Patinenkilkanakku

Aus Yogawiki

Patinenkilkanakku (Tamil: பதினெண்கீழ்க்கணக்கு, Patiṉeṇkīḻkkaṇakku, „die achtzehn kleineren Werke“; auch Pathinenkilkanakku) ist eine Sammlung von achtzehn Werken der klassischen tamilischen Dichtung aus der Zeit nach der Sangam-Zeit, etwa zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert. Die meisten dieser Werke sind Lehrdichtungen über Ethik, rechtes Leben und Weisheit. Das berühmteste unter ihnen ist das Tirukkural von Tiruvalluvar, eines der meistgelesenen und meistübersetzten Werke der indischen Literatur.

Die Patinenkilkanakku bilden das Gegenstück zu den „achtzehn größeren Werken“ der Sangam-Zeit, dem Ettuttokai und dem Pattuppattu. Während die ältere Sangam-Dichtung vor allem Liebe und Heldentum besingt, stehen in den achtzehn kleineren Werken Tugend, Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit und ein gutes Leben im Mittelpunkt. Damit sind sie für Yoga-Übende besonders interessant: Viele ihrer Lehren berühren sich eng mit den ethischen Grundsätzen des Yoga, den Yamas und Niyamas.

Das Licht der Erkenntnis im Herzen: Die achtzehn kleineren Werke lehren ein Leben aus Weisheit und Tugend.

Patinenkilkanakku auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Patinenkilkanakku; auch Pathinenkilkanakku
Tamil பதினெண்கீழ்க்கணக்கு (Patiṉeṇkīḻkkaṇakku)
Bedeutung „Die achtzehn kleineren Werke“
Epoche Nach-Sangam-Zeit, etwa 3. bis 6. Jahrhundert
Umfang Achtzehn Werke von sehr unterschiedlicher Länge
Inhalt Elf Lehrdichtungen über Ethik, sechs Werke über die Liebe, ein Werk über den Krieg
Versmaß Überwiegend Venba, ein kurzes, strenges tamilisches Versmaß
Bekanntestes Werk Tirukkural von Tiruvalluvar
Weitere bekannte Werke Naladiyar, Inna Narpatu, Iniyavai Narpatu, Acharakkovai
Gegenstück Die „achtzehn größeren Werke“ (Patinenmelkanakku): Ettuttokai und Pattuppattu

Name und Bedeutung

Der Name setzt sich zusammen aus patinen („achtzehn“), kil („unten, niedriger, kleiner“) und kanakku („Zählung, Werkgruppe“). Er bedeutet also „die achtzehn Werke der niedrigeren Gruppe“ oder „die achtzehn kleineren Werke“.

„Kleiner“ ist dabei kein Werturteil über die Qualität. Die Bezeichnung bezieht sich auf die Form: Die Werke bestehen überwiegend aus kurzen Strophen im Versmaß Venba, mit meist zwei oder vier Zeilen, während die „größeren Werke“ der Sangam-Zeit längere Gedichte in anderen Versmaßen enthalten. Gerade die knappe Form macht viele der kleineren Werke so einprägsam; ihre Verse wurden über Jahrhunderte auswendig gelernt und im Alltag zitiert.

Die achtzehn Werke

Die Überlieferung zählt achtzehn Werke auf. Die genaue Liste weicht in einzelnen Punkten ab; die folgende Aufstellung folgt der verbreitetsten Zählung.

Lehrdichtungen über Ethik

Titel Bedeutung Inhalt
Tirukkural Heilige Zweizeiler 1330 Zweizeiler über Tugend, Wohlstand und Liebe, von Tiruvalluvar
Naladiyar Vierzeiler 400 Vierzeiler über Ethik, der Überlieferung nach von jainistischen Mönchen verfasst
Nanmanikkatigai Vier Edelsteine Verse, die jeweils vier Gedanken wie vier Edelsteine aneinanderreihen
Inna Narpatu Vierzig unangenehme Dinge Aufzählung dessen, was man meiden sollte
Iniyavai Narpatu Vierzig angenehme Dinge Aufzählung dessen, was das Leben gut und schön macht
Tirikadukam Drei scharfe Heilmittel Je drei Ratschläge in einem Vers, benannt nach einem ayurvedischen Heilmittel aus drei Gewürzen
Acharakkovai Kranz des rechten Verhaltens Regeln für Reinheit, Anstand und rechtes Verhalten im Alltag
Pazhamozhi Nanuru Vierhundert Sprichwörter Lehrverse, die jeweils in ein Sprichwort münden
Sirupanchamulam Die fünf kleinen Wurzeln Je fünf Ratschläge in einem Vers, benannt nach einem Heilmittel aus fünf Wurzeln
Elati Kardamom und andere Ratschläge, benannt nach einem Heilmittel aus sechs Zutaten
Mudumozhikkanci oder Innilai Alte Weisheit Kurze Weisheitssprüche; die Überlieferung nennt hier unterschiedliche Werke

Auffällig ist, dass mehrere Werke nach ayurvedischen Heilmitteln benannt sind: So wie diese Mittel den Körper heilen, sollen die Verse den Geist heilen.

Werke über die Liebe

Sechs Werke gehören zur Akam-Dichtung über die Liebe und setzen die Tradition der Sangam-Zeit mit ihren fünf Landschaften fort: Kar Narpatu („Vierzig über die Regenzeit“), Aintinai Aimpatu und Aintinai Elupatu („Fünfzig“ und „Siebzig“ über die fünf Landschaften), Tinaimozhi Aimpatu, Tinaimalai Nurraimpatu und Kainnilai.

Ein Werk über den Krieg

Das Kalavazhi Narpatu („Vierzig über das Schlachtfeld“) ist das einzige Werk der Sammlung, das sich ganz dem Krieg widmet. Es schildert eine Schlacht eines Chola-Königs.

Das Tirukkural: Das Herzstück der Sammlung

Aufbau

Das Tirukkural von Tiruvalluvar ist das bedeutendste Werk der achtzehn kleineren Werke und gilt vielen Tamilen als „tamilischer Veda“. Es besteht aus 1330 Zweizeilern (Kural) in 133 Kapiteln zu je zehn Versen, die in drei Teile gegliedert sind:

  • Aram („Tugend“), über das rechte Leben, Wahrhaftigkeit, Liebe, Gewaltlosigkeit und Entsagung,
  • Porul („Wohlstand“), über Regierung, Politik, Freundschaft und das Leben in der Gesellschaft,
  • Inbam („Freude, Liebe“), über die Liebe zwischen Mann und Frau.

Diese Dreiteilung entspricht den ersten drei der vier Lebensziele der indischen Tradition, Dharma, Artha und Kama. Das vierte Ziel, Moksha, die Befreiung, hat keinen eigenen Teil, klingt aber in vielen Versen an, etwa in den Kapiteln über Entsagung, Wahrheitserkenntnis und das Zerstören des Begehrens.

Der erste Vers

Das Tirukkural beginnt mit einem berühmten Vers über Gott:

அகர முதல எழுத்தெல்லாம் ஆதி
பகவன் முதற்றே உலகு.

Akara mudala eḻuttellām ādi
bhagavaṉ mudaṟṟē ulagu.

Wie alle Buchstaben den Buchstaben A zum Ursprung haben, so hat die Welt den ursprünglichen Gott zum Ursprung.

Eigene Übersetzung. Das A ist in vielen indischen Schriften der erste Buchstabe und der Grundlaut, der in allen anderen Lauten mitschwingt. Ähnlich sagt Krishna in der Bhagavad Gita (10.33): „Unter den Buchstaben bin ich das A.“

Eine universale Ethik

Das Tirukkural wird von Anhängern verschiedener Religionen geschätzt, von Hindus, Jainas, Buddhisten, Christen und Muslimen, weil es eine Ethik lehrt, die über religiöse Grenzen hinweg gilt. Es enthält eigene Kapitel über Gewaltlosigkeit, das Nicht-Töten, den Verzicht auf Fleisch, Wahrhaftigkeit, Dankbarkeit, Geduld, das Vermeiden von Zorn und Neid und die Liebe zu allen Wesen. Mahatma Gandhi und Leo Tolstoi gehörten zu seinen Bewunderern.

Das Naladiyar

Das Naladiyar ist nach dem Tirukkural das bekannteste Werk der Sammlung. Es besteht aus 400 Vierzeilern über Ethik, die der Überlieferung nach von jainistischen Mönchen verfasst wurden. Das Werk betont die Vergänglichkeit der Jugend, des Reichtums und des Körpers und ruft zu einem tugendhaften Leben auf.

Eine bekannte tamilische Redensart stellt das Naladiyar neben das Tirukkural: So wie Zweige von Banyan- und Neembaum, mit denen man in Indien traditionell die Zähne reinigt, die Zähne stärken, so stärken „die Vier und die Zwei“, die Vierzeiler des Naladiyar und die Zweizeiler des Kural, die Rede.

Geschichtlicher Hintergrund

Die achtzehn kleineren Werke entstanden in einer Zeit des Wandels. Nach dem Ende der klassischen Sangam-Zeit gewannen Jainismus und Buddhismus im tamilischen Land großen Einfluss. Diese Religionen legten besonderen Wert auf Ethik, Gewaltlosigkeit und Selbstbeherrschung, und viele der achtzehn Werke tragen ihre Handschrift. Zugleich finden sich in ihnen Gedanken der vedischen und brahmanischen Tradition.

Auf die Zeit der achtzehn kleineren Werke folgten die großen Epen Silappatikaram und Manimekalai und ab dem 6. Jahrhundert die Bhakti-Bewegung der Nayanars und Alvars. Die ethischen Lehren der kleineren Werke blieben dabei lebendig und prägen das tamilische Denken bis heute.

Patinenkilkanakku und Yoga

Yamas und Niyamas im tamilischen Gewand

Die ethischen Werke der Sammlung berühren sich eng mit den Grundsätzen des Raja Yoga nach Patanjali. Die fünf Yamas, Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Wahrhaftigkeit (Satya), Nicht-Stehlen, Mäßigung und Nicht-Anhaften, finden sich in vielen Versen des Tirukkural und des Naladiyar wieder, ebenso die Niyamas wie Reinheit, Zufriedenheit und Selbstdisziplin. Das Acharakkovai mit seinen Regeln für Reinheit im Alltag erinnert an Shaucha, die Reinheit als ersten Niyama.

Ethik als Grundlage des spirituellen Weges

Swami Sivananda betonte immer wieder, dass Ethik das Fundament des spirituellen Lebens ist: „Sei gut, tu Gutes.“ Ohne ethische Grundlage bleibt jede Meditation und jede Übung unvollständig. Die achtzehn kleineren Werke zeigen, wie diese Einsicht in der tamilischen Kultur seit fast zwei Jahrtausenden gepflegt wird, in kurzen, einprägsamen Versen, die man im Alltag bei sich tragen kann.

Vergänglichkeit und Loslassen

Besonders das Naladiyar kreist um die Vergänglichkeit von Jugend, Schönheit und Reichtum. Diese Betrachtung entspricht dem Viveka, der Unterscheidung zwischen Vergänglichem und Unvergänglichem, und dem Vairagya, dem Loslassen, die im Jnana Yoga geübt werden.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Ein Vers für den Tag: Wähle einen Vers aus dem Tirukkural, etwa über Geduld, Wahrhaftigkeit oder Freundlichkeit, und trage ihn einen Tag lang bei dir. Kehre immer wieder zu ihm zurück und beobachte, wie er dein Handeln beeinflusst.
  • Die Yamas im Alltag: Nimm dir für eine Woche einen der Yamas vor, etwa Ahimsa oder Satya, und achte bewusst darauf, ihn in Gedanken, Worten und Taten zu üben.
  • Meditation über den Ursprung: Beginne eine Meditation mit dem ersten Vers des Tirukkural. Lass den Laut „A“ innerlich erklingen und spüre, wie alle Laute und alle Dinge aus einem gemeinsamen Ursprung hervorgehen.
  • Das Angenehme und das Unangenehme: Schreibe, angeregt durch Inna Narpatu und Iniyavai Narpatu, auf, was dein Leben schwer und was es gut macht. Der Yoga lädt dazu ein, das eine zu verringern und das andere zu pflegen.
Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Häufige Fragen zu den Patinenkilkanakku

Was bedeutet Patinenkilkanakku?
Patinenkilkanakku bedeutet „die achtzehn kleineren Werke“. Es ist eine Sammlung von achtzehn tamilischen Werken, überwiegend Lehrdichtungen über Ethik.

Warum heißen sie „kleinere“ Werke?
Die Bezeichnung bezieht sich auf die Form: Die Werke bestehen meist aus kurzen Strophen im Versmaß Venba, im Unterschied zu den längeren Gedichten der „größeren Werke“ der Sangam-Zeit. Sie ist kein Urteil über ihre Qualität.

Welches ist das bekannteste Werk der Sammlung?
Das Tirukkural von Tiruvalluvar mit 1330 Zweizeilern über Tugend, Wohlstand und Liebe. Es gehört zu den meistübersetzten Werken der Weltliteratur.

Wann entstanden die achtzehn kleineren Werke?
In der Zeit nach der klassischen Sangam-Zeit, etwa zwischen dem 3. und dem 6. Jahrhundert. Die genaue Datierung der einzelnen Werke ist umstritten.

Was haben die achtzehn kleineren Werke mit Yoga zu tun?
Viele ihrer ethischen Lehren, besonders über Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Reinheit und Selbstbeherrschung, entsprechen den Yamas und Niyamas des Raja Yoga und bilden eine Grundlage des spirituellen Lebens.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

Satsang "Anekdoten" mit Sukadev - Yoga Vidya Live, 10.06.2023, 20:00 Uhr

Herz-Chakra Segensmeditation

Siehe auch

Quellen und Literatur

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