Devamrita Pancharatra

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Devamrita Pancharatra (Sanskrit: देवामृतपञ्चरात्र, IAST: Devāmṛtapañcarātra) ist eine frühe Schrift der Pāñcarātra-Tradition über Viṣṇu, seine Verehrung und die rituelle Einsetzung seines Bildes. Im Mittelpunkt steht eine Verbindung von göttlicher Allgegenwart und persönlicher Hingabe: Das Göttliche wohnt in allen Wesen und kann zugleich in einer bestimmten Gestalt liebevoll verehrt werden. Brahmā, Viṣṇu und Śiva erscheinen als eine Wirklichkeit. Die sorgfältige Vorbereitung von Bild und Raum, die Rezitation von Mantras und die innere Betrachtung geben dieser Hingabe eine erfahrbare Form.

Kṛṣṇa: Das Devāmṛtapañcarātra verehrt Vāsudeva als göttliche Gegenwart. Die Abbildung zeigt ein Motiv aus der weiteren Viṣṇu-Kṛṣṇa-Tradition.

Für Yoga-Übende liegt darin eine Einladung, das spirituelle Leben bis in den Alltag hinein zu vertiefen. Kapitel 2 spricht von Viṣṇu als dem Zeugen in jedem Körper. Kapitel 5 betrachtet den Kosmos als seinen Leib. Das Gebet in Kapitel 9 verbindet Erkenntnis mit Zufriedenheit und der schlichten Bitte: „O Viṣṇu, sei gegenwärtig!“ So führt die Lektüre immer wieder zu einer persönlichen Frage: Wie kann das Wissen um göttliche Gegenwart mein Sehen, Sprechen und Handeln verändern?

Die folgende Erschließung enthält eine Werkübersicht, 40 ausgewählte Sanskritstellen in IAST mit deutscher Übersetzung und Erläuterung, einen Mantraabschnitt und Anregungen für heutige Übende. Grundlage ist die kritische Edition von Diwakar Acharya im selben Band wie das Svāyambhuvapañcarātra. Der erhaltene Devāmṛta-Text reicht bis in Kapitel 13; sein Schluss ist verloren. Die Auswahl ersetzt keine vollständige Übersetzung.[1]

Ein guter Einstieg für Yoga-Aspiranten

Wer den Text kennenlernen möchte, kann mit drei kurzen Abschnitten beginnen: 2.3–4 über die Einheit des Göttlichen, 2.13 über Viṣṇu in allen Wesen und 9.28–30 mit dem Anrufungsgebet. Die Übersetzungen stehen weiter unten. Lies langsam und frage dich, welcher Satz heute für deine Praxis Bedeutung hat.

Fünf Leitgedanken erschließen das Werk:

  • Einheit erkennen: Die eigene Liebe zu einer Gottheit muss nicht zur Geringschätzung einer anderen führen. Kapitel 2 wendet sich ausdrücklich gegen die gegenseitige Feindschaft von Viṣṇu- und Śiva-Verehrern.
  • Gegenwart wahrnehmen: Der Text sieht Viṣṇu in jedem Körper, in Pflanzen, Bergen, Sonne und Mond. Diese Schau kann zu einem achtsameren Umgang mit Menschen und Natur anregen.
  • Zufriedenheit kultivieren: Das Gebet 9.28 nennt Zufriedenheit einen Reichtum. Die innere Fülle erhält damit einen eigenen Wert.
  • Klang mit Aufmerksamkeit verbinden: Das zwölfsilbige Vāsudeva-Mantra wird in Kapitel 11 mit Körperorten und inneren Bildern verbunden. Der Klang soll gesammelt betrachtet werden.
  • Der Hingabe eine Form geben: Bild, Licht, Gewänder und Gaben machen Zuwendung sichtbar. Auch eine schlichte persönliche Praxis kann durch bewusste Vorbereitung an Tiefe gewinnen.

Das Werk entfaltet diese Themen im Rahmen der Pratiṣṭhā, der rituellen Einsetzung eines Gottesbildes. Die Leitgedanken und Übungen dieses Artikels schlagen von dort eine Brücke zur heutigen Yogapraxis. Du kannst zunächst bei den verständlichen Gebeten und Betrachtungen verweilen und die ausführlichen Ritualabschnitte später hinzunehmen.

Name, Gesprächsrahmen und Überlieferung

Devāmṛta verbindet deva, „Gott“, mit amṛta, „Unsterblichkeit“ oder „Nektar“. Als sinngemäße Titeldeutung bietet sich „göttlicher Nektar“ an. Pañcarātra, wörtlich „fünf Nächte“, bezeichnet hier die religiöse Überlieferung. Der Titel bezeichnet die Zugehörigkeit zu dieser Tradition.

Im Gesprächsrahmen unterweist Brahmā den Sanatkumāra auf dem Berg Meru. Damit unterscheidet sich die Schrift vom Svāyambhuvapañcarātra, in dem Śiva beziehungsweise Īśvara Brahmā auf dem Mandara unterweist. Die göttlichen Sprecher gehören zum literarischen Offenbarungsrahmen; ein historischer Verfasser ist nicht bekannt.

Die Handschrift und ihr verlorener Schluss

Die maßgebliche Palmblatthandschrift befindet sich im Nationalarchiv in Kathmandu unter der Signatur 1–1078; die Mikrofilmkennung lautet NGMPP B 29/2. Erhalten sind 26 Blätter. Die Handschrift ist undatiert. Acharya ordnet sie aufgrund ihrer Schriftmerkmale ungefähr dem 12. Jahrhundert zu. Diese Einschätzung betrifft das Alter der Abschrift; wann das Werk selbst entstand, bleibt offen.[2]

Dreizehn Kapitel sind zumindest teilweise überliefert. Kapitel 13 bricht ab; die anschließenden Blätter fehlen. Auch innerhalb des erhaltenen Textes gibt es beschädigte oder schwierige Stellen, etwa am Beginn des achten Kapitels. Die ursprüngliche Gesamtzahl der Kapitel ist unbekannt. Acharyas Überlegung, dass nach der Ritualabfolge noch mehrere Kapitel gefolgt sein könnten, ist eine begründete Vermutung, keine erhaltene Kapitelzählung. Zwei jüngere Abschriften lieferten für seine Edition keine hilfreichen zusätzlichen Lesungen.

Verhältnis zum Svāyambhuvapañcarātra

Das Devāmṛtapañcarātra greift Stoffe und Formulierungen des Svāyambhuvapañcarātra auf, erweitert sie und ordnet sie neu. Kapitel 2 entfaltet die gemeinsame theologische Grundlage ausführlicher. Andere Abschnitte erläutern Bildherstellung, rituelle Räume und kosmische Zuordnungen. Kapitel 11 bietet eine eigene Fassung der Mantra- und Nyāsa-Lehre.

Die Verwandtschaft macht das Werk für den Vergleich besonders wertvoll. Sie erlaubt jedoch nicht, fehlende Devāmṛta-Passagen stillschweigend aus dem Svāyambhuva zu ergänzen. Ebenso gehören die im Band abgedruckten Verse des Aṣṭādaśavidhāna zu einem eigenen Text. Parallelzitate im unteren Seitenbereich der Edition sind keine zusätzlichen Devāmṛta-Verse.

Aufbau und Themen der erhaltenen Kapitel

Die deutschen Kapitelbezeichnungen dienen als Orientierung; sie sind keine Übersetzung ursprünglicher Kapitelüberschriften. Die Übersicht folgt Acharyas Werkdarstellung und dem edierten Text.[3]

Kapitel Thema Zugang für die Lektüre
1 Gesprächsrahmen und Fragen an Brahmā Die Frage nach dem Gottesbild eröffnet die Unterweisung.
2 Einheit von Brahmā, Viṣṇu und Śiva; Allgegenwart Nārāyaṇas Theologische Grundlage und Mahnung gegen gegenseitige Feindschaft
3 Materialien, Maße und Proportionen der Mūrti Historische Regeln der Bildherstellung; ihnen zugeschriebene Folgen gehören zur religiösen Vorstellungswelt.
4 Gestalt, Schmuck, Arme und Attribute; Gruppe von fünf Bildern Die sichtbare Form trägt religiöse Bedeutung.
5 Viṣṇu als Leib des Kosmos und aller Gottheiten Sonne, Mond, Sterne, Meru und Śrī werden an seinem Körper vergegenwärtigt.
6 Bau und Ausstattung des Ritualpavillons Der Raum wird sorgfältig für die Feier vorbereitet.
7 Göttliche und kosmische Entsprechungen des Pavillons und seiner Ausstattung Der Ritualort erscheint als heilige Welt mit Nārāyaṇa in der Mitte.
8 Vedische Mantras für Bestandteile des Ritualortes; Anfang beschädigt Wort und rituelle Handlung werden verbunden.
9 Prozession, Bad, Öffnung der Augen, Einladung und Verehrung der Gottheit, Lagerung Bewegender Gebetsabschnitt in 9.28–30; noch kein vollständiger Abschluss der gesamten Weihe
10 Anforderungen an Ritualkundige und Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen Historisches Ritualmilieu mit aus heutiger Sicht problematischen Ausschlüssen
11 Sakalīkaraṇa, zwölfsilbiges Mantra, Nyāsa, Begleitmantras und drei Umkreise der Verehrung Schwerpunkt für Mantra und innere Vergegenwärtigung
12 Bildlinien, Erscheinungsformen Viṣṇus und die zehn Maṇḍalas des Ṛgveda Veda, Gottesgestalt und rituelle Ordnung werden aufeinander bezogen.
13 Zuordnung vedischer Texte zu Gliedern der Gottesgestalt; Schluss verloren Die erhaltene Folge endet während der rituellen Ausgestaltung des Bildes.

Einheit, Allgegenwart und persönliche Hingabe

Śiva: Kapitel 2 weist die Vorstellung zurück, Rudra und Keśava seien ihrem göttlichen Wesen nach voneinander getrennt.

„Eine Gestalt sind die drei Götter“, heißt es in 2.3. Der folgende Vers verbindet Rudra, Brahmā und Janārdana und erklärt die ganze Welt für von dieser Wirklichkeit durchdrungen. Die Schrift bleibt dabei auf Viṣṇu ausgerichtet: Unterschiedliche Lehren, kosmische Bereiche und Zeiten werden auf Nārāyaṇa bezogen.

Diese Verbindung von Weite und persönlicher Gottesbeziehung ist für Bhakti Yoga besonders anregend. Die Aufmerksamkeit darf sich auf eine geliebte Gestalt sammeln und zugleich für die göttliche Gegenwart in anderen Wesen offenbleiben. Für die heutige Praxis lässt sich daraus eine Haltung entwickeln, in der persönliche Hingabe und Achtung vor anderen zusammenwachsen.

Die Unterscheidung von sakala und niṣkala in 2.17–18 hilft, das Gottesbild einzuordnen. Viṣṇu erscheint gegliedert und ungeteilt, als Grundlage und als das von ihr Getragene. Seine sichtbare Gestalt ist nicht das ganze Maß seines Wesens. So kann die Mūrti zum Mittelpunkt der Verehrung werden, ohne dass die Allgegenwart aufgegeben wird.

Warum den Allgegenwärtigen einladen?

Wenn Viṣṇu bereits in allen Wesen gegenwärtig ist, weshalb bittet das Gebet dann: „Sei gegenwärtig“? Das Werk kennt beides: die Allgegenwart in Kapitel 2 und die besondere Nähe der Gottheit im Ritual, sānnidhya, in Kapitel 9. In der Verehrung wird der Gott angerufen, empfangen und mit Gaben geehrt. Die umfassende göttliche Wirklichkeit wird zum persönlich angesprochenen Gegenüber.

Für eine heutige Betrachtung kann darin ein hilfreicher Unterschied liegen: Von göttlicher Gegenwart zu wissen und ihr die eigene Aufmerksamkeit zuzuwenden sind zwei verschiedene Erfahrungen. Ein Mantra, ein Gottesbild oder ein bewusst gesprochenes Gebet können helfen, diese Zuwendung zu erneuern. Die Bitte „Sei gegenwärtig“ kann so auch zur Bereitschaft werden, selbst aufmerksam und mit offenem Herzen da zu sein. Dies ist eine spirituelle Deutung für die persönliche Praxis; die rituelle Einladung des Textes behält ihren eigenen religiösen Sinn.

Eine weite Theologie mit historischen Grenzen

Die Verse 2.20–21 verurteilen den Hass zwischen Viṣṇu- und Śiva-Verehrern mit drastischen Höllendrohungen. Für die heutige Lektüre steht darin die Frage nach religiösem Stolz: Vertieft die eigene Verehrung das Herz, oder nährt sie die Verachtung anderer?

Zugleich enthält Kapitel 10 Abgrenzungen gegenüber anderen religiösen Gruppen, darunter Kaulas, Sauras, Jainas und Buddhisten, sowie gesellschaftliche und körperbezogene Ausschlusskriterien für Ritualkundige. Das Werk vertritt daher keine durchgehend moderne religiöse oder soziale Gleichberechtigung. Wer aus ihm Inspiration schöpft, kann seine Einheitslehre würdigen und solche historischen Ausschlüsse kritisch einordnen. Aus rituellen Eignungsregeln folgt kein Urteil über den Wert eines Menschen.

Der Kosmos als Leib Viṣṇus

Śrī-Lakṣmī: Nach 5.8 hat Śrī ihren Sitz im Herzen Viṣṇus.

Kapitel 5 entfaltet eine anschauliche kosmische Betrachtung: Sonne und Mond sind in Viṣṇus Augen gegenwärtig, das Weltei ist sein Haupt, die Bäume sind seine Haare. Sterne erscheinen an den Nagelspitzen, Meru im Rücken und Śrī im Herzen. Diese Zuordnungen geben der Lehre von der Allgegenwart eine bildhafte Sprache.

Als heutige Meditationsanregung lässt sich dieses Bild in eine einfache Wahrnehmungsübung übersetzen: Betrachte einen Baum, den weiten Himmel oder das Licht des Mondes. Verweile einen Moment bei dem, was du siehst. Das kosmische Bild kann dazu einladen, sich als Teil eines größeren Zusammenhangs zu erleben und mit dem Leben sorgsamer umzugehen.

Eine besondere Stellung hat Śrī, die Göttin des Segens und der Schönheit: Sie wohnt nach 5.8 im Herzen Viṣṇus. In Kapitel 12 erscheint sie außerdem beim Zusammentreffen der Bildlinien; dort wird auch die Erde, Mahī, im Zusammenhang mit dem Sitz genannt. Ihre Einbindung zeigt, wie die Gottesgestalt zugleich kosmische Weite und die Gegenwart der Göttin umfasst.

Video: Tantra und Energieerfahrungen
Eine ergänzende Perspektive aus heutiger Yogapraxis; keine Auslegung des historischen Devāmṛta-Rituals.

Gottesbilder, heilige Räume und rituelle Ordnung

Varāha, eine der in 4.6 genannten Viṣṇugestalten. Eine Darstellung aus der Viṣṇu-Tradition.

Kapitel 4 legt Wert auf eine vollständige Gestalt, einen sanften Blick, Gewänder und Schmuck. Die Gottheit wird als würdiger Gast und verehrtes Gegenüber empfangen. Ihre Attribute erinnern zugleich an Schutz und göttliche Macht.

Zwei Fünfergruppen sollten beim Lesen auseinandergehalten werden:

Stelle Gruppe Funktion
4.6 Narasiṃha, Varāha, Vāmana, Trivikrama und Vāsudeva als Viśvarūpa Gruppe von fünf herzustellenden und aufzustellenden Gottesbildern
11.22–23 Vāsudeva, Saṅkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha und Nārāyaṇa Zuordnung zu Herz, Haupt, Scheitel, Schutzpanzer und Waffen-Mantra im Aṅganyāsa

Die zweite Gruppe berührt die Vyūha-Lehre von den Entfaltungen der Gottheit. Hier werden die Namen bestimmten Gliedern der Mantraverehrung zugeordnet. Die Bildgruppe in Kapitel 4 erfüllt dagegen eine Aufgabe bei der Herstellung und Aufstellung der Mūrtis. Weitere Gruppen im selben Editionsband, etwa die acht Vṛṣṇi-Helden des Aṣṭādaśavidhāna, gehören zu den dort jeweils genannten Texten.

Der Pavillon der Kapitel 6–8 wird als kosmisch geordneter Ort verstanden. Die Vorstellung von Śvetadvīpa im Milchozean und die Gegenwart der Gottheiten geben seiner Ausstattung einen inneren Sinn. Nicht alle Angaben des Werkes lassen sich jedoch zu einem einzigen widerspruchsfreien Bauplan vereinheitlichen: Kapitel 6 nennt fünf Altäre, Kapitel 7 spricht von vier. Solche Unterschiede gehören zum überlieferten Befund.

Die zehn Maṇḍalas und die Gestalt Viṣṇus

Kapitel 12 verbindet die zehn Bücher des Ṛgveda mit Linien der Gottesgestalt und zehn Erscheinungsformen: Matsya, Kūrma, Varāha, Narasiṃha, Vāmana, Rāma, Rāghava, Kṛṣṇa, Buddha und Kalkin. Diese Reihe der Avatāras hat ihre eigene überlieferte Form; dazu gehört auch die gesonderte Nennung von Rāma und Rāghava.

Vedische Verse werden häufig nur mit ihren Anfangsworten genannt. Der Verweis samānī vaḥ in 12.8 bezeichnet Ṛgveda 10.191.4. Die einheitsbezogene vedische Strophe erhält hier einen Platz in der Ausgestaltung der Gottesgestalt. Kapitel 13 setzt die Verbindung von vedischem Klang und einzelnen Gliedern fort. Acharya versteht die Zusammenfügung im rituell-symbolischen Sinn; sie muss nicht das handwerkliche Zusammensetzen einer Statue beschreiben.

Ausgewählte Sanskritstellen mit Übersetzung

Die folgenden 40 Stellen führen von der Einheitslehre über die Betrachtung des göttlichen Körpers zum Gebet und zur Mantrapraxis. Jede Stelle enthält Sanskrit in IAST, eine deutsche Übersetzung und eine kurze Erläuterung. Du kannst die Auswahl zusammenhängend lesen oder bei einem einzelnen Vers verweilen.

Textgrundlage ist Acharyas Edition. Sprachliche Besonderheiten des Sanskrit bleiben erhalten; eckige Klammern in der Übersetzung kennzeichnen ergänzte Satzteile. Die Erläuterungen helfen beim Verständnis und benennen gegebenenfalls eine heutige Praxisanregung.

Die Nummern sind die Kapitel- und Versnummern der Edition, keine neue fortlaufende Zählung. Die Auswahl ist nicht lückenlos. Ein Vers kann mehr als zwei Halbverse oder eine zusätzliche Mantraformel enthalten. Für die textkritischen Varianten und editorischen Eingriffe bleibt Acharyas Apparat maßgeblich. Die Abschnitte aus Kapitel 2 stehen auf S. 62–65, aus Kapitel 4 auf S. 70–71, aus Kapitel 5 auf S. 72–74, aus Kapitel 9 auf S. 91–92, aus Kapitel 11 auf S. 96–100 und aus Kapitel 12 auf S. 103–104.[1]

Einheit und Allgegenwart

śṛṇu vipra mahāprājña sarvaśāstraviśārada |
pañcarātraṃ mahājñānaṃ yad uktaṃ parameṣṭhinā || 2.1

Übersetzung: Höre, weiser Brahmane, Kenner aller Lehrschriften, das große Wissen des Pañcarātra, das vom Höchsten verkündet wurde.

Erläuterung: Die Unterweisung beginnt mit dem Hören. Spirituelles Lernen braucht einen aufmerksamen Geist.

purā dvādaśasāhasrī saṃhitā ca mayoddhṛtā |
tad ahaṃ saṃpravakṣyāmi śṛṇuṣvaikamanā mune || 2.2

Übersetzung: Einst habe ich eine Sammlung von zwölftausend [Versen] erschlossen. Diese werde ich dir darlegen. Höre mit gesammeltem Geist, o Weiser.

Erläuterung: Die Zahl bezeichnet die im Text beanspruchte ältere Sammlung, nicht den Umfang der erhaltenen Handschrift.

ekā mūrtis trayo devā brahmaviṣṇumaheśvarāḥ |
mūrtir ekā smṛtā vatsa nānābhāvo na vidyate || 2.3

Übersetzung: Eine Gestalt sind die drei Götter Brahmā, Viṣṇu und Maheśvara. Als eine Gestalt gelten sie, mein Lieber; eine Verschiedenheit ihres Wesens besteht nicht.

Erläuterung: Eine der klarsten Aussagen zur Einheit der drei Gottheiten.

yo rudraḥ sa svayaṃ brahmā yo brahmā sa janārdanaḥ |
tenaiva vyāpitaṃ sarvaṃ jagad etac carācaram || 2.4

Übersetzung: Wer Rudra ist, ist Brahmā selbst; wer Brahmā ist, ist Janārdana. Von ihm allein ist diese ganze Welt des Beweglichen und Unbeweglichen durchdrungen.

Erläuterung: Janārdana ist ein Name Viṣṇus. Die Einheit der Gottesnamen verbindet sich mit göttlicher Allgegenwart.

ādhāraḥ sarvabhūtānāṃ nigrahānugrahe sthitaḥ |
yasya sarvāṇi bhūtāni prabhavanti yugāgame |
tāni caiva pralīyante punar eva yugakṣaye || 2.5

Übersetzung: Er ist die Grundlage aller Wesen und wirkt in Zurückhaltung und Begnadung. Aus ihm entstehen alle Wesen beim Anbruch eines Weltzeitalters; in ihn gehen sie bei dessen Ende wieder ein.

Erläuterung: Der Vers hat drei Halbverse. Schöpfung und Auflösung erscheinen als Bewegungen innerhalb derselben göttlichen Wirklichkeit.

sa ca nārāyaṇo devo narāṇāṃ kīrtivardhanaḥ |
naranārīprakartās tena nārāyaṇaḥ smṛtaḥ || 2.6

Übersetzung: Er ist der Gott Nārāyaṇa, der den Ruhm der Menschen mehrt. Er bringt Männer und Frauen hervor; deshalb wird er Nārāyaṇa genannt.

Erläuterung: Der Text gibt eine religiöse Namensdeutung; sie ist keine sprachgeschichtliche Ableitung.

sa vai sāṃkhyaṃ ca yogaṃ ca pañcarātre 'pi sa sthitaḥ |
vede pāśupate caiva dharmaśāstre sa kevalam || 2.7

Übersetzung: Er ist wahrlich Sāṃkhya und Yoga; auch im Pañcarātra ist er gegenwärtig. Im Veda, in der Pāśupata-Lehre und im Dharmaśāstra ist er allein.

Erläuterung: Verschiedene Lehrwege werden auf Nārāyaṇa bezogen. Dies ist eine theologische Einbeziehung aus der Sicht des Textes.

purāṇe copagītāni ṛṣidevaiś ca mānuṣaiḥ |
yāni śāstrāṇi paṭhyante sarvaṃ nārāyaṇātmakam || 2.8

Übersetzung: Was im Purāṇa besungen wird und welche Lehrschriften von Sehern, Göttern und Menschen vorgetragen werden: All dies hat Nārāyaṇa zum Wesen.

Erläuterung: Die Übersetzung folgt dem Zusammenhang der sprachlich nicht ganz regelmäßigen Formulierung.

bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyaṃ ca ṛtukālāni yāni ca |
atītānāgataṃ caiva sarvaṃ viṣṇumayaṃ jagat || 2.9

Übersetzung: Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges, alle Jahreszeiten und Zeiten, das Gewesene und das noch Kommende: Die ganze Welt ist von Viṣṇu erfüllt.

Erläuterung: Auch die Zeit steht innerhalb der göttlichen Gegenwart.

viṣṇuḥ sarvagato devaḥ sarvabhūteṣv avasthitaḥ |
dehe dehe ramaty eṣa sākṣībhūto janārdanaḥ || 2.13

Übersetzung: Viṣṇu ist der allgegenwärtige Gott, der in allen Wesen wohnt. In jedem einzelnen Körper verweilt Janārdana als Zeuge.

Erläuterung: Diese Stelle eignet sich zur stillen Betrachtung: Wie verändert sich mein Umgang mit anderen, wenn ich ihre innere Würde achte?

sūryaś caiva tu candraś ca nakṣatrāṇi grahās tathā |
antarikṣe ca pātāle ākāśe divi gocare || 2.14

Übersetzung: Sonne und Mond, die Sternbilder und Planeten; [was] im Luftraum und in der Unterwelt, im weiten Raum und im Himmelsbereich [ist] …

Erläuterung: Die Aufzählung setzt sich im folgenden Vers fort; die Ergänzungen verdeutlichen den Satzanschluss.

sthāvare jaṅgame caiva sarvam etaj janārdane |
tṛṇagulmalatāvṛkṣe parvatāgre tathaiva ca || 2.15

Übersetzung: … im Unbeweglichen und Beweglichen: All dies ist in Janārdana; ebenso in Gras, Gebüsch, Schlingpflanzen und Bäumen und auf dem Gipfel des Berges [ist er gegenwärtig].

Erläuterung: Die Perspektive reicht vom Himmel bis zum unscheinbaren Gras. Die Satzfügung wechselt; die Übersetzung macht den Sinnzusammenhang deutlich.

anityaṃ sthūlam ity āhuḥ sa loke mūrtivigrahaḥ |
anādir niṣkalaḥ śrīmān sūkṣma eva parāparaḥ || 2.17

Übersetzung: Vergänglich und grobstofflich nennt man seine verkörperte Gestalt in der Welt. [Er selbst aber ist] anfangslos, ungeteilt und herrlich, feinstofflich, das Höhere und das Niedere umfassend.

Erläuterung: Die sichtbare Gestalt erschöpft die göttliche Wirklichkeit nicht. Die Übersetzung ergänzt den gedanklichen Übergang.

ādhāraś ca tathādheyo dvidhāvastho janārdanaḥ |
sarvabhūtahitārthāya dvidhā sakalaniṣkalaḥ || 2.18

Übersetzung: Janārdana ist sowohl Grundlage als auch das von ihr Getragene und besteht in zweifacher Weise. Zum Wohl aller Wesen ist er zweifach: gegliedert und ungegliedert.

Erläuterung: Sakala und niṣkala bezeichnen hier die differenzierte und die ungeteilte Erscheinungsweise.

ye ca viṣṇuparā lokā mahādevaṃ dviṣanti ca |
te yānti narakaṃ ghoram anantaṃ dāruṇaṃ mahat || 2.20

Übersetzung: Menschen, die Viṣṇu ergeben sind und Mahādeva hassen, gelangen in eine schreckliche, endlose, grausame, große Hölle.

Erläuterung: Der Wortlaut verwendet eine drastische religiöse Strafdrohung gegen den Hass auf Śiva; diese Rhetorik wird hier nicht abgeschwächt.

viṣṇunindāparā ye tu rudrārādhanagarvitāḥ |
patanti narake ghore nirālambe sudāruṇe || 2.21

Übersetzung: Wer Viṣṇu schmäht und sich auf die Verehrung Rudras etwas einbildet, fällt in eine schreckliche, haltlose, überaus grausame Hölle.

Erläuterung: Die Mahnung richtet sich nun an die andere Seite. Hingabe soll nach dieser Passage nicht in Verachtung umschlagen.

yathā ca timirāndhānāṃ candro dvau darśanaṃ bhavet |
ajñānatimirāndhānāṃ rudrakeśavadarśanam || 2.25

Übersetzung: Wie ein durch eine Sehstörung beeinträchtigter Mensch den Mond doppelt sieht, so ist das Sehen von Rudra und Keśava [als zwei getrennten Wirklichkeiten] bei denen, die durch das Dunkel des Nichtwissens geblendet sind.

Erläuterung: Der grammatisch unregelmäßige Vers verwendet das traditionelle Bild des doppelt gesehenen Mondes. Keśava ist Viṣṇu.

tasya devātidevasya viṣṇor adbhutakarmaṇaḥ |
sthāpanaṃ saṃpravakṣyāmi yathāgītaṃ svayaṃbhuvā || 2.26

Übersetzung: Die Einsetzung dieses Gottes über den Göttern, Viṣṇus mit seinen wunderbaren Taten, werde ich darlegen, wie sie von Svayambhū verkündet wurde.

Erläuterung: Hier führt die Lehre von der Einheit zur konkreten Bildweihe.

Gestalt und Attribute

sarvāvayavasaṃpūrṇaṃ saumyadṛṣṭiṃ śubhekṣaṇam |
vastrayugmasamāyuktaṃ kartavyaṃ garuḍadhvajam || 4.5

Übersetzung: Der Gott mit Garuḍa im Banner soll mit allen Gliedern vollständig gestaltet werden, mit sanftem, glückverheißendem Blick und mit einem Paar Gewänder versehen.

Erläuterung: Der friedvolle Blick der Mūrti kann die innere Haltung des Betrachters prägen.

narasiṃhaṃ varāhaṃ ca vāmanaṃ ca trivikramam |
viśvarūpaṃ ca kartavyaṃ vāsudevaṃ jagadgurum |
madhye agnyādi sthātavyaṃ pratimāpañcakaṃ smṛtam || 4.6

Übersetzung: Narasiṃha, Varāha, Vāmana und Trivikrama sowie Vāsudeva, der Lehrer der Welt, in allgestaltiger Form sollen hergestellt werden. In der Mitte und [den Richtungen] beginnend mit Agni sollen sie aufgestellt werden; so wird die Gruppe von fünf Bildern überliefert.

Erläuterung: Agni bezeichnet hier den Südosten. Die knappe Anordnungsvorschrift wird nicht zu einer im Vers unausgesprochenen Einzelzuordnung erweitert.

gadā dakṣiṇahaste tu dānavānāṃ kṣayaṃkarī |
vāme caiva tu dātavyaṃ cakraṃ trailokyabhūṣaṇam || 4.11

Übersetzung: In die rechte Hand gehört die Keule, welche die Dānavas vernichtet; in die linke ist der Diskus zu geben, der Schmuck der drei Welten.

Erläuterung: Die Attribute gehören zur schützenden und machtvollen Erscheinung Viṣṇus.

dakṣiṇe ca kare padmaṃ śaṅkhaṃ vāmakare sthitam |
musalaṃ khaḍgam ādāya halaṃ dhanuṣi saṃyutam || 4.12

Übersetzung: In der rechten Hand [ist] der Lotus, in der linken das Muschelhorn. [Die Gestalt ist außerdem] mit Stampfkeule, Schwert, Pflug und Bogen versehen.

Erläuterung: Die sprachlich lockere Aufzählung setzt die Beschreibung mehrarmiger Formen fort. Das Muschelhorn und der Lotus stehen hier neben weiteren göttlichen Attributen.

Viṣṇus kosmischer Leib

ataḥ paraṃ pravakṣyāmi sarvadevamayo hariḥ |
candrādityau smṛtau tasya cakṣurdvayasamāśritau || 5.1

Übersetzung: Nun werde ich weiter darlegen: Hari umfasst alle Gottheiten. Mond und Sonne gelten als in seinen beiden Augen gegenwärtig.

Erläuterung: Sarvadevamaya bedeutet: aus allen Gottheiten bestehend oder sie umfassend.

brahmāṇḍaṃ ca śiras tasya keśāś ca vanaspatiḥ |
ekādaśa smṛtā rudrāḥ kaṇṭhadeśe samāśritāḥ || 5.2

Übersetzung: Das Weltei ist sein Haupt, die Bäume sind seine Haare. Die elf Rudras gelten als in seinem Halsbereich gegenwärtig.

Erläuterung: Der göttliche Körper wird zur anschaulichen Gestalt des Kosmos.

nakhāgreṣu ca sarveṣu tārāgaṇasamāśritāḥ |
pṛṣṭhamadhye sthito merur hṛdaye śrīr adhiṣṭhitā || 5.8

Übersetzung: An all seinen Nagelspitzen befinden sich die Sternenscharen. In der Mitte seines Rückens steht Meru; in seinem Herzen hat Śrī ihren Sitz.

Erläuterung: Śrī, die Göttin der Schönheit und des Segens, ist hier ausdrücklich gegenwärtig.

aśeṣaṃ vāṅmayaṃ sarvaṃ lokālokaṃ carācaram |
vyāptaṃ viṣṇuśarīreṇa pavanenāmbaraṃ yathā || 5.12

Übersetzung: Die gesamte Welt des Wortes, alles – Welt und Nichtwelt, Bewegliches und Unbewegliches – ist von Viṣṇus Körper durchdrungen wie der Raum vom Wind.

Erläuterung: Das Bild verbindet Sprache, Welt und Gottheit. Lokāloka kann hier auch an die kosmische Grenzordnung erinnern.

sa eṣa bhagavān viṣṇuḥ sarvabhūtagataḥ sthitaḥ |
tasya yāgaṃ pravakṣyāmi svayambhuvacanaṃ yathā || 5.13

Übersetzung: Dieser erhabene Viṣṇu ist in allen Wesen gegenwärtig. Seine Verehrung werde ich darlegen, entsprechend dem Wort Svayambhūs.

Erläuterung: Die kosmische Betrachtung mündet erneut in Verehrung und Handlung.

Einladung und Gebet

āvāhayet tato devaṃ pītāmbaradharaṃ harim |
sānnidhyakaraṇārthāya mantrair vedasamudbhavaiḥ || 9.27

Übersetzung: Dann soll man den Gott Hari im gelben Gewand mit Mantras, die aus dem Veda hervorgegangen sind, anrufen, um seine Gegenwart herbeizuführen.

Erläuterung: Āvāhana bedeutet die Einladung an die Gottheit. Der Verehrende wendet sich Hari zu und bittet um seine besondere Gegenwart im Ritual.

namas te tyaktasaṅgāya saṃtoṣavibhavātmane |
jñānavijñānarūpāya brahmatejonapāyine || 9.28

Übersetzung: Verehrung dir, der du Anhaftung abgelegt hast, dessen Wesen der Reichtum der Zufriedenheit ist, dessen Gestalt Wissen und Erkenntnis ist und dessen Brahman-Glanz nicht vergeht.

Erläuterung: Zufriedenheit erscheint hier als Reichtum. Für die eigene Betrachtung kann die Frage hilfreich sein: Welche innere Fülle entdecke ich, wenn mein Wollen für einen Moment zur Ruhe kommt?

guṇātikrāntavegāya puruṣāyāguṇātmane |
akṣarāya purāṇāya viṣṇo saṃnihito bhava || 9.29

Übersetzung: [Verehrung] dem, dessen Kraft die Guṇas übersteigt, dem Puruṣa, dessen Wesen frei von den Guṇas ist, dem Unvergänglichen, dem Uralten. O Viṣṇu, sei gegenwärtig!

Erläuterung: Puruṣa bezeichnet hier das göttliche Wesen; die Guṇas sind die Grundqualitäten der Natur. Der Vers spricht Viṣṇu als jenseits dieser Qualitäten an und mündet in die persönliche Bitte um seine Nähe.

ehyehi bhagavan viṣṇo lokānugrahakāraka |
yajñabhāgaṃ pragṛhṇīṣva vāsudevāya te namaḥ || 9.30

Übersetzung: Komm, komm, erhabener Viṣṇu, der du der Welt Gnade erweist! Nimm deinen Anteil am Opfer entgegen. Dir, Vāsudeva, sei Verehrung!

Erläuterung: Die wiederholte Einladung „Komm, komm“ gibt dem Gebet Wärme und Dringlichkeit. Die Hingabe verbindet sich mit einer Gabe, die der Verehrende darbringt.

Grundmantra und rituelle Vergegenwärtigung

athārcanaṃ pravakṣyāmi sakalīkaraṇaṃ śubham |
sthāpakena tu kartavyaṃ svadehe nyāsam uttamam || 11.1

Übersetzung: Nun werde ich die Verehrung darlegen, das glückverheißende Sakalīkaraṇa. Der die Einsetzung Leitende soll den vortrefflichen Nyāsa an seinem eigenen Körper vollziehen.

Erläuterung: Sakalīkaraṇa bedeutet hier die rituelle Ausgestaltung beziehungsweise Vervollständigung des Körpers mit Mantras.

pratimāyāṃ viśeṣeṇa kuryād ālambhanaṃ budhaḥ |
dvādaśākṣaramantraṃ tu mūlamantram udāhṛtam |
oṃ namo bhagavate vāsudevāya || 11.2

Übersetzung: Der Kundige soll insbesondere das Bild berühren. Als Grundmantra wird das zwölfsilbige Mantra angegeben: Oṃ, Verehrung dem erhabenen Vāsudeva.

Erläuterung: Die Formel ist im Haupttext ausdrücklich ausgeschrieben; die Versnummer steht nach ihr.

oṃkāraṃ vinyasen mūrdhni nakāraṃ nāsikopari |
mokāraṃ tu mukhe nyasya bhakāraṃ kaṇṭhagocare || 11.3

Übersetzung: Die Silbe Oṃ soll man auf dem Scheitel einsetzen, na oberhalb der Nase; mo im Gesicht und bha im Halsbereich.

Erläuterung: Die Silben werden bestimmten Körperorten zugeordnet. Diese Fassung des Devāmṛtapañcarātra unterscheidet sich in Einzelheiten von der verwandten Svāyambhuva-Fassung.

gakāraṃ bāhudeśe tu vakāraṃ hṛdaye nyaset |
tekāraṃ nābhideśe tu vākāraṃ pṛṣṭhadeśataḥ || 11.4

Übersetzung: Ga soll man im Bereich der Arme einsetzen, va im Herzen, te im Nabelbereich und vā im Rückenbereich.

Erläuterung: Va und vā sind verschiedene Silben des Mantras. Das lange ā ist hier bedeutend.

gatvāgatvā nivartante candrasūryādayo grahāḥ |
adyāpi na nivartante dvādaśākṣaracintakāḥ || 11.16

Übersetzung: Mond, Sonne und die anderen Gestirne gehen dahin und kehren immer wieder zurück. Die über das zwölfsilbige Mantra Meditierenden hingegen kehren bis heute nicht zurück.

Erläuterung: Die wiederkehrenden Gestirne bilden das Gegenbild zur endgültigen Befreiung. Der Vers preist die Mantrabetrachtung als Weg zu diesem Ziel. Er ist im Rahmen dieses spirituellen Befreiungsversprechens zu verstehen.

deve dehe tathā padme aṅganyāso vidhīyate |
vāsudevas tu hṛdaye śīrṣe saṅkarṣaṇaḥ smṛtaḥ || 11.22

Übersetzung: Am Gott, am Körper und am Lotus wird der Aṅganyāsa vorgeschrieben. Vāsudeva gilt als dem Herzen zugeordnet, Saṅkarṣaṇa dem Haupt.

Erläuterung: Zusammen mit 11.23 entfaltet diese Stelle die oben erläuterte Fünfergruppe. Vāsudeva wird dem Herzen, Saṅkarṣaṇa dem Haupt zugeordnet; weitere Namen betreffen Scheitel, Schutzpanzer und Waffen-Mantra.

yajanaṃ saṃpravakṣyāmi divyaṃ nārāyaṇasya tu |
tribhir āvaraṇaiḥ kāryaṃ durlabhaṃ tu surāsuraiḥ || 11.25

Übersetzung: Ich werde die göttliche Verehrung Nārāyaṇas darlegen. Sie soll mit drei Umkreisen ausgeführt werden und ist selbst für Götter und Asuras schwer zu erlangen.

Erläuterung: Āvaraṇas sind geordnete Umkreise der Verehrung. Sie gliedern die rituelle Hinwendung zu Nārāyaṇa und den ihm zugeordneten Gottheiten und Kräften.

madhye cakraṃ pratiṣṭhāpya arair dvādaśabhir yutam |
tanmadhye kamalaṃ proktam aṣṭapatraṃ sakarṇikam || 11.26

Übersetzung: In der Mitte soll man ein Rad mit zwölf Speichen einsetzen. In dessen Mitte ist ein achtblättriger Lotus mit Samenkapsel vorgesehen.

Erläuterung: Die rituelle Geometrie gibt der Aufmerksamkeit eine Mitte und eine gegliederte Umgebung.

Veda und Gottesgestalt

samānī vaḥ śikhā coktā brahmarekhā divaṃgatā |
surekhaṃ tu samuddiṣṭaṃ puruṣaṃ maṇḍalātmakam || 12.8

Übersetzung: „Samānī vaḥ“ ist als Scheitel angegeben, als himmelwärts gerichtete Brahman-Linie. So wird der Puruṣa, dessen Wesen die Maṇḍalas bilden, mit wohlgefügten Linien bezeichnet.

Erläuterung: Samānī vaḥ verweist auf Ṛgveda 10.191.4. Der Text zitiert hier nur den Anfang, nicht die vollständige vedische Strophe.

Mantras und Gebete

Das zentrale Mantra ist im Haupttext ausdrücklich ausgeschrieben. Andere vedische Mantras werden oft nur durch Anfangsworte, sogenannte pratīkas, aufgerufen. Eine solche Kurzangabe ist nicht der vollständige Wortlaut des jeweiligen vedischen Verses. Die folgende Darstellung unterscheidet deshalb Grundmantra, vollständiges Anrufungsgebet und bloßen Verweis.

Das zwölfsilbige Vāsudeva-Mantra

Beleg: Devāmṛtapañcarātra 11.2, S. 96.

Devanagari:
ॐ नमो भगवते वासुदेवाय

IAST:
oṃ namo bhagavate vāsudevāya

Bedeutung: „Oṃ, Verehrung dem erhabenen Vāsudeva.“

Die zwölf Silben sind: oṃ – na – mo – bha – ga – va – te – vā – su – de – vā – ya. Bhagavat bezeichnet den Erhabenen, den göttlichen Herrn; Vāsudeva ist der hier angerufene Gottesname. Namaḥ, in der Verbindung namo, drückt Verehrung und Verneigung aus.

Kapitel 11 behandelt dieses Mantra als mūlamantra, Grundmantra. Es steht im Zusammenhang mit dem Körper des Ritualkundigen, der Berührung des Bildes, Nyāsa und innerer Betrachtung. Die nachfolgende Tabelle gibt nur die in der Auswahl vollständig übersetzten Zuordnungen aus 11.3–4 wieder. Sie ist kein Ersatz für den ganzen historischen Ritualablauf.

Silbe Körperort nach 11.3–4
oṃ Scheitel
na Oberhalb der Nase
mo Gesicht
bha Halsbereich
ga Bereich der Arme
va Herz
te Nabelbereich
Rückenbereich

Für eine schlichte heutige Japa-Praxis kannst du das vollständige Mantra einige Male ruhig wiederholen und seine Bedeutung gegenwärtig halten. Lass zwischen den Wiederholungen einen Moment der Stille. Eine bestimmte Wiederholungszahl oder ein vollständiger Weihe-Nyāsa wird damit nicht aus dem Text abgeleitet. Die rituelle Zuordnung einzelner Silben ist von einer einfachen persönlichen Mantrabetrachtung zu unterscheiden.

Das Anrufungsgebet aus Kapitel 9

Beleg: Devāmṛtapañcarātra 9.28–30, S. 91–92.

Devanagari:
नमस्ते त्यक्तसङ्गाय संतोषविभवात्मने ।
ज्ञानविज्ञानरूपाय ब्रह्मतेजोनपायिने ॥ २८ ॥
गुणातिक्रान्तवेगाय पुरुषायागुणात्मने ।
अक्षराय पुराणाय विष्णो संनिहितो भव ॥ २९ ॥
एह्येहि भगवन् विष्णो लोकानुग्रहकारक ।
यज्ञभागं प्रगृह्णीष्व वासुदेवाय ते नमः ॥ ३० ॥

IAST:
namas te tyaktasaṅgāya saṃtoṣavibhavātmane |
jñānavijñānarūpāya brahmatejonapāyine || 9.28
guṇātikrāntavegāya puruṣāyāguṇātmane |
akṣarāya purāṇāya viṣṇo saṃnihito bhava || 9.29
ehyehi bhagavan viṣṇo lokānugrahakāraka |
yajñabhāgaṃ pragṛhṇīṣva vāsudevāya te namaḥ || 9.30

Deutsche Übersetzung:
„Verehrung dir, der du Anhaftung abgelegt hast, dessen Wesen der Reichtum der Zufriedenheit ist, dessen Gestalt Wissen und Erkenntnis ist und dessen Brahman-Glanz nicht vergeht. [Verehrung] dem, dessen Kraft die Guṇas übersteigt, dem Puruṣa, dessen Wesen frei von den Guṇas ist, dem Unvergänglichen, dem Uralten. O Viṣṇu, sei gegenwärtig! Komm, komm, erhabener Viṣṇu, der du der Welt Gnade erweist! Nimm deinen Anteil am Opfer entgegen. Dir, Vāsudeva, sei Verehrung!“

Das Gebet bewegt sich von der Beschreibung zur Begegnung: Es benennt Anhaftungslosigkeit, Zufriedenheit und Erkenntnis und spricht die Gottheit dann unmittelbar an. Für heutige Übende kann darin eine Verbindung von Erkenntnis und Hingabe liegen. Im Werk gehört es zur Anrufung während der Weihevorbereitung; es ist kein Schlussgebet des unvollständig überlieferten Gesamttextes.

Ein vedischer Verweis: samānī vaḥ

Beleg: Devāmṛtapañcarātra 12.8, S. 104.

Devanagari: समानी वः
IAST: samānī vaḥ

Die Worte bedeuten für sich etwa „gemeinsam/einheitlich [sei] euer …“ und verweisen auf Ṛgveda 10.191.4. Der weitere Satz ist im Devāmṛta-Vers nicht ausgeschrieben. Eine vollständige Rezitationsfassung des Ṛgveda wäre daher aus einer eigenen vedischen Ausgabe zu entnehmen. Hier dient der Anfang als Identifikationsformel innerhalb der rituellen Zuordnung.

Fünf Anregungen für die persönliche Praxis

Sammlung, Herzensweite und bewusste Hinwendung: heutige Zugänge zur spirituellen Lektüre.

Diese heutigen Praxisanregungen greifen Gedanken des Werkes auf und verbinden sie mit persönlichem Yoga und Meditation. Wähle zunächst eine Übung, die dich anspricht, und gib ihr einige Tage Raum. Entscheidend ist die aufmerksame Wiederkehr zu dem, was dir wichtig geworden ist.

1. Mit einem Satz still werden

Lies die Übersetzung von 2.13: „In jedem einzelnen Körper verweilt Janārdana als Zeuge.“ Sitze anschließend für einige ruhige Atemzüge still. Spüre deinen Körper, ohne etwas Besonderes herstellen zu müssen. Lass den Satz im Hintergrund gegenwärtig bleiben.

Frage für den Tag: Kann ich einem Menschen heute mit mehr Aufmerksamkeit begegnen?

2. Die eigene Hingabe vertiefen und andere achten

Betrachte die Einheit der Gottesnamen in 2.3–4. Wenn du eine persönliche Iṣṭadevatā hast, wende dich ihr innerlich zu. Erinnere dich zugleich daran, dass ein anderer Mensch seine Verbundenheit anders ausdrücken kann.

Frage für den Tag: Wo kann ich religiöse oder persönliche Rechthaberei durch aufmerksames Zuhören ersetzen?

3. Zufriedenheit als Reichtum entdecken

Lies 9.28 und verweile bei saṃtoṣa, Zufriedenheit. Nenne innerlich etwas Einfaches, das dich heute trägt: einen hilfreichen Menschen, einen stillen Moment oder die Möglichkeit zu üben. Nimm es für einen Augenblick bewusst an. Auch an einem schwierigen Tag darf etwas Wohltuendes wahrgenommen werden, während das Schwierige seinen Platz behält.

Frage für den Tag: Was ist bereits da, das ich im ständigen Wollen leicht übersehe?

4. Das Mantra mit Bedeutung sprechen

Wiederhole oṃ namo bhagavate vāsudevāya ruhig und ohne Eile. Erinnere dich an „Verehrung dem erhabenen Vāsudeva“. Wenn die Aufmerksamkeit abschweift, kehre freundlich zum Klang zurück. Schließe mit einer kurzen Stille.

Frage für den Tag: Wie verändert sich mein Sprechen, wenn ich den Worten wirklich zuhöre?

5. Vom Gottesbild zum Alltag gehen

Bereite einen kleinen, sauberen Ort für deine Praxis vor. Ein Bild, eine Blüte oder ein bewusst gewählter Gegenstand kann die Sammlung unterstützen. Nimm nach der Betrachtung eine konkrete Absicht mit: geduldig antworten, eine Hilfe anbieten oder achtsam mit der Natur umgehen.

Frage für den Tag: Welche kleine Handlung kann meine innere Zuwendung heute sichtbar machen?

Video: Chakra-Energie-Meditation mit Sukadev
Eine angeleitete Meditation als heutige Ergänzung. Ihre Chakrenbetrachtung folgt einem anderen Aufbau als der Nyāsa in Kapitel 11.

Eine Haltung, die weiterwirkt

Vielleicht bleibt nach der Lektüre nur ein Satz lebendig: „In jedem einzelnen Körper verweilt Janārdana als Zeuge.“ Oder die Bitte: „O Viṣṇu, sei gegenwärtig!“ Nimm diesen Satz mit in einen gewöhnlichen Moment: vor einem Gespräch, während eines Spaziergangs oder beim Beginn deiner Praxis. So kann aus dem Lesen eine wiederkehrende Hinwendung werden.

Als heutige Anregung aus der Allgegenwartslehre und dem Gebet des Werkes lässt sich mitnehmen: Dem Göttlichen Aufmerksamkeit schenken und dem Leben mit mehr Sorgfalt begegnen. Ein ruhig gesprochenes Mantra, ein aufmerksames Zuhören oder eine hilfreiche Handlung können dieser Absicht Ausdruck geben.

Begriffe zum Nachschlagen

Begriff Bedeutung im Zusammenhang des Werkes
Mūrti / Pratimā Gestalt beziehungsweise Gottesbild als Gegenstand der Verehrung
Pratiṣṭhā / Sthāpana Rituelle Einsetzung eines Gottesbildes
Adhivāsana Vorbereitende rituelle Behandlung und zeitweilige Unterbringung im Weiheablauf
Nyāsa Rituelles Einsetzen von Mantras oder göttlichen Zuordnungen an bestimmten Orten
Sakalīkaraṇa Rituelle Vervollständigung beziehungsweise Ausgestaltung mit Mantras
Mūlamantra Grundmantra; hier das zwölfsilbige Vāsudeva-Mantra
Aṅganyāsa Zuordnung von Mantragliedern; dazu gehören auch Schutzpanzer und Waffen-Mantra.
Āvaraṇa Umkreis einer geordneten Verehrung
Sarvadevamaya Alle Gottheiten umfassend
Sakala / Niṣkala Gegliedert beziehungsweise ungeteilt
Sānnidhya Besondere Gegenwart oder Nähe der Gottheit im Ritual
Pratīka Anfangsworte, die einen längeren Mantra oder vedischen Text identifizieren

Siehe auch

Literatur und Textgrundlage

  • Diwakar Acharya: Early Tantric Vaiṣṇavism: Three Newly Discovered Works of the Pañcarātra. The Svāyambhuvapañcarātra, Devāmṛtapañcarātra and Aṣṭādaśavidhāna. Collection Indologie 129, Early Tantra Series 2. Institut Français de Pondichéry, École française d’Extrême-Orient und Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, 2015. Maßgebliche kritische Edition; Devāmṛtapañcarātra S. 59–106, Einführung zum Werk S. lxxi–lxxxvi, Handschriftenbeschreibung S. xvi–xviii.
  • Ṛgveda, insbesondere 10.191.4: der in Devāmṛtapañcarātra 12.8 mit samānī vaḥ bezeichnete vedische Vers. Die Identifikation folgt Acharyas Nachweis im Apparat; eine eigenständige vedische Textedition wird hier nicht ersetzt.

Zur Benutzung des PDF-Bandes: Die Devāmṛta-Abteilung beginnt mit dem Titelblatt auf der gedruckten S. 57. Der Sanskrit-Haupttext steht auf S. 59–106, entsprechend PDF-Seiten 148–195 bei Zählung ab der ersten PDF-Seite. Der englische Einleitungsteil hat römische Seitenzahlen. Die unten auf den Sanskritseiten angeführten Paralleltexte und Varianten sind vom Haupttext zu unterscheiden.

Quellen und Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 Diwakar Acharya: Early Tantric Vaiṣṇavism: Three Newly Discovered Works of the Pañcarātra. The Svāyambhuvapañcarātra, Devāmṛtapañcarātra and Aṣṭādaśavidhāna. Collection Indologie 129, Early Tantra Series 2. Institut Français de Pondichéry, École française d’Extrême-Orient und Asien-Afrika-Institut, Universität Hamburg, 2015. Devāmṛtapañcarātra: Sanskrittext S. 59–106; Werkdarstellung in der Einleitung S. lxxi–lxxxvi. Kapitel- und Versnummern folgen dieser Edition.
  2. Acharya, Einleitung S. xvi–xviii: Beschreibung der Handschriften und jüngeren Abschriften. Zum Abbruch nach Blatt 26 siehe Sanskrittext S. 106.
  3. Acharya, Einleitung S. lxxi–lxxxvi; Devāmṛtapañcarātra, Kapitel 1–13, S. 59–106.

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