Bandscheibenvorfall

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Ein Bandscheibenvorfall kann auch an der HWS auftreten, ist aber viel seltener

Ein Bandscheibenvorfall ist eine krankhafte Verlagerung von Bandscheibengewebe, die meist im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule (LWS), aber auch im Bereich der Halswirbelsäule (HWS), auftritt. Das Bandscheibengewebe tritt dabei in den das Rückenmark umgebenden Spinalkanal ein und kann auf die Nervenwurzeln drücken, was starke Schmerzen auslösen kann. Man unterscheidet hierbei zwischen der Protusion, der bloßen Vorwölbung des noch intakten Faserknorpelrings der Bandscheibe, dem Prolaps, bei dem der Faserring gerissen oder angerissen ist und das gallertartige Gewebe des Bandscheibenkerns (Nucleus) durch den Faserring austritt und die Nervenwurzeln komprimieren kann, was meist zu sehr starken Schmerzen führt, und dem sequestrierten Vorfall, bei dem der Vorfall vom Gallertkern abgetrennt ist. Das im Wirbelkanal verlaufende und die Wirbel miteinander verbindende hintere Längsband aus Bindegewebe bleibt dabei intakt.

Es geht auch ohne OP - Sportmediziner Dr. Hartmann in einem Interview mit der Deutschen Welle

Bei einem Bandscheibenvorfall kann es auch zu gefährlichen Taubheitsgefühlen, Lähmungserscheinungen und Problemen bei der Ausscheidung (Funktionsstörungen bei Blase und Mastdarm) kommen; je nachdem, in welcher Richtung das Gewebe austritt (schwerwiegender sind der Austritt von Gewebe nach hinten oder seitlich nach hinten), kann auch zusätzlich eine Lumbalgie (Hexenschuss) oder Ischialgie (Ischiasschmerzen vom Gesäß über das Bein bis in den Fuß) auftreten.

Die häufigsten Bandscheibenvorfälle im Lendenwirbelbereich betreffen die Bandscheiben zwischen den Lendenwirbelkörpern 4 und 5 (LWK4/5) und LWK5/SWK1 (SWK = Sakralwirbelkörper, siehe auch Wirbelsäule). Bandscheibenvorfälle im Bereich der HWS sind "etwa 100-mal seltener" (Quelle: Taschenlehrbuch Orthopädie und Unfallchirurgie).

Während der akuten Beschwerden eines Bandscheibenvorfalls sind Wärme (auch Ayurveda, sofern es für den Erkrankten möglich ist, die Bauchlage einzunehmen - siehe unten), Entspannung und Meditation sehr wohltuend; nach Abklingen der akuten Beschwerden tragen Yoga, Yogatherapie und Ayurveda erheblich zur Vorbeugung wiederholter Bandscheibenvorfälle bei (siehe unten).

Im obigen Video erläutert Sportmediziner Dr. Hartmann in einem Interview mit der DW, dass bei Bandscheibenvorfall zu oft operiert wird und dass die meisten Betroffenen durch Bewegung wieder völlig gesund werden können, sofern keine Lähmungserscheinungen etc. vorliegen. Er betont auch, dass vielen Bandscheibenvorfällen psychischer Stress zugrunde liegt, der zu einer verspannten Muskulatur führt, die dann Auslöser des Bandscheibenvorfalls ist.

Symptome

Werden durch das austretende Gewebe keine Nervenwurzeln komprimiert, dann kann ein Bandscheibenvorfall auch völlig schmerzfrei sein. Drückt das Gewebe dagegegen die Nervenwurzeln zusammen, dann können starke Schmerzen die Folge sein, die beim Bandscheibenvorfall im unteren Lendenwirbelbereich je nach Austrittsrichtung des Gewebes in den unteren Rücken oder auch in ein Bein ausstrahlen. Im Allgemeinen ist nur eine Seite betroffen. Der Schmerz ist stärker beim Pressen, Husten oder Niesen; außerdem kann durch die Schmerzverspannung eine skoliotische Fehlhaltung zu sehen sein und die untere Rückenmuskulatur ist stark verspannt. Schmerzen sollen auch durch Immunreaktionen des Körpers (Entzündungen) ausgelöst werden können.

Schmerzhafte Druckpunkte an der Oberschenkelrückseite (Verlauf des Ischiasnervs) deuten auf eine Nervenreizung bei L5 oder S1 hin; die schmerzhafte passive Hüftgelenksextension in Bauchlage auf die Reizung von L4.

In schwereren Fällen können sich neurologische Störungen (Lähmungen, fehlende Reflexe, Taubheitsgefühle, Verlust über Blasen - und Mastdarmkontrolle) einstellen (siehe auch Cauda-Equina-Syndrom).

Beim Bandscheibenvorfall im Bereich der Halswirbelsäule kann der Schmerz bis in die Arme (Brachialgie) ausstrahlen; ebenso können sich in den Armen Taubheitsgefühle udn Lähmungen einstellen; es kann zu Schwindel, Kopfschmerz, Sichtstörungen und Ohrensausen kommen. Bei den kleinen Handmuskeln und bei den Sehnenreflexen von Bizeps und Trizeps kann es zu Ausfällen kommen.

Ursachen

Lasten dicht am Körper tragen, Oberkörper aufgerichtet

Bei den meisten Bandscheiben ist altersbedingt eine gewisse Degeneration gegeben, d.h. die Bandscheibe, die nicht über die Blutbahn versorgt wird, sondern durch Diffusion, und deren innerer Gallertkern zu 80% aus Wasser besteht, trocknet aus; die Elastizität nimmt ab und es bilden sich Risse in den Membranen innerhalb des Knorpelrings.

Der Einfluss von psychischen Belastungen (emotionaler und Arbeitsstress etc.) auf die Wirbelsäule, die zu einer sehr starken Verkrampfung der Muskulatur führen, wurde bereits erwähnt (siehe Video oben).

Im Allgemeinen vermutet man, dass auch das ständige Heben von Lasten die Degeneration der Bandscheiben beschleunigen kann, obwohl es hierzu auch andere Meinungen gibt; auf jeden Fall kann falsches Heben (insbesondere bei verdrehtem Oberkörper) oder Bücken einen Bandscheibenvorfall auslösen. Siehe hierzu auch den Abschnitt "Prävention von Beschwerden" unter Rücken.

Wie bereits erwähnt, bleibt das hintere Längsband beim Prolaps intakt.

Diagnostik

Die beste Weichteildarstellung liefert MRT, was für den Patienten auch den Vorteil hat, dass er keiner Strahlenbelastung ausgesetzt wird.

Differenzialdiagnose

Bei der Stellung der Diagnose sind verschiedene Krankheiten auszuschließen, die ein vergleichbares Schmerzbild hervorrufen können. Dazu gehören degenerative (Spondylarthrose, Spinalkanalstenose) Erkrankungen, Tumore, entzündliche Erkrankungen (Borreliose, Herpes zoster, Spondylodiszitis, rheumatische Veränderungen), Stoffwechselkrankheiten (z.B. Ochronose) oder neurologische Erkrankungen (z.B. Multiple Sklerose).

Therapie

Konservative Behandlung

Akute Phase

In der akuten Phase wird der Patient, sofern keine neurologischen Ausfälle vorliegen, zunächst konservativ behandelt und im Stufenbett (sofern die LWS betroffen ist) gelagert, damit der eingeengte Nerv entlastet werden kann; Patienten mit einem Bandscheibenvorfall im Bereich der HWS tragen eine den Hals streckende Orthese. Der Patient kann auch auf einem sogenannten Schlingentisch sanft gestreckt werden, um der Bandscheibe Platz zu schaffen. Damit kein chronischer Schmerz entsteht, können bis zum Eintritt einer gewissen Besserung ggf. Schmerzmittel und Muskelrelaxanzien verabreicht werden.

Wärmebehandlungen und sanfte Massagen sind geeignet, die verkrampfte Muskulatur zu entspannen, damit die Bandscheibe zurückwandern kann. Hier können sanfte ayurvedische Massagen mit warmem Öl, warme Ölgüsse (Kayaseka, siehe Rücken) und insbesondere lokale Ölbehandlungen wie Khadivasti (siehe Rücken), Erleichterung und Entkrampfung bewirken.

Zusätzlich kann die Heilung vom Kranken selbst mit Heilmeditationen (siehe Rücken) und Heilmantras wie Om Tryambakam und dem Surya Mantra unterstützt werden.

Remobilisierungsphase

Sobald die Schmerzzustände abgeklungen sind, sollte der Patient mit Übungen beginnen, um drohendem Muskelverlust, der noch mehr Instabilität bedeuten würde, entgegenzuwirken. Hier sind sowohl Krankengymnastik wie auch Yoga und eine Kombination von beidem bestens geeignet.

Lendenwirbelsäule Zu beachten ist, dass der Patient sich stets rückengerecht bewegen (siehe "Prävention von Beschwerden" unter Rücken) und den Rücken immer lang und gerade halten sollte.

Der Patient sollte 4-6 Monate lang keine Vorwärtsbeugen (daher auch keinen Sonnengruß) üben und auch keine Sitzhaltungen mit gekreuzten Beinen einnehmen.

Dagegen kann er behutsam mit Rückbeugen beginnen, bei denen sich die Bandscheibe wieder auf ihren angestammten Platz zurückbewegt. Hier sollte er zunächst die Sphinx (siehe Video oben) üben, um die Rückenmuskulatur zu stärken, und dann Bhujangasana, die Kobra (zunächst nur die auf der Titelseite des Videos abgebildete Grundform, ohne Variationen), die halbe Heuschrecke, Ardha Shalabasana, und das Kamel, Ushtrasana, letzteres nur, wenn er sich dabei wohl fühlt.

Ferner sollte er Japa mit dem Mantra Soham üben und sich dabei auf die Atemwahrnehmung in der Wirbelsäule (Auf- und Abbewegung des Atems) konzentrieren; dies wird zur Entspannung der verkrampften Muskulatur beitragen. Desgleichen ist die Wechselatmung zu empfehlen.

Bei den Atem- und Meditationsübungen kann er sich in der ersten Übungsphase auf einen Stuhl setzen, später in Shavasana oder dem Fersensitz oder Vajrasana üben, damit der Rückengerade bleibt.

Auch die Streckung des Rückens im Stehen zieht die Wirbelkörper und Bandscheiben auseinander und schafft Platz.

Die Ernährung sollte sattwisch sein (Gemüse, Salat, Obst, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Nüsse); Zucker, Milchprodukte, Fleisch und scharfe Gewürze sind zu meiden.

Die Heilmeditationen und Heilmantren (siehe akute Phase oben) sollten auch jetzt fortgesetzt werden.

Halswirbelsäule

Yogatherapie-Einzelbehandlung

Der Hals sollte möglichst oft gestreckt und lang gehalten werden; jegliche Belastungen von Halswirbelsäule und Kopf sind zu vermeiden.

Daraus folgt: kein Kopfstand (Shirshasana), kein Schulterstand (Sarvangasana) oder Pflug (Halasana)(ersatzweise einfach ein Kissen unter das Becken legen und die Beine heben), und auch kein Fisch (Matsyasana) und keine Heuschrecke (Shalabasana). Bei der schiefen Ebene sollte der Kopf nicht hängen.

Gut sind isometrische Übungen zur Stärkung der Halsmuskulatur; bitte mache nur die isometrischen Übungen des nachfolgenden Videos, bei denen du mit der Hand (Schläfe, Stirn, Hinterkopf) gegen den Kopf drückst; lasse die anderen Übungen aus und sprich dich ggf. noch mit deinem Arzt ab, welche Übungen du machen darfst.

Für die übrigen Punkte (Ernährung, Meditation, etc.) gilt, was unter LWS bereits gesagt wurde.

Yogatherapie

Bei der Yogatherapie kannst du dir bei Bedarf einen Einzeltermin geben lassen und mit dem Yogatherapeuten zusammen üben, der spezielle Übungen für dich zusammenstellen kann, oder einen Gruppenkurs Yoga für den Rücken besuchen.

Operative Therapie

Zum operativen Eingriff kommt es, wenn die Beschwerden sich auch nach Wochen konservativer Therapie nicht gebessert haben, oder wenn ein Kaudasyndrom vorliegt, eine schwerwiegende neurologische Ausfallerscheinung, die auf einer Quetschung der Cauda equina beruht (Symptome: Gefühllosigkeit im "Reithosenbereich" am Gesäß und an der Innenseite der Oberschenkel, Funktionsstörungen von Blase und Mastdarm, Lähmungserscheinungen).

Der Eingriff erfolgt im Allgemeinen über Schlüssellochinzisionen mit Spreizern, mit recht guten Erfolgschancen (nach dem Taschenlehrbuch für Orthopädie und Unfallchirurgie 80%), allerdings zwei möglichen postoperativen Komplikationen: der Periduralfibrose (Form der Vernarbung, durch die das Beschwerdebild chronisch werden kann) und Pseudolisthese (Wirbelgleiten durch postoperative Überbeweglichkeit des Bewegungssegments).

Siehe auch


Literatur

Seminare und Ausbildungen

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