Dvandvamoha

dvandvamoha (Sanskrit: dvandvamoha m.) = die Täuschung durch Gegensatzpaare wie Freude und Leid, Licht und Dunkelheit usw.
Der Sanskrit-Ausdruck „dvandvamoha“ setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: „dvandva“ bedeutet „Paar, Gegensatzpaar, Dualität“ und „moha“ heißt „Täuschung, Verblendung, Verwirrung“. Wörtlich übersetzt meint dvandvamoha also die „Täuschung durch Gegensatzpaare“ oder die „Verblendung, die aus der Fixierung auf Dualitäten entsteht“. Es bezeichnet den geistigen Zustand, in dem du die Welt ausschließlich durch das Raster von Gegensätzen wahrnimmst – wie heiß und kalt, Lust und Schmerz, Gewinn und Verlust, Lob und Tadel, Erfolg und Misserfolg – und dabei vergisst, dass dahinter eine einheitliche, transzendente Wirklichkeit liegt.
Im Hinduismus und in der yogischen Spiritualität gilt dvandvamoha als eine der Hauptursachen für Leiden und innere Unfreiheit. Solange du glaubst, dass diese Gegensätze absolut und endgültig sind, wirst du zwischen Anziehung und Abstoßung hin und her gerissen. Dein Geist klammert sich an angenehme Erfahrungen und wehrt sich gegen unangenehme – und genau diese innere Spannung erzeugt Unruhe, Angst und Unzufriedenheit. Die Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus, spricht immer wieder davon, über die Gegensätze hinauszugehen. Krishna sagt zu Arjuna: „Sei frei von den Gegensatzpaaren, o Held, und bleibe standhaft in der Reinheit des Seins.“ (Bhagavad Gita 2.45, frei wiedergegeben). Wer dvandvamoha überwindet, erkennt, dass Hitze und Kälte, Freude und Leid nur vorübergehende Erscheinungen sind, die das unveränderliche Selbst nicht berühren.
In der Yogapraxis begegnet dir dvandvamoha zum Beispiel auf der Matte, wenn du eine herausfordernde Haltung wie die Heuschrecke hältst. Vielleicht denkst du: „Diese Asana ist unangenehm, ich will sie beenden“ – das ist die Fixierung auf das Gegensatzpaar Lust/Unlust. Oder du vergleichst dich mit anderen: „Der kann die Vorbeuge tiefer, ich bin schlechter“ – das ist die Verblendung durch das Paar besser/schlechter. Ein erfahrener Yogalehrer könnte dich dann daran erinnern, einfach zu atmen und die Empfindungen kommen und gehen zu lassen, ohne sie zu bewerten. Du lernst, Zeuge deiner Erfahrung zu sein, anstatt dich mit den wechselnden Polen zu identifizieren. Auch in der Meditation taucht dvandvamoha auf, wenn du denkst: „Jetzt habe ich eine gute Meditation, jetzt eine schlechte“ – in Wahrheit ist jedes Erleben nur eine Welle im Ozean des Bewusstseins.
Ein Zitat von Swami Vivekananda, einem der großen indischen Lehrer des Yoga, bringt die Überwindung von dvandvamoha auf den Punkt: „Wenn du gelernt hast, in allen Gegensätzen gleichmütig zu bleiben, wenn Freud und Leid, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage dich nicht mehr erschüttern, dann hast du die erste Stufe der Freiheit erreicht.“ Für dich im Alltag bedeutet das: Du musst nicht alle Gegensätze abschaffen, sondern deine innere Haltung zu ihnen verändern. Du darfst den Regen genießen, ohne die Sonne zu verfluchen, und den Schmerz annehmen, ohne die Freude zu vergöttern. Indem du dvandvamoha durchschaust, findest du zu einer tiefen Gelassenheit, die jenseits aller Polaritäten zu Hause ist.