Meditation über die erinnerte Vereinigung

Aus Yogawiki

Meditation über die erinnerte Vereinigung ist eine Dharana nach Vers 70 des Vijnana Bhairava Tantra. Sie nimmt eine erinnerte partnerschaftliche Freude zum Ausgangspunkt der Sammlung und wird ausdrücklich ohne anwesende Partnerin beschrieben. Der folgende Artikel erläutert den Vers und bietet eine heutige rituell gerahmte Einzelmeditation für Erwachsene. Der deutschsprachige Artikeltitel ist eine beschreibende Bezeichnung, kein vorgetäuschter überlieferter Sanskritname eines selbstständigen Tantra-Rituals.

Shiva als Gegenstand der Sammlung im Umfeld des Vijnana Bhairava.

Die Unterweisung des Vijnana Bhairava

Erinnerte Freude ohne anwesende Partnerin – Vers 70
lehanāmanthanākoṭaiḥ strīsukhasya bharāt smṛteḥ |
śaktyabhāve 'pi deveśi bhaved ānandasamplavaḥ || 70 ||

Übersetzung: Durch die intensive Erinnerung an die mit einer Frau erfahrene Freude, an Liebkosung, innige Bewegung und Berührung, kann auch ohne Anwesenheit der Shakti, Herrin der Götter, eine Flut von Freude entstehen.

Fundstelle: Vijnana Bhairava 70, GRETIL.

Die drei Ausdrücke des ersten Halbverses bezeichnen körperliche Liebeshandlungen und sind in den Übersetzungen unterschiedlich nuanciert. Hier werden sie sachlich zusammenfassend wiedergegeben. Die geschlechtsübergreifende Anwendung im Ablauf ist eine heutige Anpassung.

Der Vers steht unmittelbar nach der Unterweisung über die Freude in der Vereinigung mit Shakti. Er verlagert den meditativen Ausgangspunkt in die Erinnerung. Eine gegenwärtige Partnerin ist für diese beschriebene Situation nicht erforderlich.

Die Körperlichkeit der erinnerten Erfahrung wird im Sanskrit ausdrücklich angesprochen. Zugleich zielt die Unterweisung auf eine Flut von Freude, nicht auf die möglichst detaillierte Ausgestaltung einer Fantasiegeschichte. Der hier gewählte Ablauf richtet die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtig wahrgenommenen Nachklang einer erwachsenen, einvernehmlichen Begegnung.

Historische Ansprache und heutige Anwendung

Die Sanskritformulierung spricht von der mit einer Frau erfahrenen Freude und verwendet Shakti für die Partnerin. Die Übertragung auf andere erwachsene partnerschaftliche Konstellationen ist eine heutige Erweiterung. Sie wird nicht als wörtliche Übersetzung des geschlechtsspezifischen Ausdrucks ausgegeben.

Der Text nennt an dieser Stelle keine Opferstoffe, kein äußeres Feuer und kein besonderes Nyasa. Lehrergruß, Wasser, Blüte und Abschluss werden im folgenden Ablauf als zeitgenössischer Andachtsrahmen ergänzt. Ein geheimer zusätzlicher „Erinnerungs-Mantra“ wird nicht erfunden.

Vorbereitung

Plane 20 bis 35 Minuten in einem ruhigen Raum. Ein bequemer Sitz, ein Glas Wasser und gegebenenfalls ein kleines Göttinnenbild genügen. Eine Blüte und ein Licht können hinzukommen. Alkohol, Drogen, Tiergaben und körperliche Hilfsmittel sind für die Meditation nicht erforderlich.

Wähle eine Erinnerung, die mit freiwilliger erwachsener Nähe und einem gegenwärtig stimmigen Gefühl verbunden ist. Eine belastende, konflikthafte oder aufdrängende Erinnerung ist für diese kurze Übung nicht nötig. Wer keinen passenden Bezug wählen möchte, kann stattdessen die allgemeinere Freudebetrachtung nach Vers 74 ausführen; diese ist dann eine andere, ebenfalls textlich belegte Dharana.

Ein Yantra kann den äußeren Andachtsrahmen bilden.

Durchführung

1. Sankalpa

Setze dich bequem und sage: „Ich betrachte die gegenwärtige Natur von Freude. Ich nehme eine Erinnerung dankbar auf, ohne einen Menschen festzuhalten oder ein vergangenes Geschehen wiederholen zu müssen.“ Dies ist die Absichtserklärung der heutigen Fassung.

2. Lehrergruß

Rezitiere:

Gruß an die Lehrer und Ganesha
oṃ gurubhyo namaḥ |
oṃ paramagurubhyo namaḥ |
oṃ parāparagurubhyo namaḥ |
oṃ gaṇeśāya namaḥ ||

Übersetzung: Om. Verehrung den Lehrern. Verehrung den übergeordneten Lehrern. Verehrung den Lehrern der höheren und weiteren Überlieferung. Verehrung Ganesha.

Fundstelle: Brihat Tantrasara, allgemeine Puja, Prosa beim Guru-Gruß vor Vers 11.

Die vier in der Quelle nacheinander genannten Grüße werden hier als zusammenhängende Eingangsrezitation gesetzt.

Verweile einige Atemzüge in Stille. Nimm wahr, dass du jetzt an diesem Ort sitzt. Die Erinnerung wird aus der Gegenwart betrachtet.

3. Kleine Gabe

Stelle Wasser vor das Bild oder lege eine Blüte auf den Tisch. Sprich einmal:

Gruß an die höchste Göttin
oṃ namaḥ paradevatāyai |

Übersetzung: Om. Verehrung der höchsten Gottheit, hier der höchsten Göttin.

Fundstelle: Kamakhya Tantra, Eingangsverehrung vor Kapitel 1.

Die Formel stammt aus dem Kamakhya Tantra und begleitet hier den ergänzten Andachtsrahmen. Sie ist nicht Teil des Verses 70 des Vijnana Bhairava.

4. Quellvers lesen

Lies den oben ausgeschriebenen Vers einmal auf Sanskrit und anschließend auf Deutsch. Lass besonders den Ausdruck „auch ohne Anwesenheit der Shakti“ nachklingen. Er bezeichnet die eigenständige Situation dieser Dharana.

5. Eine stimmige Erinnerung aufnehmen

Rufe für einen kurzen Moment eine erwachsene, einvernehmliche Begegnung in Erinnerung. Es genügt das Wissen um erlebte Nähe und Freude. Die Erinnerung muss weder als genaue Bildfolge rekonstruiert noch durch eine Beschreibung körperlicher Einzelheiten verstärkt werden.

Nimm wahr, was im gegenwärtigen Moment darauf antwortet: Wärme, Dankbarkeit, Ruhe oder auch gar keine besondere Empfindung. Lass diese Antwort zunächst unverändert.

6. Vom Inhalt zur Erfahrung wechseln

Löse die Aufmerksamkeit allmählich vom äußeren Ablauf der erinnerten Szene. Richte sie auf die jetzt wahrgenommene Qualität von Freude oder Verbundenheit. Die vergangene Person wird dabei nicht gedanklich zu einer gegenwärtigen Zustimmung oder Gegenleistung verpflichtet.

Die Verschiebung vom Erinnerungsinhalt zur gegenwärtigen Erfahrung ist die hier gewählte meditative Auslegung des Verses. Sie wird als solche erläutert, nicht als zusätzlich überlieferte Schritt-für-Schritt-Anweisung ausgegeben.

7. In der Freude verweilen

Bleibe zwei bis fünf Minuten bei der angenehmen Qualität, soweit sie von selbst vorhanden ist. Dränge sie nicht zu größerer Intensität. Wenn sie vergeht, beobachte auch das Vergehen. Es ist nicht nötig, die Szene immer wieder zu erneuern, nur um ein bestimmtes Niveau von Empfindung aufrechtzuerhalten.

8. Den Zugang erweitern

Lies den allgemeineren Freudeverse:

Freude als Ausgangspunkt der Sammlung – Vers 74
yatra yatra manas tuṣṭir manas tatraiva dhārayet |
tatra tatra parānandasvārūpaṃ sampravartate || 74 ||

Übersetzung: Wo immer der Geist Zufriedenheit findet, dorthin soll man den Geist gesammelt richten. Dort entfaltet sich jeweils die eigene Natur höchster Freude.

Fundstelle: Vijnana Bhairava 74, GRETIL.

Der Vers erweitert den Blick auf Freude insgesamt. Er macht eine Paarpraxis nicht zur Voraussetzung der Erkenntnis.

Nimm anschließend eine einfache gegenwärtige Zufriedenheit wahr, etwa das ruhige Sitzen oder den Klang im Raum. Damit kann die Betrachtung aus der persönlichen Erinnerung in eine weiter gefasste Aufmerksamkeit übergehen.

9. Stille ohne Erinnerung

Lass auch den letzten angenehmen Gegenstand los. Sitze einige Minuten bei Atem, Körperkontakt und Wachheit. Dies ist kein Versuch, Gefühle abzuschaffen. Es ist der Abschluss der besonderen Beschäftigung mit der Erinnerung.

10. Dank und Abschluss

Sprich einen stillen Dank für die Möglichkeit von Nähe im menschlichen Leben. Rezitiere:

Bitte um Nachsicht
kṣamasva |

Übersetzung: Verzeihe; sieh mir Unvollkommenheiten nach.

Fundstelle: Brihat Tantrasara, Ucchishta-Ganesha-Puja, Ende der Prosa zu Vers 20.

Die Übertragung als kurzer Abschluss auch anderer angepasster Rituale ist redaktionell.

Öffne die Augen, spüre die Füße und trinke etwas Wasser. Es ist keine Kontaktaufnahme zur erinnerten Person erforderlich. Die Meditation ist eine gegenwärtige innere Praxis, kein Auftrag, eine vergangene Beziehung wiederherzustellen.

Unterscheidung verwandter Formen

Maithuna Dharana nach dem Vijnana Bhairava behandelt Vers 69 und eine partnerschaftliche Situation. Der vorliegende Artikel behandelt Vers 70 und Erinnerung. Inneres Kula Yaga arbeitet dagegen mit einem umfassenderen geistigen Opferbild. Diese Unterschiede bleiben auch dann bestehen, wenn alle drei Formen als Zugänge zu nichtdualer Meditation verstanden werden.

Begleitvideo

Aufbau, Logik und Bestandteile einer Puja. Das Video ist im Yoga-Vidya-Wiki beim zugehörigen Thema eingebunden. Es dient der ergänzenden Einordnung, nicht als Dokumentation der hier zusammengestellten Ritualfassung.

Vollständige Rezitationstexte und ausgewählte Quellverse

Die folgenden Abschnitte enthalten sämtliche in dieser Artikelfassung ausgeschriebenen Sanskritrezitationen und die zur Lesung aufgenommenen Quellverse. Lehrverse und Handlungsbeschreibungen sind als solche kenntlich gemacht; sie sind nicht automatisch zusätzliche Mantras. Der Sanskritanhang ist vollständig für diese Auswahl, nicht eine Vollausgabe der genannten Tantras. Deutsche Absichtserklärungen und praktische Regieanweisungen stehen im Ablauf.

Sanskrit in IAST

Erinnerte Freude ohne anwesende Partnerin – Vers 70
lehanāmanthanākoṭaiḥ strīsukhasya bharāt smṛteḥ |
śaktyabhāve 'pi deveśi bhaved ānandasamplavaḥ || 70 ||

Gruß an die Lehrer und Ganesha
oṃ gurubhyo namaḥ |
oṃ paramagurubhyo namaḥ |
oṃ parāparagurubhyo namaḥ |
oṃ gaṇeśāya namaḥ ||

Gruß an die höchste Göttin
oṃ namaḥ paradevatāyai |

Freude als Ausgangspunkt der Sammlung – Vers 74
yatra yatra manas tuṣṭir manas tatraiva dhārayet |
tatra tatra parānandasvārūpaṃ sampravartate || 74 ||

Bitte um Nachsicht
kṣamasva |

Sanskrit in Devanagari

Diese Schriftfassung wurde aus den oben dokumentierten IAST-Lesungen transliteriert. Sie ist keine unabhängig kollationierte Sanskritedition.

Erinnerte Freude ohne anwesende Partnerin – Vers 70
लेहनामन्थनाकोटैः स्त्रीसुखस्य भरात् स्मृतेः ।
शक्त्यभावे ऽपि देवेशि भवेद् आनन्दसम्प्लवः ॥ ७० ॥

Gruß an die Lehrer und Ganesha
ॐ गुरुभ्यो नमः ।
ॐ परमगुरुभ्यो नमः ।
ॐ परापरगुरुभ्यो नमः ।
ॐ गणेशाय नमः ॥

Gruß an die höchste Göttin
ॐ नमः परदेवतायै ।

Freude als Ausgangspunkt der Sammlung – Vers 74
यत्र यत्र मनस् तुष्टिर् मनस् तत्रैव धारयेत् ।
तत्र तत्र परानन्दस्वारूपं सम्प्रवर्तते ॥ ७४ ॥

Bitte um Nachsicht
क्षमस्व ।

Vollständige deutsche Übersetzung der Rezitationstexte

Erinnerte Freude ohne anwesende Partnerin – Vers 70
Durch die intensive Erinnerung an die mit einer Frau erfahrene Freude, an Liebkosung, innige Bewegung und Berührung, kann auch ohne Anwesenheit der Shakti, Herrin der Götter, eine Flut von Freude entstehen.

Gruß an die Lehrer und Ganesha
Om. Verehrung den Lehrern. Verehrung den übergeordneten Lehrern. Verehrung den Lehrern der höheren und weiteren Überlieferung. Verehrung Ganesha.

Gruß an die höchste Göttin
Om. Verehrung der höchsten Gottheit, hier der höchsten Göttin.

Freude als Ausgangspunkt der Sammlung – Vers 74
Wo immer der Geist Zufriedenheit findet, dorthin soll man den Geist gesammelt richten. Dort entfaltet sich jeweils die eigene Natur höchster Freude.

Bitte um Nachsicht
Verzeihe; sieh mir Unvollkommenheiten nach.

Quellen, Textstand und Bearbeitung

  • Vijnana Bhairava, Sanskrit bei GRETIL, Verse 70 und 74; zum unmittelbaren Zusammenhang Vers 69. Sanskrit nach GRETIL, Dateneingabe Marino Faliero.
  • Brihat Tantrasara, Muktabodha Digital Library, M00013: Guru-Gruß und kurze Bitte um Nachsicht. Kamakhya Tantra, M00132: Eingangsverehrung.
  • Der Artikelname, der äußere Ritualrahmen, die zeitliche Gliederung und die geschlechtsübergreifende Anwendung sind heutige Bearbeitungen. Die Sanskritwörter des Verses werden nicht entsprechend umgeschrieben.

Die Herkunft jeder Rezitation ist zusätzlich unmittelbar beim Text angegeben. Moderne Ablaufentscheidungen, Zeitangaben, Zählumfänge und Ersatzgaben gelten nur dort als Quellenangaben, wo dies ausdrücklich vermerkt ist. Sonst gehören sie zur gekennzeichneten heutigen Anpassung. Bija-Silben erhalten keine erfundene Wortübersetzung. Religiöse Fruchtverheißungen werden als Aussagen der Überlieferung wiedergegeben.

Siehe auch

Seminare

Die folgenden Angebote betreffen allgemeine Ritual-, Meditations- und Bhakti-Praxis. Die Verlinkung bezeichnet kein Seminarangebot zu den historischen Sonderritualen dieses Artikels.

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