Mahanirvana Tantra 108 Verse und Mantras
Mahanirvana Tantra – 108 Verse und Mantras erschließt die kontemplative Mitte des Mahanirvana Tantra: die Einheit von Shiva und Shakti, die Kraft sinnvoller Mantrawiederholung, die Reinigung der inneren Haltung und die Erkenntnis des freien Selbst. Die Auswahl lädt ein, einzelne Verse langsam zu lesen und ihre Bedeutung im eigenen Leben zu betrachten.

Manchmal genügt ein einziger Vers, um die eigene Praxis neu auszurichten: eine Erinnerung an das freie Selbst, ein Wort über Mitgefühl oder das Bild einer inneren Blume, die der Göttin dargebracht wird. Diese Sammlung lädt dazu ein, mit einem solchen Gedanken zu leben. Lies langsam, lass eine Stille entstehen und spüre, welche Frage oder welche Haltung der Vers in dir wachruft.
Die fünf Themen führen von der Einheit des Göttlichen über Guru und Mantra zur inneren Verehrung, zur Lebensführung und zur Befreiung. Die 108 Verse sind fortlaufend gezählt; ihre Stellen stehen gesammelt in der Konkordanz. Lies zusammenhängende Gedanken gemeinsam, besonders die Verse über die Blumen der inneren Puja. Die vollständige Übersetzung und die Einordnung der historischen Riten stehen unter Mahanirvana Tantra.
Für Yoga und Meditation liegt die Kraft dieser Auswahl in der Verbindung von Jnana und Bhakti: die Wirklichkeit erforschen und sich ihr mit offenem Herzen zuwenden. Du kannst einen Vers mehrere Tage begleiten lassen. Entscheidend ist, ob sein Sinn in deiner Aufmerksamkeit, deiner Sprache und deinem Umgang mit anderen lebendig wird.
108 Verse für die Betrachtung
Shiva, Shakti und das eine Brahman
Diese Verse betrachten Bewusstsein und göttliche Kraft als untrennbar. Shiva spricht zur Göttin; mit dem höchsten Herrn ist der eine göttliche Grund gemeint. Lass beim Lesen die Frage zu, wie sich dein Blick auf ein Wesen verändert, wenn du auch in ihm eine Erscheinung dieses Grundes siehst.
1. Du bist meine eigene Gestalt, Göttin; zwischen dir und mir besteht kein Unterschied. Was wüsstest du als Allwissende nicht? Dennoch fragst du, als wüsstest du es nicht.
2. Wer der Welt Gutes tut, erfreut den Herrn der Welt, höchste Göttin; denn er ist ihr innerstes Selbst und die Welt ruht in ihm.
3. Er allein ist wirkliches Sein, wahr, ohne Zweites, höher als das Höchste, aus sich selbst leuchtend, immer vollkommen, seinem Wesen nach Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit.
4. Unveränderlich, auf nichts gestützt, ohne Unterschiede, unerschüttert, jenseits der Gunas, Zeuge aller Dinge, Selbst aller Wesen, allsehend und alldurchdringend ist er.
5. In allen Wesen verborgen, allgegenwärtig und ewig, offenbart er sich durch die Fähigkeiten aller Sinne und ist selbst frei von Sinnesorganen.
6. Die ganze Welt, die drei Welten mit allem Beweglichen und Unbeweglichen, hängt von ihm ab. Auf ihn gestützt besteht dieses unergründliche Universum.
7. Er allein, der höchste Herr, ist die Ursache aller Wesen. Weil er die Welten erschafft, wird er als Schöpfer Brahma besungen.
8. Alle Götter und Göttinnen bestehen aus ihm, du von den Göttern Verehrte. Von Brahma bis zum Grashalm ist das ganze Universum von ihm erfüllt.
9. Wie durch das Bewässern der Wurzel eines Baumes dessen Äste und Blätter genährt werden, so werden durch seine Verehrung alle Götter und anderen Wesen gestärkt.
10. Wie die Flüsse auch ohne eigene Absicht zum Meer gelangen, so zielen alle Handlungen der Verehrung letztlich auf ihn, Parvati.
11. Welche Gottheit jemand auch vertrauensvoll verehrt und welches Ziel er dabei sucht: Der höchste Lenker schenkt ihm die entsprechende Frucht durch diese Gottheit.
12. Du bist unmittelbar die höchste Prakriti Brahmans, des höchsten Selbst. Aus dir entsteht die ganze Welt; du bist die Mutter des Universums.
13. Du bist Annapurna, die Göttin der Sprache und die lotusbewohnende Lakshmi. Du bist das Wesen aller Kräfte und die Verkörperung aller Gottheiten.
14. Du bist das Feine und das Grobe, das Offenbare und das Verborgene. Gestaltlos nimmst du Gestalt an: Wer vermöchte dich ganz zu erkennen?
15. Du bist die Göttin aller Gestalten, die höchste Mutter aller. Wenn du erfreut bist, werden alle erfreut.
16. Als reines Sein durchdringt und umfasst es alles; stets sich selbst gleich, reines Bewusstsein, bleibt es von allen Dingen unberührt.
17. Es handelt und genießt nicht, geht nicht und bleibt nicht stehen. Es ist Wahrheit und Erkenntnis ohne Anfang und Ende, jenseits von Sprache und Denken.
18. Weil er alle Wesen verschlingt, heißt er Mahakala; weil du selbst Mahakala verschlingst, bist du die ursprüngliche höchste Kalika.
19. Weil du die Zeit verschlingst, heißt du Kali; weil du der Ursprung aller bist, wirst du Adya Kali, die ursprüngliche Kali, genannt.
20. Gestalthaft und doch gestaltlos, durch Maya vielgestaltig, bist du Ursprung aller und selbst ohne Ursprung, Schöpferin, Auflöserin und Erhalterin.
Guru, Mantra und Hingabe
Ein Mantra gewinnt Tiefe, wenn sein Sinn die Aufmerksamkeit erfüllt. Die folgenden Verse sprechen besonders von der Verehrung Brahmans. Guru und Hingabe öffnen den Zugang zu dieser Erkenntnis; die Bedeutung des Brahman-Mantras wird im anschließenden Mantrateil erläutert.

21. Wenn man durch Verdienste vieler Leben einen wahren Guru findet und den Mantra aus seinem Mund empfängt, erfüllt sich der Sinn der Geburt.
22. Wer Bedeutung und lebendiges Bewusstsein eines Mantras nicht kennt, erreicht dessen Vollendung auch durch zehn Millionen Wiederholungen nicht.
23. »Ekam« bedeutet das Eine ohne Zweites; wegen seiner grenzenlosen Größe heißt es Brahman. Damit ist der Sinn des Mantras erklärt, der das ersehnte Ziel des Übenden gewährt.
24. Das Bewusstsein des Mantras ist die Gottheit, die ihm innewohnt. Sie zu erkennen führt die Hingebungsvollen zur Vollendung.
25. Seine innewohnende Gottheit ist allgegenwärtig, ewig, unergründlich, frei von Furcht, jenseits der Sprache und unbefleckt.
26. Im Inneren des Herzlotus verehre ich Brahman als Bewusstsein: ohne Unterschiede und Begehren, erkennbar für Hari, Hara und Brahma, den Yogis in der Meditation zugänglich, die Furcht vor Geburt und Tod auflösend, reines Sein und Bewusstsein, Same aller Welten.
27. Nachdem man so über das höchste Brahman meditiert hat, verehrt man es mit geistigen Opfergaben und tiefster Hingabe, um die Einheit mit Brahman zu erlangen.
28. Brahman ist die Darbringung, Brahman die Opfergabe; durch Brahman wird sie in das Feuer Brahmans geopfert. Brahman allein erreicht, wer in der Handlung ganz auf Brahman gesammelt ist.
29. Verehrung dir, dem Sein, der Zuflucht aller Welten! Verehrung dir, dem Bewusstsein, dessen Gestalt das Universum ist! Verehrung der nichtdualen Wirklichkeit, die Befreiung schenkt; Verehrung dem alldurchdringenden, eigenschaftslosen Brahman!
30. Du allein bist Zuflucht, du allein das Höchstersehnte, du allein Weltursache und Weltgestalt; du allein erschaffst, erhältst und löst die Welt auf. Du allein bist das Höchste, unbewegt und ohne Unterscheidung.
31. An das Eine denken wir, das Eine wiederholen wir, vor dem Einen als Zeugen der Welt verneigen wir uns. Zu dem einen Sein, dem grundlosen Grund, dem Herrn und Schiff über das Meer des Werdens, nehmen wir Zuflucht.
32. Verehrung dir, höchstes Brahman; Verehrung dir, höchstes Selbst! Verehrung dir, dem Eigenschaftslosen; immer wieder Verehrung dir, dessen Wesen Sein ist!
33. Ob man mit Worten, körperlich oder im Geist verehrt, wie es einem entspricht: Bei der Verehrung des höchsten Herrn ist Reinheit der inneren Haltung vorgeschrieben.
34. Bei der Verehrung des höchsten Herrn gibt es weder Herbeirufung noch Verabschiedung. Überall und zu jeder Zeit kann die Brahman-Praxis ausgeübt werden.
35. Ob gebadet oder ungebadet, nach dem Essen oder hungrig: Mit reinem Geist soll man stets das höchste Selbst verehren.
36. Verehrung dir, wahrer Guru, der du die Fesseln des Werdens löst, die Sicht der Erkenntnis eröffnest und Erfüllung und Befreiung schenkst.
37. Verehrung dem ehrwürdigen Guru, dem höchsten Brahman in Menschengestalt, der Unwissenheit beseitigt und den Kula-Dharma offenbart.
38. Verehrung dir, deren Wesen alle Gestalten sind; immer wieder Verehrung der Trägerin der Welt! Verehrung dir, ursprüngliche Kalika, Schöpferin und Auflöserin!
39. Du Wohnstatt des innersten Selbst aller, du eigenes inneres Licht! Nimm diesen inneren Japa an, Mutter, ursprüngliche Kali; Verehrung dir!
40. Durch seine Wiederholung erlangt man Vollendung, durch Betrachtung seiner Bedeutung Befreiung. Wer dieses Mantra mit seinem Sinn wiederholt, wird schon als verkörpertes Wesen Brahman gleich.
Innere Verehrung und Sammlung
Der Herzlotus wird zum Sitz der Göttin, die Lebenskräfte zur Gabe und heilsame Eigenschaften zu Blumen. Lies die Verse über diese inneren Darbringungen als einen zusammenhängenden Meditationsgedanken. Welche dieser Blumen möchtest du heute im Alltag darbringen?

41. Durch den Yoga des Samadhi erkennen es jene, die überall gleich schauen, die Gegensatzpaare und begrifflichen Unterscheidungen überschritten haben und den Körper nicht länger für das Selbst halten.
42. Das, woraus das Universum entsteht, wodurch es nach seiner Entstehung besteht und worin alles wieder aufgeht, erkenne als Brahman anhand seiner Kennzeichen.
43. Als Duft schenkt man das Erdelement, als Blüte den Raum, als Räucherwerk die Luft, als Licht das Feuer und als Speisegabe das Wasserelement dem höchsten Selbst.
44. Um den Geist zu sammeln, das ersehnte Ziel rasch zu erreichen und die subtile Meditation zu erschließen, lehre ich die Meditation über eine sichtbare Gestalt.
45. Er bietet den Herzlotus als Sitz an, den aus dem Sahasrara strömenden Nektar als Fußwasser und den Geist als Arghya.
46. Derselbe Nektar dient zum Mundspülen und Baden; das Raumelement ist das Gewand, das Duftprinzip die Salbe.
47. Das innere Bewusstsein wird zur Blüte, die Lebenskräfte zum Räucherwerk, das Feuerprinzip zum Licht und das Nektarmeer zur Speisegabe.
48. Der ungeschlagene innere Klang wird zur Glocke, die Luft zum Wedel; die Tätigkeiten der Sinne und die Bewegtheit des Geistes werden zum Tanz.
49. Zur Vollendung der inneren Haltung bringt man vielfältige Blüten dar: Freiheit von Täuschung, Ichbezogenheit, Anhaftung und Hochmut,
50. von Verblendung, Heuchelei, Hass, innerer Erregung, Neid und Gier. Dies sind die zehn Blüten.
51. Die höchste Blüte ist Gewaltlosigkeit; weitere sind Sinnesbeherrschung, Mitgefühl, Geduld und Erkenntnis. Mit diesen fünfzehn Blüten innerer Haltungen soll man verehren.
52. Durch Adyas Gnade entsteht Brahman-Erkenntnis; wer sie besitzt, ist bereits im Leben befreit.
53. Weder große Mühe noch körperliche Peinigung sind erforderlich. Die Praxis der Verehrer Adya Kalis ist ein freudvoll ausführbarer Weg.
54. Allein die Reinigung des Geistes lässt die Mantrapraxis hier Frucht tragen.
55. Richtig ausgeführte Handlung bewirkt Reinigung des Geistes. Zuerst empfange man den Mantra aus dem Mund des Gurus, wie den Brahman-Mantra.
56. Reinheit ist zweifach: äußerlich und innerlich. Das eigene Selbst Brahman darzubringen heißt innere Reinheit.
57. Wozu viele Worte über Reinheit? Der Hausmensch tue, wodurch sein Geist rein wird.
58. Die Sinne verrichten jeweils ihre eigenen Tätigkeiten; das Selbst bleibt unberührter Zeuge. Wer dies erkennt, wird der Befreiung teilhaftig.
59. Mit Studium der Selbstlehre und beständiger Wahrheitserforschung verbringe der Avadhuta seine Zeit und lebe in innerer Freiheit.
60. Erkenntnis entsteht durch Erforschung der Wahrheit und durch wunschloses Handeln bei verständigen Menschen mit geläutertem Inneren, deren Dunkelheit geschwunden ist.
Wahrhaftigkeit, Mitgefühl und Handeln
Wahrheit, freundliche Rede und Fürsorge geben der inneren Ausrichtung eine sichtbare Gestalt. Die Verse sprechen zum Teil aus der historischen Lebensordnung des Werkes. Für die persönliche Betrachtung kann die Frage leiten: Wie wird meine Praxis heute für einen anderen Menschen hilfreich?
61. Wer diesem Dharma folgt, sei wahrhaftig, beherrsche seine Sinne, helfe anderen, bleibe innerlich unerschüttert und sei wohlwollend.
62. Er sei frei von Neid und Heuchelei, mitfühlend und reinen Geistes; er erfreue seine Eltern und diene ihnen hingebungsvoll.
63. Er höre von Brahman, denke über Brahman nach und richte seinen Geist auf dessen Erforschung. Selbstbeherrscht und entschlossen betrachte er alles als unmittelbar Brahman.
64. Der Brahman-Mantra-Übende unterlasse Lügen, Gedanken an die Schädigung anderer und den Verkehr mit der Ehefrau eines anderen.
65. Was dem guten Gelingen des menschlichen Zusammenlebens dient, sollen Brahmankenner tun. Das ist der ewige Dharma.
66. Wer den Kula-Weg durch Wahrheit gereinigt, sinnesbeherrscht, offen und mitfühlend ausübt, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.
67. Wer frei von Gewalt, Neid, Heuchelei und Hass im Kula-Dharma gefestigt ist, wird vom Kali-Zeitalter nicht bedrängt.
68. Für aufrichtige Kula-Praktizierende, frei von Hinterlist und Lüge, die sich dem Wohl anderer verpflichten, wird Kali selbst zum Diener.
69. Wenn Kali offenbar wird, sind alle Stützen des Dharma geschwächt. Allein die Wahrhaftigkeit bleibt bestehen; deshalb werde ganz von Wahrheit erfüllt.
70. Es gibt keinen höheren Dharma als Wahrheit und keine schwerere Verfehlung als Unwahrheit. Deshalb nehme der Mensch mit seinem ganzen Wesen Zuflucht zur Wahrheit.
71. Ohne Wahrheit ist Puja vergeblich, ohne Wahrheit Japa vergeblich, ohne Wahrheit Askese nutzlos – wie Aussaat auf unfruchtbarem Boden.
72. Das höchste Brahman ist Wahrheit; Wahrheit ist die höchste Askese. Alle heiligen Handlungen wurzeln in ihr; nichts steht höher als Wahrheit.
73. Der Hausmensch schütze seine Ehegemeinschaft, ermögliche seinen Kindern Bildung und versorge Angehörige und Freunde. Dies ist ewiger Dharma.
74. Gesegnet, erfolgreich und des höchsten Sinnes kundig ist der Mensch, der in Brahman gegründet und seinem Wort treu ist.
75. Niemals schlage man die Ehefrau; man behüte sie wie die eigene Mutter. Eine rechtschaffene, treue Frau verlasse man selbst in schwerster Not nicht.
76. Durch materielle Fürsorge, Kleidung, Liebe, Achtung und sanfte Worte erfreue man die Ehefrau; man tue ihr nichts Kränkendes.
77. Maßvoll in Nahrung, Schlaf, Rede und Sexualität, ordentlich, bescheiden, rein und geschickt, sei man jeder Aufgabe gewachsen.
78. Eigene Berühmtheit, Heldentaten, anvertraute Geheimnisse und geleistete Wohltaten soll ein Dharmakundiger nicht zur Schau stellen.
79. Mit Bemühen erwerbe man Bildung, Wohlstand, guten Ruf und Tugend; Laster, schlechte Gesellschaft, Lüge und Schädigung anderer gebe man auf.
80. Handlungen müssen zur Lage und zum Zeitpunkt passen. Deshalb handle man nach Prüfung beider.
81. Sinnesbeherrscht, heiter, umsichtig, entschlossen, aufmerksam und vorausschauend prüfe man die Sinneseindrücke.
82. Der Besonnene spreche wahr, sanft, freundlich und hilfreich. Eigenlob und Herabsetzung anderer vermeide er.
83. Wer Wasserstellen anlegt, Bäume pflanzt, Raststätten am Weg und Brücken errichtet, hat die drei Welten gewonnen.
84. Wer Wahrheit gelobt, Bedürftigen Mitgefühl schenkt und Begehren und Zorn beherrscht, hat die drei Welten gewonnen.
85. Wer die Frauen anderer nicht begehrt, fremdes Eigentum nicht verlangt und frei von Heuchelei und Neid ist, hat die drei Welten gewonnen.
86. Der Wissende, der überall gleich schaut und zum Gelingen des Zusammenlebens handelt, hat die drei Welten gewonnen.
87. Die Welt wird vom höchsten Herrn beschützt; ihre Zerstörer gehen zugrunde. Der Weltenherr schützt ihre Beschützer: Deshalb wirke zum Wohl der Welt.
88. Dieses vortreffliche Wasser habe ich allen Wesen überlassen. Mögen alle Wesen durch Baden, Trinken und Eintauchen Erquickung finden.
89. Kaulas, die im Shiva-Dharma ruhen, sind heilige Orte und von Shivas Wesen. Sie sollen einander mit Zuneigung, Vertrauen und Liebe ehren und achten.
Selbsterkenntnis, Loslassen und Befreiung
Gedanken, Empfindungen und Lebensumstände verändern sich. Die folgenden Verse richten den Blick auf das Selbst, das als ihr unberührter Zeuge beschrieben wird. Lass die Bilder von Sonne, Spiegelung und Raum langsam wirken; sie wollen zur eigenen Erforschung anregen.

90. Wie man durch eiserne und auch durch goldene Fesseln gebunden wird, so wird das Lebewesen durch unheilsame und heilsame Handlungen gebunden.
91. Mag jemand unablässig handeln und hundert Mühen auf sich nehmen: Solange er keine Erkenntnis findet, erlangt er keine Befreiung.
92. Von Brahma bis zum Grashalm ist die Welt durch Maya gestaltet. Allein das höchste Brahman ist wirklich. Wer dies erkennt, wird glücklich.
93. Wer Namen und Formen loslässt und im ewigen, unbewegten Brahman die Wahrheit gewiss erkannt hat, ist von der Bindung durch Karma frei.
94. Nicht durch Japa, Feueropfer oder Hunderte von Fastenübungen kommt Befreiung. Der verkörperte Mensch wird frei, indem er erkennt: „Ich bin Brahman selbst.“
95. Das Selbst ist Zeuge, alldurchdringend, vollkommen, wirklich, nichtdual und das Höchste über allem Höchsten. Obwohl es im Körper ist, ist es nicht an den Körper gebunden. Wer dies erkennt, erlangt Befreiung.
96. Wer alle Vorstellungen von Formen, Namen und anderem wie Kinderspiel hinter sich lässt und in Brahman ruht, ist befreit; daran besteht kein Zweifel.
97. Das Höchste ist das unmittelbare Sein in Brahman; die Haltung der Meditation steht in der Mitte. Lobpreis und Mantrawiederholung stehen darunter, äußere Verehrung noch darunter.
98. Dieses Selbst ist immer frei und bleibt von allen Dingen unberührt. Was könnte es binden? Warum begehren Unverständige seine Befreiung?
99. Wie der Raum außerhalb und innerhalb aller Dinge ist, so leuchtet das Selbst seinem Wesen nach als Sein und als Zeuge.
100. Für das Selbst gibt es weder Kindheit noch Alter, weder Jugend noch Geburt. Es ist stets von derselben Natur, reines Bewusstsein und frei von Veränderung.
101. Wie man die Sonne in vielen wassergefüllten Schalen vielfach sieht, so erblickt man durch Maya das eine Selbst in den Körpern als vielfältig.
102. Wie man die Unruhe des Wassers dem darin gespiegelten Mond zuschreibt, so sehen Unkundige die Unruhe des Denkens im Selbst.
103. Wie der Raum im Krug derselbe bleibt, wenn der Krug zerbricht, so leuchtet das Selbst unverändert, wenn der Körper vergeht.
104. Diese Erkenntnis des Selbst, Göttin, ist das höchste und unmittelbare Mittel zur Befreiung. Wer sie besitzt, ist schon hier frei. Wahrlich, wahrlich, daran besteht kein Zweifel.
105. Nicht durch Werke, Nachkommenschaft oder Reichtum wird man frei. Indem der Mensch durch das Selbst das Selbst erkennt, wird er befreit.
106. Erkenntnis, Erkanntes und Erkennender erscheinen durch Maya als Dreiheit. Wird diese Dreiheit erforscht, bleibt allein das eine Selbst übrig.
107. Erkenntnis ist das Selbst als Bewusstsein; das Erkannte ist das Selbst, von Bewusstsein erfüllt; der Erkennende ist das Selbst selbst. Wer dies weiß, ist ein Kenner des Selbst.
108. Er handle ohne Anhaften, wie Wasser auf einem Lotusblatt, und bemühe sich, sich durch die Unterscheidung der Wahrheit zu erheben.
Konkordanz der 108 Verse
Die erste Zahl bezeichnet die Auswahl, die zweite Kapitel und Vers des Mahanirvana Tantra.
| Auswahl | Grundtext | Auswahl | Grundtext | Auswahl | Grundtext |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | 1.16 | 37 | 5.32 | 73 | 8.35 |
| 2 | 2.33 | 38 | 5.35 | 74 | 8.38 |
| 3 | 2.34 | 39 | 5.156 | 75 | 8.39 |
| 4 | 2.35 | 40 | 14.163 | 76 | 8.42 |
| 5 | 2.36 | 41 | 3.8 | 77 | 8.52 |
| 6 | 2.38 | 42 | 3.9 | 78 | 8.56 |
| 7 | 2.40 | 43 | 3.52 | 79 | 8.58 |
| 8 | 2.46 | 44 | 5.139 | 80 | 8.59 |
| 9 | 2.48 | 45 | 5.143 | 81 | 8.61 |
| 10 | 2.50 | 46 | 5.144 | 82 | 8.62 |
| 11 | 2.51 | 47 | 5.145 | 83 | 8.63 |
| 12 | 4.10 | 48 | 5.146 | 84 | 8.65 |
| 13 | 4.14 | 49 | 5.147 | 85 | 8.66 |
| 14 | 4.15 | 50 | 5.148 | 86 | 8.69 |
| 15 | 4.24 | 51 | 5.149 | 87 | 12.129 |
| 16 | 4.27 | 52 | 7.89 | 88 | 13.162 |
| 17 | 4.28 | 53 | 7.90 | 89 | 14.190 |
| 18 | 4.31 | 54 | 7.91 | 90 | 14.110 |
| 19 | 4.32 | 55 | 7.93 | 91 | 14.111 |
| 20 | 4.34 | 56 | 8.70 | 92 | 14.113 |
| 21 | 3.16 | 57 | 8.74 | 93 | 14.114 |
| 22 | 3.31 | 58 | 8.278 | 94 | 14.115 |
| 23 | 3.34 | 59 | 8.282 | 95 | 14.116 |
| 24 | 3.35 | 60 | 14.112 | 96 | 14.117 |
| 25 | 3.36 | 61 | 3.99 | 97 | 14.122 |
| 26 | 3.50 | 62 | 3.100 | 98 | 14.127 |
| 27 | 3.51 | 63 | 3.101 | 99 | 14.129 |
| 28 | 3.56 | 64 | 3.102 | 100 | 14.130 |
| 29 | 3.59 | 65 | 3.104 | 101 | 14.132 |
| 30 | 3.60 | 66 | 4.57 | 102 | 14.133 |
| 31 | 3.63 | 67 | 4.61 | 103 | 14.134 |
| 32 | 3.74 | 68 | 4.67 | 104 | 14.135 |
| 33 | 3.75 | 69 | 4.73 | 105 | 14.136 |
| 34 | 3.77 | 70 | 4.75 | 106 | 14.138 |
| 35 | 3.78 | 71 | 4.76 | 107 | 14.139 |
| 36 | 5.31 | 72 | 4.77 | 108 | 14.153 |
Mantras und Rezitationsformeln
Die folgenden Formeln sind im Grundtext vollständig ausgesprochen oder mit ihren vollständigen Wörtern eindeutig angegeben. Verschlüsselte Bija-Reihen und unsichere Lautfolgen sind hier nicht zu neuen Mantras ergänzt. Japa verbindet hörbaren oder inneren Klang mit dem Verständnis des Sinnes; 3.31 warnt vor einer rein mechanischen Wiederholung. Für eine traditionsgebundene Sadhana gehört die Unterweisung durch einen Guru zum Zusammenhang der Praxis.
Om Tat Sat — Ausrichtung aller Handlungen
ॐ तत् सत्
oṃ tat sat
Bedeutung: „Om. Das ist das Wirkliche.“ Tat verweist auf das nicht begrenzbare Höchste; Sat bedeutet Sein, Wirklichkeit und Wahrheit.
In 14.152–165 wird diese kurze Formel als Essenz des Weges gepriesen. Sie kann die Erinnerung daran tragen, dass eine Handlung nicht allein dem begrenzten Ich gehört. Der Text unterscheidet ausdrücklich zwischen bloßer Wiederholung und der befreienden Betrachtung ihres Sinnes (14.163).
Brahman-Mantra — das eine Sein und Bewusstsein
ॐ सच्चिदेकं ब्रह्म
oṃ saccidekaṃ brahma
Bedeutung: „Om. Brahman ist Sein, Bewusstsein, das Eine.“
3.12 nennt nacheinander Pranava, sat, cit, ekam und brahma; 3.13 beschreibt ihre Lautverbindung. Die zusammenhängende Form folgt diesen ausdrücklich genannten Wörtern. 3.33–35 entfalten ihren Sinn: das immer Bleibende, Bewusstsein und das Eine ohne Zweites. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den gemeinsamen Grund aller Erfahrungen.

Brahman ist die Darbringung
ब्रह्मार्पणं ब्रह्महविर्ब्रह्माग्नौ ब्रह्मणा हुतम् ।
ब्रह्मैव तेन गन्तव्यं ब्रह्मकर्मसमाधिना ॥
brahmārpaṇaṃ brahmahavirbrahmāgnau brahmaṇā hutam |
brahmaiva tena gantavyaṃ brahmakarmasamādhinā ||
Bedeutung: Brahman ist die Darbringung, Brahman die Opfergabe; durch Brahman wird sie in das Feuer Brahmans geopfert. Brahman allein erreicht, wer in der Handlung ganz auf Brahman gesammelt ist.
Diese Formel steht in 3.56 und ist auch aus der Bhagavad Gita 4.24 bekannt. Sie löst die scheinbar festen Grenzen zwischen gebendem Menschen, Gabe, Empfänger und Handlung in der Betrachtung des einen Grundes auf. Im Mahanirvana Tantra begleitet sie die Darbringung der bereitgestellten Gaben.
Verehrung des höchsten Selbst
नमस्ते परमं ब्रह्म नमस्ते परमात्मने ।
निर्गुणाय नमस्तुभ्यं सद्रूपाय नमो नमः ॥
namaste paramaṃ brahma namaste paramātmane |
nirguṇāya namastubhyaṃ sadrūpāya namo namaḥ ||
Bedeutung: Verehrung dir, höchstes Brahman; Verehrung dir, höchstes Selbst! Verehrung dir, dem Eigenschaftslosen; immer wieder Verehrung dir, dessen Wesen Sein ist!
Das Gebet aus 3.74 verbindet Bhakti mit nichtdualer Erkenntnis. Die Verneigung kann als Loslassen des Anspruchs verstanden werden, das Ganze vom begrenzten Ich aus beherrschen zu müssen.
Verehrung des wahren Gurus
भवपाशविनाशाय ज्ञानदृष्टिप्रदर्शिने ।
नमः सद्गुरवे तुभ्यं भुक्तिमुक्तिप्रदायिने ॥
bhavapāśavināśāya jñānadṛṣṭipradarśine |
namaḥ sadgurave tubhyaṃ bhuktimuktipradāyine ||
Bedeutung: Verehrung dir, wahrer Guru, der du die Fesseln des Werdens löst, die Sicht der Erkenntnis eröffnest und Erfüllung und Befreiung schenkst.
5.31 beschreibt die Aufgabe des Sadguru vom Ziel her: Bindung lösen und Einsicht eröffnen. Der Vers kann Dankbarkeit für empfangene Unterweisung ausdrücken und zugleich daran erinnern, woran geistige Führung zu messen ist.
Verehrung Adya Kalis
नमः सर्वस्वरूपिण्यै जगद्धात्र्यै नमोनमः ।
आद्यायै कालिकायै ते कर्त्र्यै हर्त्र्यै नमोनमः ॥
namaḥ sarvasvarūpiṇyai jagaddhātryai namonamaḥ |
ādyāyai kālikāyai te kartryai hartryai namonamaḥ ||
Bedeutung: Verehrung derjenigen, deren Wesen alle Gestalten sind; immer wieder Verehrung der Trägerin der Welt. Dir, der ursprünglichen Kalika, der Schöpferin und Auflöserin, immer wieder Verehrung.
Die Formel aus 5.35 würdigt die Göttin in Entstehen und Vergehen. Hingabe richtet sich nicht nur auf das Angenehme, sondern auf den tragenden Grund des ganzen Lebens.
Tryambaka-Mantra — Befreiung aus der Todesbindung
ॐ त्र्यम्बकं यजामहे सुगन्धिं पुष्टिवर्द्धनम् ।
उर्वारुकमिव बन्धनान्मृत्योर्मुक्षीय माऽमृतात् ॥
oṃ tryambakaṃ yajāmahe sugandhiṃ puṣṭivarddhanam |
urvārukamiva bandhanānmṛtyormukṣīya mā'mṛtāt ||
Bedeutung: Om. Wir verehren den Dreiäugigen, den Wohlriechenden, der Gedeihen mehrt. Wie eine reife Gurkenfrucht sich von ihrer Bindung löst, möge ich vom Tod befreit werden, nicht aber von der Unsterblichkeit.
Das auch als Mahamrityunjaya Mantra bekannte Gebet steht vollständig in 5.210. Das Bild der sich lösenden Frucht lädt zu Vertrauen und innerer Loslösung ein. Die erbetene Unsterblichkeit ist im Befreiungshorizont des Tantra zu betrachten; sie ist keine Zusage körperlicher Unverwundbarkeit.
Anregung zur Betrachtung
Lesen – verweilen – leben
Wähle einen Vers, der dich anspricht, und lies ihn zweimal langsam. Beim ersten Mal nimm die Aussage auf; beim zweiten Mal achte darauf, welches Wort oder Bild in dir nachklingt. Lass danach eine kurze Stille zu. Du musst nichts Besonderes erleben. Eine schlichte, aufmerksame Gegenwart genügt als Anfang.
Frage dich dann: Was bedeutet dieser Vers in einer konkreten Situation meines Lebens? Bei einem Vers über Mitgefühl kann es um Zuhören gehen; bei Wahrhaftigkeit um eine ehrliche Antwort; bei Loslassen um die Bereitschaft, ein Ergebnis nicht kontrollieren zu können. So begegnen sich Betrachtung und Karma Yoga.
Wenn du ein vertrautes Mantra wiederholst, verbinde den Klang mit seinem Sinn. Kehre bei Abschweifungen ruhig zu ihm zurück. Lass die Wiederholung in eine kurze Stille münden und widme die Frucht deiner Übung dem Wohl aller Wesen. Diese Lese- und Betrachtungsanregungen greifen Motive des Tantra auf; sie sind keine zusätzlichen Verse oder überlieferten Ritualvorschriften.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Die Blume der Geduld, von der du morgens liest, kann am Nachmittag in einem Gespräch aufblühen. Der Gedanke an das eine Selbst kann dich daran erinnern, einem Menschen mit größerer Achtung zu begegnen. Darin liegt eine stille Frucht des Schriftstudiums: Das Erkannte beginnt, das gelebte Leben zu durchdringen.
Siehe auch
Mahanirvana Tantra · Mahanirvana Tantra Sanskrit IAST · Mahanirvana Tantra Sanskrit Devanagari · Japa · Bhakti · Jnana Yoga · Kularnava Tantra · Vijnana Bhairava Tantra
Seminare
Kundalini Yoga und tantrische Praxis
- 25.10.2026 - 30.10.2026 Kundalini Yoga Meditation Kursleiter Ausbildung
Kundalini Yoga Meditationen sind ein faszinierendes weites Gebiet, dessen Potential noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Kundalini Meditationen kön…- Adishakti Stein, Viveka Wilde
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- 26.12.2026 - 02.01.2027 Indische Rituale Ausbildung
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- 01.01.2027 - 10.01.2027 Yogalehrer Weiterbildung Intensiv A1 - Jnana Yoga und Vedanta
Kompakte, vielseitige Weiterbildung für Yogalehrer rund um Jnana Yoga und Vedanta.
Tauche tief ein ins Jnana Yoga und Vedanta, studiere die indischen S…- Vedamurti Dr Olaf Schönert
Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung
Grundlage ist der Sanskrit-Grundtext des Mahānirvāṇatantra, Muktabodha-Katalog M00049, nach Arthur Avalons Ausgabe der Tantrik Texts, Band 13 (1926), mit dem Kommentar Hariharananda Bharatis. Der E-Text wurde unter der Leitung von Mark S. G. Dyczkowski erfasst. Die vierzehn Kapitel bilden den Purvardha, die erste Hälfte; die im Schlusskapitel erwähnte zweite Hälfte gehört nicht zu dieser Grundlage. Der Kommentar ist nicht Teil der hier wiedergegebenen Grundverse.
Die 108 Verse sind eine thematische Auswahl aus der eigenständigen deutschen Übersetzung unter Mahanirvana Tantra. Ihre ursprünglichen Stellen weist die Konkordanz nach. Die Mantras stammen aus dem Grundtext; beim Brahman-Mantra werden die in 3.12–13 ausdrücklich genannten vollständigen Wörter verbunden. Die Betrachtungsimpulse sind heutige Erläuterungen. Ausführliche Angaben zu Lesungen und Verszählung stehen unter Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung.
Rechtehinweis: Der Muktabodha-E-Text nennt die Lizenz Creative Commons Namensnennung–Nicht kommerziell 4.0. Diese Quellen- und Lizenzangabe ist bei Weitergabe der darauf beruhenden Sanskrit-Lesefassungen und Bearbeitungen zu erhalten; eine Freigabe für kommerzielle Nutzung wird damit nicht erklärt. Gegenüber dem E-Text bestehen die oben beschriebenen redaktionellen Änderungen sowie die deutsche Übersetzung und die Auswahl der Praxisverse.