Jnanakarika
Jnanakarika (Sanskrit: ज्ञानकारिका jñānakārikā f.), auch Jñānakārikā oder Jnana Karika, ist ein konzentrierter tantrischer Lehrtext über Jñāna, Befreiung, das Überschreiten von Gegensätzen und die innere Lebensweise des Yogi. Im Mittelpunkt steht die Frage, was geschieht, wenn das Bewusstsein nicht länger an äußeren Stützen, Vorstellungen und Gegensätzen festhält.
Die Jñānakārikā ist in drei Paṭalas gegliedert. Der erste behandelt Moksha und die Stützenlosigkeit des Bewusstseins, der zweite Dharma und Adharma sowie einen „vierten“ Zustand jenseits der drei Guṇas, und der dritte deutet scheinbar äußere Orte und Zeichen – Śmaśāna, Flusszusammenfluss, Höhle, Baumwurzel, Ozeanufer, Nacktheit, gelöstes Haar und „Berauschung“ – als innere yogische Wirklichkeiten.

Die Jñānakārikā spricht dabei in einer nüchternen, zugleich radikalen Sprache. Sie führt von äußeren Formen und begrifflichen Unterscheidungen zu einer unmittelbaren Erkenntnis, in der das Bewusstsein ruhig, stützenlos und frei von Vikalpa wird.
Die zentrale Lehre
Ein Schlüsselwort des Textes ist nirāśraya – „ohne Stütze“. Solange das Bewusstsein sich an Objekte, Begriffe, Dharma und Adharma oder sogar an spirituelle Vorstellungen klammert, bleibt es innerhalb von Gegensätzen. Befreiung wird dagegen als niścala, unbeweglich, nirvikalpa, frei von begrifflicher Konstruktion, und nirāśraya, ohne äußeren Halt, beschrieben.
Bemerkenswert ist die Lehre eines vierten Zustands des Geistes, der über Tamas, Rajas und Sattva hinausgeht. Dieser vierte Zustand wird mit Nirvāṇa verbunden und erinnert an andere indische Lehren vom Turīya, ohne dass die Jñānakārikā ihn hier ausdrücklich so benennt.
Innere Deutung des Yoga
Im dritten Paṭala werden viele scheinbar äußere Begriffe nach innen gewendet. Das Liṅga ist nicht aus Stein, Gold oder Silber, sondern wird im eigenen Körper erkannt. Der Körper selbst wird zum Śmaśāna. Die Höhle ist der Körper als Geheimnisraum. Der Baum ist der Körper mit seinen Gliedern als Zweigen. Das Ufer des großen Ozeans bezeichnet eine innere Grenze von Atem und Bewusstsein.
Damit steht die Jñānakārikā der Denkweise des Akulavira Tantra nahe: Das Wesentliche ist nicht bloß eine äußere Form, sondern die unmittelbare Erkenntnis dessen, was im eigenen Bewusstsein und Körper bereits gegenwärtig ist.

Hinweis zur Überlieferung
Die Sanskritvorlage ist an mehreren Stellen sichtbar beschädigt. Punkte, Klammern und Fragezeichen markieren Lücken oder unsichere Lesungen. Besonders auffällig ist der dritte Paṭala: Nach 3/20 springt die Quelle unmittelbar zu 3/72; später wird 3/81 zweimal verwendet und Vers 3/82 fehlt. Diese Unregelmäßigkeiten werden nicht künstlich korrigiert.
Vollständiger deutscher Text
Hinweis zur Übersetzung
Die folgende Fassung übersetzt den gesamten in der bereitgestellten Quelle tatsächlich vorhandenen Grundtext. Beschädigte Wörter, Auslassungspunkte und unsichere Lesarten werden nicht stillschweigend ergänzt. Wo der Sanskritwortlaut nur teilweise sicher ist, wird dies in der Übersetzung ausdrücklich kenntlich gemacht.
Die folgende Übersetzung umfasst den gesamten tatsächlich vorhandenen Grundtext. Wo die Sanskritvorlage beschädigt ist, wird nur der sicher erkennbare Sinn wiedergegeben.
Einleitende Mantras
Om. Verehrung sei Shiva. Verehrung sei den vollendeten Wesen. Verehrung sei den Füßen Śaṅkaras. Verehrung sei den ungehinderten Tattvas.
1. Paṭala – Moksha und das stützenlose Bewusstsein
Vers 1/1
Nun will ich die gesamte Lehre der Erkenntnis darlegen, die als Jñānakārikā bezeichnet wird. Der Wortlaut ist an dieser Stelle teilweise beschädigt.
Vers 1/2
Ich werde jetzt die Erkenntnis der Kārikās erklären – die angemessene Grundlage für Yogis.
Vers 1/3
Der Weg der Befreiung liegt jenseits der Bindung an die Sinnesorgane und jenseits der vielfachen Begrenzungen; der überlieferte Vers ist teilweise lückenhaft.
Vers 1/4
Diese Erkenntnis wird als zur Befreiung führend beschrieben und als frei von Krankheit beziehungsweise Begrenzung; Teile des Verses sind beschädigt.
Vers 1/5
Sie wird mit dem Dvādaśānta in Beziehung gesetzt und zugleich als friedvoll, jenseits der hundert Kalās sowie frei von Buchstaben und Lautformen beschrieben.
Vers 1/6
Sie ist allwissend, stets friedvoll und frei von allen Zuflüssen beziehungsweise Bindungen. Brahmā, Viṣṇu, Rudra, Īśvara und Śiva werden in ihr umfasst.
Vers 1/7
Die höchste Wirklichkeit steht jenseits bloßer Form und Verkörperung; sie ist jenseits von Mantra und Tantra.
Vers 1/8
Sie ist frei von der Trennung in Selbst und Anderes und jenseits aller Standpunkte; der zweite Teil des Verses ist in der Quelle verloren.
Vers 1/9
Sie ist frei von allen Gegensatzpaaren, gewiss und ungestört. Unruhe entsteht dort, wo das Bewusstsein an Sinnesobjekten haftet.
Vers 1/10
Dann wandert man, von der Unreinheit der Māyā getäuscht, im Saṃsāra. So wird das Geflecht der Gegensätze als Kennzeichen des Saṃsāra beschrieben.
Vers 1/11
Nun wird die schwer zu erlangende Befreiung erklärt – jene Erkenntnis, durch deren bloßes Erkennen Yogis frei werden.
Vers 1/12
Befreiung ist frei vom gesamten Saṃsāra: gewiss, unbeweglich, im Gleichgewicht, ohne Gegensatz und ohne Verwirrung.
Vers 1/13
Moksha entsteht, wenn die Erfahrung der Gegensätze überwunden ist. Die höchste Erkenntnis der Kārikā ist ohne gedankliche Fixierung und jenseits des gewöhnlichen Citta.
Vers 1/14
Damit ist die Unterscheidung hinsichtlich Moksha erklärt: frei von allen Stützen, während auch das Bewusstsein ohne äußeren Halt ruht.
Vers 1/15
Was sich auf das Citta stützt, gehört zum Bereich des Dharma; das Stützenlose gilt als befreiend. Gott, Göttin und das Andere werden hier jenseits von Dharma und Adharma betrachtet.
Vers 1/16
Das Sich-Stützen auf Dharma und Adharma wird als Bindung des Saṃsāra bezeichnet. Stütze ist Bindung; Befreiung ist stützenlos.
Vers 1/17
Das Stützenlose ist das eigentliche Tattva, unfassbar und durch Freiheit gekennzeichnet. Wenn das Bewusstsein in Objekten verhaftet ist, bleibt es von Gegensätzen gebunden.
Vers 1/18
Dann wandert es im Saṃsāra. Solange der Geist nicht von seinen Zuständen frei ist, bleibt er beweglich. Wie er wahrhaft unbeweglich wird, soll in der Jñānakārikā erkannt werden.
2. Paṭala – Dharma, Adharma und der vierte Zustand
Vers 2/1
Nun werde ich jene Erkenntnis darlegen, die in den drei Welten selten ist: den wahren Sinn der Kārikā, hervorgegangen aus der Linie der Siddhanāthas.
Vers 2/2
Sie ist frei von Mond und Sonne und von begrenzenden Toren und Sinneszugängen; Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum erscheinen als Elemente des yogischen Körpers.
Vers 2/3
Der Körper wird aus den fünf Elementen erklärt; doch das Friedvolle durchdringt sie alle, ohne selbst durch eine begrenzte Ausdehnung bestimmt zu sein.
Vers 2/4
Wie Butter in der Milch verborgen ist, so ist diese allgegenwärtige Wirklichkeit in allem gegenwärtig. Dieses Erkenntnisjuwel ist äußerst schwer zu erlangen.
Vers 2/5
Frei von der Trennung in Selbst und Anderes ist das Bewusstsein ohne Stütze. Wo es sich auf etwas stützt, entstehen Gegensätze; Stützenlosigkeit wird als Heilmittel bezeichnet.
Vers 2/6
Der Geist wird dreifach beschrieben: rajasisch, tamasisch und als dritte Form sattvisch.
Vers 2/7
Der tamasische Geist ist unstet und kleinlich, der rajasische von Bewegung und Leidenschaft geprägt; der sattvische ist mit Dharma verbunden und beständiger.
Vers 2/8
Nun wird ein vierter Zustand des Geistes gelehrt: frei von den drei Guṇas und stets durch Nirvāṇa gekennzeichnet.
Vers 2/9
Dieser höchste vierte Zustand ist reines Bewusstsein, jenseits von Sinnesbindung und vergänglichkeitsbedingter Begrenzung.
Vers 2/10
Das Tattva ist nicht durch Übung hervorgebracht und frei von allen Gedanken. Es ist auch nicht bloß ein Zustand des Nicht-Denkens oder ein weltliches Zeichen.
Vers 2/11
Es ist jenseits von Sein und Nichtsein, jenseits von Citta und Nicht-Citta. Diese Erkenntnis ist unaussprechlich und kann nicht durch gewöhnliches Denken festgelegt werden.
Vers 2/12
Solange das Citta gewöhnlich funktioniert, ist es höchst beweglich. Beweglichkeit ist der Zustand des Werdens; Unbeweglichkeit ist Kennzeichen der Befreiung.
Vers 2/13
Solange das Citta mit Citta verknüpft bleibt, gilt es als beweglich. Wenn es über Citta hinausgeht, wird es gewiss und unbeweglich.
Vers 2/14
Frei von allen Gedanken wird es im Nicht-Festhalten unbeweglich. Es geht hier weder um bloße Yoga-Fixierung noch um ein äußeres Kennzeichen der Praxis.
Vers 2/15
Dort gibt es keine erzwungene Hemmung und keine bloße körperliche Leere; weder Außen noch Innen noch einen festgelegten Anfang, eine Mitte oder ein Ende.
Vers 2/16
Es ist weder Feuer noch Luft noch Raum, weder Erde noch Wasser; weder Buddhi noch Ahaṃkāra, weder Manas noch Sinnesorgan.
Vers 2/17
Das Tattva ist weder Citta noch Nicht-Citta; es besteht jenseits des Denkens. Auch das Nicht-Denken darf nicht zu einem neuen Objekt der Vorstellung werden.
Vers 2/18
Der wahrhaft Unbekümmerte, Allwissende und Herr des Samādhi soll als Offenbarung des verborgenen Wesens der Befreiung erkannt werden.
Vers 2/19
Frei vom Ozean des Saṃsāra und jenseits aller Vorstellung ist die Erkenntnis stets nirvikalpa – so lehrt die Jñānakārikā.
Vers 2/20
Bewusstes und Unbewusstes, Vorstellung und Bhāvanā, Dhāraṇā, rituelle Platzierung sowie Mond-, Sonnen- und Feuermandalas – all dies gehört noch zum Bereich der Vorstellung.
Vers 2/21
Ebenso Luft, Raum, Schöpfung sowie Brahmā, Rudra und andere Gottheiten: Sie alle werden als Vorstellungen bezeichnet; Nirvikalpa liegt darüber hinaus.
Vers 2/22
Wer an vorgestellter Erkenntnis haftet, dreht sich wie ein Wasserrad. Wie könnte so die vollkommene Wirklichkeit erkannt werden, die nicht von konstruierten Stufen abhängt?
Vers 2/23
Vom Citta-Wissen gefärbt fallen Menschen rasch in den Saṃsāra zurück. Wer im höchsten Zustand gegründet ist, geht nicht in dieser Weise im Saṃsāra umher.
Vers 2/24
Für ihn gibt es weder den Weg zur Hölle noch den zum Himmel. Beide werden als Fesseln verstanden, insofern sie an Dharma und Adharma binden.
Vers 2/25
Mit dem Schwert der Erkenntnis werden die beiden Fesseln durchschnitten. Wenn das blinde Band des Citta fällt – wohin sollten die Yogis dann noch gehen?
Vers 2/26
Dharma und Adharma sind zwei Fesseln, durch die Wesen aufsteigen und fallen; an sie gebunden genießen beziehungsweise erleiden sie die angesammelten Früchte des Karma.
Vers 2/27
Durch Dharma genießt man den Himmel, durch Adharma gelangt man in leidvolle Bereiche. Beide zusammen bilden eine Bindung innerhalb der drei Welten.
Vers 2/28
Wenn Dharma und Adharma überschritten werden, werden Menschen rasch frei. Beide werden als die zwei Seiten derselben Bindungsstruktur beschrieben.
Vers 2/29
Inneres und äußeres Bewusstsein können auf Dharma und Adharma gegründet sein; die innere spirituelle Wirklichkeit der Yogis liegt tiefer.
Vers 2/30
Äußeres Handeln ist grob, das Innere ist subtil. Auch auf der inneren Ebene kann jedoch die Unterscheidung von Dharma und Adharma fortbestehen.
Vers 2/31
Aufwärtsgerichtete Bewegung wird als Dharma bezeichnet; die Lesung der zweiten Vershälfte ist unsicher. Wenn beide Gegensätze erschöpft sind, wird Befreiung möglich.
Vers 2/32
Wer die Zweiheit von Dharma und Adharma erkennt, gelangt erneut zur Erkenntnis. Damit endet die Betrachtung über Dharma und Adharma.
3. Paṭala – Die innere Caryā des Yogi
Vers 3/1
Nun werde ich die Lebensweise der Yogis erklären. Der überlieferte Wortlaut ist beschädigt; er stellt gewöhnliches Wissen und unmittelbares Bewusstsein einander gegenüber.
Vers 3/2
Wo Bewusstsein und das, was als Nicht-Bewusstsein erscheint, zusammen erkannt werden, wird wahre Erkenntnis beschrieben. Auch Bhukti kann, richtig verstanden, auf Befreiung bezogen werden.
Vers 3/3
Das eine Bewusstsein, das Bewusstes und Nicht-Bewusstes umfasst, ist der ewige Zustand; es liegt jenseits bloßer gesellschaftlicher oder begrifflicher Bezeichnungen.
Vers 3/4
Der Weg der Yogis ist frei von festgelegten Wegen. Als Orte werden ein einziges Liṅga, der Verbrennungsplatz und Zusammenflüsse von Flüssen genannt.
Vers 3/5
Ebenso ein leeres Haus, eine Höhle, die Wurzel eines Baumes, ein Kreuzweg, das Ufer des großen Ozeans oder ein dreifacher Weg.
Vers 3/6
Der Yogi wird als nackt, mit gelöstem Haar, vom Glück des göttlichen Rausches erfüllt, mit Mālā geschmückt und allein umherwandernd beschrieben.
Vers 3/7
Nun wird das kaulische Liṅga erklärt. Es umfasst die Auflösung und Verehrung und wird auf das gesamte Bewegliche und Unbewegliche bezogen.
Vers 3/8
Weil in ihm alles zur Auflösung gelangt, wird es als Liṅga verstanden. Das kaulische Liṅga besteht nicht notwendig aus Stein, Gold oder Silber.
Vers 3/9
Das Liṅga wird als im eigenen Körper entstanden und als einzig, nicht als zweites beschrieben. Danach wird die innere Bedeutung des Śmaśāna erklärt.
Vers 3/10
Der lebendige Körper, durch Ein- und Ausatmen belebt, wird selbst als Śmaśāna, als Verbrennungsstätte, bezeichnet.
Vers 3/11
Der Prāṇa bewegt sich fortwährend nach unten und oben. Der aufsteigende Strom wird symbolisch mit der Gaṅgā verbunden; die zweite Hälfte ist textlich unsicher.
Vers 3/12
Die Verbindung der beiden Ströme wird beschrieben; wenn das körperlose Tattva im eigenen Körper erkannt wird, eröffnet sich seine innere Bedeutung. Der Vers ist teilweise beschädigt.
Vers 3/13
Wer das Leere und Makellose erkennt, wird befreit – daran besteht nach dem Text kein Zweifel. Nun wird die Bedeutung des „Geheimen“ erklärt.
Vers 3/14
Der Körper selbst wird als das Geheimnis bezeichnet, erfüllt von der Masse der Erkenntnis. Wer darin wohnt, dessen wahre Caryā lässt sich nicht äußerlich definieren.
Vers 3/15
Nun wird die göttliche Bedeutung der Baumwurzel erklärt: Der Baum ist der eigene Körper, dessen Hände und Füße wie Zweige sind.
Vers 3/16
Seine Wurzel liegt oben; der genaue Wortlaut ist beschädigt. Wer diese innere Baumwurzel erkennt, ist nicht mehr auf einen äußeren Baum angewiesen.
Vers 3/17
Nun werden vier Kräfte genannt: Jayā, Vijayā, Ajitā und Aparājitā.
Vers 3/18
Diese vierfache Ordnung ist mit vier Śaktis verbunden und aus der Mātṛkā hervorgegangen. Danach folgt die innere Bedeutung des Ufers des großen Ozeans.
Vers 3/19
Bindu und Parāśakti werden mit diesem Uferbild verbunden; das Bindu-Maṇḍala erscheint als beständiger Grenz- und Übergangsort.
Vers 3/20
Der Yogi steht an diesem inneren Ufer. Wenn der Strom den Mond verlässt, bewegt er sich zur Grundlage des Sonnenmaṇḍala.
Vers 3/72
Wenn er die Sonne verlässt, geht er in den Raum des Mondmaṇḍala ein. Wie die Gezeiten am großen Ozean besteht dort ein fortwährender innerer Rhythmus. Die Quelle springt hier von Vers 20 direkt zu Vers 72.
Vers 3/73
Diese „Gezeit“ wird als innerlich gegründet beschrieben. Der Atem ist nicht einfach starr; ein nach außen gerichteter Geist wird durch ihn bewegt.
Vers 3/74
Für die Yogis fließt dieser Strom fortwährend. Er ist Gehen und erneutes Kommen – ein beständiger Kreislauf von Bewegung.
Vers 3/75
Gehen und Kommen sind in dieser inneren Gezeit verbunden. Der genaue Wortlaut der zweiten Hälfte ist unsicher.
Vers 3/76
Die Welt soll wie der weite Himmel erkannt werden, wodurch der Geist zur Unbeweglichkeit gelangt. So wird das Verweilen am Ufer des großen Ozeans innerlich gedeutet.
Vers 3/77
Der große Ozean steht für unbewegliche Vollkommenheit. Damit wird die wahre Caryā der Yogis als besondere Tattva-Erkenntnis erklärt.
Vers 3/78
Nun wird der dreifache Weg erläutert: Sattva, Rajas und Tamas werden in ihrer letztlichen Einheit betrachtet.
Vers 3/79
Die Jñānakārikā führt über diesen dreifachen Weg hinaus. Danach wird die innere Bedeutung des Nacktseins erklärt.
Vers 3/80
Nacktheit wird mit dem Ablegen von Avidyā und Verhüllung verbunden; der Wortlaut ist beschädigt. Danach folgt die Bedeutung des gelösten Haares.
Vers 3/81
Das Haar wird als Pāśa, als Fessel, gedeutet, die den Weg zur Befreiung bindet. Auch Dharma kann in besonderer Weise zur Fessel werden.
Vers 3/81 (zweite Zählung)
Wenn der Yogi von den sechs Fesseln frei ist, wird er „mit gelöstem Haar“ genannt. Nun folgt die Erklärung des Ānanda. Die Quelle zählt auch diesen Vers als 3/81.
Vers 3/83
Der Yogi, der ans andere Ufer des Yoga gelangt ist, trinkt den göttlichen Nektar des Yoga. Dies wird als innere Erfahrung der Yogis beschrieben.
Vers 3/84
Mit diesen Merkmalen verbunden heißt der große Yogi „vom göttlichen Wein berauscht“. Gemeint ist ein innerer Ānanda; der folgende Ausdruck ist textlich unsicher.
Vers 3/85
Die Mālā wird mit den Buchstaben und dem Faden der Śakti verbunden. Der Yogi, der die tiefere Bedeutung dieser Mālā erkennt, vollzieht wahre Yoga-Caryā.
Vers 3/86
Der wahrhaft Alleinige wandert ohne äußere Stütze und bleibt innerlich unerschütterlich; deshalb wird er „der Alleinige“ genannt.
Vers 3/87
Damit ist die Bedeutung des Alleinseins und dieser Caryā erklärt. Die Schlussworte des Verses sind beschädigt.
Vollständiger Sanskrittext in Umschrift
Einleitende Mantras
oṃ namaḥ śivāya | siddhebhyo puruṣebhyo namaḥ |
śrīśaṅkarapādebhyo namaḥ | apratihatatattvebhyo namaḥ |
1. Paṭala
Vers 1/1
athātaḥ saṃpravakṣyāmi jñānasarvaṃ (su)bhāṣitam |
kārikā śrī(jñānā)khyātaṃ visarja jñānakārikā(m) || 1/1 ||
Vers 1/2
kārikānāma vijñānaṃ śrūyante ca.....vala |
sāmprataṃ kathayiṣyāmi yogināṃ yuktakāraṇam || 1/2 ||
Vers 1/3
muktimārgī ca (sarva)to sarvendriyavivarjitāḥ |
pañcapañcavinirmukto............varjitam || 1/3 ||
Vers 1/4
ete surāstaṃ jñānaṃ mukti........vān yathāsthitaḥ |
sarvavyā(dhi)vinirmuktaṃ yacca indriyagocara(m) || 1/4 ||
Vers 1/5
dvādaśāntaṃ tathā..............śāntaṃ tathaiva ca |
dvādaśāntaṃ kalāśataṃ varṇākṣaravivarjitam || 1/5 ||
Vers 1/6
sarvajñañca sadā śāntaṃ (sarvā)śravavivarjitam |
brahmā viṣṇustathā rudra īśvaraḥ śiva eva ca || 1/6 ||
Vers 1/7
mūrtirūpaṃ sthitaṃ heturanuttaraṃ yathāsthitaḥ |
rūpakāyaḥ sadātītaṃ mantratantrāvivarjitam || 1/7 ||
Vers 1/8
ātmāparavinirmuktaṃ pakṣātītaṃ śrayam |
............................................................ lakṣaṇā || 1/8 ||
Vers 1/9
sarvadvandvavinirmuktaṃ niścitantu nirākulam |
sākulatvaṃ yadā cittaṃ viṣayāsaktacetasām || 1/9 ||
Vers 1/10
tadā bhramanti saṃsāraṃ māyāmalavimohitāḥ |
etaddvandvasamākhyātaṃ saṃsārasya tu nirṇayam || 1/10 ||
Vers 1/11
sāmprataṃ kathayiṣyāmi muktistadastu durlabham |
yena vijñānamātreṇa muktirbhavati yoginām || 1/11 ||
Vers 1/12
sarvasaṃsārarahita-muktiścaiva nirākulam |
niścitaṃ niścalaṃ sāmyaṃ nirdvandvaṃ ca nirākulam || 1/12 ||
Vers 1/13
bhaven mokṣo narāṇāñca dvandvabhāvavivarjitam |
niścittaṃ cittarahitaṃ kārikājñānamuttamam || 1/13 ||
Vers 1/14
etadbhedaṃ mayākhyātaṃ mokṣasyaiva tu nirṇayam |
sarvāśrayavinirmuktaṃ cittāścai(va) nirāśrayam || 1/14 ||
Vers 1/15
cittāśrayaṃ bhaveddharmaṃ nirāśrayaṃ mokṣadaṃ smṛtam |
devo devī tathānyañca dharmādharmavivarjitam || 1/15 ||
Vers 1/16
dharmādharmāśrayaṃ proktaṃ saṃsārasya tu bandhanam |
āśrayaṃ bandhamityuktaṃ muktiścaiva nirāśrayam || 1/16 ||
Vers 1/17
nirāśrayaṃ bhavettattvamacintyamuktilakṣaṇam |
viṣayāvasthaṃ yadā cittaṃ dvandvamuktivivarjita(m) || 1/17 ||
Vers 1/18
tadā bhramati saṃsāraṃ yattaṃ niścayatālayaḥ |
mano'vasthāvinirmuktaṃ yāvattaṃ cañcalībhavet |
kathantaṃ niścalaṃ devi jñātavyaṃ jñānakārike || 1/18 ||
2. Paṭala
Vers 2/1
ataḥ paraṃ pravakṣyāmi jñānaṃ trailokyadurlabham |
kārikātattvasadbhāvaṃ siddhanāthakulodbhavam || 2/1 ||
Vers 2/2
candrasūryavinirmuktaṃ dvāraṇākṣavivarjitam (1) |
pṛthivyāpastaṃ tathā yogī vāyurākāśameva ca || 2/2 ||
Vers 2/3
pañcabhirāheto deho śrūyate tattvanāyake |
sarveṣāṃ vyāpakaḥ śānta vyāptī tasya na vidyate || 2/3 ||
Vers 2/4
vyāpakatve sthitaḥ sākṣādyathā kṣīreṣu sarpiṣaḥ |
kathitaṃ tattvabhirvastu jñānaratnaṃ sudurlabham || 2/4 ||
Vers 2/5
ātmāparavinirmuktaṃ cittaṃ caiva nirāśrayam |
cittāśrayaṃ bhaveddvandvaṃ nirāśrayañcamauṣadam(?) || 2/5
||
Vers 2/6
manasastu vidhaṃ proktaṃ rājasantāmasantathā |
sāttvikantu tṛtīyañca tribhirdharmeṇa lakṣaṇam || 2/6 ||
Vers 2/7
tāmasaṃ cañcalaṃ kṣudraṃ rājasaṅgatirāgatiḥ |
sāttvikaṃ tṛtīyaṃ jñeyaṃ dharmayuktaṃ sadā sthitam || 2/7 ||
Vers 2/8
caturthantu manaścaiva kathayāmi viśeṣataḥ |
guṇatrayavinirmuktaṃ sadā nirvāṇalakṣaṇam || 2/8 ||
Vers 2/9
uttamottamacaturthantu yena saṃśuddhacetasā |
sarvāgnivinayātītamindriyātītamavyayam || 2/9 ||
Vers 2/10
anābhyāsaṃ sadā tattvaṃ sarvacintāvivarjitam |
cittābhāvavinirmuktaṃ nimittaṃ tattvalaukikam || 2/10 ||
Vers 2/11
abhāvaṃ bhāvanātītaṃ cittācittavivarjitam |
cittādyacintitaṃ jñānamavācyajñānanirṇayam || 2/11 ||
Vers 2/12
yathaiva sadātyuktāḥ tāvaccittaṃ sucañcalam |
cañcalaṃ bhāvamityuktamacalaṃ muktilakṣaṇam || 2/12 ||
Vers 2/13
cittāyuktaṃ yadā cittaṃ tadāsau cañcalaṃ smṛtam |
cittātītaṃ yadā cittaṃ niścitamacalaṃ bhavet || 2/13 ||
Vers 2/14
sarvacintāvinirmuktamabhāve niścalaṃ bhavet |
na yogādhyātacittastu na ca lakṣaṇasādhakam || 2/14 ||
Vers 2/15
na nirodho bhavet tatra na kāyaśūnyameva ca |
na bahirantamantasthaṃ na cānta ādimadhyagaḥ || 2/15 ||
Vers 2/16
na tejo vāyurākāśaṃ pṛthivyā āpabhāvanā |
na buddhirna cāhaṃkāro na mana indriyo na ca || 2/16 ||
Vers 2/17
na cittācittakastattvaṃ cintātītaṃ sthitaṃ sadā |
na cintā yastu vijñeyā jñātavya kālaśāsanaḥ || 2/17 ||
Vers 2/18
yo so niścintasarvajñaḥ samādhiparameśvaraḥ |
jñātavyaṃ mokṣasadbhāvaṃ guptabhedaprakāśitam || 2/18 ||
Vers 2/19
saṃsārārṇavanirmuktaṃ kalpanātītagocaram |
nirvikalpaṃ sadā jñānaṃ kathitaṃ jñānakārikam || 2/19 ||
Vers 2/20
cetanācetanā caiva kalpanā bhāvanāstathā |
dhāraṇādharavinyāsacandrasūryāgnimaṇḍale || 2/20 ||
Vers 2/21
vāyurākāśastathā sṛtyāḥ brahmā rudrādidevatāḥ |
sarve te kalpanā proktaṃ nirvikalpastathānyathā || 2/21 ||
Vers 2/22
kalpanājñānayuktāstu bhramanti ghaṭayantravat |
paripūrṇaṃ kathaṃ teṣāṃ siddhakramavivarjitam || 2/22 ||
Vers 2/23
patanti kṣipraṃ saṃsāre cittajñānena rañjitaḥ |
na yānti ceha saṃsāre ye sthitā uttamaṃ padam || 2/23 ||
Vers 2/24
narake gamanantasya na svarge gamanantathā |
pāśadvayavinirūpastu dharmādharmanibandhane || 2/24 ||
Vers 2/25
jñānakhaḍgena chitvā pāśadvayanibandhanam |
andhapāśaṃ yadā cittaṃ kuto gacchanti yoginaḥ || 2/25 ||
Vers 2/26
dharmādharmadvayaḥ pāśo patantyutpatanti ca |
tena pāśena baddhastu bhuñjate karmasañcayam || 2/26 ||
Vers 2/27
dharmeṇa bhuñjate svargamadharmaṃ narakādiṣu |
dharmādharmau tu dvau yo'sau trailokyasya nibandhanam || 2/27 ||
Vers 2/28
dharmādharmaṃ yadā tyaktaṃ kṣipraṃ muñcanti mānavāḥ |
dharmā caiva adharmā dvau dvividhaṃ parikīrtitam || 2/28 ||
Vers 2/29
sabā(hya)bhyantaracetaḥ dharmādharmapratiṣṭhitam |
adhyātmajātasadbhāvaṃ yogināmevasaṃsthitaḥ || 2/29 ||
Vers 2/30
laukikāsthalakarmañcādhyātmakasyedaṃ sūkṣmam |
ādhyātmike caiva dharmādharmasthitiḥ sadā || 2/30 ||
Vers 2/31
ūrddhvacāro bhaveddharmo'dvayasyo'dharmalakṣaṇam |
dharmādharmakṣaye kṣīṇe mucyate sarvairdhanaiḥ (?) || 2/31 ||
Vers 2/32
dharmādharmadvayaṃ jñātvā punarjñānamavāpnuyāt |
dharmādharmavicāro'yaṃ kathitaṃ jñānakārikaiḥ || 2/32 ||
3. Paṭala
Vers 3/1
atha caryān (pra)vakṣyāmi yogināmupajāyate |
sa cetājñāna na sarvaḥ caitanyaṃ jñānavarjitam || 3/1 ||
Vers 3/2
cetācetasamāyuktaṃ jñānatvaṃ samprakīrtitam |
bhuktitattvaṃ yadā cetaṃ sa cettammuktilakṣaṇam || 3/2 ||
Vers 3/3
cetācetasamāyuktaṃ caitanyaṃ śāśvataṃ padam |
yogināṃ yogacintitamāryasaṃjñānavarjitam || 3/3 ||
Vers 3/4
yo mārgavinirmuktaṃ yogināṃ muktilakṣaṇam |
ekaliṅge śmaśāne vā nadīnāṃ saṅgameṣu ca || 3/4 ||
Vers 3/5
śūnyāgāre guhāvāse vṛkṣamūle tu catvare |
mahodadhitaṭe caiva tripathe vāpi sādhakaḥ || 3/5 ||
Vers 3/6
nagnāste muktakeśāstu madirānandacetasaḥ |
mālānirmālitā yogī ekākī bhramate sadā || 3/6 ||
Vers 3/7
liṅgantu kathayiṣyāmi yalliṅgaṃ kaulikaṃ smṛtam |
layapūjāṣṭakaṃ yattaṃ liṅgantu sa carācaram || 3/7 ||
Vers 3/8
laya vai yāni sarveṣāṃ tena liṅgaṃ mudā kṛtam |
etat kaulikaṃ yalliṅgaṃ na śailahemaraupyajam || 3/8 ||
Vers 3/9
kathitaṃ dehajaṃ liṅgaṃ ekantu na dvitīyakam |
ekaliṅgaṃ samākhyātaṃ śmaśānaṃ kathayāmi te || 3/9 ||
Vers 3/10
śobhate ca yadā dehaḥ sarveṣāṃ ekadehinām |
nisvāsasvāsasaṃyuktaṃ śmaśānaṃ parikīrtitam || 3/10 ||
Vers 3/11
adhorddhaṃ prāṇasañcāraḥ bahate caiva nityaśaḥ |
ūrddhvacāre bhaved gaṅgā yasnā(?) cādho vyavasthitaḥ || 3/11
||
Vers 3/12
dvābhyāṃ melāpakaṃ yatna sa na metat (?) prakīrtitā |
aśarīraṃ yadā tattvaṃ svadehe sā sthitā yadi || 3/12 ||
Vers 3/13
śūnyaṃ niranñjanaṃ jñātvā mucyate nātra saṃśayaḥ |
guhyaṃ tu kathayiṣyāmi guhye sacarācaram || 3/13 ||
Vers 3/14
guhyaṃ śarīramityuktaṃ vāsitaṃ jñānarāśinā |
guhyāvāsaṃ sthito yogī caryā tasya na ucyate || 3/14 ||
Vers 3/15
vāsastu kathitaṃ divyaṃ vṛkṣamūlaṃ śṛṇu tathā |
vṛkṣaḥ śarīramityuktaṃ pādādikaraśākhayoḥ || 3/15 ||
Vers 3/16
ūrddhvamūlaṃ bhavedvaktraṃ mūlave (?) vṛkṣadhārakam |
vṛkṣamūlaṃ tato jñātvā bāhyavṛkṣasya varjitam || 3/16 ||
Vers 3/17
vṛkṣamūlaṃ samākhyātaṃ catvāraḥ śṛṇu sāmpratam |
jayā ca vijayā caiva ajitā cāparājitā || 3/17 ||
Vers 3/18
catuḥśaktisamopetaṃ catvāraṃ mātrakodbhavam |
catvāraṃ kathitaṃ divyaṃ mahodadhitaṭaḥ śṛṇu || 3/18 ||
Vers 3/19
bindustañca parāśaktiḥ taṭasthaḥ cārurūpiṇī |
binducārusthitā nityaṃ taṭasthaṃ bindumaṇḍalam || 3/19 ||
Vers 3/20
taṭasthañca sthitā yogī taṭaṃ caiva prakīrtitam |
candraṃ tyaktvā yadā yāti ādhāraṃ sūryamaṇḍalam || 3/20 ||
Vers 3/72
ṇumbering galata hai
sūryaṃ tyaktvā yadā yāti vyomā'stu candramaṇḍale |
gaganamāsthito (?) nityaṃ velā iva mahodadheḥ || 3/72 ||
Vers 3/73
etadvelā samākhyātam adhyātmaiva pratiṣṭhitam |
nāsthiraṃ bhavati śvāsaṃ bahisthaṃ manarañjitam || 3/73 ||
Vers 3/74
athiraṃ sarvayogināṃ pravāhaṃ vahate sadā |
pravāhaṃ gamanañcaiva gamanāgamanaṃ punaḥ || 3/74 ||
Vers 3/75
gamanāgamanasaṃyukto velā'smin yathā sthitam |
gamāgama yathā velā nāsti rañjita kaścit (?) || 3/75 ||
Vers 3/76
gaganopamaṃ sthitaṃ jagat bhāvanniścalatāṃ vrajet (?) |
mahodadhitaṭe sthitvā udadhi kathitaṃ tataḥ || 3/76 ||
Vers 3/77
niścalaṃ paripūrṇatvaṃ mahodadhi smṛtam....... |
yogināṃ caryasadbhāvaṃ kathitaṃ tattvaṃ viśeṣataḥ || 3/77 ||
Vers 3/78
mahodadhi samākhyātaṃ tripañcakaṃ kathayāmyaham |
sattvarajastamaścaiva ekatve tu yathā sthitam || 3/78 ||
Vers 3/79
tripathaṃ tu vinirmuktaṃ śāstrato jñānakārikā |
tripathaṃ tu samākhyātaṃ nagnantu kathayāmi te || 3/79 ||
Vers 3/80
avidyā...........patyatkāla(?) (na)gnakaṃ ca sādhakeśvaram |
nagnastu kathitān devān muktakeśantataḥ śṛṇu || 3/80 ||
Vers 3/81
keśastu pāśamityuktaṃ muktimārgaprabandhakam |
dharmastu naikena pāśaścaiva viśeṣataḥ || 3/81 ||
Vers 3/81 (zweite Zählung)
ṣaḍbhirmukto yadā yogī muktakeśaḥ sa ucyate |
muktakeśaḥ samākhyāta ānandaṃ śṛṇu sāmpratam || 3/81 ||
Vers 3/83
yogapāragato yogī mahāpāravivarjitaḥ |
pānayogāmṛtaṃ divyaṃ yogināṃ samprakīrtitam || 3/83 ||
Vers 3/84
ebhiryukto mahāyogī madirāmatta ucyate |
madirānandamākhyātaṃ nairmālyamālino (?) śṛṇu || 3/84 ||
Vers 3/85
varṇaṃ caivāsti mālāgraṃ saṃsthito śaktisūtrake |
mālā caiva samākhyātā yogināṃ cānyakāraṇam ||
nairmālyamālino yogī yogacaryāṃ karoti saḥ || 3/85 ||
Vers 3/86
ekākīmatithiryastu bhramite pravadet sadā |
asaṃhāyo bhramate dhīraḥ sa ekākīnamucyate || 3/86 ||
Vers 3/87
ekākī tu samākhyātā śāstraṃ milakārikā (?) |
etaccaryā samākhyātā viśa ca jñānadhāraka (?) || 3/87 ||
Kolophone
iti jñānakārikāyāṃ mokṣādhikāraḥ prathamaḥ paṭalaḥ |
iti jñānakārikāyāṃ dharmādharmavicāro nāma dvitīyaḥ paṭalaḥ ||
iti jñānakārimahāmachindranāthapādāvatāritenoktaṃ caryādhikārastu tṛtīyaḥ paṭalaḥ ||
Vollständiger Sanskrittext in Devanagari
Einleitende Mantras
ओं नमः शिवाय | सिद्धेभ्यो पुरुषेभ्यो नमः |
श्रीशङ्करपादेभ्यो नमः | अप्रतिहततत्त्वेभ्यो नमः |
1. Paṭala
Vers 1/1
अथातः संप्रवक्ष्यामि ज्ञानसर्वं (सु)भाषितम् |
कारिका श्री(ज्ञाना)ख्यातं विसर्ज ज्ञानकारिका(म्) || १/१ ||
Vers 1/2
कारिकानाम विज्ञानं श्रूयन्ते च.....वल |
साम्प्रतं कथयिष्यामि योगिनां युक्तकारणम् || १/२ ||
Vers 1/3
मुक्तिमार्गी च (सर्व)तो सर्वेन्द्रियविवर्जिताः |
पञ्चपञ्चविनिर्मुक्तो............वर्जितम् || १/३ ||
Vers 1/4
एते सुरास्तं ज्ञानं मुक्ति........वान् यथास्थितः |
सर्वव्या(धि)विनिर्मुक्तं यच्च इन्द्रियगोचर(म्) || १/४ ||
Vers 1/5
द्वादशान्तं तथा..............शान्तं तथैव च |
द्वादशान्तं कलाशतं वर्णाक्षरविवर्जितम् || १/५ ||
Vers 1/6
सर्वज्ञञ्च सदा शान्तं (सर्वा)श्रवविवर्जितम् |
ब्रह्मा विष्णुस्तथा रुद्र ईश्वरः शिव एव च || १/६ ||
Vers 1/7
मूर्तिरूपं स्थितं हेतुरनुत्तरं यथास्थितः |
रूपकायः सदातीतं मन्त्रतन्त्राविवर्जितम् || १/७ ||
Vers 1/8
आत्मापरविनिर्मुक्तं पक्षातीतं श्रयम् |
............................................................ लक्षणा || १/८ ||
Vers 1/9
सर्वद्वन्द्वविनिर्मुक्तं निश्चितन्तु निराकुलम् |
साकुलत्वं यदा चित्तं विषयासक्तचेतसाम् || १/९ ||
Vers 1/10
तदा भ्रमन्ति संसारं मायामलविमोहिताः |
एतद्द्वन्द्वसमाख्यातं संसारस्य तु निर्णयम् || १/१० ||
Vers 1/11
साम्प्रतं कथयिष्यामि मुक्तिस्तदस्तु दुर्लभम् |
येन विज्ञानमात्रेण मुक्तिर्भवति योगिनाम् || १/११ ||
Vers 1/12
सर्वसंसाररहित-मुक्तिश्चैव निराकुलम् |
निश्चितं निश्चलं साम्यं निर्द्वन्द्वं च निराकुलम् || १/१२ ||
Vers 1/13
भवेन् मोक्षो नराणाञ्च द्वन्द्वभावविवर्जितम् |
निश्चित्तं चित्तरहितं कारिकाज्ञानमुत्तमम् || १/१३ ||
Vers 1/14
एतद्भेदं मयाख्यातं मोक्षस्यैव तु निर्णयम् |
सर्वाश्रयविनिर्मुक्तं चित्ताश्चै(व) निराश्रयम् || १/१४ ||
Vers 1/15
चित्ताश्रयं भवेद्धर्मं निराश्रयं मोक्षदं स्मृतम् |
देवो देवी तथान्यञ्च धर्माधर्मविवर्जितम् || १/१५ ||
Vers 1/16
धर्माधर्माश्रयं प्रोक्तं संसारस्य तु बन्धनम् |
आश्रयं बन्धमित्युक्तं मुक्तिश्चैव निराश्रयम् || १/१६ ||
Vers 1/17
निराश्रयं भवेत्तत्त्वमचिन्त्यमुक्तिलक्षणम् |
विषयावस्थं यदा चित्तं द्वन्द्वमुक्तिविवर्जित(म्) || १/१७ ||
Vers 1/18
तदा भ्रमति संसारं यत्तं निश्चयतालयः |
मनोऽवस्थाविनिर्मुक्तं यावत्तं चञ्चलीभवेत् |
कथन्तं निश्चलं देवि ज्ञातव्यं ज्ञानकारिके || १/१८ ||
2. Paṭala
Vers 2/1
अतः परं प्रवक्ष्यामि ज्ञानं त्रैलोक्यदुर्लभम् |
कारिकातत्त्वसद्भावं सिद्धनाथकुलोद्भवम् || २/१ ||
Vers 2/2
चन्द्रसूर्यविनिर्मुक्तं द्वारणाक्षविवर्जितम् (१) |
पृथिव्यापस्तं तथा योगी वायुराकाशमेव च || २/२ ||
Vers 2/3
पञ्चभिराहेतो देहो श्रूयते तत्त्वनायके |
सर्वेषां व्यापकः शान्त व्याप्ती तस्य न विद्यते || २/३ ||
Vers 2/4
व्यापकत्वे स्थितः साक्षाद्यथा क्षीरेषु सर्पिषः |
कथितं तत्त्वभिर्वस्तु ज्ञानरत्नं सुदुर्लभम् || २/४ ||
Vers 2/5
आत्मापरविनिर्मुक्तं चित्तं चैव निराश्रयम् |
चित्ताश्रयं भवेद्द्वन्द्वं निराश्रयञ्चमौषदम्(?) || २/५
||
Vers 2/6
मनसस्तु विधं प्रोक्तं राजसन्तामसन्तथा |
सात्त्विकन्तु तृतीयञ्च त्रिभिर्धर्मेण लक्षणम् || २/६ ||
Vers 2/7
तामसं चञ्चलं क्षुद्रं राजसङ्गतिरागतिः |
सात्त्विकं तृतीयं ज्ञेयं धर्मयुक्तं सदा स्थितम् || २/७ ||
Vers 2/8
चतुर्थन्तु मनश्चैव कथयामि विशेषतः |
गुणत्रयविनिर्मुक्तं सदा निर्वाणलक्षणम् || २/८ ||
Vers 2/9
उत्तमोत्तमचतुर्थन्तु येन संशुद्धचेतसा |
सर्वाग्निविनयातीतमिन्द्रियातीतमव्ययम् || २/९ ||
Vers 2/10
अनाभ्यासं सदा तत्त्वं सर्वचिन्ताविवर्जितम् |
चित्ताभावविनिर्मुक्तं निमित्तं तत्त्वलौकिकम् || २/१० ||
Vers 2/11
अभावं भावनातीतं चित्ताचित्तविवर्जितम् |
चित्ताद्यचिन्तितं ज्ञानमवाच्यज्ञाननिर्णयम् || २/११ ||
Vers 2/12
यथैव सदात्युक्ताः तावच्चित्तं सुचञ्चलम् |
चञ्चलं भावमित्युक्तमचलं मुक्तिलक्षणम् || २/१२ ||
Vers 2/13
चित्तायुक्तं यदा चित्तं तदासौ चञ्चलं स्मृतम् |
चित्तातीतं यदा चित्तं निश्चितमचलं भवेत् || २/१३ ||
Vers 2/14
सर्वचिन्ताविनिर्मुक्तमभावे निश्चलं भवेत् |
न योगाध्यातचित्तस्तु न च लक्षणसाधकम् || २/१४ ||
Vers 2/15
न निरोधो भवेत् तत्र न कायशून्यमेव च |
न बहिरन्तमन्तस्थं न चान्त आदिमध्यगः || २/१५ ||
Vers 2/16
न तेजो वायुराकाशं पृथिव्या आपभावना |
न बुद्धिर्न चाहंकारो न मन इन्द्रियो न च || २/१६ ||
Vers 2/17
न चित्ताचित्तकस्तत्त्वं चिन्तातीतं स्थितं सदा |
न चिन्ता यस्तु विज्ञेया ज्ञातव्य कालशासनः || २/१७ ||
Vers 2/18
यो सो निश्चिन्तसर्वज्ञः समाधिपरमेश्वरः |
ज्ञातव्यं मोक्षसद्भावं गुप्तभेदप्रकाशितम् || २/१८ ||
Vers 2/19
संसारार्णवनिर्मुक्तं कल्पनातीतगोचरम् |
निर्विकल्पं सदा ज्ञानं कथितं ज्ञानकारिकम् || २/१९ ||
Vers 2/20
चेतनाचेतना चैव कल्पना भावनास्तथा |
धारणाधरविन्यासचन्द्रसूर्याग्निमण्डले || २/२० ||
Vers 2/21
वायुराकाशस्तथा सृत्याः ब्रह्मा रुद्रादिदेवताः |
सर्वे ते कल्पना प्रोक्तं निर्विकल्पस्तथान्यथा || २/२१ ||
Vers 2/22
कल्पनाज्ञानयुक्तास्तु भ्रमन्ति घटयन्त्रवत् |
परिपूर्णं कथं तेषां सिद्धक्रमविवर्जितम् || २/२२ ||
Vers 2/23
पतन्ति क्षिप्रं संसारे चित्तज्ञानेन रञ्जितः |
न यान्ति चेह संसारे ये स्थिता उत्तमं पदम् || २/२३ ||
Vers 2/24
नरके गमनन्तस्य न स्वर्गे गमनन्तथा |
पाशद्वयविनिरूपस्तु धर्माधर्मनिबन्धने || २/२४ ||
Vers 2/25
ज्ञानखड्गेन छित्वा पाशद्वयनिबन्धनम् |
अन्धपाशं यदा चित्तं कुतो गच्छन्ति योगिनः || २/२५ ||
Vers 2/26
धर्माधर्मद्वयः पाशो पतन्त्युत्पतन्ति च |
तेन पाशेन बद्धस्तु भुञ्जते कर्मसञ्चयम् || २/२६ ||
Vers 2/27
धर्मेण भुञ्जते स्वर्गमधर्मं नरकादिषु |
धर्माधर्मौ तु द्वौ योऽसौ त्रैलोक्यस्य निबन्धनम् || २/२७ ||
Vers 2/28
धर्माधर्मं यदा त्यक्तं क्षिप्रं मुञ्चन्ति मानवाः |
धर्मा चैव अधर्मा द्वौ द्विविधं परिकीर्तितम् || २/२८ ||
Vers 2/29
सबा(ह्य)भ्यन्तरचेतः धर्माधर्मप्रतिष्ठितम् |
अध्यात्मजातसद्भावं योगिनामेवसंस्थितः || २/२९ ||
Vers 2/30
लौकिकास्थलकर्मञ्चाध्यात्मकस्येदं सूक्ष्मम् |
आध्यात्मिके चैव धर्माधर्मस्थितिः सदा || २/३० ||
Vers 2/31
ऊर्द्ध्वचारो भवेद्धर्मोऽद्वयस्योऽधर्मलक्षणम् |
धर्माधर्मक्षये क्षीणे मुच्यते सर्वैर्धनैः (?) || २/३१ ||
Vers 2/32
धर्माधर्मद्वयं ज्ञात्वा पुनर्ज्ञानमवाप्नुयात् |
धर्माधर्मविचारोऽयं कथितं ज्ञानकारिकैः || २/३२ ||
3. Paṭala
Vers 3/1
अथ चर्यान् (प्र)वक्ष्यामि योगिनामुपजायते |
स चेताज्ञान न सर्वः चैतन्यं ज्ञानवर्जितम् || ३/१ ||
Vers 3/2
चेताचेतसमायुक्तं ज्ञानत्वं सम्प्रकीर्तितम् |
भुक्तितत्त्वं यदा चेतं स चेत्तम्मुक्तिलक्षणम् || ३/२ ||
Vers 3/3
चेताचेतसमायुक्तं चैतन्यं शाश्वतं पदम् |
योगिनां योगचिन्तितमार्यसंज्ञानवर्जितम् || ३/३ ||
Vers 3/4
यो मार्गविनिर्मुक्तं योगिनां मुक्तिलक्षणम् |
एकलिङ्गे श्मशाने वा नदीनां सङ्गमेषु च || ३/४ ||
Vers 3/5
शून्यागारे गुहावासे वृक्षमूले तु चत्वरे |
महोदधितटे चैव त्रिपथे वापि साधकः || ३/५ ||
Vers 3/6
नग्नास्ते मुक्तकेशास्तु मदिरानन्दचेतसः |
मालानिर्मालिता योगी एकाकी भ्रमते सदा || ३/६ ||
Vers 3/7
लिङ्गन्तु कथयिष्यामि यल्लिङ्गं कौलिकं स्मृतम् |
लयपूजाष्टकं यत्तं लिङ्गन्तु स चराचरम् || ३/७ ||
Vers 3/8
लय वै यानि सर्वेषां तेन लिङ्गं मुदा कृतम् |
एतत् कौलिकं यल्लिङ्गं न शैलहेमरौप्यजम् || ३/८ ||
Vers 3/9
कथितं देहजं लिङ्गं एकन्तु न द्वितीयकम् |
एकलिङ्गं समाख्यातं श्मशानं कथयामि ते || ३/९ ||
Vers 3/10
शोभते च यदा देहः सर्वेषां एकदेहिनाम् |
निस्वासस्वाससंयुक्तं श्मशानं परिकीर्तितम् || ३/१० ||
Vers 3/11
अधोर्द्धं प्राणसञ्चारः बहते चैव नित्यशः |
ऊर्द्ध्वचारे भवेद् गङ्गा यस्ना(?) चाधो व्यवस्थितः || ३/११
||
Vers 3/12
द्वाभ्यां मेलापकं यत्न स न मेतत् (?) प्रकीर्तिता |
अशरीरं यदा तत्त्वं स्वदेहे सा स्थिता यदि || ३/१२ ||
Vers 3/13
शून्यं निरन्ञ्जनं ज्ञात्वा मुच्यते नात्र संशयः |
गुह्यं तु कथयिष्यामि गुह्ये सचराचरम् || ३/१३ ||
Vers 3/14
गुह्यं शरीरमित्युक्तं वासितं ज्ञानराशिना |
गुह्यावासं स्थितो योगी चर्या तस्य न उच्यते || ३/१४ ||
Vers 3/15
वासस्तु कथितं दिव्यं वृक्षमूलं शृणु तथा |
वृक्षः शरीरमित्युक्तं पादादिकरशाखयोः || ३/१५ ||
Vers 3/16
ऊर्द्ध्वमूलं भवेद्वक्त्रं मूलवे (?) वृक्षधारकम् |
वृक्षमूलं ततो ज्ञात्वा बाह्यवृक्षस्य वर्जितम् || ३/१६ ||
Vers 3/17
वृक्षमूलं समाख्यातं चत्वारः शृणु साम्प्रतम् |
जया च विजया चैव अजिता चापराजिता || ३/१७ ||
Vers 3/18
चतुःशक्तिसमोपेतं चत्वारं मात्रकोद्भवम् |
चत्वारं कथितं दिव्यं महोदधितटः शृणु || ३/१८ ||
Vers 3/19
बिन्दुस्तञ्च पराशक्तिः तटस्थः चारुरूपिणी |
बिन्दुचारुस्थिता नित्यं तटस्थं बिन्दुमण्डलम् || ३/१९ ||
Vers 3/20
तटस्थञ्च स्थिता योगी तटं चैव प्रकीर्तितम् |
चन्द्रं त्यक्त्वा यदा याति आधारं सूर्यमण्डलम् || ३/२० ||
Vers 3/72
सूर्यं त्यक्त्वा यदा याति व्योमाऽस्तु चन्द्रमण्डले |
गगनमास्थितो (?) नित्यं वेला इव महोदधेः || ३/७२ ||
Vers 3/73
एतद्वेला समाख्यातम् अध्यात्मैव प्रतिष्ठितम् |
नास्थिरं भवति श्वासं बहिस्थं मनरञ्जितम् || ३/७३ ||
Vers 3/74
अथिरं सर्वयोगिनां प्रवाहं वहते सदा |
प्रवाहं गमनञ्चैव गमनागमनं पुनः || ३/७४ ||
Vers 3/75
गमनागमनसंयुक्तो वेलाऽस्मिन् यथा स्थितम् |
गमागम यथा वेला नास्ति रञ्जित कश्चित् (?) || ३/७५ ||
Vers 3/76
गगनोपमं स्थितं जगत् भावन्निश्चलतां व्रजेत् (?) |
महोदधितटे स्थित्वा उदधि कथितं ततः || ३/७६ ||
Vers 3/77
निश्चलं परिपूर्णत्वं महोदधि स्मृतम्....... |
योगिनां चर्यसद्भावं कथितं तत्त्वं विशेषतः || ३/७७ ||
Vers 3/78
महोदधि समाख्यातं त्रिपञ्चकं कथयाम्यहम् |
सत्त्वरजस्तमश्चैव एकत्वे तु यथा स्थितम् || ३/७८ ||
Vers 3/79
त्रिपथं तु विनिर्मुक्तं शास्त्रतो ज्ञानकारिका |
त्रिपथं तु समाख्यातं नग्नन्तु कथयामि ते || ३/७९ ||
Vers 3/80
अविद्या...........पत्यत्काल(?) (न)ग्नकं च साधकेश्वरम् |
नग्नस्तु कथितान् देवान् मुक्तकेशन्ततः शृणु || ३/८० ||
Vers 3/81
केशस्तु पाशमित्युक्तं मुक्तिमार्गप्रबन्धकम् |
धर्मस्तु नैकेन पाशश्चैव विशेषतः || ३/८१ ||
Vers 3/81 (zweite Zählung)
षड्भिर्मुक्तो यदा योगी मुक्तकेशः स उच्यते |
मुक्तकेशः समाख्यात आनन्दं शृणु साम्प्रतम् || ३/८१ ||
Vers 3/83
योगपारगतो योगी महापारविवर्जितः |
पानयोगामृतं दिव्यं योगिनां सम्प्रकीर्तितम् || ३/८३ ||
Vers 3/84
एभिर्युक्तो महायोगी मदिरामत्त उच्यते |
मदिरानन्दमाख्यातं नैर्माल्यमालिनो (?) शृणु || ३/८४ ||
Vers 3/85
वर्णं चैवास्ति मालाग्रं संस्थितो शक्तिसूत्रके |
माला चैव समाख्याता योगिनां चान्यकारणम् ||
नैर्माल्यमालिनो योगी योगचर्यां करोति सः || ३/८५ ||
Vers 3/86
एकाकीमतिथिर्यस्तु भ्रमिते प्रवदेत् सदा |
असंहायो भ्रमते धीरः स एकाकीनमुच्यते || ३/८६ ||
Vers 3/87
एकाकी तु समाख्याता शास्त्रं मिलकारिका (?) |
एतच्चर्या समाख्याता विश च ज्ञानधारक (?) || ३/८७ ||
Kolophone
इति ज्ञानकारिकायां मोक्षाधिकारः प्रथमः पटलः |
इति ज्ञानकारिकायां धर्माधर्मविचारो नाम द्वितीयः पटलः ||
इति ज्ञानकारिमहामछिन्द्रनाथपादावतारितेनोक्तं चर्याधिकारस्तु तृतीयः पटलः ||
Zusammenfassende deutsche Übersetzung
Die Jñānakārikā beginnt mit einer Anrufung Shivas, der Siddhas und Śaṅkaras. Danach richtet sie den Blick sofort auf Jñāna – Erkenntnis nicht als Ansammlung von Begriffen, sondern als Erfahrung, die zur Befreiung führt.
Der erste Paṭala beschreibt Saṃsāra als Bindung an Gegensätze. Wenn das Bewusstsein sich an Sinnesobjekte hängt, wird es sākula, verwickelt und unruhig. Befreiung dagegen ist nirākula: ungestört, unbeweglich und ohne Gegensatz.
Besonders wichtig ist das Wort nirāśraya. Der Text sagt sinngemäß: Wo Bewusstsein sich an eine Stütze bindet, entsteht Bindung; wo es stützenlos ruht, öffnet sich Moksha. Selbst Dharma und Adharma werden aus dieser höchsten Perspektive nicht als letzte Wirklichkeiten angesehen.
Der zweite Paṭala vertieft diese Lehre. Die drei gewöhnlichen Modi des Geistes werden mit Tamas, Rajas und Sattva verbunden. Dann wird ausdrücklich ein vierter Zustand gelehrt, der frei von allen drei Guṇas ist und als Kennzeichen des Nirvāṇa gilt.
Dieser Zustand ist nicht einfach Gedankenunterdrückung. Die Jñānakārikā verneint ausdrücklich eine bloß erzwungene Hemmung, körperliche Leere und die Fixierung auf Innen oder Außen. Auch Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum, Buddhi, Ahaṃkāra, Manas und die Sinnesorgane werden als nicht ausreichend erkannt, um die höchste Wirklichkeit festzulegen.
Die Schrift geht noch weiter: Vorstellungen von Mond- und Sonnenmaṇḍala, Dhāraṇā, Gottheiten und sogar feinen spirituellen Zuständen können selbst zu kalpanā, zu begrifflichen Konstruktionen werden. Nirvikalpa-Jñāna liegt jenseits davon.
Dharma und Adharma werden anschließend als zwei Fesseln bezeichnet, solange man durch sie an Himmel und Hölle, Verdienst und Schuld, Aufstieg und Fall gebunden bleibt. Das „Schwert der Erkenntnis“ durchschneidet beide Fesseln. Diese Aussage ist nicht als Ablehnung ethischen Handelns zu verstehen, sondern als Beschreibung einer Ebene jenseits karmischer Identifikation.
Der dritte Paṭala ist besonders bildhaft. Äußere Orte des tantrischen Yogi werden innerlich gedeutet. Das kaulische Liṅga ist nicht aus Stein, Gold oder Silber – es ist im Körper. Der lebendige, atmende Körper selbst wird als Śmaśāna verstanden. Die Höhle ist der geheime Raum des Körpers, der Baum ist der Körper mit seinen Gliedern als Zweigen.
Auch das Ufer des großen Ozeans wird zum Symbol einer inneren Grenze und eines rhythmischen Stroms zwischen Sonne, Mond, Atem und Bindu. Leider ist genau dieser Teil der Quelle textlich besonders gestört: Nach Vers 3/20 setzt die Ausgabe erst wieder mit 3/72 ein.

Nacktheit wird als Ablegen von Verhüllung verstanden. Gelöstes Haar symbolisiert die Befreiung von Fesseln. Der „Wein“ des Yogis ist schließlich nicht einfach ein äußeres Getränk, sondern wird als göttliches Yoga-Amṛta und innerer Ānanda gedeutet.
Die Jñānakārikā verbindet damit drei große Motive: Jñāna, Nirāśraya und innere Caryā. Erkenntnis ist frei von begrifflicher Konstruktion; Befreiung ist ohne äußere Stütze; und die Lebensweise des Yogi besteht darin, äußere Zeichen auf ihre innere Wirklichkeit zurückzuführen.
Inspirierende Verse
Befreiung ist stützenlos
āśrayaṃ bandhamityuktaṃ muktiścaiva nirāśrayam ||
Übersetzung: Stütze wird als Bindung bezeichnet; Befreiung ist stützenlos.
Der vierte Zustand
caturthantu manaścaiva kathayāmi viśeṣataḥ |
guṇatrayavinirmuktaṃ sadā nirvāṇalakṣaṇam ||
Übersetzung: Nun erkläre ich den vierten Zustand des Geistes: frei von den drei Guṇas und stets durch Nirvāṇa gekennzeichnet.
Beweglichkeit und Befreiung
cañcalaṃ bhāvamityuktamacalaṃ muktilakṣaṇam ||
Übersetzung: Beweglichkeit kennzeichnet das Werden; Unbeweglichkeit ist ein Kennzeichen der Befreiung.
Das Schwert der Erkenntnis
jñānakhaḍgena chitvā pāśadvayanibandhanam |
Übersetzung: Mit dem Schwert der Erkenntnis durchschneide die Bindung der beiden Fesseln.
Das Liṅga im eigenen Körper
kathitaṃ dehajaṃ liṅgaṃ ekantu na dvitīyakam |
Übersetzung: Das Liṅga wird als im eigenen Körper entstanden beschrieben – eines, nicht ein zweites.
Der Körper als heiliger Ort
guhyaṃ śarīramityuktaṃ vāsitaṃ jñānarāśinā |
Übersetzung: Der Körper selbst wird das Geheimnis genannt, erfüllt von der Fülle der Erkenntnis.
Wichtigste Mantras aus der Schrift
Die Jñānakārikā ist primär ein Erkenntnistext und enthält nur wenige ausdrücklich mantrische Formeln. Daher werden keine künstlichen „Mantras“ aus Lehrversen konstruiert.
Om Namah Shivaya
oṃ namaḥ śivāya
ॐ नमः शिवाय
Übersetzung: Verehrung sei Shiva.
Verwendung: Das bekannte Śiva-Mantra eröffnet die Schrift.
Verehrung der Siddhas
siddhebhyo puruṣebhyo namaḥ
सिद्धेभ्यो पुरुषेभ्यो नमः
Übersetzung: Verehrung sei den vollendeten Wesen.
Verehrung der Füße Śaṅkaras
śrīśaṅkarapādebhyo namaḥ
श्रीशङ्करपादेभ्यो नमः
Übersetzung: Verehrung sei den ehrwürdigen Füßen Śaṅkaras.
Verehrung der ungehinderten Tattvas
apratihatatattvebhyo namaḥ
अप्रतिहततत्त्वेभ्यो नमः
Übersetzung: Verehrung sei den ungehinderten beziehungsweise unbeschränkten Tattvas.
Abschluss
Die Jñānakārikā ist eine kurze Schrift mit einer weitreichenden Aussage: Befreiung kann nicht durch eine neue Form von Festhalten entstehen. Selbst spirituelle Vorstellungen können zur Stütze werden, an die das Bewusstsein sich bindet.
Darum führt der Text von āśraya zu nirāśraya, von Vikalpa zu Nirvikalpa und von äußeren Zeichen zu ihrer inneren Bedeutung. Das Liṅga, der Śmaśāna, die Höhle, der Baum und der Ozean werden zu Bildern des eigenen Körpers und Bewusstseins.
Für Yoga-Aspiranten kann dies eine wichtige Erinnerung sein: Techniken sind hilfreich, doch ihr Ziel ist nicht, immer neue Abhängigkeiten von Methoden zu erzeugen. Meditation kann schließlich in jene stille Erkenntnis führen, in der der Geist nicht mehr ständig nach einer äußeren Stütze sucht.
Textgrundlage und Überlieferung
Der Sanskrittext folgt ausschließlich den bereitgestellten Muktabodha-Dateien M00024. Die E-Text-Fassung nennt als Werktitel jñānakārikā, verbindet den Text mit Matsyendranātha und beruht auf P. C. Bagchis Ausgabe in der Calcutta Sanskrit Series 3 von 1934. Dort wurde die Jñānakārikā gemeinsam mit dem Kaulajñānanirṇaya und weiteren kleineren Texten aus diesem Traditionsumfeld veröffentlicht.
Die Vorlage ist an mehreren Stellen sichtbar beschädigt oder unvollständig. Besonders im dritten Paṭala springt die Zählung von 3/20 unmittelbar auf 3/72; außerdem erscheint 3/81 zweimal, während 3/82 fehlt. Diese Unregelmäßigkeiten wurden bewusst bewahrt und nicht künstlich korrigiert. Die deutsche Fassung ist daher eine vollständige Übersetzung des tatsächlich vorhandenen Quelltextes, nicht eine Rekonstruktion verlorener oder beschädigter Passagen.
Vollständigkeit dieser Ausgabe
Diese Fassung enthält alle in der Vorlage erhaltenen Verse des ersten, zweiten und dritten Paṭala in deutscher Übersetzung, vollständiger Umschrift und vollständigem Devanagari. Die ungewöhnliche Zählung des dritten Paṭala – einschließlich des Sprungs 3/20 → 3/72 und der doppelten Nummer 3/81 – wurde quellentreu beibehalten.
Siehe auch
- Matsyendranath
- Kaulajnananirnaya
- Akulavira Tantra
- Kaula
- Jnana
- Moksha
- Nirvana
- Nirvikalpa
- Turiya
- Dharma
- Adharma
- Sattva
- Rajas
- Tamas
- Kundalini
- Shiva
- Shakti
- Guru
- Siddha
- Shmashana
- Lingam
- Mantra
- Tantraloka
- Vijnana Bhairava Tantra
Seminare
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