Pattuppattu

Aus Yogawiki

Pattuppattu (Tamil: பத்துப்பாட்டு, Pattuppāṭṭu, „Zehn Lieder“; auch Pattupattu, englisch oft Ten Idylls) ist eine Sammlung von zehn längeren Dichtungen aus der klassischen tamilischen Literatur der Sangam-Zeit. Zusammen mit den acht Anthologien des Ettuttokai bildet sie die „achtzehn größeren Werke“, den Kern der Sangam-Literatur. Die Gedichte entstanden etwa zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert und gehören zu den ältesten und schönsten Zeugnissen tamilischer Dichtung.

Das bekannteste Lied der Sammlung ist das Tirumurukarruppatai von Nakkirar, ein großer Lobgesang auf den Gott Murugan, der zugleich in das elfte Buch des Tirumurai, des heiligen Kanons des tamilischen Shivaismus, aufgenommen wurde. Die übrigen neun Lieder schildern Könige und Fürsten, Landschaften, Städte und das Leben der Menschen, Liebe und Vergänglichkeit, und geben einen einzigartigen Einblick in die Welt Südindiens vor fast zweitausend Jahren.

Murugan: Ihm ist das erste und bekannteste Lied des Pattuppattu gewidmet, das Tirumurukarruppatai.

Pattuppattu auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Name Pattuppattu; auch Pattupattu
Tamil பத்துப்பாட்டு (Pattuppāṭṭu)
Bedeutung „Zehn Lieder“
Epoche Sangam-Zeit; die einzelnen Lieder etwa 2. bis 5. Jahrhundert
Umfang Zehn Dichtungen mit zusammen rund 3.500 Zeilen, zwischen etwa 100 und fast 800 Zeilen lang
Zugehörigkeit Eine der beiden großen Sammlungen der Sangam-Literatur, neben dem Ettuttokai
Bekanntestes Lied Tirumurukarruppatai von Nakkirar
Weitere bekannte Dichter Kapilar, Mankudi Marutanar, Kadiyalur Uruttirankannanar
Wichtigster alter Kommentar Naccinarkkiniyar (14. Jahrhundert)
Wiederentdeckung Erstausgabe durch U. V. Swaminatha Iyer, 1889

Name und Bedeutung

Pattu bedeutet im Tamil „zehn“, Pattu oder Pāṭṭu zugleich „Lied, Gedicht“. Pattuppattu heißt also „Zehn Lieder“. Anders als die kurzen Gedichte der Anthologien sind die Lieder des Pattuppattu längere, zusammenhängende Dichtungen. Im Englischen werden sie deshalb oft als „Idyllen“ bezeichnet, weil viele von ihnen ausführliche, farbenreiche Schilderungen von Landschaften und Lebenswelten enthalten.

Die zehn Lieder

Die Überlieferung zählt die zehn Lieder in einer festen Reihenfolge auf:

Nr. Titel Bedeutung Dichter Inhalt
1 Tirumurukarruppatai Heiliger Wegweiser zu Murugan Nakkirar Lobgesang auf Murugan und seine heiligen Wohnstätten
2 Porunararruppatai Wegweiser für die Barden Mudattamakkanniyar Preis des Chola-Königs Karikalan
3 Sirupanarruppatai Wegweiser für den Sänger mit der kleinen Laute Nattattanar Preis des Fürsten Nalliyakkodan
4 Perumpanarruppatai Wegweiser für den Sänger mit der großen Laute Kadiyalur Uruttirankannanar Preis des Fürsten Tondaiman Ilandiraiyan von Kanchi
5 Mullaippattu Lied der Waldlandschaft Napputanar Eine Frau wartet geduldig auf die Rückkehr ihres Mannes aus dem Krieg
6 Maduraikkanci Madurai und die Vergänglichkeit Mankudi Marutanar Beschreibung Madurais und Mahnung an den Pandya-König Nedunjeliyan
7 Nedunalvadai Der lange gute Nordwind Nakkirar Die kalte Jahreszeit; die Königin sehnt sich nach dem König im Feldlager
8 Kurincippattu Lied der Berglandschaft Kapilar Die Liebe eines Paares in den Bergen
9 Pattinappalai Die Stadt und die Trennung Kadiyalur Uruttirankannanar Die Hafenstadt Puhar zur Zeit Karikalans
10 Malaipadukadam (auch Kuttararruppatai) Der Widerhall der Berge Perunkausikanar Wegweiser für Tänzer zum Fürsten Nannan

Die Arruppatai: Gedichte, die den Weg weisen

Fünf der zehn Lieder gehören zur Gattung der Arruppatai, der „Wegweiser-Gedichte“: das Tirumurukarruppatai, das Porunararruppatai, das Sirupanarruppatai, das Perumpanarruppatai und das Malaipadukadam.

In einem Arruppatai begegnet ein Dichter, der bereits reich beschenkt von einem freigebigen Fürsten zurückkehrt, einem anderen, armen Dichter oder Musiker. Er beschreibt ihm den Weg zu diesem Fürsten, die Landschaften, durch die er ziehen wird, die Menschen, die ihm begegnen, und die Gaben, die ihn erwarten. Die Gattung verbindet so Reiseschilderung, Landschaftsbeschreibung und Lob des Wohltäters.

Nakkirar hat diese weltliche Form in seinem Tirumurukarruppatai auf das Göttliche übertragen. Er weist den Suchenden nicht den Weg zu einem irdischen Fürsten, sondern zu Murugan, dem göttlichen Geber aller Gnade. Aus dem Lob eines Königs wird ein Gebet, und aus der Reise zu einem Hof eine Pilgerfahrt zu den heiligen Wohnstätten Gottes. Gerade darin zeigt sich eine schöne Wahrheit des geistigen Weges: Wer selbst Gnade erfahren hat, möchte anderen den Weg dorthin zeigen.

Liebe und Landschaft

Mehrere Lieder des Pattuppattu gehören zur Akam-Dichtung, der Dichtung über Liebe und inneres Leben. Sie folgen der Lehre von den fünf Landschaften der Sangam-Dichtung, in der jede Landschaft mit einer bestimmten Stimmung verbunden ist.

  • Das Mullaippattu spielt in der Wald- und Weidelandschaft Mullai, der Landschaft des geduldigen Wartens. Eine Frau wartet in der Regenzeit auf die Rückkehr ihres Mannes und wird von einer Weissagung getröstet. Mit gut hundert Zeilen ist es das kürzeste der zehn Lieder.
  • Das Kurincippattu von Kapilar spielt in der Berglandschaft Kurinji, der Landschaft der Begegnung der Liebenden. Berühmt ist die lange Aufzählung von fast hundert Blumen, die die jungen Frauen in den Bergen sammeln, ein einzigartiges Zeugnis der Naturbeobachtung. Nach der Überlieferung schrieb Kapilar das Lied, um einem König aus dem Norden die Schönheit der tamilischen Dichtung nahezubringen.
  • Das Nedunalvadai von Nakkirar schildert die kalte Jahreszeit, in der der Nordwind weht, und verbindet die Sehnsucht der Königin nach ihrem König mit Bildern des Krieges.

Vergänglichkeit: Das Maduraikkanci

Das längste Lied des Pattuppattu ist das Maduraikkanci mit fast 800 Zeilen. Es beschreibt in reichen Bildern die Stadt Madurai, die Hauptstadt der Pandya-Könige, mit ihren Märkten, Tempeln und Festen, vom Morgen bis in die Nacht. Doch der Dichter richtet sich mit einer ernsten Mahnung an den König: Alles Irdische ist vergänglich. Macht, Reichtum und Ruhm vergehen; bleibend ist nur das Gute, das man tut.

Das Wort Kanci im Titel bezeichnet in der Sangam-Dichtung genau dieses Thema: die Einsicht in die Unbeständigkeit der Welt. Damit steht das Maduraikkanci einer zentralen Einsicht des Yoga nahe, der Lehre von der Vergänglichkeit (Anitya) und der daraus erwachsenden inneren Freiheit, dem Vairagya.

Das Pattuppattu als Zeugnis seiner Zeit

Die zehn Lieder sind eine der wichtigsten Quellen für das Leben im alten Südindien. Sie beschreiben die Hafenstadt Puhar mit ihren Schiffen und ausländischen Händlern, die großen Städte Madurai und Kanchi, das Leben von Bauern, Hirten, Fischern und Handwerkern, die Musikinstrumente der Barden, Feste, Speisen und Bräuche. Das Pattinappalai über Puhar und das Maduraikkanci über Madurai zeichnen lebendige Bilder zweier großer Städte der Antike.

Auch für die Religionsgeschichte ist das Pattuppattu bedeutsam. Das Tirumurukarruppatai zeigt, wie die Verehrung Murugans als des Gottes der tamilischen Berge mit der nordindischen Überlieferung von Skanda, dem Sohn Shivas, zusammenfand. Die Gedichte erwähnen vedische Opfer, Tempelfeste und die Verehrung verschiedener Gottheiten.

Überlieferung und Wiederentdeckung

Über viele Jahrhunderte wurden die Lieder in Palmblatthandschriften überliefert. Im 14. Jahrhundert verfasste der Gelehrte Naccinarkkiniyar einen ausführlichen Kommentar zum gesamten Pattuppattu, der bis heute grundlegend ist.

Im 19. Jahrhundert drohte die Sangam-Literatur in Vergessenheit zu geraten. Der Gelehrte U. V. Swaminatha Iyer sammelte in mühevoller Arbeit Handschriften in Klöstern und Privathäusern und gab 1889 die erste gedruckte Ausgabe des Pattuppattu heraus. Seine Arbeit trug entscheidend dazu bei, die klassische tamilische Dichtung wieder bekannt zu machen.

Pattuppattu und Yoga

Der Weg und der Wegweiser

Die Arruppatai-Form ist ein schönes Bild für die Rolle des Guru und der spirituellen Gemeinschaft. Wie der beschenkte Dichter dem armen Barden den Weg zum Wohltäter zeigt, so weist der Lehrer dem Suchenden den Weg zum Göttlichen. Und wer selbst etwas empfangen hat, wird seinerseits zum Wegweiser für andere. In der Yoga-Tradition gilt es als eine der schönsten Formen des Dienens, das Empfangene weiterzugeben.

Vergänglichkeit und Freiheit

Die Mahnung des Maduraikkanci an den König, dass alles Irdische vergeht, entspricht der Einsicht, die im Jnana Yoga durch Viveka, die Unterscheidung zwischen Vergänglichem und Unvergänglichem, gepflegt wird. Diese Einsicht muss nicht traurig machen. Sie kann befreien: Wer weiß, dass Besitz und Ansehen vergehen, kann sich dem zuwenden, was bleibt.

Achtsamkeit für die Natur

Die liebevollen Schilderungen von Blumen, Tieren und Landschaften, besonders die Blumenaufzählung im Kurincippattu, zeugen von einer großen Aufmerksamkeit für die Natur. Sie können dazu anregen, die Schönheit der Natur achtsam wahrzunehmen und in ihr die Gegenwart des Göttlichen zu erkennen.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Wegweiser werden: Erinnere dich an einen Menschen, der dir den Weg zu Yoga, Meditation oder zum Göttlichen gezeigt hat, und danke ihm innerlich. Überlege dann, wem du selbst etwas von dem Empfangenen weitergeben kannst.
  • Meditation über die Vergänglichkeit: Betrachte in einer Meditation ruhig, wie alles im Leben sich wandelt. Spüre dann das Bewusstsein, das diesen Wandel wahrnimmt und selbst unverändert bleibt.
  • Blumen-Achtsamkeit: Nimm dir auf einem Spaziergang Zeit, Blumen und Pflanzen wirklich anzusehen, so wie Kapilar im Kurincippattu. Lass diese Achtsamkeit auch in deinen Yoga einfließen.
Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Häufige Fragen zum Pattuppattu

Was ist das Pattuppattu?
Das Pattuppattu, „Zehn Lieder“, ist eine Sammlung von zehn längeren Gedichten aus der tamilischen Sangam-Literatur, etwa aus dem 2. bis 5. Jahrhundert.

Welches ist das bekannteste Lied des Pattuppattu?
Das Tirumurukarruppatai von Nakkirar, ein Lobgesang auf den Gott Murugan. Es ist auch Teil des elften Tirumurai, des heiligen Kanons des tamilischen Shivaismus.

Was ist ein Arruppatai?
Ein Arruppatai ist ein „Wegweiser-Gedicht“, in dem ein beschenkter Dichter einem anderen den Weg zu einem freigebigen Wohltäter beschreibt. Fünf der zehn Lieder gehören zu dieser Gattung.

Welches ist das längste Lied des Pattuppattu?
Das Maduraikkanci mit fast 800 Zeilen, eine Beschreibung der Stadt Madurai und eine Mahnung an den König über die Vergänglichkeit aller Dinge.

Wie verhält sich das Pattuppattu zur übrigen Sangam-Literatur?
Das Pattuppattu bildet zusammen mit den acht Anthologien des Ettuttokai die „achtzehn größeren Werke“ der Sangam-Literatur.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

Satsang "Anekdoten" mit Sukadev - Yoga Vidya Live, 10.06.2023, 20:00 Uhr

Erfahre dich Selbst als reines Bewusstsein – Meditation mit Sukadev

Siehe auch

Quellen und Literatur

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