Brahma Sukta Upanishad: Unterschied zwischen den Versionen
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Die '''Brahma Sukta Upanishad | Die '''Brahma Sukta Upanishad''' (Sanskrit ब्रह्मसूक्तोपनिषद् brahmasūktopaniṣad f.) gehört zur Shaunaka-Tradition'''. Die Brahma Sukta Upanishad ist eine philosophische Lesart des '''Jyeṣṭha-Brahma-Sūkta''' (Sanskrit: ज्येष्ठब्रह्मसूक्त, ''Jyeṣṭhabrahmasūkta''), des achten Hymnus im zehnten Buch der [[Atharvaveda|Atharvaveda-Śaunaka-Saṃhitā]] (AVŚ 10.8). Der Hymnus umfasst 44 Mantras. Sein Anfang verehrt das „älteste“ oder „höchste“ [[Brahman]]; seine Rätsel führen über [[Skambha]], Zeit, Kosmos, Wasser, Opfer, Sprache und Körper schließlich zum furchtlosen [[Atman]]. | ||
Die Bezeichnung „Brahma Sukta Upanishad“ ist kein alter, allgemein bezeugter Titel einer selbstständigen Upanishaden-Handschrift und die Schrift gehört nicht zur [[Muktika Upanishad|Muktika-Liste]]. Sie benennt hier den upanishadischen Lehrcharakter von Atharvaveda Śaunaka 10.8. Das ist wichtig, weil unter dem Namen ''Brahma Sūktam'' auch jüngere liturgische Zusammenstellungen umlaufen. Der vorliegende Artikel gibt dagegen vollständig und in der überlieferten Reihenfolge die 44 Mantras des Jyeṣṭha-Brahma-Sūkta wieder. | Die Bezeichnung „Brahma Sukta Upanishad“ ist kein alter, allgemein bezeugter Titel einer selbstständigen Upanishaden-Handschrift und die Schrift gehört nicht zur [[Muktika Upanishad|Muktika-Liste]]. Sie benennt hier den upanishadischen Lehrcharakter von Atharvaveda Śaunaka 10.8. Das ist wichtig, weil unter dem Namen ''Brahma Sūktam'' auch jüngere liturgische Zusammenstellungen umlaufen. Der vorliegende Artikel gibt dagegen vollständig und in der überlieferten Reihenfolge die 44 Mantras des Jyeṣṭha-Brahma-Sūkta wieder. | ||
Version vom 5. September 2026, 10:51 Uhr
Die Brahma Sukta Upanishad (Sanskrit ब्रह्मसूक्तोपनिषद् brahmasūktopaniṣad f.) gehört zur Shaunaka-Tradition. Die Brahma Sukta Upanishad ist eine philosophische Lesart des Jyeṣṭha-Brahma-Sūkta (Sanskrit: ज्येष्ठब्रह्मसूक्त, Jyeṣṭhabrahmasūkta), des achten Hymnus im zehnten Buch der Atharvaveda-Śaunaka-Saṃhitā (AVŚ 10.8). Der Hymnus umfasst 44 Mantras. Sein Anfang verehrt das „älteste“ oder „höchste“ Brahman; seine Rätsel führen über Skambha, Zeit, Kosmos, Wasser, Opfer, Sprache und Körper schließlich zum furchtlosen Atman.
Die Bezeichnung „Brahma Sukta Upanishad“ ist kein alter, allgemein bezeugter Titel einer selbstständigen Upanishaden-Handschrift und die Schrift gehört nicht zur Muktika-Liste. Sie benennt hier den upanishadischen Lehrcharakter von Atharvaveda Śaunaka 10.8. Das ist wichtig, weil unter dem Namen Brahma Sūktam auch jüngere liturgische Zusammenstellungen umlaufen. Der vorliegende Artikel gibt dagegen vollständig und in der überlieferten Reihenfolge die 44 Mantras des Jyeṣṭha-Brahma-Sūkta wieder.
Nach der vedischen Anukramaṇī gilt Kutsa als Seher und der Atman als Gottheit des Hymnus; die Metren wechseln. Diese Angaben zeigen, wie stark die Tradition den vielstimmigen Rätselhymnus als Selbsterkenntnis las. Besonders deutlich wird dies in Mantra 43 mit dem neuntorigen Lotus des Leibes und in Mantra 44: Der wunschlose, aus sich selbst seiende Atman ist unsterblich, und wer ihn erkennt, verliert die Furcht vor dem Tod.
Für heutige Leserinnen und Leser ist die Brahma Sukta Upanishad der Shaunaka-Tradition keine systematische Abhandlung. Sie ist ein meditativer Frageweg. Manche Bilder bleiben absichtlich vieldeutig, manche Stellen sind sprachlich dunkel. Die deutsche Übersetzung macht solche Unsicherheiten sichtbar, statt sie durch spätere Lehrsätze zu verdecken. Sanskrittext, Übersetzung und Worterklärung folgen jedem Mantra einzeln.
Brahma Sukta Upanishad – Sanskrit (IAST), Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung
Die Zählung 10.8.1–44 entspricht der Atharvaveda-Śaunaka-Saṃhitā. Die Lesefassung beruht auf dem elektronischen Sanskrittext der Göttinger Register of Electronic Texts in Indian Languages (GRETIL); offensichtliche Vereinfachungen der Umschrift wie pṛchāmi für standardisiertes pṛcchāmi wurden normalisiert. Die Übersetzung wurde mit den philologischen Übersetzungen und Anmerkungen William Dwight Whitneys sowie Ralph T. H. Griffiths verglichen. Wo Wortform oder Zusammenhang umstritten sind, wird dies unmittelbar beim Mantra angegeben.
Mantras 1–10 – Das älteste Brahman und die kosmischen Rätsel
Mantra 10.8.1 – Huldigung an das älteste Brahman
yo bhūtaṃ ca bhavyaṃ ca sarvaṃ yaś cādhitiṣṭhati |
svaryasya ca kevalaṃ tasmai jyeṣṭhāya brahmaṇe namaḥ ||1||
Er, der über allem Vergangenen und Zukünftigen und über dem gesamten All steht, und dem allein die lichte Himmelswelt gehört – diesem ältesten Brahman sei Verehrung.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yaḥ – derjenige, welcher; bhūtam – das Gewesene, Vergangene; ca – und; bhavyam – das Künftige; sarvam – alles; yaḥ ca – und der; adhitiṣṭhati – darübersteht, es lenkend innehat; svar – lichte Himmelswelt; yasya – dessen; im Sandhi svaryasya; ca – und; kevalam – allein, ausschließlich; tasmai – diesem; jyeṣṭhāya – ältesten, höchsten; brahmaṇe – Brahman; namaḥ – Verehrung, Verneigung.
Mantra 10.8.2 – Skambha trägt Himmel und Erde
skambheneme viṣṭabhite dyauś ca bhūmiś ca tiṣṭhataḥ |
skambha idaṃ sarvam ātmanvad yat prāṇan nimiṣac ca yat ||2||
Durch Skambha sind diese beiden, Himmel und Erde, auseinandergestützt und stehen fest. Skambha ist dieses ganze beseelte All: was atmet und was die Augen bewegt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: skambhena – durch Skambha, den Träger oder Weltpfeiler; ime – diese beiden; viṣṭabhite – auseinandergestützt, festgehalten; dyauḥ – Himmel; ca – und; bhūmiḥ – Erde; ca – und; tiṣṭhataḥ – stehen, bestehen, dual; skambhaḥ – Skambha; idam – dieses; sarvam – ganze All; ātman-vat – mit Selbst beziehungsweise Lebensprinzip versehen, beseelt; yat – was; prāṇat – atmet, lebt; nimiṣat – blinzelt, die Augen bewegt; ca – und; yat – was.
Mantra 10.8.3 – Drei Schöpfungen und der kosmische Vermesser
tisro ha prajā atyāyam āyan ny anyā arkam abhito 'viśanta |
bṛhan ha tasthau rajaso vimāno harito hariṇīr ā viveśa ||3||
Drei Schöpfungen gingen in ein Überschreiten ein; andere traten rings um Arka, die Sonne, ein. Groß stand der Vermesser des Raumes da; der Goldfarbene trat in die goldfarbenen Kräfte ein.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tisraḥ – drei, feminin; ha – wahrlich; prajāḥ – Geschöpfe, Hervorbringungen; atyāyam – Überschreiten, Hinübergehen; die Form und Konstruktion sind unsicher; āyan – gingen, gelangten; ni – hinein, hinab; anyāḥ – andere; arkam – Arka, Sonne oder Sonnenlicht; abhitaḥ – ringsum; aviśanta – traten ein; bṛhan – groß, der Große; ha – wahrlich; tasthau – stand; rajasaḥ – des Raumes, der Atmosphäre; vimānaḥ – Vermesser, Durchschreiter; haritaḥ – der Goldfarbene oder Falbe; hariṇīḥ – in die goldfarbenen weiblichen Kräfte, Stuten oder Strahlen; ā viveśa – trat hinein. Der Vers ist schon in der vedischen Kommentierung schwer verständlich; die Übersetzung wahrt deshalb seine Bildsprache.
Mantra 10.8.4 – Das Rad des Jahres
dvādaśa pradhayaś cakram ekaṃ trīṇi nabhyāni ka u tac ciketa |
tatrāhatās trīṇi śatāni śaṅkavaḥ ṣaṣṭiś ca khīlā avicācalā ye ||4||
Zwölf Felgenstücke hat das eine Rad und drei Naben – wer hat dies erkannt? Darin sind dreihundert Zapfen eingeschlagen und sechzig Pflöcke, die unbeweglich bleiben.
Wort-für-Wort-Erläuterung: dvādaśa – zwölf; pradhayaḥ – Felgenstücke, Radkränze; cakram – Rad; ekam – eines; trīṇi – drei; nabhyāni – Naben; kaḥ – wer; u – denn, wohl; tat – dieses; ciketa – hat erkannt, weiß; tatra – darin; āhatāḥ – eingeschlagen, eingesetzt; trīṇi śatāni – drei Hunderte; śaṅkavaḥ – Zapfen, Stifte; ṣaṣṭiḥ – sechzig; ca – und; khīlāḥ – Pflöcke, Keile; avicācalāḥ – unbewegt, nicht schwankend; ye – welche. Das Rad wird gewöhnlich als Jahr mit zwölf Monaten, drei Großjahreszeiten und 360 Tagen verstanden.
Mantra 10.8.5 – Sechs Zwillinge und der Einziggeborene
idaṃ savitar vi jānīhi ṣaḍ yamā eka ekajaḥ |
tasmin hāpitvam icchante ya eṣām eka ekajaḥ ||5||
Erkenne dieses genau, Savitṛ: Sechs sind Zwillingspaare, einer ist einziggeboren. In jenem suchen sie Gemeinschaft, der unter ihnen der eine Einziggeborene ist.
Wort-für-Wort-Erläuterung: idam – dieses; savitaḥ – o Savitṛ; vi jānīhi – erkenne genau, unterscheide; ṣaṭ – sechs; yamāḥ – Zwillinge, Paare; ekaḥ – einer; ekajaḥ – allein beziehungsweise einzig geboren; tasmin – in jenem, bei ihm; ha – wahrlich; apitvam – Teilhabe, Gemeinschaft, Verwandtschaft; icchante – sie wünschen, suchen; yaḥ – welcher; eṣām – unter ihnen; ekaḥ ekajaḥ – der eine Einziggeborene. Gemeint sind wahrscheinlich sechs Paare von Monaten und ein eingeschobener dreizehnter Monat.
Mantra 10.8.6 – Offenbar und doch im Geheimen verborgen
āviḥ san nihitaṃ guhā jaran nāma mahat padam |
tatredaṃ sarvam ārpitam ejat prāṇat pratiṣṭhitam ||6||
Obwohl offenbar, ist es im Verborgenen niedergelegt: das große Ziel, das „das Alternde“ genannt wird. Darin ist dieses ganze All befestigt; was sich regt und atmet, ist darin gegründet.
Wort-für-Wort-Erläuterung: āviḥ – offenbar, sichtbar; san – seiend; nihitam – niedergelegt, verborgen; guhā – im Versteck, in der Höhle; jarat – alternd, das Alternde; nāma – mit Namen, genannt; mahat – groß; padam – Schritt, Spur, Ort oder Ziel; tatra – darin; idam – dieses; sarvam – ganze All; ārpitam – befestigt, eingefügt; ejat – sich regend; prāṇat – atmend, lebend; pratiṣṭhitam – fest gegründet. Jarat und padam lassen mehrere Deutungen zu; die Übersetzung bildet keine spätere Lehrformel daraus.
Mantra 10.8.7 – Das einrädrige Wesen
ekacakraṃ vartata ekanemi sahasrākṣaraṃ pra puro ni paścā |
ardhena viśvaṃ bhuvanaṃ jajāna yad asyārdhaṃ kva tad babhūva ||7||
Einrädrig rollt es, mit einer einzigen Felge und tausend Silben: vorwärts nach vorn, rückwärts nach hinten. Mit der einen Hälfte erzeugte es die ganze Welt. Wo wurde seine andere Hälfte?
Wort-für-Wort-Erläuterung: eka-cakram – ein Rad habend, einrädrig; vartate – rollt, dreht sich; eka-nemi – mit einer Felge; sahasra-akṣaram – tausendsilbig beziehungsweise tausend unvergängliche Glieder habend; pra – vorwärts; puraḥ – nach vorn; ni – hinab, zurück; paścā – nach hinten; ardhena – mit einer Hälfte; viśvam – das ganze; bhuvanam – Weltall; jajāna – erzeugte; yat – welches; asya – von ihm; ardham – andere Hälfte; kva – wo; tat – diese; babhūva – wurde, befand sich. Das Bild kann auf Sonne, Jahr und kosmische Ganzheit zugleich anspielen.
Mantra 10.8.8 – Das Fünfergespann und die Nähe des Höheren
pañcavāhī vahatyagram eṣāṃ praṣṭayo yuktā anusaṃvahanti |
ayātam asya dadṛśe na yātaṃ paraṃ nedīyo 'varaṃ davīyaḥ ||8||
Das Fünfergespann trägt ihre Spitze; angeschirrte Seitenpferde tragen mit. Von ihm wurde das Nicht-Gegangene gesehen, nicht das Gegangene. Das Höhere ist näher, das Niedrigere ferner.
Wort-für-Wort-Erläuterung: pañca-vāhī – ein Fünfergespann beziehungsweise das von fünf Kräften Getragene; vahati – trägt, zieht; agram – Spitze, Vorderteil; eṣām – von ihnen; praṣṭayaḥ – Beipferde, seitlich angeschirrte Tiere; yuktāḥ – angeschirrt, verbunden; anusaṃvahanti – tragen gemeinsam nach, ziehen mit; ayātam – das Nicht-Gegangene, noch nicht Erreichte; asya – von ihm; dadṛśe – wurde gesehen; na – nicht; yātam – das Gegangene, Erreichte; param – das Höhere, Jenseitige; nedīyaḥ – näher; avaram – das Niedrigere, Diesseitige; davīyaḥ – ferner. Der Vers ist in seiner konkreten Bildlogik dunkel; die Übersetzung bleibt eng am Wortlaut.
Mantra 10.8.9 – Die Schale und die sieben Seher
tiryagbilaś camasa ūrdhvabudhnas tasmin yaśo nihitaṃ viśvarūpam |
tad āsata ṛṣayaḥ sapta sākaṃ ye asya gopā mahato babhūvuḥ ||9||
Eine Schale mit seitlicher Öffnung und nach oben gekehrtem Boden: In ihr ist vielgestaltige Herrlichkeit niedergelegt. Dort sitzen die sieben Seher beisammen, die zu Hütern dieses Großen wurden.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tiryak-bilaḥ – eine seitwärts gerichtete Öffnung habend; camasaḥ – Schale, Becher; ūrdhva-budhnaḥ – mit nach oben gerichtetem Boden; tasmin – in ihm; yaśaḥ – Ruhm, Herrlichkeit; nihitam – niedergelegt; viśva-rūpam – allgestaltig, vielgestaltig; tat – dort; āsata – sie sitzen; ṛṣayaḥ – Seher; sapta – sieben; sākam – gemeinsam; ye – welche; asya – dieses; gopāḥ – Hüter; mahataḥ – des Großen; babhūvuḥ – wurden. In einer alten Brāhmaṇa-Deutung ist die umgekehrte Schale der Kopf und sind die sieben Seher seine sieben Öffnungen beziehungsweise Wahrnehmungskräfte.
Mantra 10.8.10 – Die schützende Ṛc des Opfers
yā purastād yujyate yā ca paścād yā viśvato yujyate yā ca sarvataḥ |
yayā yajñaḥ prāṅ tāyate tāṃ tvā pṛcchāmi katamā sā ṛcām ||10||
Welche vorn angespannt wird, welche hinten, welche nach allen Richtungen und welche ringsum angespannt wird; durch welche das Opfer nach vorn geschützt und ausgedehnt wird – nach dieser frage ich dich: Welche unter den Ṛcs ist sie?
Wort-für-Wort-Erläuterung: yā – welche; purastāt – vorn, zuvor; yujyate – angeschirrt, eingesetzt wird; yā ca – und welche; paścāt – hinten, danach; yā – welche; viśvataḥ – nach allen Richtungen; yujyate – eingesetzt wird; yā ca – und welche; sarvataḥ – ringsum, von allen Seiten; yayā – durch welche; yajñaḥ – Opfer; prāṅ – vorwärts, ostwärts; tāyate – geschützt, ausgedehnt wird; tām – nach dieser; tvā – dich; pṛcchāmi – frage ich; katamā – welche von mehreren; sā – sie; ṛcām – unter den Ṛcs, vedischen Preisstrophen.
Mantras 11–20 – Ursprung, Wasser und das höchste Licht
Mantra 10.8.11 – Vielgestaltigkeit wird Einheit
yad ejati patati yac ca tiṣṭhati prāṇad aprāṇan nimiṣac ca yad bhuvat |
tad dādhāra pṛthivīṃ viśvarūpaṃ tat saṃbhūya bhavaty ekam eva ||11||
Was sich regt, fliegt und stillsteht, was atmet und nicht atmet, was die Augen bewegt und was immer geworden ist: Dies trägt die vielgestaltige Erde; zusammengekommen wird es wahrlich eines.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yat – was; ejati – sich bewegt, regt; patati – fliegt, fällt; yat ca – und was; tiṣṭhati – steht; prāṇat – atmend; aprāṇan – nicht atmend; die überlieferte Form ist grammatisch uneben; nimiṣat – blinzelnd, die Augen bewegend; ca – und; yat bhuvat – was geworden ist, was existiert; tat – dieses; dādhāra – trug, trägt; pṛthivīm – Erde; viśva-rūpam – vielgestaltig; tat – dieses; saṃbhūya – zusammengekommen, eins geworden; bhavati – wird; ekam eva – wahrlich eines allein.
Mantra 10.8.12 – Endloses und Begrenztes
anantaṃ vitataṃ purutrānantam antavac cā samante |
te nākapālaś carati vicinvan vidvān bhūtam uta bhavyam asya ||12||
Endlos und weithin ausgespannt an vielen Orten, endlos und doch begrenzt, an den Rändern zusammentreffend: Zwischen beiden bewegt sich der Hüter des Himmels, unterscheidend und wissend um das Vergangene und Zukünftige dieses Alls.
Wort-für-Wort-Erläuterung: anantam – endlos, unendlich; vitatam – ausgespannt, ausgebreitet; purutrā – an vielen Orten, weithin; anantam – das Endlose; antavat – das ein Ende Habende, Begrenzte; ca – und; ā samante – bis zum Zusammentreffen, an allen Rändern; te – diese beiden; nāka-pālaḥ – Hüter des Himmelsgewölbes; carati – bewegt sich, wandert; vicinvan – unterscheidend, suchend; vidvān – wissend; bhūtam – Vergangenes, Gewordenes; uta – und auch; bhavyam – Zukünftiges; asya – dieses, von ihm.
Mantra 10.8.13 – Prajāpati im kosmischen Schoß
prajāpatiś carati garbhe antar adṛśyamāno bahudhā vi jāyate |
ardhena viśvaṃ bhuvanaṃ jajāna yad asyārdhaṃ katamaḥ sa ketuḥ ||13||
Prajāpati bewegt sich im Innern des Schoßes. Unsichtbar wird er auf vielfache Weise geboren. Mit einer Hälfte erzeugte er die ganze Welt; welches Zeichen weist auf seine andere Hälfte?
Wort-für-Wort-Erläuterung: prajāpatiḥ – Prajāpati, Herr der Geschöpfe; carati – bewegt sich; garbhe – im Schoß, Keimraum; antar – innen; adṛśyamānaḥ – nicht gesehen werdend, unsichtbar; bahudhā – vielfach, auf viele Weisen; vi jāyate – wird verschiedenartig geboren; ardhena – mit einer Hälfte; viśvam – das ganze; bhuvanam – Weltall; jajāna – erzeugte; yat – welches; asya – sein; ardham – andere Hälfte; katamaḥ – welches; saḥ – dieses; ketuḥ – Zeichen, Kennzeichen oder Lichtsignal.
Mantra 10.8.14 – Das nach oben getragene Wasser
ūrdhvaṃ bharantam udakaṃ kumbhenevodahāryam |
paśyanti sarve cakṣuṣā na sarve manasā viduḥ ||14||
Alle sehen das nach oben getragene Wasser mit dem Auge, wie eine Wasserträgerin es im Krug trägt; doch nicht alle erkennen es mit dem Geist.
Wort-für-Wort-Erläuterung: ūrdhvam – nach oben, in der Höhe; bharantam – tragend beziehungsweise getragen werdend; udakam – Wasser; kumbhena iva – wie mit einem Krug; udakā-hāryam – von einer Wasserträgerin zu holen beziehungsweise als Wasser herbeizutragen; paśyanti – sie sehen; sarve – alle; cakṣuṣā – mit dem Auge; na – nicht; sarve – alle; manasā – mit dem Geist; viduḥ – wissen, erkennen. Die Konstruktion des ersten Halbverses erlaubt unterschiedliche Zuordnung von Träger und Wasser.
Mantra 10.8.15 – Das große Geheimnis in der Mitte der Welt
dūre pūrṇena vasati dūra ūnena hīyate |
mahad yakṣaṃ bhuvanasya madhye tasmai baliṃ rāṣṭrabhṛto bharanti ||15||
In der Ferne wohnt es beim Vollständigen; vom Unvollständigen wird es fern verloren. Das große geheimnisvolle Wesen steht in der Mitte der Welt; ihm bringen die Träger der Königsmacht Tribut dar.
Wort-für-Wort-Erläuterung: dūre – in der Ferne; pūrṇena – bei dem Vollen, Vollständigen; vasati – wohnt; dūre – fern; ūnena – durch das Mangelhafte, Unvollständige; hīyate – wird verlassen, geht verloren; mahat – groß; yakṣam – geheimnisvolles, verehrungswürdiges Wesen; bhuvanasya – der Welt; madhye – in der Mitte; tasmai – ihm; balim – Tribut, Darbringung; rāṣṭra-bhṛtaḥ – Träger des Reiches oder der Königsmacht; bharanti – bringen, tragen.
Mantra 10.8.16 – Das Höchste über dem Sonnenlauf
yataḥ sūryaḥ udety astaṃ yatra ca gacchati |
tad eva manye 'haṃ jyeṣṭhaṃ tad u nāty eti kiṃ cana ||16||
Woraus die Sonne aufgeht und wohin sie zum Untergang gelangt – eben dies halte ich für das Älteste und Höchste; nichts irgend überschreitet es.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yataḥ – woraus, von wo; sūryaḥ – Sonne; udeti – geht auf; astam – zum Untergang, zur Heimat; yatra – wohin, wo; ca – und; gacchati – geht; tat eva – eben dieses; manye – halte ich für, denke ich; aham – ich; jyeṣṭham – das Älteste, Höchste; tat – dieses; u – wahrlich; na atyeti – überschreitet nicht, geht nicht darüber hinaus; kiṃ cana – irgendetwas.
Mantra 10.8.17 – Sonne, Agni und der dreifache Haṃsa
ye arvāṅ madhya uta vā purāṇaṃ vedaṃ vidvāṃsam abhito vadanti |
ādityam eva te pari vadanti sarve agniṃ dvitīyaṃ trivṛtaṃ ca haṃsam ||17||
Die, ob diesseits, in der Mitte oder in alter Zeit, rings um den kundigen Kenner des Veda sprechen, sie alle sprechen von Āditya, ferner von Agni als dem Zweiten und vom dreifachen Haṃsa.
Wort-für-Wort-Erläuterung: ye – diejenigen, welche; arvāṅ – diesseits, hierhergewandt; die überlieferte Form gilt als schwierig; madhye – in der Mitte; uta vā – oder auch; purāṇam – alt, in alter Zeit beziehungsweise das Alte; vedam – Veda, Wissen; vidvāṃsam – den Wissenden; abhitaḥ – ringsum; vadanti – sprechen; ādityam – Āditya, Sonne; eva – eben; te – sie; pari vadanti – besprechen ringsum, verkünden; sarve – alle; agnim – Agni, Feuer; dvitīyam – als Zweiten; trivṛtam – dreifach, dreifältig; ca – und; haṃsam – den Haṃsa, Schwan oder kosmischen Wanderer. Die Satzfügung ist alt und mehrdeutig; vedam vidvāṃsam kann auch „den Wissenden um das Wissen“ bedeuten.
Mantra 10.8.18 – Der goldene Haṃsa trägt die Götter
sahasrāhṇyaṃ viyatāv asya pakṣau harer haṃsasya patataḥ svargam |
sa devānt sarvān urasy upadadya saṃpaśyan yāti bhuvanāni viśvā ||18||
Tausend Tagesreisen weit sind die beiden Flügel dieses goldfarbenen Haṃsa ausgespannt, wenn er zum Himmel fliegt. Alle Götter an seine Brust nehmend, zieht er dahin und überschaut sämtliche Welten.
Wort-für-Wort-Erläuterung: sahasra-ahṇyam – tausend Tage beziehungsweise Tagesreisen umfassend; viyatau – ausgespannt, auseinandergebreitet, dual; asya – seine; pakṣau – zwei Flügel; hareḥ – des Goldfarbenen, Falben; haṃsasya – des Haṃsa; patataḥ – des Fliegenden; svargam – zum Himmel; saḥ – er; devān – Götter; sarvān – alle; urasi – an der Brust; upadadya – angelegt, aufgenommen habend; saṃpaśyan – zusammenschauend, überschauend; yāti – geht, zieht; bhuvanāni – Welten; viśvā – alle.
Mantra 10.8.19 – Wahrheit, Brahman und Atem
satyenordhvas tapati brahmaṇārvāṅ vi paśyati |
prāṇena tiryaṅ prāṇati yasmin jyeṣṭham adhi śritam ||19||
Durch Wahrheit glüht er nach oben; durch Brahman schaut er hierher und ringsum; durch den Lebensatem atmet er quer durch die Welt – er, in dem das Älteste und Höchste gegründet ist.
Wort-für-Wort-Erläuterung: satyena – durch Wahrheit; ūrdhvaḥ – nach oben gerichtet, oben; tapati – glüht, wärmt, strahlt; brahmaṇā – durch Brahman, heilige Erkenntnis; arvāṅ – hierher, diesseits gerichtet; vi paśyati – sieht auseinander und ringsum, erkennt; prāṇena – durch Prāṇa, Lebensatem; tiryaṅ – quer, in die Breite; prāṇati – atmet, lebt; yasmin – in dem; jyeṣṭham – das Älteste, Höchste; adhi śritam – darauf gegründet, darin geborgen.
Mantra 10.8.20 – Die beiden Reibhölzer der Erkenntnis
yo vai te vidyād araṇī yābhyāṃ nirmathyate vasu |
sa vidvān jyeṣṭhaṃ manyeta sa vidyād brāhmaṇaṃ mahat ||20||
Wer jene beiden Reibhölzer kennt, durch die das kostbare Feuer hervorgequirlt wird, der darf sich als Kenner des Höchsten verstehen; der kennt das große Brahman.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yaḥ vai – wer wahrlich; te – diese beiden; vidyāt – erkennen möge, kennt; araṇī – die beiden Feuer-Reibhölzer; yābhyām – durch welche beiden; nirmathyate – herausgequirlt, durch Reiben hervorgebracht wird; vasu – Gut, Kostbarkeit, hier wohl das Feuer als kostbare Kraft; saḥ – der; vidvān – Wissende; jyeṣṭham – das Älteste, Höchste; manyeta – möge sich vorstellen beziehungsweise anerkennen; saḥ vidyāt – der möge kennen; brāhmaṇam mahat – das große Brahman. Das Neutrum brāhmaṇam bezeichnet hier nicht eine Person, sondern die höchste heilige Wirklichkeit.
Mantras 21–30 – Weltbaum, Selbst und Fülle
Mantra 10.8.21 – Vom Fußlosen zum Vierfüßigen
apād agre sam abhavat so agre svar ābharat |
catuṣpād bhūtvā bhogyaḥ sarvam ādatta bhojanam ||21||
Fußlos entstand es am Anfang; am Anfang brachte es die Himmelswelt herbei. Vierfüßig und genießbar geworden, nahm es alle Nahrung in sich auf.
Wort-für-Wort-Erläuterung: apāt – fußlos; agre – am Anfang; sam abhavat – entstand, kam zusammen; saḥ – es, jener; agre – zuerst; svaḥ – Himmel, lichte Welt; ābharat – brachte herbei, trug; catuṣpāt – vierfüßig; bhūtvā – geworden; bhogyaḥ – genießbar, zum Genuss bestimmt; sarvam – alle; ādatta – nahm an sich, nahm auf; bhojanam – Nahrung, Genuss. Der Übergang vom Fußlosen zum Vierfüßigen ist ein kosmologisches Rätsel und wird nicht sicher auf ein einziges Wesen festgelegt.
Mantra 10.8.22 – Frucht der Verehrung des Ewigen
bhogyo bhavad atho annam adad bahu |
yo devam uttarāvantam upāsātai sanātanam ||22||
Genussfähig wird er und isst reichlich Nahrung: wer jenen ewigen Gott verehrt, der das Höhere und den Vorrang gewährt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: bhogyaḥ – genussfähig, des Genusses teilhaftig; bhavat – wird, soll werden; atho – und dann, ferner; annam – Nahrung; adat – isst beziehungsweise soll essen; bahu – viel, reichlich; yaḥ – wer; devam – Gott, die leuchtende Macht; uttarāvantam – das Höhere, den Vorrang oder Fortgang gewährend; upāsāta – möge verehren, sich meditativ annähern; enam – diesen; die Form ist im Sandhi von upāsātai enthalten; sanātanam – ewigen, uralten. Der Vers ist metrisch und grammatisch unregelmäßig.
Mantra 10.8.23 – Ewig und immer neu
sanātanam enam āhur utādya syāt punarṇavaḥ |
ahorātre pra jāyete anyo anyasya rūpayoḥ ||23||
Ewig nennen sie ihn; und doch mag er heute wieder neu sein. Tag und Nacht werden in den Gestalten des jeweils anderen geboren.
Wort-für-Wort-Erläuterung: sanātanam – ewig, uralt; enam – ihn, dieses; āhuḥ – sie nennen, sagen; uta – und auch; adya – heute; syāt – mag sein, werde; punar-navaḥ – wieder neu, sich erneuernd; ahaḥ-rātre – Tag und Nacht, Dual; pra jāyete – werden geboren, entstehen; anyaḥ anyasya – einer im beziehungsweise aus dem anderen; rūpayoḥ – in den beiden Gestalten, unter den Formen.
Mantra 10.8.24 – Das Unzählbare im Einen
śataṃ sahasram ayutaṃ nyarbudam asaṃkhyeyaṃ svam asmin niviṣṭam |
tad asya ghnanty abhipaśyata eva tasmād devo rocat eṣa etat ||24||
Hundert, tausend, zehntausend, hundert Millionen, Unzählbares – sein Eigenes ist in dieses Eine eingetreten. Selbst während es zusieht, zerstören sie davon; dennoch und darum leuchtet diese Gottheit als dieses hier.
Wort-für-Wort-Erläuterung: śatam – hundert; sahasram – tausend; ayutam – zehntausend; nyarbudam – hundert Millionen beziehungsweise eine sehr große Zahl; asaṃkhyeyam – unzählbar; svam – das Eigene, sein Besitz; asmin – in diesem; niviṣṭam – eingetreten, niedergelassen; tat – dieses, davon; asya – sein; ghnanti – sie schlagen, zerstören; abhipaśyataḥ – während er hinsieht; eva – gerade; tasmāt – daher, daraus; devaḥ – Gott, leuchtende Macht; rocat – leuchtete beziehungsweise leuchtet; eṣaḥ – dieser; etat – dieses. Der syntaktisch dunkle Vers wird nur annähernd übersetzt; insbesondere der Bezug von svam und tat bleibt offen.
Mantra 10.8.25 – Das Feinste und die umfassende Gottheit
bālād ekam aṇīyaskam utaikaṃ neva dṛśyate |
tataḥ pariṣvajīyasī devatā sā mama priyā ||25||
Eines ist kleiner noch als ein Kind; ein anderes wird kaum gesehen. Die Gottheit, die umfassender ist als jenes, sie ist mir lieb.
Wort-für-Wort-Erläuterung: bālāt – als ein Kind beziehungsweise als etwas Kleines; ekam – eines; aṇīyaskam – kleiner, feiner; uta – und auch; ekam – eines; na iva – gleichsam nicht, kaum; dṛśyate – wird gesehen; tataḥ – als dieses, darüber hinaus; pariṣvajīyasī – umfassender, stärker umschließend; devatā – Gottheit, göttliche Macht; sā – sie; mama – mir, meine; priyā – lieb. Der Vers ist dunkel; insbesondere bālāt und die beiden mit „eines“ bezeichneten Größen lassen keine sichere gegenständliche Identifikation zu.
Mantra 10.8.26 – Die Alterslose im Haus des Sterblichen
iyaṃ kalyāṇy ajarā martyasyāmṛtā gṛhe |
yasmai kṛtā śaye sa yaś cakāra jajāra saḥ ||26||
Diese Segensreiche ist alterslos und unsterblich im Haus des Sterblichen. Für wen sie gemacht wurde, der liegt da; wer sie machte, der ist gealtert.
Wort-für-Wort-Erläuterung: iyam – diese; kalyāṇī – segensreich, schöne und heilvolle; ajarā – nicht alternd; martyasya – des Sterblichen; amṛtā – unsterblich; gṛhe – im Haus; yasmai – für wen; kṛtā – gemacht, bereitet; śaye – liegt; die Form kann eine beschädigte Verbalfügung darstellen; saḥ – er; yaḥ – welcher; cakāra – machte; jajāra – alterte; saḥ – er. Wer mit „sie“ gemeint ist, bleibt im Vers offen; vorgeschlagen wurden unter anderem Körper, Weltordnung und Wohnstätte des Lebens.
Mantra 10.8.27 – Das Göttliche in allen Lebensgestalten
tvaṃ strī tvaṃ pumān asi tvaṃ kumāra uta vā kumārī |
tvaṃ jīrṇo daṇḍena vañcasi tvaṃ jāto bhavasi viśvatomukhaḥ ||27||
Du bist Frau, du bist Mann; du bist Knabe und ebenso Mädchen. Du bist der Greis, der sich am Stock gebeugt bewegt; geboren wirst du zum Allgesichtigen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: tvam – du; strī – Frau; tvam – du; pumān – Mann; asi – bist; tvam – du; kumāraḥ – Knabe; uta vā – und ebenso, oder auch; kumārī – Mädchen; tvam – du; jīrṇaḥ – alt geworden, Greis; daṇḍena – mit einem Stock; vañcasi – gehst schwankend oder gebeugt; tvam – du; jātaḥ – geboren; bhavasi – wirst, bist; viśvato-mukhaḥ – nach allen Seiten Gesichter habend, allgesichtig. Der Vers begegnet nahezu gleichlautend in der Śvetāśvatara Upanishad 4.3.
Mantra 10.8.28 – Der eine Gott als Vater, Sohn und Erstgeborener
utaiṣāṃ pitota vā putra eṣām utaiṣāṃ jyeṣṭha uta vā kaniṣṭhaḥ |
eko ha devo manasi praviṣṭaḥ prathamo jātaḥ sa u garbhe antaḥ ||28||
Er ist sowohl ihr Vater als auch ihr Sohn, sowohl ihr Ältester als auch ihr Jüngster. Der eine Gott ist in den Geist eingetreten; als Erster geboren ist er zugleich im Innern des Schoßes.
Wort-für-Wort-Erläuterung: uta – und auch; eṣām – von ihnen; pitā – Vater; uta vā – oder auch; putraḥ – Sohn; eṣām – von ihnen; uta – und; eṣām – von ihnen; jyeṣṭhaḥ – Ältester; uta vā – oder auch; kaniṣṭhaḥ – Jüngster; ekaḥ – einer; ha – wahrlich; devaḥ – Gott, leuchtende Macht; manasi – in den Geist; praviṣṭaḥ – eingetreten; prathamaḥ – erster; jātaḥ – geboren; saḥ – er; u – wahrlich; garbhe – im Schoß, Keim; antaḥ – innen.
Mantra 10.8.29 – Fülle aus der Fülle
pūrṇāt pūrṇam ud acati pūrṇaṃ pūrṇena sicyate |
uto tad adya vidyāma yatas tat pariṣicyate ||29||
Aus der Fülle erhebt sich Fülle; das Volle wird durch das Volle ausgegossen. Mögen wir heute erkennen, woraus jenes ringsum ausgegossen wird.
Wort-für-Wort-Erläuterung: pūrṇāt – aus dem Vollen, aus der Fülle; pūrṇam – Fülle, das Volle; ud acati – hebt sich empor, steigt auf; pūrṇam – das Volle; pūrṇena – durch das Volle; sicyate – wird gegossen, besprengt; uta – und auch; tat – dieses; adya – heute; vidyāma – mögen wir erkennen; yataḥ – woraus, woher; tat – es; pariṣicyate – wird ringsum ausgegossen. Der Vers ist ein älterer Verwandter der bekannten Fülleformel pūrṇam adaḥ pūrṇam idam.
Mantra 10.8.30 – Die uralte Göttin der Morgenröte
eṣā sanatnī sanam eva jātaiṣā purāṇī pari sarvaṃ babhūva |
mahī devy uṣaso vibhātī saikenaikena miṣatā vi caṣṭe ||30||
Diese ist ewig, schon vor alters geboren; diese Uralte wurde zu allem ringsum. Als große Göttin der Morgenröte aufstrahlend, schaut sie durch jedes einzelne Wesen, das die Augen öffnet.
Wort-für-Wort-Erläuterung: eṣā – diese; sanatnī – ewige, uralte; sanam – von alters her; eva – wahrlich; jātā – geboren; eṣā – diese; purāṇī – Uralte; pari – ringsum; sarvam – alles; babhūva – wurde; mahī – große; devī – Göttin; uṣasaḥ – der Morgenröte beziehungsweise als Uṣas; vibhātī – aufstrahlend; sā – sie; ekena ekena – durch jedes einzelne; miṣatā – blinzelnde, die Augen öffnende Wesen; vi caṣṭe – schaut hervor, erblickt vielfältig.
Mantras 31–44 – Faden, Leib und furchtloser Atman
Mantra 10.8.31 – Die Gottheit Avi und das Grün der Bäume
avir vai nāma devatartenāste parīvṛtā |
tasyā rūpeṇeme vṛkṣā haritā haritasrajaḥ ||31||
Eine Gottheit namens Avi sitzt, vom kosmischen Recht umhüllt. Durch ihre Gestalt sind diese Bäume grün und mit grünen Kränzen geschmückt.
Wort-für-Wort-Erläuterung: aviḥ – Avi, Name einer Gottheit; wörtlich auch „Schaf“, möglicherweise aber von der Wurzel av, schützen; vai – wahrlich; nāma – mit Namen; devatā – Gottheit; ṛtena – durch Ṛta, Wahrheit und kosmische Ordnung; im Sandhi von devatartenāste; āste – sitzt, verweilt; parīvṛtā – rings umhüllt; tasyāḥ – durch ihre, von ihr; rūpeṇa – Gestalt; ime – diese; vṛkṣāḥ – Bäume; haritāḥ – grün; harita-srajaḥ – grüne Kränze tragend. Die Identität von Avi ist nicht sicher; der Artikel lässt den Namen deshalb unübersetzt.
Mantra 10.8.32 – Das unsterbliche Werk des Gottes
anti santaṃ na jahāty anti santaṃ na paśyati |
devasya paśya kāvyaṃ na mamāra na jīryati ||32||
Den ganz Nahen verlässt es nicht, den ganz Nahen sieht es nicht. Schau das weise Werk des Gottes: Es ist nicht gestorben und altert nicht.
Wort-für-Wort-Erläuterung: anti – nahe, in der Nähe; santam – den Seienden, Anwesenden; na – nicht; jahāti – verlässt, gibt auf; anti – nahe; santam – den Anwesenden; na paśyati – sieht nicht; devasya – des Gottes; paśya – schau; kāvyam – Weisheitswerk, dichterische Schau; na mamāra – starb nicht; na jīryati – altert, verfällt nicht. Das Subjekt der ersten beiden Verben ist im Sanskrit nicht ausdrücklich genannt; die Übersetzung bewahrt diese Offenheit.
Mantra 10.8.33 – Die Stimmen des Ursprungslosen
apūrveṇeṣitā vācas tā vadanti yathāyatham |
vadantīr yatra gacchanti tad āhur brāhmaṇaṃ mahat ||33||
Vom Ursprungslosen ausgesandt, sprechen die Stimmen jedes Ding seiner Art gemäß aus. Wohin sie sprechend gelangen, das nennen die Menschen das große Brahman.
Wort-für-Wort-Erläuterung: apūrveṇa – durch den, vor dem nichts war, durch den Ursprungslosen oder Nie-Dagewesenen; iṣitāḥ – angetrieben, ausgesandt; vācaḥ – Stimmen, Äußerungen; tāḥ – diese; vadanti – sprechen; yathā-yatham – jeweils der Sache gemäß, in richtiger Zuordnung; vadantīḥ – die sprechenden Stimmen; yatra – wohin, wo; gacchanti – gehen, gelangen; tat – dieses; āhuḥ – nennen sie, sagen sie; brāhmaṇam mahat – das große Brahman. Apūrva bezeichnet hier das ohne Vorgänger Ursprüngliche; eine spätere mīmāṃsātechnische Deutung ist nicht zwingend.
Mantra 10.8.34 – Die Blüte der Wasser
yatra devāś ca manuṣyāś cārā nābhāv iva śritāḥ |
apāṃ tvā puṣpaṃ pṛcchāmi yatra tan māyayā hitam ||34||
Wo Götter und Menschen wie Speichen in einer Nabe gegründet sind – ich frage dich nach der Blüte der Wasser: Wo wurde sie durch schöpferische Macht eingesetzt?
Wort-für-Wort-Erläuterung: yatra – wo; devāḥ – Götter; ca – und; manuṣyāḥ – Menschen; ca – und; arāḥ – Speichen; nābhau iva – wie in einer Radnabe; śritāḥ – gegründet, befestigt; apām – der Wasser; tvā – dich; puṣpam – Blüte; pṛcchāmi – frage ich; yatra – wo; tat – diese; māyayā – durch Māyā, schöpferische Gestaltungs- oder Wunderkraft; hitam – hingesetzt, angelegt.
Mantra 10.8.35 – Wer lenkt Wind, Richtungen und Wasser?
yebhir vāta iṣitaḥ pravāti ye dadante pañca diśaḥ sadhrīcīḥ |
ya āhutim atyamanyanta devā apāṃ netāraḥ katame ta āsan ||35||
Durch wen weht der Wind, wenn er angetrieben ist? Wer lässt die fünf Richtungen gemeinsam zusammenwirken? Welche Götter hielten sich für höher als die Opfergabe – welche von ihnen waren die Führer der Wasser?
Wort-für-Wort-Erläuterung: yebhiḥ – durch welche, durch wen; vātaḥ – Wind; iṣitaḥ – angetrieben, ausgesandt; pravāti – weht voran; ye – welche; dadante – geben, stellen bereit; die seltene Form ist überliefert; pañca – fünf; diśaḥ – Richtungen; sadhrīcīḥ – zusammenlaufend, gemeinsam gerichtet; ye – welche; āhutim – Opfergabe; atyamanyanta – hielten für geringer als sich, meinten sich darüber erhaben; devāḥ – Götter; apām – der Wasser; netāraḥ – Führer, Lenker; katame – welche von mehreren; te – diese; āsan – waren.
Mantra 10.8.36 – Die Lenker der drei Welträume
imām eṣāṃ pṛthivīṃ vasta eko 'ntarikṣaṃ pary eko babhūva |
divam eṣāṃ dadate yo vidhartā viśvā āśāḥ prati rakṣanty eke ||36||
Einer von ihnen bekleidet diese Erde, einer umgab den Zwischenraum. Der Ordner unter ihnen gibt den Himmel; andere beschützen jeweils alle Himmelsrichtungen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: imām – diese; eṣām – von ihnen; pṛthivīm – Erde; vaste – bekleidet sich mit, hüllt ein; ekaḥ – einer; antarikṣam – Zwischenraum, Atmosphäre; pari – ringsum; ekaḥ – einer; babhūva – wurde, umgab; divam – Himmel; eṣām – von ihnen; dadate – gibt, stellt bereit; yaḥ – welcher; vidhartā – Ordner, Verteiler, Lenker; viśvāḥ – alle; āśāḥ – Himmelsrichtungen, Räume; prati – jeweils, entgegen; rakṣanti – schützen; eke – einige, andere. Der Vers antwortet in rätselhafter Form auf Vers 35; die handelnden Mächte werden nicht namentlich identifiziert.
Mantra 10.8.37 – Der Faden, in den die Geschöpfe gewoben sind
yo vidyāt sūtraṃ vitataṃ yasminn otāḥ prajā imāḥ |
sūtraṃ sūtrasya yo vidyād sa vidyād brāhmaṇaṃ mahat ||37||
Wer den ausgespannten Faden erkennt, in den diese Geschöpfe eingewoben sind, wer den Faden des Fadens erkennt, der erkennt das große Brahman.
Wort-für-Wort-Erläuterung: yaḥ – wer; vidyāt – erkennen möge, kennt; sūtram – Faden, verbindende Schnur; vitatam – ausgespannt; yasmin – in welchem; otāḥ – eingewoben; prajāḥ – Geschöpfe; imāḥ – diese; sūtram – Faden; sūtrasya – des Fadens; yaḥ vidyāt – wer erkennt; saḥ vidyāt – der erkennt; brāhmaṇam mahat – das große Brahman.
Mantra 10.8.38 – Ich kenne den Faden des Fadens
vedāhaṃ sūtraṃ vitataṃ yasminn otāḥ prajā imāḥ |
sūtraṃ sūtrasyāhaṃ vedātho yad brāhmaṇaṃ mahad ||38||
Ich kenne den ausgespannten Faden, in den diese Geschöpfe eingewoben sind. Ich kenne den Faden des Fadens und ebenso das, was das große Brahman ist.
Wort-für-Wort-Erläuterung: veda – ich kenne, weiß; aham – ich; im Sandhi vedāham; sūtram – Faden; vitatam – ausgespannt; yasmin – in welchem; otāḥ – eingewoben; prajāḥ – Geschöpfe; imāḥ – diese; sūtram – Faden; sūtrasya – des Fadens; aham veda – ich kenne; im Sandhi sūtrasyāhaṃ veda; atho – und ferner, ebenso; yat – was; brāhmaṇam – Brahman; mahat – groß.
Mantra 10.8.39 – Wo war Mātariśvan?
yad antarā dyāvāpṛthivī agnir ait pradahan viśvadāvyaḥ |
yatrātiṣṭhann ekapatnīḥ parastāt kvevāsīn mātariśvā tadānīm ||39||
Als Agni zwischen Himmel und Erde ging, flammend und alles verbrennend, und als jenseits die einem einzigen Herrn Zugehörigen standen – wo war damals Mātariśvan?
Wort-für-Wort-Erläuterung: yat – als, da; antarā – zwischen; dyāvā-pṛthivī – Himmel und Erde, das kosmische Elternpaar; agniḥ – Agni, Feuer; ait – ging; pradahan – fortbrennend, entflammend; viśva-dāvyaḥ – alles verbrennend; yatra – wo, als; atiṣṭhan – sie standen; eka-patnīḥ – einem einzigen Herrn zugehörige weibliche Wesen; möglicherweise sind Wasser gemeint, doch die Bezeichnung ist unsicher; parastāt – jenseits, darüber hinaus; kva iva – wo denn; āsīt – war; mātariśvā – Mātariśvan, der im Mutterraum wirkende Wind beziehungsweise Feuerbringer; tadānīm – damals.
Mantra 10.8.40 – Mātariśvan in den Wassern
apsv āsīn mātariśvā praviṣṭaḥ praviṣṭā devāḥ salilāny āsan |
bṛhan ha tasthau rajaso vimānaḥ pavamāno harita ā viveśa ||40||
Mātariśvan war in die Wasser eingetreten; die Götter waren in die Wasserfluten eingegangen. Groß stand der Vermesser des Raumes da; der sich Reinigende trat in die goldfarbenen Kräfte ein.
Wort-für-Wort-Erläuterung: apsu – in den Wassern; āsīt – war; mātariśvā – Mātariśvan; praviṣṭaḥ – eingetreten; praviṣṭāḥ – eingetreten; devāḥ – Götter; salilāni – Wasserfluten; āsan – waren; bṛhan – groß, der Große; ha – wahrlich; tasthau – stand; rajasaḥ – des Raumes, der Atmosphäre; vimānaḥ – Vermesser, Durchschreiter; pavamānaḥ – der sich Reinigende, häufig Soma oder Wind; haritaḥ – in die goldfarbenen beziehungsweise grünen Kräfte; die Form kann auch singularisch verstanden werden; ā viveśa – trat hinein. Der Schluss nimmt die dunkle Bildsprache von Vers 3 wieder auf.
Mantra 10.8.41 – Jenseits der Gāyatrī
uttareṇeva gāyatrīm amṛte 'dhi vi cakrame |
sāmnā ye sāma saṃvidur ajas tad dadṛśe kva ||41||
Gleichsam über die Gāyatrī hinaus schritt er auf dem Unsterblichen aus. Diejenigen, die durch Sāman das Sāman vollständig erkannten – wo wurde ihnen dort der Aja sichtbar?
Wort-für-Wort-Erläuterung: uttareṇa iva – gleichsam durch das Höhere, darüber hinaus; gāyatrīm – die Gāyatrī; die vereinfachte Transliteration der benutzten Textausgabe wurde hier normalisiert; amṛte – auf dem Unsterblichen; adhi – darüber, darauf; vi cakrame – schritt aus, durchmaß; sāmnā – durch das Sāman, den heiligen Gesang; ye – welche; sāma – Sāman; saṃviduḥ – vollständig erkannten; ajaḥ – der Aja, entweder „Ungeborene“ oder „Ziegenbock“; tat – dort, dieses; dadṛśe – wurde gesehen; kva – wo. Die Schlussfrage ist absichtlich oder überlieferungsbedingt dunkel; beide Bedeutungen von aja bleiben möglich.
Mantra 10.8.42 – Der Sammler der Güter
niveśanaḥ saṃgamano vasūnāṃ deva iva savitā satyadharmā |
indro na tasthau samare dhanānām ||42||
Er ist Wohnstatt und Sammler der Güter, wie der Gott Savitṛ von wahrer Ordnung. Wie Indra stand er im Kampf um die Schätze.
Wort-für-Wort-Erläuterung: niveśanaḥ – Wohnstatt, der zur Ruhe Bringende; saṃgamanaḥ – Sammler, Zusammenführer; vasūnām – der Güter, Schätze; devaḥ iva – wie der Gott; savitā – Savitṛ; satya-dharmā – von wahrer Ordnung und Gesetzmäßigkeit; indraḥ na – wie Indra; das vedische na dient hier als Vergleichspartikel; tasthau – stand; samare – im Kampf, Zusammentreffen; dhanānām – um die Schätze, der Reichtümer. Der nur dreifüßige Vers besitzt Parallelen im Rig- und Yajurveda.
Mantra 10.8.43 – Der neuntorige Lotus
puṇḍarīkaṃ navadvāraṃ tribhir guṇebhir āvṛtam |
tasmin yad yakṣam ātmanvat tad vai brahmavido viduḥ ||43||
Ein Lotus mit neun Toren, von drei Strängen umhüllt: Das beseelte geheimnisvolle Wesen, das darin ist, erkennen wahrlich die Brahman-Kundigen.
Wort-für-Wort-Erläuterung: puṇḍarīkam – Lotus; nava-dvāram – neun Tore habend; gemeint ist der menschliche Leib mit seinen Öffnungen; tribhiḥ – mit drei; guṇebhiḥ – Fäden, Strängen oder Eigenschaften; āvṛtam – umhüllt, bedeckt; tasmin – darin; yat – welches; yakṣam – geheimnisvolles, verehrungswürdiges Wesen; ātman-vat – mit Selbst versehen, beseelt; tat – dieses; vai – wahrlich; brahma-vidaḥ – Brahman-Kundige; viduḥ – erkennen, wissen. Die drei guṇas sind zunächst Fäden oder Stränge; eine Beziehung zur späteren Lehre von Sattva, Rajas und Tamas ist möglich, aber nicht ausdrücklich gemacht.
Mantra 10.8.44 – Das furchtlose und nicht alternde Selbst
akāmo dhīro amṛtaḥ svayaṃbhū rasena tṛpto na kutaś canonaḥ |
tam eva vidvān na bibhāya mṛtyor ātmānaṃ dhīram ajaraṃ yuvānam ||44||
Wunschlos, weise, unsterblich, aus sich selbst seiend, von der Essenz erfüllt und in nichts unvollständig ist dieses Selbst. Wer eben dieses weise, alterslose und ewig junge Selbst erkennt, fürchtet sich nicht vor dem Tod.
Wort-für-Wort-Erläuterung: akāmaḥ – ohne Wunsch, bedürfnislos; dhīraḥ – weise, standhaft; amṛtaḥ – unsterblich; svayaṃ-bhūḥ – aus sich selbst seiend, selbstentstanden; rasena – durch Essenz, Lebenssaft; tṛptaḥ – erfüllt, zufrieden; na – nicht; kutaḥ cana – in irgendeiner Hinsicht, von irgendwoher; ūnaḥ – mangelhaft, unvollständig; im Sandhi canonaḥ; tam eva – eben dieses; vidvān – der Erkennende, Wissende; na bibhāya – fürchtete sich nicht, fürchtet sich nicht; mṛtyoḥ – vor dem Tod; ātmānam – das Selbst; dhīram – weise, standhaft; ajaram – nicht alternd; yuvānam – jung, ewig jugendlich.
Datierung und Textgeschichte
Die Brahma Sukta Upanishad der Shaunaka-Tradition gehört textgeschichtlich nicht zu den spätmittelalterlichen Spezial-Upanishaden, sondern zum zehnten Buch der Atharvaveda-Śaunaka-Saṃhitā. Der Atharvaveda enthält sehr alte Schichten, wurde jedoch als Sammlung später redigiert als große Teile des Rigveda. Eine jahrgenaue Datierung ist unmöglich. Für die Endredaktion der metrischen Atharvaveda-Saṃhitā wird in der Forschung meist das späte zweite oder frühe erste Jahrtausend v. Chr. angesetzt; einzelne Mantras können älter sein. Der Hymnus steht damit an der Schwelle zwischen vedischer Rätseldichtung und den späteren philosophischen Upanishaden.
Mehrere Verse besitzen Parallelen in anderen vedischen Sammlungen. Das Jahresrad in Mantra 4 begegnet bereits im Rigveda 1.164.48. Mantra 27 über das Eine als Frau, Mann, Knabe und Mädchen erscheint in ähnlicher Gestalt später in der Shvetashvatara Upanishad. Mantra 29 steht der bekannten Vollheitsformel der Brihadaranyaka Upanishad nahe. Solche Beziehungen beweisen nicht in jedem Fall eine einfache Entlehnung; sie zeigen, dass der Hymnus in einem gemeinsamen Reservoir vedischer Formeln und Spekulationen steht.
Der überlieferte Name des Hymnus lautet Jyeṣṭha-Brahma-Sūkta, „Hymnus auf das älteste beziehungsweise höchste Brahman“. Die neuzeitliche Bezeichnung „Brahma Sukta Upanishad“ hebt seine Wirkungsgeschichte als frühe Selbst- und Brahman-Lehre hervor. Sie darf jedoch nicht den Eindruck erwecken, es liege eine separat überlieferte Upanishad mit eigenem Kolophon vor. Die sichere Textgrundlage ist Atharvaveda Śaunaka 10.8.
Inhalt
Das älteste Brahman und Skambha
Die ersten Mantras verehren das Brahman, das Vergangenheit und Zukunft überragt. Zugleich erscheint Skambha, der kosmische „Stützpfeiler“, als Träger von Himmel, Erde und allem Beseelten. Zahlenrätsel – das Rad mit zwölf Teilen, drei Naben und 360 Pflöcken – verbinden Brahman-Erkenntnis mit der Ordnung des Jahres.
Rätsel als Erkenntnismethode
Viele Mantras fragen: Welche Ṛc setzt das Opfer in Gang? Aus welchem Ursprung entstehen Rede, Wasser, Wind und Richtungen? Wo ist die andere Hälfte des Weltschöpfers? Die Brahma Sukta Upanishad vermittelt Erkenntnis daher nicht nur durch Behauptungen. Ihre Fragen lösen feste Gegenstandsbegriffe auf und lenken den Geist vom sichtbaren Vorgang auf dessen unsichtbaren Grund.
Wasser, Licht und Weltbaum
Die Wasser tragen Keime und kosmische Kräfte; Feuer und Sonne erscheinen als Offenbarungen eines tieferen Ursprungs. Im Bild des umgekehrt wachsenden Baumes liegt die Wurzel oben: Das Sichtbare hängt an einer transzendenten Quelle. Der Mensch soll nicht nur Zweige und Erscheinungen kennen, sondern den Ursprung, von dem sie getragen werden.
Der eine Atman in allen Gestalten
Der Hymnus steigert sich von kosmologischen Bildern zur Identitätslehre. Das Eine ist Frau und Mann, Kind und Greis, in alle Richtungen geboren. In ihm ist die Welt gegründet wie Speichen in der Nabe und Geschöpfe in einem Faden. Der Leib wird zum neuntorigen Lotus, in dem das geheimnisvolle, beseelte Wesen wohnt.
Freiheit von Todesfurcht
Mantra 44 bildet den spirituellen Zielpunkt. Der Atman ist wunschlos, weise, unsterblich, selbstseiend, erfüllt und nicht mangelhaft. Erkenntnis bedeutet hier keine bloße begriffliche Information: Wer dieses Selbst wirklich erkennt, fürchtet den Tod nicht mehr.
Bedeutung
Die besondere Bedeutung des Hymnus liegt in seiner Verbindung von alter vedischer Kosmologie und beginnender Upanishaden-Philosophie. Brahman ist noch das mächtige heilige Wort und zugleich der universale Grund. Skambha ist kosmische Stütze und nähert sich dem Gedanken eines alles umfassenden Prinzips. Atman bezeichnet nicht nur Atem oder Lebenskraft, sondern in den Schlussmantras das unvergängliche Selbst im Menschen und in der Welt.
Der Text zeigt außerdem, dass die Entwicklung zur Upanishaden-Lehre nicht als plötzlicher Bruch verstanden werden sollte. Jahresrad, Opfer, Wasser und Götter verschwinden nicht; sie werden transparent für eine umfassendere Einheit. Der kosmische Ursprung wird im eigenen Leib gesucht. Die äußere Frage „Was trägt die Welt?“ verwandelt sich in die innere Frage „Wer ist das Selbst, das nicht altert?“
Philologisch ist Zurückhaltung nötig. Wörter wie aja, yakṣa, guṇa oder māyā tragen im vedischen Kontext nicht automatisch alle Bedeutungen späterer philosophischer Systeme. So kann aja „ungeboren“, aber auch „Ziegenbock“ heißen; guṇa meint zunächst Faden oder Strang; māyā schöpferische Gestaltungs- und Wunderkraft. Die Worterklärungen markieren diese Bedeutungsräume.
Bedeutung heute
Die Brahma Sukta Upanishad kann heute als Schule des kontemplativen Fragens gelesen werden. Sie fordert dazu auf, hinter Zeit, Körper, Sprache und Wahrnehmung den gemeinsamen Grund zu suchen. Gerade weil sie schwierige Bilder nicht in ein einziges Schema zwingt, schult sie geistige Geduld: Nicht jede tiefe Frage muss sofort durch eine vertraute Formel geschlossen werden.
Für Vedanta und Jnana Yoga ist besonders der Übergang vom kosmischen Brahman zum Atman bedeutsam. Das Eine erscheint in Geschlecht, Alter und Gestalt verschieden und bleibt dennoch ein und dasselbe Selbst. Diese Einsicht kann zu Respekt gegenüber allen Menschen und Lebewesen führen. Sie darf nicht als abstrakte Behauptung dienen, sondern soll Angst, Abwertung und starre Identifikation lockern.
Auch die Todesmeditation erhält einen klaren Maßstab. Der Hymnus verspricht keine Verdrängung der Endlichkeit des Körpers. Er verweist auf das wunschlose, nicht alternde Bewusstsein, das nicht durch Besitz oder äußeren Status vollständig wird. Die Praxis besteht darin, diese Aussage im eigenen Erleben sorgfältig zu prüfen.
Vollständiger Sanskrittext in Devanagari
Der folgende Text gibt alle 44 Mantras von Atharvaveda Śaunaka 10.8 wieder. Die Devanagari-Fassung entspricht der oben verwendeten normalisierten, akzentlosen IAST-Lesefassung.
Mantra १०.८.१
यो भूतं च भव्यं च सर्वं यश् चाधितिष्ठति । स्वर्यस्य च केवलं तस्मै ज्येष्ठाय ब्रह्मणे नमः ॥१॥
Mantra १०.८.२
स्कम्भेनेमे विष्टभिते द्यौश् च भूमिश् च तिष्ठतः । स्कम्भ इदं सर्वम् आत्मन्वद् यत् प्राणन् निमिषच् च यत् ॥२॥
Mantra १०.८.३
तिस्रो ह प्रजा अत्यायम् आयन् न्य् अन्या अर्कम् अभितो ऽविशन्त । बृहन् ह तस्थौ रजसो विमानो हरितो हरिणीर् आ विवेश ॥३॥
Mantra १०.८.४
द्वादश प्रधयश् चक्रम् एकं त्रीणि नभ्यानि क उ तच् चिकेत । तत्राहतास् त्रीणि शतानि शङ्कवः षष्टिश् च खीला अविचाचला ये ॥४॥
Mantra १०.८.५
इदं सवितर् वि जानीहि षड् यमा एक एकजः । तस्मिन् हापित्वम् इच्छन्ते य एषाम् एक एकजः ॥५॥
Mantra १०.८.६
आविः सन् निहितं गुहा जरन् नाम महत् पदम् । तत्रेदं सर्वम् आर्पितम् एजत् प्राणत् प्रतिष्ठितम् ॥६॥
Mantra १०.८.७
एकचक्रं वर्तत एकनेमि सहस्राक्षरं प्र पुरो नि पश्चा । अर्धेन विश्वं भुवनं जजान यद् अस्यार्धं क्व तद् बभूव ॥७॥
Mantra १०.८.८
पञ्चवाही वहत्यग्रम् एषां प्रष्टयो युक्ता अनुसंवहन्ति । अयातम् अस्य ददृशे न यातं परं नेदीयो ऽवरं दवीयः ॥८॥
Mantra १०.८.९
तिर्यग्बिलश् चमस ऊर्ध्वबुध्नस् तस्मिन् यशो निहितं विश्वरूपम् । तद् आसत ऋषयः सप्त साकं ये अस्य गोपा महतो बभूवुः ॥९॥
Mantra १०.८.१०
या पुरस्ताद् युज्यते या च पश्चाद् या विश्वतो युज्यते या च सर्वतः । यया यज्ञः प्राङ् तायते तां त्वा पृच्छामि कतमा सा ऋचाम् ॥१०॥
Mantra १०.८.११
यद् एजति पतति यच् च तिष्ठति प्राणद् अप्राणन् निमिषच् च यद् भुवत् । तद् दाधार पृथिवीं विश्वरूपं तत् संभूय भवत्य् एकम् एव ॥११॥
Mantra १०.८.१२
अनन्तं विततं पुरुत्रानन्तम् अन्तवच् चा समन्ते । ते नाकपालश् चरति विचिन्वन् विद्वान् भूतम् उत भव्यम् अस्य ॥१२॥
Mantra १०.८.१३
प्रजापतिश् चरति गर्भे अन्तर् अदृश्यमानो बहुधा वि जायते । अर्धेन विश्वं भुवनं जजान यद् अस्यार्धं कतमः स केतुः ॥१३॥
Mantra १०.८.१४
ऊर्ध्वं भरन्तम् उदकं कुम्भेनेवोदहार्यम् । पश्यन्ति सर्वे चक्षुषा न सर्वे मनसा विदुः ॥१४॥
Mantra १०.८.१५
दूरे पूर्णेन वसति दूर ऊनेन हीयते । महद् यक्षं भुवनस्य मध्ये तस्मै बलिं राष्ट्रभृतो भरन्ति ॥१५॥
Mantra १०.८.१६
यतः सूर्यः उदेत्य् अस्तं यत्र च गच्छति । तद् एव मन्ये ऽहं ज्येष्ठं तद् उ नात्य् एति किं चन ॥१६॥
Mantra १०.८.१७
ये अर्वाङ् मध्य उत वा पुराणं वेदं विद्वांसम् अभितो वदन्ति । आदित्यम् एव ते परि वदन्ति सर्वे अग्निं द्वितीयं त्रिवृतं च हंसम् ॥१७॥
Mantra १०.८.१८
सहस्राह्ण्यं वियताव् अस्य पक्षौ हरेर् हंसस्य पततः स्वर्गम् । स देवान्त् सर्वान् उरस्य् उपदद्य संपश्यन् याति भुवनानि विश्वा ॥१८॥
Mantra १०.८.१९
सत्येनोर्ध्वस् तपति ब्रह्मणार्वाङ् वि पश्यति । प्राणेन तिर्यङ् प्राणति यस्मिन् ज्येष्ठम् अधि श्रितम् ॥१९॥
Mantra १०.८.२०
यो वै ते विद्याद् अरणी याभ्यां निर्मथ्यते वसु । स विद्वान् ज्येष्ठं मन्येत स विद्याद् ब्राह्मणं महत् ॥२०॥
Mantra १०.८.२१
अपाद् अग्रे सम् अभवत् सो अग्रे स्वर् आभरत् । चतुष्पाद् भूत्वा भोग्यः सर्वम् आदत्त भोजनम् ॥२१॥
Mantra १०.८.२२
भोग्यो भवद् अथो अन्नम् अदद् बहु । यो देवम् उत्तरावन्तम् उपासातै सनातनम् ॥२२॥
Mantra १०.८.२३
सनातनम् एनम् आहुर् उताद्य स्यात् पुनर्णवः । अहोरात्रे प्र जायेते अन्यो अन्यस्य रूपयोः ॥२३॥
Mantra १०.८.२४
शतं सहस्रम् अयुतं न्यर्बुदम् असंख्येयं स्वम् अस्मिन् निविष्टम् । तद् अस्य घ्नन्त्य् अभिपश्यत एव तस्माद् देवो रोचत् एष एतत् ॥२४॥
Mantra १०.८.२५
बालाद् एकम् अणीयस्कम् उतैकं नेव दृश्यते । ततः परिष्वजीयसी देवता सा मम प्रिया ॥२५॥
Mantra १०.८.२६
इयं कल्याण्य् अजरा मर्त्यस्यामृता गृहे । यस्मै कृता शये स यश् चकार जजार सः ॥२६॥
Mantra १०.८.२७
त्वं स्त्री त्वं पुमान् असि त्वं कुमार उत वा कुमारी । त्वं जीर्णो दण्डेन वञ्चसि त्वं जातो भवसि विश्वतोमुखः ॥२७॥
Mantra १०.८.२८
उतैषां पितोत वा पुत्र एषाम् उतैषां ज्येष्ठ उत वा कनिष्ठः । एको ह देवो मनसि प्रविष्टः प्रथमो जातः स उ गर्भे अन्तः ॥२८॥
Mantra १०.८.२९
पूर्णात् पूर्णम् उद् अचति पूर्णं पूर्णेन सिच्यते । उतो तद् अद्य विद्याम यतस् तत् परिषिच्यते ॥२९॥
Mantra १०.८.३०
एषा सनत्नी सनम् एव जातैषा पुराणी परि सर्वं बभूव । मही देव्य् उषसो विभाती सैकेनैकेन मिषता वि चष्टे ॥३०॥
Mantra १०.८.३१
अविर् वै नाम देवतर्तेनास्ते परीवृता । तस्या रूपेणेमे वृक्षा हरिता हरितस्रजः ॥३१॥
Mantra १०.८.३२
अन्ति सन्तं न जहात्य् अन्ति सन्तं न पश्यति । देवस्य पश्य काव्यं न ममार न जीर्यति ॥३२॥
Mantra १०.८.३३
अपूर्वेणेषिता वाचस् ता वदन्ति यथायथम् । वदन्तीर् यत्र गच्छन्ति तद् आहुर् ब्राह्मणं महत् ॥३३॥
Mantra १०.८.३४
यत्र देवाश् च मनुष्याश् चारा नाभाव् इव श्रिताः । अपां त्वा पुष्पं पृच्छामि यत्र तन् मायया हितम् ॥३४॥
Mantra १०.८.३५
येभिर् वात इषितः प्रवाति ये ददन्ते पञ्च दिशः सध्रीचीः । य आहुतिम् अत्यमन्यन्त देवा अपां नेतारः कतमे त आसन् ॥३५॥
Mantra १०.८.३६
इमाम् एषां पृथिवीं वस्त एको ऽन्तरिक्षं पर्य् एको बभूव । दिवम् एषां ददते यो विधर्ता विश्वा आशाः प्रति रक्षन्त्य् एके ॥३६॥
Mantra १०.८.३७
यो विद्यात् सूत्रं विततं यस्मिन्न् ओताः प्रजा इमाः । सूत्रं सूत्रस्य यो विद्याद् स विद्याद् ब्राह्मणं महत् ॥३७॥
Mantra १०.८.३८
वेदाहं सूत्रं विततं यस्मिन्न् ओताः प्रजा इमाः । सूत्रं सूत्रस्याहं वेदाथो यद् ब्राह्मणं महद् ॥३८॥
Mantra १०.८.३९
यद् अन्तरा द्यावापृथिवी अग्निर् ऐत् प्रदहन् विश्वदाव्यः । यत्रातिष्ठन्न् एकपत्नीः परस्तात् क्वेवासीन् मातरिश्वा तदानीम् ॥३९॥
Mantra १०.८.४०
अप्स्व् आसीन् मातरिश्वा प्रविष्टः प्रविष्टा देवाः सलिलान्य् आसन् । बृहन् ह तस्थौ रजसो विमानः पवमानो हरित आ विवेश ॥४०॥
Mantra १०.८.४१
उत्तरेणेव गायत्रीम् अमृते ऽधि वि चक्रमे । साम्ना ये साम संविदुर् अजस् तद् ददृशे क्व ॥४१॥
Mantra १०.८.४२
निवेशनः संगमनो वसूनां देव इव सविता सत्यधर्मा । इन्द्रो न तस्थौ समरे धनानाम् ॥४२॥
Mantra १०.८.४३
पुण्डरीकं नवद्वारं त्रिभिर् गुणेभिर् आवृतम् । तस्मिन् यद् यक्षम् आत्मन्वत् तद् वै ब्रह्मविदो विदुः ॥४३॥
Mantra १०.८.४४
अकामो धीरो अमृतः स्वयंभू रसेन तृप्तो न कुतश् चनोनः । तम् एव विद्वान् न बिभाय मृत्योर् आत्मानं धीरम् अजरं युवानम् ॥४४॥
Vollständiger Sanskrittext in IAST
Mantra 10.8.1
yo bhūtaṃ ca bhavyaṃ ca sarvaṃ yaś cādhitiṣṭhati |
svaryasya ca kevalaṃ tasmai jyeṣṭhāya brahmaṇe namaḥ ||1||
Mantra 10.8.2
skambheneme viṣṭabhite dyauś ca bhūmiś ca tiṣṭhataḥ |
skambha idaṃ sarvam ātmanvad yat prāṇan nimiṣac ca yat ||2||
Mantra 10.8.3
tisro ha prajā atyāyam āyan ny anyā arkam abhito 'viśanta |
bṛhan ha tasthau rajaso vimāno harito hariṇīr ā viveśa ||3||
Mantra 10.8.4
dvādaśa pradhayaś cakram ekaṃ trīṇi nabhyāni ka u tac ciketa |
tatrāhatās trīṇi śatāni śaṅkavaḥ ṣaṣṭiś ca khīlā avicācalā ye ||4||
Mantra 10.8.5
idaṃ savitar vi jānīhi ṣaḍ yamā eka ekajaḥ |
tasmin hāpitvam icchante ya eṣām eka ekajaḥ ||5||
Mantra 10.8.6
āviḥ san nihitaṃ guhā jaran nāma mahat padam |
tatredaṃ sarvam ārpitam ejat prāṇat pratiṣṭhitam ||6||
Mantra 10.8.7
ekacakraṃ vartata ekanemi sahasrākṣaraṃ pra puro ni paścā |
ardhena viśvaṃ bhuvanaṃ jajāna yad asyārdhaṃ kva tad babhūva ||7||
Mantra 10.8.8
pañcavāhī vahatyagram eṣāṃ praṣṭayo yuktā anusaṃvahanti |
ayātam asya dadṛśe na yātaṃ paraṃ nedīyo 'varaṃ davīyaḥ ||8||
Mantra 10.8.9
tiryagbilaś camasa ūrdhvabudhnas tasmin yaśo nihitaṃ viśvarūpam |
tad āsata ṛṣayaḥ sapta sākaṃ ye asya gopā mahato babhūvuḥ ||9||
Mantra 10.8.10
yā purastād yujyate yā ca paścād yā viśvato yujyate yā ca sarvataḥ |
yayā yajñaḥ prāṅ tāyate tāṃ tvā pṛcchāmi katamā sā ṛcām ||10||
Mantra 10.8.11
yad ejati patati yac ca tiṣṭhati prāṇad aprāṇan nimiṣac ca yad bhuvat |
tad dādhāra pṛthivīṃ viśvarūpaṃ tat saṃbhūya bhavaty ekam eva ||11||
Mantra 10.8.12
anantaṃ vitataṃ purutrānantam antavac cā samante |
te nākapālaś carati vicinvan vidvān bhūtam uta bhavyam asya ||12||
Mantra 10.8.13
prajāpatiś carati garbhe antar adṛśyamāno bahudhā vi jāyate |
ardhena viśvaṃ bhuvanaṃ jajāna yad asyārdhaṃ katamaḥ sa ketuḥ ||13||
Mantra 10.8.14
ūrdhvaṃ bharantam udakaṃ kumbhenevodahāryam |
paśyanti sarve cakṣuṣā na sarve manasā viduḥ ||14||
Mantra 10.8.15
dūre pūrṇena vasati dūra ūnena hīyate |
mahad yakṣaṃ bhuvanasya madhye tasmai baliṃ rāṣṭrabhṛto bharanti ||15||
Mantra 10.8.16
yataḥ sūryaḥ udety astaṃ yatra ca gacchati |
tad eva manye 'haṃ jyeṣṭhaṃ tad u nāty eti kiṃ cana ||16||
Mantra 10.8.17
ye arvāṅ madhya uta vā purāṇaṃ vedaṃ vidvāṃsam abhito vadanti |
ādityam eva te pari vadanti sarve agniṃ dvitīyaṃ trivṛtaṃ ca haṃsam ||17||
Mantra 10.8.18
sahasrāhṇyaṃ viyatāv asya pakṣau harer haṃsasya patataḥ svargam |
sa devānt sarvān urasy upadadya saṃpaśyan yāti bhuvanāni viśvā ||18||
Mantra 10.8.19
satyenordhvas tapati brahmaṇārvāṅ vi paśyati |
prāṇena tiryaṅ prāṇati yasmin jyeṣṭham adhi śritam ||19||
Mantra 10.8.20
yo vai te vidyād araṇī yābhyāṃ nirmathyate vasu |
sa vidvān jyeṣṭhaṃ manyeta sa vidyād brāhmaṇaṃ mahat ||20||
Mantra 10.8.21
apād agre sam abhavat so agre svar ābharat |
catuṣpād bhūtvā bhogyaḥ sarvam ādatta bhojanam ||21||
Mantra 10.8.22
bhogyo bhavad atho annam adad bahu |
yo devam uttarāvantam upāsātai sanātanam ||22||
Mantra 10.8.23
sanātanam enam āhur utādya syāt punarṇavaḥ |
ahorātre pra jāyete anyo anyasya rūpayoḥ ||23||
Mantra 10.8.24
śataṃ sahasram ayutaṃ nyarbudam asaṃkhyeyaṃ svam asmin niviṣṭam |
tad asya ghnanty abhipaśyata eva tasmād devo rocat eṣa etat ||24||
Mantra 10.8.25
bālād ekam aṇīyaskam utaikaṃ neva dṛśyate |
tataḥ pariṣvajīyasī devatā sā mama priyā ||25||
Mantra 10.8.26
iyaṃ kalyāṇy ajarā martyasyāmṛtā gṛhe |
yasmai kṛtā śaye sa yaś cakāra jajāra saḥ ||26||
Mantra 10.8.27
tvaṃ strī tvaṃ pumān asi tvaṃ kumāra uta vā kumārī |
tvaṃ jīrṇo daṇḍena vañcasi tvaṃ jāto bhavasi viśvatomukhaḥ ||27||
Mantra 10.8.28
utaiṣāṃ pitota vā putra eṣām utaiṣāṃ jyeṣṭha uta vā kaniṣṭhaḥ |
eko ha devo manasi praviṣṭaḥ prathamo jātaḥ sa u garbhe antaḥ ||28||
Mantra 10.8.29
pūrṇāt pūrṇam ud acati pūrṇaṃ pūrṇena sicyate |
uto tad adya vidyāma yatas tat pariṣicyate ||29||
Mantra 10.8.30
eṣā sanatnī sanam eva jātaiṣā purāṇī pari sarvaṃ babhūva |
mahī devy uṣaso vibhātī saikenaikena miṣatā vi caṣṭe ||30||
Mantra 10.8.31
avir vai nāma devatartenāste parīvṛtā |
tasyā rūpeṇeme vṛkṣā haritā haritasrajaḥ ||31||
Mantra 10.8.32
anti santaṃ na jahāty anti santaṃ na paśyati |
devasya paśya kāvyaṃ na mamāra na jīryati ||32||
Mantra 10.8.33
apūrveṇeṣitā vācas tā vadanti yathāyatham |
vadantīr yatra gacchanti tad āhur brāhmaṇaṃ mahat ||33||
Mantra 10.8.34
yatra devāś ca manuṣyāś cārā nābhāv iva śritāḥ |
apāṃ tvā puṣpaṃ pṛcchāmi yatra tan māyayā hitam ||34||
Mantra 10.8.35
yebhir vāta iṣitaḥ pravāti ye dadante pañca diśaḥ sadhrīcīḥ |
ya āhutim atyamanyanta devā apāṃ netāraḥ katame ta āsan ||35||
Mantra 10.8.36
imām eṣāṃ pṛthivīṃ vasta eko 'ntarikṣaṃ pary eko babhūva |
divam eṣāṃ dadate yo vidhartā viśvā āśāḥ prati rakṣanty eke ||36||
Mantra 10.8.37
yo vidyāt sūtraṃ vitataṃ yasminn otāḥ prajā imāḥ |
sūtraṃ sūtrasya yo vidyād sa vidyād brāhmaṇaṃ mahat ||37||
Mantra 10.8.38
vedāhaṃ sūtraṃ vitataṃ yasminn otāḥ prajā imāḥ |
sūtraṃ sūtrasyāhaṃ vedātho yad brāhmaṇaṃ mahad ||38||
Mantra 10.8.39
yad antarā dyāvāpṛthivī agnir ait pradahan viśvadāvyaḥ |
yatrātiṣṭhann ekapatnīḥ parastāt kvevāsīn mātariśvā tadānīm ||39||
Mantra 10.8.40
apsv āsīn mātariśvā praviṣṭaḥ praviṣṭā devāḥ salilāny āsan |
bṛhan ha tasthau rajaso vimānaḥ pavamāno harita ā viveśa ||40||
Mantra 10.8.41
uttareṇeva gāyatrīm amṛte 'dhi vi cakrame |
sāmnā ye sāma saṃvidur ajas tad dadṛśe kva ||41||
Mantra 10.8.42
niveśanaḥ saṃgamano vasūnāṃ deva iva savitā satyadharmā |
indro na tasthau samare dhanānām ||42||
Mantra 10.8.43
puṇḍarīkaṃ navadvāraṃ tribhir guṇebhir āvṛtam |
tasmin yad yakṣam ātmanvat tad vai brahmavido viduḥ ||43||
Mantra 10.8.44
akāmo dhīro amṛtaḥ svayaṃbhū rasena tṛpto na kutaś canonaḥ |
tam eva vidvān na bibhāya mṛtyor ātmānaṃ dhīram ajaraṃ yuvānam ||44||
Vollständige deutsche Übersetzung
Mantra 10.8.1 – Huldigung an das älteste Brahman
Er, der über allem Vergangenen und Zukünftigen und über dem gesamten All steht, und dem allein die lichte Himmelswelt gehört – diesem ältesten Brahman sei Verehrung.
Mantra 10.8.2 – Skambha trägt Himmel und Erde
Durch Skambha sind diese beiden, Himmel und Erde, auseinandergestützt und stehen fest. Skambha ist dieses ganze beseelte All: was atmet und was die Augen bewegt.
Mantra 10.8.3 – Drei Schöpfungen und der kosmische Vermesser
Drei Schöpfungen gingen in ein Überschreiten ein; andere traten rings um Arka, die Sonne, ein. Groß stand der Vermesser des Raumes da; der Goldfarbene trat in die goldfarbenen Kräfte ein.
Mantra 10.8.4 – Das Rad des Jahres
Zwölf Felgenstücke hat das eine Rad und drei Naben – wer hat dies erkannt? Darin sind dreihundert Zapfen eingeschlagen und sechzig Pflöcke, die unbeweglich bleiben.
Mantra 10.8.5 – Sechs Zwillinge und der Einziggeborene
Erkenne dieses genau, Savitṛ: Sechs sind Zwillingspaare, einer ist einziggeboren. In jenem suchen sie Gemeinschaft, der unter ihnen der eine Einziggeborene ist.
Mantra 10.8.6 – Offenbar und doch im Geheimen verborgen
Obwohl offenbar, ist es im Verborgenen niedergelegt: das große Ziel, das „das Alternde“ genannt wird. Darin ist dieses ganze All befestigt; was sich regt und atmet, ist darin gegründet.
Mantra 10.8.7 – Das einrädrige Wesen
Einrädrig rollt es, mit einer einzigen Felge und tausend Silben: vorwärts nach vorn, rückwärts nach hinten. Mit der einen Hälfte erzeugte es die ganze Welt. Wo wurde seine andere Hälfte?
Mantra 10.8.8 – Das Fünfergespann und die Nähe des Höheren
Das Fünfergespann trägt ihre Spitze; angeschirrte Seitenpferde tragen mit. Von ihm wurde das Nicht-Gegangene gesehen, nicht das Gegangene. Das Höhere ist näher, das Niedrigere ferner.
Mantra 10.8.9 – Die Schale und die sieben Seher
Eine Schale mit seitlicher Öffnung und nach oben gekehrtem Boden: In ihr ist vielgestaltige Herrlichkeit niedergelegt. Dort sitzen die sieben Seher beisammen, die zu Hütern dieses Großen wurden.
Mantra 10.8.10 – Die schützende Ṛc des Opfers
Welche vorn angespannt wird, welche hinten, welche nach allen Richtungen und welche ringsum angespannt wird; durch welche das Opfer nach vorn geschützt und ausgedehnt wird – nach dieser frage ich dich: Welche unter den Ṛcs ist sie?
Mantra 10.8.11 – Vielgestaltigkeit wird Einheit
Was sich regt, fliegt und stillsteht, was atmet und nicht atmet, was die Augen bewegt und was immer geworden ist: Dies trägt die vielgestaltige Erde; zusammengekommen wird es wahrlich eines.
Mantra 10.8.12 – Endloses und Begrenztes
Endlos und weithin ausgespannt an vielen Orten, endlos und doch begrenzt, an den Rändern zusammentreffend: Zwischen beiden bewegt sich der Hüter des Himmels, unterscheidend und wissend um das Vergangene und Zukünftige dieses Alls.
Mantra 10.8.13 – Prajāpati im kosmischen Schoß
Prajāpati bewegt sich im Innern des Schoßes. Unsichtbar wird er auf vielfache Weise geboren. Mit einer Hälfte erzeugte er die ganze Welt; welches Zeichen weist auf seine andere Hälfte?
Mantra 10.8.14 – Das nach oben getragene Wasser
Alle sehen das nach oben getragene Wasser mit dem Auge, wie eine Wasserträgerin es im Krug trägt; doch nicht alle erkennen es mit dem Geist.
Mantra 10.8.15 – Das große Geheimnis in der Mitte der Welt
In der Ferne wohnt es beim Vollständigen; vom Unvollständigen wird es fern verloren. Das große geheimnisvolle Wesen steht in der Mitte der Welt; ihm bringen die Träger der Königsmacht Tribut dar.
Mantra 10.8.16 – Das Höchste über dem Sonnenlauf
Woraus die Sonne aufgeht und wohin sie zum Untergang gelangt – eben dies halte ich für das Älteste und Höchste; nichts irgend überschreitet es.
Mantra 10.8.17 – Sonne, Agni und der dreifache Haṃsa
Die, ob diesseits, in der Mitte oder in alter Zeit, rings um den kundigen Kenner des Veda sprechen, sie alle sprechen von Āditya, ferner von Agni als dem Zweiten und vom dreifachen Haṃsa.
Mantra 10.8.18 – Der goldene Haṃsa trägt die Götter
Tausend Tagesreisen weit sind die beiden Flügel dieses goldfarbenen Haṃsa ausgespannt, wenn er zum Himmel fliegt. Alle Götter an seine Brust nehmend, zieht er dahin und überschaut sämtliche Welten.
Mantra 10.8.19 – Wahrheit, Brahman und Atem
Durch Wahrheit glüht er nach oben; durch Brahman schaut er hierher und ringsum; durch den Lebensatem atmet er quer durch die Welt – er, in dem das Älteste und Höchste gegründet ist.
Mantra 10.8.20 – Die beiden Reibhölzer der Erkenntnis
Wer jene beiden Reibhölzer kennt, durch die das kostbare Feuer hervorgequirlt wird, der darf sich als Kenner des Höchsten verstehen; der kennt das große Brahman.
Mantra 10.8.21 – Vom Fußlosen zum Vierfüßigen
Fußlos entstand es am Anfang; am Anfang brachte es die Himmelswelt herbei. Vierfüßig und genießbar geworden, nahm es alle Nahrung in sich auf.
Mantra 10.8.22 – Frucht der Verehrung des Ewigen
Genussfähig wird er und isst reichlich Nahrung: wer jenen ewigen Gott verehrt, der das Höhere und den Vorrang gewährt.
Mantra 10.8.23 – Ewig und immer neu
Ewig nennen sie ihn; und doch mag er heute wieder neu sein. Tag und Nacht werden in den Gestalten des jeweils anderen geboren.
Mantra 10.8.24 – Das Unzählbare im Einen
Hundert, tausend, zehntausend, hundert Millionen, Unzählbares – sein Eigenes ist in dieses Eine eingetreten. Selbst während es zusieht, zerstören sie davon; dennoch und darum leuchtet diese Gottheit als dieses hier.
Mantra 10.8.25 – Das Feinste und die umfassende Gottheit
Eines ist kleiner noch als ein Kind; ein anderes wird kaum gesehen. Die Gottheit, die umfassender ist als jenes, sie ist mir lieb.
Mantra 10.8.26 – Die Alterslose im Haus des Sterblichen
Diese Segensreiche ist alterslos und unsterblich im Haus des Sterblichen. Für wen sie gemacht wurde, der liegt da; wer sie machte, der ist gealtert.
Mantra 10.8.27 – Das Göttliche in allen Lebensgestalten
Du bist Frau, du bist Mann; du bist Knabe und ebenso Mädchen. Du bist der Greis, der sich am Stock gebeugt bewegt; geboren wirst du zum Allgesichtigen.
Mantra 10.8.28 – Der eine Gott als Vater, Sohn und Erstgeborener
Er ist sowohl ihr Vater als auch ihr Sohn, sowohl ihr Ältester als auch ihr Jüngster. Der eine Gott ist in den Geist eingetreten; als Erster geboren ist er zugleich im Innern des Schoßes.
Mantra 10.8.29 – Fülle aus der Fülle
Aus der Fülle erhebt sich Fülle; das Volle wird durch das Volle ausgegossen. Mögen wir heute erkennen, woraus jenes ringsum ausgegossen wird.
Mantra 10.8.30 – Die uralte Göttin der Morgenröte
Diese ist ewig, schon vor alters geboren; diese Uralte wurde zu allem ringsum. Als große Göttin der Morgenröte aufstrahlend, schaut sie durch jedes einzelne Wesen, das die Augen öffnet.
Mantra 10.8.31 – Die Gottheit Avi und das Grün der Bäume
Eine Gottheit namens Avi sitzt, vom kosmischen Recht umhüllt. Durch ihre Gestalt sind diese Bäume grün und mit grünen Kränzen geschmückt.
Mantra 10.8.32 – Das unsterbliche Werk des Gottes
Den ganz Nahen verlässt es nicht, den ganz Nahen sieht es nicht. Schau das weise Werk des Gottes: Es ist nicht gestorben und altert nicht.
Mantra 10.8.33 – Die Stimmen des Ursprungslosen
Vom Ursprungslosen ausgesandt, sprechen die Stimmen jedes Ding seiner Art gemäß aus. Wohin sie sprechend gelangen, das nennen die Menschen das große Brahman.
Mantra 10.8.34 – Die Blüte der Wasser
Wo Götter und Menschen wie Speichen in einer Nabe gegründet sind – ich frage dich nach der Blüte der Wasser: Wo wurde sie durch schöpferische Macht eingesetzt?
Mantra 10.8.35 – Wer lenkt Wind, Richtungen und Wasser?
Durch wen weht der Wind, wenn er angetrieben ist? Wer lässt die fünf Richtungen gemeinsam zusammenwirken? Welche Götter hielten sich für höher als die Opfergabe – welche von ihnen waren die Führer der Wasser?
Mantra 10.8.36 – Die Lenker der drei Welträume
Einer von ihnen bekleidet diese Erde, einer umgab den Zwischenraum. Der Ordner unter ihnen gibt den Himmel; andere beschützen jeweils alle Himmelsrichtungen.
Mantra 10.8.37 – Der Faden, in den die Geschöpfe gewoben sind
Wer den ausgespannten Faden erkennt, in den diese Geschöpfe eingewoben sind, wer den Faden des Fadens erkennt, der erkennt das große Brahman.
Mantra 10.8.38 – Ich kenne den Faden des Fadens
Ich kenne den ausgespannten Faden, in den diese Geschöpfe eingewoben sind. Ich kenne den Faden des Fadens und ebenso das, was das große Brahman ist.
Mantra 10.8.39 – Wo war Mātariśvan?
Als Agni zwischen Himmel und Erde ging, flammend und alles verbrennend, und als jenseits die einem einzigen Herrn Zugehörigen standen – wo war damals Mātariśvan?
Mantra 10.8.40 – Mātariśvan in den Wassern
Mātariśvan war in die Wasser eingetreten; die Götter waren in die Wasserfluten eingegangen. Groß stand der Vermesser des Raumes da; der sich Reinigende trat in die goldfarbenen Kräfte ein.
Mantra 10.8.41 – Jenseits der Gāyatrī
Gleichsam über die Gāyatrī hinaus schritt er auf dem Unsterblichen aus. Diejenigen, die durch Sāman das Sāman vollständig erkannten – wo wurde ihnen dort der Aja sichtbar?
Mantra 10.8.42 – Der Sammler der Güter
Er ist Wohnstatt und Sammler der Güter, wie der Gott Savitṛ von wahrer Ordnung. Wie Indra stand er im Kampf um die Schätze.
Mantra 10.8.43 – Der neuntorige Lotus
Ein Lotus mit neun Toren, von drei Strängen umhüllt: Das beseelte geheimnisvolle Wesen, das darin ist, erkennen wahrlich die Brahman-Kundigen.
Mantra 10.8.44 – Das furchtlose und nicht alternde Selbst
Wunschlos, weise, unsterblich, aus sich selbst seiend, von der Essenz erfüllt und in nichts unvollständig ist dieses Selbst. Wer eben dieses weise, alterslose und ewig junge Selbst erkennt, fürchtet sich nicht vor dem Tod.
Fünf Empfehlungen für ernsthafte spirituelle Aspiranten
1. Beginne mit einer tragenden Frage.
Wähle einen der Fragesätze des Hymnus, etwa: „Was trägt dieses ganze beseelte All?“ Sitze zehn Minuten still damit. Suche nicht sofort nach einer gelehrten Antwort. Nimm wahr, worauf sich Körper, Atem, Gedanken und Bewusstsein in diesem Augenblick tatsächlich stützen.
2. Meditiere über das Rad des Jahres.
Betrachte regelmäßig die Veränderung von Tag, Monat und Jahreszeit. Erkenne, dass dein Körper und deine Lebensgeschichte in diesem Rad stehen. Frage dann nach dem Unbewegten, das alle Veränderungen wahrnimmt. Diese Übung verbindet die kosmische Bildsprache der Brahma Sukta Upanishad mit unmittelbarer Zeugenbewusstheit.
3. Suche die Wurzel, nicht nur die Zweige.
Wenn ein starker Wunsch, eine Angst oder ein Konflikt auftritt, bleibe nicht allein bei der äußeren Geschichte. Verfolge die Erfahrung ruhig zu ihrer Wurzel: zum Bedürfnis, zur Identifikation und schließlich zum bloßen Gewahrsein. Verbinde diese Selbstbefragung mit ethischem Handeln; Innenschau ist kein Vorwand, äußere Verantwortung zu meiden.
4. Übe die Schau des Einen in verschiedenen Gestalten.
Mantra 27 nennt Frau, Mann, Kind und Greis als Erscheinungen desselben Einen. Erinnere dich täglich in einer konkreten Begegnung daran. Höre genauer zu, verringere vorschnelle Urteile und behandle den anderen als Träger desselben Bewusstseins. So wird Advaita zu gelebter Achtung.
5. Prüfe deine Beziehung zu Wunsch und Tod.
Lies Mantra 44 langsam vor der Meditation. Frage dich, welche Sicherheit du von Besitz, Anerkennung oder einer spirituellen Rolle erwartest. Übe freiwillige Einfachheit und erinnere dich an den wunschlosen, erfüllten Atman. Bei belastender Todesangst ersetzt diese Kontemplation keine medizinische oder psychotherapeutische Hilfe; sie kann eine solche Begleitung jedoch spirituell vertiefen.
Literatur und Quellen
- William Dwight Whitney: Atharva-Veda Saṃhitā. Herausgegeben und überarbeitet von Charles Rockwell Lanman. 2 Bände, Harvard Oriental Series 7–8, Cambridge, Massachusetts 1905. Hymnus X.8 mit philologischen Anmerkungen.
- Ralph T. H. Griffith: The Hymns of the Atharva-Veda. 2 Bände, Benares 1895–1896.
- Rudolf Roth und William Dwight Whitney (Hrsg.): Atharva Veda Sanhita. Berlin 1856.
- Maurice Bloomfield: Hymns of the Atharva-Veda. Sacred Books of the East, Band 42, Oxford 1897.
- Maurice Bloomfield: The Atharvaveda. Straßburg 1899.
- Jan Gonda: Vedic Literature (Saṃhitās and Brāhmaṇas). Wiesbaden 1975.
- Paul Deussen: Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen. Band I, Abteilung 1: Allgemeine Einleitung und Philosophie des Veda bis auf die Upanishad's. Leipzig 1894.
- Atharvaveda-Śaunaka-Saṃhitā bei GRETIL – vollständiger Sanskrittext
- Vedic Heritage Portal – Atharvaveda Śaunaka 10.8, Jyeṣṭhabrahmavarṇanam
- Whitney: Atharva-Veda Saṃhitā, Buch X, Hymnus 8 – Übersetzung und Anmerkungen
- Griffith: Atharvaveda X.8 – englische Übersetzung
Siehe auch
- Atharvaveda
- Skambha Upanishad
- Brahman
- Atman
- Kutsa
- Purusha
- Prana
- Maya
- Jnana Yoga
- Vedanta
- Shvetashvatara Upanishad
- Brihadaranyaka Upanishad
Weblinks
- Brahman im Yoga Wiki
- Atman im Yoga Wiki
- Atharvaveda im Yoga Wiki
- Meditation bei Yoga Vidya
- Yoga – Übung und Hintergrund
Seminare
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In diesem Praxisseminar beschreiten wir den Weg fundamentalen Gewahrseins durch intuitive Antworten aus dem Herzen. Antworten, die sich aus unserem wah…- Michael Büchel, Roswitha Breitkopf
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Immer mehr Menschen wollen sich aktiv und offen mit Sterben und Tod beschäftigen und dabei zu einem neuen spirituellen Verständnis von Vergänglichkei…- Sukhavati Kusch
- 06.01.2027 - 15.12.2027 Jahresgruppe Sanskrit - Lektüre der AMRITA SIDDHI 2 - online
Termine: 16x mittwochs: 06.01., 27.01., 17.02., 10.03., 31.03., 21.04., 12.05., 02.06., 23.06., 14.07., 08.09., 29.09., 20.10., 10.11., 01.12., 15.12.20…- Dr phil Oliver Hahn
- 09.04.2027 - 11.04.2027 Sanskrit Intensivwochenende
Du bist fasziniert vom Klang des Sanskrit und der tiefgehenden Wirkung der Wörter dieser uralten Sprache? Hast bereits Übersetzungen von Mantras oder …- Dr phil Oliver Hahn
- 05.10.2026 - 26.10.2026 Meditation, IntensTouch, zur Harmonisierung der Lebensenergie - Online Kurs Reihe
Termine: Montag 05.10., 12.10., 19.10., 26.10.2026
Uhrzeit: 20:30 - 21:15 Uhr
Diese Meditationsreise zu verschiedenen Themen gibt Dir die Möglichkeit…- Frank Schwab
- 09.10.2026 - 11.10.2026 Meditation Intensiv Schweigend
Mit Meditation, Yoga und Mantra-Singen tauchst du in deine innere Welt. Ein Intensivseminar mit täglichen langen Meditationssitzungen, zwei Yoga-Stunde…- Dana Oerding