Maitreya Upanishad

Aus Yogawiki

Die Maitreya Upanishad behandelt Entsagung, die Läuterung des Geistes und die Erkenntnis des Atman. Die hier vorliegende Fassung besitzt drei Kapitel und wird dem Samaveda zugeordnet. Trotz ähnlicher Namen und gemeinsamer Motive ist sie als eigener Text von der Maitrayaniya Upanishad zu unterscheiden. Der Sanskritname lautet मैत्रेय्युपनिषत् (maitreyyupaniṣat).

Sammlung und das Studium der Upanishaden ergänzen sich auf dem Weg der Selbsterkenntnis.

Sanskrittext mit Übersetzung und Wort-für-Wort-Erläuterung

Zur Textgestalt: Diese deutsche Studienübersetzung folgt der unten verlinkten Sanskritfassung. Kapitel- und Verszahlen werden beibehalten. Die längere Eingangserzählung erhält eine eigene Übersetzung vor den einzeln behandelten Lehrversen. Merkverse, Friedensgebete und Kolophone werden als eigene Textbestandteile kenntlich gemacht. In der Worterklärung sind Sandhi-Verbindungen und Zusammensetzungen nach Möglichkeit aufgelöst. Offenkundige Schreib- und Trennfehler sind berichtigt; sinnrelevante Unsicherheiten werden angegeben. Die Devanagari- und IAST-Volltexte geben denselben redaktionellen Sanskritstand wieder.

Vorangestellter Merkvers

śrutyācāryopadeśena munayo yatpadaṃ yayuḥ |
tatsvānubhūtisaṃsiddhaṃ svamātraṃ brahma bhāvaye ||

Ich meditiere über Brahman, das alleinige Selbst, durch eigene Erfahrung verwirklicht: jenen Zustand, den die Weisen durch Offenbarung und Unterweisung des Lehrers erreichten.

Wort für Wort: śruti-ācārya-upadeśena – durch Offenbarung und Lehrerunterweisung; munayaḥ – Weise; yat padam yayuḥ – welchen Zustand sie erreichten; tat – jenes; sva-anubhūti-saṃsiddham – durch eigene Erfahrung vollendet; sva-mātram brahma – Brahman als einziges Selbst; bhāvaye – ich meditiere.

Shanti-Mantra

oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vākprāṇaścakṣuḥ śrotram |
atho balamindriyāṇi ca sarvāṇi sarvaṃ brahmopaniṣadaṃ māhaṃ brahma nirākuryām |
mā mā brahma nirākarodanirākaraṇamastu |
anirākaraṇaṃ me'stu |
tadātmani nirate ya upaniṣatsu dharmāste mayi santu te mayi santu ||

Om. Mögen meine Glieder erstarken: Rede, Lebenshauch, Auge und Ohr, dazu Kraft und sämtliche Sinne. Alles ist das Brahman der Upanishaden. Möge ich Brahman nicht zurückweisen; möge Brahman mich nicht zurückweisen. Möge es kein Zurückweisen geben; möge für mich kein Zurückweisen sein. Die in den Upanishaden gelehrten Eigenschaften mögen in mir, der ich mich diesem Selbst zuwende, sein. Mögen sie in mir sein.

Wort für Wort: oṃ – Om; āpyāyantu – mögen erstarken; mama aṅgāni – meine Glieder; vāk – Rede; prāṇaḥ – Lebenshauch; cakṣuḥ – Auge; śrotram – Ohr; atho – ferner; balam – Kraft; indriyāṇi sarvāṇi – alle Sinne; sarvam – alles; brahma aupaniṣadam – das in den Upanishaden gelehrte Brahman, hier brahmopaniṣadam; mā aham brahma nirākuryām – möge ich Brahman nicht zurückweisen; mā mām brahma nirākarot – möge Brahman mich nicht zurückweisen; anirākaraṇam astu – möge kein Zurückweisen sein; me astu – möge es für mich sein; tat ātmani nirate – in dem, der sich diesem Selbst zuwendet; ye upaniṣatsu dharmāḥ – die in den Upanishaden gelehrten Eigenschaften; te mayi santu – mögen sie in mir sein, wiederholt.

Friedensruf

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort für Wort: oṃ – Om; śāntiḥ – Frieden, dreimal.

1.1. Brihadratha sucht Erkenntnis

oṃ bṛhadratho vai nāma rājā rājye jyeṣṭhaṃ putraṃ nidhāpayitvedamaśāśvataṃ manyamānaḥ śarīraṃ vairāgyamupeto'raṇyaṃ nirjagāma |
sa tatra paramaṃ tapa āsthāyādityamīkṣamāṇa ūrdhvabāhustiṣṭhatyante sahasrasya munirantikamājagāmāgni rivādhūmakastejasā nirdahannivātmavidbhagavāñchākāyanya uttiṣṭhottiṣṭha varaṃ vṛṇīśveti rājānamabravītsa tasmai namaskṛtyovāca bhagavannāhamātmavittvaṃ tattvavicchṛṇumo vayaṃ sa tvaṃ no brūhītyetadvṛttaṃ purastādaśakyaṃ mā pṛccha praśnamaikṣvākānyānkāmānvṛṇīśveti śākāyanyasya caraṇāvabhimṛśyamāno rājemāṃ gāthāṃ jagāda || 1 ||

König Brihadratha setzte seinen ältesten Sohn als Herrscher ein. Er erkannte die Vergänglichkeit des Körpers, wurde leidenschaftslos und zog in den Wald. Dort übte er strenge Askese, hielt die Arme erhoben und blickte zur Sonne. Nach tausend Tagen kam der Selbstkenner Shakayanya, wie ein rauchloses Feuer strahlend, und sprach: „Steh auf, wähle einen Wunsch!“ Der König verneigte sich: „Ich kenne das Selbst nicht; von dir hören wir, dass du die Wahrheit kennst. Unterweise uns.“ Shakayanya erwiderte zunächst: „Diese Frage ist schwer; frage nicht danach, Ikshvaku-Sohn, wähle andere Wünsche.“ Der König berührte seine Füße und sprach:

Wort für Wort: bṛhadrathaḥ nāma rājā – König namens Brihadratha; rājye jyeṣṭham putram nidhāpya – ältesten Sohn ins Königtum eingesetzt; aśāśvatam śarīram manyamānaḥ – Körper für vergänglich haltend; vairāgyam upetaḥ – leidenschaftslos geworden; araṇyam nirjagāma – ging in den Wald; paramam tapaḥ āsthāya – höchste Askese auf sich genommen; ādityam īkṣamāṇaḥ – Sonne betrachtend; ūrdhvabāhuḥ – mit erhobenen Armen; ante sahasrasya – am Ende von tausend, Tage sinngemäß ergänzt; muniḥ antikam ājagāma – Weiser kam nahe; agniḥ iva adhūmakaḥ – wie rauchloses Feuer; tejasā nirdahan iva – wie durch Glanz verbrennend; ātmavit – Selbstkenner; uttiṣṭha – steh auf; varam vṛṇīṣva – wähle einen Wunsch; namaskṛtya – verneigt; na aham ātmavit – ich kenne das Selbst nicht; tvam tattvavit – du kennst Wahrheit; naḥ brūhi – sage uns; aśakyam – schwierig; mā pṛccha – frage nicht; aikṣvāka – Ikshvaku-Sohn; anyān kāmān vṛṇīṣva – wähle andere Wünsche; caraṇau abhimṛśya – Füße berührt; gāthām jagāda – sprach den Ausspruch.

1.2. Die Vergänglichkeit der Welt

atha kimaetairmānyanāṃ śoṣaṇaṃ mahārṇavānāṃ śikhariṇāṃ prapatanaṃ dhruvasya pracalanaṃ sthānaṃ vā tarūṇāṃ nimajjanaṃ pṛthivyāḥ sthānādapasaraṇaṃ surāṇāṃ so'hamityetadvidhe'sminsaṃsāre kiṃ kāmopabhogairyairevāśritasyāsakṛdupāvartanaṃ dṛśyata ityuddhartumarhasītyandhodapānastho bheka ivāhamasminsaṃsāre bhagavaṃstvaṃ no gatiriti || 2 ||

„Was nützen andere Wünsche? Ozeane trocknen aus, Gipfel stürzen, der Polarstern bewegt sich, Bäume werden entwurzelt, die Erde versinkt und Götter verlieren ihren Platz. Was soll ich in einer solchen Welt mit Genuss, der den an ihm Haftenden immer wieder zurückkehren lässt? Hebe mich heraus! Wie ein Frosch in einem dunklen Brunnen bin ich in diesem Samsara. Ehrwürdiger, du bist unsere Zuflucht.“ Einzelne Wörter der Aufzählung sind beschädigt.

Wort für Wort: kim etaiḥ – was mit diesen; śoṣaṇam mahārṇavānām – Austrocknen großer Meere; śikhariṇām prapatanam – Sturz der Berge; dhruvasya pracalanam – Bewegung des Polarsterns; tarūṇām – der Bäume; nimajjanam pṛthivyāḥ – Versinken der Erde; sthānāt apasaraṇam surāṇām – Götter verlieren ihre Stellung; asmin saṃsāre – in diesem Kreislauf; kim kāma-upabhogaiḥ – was nützen Wunschgenüsse; āśritasya – des daran Haftenden; asakṛt upāvartanam – wiederholte Rückkehr; uddhartum arhasi – du mögest herausheben; andha-udapāna-sthaḥ bhekaḥ iva – wie Frosch im dunklen Brunnen; tvam naḥ gatiḥ – du unsere Zuflucht.

1.3. Die Abhängigkeit des Körpers

bhagavañśarīramidaṃ maithunādevodbhūtaṃ saṃvidapetaṃ niraya eva mūtradvāreṇa niṣkrāntamasthibhiścitaṃ māṃsenānuliptaṃ carmaṇāvabaddhaṃ viṇmūtravātapittakaphamajjāmedovasābhiranyaiśca malairbahubhiḥ paripūrṇametādṛśe śarīre vartamānasya bhagavaṃstvaṃ no gatiriti || 3 ||

„Ehrwürdiger, dieser Körper entsteht aus geschlechtlicher Vereinigung, ist für sich ohne Bewusstsein und tritt durch die mit Ausscheidung verbundene Geburtsöffnung hervor. Aus Knochen gebaut, mit Fleisch bestrichen und von Haut umhüllt, ist er mit Kot, Urin, Wind, Galle, Schleim, Mark, Fett, Talg und vielen anderen Unreinheiten gefüllt. Für mich, der in einem solchen Körper lebt, bist du die Zuflucht.“

Wort für Wort: śarīram idam – dieser Körper; maithunāt udbhūtam – aus Geschlechtsvereinigung entstanden; saṃvid-apetam – ohne Bewusstsein; nirayaḥ eva – wie eine Hölle; mūtra-dvāreṇa niṣkrāntam – durch die als Harnöffnung bezeichnete Öffnung hervorgegangen; asthibhiḥ citam – aus Knochen gebaut; māṃsena anuliptam – mit Fleisch bestrichen; carmaṇā avabaddham – mit Haut umschlossen; viṭ-mūtra-vāta-pitta-kapha – Kot, Urin, Wind, Galle, Schleim; majjā-medaḥ-vasā – Mark, Fett, Talg; anyaiḥ malaiḥ paripūrṇam – mit anderen Unreinheiten gefüllt; etādṛśe śarīre vartamānasya – für den in solchem Körper Lebenden; tvam naḥ gatiḥ – du unsere Zuflucht.

1.4. Beginn der Unterweisung

atha bhagavāñchakāyanyaḥ suprīto'bravīdrājānaṃ mahārāja bṛhadrathekṣvākurvaṃśadhvajaśīrṣātmajñaḥ kṛtakṛtyastvaṃ marunnāmno viśruto'sītyayaṃ khalvātmā te katamo bhagavānvarṇya iti taṃ hovāca ||

Erfreut sprach Shakayanya zum König: „Großer König Brihadratha, du Zierde des Ikshvaku-Geschlechts, du bist zur Selbsterkenntnis bereit und hast erfüllt, was zu tun war.“ Die folgende Namenswendung mit Marut ist unklar. Darauf wird die Frage nach dem ehrwürdigen Selbst aufgenommen, und er lehrt:

Wort für Wort: śākāyanyaḥ suprītaḥ – Shakayanya erfreut; abravīt rājānam – sprach zum König; mahārāja bṛhadratha – großer König Brihadratha; ikṣvāku-vaṃśa-dhvaja – Banner des Ikshvaku-Geschlechts; ātmajñaḥ – Selbstkenner; kṛtakṛtyaḥ – Ziel erreicht; marut-nāmnaḥ viśrutaḥ – unter Marut-Namen bekannt, unsicher; ayam ātmā – dieses Selbst; katamaḥ bhagavān varṇyaḥ – welches Ehrwürdige ist zu beschreiben; hovāca – er sprach.

1.4.1. Sinnesobjekte und das höchste Ziel

śabdasparśamayā ye'rthā anarthā iva te sthitāḥ |
yeṣāṃ saktastu bhūtātmā na smarecca paraṃ padam || 1 ||

Gegenstände aus Klang, Berührung und Ähnlichem werden zu Unheil: Der an ihnen haftende verkörperte Mensch erinnert sich nicht an das höchste Ziel.

Wort für Wort: śabda-sparśamayāḥ arthāḥ – Gegenstände aus Klang und Berührung; anarthāḥ iva – wie Unheil; sthitāḥ – bestehend; yeṣām saktaḥ – an welchen haftend; bhūta-ātmā – verkörpertes Selbst; na smaret – erinnert sich nicht; param padam – höchstes Ziel.

1.4.2. Der Weg nach innen

tapasā prāpyate sattvaṃ sattvātsamprāpyate manaḥ |
manasā prāpyate hyātmā hyātmāpattyā nivartate || 2 ||

Durch Askese gewinnt man Reinheit, durch Reinheit einen gesammelten Geist und durch diesen das Selbst. Mit dem Erlangen des Selbst endet die Rückkehr in Bindung.

Wort für Wort: tapasā – durch Askese; prāpyate sattvam – wird Reinheit erlangt; sattvāt manaḥ – aus Reinheit der Geist; manasā ātmā – durch den Geist das Selbst; ātma-āpattyā – durch Selbst-Erlangung; nivartate – hört auf, kehrt um.

1.4.3. Feuer ohne Brennstoff

yathā nirindhano vahniḥ svayonāvupaśāmyati |
tathā vṛttikṣayāccittaṃ svayonāvupaśāmyati || 3 ||

Wie Feuer ohne Brennstoff in seinem Ursprung still wird, so kommt der Geist durch das Erlöschen seiner Regungen in seinem Ursprung zur Ruhe.

Wort für Wort: yathā – wie; nirindhanaḥ vahniḥ – Feuer ohne Brennstoff; sva-yonau upaśāmyati – im eigenen Ursprung zur Ruhe kommt; tathā – so; vṛtti-kṣayāt – durch Ende der Regungen; cittam – Geist.

1.4.4. Wahrheit und karmische Verstrickung

svayonāvupaśāntasya manasaḥ satyagāminaḥ |
indriyārthavimūḍhasyānṛtāḥ karmavaśānugāḥ || 4 ||

Der im Ursprung beruhigte Geist geht zur Wahrheit. Wer hingegen von Sinnesgegenständen verwirrt ist, folgt den unwahren, vom Karma bestimmten Bewegungen. Die beiden Halbverse sind syntaktisch nur locker verbunden.

Wort für Wort: sva-yonau upaśāntasya manasaḥ – des im Ursprung beruhigten Geistes; satya-gāminaḥ – zur Wahrheit gehend; indriya-artha-vimūḍhasya – des durch Sinnesobjekte Verwirrten; anṛtāḥ – unwahre; karma-vaśa-anugāḥ – der Macht des Karma folgend.

1.4.5. Reinigung des Geistes

cittameva hi saṃsārastatprayatnena śodhayet |
yaccittastanmayo bhavati guhyametatsanātanam || 5 ||

Der Geist selbst ist Samsara; deshalb reinige man ihn sorgfältig. Wie der Geist beschaffen ist, so wird der Mensch. Dies ist das ewige Geheimnis.

Wort für Wort: cittam eva – Geist allein; hi saṃsāraḥ – ist Samsara; tat prayatnena śodhayet – ihn sorgfältig reinigen; yat-cittaḥ – von welcher Geistesart; tat-mayaḥ bhavati – so wird man; guhyam etat sanātanam – dieses ewige Geheimnis.

1.4.6. Unvergängliches Glück

cittasya hi prasādena hanti karma śubhāśubham |
prasannātmātmani sthitvā sukhamakṣayamaśnute || 6 ||

Durch die Klarheit des Geistes hebt man gutes und schlechtes Karma auf. Klar geworden und im Selbst ruhend, genießt man unvergängliches Glück.

Wort für Wort: cittasya prasādena – durch Geistesklarheit; hanti – hebt auf; karma śubha-aśubham – gutes und schlechtes Karma; prasanna-ātmā – klaren Wesens; ātmani sthitvā – im Selbst ruhend; sukham akṣayam aśnute – genießt unvergängliches Glück.

1.4.7. Aufmerksamkeit für Brahman

samāsaktaṃ yadā cittaṃ jantorviṣayagocaram |
yadyevaṃ brahmaṇi syāttatko na mucyeta bandhanāt || 7 ||

Wäre der Geist so fest auf Brahman gerichtet wie auf Sinnesgegenstände, wer würde dann nicht von Bindung frei?

Wort für Wort: samāsaktam cittam – fest haftender Geist; jantoḥ viṣaya-gocaram – im Sinnesbereich des Lebewesens; yadi evam brahmaṇi syāt – wäre er so in Brahman; kaḥ na mucyeta – wer würde nicht befreit; bandhanāt – von Bindung.

1.4.8. Der Herr im Herzen

hṛtpuṇḍarīkamadhye tu bhāvayetparameśvaram |
sākṣiṇaṃ buddhivṛttasya paramapremagocaram || 8 ||

In der Mitte des Herzenslotus meditiere man über den höchsten Herrn, den Zeugen der Bewegungen des Intellekts und Gegenstand höchster Liebe.

Wort für Wort: hṛt-puṇḍarīka-madhye – in Herzenslotusmitte; bhāvayet – meditiere; parameśvaram – höchsten Herrn; sākṣiṇam – Zeugen; buddhi-vṛttasya – der Intellektregung; parama-prema-gocaram – Gegenstand höchster Liebe.

1.4.9. Reines Selbstleuchten

agocaraṃ manovācāmavadhūtādisamplavam |
sattāmātraprakāśaikaprakāśaṃ bhāvanātigam || 9 ||

Er liegt jenseits von Geist und Sprache, hat allen Aufruhr abgeschüttelt, leuchtet allein als reines Sein und übersteigt jede Vorstellung.

Wort für Wort: agocaram mano-vācām – Geist und Sprache unzugänglich; avadhūta-ādi-samplavam – Aufruhr abgeschüttelt, Fügung unsicher; sattā-mātra-prakāśa – Leuchten reinen Seins; eka-prakāśam – einziges Leuchten; bhāvanā-atigam – Vorstellungen übersteigend.

1.4.10. Jenseits des Ergreifens

aheyamanupādeyamasāmānyaviśeṣaṇam |
dhruvaṃ stimitagambhīraṃ na tejo na tamastatam |
nirvikalpaṃ nirābhāsaṃ nirvāṇamayasaṃvidam || 10 ||

Er ist weder abzulegen noch zu erwerben, ohne allgemeine oder besondere Bestimmung, beständig, still und tief. Weder Licht noch Dunkelheit begrenzen ihn; er ist frei von Vorstellungen und bloßem Schein, Bewusstsein in Gestalt vollkommenen Friedens.

Wort für Wort: aheyam – nicht abzulegen; anupādeyam – nicht aufzunehmen; asāmānya-viśeṣaṇam – ohne allgemeine und besondere Bestimmung; dhruvam – beständig; stimita-gambhīram – still und tief; na tejaḥ na tamaḥ – weder Licht noch Dunkel; tatam – ausgedehnt; nirvikalpam – vorstellungsfrei; nirābhāsam – ohne Erscheinungsschein; nirvāṇamaya-saṃvidam – Bewusstsein des Erlöschens.

1.4.11. Das bin ich

nityaḥ śuddho buddhamuktasvabhāvaḥ satyaḥ sūkṣmaḥ saṃvibhuścādvitīyaḥ |
ānandābdhiryaḥ paraḥ so'hamasmi pratyagdhāturnātra saṃśītirasti || 11 ||

Ewig, rein, seinem Wesen nach erwacht und frei, wahr, fein, allgegenwärtig und ohne Zweites: Jener höchste Ozean der Glückseligkeit bin ich, das innerste Prinzip. Daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort: nityaḥ śuddhaḥ – ewig, rein; buddha-mukta-svabhāvaḥ – von erwachtem, freiem Wesen; satyaḥ sūkṣmaḥ – wahr, fein; saṃvibhuḥ advitīyaḥ – allgegenwärtig, zweitlos; ānanda-abdhiḥ – Glückseligkeitsozean; yaḥ paraḥ saḥ aham asmi – jener Höchste bin ich; pratyag-dhātuḥ – innerstes Prinzip; na atra saṃśītiḥ – hier kein Zweifel.

1.4.12. Unberührt vom Weltspiel

ānandamantarnijamāśrayaṃ tamāśāpiśācīmavamanayantam |
ālokayantaṃ jagadindrajālamāpatkathaṃ māṃ praviśedasaṅgam || 12 ||

Ich ruhe in meiner eigenen inneren Glückseligkeit, weise die Dämonin des Hoffens zurück und schaue die Welt als Zauberspiel. Wie könnte Unglück in mich, den Ungebundenen, eindringen?

Wort für Wort: ānandam antaḥ nijam āśrayam – eigene innere Glückseligkeit als Zuflucht; āśā-piśācīm avamanayantam – Hoffnungsdämonin geringschätzend; ālokayantam – betrachtend; jagat-indrajālam – Weltzauberspiel; āpat katham mām praviśet – wie könnte Unglück in mich eintreten; asaṅgam – ungebunden.

1.4.13. Jenseits sozialer Identität

varṇāśramācārayutā vimūḍhāḥ karmānusāreṇa phalaṃ labhante |
varṇādidharmaṃ hi parityajantaḥ svānandatṛptāḥ puruṣā bhavanti || 13 ||

Wer sich verblendet allein an Stand und Lebensordnung bindet, erntet die Früchte seiner Handlungen. Menschen, die solche Identifikationen aufgeben, werden in der Glückseligkeit des eigenen Selbst zufrieden.

Wort für Wort: varṇa-āśrama-ācāra-yutāḥ – an Standes- und Lebensordnungsbräuche gebunden; vimūḍhāḥ – verblendet; karma-anusāreṇa phalam labhante – erhalten handlungsgemäße Frucht; varṇa-ādi-dharmam parityajantaḥ – Standesbestimmungen aufgebend; sva-ānanda-tṛptāḥ – in eigener Glückseligkeit zufrieden; puruṣāḥ bhavanti – werden Menschen.

1.4.14. Im Unendlichen wohnen

varṇāśramaṃ sāvayavaṃ svarūpamādyantayuktaṃ hyatikṛcchramātram |
putrādideheṣvabhimānaśūnyaṃ bhūtvā vasetsaukhyatame hyananta iti || 14 || 4||

Die Ordnung von Ständen und Lebensstadien ist gegliedert, hat Anfang und Ende und ist voller Mühe. Frei von Identifikation mit Söhnen und Körpern verweile man im unendlichen höchsten Glück.

Wort für Wort: varṇa-āśramam – Standes- und Lebensordnung; sa-avayavam – mit Teilen; svarūpam – Gestalt; ādi-anta-yuktam – mit Anfang und Ende; ati-kṛcchra-mātram – voller Mühsal; putra-ādi-deheṣu – in Söhnen und Körpern; abhimāna-śūnyam bhūtvā – identifikationsfrei geworden; vaset – verweile; saukhyatame anante – im höchsten unendlichen Glück.

Kapitelbeginn

iti prathamo'dhyāyaḥ || 1 ||

Hier endet das erste Kapitel.

Wort für Wort: prathama – erste; adhyāyaḥ – Kapitel. atha – nun.

Einleitung zu Kapitel 2

atha bhagavānmaitreyaḥ kailāsaṃ jagāma taṃ gatvovāca bho bhagavanparamatattvarahasyamanubrūhīti ||

Der ehrwürdige Maitreya ging zum Kailasa. Dort bat er: „Ehrwürdiger, erkläre mir das Geheimnis der höchsten Wirklichkeit.“

Wort für Wort: atha – darauf; bhagavān maitreyaḥ – ehrwürdiger Maitreya; kailāsam jagāma – ging zum Kailasa; gatvā uvāca – angekommen sprach; parama-tattva-rahasyam – Geheimnis der höchsten Wirklichkeit; anubrūhi – erkläre.

Mahadevas Antwort

sa hovāca mahādevaḥ ||

Mahadeva sprach:

Wort für Wort: sa ha uvāca – er sprach; mahādevaḥ – der große Gott.

2.1. Der Körper als Tempel

deho devālayaḥ proktaḥ sa jīvaḥ kevalaḥ śivaḥ |
tyajedajñānanirmālyaṃ so'hambhāvena pūjayet || 1 ||

Der Körper heißt Tempel; der Jiva ist Shiva allein. Man lege die verwelkten Opferblumen der Unwissenheit ab und verehre ihn im Bewusstsein: „Er bin ich.“

Wort für Wort: dehaḥ deva-ālayaḥ proktaḥ – Körper als Göttertempel bezeichnet; sa jīvaḥ kevalaḥ śivaḥ – Jiva allein Shiva; tyajet – lege ab; ajñāna-nirmālyam – verwelkten Opferschmuck der Unwissenheit; so'ham-bhāvena – in der Haltung „Er bin ich“; pūjayet – verehre.

2.2. Die innere Bedeutung der Praxis

abhedadarśanaṃ jñānaṃ dhyānaṃ nirviṣayaṃ manaḥ|
snānaṃ manomalatyāgaḥ śaucamindriyanigrahaḥ || 2 ||

Nichtverschiedenheit schauen ist Erkenntnis; ein von Gegenständen freier Geist ist Meditation. Das Ablegen geistiger Unreinheit ist das Bad, Sinnesbeherrschung die Reinheit.

Wort für Wort: abheda-darśanam – Nichtverschiedenheitsschau; jñānam – Erkenntnis; dhyānam – Meditation; nirviṣayam manaḥ – gegenstandsfreier Geist; snānam – Bad; mano-mala-tyāgaḥ – Ablegen geistigen Schmutzes; śaucam – Reinheit; indriya-nigrahaḥ – Sinnesbeherrschung.

2.3. Das Leben aus Brahman

brahmāmṛtaṃ pibedbhaikṣamācareddeharakṣaṇe |
vasedekāntiko bhūtvā caikānte dvaitavarjite |
ityevamācareddhīmānsa evaṃ muktimāpnuyāt || 3 ||

Man trinke den Nektar Brahmans und sammle Almosen zum Erhalt des Körpers. Als innerlich Einsamer wohne man in der Einsamkeit ohne Zweiheit. Wer weise so lebt, erlangt Befreiung.

Wort für Wort: brahma-amṛtam pibet – trinke Brahman-Nektar; bhaikṣam ācaret – sammle Almosen; deha-rakṣaṇe – zum Körperschutz; vaset ekāntikaḥ bhūtvā – wohne einsam geworden; ekānte dvaita-varjite – in zweiheitsfreier Einsamkeit; evam ācaret dhīmān – so handle der Weise; muktim āpnuyāt – erlange Befreiung.

2.4. Geburt und Tod des Körpers

jātaṃ mṛtamidaṃ dehaṃ mātāpitṛmalātmakam |
sukhaduḥkhālayāmedhyaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 4 ||

Dieser geborene und sterbliche Körper besteht aus den Ausscheidungen der Eltern, ist ein unreiner Sitz von Freude und Leid. Nach seiner Berührung wird ein Bad vorgeschrieben.

Wort für Wort: jātam mṛtam idam deham – geborener und sterbender Körper; mātā-pitṛ-mala-ātmakam – aus elterlichen Ausscheidungen bestehend; sukha-duḥkha-ālaya – Sitz von Freude und Leid; amedhyam – unrein; spṛṣṭvā – berührt; snānam vidhīyate – Bad wird vorgeschrieben.

2.5. Zusammengesetztheit

dhātubaddhaṃ mahārogaṃ pāpamandiramadhruvam |
vikārākāravistīrṇaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 5 ||

Aus Geweben verbunden, von Krankheit bedroht, Ort der Verfehlung, unbeständig und in veränderliche Formen entfaltet – nach Berührung dieses Körpers wird ein Bad vorgeschrieben.

Wort für Wort: dhātu-baddham – aus Geweben verbunden; mahā-rogam – großer Krankheitszustand; pāpa-mandiram – Sitz der Verfehlung; adhruvam – unbeständig; vikāra-ākāra-vistīrṇam – in veränderliche Formen entfaltet; spṛṣṭvā snānam vidhīyate – nach Berührung wird ein Bad vorgeschrieben.

2.6. Die neun Öffnungen

navadvāramalasrāvaṃ sadā kāle svabhāvajam |
durgandhaṃ durmalopetaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 6 ||

Aus neun Öffnungen sondert der Körper beständig und seiner Natur nach Unreinheit ab. Übelriechend und mit Unrat behaftet – nach seiner Berührung wird ein Bad vorgeschrieben.

Wort für Wort: nava-dvāra-mala-srāvam – aus neun Öffnungen Schmutz absondernd; sadā kāle – stets; svabhāva-jam – naturbedingt; durgandham – übelriechend; durmala-upetam – mit Unrat versehen; spṛṣṭvā snānam vidhīyate – nach Berührung Bad vorgeschrieben.

2.7. Rituelle Unreinheit

mātṛsūtakasambandhaṃ sūtake saha jāyate |
mṛtasūtakajaṃ dehaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 7 ||

Mit der rituellen Unreinheit der Mutter verbunden, wird er in Geburtsunreinheit geboren. Geburt und Tod bringen solche Unreinheit mit sich; nach Berührung des Körpers wird ein Bad vorgeschrieben.

Wort für Wort: mātṛ-sūtaka-sambandham – mit mütterlicher Geburtsunreinheit verbunden; sūtake saha jāyate – in Geburtsunreinheit geboren; mṛta-sūtaka-jam deham – Körper im Zusammenhang von Todes- und Geburtsunreinheit; spṛṣṭvā – berührt; snānam vidhīyate – Bad vorgeschrieben.

2.8. Wahre Reinheit

ahammameti viṇmūtralepagandhādimocanam |
śuddhaśaucamiti proktaṃ mṛjjalābhyāṃ tu laukikam || 8 ||

Die Befreiung von „Ich“ und „Mein“ – sinnbildlich Schmutz und Geruch von Kot und Urin – heißt wahre Reinheit. Waschen mit Erde und Wasser ist nur die äußere Reinigung.

Wort für Wort: aham mama iti – „Ich“ und „Mein“; viṭ-mūtra-lepa-gandha-ādi – Beschmutzung und Geruch von Kot und Urin; mocanam – Befreiung davon; śuddha-śaucam – reine Reinheit; iti proktam – so bezeichnet; mṛt-jalābhyām – mit Erde und Wasser; laukikam – weltlich, äußerlich.

2.9. Wissen und Loslösung als Waschmittel

cittaśuddhikaraṃ śaucaṃ vāsanātrayanāśanam |
jñānavairāgyamṛttoyaiḥ kṣālanācchaucamucyate || 9 ||

Reinheit läutert den Geist und zerstört die drei Arten von Prägungen. Sie heißt Reinigung, weil mit der Erde der Erkenntnis und dem Wasser der Leidenschaftslosigkeit gewaschen wird.

Wort für Wort: citta-śuddhi-karam – den Geist reinigend; śaucam – Reinheit; vāsanā-traya-nāśanam – drei Arten von Prägungen auflösend; jñāna-vairāgya-mṛt-toyaiḥ – mit Erde und Wasser als Erkenntnis und Loslösung; kṣālanāt – durch Waschen; śaucam ucyate – Reinheit genannt.

2.10. Die innere Nahrung

advaitabhāvanābhaikṣamabhakṣyaṃ dvaitabhāvanam |
guruśāstroktabhāvena bhikṣorbhaikṣaṃ vidhīyate || 10 ||

Die Betrachtung der Nicht-Zweiheit ist die Almosenspeise; die Vorstellung von Zweiheit ist unverträglich. Nach der Unterweisung von Guru und Schrift ist diese Nahrung dem Entsagenden bestimmt.

Wort für Wort: advaita-bhāvanā – Nicht-Zweiheitsbetrachtung; bhaikṣam – Almosenspeise; abhakṣyam – nicht zu essen; dvaita-bhāvanam – Zweiheitsvorstellung; guru-śāstra-ukta-bhāvena – gemäß der von Guru und Schrift gelehrten Haltung; bhikṣoḥ – des Entsagenden; vidhīyate – wird vorgeschrieben.

2.11. Abstand zur früheren Bindung

vidvānsvadeśamutsṛjya saṃnyāsānantaraṃ svataḥ |
kārāgāravinirmuktacoravaddūrato vaset || 11 ||

Nach der Entsagung verlasse der Wissende aus eigenem Entschluss seine Heimat und wohne weit entfernt wie ein Dieb, der aus dem Gefängnis entkommen ist.

Wort für Wort: vidvān – Wissender; sva-deśam utsṛjya – Heimat verlassen; saṃnyāsa-anantaram – nach Entsagung; svataḥ – aus eigenem Antrieb; kārāgāra-vinirmukta-cora-vat – wie aus Gefängnis befreiter Dieb; dūrataḥ vaset – wohne fern.

2.12. Die sinnbildliche Familie aufgeben

ahaṅkārasutaṃ vittabhrātaraṃ mohamandiram |
āśāpatnī tyajedyāvattāvanmukto na saṃśayaḥ || 12 ||

Sobald man den Sohn Ich-Anmaßung, den Bruder Reichtum, das Haus Verblendung und die Frau Hoffnung aufgibt, ist man frei, ohne Zweifel.

Wort für Wort: ahaṅkāra-sutam – Sohn Ich-Anmaßung; vitta-bhrātaram – Bruder Reichtum; moha-mandiram – Haus Verblendung; āśā-patnīm – Frau Hoffnung; tyajet yāvat – sobald man aufgibt; tāvat muktaḥ – dann frei; na saṃśayaḥ – kein Zweifel.

2.13. Tod der Verblendung, Geburt der Erkenntnis

mṛtā mohamayī mātā jāto bodhamayaḥ sutaḥ |
sūtakadvayasamprāptau kathaṃ sandhyāmupāsmahe || 13 ||

„Die Mutter Verblendung ist gestorben, der Sohn Erkenntnis geboren. Da beide Zeiten ritueller Unreinheit zugleich eingetreten sind, wie könnten wir Sandhya-Riten vollziehen?“ Der Vers spielt mit Ritualbegriffen.

Wort für Wort: mṛtā mohamayī mātā – Mutter Verblendung gestorben; jātaḥ bodhamayaḥ sutaḥ – Sohn Erkenntnis geboren; sūtaka-dvaya-samprāptau – bei Eintritt doppelter ritueller Unreinheit; katham sandhyām upāsmahe – wie sollen wir Sandhya verehren.

2.14. Die Sonne des Bewusstseins

hṛdākāśe cidādityaḥ sadā bhāsati bhāsati |
nāstameti na codeti kathaṃ sandhyāmupāsmahe || 14 ||

„Im Herzensraum leuchtet stets die Sonne des Bewusstseins. Sie geht weder unter noch auf. Wie sollten wir dann einen Tagesübergang verehren?“

Wort für Wort: hṛt-ākāśe – im Herzensraum; cit-ādityaḥ – Bewusstseinssonne; sadā bhāsati – leuchtet stets; na astam eti – geht nicht unter; na udeti – geht nicht auf; katham sandhyām upāsmahe – wie Sandhya verehren.

2.15. Wahre Einsamkeit

ekamevādvitīyaṃ yadgurorvākyena niścitam |
etadekāntamityuktaṃ na maṭho na vanāntaram || 15 ||

Was durch das Wort des Gurus als das Eine ohne Zweites gewiss geworden ist, heißt Einsamkeit – weder Kloster noch entlegener Wald sind ihr eigentlicher Sinn.

Wort für Wort: ekam eva advitīyam – allein eins ohne Zweites; guruḥ vākyena – durch das Wort des Gurus; niścitam – gewiss; etat ekāntam uktam – dies Einsamkeit genannt; na maṭhaḥ – nicht Kloster; na vana-antaram – nicht Waldinneres.

2.16. Gewissheit

asaṃśayavatāṃ muktiḥ saṃśayāviṣṭacetasām |
na muktirjanmajanmānte tasmādviśvāsamāpnuyāt || 16 ||

Befreiung ist für die von Zweifeln Beherrschten nicht erreichbar, solange ihr Geist von Zweifel beherrscht wird, selbst über viele Geburten. Wer frei von Zweifel ist, findet sie; darum erlange man Vertrauen.

Wort für Wort: asaṃśayavatām muktiḥ – Befreiung der Zweifelsfreien; saṃśaya-āviṣṭa-cetasām – der von Zweifel besetzten Geister; na muktiḥ – keine Befreiung; janma-janma-antare – über viele Geburten; tasmāt viśvāsam āpnuyāt – darum Vertrauen gewinnen.

2.17. Das Wesen der Entsagung

karmatyāgānna saṃnyāso na preṣoccāraṇena tu |
sandhau jīvātmanoraikyaṃ saṃnyāsaḥ parikīrtitaḥ || 17 ||

Weder das bloße Aufgeben von Handlungen noch das Aussprechen der Entsagungsformel macht Sannyasa aus. Die Einheit von Jiva und Atman in ihrer Zusammenkunft heißt Entsagung.

Wort für Wort: karma-tyāgāt na saṃnyāsaḥ – nicht durch Handlungsaufgabe Entsagung; na preṣa-uccāraṇena – nicht durch Aussprechen der Entsagungsformel; sandhau – in der Verbindung; jīva-ātmanoḥ aikyam – Einheit von Jiva und Atman; saṃnyāsaḥ parikīrtitaḥ – als Entsagung bezeichnet.

2.18. Reife zum Verzicht

vamanāhāravadyasya bhāti sarveṣaṇādiṣu |
tasyādhikāraḥ saṃnyāse tyaktadehābhimāninaḥ || 18 ||

Wer alle Wunschziele wie schon erbrochene Nahrung betrachtet und die Identifikation mit dem Körper aufgegeben hat, ist zur Entsagung geeignet.

Wort für Wort: vamana-āhāra-vat – wie erbrochene Nahrung; yasya bhāti – wem erscheint; sarva-eṣaṇa-ādiṣu – in allen Wunschzielen; tasya adhikāraḥ – dessen Eignung; saṃnyāse – zur Entsagung; tyakta-deha-abhimāninaḥ – Körperidentifikation aufgegeben.

2.19. Der richtige Zeitpunkt

yadā manasi vairāgyaṃ jātaṃ sarveṣu vastuṣu |
tadaiva saṃnyasedvidvānanyathā patito bhavet || 19 ||

Sobald im Geist Leidenschaftslosigkeit gegenüber allen Dingen entstanden ist, soll der Wissende entsagen; andernfalls droht ein Abfall vom Weg.

Wort für Wort: yadā manasi vairāgyam jātam – wenn im Geist Loslösung entstanden; sarveṣu vastuṣu – gegenüber allen Dingen; tadā eva saṃnyaset vidvān – gerade dann entsage der Wissende; anyathā patitaḥ bhavet – sonst könnte er fallen.

2.20. Ungeeignete Motive

dravyārthamannavastrārthaṃ yaḥ pratiṣṭhārthameva vā |
saṃnyaseddubhayabhraṣṭaḥ sa muktiṃ nāptumarhati || 20 ||

Wer wegen Geld, Nahrung, Kleidung oder Ansehen entsagt, verliert beide Lebensmöglichkeiten und ist zur Befreiung nicht geeignet.

Wort für Wort: dravya-artham – um Besitz; anna-vastra-artham – um Speise und Kleidung; pratiṣṭhā-artham – um Ansehen; saṃnyaset – entsagt; ubhaya-bhraṣṭaḥ – aus beiden Ständen gefallen; muktim na āptum arhati – nicht geeignet, Befreiung zu erlangen.

2.21. Eine asketische Rangordnung der Übungen

uttamā tattvacintaiva madhyamaṃ śāstracintanam |
adhamā mantracintā ca tīrthabhrāntyadhamādhamā || 21 ||

Die Betrachtung der Wirklichkeit gilt hier als höchste Übung, Schriftstudium als mittlere, Mantrabetrachtung als niedrigere und bloßes Umherziehen zu Pilgerstätten als niedrigste.

Wort für Wort: uttamā tattva-cintā – höchste Wirklichkeitsbetrachtung; madhyamam śāstra-cintanam – mittleres Schriftstudium; adhamā mantra-cintā – niedrigere Mantrabetrachtung; tīrtha-bhrāntiḥ adhama-adhamā – Pilgerumherziehen niedrigstes.

2.22. Erkenntnis muss erfahren werden

anubhūtiṃ vinā mūḍho vṛthā brahmaṇi modate |
pratibimbitaśākhāgraphalāsvādanamodavat || 22 ||

Ohne eigene Erfahrung freut sich der Verblendete vergeblich über Brahman – wie jemand, der die Frucht genießen will, die nur im Spiegelbild eines Astes erscheint.

Wort für Wort: anubhūtim vinā – ohne Erfahrung; mūḍhaḥ – Verblendeter; vṛthā brahmaṇi modate – freut sich vergeblich an Brahman; pratibimbita-śākhā-agra-phala – Frucht an der Spitze eines gespiegelten Astes; āsvādana-moda-vat – wie Freude an deren Genuss.

2.23. Eine neue innere Familie

na tyajeccedyatirmukto yo mādhukaramātaram |
vairāgyajanakaṃ śraddhākalatraṃ jñānanandanam || 23 ||

Der freie Entsagende soll seine neue Familie nicht verlassen: das maßvolle Almosensammeln als Mutter, Leidenschaftslosigkeit als Vater, Vertrauen als Gefährtin und Erkenntnis als Kind.

Wort für Wort: na tyajet – soll nicht aufgeben; yatiḥ muktaḥ – freier Entsagender; mādhukara-mātaram – Mutter bienenartiges Almosensammeln; vairāgya-janakam – Vater Leidenschaftslosigkeit; śraddhā-kalatram – Gefährtin Vertrauen; jñāna-nandanam – Kind Erkenntnis.

2.24. Der Vorrang der Selbsterkenntnis

dhanavṛddhā vayovṛddhā vidyāvṛddhāstathaiva ca |
te sarve jñānavṛddhasya kiṃkarāḥ śiṣyakiṃkarāḥ || 24 ||

Wer reich an Geld, Jahren oder Gelehrsamkeit ist, dient doch dem an Erkenntnis Gereiften als Schüler und Helfer.

Wort für Wort: dhana-vṛddhāḥ – an Reichtum gewachsen; vayo-vṛddhāḥ – an Alter gewachsen; vidyā-vṛddhāḥ – an Gelehrsamkeit gewachsen; te sarve – sie alle; jñāna-vṛddhasya – des an Erkenntnis Gereiften; kiṃkarāḥ śiṣya-kiṃkarāḥ – Diener und dienende Schüler.

2.25. Gelehrsamkeit ohne Selbstkenntnis

yanmāyayā mohitacetaso māmātmānamāpūrṇamalabdhavantaḥ |
paraṃ vidagdodharapūraṇāya bhramanti kākā iva sūrayo'pi || 25 ||

Von Maya verwirrt, haben selbst Gelehrte mich, das erfüllte Selbst, nicht gefunden. Wie Krähen ziehen sie umher, allein um den hungrigen Bauch zu füllen.

Wort für Wort: yat-māyayā mohita-cetasaḥ – durch dessen Maya verwirrten Geistes; mām ātmānam āpūrṇam – mich, das vollkommen erfüllte Selbst; alabdhavantaḥ – nicht erlangt; udara-pūraṇāya – zur Bauchfüllung; bhramanti kākāḥ iva – wandern wie Krähen; sūrayaḥ api – selbst Gelehrte; vidagda – entstellte Lesart im Ausdruck für den brennenden Hunger.

2.26. Verehrung im Herzen

pāṣāṇalohamaṇimṛṇmayavigraheṣu pūjā punarjananabhogakarī mumukṣoḥ |
tasmādyatiḥ svahṛdayārcanameva kuryādbāhyārcanaṃ pariharedapunarbhavāya || 26 ||

Die Verehrung von Bildern aus Stein, Metall, Edelstein oder Lehm bringt dem Befreiungssucher nach diesem Text weitere Geburt und Erfahrung. Deshalb verehre der Entsagende im eigenen Herzen und überschreite die äußere Verehrung, um nicht wiedergeboren zu werden.

Wort für Wort: pāṣāṇa-loha-maṇi-mṛṇmaya-vigraheṣu – in Bildern aus Stein, Metall, Edelstein, Lehm; pūjā – Verehrung; punar-janana-bhoga-karī – Wiedergeburt und Erleben bewirkend; mumukṣoḥ – des Befreiungssuchers; sva-hṛdaya-arcanam kuryāt – verehre im eigenen Herzen; bāhya-arcanam pariharet – lasse äußere Verehrung zurück; apunar-bhavāya – zur Nichtwiedergeburt.

2.27. Fülle und Leere

antaḥpūrṇo bahiḥpūrṇaḥ pūrṇakumbha ivārṇave |
antaḥśūnyo bahiḥśūnyaḥ śūnyakumbha ivāmbare || 27 ||

Innen voll und außen voll wie ein gefüllter Krug im Meer; innen leer und außen leer wie ein leerer Krug im Raum.

Wort für Wort: antaḥ-pūrṇaḥ bahiḥ-pūrṇaḥ – innen und außen voll; pūrṇa-kumbhaḥ iva arṇave – wie voller Krug im Meer; antaḥ-śūnyaḥ bahiḥ-śūnyaḥ – innen und außen leer; śūnya-kumbhaḥ iva ambare – wie leerer Krug im Raum.

2.28. Jenseits von Subjekt und Objekt

mā bhava grāhyabhāvātmā grāhakātmā ca mā bhava |
bhāvanāmakhilaṃ tyaktvā yacchiṣṭaṃ tanmayo bhava || 28 ||

Werde nicht zu einem ergriffenen Gegenstand und nicht zum Ergreifenden. Lass alle Vorstellungen los und sei ganz das, was übrig bleibt.

Wort für Wort: mā bhava – werde nicht; grāhya-bhāva-ātmā – von ergriffenem Gegenstandswesen; grāhaka-ātmā – von Ergreiferwesen; bhāvanām akhilām tyaktvā – alle Vorstellungen losgelassen; yat śiṣṭam – was übrig; tat-mayaḥ bhava – sei ganz dieses.

2.29. Reines Schauen

draṣṭṛdarśanadṛśyāni tyaktvā vāsanayā saha |
darśanaprathamābhāsamātmānaṃ kevalaṃ bhaja || 29 ||

Lass Sehenden, Sehen und Gesehenes samt ihren Prägungen los. Verehre allein das Selbst, das erste Aufleuchten aller Wahrnehmung.

Wort für Wort: draṣṭṛ-darśana-dṛśyāni – Sehender, Sehen, Gesehenes; tyaktvā – losgelassen; vāsanayā saha – samt Prägung; darśana-prathama-ābhāsam – erstes Aufleuchten des Sehens; ātmānam kevalam bhaja – verehre allein das Selbst.

2.30. Im eigenen Wesen ruhen

saṃśāntasarvasaṃkalpā yā śilāvadavasthitiḥ |
jāgrannidrāvinirmuktā sā svarūpasthitiḥ parā || 30 ||

Wenn alle Vorstellungen völlig still sind und man fest wie ein Stein ruht, frei von gewöhnlichem Wachen und Schlaf, ist dies das höchste Ruhen im eigenen Wesen.

Wort für Wort: saṃśānta-sarva-saṃkalpā – alle Vorstellungen beruhigt; śilā-vat avasthitiḥ – Bestehen wie ein Stein; jāgrat-nidrā-vinirmuktā – frei von Wachen und Schlaf; sā sva-rūpa-sthitiḥ parā – dieses höchste Ruhen im eigenen Wesen.

Kapitelabschluss

iti dvitīyo'dhyāyaḥ || 2 ||

Hier endet das zweite Kapitel.

Wort für Wort: dvitīya – zweite; adhyāyaḥ – Kapitel. iti – so, hiermit.

3.1. Ich bin Brahman

ahamasmi paraścāsmi brahmāsmi prabhavo'smyaham |
sarvalokaguruścāsmi sarvaloke'smi so'smyaham || 1 ||

Ich bin; ich bin das Höchste. Ich bin Brahman, ich bin der Ursprung. Ich bin Lehrer aller Welten, in allen Welten bin ich. Ich bin jener.

Wort für Wort: aham asmi – ich bin; paraḥ asmi – ich bin das Höchste; brahma asmi – ich bin Brahman; prabhavaḥ – Ursprung; sarva-loka-guruḥ – Lehrer aller Welten; sarva-loke asmi – in allen Welten bin ich; saḥ asmi aham – jener bin ich.

3.2. Rein und vollkommen

ahamevāsmi siddho'smi śuddho'smi paramo'smyaham |
ahamasmi somo'smi nityo'smi vimalo'smyaham || 2 ||

Ich allein bin. Ich bin vollkommen, rein und höchst. Ich bin Soma, ewig und makellos.

Wort für Wort: aham eva asmi – ich allein bin; siddhaḥ – vollkommen; śuddhaḥ – rein; paramaḥ – höchster; somaḥ – Soma, auch als mit Uma verbunden gedeutet; nityaḥ – ewig; vimalaḥ – makellos; asmi – bin.

3.3. Bewusstsein und Gleichheit

vijñāno'smi viśeṣo'smi somo'smi sakalo'smyaham |
śubho'smi śokahīno'smi caitanyo'smi samo'smyaham || 3 ||

Ich bin Erkenntnis, das Ausgezeichnete, Soma und das Ganze. Ich bin heilvoll, ohne Trauer, Bewusstsein und Gleichheit.

Wort für Wort: vijñānaḥ – Erkenntnis; viśeṣaḥ – Besonderes; somaḥ – Soma; sakalaḥ – ganz; śubhaḥ – heilvoll; śoka-hīnaḥ – leidlos; caitanyaḥ – Bewusstsein; samaḥ – gleich; asmi aham – bin ich.

3.4. Jenseits der Gegensätze

mānāvamānahīno'smi nirguṇo'smi śivo'smyaham |
dvaitādvaitavihīno'smi dvandvahīno'smi so'smyaham || 4 ||

Ich bin frei von Ehre und Schmach, ohne Eigenschaften, Shiva. Ich bin jenseits von Zweiheit und Nicht-Zweiheit, frei von Gegensatzpaaren. Jener bin ich.

Wort für Wort: māna-avamāna-hīnaḥ – ohne Ehre und Schmach; nirguṇaḥ – eigenschaftslos; śivaḥ – Shiva; dvaita-advaita-vihīnaḥ – jenseits von Zweiheit und Nicht-Zweiheit; dvandva-hīnaḥ – frei von Gegensatzpaaren; saḥ aham – jener ich.

3.5. Jenseits von Sein und Nichtsein

bhāvābhāvavihīno'smi bhāsāhīno'smi bhāsmyaham |
śūnyāśūnyaprabhāvo'smi śobhanāśobhano'smyaham || 5 ||

Ich bin frei von Sein und Nichtsein als Bestimmungen; ohne geliehenes Licht leuchte ich. Ich bin der Ursprung von Leere und Nicht-Leere und umfasse Schönes und Unschönes.

Wort für Wort: bhāva-abhāva-vihīnaḥ – frei von Sein und Nichtsein; bhāsā-hīnaḥ – ohne äußeres Licht; bhāsmi aham – ich leuchte; śūnya-aśūnya-prabhavaḥ – Ursprung von Leere und Nicht-Leere; śobhana-aśobhanaḥ – Schönes und Unschönes.

3.6. Das ewig Heilvolle

tulyātulyavihīno'smi nityaḥ śuddhaḥ sadāśivaḥ |
sarvāsarvavihīno'smi sāttviko'smi sadāsmyaham || 6 ||

Ich bin jenseits von Gleichheit und Ungleichheit, ewig, rein, Sadashiva. Frei von „alles“ und „nicht alles“, bin ich lichtvoll und stets gegenwärtig.

Wort für Wort: tulya-atulya-vihīnaḥ – jenseits von Gleichheit und Ungleichheit; nityaḥ śuddhaḥ sadāśivaḥ – ewig, rein, ewig heilvoll; sarva-asarva-vihīnaḥ – frei von Alles und Nichtalles; sāttvikaḥ – lichtvoll; sadā asmi – stets bin ich.

3.7. Jenseits der Zahl

ekasaṅkhyāvihīno'smi dvisaṅkhyāvāhanaṃ na ca |
sadasadbhedahīno'smi saṅkalparahito'smyaham || 7 ||

Ich bin nicht auf die Zahl eins begrenzt und trage auch nicht die Zahl zwei. Ich bin frei von der Unterscheidung zwischen Sein und Nichtsein und ohne gedanklichen Entwurf.

Wort für Wort: eka-saṅkhyā-vihīnaḥ – ohne die Zahl eins; dvi-saṅkhyā-vāhanam na – nicht Träger der Zahl zwei; sat-asat-bheda-hīnaḥ – ohne Unterscheidung von Sein und Nichtsein; saṃkalpa-rahitaḥ – ohne Gedankenentwurf.

3.8. Ungeteilte Glückseligkeit

nānātmabhedahīno'smi hyakhaṇḍānandavigrahaḥ |
nāhamasmi na cānyo'smi dehādirahito'smyaham || 8 ||

Ich bin frei von der Verschiedenheit vieler Selbste und von der Gestalt ungeteilter Glückseligkeit. Weder bin ich dieses begrenzte Ich noch ein Anderes; ich bin frei von Körper und Weiterem.

Wort für Wort: nānā-ātma-bheda-hīnaḥ – ohne Verschiedenheit vieler Selbste; akhaṇḍa-ānanda-vigrahaḥ – Gestalt ungeteilter Glückseligkeit; na aham asmi – nicht das begrenzte Ich; na anyaḥ asmi – nicht ein anderer; deha-ādi-rahitaḥ – ohne Körper und Weiteres.

3.9. Ohne Stütze

āśrayāśrayahīno'smi ādhārarahito'smyaham |
bandhamokṣādihīno'smi śuddhabrahmāsmi so'smyaham || 9 ||

Ich bin frei von Stütze und Gestütztem, ohne Grundlage, jenseits von Bindung und Befreiung. Ich bin reines Brahman; jener bin ich.

Wort für Wort: āśraya-āśraya-hīnaḥ – ohne Stütze und Gestütztes, überlieferte Wiederholung; ādhāra-rahitaḥ – ohne Grundlage; bandha-mokṣa-ādi-hīnaḥ – jenseits von Bindung, Befreiung und Weiterem; śuddha-brahma asmi – reines Brahman bin ich.

3.10. Jenseits des Denkens

cittādisarvahīno'smi paramo'smi parātparaḥ |
sadā vicārarūpo'smi nirvicāro'smi so'smyaham || 10 ||

Ich bin frei von Geist und allem Übrigen, das Höchste über dem Höchsten. Stets bin ich Erforschung und zugleich ohne Erforschung. Jener bin ich.

Wort für Wort: citta-ādi-sarva-hīnaḥ – frei von Geist und allem Weiteren; paramaḥ parātparaḥ – höchstes über dem Höchsten; sadā vicāra-rūpaḥ – stets Gestalt der Erforschung; nirvicāraḥ – ohne Erforschung; saḥ aham – jener ich.

3.11. Die Silben des Om

akārokārarūpo'smi makāro'smi sanātanaḥ |
dhātṛdhyānavihīno'smi dhyeyahīno'smi so'smyaham || 11 ||

Ich bin A und U und der ewige M-Laut. Ich bin frei von dem Tragenden beziehungsweise Meditierenden, von Meditation und Meditationsgegenstand. Jener bin ich.

Wort für Wort: a-kāra-u-kāra-rūpaḥ – Gestalt von A und U; ma-kāraḥ – M-Laut; sanātanaḥ – ewig; dhātṛ-dhyāna-vihīnaḥ – frei vom Tragenden und Meditation, „dhātṛ“ möglicherweise für Meditierenden; dhyeya-hīnaḥ – frei vom Meditationsobjekt.

3.12. Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit

sarvapūrṇasvarūpo'smi saccidānandalakṣaṇaḥ |
sarvatīrthasvarūpo'smi paramātmāsmyahaṃ śivaḥ || 12 ||

Ich bin die alles erfüllende Wirklichkeit, gekennzeichnet durch Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Ich bin das Wesen aller Pilgerstätten, das höchste Selbst, Shiva.

Wort für Wort: sarva-pūrṇa-sva-rūpaḥ – alles erfüllendes Eigenwesen; sat-cit-ānanda-lakṣaṇaḥ – Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit als Kennzeichen; sarva-tīrtha-sva-rūpaḥ – Wesen aller Pilgerstätten; parama-ātmā – höchstes Selbst; śivaḥ – Shiva.

3.13. Jenseits des Erkennens als Beziehung

lakṣyālakṣyavihīno'smi layahīnaraso'smyaham |
mātṛmānavihīno'smi meyahīnaḥ śivo'smyaham || 13 ||

Ich bin frei von Bestimmbarem und Unbestimmbarem, unvergängliche Essenz. Ich bin frei vom Messenden, Messen und Gemessenen: Shiva.

Wort für Wort: lakṣya-alakṣya-vihīnaḥ – ohne Bestimmbares und Unbestimmbares; laya-hīna-rasaḥ – Essenz ohne Auflösung; mātṛ-māna-vihīnaḥ – ohne Messenden und Messen; meya-hīnaḥ – ohne Gemessenes; śivaḥ – Shiva.

3.14. Das erwachte Sehen

na jagatsarvadraṣṭāsmi netrādirahito'smyaham |
pravṛddho'smi prabuddho'smi prasanno'smi paro'smyaham || 14 ||

Ich bin nicht die Welt; ich bin der Seher von allem, frei von Augen und anderen Organen. Ich bin unbegrenzt entfaltet, erwacht, klar und höchst.

Wort für Wort: na jagat – nicht Welt; sarva-draṣṭā – Allseher; netra-ādi-rahitaḥ – ohne Augen und Weiteres; pravṛddhaḥ – voll entfaltet; prabuddhaḥ – erwacht; prasannaḥ – klar; paraḥ – höchster.

3.15. Ohne Sinne, Ursprung der Handlungen

sarvendriyavihīno'smi sarvakarmakṛdapyaham |
sarvavedāntatṛpto'smi sarvadā sulabho'smyaham || 15 ||

Ich bin frei von allen Sinnen und doch Vollbringer aller Handlungen. Durch alle Vedanta-Lehren bin ich erfüllt und jederzeit leicht zugänglich.

Wort für Wort: sarva-indriya-vihīnaḥ – ohne alle Sinne; sarva-karma-kṛt api – doch aller Handlungen Vollbringer; sarva-vedānta-tṛptaḥ – durch allen Vedanta erfüllt; sarvadā sulabhaḥ – jederzeit leicht erreichbar.

3.16. Die Frucht des Schweigens

muditāmuditākhyo'smi sarvamaunaphalo'smyaham |
nityacinmātrarūpo'smi sadā saccinmayo'smyaham || 16 ||

Ich umfasse die Bezeichnungen freudig und nicht freudig; ich bin die Frucht allen Schweigens. Mein Wesen ist ewiges reines Bewusstsein, stets Sein und Bewusstsein.

Wort für Wort: mudita-amudita-ākhyaḥ – freudig und nichtfreudig genannt; sarva-mauna-phalaḥ – Frucht allen Schweigens; nitya-cit-mātra-rūpaḥ – Gestalt ewigen reinen Bewusstseins; sadā sat-cit-mayaḥ – stets aus Sein und Bewusstsein.

3.17. Der gelöste Herzensknoten

yatkiñcidapi hīno'smi svalpamapyati nāsmyaham |
hṛdayagranthihīno'smi hṛdayāmbhojamadhyagaḥ || 17 ||

Ich bin von jedem begrenzten Etwas frei; nicht einmal das Geringste begrenzt mich. Frei vom Knoten des Herzens ruhe ich mitten im Herzenslotus. Der Ausdruck „svalpamapyati“ ist elektronisch gestört.

Wort für Wort: yat kiñcit api hīnaḥ – von jeglichem Etwas frei; svalpam api – selbst Geringstes; ati – unsichere Lesart; na asmi – bin nicht; hṛdaya-granthi-hīnaḥ – ohne Herzensknoten; hṛdaya-ambhoja-madhya-gaḥ – in Herzenslotusmitte befindlich.

3.18. Das Innerste

ṣaḍvikāravihīno'smi ṣaṭkoṣarahito'smyaham |
ariṣaḍvargamukto'smi antarādantaro'smyaham || 18 ||

Ich bin frei von den sechs Veränderungen, den sechs Hüllen und den sechs inneren Feinden. Ich bin innerlicher als das Innerste.

Wort für Wort: ṣaḍ-vikāra-vihīnaḥ – ohne sechs Veränderungen; ṣaṭ-koṣa-rahitaḥ – ohne sechs Hüllen; ari-ṣaḍ-varga-muktaḥ – von sechs Feinden frei; antarāt antaraḥ – innerlicher als das Innere.

3.19. Raum und Zeit überschritten

deśakālavimukto'smi digambarasukho'smyaham |
nāsti nāsti vimukto'smi nakārahito'smyaham || 19 ||

Ich bin frei von Raum und Zeit, glücklich im Gewand des Himmels. Frei von „Es ist nicht, es ist nicht“, bin ich ohne Verneinung.

Wort für Wort: deśa-kāla-vimuktaḥ – von Raum und Zeit frei; digambara-sukhaḥ – glücklich, den Raum als Gewand; na asti na asti vimuktaḥ – von „ist nicht, ist nicht“ frei; na-kāra-hitaḥ – ohne den Laut der Negation, unsicher für „na-kāra-rahitaḥ“.

3.20. Ungeteiltheit

akhaṇḍākāśarūpo'smi hyakhaṇḍākāramasmyaham |
prapañcamuktacitto'smi prapañcarahito'smyaham || 20 ||

Ich bin von der Natur ungeteilten Raumes, ungeteilte Gestalt. Mein Bewusstsein ist frei von der Erscheinungswelt; ich bin ohne ihre Begrenzung.

Wort für Wort: akhaṇḍa-ākāśa-rūpaḥ – ungeteilter Raum als Wesen; akhaṇḍa-ākāraḥ – ungeteilte Gestalt; prapañca-mukta-cittaḥ – Bewusstsein frei von Erscheinungswelt; prapañca-rahitaḥ – ohne Erscheinungswelt.

3.21. Das Licht des Bewusstseins

sarvaprakāśarūpo'smi cinmātrajyotirasmyaham |
kālatrayavimukto'smi kāmādirahito'smyaham || 21 ||

Ich bin das Licht aller Erscheinungen, reines Bewusstseinslicht, frei von den drei Zeiten und von Begehren und Ähnlichem.

Wort für Wort: sarva-prakāśa-rūpaḥ – Lichtgestalt aller; cit-mātra-jyotiḥ – reines Bewusstseinslicht; kāla-traya-vimuktaḥ – frei von Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft; kāma-ādi-rahitaḥ – ohne Begehren und Weiteres.

3.22. Frei auch vom Begriff Befreiung

kāyikādivimukto'smi nirguṇaḥ kevalo'smyaham |
muktihīno'smi mukto'smi mokṣahīno'smyaham sadā || 22 ||

Ich bin frei vom Körperlichen und Weiterem, eigenschaftslos und allein. Ich bin frei, ohne dass mir Befreiung zukommen müsste; stets bin ich jenseits des Begriffs Moksha.

Wort für Wort: kāyika-ādi-vimuktaḥ – von Körperlichem und Weiterem frei; nirguṇaḥ kevalaḥ – eigenschaftslos, allein; mukti-hīnaḥ – ohne Befreiung als Eigenschaft; muktaḥ – frei; mokṣa-hīnaḥ sadā – stets jenseits von Befreiung.

3.23. Ohne Weg und Zielort

satyāsatyādihīno'smi sanmātrānnāsmyahaṃ sadā |
gantavyadeśahīno'smi gamanādivivarjitaḥ || 23 ||

Ich bin jenseits von wahr und unwahr. Die folgende Wendung über reines Sein ist beschädigt; ihrem Zusammenhang nach unterscheidet sich das Selbst nicht vom reinen Sein. Ich habe keinen Ort zu erreichen und bin frei vom Gehen und anderen Veränderungen.

Wort für Wort: satya-asatya-ādi-hīnaḥ – jenseits von wahr, unwahr und Weiterem; sat-mātrāt na asmi – wörtlich „vom bloßen Sein bin ich nicht“, unvollständige Fügung; gantavya-deśa-hīnaḥ – ohne zu erreichenden Ort; gamana-ādi-vivarjitaḥ – ohne Gehen und Weiteres.

3.24. Eigene Erfahrung

sarvadā samarūpo'smi śānto'smi puruṣottamaḥ |
evaṃ svānubhavo yasya so'hamasmi na saṃśayaḥ || 24 ||

Ich bin stets gleich, friedvoll, der höchste Purusha. Wer dies aus eigener Erfahrung weiß: Der bin ich, ohne Zweifel.

Wort für Wort: sarvadā sama-rūpaḥ – stets von gleichem Wesen; śāntaḥ – friedvoll; puruṣa-uttamaḥ – höchster Purusha; evam sva-anubhavaḥ yasya – wessen eigene Erfahrung so ist; saḥ aham asmi – jener bin ich; na saṃśayaḥ – kein Zweifel.

Schlussverheißung

yaḥ śṛṇoti sakṛdvāpi brahmaiva bhavati svayamityupaniṣat ||

Wer dies auch nur einmal hört, wird nach der Verheißung selbst Brahman. So lautet die Upanishad.

Wort für Wort: yaḥ śṛṇoti – wer hört; sakṛt vā api – auch nur einmal; brahma eva bhavati svayam – wird selbst Brahman; iti upaniṣat – so die Upanishad.

Kapitelabschluss

iti tṛtīyo'dhyāyaḥ || 3 ||

Hier endet das dritte Kapitel.

Wort für Wort: tṛtīya – dritte; adhyāyaḥ – Kapitel. iti – so, hiermit.

Shanti-Mantra

oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vākprāṇaścakṣuḥ śrotramatho balamindriyāṇi ca |
sarvāṇi sarvaṃ brahmopaniṣadaṃ māhaṃ brahma nirākuryāṃ mā mā brahma nirākarodanirākaraṇamastvanirākaraṇaṃ me'stu tadātmani nirate ya upaniṣatsu dharmāste mayi santu te mayi santu ||

Om. Mögen meine Glieder erstarken: Rede, Lebenshauch, Auge und Ohr, dazu Kraft und sämtliche Sinne. Alles ist das Brahman der Upanishaden. Möge ich Brahman nicht zurückweisen; möge Brahman mich nicht zurückweisen. Möge es kein Zurückweisen geben; möge für mich kein Zurückweisen sein. Die in den Upanishaden gelehrten Eigenschaften mögen in mir, der ich mich diesem Selbst zuwende, sein. Mögen sie in mir sein.

Wort für Wort: oṃ – Om; āpyāyantu – mögen erstarken; mama aṅgāni – meine Glieder; vāk – Rede; prāṇaḥ – Lebenshauch; cakṣuḥ – Auge; śrotram – Ohr; atho – ferner; balam – Kraft; indriyāṇi sarvāṇi – alle Sinne; sarvam – alles; brahma aupaniṣadam – das in den Upanishaden gelehrte Brahman, hier brahmopaniṣadam; mā aham brahma nirākuryām – möge ich Brahman nicht zurückweisen; mā mām brahma nirākarot – möge Brahman mich nicht zurückweisen; anirākaraṇam astu – möge kein Zurückweisen sein; me astu – möge es für mich sein; tat ātmani nirate – in dem, der sich diesem Selbst zuwendet; ye upaniṣatsu dharmāḥ – die in den Upanishaden gelehrten Eigenschaften; te mayi santu – mögen sie in mir sein, wiederholt.

Friedensruf

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Wort für Wort: oṃ – Om; śāntiḥ – Frieden, dreimal.

Schlussvermerk

iti maitreyyupaniṣatsamāptā ||

Hier endet die Maitreya Upanishad.

Wort für Wort: iti – so, hiermit; maitreyyupaniṣat – Maitreya Upanishad; samāptā – beendet.

Datierung, Inhalt und Bedeutung

Überlieferung und Datierung

Der Sanskrittitel der Vorlage lautet maitreyyupaniṣat; im Gebrauch begegnen Maitreya und Maitreyi als Schreibweisen des Titels. Die Zugehörigkeit zur Sannyasa-Literatur ergibt sich aus ihren Fragen nach Loslösung, geistiger Reinheit und der Lebensführung des Erkennenden. Eine genaue Datierung der dreikapiteligen Fassung ist durch die herangezogene elektronische Vorlage nicht gesichert. Das Auftreten älterer Namen oder paralleler Lehrsätze beweist keine einheitliche Entstehungszeit.

Drei Kapitel auf dem Weg zur Selbsterkenntnis

Das erste Kapitel beginnt mit König Brihadratha, der sein Reich verlässt und sich der Askese zuwendet. Er bittet Shakayanya um eine befreiende Unterweisung. Die Aufzählung körperlicher Bestandteile und die Betrachtung der Vergänglichkeit sollen seine Abkehr von der ausschließlichen Bindung an den Körper begründen. Die anschließenden Verse richten sich auf den Geist: Bindung und Befreiung hängen davon ab, ob er an Gegenständen haftet oder in der Wirklichkeit des Selbst zur Ruhe kommt.

Das zweite Kapitel entfaltet innere Reinheit, das Verhältnis von Körper und Selbst, die Bedeutung der Erkenntnis und die Prüfung religiöser Lebensformen. Scharfe Urteile über bloß äußere Askese stehen neben Anweisungen zur Sammlung. Diese Aussagen sind innerhalb eines bestimmten asketischen Milieus zu lesen. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres zu allgemeinen Urteilen über alle Menschen oder Lebensweisen machen.

Das dritte Kapitel spricht überwiegend in der ersten Person. In einzelnen Erkenntnisversen wird das Selbst als frei, unbegrenzt, leuchtend und nicht durch wechselnde Zustände bestimmt betrachtet. Wiederholungen gehören zur meditativen Form. Alle Verse bleiben einzeln mit Übersetzung und Worterklärung erhalten.

Bedeutung heute

Für Jnana Yoga bietet der Text eine Folge von Vergänglichkeitsbetrachtung, Geistesklärung und Kontemplation des Selbst. Die körperkritischen Bilder dienen dem Loslassen der Identifikation; eine heutige Lektüre kann sie mit achtsamer Fürsorge für den Körper verbinden. Die Ich-Aussagen des Schlusskapitels werden verständlicher, wenn man sie auf das nicht begrenzte Bewusstsein bezieht und nicht auf persönliche Wünsche oder Überlegenheit.

Vollständiger Text in Devanagari

श्रुत्याचार्योपदेशेन मुनयो यत्पदं ययुः ।
तत्स्वानुभूतिसंसिद्धं स्वमात्रं ब्रह्म भावये ॥

ॐ आप्यायन्तु ममाङ्गानि वाक्प्राणश्चक्षुः श्रोत्रम् ।
अथो बलमिन्द्रियाणि च सर्वाणि सर्वं ब्रह्मोपनिषदं माहं ब्रह्म निराकुर्याम् ।
मा मा ब्रह्म निराकरोदनिराकरणमस्तु ।
अनिराकरणं मेऽस्तु ।
तदात्मनि निरते य उपनिषत्सु धर्मास्ते मयि सन्तु ते मयि सन्तु ॥

ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

ॐ बृहद्रथो वै नाम राजा राज्ये ज्येष्ठं पुत्रं निधापयित्वेदमशाश्वतं मन्यमानः शरीरं वैराग्यमुपेतोऽरण्यं निर्जगाम ।
स तत्र परमं तप आस्थायादित्यमीक्षमाण ऊर्ध्वबाहुस्तिष्ठत्यन्ते सहस्रस्य मुनिरन्तिकमाजगामाग्नि रिवाधूमकस्तेजसा निर्दहन्निवात्मविद्भगवाञ्छाकायन्य उत्तिष्ठोत्तिष्ठ वरं वृणीश्वेति राजानमब्रवीत्स तस्मै नमस्कृत्योवाच भगवन्नाहमात्मवित्त्वं तत्त्वविच्छृणुमो वयं स त्वं नो ब्रूहीत्येतद्वृत्तं पुरस्तादशक्यं मा पृच्छ प्रश्नमैक्ष्वाकान्यान्कामान्वृणीश्वेति शाकायन्यस्य चरणावभिमृश्यमानो राजेमां गाथां जगाद ॥ १ ॥

अथ किमएतैर्मान्यनां शोषणं महार्णवानां शिखरिणां प्रपतनं ध्रुवस्य प्रचलनं स्थानं वा तरूणां निमज्जनं पृथिव्याः स्थानादपसरणं सुराणां सोऽहमित्येतद्विधेऽस्मिन्संसारे किं कामोपभोगैर्यैरेवाश्रितस्यासकृदुपावर्तनं दृश्यत इत्युद्धर्तुमर्हसीत्यन्धोदपानस्थो भेक इवाहमस्मिन्संसारे भगवंस्त्वं नो गतिरिति ॥ २ ॥

भगवञ्शरीरमिदं मैथुनादेवोद्भूतं संविदपेतं निरय एव मूत्रद्वारेण निष्क्रान्तमस्थिभिश्चितं मांसेनानुलिप्तं चर्मणावबद्धं विण्मूत्रवातपित्तकफमज्जामेदोवसाभिरन्यैश्च मलैर्बहुभिः परिपूर्णमेतादृशे शरीरे वर्तमानस्य भगवंस्त्वं नो गतिरिति ॥ ३ ॥

अथ भगवाञ्छकायन्यः सुप्रीतोऽब्रवीद्राजानं महाराज बृहद्रथेक्ष्वाकुर्वंशध्वजशीर्षात्मज्ञः कृतकृत्यस्त्वं मरुन्नाम्नो विश्रुतोऽसीत्ययं खल्वात्मा ते कतमो भगवान्वर्ण्य इति तं होवाच ॥

शब्दस्पर्शमया येऽर्था अनर्था इव ते स्थिताः ।
येषां सक्तस्तु भूतात्मा न स्मरेच्च परं पदम् ॥ १ ॥

तपसा प्राप्यते सत्त्वं सत्त्वात्सम्प्राप्यते मनः ।
मनसा प्राप्यते ह्यात्मा ह्यात्मापत्त्या निवर्तते ॥ २ ॥

यथा निरिन्धनो वह्निः स्वयोनावुपशाम्यति ।
तथा वृत्तिक्षयाच्चित्तं स्वयोनावुपशाम्यति ॥ ३ ॥

स्वयोनावुपशान्तस्य मनसः सत्यगामिनः ।
इन्द्रियार्थविमूढस्यानृताः कर्मवशानुगाः ॥ ४ ॥

चित्तमेव हि संसारस्तत्प्रयत्नेन शोधयेत् ।
यच्चित्तस्तन्मयो भवति गुह्यमेतत्सनातनम् ॥ ५ ॥

चित्तस्य हि प्रसादेन हन्ति कर्म शुभाशुभम् ।
प्रसन्नात्मात्मनि स्थित्वा सुखमक्षयमश्नुते ॥ ६ ॥

समासक्तं यदा चित्तं जन्तोर्विषयगोचरम् ।
यद्येवं ब्रह्मणि स्यात्तत्को न मुच्येत बन्धनात् ॥ ७ ॥

हृत्पुण्डरीकमध्ये तु भावयेत्परमेश्वरम् ।
साक्षिणं बुद्धिवृत्तस्य परमप्रेमगोचरम् ॥ ८ ॥

अगोचरं मनोवाचामवधूतादिसम्प्लवम् ।
सत्तामात्रप्रकाशैकप्रकाशं भावनातिगम् ॥ ९ ॥

अहेयमनुपादेयमसामान्यविशेषणम् ।
ध्रुवं स्तिमितगम्भीरं न तेजो न तमस्ततम् ।
निर्विकल्पं निराभासं निर्वाणमयसंविदम् ॥ १० ॥

नित्यः शुद्धो बुद्धमुक्तस्वभावः सत्यः सूक्ष्मः संविभुश्चाद्वितीयः ।
आनन्दाब्धिर्यः परः सोऽहमस्मि प्रत्यग्धातुर्नात्र संशीतिरस्ति ॥ ११ ॥

आनन्दमन्तर्निजमाश्रयं तमाशापिशाचीमवमनयन्तम् ।
आलोकयन्तं जगदिन्द्रजालमापत्कथं मां प्रविशेदसङ्गम् ॥ १२ ॥

वर्णाश्रमाचारयुता विमूढाः कर्मानुसारेण फलं लभन्ते ।
वर्णादिधर्मं हि परित्यजन्तः स्वानन्दतृप्ताः पुरुषा भवन्ति ॥ १३ ॥

वर्णाश्रमं सावयवं स्वरूपमाद्यन्तयुक्तं ह्यतिकृच्छ्रमात्रम् ।
पुत्रादिदेहेष्वभिमानशून्यं भूत्वा वसेत्सौख्यतमे ह्यनन्त इति ॥ १४ ॥ ४॥

इति प्रथमोऽध्यायः ॥ १ ॥

अथ भगवान्मैत्रेयः कैलासं जगाम तं गत्वोवाच भो भगवन्परमतत्त्वरहस्यमनुब्रूहीति ॥

स होवाच महादेवः ॥

देहो देवालयः प्रोक्तः स जीवः केवलः शिवः ।
त्यजेदज्ञाननिर्माल्यं सोऽहम्भावेन पूजयेत् ॥ १ ॥

अभेददर्शनं ज्ञानं ध्यानं निर्विषयं मनः।
स्नानं मनोमलत्यागः शौचमिन्द्रियनिग्रहः ॥ २ ॥

ब्रह्मामृतं पिबेद्भैक्षमाचरेद्देहरक्षणे ।
वसेदेकान्तिको भूत्वा चैकान्ते द्वैतवर्जिते ।
इत्येवमाचरेद्धीमान्स एवं मुक्तिमाप्नुयात् ॥ ३ ॥

जातं मृतमिदं देहं मातापितृमलात्मकम् ।
सुखदुःखालयामेध्यं स्पृष्ट्वा स्नानं विधीयते ॥ ४ ॥

धातुबद्धं महारोगं पापमन्दिरमध्रुवम् ।
विकाराकारविस्तीर्णं स्पृष्ट्वा स्नानं विधीयते ॥ ५ ॥

नवद्वारमलस्रावं सदा काले स्वभावजम् ।
दुर्गन्धं दुर्मलोपेतं स्पृष्ट्वा स्नानं विधीयते ॥ ६ ॥

मातृसूतकसम्बन्धं सूतके सह जायते ।
मृतसूतकजं देहं स्पृष्ट्वा स्नानं विधीयते ॥ ७ ॥

अहम्ममेति विण्मूत्रलेपगन्धादिमोचनम् ।
शुद्धशौचमिति प्रोक्तं मृज्जलाभ्यां तु लौकिकम् ॥ ८ ॥

चित्तशुद्धिकरं शौचं वासनात्रयनाशनम् ।
ज्ञानवैराग्यमृत्तोयैः क्षालनाच्छौचमुच्यते ॥ ९ ॥

अद्वैतभावनाभैक्षमभक्ष्यं द्वैतभावनम् ।
गुरुशास्त्रोक्तभावेन भिक्षोर्भैक्षं विधीयते ॥ १० ॥

विद्वान्स्वदेशमुत्सृज्य संन्यासानन्तरं स्वतः ।
कारागारविनिर्मुक्तचोरवद्दूरतो वसेत् ॥ ११ ॥

अहङ्कारसुतं वित्तभ्रातरं मोहमन्दिरम् ।
आशापत्नी त्यजेद्यावत्तावन्मुक्तो न संशयः ॥ १२ ॥

मृता मोहमयी माता जातो बोधमयः सुतः ।
सूतकद्वयसम्प्राप्तौ कथं सन्ध्यामुपास्महे ॥ १३ ॥

हृदाकाशे चिदादित्यः सदा भासति भासति ।
नास्तमेति न चोदेति कथं सन्ध्यामुपास्महे ॥ १४ ॥

एकमेवाद्वितीयं यद्गुरोर्वाक्येन निश्चितम् ।
एतदेकान्तमित्युक्तं न मठो न वनान्तरम् ॥ १५ ॥

असंशयवतां मुक्तिः संशयाविष्टचेतसाम् ।
न मुक्तिर्जन्मजन्मान्ते तस्माद्विश्वासमाप्नुयात् ॥ १६ ॥

कर्मत्यागान्न संन्यासो न प्रेषोच्चारणेन तु ।
सन्धौ जीवात्मनोरैक्यं संन्यासः परिकीर्तितः ॥ १७ ॥

वमनाहारवद्यस्य भाति सर्वेषणादिषु ।
तस्याधिकारः संन्यासे त्यक्तदेहाभिमानिनः ॥ १८ ॥

यदा मनसि वैराग्यं जातं सर्वेषु वस्तुषु ।
तदैव संन्यसेद्विद्वानन्यथा पतितो भवेत् ॥ १९ ॥

द्रव्यार्थमन्नवस्त्रार्थं यः प्रतिष्ठार्थमेव वा ।
संन्यसेद्दुभयभ्रष्टः स मुक्तिं नाप्तुमर्हति ॥ २० ॥

उत्तमा तत्त्वचिन्तैव मध्यमं शास्त्रचिन्तनम् ।
अधमा मन्त्रचिन्ता च तीर्थभ्रान्त्यधमाधमा ॥ २१ ॥

अनुभूतिं विना मूढो वृथा ब्रह्मणि मोदते ।
प्रतिबिम्बितशाखाग्रफलास्वादनमोदवत् ॥ २२ ॥

न त्यजेच्चेद्यतिर्मुक्तो यो माधुकरमातरम् ।
वैराग्यजनकं श्रद्धाकलत्रं ज्ञाननन्दनम् ॥ २३ ॥

धनवृद्धा वयोवृद्धा विद्यावृद्धास्तथैव च ।
ते सर्वे ज्ञानवृद्धस्य किंकराः शिष्यकिंकराः ॥ २४ ॥

यन्मायया मोहितचेतसो मामात्मानमापूर्णमलब्धवन्तः ।
परं विदग्दोधरपूरणाय भ्रमन्ति काका इव सूरयोऽपि ॥ २५ ॥

पाषाणलोहमणिमृण्मयविग्रहेषु पूजा पुनर्जननभोगकरी मुमुक्षोः ।
तस्माद्यतिः स्वहृदयार्चनमेव कुर्याद्बाह्यार्चनं परिहरेदपुनर्भवाय ॥ २६ ॥

अन्तःपूर्णो बहिःपूर्णः पूर्णकुम्भ इवार्णवे ।
अन्तःशून्यो बहिःशून्यः शून्यकुम्भ इवाम्बरे ॥ २७ ॥

मा भव ग्राह्यभावात्मा ग्राहकात्मा च मा भव ।
भावनामखिलं त्यक्त्वा यच्छिष्टं तन्मयो भव ॥ २८ ॥

द्रष्टृदर्शनदृश्यानि त्यक्त्वा वासनया सह ।
दर्शनप्रथमाभासमात्मानं केवलं भज ॥ २९ ॥

संशान्तसर्वसंकल्पा या शिलावदवस्थितिः ।
जाग्रन्निद्राविनिर्मुक्ता सा स्वरूपस्थितिः परा ॥ ३० ॥

इति द्वितीयोऽध्यायः ॥ २ ॥

अहमस्मि परश्चास्मि ब्रह्मास्मि प्रभवोऽस्म्यहम् ।
सर्वलोकगुरुश्चास्मि सर्वलोकेऽस्मि सोऽस्म्यहम् ॥ १ ॥

अहमेवास्मि सिद्धोऽस्मि शुद्धोऽस्मि परमोऽस्म्यहम् ।
अहमस्मि सोमोऽस्मि नित्योऽस्मि विमलोऽस्म्यहम् ॥ २ ॥

विज्ञानोऽस्मि विशेषोऽस्मि सोमोऽस्मि सकलोऽस्म्यहम् ।
शुभोऽस्मि शोकहीनोऽस्मि चैतन्योऽस्मि समोऽस्म्यहम् ॥ ३ ॥

मानावमानहीनोऽस्मि निर्गुणोऽस्मि शिवोऽस्म्यहम् ।
द्वैताद्वैतविहीनोऽस्मि द्वन्द्वहीनोऽस्मि सोऽस्म्यहम् ॥ ४ ॥

भावाभावविहीनोऽस्मि भासाहीनोऽस्मि भास्म्यहम् ।
शून्याशून्यप्रभावोऽस्मि शोभनाशोभनोऽस्म्यहम् ॥ ५ ॥

तुल्यातुल्यविहीनोऽस्मि नित्यः शुद्धः सदाशिवः ।
सर्वासर्वविहीनोऽस्मि सात्त्विकोऽस्मि सदास्म्यहम् ॥ ६ ॥

एकसङ्ख्याविहीनोऽस्मि द्विसङ्ख्यावाहनं न च ।
सदसद्भेदहीनोऽस्मि सङ्कल्परहितोऽस्म्यहम् ॥ ७ ॥

नानात्मभेदहीनोऽस्मि ह्यखण्डानन्दविग्रहः ।
नाहमस्मि न चान्योऽस्मि देहादिरहितोऽस्म्यहम् ॥ ८ ॥

आश्रयाश्रयहीनोऽस्मि आधाररहितोऽस्म्यहम् ।
बन्धमोक्षादिहीनोऽस्मि शुद्धब्रह्मास्मि सोऽस्म्यहम् ॥ ९ ॥

चित्तादिसर्वहीनोऽस्मि परमोऽस्मि परात्परः ।
सदा विचाररूपोऽस्मि निर्विचारोऽस्मि सोऽस्म्यहम् ॥ १० ॥

अकारोकाररूपोऽस्मि मकारोऽस्मि सनातनः ।
धातृध्यानविहीनोऽस्मि ध्येयहीनोऽस्मि सोऽस्म्यहम् ॥ ११ ॥

सर्वपूर्णस्वरूपोऽस्मि सच्चिदानन्दलक्षणः ।
सर्वतीर्थस्वरूपोऽस्मि परमात्मास्म्यहं शिवः ॥ १२ ॥

लक्ष्यालक्ष्यविहीनोऽस्मि लयहीनरसोऽस्म्यहम् ।
मातृमानविहीनोऽस्मि मेयहीनः शिवोऽस्म्यहम् ॥ १३ ॥

न जगत्सर्वद्रष्टास्मि नेत्रादिरहितोऽस्म्यहम् ।
प्रवृद्धोऽस्मि प्रबुद्धोऽस्मि प्रसन्नोऽस्मि परोऽस्म्यहम् ॥ १४ ॥

सर्वेन्द्रियविहीनोऽस्मि सर्वकर्मकृदप्यहम् ।
सर्ववेदान्ततृप्तोऽस्मि सर्वदा सुलभोऽस्म्यहम् ॥ १५ ॥

मुदितामुदिताख्योऽस्मि सर्वमौनफलोऽस्म्यहम् ।
नित्यचिन्मात्ररूपोऽस्मि सदा सच्चिन्मयोऽस्म्यहम् ॥ १६ ॥

यत्किञ्चिदपि हीनोऽस्मि स्वल्पमप्यति नास्म्यहम् ।
हृदयग्रन्थिहीनोऽस्मि हृदयाम्भोजमध्यगः ॥ १७ ॥

षड्विकारविहीनोऽस्मि षट्कोषरहितोऽस्म्यहम् ।
अरिषड्वर्गमुक्तोऽस्मि अन्तरादन्तरोऽस्म्यहम् ॥ १८ ॥

देशकालविमुक्तोऽस्मि दिगम्बरसुखोऽस्म्यहम् ।
नास्ति नास्ति विमुक्तोऽस्मि नकारहितोऽस्म्यहम् ॥ १९ ॥

अखण्डाकाशरूपोऽस्मि ह्यखण्डाकारमस्म्यहम् ।
प्रपञ्चमुक्तचित्तोऽस्मि प्रपञ्चरहितोऽस्म्यहम् ॥ २० ॥

सर्वप्रकाशरूपोऽस्मि चिन्मात्रज्योतिरस्म्यहम् ।
कालत्रयविमुक्तोऽस्मि कामादिरहितोऽस्म्यहम् ॥ २१ ॥

कायिकादिविमुक्तोऽस्मि निर्गुणः केवलोऽस्म्यहम् ।
मुक्तिहीनोऽस्मि मुक्तोऽस्मि मोक्षहीनोऽस्म्यहम् सदा ॥ २२ ॥

सत्यासत्यादिहीनोऽस्मि सन्मात्रान्नास्म्यहं सदा ।
गन्तव्यदेशहीनोऽस्मि गमनादिविवर्जितः ॥ २३ ॥

सर्वदा समरूपोऽस्मि शान्तोऽस्मि पुरुषोत्तमः ।
एवं स्वानुभवो यस्य सोऽहमस्मि न संशयः ॥ २४ ॥

यः शृणोति सकृद्वापि ब्रह्मैव भवति स्वयमित्युपनिषत् ॥

इति तृतीयोऽध्यायः ॥ ३ ॥

ॐ आप्यायन्तु ममाङ्गानि वाक्प्राणश्चक्षुः श्रोत्रमथो बलमिन्द्रियाणि च ।
सर्वाणि सर्वं ब्रह्मोपनिषदं माहं ब्रह्म निराकुर्यां मा मा ब्रह्म निराकरोदनिराकरणमस्त्वनिराकरणं मेऽस्तु तदात्मनि निरते य उपनिषत्सु धर्मास्ते मयि सन्तु ते मयि सन्तु ॥

ॐ शान्तिः शान्तिः शान्तिः ॥

इति मैत्रेय्युपनिषत्समाप्ता ॥

Vollständiger Text in IAST

śrutyācāryopadeśena munayo yatpadaṃ yayuḥ |
tatsvānubhūtisaṃsiddhaṃ svamātraṃ brahma bhāvaye ||

oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vākprāṇaścakṣuḥ śrotram |
atho balamindriyāṇi ca sarvāṇi sarvaṃ brahmopaniṣadaṃ māhaṃ brahma nirākuryām |
mā mā brahma nirākarodanirākaraṇamastu |
anirākaraṇaṃ me'stu |
tadātmani nirate ya upaniṣatsu dharmāste mayi santu te mayi santu ||

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

oṃ bṛhadratho vai nāma rājā rājye jyeṣṭhaṃ putraṃ nidhāpayitvedamaśāśvataṃ manyamānaḥ śarīraṃ vairāgyamupeto'raṇyaṃ nirjagāma |
sa tatra paramaṃ tapa āsthāyādityamīkṣamāṇa ūrdhvabāhustiṣṭhatyante sahasrasya munirantikamājagāmāgni rivādhūmakastejasā nirdahannivātmavidbhagavāñchākāyanya uttiṣṭhottiṣṭha varaṃ vṛṇīśveti rājānamabravītsa tasmai namaskṛtyovāca bhagavannāhamātmavittvaṃ tattvavicchṛṇumo vayaṃ sa tvaṃ no brūhītyetadvṛttaṃ purastādaśakyaṃ mā pṛccha praśnamaikṣvākānyānkāmānvṛṇīśveti śākāyanyasya caraṇāvabhimṛśyamāno rājemāṃ gāthāṃ jagāda || 1 ||

atha kimaetairmānyanāṃ śoṣaṇaṃ mahārṇavānāṃ śikhariṇāṃ prapatanaṃ dhruvasya pracalanaṃ sthānaṃ vā tarūṇāṃ nimajjanaṃ pṛthivyāḥ sthānādapasaraṇaṃ surāṇāṃ so'hamityetadvidhe'sminsaṃsāre kiṃ kāmopabhogairyairevāśritasyāsakṛdupāvartanaṃ dṛśyata ityuddhartumarhasītyandhodapānastho bheka ivāhamasminsaṃsāre bhagavaṃstvaṃ no gatiriti || 2 ||

bhagavañśarīramidaṃ maithunādevodbhūtaṃ saṃvidapetaṃ niraya eva mūtradvāreṇa niṣkrāntamasthibhiścitaṃ māṃsenānuliptaṃ carmaṇāvabaddhaṃ viṇmūtravātapittakaphamajjāmedovasābhiranyaiśca malairbahubhiḥ paripūrṇametādṛśe śarīre vartamānasya bhagavaṃstvaṃ no gatiriti || 3 ||

atha bhagavāñchakāyanyaḥ suprīto'bravīdrājānaṃ mahārāja bṛhadrathekṣvākurvaṃśadhvajaśīrṣātmajñaḥ kṛtakṛtyastvaṃ marunnāmno viśruto'sītyayaṃ khalvātmā te katamo bhagavānvarṇya iti taṃ hovāca ||

śabdasparśamayā ye'rthā anarthā iva te sthitāḥ |
yeṣāṃ saktastu bhūtātmā na smarecca paraṃ padam || 1 ||

tapasā prāpyate sattvaṃ sattvātsamprāpyate manaḥ |
manasā prāpyate hyātmā hyātmāpattyā nivartate || 2 ||

yathā nirindhano vahniḥ svayonāvupaśāmyati |
tathā vṛttikṣayāccittaṃ svayonāvupaśāmyati || 3 ||

svayonāvupaśāntasya manasaḥ satyagāminaḥ |
indriyārthavimūḍhasyānṛtāḥ karmavaśānugāḥ || 4 ||

cittameva hi saṃsārastatprayatnena śodhayet |
yaccittastanmayo bhavati guhyametatsanātanam || 5 ||

cittasya hi prasādena hanti karma śubhāśubham |
prasannātmātmani sthitvā sukhamakṣayamaśnute || 6 ||

samāsaktaṃ yadā cittaṃ jantorviṣayagocaram |
yadyevaṃ brahmaṇi syāttatko na mucyeta bandhanāt || 7 ||

hṛtpuṇḍarīkamadhye tu bhāvayetparameśvaram |
sākṣiṇaṃ buddhivṛttasya paramapremagocaram || 8 ||

agocaraṃ manovācāmavadhūtādisamplavam |
sattāmātraprakāśaikaprakāśaṃ bhāvanātigam || 9 ||

aheyamanupādeyamasāmānyaviśeṣaṇam |
dhruvaṃ stimitagambhīraṃ na tejo na tamastatam |
nirvikalpaṃ nirābhāsaṃ nirvāṇamayasaṃvidam || 10 ||

nityaḥ śuddho buddhamuktasvabhāvaḥ satyaḥ sūkṣmaḥ saṃvibhuścādvitīyaḥ |
ānandābdhiryaḥ paraḥ so'hamasmi pratyagdhāturnātra saṃśītirasti || 11 ||

ānandamantarnijamāśrayaṃ tamāśāpiśācīmavamanayantam |
ālokayantaṃ jagadindrajālamāpatkathaṃ māṃ praviśedasaṅgam || 12 ||

varṇāśramācārayutā vimūḍhāḥ karmānusāreṇa phalaṃ labhante |
varṇādidharmaṃ hi parityajantaḥ svānandatṛptāḥ puruṣā bhavanti || 13 ||

varṇāśramaṃ sāvayavaṃ svarūpamādyantayuktaṃ hyatikṛcchramātram |
putrādideheṣvabhimānaśūnyaṃ bhūtvā vasetsaukhyatame hyananta iti || 14 || 4||

iti prathamo'dhyāyaḥ || 1 ||

atha bhagavānmaitreyaḥ kailāsaṃ jagāma taṃ gatvovāca bho bhagavanparamatattvarahasyamanubrūhīti ||

sa hovāca mahādevaḥ ||

deho devālayaḥ proktaḥ sa jīvaḥ kevalaḥ śivaḥ |
tyajedajñānanirmālyaṃ so'hambhāvena pūjayet || 1 ||

abhedadarśanaṃ jñānaṃ dhyānaṃ nirviṣayaṃ manaḥ|
snānaṃ manomalatyāgaḥ śaucamindriyanigrahaḥ || 2 ||

brahmāmṛtaṃ pibedbhaikṣamācareddeharakṣaṇe |
vasedekāntiko bhūtvā caikānte dvaitavarjite |
ityevamācareddhīmānsa evaṃ muktimāpnuyāt || 3 ||

jātaṃ mṛtamidaṃ dehaṃ mātāpitṛmalātmakam |
sukhaduḥkhālayāmedhyaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 4 ||

dhātubaddhaṃ mahārogaṃ pāpamandiramadhruvam |
vikārākāravistīrṇaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 5 ||

navadvāramalasrāvaṃ sadā kāle svabhāvajam |
durgandhaṃ durmalopetaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 6 ||

mātṛsūtakasambandhaṃ sūtake saha jāyate |
mṛtasūtakajaṃ dehaṃ spṛṣṭvā snānaṃ vidhīyate || 7 ||

ahammameti viṇmūtralepagandhādimocanam |
śuddhaśaucamiti proktaṃ mṛjjalābhyāṃ tu laukikam || 8 ||

cittaśuddhikaraṃ śaucaṃ vāsanātrayanāśanam |
jñānavairāgyamṛttoyaiḥ kṣālanācchaucamucyate || 9 ||

advaitabhāvanābhaikṣamabhakṣyaṃ dvaitabhāvanam |
guruśāstroktabhāvena bhikṣorbhaikṣaṃ vidhīyate || 10 ||

vidvānsvadeśamutsṛjya saṃnyāsānantaraṃ svataḥ |
kārāgāravinirmuktacoravaddūrato vaset || 11 ||

ahaṅkārasutaṃ vittabhrātaraṃ mohamandiram |
āśāpatnī tyajedyāvattāvanmukto na saṃśayaḥ || 12 ||

mṛtā mohamayī mātā jāto bodhamayaḥ sutaḥ |
sūtakadvayasamprāptau kathaṃ sandhyāmupāsmahe || 13 ||

hṛdākāśe cidādityaḥ sadā bhāsati bhāsati |
nāstameti na codeti kathaṃ sandhyāmupāsmahe || 14 ||

ekamevādvitīyaṃ yadgurorvākyena niścitam |
etadekāntamityuktaṃ na maṭho na vanāntaram || 15 ||

asaṃśayavatāṃ muktiḥ saṃśayāviṣṭacetasām |
na muktirjanmajanmānte tasmādviśvāsamāpnuyāt || 16 ||

karmatyāgānna saṃnyāso na preṣoccāraṇena tu |
sandhau jīvātmanoraikyaṃ saṃnyāsaḥ parikīrtitaḥ || 17 ||

vamanāhāravadyasya bhāti sarveṣaṇādiṣu |
tasyādhikāraḥ saṃnyāse tyaktadehābhimāninaḥ || 18 ||

yadā manasi vairāgyaṃ jātaṃ sarveṣu vastuṣu |
tadaiva saṃnyasedvidvānanyathā patito bhavet || 19 ||

dravyārthamannavastrārthaṃ yaḥ pratiṣṭhārthameva vā |
saṃnyaseddubhayabhraṣṭaḥ sa muktiṃ nāptumarhati || 20 ||

uttamā tattvacintaiva madhyamaṃ śāstracintanam |
adhamā mantracintā ca tīrthabhrāntyadhamādhamā || 21 ||

anubhūtiṃ vinā mūḍho vṛthā brahmaṇi modate |
pratibimbitaśākhāgraphalāsvādanamodavat || 22 ||

na tyajeccedyatirmukto yo mādhukaramātaram |
vairāgyajanakaṃ śraddhākalatraṃ jñānanandanam || 23 ||

dhanavṛddhā vayovṛddhā vidyāvṛddhāstathaiva ca |
te sarve jñānavṛddhasya kiṃkarāḥ śiṣyakiṃkarāḥ || 24 ||

yanmāyayā mohitacetaso māmātmānamāpūrṇamalabdhavantaḥ |
paraṃ vidagdodharapūraṇāya bhramanti kākā iva sūrayo'pi || 25 ||

pāṣāṇalohamaṇimṛṇmayavigraheṣu pūjā punarjananabhogakarī mumukṣoḥ |
tasmādyatiḥ svahṛdayārcanameva kuryādbāhyārcanaṃ pariharedapunarbhavāya || 26 ||

antaḥpūrṇo bahiḥpūrṇaḥ pūrṇakumbha ivārṇave |
antaḥśūnyo bahiḥśūnyaḥ śūnyakumbha ivāmbare || 27 ||

mā bhava grāhyabhāvātmā grāhakātmā ca mā bhava |
bhāvanāmakhilaṃ tyaktvā yacchiṣṭaṃ tanmayo bhava || 28 ||

draṣṭṛdarśanadṛśyāni tyaktvā vāsanayā saha |
darśanaprathamābhāsamātmānaṃ kevalaṃ bhaja || 29 ||

saṃśāntasarvasaṃkalpā yā śilāvadavasthitiḥ |
jāgrannidrāvinirmuktā sā svarūpasthitiḥ parā || 30 ||

iti dvitīyo'dhyāyaḥ || 2 ||

ahamasmi paraścāsmi brahmāsmi prabhavo'smyaham |
sarvalokaguruścāsmi sarvaloke'smi so'smyaham || 1 ||

ahamevāsmi siddho'smi śuddho'smi paramo'smyaham |
ahamasmi somo'smi nityo'smi vimalo'smyaham || 2 ||

vijñāno'smi viśeṣo'smi somo'smi sakalo'smyaham |
śubho'smi śokahīno'smi caitanyo'smi samo'smyaham || 3 ||

mānāvamānahīno'smi nirguṇo'smi śivo'smyaham |
dvaitādvaitavihīno'smi dvandvahīno'smi so'smyaham || 4 ||

bhāvābhāvavihīno'smi bhāsāhīno'smi bhāsmyaham |
śūnyāśūnyaprabhāvo'smi śobhanāśobhano'smyaham || 5 ||

tulyātulyavihīno'smi nityaḥ śuddhaḥ sadāśivaḥ |
sarvāsarvavihīno'smi sāttviko'smi sadāsmyaham || 6 ||

ekasaṅkhyāvihīno'smi dvisaṅkhyāvāhanaṃ na ca |
sadasadbhedahīno'smi saṅkalparahito'smyaham || 7 ||

nānātmabhedahīno'smi hyakhaṇḍānandavigrahaḥ |
nāhamasmi na cānyo'smi dehādirahito'smyaham || 8 ||

āśrayāśrayahīno'smi ādhārarahito'smyaham |
bandhamokṣādihīno'smi śuddhabrahmāsmi so'smyaham || 9 ||

cittādisarvahīno'smi paramo'smi parātparaḥ |
sadā vicārarūpo'smi nirvicāro'smi so'smyaham || 10 ||

akārokārarūpo'smi makāro'smi sanātanaḥ |
dhātṛdhyānavihīno'smi dhyeyahīno'smi so'smyaham || 11 ||

sarvapūrṇasvarūpo'smi saccidānandalakṣaṇaḥ |
sarvatīrthasvarūpo'smi paramātmāsmyahaṃ śivaḥ || 12 ||

lakṣyālakṣyavihīno'smi layahīnaraso'smyaham |
mātṛmānavihīno'smi meyahīnaḥ śivo'smyaham || 13 ||

na jagatsarvadraṣṭāsmi netrādirahito'smyaham |
pravṛddho'smi prabuddho'smi prasanno'smi paro'smyaham || 14 ||

sarvendriyavihīno'smi sarvakarmakṛdapyaham |
sarvavedāntatṛpto'smi sarvadā sulabho'smyaham || 15 ||

muditāmuditākhyo'smi sarvamaunaphalo'smyaham |
nityacinmātrarūpo'smi sadā saccinmayo'smyaham || 16 ||

yatkiñcidapi hīno'smi svalpamapyati nāsmyaham |
hṛdayagranthihīno'smi hṛdayāmbhojamadhyagaḥ || 17 ||

ṣaḍvikāravihīno'smi ṣaṭkoṣarahito'smyaham |
ariṣaḍvargamukto'smi antarādantaro'smyaham || 18 ||

deśakālavimukto'smi digambarasukho'smyaham |
nāsti nāsti vimukto'smi nakārahito'smyaham || 19 ||

akhaṇḍākāśarūpo'smi hyakhaṇḍākāramasmyaham |
prapañcamuktacitto'smi prapañcarahito'smyaham || 20 ||

sarvaprakāśarūpo'smi cinmātrajyotirasmyaham |
kālatrayavimukto'smi kāmādirahito'smyaham || 21 ||

kāyikādivimukto'smi nirguṇaḥ kevalo'smyaham |
muktihīno'smi mukto'smi mokṣahīno'smyaham sadā || 22 ||

satyāsatyādihīno'smi sanmātrānnāsmyahaṃ sadā |
gantavyadeśahīno'smi gamanādivivarjitaḥ || 23 ||

sarvadā samarūpo'smi śānto'smi puruṣottamaḥ |
evaṃ svānubhavo yasya so'hamasmi na saṃśayaḥ || 24 ||

yaḥ śṛṇoti sakṛdvāpi brahmaiva bhavati svayamityupaniṣat ||

iti tṛtīyo'dhyāyaḥ || 3 ||

oṃ āpyāyantu mamāṅgāni vākprāṇaścakṣuḥ śrotramatho balamindriyāṇi ca |
sarvāṇi sarvaṃ brahmopaniṣadaṃ māhaṃ brahma nirākuryāṃ mā mā brahma nirākarodanirākaraṇamastvanirākaraṇaṃ me'stu tadātmani nirate ya upaniṣatsu dharmāste mayi santu te mayi santu ||

oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||

iti maitreyyupaniṣatsamāptā ||

Vollständige deutsche Übersetzung

Vorangestellter Merkvers

Ich meditiere über Brahman, das alleinige Selbst, durch eigene Erfahrung verwirklicht: jenen Zustand, den die Weisen durch Offenbarung und Unterweisung des Lehrers erreichten.

Shanti-Mantra

Om. Mögen meine Glieder erstarken: Rede, Lebenshauch, Auge und Ohr, dazu Kraft und sämtliche Sinne. Alles ist das Brahman der Upanishaden. Möge ich Brahman nicht zurückweisen; möge Brahman mich nicht zurückweisen. Möge es kein Zurückweisen geben; möge für mich kein Zurückweisen sein. Die in den Upanishaden gelehrten Eigenschaften mögen in mir, der ich mich diesem Selbst zuwende, sein. Mögen sie in mir sein.

Friedensruf

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

1.1. Brihadratha sucht Erkenntnis

König Brihadratha setzte seinen ältesten Sohn als Herrscher ein. Er erkannte die Vergänglichkeit des Körpers, wurde leidenschaftslos und zog in den Wald. Dort übte er strenge Askese, hielt die Arme erhoben und blickte zur Sonne. Nach tausend Tagen kam der Selbstkenner Shakayanya, wie ein rauchloses Feuer strahlend, und sprach: „Steh auf, wähle einen Wunsch!“ Der König verneigte sich: „Ich kenne das Selbst nicht; von dir hören wir, dass du die Wahrheit kennst. Unterweise uns.“ Shakayanya erwiderte zunächst: „Diese Frage ist schwer; frage nicht danach, Ikshvaku-Sohn, wähle andere Wünsche.“ Der König berührte seine Füße und sprach:

1.2. Die Vergänglichkeit der Welt

„Was nützen andere Wünsche? Ozeane trocknen aus, Gipfel stürzen, der Polarstern bewegt sich, Bäume werden entwurzelt, die Erde versinkt und Götter verlieren ihren Platz. Was soll ich in einer solchen Welt mit Genuss, der den an ihm Haftenden immer wieder zurückkehren lässt? Hebe mich heraus! Wie ein Frosch in einem dunklen Brunnen bin ich in diesem Samsara. Ehrwürdiger, du bist unsere Zuflucht.“ Einzelne Wörter der Aufzählung sind beschädigt.

1.3. Die Abhängigkeit des Körpers

„Ehrwürdiger, dieser Körper entsteht aus geschlechtlicher Vereinigung, ist für sich ohne Bewusstsein und tritt durch die mit Ausscheidung verbundene Geburtsöffnung hervor. Aus Knochen gebaut, mit Fleisch bestrichen und von Haut umhüllt, ist er mit Kot, Urin, Wind, Galle, Schleim, Mark, Fett, Talg und vielen anderen Unreinheiten gefüllt. Für mich, der in einem solchen Körper lebt, bist du die Zuflucht.“

1.4. Beginn der Unterweisung

Erfreut sprach Shakayanya zum König: „Großer König Brihadratha, du Zierde des Ikshvaku-Geschlechts, du bist zur Selbsterkenntnis bereit und hast erfüllt, was zu tun war.“ Die folgende Namenswendung mit Marut ist unklar. Darauf wird die Frage nach dem ehrwürdigen Selbst aufgenommen, und er lehrt:

1.4.1. Sinnesobjekte und das höchste Ziel

Gegenstände aus Klang, Berührung und Ähnlichem werden zu Unheil: Der an ihnen haftende verkörperte Mensch erinnert sich nicht an das höchste Ziel.

1.4.2. Der Weg nach innen

Durch Askese gewinnt man Reinheit, durch Reinheit einen gesammelten Geist und durch diesen das Selbst. Mit dem Erlangen des Selbst endet die Rückkehr in Bindung.

1.4.3. Feuer ohne Brennstoff

Wie Feuer ohne Brennstoff in seinem Ursprung still wird, so kommt der Geist durch das Erlöschen seiner Regungen in seinem Ursprung zur Ruhe.

1.4.4. Wahrheit und karmische Verstrickung

Der im Ursprung beruhigte Geist geht zur Wahrheit. Wer hingegen von Sinnesgegenständen verwirrt ist, folgt den unwahren, vom Karma bestimmten Bewegungen. Die beiden Halbverse sind syntaktisch nur locker verbunden.

1.4.5. Reinigung des Geistes

Der Geist selbst ist Samsara; deshalb reinige man ihn sorgfältig. Wie der Geist beschaffen ist, so wird der Mensch. Dies ist das ewige Geheimnis.

1.4.6. Unvergängliches Glück

Durch die Klarheit des Geistes hebt man gutes und schlechtes Karma auf. Klar geworden und im Selbst ruhend, genießt man unvergängliches Glück.

1.4.7. Aufmerksamkeit für Brahman

Wäre der Geist so fest auf Brahman gerichtet wie auf Sinnesgegenstände, wer würde dann nicht von Bindung frei?

1.4.8. Der Herr im Herzen

In der Mitte des Herzenslotus meditiere man über den höchsten Herrn, den Zeugen der Bewegungen des Intellekts und Gegenstand höchster Liebe.

1.4.9. Reines Selbstleuchten

Er liegt jenseits von Geist und Sprache, hat allen Aufruhr abgeschüttelt, leuchtet allein als reines Sein und übersteigt jede Vorstellung.

1.4.10. Jenseits des Ergreifens

Er ist weder abzulegen noch zu erwerben, ohne allgemeine oder besondere Bestimmung, beständig, still und tief. Weder Licht noch Dunkelheit begrenzen ihn; er ist frei von Vorstellungen und bloßem Schein, Bewusstsein in Gestalt vollkommenen Friedens.

1.4.11. Das bin ich

Ewig, rein, seinem Wesen nach erwacht und frei, wahr, fein, allgegenwärtig und ohne Zweites: Jener höchste Ozean der Glückseligkeit bin ich, das innerste Prinzip. Daran besteht kein Zweifel.

1.4.12. Unberührt vom Weltspiel

Ich ruhe in meiner eigenen inneren Glückseligkeit, weise die Dämonin des Hoffens zurück und schaue die Welt als Zauberspiel. Wie könnte Unglück in mich, den Ungebundenen, eindringen?

1.4.13. Jenseits sozialer Identität

Wer sich verblendet allein an Stand und Lebensordnung bindet, erntet die Früchte seiner Handlungen. Menschen, die solche Identifikationen aufgeben, werden in der Glückseligkeit des eigenen Selbst zufrieden.

1.4.14. Im Unendlichen wohnen

Die Ordnung von Ständen und Lebensstadien ist gegliedert, hat Anfang und Ende und ist voller Mühe. Frei von Identifikation mit Söhnen und Körpern verweile man im unendlichen höchsten Glück.

Kapitelbeginn

Hier endet das erste Kapitel.

Einleitung zu Kapitel 2

Der ehrwürdige Maitreya ging zum Kailasa. Dort bat er: „Ehrwürdiger, erkläre mir das Geheimnis der höchsten Wirklichkeit.“

Mahadevas Antwort

Mahadeva sprach:

2.1. Der Körper als Tempel

Der Körper heißt Tempel; der Jiva ist Shiva allein. Man lege die verwelkten Opferblumen der Unwissenheit ab und verehre ihn im Bewusstsein: „Er bin ich.“

2.2. Die innere Bedeutung der Praxis

Nichtverschiedenheit schauen ist Erkenntnis; ein von Gegenständen freier Geist ist Meditation. Das Ablegen geistiger Unreinheit ist das Bad, Sinnesbeherrschung die Reinheit.

2.3. Das Leben aus Brahman

Man trinke den Nektar Brahmans und sammle Almosen zum Erhalt des Körpers. Als innerlich Einsamer wohne man in der Einsamkeit ohne Zweiheit. Wer weise so lebt, erlangt Befreiung.

2.4. Geburt und Tod des Körpers

Dieser geborene und sterbliche Körper besteht aus den Ausscheidungen der Eltern, ist ein unreiner Sitz von Freude und Leid. Nach seiner Berührung wird ein Bad vorgeschrieben.

2.5. Zusammengesetztheit

Aus Geweben verbunden, von Krankheit bedroht, Ort der Verfehlung, unbeständig und in veränderliche Formen entfaltet – nach Berührung dieses Körpers wird ein Bad vorgeschrieben.

2.6. Die neun Öffnungen

Aus neun Öffnungen sondert der Körper beständig und seiner Natur nach Unreinheit ab. Übelriechend und mit Unrat behaftet – nach seiner Berührung wird ein Bad vorgeschrieben.

2.7. Rituelle Unreinheit

Mit der rituellen Unreinheit der Mutter verbunden, wird er in Geburtsunreinheit geboren. Geburt und Tod bringen solche Unreinheit mit sich; nach Berührung des Körpers wird ein Bad vorgeschrieben.

2.8. Wahre Reinheit

Die Befreiung von „Ich“ und „Mein“ – sinnbildlich Schmutz und Geruch von Kot und Urin – heißt wahre Reinheit. Waschen mit Erde und Wasser ist nur die äußere Reinigung.

2.9. Wissen und Loslösung als Waschmittel

Reinheit läutert den Geist und zerstört die drei Arten von Prägungen. Sie heißt Reinigung, weil mit der Erde der Erkenntnis und dem Wasser der Leidenschaftslosigkeit gewaschen wird.

2.10. Die innere Nahrung

Die Betrachtung der Nicht-Zweiheit ist die Almosenspeise; die Vorstellung von Zweiheit ist unverträglich. Nach der Unterweisung von Guru und Schrift ist diese Nahrung dem Entsagenden bestimmt.

2.11. Abstand zur früheren Bindung

Nach der Entsagung verlasse der Wissende aus eigenem Entschluss seine Heimat und wohne weit entfernt wie ein Dieb, der aus dem Gefängnis entkommen ist.

2.12. Die sinnbildliche Familie aufgeben

Sobald man den Sohn Ich-Anmaßung, den Bruder Reichtum, das Haus Verblendung und die Frau Hoffnung aufgibt, ist man frei, ohne Zweifel.

2.13. Tod der Verblendung, Geburt der Erkenntnis

„Die Mutter Verblendung ist gestorben, der Sohn Erkenntnis geboren. Da beide Zeiten ritueller Unreinheit zugleich eingetreten sind, wie könnten wir Sandhya-Riten vollziehen?“ Der Vers spielt mit Ritualbegriffen.

2.14. Die Sonne des Bewusstseins

„Im Herzensraum leuchtet stets die Sonne des Bewusstseins. Sie geht weder unter noch auf. Wie sollten wir dann einen Tagesübergang verehren?“

2.15. Wahre Einsamkeit

Was durch das Wort des Gurus als das Eine ohne Zweites gewiss geworden ist, heißt Einsamkeit – weder Kloster noch entlegener Wald sind ihr eigentlicher Sinn.

2.16. Gewissheit

Befreiung ist für die von Zweifeln Beherrschten nicht erreichbar, solange ihr Geist von Zweifel beherrscht wird, selbst über viele Geburten. Wer frei von Zweifel ist, findet sie; darum erlange man Vertrauen.

2.17. Das Wesen der Entsagung

Weder das bloße Aufgeben von Handlungen noch das Aussprechen der Entsagungsformel macht Sannyasa aus. Die Einheit von Jiva und Atman in ihrer Zusammenkunft heißt Entsagung.

2.18. Reife zum Verzicht

Wer alle Wunschziele wie schon erbrochene Nahrung betrachtet und die Identifikation mit dem Körper aufgegeben hat, ist zur Entsagung geeignet.

2.19. Der richtige Zeitpunkt

Sobald im Geist Leidenschaftslosigkeit gegenüber allen Dingen entstanden ist, soll der Wissende entsagen; andernfalls droht ein Abfall vom Weg.

2.20. Ungeeignete Motive

Wer wegen Geld, Nahrung, Kleidung oder Ansehen entsagt, verliert beide Lebensmöglichkeiten und ist zur Befreiung nicht geeignet.

2.21. Eine asketische Rangordnung der Übungen

Die Betrachtung der Wirklichkeit gilt hier als höchste Übung, Schriftstudium als mittlere, Mantrabetrachtung als niedrigere und bloßes Umherziehen zu Pilgerstätten als niedrigste.

2.22. Erkenntnis muss erfahren werden

Ohne eigene Erfahrung freut sich der Verblendete vergeblich über Brahman – wie jemand, der die Frucht genießen will, die nur im Spiegelbild eines Astes erscheint.

2.23. Eine neue innere Familie

Der freie Entsagende soll seine neue Familie nicht verlassen: das maßvolle Almosensammeln als Mutter, Leidenschaftslosigkeit als Vater, Vertrauen als Gefährtin und Erkenntnis als Kind.

2.24. Der Vorrang der Selbsterkenntnis

Wer reich an Geld, Jahren oder Gelehrsamkeit ist, dient doch dem an Erkenntnis Gereiften als Schüler und Helfer.

2.25. Gelehrsamkeit ohne Selbstkenntnis

Von Maya verwirrt, haben selbst Gelehrte mich, das erfüllte Selbst, nicht gefunden. Wie Krähen ziehen sie umher, allein um den hungrigen Bauch zu füllen.

2.26. Verehrung im Herzen

Die Verehrung von Bildern aus Stein, Metall, Edelstein oder Lehm bringt dem Befreiungssucher nach diesem Text weitere Geburt und Erfahrung. Deshalb verehre der Entsagende im eigenen Herzen und überschreite die äußere Verehrung, um nicht wiedergeboren zu werden.

2.27. Fülle und Leere

Innen voll und außen voll wie ein gefüllter Krug im Meer; innen leer und außen leer wie ein leerer Krug im Raum.

2.28. Jenseits von Subjekt und Objekt

Werde nicht zu einem ergriffenen Gegenstand und nicht zum Ergreifenden. Lass alle Vorstellungen los und sei ganz das, was übrig bleibt.

2.29. Reines Schauen

Lass Sehenden, Sehen und Gesehenes samt ihren Prägungen los. Verehre allein das Selbst, das erste Aufleuchten aller Wahrnehmung.

2.30. Im eigenen Wesen ruhen

Wenn alle Vorstellungen völlig still sind und man fest wie ein Stein ruht, frei von gewöhnlichem Wachen und Schlaf, ist dies das höchste Ruhen im eigenen Wesen.

Kapitelabschluss

Hier endet das zweite Kapitel.

3.1. Ich bin Brahman

Ich bin; ich bin das Höchste. Ich bin Brahman, ich bin der Ursprung. Ich bin Lehrer aller Welten, in allen Welten bin ich. Ich bin jener.

3.2. Rein und vollkommen

Ich allein bin. Ich bin vollkommen, rein und höchst. Ich bin Soma, ewig und makellos.

3.3. Bewusstsein und Gleichheit

Ich bin Erkenntnis, das Ausgezeichnete, Soma und das Ganze. Ich bin heilvoll, ohne Trauer, Bewusstsein und Gleichheit.

3.4. Jenseits der Gegensätze

Ich bin frei von Ehre und Schmach, ohne Eigenschaften, Shiva. Ich bin jenseits von Zweiheit und Nicht-Zweiheit, frei von Gegensatzpaaren. Jener bin ich.

3.5. Jenseits von Sein und Nichtsein

Ich bin frei von Sein und Nichtsein als Bestimmungen; ohne geliehenes Licht leuchte ich. Ich bin der Ursprung von Leere und Nicht-Leere und umfasse Schönes und Unschönes.

3.6. Das ewig Heilvolle

Ich bin jenseits von Gleichheit und Ungleichheit, ewig, rein, Sadashiva. Frei von „alles“ und „nicht alles“, bin ich lichtvoll und stets gegenwärtig.

3.7. Jenseits der Zahl

Ich bin nicht auf die Zahl eins begrenzt und trage auch nicht die Zahl zwei. Ich bin frei von der Unterscheidung zwischen Sein und Nichtsein und ohne gedanklichen Entwurf.

3.8. Ungeteilte Glückseligkeit

Ich bin frei von der Verschiedenheit vieler Selbste und von der Gestalt ungeteilter Glückseligkeit. Weder bin ich dieses begrenzte Ich noch ein Anderes; ich bin frei von Körper und Weiterem.

3.9. Ohne Stütze

Ich bin frei von Stütze und Gestütztem, ohne Grundlage, jenseits von Bindung und Befreiung. Ich bin reines Brahman; jener bin ich.

3.10. Jenseits des Denkens

Ich bin frei von Geist und allem Übrigen, das Höchste über dem Höchsten. Stets bin ich Erforschung und zugleich ohne Erforschung. Jener bin ich.

3.11. Die Silben des Om

Ich bin A und U und der ewige M-Laut. Ich bin frei von dem Tragenden beziehungsweise Meditierenden, von Meditation und Meditationsgegenstand. Jener bin ich.

3.12. Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit

Ich bin die alles erfüllende Wirklichkeit, gekennzeichnet durch Sein, Bewusstsein und Glückseligkeit. Ich bin das Wesen aller Pilgerstätten, das höchste Selbst, Shiva.

3.13. Jenseits des Erkennens als Beziehung

Ich bin frei von Bestimmbarem und Unbestimmbarem, unvergängliche Essenz. Ich bin frei vom Messenden, Messen und Gemessenen: Shiva.

3.14. Das erwachte Sehen

Ich bin nicht die Welt; ich bin der Seher von allem, frei von Augen und anderen Organen. Ich bin unbegrenzt entfaltet, erwacht, klar und höchst.

3.15. Ohne Sinne, Ursprung der Handlungen

Ich bin frei von allen Sinnen und doch Vollbringer aller Handlungen. Durch alle Vedanta-Lehren bin ich erfüllt und jederzeit leicht zugänglich.

3.16. Die Frucht des Schweigens

Ich umfasse die Bezeichnungen freudig und nicht freudig; ich bin die Frucht allen Schweigens. Mein Wesen ist ewiges reines Bewusstsein, stets Sein und Bewusstsein.

3.17. Der gelöste Herzensknoten

Ich bin von jedem begrenzten Etwas frei; nicht einmal das Geringste begrenzt mich. Frei vom Knoten des Herzens ruhe ich mitten im Herzenslotus. Der Ausdruck „svalpamapyati“ ist elektronisch gestört.

3.18. Das Innerste

Ich bin frei von den sechs Veränderungen, den sechs Hüllen und den sechs inneren Feinden. Ich bin innerlicher als das Innerste.

3.19. Raum und Zeit überschritten

Ich bin frei von Raum und Zeit, glücklich im Gewand des Himmels. Frei von „Es ist nicht, es ist nicht“, bin ich ohne Verneinung.

3.20. Ungeteiltheit

Ich bin von der Natur ungeteilten Raumes, ungeteilte Gestalt. Mein Bewusstsein ist frei von der Erscheinungswelt; ich bin ohne ihre Begrenzung.

3.21. Das Licht des Bewusstseins

Ich bin das Licht aller Erscheinungen, reines Bewusstseinslicht, frei von den drei Zeiten und von Begehren und Ähnlichem.

3.22. Frei auch vom Begriff Befreiung

Ich bin frei vom Körperlichen und Weiterem, eigenschaftslos und allein. Ich bin frei, ohne dass mir Befreiung zukommen müsste; stets bin ich jenseits des Begriffs Moksha.

3.23. Ohne Weg und Zielort

Ich bin jenseits von wahr und unwahr. Die folgende Wendung über reines Sein ist beschädigt; ihrem Zusammenhang nach unterscheidet sich das Selbst nicht vom reinen Sein. Ich habe keinen Ort zu erreichen und bin frei vom Gehen und anderen Veränderungen.

3.24. Eigene Erfahrung

Ich bin stets gleich, friedvoll, der höchste Purusha. Wer dies aus eigener Erfahrung weiß: Der bin ich, ohne Zweifel.

Schlussverheißung

Wer dies auch nur einmal hört, wird nach der Verheißung selbst Brahman. So lautet die Upanishad.

Kapitelabschluss

Hier endet das dritte Kapitel.

Shanti-Mantra

Om. Mögen meine Glieder erstarken: Rede, Lebenshauch, Auge und Ohr, dazu Kraft und sämtliche Sinne. Alles ist das Brahman der Upanishaden. Möge ich Brahman nicht zurückweisen; möge Brahman mich nicht zurückweisen. Möge es kein Zurückweisen geben; möge für mich kein Zurückweisen sein. Die in den Upanishaden gelehrten Eigenschaften mögen in mir, der ich mich diesem Selbst zuwende, sein. Mögen sie in mir sein.

Friedensruf

Om. Frieden, Frieden, Frieden.

Schlussvermerk

Hier endet die Maitreya Upanishad.

Anregungen für die spirituelle Praxis

  • Betrachte Vergänglichkeit als Anstoß zu klaren Prioritäten.
  • Beobachte, wie Anhaftung und Ruhe die Wahrnehmung des Geistes verändern.
  • Prüfe religiöse Selbstdarstellung an innerer Wahrhaftigkeit.
  • Vertiefe täglich einen Erkenntnisvers, ohne mehrere Verse gedanklich zu überspringen.

Quellen und Textgrundlage

Siehe auch

Weblinks

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