Sukadev Interview Wirtschaft und Weiterbildung

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In der Ausgabe 02/2012 erschien in der Zeitschrift "Wirtschaft und Weiterbildung" (wuw)ein Interview mit Sukadev Volker Bretz zum Thema Business Yoga. Anlass war das 20-jährige Jubiläum von Yoga Vidya sowie der Business Yoga Kongress 1.-3. Juni 2012.

Hier also der Artikel, ganz unten Links zu PDF Dateien dieses Artikels sowie zur vollständigen Ausgabe:

Inhaltsverzeichnis

„Business-Yoga hat nichts mit Lotussitz zu tun“

Yoga-Meister Volker Bretz verrät im Interview mit Kerstin Richter, worauf es beim Business Yoga wirklich ankommt.

Einleitung

YOGA. Der deutsche Sukadev Volker Bretz ist einer der bedeutenden europäischen Yoga Meister. Nach langem Auslandsaufenthalt gründete er 1992 in Frankfurt am Main sein erstes „Yoga-Vidya“-Zentrum. Sein Ziel war es, ein „lebensnahes“ Yoga zu lehren. Yoga-Übungen werden zum Beispiel so ausgewählt, dass sie gut in den Berufsalltag integriert werden können – ohne Lotussitz und ohne Kopfstand.

Mit 17 Jahren begann er,

... regelmäßig zu meditieren und Yoga zu praktizieren. Volker Bretz, am 3. Februar 1963 in Bad Kreuznach geboren, wuchs in einer Unternehmerfamilie auf, der eine exklusive Möbelfabrik mit etwa 2.000 Mitarbeitern gehörte. Er studierte Betriebswirtschaft in München und schloss 1983, im Alter von 20 Jahren, sein Studium zum Diplom-Kaufmann ab. Schon das Thema seiner Diplomarbeit („Determinanten der Arbeitsmotivation. Eine Analyse vergleichbarer Ansätze aus westlicher und indischer Psychologie“) zeigte, wohin die Reise gehen sollte. Bretz widmete sich ganz dem Yoga, wurde Assistent eines indischen Yoga-Meisters und lernte und lehrte in verschiedenen Yoga-Zentren der USA, Kanadas und Europas. 1992 kam er als Yoga-Meister, der den spirituellen Namen Sukadev erhalten hatte, in seine Heimat zurück, um in Deutschland eine „lebensnahe“ Yoga-Bewegung zu gründen. In drei sogenannten „Yoga-Vidya“-Seminarhäusern (www.yoga-vidya.de) und bei Kooperationspartnern finden heute pro Jahr etwa 2.300 Yoga-Seminare sowie Yoga-Ausbildungen statt. „Ich sehe das weniger so, dass ich etwas gemacht habe, es hat sich entfaltet“, erklärt Bretz voller Demut seine Entwicklung zum größten Yoga-Seminaranbieter Europas. Er sei nur Instrument von etwas gewesen, das sich ohnehin habe entfalten wollen.

Welchen Nutzen verspricht das relativ junge Business-Yoga, das Sie in den letzten zwei bis drei Jahren mitentwickelt haben?

Sukadev Volker Bretz: Im Berufsalltag hilft Yoga, dass Menschen sich entspannen können, den Zugang zu ihren inneren Kräften und ihrer Kreativität finden und besser mit Problemen umgehen können. Über das körperliche Üben kommt übrigens eine geistige Komponente fast von selbst mit ins Spiel. Indem man am Körper arbeitet, hat das auch starke Wirkungen auf das Empfinden, die Gefühle, das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein.

Wollen Arbeitgeber überhaupt selbstbewusste Mitarbeiter?

Bretz: Wenn man Yoga im Unternehmen anbietet, dann führt das schon dazu, dass Menschen mehr auf sich hören, besser innerlich zentriert sind und auch selbstbewusster und mutiger werden und Zugang zu ihrer inneren Kreativität finden. Das ist insbesondere in Unternehmen gut, wo solche Mitarbeiter gebraucht werden. Natürlich gibt es auch Firmen, die in der Hauptsache wollen, dass Mitarbeiter einfach nur das tun, was zu tun ist. Hier wäre Yoga sinnvoll, damit dem Druck eine Entspannung entgegengesetzt wird, dass die Mitarbeiter nicht krank werden oder wenn sie Beschwerden haben, dass sie schnell wieder gesund werden. Das wird auf Dauer aber nicht so ganz funktionieren.

Wie definieren Sie Business-Yoga?

Bretz: Ich habe drei Handlungsbereiche für das Business-Yoga definiert: Problemlinderung, Prävention und Potenzialentwicklung. Business-Yoga hilft erst mal, vorhandene Probleme zu lindern – zum Beispiel Rückenbeschwerden, Kopfweh, Müdigkeit oder Schlafstörungen und Nervosität. Die Wirksamkeit ist empirisch nachgewiesen, da sprechen wir nicht von Theorien oder subjektiven Empfindungen. Prävention heißt dann, Menschen werden einfach weniger krank, wenn sie regelmäßig Yoga üben. Das dritte Feld ist die Potenzialentwicklung: Menschen entwickeln mehr Energie, mehr Selbstbewusstsein. Man lernt, sich geistig zu entspannen, man spürt in sich selbst hinein. In jedem Menschen gibt es diese Kraft, eine innere Stille, die man dann in den Alltag integrieren kann.

Gibt es eigentlich einen langfristigen Trend zum Yoga?

Bretz: Yoga gibt es schon seit ein paar Tausend Jahren, seit 80 Jahren wird Yoga in Europa praktiziert. Alle zehn Jahre kommt eine neue Welle, die die Yoga-Bewegung verstärkt. Das was wir jetzt beobachten ist also keine kurzfristige Modeerscheinung! Wenn man als Firma wettbewerbsfähig bleiben will, muss man die Kreativität und Selbstverantwortung der Menschen aufbauen. Unsere Beobachtung ist: Je innovativer ein Berufszweig ist, umso höher ist der Anteil von Menschen, die Yoga üben.

Sie bilden zum Beispiel Trainer und Coaches zu Business- Yoga-Lehrern aus. Diese Ausbildung besteht aus einer Grundausbildung, aus Pflichtbausteinen und aus Wahlbausteinen. Wie soll man sich das vorstellen?

Bretz: In der Grundausbildung wird die genaue Ausführung und Wirkung der Yoga-Übungen gelernt. Man lernt die Unterrichtsdidaktik, wie eine Yogastunde aufgebaut ist und erfährt, wie man Teilnehmern helfen kann, das Gefühl von Entspannung und Wohlbefinden zu bekommen. Dabei geht es auch um die Frage, wie man eine Yoga-Stunde interessant machen kann, wie man Hilfestellungen gibt und wie man Kurse für Anfänger bis Fortgeschrittene aufbaut. Wichtig ist auch, dass eine Yoga-Stunde an verschiedene körperliche Beschwerden angepasst werden muss. Natürlich wird auch der psychologische und philosophische Hintergrund des Yoga vermittelt. Dann gibt es verschiedene Pflichtbausteine: Wie passt man Yoga an den Business-Bereich an, wie gewinne ich Kunden und wie gestalte ich den Unterricht in Betrieben. Es geht auch um die Brücken vom Business zum Yoga – hier wird darauf eingegangen, in welchen Branchen was gilt und wie man Angebote für kleinere und größere Unternehmen gestaltet. Schließlich geht es darum, wie Yoga in die Betriebskultur integriert werden kann.

Es gibt überraschend viele Wahlbausteine bei Ihrer Business-Yoga-Ausbildung. Welche Themen stehen auf einer Hitliste ganz oben?

Bretz: „Yoga bei Burn-Out“ sowie „Selbstverwirklichung“ werden am meisten nachgefragt. Burn-Out ist eine Mischung aus Druck von außen verbunden mit innerem Engagement in Verbindung mit Enttäuschung und Ohnmacht. Man kann das Thema von verschiedenen Seiten angehen: Zum Beispiel äußerer Druck, das ist eine Aufgabe der Unternehmensführung, den Druck nicht so aufzubauen. Oder der Bereich inneres Engagement, der grundsätzlich etwas sehr Positives ist. Aber das persönliche Selbstwertgefühl sollte nicht am Erfolg oder Misserfolg im Unternehmen hängen. Großes inneres Engagement heißt ja oft, dass Menschen ihr Selbstwertgefühl davon abhängig machen, ob etwas klappt oder nicht. Da hilft Yoga erkennen, dass mein eigenes Wohlbefinden, mein Energie-Level nicht davon abhängt, wie erfolgreich ich im äußeren Leben bin. Es geht darum, die Gelassenheit im Sinne von Selbstwirksamkeit zu entdecken, also zu erfahren, dass ich nicht ohnmächtig bin. Mein Wohlbefinden hängt nicht davon ab, wie es im Beruf oder auch im Privatleben geht. Yoga hilft, hier tiefer zu sich selbst zu kommen, zu einer größeren Kreativität, man sieht andere Lösungen. Es gibt immer einen dritten Weg. Wenn es ein Dilemma gibt zwischen diesem und jenem, dann muss man sich fragen: Wie geht es auch noch anders?

Haben Sie eigentlich den Anspruch, bei Ihren Business-Kunden die Unternehmenskultur zu verändern?

Bretz: Es wäre falsch, wenn der Yoga-Lehrer die Einstellung hätte, er müsse jetzt durch die Hintertür die Unternehmenskultur verändern. Dazu muss er einen Auftrag haben, ansonsten wäre das vermessen. Unsere Yoga-Angebote passen in die Unternehmenskultur hinein. Wenn es im Unternehmen üblich ist, sich zu siezen, dann siezt man sich in der Yoga-Stunde, wenn man sich duzt, dann duzt man sich dort. Wenn es üblich ist, dass die Menschen in formeller Kleidung herumlaufen und sich nicht in anderer Kleidung sehen lassen sollen, dann wird man das Yoga so machen, dass es in dieser Kleidung stattfinden kann. Wenn es ausdrücklich gewünscht ist, dass man nichts Spirituelles erzählt, dann wird darauf verzichtet.

Was erwarten Sie von einem angehenden Lehrer für Business-Yoga?

Bretz: Grundsätzlich ist eine positive Einstellung zur Marktwirtschaft sinnvoll, denn der Yoga-Lehrer sollte sich in der Wirtschaftswelt wohlfühlen. Ein Anforderungsprofil besteht nur insofern, als dass wir für die Business-Yoga-Ausbildung eine klassische Yoga-Lehrer-Ausbildung voraussetzen.

Gibt es körperliche und altersbedingte Begrenzungen für die Tätigkeit als Business-Yoga-Lehrer?

Bretz: Die altersbedingte Grenze für Yoga-Lehrer beginnt bei 108 Jahren (lacht). Es hat nichts mit Yoga zu tun, ob man im Lotussitz sitzen kann oder nicht. Viele Menschen haben die Idee von „körperlich etwas leisten müssen“ im Kopf. Das ist nicht die Grundidee des Yoga. Man kann auch Yoga-Lehrer sein, ohne dass man den Kopfstand oder den Lotussitz praktizieren kann. Es gibt ja verschiedene Berufsverbände im Yoga, und nicht überall ist beispielsweise der Kopfstand Bestandteil der Ausbildung. Es gibt nichts, was man körperlich können müsste, Yoga ist mehr ein innerer Vorgang als eine körperliche Angelegenheit.

Was wünschen sich eigentlich die Unternehmen vom Business-Yoga?

Bretz: Sie erwarten, dass Yoga in das bestehende Gesundheitsmanagement integriert werden kann. Und sie erwarten, dass die Yoga-Vidya-Grundreihe, eine bestimmte Abfolge von Übungen, ans Business angepasst wird: Yoga nicht auf dem Boden, sondern im Sitzen auf einem Stuhl oder im Stehen – notfalls auch in Rock und Anzug. Oft wollen die Betriebe kürzere Sequenzen haben als die klassische Übungsreihe von anderthalb Stunden. Eine weitere Möglichkeit sind die Kleinübungen, die direkt am Arbeitsplatz geübt werden können – beispielsweise auf dem Stuhl sitzend oder stehend mit Dehnund Lockerungsübungen, Atem- und Entspannungsübungen, die in zwei bis vier Minuten abgeschlossen sind. Wenn man müde ist und wieder fit sein möchte, Lampenfieber hat, weil man gleich eine Präsentation vor der Geschäftsführung halten muss, dann ist das sehr hilfreich.

Sie betreiben bundesweit drei große Seminarhäuser, in denen das Leben und Arbeiten in einer Gemeinschaft organisiert ist. Wie funktioniert das auf Dauer?

Bretz: Morgens fängt der Tag an mit gemeinsamer Meditation und Yoga-Übungen, abends schließt der Tag genauso. Tagsüber macht jeder seine Arbeit. Vom Begriff des Karma Yoga (Yoga des Handelns) her gesehen heißt arbeiten: Man arbeitet, um Gutes zu bewirken, seine Fähigkeiten zu entfalten. Es geht weniger darum, Geld zu verdienen und Statussymbole zu haben. Daraus kann man einiges für Unternehmen ableiten: Menschen brauchen etwas, um sich zu zentrieren, Meditation und Yoga- Stunden beispielsweise über ein Business-Yoga-Angebot. Das zweite ist, Menschen nicht übermäßig auf den innerbetrieblichen Wettbewerb zu fixieren, sie nur an Kennzahlen zu messen. Drittens nicht zu denken, dass Menschen durch äußere Faktoren motiviert werden müssen. Stattdessen sollte man darauf schauen, wie eine Arbeit beschaffen sein muss, dass Menschen sich entwickeln können. Beliebte Arbeitgeber bemühen sich ja auch darum. Vieles, was wir im Ashram machen, wird von diesen Unternehmen in die Betriebskultur integriert.

Besonders wichtig ist Ihnen also …

Bretz: Menschen in ihren Kompetenzen zu stärken. Der Mitarbeiter muss wissen, was von ihm verlangt wird, die Unternehmensleitung muss aber auch dessen Bedürfnisse und Fähigkeiten kennen. Menschen lassen sich nicht nach den Vorstellungen einer Führungskraft modellieren. Das hält niemand durch, zumindest nicht bei vollem Einsatz.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Bretz: Drei bedeutsame Felder sind das „Business-Yoga“, die „Yoga-Therapie“ (Behandlung von Krankheiten) sowie Angebote für Menschen, die tiefer ins spirituelle Yoga einsteigen möchten. Was in den nächsten Jahren noch ansteht ist die Ausdehnung ins europäische Ausland.

2012 veranstalten Sie vom 1. bis 3. Juni in Bad Meinberg den 2. Business-Yoga-Kongress, bei dem es um „neue Werte in der Arbeitswelt“ geht. Welche Werte meinen Sie?

Bretz: Kooperation statt Konfrontation, Kreativität statt stures Befolgen von Anweisungen, selbstbewusstes Handeln statt handeln unter Druck. Und immer zentraler und wichtiger: Selbstmotivation statt Fremdmotivation!

Bildunterschriften

In dem mehrseitigen Original-Artikel sind einige Photos dabei, die hier im Wiki nicht mit aufgenommen werden. Diese findest du in der unteren PDF Datei des Original-Artikels. Hier nur die Bildunterschriften:

Sukadev Volker Bretz im Lotus

Sukadev Volker Bretz beherrscht zwar Kopfstand und Lotussitz in allen nur denkbaren Varianten, er zeigt sich aber überzeugt davon, dass Yoga in erster Linie ein „innerer Vorgang“ ist. „Es gibt nichts, was man unbedingt körperlich können müsste“, beruhigt der Yoga Meister unsichere Büromenschen.

Vorwärtsbeuge

Die Anweisung für diese Yoga-Übung lautet: Aus der Stehstellung einatmend die Arme heben, ausatmend mit geradem Rücken nach vorne beugen. Einige Atemzüge die Dehnung genießen. Der Geist des Übenden wird wacher.

Dreieck

Die Beine einen Meter auseinander. Einatmend den rechten Arm heben und ausatmend den Rumpf nach links beugen. Für drei tiefe Atemzüge verharren. Mit der nächsten Einatmung wieder nach oben, dann zur anderen Seite! Hilft, neue Kraft tanken.

Verschiedene Yoga-Arten

(im Ursprungs-Artikel ein Info-Kasten am Ende des Artikels)

Hintergrund. Sechs verschiedene Yoga-Wege werden heute je nach Lehrer mit unterschiedlichen Schwerpunkten zu einem „ganzheitlichen“ Yoga integriert. Die sechs Wege im einzelnen:

Yoga-Stellungen, die Atemübungen und Tiefenentspannungstechniken. Für die meisten Menschen ist das der Einstieg ins Yoga.

  • Raja Yoga: Mentaltraining wie Affirmation, Visualisierung,

Achtsamkeit, Selbstbeobachtung, Meditation.

  • Jnana Yoga: Yoga des Wissens und der Philosophie.

Im Jnana Yoga werden Karma und Reinkarnation erklärt. Techniken zur Stärkung der Intuition.

beschreibt den Astralkörper mit seinen Chakras (Energiezentren) und Nadis (Energiekanälen). Entfaltung neuer Fähigkeiten.

  • Karma Yoga: Yoga der Tat. Es gilt, das Schicksal als

Chance zu begreifen. Karma Yoga beinhaltet Techniken, Entscheidungen richtig zu treffen.

Quelle

Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift "Wirtschaft und Weiterbildung", Ausgabe 02/2012.

Siehe auch

Weblinks