Parapraveshika

Aus Yogawiki

Parapraveshika (Sanskrit: पराप्रावेशिका parāprāveśikā f.) ist ein kurzer, außerordentlich dichter Lehrtext des kaschmirischen Shaiva-Philosophen Kṣemarāja. Der Titel lässt sich sinngemäß als „Einführung in den Eintritt in Parā, das Höchste“ verstehen. Die Schrift gehört zum nichtdualen kaschmirischen Shivaismus und führt von Prakasha und Vimarsha über die Lehre der 36 Tattvas bis zum Hṛdaya, dem göttlichen Herzen. Ihr Ziel ist nicht bloß metaphysische Systematik: Die ganze Analyse soll zeigen, dass der scheinbar begrenzte Mensch in seinem tiefsten Wesen nichts anderes als Parama Shiva ist.

Die Parapraveshika ist deshalb besonders wertvoll für Leser, die verstehen möchten, wie die nichtduale Shaiva-Tradition die Welt nicht als Gegensatz zum Absoluten, sondern als dessen eigene Erscheinung deutet. Shiva ist hier nicht nur eine Gottheit unter anderen, sondern das selbstleuchtende Bewusstsein, dessen freie Shakti als Universum hervortritt. Erkenntnis bedeutet, diese Identität nicht nur gedanklich zu erfassen, sondern in sie „einzutreten“ – bis hin zur Jivanmukti, der Befreiung zu Lebzeiten.

Shiva in Meditation – ein Bild für das in sich selbst ruhende und zugleich alles erhellende Bewusstsein.
Shiva Nataraja symbolisiert die schöpferische Dynamik des Bewusstseins, die Kṣemarāja als freie Shakti beschreibt.

Ksemaraja und die Parapraveshika

Kṣemarāja gehört zu den bedeutendsten Autoren des nichtdualen kaschmirischen Shivaismus. Er steht in der geistigen Nachfolge Abhinavaguptas und ist besonders dafür bekannt, komplexe Lehren des Trika, der Pratyabhijna und der Spanda-Tradition in konzentrierter Form darzustellen. Zu seinen bekannten Werken gehören das Pratyabhijnahridayam, der Spandanirnaya und die Shiva Sutra Vimarshini.

Die Parapraveshika ist ein solcher Einführungstext. Sie entfaltet keine lange Rituallehre und auch keine umfangreiche Verskomposition, sondern führt in dichter philosophischer Prosa durch einige Grundgedanken des Systems. Die überlieferte Ausgabe erschien 1918 als Band 15 der Kashmir Series of Texts and Studies. Der hier verwendete Sanskrittext stammt aus der Muktabodha Digital Library, Katalognummer M00048.

Die Muktabodha-Datei enthält neben Kṣemarājas Grundtext auch umfangreiche, in eckige Klammern gesetzte Erläuterungen. Diese werden im Folgenden konsequent vom Primärtext getrennt und nicht Kṣemarāja zugeschrieben. Die nach dem eigentlichen Kolophon folgenden drei Editionsverse sowie die abschließende Editionswidmung gehören ebenfalls nicht zur Parāprāveśikā selbst.

Die zentrale Lehre: Bewusstsein erkennt sich selbst

Die Parapraveshika beginnt nicht mit einer Weltentstehungslehre, sondern mit der Frage nach dem Wesen von Bewusstsein. Der höchste Herr ist prakāśātmā – seinem Wesen nach Licht beziehungsweise Selbstoffenbarkeit. Doch dieses Licht ist nicht passiv. Es besitzt Vimarsha, die Fähigkeit, sich selbst zu wissen, sich selbst zu erfahren und sich frei als Welt auszudrücken.

Prakasha kann als das reine Leuchten des Bewusstseins verstanden werden.
Vimarsha ist die lebendige Selbstgewahrheit dieses Bewusstseins.

Kṣemarāja macht damit einen entscheidenden Punkt: Bewusstsein ist nicht ein neutrales Licht, das Dinge lediglich beleuchtet. Es ist schöpferisch, frei und seiner selbst bewusst. Gerade diese Selbstbezüglichkeit heißt in verschiedenen Agamas auch Chit, Chaitanya, Svatantrya, Kartṛtva, Sphurattā, Hṛdaya und Spanda.

Für die Praxis von Meditation bedeutet dies: Der innere Weg besteht nicht darin, Bewusstsein erst herzustellen. Vielmehr geht es darum, dasjenige zu erkennen, in dessen Licht jede Wahrnehmung, jeder Gedanke und jede Meditation schon erscheint.

Zur Vertiefung der Frage nach Bewusstsein und höchster Erkenntnis kann ergänzend dieses Yoga-Vidya-Video eingebunden werden:

Die 36 Tattvas

Ein großer Teil der Schrift entfaltet die klassischen 36 Tattvas des kaschmirischen Shivaismus. Sie bilden keine Ansammlung voneinander isolierter Substanzen. Sie beschreiben vielmehr Stufen der Selbstentfaltung und Selbstbegrenzung des einen Bewusstseins.

Nr. Tattva Bedeutung im Zusammenhang der Parapraveshika
1 Śiva reines, unbegrenztes Bewusstsein
2 Śakti freie schöpferische Kraft
3 Sadāśiva Vorherrschaft des „Ich“, in dem die Welt keimhaft erscheint
4 Īśvara deutlich hervortretendes „Dies“ innerhalb des göttlichen Bewusstseins
5 Śuddhavidyā Gleichgewicht und Einheit von „Ich“ und „Dies“
6 Māyā Hervortreten von Differenz
7–11 Kalā, Vidyā, Rāga, Kāla, Niyati fünf begrenzende Kanchukas
12 Puruṣa begrenzter Erkennender
13 Prakṛti Grundnatur der manifesten psychophysischen Welt
14–16 Buddhi, Ahamkara, Manas inneres Instrument
17–21 fünf Jñānendriyas Erkenntnisorgane
22–26 fünf Karmendriyas Handlungsorgane
27–31 fünf Tanmātras subtile Sinnesqualitäten
32–36 Akasha, Vayu, Agni, Wasser, Erde grobstoffliche Elemente

Die Besonderheit der nichtdualen Sicht liegt darin, dass auch die scheinbar niedrigsten oder dichtesten Tattvas nicht außerhalb Shivas stehen. Die gesamte Skala von Shiva bis zur Erde ist eine Entfaltung desselben Bewusstseins.

Maha Yogeshvarasana – Shiva als Yogeshvara verweist auf die innere Sammlung, aus der die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins hervorgehen kann.

Die fünf Kanchukas – wie das Unbegrenzte begrenzt erscheint

Besonders anschaulich ist Kṣemarājas Erklärung der fünf Kanchukas. Die unbegrenzten Kräfte des Bewusstseins verschwinden nicht wirklich. Sie erscheinen in zusammengezogener Form:

  • Kalā – aus Allmacht wird begrenzte Handlungsfähigkeit.
  • Vidyā – aus unbegrenzter Erkenntniskraft erscheint begrenztes Wissen.
  • Rāga – aus ursprünglicher Fülle erscheint Anhaften und Begehren.
  • Kāla – Zeit gliedert das Erscheinen der Dinge in Abfolge.
  • Niyati – die freie Möglichkeit erscheint als Festlegung, Ordnung und Gebundenheit an bestimmte Zusammenhänge.

Diese Lehre lässt sich für Yoga-Aspiranten existenziell lesen. Der Mensch erlebt sich als jemand, der nur wenig kann, wenig weiß, vieles begehrt, in der Zeit lebt und durch Umstände gebunden ist. Kṣemarāja erklärt diese Erfahrung nicht als letztgültige Wahrheit über das Selbst, sondern als Kontraktion einer ursprünglich unbegrenzten Bewusstseinskraft.

Das Herz-Bija

Am Ende verdichtet sich die philosophische Analyse in die Symbolik des Hṛdaya-Bīja, des Herz-Samens. Kṣemarāja verwendet das Bild des Banyanbaumes:

„Wie der gewaltige Baum in Gestalt seiner Kraft im Banyansamen ruht, so ist diese ganze bewegte und unbewegte Welt im Samen des Herzens enthalten.“

Damit wird das Herz nicht als körperliches Organ gemeint, sondern als innerster Mittelpunkt des Bewusstseins, in dem Welt und Transzendenz eins sind. Die gesamte Kosmologie der 36 Tattvas wird schließlich auf diesen einen Bewusstseinsgrund zurückgeführt.

Ein thematisch passender Yoga-Vidya-Vortrag über Weite, Raum und Bewusstsein kann diese Perspektive ergänzen:

Jivanmukti – Befreiung mitten im Leben

Der Schluss der Parapraveshika ist besonders kraftvoll. Wer das Herz-Bija seinem Wesen nach erkennt und in es eintritt, gilt nach Kṣemarāja im höchsten Sinn als dīkṣita, als wirklich Eingeweihter. Solange ein solcher Mensch den Körper trägt und äußerlich wie andere Menschen lebt, ist er bereits Jivanmukta.

Die Befreiung ist damit nicht nur ein Zustand nach dem Tod. Sie ist die lebendige Erkenntnis, dass der begrenzte Erkennende seinem tiefsten Wesen nach nie etwas anderes war als das freie Bewusstsein selbst.

Vollständiger Sanskrit-Grundtext in Umschrift

Die folgende Fassung gibt den eigentlichen Kṣemarāja-Text der bereitgestellten Muktabodha-Datei wieder. Die in der Edition in eckigen Klammern stehenden Erläuterungen sind ausgelassen; reine Seitenmarken der Druckausgabe wurden entfernt. Die Sanskrit-Lesarten selbst wurden nicht aus anderen Editionen ergänzt oder verändert.

oṃ namaḥ śivāya nikhilatattvātmane

atha

parāprāveśikā

śrīmanmahāmāheśvarācāryavaryakṣemarājaviracitā |

viśvātmikāṃ taduttirṇāṃ hṛdayaṃ parameśituḥ |
parādiśaktirūpeṇa sphurantīṃ saṃvidaṃ numaḥ ||

iha khalu parameśvaraḥ prakāśātmā, prakāśaśca vimarśasvabhāvaḥ, vimarśo nāma viśvākāreṇa viśvaprakāśena viśvasaṃharaṇena ca akṛtrimāham iti visphuraṇam |
yadi nirvimarśaḥ syāt anīśvaro jaḍaśca prasajyeta |
eṣa eva ca vimarśaḥ - cit, caitanyaṃ, svarasoditāparāvāk, svātantryaṃ, paramātmano mukhyamaiśvaryaṃ, kartṛtvaṃ, sphurattā, sāro, hṛdayaṃ, spandaḥ ityādiśabdairāgameṣūddhoṣyate ata eva

akṛtrimāhamiti - satattvaḥ svayaṃprakāśarūpaḥ parameśvaraḥ pārameśvaryā śaktyā śivādi - dharaṇyantajagadātmanā sphurati prakāśate ca |
etadeva asya jagataḥ kartṛtvamajaḍatvaṃ ca, jagataḥ kāryatvamapi etadadhīnaprakāśatvameva, evaṃbhūtaṃ jagat prakāśarūpāt karturmaheśvarādabhinnameva, bhinnavedyatve'prakāśamānatvena prakāśanāyogāt na kiṃcitsyāt, anena ca jagatā asya bhagavataḥ prakāśātmakaṃ rūpaṃ na kadācit tirodhīyate, etatprakāśanena pratiṣṭhāṃ labdhvā prakāśamānamidaṃ jagat ātmanaḥ prāṇabhūtaṃ kathaṃ niroddhuṃ śaknuyāt, kathaṃ ca tannirudhya svayamavatiṣṭheta, ataścāsya vastunaḥ sādhakamidaṃ bādhakamidaṃ pramāṇamityanusaṃdhānātmakasādhakabādhakapramātṛrūpatayā cāsya sadbhāvaḥ, tatsadbhāve kiṃ pramāṇam ? - iti vastusadbhāvamanumanyatāṃ, tādṛksvabhāve kiṃ pramāṇam ? - iti praṣṭṛrūpatayā ca pūrvasiddhasya maheśvarasya svayaṃprakāśatvaṃ sarvasya svasaṃvedanasiddham |
kiṃ ca pramāṇamapi yamāśritya pramāṇaṃ bhavati tasya pramāṇasya tadadhīnaśarīraprāṇanīlasukhādivedyaṃ cātiśayya sadā bhāsamānasya vedakaikarūpasya sarvapramitibhājaḥ siddhau abhinavārthaprakāśasya pramāṇavarākasya kaścopayogaḥ |
evaṃ ca śabdarāśimayapūrṇāhantāparāmarśasāratvāt paramaśiva eva ṣaṭtriṃśattattvātmakaḥ prapañcaḥ |
ṣaṭtriṃśattattvāni ca, - 1 śiva 2 śakti 3 sadāśiva 4 īśvara 5 śuddhavidyā 6 māyā 7 kalā 8 vidyā 9 rāga 10 kāla 11 niyati 12 puruṣa 13 prakṛti 14 buddhi 15 ahaṃkāra 16 manaḥ 17 śrotra 18 tvak 19 cakṣuḥ 20 jihvā 21 ghrāṇa 22 vāk 23 pāṇi 24 pāda 25 pāyu 26 upastha 27 śabda 28 sparśa 29 rūpa 30 rasa 31 gandha 32 ākāśa 33 vāyu 34 vahni 35 salila 36 bhūmayaḥ, ityetāni |
athaiṣāṃ lakṣaṇāni |
tatra śivatattvaṃ nāma icchā - jñāna - kriyātmakakevalapūrṇānandasvabhāvarūpaḥ paramaśiva eva |
asya jagat sraṣṭumicchāṃ parigṛhītavataḥ parameśvarasya prathamaspanda evecchāśaktitattvam

apratihatecchatvāt, sadevāṅkurāyamāṇamidaṃ jagat svātmanāhantayācchādya sthitaṃ rūpaṃ sadāśivatattvam, aṅkuritaṃ jagadahantayāvṛtya sthitamīśvaratattvam , ahantedantayoraikyapratipattiḥ śuddhavidyā , svasvarūpeṣu bhāveṣu bhedaprathā māyā , yadā tu parameśvaraḥ pārameśvaryā māyāśaktyā svarūpaṃ gṛhayitvā saṃkucitagrāhakatāmaśnute tadā puruṣasaṃjñaḥ, ayameva māyāmohitaḥ karmabandhanaḥ saṃsārī , parameśvarādabhinno'pi asya mohaḥ parameśvarasya na bhavet - indrajālamiva aindrajālikasya svecchayā saṃpāditabhrānteḥ, vidyābhijñāpitaiśvaryastu ciddhano muktaḥ paramaśiva eva |
asya sarvakartṛtvaṃ sarvajñatvaṃ pūrṇatvaṃ nityatvaṃ vyāpakatvaṃ ca, śaktayo'saṃkucitā api saṃkocagrahaṇena kalā - vidyā - rāga - kāla - niyatirūpatayā bhavanti |
atra kalānāma asya puruṣasya kiṃcitkartṛtāhetuḥ, vidyā kiṃcijjñatvakāraṇam, rāgo viṣayeṣvabhiṣvaṅgaḥ, kālo hi bhāvānāṃ bhāsanābhāsanātmakānāṃ kramo'vacchedako bhūtādiḥ, niyatiḥ mamedaṃ kartavyaṃ nedaṃ kartavyam iti niyamanahetuḥ, etat pañcakam asya svarūpāvarakatvāt kañcukamiti ucyate, mahadādi - pṛthivyantānāṃ tattvānāṃ mūlakāraṇaṃ prakṛtiḥ, eṣā ca sattvarajastamasāṃ sāmyāvasthā avibhaktarūpā, niścayakāriṇī

vikalpapratibimbadhāriṇī buddhiḥ, ahaṃkāro nāma - mamedaṃ na mamedamityabhimānasādhanam, manaḥ saṃkalpasādhanam, etattrayamantaḥkaraṇam |
śabdasparśa - rūpa - rasa - gandhātmakānāṃ viṣayāṇāṃ krameṇa grahaṇasādhanāni śrotra - tvak - cakṣurjihvā - ghrāṇāni pañca jñānendriyāṇi |
vacanādāna - viharaṇa - visargānandātmakriyāsādhanāni paripāṭhyā vākpāṇi - pāda - pāyūpasthāni pañca karmendriyāṇi |
śabda - sparśa - rūpa rasa - gandhāḥ sāmānyākārāḥ pañca tanmātrāṇi |
ākāśamavakāśapradam, vāyuḥ saṃjīvanam, agnirdāhakaḥ pācakaśca, salilamāpyāyakaṃ dravarūpaṃ ca, bhūmirdhārikā,

yathā nyagrodhabījasthaḥ śaktirūpo mahādrumaḥ |
tathā hṛdayabījasthaṃ viśvametaccarācaram ||

ityāmnāyanītyā parābhaṭṭārikārūpe hṛdayabīje'ntarbhūtametajjagat |
kathaṃ ? - yathā ghaṭaśarāvādīnāṃ mṛdvikārāṇāṃ pāramārthikaṃ rūpaṃ mṛdeva, yathā vā jalādidravajātīnāṃ vicāryamāṇaṃ vyavasthitaṃ rūpaṃ jalādisāmānyameva bhavati, tathā pṛthivyādimāyāntānāṃ tattvānāṃ satattvaṃ mīmāṃsyamānaṃ sadityeva bhavet, asyāpi padasya nirūpyamāṇaṃ dhātvarthavyañjakaṃ pratyayāṃśaṃ visṛjya prakṛtimātrarūpaḥ sakāra evāvaśiṣyate, tadantargatamekatriṃśattatvam, tataḥ paraṃ śuddhavidyeśvara - sadāśivatattvāni jñāna - kriyāsārāṇi śaktiviśeṣatvāt aukāre'bhyupagamarūpe'nuttaraśaktimaye'ntarbhūtāni |
ataḥ paramūrdhvādhaḥ sṛṣṭirūpo visarjanīyaḥ, evaṃ - bhūtasya hṛdayabījasya mahāmantrātmako viśvamayo viśvottīrṇaḥ paramaśiva evodayaviśrāntisthānatvānnijasvabhāvaḥ |
īdṛśaṃ hṛdayabījaṃ tattvato yo veda samāviśati ca sa paramārthato dīkṣitaḥ prāṇān dhārayan laukikavadvartamāno jīvanmukta eva bhavati, dehapāte paramaśivabhaṭṭāraka eva bhavati ||

iti śrīmanmahāmāheśvarācāryavaryakṣemarājaviracitā parāprāveśikā samāptā ||

Vollständiger Sanskrit-Grundtext in Devanagari

ओं नमः शिवाय निखिलतत्त्वात्मने

अथ

पराप्रावेशिका

श्रीमन्महामाहेश्वराचार्यवर्यक्षेमराजविरचिता |

विश्वात्मिकां तदुत्तिर्णां हृदयं परमेशितुः |
परादिशक्तिरूपेण स्फुरन्तीं संविदं नुमः ||

इह खलु परमेश्वरः प्रकाशात्मा, प्रकाशश्च विमर्शस्वभावः, विमर्शो नाम विश्वाकारेण विश्वप्रकाशेन विश्वसंहरणेन च अकृत्रिमाहम् इति विस्फुरणम् |
यदि निर्विमर्शः स्यात् अनीश्वरो जडश्च प्रसज्येत |
एष एव च विमर्शः - चित्, चैतन्यं, स्वरसोदितापरावाक्, स्वातन्त्र्यं, परमात्मनो मुख्यमैश्वर्यं, कर्तृत्वं, स्फुरत्ता, सारो, हृदयं, स्पन्दः इत्यादिशब्दैरागमेषूद्धोष्यते अत एव

अकृत्रिमाहमिति - सतत्त्वः स्वयंप्रकाशरूपः परमेश्वरः पारमेश्वर्या शक्त्या शिवादि - धरण्यन्तजगदात्मना स्फुरति प्रकाशते च |
एतदेव अस्य जगतः कर्तृत्वमजडत्वं च, जगतः कार्यत्वमपि एतदधीनप्रकाशत्वमेव, एवंभूतं जगत् प्रकाशरूपात् कर्तुर्महेश्वरादभिन्नमेव, भिन्नवेद्यत्वेऽप्रकाशमानत्वेन प्रकाशनायोगात् न किंचित्स्यात्, अनेन च जगता अस्य भगवतः प्रकाशात्मकं रूपं न कदाचित् तिरोधीयते, एतत्प्रकाशनेन प्रतिष्ठां लब्ध्वा प्रकाशमानमिदं जगत् आत्मनः प्राणभूतं कथं निरोद्धुं शक्नुयात्, कथं च तन्निरुध्य स्वयमवतिष्ठेत, अतश्चास्य वस्तुनः साधकमिदं बाधकमिदं प्रमाणमित्यनुसंधानात्मकसाधकबाधकप्रमातृरूपतया चास्य सद्भावः, तत्सद्भावे किं प्रमाणम् ? - इति वस्तुसद्भावमनुमन्यतां, तादृक्स्वभावे किं प्रमाणम् ? - इति प्रष्टृरूपतया च पूर्वसिद्धस्य महेश्वरस्य स्वयंप्रकाशत्वं सर्वस्य स्वसंवेदनसिद्धम् |
किं च प्रमाणमपि यमाश्रित्य प्रमाणं भवति तस्य प्रमाणस्य तदधीनशरीरप्राणनीलसुखादिवेद्यं चातिशयय सदा भासमानस्य वेदकैकरूपस्य सर्वप्रमितिभाजः सिद्धौ अभिनवार्थप्रकाशस्य प्रमाणवराकस्य कश्चोपयोगः |
एवं च शब्दराशिमयपूर्णाहन्तापरामर्शसारत्वात् परमशिव एव षट्त्रिंशत्तत्त्वात्मकः प्रपञ्चः |
षट्त्रिंशत्तत्त्वानि च, - १ शिव २ शक्ति ३ सदाशिव ४ ईश्वर ५ शुद्धविद्या ६ माया ७ कला ८ विद्या ९ राग १० काल ११ नियति १२ पुरुष १३ प्रकृति १४ बुद्धि १५ अहंकार १६ मनः १७ श्रोत्र १८ त्वक् १९ चक्षुः २० जिह्वा २१ घ्राण २२ वाक् २३ पाणि २४ पाद २५ पायु २६ उपस्थ २७ शब्द २८ स्पर्श २९ रूप ३० रस ३१ गन्ध ३२ आकाश ३३ वायु ३४ वह्नि ३५ सलिल ३६ भूमयः, इत्येतानि |
अथैषां लक्षणानि |
तत्र शिवतत्त्वं नाम इच्छा - ज्ञान - क्रियात्मककेवलपूर्णानन्दस्वभावरूपः परमशिव एव |
अस्य जगत् स्रष्टुमिच्छां परिगृहीतवतः परमेश्वरस्य प्रथमस्पन्द एवेच्छाशक्तितत्त्वम्

अप्रतिहतेच्छत्वात्, सदेवाङ्कुरायमाणमिदं जगत् स्वात्मनाहन्तयाच्छाद्य स्थितं रूपं सदाशिवतत्त्वम्, अङ्कुरितं जगदहन्तयावृत्य स्थितमीश्वरतत्त्वम् , अहन्तेदन्तयोरैक्यप्रतिपत्तिः शुद्धविद्या , स्वस्वरूपेषु भावेषु भेदप्रथा माया , यदा तु परमेश्वरः पारमेश्वर्या मायाशक्त्या स्वरूपं गृहयित्वा संकुचितग्राहकतामश्नुते तदा पुरुषसंज्ञः, अयमेव मायामोहितः कर्मबन्धनः संसारी , परमेश्वरादभिन्नोऽपि अस्य मोहः परमेश्वरस्य न भवेत् - इन्द्रजालमिव ऐन्द्रजालिकस्य स्वेच्छया संपादितभ्रान्तेः, विद्याभिज्ञापितैश्वर्यस्तु चिद्धनो मुक्तः परमशिव एव |
अस्य सर्वकर्तृत्वं सर्वज्ञत्वं पूर्णत्वं नित्यत्वं व्यापकत्वं च, शक्तयोऽसंकुचिता अपि संकोचग्रहणेन कला - विद्या - राग - काल - नियतिरूपतया भवन्ति |
अत्र कलानाम अस्य पुरुषस्य किंचित्कर्तृताहेतुः, विद्या किंचिज्ज्ञत्वकारणम्, रागो विषयेष्वभिष्वङ्गः, कालो हि भावानां भासनाभासनात्मकानां क्रमोऽवच्छेदको भूतादिः, नियतिः ममेदं कर्तव्यं नेदं कर्तव्यम् इति नियमनहेतुः, एतत् पञ्चकम् अस्य स्वरूपावरकत्वात् कञ्चुकमिति उच्यते, महदादि - पृथिव्यन्तानां तत्त्वानां मूलकारणं प्रकृतिः, एषा च सत्त्वरजस्तमसां साम्यावस्था अविभक्तरूपा, निश्चयकारिणी

विकल्पप्रतिबिम्बधारिणी बुद्धिः, अहंकारो नाम - ममेदं न ममेदमित्यभिमानसाधनम्, मनः संकल्पसाधनम्, एतत्त्रयमन्तःकरणम् |
शब्दस्पर्श - रूप - रस - गन्धात्मकानां विषयाणां क्रमेण ग्रहणसाधनानि श्रोत्र - त्वक् - चक्षुर्जिह्वा - घ्राणानि पञ्च ज्ञानेन्द्रियाणि |
वचनादान - विहरण - विसर्गानन्दात्मक्रियासाधनानि परिपाठ्या वाक्पाणि - पाद - पायूपस्थानि पञ्च कर्मेन्द्रियाणि |
शब्द - स्पर्श - रूप रस - गन्धाः सामान्याकाराः पञ्च तन्मात्राणि |
आकाशमवकाशप्रदम्, वायुः संजीवनम्, अग्निर्दाहकः पाचकश्च, सलिलमाप्यायकं द्रवरूपं च, भूमिर्धारिका,

यथा न्यग्रोधबीजस्थः शक्तिरूपो महाद्रुमः |
तथा हृदयबीजस्थं विश्वमेतच्चराचरम् ||

इत्याम्नायनीत्या पराभट्टारिकारूपे हृदयबीजेऽन्तर्भूतमेतज्जगत् |
कथं ? - यथा घटशरावादीनां मृद्विकाराणां पारमार्थिकं रूपं मृदेव, यथा वा जलादिद्रवजातीनां विचार्यमाणं व्यवस्थितं रूपं जलादिसामान्यमेव भवति, तथा पृथिव्यादिमायान्तानां तत्त्वानां सतत्त्वं मीमांस्यमानं सदित्येव भवेत्, अस्यापि पदस्य निरूप्यमाणं धात्वर्थव्यञ्जकं प्रत्ययांशं विसृज्य प्रकृतिमात्ररूपः सकार एवावशिष्यते, तदन्तर्गतमेकत्रिंशत्तत्वम्, ततः परं शुद्धविद्येश्वर - सदाशिवतत्त्वानि ज्ञान - क्रियासाराणि शक्तिविशेषत्वात् औकारेऽभ्युपगमरूपेऽनुत्तरशक्तिमयेऽन्तर्भूतानि |
अतः परमूर्ध्वाधः सृष्टिरूपो विसर्जनीयः, एवं - भूतस्य हृदयबीजस्य महामन्त्रात्मको विश्वमयो विश्वोत्तीर्णः परमशिव एवोदयविश्रान्तिस्थानत्वान्निजस्वभावः |
ईदृशं हृदयबीजं तत्त्वतो यो वेद समाविशति च स परमार्थतो दीक्षितः प्राणान् धारयन् लौकिकवद्वर्तमानो जीवन्मुक्त एव भवति, देहपाते परमशिवभट्टारक एव भवति ||

इति श्रीमन्महामाहेश्वराचार्यवर्यक्षेमराजविरचिता पराप्रावेशिका समाप्ता ||

Die Parapraveshika in einer zusammenhängenden deutschen Übersetzung

Anrufung und Eingang
Om. Verehrung Shiva, der das Selbst aller Tattvas ist.

Nun die Parapraveshika, verfasst vom ehrwürdigen großen Shaiva-Lehrer Ksemaraja.

Wir verehren jenes Bewusstsein, das die Seele des ganzen Universums und zugleich über das Universum hinaus ist, das Herz des höchsten Herrn, das als die höchste Shakti erstrahlt.

Prakasha und Vimarsha
Hier ist der höchste Herr seinem Wesen nach Prakasha, reines Leuchten des Bewusstseins. Dieses Leuchten besitzt zugleich den Charakter von Vimarsha, der lebendigen Selbstgewahrheit des Bewusstseins. Vimarsha ist das spontane Aufleuchten des ursprünglichen „Ich“ – jenes ungekünstelten Selbstbewusstseins, das sich als Welt entfaltet, die Welt erscheinen lässt und sie wieder in sich zurücknimmt. Wäre das Bewusstsein ohne Vimarsha, so wäre es weder Herr noch lebendig, sondern müsste als etwas Unbewusstes gelten.

Eben dieses Vimarsha wird in den Agamas mit vielen Namen bezeichnet: Chit, Chaitanya, die spontan aufsteigende Para Vak, Svatantrya, die höchste Herrscherkraft des Selbst, Kartritva, Sphuratta, Sara, Hridaya und Spanda.

Gerade weil der höchste Herr dieses ursprüngliche „Ich“ ist und aus sich selbst leuchtet, erscheint er durch seine eigene Shakti als das gesamte Universum von Shiva bis zur Erde. Darin besteht seine Schöpferkraft und zugleich die Lebendigkeit der Welt. Dass die Welt hervorgebracht ist, bedeutet hier vor allem, dass ihr Erscheinen vom Bewusstseinslicht des höchsten Herrn abhängt. Deshalb ist die Welt in Wahrheit nicht vom leuchtenden Maheshvara getrennt. Wäre sie als etwas völlig Getrenntes erkennbar, könnte sie gar nicht erscheinen.

Die Welt verdeckt das Wesen des Herrn nicht. Gerade dadurch, dass sie in seinem Licht ihren Bestand gewinnt und erscheint, ist sie von diesem Licht getragen. Wie könnte das, was aus seinem Leuchten lebt, das Licht selbst auslöschen?

Auch die Frage nach einem Beweis für den höchsten Herrn setzt bereits den Erkennenden voraus. Derjenige, der fragt „Welcher Beweis besteht für ihn?“, ist selbst nur kraft jenes Bewusstseins möglich. So ist die Selbstleuchtkraft Maheshvaras unmittelbar im eigenen Erleben begründet. Selbst jedes Erkenntnismittel kann nur dadurch Erkenntnismittel sein, dass es auf Bewusstsein beruht. Körper, Prana, Farbe, Lust und andere Gegenstände werden erkannt; der Erkennende selbst ist jedoch das stets leuchtende Zentrum aller Erkenntnis. Für ihn bedarf es keines neuen äußeren Beweises.

Die 36 Tattvas
Weil Parama Shiva seinem Wesen nach der volle Selbstbezug des „Ich“ ist und die Gesamtheit der Lautkräfte in sich trägt, ist eben Parama Shiva selbst die als 36 Tattvas erscheinende Weltentfaltung.

Diese 36 Tattvas sind: Shiva, Shakti, Sadashiva, Ishvara, Shuddhavidya, Maya, Kala, Vidya, Raga, Kala, Niyati, Purusha, Prakriti, Buddhi, Ahamkara, Manas, Shrotra, Tvak, Chakshus, Jihva, Ghrana, Vak, Pani, Pada, Payu, Upastha, Shabda, Sparsha, Rupa, Rasa, Gandha, Akasha, Vayu, Vahni, Salila und Bhumi.

Nun ihre Kennzeichen.

Das Shiva-Tattva ist Parama Shiva selbst als reine Fülle von Icchā, Jñāna und Kriyā – Wille, Erkenntnis und schöpferische Kraft – und als ungeteilte Glückseligkeit.

Wenn der höchste Herr den Willen zur Hervorbringung der Welt ergreift, ist seine erste Regung das Tattva der Icchā-Śakti.

Weil sein Wille ungehindert ist, befindet sich die Welt zunächst wie ein noch verborgener Keim in ihm: Dieses vom „Ich“ des Selbst umfasste Stadium ist das Sadashiva-Tattva.

Wenn die keimende Welt deutlicher hervortritt und dennoch vom Ich-Bewusstsein durchdrungen bleibt, ist dies das Ishvara-Tattva.

Die Erkenntnis der Einheit von „Ich“ und „Dies“ ist Shuddhavidya.

Das Hervortreten von Verschiedenheit innerhalb der Dinge, die in Wahrheit das eigene Wesen des Bewusstseins sind, ist Maya.

Wenn nun der höchste Herr durch seine eigene Maya-Shakti sein unbegrenztes Wesen zusammenzieht und die Stellung eines begrenzten Erkennenden annimmt, wird er Purusha genannt. Derselbe, von Maya umhüllte und an Karma gebundene Purusha ist der wandernde Jiva. Obwohl er in Wahrheit nicht von Parameshvara verschieden ist, gehört seine Verblendung nicht dem höchsten Herrn als Begrenzung an – so wie eine vom Zauberkünstler willentlich hervorgebrachte Täuschung den Zauberkünstler selbst nicht bindet. Wenn durch Vidya die eigene Herrscherkraft wiedererkannt wird, ist dieser mit Bewusstsein erfüllte Erkennende frei und nichts anderes als Parama Shiva.

Die fünf Kanchukas
Die unbegrenzten Kräfte des höchsten Bewusstseins erscheinen in der Kontraktion als Kalā, Vidyā, Rāga, Kāla und Niyati.

Kala ist die Ursache begrenzter Handlungsfähigkeit: Statt alles zu vermögen, kann der begrenzte Purusha nur Bestimmtes tun.

Vidya ist die Ursache begrenzten Wissens: Statt allwissend zu sein, erkennt der Purusha nur einen begrenzten Ausschnitt.

Raga ist die Bindung an Gegenstände und das Verlangen nach ihnen.

Kala – die Zeit – gliedert die Erscheinungen durch Abfolge und trennt sie in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Niyati ist das Prinzip der Festlegung und Ordnung, durch das bestimmte Handlungen, Ursachen und Folgen als gebunden und geregelt erscheinen.

Diese fünf werden Kanchukas, „Hüllen“ oder „Panzer“, genannt, weil sie die unbegrenzte Natur des Bewusstseins verhüllen und zusammenziehen.

Prakriti, inneres Instrument und Sinneswelt
Prakriti ist die Grundursache der Tattvas von Mahat beziehungsweise Buddhi bis zur Erde. Sie ist der ungeteilte Gleichgewichtszustand von Sattva, Rajas und Tamas.

Buddhi ist die Kraft der Bestimmung und Entscheidung und trägt die Spiegelbilder gedanklicher Vorstellungen. Ahamkara ist das Vermögen des Ich- und Mein-Bezugs – „dies ist mein“, „dies ist nicht mein“. Manas ist das Vermögen des Sankalpa, des Vorstellens, Abwägens und gedanklichen Entwerfens. Diese drei bilden das Antahkarana, das innere Instrument.

Die fünf Jnanendriyas – Shrotra, Tvak, Chakshus, Jihva und Ghrana – dienen der Wahrnehmung von Klang, Berührung, Form beziehungsweise Farbe, Geschmack und Geruch.

Die fünf Karmendriyas – Vak, Pani, Pada, Payu und Upastha – ermöglichen Sprechen, Ergreifen, Fortbewegung, Ausscheidung und geschlechtliche beziehungsweise lustbezogene Funktion.

Die fünf Tanmatras sind Shabda, Sparsha, Rupa, Rasa und Gandha, also die subtilen Grundformen von Klang, Berührung, Sichtbarkeit, Geschmack und Geruch.

Akasha gewährt Raum. Vayu belebt und bewegt. Agni brennt und verdaut. Wasser nährt, erfrischt und ist flüssig. Erde trägt und stützt.

Das Universum im Samen des Herzens
Wie im winzigen Samen des Banyanbaumes der gewaltige Baum seiner Kraft nach verborgen liegt, so ruht die ganze bewegte und unbewegte Welt im Samen des Herzens.

Nach der Lehre der Überlieferung ist dieses gesamte Universum in dem Herz-Bija eingeschlossen, das die Gestalt der höchsten Göttin Para Bhattarika besitzt.

Wie die eigentliche Wirklichkeit von Töpfen, Schalen und anderen Gebilden aus Ton letztlich Ton ist, und wie die vielen flüssigen Erscheinungen auf das gemeinsame Wesen des Flüssigen zurückgeführt werden können, so zeigt die Untersuchung der Tattvas von der Erde bis Maya, dass ihre grundlegende Wirklichkeit im Sein liegt.

Wenn auch diese Bezeichnung weiter untersucht und auf ihren sprachlichen Kern zurückgeführt wird, bleibt der Grundlaut sa. In ihm sind die einunddreißig Tattvas bis hin zu Maya zusammengefasst. Jenseits davon werden Shuddhavidya, Ishvara und Sadashiva als besondere Formen von Shakti, deren Wesen Erkenntnis und schöpferische Tätigkeit ist, in dem anuttara-shaktimaya Laut au aufgenommen.

Darüber hinaus steht der Visarga als Entfaltung nach oben und unten. So ist das Herz-Bija ein Maha-Mantra: Es ist weltgestaltig und zugleich weltübersteigend. Sein eigentliches Wesen ist Parama Shiva selbst, weil in ihm sowohl das Hervortreten als auch die Ruhe der gesamten Manifestation ihren Ort haben.

Wer dieses Herz-Bija seinem wahren Wesen nach erkennt und wirklich in es eintritt, ist im höchsten Sinn eingeweiht. Solange er im Körper lebt und äußerlich wie andere Menschen handelt, ist er bereits ein Jivanmukta, ein zu Lebzeiten Befreiter. Wenn der Körper fällt, ist er Parama Shiva selbst.

Damit endet die von dem ehrwürdigen großen Shaiva-Lehrer Ksemaraja verfasste Parapraveshika.

Zentrale Aussagen der Parapraveshika

Bewusstsein ist selbstleuchtend und selbstbewusst
Der höchste Herr ist nicht nur Prakāśa, sondern zugleich Vimarśa. Wirkliches Bewusstsein besitzt die Fähigkeit, sich selbst zu erfahren.

Die Welt steht nicht außerhalb Shivas
Die Welt erscheint im Licht des Bewusstseins und ist deshalb nicht von ihrem göttlichen Grund getrennt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Weltbildern, die das Absolute und die Manifestation als zwei unabhängige Wirklichkeiten behandeln.

Begrenzung ist eine Kontraktion von Freiheit
Die fünf Kanchukas zeigen, wie unbeschränkte Kraft als begrenztes Tun, Wissen, Begehren, Zeitlichkeit und Gebundenheit erscheint.

Alle 36 Tattvas gehören zu einer einzigen Wirklichkeit
Von Shiva bis Erde entfaltet sich ein zusammenhängendes Spektrum. Die Vielfalt hebt die Einheit nicht auf.

Das Herz enthält die Welt
Das Bild vom Banyansamen führt die ganze Kosmologie zurück in das Hṛdaya. Das Universum ist nicht außerhalb des Bewusstseins zu suchen.

Erkenntnis ist Eintritt
Das Ziel besteht nicht in bloßer Theorie. Praveśa, Eintreten, bedeutet existentielle Verwirklichung.

Inspirationen aus der Parapraveshika

„Das Bewusstsein ist das Herz des höchsten Herrn.“
Inspiration: Suche das Göttliche nicht nur als fernes Objekt. Dasjenige, wodurch du überhaupt wahrnimmst, denkst und erkennst, kann selbst zum Tor der Meditation werden.

„Wie der große Baum im Samen ruht, so ruht die Welt im Samen des Herzens.“
Inspiration: Das scheinbar Kleine kann das Unermessliche enthalten. Tiefe Meditation wendet sich nicht von der Welt ab, sondern sucht ihre Quelle im Bewusstsein.

„Wer dieses Herz-Bija wahrhaft erkennt und in es eintritt, ist im höchsten Sinn eingeweiht.“
Inspiration: Spirituelle Einweihung erreicht ihren tiefsten Sinn dort, wo Wissen zur unmittelbaren Erfahrung wird.

„Noch im gewöhnlichen Leben ist er Jivanmukta.“
Inspiration: Freiheit muss nicht auf einen anderen Ort oder eine andere Welt verschoben werden. Sie kann inmitten des menschlichen Lebens erkannt werden.

Verhältnis zu anderen Schriften

Die Parapraveshika steht in engem thematischen Zusammenhang mit mehreren Grundtexten des kaschmirischen Shivaismus. Das Pratyabhijnahridayam desselben Autors entwickelt ebenfalls die Wiedererkennung des eigenen göttlichen Bewusstseins. Die Shiva Sutra und Kṣemarājas Shiva Sutra Vimarshini führen in die Erkenntnis des Selbst als Shiva. Die Spanda Karika und der Spandanirnaya entfalten den Begriff Spanda, den auch die Parapraveshika als Bezeichnung für die lebendige Dynamik des Bewusstseins nennt.

Für die umfassendere philosophische und tantrische Ausarbeitung dieser Gedanken sind außerdem Tantraloka, Tantrasara, Paratrishika und Vijnana Bhairava Tantra bedeutsam. Während das Tantraloka ein gewaltiges Gesamtsystem bietet, zeigt die kurze Parapraveshika, wie viel davon in einer konzentrierten Einführung zusammengefasst werden kann.

Auch für Praktizierende von Yoga und Meditation ist der Text interessant: Er verbindet metaphysische Analyse mit der unmittelbaren Frage, wer oder was der Erkennende selbst ist.

Abschließende Betrachtung
Die Parapraveshika ist klein im Umfang, aber groß in ihrer philosophischen Reichweite. Von der Selbstleuchtkraft des Bewusstseins führt Kṣemarāja durch die gesamte Ordnung der 36 Tattvas und schließlich wieder zurück zum göttlichen Herzen. Der Weg verläuft damit nicht von einer „unreinen Welt“ fort zu einem fernen Absoluten. Vielmehr wird erkannt, dass die ganze Vielheit aus Bewusstsein hervorgeht, in Bewusstsein erscheint und in Bewusstsein ruht.

Für einen heutigen Aspiranten kann darin eine einfache, aber tiefgehende Meditationsfrage liegen: Was ist das Licht, in dem dieser Gedanke, diese Wahrnehmung, dieses Gefühl gerade erscheint? Wer diese Frage nicht nur begrifflich beantwortet, sondern sich immer tiefer in die Quelle des Erkennens hineinwendet, nähert sich jener Bewegung, die der Titel Parāprāveśikā andeutet – dem Eintritt in das Höchste.

Textgrundlage
Muktabodha Digital Library, Katalognummer M00048, parāprāveśikā, Autor: Kṣemarāja. Der E-Text wurde nach Muktabodha aus Band 15 der Kashmir Series of Texts and Studies transkribiert; die historische Ausgabe erschien 1918 beim Research Department Jammu and Kashmir State. Die bereitgestellte Datei enthält in eckigen Klammern zusätzliche Erläuterungen beziehungsweise editorische Kommentare. Diese wurden für den vorliegenden Primärtext nicht mit Kṣemarājas Grundtext vermischt. Die drei nach dem Kolophon folgenden Editionsverse und die abschließende Editionswidmung gehören nicht zum eigentlichen Werktext und wurden daher nicht in den Primärtext aufgenommen.

Siehe auch

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