Devyamata

Aus Yogawiki

Devyamata (Sanskrit: Devyāmata) ist eine Sanskritschrift der frühen Śaiva-Siddhānta-Tradition über die Gestaltung, Weihe und Pflege heiliger Orte und Kultbilder. Im Mittelpunkt stehen Shiva, sein Lingam, bildhafte Gottesdarstellungen und der Tempel als Ort lebendiger Verehrung. Das Werk gehört zu den Pratiṣṭhātantras: Schriften, die erklären, wie ein Heiligtum errichtet, eingeweiht und seinem religiösen Zweck entsprechend erhalten wird.

Shiva: Ihm gelten die Verehrung und die Bitte um Frieden im Devyāmata.

Wie wird ein Ort zu einem Heiligtum? Das Devyāmata entfaltet seine Antwort im Zusammenspiel von Raum, Mantra und Hingabe. Der Boden wird vorbereitet, die Mitte bestimmt, die Gottheit verehrt. Zugleich übernehmen Menschen Verantwortung für das, was ihnen heilig ist. Selbst die Erneuerung eines beschädigten Kultbildes geschieht mit Sorgfalt, Gebet und der Bitte um göttlichen Beistand.

Für Yoga-Aspiranten liegt darin ein berührender Zugang: Auch die Vorbereitung eines Ortes und die Fürsorge für ihn können Ausdruck spiritueller Ausrichtung sein. Wer einen Meditationsplatz pflegt, eine Blume darbringt oder einen anderen Menschen in seiner Praxis unterstützt, kann das mit wacher Aufmerksamkeit tun. Diese heutige Anregung findet im Devyāmata einen besonderen Bezugspunkt: Am Ende des beschriebenen Erneuerungsrituals steht die Bitte um Gnade und Frieden für die Menschen (64.52).

Das umfangreiche Werk ist heute vor allem durch einzelne edierte und erforschte Teile erschlossen. Hier führen die Kapitel über Raumordnung, Bauplatzritual und die Erneuerung von Kultbildern in seine Gedankenwelt ein. 24 ausgewählte Sanskritverse mit deutscher Übersetzung und Erläuterung machen diese Themen unmittelbar zugänglich. Die Auswahl ist keine Gesamtausgabe.

Was Yoga-Aspiranten aus dem Devyamata lernen können

Ein bewusst gestalteter Übungsplatz kann helfen, aus der Zerstreuung in die Sammlung zu kommen. Das Devyāmata richtet sich zwar an eine spezialisierte Tempel- und Ritualtradition. Einige seiner Anliegen lassen sich jedoch als Anregungen für die eigene Sadhana verstehen:

  • Einem Ort Aufmerksamkeit schenken: Der Text ordnet den Bauplatz und seine Mitte sorgfältig (76.1–3). Für heutige Übende kann ein einfacher, regelmäßig gepflegter Meditationsplatz eine ähnliche Erinnerungsfunktion erfüllen.
  • Sich auf Verehrung vorbereiten: Reinheit, Baden und gefasste Haltung gehören zur rituellen Vorbereitung (82.7). Die heutige Übertragung besteht in einem bewussten Übergang vom Alltag zur Praxis.
  • Handeln und Mantra verbinden: Mantras stehen in einem konkreten Zusammenhang mit rituellen Handlungen (82.5–6). Eine vertraute Rezitation kann auch heute helfen, mit der Aufmerksamkeit bei der Verehrung zu bleiben.
  • Menschen hinter dem Heiligtum sehen: Das Devyāmata fordert ausdrücklich, auch die mit vorbereitenden Arbeiten Beschäftigten zu würdigen (82.13). Ein spiritueller Ort lebt von ihrem Dienst.
  • Äußere Form und göttliche Gegenwart unterscheiden: Die Erneuerung eines beschädigten Kultbildes geschieht im Gespräch mit der Gottheit (64.24–27). Die Verehrung erschöpft sich nicht im Festhalten an einem Gegenstand.
  • Die eigene Praxis dem Wohl anderer öffnen: Die Bitte um Frieden schließt Auftraggeber, Herrscher und Bevölkerung ein (64.52). Daraus lässt sich eine weite, mitfühlende Ausrichtung der eigenen Praxis gewinnen.

Diese Übertragungen sind heutige Praxisanregungen, keine im Devyāmata vorgeschriebene Anleitung für einen privaten Altar. Die komplexen Weihe- und Erneuerungsrituale gehören in den Zusammenhang qualifizierter ritueller Leitung.

Devyamata und die Shaiva-Siddhanta-Tradition

Werkgestalt und historische Einordnung

Das Devyāmata ist als Lehrgespräch zwischen Devi, der Göttin, und Shiva gestaltet. Beispielsweise fragt die Göttin zu Beginn von Kapitel 64 nach dem Umgang mit beschädigten Kultgegenständen; der Herr antwortet mit einer ausführlichen Unterweisung. Der Titel bezeichnet hier eine Śaiva-Ritualschrift und ist nicht mit dem Devi Mahatmya zu verwechseln.

Das Werk umfasst nach der in der Forschung verwendeten Gliederung ungefähr 106 Kapitel. Die Zahl ist nicht völlig fest, da die Kapitelgrenzen in der Überlieferung nicht überall eindeutig sind. Die vorderen Kapitel betreffen vor allem Lingam und Kultbild, die hinteren ausführlich den Tempel. Eine Handschrift ist auf 1060 n. Chr. datiert. Das belegt die Existenz des Werkes im 11. Jahrhundert, nicht seine Entstehung in diesem Jahr. Einzelne architektonische Inhalte können älteres Material bewahren; eine einheitliche, sicher feststehende Frühdatierung des gesamten Werkes lässt sich daraus nicht gewinnen.[1]

Für die Geschichte des Shaiva Siddhanta ist das Devyāmata ein Zeugnis einer frühen, außerhalb des tamilischen Südens überlieferten Tempeltradition. Es erweitert damit den Blick über die besonders bekannten südindischen Agama-Überlieferungen hinaus. Libbie Mills stellt seine Tempelvorschriften gemeinsam mit denen fünf weiterer früher Śaiva-Schriften vor. Diese Texte sind für ältere Bauformen wichtig; sie dürfen nicht einfach als Beschreibungen aller späteren indischen Tempel gelesen werden.[2]

Ein Ritualtext mit spirituellem Horizont

Die hier ausgewählten Kapitel zeigen, wie Verehrung praktisch Gestalt erhält: im geordneten Raum, in der Vorbereitung der Menschen, in Puja, Mantra und verantwortlicher Pflege. Wer sich vor allem mit Yoga und Moksha, der Befreiung, beschäftigt, begegnet hier einer ergänzenden Perspektive: der Sorge für die Orte und Formen gemeinsamer Gottesverehrung.

Der rituelle Lehrer trägt dabei besondere Verantwortung. Der Text verlangt Kenntnis der Weihevorschriften und der Śiva-Schriften (64.17; 82.10). Guru, Unterweisung und Einweihung gehören zum weiteren tantrischen Traditionszusammenhang. Die ausgewählten Kapitel richten den Blick besonders auf die Sachkenntnis und Haltung, mit denen die übernommene Aufgabe ausgeführt wird.

Tempel und heiliger Raum

Der heilige Raum beginnt im Devyāmata bereits vor der Errichtung des Gebäudes. Der Bauplatz wird vermessen, in Felder geteilt und den Gottheiten zugeordnet. Kapitel 76 beschreibt unter anderem ein Raster von 9 × 9 und eines von 8 × 8 Feldern. Im ersten nimmt Brahma neun mittlere Felder ein, im zweiten vier. Mitte und Umgebung erhalten dadurch eine religiöse Beziehung zueinander (76.1–3, 76.18).

Die zugängliche Kapitelgruppe 76–86 behandelt unter anderem:

  • die Verteilung der Gottheiten auf dem Bauplatz;
  • ihre Zuordnung zum vorgestellten Körper des Platzes;
  • Linien, empfindliche Punkte und Schnittstellen;
  • die Untersuchung des Baugrundes und störender Einschlüsse;
  • das Auslegen der Messschnüre und das Bauplatzritual;
  • Aushub, Stein- beziehungsweise Ziegelsetzung sowie Fundament und Sockel.[3]

In diesen Vorbereitungen wird eine Haltung sichtbar: Dem Ort der Verehrung gebührt Aufmerksamkeit. Schon das Vermessen und Bereitlegen gehört zum Weg auf die Zeremonie hin. Für die heutige Praxis kann dies bedeuten, auch das Reinigen eines Raumes oder das Ausbreiten des Meditationssitzes bewusst zu erleben. Die Hände werden tätig, während der Geist allmählich zur Ruhe kommt. Eine kleine Aufgabe kann so zum Übergang in die Sammlung werden.

Pratishtha und göttliche Gegenwart

Pratiṣṭhā bezeichnet hier die rituelle Einsetzung und Weihe eines Kultbildes beziehungsweise Heiligtums. Ihre Bedeutung erschließt sich besonders anschaulich aus dem Gegenstück: Was geschieht, wenn die bestehende Form beschädigt ist und ersetzt werden muss?

Kapitel 64 behandelt jīrṇoddhāra, das Herausnehmen eines schadhaft gewordenen Kultgegenstandes im Rahmen seiner Erneuerung. Der zuständige Lehrer trägt Shiva den Zustand des Lingams vor (64.24), bittet um Beistand (64.26) und handelt nach erbetener Zustimmung (64.27). Äußere Arbeit und religiöse Beziehung bleiben verbunden.

Der Text enthält auch Warnungen vor unheilvollen Folgen beschädigter Kultbilder und fehlerhafter Verfahren. Sie gehören zu seinem historischen religiösen Weltbild. Daraus folgt keine Aussage, dass ein kleiner Schaden an einem privaten Andachtsbild heute Unglück verursache. Für die Lektüre ist vielmehr bedeutsam, wie ernst der Text die Verantwortung für einen öffentlich verehrten Kultgegenstand nimmt.

Die Gegenwart der Gottheit wird in dieser Tradition als rituelle Wirklichkeit verstanden. Deshalb wird Shiva angesprochen, um Zustimmung gebeten und in die Handlung einbezogen. Für den Verehrenden ist das Heiligtum ein Ort der Beziehung: Hier kann er sich verneigen, danken und sein Anliegen vor Gott bringen. Eine ergänzende symbolische Lesart kann diese Hinwendung erschließen, ohne den religiösen Anspruch des Werkes darauf zu begrenzen.

Murti, Lingam und Kultbild

Ein Lingam als Gegenstand der Shiva-Verehrung. Das Devyāmata behandelt sowohl Lingams als auch bildhafte Gottesdarstellungen.

Mūrti ist eine geläufige Bezeichnung für die verehrbare Gestalt einer Gottheit. In Kapitel 64 des Devyāmata begegnet insbesondere pratimā für die figürliche Darstellung. Die Anfangsverse unterscheiden nichtfigürliche und mit Gesichtern versehene Lingams sowie vollständig figürliche Darstellungen (64.3–5). Liṅga wird dort teilweise weiter gefasst als im heutigen Sprachgebrauch.

Für das Verständnis ist entscheidend: Nicht jede Gestalt trägt dieselbe Funktion, und nicht jeder Gegenstand wird gleich behandelt. Material, Form, Zustand und rituelle Einsetzung gehören zum Zusammenhang des Kultbildes. Die beiden von Anna A. Ślączka untersuchten ikonographischen Kapitel sind deshalb auch für die Kunstgeschichte bedeutsam; ihre Untersuchung bezieht die Kunst Bengalens ein.[4]

Als Anregung für die eigene Andacht kann ein Kultbild zum bewussten Innehalten einladen. Der Blick ruht auf der Gestalt; die Erinnerung wendet sich Shiva zu. Vielleicht entsteht Dankbarkeit, vielleicht ein stilles Gebet. Dabei muss kein besonderes Gefühl erzwungen werden. Schon die aufrichtige Hinwendung kann der Verehrung Tiefe geben.

Mandala und sakrale Ordnung

Ein Maṇḍala ist im hier behandelten Zusammenhang eine rituell geordnete Fläche. Es muss weder rund sein noch ein frei gestaltetes Meditationsbild. Das Devyāmata kennt ausdrücklich quadratische Anordnungen: Kapitel 82.32 beschreibt ein mit ungebrochenen Reiskörnern angelegtes Quadrat, in dem die Erde als Trägerin der Welt verehrt wird.

Das Vāstu-Raster verbindet den konkreten Bauplatz mit einer umfassenderen göttlichen Ordnung. Kapitel 79.8 spricht vom vāstudeha, dem Körper des Platzes, mit Kopf, Gesicht, Nabel, Brust und Herz. Gemeint ist eine sakrale Zuordnung innerhalb der Baulehre. Sie ist nicht ohne Weiteres mit den Chakras des menschlichen Körpers gleichzusetzen.

Auch ratnanyāsa, das rituelle Niederlegen von Edelsteinen, gehört zum erschlossenen Themenkreis. Anna A. Ślączka hat diesem Verfahren im Devyāmata eine eigene Untersuchung gewidmet.[5] Daraus lässt sich keine beliebige moderne Edelsteinpraxis ableiten. Im Werkzusammenhang geht es um eine bestimmte Handlung innerhalb der Weihe eines Heiligtums.

Mantra und Ritual

Mantras sind im Devyāmata Bestandteil des Handelns. Kapitel 82.5–6 unterscheidet Namensmantras und ihre Schlussformen und verbindet sie mit dem jeweiligen rituellen Gebrauch. Kapitel 64.28 verlangt bei einer Opferhandlung Sammlung. Handlung, Sprache und Aufmerksamkeit erscheinen somit gemeinsam.

Für heutige Übende liegt darin die Einladung, eine vertraute Rezitation mit wacher Hinwendung zu verbinden. Wer in seiner Tradition Om Namah Shivaya übt, kann die Worte als ehrfürchtige Verneigung an Shiva sprechen. Dieses allgemein verbreitete Mantra wird hier als ergänzende Praxis genannt, nicht als Zitat aus den ausgewählten Devyāmata-Versen. Die besonderen Mantraformen einer Tempelweihe setzen eigene Unterweisung voraus.

Video zur allgemeinen Shiva-Verehrung: Sukadev erläutert Shiva und seine spirituelle Bedeutung. Eine thematische Ergänzung zur Lektüre.

Äußere Verehrung und innere Bedeutung

Das Devyāmata lässt die äußere Vorbereitung nicht für sich stehen. In 82.26 erscheint die Verehrung des rituell vorbereiteten eigenen Körpers; der Ausführende ist sakalīkṛtavigraha, durch die entsprechende Mantrapraxis zur rituellen Gestalt geformt. Das ist eine besondere Voraussetzung des Rituals, keine Aufforderung zur Selbstüberhöhung.

Für heutige Aspiranten kann dieser Zusammenhang eine einfache Einsicht anregen: Zur Vorbereitung des Platzes gehört die Vorbereitung des Menschen. Ein sorgfältig geschmückter Altar führt nicht automatisch zur Sammlung. Umgekehrt können eine schlichte Umgebung und eine aufrichtige, wache Haltung eine tragfähige Grundlage für Meditation bilden.

Die rituelle Angleichung an eine göttliche Gestalt gehört hier in den Zusammenhang des Shaiva Siddhanta. Sie sollte von der philosophischen Identitätslehre des Advaita Vedanta unterschieden werden. Die Frage nach dem Verhältnis von individuellem Bewusstsein und Shiva reicht über diese Ritualverse hinaus.

Ausgewählte Sanskritpassagen

Die folgenden 24 Verse sind thematisch angeordnet. Die Stellenangaben beziehen sich auf die Editionen von Libbie Mills: Kapitel 76, 79 und 82 in den digitalen Vāstu-Materialien von 2018 sowie Kapitel 64 in der Edition von 2023. Die deutschen Übertragungen sind für diesen Artikel formuliert. Ergänzungen zum Verständnis stehen in eckigen Klammern. Erläuterungen unterscheiden den historischen Ritualzusammenhang von heutigen Anregungen. Sanskritstellen mit Textlücken wurden nicht aufgenommen.

Raum, Mitte und heilige Ordnung

Den Platz bewusst gliedern – Devyāmata 76.1

IAST:
tato vibhājayet kṣetraṃ caturaśraṃ susammitam |
navadhā cobhayaṃ bhājyam ekāśītipadaṃ śubham ||

Deutsche Übersetzung:
Dann soll man den sorgfältig vermessenen quadratischen Platz gliedern. In beiden Richtungen ist er neunfach zu teilen: ein glückverheißendes [Raster] von einundachtzig Feldern.

Erläuterung: Die Anweisung betrifft die sorgfältige Einteilung des Bauplatzes. Als heutige Anregung lässt sich daraus mitnehmen: Gib deiner Praxis einen bewusst gewählten Ort, dem du regelmäßig Aufmerksamkeit schenkst.

Die Mitte als Sitz Brahmas – Devyāmata 76.3

IAST:
caturaśrīkṛte kṣetre nava cobhayakalpite |
ekāśītipade brahmā sthito navapadaḥ prabhuḥ ||

Deutsche Übersetzung:
Auf dem quadratisch angelegten und in beiden Richtungen neunfach gegliederten Platz von einundachtzig Feldern befindet sich der Herr Brahmā; er nimmt neun Felder ein.

Erläuterung: Im Zusammenhang des Kapitels sind dies die mittleren Felder. Brahmā ist hier die Gottheit des Zentrums und nicht mit dem unpersönlichen Brahman gleichzusetzen.

Mitte und Umgebung gehören zusammen – Devyāmata 76.18

IAST:
catuḥṣaṣṭipade brahmā sthito madhye catuṣpade |
tataḥ samantato jñeyā vāstudevā vyavasthitāḥ ||

Deutsche Übersetzung:
Im [Raster] von vierundsechzig Feldern befindet sich Brahmā in den vier mittleren Feldern. Rings um ihn sind, wie man wissen soll, die Gottheiten des Bauplatzes angeordnet.

Erläuterung: Das 8 × 8-Raster besitzt eine andere Verteilung als das 9 × 9-Raster. Beide machen den Ort zu einer gegliederten heiligen Gesamtheit.

Der vorgestellte Körper des Platzes – Devyāmata 79.8

IAST:
mūrdhani vadane nābhau stanayor hṛdaye tathā |
mahāmarmāṇi coktāni vāstudehe tu lakṣayet ||

Deutsche Übersetzung:
Am Kopf, am Gesicht, am Nabel, an den beiden Brüsten und am Herzen sind die großen empfindlichen Punkte angegeben. Man soll sie am Körper des Bauplatzes bestimmen.

Erläuterung: Die mahāmarmans sind besonders empfindliche Stellen im vorgestellten Körper des Bauplatzes. Diese Körpersprache macht anschaulich, mit welcher Sorgfalt der heilige Raum behandelt werden soll. Sie gehört hier zur Baulehre.

Mantra, Reinheit und Verantwortung

Mantras gehören zur Handlung – Devyāmata 82.5

IAST:
dīpakenānvitāḥ sarve ante jātisamanvitāḥ |
kriyākāle prayoktavyā nāmamantrā ime smṛtāḥ ||

Deutsche Übersetzung:
Sie alle sind mit einem dīpaka versehen und am Ende mit einer jāti. Diese gelten als Namensmantras und sollen beim Vollzug der Handlung angewendet werden.

Erläuterung: Jāti bezeichnet hier eine Mantra-Schlussform, nicht eine soziale Gruppe. Die genaue Bestimmung von dīpaka bleibt in der herangezogenen Übersetzung offen; deshalb wird daraus hier keine Silbenfolge rekonstruiert. Klar ist die Verbindung von Mantra und rituellem Gebrauch.

Die Mantraform dem Gebrauch zuordnen – Devyāmata 82.6

IAST:
vācyakarmaprabhedena mantrajātiḥ prabhidyate |
evaṃ jñātvā viśeṣeṇa vāstugarbhaṃ samārabhet ||

Deutsche Übersetzung:
Die Schlussform des Mantras unterscheidet sich je nach sprachlichem Bezug und Handlung. Nachdem man dies im Einzelnen erkannt hat, soll man mit [der Arbeit am] Inneren des Bauplatzes beginnen.

Erläuterung: Vācyakarma lässt sich hier nicht völlig eindeutig auflösen; die Übersetzung gibt den Zusammenhang von sprachlichem Bezug und Handlung wieder. Vāstugarbha bezeichnet das Innere beziehungsweise den inneren Bereich des Platzes. Der Vers ist keine vollständige Anleitung zur Bildung von Mantras.

Rein und gesammelt eintreten – Devyāmata 82.7

IAST:
yajamānaḥ śuciḥ snātaḥ sitacandanacarcitaḥ |
sitadhautāmbaro dhīraḥ sitapuṣpavibhūṣitaḥ ||

Deutsche Übersetzung:
Der Auftraggeber [soll] rein, gebadet und mit weißem Sandel bestrichen sein, in ein weißes, gewaschenes Gewand gekleidet, gefasst und mit weißen Blumen geschmückt.

Erläuterung: Die Vorbereitung umfasst Körper, Kleidung und Haltung. Das Wort dhīra verweist auf Gefasstheit. Darin liegt eine Anregung auch für eine schlichte Alltagspraxis: sich Zeit zum Ankommen nehmen und gesammelt beginnen.

Sachkenntnis als Voraussetzung – Devyāmata 82.10

IAST:
pratiṣṭhātantratattvajñaḥ śivaśāstravisāradaḥ |
sa eva bhūtale bhadre śrīkaṇṭhaḥ sthāpakaḥ svayam ||

Deutsche Übersetzung:
Wer das Wesen der Weihe-Tantras kennt und in den Śiva-Schriften bewandert ist – dieser für die Einsetzung zuständige Lehrer ist, o Gütige, auf Erden Śrīkaṇṭha selbst.

Erläuterung: Śrīkaṇṭha ist ein Name Shivas. Im Zusammenhang der Würdigung der Ritualbeteiligten wird dem qualifizierten sthāpaka eine göttliche Repräsentationsfunktion zugesprochen. Der Vers verbindet religiöse Autorität ausdrücklich mit Kenntnis.

Auch die Helfenden würdigen – Devyāmata 82.13

IAST:
parikarmakarā ye ca pūjayet tān svaśaktitaḥ |
hiraṇyavastradānena vāgbhir vā tān pratoṣayet ||

Deutsche Übersetzung:
Auch diejenigen, die die vorbereitenden Arbeiten leisten, soll man nach seinen Möglichkeiten ehren. Durch die Gabe von Gold und Gewändern oder durch Worte soll man ihnen Freude bereiten.

Erläuterung: Dieser Vers öffnet den Blick für die oft wenig sichtbaren Dienste. Anerkennung gilt nicht allein den leitenden Personen. Die Formulierung svaśaktitaḥ berücksichtigt die eigenen Möglichkeiten.

Sorgfalt dient dem Gemeinwohl – Devyāmata 82.17

IAST:
yatnena yat kṛtaṃ kiṃcic chāstroktaṃ lakṣaṇānvitam |
sarvasampatkaraṃ puṃsāṃ rājño deśasya sarvadā ||

Deutsche Übersetzung:
Was mit Sorgfalt getan wird, den Schriften entspricht und die vorgeschriebenen Merkmale besitzt, bringt den Menschen, dem König und dem Land stets umfassendes Wohlergehen.

Erläuterung: Die religiöse Verheißung verbindet sorgfältiges Handeln mit dem Wohl vieler Menschen. Für die eigene Praxis regt sie dazu an, die Folgen des eigenen Tuns für andere mitzubedenken.

Verehrung des Raumes und Vorbereitung des Menschen

Die geordnete Fläche verehren – Devyāmata 82.25

IAST:
ekāśītipadaṃ vāpi catuḥṣaṣṭipadaṃ tathā |
evaṃ vibhajya yatnena vāstudevān prapūjayet ||

Deutsche Übersetzung:
[Man teile den Platz] in einundachtzig oder in vierundsechzig Felder. Nachdem man ihn so sorgfältig gegliedert hat, soll man die Gottheiten des Bauplatzes verehren.

Erläuterung: Der Vers setzt die vorhergehende Anweisung fort. Die Vermessung mündet in Verehrung: Geometrische Ordnung und religiöse Handlung sind aufeinander bezogen.

Der vorbereitete Mensch gehört zum Ritual – Devyāmata 82.26

IAST:
uttarābhimukho bhūtvā sakalīkṛtavigrahaḥ |
arghaṃ dattvā vidhānajño ātmānaṃ pūjayed budhaḥ ||

Deutsche Übersetzung:
Der Kundige soll sich nach Norden wenden, seinen Körper rituell zur vollständigen [Mantra-]Gestalt formen und eine Ehrengabe darbringen. Als Kenner des Verfahrens soll er sich selbst verehren.

Erläuterung: Sakalīkṛtavigraha bezeichnet die durch Mantras vollzogene rituelle Vorbereitung des Körpers. In dieser geheiligten Gestalt wird der Ausführende selbst Gegenstand der Verehrung. Als heutige Anregung lässt sich daraus die bewusste Vorbereitung der eigenen Haltung gewinnen.

Die Erde als Trägerin der Welt – Devyāmata 82.32

IAST:
caturaśraṃ punaḥ kṛtvā maṇḍalam akṣatair budhaḥ |
tataḥ sampūjayen mantrī tasmin lokadharāṃ mahīm ||

Deutsche Übersetzung:
Nachdem der Kundige wiederum mit ungebrochenen Reiskörnern ein quadratisches Maṇḍala angelegt hat, soll der Mantrakundige darin die Erde verehren, die die Welt trägt.

Erläuterung: Die Erde erscheint als verehrungswürdige Trägerin des Lebensraumes. Daran kann heute ein einfaches Empfinden der Dankbarkeit anschließen: Der Boden trägt den Körper, und auf ihm findet die Praxis ihren Platz.

Die göttliche Gestalt innerlich vergegenwärtigen – Devyāmata 82.34

IAST:
sarvagāṃ pramadārūpāṃ divyābharaṇabhūṣitām |
dhyātvā sampūjayed devī parituṣṭā smitānanā ||

Deutsche Übersetzung:
Man soll sich die Göttin meditierend vergegenwärtigen: alldurchdringend, in Frauengestalt, mit himmlischem Schmuck geziert, voller Freude und mit lächelndem Gesicht. So soll man sie verehren.

Erläuterung: Im Zusammenhang ist die Erdgöttin gemeint; Freude und lächelndes Gesicht beschreiben ihre Gestalt. Der Vers verbindet Dhyana, das meditative Vergegenwärtigen, mit der Verehrung. Die nichtklassischen Kasusformen des zweiten Halbverses sind aus der Edition beibehalten.

Erneuerung in Ehrfurcht

Verantwortliche Leitung – Devyāmata 64.17

IAST:
pratiṣṭhātantratattvajñaḥ śivaśāstrārthaṃ tatparaḥ |
jīrṇoddhāravidhānajñaḥ sa tu liṅgaṃ samuddharet ||

Deutsche Übersetzung:
Wer das Wesen der Weihe-Tantras kennt, dem Sinn der Śiva-Schriften hingegeben ist und das Verfahren der Erneuerung kennt, der soll den Lingam herausnehmen.

Erläuterung: Der Text fordert religiöse Ausrichtung und besondere Fachkenntnis zugleich. Die Entfernung eines geweihten Kultgegenstandes ist keine beiläufige Handlung.

Den Zustand ehrlich vortragen – Devyāmata 64.24

IAST:
tataḥ pūrṇāhutiṃ dadyāc chivam iti vedayet |
jīrṇaliṅge sthitā doṣāḥ śivāya saṃprakāśayet ||

Deutsche Übersetzung:
Dann soll er eine vollständige Opfergabe darbringen und Shiva darüber unterrichten. Die am schadhaft gewordenen Lingam vorhandenen Mängel soll er Shiva offen darlegen.

Erläuterung: Die notwendige Erneuerung beginnt mit dem ausdrücklichen Benennen dessen, was der Fürsorge bedarf. Als persönliche Betrachtung kann dies ermutigen, auch im eigenen Leben ehrlich wahrzunehmen, wo Aufmerksamkeit und Veränderung nötig sind.

Um Beistand bitten – Devyāmata 64.26

IAST:
jīrṇoddhāre vidhānaś ca nṛparāṣṭrahitāvahaḥ |
tasmād adhiṣṭha māṃ deva uddharāmi tavājñayā ||

Deutsche Übersetzung:
Das Verfahren der Erneuerung bringt König und Reich Wohlergehen. Darum stehe mir bei, o Gott; auf deine Weisung hin nehme ich [den Lingam] heraus.

Erläuterung: Dies ist eine an Shiva gerichtete Rede innerhalb des Rituals. Adhiṣṭha kann das göttliche Gegenwärtigsein und Walten ausdrücken; „stehe mir bei“ gibt hier den Sinn der Bitte wieder.

Mit erbetener Zustimmung handeln – Devyāmata 64.27

IAST:
evaṃ vijñāpya deveśaṃ labdhānujñas tato guruḥ |
maṇḍalaṃ tarpaṇaṃ kṛtvā śāntihomaṃ ca kārayet ||

Deutsche Übersetzung:
Nachdem der Lehrer den Herrn der Götter so unterrichtet und Zustimmung erhalten hat, soll er eine im Kreis vollzogene Darbringung ausführen und das Feueropfer zur Befriedung durchführen lassen.

Erläuterung: Maṇḍalaṃ tarpaṇam wird hier als kreisförmige Darbringung verstanden; die Wendung bezeichnet nicht einfach ein gezeichnetes Meditationsmandala. Śānti ist das Ziel der Befriedung und Wiederherstellung ritueller Ordnung.

Sammlung beim Vollzug – Devyāmata 64.28

IAST:
sahasreṇa tarpayed devaṃ mantraṃ śatena tarpayet |
dūrvāhomaṃ tu śāntyārthaṃ kuryād ādau samāhitaḥ ||

Deutsche Übersetzung:
Mit tausend [Darbringungen] soll er die Gottheit zufriedenstellen, mit hundert das Mantra. Zunächst soll er gesammelt ein Feueropfer mit Dūrvā-Gras zum Zweck der Befriedung vollziehen.

Erläuterung: Zahlen und Opfermaterial gehören zum besonderen Ritual. Für heutige Aspiranten spricht besonders das Wort samāhitaḥ, „gesammelt“. Es erinnert daran, mit der Aufmerksamkeit bei dem zu bleiben, was man gerade darbringt oder rezitiert.

Geben nach den eigenen Möglichkeiten – Devyāmata 64.39

IAST:
arghahasto guruṃ paścād yajamānaḥ pravācayet |
svaśaktyā śivam uddiśya dadāti dakṣiṇām iha ||

Deutsche Übersetzung:
Danach soll der Auftraggeber, mit einer Ehrengabe in der Hand, den Lehrer ansprechen. Hier gibt er nach seinen Möglichkeiten eine Gabe, Shiva zugewandt.

Erläuterung: Dakṣiṇā ist die Gabe an den rituellen Lehrer. Ihre religiöse Widmung und die eigenen Möglichkeiten werden ausdrücklich zusammen genannt.

Hingabe und materielle Unterstützung – Devyāmata 64.40

IAST:
yajamānas tato bhadre yathāvibhavaśaktitaḥ |
ācāryasādhakādibhyo bhaktyā dadyāt tu dakṣinām ||

Deutsche Übersetzung:
Dann soll der Auftraggeber, o Gütige, entsprechend seinen Mitteln und Möglichkeiten dem Lehrer, den Praktizierenden und den anderen mit Hingabe eine Gabe reichen.

Erläuterung: Bhakti nimmt hier eine praktische Form an: Der Dienst anderer wird unterstützt. Die Editionsschreibung dakṣinām steht für das geläufige dakṣiṇām und wurde beibehalten.

Das vollbrachte Handeln darbringen – Devyāmata 64.48

IAST:
tataḥ pūrṇāhutiṃ dadyāt prāyaścittaṃ viśuddhayet |
evaṃ kṛtvā tataḥ sarvaṃ śivāya vinivedayet ||

Deutsche Übersetzung:
Danach soll er eine vollständige Opfergabe darbringen und durch ein Sühne- beziehungsweise Ausgleichsritual Reinigung bewirken. Nachdem er so gehandelt hat, soll er alles Shiva vortragen.

Erläuterung: Die nichtklassische Verbindung prāyaścittaṃ viśuddhayet wird dem Ritualzusammenhang entsprechend wiedergegeben. Gemeint ist die Behebung möglicher ritueller Unzulänglichkeiten. Die eigene Arbeit wird abschließend vor die Gottheit gebracht.

Eine Bitte um Gnade und Frieden – Devyāmata 64.52

IAST:
sarvaṃ sampūrṇam evāstu tvatprasādān maheśvara |
kartur rājñaḥ prajānāṃ ca śāntir bhavatu sarvadā ||

Deutsche Übersetzung:
Möge alles durch deine Gnade vollständig werden, o großer Herr. Möge für den Auftraggeber, den König und die Menschen allezeit Frieden sein.

Erläuterung: Dieser Vers verbindet die Begrenztheit menschlichen Tuns mit Gnade und einer umfassenden Friedensbitte. Er eignet sich besonders zur stillen Betrachtung, auch ohne Übernahme des vorausgehenden Tempelrituals.

Der Abschluss steht im Zeichen des Friedens – Devyāmata 64.55

IAST:
evaṃ kṛte parā śāntiḥ sarvatra sarvadā ruhet |
jīrṇoddhāravidhānaṃ tu kathitaṃ tava suvrate ||

Deutsche Übersetzung:
Wenn so gehandelt worden ist, möge höchster Friede überall und zu jeder Zeit wachsen. Das Verfahren der Erneuerung habe ich dir erklärt, o du mit dem guten Gelübde.

Erläuterung: Shiva spricht zur Göttin. Die Friedensaussage bildet den Abschluss des zuvor beschriebenen Verfahrens am Lingam; das Kapitel wendet sich danach der figürlichen Darstellung zu. Der Vers ist deshalb nicht mit dem Ende des gesamten Kapitels oder Werkes zu verwechseln.

Ausgewählte Lehren des Devyamata

Die folgenden zwanzig Kernaussagen sind deutsche Zusammenfassungen der genannten Stellen, keine zusätzlichen wörtlichen Verse. Die heutigen Übertragungen folgen im nächsten Praxisabschnitt.

  1. Der Platz der Verehrung wird sorgfältig vermessen und gegliedert (76.1).
  2. Die Mitte besitzt im heiligen Raum eine besondere Bedeutung (76.3).
  3. Mitte und umgebende Gottheiten bilden eine zusammengehörige Ordnung (76.18).
  4. Der Bauplatz wird als gegliederter Körper mit empfindlichen Punkten verstanden (79.8).
  5. Mantras gehören zum konkreten Vollzug einer Handlung (82.5).
  6. Die Form eines Mantras ist mit seinem jeweiligen Gebrauch verbunden (82.6).
  7. Zur rituellen Vorbereitung gehören Reinheit und Gefasstheit (82.7).
  8. Rituelle Leitung setzt Schriftkenntnis und Sachkunde voraus (82.10).
  9. Auch Menschen, die vorbereitende Arbeiten leisten, verdienen Würdigung (82.13).
  10. Sorgfältiges Handeln wird auf das Wohl der Gemeinschaft bezogen (82.17).
  11. Die Gestaltung des Bauplatzes mündet in die Verehrung seiner Gottheiten (82.25).
  12. Auch der Ausführende wird rituell auf seine Aufgabe vorbereitet (82.26).
  13. Die Erde wird als Trägerin der Welt verehrt (82.32).
  14. Meditation über die göttliche Gestalt und Verehrung können zusammenwirken (82.34).
  15. Die Erneuerung eines Kultbildes verlangt besondere Kenntnis (64.17).
  16. Schäden werden vor Shiva ausdrücklich benannt (64.24).
  17. Notwendige Veränderung geschieht mit erbetenem göttlichem Beistand (64.26–27).
  18. Sammlung gehört auch zum tätigen Ritual (64.28).
  19. Hingabe drückt sich in Gaben entsprechend den eigenen Möglichkeiten aus (64.39–40).
  20. Das vollbrachte Werk wird mit einer Bitte um Gnade und Frieden abgeschlossen (64.48, 64.52).

Fünf zentrale Lehren des Devyamata

  1. Heiliger Raum verlangt bewusste Gestaltung. Das Raster, seine Mitte und die Zuordnung der Gottheiten zeigen eine geordnete Hinwendung zum Göttlichen (76.1–3, 76.18).
  2. Verehrung umfasst den ganzen Menschen. Reinheit, gefasste Haltung, Mantra und meditative Vergegenwärtigung stehen miteinander in Beziehung (82.5–7, 82.26, 82.34).
  3. Hingabe braucht Sorgfalt und Wissen. Der Text verbindet die religiöse Aufgabe mit Kenntnis und verantwortlicher Ausführung (64.17; 82.10, 82.17).
  4. Ein Heiligtum lebt auch von menschlicher Zusammenarbeit. Helfende und Lehrende werden gewürdigt; Gaben richten sich nach den Möglichkeiten des Gebenden (82.13; 64.39–40).
  5. Erneuerung soll dem Frieden dienen. Die Veränderung einer beschädigten Form erfolgt in Ehrfurcht und endet mit einer Bitte um Gnade und das Wohl vieler Menschen (64.24–28, 64.52).

Fünf Anregungen für Yoga-Aspiranten

Die folgenden Vorschläge sind heutige Übertragungen der erläuterten Motive. Die besonderen Tempelweihe-Rituale bleiben an ihre traditionelle Unterweisung gebunden.

  1. Gib deiner Praxis einen vertrauten Ort. Richte einen ruhigen Platz mit wenigen Dingen ein, die dich an das Göttliche erinnern: einem Bild, einer Blume oder einem anderen vertrauten Symbol. Setze dich dort regelmäßig hin. Mit der Zeit kann bereits das Ankommen an diesem Ort die Hinwendung zur Praxis erleichtern.
  2. Lass die Vorbereitung Teil der Sammlung werden. Räume deinen Platz aufmerksam auf und lege bereit, was du brauchst. Setze dich aufrecht und bequem hin. Nimm einige natürliche Atemzüge wahr und lasse die gerade beendete Tätigkeit innerlich zur Ruhe kommen.
  3. Verbinde Mantra und Hingabe. Wiederhole ein Mantra, mit dem du vertraut bist, und lausche seinem Klang. Du kannst dabei dein Andachtsbild betrachten oder die Augen schließen. Kehre freundlich zu den Worten zurück, wenn Gedanken abschweifen. Lass nach der Rezitation einen Augenblick der Stille folgen.
  4. Mache Dankbarkeit zu einer Handlung. Denke an einen Menschen, der deine Praxis oder das Leben deiner Gemeinschaft unterstützt. Danke ihm, hilf bei einer Aufgabe oder gib etwas im Rahmen deiner Möglichkeiten. So wird Bhakti auch im alltäglichen Miteinander erfahrbar.
  5. Schließe mit einer Widmung für andere. Erinnere dich am Ende an die Friedensbitte aus 64.52. Formuliere beispielsweise in eigenen Worten: „Möge aus meiner Praxis etwas Gutes wachsen. Mögen die Menschen Frieden finden.“ Nimm anschließend eine kleine hilfreiche Handlung mit in deinen Tag.

Spirituelle Bedeutung für heutige Aspiranten

Puja: In einer Gabe können Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Hingabe zusammenfinden.

Das Heilige im einfachen Tun ehren

Das Devyāmata richtet den Blick auf die Fürsorge, die einen Ort der Verehrung trägt. Jemand bereitet den Raum vor, legt die benötigten Dinge bereit und kümmert sich nach der Zeremonie um das Aufräumen. In 82.13 werden diese Menschen ausdrücklich gewürdigt. Wer den Vers auf den eigenen Alltag bezieht, kann darin eine Einladung zum Karma Yoga finden: eine hilfreiche Aufgabe aufmerksam ausführen und ihren Wert auch dann erkennen, wenn sie kaum gesehen wird.

Eine Blume in frisches Wasser zu stellen oder einen gemeinsamen Übungsraum zu reinigen, kann mit derselben liebevollen Aufmerksamkeit geschehen wie das Sprechen eines Gebetes. Das ist eine heutige Übertragung des Motivs der Fürsorge. Sie eröffnet einen Zugang zur Praxis gerade an Tagen, an denen wenig Zeit für längere Übungen bleibt.

Formen pflegen und Erneuerung zulassen

Das Kapitel über die Erneuerung von Kultbildern verbindet Veränderung mit Ehrfurcht. Das Beschädigte wird wahrgenommen, die Gottheit angesprochen, der nächste Schritt sorgfältig vorbereitet. Für die eigene Sadhana kann daraus eine Frage entstehen: Was hilft mir heute, aufmerksam, aufrichtig und liebevoll zu üben?

Manchmal braucht es mehr Regelmäßigkeit, manchmal eine einfachere Gestaltung oder ein klärendes Gespräch mit einem erfahrenen Lehrer. Solche Entscheidungen dürfen in Ruhe reifen. Eine vertraute Form kann weitertragen; eine behutsame Veränderung kann ihr neue Lebendigkeit geben. Maßgeblich für diese persönliche Betrachtung ist die aufrichtige Hinwendung, die durch die Form unterstützt werden soll.

Sorgfältig handeln und sich der Gnade öffnen

Besonders berührend ist die Bitte aus 64.52: „Möge alles durch deine Gnade vollständig werden, o großer Herr.“ Sie erklingt nach sorgfältiger Vorbereitung und Durchführung. Das eigene Bemühen und das Vertrauen auf Gnade finden darin zusammen.

Auch heute kann dieser Vers helfen, die Praxis mit Ernsthaftigkeit und zugleich mit Milde zu betrachten. Du darfst dich bemühen, aufmerksam zu sein, und wieder beginnen, wenn du abgelenkt warst. Du darfst lernen und Unterstützung annehmen. Ein Gebet kann ausdrücken, was über das eigene Können hinausgeht: Vertrauen, Dankbarkeit und die Bereitschaft, sich führen zu lassen.

Den Frieden in den Alltag mitnehmen

Die anschließende Friedensbitte umfasst den Auftraggeber, den König und die Menschen. Für heutige Aspiranten lädt sie dazu ein, die Wirkung der Praxis im Miteinander zu suchen: geduldiger zuhören, eine Aufgabe verlässlich erfüllen, ein versöhnliches Wort finden oder jemandem beistehen.

So kann die Lektüre des Devyāmata über die Betrachtung alter Tempelrituale hinauswirken. Der gepflegte Übungsplatz erinnert an Sammlung. Das Mantra erinnert an die Hinwendung zu Shiva. Die Würdigung der Helfenden erinnert an Dankbarkeit. Und der Friedenswunsch stellt die eigene Praxis in einen größeren Zusammenhang: Möge aus dem, was ich tue, Wohlergehen für andere entstehen.

Video zum Hintergrund: Sukadev erläutert Tantra und seine verschiedenen Bedeutungen.

Devyamata und andere Tantra Schriften

Das Devyāmata lässt sich am besten im Gespräch mit anderen Schriften verstehen. Dabei sind gemeinsame Themen von direkter literarischer Abhängigkeit zu unterscheiden. Die folgende Übersicht ist eine thematische Orientierung; sie behauptet keine Entlehnungsfolge zwischen den Werken.

Schrift Gemeinsamer Bezug Unterschied beziehungsweise sinnvoller Lesezugang
Brihatkalottara Frühe Śaiva-Ritual- und Tempelüberlieferung; Bauvorschriften und Erneuerungsrituale. Die Tempelabschnitte beider Werke werden in Mills’ vergleichender Edition behandelt. Einzelne Vorschriften sind jeweils werkbezogen zu lesen.
Kamika Agama Shiva-Verehrung, Tempel und Weihe im āgamischen Zusammenhang. Ein Vergleich eröffnet den Blick auf die südindische Tempeltradition. Ihre Formen dürfen nicht pauschal in das Devyāmata zurückgetragen werden.
Ajita Agama Ausführliche Ritual- und Tempellehre. Hilfreich für die vergleichende Lektüre von Ritualordnungen; ähnliche Aufgaben bedeuten nicht identische Verfahren.[6]
Kirana Tantra Früher Śaiva Siddhānta; auch Tempelvorschriften. Seine Bauabschnitte gehören zu Mills’ Vergleichskorpus. Das Werk ist zugleich ein Zugang zu einem breiteren Lehrzusammenhang als der hier ausgewählten Raum- und Weihethematik.
Mrigendra Tantra Verbindung von Ritual, religiöser Erkenntnis und Yoga im Śaiva Siddhānta. Für Fragen nach systematischer Lehre und Yogapraxis ergänzend; die besondere Raumordnung des Devyāmata ist gesondert zu betrachten.
Raurava Agama Śaiva-siddhāntische Lehre und Ritualtradition. Eine wichtige Vergleichsschrift für das āgamische Umfeld. Gemeinsamkeiten sind anhand konkreter Kapitel, nicht allein aufgrund der Schulzugehörigkeit zu bestimmen.
Matanga Parameshwara Agama Śaiva-siddhāntische Verbindung von Lehre, Praxis und Ritual. Besonders sinnvoll als Ergänzung zur philosophischen Einordnung; die hier ausgewählten Devyāmata-Verse konzentrieren sich auf den heiligen Ort und seinen Vollzug.
Pratishtha Lakshana Sara Samuccaya Vorschriften zur Pratiṣṭhā. Ein vergleichender Blick auf die systematische Sammlung von Weihevorschriften; Namens- und Themenähnlichkeit beweist keine direkte Abhängigkeit.
Soma Shambhu Paddhati Geordnete Durchführung der Shiva-Rituale, einschließlich Fragen der Erneuerung. Eine Paddhati ist ein systematisch angeordnetes Ritualhandbuch; das Devyāmata begegnet als Offenbarungsdialog.
Parakhya Tantra Frühe Śaiva-siddhāntische Schrifttradition. Für eine Erweiterung um Lehre und Kosmologie geeignet.[7] Der Schwerpunkt dieses Devyāmata-Artikels liegt dagegen auf Raum, Kultbild und Ritual.
Sarvajnanottara Agama Śaiva-Lehre und Yoga. Seine Erkenntnis- und Yogaabschnitte bieten einen anderen Zugang als die hier behandelten Bauplatz- und Erneuerungsvorschriften.
Tantraloka Mantra, Ritual, Meditation und die Frage nach göttlicher Gegenwart. Abhinavaguptas Synthese gehört zum nichtdualistischen Trika-Śivaismus. Ihre philosophische Deutung ist nicht ohne Weiteres mit der des Śaiva Siddhānta gleichzusetzen.

Für die unmittelbare historische Vergleichbarkeit der Bauvorschriften ist Mills’ Edition von sechs frühen Śaiva-Schriften besonders hilfreich.[2] Die Gegenüberstellung mit späteren Handbüchern und anderen Schulen dient hingegen vor allem dazu, Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Blickrichtungen zu erkennen. Zum Yoga des Sarvajñānottara und zur Trika-Einordnung des Tantrāloka bieten die unten genannten Quellen ergänzende Orientierung.[8]

Siehe auch

Literatur und Quellen

Verwendete Texteditionen

  • Libbie Mills: Digitale Editionen und Übersetzungen zur Baulehre in sechs frühen Śaiva-Schriften, 2018. Materialien auf Zenodo. Die Sanskritauswahl verwendet die Dateien 11 DM 76 edition.pdf, 17 DM 79 edition.pdf und 23 DM 82 edition.pdf; Einführung und zugehörige Übersetzungen wurden ergänzend herangezogen.
  • Libbie Mills: Damage Management: The Devyāmata on jīrṇoddhāra. In: Cracow Indological Studies 25/2 (2023), S. 149–181. Artikel und frei zugängliche Edition von Kapitel 64.

Weiterführende Edition und Forschung

  • Libbie Mills: Temple Design in Six Early Śaiva Scriptures. Critical Edition and Translation of the Prāsādalakṣaṇa-Portions of the Bṛhatkālottara, Devyāmata, Kiraṇa, Mohacūrottara, Mayasaṃgraha & Piṅgalāmata. Collection Indologie 138, Pondicherry 2019. Verlagsseite. Eine vergleichende Teiltextedition, keine vollständige Ausgabe des Devyāmata.
  • Anna A. Ślączka: The Two Iconographic Chapters from the Devyāmata and the Art of Bengal. In: Dominic Goodall und Harunaga Isaacson (Hrsg.): Tantric Studies: Fruits of a Franco-German Project on Early Tantra. Collection Indologie 131, Pondicherry 2016, S. 181–246.
  • Anna A. Ślączka: The Ratnanyāsa (Placing of Gems) Ritual in the Devyāmata, an Early Śaiva Pratiṣṭhātantra. In: István Keul (Hrsg.): Consecration Rituals in South Asia. Brill, Leiden/Boston 2017, S. 85–112. DOI und Verlagszugang.

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Textgrundlage und Hinweise zur Übersetzung

Grundlage der 24 ausgewählten Verse sind Libbie Mills’ digitale Sanskriteditionen der Kapitel 76, 79 und 82 (2018) sowie ihre Edition von Kapitel 64 (2023). Die digitale Baulehre-Sammlung erschließt insgesamt die Kapitelgruppe 76–86. Der Artikel bietet eine Einführung und Versauswahl, keine vollständige Ausgabe des Devyāmata. Eine leicht nutzbare, durchgehend edierte Sanskrit-Vollfassung lag ihm nicht zugrunde.

Die deutschen Übersetzungen wurden anhand des edierten Sanskrits formuliert; Mills’ englische Übersetzungen dienten als Verständnishilfe. Kapitel- und Versnummern sowie nichtklassische Sanskritformen folgen den jeweiligen Editionen. Besondere Übersetzungsfragen werden bei 82.5–6, 82.34 und 64.48 erläutert. Textlücken wurden nicht ergänzt. Eine abgeglichene Devanagari-Fassung ist nicht Bestandteil dieser Auswahl.

Die Studien zu Ikonographie und Ratnanyāsa sind weiterführende Literatur. Bilder und Videos veranschaulichen das Umfeld der Shiva-Verehrung und des Tantra; sie rekonstruieren keine Devyāmata-Rituale. Die gekennzeichneten heutigen Praxisanregungen erschließen spirituelle Bezüge für Yoga-Aspiranten und sind von den historischen Tempelvorschriften zu unterscheiden.

Einzelnachweise

  1. Libbie Mills: Damage Management: The Devyāmata on jīrṇoddhāra. In: Cracow Indological Studies 25/2 (2023), S. 149–181; zum Gesamtwerk besonders S. 153–156, Sanskritedition und englische Übersetzung von Kapitel 64 im anschließenden Hauptteil.
  2. 2,0 2,1 Libbie Mills: Temple Design in Six Early Śaiva Scriptures. Critical Edition and Translation of the Prāsādalakṣaṇa-Portions of the Bṛhatkālottara, Devyāmata, Kiraṇa, Mohacūrottara, Mayasaṃgraha & Piṅgalāmata. Collection Indologie 138. Institut Français de Pondichéry / École française d’Extrême-Orient, 2019. Verlagsbeschreibung.
  3. Libbie Mills: Vāstujñāna-Editionen und Übersetzungen zu sechs frühen Śaiva-Schriften, Zenodo, 2018. Zum Devyāmata: Einführung sowie separate Sanskriteditionen und englische Übersetzungen der Kapitel 76–86. Für die Sanskritauswahl dieses Artikels werden die Editionsdateien zu Kapitel 76, 79 und 82 verwendet.
  4. Anna A. Ślączka: The Two Iconographic Chapters from the Devyāmata and the Art of Bengal. In: Dominic Goodall und Harunaga Isaacson (Hrsg.): Tantric Studies: Fruits of a Franco-German Project on Early Tantra. Collection Indologie 131, Pondicherry 2016, S. 181–246. Hier als weiterführende Untersuchung genannt; keine Sanskritverse dieser Studie wurden in die Auswahl übernommen.
  5. Anna A. Ślączka: The Ratnanyāsa (Placing of Gems) Ritual in the Devyāmata, an Early Śaiva Pratiṣṭhātantra. In: István Keul (Hrsg.): Consecration Rituals in South Asia. Brill, Leiden/Boston 2017, S. 85–112. Weiterführende Literatur; die Studie dient hier nicht als Grundlage einer rekonstruierten Ritualanleitung.
  6. Institut Français de Pondichéry: Ajitāgama, Band 1, Verlagsbeschreibung der Kriyāpāda-Edition mit Übersicht über Lingam, Kultbilder, Architektur und Weihe.
  7. Dominic Goodall: The Parākhyatantra. A Scripture of the Śaiva Siddhānta, Collection Indologie 98, 2004; Verlagsbeschreibung der Edition.
  8. Institut Français de Pondichéry: Sarvajñānottaratantra, Katalogeintrag mit Hinweisen auf Erkenntnis- und Yogaabschnitte. Zum Tantrāloka: Sanskrittext und Übersetzung des ersten Kapitels bei Sanskrit & Trika Shaivism.