Mantra-Körper Shivas gehören. Höre diese Lehre in ihrer überlieferten Reihenfolge.
61. Die fünf Brahma-Mantras entfalten sich in acht, dreizehn, acht, vier und fünf Kalas – insgesamt achtunddreißig Kräfte des einen Shiva.
62. Sadyojata ist mit acht Kalas verbunden, Vamadeva mit dreizehn; so beschreibt die Shaiva-Überlieferung die Gliederung des göttlichen Mantra-Körpers.
63. Aghora wird in acht, Tatpurusha in vier und Ishana in fünf Kalas entfaltet. Durch diese Zuordnung wird der ganze Shiva im Körper der Meditation vergegenwärtigt.
64. Wer in der rituellen und meditativen Praxis Shiva auf diese Weise erkennt und in Shiva-Meditation gesammelt bleibt, gelangt zu Sadashiva.
65. Nun wird der Weg der Meditation in seiner geordneten Praxis erklärt. Shiva wird als Sakala, mit Form, und als Nishkala, jenseits aller Form, betrachtet.
66. Sadyojata, Vamadeva, Aghora, Tatpurusha und Ishana sind die fünf großen Aspekte, durch die die Weisen den einen Shiva meditativ erschließen.
67. Nishkala-Shiva ist der höchste Gott, der den ganzen Raum durchdringt. Er steht jenseits von Prakriti und Purusha und übersteigt selbst die höchsten geschaffenen Ebenen.
68. Shiva ist allwissend, allwirkend, überall gegenwärtig und allen Richtungen zugewandt. Als innerstes Selbst wohnt er in allen Wesen und ist ewig zu meditieren.
69. Yoga wird hier sechsgliedrig gelehrt: Pratyahara, Dhyana, Pranayama, Dharana, Tarka – die klare geistige Einsicht – und Samadhi.
70. Die erste Konzentration ist die feurige Dharana im Nabelzentrum. Wird sie beständig gehalten, verbrennt sie die Kräfte, die den Sadhaka an Unreinheit und Rückfall binden.
71. Die mondhafte Dharana wird im Herzen gehalten. Aus ihr strömt kühlende, nährende Kraft, die den ganzen Menschen durchdringt und erneuert.
72. Die Ishana-Dharana wird am Scheitel gehalten. Sie führt das Bewusstsein nach oben und richtet den Sadhaka auf den höchsten Zustand Shivas aus.
73. Die Amrita-Dharana ist allgegenwärtig und glückverheißend. Sie tränkt den ganzen Menschen mit dem Nektar der Erkenntnis.
74. Diese Dharanas sind vom Om getragen und werden im Nabel, im Herzen, am Scheitel und darüber vergegenwärtigt; sie sind nektargleich, weit und segensreich.
75. Wie die Dunkelheit beim Aufgang der Sonne rasch verschwindet, so lösen sich durch echte Diksha die bindenden Kräfte von Verdienst und Schuld.
76. Wie die Sonne die Welten mit ihren Strahlen erhellt, so erleuchtet Shiva durch seine Shaktis das Bewusstsein des Menschen auf dem Weg von Mantra und Einweihung.
77. Wie Funken aus einem lodernden Feuer hervorspringen, so gehen die Shaktis aus Shiva hervor und tragen seine verwandelnde Kraft.
78. Diese Shaktis durchdringen den eingeweihten Sadhaka. Wie Sonnenstrahlen Verunreinigung vertreiben, so reinigt die göttliche Kraft die tiefen Bindungen des Bewusstseins.
79. Durch die Vereinigung mit Shakti löst der allgegenwärtige Herr die Fesseln des Eingeweihten – wie Wasser sich mit Wasser und Milch sich mit Milch verbindet.
80. Durch das Mantra der Diksha gelangt der Kenner des Mantras zur Einheit. Wie ein Bündel trockenen Grases im Feuer aufgeht, wird das Alte in der Einweihung verwandelt.
81. Was im lodernden Feuer vollständig verbrannt ist, kehrt nicht wieder in seinen früheren Zustand zurück. So führt die echte Einweihung in eine neue Weise des Seins.
82. Der wahrhaft Eingeweihte überschreitet die Wiederkehr in die gewöhnliche Gebundenheit; wenn der Körper endet, wird sein Bewusstsein mit den Eigenschaften Shivas vereint.
83. Der Sadhaka nehme einen ruhigen Sitz ein, etwa Svastikasana oder Padmasana. Oberkörper und Nacken bleiben aufrecht, die Hände werden in einer geeigneten Mudra gehalten.
84. Die Zähne bleiben entspannt, die Augen halb geschlossen. Die nach außen strömenden Sinne werden zurückgenommen und die Macht der Sinnesverhaftung wird gesammelt.
85. Der Atem wird geordnet. Oberhalb des Nabels erscheint im inneren Erleben das Herz wie die junge aufgehende Sonne.
86. Im Herzraum wird ein Sonnenmandala geschaut; in seiner Mitte ein Mondmandala und in dessen Mitte ein reines Feuermandala.
87. In der Mitte dieses Feuermandalas erscheint die höchste Gegenwart, leuchtend und rein wie ein klarer Kristall.
88. Der Sadhaka sammelt dort sein Bewusstsein. Von Erkenntnis und Mantra getragen wird das innere Feuer zur Kraft, welche die Höhle des Herzens durchlichtet.
89. Diese Bewusstseinskraft steigt zum Scheitel empor und durchbricht die Begrenzung des Körperbewusstseins; am höchsten Punkt erscheint ein stilles, unbewegtes Licht.
90. Durch Yoga und Dharana wird das Bewusstsein am Scheitel gesammelt und auf die göttliche Kraft ausgerichtet; von dort löst es sich aus der bisherigen Begrenzung.
91. Die Kräfte des Lebens werden nach oben gesammelt. Das Bewusstsein überschreitet die sichtbaren und unsichtbaren Welten und lässt ihre Grenzen hinter sich.
92. Jenseits der Dualität von Prakriti und Purusha wird das Selbst zu subtiler Lichtfülle, erkennt sich als mit allem verbunden und geht in den feinen Maheshvara ein.
93. Om ist die eine heilige Silbe des Brahman und ein Grundzeichen von Mantra und Tantra. Sie durchdringt die ganze Entfaltung vom Großen bis zum einzelnen Besonderen und bleibt selbst unvergänglich.
94. Durch die Kräfte des Om ist die Welt gleichsam längs und quer durchwoben; seine umfassende Wirklichkeit schließt göttliche, widerstreitende und menschliche Bereiche ein.
95. Opfer, Askese, Meditation, Geben, Studium und heilige Handlung werden von den Kennern des Mantras mit Om verbunden – am Anfang, am Ende und im innersten Sinn.
96. Darum steht Pranava, Om, am Beginn des Mantra-Weges. Vyoma bezeichnet den ursprünglichen Raum, noch bevor die Kräfte der Formung sich darin entfalten.
97. Vyoma heißt Raum, weil es allgegenwärtig und unermesslich ist. Es weist auf eine Wirklichkeit, die nicht von einem anderen Raum umschlossen werden kann.
98. Der höchste Herr wird Vyapi, der Allesdurchdringende, genannt, weil er durch die Strahlen seiner Shakti alle Ebenen erfüllt, ohne selbst von etwas Äußerem begrenzt zu werden.
99. Derselbe unvergängliche Herr kann Gestalt annehmen, ohne seine grenzenlose Natur zu verlieren. Darum wird er als Vyomarupa, von der Natur des Raumes, verehrt.
100. Verehrung sei Shiva, dem Großen, dem Allgegenwärtigen, dem höchsten Selbst – dem Allesdurchdringenden, der die Gestalt des grenzenlosen Raumes trägt und alles übersteigt.
101. Vyoma umfasst ohne Rest die höheren, mittleren und niederen Ebenen. Shiva wird deshalb als Sarvavyapi verehrt: als der, dessen Gegenwart nichts ausschließt.
102. Wegen seiner tiefen Friedlichkeit und weil er auch jenseits allen kosmischen Wirkens ruht, nennen die Kenner der großen Tantras Sadashiva den wahrhaft Glückverheißenden.
103. Shivas eigener Yoga ist der Shiva-Sadbhava-Yoga: die beständige Verankerung in der reinen Wirklichkeit Shivas, die frei von innerer Krankheit und Begrenzung ist.
104. Sadashiva ist von anfangsloser Shiva-Wirklichkeit durchdrungen und ruht auf dem Sitz des Mantra-Yoga; deshalb wird er als der im Yoga-Thron Festgegründete verehrt.
105. Weil Shiva unablässig im zeitlosen Yoga gegründet ist, nennen ihn die Kenner der Tattvas den ewigen Yogi.
106. Dhyana ist das ununterbrochene geistige Verweilen bei der Wirklichkeit. Wenn der Geist zur Fülle gelangt, entsteht tiefe Genügsamkeit und Sammlung.
107. Aus innerer Festigkeit und vollkommener Ruhe erwächst das höchste Nirvana. Meditation wird so zur Nahrung des göttlichen Bewusstseins.
108. Shiva ist allwissend, über allem, Herr von allem, Wirkender von allem und vollkommen frei. Er ist das Selbst aller und Ursprung, Erhalter und Auflösung aller Wesen.

Mantras
Die folgenden Formeln sind im bearbeiteten Vidyāpāda ausdrücklich belegt. Sie werden hier als Textzeugnisse und zur kontemplativen Lektüre dokumentiert. Spezifische Mudra-, Nyasa- und Diksha-Mantras gehören in der traditionellen Agama-Praxis in einen Guru- und Einweihungskontext.
Universales Shiva-Mantra
<poem> oṃ namaḥ śivāya </poem>
Aus den Mudra-Mantras
<poem> oṃ namo namaḥ
oṃ upakalpāya dhyānādhipataye
oṃ śaśakarṇī śaśakarṇī
oṃ mukulī mukulā
oṃ padmodbhave
oṃ anantarūpāya jaṭilāya
oṃ prapīḍanāya
oṃ kālakalpāśani huṃ phaṭ
oṃ namaḥ śivāya śivatarāya namo namaḥ </poem>
Dharana-Mantras
<poem> Agneyī: oṃ jvalad dīpta sahasre jvālāmālini vasa svairaṃ dīpya dīpya paśupatiḥ
Saumyā: oṃ śrīṃ oṃ namaḥ śivāya plāvaya amṛtāyāmṛta yonaye satye satye śāntabrahmaṇe variṣṭhayogaṃ dhara dhara plāvayāmṛtena
Aiśānī: oṃ oṃ śrīyogarūpāyānāśritāya sarvaprabhave jyotīrūpāya namaḥ ṭhaḥ ṭhaḥ
Amṛtā: oṃ namaḥ śivāya amṛtāya paśutattvānugrahāyāmṛtarūpiṇe amṛtīkuru svāhā </poem>
Der lange Vyomavyāpi-Mantra wird in Kapitel 10 Glied für Glied ausgelegt. Da die bearbeitete Vorlage an dieser Stelle keine zweifelsfrei normalisierte durchgehende Langform bietet, wird er hier nicht aus Einzelstücken rekonstruiert.

Alle Wiki Artikel zum Raurava Agama:
- Übersicht, deutsche Übersetzung und Sanskrit Text
- 108 Praxisverse und Mantras
- Sanskrit in Devanagari
Videos
Konkordanz
Die Nummern 1–108 sind die Nummern dieser Lesefolge. Dahinter steht jeweils Kapitel.Vers des Vidyāpāda.
- 1 → 1.6
- 2 → 1.7
- 3 → 1.8
- 4 → 1.9
- 5 → 1.10
- 6 → 1.11
- 7 → 1.12
- 8 → 1.13
- 9 → 1.14
- 10 → 1.15
- 11 → 1.16
- 12 → 1.17
- 13 → 2.6
- 14 → 2.7
- 15 → 2.8
- 16 → 2.9
- 17 → 2.10
- 18 → 2.11
- 19 → 2.12
- 20 → 2.13
- 21 → 2.14
- 22 → 2.15
- 23 → 2.16
- 24 → 2.17
- 25 → 3.6
- 26 → 3.7
- 27 → 3.8
- 28 → 3.9
- 29 → 3.17
- 30 → 3.18
- 31 → 3.23
- 32 → 3.24
- 33 → 3.25
- 34 → 3.26
- 35 → 3.27
- 36 → 3.28
- 37 → 4.27
- 38 → 4.28
- 39 → 4.29
- 40 → 4.30
- 41 → 4.31
- 42 → 4.32
- 43 → 4.33
- 44 → 4.34
- 45 → 4.35
- 46 → 4.36
- 47 → 4.37
- 48 → 4.38
- 49 → 4.39
- 50 → 4.42
- 51 → 4.43
- 52 → 4.44
- 53 → 4.45
- 54 → 4.46
- 55 → 5.3
- 56 → 5.4
- 57 → 5.5
- 58 → 5.6
- 59 → 5.7
- 60 → 6.1
- 61 → 6.2
- 62 → 6.3
- 63 → 6.4
- 64 → 6.23
- 65 → 7.1
- 66 → 7.2
- 67 → 7.3
- 68 → 7.4
- 69 → 7.5
- 70 → 7.6
- 71 → 7.7
- 72 → 7.8
- 73 → 7.9
- 74 → 7.10
- 75 → 8.3
- 76 → 8.4
- 77 → 8.5
- 78 → 8.6
- 79 → 8.7
- 80 → 8.8
- 81 → 8.9
- 82 → 8.10
- 83 → 9.6
- 84 → 9.7
- 85 → 9.8
- 86 → 9.9
- 87 → 9.10
- 88 → 9.11
- 89 → 9.12
- 90 → 9.13
- 91 → 9.14
- 92 → 9.15
- 93 → 10.6
- 94 → 10.7
- 95 → 10.8
- 96 → 10.9
- 97 → 10.10
- 98 → 10.11
- 99 → 10.12
- 100 → 10.13
- 101 → 10.14
- 102 → 10.15
- 103 → 10.21
- 104 → 10.22
- 105 → 10.23
- 106 → 10.24
- 107 → 10.25
- 108 → 10.89
Textgrundlage
S. P. Sabharathnam Sivacharyar, Rauravāgama – Vidyāpāda, Sanskrit/Transliteration mit englischer Übersetzung. Zur kritischen Textgeschichte siehe N. R. Bhatt (Hg.), Rauravāgama, 3 Bände, Institut Français de Pondichéry, sowie Dominic Goodall, „The Rauravasūtrasaṅgraha Revisited“, 2022.