Agattiyam

Aus Yogawiki

Agattiyam (Tamil: அகத்தியம், Akattiyam; auch Agathiyam) ist nach der tamilischen Überlieferung das erste Grammatikwerk der tamilischen Sprache, verfasst von dem legendären Weisen Agastya (Tamil: Agattiyar, Agathiyar). Nach der Tradition umfasste es ein gewaltiges Werk von rund zwölftausend Lehrsätzen (Sutras) und behandelte die gesamte tamilische Sprach- und Dichtkunst, einschließlich Musik und Schauspiel. Heute gilt das Agattiyam als verloren; erhalten sind nur wenige Verse, die spätere Gelehrte in ihren Kommentaren unter seinem Namen zitieren, und auch deren Echtheit ist umstritten.

Das Agattiyam steht am Anfang der tamilischen Gelehrsamkeit, wie die Tradition sie sieht: Agastya soll es als Mitglied des legendären ersten Sangam verfasst haben, und sein Schüler Tolkappiyar soll daraus das Tolkappiyam geschaffen haben, die älteste tatsächlich erhaltene tamilische Grammatik. Für die tamilische Kultur verkörpert das verlorene Agattiyam den göttlichen Ursprung ihrer Sprache: Nach der Legende empfing Agastya die tamilische Sprache von Shiva selbst oder von Murugan.

Das Licht der Erkenntnis: Nach der Überlieferung empfing Agastya die tamilische Sprache von Shiva oder Murugan.

Agattiyam auf einen Blick

Merkmal Einordnung
Titel Agattiyam; auch Agathiyam; in späteren Zitaten auch Perakattiyam („das große Agattiyam“)
Tamil அகத்தியம் (Akattiyam)
Bedeutung „Das Werk des Agastya“
Verfasser nach der Tradition Agastya (Tamil: Agattiyar)
Umfang nach der Tradition Etwa 12.000 Lehrsätze (Sutras)
Inhalt nach der Tradition Grammatik der „dreifachen tamilischen Sprache“ (Muttamil): Dichtung, Musik und Schauspiel
Legendärer Zusammenhang Erster Sangam der Dichter in Tenmadurai
Erhaltung Verloren; nur wenige zugeschriebene Fragmente in mittelalterlichen Kommentaren
Nachfolgewerk Tolkappiyam von Tolkappiyar, nach der Tradition ein Schüler Agastyas
Historische Einordnung Die Forschung sieht das Agattiyam überwiegend als legendäres Werk; die Zitate stammen vermutlich aus späterer Zeit

Name und Bedeutung

Agattiyam ist die tamilische Ableitung vom Namen des Weisen Agattiyar, der im Sanskrit Agastya heißt. Der Titel bedeutet also „das Werk des Agastya“ oder „die Lehre des Agastya“. Mittelalterliche Kommentatoren zitieren gelegentlich auch aus einem Perakattiyam, dem „großen Agattiyam“; ob damit dasselbe Werk gemeint ist, bleibt unklar.

Der Weise Agastya

Agastya in der indischen Überlieferung

Agastya ist einer der großen Weisen (Rishis) der indischen Tradition. Im Rigveda werden ihm mehrere Hymnen zugeschrieben, und seine Gemahlin Lopamudra gilt ebenfalls als Seherin vedischer Verse. Im Ramayana begegnet Agastya dem Helden Rama und lehrt ihn vor der entscheidenden Schlacht den berühmten Hymnus an die Sonne, das Aditya Hridayam.

Agastya und der Süden

Eine bekannte Legende erzählt, wie Agastya in den Süden kam: Als Shiva und Parvati auf dem Berg Kailash heirateten, versammelten sich alle Götter, Weisen und Wesen im Norden, und die Erde neigte sich unter ihrem Gewicht. Shiva bat Agastya, in den Süden zu gehen, um das Gleichgewicht der Erde wiederherzustellen. Agastya, der klein von Gestalt, aber gewaltig an geistiger Kraft war, zog nach Süden, und die Erde kam wieder ins Gleichgewicht. Eine andere Legende erzählt, wie er den Berg Vindhya, der immer höher wuchs, dazu brachte, sich zu verneigen und nicht mehr zu wachsen, bis er aus dem Süden zurückkehren würde, was nie geschah.

Im Süden ließ sich Agastya nach der Überlieferung auf dem Berg Pothigai in den Westghats nieder, der bis heute als sein heiliger Berg gilt.

Agastya als Vater der tamilischen Sprache

In der tamilischen Tradition wird Agastya als der Weise verehrt, der die tamilische Sprache ordnete und lehrte. Nach der Legende lernte er die Sprache von Shiva selbst, nach einer anderen Überlieferung von Murugan, dem Gott der tamilischen Berge. Agastya gilt als Mitglied des ersten Sangam, der legendären Dichterakademie, und als Verfasser des Agattiyam. In der tamilischen Siddha-Tradition wird er außerdem als der erste und größte der Siddhas verehrt, als Meister der Siddha-Medizin und des Yoga. Siehe dazu den Artikel Agathiyar.

Was das Agattiyam enthalten haben soll

Die dreifache tamilische Sprache

Nach der Überlieferung behandelte das Agattiyam nicht nur die Grammatik im engeren Sinn, sondern die gesamte „dreifache tamilische Sprache“, das Muttamil:

  • Iyal, die Sprache der Dichtung und Prosa, mit Lautlehre, Wortlehre, Satzlehre und Poetik,
  • Isai, die Musik,
  • Natakam, das Schauspiel und der Tanz.

Diese Einteilung zeigt, wie eng in der tamilischen Kultur Sprache, Dichtung, Musik und Tanz miteinander verbunden sind.

Der Umfang

Nach der Tradition bestand das Agattiyam aus etwa zwölftausend Lehrsätzen. Damit wäre es ein außerordentlich umfangreiches Werk gewesen, weit größer als das erhaltene Tolkappiyam mit seinen etwa 1.600 Lehrsätzen. Wie bei den legendären Zahlen der Sangam-Überlieferung ist diese Angabe eher Ausdruck der Verehrung als eine historische Nachricht.

Die Verbindung zum Tolkappiyam

Nach der tamilischen Überlieferung hatte Agastya zwölf Schüler. Einer von ihnen war Tolkappiyar, der Verfasser des Tolkappiyam, der ältesten erhaltenen Grammatik der tamilischen Sprache. Die Tradition sieht im Tolkappiyam eine Weiterführung und kürzere Fassung der Lehre seines Lehrers. So verbindet sich das verlorene Agattiyam mit dem erhaltenen Tolkappiyam zu einer Kette der Überlieferung, die bis zu Shiva zurückreicht.

Späte Legenden erzählen allerdings auch von einem Konflikt zwischen Agastya und Tolkappiyar, der erklären sollte, warum das Werk des Schülers eigenständig ist. Diese Erzählungen stammen aus mittelalterlichen Kommentaren und werden von der Forschung als spätere Ausschmückungen betrachtet.

Das Schicksal des Werkes

Verloren im Meer

Die Legende von den drei Sangams erzählt, dass der erste Sangam in Tenmadurai tagte, einer Stadt im Süden, die später vom Meer verschlungen wurde. Mit ihr sollen viele Werke der frühesten tamilischen Dichtung verloren gegangen sein, darunter auch das Agattiyam. So erklärt die Tradition, warum ein Werk von solcher Bedeutung nicht erhalten ist.

Die Fragmente

Einige mittelalterliche Kommentatoren der tamilischen Literatur zitieren gelegentlich einzelne Verse, die sie dem Agattiyam zuschreiben. Diese Fragmente sind die einzigen Spuren des Werkes. Die Forschung hält sie überwiegend für jünger als die Tradition annimmt; möglicherweise stammen sie aus späteren Werken, die unter dem ehrwürdigen Namen Agastyas überliefert wurden.

Die Sicht der Forschung

Die meisten Gelehrten halten das Agattiyam für ein legendäres Werk. Agastya wird in der Sangam-Literatur selbst kaum erwähnt, und seine Rolle als Vater der tamilischen Sprache ist erst in späteren Quellen voll ausgebildet. Die Überlieferung vom Agattiyam wird deshalb meist als Ausdruck des Wunsches verstanden, der tamilischen Sprache einen göttlichen und uralten Ursprung zu geben und sie zugleich mit der gesamtindischen, vedischen Tradition zu verbinden, für die Agastya steht.

Unabhängig von dieser Frage bleibt das Agattiyam für die tamilische Kultur von großer Bedeutung: Es steht für die Überzeugung, dass Sprache, Dichtung und Musik heilig sind und aus einer göttlichen Quelle stammen.

Agattiyam und Yoga

Heilige Sprache

In der indischen Tradition gilt Sprache nicht nur als Mittel der Verständigung, sondern als heilige Kraft. Im Sanskrit spricht man von Vak, dem heiligen Wort, und von Nada Brahman, Gott als Klang. Auch die tamilische Überlieferung, nach der Shiva selbst Agastya die Sprache lehrte, drückt diese Überzeugung aus. Im Yoga zeigt sich die heilige Kraft der Sprache in Mantras, im Kirtan und in der Rezitation heiliger Texte.

Agastya und der Sonnenhymnus

Für Yoga-Übende ist Agastya besonders durch das Aditya Hridayam bekannt, den Hymnus an die Sonne, den er nach dem Ramayana Rama lehrte. Dieser Hymnus ist mit der Verehrung der Sonne verbunden, die auch dem Sonnengruß zugrunde liegt.

Das Verlorene ehren

Das Agattiyam ist ein Werk, das niemand mehr lesen kann, und doch wird es seit Jahrhunderten verehrt. Darin liegt eine besondere Lehre: Auch das Unsichtbare und Verlorene kann eine lebendige Kraft sein. Die Weisheit, die einmal in die Welt gekommen ist, lebt in den Menschen fort, die sie weitergegeben haben, auch wenn das ursprüngliche Buch nicht mehr existiert.

Anregungen für Yoga und Meditation

  • Die Heiligkeit des Wortes: Achte heute bewusst darauf, wie du sprichst. Lass deine Worte wahrhaftig, freundlich und hilfreich sein, im Sinne von Satya und Ahimsa.
  • Klang-Meditation: Wiederhole in einer Meditation einige Minuten lang das Om und spüre, wie der Klang in der Stille nachschwingt.
  • Dankbarkeit für die Lehrer: Erinnere dich an die Lehrerinnen und Lehrer, die dir Sprache, Wissen und Weisheit weitergegeben haben, und danke ihnen innerlich. So wird der Yoga auch zu einer Übung der Dankbarkeit.
Hingabe und innere Sammlung lassen das Herz weit werden.

Häufige Fragen zum Agattiyam

Was ist das Agattiyam?
Das Agattiyam ist nach der tamilischen Überlieferung das erste Grammatikwerk der tamilischen Sprache, verfasst von dem Weisen Agastya. Es gilt heute als verloren.

Wie umfangreich war das Agattiyam?
Nach der Tradition umfasste es etwa zwölftausend Lehrsätze und behandelte Dichtung, Musik und Schauspiel.

Ist das Agattiyam erhalten?
Nein. Erhalten sind nur wenige Verse, die mittelalterliche Kommentatoren dem Agattiyam zuschreiben; ihre Echtheit ist umstritten.

Was ist die Verbindung zwischen Agattiyam und Tolkappiyam?
Nach der Überlieferung war Tolkappiyar, der Verfasser des Tolkappiyam, ein Schüler Agastyas. Das Tolkappiyam ist die älteste erhaltene tamilische Grammatik.

Hat es das Agattiyam wirklich gegeben?
Die meisten Forscher halten das Agattiyam für ein legendäres Werk. Die Überlieferung drückt die Überzeugung aus, dass die tamilische Sprache einen göttlichen und uralten Ursprung hat.

Videos zur Vertiefung

Diese Videos von Yoga Vidya laden dazu ein, die angesprochenen Themen durch eigene Praxis zu vertiefen.

Satsang "Anekdoten" mit Sukadev - Yoga Vidya Live, 10.06.2023, 20:00 Uhr

Meditation: Kombinierte Mantra Meditation mit Shanti Mantras mit Sukadev

Siehe auch

Quellen und Literatur

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