Tasten
Tasten ist eine der fünf Indriyas und meint nicht nur das sinnliche Fühlen mit der Haut.
Im Yoga bezeichnet „tasten“ bzw. „ertasten“ (wörtlich: mit den Händen fühlen, aber auch sinnbildlich) zwei eng verwandte Bedeutungen: einerseits das physische Wahrnehmen des Körpers und seiner Grenzen durch berührende Aufmerksamkeit, andererseits eine feinere, innere Form des Erkundens von Empfindungen, Befindlichkeiten und subtilem Erleben.
Körperliche Ebene
Ertasten meint das bewusste Abtasten von Muskeln, Gelenken, Puls, Faszien oder energetischen Punkten (z. B. Chakras) zur Wahrnehmung von Spannung, Verkürzung, Schmerz oder Entspannung. Lehrer oder Praktizierende nutzen Hands-on, Selbsterforschung oder sanfte Tests, um Haltungsmuster zu erkennen und Asana‑Anpassungen vorzunehmen.
Interozeptive / wahrnehmende Ebene
Ertasten heißt, mit achtsamer Innerlichkeit subtile Empfindungen zu erkunden — Körperempfindungen, Atemfluss, Temperatur, innere Bewegungen. Ziel ist nicht mechanische Analyse, sondern feinfühlige Präsenz: Unterschied zwischen Spannung und Loslassen wird „ertastet“, so dass gezielte Veränderung möglich wird.
Energetische / subtiltheoretische Ebene
In tantrischen bzw. Kundalini‑Orientierungen kann ertasten das Wahrnehmen feiner Energiebewegungen (prana, nadis) bedeuten, oft begleitet von Visualisierung oder sanfter Berührung an bestimmten Punkten zur Aktivierung oder Harmonisierung.
Funktion im Übungsprozess
Ertasten schärft Körperbewusstsein, verhindert Überdehnung, fördert sichere Ausrichtung, unterstützt therapeutische Arbeit und vertieft die Achtsamkeit. Es verbindet äußere Form mit innerem Erleben und macht Veränderungen in Haltung und Atem unmittelbar spürbar.
Kurz: Im Yoga ist „tasten/ertasten“ ein bewusstes, oft achtsames Fühlen — physisch, innerlich und manchmal energetisch — mit dem Ziel, Körper‑Geist‑Zustände zu erkennen, sicher zu korrigieren und vertiefte Präsenz zu entwickeln.